Haben Guslarenlieder einen geschichtlichen Wert? Ja oder nein? Wenn wir uns über den Begriff Geschichte einigen, werden wir den geschichtlichen Wert solcher Texte hoch veranschlagen. Darauf allein kommt es an, was wir aus der Geschichte schöpfen wollen. Suchen wir grosse Namen, Jahrzahlen, diplomatische Verhandlungen, historisch-politische, statistische und ökonomische Daten, dann können wir Guslarenlieder bei Seite lassen. Wir suchen etwas ganz anderes. Wir suchen nicht einmal nach grammatischen Regeln, unser Ziel und Zweck ist anders geartet. Schonvor mehr denn 70 Jahren würdigteJ. von Hammer-Purgstall1dichterische Quellen von einem höheren, dem unseren verwandten Gesichtpunkte aus, indem er die Worte niederschrieb: »Die Dichterwerke eines Volkes sind nicht bloss für zergliedernde Prosaiker da, welche den Leib des Osiris zerstücken, oder für silbenmessende Prosodiker, welche virgilianisches Los nur in Silben stechen, sie sind nicht bloss als anatomische Leichname dem Skalpell haarspaltender Grammatiker und versespaltender Variantensammler Preis gegeben; die Poesie eines Volkes ist der treueste Spiegel seines Geistes,Gemütes, Genius und Charakters, sie ist die Flamme des heiligen Feuers der Bildung, Gesittung und Religion, welche von dem Altare der Menschheit zum Himmel auflodert.«Diesen geschichtlichen Spiegel suchen wir. Ist er aber auch so, dass er uns echte und zuverlässige Bilder zeigt? Unsere Forschungweise spricht dafür. Zum Überfluss bekräftigt uns in unserer Auffassung ein wahrer, grosser Dichter, dem man in dieser Frage ein berechtigtes Urteil kaum absprechen dürfte. Es ist diesHeinrich Heine: »Die Geschichte wird nicht von den Dichtern verfälscht. Sie geben den Sinn ganz treu, und sei es auch durch selbst erfundene Gestalten und Umstände. Es gibt Völker, denen nur auf diese Dichterart ihre Geschichte überliefert worden, z. B. die Inder. Dennoch geben Gesänge, wie der Mahabharata den Sinn indischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Kompendiumschreiber mit all seinen Jahrzahlen.«2Damit ist auch der Hauptgrund festgestellt, warum wir uns im grossen und ganzen um die Chronologie der pragmatischen Geschichtschreiber wenig zu bekümmern brauchen. Uns ist die historische Persönlichkeit zumeist gleichgültig, wie gewöhnlich auch den grossen Dichtern, wobei man keinen tiefgehenden Unterschied zwischen Volkdichtern und Kunstdichtern zu machen hat. Ich betone dies, weil ich mich mit den BemerkungenEugen Monseurs, in seiner Besprechung3einer meiner Schriften nicht in allem einverstanden erklären kann. Er sagt nämlich:»[ce texte] fait admirablement comprendre, que le point de départ de tout développement épique est la chanson populaire contemporaine des événements. Comme les Kablyles d’aujourd’hui, comme les Grecs du temps passé, les Bosniaques du 17esiecle ont chanté les prouesses des héros au fur et à mesure qu’elles s’accomplissaient. Il y a là une loi du genre. Toute épopée a une base historique; nous connaissons la date de la mort de Roland et si nous ignorons celle de la mort de Patrocle, c’est peut-être simplement parce que l’époque homérique ne nous a laissé ni chronique, ni inscription.«Von den Guslarenliedern hat manches eine historische Grundlage, die Mehrzahl dagegen geht ihrem Kerne nach auf freie Erfindung zurück, die dem literarisch ungebildeten Dichter, nicht minder als dem hochgeschulten Kunstdichter zu eigen ist. Was liegt uns endlich an der Kenntnis des Sterbetages eines Patroklos?! Das nachfolgende Guslarenlied beruht z. B. wohl auf einem geschichtlichen Ereignis, auf der Eroberung Siebenbürgens durch die Türken, doch von dem im Liede gefeierten Haupthelden weiss die Buchgeschichte rein nichts zu sagen, und sogar der Guslar kennt nicht einmal seinen Namen! Džanan (Arab.-türk. džanym, mein Liebster, meine Seele, von Arab. džan, Seele, Atem, Hauch) ist bloss ein Kosewort! Ja, man kann sogar die Schilderung des Heldenstreiches Džanüms für eine Mythe betrachten. Es spricht sehr vieles dafür, dass wir in dieser Episode nur eine Sage in slavisierter Dichtung vor uns haben. Die Persönlichkeit solcher Helden ist meist nicht anders denn als die Verkörperung des Ideals vom Heldentum zu begreifen.Wir wären nicht besser daran, hätte uns der Guslar statt Džanüm irgend einen möglichen und wirklichen Namen geboten. Besagt uns vielleicht ein Michabo der Algonkins, ein Ioskeha der Irokesen, ein Tamoi der Kariben, ein Itzamna der Mayas etwas von geschichtlichem Belang?D. G. Brintonsbezüglich Betrachtung4gilt mutatis mutandis auch für die Helden der Guslarenlieder: »It is not always easy to pronounce upon these heroes, whether they belong to history or mythology, their nationspoetry or its prose. In arriving at a conclusion we must remember that a fiction built on an idea is infinitely more tenacious of life than a story founded on fact. Further, that if a striking similarity in the legends of two such heroes be discovered under circumstances which forbid the thought that one was derived from the other, then both are probably mythical. If this is the case in not two but in half a dozen instances, then the probability amounts to a certainty, and the only task remaining is to explain such narratives on consistent mythological principles.«So ganz unanfechtbar erscheint mir der Grundsatz doch nicht; denn eine lokalisierte Erzählung kann durchaus mythisch sein, während ihr Vorbild ein wirkliches Ereignis war. Das Lied erzählt uns, dass Rákóczys gesamte Heermacht beim Ansturm der unbedeutenden bosnischtürkischen Truppenabteilung vom panischen Schreck ergriffen in heller Flucht zerstiebt und ganz Siebenbürgen kläglich unterlegen sei. Die Berichte zeitgenössischer Chronisten, sowohl christlicher als türkischer wissen dagegen von einem ziemlich hartnäckigen Widerstande der Magyaren und Deutschen zu berichten. Der Schilderung des Guslaren entspräche eher die Mut- und Kopflosigkeit der 20,000 Griechen, die von heilloser Angst befallen nach Larissa und von Larissa samt der unkriegerischen Bevölkerung bei Nacht nach Pharsalos und Volo flüchteten. Nun, einen fast gleichen Fall verzeichnet auch die ältere türkische Geschichte, und wir dürfen in unserem Guslarenliede eine Auffrischung der alten Erzählung annehmen. Als im Jahre 1363 das serbische 20,000 Mann starke Heer zwei Tagereisen von Adrianopel an der Marica lagerte, wagte Hadži Ilbeki mit nur 10,000 Mann Osmanen einen nächtlichen Überfall auf das in Sorglosigkeit und Trunkenheit versunkene feindliche Lager. Das Getöse der türkischen Trommeln und Pfeifen, das Schlachtgeschrei ‘Allah! Allah!’ erfüllte die Luft und die Herzen der Christen mit Schrecken; ihn vermehrte die Finsternis der Nacht: »Die Feinde ergriffen, wie wilde Tiere aus ihrem Nachtlager aufgeschreckt, eiligst die Flucht, strömten gegen die Marica hin, schnell wie der Wind hergeht vor der Glut und sanken unter in der Flut,« berichtet der Geschichtschreiber Saeddin.5Ist man bereit, meine Vermutung als begründet gelten zu lassen, so hätte freilich damitMonseurs‘Gesetz’: ‘toute épopée a une base historique’ einen Beleg mehr für seine Richtigkeit gewonnen.Es geht nicht gut an, ein historisches Guslarenlied, das von Ereignissen handelt, die ausserhalb Ungarns wenig bekannt sind, einem internationalen Leserkreis vorzulegen, ohne zumindest in knappen Umrissen die politischen Zustände und Verhältnisse des Gebietes anzudeuten, auf dem sich die folgenschwere Handlung abgewickelt. Folgenschwer, weilein dazumal durchaus von sächsischen Deutschen bewohntes Land gräulich verwüstet und zum Besiedlunggebiet rumänischer, magyarischer und slavischer Einwandererzüge gemacht ward, so, dass der Fortbestand deutschen Volktums in Siebenbürgen bis auf unsere Tage gefährdet erscheint. Ausführliche Belehrung mag man sich aus der Fachliteratur holen, die den Fall Siebenbürgens unter türkische Herrschaft zum Vorwurf hat.6Georg Rákóczy I. starb am 23. Oktober 1648. Es folgte ihm auf dem Fürstenthrone sein schon vor sechs Jahren zum Nachfolger erwählter Sohn Georg Rákóczy II., den der Sultan bestätigte, als er den rückständigen Tribut gezahlt. Rákóczy war siebenundzwanzig Jahre alt und voll des brennendsten Ehrgeizes, der sich durch Kriege gegen die Walachei und Moldau Luft machte und zuletzt im tollkühnen Kampf gegen Polen ihn und das Land ins Verderben stürzte. Wie an Kriegen nach aussen, so ist seine neunjährige Regierung an innerem Hader reich und das sächsische Leben insbesondere hat Menschenalter lang daran zu leiden gehabt.Am 15. Januar 1653 begann zu Weissenburg auf Betreiben Rákóczys ein Landtag, der nichts anderes zu bezwecken schien, als unter dem Vorwande einer Regelung der Privilegien, die protestantischen Sachsen rechtlos zu machen oder sie wenigstens materiell zu vernichten. Die Abgeordneten der Sachsen wehrten sich ihrer Haut so gut sie konnten. »Geldarm,« sprachen sie, »sind wir durch die teueren Jahre worden und volkarm, wegen der vielen unzähligen Erpressungen, so von Tag zu Tag wachsen, wie auch wegen der Pest, so vor sechs Jahren sehr unter uns gehauset.« Bei einer anderen Gelegenheit sagte Rákóczy (am 11. März 1653) zu den Sachsen, die sich auf ihr Privilegium beriefen: »Und wenn Ihr gleich ein Privilegium hättet, wie diese Stube so gross, so werdet Ihr das nicht erhalten, dass die Artikel, so vorwar gemacht sind, sollten aufgehoben werden.« Schon vier Jahre später entschuldigte sich Rákóczy geradezu, freilich als er in schweren Nöten war und die Sachsen gern für sich gewinnen wollte, dass er jenen Beschlüssen beigestimmt.In leichtsinnigem Ehrgeiz hatte nämlich der Fürst 1653 die Moldau, im folgenden Jahr die Walachei mit Krieg überzogen. Noch übermütiger durch das Glück seiner Waffen, verband er sich mit dem König von Schweden gegen Polen, dessen Krone sein lockendes Ziel war. Wider den Willen der Pforte begann er im Januar 1657 den Krieg; nach sechs Monaten lag fast die Hälfte seiner Truppen auf den Schlachtfeldern und mehr als 20 000 waren in die Gefangenschaft geraten. Sechshundert adelige Frauen, in Trauergewänder gekleidet, traten im August vor den Landtag und forderten ihre Gatten, Väter, Brüder. Auch der Tatarenchan war da mit einem langen Verzeichnis der Gefangenen. Die Stände mussten eine Steuer aufschlagen, wollten sie jene nicht im Elend lassen, zwanzig Gulden auf diePforte, auf jeden ungarischen und walachischen Pfarrer zwei Taler, auf die sächsische Geistlichkeit einen Jahrzins. Es ist daher erklärlich, wie den Fürsten bei seiner Rückkehr der Unwille des Landes empfing.Noch mehr wurde Rákóczys Stellung durch den Zorn des Sultans7gefährdet. Wenige Wochen später schickte er Gesandte nach Siebenbürgen mit einem Schreiben nicht an den Fürsten, sondern an die drei Völker des Landes lautend. Böses ahnend rief sie Rákóczy auf den 25. Oktober 1657 nach Weissenburg zusammen. Da las denn der Landtag den Befehl des Sultans, dass Rákóczy, den er, der Sultan, in Siebenbürgen, dem ihm durch Waffengewalt eigenen Lande, zum Fürsten eingesetzt, dieser Würde verlustig sei, weil er treulos und verräterisch geworden und wider der Pforte Willen ihre Erblande und Polen mit Krieg heimgesucht. Darum solle das Land sofort und ohne Aufschub einen neuen Fürsten wählen, dieweil der Pascha von Ofen bereits im Felde sei, um jeden Abfall und Ungehorsam zu strafen. Die türkischen Abgeordneten, »feine Leute«, setzten hinzu, falls die Wahl nicht sogleich vorgenommen würde, werde der Sultan »das Land zu Asche und Staub machen und den Winden heimbefehlen.