So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung für die Emigrantenladung abgelegt hatte.»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger Reisegefährte mit weinerlicher Stimme.»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.«»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der Heimat fort,« schluchzte er.Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war noch nie von Hause fort gewesen.Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen Inseln, grobknochige Schweden, — Bettler und arme Leute, bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, — Frauen, junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren schon früher drüben?«»Ja!«Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips. Er hatte Ohrlöcher in den Ohren.»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste auf der Erde!« — Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.»Weshalb verlassen Sie es denn?«Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke,KristenNyke. Dann war er in eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an dieÖffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?«Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche Begeisterung:»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen denTieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich, von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern, andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort, über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,«sagte er. »Vor der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.Vier junge Damen in flottgeschürztenKarl-Johann-Toiletten und blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien vorüber.Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord, starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht vergnügliches Leben an Bord.Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche Handwerker«, sagte Herr Nyke, siehatten einen gemeinsamen Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein; der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine drollige Männchen nureinVergnügen hier im Leben zu kennen: nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen »Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College gedacht.Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig, daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, — jetzt, so lange er noch ohne andere Hilfe gehenkonnte.Freie und ledige Leute konnten die Schlachtja wagen, er aber hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde herumgetrieben und dasGetöseunten sich ein wenig gelegt hatte, ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebtfürdas,wovoner lebt! Auch nichteinGesicht verriet Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit, Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, — überall glänzte dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ.Viele aber langten mit herzerfreuendemAppetit zu. Die Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost zu ihrem Brot zu schwelgen.Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte.Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen. Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht wieder abgebenwollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich. Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer — bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hierwaren es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten.Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!«Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die Sache.Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag in unserer Koje sein sollten, und sobaldder Zeitpunkt gekommen war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck — in ein besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar, das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch ausbitten!Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.Wir dampften in die Nordsee hinein.In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar Briefe geschrieben,eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten schon Stiefel an.Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich schlief wieder ein.Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden, die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu sehen.Was gab es denn nur?Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer gefunden, und deswegen war erjetzt auf dem Wege zum Kapitän, um sich zu beklagen.Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich auf Deck.Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen, denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die See wurde immer unruhiger.Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wutdes Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache nachzudenken.»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,« sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«Nyke senkte sinnend das Haupt.»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon daran gedacht. DieÖffnungin dem Eimer des Stewarts war wirklich zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das wäre zu dumm gewesen —« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte.Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse hatten die dienstbaren Geistergenug mit dem Reinigen zu thun. Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang. Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, — ich war nicht imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen. Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als ich alle meine wichtigenNotizen verloren hatte, erklärte er, er empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm glauben.Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund, einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen begleitet hatte — und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten; sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann. Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines, schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmalgeriet sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen, die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht möglich ist, sie zu wiederholen — —Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen, glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten besten Platz und lallte weiter.Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern. Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. — Er litt unter dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den Finger gebissen, das infame Frauensmensch! —« Und er zeigte mir einen blutenden Finger.Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich nachihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert. Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern:Also jetzt! — In Gottes Namen!Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken — der atlantische Ozean — denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß darüber gar nichts zu denken sei, — das sei ein Gedanke für Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie schief, so stürbe man.»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte der Kaufmann.»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.«Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen. Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt,die durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den Nägeln.Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu können. Ein paar kleine Kinder dagegenwaren ganz teilnahmslos für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang entstand, — »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein verunreinige außerdem das Gesicht — war dies da nicht ein guter Gedanke von ihm, — ein Boulevard unter Dach und Fach?Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem gewöhnlichen Platz vermißte,und mit grober Hand riß er Herrn Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in Trümmer.Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel, der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument, dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte.Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen,er sagte, es sei unnatürlich zustehen, wenn man sterben solle. Und er stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals wieder an Land käme, — was wohl sehr unwahrscheinlich sei, — so wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit ernster.Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher auf den Beinen, und er war sehr blaß.»Ist Ihnen nicht wohl?«»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch, außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht einen elend.«Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und schloß die Augen.»Doch nicht Ihr >Fall« fragt der Kaufmann und sieht ihm lächelnd ins Gesicht.Aber das hätte der Kaufmann lieber nichtthun sollen, Herrn Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte seine Unvorsichtigkeit bezahlen.Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich.Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett.Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack oder einer Kiste elendiglich wieder ein.Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. DieLaternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das Schiff leck ist?«Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das Schiff geborsten sei.Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht, murmelte er.Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege zugehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden, daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern. Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell wurde unddie Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« — Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß, vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen. Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde besinnen.Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser, seinen Spott mit demSeminaristen zu treiben, der so bange war. Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! — Nyke aber schwur mit dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. — — —Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert wurde.Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur eine Kleinigkeit,«sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. — Nein, aber die Seekrankheit, — die Seekrankheit!«Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!«Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte er:»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen Gedanken!«Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte, daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. — —Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten, zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit genesene Patienten besitzen.Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise unsere Begleiter gewesen, — ein Ausnahmewetter im August für den Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimenteverbaten. Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern. Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf der wir uns befinden.Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst. Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Scharum sich versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen.Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher, und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen.Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich, gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren, wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften, von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiereunsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger, einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleineSumme in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.Ein ErzschelmLieberLeser! — Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:»Störe ich auch?«Da fing er an:»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. — »Ich sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit einer Handbewegung auf die Gräber.Wir waren auf dem Krist-Friedhof.Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen gekommen,der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen Kastanienbäumen.Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann, breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit, nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn, wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«.»Sie sind fremd hier?«»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und französische Zeitungen hervor.»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so wenig ausgerichtet.«»Wie meinen Sie das?«»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.Er fuhr fort:»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!«»Eine fromme Zwecklosigkeit!«Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen, errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den Grefsenbergen, — ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. — — Ja, nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine Blumen, die rings umherauf den Sandhügeln liegen und welken. Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!«Ein Socialist! dachte ich, — ein reisender Handwerksbursche, der im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt hat, — nach dem Kapital.»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er.»Ja!«Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank, blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock, krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, — vielleicht Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt, und das von der Sonne getrocknet ist.»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern, nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.«Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.»Nun?« fragte er.»Nun?«»Haben Sie nichts bemerkt?«»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes Handwerk einzuimpfen.« —»Aber weshalb denn nur?«»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für die Lebenden, die davon leben sollen.«Ein armer, verirrter Freigeist also! dachteich bei mir; wo steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu langweilen.»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht, sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos: haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens, aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«»Blumen.«»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlichempfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt, sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien die Einwendung bereits früher gehört zu haben.»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden, wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern, Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden vonden Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit, ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das Leben!«Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin ich auch heutigen Tages noch.»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen, schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu so etwas hat, wird er Gourmand.«Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.Er fuhr fort:»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung, und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, — beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege. Sie können denRaub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist, und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie können schweigen. — — Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn ich habe die ganze Nacht gewacht.«»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine Arbeit.«Ich erhob mich, um zu gehen.Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, — ich glaube, auf dieser selben Bank — geschah etwas, was ich nicht vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die Inschrift einmeißelte,hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das hier in der Nähe stand, — es ist jetzt, glaube ich, weg — schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen sei.Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen?»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging weiter.Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam.»Nun? haben Sie sie gefunden?«»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine Mädchen war sicher nochauf dem Friedhof, und jetzt mußte endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja, nette Kinder! das mußte man sagen!Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.»Wo ist das bestohlene Grab?«»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie nirgends mehr.»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist schändlich!«Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben war.Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?