«Am 2. November wurdeFranz Rhedeizum Fürsten gewählt.Das Menschenalter, das nach Rákóczys II. erzwungener Abdankung blutig vorüberrauschte, gehört zu den jammervollsten der vaterländischen Geschichte, bemerkt mit RechtTeutsch, der ausgezeichnete Geschichtschreiber Siebenbürgens, dessen Werke wir auch nachstehende treffliche Angaben verdanken; nicht nur, dass es »überreich an Unfällen, voll verderblicher Schlachten, voll Zwiespalt und Aufruhr, selbst im Frieden entsetzlich« — auch zu anderen Zeiten hat den Boden Siebenbürgens das Blut seiner Söhne getränkt und das Recht unter dem Fusstritt der Gewaltgeseufzt: das ist das Erdrückende in jenen Jahrzehnten, dass sie nicht einen wahrhaft grossen Mann besitzen, nicht ein wahrhaft grosser Gedanke in ihnen lebt, dass nur Mittelmässigkeit und Willenlosigkeit darin das Leben erfüllt, und selbst die Keime späterer, besserer Gestaltung der Landzustände ihren Ursprung nicht der schöpferischen Geistkraft jener, die an der Spitze standen, verdanken, sondern der zwingenden Gewalt der Notwendigkeit.Der türkische Einfluss hatte in Siebenbürgen seinen Höhepunkt erreicht. Der Sultan sprach es offen aus, es sei sein Erbland; ebensounverhohlenerklärten die Stände, dass es nächst Gott von der Bewerbung um die Gunst der Türken abhänge.Als die siebenbürgischen Stände nach Franz Rhedeis Wahl den Hof in Konstantinopel baten, er möge Rákóczyn wieder seine Gunst zuwenden, sah das Köprülü für Treulosigkeit an und forderte die Grenzfestung Jenö. Rákóczy ergriff die Gelegenheit mit Freuden, erklärte sich zum Verteidiger des Landes und für den rechtmässigen Fürsten und forderte die Ungarn, Szekler und Sachsen zum Kampf gegen die Türken auf. Rhedei rief hierauf einen Landtag nach Mediasch zusammen; an der Spitze von schnell aufgestandenen Szeklerhaufen kam unerwartet auch Rákóczy hin (25. Januar 1658); »ich will Fürst sein oder hier vergehen und mein Leben lassen«, hatte er hingeschrieben; unter drohender Waffengewalt und täglichen Gelagen, die die Betäubung der Sinne bis in die Landtagversammlungen verlängerten, wurde Rákóczy wieder als Fürst anerkannt. Rhedei kehrte auf seine Güter nach Ungarn zurück. Da entbrannte der Zorn der Pforte, der bisher nur Rákóczyn gegolten, auch über das arme Land. Der Grossvezier brach mit hunderttausend Mann auf und lagerte vor Jenö, der Tatarenchan, der Pascha von Silistria, die Vojvoden der Moldau und Walachei fielen anfangs August mit zahllosen Heerhaufen ins Burzenland ein; der Brand von Zaizon und die Plünderung der Siebendörfer verkündeten ihre Ankunft. Silberne Giesskannen und 1 600 Reichtaler wandten im ersten Augenblick den Zorn der feindlichen Häupter von Kronstadt; nachts darauf kaufte der RichterMichael Hermannmit 20 000 Talern die Stadt von Mord und Brand frei. Tartlau, Honigberg, Petersberg wurden verbrannt. Am 11. August brannten die Tataren am hellen Mittag Neustatt und Weidenbach, tags darauf Zeiden und Rosenau nieder; allerorts wurden die Einwohner gefangen, gebunden, misshandelt; wer durch die Schärfe des Schwertes fiel, konnte noch glücklich gepriesen werden. Bei der steinernen Brücke vor Blumenau war Menschenmarkt; um zehn Taler verkauften sie Ältere, um vier Hufeisen war eines Kindes Leben feil; was nicht aufging, wurde in die Sklaverei geschleppt oder in Stücke gehauen. Über den weiteren Verlauf dieser Plünderungen spricht sichTeutschim gedachten Werke II. 223 ff. aus.Den Hauptschlag gegen Siebenbürgen führten die Türken im September 1659 aus. Kurz vorher hatte der Vezier von Ofen dem Lande geschrieben: »Gott sei eueren Unternehmungen günstig! Wenn Ihr jedoch auf die truglistigen Worte Rákóczys abfällt, so wird keiner von Euch entkommen; samt Weib und Kind werdet Ihr mit eisernen Ketten an die Sklaverei geschmiedet und alle Eure Güter der Plünderung preisgegeben werden, das glaubet mir sicherlich. Ihr wisst, was im vergangenen Jahr in Siebenbürgen geschehen ist und wisst auch, was der strenge Zorn des mächtigen Kaisers und die Schärfe seines glanzvollen Schwertes bedeutet. So lasset Euch durch die Worte der Teufelsöhne nicht zum Abfall bringen und werdet nicht Urheber der Verwüstung Eures Landes. Unser Segen und Gruss sei mit Euch.«Im November 1659 wurde Rákóczy bei Déva von Sari Husein, dem Bruder Ziawušpaschas, dem Sandžak von Erlau, und von Sidi Ahmed, dem Statthalter von Ofen, geschlagen, hatte sich nach Szászváros (Broos) geflüchtet, dreitausendsiebenhundert der Seinigen auf dem Kampfplatze, sechzig Fahnen und sieben Feldstücke in der Sieger Hände gelassen. Im folgenden Frühjahre (16. April 1660) wurde Seid Ali zu Adrianopel feierlich als Serdar wider Siebenbürgen eingekleidet, und nach Belgrad mit der Weisung, dort die weiteren Befehle zu erwarten, gesandt, der Zagardžibaschi und fünfzehn Regimenter Janičaren unter seine Befehle gestellt. Rákóczy hatte auf die Nachricht von Sidi Achmeds Anzuge die Belagerung von Hermannstadt aufgehoben und mit Aufgebot aller Waffenfähigen Klausenburg erreicht, wo er zwischen Kapus und Gyalu lagerte. Am rechten Ufer der Szamos, zwischen Klausenburg und Szamosfalva, kam es zur Schlacht, in welcher Rákóczy geschlagen und schwer verwundet, am achtzehnten Tage darnach auf der Burg von Grosswardein starb. Viertausend von Rákóczys Niederlage eingesandter Köpfe wurden zu Adrianopel von Griechen und Armeniern auf Spiessen im Triumphe einhergetragen, vor die Füsse des Grossveziers geworfen, der darüber ritt, und dann den Hunden zum Frass geboten.Das Lied sang mir am 9. Mai 1885 der GuslarHalil Marićim Dörfchen Ravčići bei Mostar, dem ich auch die erste Fassung des »Fräuleins von Kanizsa« (inAnton HerrmannsEthnolog. Mitt. aus Ungarn B. IV u. V abgedruckt) verdanke. Dort gab ich auch eine Lebenbeschreibung dieses ausgezeichnet tüchtigen Guslaren. Beim Vortrag rast und tobt er, wie ein Besessener. Er sitzt dabei auf flacher Erde, die Guslen zwischen den Beinen, und rutscht allmählich von der Wand bis zur Zimmermitte vor. Er lebt in solcher Verzückung das Lied förmlich seelisch mit durch. Er kann aber auch ohne solche mimische undGesangungeheuerlichkeit vortragen. Ich bestellte ihn später nach Mostar, wo ich im Hotel an einem Tische nach unserer Art bequem sitzend ruhige Rezitationen aus seinem Munde aufnahm. Er passt dabei freilich wie ein Haftelmacher auf, um keine Zeile zu überspringen. Džanüms Heerzug erlernte er noch als Knabe (etwa in den Jahren 1830–35) von einem Guslaren, dessen er sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte. Er wusste nur soviel noch, dass jener ein Frächter (kiridžija) aus dem Nikšićer Džemat (Bezirk) gewesen, der Erwerbes halber mit seinen Pferden Güter aus Sarajevo nach dem Herzogtume zu befördern pflegte. Ich erzählte Halilen von seinem KunstgenossenAlija Cigo(Zigeunerlein), einem slavisierten Tataren in Pazarići, der mir das Lied von Köprülüs Vezierschaft gesungen. Er sagte darauf: ‘Ich kenne ihn und kenne das Lied, aber ich wüsste dir noch ein besseres zu singen.’ Er meinte das vorliegende, das ich sodann aufzeichnete. Wahrscheinlich führt auch Halil Alija Cigos Lied im eigenen Vorrat; denn in beiden Stücken decken sich gewisse Redewendungen und Zeilen derart, dass man ohne bestimmte Kenntnis des Sachverhaltes annehmen müsste, dass beide von ein und demselben Guslaren herrühren. Möglich ist’s, dass sowohl Alija der Tatar als Halil Marić den gleichen Guslaren zum »Lehrer« gehabt.Für Halilen war die Hauptsache in der ganzen Geschichte die aussergewöhnlich grosse Beute und unerhörte Karrière Džanüms. Darnach führt das Lied bei ihm nachfolgenden Titel:
Haben Guslarenlieder einen geschichtlichen Wert? Ja oder nein? Wenn wir uns über den Begriff Geschichte einigen, werden wir den geschichtlichen Wert solcher Texte hoch veranschlagen. Darauf allein kommt es an, was wir aus der Geschichte schöpfen wollen. Suchen wir grosse Namen, Jahrzahlen, diplomatische Verhandlungen, historisch-politische, statistische und ökonomische Daten, dann können wir Guslarenlieder bei Seite lassen. Wir suchen etwas ganz anderes. Wir suchen nicht einmal nach grammatischen Regeln, unser Ziel und Zweck ist anders geartet. Schonvor mehr denn 70 Jahren würdigteJ. von Hammer-Purgstall1dichterische Quellen von einem höheren, dem unseren verwandten Gesichtpunkte aus, indem er die Worte niederschrieb: »Die Dichterwerke eines Volkes sind nicht bloss für zergliedernde Prosaiker da, welche den Leib des Osiris zerstücken, oder für silbenmessende Prosodiker, welche virgilianisches Los nur in Silben stechen, sie sind nicht bloss als anatomische Leichname dem Skalpell haarspaltender Grammatiker und versespaltender Variantensammler Preis gegeben; die Poesie eines Volkes ist der treueste Spiegel seines Geistes,Gemütes, Genius und Charakters, sie ist die Flamme des heiligen Feuers der Bildung, Gesittung und Religion, welche von dem Altare der Menschheit zum Himmel auflodert.«Diesen geschichtlichen Spiegel suchen wir. Ist er aber auch so, dass er uns echte und zuverlässige Bilder zeigt? Unsere Forschungweise spricht dafür. Zum Überfluss bekräftigt uns in unserer Auffassung ein wahrer, grosser Dichter, dem man in dieser Frage ein berechtigtes Urteil kaum absprechen dürfte. Es ist diesHeinrich Heine: »Die Geschichte wird nicht von den Dichtern verfälscht. Sie geben den Sinn ganz treu, und sei es auch durch selbst erfundene Gestalten und Umstände. Es gibt Völker, denen nur auf diese Dichterart ihre Geschichte überliefert worden, z. B. die Inder. Dennoch geben Gesänge, wie der Mahabharata den Sinn indischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Kompendiumschreiber mit all seinen Jahrzahlen.«2Damit ist auch der Hauptgrund festgestellt, warum wir uns im grossen und ganzen um die Chronologie der pragmatischen Geschichtschreiber wenig zu bekümmern brauchen. Uns ist die historische Persönlichkeit zumeist gleichgültig, wie gewöhnlich auch den grossen Dichtern, wobei man keinen tiefgehenden Unterschied zwischen Volkdichtern und Kunstdichtern zu machen hat. Ich betone dies, weil ich mich mit den BemerkungenEugen Monseurs, in seiner Besprechung3einer meiner Schriften nicht in allem einverstanden erklären kann. Er sagt nämlich:»[ce texte] fait admirablement comprendre, que le point de départ de tout développement épique est la chanson populaire contemporaine des événements. Comme les Kablyles d’aujourd’hui, comme les Grecs du temps passé, les Bosniaques du 17esiecle ont chanté les prouesses des héros au fur et à mesure qu’elles s’accomplissaient. Il y a là une loi du genre. Toute épopée a une base historique; nous connaissons la date de la mort de Roland et si nous ignorons celle de la mort de Patrocle, c’est peut-être simplement parce que l’époque homérique ne nous a laissé ni chronique, ni inscription.«Von den Guslarenliedern hat manches eine historische Grundlage, die Mehrzahl dagegen geht ihrem Kerne nach auf freie Erfindung zurück, die dem literarisch ungebildeten Dichter, nicht minder als dem hochgeschulten Kunstdichter zu eigen ist. Was liegt uns endlich an der Kenntnis des Sterbetages eines Patroklos?! Das nachfolgende Guslarenlied beruht z. B. wohl auf einem geschichtlichen Ereignis, auf der Eroberung Siebenbürgens durch die Türken, doch von dem im Liede gefeierten Haupthelden weiss die Buchgeschichte rein nichts zu sagen, und sogar der Guslar kennt nicht einmal seinen Namen! Džanan (Arab.-türk. džanym, mein Liebster, meine Seele, von Arab. džan, Seele, Atem, Hauch) ist bloss ein Kosewort! Ja, man kann sogar die Schilderung des Heldenstreiches Džanüms für eine Mythe betrachten. Es spricht sehr vieles dafür, dass wir in dieser Episode nur eine Sage in slavisierter Dichtung vor uns haben. Die Persönlichkeit solcher Helden ist meist nicht anders denn als die Verkörperung des Ideals vom Heldentum zu begreifen.Wir wären nicht besser daran, hätte uns der Guslar statt Džanüm irgend einen möglichen und wirklichen Namen geboten. Besagt uns vielleicht ein Michabo der Algonkins, ein Ioskeha der Irokesen, ein Tamoi der Kariben, ein Itzamna der Mayas etwas von geschichtlichem Belang?D. G. Brintonsbezüglich Betrachtung4gilt mutatis mutandis auch für die Helden der Guslarenlieder: »It is not always easy to pronounce upon these heroes, whether they belong to history or mythology, their nationspoetry or its prose. In arriving at a conclusion we must remember that a fiction built on an idea is infinitely more tenacious of life than a story founded on fact. Further, that if a striking similarity in the legends of two such heroes be discovered under circumstances which forbid the thought that one was derived from the other, then both are probably mythical. If this is the case in not two but in half a dozen instances, then the probability amounts to a certainty, and the only task remaining is to explain such narratives on consistent mythological principles.