« fragte ich.Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.«Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas Grab gestohlen hat?Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!«Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben wir die Diebin!«»Wie?«»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«Da mußte ich lächeln.»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie heißt Elina, ich kenne sie.«Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigungvorbringen.Jetztbitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden Schwestern langegekannt;wir hatten eine ganze Zeit in demselben elendenHinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte Person, die selten zu Hause war, und den Vater — sie hatten, glaube ich, jede ihren eigenen — hatten sie nie gekannt. Diese beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel dasÜbergewicht, sie war auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten überhörte, ehe sie zur Schulegingen. Hanna war ein verwachsenes, ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber.Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar meine eigenen zwei, drei wieder.Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus, sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und nahm das Kind mit sich.Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte, sie sagte plötzlich:»Nein, wo soll ich denn hin?«Der Totengräber antwortete:»Auf die Polizeistation!«»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche, wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich, sie habe sie nicht gestohlen.In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß fest, und der dünne Ärmelwurde beinahe ausgerissen. Und dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder, denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und kann Sie zu ihr führen!«Er machte eine Pause.»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denndie Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche sendet vielleicht gar einen Kranz.Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht, schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen hatten? Sie waren warm!Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz genau.Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke fahren. Sie kauften gewiß Blumen.Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne.Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe kaufen.Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina mußteaber acht geben und die Blumen noch am selben Abend abholen, ehe sieverwelkten.«»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte Griechisch als sie nochsoklein war.Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick, ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert, Gott um Verzeihung zu bitten.Da zerbricht etwas in ihr.Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt,von forschenden Augen verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an, die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages, wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab, die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke — — —Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten. Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden war!«»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden bist, Elina!«Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.Als wir hineinkamen, sagte sie:»Spendieren Sie etwas zu trinken?«So war sie.»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes geschwatzt.«Sie lachte schrill.»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder kindisch!«»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich.Da spie sie wütend vor sich hin.Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind sei? Dies mit Hannalag viel zu weit zurück, was für ein Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.»Ja, gern.«Sie steht auf und geht hinaus.Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen, Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt.Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß, sie zündete sich auch eine Cigarette an.»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie.»Wie lange sind Sie hier gewesen?«»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!«Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.»Wo haben Sie das gelernt?«»Im Tivoli.«»Gehen Sie oft dahin?«»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, — und dann bleibt für uns nichts übrig. — Könntest du mir nicht noch etwas Geld geben?«Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich ausgepumpt werden.Der Wein kam.Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an, die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend, und sie trugenabgeschnittenesHaar.Elina stellte mich vor, und sie wußte meinenNamen noch ganz genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen, um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und Jacke und schickte sich an auszugehen.»Wollen Sie gehen?« fragte ich.Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die Thür nach dem Gang und rief:»Gina!«Das war ihre Mutter.Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend. Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen.»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören.»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina.Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen.Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein bezahlen und gehen.«»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser.Ich war ganz betroffen.»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche.Die Mädchen fingen an zu lachen.»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal den Wein bezahlen! Hahaha!«Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir gegeben hat!« — Und triumphierend warf sie Scheine und Silbergeld auf den Tisch. — »Er hat den Wein bezahlt und mich auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen gesehen. Ich kann die Wirtin fürzwei Monate bezahlen, versteht Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu necken. Ihr sollt aber hinaus!«Und die Mädchen mußten hinaus.Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter ihnen abschloß.»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig waren?«»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette Mädchen.«»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin auf den Tisch geworfen hatte.»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und übel. Davon kann ich nicht leben!«»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte ich.Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu machen.»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen mag ich nicht.«»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares Leben anzufangen.«»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden? Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich habe nichts auszustehen. Weißt du was?Laß noch eine Flasche Weinkommen!Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen sollen nichts abhaben — — Gina!« rief sie zur Thür hinaus.Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin, während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da, sieh!« Schließlich fragte sie geradezu:»Bleibst du übernacht hier?«»Nein!« antwortete ich.»Dann gehe ich aus!« sagte sie. — — — — — — — — — — — — —Der Erzähler schwieg.»Nun?« fragte ich.»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde? Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage. Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«
So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung für die Emigrantenladung abgelegt hatte.
»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger Reisegefährte mit weinerlicher Stimme.
»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.«
»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der Heimat fort,« schluchzte er.
Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war noch nie von Hause fort gewesen.
Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen Inseln, grobknochige Schweden, — Bettler und arme Leute, bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, — Frauen, junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.
»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren schon früher drüben?«
»Ja!«
Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips. Er hatte Ohrlöcher in den Ohren.
»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste auf der Erde!« — Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.