«So ganz unanfechtbar erscheint mir der Grundsatz doch nicht; denn eine lokalisierte Erzählung kann durchaus mythisch sein, während ihr Vorbild ein wirkliches Ereignis war. Das Lied erzählt uns, dass Rákóczys gesamte Heermacht beim Ansturm der unbedeutenden bosnischtürkischen Truppenabteilung vom panischen Schreck ergriffen in heller Flucht zerstiebt und ganz Siebenbürgen kläglich unterlegen sei. Die Berichte zeitgenössischer Chronisten, sowohl christlicher als türkischer wissen dagegen von einem ziemlich hartnäckigen Widerstande der Magyaren und Deutschen zu berichten. Der Schilderung des Guslaren entspräche eher die Mut- und Kopflosigkeit der 20,000 Griechen, die von heilloser Angst befallen nach Larissa und von Larissa samt der unkriegerischen Bevölkerung bei Nacht nach Pharsalos und Volo flüchteten. Nun, einen fast gleichen Fall verzeichnet auch die ältere türkische Geschichte, und wir dürfen in unserem Guslarenliede eine Auffrischung der alten Erzählung annehmen. Als im Jahre 1363 das serbische 20,000 Mann starke Heer zwei Tagereisen von Adrianopel an der Marica lagerte, wagte Hadži Ilbeki mit nur 10,000 Mann Osmanen einen nächtlichen Überfall auf das in Sorglosigkeit und Trunkenheit versunkene feindliche Lager. Das Getöse der türkischen Trommeln und Pfeifen, das Schlachtgeschrei ‘Allah! Allah!’ erfüllte die Luft und die Herzen der Christen mit Schrecken; ihn vermehrte die Finsternis der Nacht: »Die Feinde ergriffen, wie wilde Tiere aus ihrem Nachtlager aufgeschreckt, eiligst die Flucht, strömten gegen die Marica hin, schnell wie der Wind hergeht vor der Glut und sanken unter in der Flut,« berichtet der Geschichtschreiber Saeddin.5Ist man bereit, meine Vermutung als begründet gelten zu lassen, so hätte freilich damitMonseurs‘Gesetz’: ‘toute épopée a une base historique’ einen Beleg mehr für seine Richtigkeit gewonnen.Es geht nicht gut an, ein historisches Guslarenlied, das von Ereignissen handelt, die ausserhalb Ungarns wenig bekannt sind, einem internationalen Leserkreis vorzulegen, ohne zumindest in knappen Umrissen die politischen Zustände und Verhältnisse des Gebietes anzudeuten, auf dem sich die folgenschwere Handlung abgewickelt. Folgenschwer, weilein dazumal durchaus von sächsischen Deutschen bewohntes Land gräulich verwüstet und zum Besiedlunggebiet rumänischer, magyarischer und slavischer Einwandererzüge gemacht ward, so, dass der Fortbestand deutschen Volktums in Siebenbürgen bis auf unsere Tage gefährdet erscheint. Ausführliche Belehrung mag man sich aus der Fachliteratur holen, die den Fall Siebenbürgens unter türkische Herrschaft zum Vorwurf hat.6Georg Rákóczy I. starb am 23. Oktober 1648. Es folgte ihm auf dem Fürstenthrone sein schon vor sechs Jahren zum Nachfolger erwählter Sohn Georg Rákóczy II., den der Sultan bestätigte, als er den rückständigen Tribut gezahlt. Rákóczy war siebenundzwanzig Jahre alt und voll des brennendsten Ehrgeizes, der sich durch Kriege gegen die Walachei und Moldau Luft machte und zuletzt im tollkühnen Kampf gegen Polen ihn und das Land ins Verderben stürzte. Wie an Kriegen nach aussen, so ist seine neunjährige Regierung an innerem Hader reich und das sächsische Leben insbesondere hat Menschenalter lang daran zu leiden gehabt.Am 15. Januar 1653 begann zu Weissenburg auf Betreiben Rákóczys ein Landtag, der nichts anderes zu bezwecken schien, als unter dem Vorwande einer Regelung der Privilegien, die protestantischen Sachsen rechtlos zu machen oder sie wenigstens materiell zu vernichten. Die Abgeordneten der Sachsen wehrten sich ihrer Haut so gut sie konnten. »Geldarm,« sprachen sie, »sind wir durch die teueren Jahre worden und volkarm, wegen der vielen unzähligen Erpressungen, so von Tag zu Tag wachsen, wie auch wegen der Pest, so vor sechs Jahren sehr unter uns gehauset.« Bei einer anderen Gelegenheit sagte Rákóczy (am 11. März 1653) zu den Sachsen, die sich auf ihr Privilegium beriefen: »Und wenn Ihr gleich ein Privilegium hättet, wie diese Stube so gross, so werdet Ihr das nicht erhalten, dass die Artikel, so vorwar gemacht sind, sollten aufgehoben werden.« Schon vier Jahre später entschuldigte sich Rákóczy geradezu, freilich als er in schweren Nöten war und die Sachsen gern für sich gewinnen wollte, dass er jenen Beschlüssen beigestimmt.In leichtsinnigem Ehrgeiz hatte nämlich der Fürst 1653 die Moldau, im folgenden Jahr die Walachei mit Krieg überzogen. Noch übermütiger durch das Glück seiner Waffen, verband er sich mit dem König von Schweden gegen Polen, dessen Krone sein lockendes Ziel war. Wider den Willen der Pforte begann er im Januar 1657 den Krieg; nach sechs Monaten lag fast die Hälfte seiner Truppen auf den Schlachtfeldern und mehr als 20 000 waren in die Gefangenschaft geraten. Sechshundert adelige Frauen, in Trauergewänder gekleidet, traten im August vor den Landtag und forderten ihre Gatten, Väter, Brüder. Auch der Tatarenchan war da mit einem langen Verzeichnis der Gefangenen. Die Stände mussten eine Steuer aufschlagen, wollten sie jene nicht im Elend lassen, zwanzig Gulden auf diePforte, auf jeden ungarischen und walachischen Pfarrer zwei Taler, auf die sächsische Geistlichkeit einen Jahrzins. Es ist daher erklärlich, wie den Fürsten bei seiner Rückkehr der Unwille des Landes empfing.Noch mehr wurde Rákóczys Stellung durch den Zorn des Sultans7gefährdet. Wenige Wochen später schickte er Gesandte nach Siebenbürgen mit einem Schreiben nicht an den Fürsten, sondern an die drei Völker des Landes lautend. Böses ahnend rief sie Rákóczy auf den 25. Oktober 1657 nach Weissenburg zusammen. Da las denn der Landtag den Befehl des Sultans, dass Rákóczy, den er, der Sultan, in Siebenbürgen, dem ihm durch Waffengewalt eigenen Lande, zum Fürsten eingesetzt, dieser Würde verlustig sei, weil er treulos und verräterisch geworden und wider der Pforte Willen ihre Erblande und Polen mit Krieg heimgesucht. Darum solle das Land sofort und ohne Aufschub einen neuen Fürsten wählen, dieweil der Pascha von Ofen bereits im Felde sei, um jeden Abfall und Ungehorsam zu strafen. Die türkischen Abgeordneten, »feine Leute«, setzten hinzu, falls die Wahl nicht sogleich vorgenommen würde, werde der Sultan »das Land zu Asche und Staub machen und den Winden heimbefehlen.«Am 2. November wurdeFranz Rhedeizum Fürsten gewählt.Das Menschenalter, das nach Rákóczys II. erzwungener Abdankung blutig vorüberrauschte, gehört zu den jammervollsten der vaterländischen Geschichte, bemerkt mit RechtTeutsch, der ausgezeichnete Geschichtschreiber Siebenbürgens, dessen Werke wir auch nachstehende treffliche Angaben verdanken; nicht nur, dass es »überreich an Unfällen, voll verderblicher Schlachten, voll Zwiespalt und Aufruhr, selbst im Frieden entsetzlich« — auch zu anderen Zeiten hat den Boden Siebenbürgens das Blut seiner Söhne getränkt und das Recht unter dem Fusstritt der Gewaltgeseufzt: das ist das Erdrückende in jenen Jahrzehnten, dass sie nicht einen wahrhaft grossen Mann besitzen, nicht ein wahrhaft grosser Gedanke in ihnen lebt, dass nur Mittelmässigkeit und Willenlosigkeit darin das Leben erfüllt, und selbst die Keime späterer, besserer Gestaltung der Landzustände ihren Ursprung nicht der schöpferischen Geistkraft jener, die an der Spitze standen, verdanken, sondern der zwingenden Gewalt der Notwendigkeit.Der türkische Einfluss hatte in Siebenbürgen seinen Höhepunkt erreicht. Der Sultan sprach es offen aus, es sei sein Erbland; ebensounverhohlenerklärten die Stände, dass es nächst Gott von der Bewerbung um die Gunst der Türken abhänge.Als die siebenbürgischen Stände nach Franz Rhedeis Wahl den Hof in Konstantinopel baten, er möge Rákóczyn wieder seine Gunst zuwenden, sah das Köprülü für Treulosigkeit an und forderte die Grenzfestung Jenö. Rákóczy ergriff die Gelegenheit mit Freuden, erklärte sich zum Verteidiger des Landes und für den rechtmässigen Fürsten und forderte die Ungarn, Szekler und Sachsen zum Kampf gegen die Türken auf. Rhedei rief hierauf einen Landtag nach Mediasch zusammen; an der Spitze von schnell aufgestandenen Szeklerhaufen kam unerwartet auch Rákóczy hin (25. Januar 1658); »ich will Fürst sein oder hier vergehen und mein Leben lassen«, hatte er hingeschrieben; unter drohender Waffengewalt und täglichen Gelagen, die die Betäubung der Sinne bis in die Landtagversammlungen verlängerten, wurde Rákóczy wieder als Fürst anerkannt. Rhedei kehrte auf seine Güter nach Ungarn zurück. Da entbrannte der Zorn der Pforte, der bisher nur Rákóczyn gegolten, auch über das arme Land. Der Grossvezier brach mit hunderttausend Mann auf und lagerte vor Jenö, der Tatarenchan, der Pascha von Silistria, die Vojvoden der Moldau und Walachei fielen anfangs August mit zahllosen Heerhaufen ins Burzenland ein; der Brand von Zaizon und die Plünderung der Siebendörfer verkündeten ihre Ankunft. Silberne Giesskannen und 1 600 Reichtaler wandten im ersten Augenblick den Zorn der feindlichen Häupter von Kronstadt; nachts darauf kaufte der RichterMichael Hermannmit 20 000 Talern die Stadt von Mord und Brand frei. Tartlau, Honigberg, Petersberg wurden verbrannt. Am 11. August brannten die Tataren am hellen Mittag Neustatt und Weidenbach, tags darauf Zeiden und Rosenau nieder; allerorts wurden die Einwohner gefangen, gebunden, misshandelt; wer durch die Schärfe des Schwertes fiel, konnte noch glücklich gepriesen werden. Bei der steinernen Brücke vor Blumenau war Menschenmarkt; um zehn Taler verkauften sie Ältere, um vier Hufeisen war eines Kindes Leben feil; was nicht aufging, wurde in die Sklaverei geschleppt oder in Stücke gehauen. Über den weiteren Verlauf dieser Plünderungen spricht sichTeutschim gedachten Werke II. 223 ff. aus.Den Hauptschlag gegen Siebenbürgen führten die Türken im September 1659 aus. Kurz vorher hatte der Vezier von Ofen dem Lande geschrieben: »Gott sei eueren Unternehmungen günstig! Wenn Ihr jedoch auf die truglistigen Worte Rákóczys abfällt, so wird keiner von Euch entkommen; samt Weib und Kind werdet Ihr mit eisernen Ketten an die Sklaverei geschmiedet und alle Eure Güter der Plünderung preisgegeben werden, das glaubet mir sicherlich. Ihr wisst, was im vergangenen Jahr in Siebenbürgen geschehen ist und wisst auch, was der strenge Zorn des mächtigen Kaisers und die Schärfe seines glanzvollen Schwertes bedeutet. So lasset Euch durch die Worte der Teufelsöhne nicht zum Abfall bringen und werdet nicht Urheber der Verwüstung Eures Landes. Unser Segen und Gruss sei mit Euch.«Im November 1659 wurde Rákóczy bei Déva von Sari Husein, dem Bruder Ziawušpaschas, dem Sandžak von Erlau, und von Sidi Ahmed, dem Statthalter von Ofen, geschlagen, hatte sich nach Szászváros (Broos) geflüchtet, dreitausendsiebenhundert der Seinigen auf dem Kampfplatze, sechzig Fahnen und sieben Feldstücke in der Sieger Hände gelassen. Im folgenden Frühjahre (16. April 1660) wurde Seid Ali zu Adrianopel feierlich als Serdar wider Siebenbürgen eingekleidet, und nach Belgrad mit der Weisung, dort die weiteren Befehle zu erwarten, gesandt, der Zagardžibaschi und fünfzehn Regimenter Janičaren unter seine Befehle gestellt. Rákóczy hatte auf die Nachricht von Sidi Achmeds Anzuge die Belagerung von Hermannstadt aufgehoben und mit Aufgebot aller Waffenfähigen Klausenburg erreicht, wo er zwischen Kapus und Gyalu lagerte. Am rechten Ufer der Szamos, zwischen Klausenburg und Szamosfalva, kam es zur Schlacht, in welcher Rákóczy geschlagen und schwer verwundet, am achtzehnten Tage darnach auf der Burg von Grosswardein starb. Viertausend von Rákóczys Niederlage eingesandter Köpfe wurden zu Adrianopel von Griechen und Armeniern auf Spiessen im Triumphe einhergetragen, vor die Füsse des Grossveziers geworfen, der darüber ritt, und dann den Hunden zum Frass geboten.Das Lied sang mir am 9. Mai 1885 der GuslarHalil Marićim Dörfchen Ravčići bei Mostar, dem ich auch die erste Fassung des »Fräuleins von Kanizsa« (inAnton HerrmannsEthnolog. Mitt. aus Ungarn B. IV u. V abgedruckt) verdanke. Dort gab ich auch eine Lebenbeschreibung dieses ausgezeichnet tüchtigen Guslaren. Beim Vortrag rast und tobt er, wie ein Besessener. Er sitzt dabei auf flacher Erde, die Guslen zwischen den Beinen, und rutscht allmählich von der Wand bis zur Zimmermitte vor. Er lebt in solcher Verzückung das Lied förmlich seelisch mit durch. Er kann aber auch ohne solche mimische undGesangungeheuerlichkeit vortragen. Ich bestellte ihn später nach Mostar, wo ich im Hotel an einem Tische nach unserer Art bequem sitzend ruhige Rezitationen aus seinem Munde aufnahm. Er passt dabei freilich wie ein Haftelmacher auf, um keine Zeile zu überspringen. Džanüms Heerzug erlernte er noch als Knabe (etwa in den Jahren 1830–35) von einem Guslaren, dessen er sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte. Er wusste nur soviel noch, dass jener ein Frächter (kiridžija) aus dem Nikšićer Džemat (Bezirk) gewesen, der Erwerbes halber mit seinen Pferden Güter aus Sarajevo nach dem Herzogtume zu befördern pflegte. Ich erzählte Halilen von seinem KunstgenossenAlija Cigo(Zigeunerlein), einem slavisierten Tataren in Pazarići, der mir das Lied von Köprülüs Vezierschaft gesungen. Er sagte darauf: ‘Ich kenne ihn und kenne das Lied, aber ich wüsste dir noch ein besseres zu singen.’ Er meinte das vorliegende, das ich sodann aufzeichnete. Wahrscheinlich führt auch Halil Alija Cigos Lied im eigenen Vorrat; denn in beiden Stücken decken sich gewisse Redewendungen und Zeilen derart, dass man ohne bestimmte Kenntnis des Sachverhaltes annehmen müsste, dass beide von ein und demselben Guslaren herrühren. Möglich ist’s, dass sowohl Alija der Tatar als Halil Marić den gleichen Guslaren zum »Lehrer« gehabt.Für Halilen war die Hauptsache in der ganzen Geschichte die aussergewöhnlich grosse Beute und unerhörte Karrière Džanüms. Darnach führt das Lied bei ihm nachfolgenden Titel:
Haben Guslarenlieder einen geschichtlichen Wert? Ja oder nein? Wenn wir uns über den Begriff Geschichte einigen, werden wir den geschichtlichen Wert solcher Texte hoch veranschlagen. Darauf allein kommt es an, was wir aus der Geschichte schöpfen wollen. Suchen wir grosse Namen, Jahrzahlen, diplomatische Verhandlungen, historisch-politische, statistische und ökonomische Daten, dann können wir Guslarenlieder bei Seite lassen. Wir suchen etwas ganz anderes. Wir suchen nicht einmal nach grammatischen Regeln, unser Ziel und Zweck ist anders geartet. Schonvor mehr denn 70 Jahren würdigteJ. von Hammer-Purgstall1dichterische Quellen von einem höheren, dem unseren verwandten Gesichtpunkte aus, indem er die Worte niederschrieb: »Die Dichterwerke eines Volkes sind nicht bloss für zergliedernde Prosaiker da, welche den Leib des Osiris zerstücken, oder für silbenmessende Prosodiker, welche virgilianisches Los nur in Silben stechen, sie sind nicht bloss als anatomische Leichname dem Skalpell haarspaltender Grammatiker und versespaltender Variantensammler Preis gegeben; die Poesie eines Volkes ist der treueste Spiegel seines Geistes,Gemütes, Genius und Charakters, sie ist die Flamme des heiligen Feuers der Bildung, Gesittung und Religion, welche von dem Altare der Menschheit zum Himmel auflodert.«Diesen geschichtlichen Spiegel suchen wir. Ist er aber auch so, dass er uns echte und zuverlässige Bilder zeigt? Unsere Forschungweise spricht dafür. Zum Überfluss bekräftigt uns in unserer Auffassung ein wahrer, grosser Dichter, dem man in dieser Frage ein berechtigtes Urteil kaum absprechen dürfte. Es ist diesHeinrich Heine: »Die Geschichte wird nicht von den Dichtern verfälscht. Sie geben den Sinn ganz treu, und sei es auch durch selbst erfundene Gestalten und Umstände. Es gibt Völker, denen nur auf diese Dichterart ihre Geschichte überliefert worden, z. B. die Inder. Dennoch geben Gesänge, wie der Mahabharata den Sinn indischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Kompendiumschreiber mit all seinen Jahrzahlen.«2Damit ist auch der Hauptgrund festgestellt, warum wir uns im grossen und ganzen um die Chronologie der pragmatischen Geschichtschreiber wenig zu bekümmern brauchen. Uns ist die historische Persönlichkeit zumeist gleichgültig, wie gewöhnlich auch den grossen Dichtern, wobei man keinen tiefgehenden Unterschied zwischen Volkdichtern und Kunstdichtern zu machen hat. Ich betone dies, weil ich mich mit den BemerkungenEugen Monseurs, in seiner Besprechung3einer meiner Schriften nicht in allem einverstanden erklären kann. Er sagt nämlich:»[ce texte] fait admirablement comprendre, que le point de départ de tout développement épique est la chanson populaire contemporaine des événements. Comme les Kablyles d’aujourd’hui, comme les Grecs du temps passé, les Bosniaques du 17esiecle ont chanté les prouesses des héros au fur et à mesure qu’elles s’accomplissaient. Il y a là une loi du genre. Toute épopée a une base historique; nous connaissons la date de la mort de Roland et si nous ignorons celle de la mort de Patrocle, c’est peut-être simplement parce que l’époque homérique ne nous a laissé ni chronique, ni inscription.«Von den Guslarenliedern hat manches eine historische Grundlage, die Mehrzahl dagegen geht ihrem Kerne nach auf freie Erfindung zurück, die dem literarisch ungebildeten Dichter, nicht minder als dem hochgeschulten Kunstdichter zu eigen ist. Was liegt uns endlich an der Kenntnis des Sterbetages eines Patroklos?! Das nachfolgende Guslarenlied beruht z. B. wohl auf einem geschichtlichen Ereignis, auf der Eroberung Siebenbürgens durch die Türken, doch von dem im Liede gefeierten Haupthelden weiss die Buchgeschichte rein nichts zu sagen, und sogar der Guslar kennt nicht einmal seinen Namen! Džanan (Arab.-türk. džanym, mein Liebster, meine Seele, von Arab. džan, Seele, Atem, Hauch) ist bloss ein Kosewort! Ja, man kann sogar die Schilderung des Heldenstreiches Džanüms für eine Mythe betrachten. Es spricht sehr vieles dafür, dass wir in dieser Episode nur eine Sage in slavisierter Dichtung vor uns haben. Die Persönlichkeit solcher Helden ist meist nicht anders denn als die Verkörperung des Ideals vom Heldentum zu begreifen.Wir wären nicht besser daran, hätte uns der Guslar statt Džanüm irgend einen möglichen und wirklichen Namen geboten. Besagt uns vielleicht ein Michabo der Algonkins, ein Ioskeha der Irokesen, ein Tamoi der Kariben, ein Itzamna der Mayas etwas von geschichtlichem Belang?D. G. Brintonsbezüglich Betrachtung4gilt mutatis mutandis auch für die Helden der Guslarenlieder: »It is not always easy to pronounce upon these heroes, whether they belong to history or mythology, their nationspoetry or its prose. In arriving at a conclusion we must remember that a fiction built on an idea is infinitely more tenacious of life than a story founded on fact. Further, that if a striking similarity in the legends of two such heroes be discovered under circumstances which forbid the thought that one was derived from the other, then both are probably mythical. If this is the case in not two but in half a dozen instances, then the probability amounts to a certainty, and the only task remaining is to explain such narratives on consistent mythological principles.«So ganz unanfechtbar erscheint mir der Grundsatz doch nicht; denn eine lokalisierte Erzählung kann durchaus mythisch sein, während ihr Vorbild ein wirkliches Ereignis war. Das Lied erzählt uns, dass Rákóczys gesamte Heermacht beim Ansturm der unbedeutenden bosnischtürkischen Truppenabteilung vom panischen Schreck ergriffen in heller Flucht zerstiebt und ganz Siebenbürgen kläglich unterlegen sei. Die Berichte zeitgenössischer Chronisten, sowohl christlicher als türkischer wissen dagegen von einem ziemlich hartnäckigen Widerstande der Magyaren und Deutschen zu berichten. Der Schilderung des Guslaren entspräche eher die Mut- und Kopflosigkeit der 20,000 Griechen, die von heilloser Angst befallen nach Larissa und von Larissa samt der unkriegerischen Bevölkerung bei Nacht nach Pharsalos und Volo flüchteten. Nun, einen fast gleichen Fall verzeichnet auch die ältere türkische Geschichte, und wir dürfen in unserem Guslarenliede eine Auffrischung der alten Erzählung annehmen. Als im Jahre 1363 das serbische 20,000 Mann starke Heer zwei Tagereisen von Adrianopel an der Marica lagerte, wagte Hadži Ilbeki mit nur 10,000 Mann Osmanen einen nächtlichen Überfall auf das in Sorglosigkeit und Trunkenheit versunkene feindliche Lager. Das Getöse der türkischen Trommeln und Pfeifen, das Schlachtgeschrei ‘Allah! Allah!’ erfüllte die Luft und die Herzen der Christen mit Schrecken; ihn vermehrte die Finsternis der Nacht: »Die Feinde ergriffen, wie wilde Tiere aus ihrem Nachtlager aufgeschreckt, eiligst die Flucht, strömten gegen die Marica hin, schnell wie der Wind hergeht vor der Glut und sanken unter in der Flut,« berichtet der Geschichtschreiber Saeddin.5Ist man bereit, meine Vermutung als begründet gelten zu lassen, so hätte freilich damitMonseurs‘Gesetz’: ‘toute épopée a une base historique’ einen Beleg mehr für seine Richtigkeit gewonnen.Es geht nicht gut an, ein historisches Guslarenlied, das von Ereignissen handelt, die ausserhalb Ungarns wenig bekannt sind, einem internationalen Leserkreis vorzulegen, ohne zumindest in knappen Umrissen die politischen Zustände und Verhältnisse des Gebietes anzudeuten, auf dem sich die folgenschwere Handlung abgewickelt. Folgenschwer, weilein dazumal durchaus von sächsischen Deutschen bewohntes Land gräulich verwüstet und zum Besiedlunggebiet rumänischer, magyarischer und slavischer Einwandererzüge gemacht ward, so, dass der Fortbestand deutschen Volktums in Siebenbürgen bis auf unsere Tage gefährdet erscheint. Ausführliche Belehrung mag man sich aus der Fachliteratur holen, die den Fall Siebenbürgens unter türkische Herrschaft zum Vorwurf hat.6Georg Rákóczy I. starb am 23. Oktober 1648. Es folgte ihm auf dem Fürstenthrone sein schon vor sechs Jahren zum Nachfolger erwählter Sohn Georg Rákóczy II., den der Sultan bestätigte, als er den rückständigen Tribut gezahlt. Rákóczy war siebenundzwanzig Jahre alt und voll des brennendsten Ehrgeizes, der sich durch Kriege gegen die Walachei und Moldau Luft machte und zuletzt im tollkühnen Kampf gegen Polen ihn und das Land ins Verderben stürzte. Wie an Kriegen nach aussen, so ist seine neunjährige Regierung an innerem Hader reich und das sächsische Leben insbesondere hat Menschenalter lang daran zu leiden gehabt.Am 15. Januar 1653 begann zu Weissenburg auf Betreiben Rákóczys ein Landtag, der nichts anderes zu bezwecken schien, als unter dem Vorwande einer Regelung der Privilegien, die protestantischen Sachsen rechtlos zu machen oder sie wenigstens materiell zu vernichten. Die Abgeordneten der Sachsen wehrten sich ihrer Haut so gut sie konnten. »Geldarm,« sprachen sie, »sind wir durch die teueren Jahre worden und volkarm, wegen der vielen unzähligen Erpressungen, so von Tag zu Tag wachsen, wie auch wegen der Pest, so vor sechs Jahren sehr unter uns gehauset.« Bei einer anderen Gelegenheit sagte Rákóczy (am 11. März 1653) zu den Sachsen, die sich auf ihr Privilegium beriefen: »Und wenn Ihr gleich ein Privilegium hättet, wie diese Stube so gross, so werdet Ihr das nicht erhalten, dass die Artikel, so vorwar gemacht sind, sollten aufgehoben werden.