»Weshalb verlassen Sie es denn?«
Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke,KristenNyke. Dann war er in eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an dieÖffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«
»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?«
Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche Begeisterung:
»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen denTieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich, von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«
Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern, andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort, über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:
»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,«sagte er. »Vor der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«
Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.
Vier junge Damen in flottgeschürztenKarl-Johann-Toiletten und blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien vorüber.Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord, starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht vergnügliches Leben an Bord.
Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.
In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche Handwerker«, sagte Herr Nyke, siehatten einen gemeinsamen Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein; der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine drollige Männchen nureinVergnügen hier im Leben zu kennen: nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen »Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.
Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.
»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.
Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College gedacht.
Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig, daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, — jetzt, so lange er noch ohne andere Hilfe gehenkonnte.
Freie und ledige Leute konnten die Schlachtja wagen, er aber hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.
Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde herumgetrieben und dasGetöseunten sich ein wenig gelegt hatte, ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebtfürdas,wovoner lebt! Auch nichteinGesicht verriet Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit, Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, — überall glänzte dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ.
Viele aber langten mit herzerfreuendemAppetit zu. Die Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost zu ihrem Brot zu schwelgen.
Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte.
Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen. Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht wieder abgebenwollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.
Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich. Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.
Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer — bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hierwaren es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten.
Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.
»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!«
Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.
Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die Sache.
Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag in unserer Koje sein sollten, und sobaldder Zeitpunkt gekommen war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck — in ein besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar, das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch ausbitten!
Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.
Wir dampften in die Nordsee hinein.
In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar Briefe geschrieben,eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.
Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten schon Stiefel an.
Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich schlief wieder ein.
Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden, die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu sehen.
Was gab es denn nur?
Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer gefunden, und deswegen war erjetzt auf dem Wege zum Kapitän, um sich zu beklagen.
Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich auf Deck.
Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen, denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die See wurde immer unruhiger.
Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?
Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wutdes Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache nachzudenken.
»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,« sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«
Nyke senkte sinnend das Haupt.
»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon daran gedacht. DieÖffnungin dem Eimer des Stewarts war wirklich zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das wäre zu dumm gewesen —« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte.
Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse hatten die dienstbaren Geistergenug mit dem Reinigen zu thun. Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang. Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, — ich war nicht imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen. Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als ich alle meine wichtigenNotizen verloren hatte, erklärte er, er empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm glauben.
Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund, einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen begleitet hatte — und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten; sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann. Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines, schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmalgeriet sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen, die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht möglich ist, sie zu wiederholen — —
Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen, glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten besten Platz und lallte weiter.
Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern. Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.
Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. — Er litt unter dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.
Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den Finger gebissen, das infame Frauensmensch! —« Und er zeigte mir einen blutenden Finger.
Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich nachihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.
Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert. Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.
Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.
Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern:
Also jetzt! — In Gottes Namen!
Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken — der atlantische Ozean — denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß darüber gar nichts zu denken sei, — das sei ein Gedanke für Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie schief, so stürbe man.
»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte der Kaufmann.
»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.«
Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen. Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt,die durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den Nägeln.
Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu können. Ein paar kleine Kinder dagegenwaren ganz teilnahmslos für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.
Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang entstand, — »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein verunreinige außerdem das Gesicht — war dies da nicht ein guter Gedanke von ihm, — ein Boulevard unter Dach und Fach?
Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem gewöhnlichen Platz vermißte,und mit grober Hand riß er Herrn Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in Trümmer.
Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel, der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument, dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte.
Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen,er sagte, es sei unnatürlich zustehen, wenn man sterben solle. Und er stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals wieder an Land käme, — was wohl sehr unwahrscheinlich sei, — so wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit ernster.
Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher auf den Beinen, und er war sehr blaß.
»Ist Ihnen nicht wohl?«
»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch, außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht einen elend.«
Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und schloß die Augen.
»Doch nicht Ihr >Fall« fragt der Kaufmann und sieht ihm lächelnd ins Gesicht.
Aber das hätte der Kaufmann lieber nichtthun sollen, Herrn Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte seine Unvorsichtigkeit bezahlen.
Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich.
Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett.
Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack oder einer Kiste elendiglich wieder ein.
Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. DieLaternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.
»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«
Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:
»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das Schiff leck ist?«
Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das Schiff geborsten sei.
Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht, murmelte er.
Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege zugehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.
In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden, daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern. Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell wurde unddie Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« — Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß, vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen. Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde besinnen.
Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser, seinen Spott mit demSeminaristen zu treiben, der so bange war. Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! — Nyke aber schwur mit dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. — — —
Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert wurde.
Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur eine Kleinigkeit,«sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. — Nein, aber die Seekrankheit, — die Seekrankheit!«
Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:
»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!«
Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte er:
»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen Gedanken!«
Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte, daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. — —
Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten, zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit genesene Patienten besitzen.
Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise unsere Begleiter gewesen, — ein Ausnahmewetter im August für den Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimenteverbaten. Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern. Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf der wir uns befinden.
Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst. Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Scharum sich versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen.
Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher, und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen.
Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich, gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren, wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften, von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.
Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiereunsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger, einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.
Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleineSumme in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.
So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.
LieberLeser! — Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:
»Störe ich auch?«
Da fing er an:
»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. — »Ich sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit einer Handbewegung auf die Gräber.
Wir waren auf dem Krist-Friedhof.
Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen gekommen,der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen Kastanienbäumen.
Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann, breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit, nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn, wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«.
»Sie sind fremd hier?«
»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«
Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und französische Zeitungen hervor.
»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so wenig ausgerichtet.«
»Wie meinen Sie das?«
»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«
Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.
Er fuhr fort:
»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!«
»Eine fromme Zwecklosigkeit!«
Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.
»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen, errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den Grefsenbergen, — ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. — — Ja, nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine Blumen, die rings umherauf den Sandhügeln liegen und welken. Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!«
Ein Socialist! dachte ich, — ein reisender Handwerksbursche, der im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt hat, — nach dem Kapital.
»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er.
»Ja!«
Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank, blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.
Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock, krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, — vielleicht Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt, und das von der Sonne getrocknet ist.
»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern, nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.«
Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.
»Nun?« fragte er.
»Nun?«
»Haben Sie nichts bemerkt?«
»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«
»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes Handwerk einzuimpfen.« —
»Aber weshalb denn nur?«
»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für die Lebenden, die davon leben sollen.«
Ein armer, verirrter Freigeist also! dachteich bei mir; wo steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu langweilen.
»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht, sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos: haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens, aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«
»Blumen.«
»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlichempfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt, sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«
Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:
»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«
Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien die Einwendung bereits früher gehört zu haben.
»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden, wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern, Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden vonden Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit, ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das Leben!«
Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin ich auch heutigen Tages noch.
»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen, schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu so etwas hat, wird er Gourmand.«
Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.
Er fuhr fort:
»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung, und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, — beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege. Sie können denRaub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist, und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie können schweigen. — — Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn ich habe die ganze Nacht gewacht.«
»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine Arbeit.«
Ich erhob mich, um zu gehen.
Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.
»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, — ich glaube, auf dieser selben Bank — geschah etwas, was ich nicht vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die Inschrift einmeißelte,hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das hier in der Nähe stand, — es ist jetzt, glaube ich, weg — schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen sei.
Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen?
»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging weiter.
Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam.
»Nun? haben Sie sie gefunden?«
»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«
Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine Mädchen war sicher nochauf dem Friedhof, und jetzt mußte endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja, nette Kinder! das mußte man sagen!
Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.
»Wo ist das bestohlene Grab?«
»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«
Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie nirgends mehr.
»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist schändlich!«
Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben war.
Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.
»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?« fragte ich.
Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.«
Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:
»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas Grab gestohlen hat?Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!«
Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.
»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben wir die Diebin!«
»Wie?«
»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«
Da mußte ich lächeln.
»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie heißt Elina, ich kenne sie.«
Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigungvorbringen.
Jetztbitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden Schwestern langegekannt;wir hatten eine ganze Zeit in demselben elendenHinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte Person, die selten zu Hause war, und den Vater — sie hatten, glaube ich, jede ihren eigenen — hatten sie nie gekannt. Diese beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel dasÜbergewicht, sie war auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten überhörte, ehe sie zur Schulegingen. Hanna war ein verwachsenes, ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.
»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber.
Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar meine eigenen zwei, drei wieder.
Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus, sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und nahm das Kind mit sich.
Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte, sie sagte plötzlich:
»Nein, wo soll ich denn hin?«
Der Totengräber antwortete:
»Auf die Polizeistation!«
»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.
Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche, wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich, sie habe sie nicht gestohlen.
In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß fest, und der dünne Ärmelwurde beinahe ausgerissen. Und dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.
Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder, denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.
Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und kann Sie zu ihr führen!«
Er machte eine Pause.
»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denndie Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche sendet vielleicht gar einen Kranz.
Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht, schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.
Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen hatten? Sie waren warm!
Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz genau.
Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.
Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.
Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke fahren. Sie kauften gewiß Blumen.
Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne.
Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe kaufen.
Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina mußteaber acht geben und die Blumen noch am selben Abend abholen, ehe sieverwelkten.«
»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«
»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte Griechisch als sie nochsoklein war.
Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick, ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert, Gott um Verzeihung zu bitten.
Da zerbricht etwas in ihr.
Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt,von forschenden Augen verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an, die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages, wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab, die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke — — —
Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten. Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden war!«
»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.
»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden bist, Elina!«
Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.
Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.
Als wir hineinkamen, sagte sie:
»Spendieren Sie etwas zu trinken?«
So war sie.
»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes geschwatzt.«
Sie lachte schrill.
»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder kindisch!«
»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich.
Da spie sie wütend vor sich hin.
Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind sei? Dies mit Hannalag viel zu weit zurück, was für ein Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.
»Ja, gern.«
Sie steht auf und geht hinaus.
Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen, Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt.
Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß, sie zündete sich auch eine Cigarette an.
»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie.
»Wie lange sind Sie hier gewesen?«
»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!«
Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.
»Wo haben Sie das gelernt?«
»Im Tivoli.«
»Gehen Sie oft dahin?«
»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, — und dann bleibt für uns nichts übrig. — Könntest du mir nicht noch etwas Geld geben?«
Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.
Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich ausgepumpt werden.
Der Wein kam.
Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an, die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend, und sie trugenabgeschnittenesHaar.
Elina stellte mich vor, und sie wußte meinenNamen noch ganz genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.
Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen, um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und Jacke und schickte sich an auszugehen.
»Wollen Sie gehen?« fragte ich.
Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die Thür nach dem Gang und rief:
»Gina!«
Das war ihre Mutter.
Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend. Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen.
»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«
Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören.
»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina.
Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen.
Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:
»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein bezahlen und gehen.«
»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser.
Ich war ganz betroffen.
»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche.
Die Mädchen fingen an zu lachen.
»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal den Wein bezahlen! Hahaha!«
Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.
»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir gegeben hat!« — Und triumphierend warf sie Scheine und Silbergeld auf den Tisch. — »Er hat den Wein bezahlt und mich auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen gesehen. Ich kann die Wirtin fürzwei Monate bezahlen, versteht Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu necken. Ihr sollt aber hinaus!«
Und die Mädchen mußten hinaus.
Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter ihnen abschloß.
»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig waren?«
»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette Mädchen.«
»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin auf den Tisch geworfen hatte.
»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«
»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und übel. Davon kann ich nicht leben!«
»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte ich.
Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu machen.
»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen mag ich nicht.«
»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares Leben anzufangen.«
»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden? Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich habe nichts auszustehen. Weißt du was?Laß noch eine Flasche Weinkommen!Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen sollen nichts abhaben — — Gina!« rief sie zur Thür hinaus.
Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin, während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da, sieh!« Schließlich fragte sie geradezu:
»Bleibst du übernacht hier?«
»Nein!« antwortete ich.
»Dann gehe ich aus!« sagte sie. — — — — — — — — — — — — —
Der Erzähler schwieg.
»Nun?« fragte ich.
»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde? Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage. Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«