« Schon vier Jahre später entschuldigte sich Rákóczy geradezu, freilich als er in schweren Nöten war und die Sachsen gern für sich gewinnen wollte, dass er jenen Beschlüssen beigestimmt.In leichtsinnigem Ehrgeiz hatte nämlich der Fürst 1653 die Moldau, im folgenden Jahr die Walachei mit Krieg überzogen. Noch übermütiger durch das Glück seiner Waffen, verband er sich mit dem König von Schweden gegen Polen, dessen Krone sein lockendes Ziel war. Wider den Willen der Pforte begann er im Januar 1657 den Krieg; nach sechs Monaten lag fast die Hälfte seiner Truppen auf den Schlachtfeldern und mehr als 20 000 waren in die Gefangenschaft geraten. Sechshundert adelige Frauen, in Trauergewänder gekleidet, traten im August vor den Landtag und forderten ihre Gatten, Väter, Brüder. Auch der Tatarenchan war da mit einem langen Verzeichnis der Gefangenen. Die Stände mussten eine Steuer aufschlagen, wollten sie jene nicht im Elend lassen, zwanzig Gulden auf diePforte, auf jeden ungarischen und walachischen Pfarrer zwei Taler, auf die sächsische Geistlichkeit einen Jahrzins. Es ist daher erklärlich, wie den Fürsten bei seiner Rückkehr der Unwille des Landes empfing.Noch mehr wurde Rákóczys Stellung durch den Zorn des Sultans7gefährdet. Wenige Wochen später schickte er Gesandte nach Siebenbürgen mit einem Schreiben nicht an den Fürsten, sondern an die drei Völker des Landes lautend. Böses ahnend rief sie Rákóczy auf den 25. Oktober 1657 nach Weissenburg zusammen. Da las denn der Landtag den Befehl des Sultans, dass Rákóczy, den er, der Sultan, in Siebenbürgen, dem ihm durch Waffengewalt eigenen Lande, zum Fürsten eingesetzt, dieser Würde verlustig sei, weil er treulos und verräterisch geworden und wider der Pforte Willen ihre Erblande und Polen mit Krieg heimgesucht. Darum solle das Land sofort und ohne Aufschub einen neuen Fürsten wählen, dieweil der Pascha von Ofen bereits im Felde sei, um jeden Abfall und Ungehorsam zu strafen. Die türkischen Abgeordneten, »feine Leute«, setzten hinzu, falls die Wahl nicht sogleich vorgenommen würde, werde der Sultan »das Land zu Asche und Staub machen und den Winden heimbefehlen.«Am 2. November wurdeFranz Rhedeizum Fürsten gewählt.Das Menschenalter, das nach Rákóczys II. erzwungener Abdankung blutig vorüberrauschte, gehört zu den jammervollsten der vaterländischen Geschichte, bemerkt mit RechtTeutsch, der ausgezeichnete Geschichtschreiber Siebenbürgens, dessen Werke wir auch nachstehende treffliche Angaben verdanken; nicht nur, dass es »überreich an Unfällen, voll verderblicher Schlachten, voll Zwiespalt und Aufruhr, selbst im Frieden entsetzlich« — auch zu anderen Zeiten hat den Boden Siebenbürgens das Blut seiner Söhne getränkt und das Recht unter dem Fusstritt der Gewaltgeseufzt: das ist das Erdrückende in jenen Jahrzehnten, dass sie nicht einen wahrhaft grossen Mann besitzen, nicht ein wahrhaft grosser Gedanke in ihnen lebt, dass nur Mittelmässigkeit und Willenlosigkeit darin das Leben erfüllt, und selbst die Keime späterer, besserer Gestaltung der Landzustände ihren Ursprung nicht der schöpferischen Geistkraft jener, die an der Spitze standen, verdanken, sondern der zwingenden Gewalt der Notwendigkeit.Der türkische Einfluss hatte in Siebenbürgen seinen Höhepunkt erreicht. Der Sultan sprach es offen aus, es sei sein Erbland; ebensounverhohlenerklärten die Stände, dass es nächst Gott von der Bewerbung um die Gunst der Türken abhänge.Als die siebenbürgischen Stände nach Franz Rhedeis Wahl den Hof in Konstantinopel baten, er möge Rákóczyn wieder seine Gunst zuwenden, sah das Köprülü für Treulosigkeit an und forderte die Grenzfestung Jenö. Rákóczy ergriff die Gelegenheit mit Freuden, erklärte sich zum Verteidiger des Landes und für den rechtmässigen Fürsten und forderte die Ungarn, Szekler und Sachsen zum Kampf gegen die Türken auf. Rhedei rief hierauf einen Landtag nach Mediasch zusammen; an der Spitze von schnell aufgestandenen Szeklerhaufen kam unerwartet auch Rákóczy hin (25. Januar 1658); »ich will Fürst sein oder hier vergehen und mein Leben lassen«, hatte er hingeschrieben; unter drohender Waffengewalt und täglichen Gelagen, die die Betäubung der Sinne bis in die Landtagversammlungen verlängerten, wurde Rákóczy wieder als Fürst anerkannt. Rhedei kehrte auf seine Güter nach Ungarn zurück. Da entbrannte der Zorn der Pforte, der bisher nur Rákóczyn gegolten, auch über das arme Land. Der Grossvezier brach mit hunderttausend Mann auf und lagerte vor Jenö, der Tatarenchan, der Pascha von Silistria, die Vojvoden der Moldau und Walachei fielen anfangs August mit zahllosen Heerhaufen ins Burzenland ein; der Brand von Zaizon und die Plünderung der Siebendörfer verkündeten ihre Ankunft. Silberne Giesskannen und 1 600 Reichtaler wandten im ersten Augenblick den Zorn der feindlichen Häupter von Kronstadt; nachts darauf kaufte der RichterMichael Hermannmit 20 000 Talern die Stadt von Mord und Brand frei. Tartlau, Honigberg, Petersberg wurden verbrannt. Am 11. August brannten die Tataren am hellen Mittag Neustatt und Weidenbach, tags darauf Zeiden und Rosenau nieder; allerorts wurden die Einwohner gefangen, gebunden, misshandelt; wer durch die Schärfe des Schwertes fiel, konnte noch glücklich gepriesen werden. Bei der steinernen Brücke vor Blumenau war Menschenmarkt; um zehn Taler verkauften sie Ältere, um vier Hufeisen war eines Kindes Leben feil; was nicht aufging, wurde in die Sklaverei geschleppt oder in Stücke gehauen. Über den weiteren Verlauf dieser Plünderungen spricht sichTeutschim gedachten Werke II. 223 ff. aus.Den Hauptschlag gegen Siebenbürgen führten die Türken im September 1659 aus. Kurz vorher hatte der Vezier von Ofen dem Lande geschrieben: »Gott sei eueren Unternehmungen günstig! Wenn Ihr jedoch auf die truglistigen Worte Rákóczys abfällt, so wird keiner von Euch entkommen; samt Weib und Kind werdet Ihr mit eisernen Ketten an die Sklaverei geschmiedet und alle Eure Güter der Plünderung preisgegeben werden, das glaubet mir sicherlich. Ihr wisst, was im vergangenen Jahr in Siebenbürgen geschehen ist und wisst auch, was der strenge Zorn des mächtigen Kaisers und die Schärfe seines glanzvollen Schwertes bedeutet. So lasset Euch durch die Worte der Teufelsöhne nicht zum Abfall bringen und werdet nicht Urheber der Verwüstung Eures Landes. Unser Segen und Gruss sei mit Euch.«Im November 1659 wurde Rákóczy bei Déva von Sari Husein, dem Bruder Ziawušpaschas, dem Sandžak von Erlau, und von Sidi Ahmed, dem Statthalter von Ofen, geschlagen, hatte sich nach Szászváros (Broos) geflüchtet, dreitausendsiebenhundert der Seinigen auf dem Kampfplatze, sechzig Fahnen und sieben Feldstücke in der Sieger Hände gelassen. Im folgenden Frühjahre (16. April 1660) wurde Seid Ali zu Adrianopel feierlich als Serdar wider Siebenbürgen eingekleidet, und nach Belgrad mit der Weisung, dort die weiteren Befehle zu erwarten, gesandt, der Zagardžibaschi und fünfzehn Regimenter Janičaren unter seine Befehle gestellt. Rákóczy hatte auf die Nachricht von Sidi Achmeds Anzuge die Belagerung von Hermannstadt aufgehoben und mit Aufgebot aller Waffenfähigen Klausenburg erreicht, wo er zwischen Kapus und Gyalu lagerte. Am rechten Ufer der Szamos, zwischen Klausenburg und Szamosfalva, kam es zur Schlacht, in welcher Rákóczy geschlagen und schwer verwundet, am achtzehnten Tage darnach auf der Burg von Grosswardein starb. Viertausend von Rákóczys Niederlage eingesandter Köpfe wurden zu Adrianopel von Griechen und Armeniern auf Spiessen im Triumphe einhergetragen, vor die Füsse des Grossveziers geworfen, der darüber ritt, und dann den Hunden zum Frass geboten.Das Lied sang mir am 9. Mai 1885 der GuslarHalil Marićim Dörfchen Ravčići bei Mostar, dem ich auch die erste Fassung des »Fräuleins von Kanizsa« (inAnton HerrmannsEthnolog. Mitt. aus Ungarn B. IV u. V abgedruckt) verdanke. Dort gab ich auch eine Lebenbeschreibung dieses ausgezeichnet tüchtigen Guslaren. Beim Vortrag rast und tobt er, wie ein Besessener. Er sitzt dabei auf flacher Erde, die Guslen zwischen den Beinen, und rutscht allmählich von der Wand bis zur Zimmermitte vor. Er lebt in solcher Verzückung das Lied förmlich seelisch mit durch. Er kann aber auch ohne solche mimische undGesangungeheuerlichkeit vortragen. Ich bestellte ihn später nach Mostar, wo ich im Hotel an einem Tische nach unserer Art bequem sitzend ruhige Rezitationen aus seinem Munde aufnahm. Er passt dabei freilich wie ein Haftelmacher auf, um keine Zeile zu überspringen. Džanüms Heerzug erlernte er noch als Knabe (etwa in den Jahren 1830–35) von einem Guslaren, dessen er sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte. Er wusste nur soviel noch, dass jener ein Frächter (kiridžija) aus dem Nikšićer Džemat (Bezirk) gewesen, der Erwerbes halber mit seinen Pferden Güter aus Sarajevo nach dem Herzogtume zu befördern pflegte. Ich erzählte Halilen von seinem KunstgenossenAlija Cigo(Zigeunerlein), einem slavisierten Tataren in Pazarići, der mir das Lied von Köprülüs Vezierschaft gesungen. Er sagte darauf: ‘Ich kenne ihn und kenne das Lied, aber ich wüsste dir noch ein besseres zu singen.’ Er meinte das vorliegende, das ich sodann aufzeichnete. Wahrscheinlich führt auch Halil Alija Cigos Lied im eigenen Vorrat; denn in beiden Stücken decken sich gewisse Redewendungen und Zeilen derart, dass man ohne bestimmte Kenntnis des Sachverhaltes annehmen müsste, dass beide von ein und demselben Guslaren herrühren. Möglich ist’s, dass sowohl Alija der Tatar als Halil Marić den gleichen Guslaren zum »Lehrer« gehabt.Für Halilen war die Hauptsache in der ganzen Geschichte die aussergewöhnlich grosse Beute und unerhörte Karrière Džanüms. Darnach führt das Lied bei ihm nachfolgenden Titel:
Haben Guslarenlieder einen geschichtlichen Wert? Ja oder nein? Wenn wir uns über den Begriff Geschichte einigen, werden wir den geschichtlichen Wert solcher Texte hoch veranschlagen. Darauf allein kommt es an, was wir aus der Geschichte schöpfen wollen. Suchen wir grosse Namen, Jahrzahlen, diplomatische Verhandlungen, historisch-politische, statistische und ökonomische Daten, dann können wir Guslarenlieder bei Seite lassen. Wir suchen etwas ganz anderes. Wir suchen nicht einmal nach grammatischen Regeln, unser Ziel und Zweck ist anders geartet. Schonvor mehr denn 70 Jahren würdigteJ. von Hammer-Purgstall1dichterische Quellen von einem höheren, dem unseren verwandten Gesichtpunkte aus, indem er die Worte niederschrieb: »Die Dichterwerke eines Volkes sind nicht bloss für zergliedernde Prosaiker da, welche den Leib des Osiris zerstücken, oder für silbenmessende Prosodiker, welche virgilianisches Los nur in Silben stechen, sie sind nicht bloss als anatomische Leichname dem Skalpell haarspaltender Grammatiker und versespaltender Variantensammler Preis gegeben; die Poesie eines Volkes ist der treueste Spiegel seines Geistes,Gemütes, Genius und Charakters, sie ist die Flamme des heiligen Feuers der Bildung, Gesittung und Religion, welche von dem Altare der Menschheit zum Himmel auflodert.«Diesen geschichtlichen Spiegel suchen wir. Ist er aber auch so, dass er uns echte und zuverlässige Bilder zeigt? Unsere Forschungweise spricht dafür. Zum Überfluss bekräftigt uns in unserer Auffassung ein wahrer, grosser Dichter, dem man in dieser Frage ein berechtigtes Urteil kaum absprechen dürfte. Es ist diesHeinrich Heine: »Die Geschichte wird nicht von den Dichtern verfälscht. Sie geben den Sinn ganz treu, und sei es auch durch selbst erfundene Gestalten und Umstände. Es gibt Völker, denen nur auf diese Dichterart ihre Geschichte überliefert worden, z. B. die Inder. Dennoch geben Gesänge, wie der Mahabharata den Sinn indischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Kompendiumschreiber mit all seinen Jahrzahlen.«2Damit ist auch der Hauptgrund festgestellt, warum wir uns im grossen und ganzen um die Chronologie der pragmatischen Geschichtschreiber wenig zu bekümmern brauchen. Uns ist die historische Persönlichkeit zumeist gleichgültig, wie gewöhnlich auch den grossen Dichtern, wobei man keinen tiefgehenden Unterschied zwischen Volkdichtern und Kunstdichtern zu machen hat. Ich betone dies, weil ich mich mit den BemerkungenEugen Monseurs, in seiner Besprechung3einer meiner Schriften nicht in allem einverstanden erklären kann. Er sagt nämlich:»[ce texte] fait admirablement comprendre, que le point de départ de tout développement épique est la chanson populaire contemporaine des événements. Comme les Kablyles d’aujourd’hui, comme les Grecs du temps passé, les Bosniaques du 17esiecle ont chanté les prouesses des héros au fur et à mesure qu’elles s’accomplissaient. Il y a là une loi du genre. Toute épopée a une base historique; nous connaissons la date de la mort de Roland et si nous ignorons celle de la mort de Patrocle, c’est peut-être simplement parce que l’époque homérique ne nous a laissé ni chronique, ni inscription.«Von den Guslarenliedern hat manches eine historische Grundlage, die Mehrzahl dagegen geht ihrem Kerne nach auf freie Erfindung zurück, die dem literarisch ungebildeten Dichter, nicht minder als dem hochgeschulten Kunstdichter zu eigen ist. Was liegt uns endlich an der Kenntnis des Sterbetages eines Patroklos?! Das nachfolgende Guslarenlied beruht z. B. wohl auf einem geschichtlichen Ereignis, auf der Eroberung Siebenbürgens durch die Türken, doch von dem im Liede gefeierten Haupthelden weiss die Buchgeschichte rein nichts zu sagen, und sogar der Guslar kennt nicht einmal seinen Namen! Džanan (Arab.-türk. džanym, mein Liebster, meine Seele, von Arab. džan, Seele, Atem, Hauch) ist bloss ein Kosewort! Ja, man kann sogar die Schilderung des Heldenstreiches Džanüms für eine Mythe betrachten. Es spricht sehr vieles dafür, dass wir in dieser Episode nur eine Sage in slavisierter Dichtung vor uns haben. Die Persönlichkeit solcher Helden ist meist nicht anders denn als die Verkörperung des Ideals vom Heldentum zu begreifen.Wir wären nicht besser daran, hätte uns der Guslar statt Džanüm irgend einen möglichen und wirklichen Namen geboten. Besagt uns vielleicht ein Michabo der Algonkins, ein Ioskeha der Irokesen, ein Tamoi der Kariben, ein Itzamna der Mayas etwas von geschichtlichem Belang?D. G. Brintonsbezüglich Betrachtung4gilt mutatis mutandis auch für die Helden der Guslarenlieder: »It is not always easy to pronounce upon these heroes, whether they belong to history or mythology, their nationspoetry or its prose. In arriving at a conclusion we must remember that a fiction built on an idea is infinitely more tenacious of life than a story founded on fact. Further, that if a striking similarity in the legends of two such heroes be discovered under circumstances which forbid the thought that one was derived from the other, then both are probably mythical. If this is the case in not two but in half a dozen instances, then the probability amounts to a certainty, and the only task remaining is to explain such narratives on consistent mythological principles.«So ganz unanfechtbar erscheint mir der Grundsatz doch nicht; denn eine lokalisierte Erzählung kann durchaus mythisch sein, während ihr Vorbild ein wirkliches Ereignis war. Das Lied erzählt uns, dass Rákóczys gesamte Heermacht beim Ansturm der unbedeutenden bosnischtürkischen Truppenabteilung vom panischen Schreck ergriffen in heller Flucht zerstiebt und ganz Siebenbürgen kläglich unterlegen sei. Die Berichte zeitgenössischer Chronisten, sowohl christlicher als türkischer wissen dagegen von einem ziemlich hartnäckigen Widerstande der Magyaren und Deutschen zu berichten. Der Schilderung des Guslaren entspräche eher die Mut- und Kopflosigkeit der 20,000 Griechen, die von heilloser Angst befallen nach Larissa und von Larissa samt der unkriegerischen Bevölkerung bei Nacht nach Pharsalos und Volo flüchteten. Nun, einen fast gleichen Fall verzeichnet auch die ältere türkische Geschichte, und wir dürfen in unserem Guslarenliede eine Auffrischung der alten Erzählung annehmen. Als im Jahre 1363 das serbische 20,000 Mann starke Heer zwei Tagereisen von Adrianopel an der Marica lagerte, wagte Hadži Ilbeki mit nur 10,000 Mann Osmanen einen nächtlichen Überfall auf das in Sorglosigkeit und Trunkenheit versunkene feindliche Lager. Das Getöse der türkischen Trommeln und Pfeifen, das Schlachtgeschrei ‘Allah! Allah!’ erfüllte die Luft und die Herzen der Christen mit Schrecken; ihn vermehrte die Finsternis der Nacht: »Die Feinde ergriffen, wie wilde Tiere aus ihrem Nachtlager aufgeschreckt, eiligst die Flucht, strömten gegen die Marica hin, schnell wie der Wind hergeht vor der Glut und sanken unter in der Flut,« berichtet der Geschichtschreiber Saeddin.5Ist man bereit, meine Vermutung als begründet gelten zu lassen, so hätte freilich damitMonseurs‘Gesetz’: ‘toute épopée a une base historique’ einen Beleg mehr für seine Richtigkeit gewonnen.Es geht nicht gut an, ein historisches Guslarenlied, das von Ereignissen handelt, die ausserhalb Ungarns wenig bekannt sind, einem internationalen Leserkreis vorzulegen, ohne zumindest in knappen Umrissen die politischen Zustände und Verhältnisse des Gebietes anzudeuten, auf dem sich die folgenschwere Handlung abgewickelt. Folgenschwer, weilein dazumal durchaus von sächsischen Deutschen bewohntes Land gräulich verwüstet und zum Besiedlunggebiet rumänischer, magyarischer und slavischer Einwandererzüge gemacht ward, so, dass der Fortbestand deutschen Volktums in Siebenbürgen bis auf unsere Tage gefährdet erscheint. Ausführliche Belehrung mag man sich aus der Fachliteratur holen, die den Fall Siebenbürgens unter türkische Herrschaft zum Vorwurf hat.6Georg Rákóczy I. starb am 23. Oktober 1648. Es folgte ihm auf dem Fürstenthrone sein schon vor sechs Jahren zum Nachfolger erwählter Sohn Georg Rákóczy II., den der Sultan bestätigte, als er den rückständigen Tribut gezahlt. Rákóczy war siebenundzwanzig Jahre alt und voll des brennendsten Ehrgeizes, der sich durch Kriege gegen die Walachei und Moldau Luft machte und zuletzt im tollkühnen Kampf gegen Polen ihn und das Land ins Verderben stürzte. Wie an Kriegen nach aussen, so ist seine neunjährige Regierung an innerem Hader reich und das sächsische Leben insbesondere hat Menschenalter lang daran zu leiden gehabt.Am 15. Januar 1653 begann zu Weissenburg auf Betreiben Rákóczys ein Landtag, der nichts anderes zu bezwecken schien, als unter dem Vorwande einer Regelung der Privilegien, die protestantischen Sachsen rechtlos zu machen oder sie wenigstens materiell zu vernichten. Die Abgeordneten der Sachsen wehrten sich ihrer Haut so gut sie konnten. »Geldarm,« sprachen sie, »sind wir durch die teueren Jahre worden und volkarm, wegen der vielen unzähligen Erpressungen, so von Tag zu Tag wachsen, wie auch wegen der Pest, so vor sechs Jahren sehr unter uns gehauset.« Bei einer anderen Gelegenheit sagte Rákóczy (am 11. März 1653) zu den Sachsen, die sich auf ihr Privilegium beriefen: »Und wenn Ihr gleich ein Privilegium hättet, wie diese Stube so gross, so werdet Ihr das nicht erhalten, dass die Artikel, so vorwar gemacht sind, sollten aufgehoben werden.« Schon vier Jahre später entschuldigte sich Rákóczy geradezu, freilich als er in schweren Nöten war und die Sachsen gern für sich gewinnen wollte, dass er jenen Beschlüssen beigestimmt.In leichtsinnigem Ehrgeiz hatte nämlich der Fürst 1653 die Moldau, im folgenden Jahr die Walachei mit Krieg überzogen. Noch übermütiger durch das Glück seiner Waffen, verband er sich mit dem König von Schweden gegen Polen, dessen Krone sein lockendes Ziel war. Wider den Willen der Pforte begann er im Januar 1657 den Krieg; nach sechs Monaten lag fast die Hälfte seiner Truppen auf den Schlachtfeldern und mehr als 20 000 waren in die Gefangenschaft geraten. Sechshundert adelige Frauen, in Trauergewänder gekleidet, traten im August vor den Landtag und forderten ihre Gatten, Väter, Brüder. Auch der Tatarenchan war da mit einem langen Verzeichnis der Gefangenen. Die Stände mussten eine Steuer aufschlagen, wollten sie jene nicht im Elend lassen, zwanzig Gulden auf diePforte, auf jeden ungarischen und walachischen Pfarrer zwei Taler, auf die sächsische Geistlichkeit einen Jahrzins. Es ist daher erklärlich, wie den Fürsten bei seiner Rückkehr der Unwille des Landes empfing.Noch mehr wurde Rákóczys Stellung durch den Zorn des Sultans7gefährdet. Wenige Wochen später schickte er Gesandte nach Siebenbürgen mit einem Schreiben nicht an den Fürsten, sondern an die drei Völker des Landes lautend. Böses ahnend rief sie Rákóczy auf den 25. Oktober 1657 nach Weissenburg zusammen. Da las denn der Landtag den Befehl des Sultans, dass Rákóczy, den er, der Sultan, in Siebenbürgen, dem ihm durch Waffengewalt eigenen Lande, zum Fürsten eingesetzt, dieser Würde verlustig sei, weil er treulos und verräterisch geworden und wider der Pforte Willen ihre Erblande und Polen mit Krieg heimgesucht. Darum solle das Land sofort und ohne Aufschub einen neuen Fürsten wählen, dieweil der Pascha von Ofen bereits im Felde sei, um jeden Abfall und Ungehorsam zu strafen. Die türkischen Abgeordneten, »feine Leute«, setzten hinzu, falls die Wahl nicht sogleich vorgenommen würde, werde der Sultan »das Land zu Asche und Staub machen und den Winden heimbefehlen.«Am 2. November wurdeFranz Rhedeizum Fürsten gewählt.Das Menschenalter, das nach Rákóczys II. erzwungener Abdankung blutig vorüberrauschte, gehört zu den jammervollsten der vaterländischen Geschichte, bemerkt mit RechtTeutsch, der ausgezeichnete Geschichtschreiber Siebenbürgens, dessen Werke wir auch nachstehende treffliche Angaben verdanken; nicht nur, dass es »überreich an Unfällen, voll verderblicher Schlachten, voll Zwiespalt und Aufruhr, selbst im Frieden entsetzlich« — auch zu anderen Zeiten hat den Boden Siebenbürgens das Blut seiner Söhne getränkt und das Recht unter dem Fusstritt der Gewaltgeseufzt: das ist das Erdrückende in jenen Jahrzehnten, dass sie nicht einen wahrhaft grossen Mann besitzen, nicht ein wahrhaft grosser Gedanke in ihnen lebt, dass nur Mittelmässigkeit und Willenlosigkeit darin das Leben erfüllt, und selbst die Keime späterer, besserer Gestaltung der Landzustände ihren Ursprung nicht der schöpferischen Geistkraft jener, die an der Spitze standen, verdanken, sondern der zwingenden Gewalt der Notwendigkeit.Der türkische Einfluss hatte in Siebenbürgen seinen Höhepunkt erreicht. Der Sultan sprach es offen aus, es sei sein Erbland; ebensounverhohlenerklärten die Stände, dass es nächst Gott von der Bewerbung um die Gunst der Türken abhänge.Als die siebenbürgischen Stände nach Franz Rhedeis Wahl den Hof in Konstantinopel baten, er möge Rákóczyn wieder seine Gunst zuwenden, sah das Köprülü für Treulosigkeit an und forderte die Grenzfestung Jenö. Rákóczy ergriff die Gelegenheit mit Freuden, erklärte sich zum Verteidiger des Landes und für den rechtmässigen Fürsten und forderte die Ungarn, Szekler und Sachsen zum Kampf gegen die Türken auf. Rhedei rief hierauf einen Landtag nach Mediasch zusammen; an der Spitze von schnell aufgestandenen Szeklerhaufen kam unerwartet auch Rákóczy hin (25. Januar 1658); »ich will Fürst sein oder hier vergehen und mein Leben lassen«, hatte er hingeschrieben; unter drohender Waffengewalt und täglichen Gelagen, die die Betäubung der Sinne bis in die Landtagversammlungen verlängerten, wurde Rákóczy wieder als Fürst anerkannt. Rhedei kehrte auf seine Güter nach Ungarn zurück. Da entbrannte der Zorn der Pforte, der bisher nur Rákóczyn gegolten, auch über das arme Land. Der Grossvezier brach mit hunderttausend Mann auf und lagerte vor Jenö, der Tatarenchan, der Pascha von Silistria, die Vojvoden der Moldau und Walachei fielen anfangs August mit zahllosen Heerhaufen ins Burzenland ein; der Brand von Zaizon und die Plünderung der Siebendörfer verkündeten ihre Ankunft. Silberne Giesskannen und 1 600 Reichtaler wandten im ersten Augenblick den Zorn der feindlichen Häupter von Kronstadt; nachts darauf kaufte der RichterMichael Hermannmit 20 000 Talern die Stadt von Mord und Brand frei. Tartlau, Honigberg, Petersberg wurden verbrannt. Am 11. August brannten die Tataren am hellen Mittag Neustatt und Weidenbach, tags darauf Zeiden und Rosenau nieder; allerorts wurden die Einwohner gefangen, gebunden, misshandelt; wer durch die Schärfe des Schwertes fiel, konnte noch glücklich gepriesen werden. Bei der steinernen Brücke vor Blumenau war Menschenmarkt; um zehn Taler verkauften sie Ältere, um vier Hufeisen war eines Kindes Leben feil; was nicht aufging, wurde in die Sklaverei geschleppt oder in Stücke gehauen. Über den weiteren Verlauf dieser Plünderungen spricht sichTeutschim gedachten Werke II. 223 ff. aus.Den Hauptschlag gegen Siebenbürgen führten die Türken im September 1659 aus. Kurz vorher hatte der Vezier von Ofen dem Lande geschrieben: »Gott sei eueren Unternehmungen günstig! Wenn Ihr jedoch auf die truglistigen Worte Rákóczys abfällt, so wird keiner von Euch entkommen; samt Weib und Kind werdet Ihr mit eisernen Ketten an die Sklaverei geschmiedet und alle Eure Güter der Plünderung preisgegeben werden, das glaubet mir sicherlich. Ihr wisst, was im vergangenen Jahr in Siebenbürgen geschehen ist und wisst auch, was der strenge Zorn des mächtigen Kaisers und die Schärfe seines glanzvollen Schwertes bedeutet. So lasset Euch durch die Worte der Teufelsöhne nicht zum Abfall bringen und werdet nicht Urheber der Verwüstung Eures Landes. Unser Segen und Gruss sei mit Euch.«Im November 1659 wurde Rákóczy bei Déva von Sari Husein, dem Bruder Ziawušpaschas, dem Sandžak von Erlau, und von Sidi Ahmed, dem Statthalter von Ofen, geschlagen, hatte sich nach Szászváros (Broos) geflüchtet, dreitausendsiebenhundert der Seinigen auf dem Kampfplatze, sechzig Fahnen und sieben Feldstücke in der Sieger Hände gelassen. Im folgenden Frühjahre (16. April 1660) wurde Seid Ali zu Adrianopel feierlich als Serdar wider Siebenbürgen eingekleidet, und nach Belgrad mit der Weisung, dort die weiteren Befehle zu erwarten, gesandt, der Zagardžibaschi und fünfzehn Regimenter Janičaren unter seine Befehle gestellt. Rákóczy hatte auf die Nachricht von Sidi Achmeds Anzuge die Belagerung von Hermannstadt aufgehoben und mit Aufgebot aller Waffenfähigen Klausenburg erreicht, wo er zwischen Kapus und Gyalu lagerte. Am rechten Ufer der Szamos, zwischen Klausenburg und Szamosfalva, kam es zur Schlacht, in welcher Rákóczy geschlagen und schwer verwundet, am achtzehnten Tage darnach auf der Burg von Grosswardein starb. Viertausend von Rákóczys Niederlage eingesandter Köpfe wurden zu Adrianopel von Griechen und Armeniern auf Spiessen im Triumphe einhergetragen, vor die Füsse des Grossveziers geworfen, der darüber ritt, und dann den Hunden zum Frass geboten.Das Lied sang mir am 9. Mai 1885 der GuslarHalil Marićim Dörfchen Ravčići bei Mostar, dem ich auch die erste Fassung des »Fräuleins von Kanizsa« (inAnton HerrmannsEthnolog. Mitt. aus Ungarn B. IV u. V abgedruckt) verdanke. Dort gab ich auch eine Lebenbeschreibung dieses ausgezeichnet tüchtigen Guslaren. Beim Vortrag rast und tobt er, wie ein Besessener. Er sitzt dabei auf flacher Erde, die Guslen zwischen den Beinen, und rutscht allmählich von der Wand bis zur Zimmermitte vor. Er lebt in solcher Verzückung das Lied förmlich seelisch mit durch. Er kann aber auch ohne solche mimische undGesangungeheuerlichkeit vortragen. Ich bestellte ihn später nach Mostar, wo ich im Hotel an einem Tische nach unserer Art bequem sitzend ruhige Rezitationen aus seinem Munde aufnahm. Er passt dabei freilich wie ein Haftelmacher auf, um keine Zeile zu überspringen. Džanüms Heerzug erlernte er noch als Knabe (etwa in den Jahren 1830–35) von einem Guslaren, dessen er sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte. Er wusste nur soviel noch, dass jener ein Frächter (kiridžija) aus dem Nikšićer Džemat (Bezirk) gewesen, der Erwerbes halber mit seinen Pferden Güter aus Sarajevo nach dem Herzogtume zu befördern pflegte. Ich erzählte Halilen von seinem KunstgenossenAlija Cigo(Zigeunerlein), einem slavisierten Tataren in Pazarići, der mir das Lied von Köprülüs Vezierschaft gesungen. Er sagte darauf: ‘Ich kenne ihn und kenne das Lied, aber ich wüsste dir noch ein besseres zu singen.’ Er meinte das vorliegende, das ich sodann aufzeichnete. Wahrscheinlich führt auch Halil Alija Cigos Lied im eigenen Vorrat; denn in beiden Stücken decken sich gewisse Redewendungen und Zeilen derart, dass man ohne bestimmte Kenntnis des Sachverhaltes annehmen müsste, dass beide von ein und demselben Guslaren herrühren. Möglich ist’s, dass sowohl Alija der Tatar als Halil Marić den gleichen Guslaren zum »Lehrer« gehabt.Für Halilen war die Hauptsache in der ganzen Geschichte die aussergewöhnlich grosse Beute und unerhörte Karrière Džanüms. Darnach führt das Lied bei ihm nachfolgenden Titel:
Haben Guslarenlieder einen geschichtlichen Wert? Ja oder nein? Wenn wir uns über den Begriff Geschichte einigen, werden wir den geschichtlichen Wert solcher Texte hoch veranschlagen. Darauf allein kommt es an, was wir aus der Geschichte schöpfen wollen. Suchen wir grosse Namen, Jahrzahlen, diplomatische Verhandlungen, historisch-politische, statistische und ökonomische Daten, dann können wir Guslarenlieder bei Seite lassen. Wir suchen etwas ganz anderes. Wir suchen nicht einmal nach grammatischen Regeln, unser Ziel und Zweck ist anders geartet. Schonvor mehr denn 70 Jahren würdigteJ. von Hammer-Purgstall1dichterische Quellen von einem höheren, dem unseren verwandten Gesichtpunkte aus, indem er die Worte niederschrieb: »Die Dichterwerke eines Volkes sind nicht bloss für zergliedernde Prosaiker da, welche den Leib des Osiris zerstücken, oder für silbenmessende Prosodiker, welche virgilianisches Los nur in Silben stechen, sie sind nicht bloss als anatomische Leichname dem Skalpell haarspaltender Grammatiker und versespaltender Variantensammler Preis gegeben; die Poesie eines Volkes ist der treueste Spiegel seines Geistes,Gemütes, Genius und Charakters, sie ist die Flamme des heiligen Feuers der Bildung, Gesittung und Religion, welche von dem Altare der Menschheit zum Himmel auflodert.«
Diesen geschichtlichen Spiegel suchen wir. Ist er aber auch so, dass er uns echte und zuverlässige Bilder zeigt? Unsere Forschungweise spricht dafür. Zum Überfluss bekräftigt uns in unserer Auffassung ein wahrer, grosser Dichter, dem man in dieser Frage ein berechtigtes Urteil kaum absprechen dürfte. Es ist diesHeinrich Heine: »Die Geschichte wird nicht von den Dichtern verfälscht. Sie geben den Sinn ganz treu, und sei es auch durch selbst erfundene Gestalten und Umstände. Es gibt Völker, denen nur auf diese Dichterart ihre Geschichte überliefert worden, z. B. die Inder. Dennoch geben Gesänge, wie der Mahabharata den Sinn indischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Kompendiumschreiber mit all seinen Jahrzahlen.«2
Damit ist auch der Hauptgrund festgestellt, warum wir uns im grossen und ganzen um die Chronologie der pragmatischen Geschichtschreiber wenig zu bekümmern brauchen. Uns ist die historische Persönlichkeit zumeist gleichgültig, wie gewöhnlich auch den grossen Dichtern, wobei man keinen tiefgehenden Unterschied zwischen Volkdichtern und Kunstdichtern zu machen hat. Ich betone dies, weil ich mich mit den BemerkungenEugen Monseurs, in seiner Besprechung3einer meiner Schriften nicht in allem einverstanden erklären kann. Er sagt nämlich:»[ce texte] fait admirablement comprendre, que le point de départ de tout développement épique est la chanson populaire contemporaine des événements. Comme les Kablyles d’aujourd’hui, comme les Grecs du temps passé, les Bosniaques du 17esiecle ont chanté les prouesses des héros au fur et à mesure qu’elles s’accomplissaient. Il y a là une loi du genre. Toute épopée a une base historique; nous connaissons la date de la mort de Roland et si nous ignorons celle de la mort de Patrocle, c’est peut-être simplement parce que l’époque homérique ne nous a laissé ni chronique, ni inscription.«
Von den Guslarenliedern hat manches eine historische Grundlage, die Mehrzahl dagegen geht ihrem Kerne nach auf freie Erfindung zurück, die dem literarisch ungebildeten Dichter, nicht minder als dem hochgeschulten Kunstdichter zu eigen ist. Was liegt uns endlich an der Kenntnis des Sterbetages eines Patroklos?! Das nachfolgende Guslarenlied beruht z. B. wohl auf einem geschichtlichen Ereignis, auf der Eroberung Siebenbürgens durch die Türken, doch von dem im Liede gefeierten Haupthelden weiss die Buchgeschichte rein nichts zu sagen, und sogar der Guslar kennt nicht einmal seinen Namen! Džanan (Arab.-türk. džanym, mein Liebster, meine Seele, von Arab. džan, Seele, Atem, Hauch) ist bloss ein Kosewort! Ja, man kann sogar die Schilderung des Heldenstreiches Džanüms für eine Mythe betrachten. Es spricht sehr vieles dafür, dass wir in dieser Episode nur eine Sage in slavisierter Dichtung vor uns haben. Die Persönlichkeit solcher Helden ist meist nicht anders denn als die Verkörperung des Ideals vom Heldentum zu begreifen.
Wir wären nicht besser daran, hätte uns der Guslar statt Džanüm irgend einen möglichen und wirklichen Namen geboten. Besagt uns vielleicht ein Michabo der Algonkins, ein Ioskeha der Irokesen, ein Tamoi der Kariben, ein Itzamna der Mayas etwas von geschichtlichem Belang?D. G. Brintonsbezüglich Betrachtung4gilt mutatis mutandis auch für die Helden der Guslarenlieder: »It is not always easy to pronounce upon these heroes, whether they belong to history or mythology, their nationspoetry or its prose. In arriving at a conclusion we must remember that a fiction built on an idea is infinitely more tenacious of life than a story founded on fact. Further, that if a striking similarity in the legends of two such heroes be discovered under circumstances which forbid the thought that one was derived from the other, then both are probably mythical. If this is the case in not two but in half a dozen instances, then the probability amounts to a certainty, and the only task remaining is to explain such narratives on consistent mythological principles.«
So ganz unanfechtbar erscheint mir der Grundsatz doch nicht; denn eine lokalisierte Erzählung kann durchaus mythisch sein, während ihr Vorbild ein wirkliches Ereignis war. Das Lied erzählt uns, dass Rákóczys gesamte Heermacht beim Ansturm der unbedeutenden bosnischtürkischen Truppenabteilung vom panischen Schreck ergriffen in heller Flucht zerstiebt und ganz Siebenbürgen kläglich unterlegen sei. Die Berichte zeitgenössischer Chronisten, sowohl christlicher als türkischer wissen dagegen von einem ziemlich hartnäckigen Widerstande der Magyaren und Deutschen zu berichten. Der Schilderung des Guslaren entspräche eher die Mut- und Kopflosigkeit der 20,000 Griechen, die von heilloser Angst befallen nach Larissa und von Larissa samt der unkriegerischen Bevölkerung bei Nacht nach Pharsalos und Volo flüchteten. Nun, einen fast gleichen Fall verzeichnet auch die ältere türkische Geschichte, und wir dürfen in unserem Guslarenliede eine Auffrischung der alten Erzählung annehmen. Als im Jahre 1363 das serbische 20,000 Mann starke Heer zwei Tagereisen von Adrianopel an der Marica lagerte, wagte Hadži Ilbeki mit nur 10,000 Mann Osmanen einen nächtlichen Überfall auf das in Sorglosigkeit und Trunkenheit versunkene feindliche Lager. Das Getöse der türkischen Trommeln und Pfeifen, das Schlachtgeschrei ‘Allah! Allah!’ erfüllte die Luft und die Herzen der Christen mit Schrecken; ihn vermehrte die Finsternis der Nacht: »Die Feinde ergriffen, wie wilde Tiere aus ihrem Nachtlager aufgeschreckt, eiligst die Flucht, strömten gegen die Marica hin, schnell wie der Wind hergeht vor der Glut und sanken unter in der Flut,« berichtet der Geschichtschreiber Saeddin.5
Ist man bereit, meine Vermutung als begründet gelten zu lassen, so hätte freilich damitMonseurs‘Gesetz’: ‘toute épopée a une base historique’ einen Beleg mehr für seine Richtigkeit gewonnen.
Es geht nicht gut an, ein historisches Guslarenlied, das von Ereignissen handelt, die ausserhalb Ungarns wenig bekannt sind, einem internationalen Leserkreis vorzulegen, ohne zumindest in knappen Umrissen die politischen Zustände und Verhältnisse des Gebietes anzudeuten, auf dem sich die folgenschwere Handlung abgewickelt. Folgenschwer, weilein dazumal durchaus von sächsischen Deutschen bewohntes Land gräulich verwüstet und zum Besiedlunggebiet rumänischer, magyarischer und slavischer Einwandererzüge gemacht ward, so, dass der Fortbestand deutschen Volktums in Siebenbürgen bis auf unsere Tage gefährdet erscheint. Ausführliche Belehrung mag man sich aus der Fachliteratur holen, die den Fall Siebenbürgens unter türkische Herrschaft zum Vorwurf hat.6
Georg Rákóczy I. starb am 23. Oktober 1648. Es folgte ihm auf dem Fürstenthrone sein schon vor sechs Jahren zum Nachfolger erwählter Sohn Georg Rákóczy II., den der Sultan bestätigte, als er den rückständigen Tribut gezahlt. Rákóczy war siebenundzwanzig Jahre alt und voll des brennendsten Ehrgeizes, der sich durch Kriege gegen die Walachei und Moldau Luft machte und zuletzt im tollkühnen Kampf gegen Polen ihn und das Land ins Verderben stürzte. Wie an Kriegen nach aussen, so ist seine neunjährige Regierung an innerem Hader reich und das sächsische Leben insbesondere hat Menschenalter lang daran zu leiden gehabt.
Am 15. Januar 1653 begann zu Weissenburg auf Betreiben Rákóczys ein Landtag, der nichts anderes zu bezwecken schien, als unter dem Vorwande einer Regelung der Privilegien, die protestantischen Sachsen rechtlos zu machen oder sie wenigstens materiell zu vernichten. Die Abgeordneten der Sachsen wehrten sich ihrer Haut so gut sie konnten. »Geldarm,« sprachen sie, »sind wir durch die teueren Jahre worden und volkarm, wegen der vielen unzähligen Erpressungen, so von Tag zu Tag wachsen, wie auch wegen der Pest, so vor sechs Jahren sehr unter uns gehauset.« Bei einer anderen Gelegenheit sagte Rákóczy (am 11. März 1653) zu den Sachsen, die sich auf ihr Privilegium beriefen: »Und wenn Ihr gleich ein Privilegium hättet, wie diese Stube so gross, so werdet Ihr das nicht erhalten, dass die Artikel, so vorwar gemacht sind, sollten aufgehoben werden.« Schon vier Jahre später entschuldigte sich Rákóczy geradezu, freilich als er in schweren Nöten war und die Sachsen gern für sich gewinnen wollte, dass er jenen Beschlüssen beigestimmt.
In leichtsinnigem Ehrgeiz hatte nämlich der Fürst 1653 die Moldau, im folgenden Jahr die Walachei mit Krieg überzogen. Noch übermütiger durch das Glück seiner Waffen, verband er sich mit dem König von Schweden gegen Polen, dessen Krone sein lockendes Ziel war. Wider den Willen der Pforte begann er im Januar 1657 den Krieg; nach sechs Monaten lag fast die Hälfte seiner Truppen auf den Schlachtfeldern und mehr als 20 000 waren in die Gefangenschaft geraten. Sechshundert adelige Frauen, in Trauergewänder gekleidet, traten im August vor den Landtag und forderten ihre Gatten, Väter, Brüder. Auch der Tatarenchan war da mit einem langen Verzeichnis der Gefangenen. Die Stände mussten eine Steuer aufschlagen, wollten sie jene nicht im Elend lassen, zwanzig Gulden auf diePforte, auf jeden ungarischen und walachischen Pfarrer zwei Taler, auf die sächsische Geistlichkeit einen Jahrzins. Es ist daher erklärlich, wie den Fürsten bei seiner Rückkehr der Unwille des Landes empfing.
Noch mehr wurde Rákóczys Stellung durch den Zorn des Sultans7gefährdet. Wenige Wochen später schickte er Gesandte nach Siebenbürgen mit einem Schreiben nicht an den Fürsten, sondern an die drei Völker des Landes lautend. Böses ahnend rief sie Rákóczy auf den 25. Oktober 1657 nach Weissenburg zusammen. Da las denn der Landtag den Befehl des Sultans, dass Rákóczy, den er, der Sultan, in Siebenbürgen, dem ihm durch Waffengewalt eigenen Lande, zum Fürsten eingesetzt, dieser Würde verlustig sei, weil er treulos und verräterisch geworden und wider der Pforte Willen ihre Erblande und Polen mit Krieg heimgesucht. Darum solle das Land sofort und ohne Aufschub einen neuen Fürsten wählen, dieweil der Pascha von Ofen bereits im Felde sei, um jeden Abfall und Ungehorsam zu strafen. Die türkischen Abgeordneten, »feine Leute«, setzten hinzu, falls die Wahl nicht sogleich vorgenommen würde, werde der Sultan »das Land zu Asche und Staub machen und den Winden heimbefehlen.«
Am 2. November wurdeFranz Rhedeizum Fürsten gewählt.
Das Menschenalter, das nach Rákóczys II. erzwungener Abdankung blutig vorüberrauschte, gehört zu den jammervollsten der vaterländischen Geschichte, bemerkt mit RechtTeutsch, der ausgezeichnete Geschichtschreiber Siebenbürgens, dessen Werke wir auch nachstehende treffliche Angaben verdanken; nicht nur, dass es »überreich an Unfällen, voll verderblicher Schlachten, voll Zwiespalt und Aufruhr, selbst im Frieden entsetzlich« — auch zu anderen Zeiten hat den Boden Siebenbürgens das Blut seiner Söhne getränkt und das Recht unter dem Fusstritt der Gewaltgeseufzt: das ist das Erdrückende in jenen Jahrzehnten, dass sie nicht einen wahrhaft grossen Mann besitzen, nicht ein wahrhaft grosser Gedanke in ihnen lebt, dass nur Mittelmässigkeit und Willenlosigkeit darin das Leben erfüllt, und selbst die Keime späterer, besserer Gestaltung der Landzustände ihren Ursprung nicht der schöpferischen Geistkraft jener, die an der Spitze standen, verdanken, sondern der zwingenden Gewalt der Notwendigkeit.
Der türkische Einfluss hatte in Siebenbürgen seinen Höhepunkt erreicht. Der Sultan sprach es offen aus, es sei sein Erbland; ebensounverhohlenerklärten die Stände, dass es nächst Gott von der Bewerbung um die Gunst der Türken abhänge.
Als die siebenbürgischen Stände nach Franz Rhedeis Wahl den Hof in Konstantinopel baten, er möge Rákóczyn wieder seine Gunst zuwenden, sah das Köprülü für Treulosigkeit an und forderte die Grenzfestung Jenö. Rákóczy ergriff die Gelegenheit mit Freuden, erklärte sich zum Verteidiger des Landes und für den rechtmässigen Fürsten und forderte die Ungarn, Szekler und Sachsen zum Kampf gegen die Türken auf. Rhedei rief hierauf einen Landtag nach Mediasch zusammen; an der Spitze von schnell aufgestandenen Szeklerhaufen kam unerwartet auch Rákóczy hin (25. Januar 1658); »ich will Fürst sein oder hier vergehen und mein Leben lassen«, hatte er hingeschrieben; unter drohender Waffengewalt und täglichen Gelagen, die die Betäubung der Sinne bis in die Landtagversammlungen verlängerten, wurde Rákóczy wieder als Fürst anerkannt. Rhedei kehrte auf seine Güter nach Ungarn zurück. Da entbrannte der Zorn der Pforte, der bisher nur Rákóczyn gegolten, auch über das arme Land. Der Grossvezier brach mit hunderttausend Mann auf und lagerte vor Jenö, der Tatarenchan, der Pascha von Silistria, die Vojvoden der Moldau und Walachei fielen anfangs August mit zahllosen Heerhaufen ins Burzenland ein; der Brand von Zaizon und die Plünderung der Siebendörfer verkündeten ihre Ankunft. Silberne Giesskannen und 1 600 Reichtaler wandten im ersten Augenblick den Zorn der feindlichen Häupter von Kronstadt; nachts darauf kaufte der RichterMichael Hermannmit 20 000 Talern die Stadt von Mord und Brand frei. Tartlau, Honigberg, Petersberg wurden verbrannt. Am 11. August brannten die Tataren am hellen Mittag Neustatt und Weidenbach, tags darauf Zeiden und Rosenau nieder; allerorts wurden die Einwohner gefangen, gebunden, misshandelt; wer durch die Schärfe des Schwertes fiel, konnte noch glücklich gepriesen werden. Bei der steinernen Brücke vor Blumenau war Menschenmarkt; um zehn Taler verkauften sie Ältere, um vier Hufeisen war eines Kindes Leben feil; was nicht aufging, wurde in die Sklaverei geschleppt oder in Stücke gehauen. Über den weiteren Verlauf dieser Plünderungen spricht sichTeutschim gedachten Werke II. 223 ff. aus.
Den Hauptschlag gegen Siebenbürgen führten die Türken im September 1659 aus. Kurz vorher hatte der Vezier von Ofen dem Lande geschrieben: »Gott sei eueren Unternehmungen günstig! Wenn Ihr jedoch auf die truglistigen Worte Rákóczys abfällt, so wird keiner von Euch entkommen; samt Weib und Kind werdet Ihr mit eisernen Ketten an die Sklaverei geschmiedet und alle Eure Güter der Plünderung preisgegeben werden, das glaubet mir sicherlich. Ihr wisst, was im vergangenen Jahr in Siebenbürgen geschehen ist und wisst auch, was der strenge Zorn des mächtigen Kaisers und die Schärfe seines glanzvollen Schwertes bedeutet. So lasset Euch durch die Worte der Teufelsöhne nicht zum Abfall bringen und werdet nicht Urheber der Verwüstung Eures Landes. Unser Segen und Gruss sei mit Euch.«
Im November 1659 wurde Rákóczy bei Déva von Sari Husein, dem Bruder Ziawušpaschas, dem Sandžak von Erlau, und von Sidi Ahmed, dem Statthalter von Ofen, geschlagen, hatte sich nach Szászváros (Broos) geflüchtet, dreitausendsiebenhundert der Seinigen auf dem Kampfplatze, sechzig Fahnen und sieben Feldstücke in der Sieger Hände gelassen. Im folgenden Frühjahre (16. April 1660) wurde Seid Ali zu Adrianopel feierlich als Serdar wider Siebenbürgen eingekleidet, und nach Belgrad mit der Weisung, dort die weiteren Befehle zu erwarten, gesandt, der Zagardžibaschi und fünfzehn Regimenter Janičaren unter seine Befehle gestellt. Rákóczy hatte auf die Nachricht von Sidi Achmeds Anzuge die Belagerung von Hermannstadt aufgehoben und mit Aufgebot aller Waffenfähigen Klausenburg erreicht, wo er zwischen Kapus und Gyalu lagerte. Am rechten Ufer der Szamos, zwischen Klausenburg und Szamosfalva, kam es zur Schlacht, in welcher Rákóczy geschlagen und schwer verwundet, am achtzehnten Tage darnach auf der Burg von Grosswardein starb. Viertausend von Rákóczys Niederlage eingesandter Köpfe wurden zu Adrianopel von Griechen und Armeniern auf Spiessen im Triumphe einhergetragen, vor die Füsse des Grossveziers geworfen, der darüber ritt, und dann den Hunden zum Frass geboten.
Das Lied sang mir am 9. Mai 1885 der GuslarHalil Marićim Dörfchen Ravčići bei Mostar, dem ich auch die erste Fassung des »Fräuleins von Kanizsa« (inAnton HerrmannsEthnolog. Mitt. aus Ungarn B. IV u. V abgedruckt) verdanke. Dort gab ich auch eine Lebenbeschreibung dieses ausgezeichnet tüchtigen Guslaren. Beim Vortrag rast und tobt er, wie ein Besessener. Er sitzt dabei auf flacher Erde, die Guslen zwischen den Beinen, und rutscht allmählich von der Wand bis zur Zimmermitte vor. Er lebt in solcher Verzückung das Lied förmlich seelisch mit durch. Er kann aber auch ohne solche mimische undGesangungeheuerlichkeit vortragen. Ich bestellte ihn später nach Mostar, wo ich im Hotel an einem Tische nach unserer Art bequem sitzend ruhige Rezitationen aus seinem Munde aufnahm. Er passt dabei freilich wie ein Haftelmacher auf, um keine Zeile zu überspringen. Džanüms Heerzug erlernte er noch als Knabe (etwa in den Jahren 1830–35) von einem Guslaren, dessen er sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte. Er wusste nur soviel noch, dass jener ein Frächter (kiridžija) aus dem Nikšićer Džemat (Bezirk) gewesen, der Erwerbes halber mit seinen Pferden Güter aus Sarajevo nach dem Herzogtume zu befördern pflegte. Ich erzählte Halilen von seinem KunstgenossenAlija Cigo(Zigeunerlein), einem slavisierten Tataren in Pazarići, der mir das Lied von Köprülüs Vezierschaft gesungen. Er sagte darauf: ‘Ich kenne ihn und kenne das Lied, aber ich wüsste dir noch ein besseres zu singen.’ Er meinte das vorliegende, das ich sodann aufzeichnete. Wahrscheinlich führt auch Halil Alija Cigos Lied im eigenen Vorrat; denn in beiden Stücken decken sich gewisse Redewendungen und Zeilen derart, dass man ohne bestimmte Kenntnis des Sachverhaltes annehmen müsste, dass beide von ein und demselben Guslaren herrühren. Möglich ist’s, dass sowohl Alija der Tatar als Halil Marić den gleichen Guslaren zum »Lehrer« gehabt.
Für Halilen war die Hauptsache in der ganzen Geschichte die aussergewöhnlich grosse Beute und unerhörte Karrière Džanüms. Darnach führt das Lied bei ihm nachfolgenden Titel: