Es ist dies bloss eine andere Fassung des Liedes von ‘Džanüms Heerzug’, mit besonderer Überschrift der Unterscheidung halber. Der ‘Fall’ erfordert einen Abdruck, weil er uns einen wichtigen Anhalt für einen einzunehmenden Gesichtpunkt bei Beurteilung von Varianten epischer Lieder an die Hand gibt und zugleich einen Einblick mehr in deren Entwicklunggang vermitteln kann. Vor dem Heerzug hat er vor allem eine grössere geschichtliche Treue voraus, steht ihm dagegen an dichterischer Gestaltung und Ausschmückung der Handlung, an Schwung der Darstellung und sprachlicher Formenschönheit im einzelnen nach.Eine Vergleichung beider Stücke nach ihrem Aufbau zeigt trotz nicht unerheblicher Verschiedenheit des Berichtes an mehreren Stellen, offenkundig, dass ihnen ursprünglich nur eine einzige Dichtung eines Guslaren zu Grunde gelegen sein muss. Die Abweichungen sind das Ergebnis der voneinander unabhängig erfolgten Verzweigung in der Überlieferung, die in zwei wohl benachbarten, doch voneinander immerhin etwas verschiedenen Gebieten schon zwei Jahrhunderte bis zu einer endlichen und zufälligen Niederschrift überdauert hat.Wir wissen genau, dass sich die kriegerische Entscheidung, die dem Lied zum Vorwurf dient, im Monate April 1660 abgewickelt hat. Im selben Jahre ist unzweifelhaft unter dem lebhaften Eindruck der Ereignisse auch die Erzählung des Teilnehmers, des ersten Guslaren-Dichters entstanden, die er nach seiner Heimkehr den Volkgenossen zum besten gab. Wie uns die Guslarenlieder lehren, gehören die Sänger vollbrachter Heldentaten gewöhnlich dem Leibgefolge des Anführers an, dessen Ruhm und Ehre der Mit- und Nachwelt verkündet werden musste. Džanüm war ein Bosnier aus Sarajevo und der Guslar dürfte auch ein Bosnier gewesen sein. Stammte er aus dem Herzogtume, würde er es gewiss nicht unterlassen haben, irgend einen herzögischen Rottenhauptmann und dessen Bann im Liede mit zu verherrlichen. Für unseren verschollenen Guslaren gibt es aber kaum dem Namen nach ein Herzogtum!Zwischen den Bosniern und Herzogländern kommt sogar in der epischen Poesie die freundnachbarliche Unverträglichkeit (der blason populaire) ab und zu zum Ausdruck. Im Alltagleben sagt der eine demandern alles Böse und Lächerliche gerne nach, und im Liede spinnt der Dichter die anerzogene Gehässigkeit durch Verschweigen der Leistungen des geographischen Anrainers weiter fort, wenn er ihn schon in Ehren nicht nennen mag.Den »Heerzug« griff ich im Herzogtum vom GuslarenHalil Marićauf, dessen Lehrmeister in Nikšić daheim war in einer Gegend, die jetzt zu Montenegro gehört, der »Fall« rührt aber von einem Guslaren namensIbrahim Derviševićher, einem Bosnier aus dem Dörfchen Koraj im Savelande (unweit Brčka). Räumlich sind Halil und Ibrahim mehr als tausend Kilometer von einander entfernt und sie standen auch nie miteinander in irgend einem Verkehre. Nicht diese zwei unwissenden Menschen, sondern allein die Lieder können uns einen Aufschluss über die Überlieferung gewähren. Wir haben zwei Fassungen vor uns, von denen jede »gut« ist, wie Guslaren sagen würden. Jede unterlag naturgemäss Veränderungen im Zeitenlaufe, doch die einschneidende Veränderung ging da und dort nicht allein von einem Manne, sondern allmählich von den vielen aus, die Erhalter der Lieder waren. Die Erfahrung lehrte mich erkennen, dass der Empfänger eines Liedes erst mit Kleinigkeiten zu ändern beginnt und sich zumindest selten mit ausgesprochener Absicht Umgestaltungen herausnimmt. Er hat hierin sogar die Kontrolle aus der Mitte der Zuhörerschaft zu beachten. Willkürlich springt er mit dem Stoffe keineswegs um, solange als es Leute in seiner Umgebung gibt, die ihn durch eine Richtigstellung vor den Zuhörern beschämen könnten.Die zweite Fassung (der Fall), die sich der ‘historischen’ Wahrheit mehr nähert, steht auch der ursprünglichen Dichtung näher. Sie ist zwar breit, doch poetisch nicht tief, sie gibt einzelne Beobachtungen richtig wieder, die man im ‘Heerzug’ nicht mehr vorfindet, aber sie erhebt sich in ihrer Ganzheit nicht über die durchschnittliche, handwerkmässige Darstellungweise des moslimischen Guslaren. Der Bosnier, der die im Lande bestehenden politischen Verhältnisse besser als ein Herzogländer inne haben musste, schildert sie dem entsprechend auch besser, wahrheitgemässer. Er weiss wohl, dass der Vali (Gouverneur) zu Travnik sitzt und die erste Persönlichkeit im Lande ist und dass der Stadthauptmann von Sarajevo unbedingt zu dessen Untergebenen zählt. Die Mobilisierungorder kann vom Grossvezier nur an den Vali gelangen, und der allein erteilt im Lande weitere Weisungen aus. Das Bosna-Aufgebot sammelt sich nicht zu Sarajevo, sondern zu Travnik, und nicht Džanan, der Rottenhauptmann, sondern der türkische Oberbefehlhaber ist Herr und Gebieter. So erscheint das Lied letztlich nur als eine mit etwas »orientalischer Phantasie« ausgeschmückte Schilderung eines kühnen, und für die Unternehmer pyrrhisch siegreich abgelaufenen, Handstreiches der bosnischen Avantgarde. Diesem Guslaren stehen die surroundings zu nahe,als dass er sie in volle poetische Beleuchtung stellen und nach Belieben abändern könnte, ohne Anstoss zu erregen. Man darf daraus die Norm ableiten, dass je näher ein Guslarenlied den Ereignissen und dem Ursprungorte steht, desto geringer seine freie poetische Gestaltung sein muss, und nicht nur dies allein, sondern auch desto geringeren Gewinn bietet es uns für die Volkforschung dar. Sobald die historischen Ereignisse zu verblassen und sich zu verflüchtigen anfangen, beginnt erst recht die eigentliche schöpferische Tätigkeit des Volkdichters, tauchen die Nebenerscheinungen des allgemeinen sozialen Milieus kräftiger empor; das Geranke überwuchert den Stamm; der Dichter verherrlicht dann nicht so sehr den historischen Helden als sich und seine Umgebung, das Empfinden, Denken und die Lebensweise des Volkes, für das er singt. Und das Volk findet an dem derart umgestalteten Berichte ein höheres ethisches Genügen, als an einer Erzählung von Heldentaten, deren einstigen Zusammenhang mit politischen Vorkommnissen und deren geschichtliche Folgen es unmöglich ohne langwierigen, schwer beibringlichen Kommentar begreifen könnte.Der Held als historische Person geht in dieser Entwicklung fast unter, er lebt aber mit seinem Namen im Heldentum fort. Er steigt auf zur dichterischen Verleiblichung aller Eigenschaften im guten und schlimmen Sinne, er wird zum Träger der Rechtanschauungen des Volkes, dem er entsprossen, oder genauer, zum Dolmetsch der Gefühle jener gesellschaftlichen Schicht erhoben, die in seiner Gestalt einen so verfeinerten Ahnenkult hegt und an ihm ein der Nacheiferung würdiges Vorbild haben will.Der Guslar wird damit zum Sprecher des Volkes, wenn er sowohl durch die poetisch sinnfällige Schilderung der Ereignisse als auch durch vollständige Beherrschung der überkommenen Darstellungkunst die höchsten Erwartungen seiner Zuhörer zu befriedigen vermag, ohne dabei mit seiner Individualität störend in den Vordergrund der Erzählung zu rücken. Der Unterschied zwischen ihm und einem abendländisch, literarisch gebildeten Ependichter gipfelt weniger in den Formen der Darstellung als darin, dass er in unmittelbarer und ständiger Fühlung mit dem Kreise steht, für den er dichtet, der andere aber erst durch das Buch oder im günstigsten Falle durch Vorträge in eigens hierzu einberufenen Versammlungen, auf unbekannte, ihm fernstehende Leute einen Eindruck gewinnen muss. Der eine singt und sagt aus der lebendigen Überlieferung und dem Gedankenkreise seiner Umgebung heraus, der andere sucht erst einen Kreis für sein persönliches, durch eigenes dichterisches Schauen geschaffene Erzeugnis zu erlangen. Das Lied des Guslaren wirkt ohne jede Staffage allein durch das lebendige Wort auf die Zuhörer unvermittelt ein, wie im Theater auf die Zuschauer ein gutes Volkstück ohne besondere Vorbereitungen, während ein Kunstepos vonWilhelmJordanoderJulius WolffgleichD. G. Brintonshistorischem Drama ‘Maria Candelaria’, dem vortrefflichen Werke eines Gelehrten und gewissenhaft abwägenden Dichters, keine Zuhörermenge, sondern einzelne, einsam weilende, wissenschaftlich gebildete Leser voraussetzt, die es mit Musse und reifer Würdigung der literarischen Leistung geistig durchgeniessen sollen. Der Guslar-Dichter ist an hergebrachte, allgemein bekannte Stoffe gebunden, er »verdichtet« das Vorhandene in feststehende poetische Formen, der Kunstdichter dagegen erkiest und erkürt nach eigenem Ermessen und nach freier Wahl seine Themen und hofft sie erst bekannt und dem Volke der Leser vertraut zu machen. Der Guslar ist in seine Welt gebannt, dem Kunstdichter steht eine Welt offen.Anfangs Dezembers 1884 pries mir zu Tutnjevci mein Freund, der montenegrische GuslarIlija Milošević, der mir das Lied vom »Ende König Boneparta’s« gesungen, den moslimischen GuslarenIbrahim Derviševićan. Der arbeite zur Zeit beiSalibegovićzu Koraj als Holzfäller. Noch am selben Nachmittag ritt ich im Nebelreissen nach Koraj und suchte den Beg auf, der gerade im Kaffeehause mit seinesgleichen hinbrütete. Unter Kavhana versteht man zu Koraj eine enge, schmierige, lehmverpichte, fensterlose Bude mit einer einzigen, niedrigen Wandbank als Mobiliar, und vor dem Gebäu rinnt breit im trägen Lauf die faulende Jauche aus den auf die Strasse mündenden Aborten und Stallungen dahin. Als die Edelleute mein Anliegen vernahmen, sahen sie einander bedeutungvoll an und wollten mich als einen Unzurechnungfähigen behandeln. Den Beg bestimmte ich dennoch, dass er ohne Verzug Ibrahim aus dem Walde holen liess, im übrigen mochte mir niemand eine Unterkunft gewähren. Ich erbettelte mir aber eine beim jungen serbischen Lehrer im neugebauten Gemeindehaus, die gar nicht schlecht gewesen wäre, hätte ich nur die Ausdünstung der feuchten Wände vertragen. Ich hielt es anderthalb Tage, zudem bei schmaler Kost aus, indess genug lange, um mich mit Ibro gut zu befreunden. Er war damals etwa dreissig Jahre alt, hatte starkes, schwarzes Haar, buschige Augenbrauen und dichten Schnurrbart und war ein Mann in Mittelgrösse. Sein Wesen war offen und sein Benehmen artig, auch begriff er vollkommen, dass es sich verlohne, die Lieder den »Schwaben« bekannt zu machen. Seine Lieder lernte er noch als Knabe in Gastwirtschaften Guslaren zuhörend. Ich empfahl ihn aufs nachdrücklichste meinem Freunde und Jünger HerrnThomas Dragičević, der ihn später nach Zabrgje bestellte und von ihm am 12. November 1887 das nachfolgende Lied aufzeichnete und diesem nachstehenden Titel gab:
Es ist dies bloss eine andere Fassung des Liedes von ‘Džanüms Heerzug’, mit besonderer Überschrift der Unterscheidung halber. Der ‘Fall’ erfordert einen Abdruck, weil er uns einen wichtigen Anhalt für einen einzunehmenden Gesichtpunkt bei Beurteilung von Varianten epischer Lieder an die Hand gibt und zugleich einen Einblick mehr in deren Entwicklunggang vermitteln kann. Vor dem Heerzug hat er vor allem eine grössere geschichtliche Treue voraus, steht ihm dagegen an dichterischer Gestaltung und Ausschmückung der Handlung, an Schwung der Darstellung und sprachlicher Formenschönheit im einzelnen nach.Eine Vergleichung beider Stücke nach ihrem Aufbau zeigt trotz nicht unerheblicher Verschiedenheit des Berichtes an mehreren Stellen, offenkundig, dass ihnen ursprünglich nur eine einzige Dichtung eines Guslaren zu Grunde gelegen sein muss. Die Abweichungen sind das Ergebnis der voneinander unabhängig erfolgten Verzweigung in der Überlieferung, die in zwei wohl benachbarten, doch voneinander immerhin etwas verschiedenen Gebieten schon zwei Jahrhunderte bis zu einer endlichen und zufälligen Niederschrift überdauert hat.Wir wissen genau, dass sich die kriegerische Entscheidung, die dem Lied zum Vorwurf dient, im Monate April 1660 abgewickelt hat. Im selben Jahre ist unzweifelhaft unter dem lebhaften Eindruck der Ereignisse auch die Erzählung des Teilnehmers, des ersten Guslaren-Dichters entstanden, die er nach seiner Heimkehr den Volkgenossen zum besten gab. Wie uns die Guslarenlieder lehren, gehören die Sänger vollbrachter Heldentaten gewöhnlich dem Leibgefolge des Anführers an, dessen Ruhm und Ehre der Mit- und Nachwelt verkündet werden musste. Džanüm war ein Bosnier aus Sarajevo und der Guslar dürfte auch ein Bosnier gewesen sein. Stammte er aus dem Herzogtume, würde er es gewiss nicht unterlassen haben, irgend einen herzögischen Rottenhauptmann und dessen Bann im Liede mit zu verherrlichen. Für unseren verschollenen Guslaren gibt es aber kaum dem Namen nach ein Herzogtum!Zwischen den Bosniern und Herzogländern kommt sogar in der epischen Poesie die freundnachbarliche Unverträglichkeit (der blason populaire) ab und zu zum Ausdruck. Im Alltagleben sagt der eine demandern alles Böse und Lächerliche gerne nach, und im Liede spinnt der Dichter die anerzogene Gehässigkeit durch Verschweigen der Leistungen des geographischen Anrainers weiter fort, wenn er ihn schon in Ehren nicht nennen mag.Den »Heerzug« griff ich im Herzogtum vom GuslarenHalil Marićauf, dessen Lehrmeister in Nikšić daheim war in einer Gegend, die jetzt zu Montenegro gehört, der »Fall« rührt aber von einem Guslaren namensIbrahim Derviševićher, einem Bosnier aus dem Dörfchen Koraj im Savelande (unweit Brčka). Räumlich sind Halil und Ibrahim mehr als tausend Kilometer von einander entfernt und sie standen auch nie miteinander in irgend einem Verkehre. Nicht diese zwei unwissenden Menschen, sondern allein die Lieder können uns einen Aufschluss über die Überlieferung gewähren. Wir haben zwei Fassungen vor uns, von denen jede »gut« ist, wie Guslaren sagen würden. Jede unterlag naturgemäss Veränderungen im Zeitenlaufe, doch die einschneidende Veränderung ging da und dort nicht allein von einem Manne, sondern allmählich von den vielen aus, die Erhalter der Lieder waren. Die Erfahrung lehrte mich erkennen, dass der Empfänger eines Liedes erst mit Kleinigkeiten zu ändern beginnt und sich zumindest selten mit ausgesprochener Absicht Umgestaltungen herausnimmt. Er hat hierin sogar die Kontrolle aus der Mitte der Zuhörerschaft zu beachten. Willkürlich springt er mit dem Stoffe keineswegs um, solange als es Leute in seiner Umgebung gibt, die ihn durch eine Richtigstellung vor den Zuhörern beschämen könnten.Die zweite Fassung (der Fall), die sich der ‘historischen’ Wahrheit mehr nähert, steht auch der ursprünglichen Dichtung näher. Sie ist zwar breit, doch poetisch nicht tief, sie gibt einzelne Beobachtungen richtig wieder, die man im ‘Heerzug’ nicht mehr vorfindet, aber sie erhebt sich in ihrer Ganzheit nicht über die durchschnittliche, handwerkmässige Darstellungweise des moslimischen Guslaren. Der Bosnier, der die im Lande bestehenden politischen Verhältnisse besser als ein Herzogländer inne haben musste, schildert sie dem entsprechend auch besser, wahrheitgemässer. Er weiss wohl, dass der Vali (Gouverneur) zu Travnik sitzt und die erste Persönlichkeit im Lande ist und dass der Stadthauptmann von Sarajevo unbedingt zu dessen Untergebenen zählt. Die Mobilisierungorder kann vom Grossvezier nur an den Vali gelangen, und der allein erteilt im Lande weitere Weisungen aus. Das Bosna-Aufgebot sammelt sich nicht zu Sarajevo, sondern zu Travnik, und nicht Džanan, der Rottenhauptmann, sondern der türkische Oberbefehlhaber ist Herr und Gebieter. So erscheint das Lied letztlich nur als eine mit etwas »orientalischer Phantasie« ausgeschmückte Schilderung eines kühnen, und für die Unternehmer pyrrhisch siegreich abgelaufenen, Handstreiches der bosnischen Avantgarde. Diesem Guslaren stehen die surroundings zu nahe,als dass er sie in volle poetische Beleuchtung stellen und nach Belieben abändern könnte, ohne Anstoss zu erregen. Man darf daraus die Norm ableiten, dass je näher ein Guslarenlied den Ereignissen und dem Ursprungorte steht, desto geringer seine freie poetische Gestaltung sein muss, und nicht nur dies allein, sondern auch desto geringeren Gewinn bietet es uns für die Volkforschung dar. Sobald die historischen Ereignisse zu verblassen und sich zu verflüchtigen anfangen, beginnt erst recht die eigentliche schöpferische Tätigkeit des Volkdichters, tauchen die Nebenerscheinungen des allgemeinen sozialen Milieus kräftiger empor; das Geranke überwuchert den Stamm; der Dichter verherrlicht dann nicht so sehr den historischen Helden als sich und seine Umgebung, das Empfinden, Denken und die Lebensweise des Volkes, für das er singt. Und das Volk findet an dem derart umgestalteten Berichte ein höheres ethisches Genügen, als an einer Erzählung von Heldentaten, deren einstigen Zusammenhang mit politischen Vorkommnissen und deren geschichtliche Folgen es unmöglich ohne langwierigen, schwer beibringlichen Kommentar begreifen könnte.Der Held als historische Person geht in dieser Entwicklung fast unter, er lebt aber mit seinem Namen im Heldentum fort. Er steigt auf zur dichterischen Verleiblichung aller Eigenschaften im guten und schlimmen Sinne, er wird zum Träger der Rechtanschauungen des Volkes, dem er entsprossen, oder genauer, zum Dolmetsch der Gefühle jener gesellschaftlichen Schicht erhoben, die in seiner Gestalt einen so verfeinerten Ahnenkult hegt und an ihm ein der Nacheiferung würdiges Vorbild haben will.Der Guslar wird damit zum Sprecher des Volkes, wenn er sowohl durch die poetisch sinnfällige Schilderung der Ereignisse als auch durch vollständige Beherrschung der überkommenen Darstellungkunst die höchsten Erwartungen seiner Zuhörer zu befriedigen vermag, ohne dabei mit seiner Individualität störend in den Vordergrund der Erzählung zu rücken. Der Unterschied zwischen ihm und einem abendländisch, literarisch gebildeten Ependichter gipfelt weniger in den Formen der Darstellung als darin, dass er in unmittelbarer und ständiger Fühlung mit dem Kreise steht, für den er dichtet, der andere aber erst durch das Buch oder im günstigsten Falle durch Vorträge in eigens hierzu einberufenen Versammlungen, auf unbekannte, ihm fernstehende Leute einen Eindruck gewinnen muss. Der eine singt und sagt aus der lebendigen Überlieferung und dem Gedankenkreise seiner Umgebung heraus, der andere sucht erst einen Kreis für sein persönliches, durch eigenes dichterisches Schauen geschaffene Erzeugnis zu erlangen. Das Lied des Guslaren wirkt ohne jede Staffage allein durch das lebendige Wort auf die Zuhörer unvermittelt ein, wie im Theater auf die Zuschauer ein gutes Volkstück ohne besondere Vorbereitungen, während ein Kunstepos vonWilhelmJordanoderJulius WolffgleichD. G. Brintonshistorischem Drama ‘Maria Candelaria’, dem vortrefflichen Werke eines Gelehrten und gewissenhaft abwägenden Dichters, keine Zuhörermenge, sondern einzelne, einsam weilende, wissenschaftlich gebildete Leser voraussetzt, die es mit Musse und reifer Würdigung der literarischen Leistung geistig durchgeniessen sollen. Der Guslar-Dichter ist an hergebrachte, allgemein bekannte Stoffe gebunden, er »verdichtet« das Vorhandene in feststehende poetische Formen, der Kunstdichter dagegen erkiest und erkürt nach eigenem Ermessen und nach freier Wahl seine Themen und hofft sie erst bekannt und dem Volke der Leser vertraut zu machen. Der Guslar ist in seine Welt gebannt, dem Kunstdichter steht eine Welt offen.Anfangs Dezembers 1884 pries mir zu Tutnjevci mein Freund, der montenegrische GuslarIlija Milošević, der mir das Lied vom »Ende König Boneparta’s« gesungen, den moslimischen GuslarenIbrahim Derviševićan. Der arbeite zur Zeit beiSalibegovićzu Koraj als Holzfäller. Noch am selben Nachmittag ritt ich im Nebelreissen nach Koraj und suchte den Beg auf, der gerade im Kaffeehause mit seinesgleichen hinbrütete. Unter Kavhana versteht man zu Koraj eine enge, schmierige, lehmverpichte, fensterlose Bude mit einer einzigen, niedrigen Wandbank als Mobiliar, und vor dem Gebäu rinnt breit im trägen Lauf die faulende Jauche aus den auf die Strasse mündenden Aborten und Stallungen dahin. Als die Edelleute mein Anliegen vernahmen, sahen sie einander bedeutungvoll an und wollten mich als einen Unzurechnungfähigen behandeln. Den Beg bestimmte ich dennoch, dass er ohne Verzug Ibrahim aus dem Walde holen liess, im übrigen mochte mir niemand eine Unterkunft gewähren. Ich erbettelte mir aber eine beim jungen serbischen Lehrer im neugebauten Gemeindehaus, die gar nicht schlecht gewesen wäre, hätte ich nur die Ausdünstung der feuchten Wände vertragen. Ich hielt es anderthalb Tage, zudem bei schmaler Kost aus, indess genug lange, um mich mit Ibro gut zu befreunden. Er war damals etwa dreissig Jahre alt, hatte starkes, schwarzes Haar, buschige Augenbrauen und dichten Schnurrbart und war ein Mann in Mittelgrösse. Sein Wesen war offen und sein Benehmen artig, auch begriff er vollkommen, dass es sich verlohne, die Lieder den »Schwaben« bekannt zu machen. Seine Lieder lernte er noch als Knabe in Gastwirtschaften Guslaren zuhörend. Ich empfahl ihn aufs nachdrücklichste meinem Freunde und Jünger HerrnThomas Dragičević, der ihn später nach Zabrgje bestellte und von ihm am 12. November 1887 das nachfolgende Lied aufzeichnete und diesem nachstehenden Titel gab:
Es ist dies bloss eine andere Fassung des Liedes von ‘Džanüms Heerzug’, mit besonderer Überschrift der Unterscheidung halber. Der ‘Fall’ erfordert einen Abdruck, weil er uns einen wichtigen Anhalt für einen einzunehmenden Gesichtpunkt bei Beurteilung von Varianten epischer Lieder an die Hand gibt und zugleich einen Einblick mehr in deren Entwicklunggang vermitteln kann. Vor dem Heerzug hat er vor allem eine grössere geschichtliche Treue voraus, steht ihm dagegen an dichterischer Gestaltung und Ausschmückung der Handlung, an Schwung der Darstellung und sprachlicher Formenschönheit im einzelnen nach.Eine Vergleichung beider Stücke nach ihrem Aufbau zeigt trotz nicht unerheblicher Verschiedenheit des Berichtes an mehreren Stellen, offenkundig, dass ihnen ursprünglich nur eine einzige Dichtung eines Guslaren zu Grunde gelegen sein muss. Die Abweichungen sind das Ergebnis der voneinander unabhängig erfolgten Verzweigung in der Überlieferung, die in zwei wohl benachbarten, doch voneinander immerhin etwas verschiedenen Gebieten schon zwei Jahrhunderte bis zu einer endlichen und zufälligen Niederschrift überdauert hat.Wir wissen genau, dass sich die kriegerische Entscheidung, die dem Lied zum Vorwurf dient, im Monate April 1660 abgewickelt hat. Im selben Jahre ist unzweifelhaft unter dem lebhaften Eindruck der Ereignisse auch die Erzählung des Teilnehmers, des ersten Guslaren-Dichters entstanden, die er nach seiner Heimkehr den Volkgenossen zum besten gab. Wie uns die Guslarenlieder lehren, gehören die Sänger vollbrachter Heldentaten gewöhnlich dem Leibgefolge des Anführers an, dessen Ruhm und Ehre der Mit- und Nachwelt verkündet werden musste. Džanüm war ein Bosnier aus Sarajevo und der Guslar dürfte auch ein Bosnier gewesen sein. Stammte er aus dem Herzogtume, würde er es gewiss nicht unterlassen haben, irgend einen herzögischen Rottenhauptmann und dessen Bann im Liede mit zu verherrlichen. Für unseren verschollenen Guslaren gibt es aber kaum dem Namen nach ein Herzogtum!Zwischen den Bosniern und Herzogländern kommt sogar in der epischen Poesie die freundnachbarliche Unverträglichkeit (der blason populaire) ab und zu zum Ausdruck. Im Alltagleben sagt der eine demandern alles Böse und Lächerliche gerne nach, und im Liede spinnt der Dichter die anerzogene Gehässigkeit durch Verschweigen der Leistungen des geographischen Anrainers weiter fort, wenn er ihn schon in Ehren nicht nennen mag.Den »Heerzug« griff ich im Herzogtum vom GuslarenHalil Marićauf, dessen Lehrmeister in Nikšić daheim war in einer Gegend, die jetzt zu Montenegro gehört, der »Fall« rührt aber von einem Guslaren namensIbrahim Derviševićher, einem Bosnier aus dem Dörfchen Koraj im Savelande (unweit Brčka). Räumlich sind Halil und Ibrahim mehr als tausend Kilometer von einander entfernt und sie standen auch nie miteinander in irgend einem Verkehre. Nicht diese zwei unwissenden Menschen, sondern allein die Lieder können uns einen Aufschluss über die Überlieferung gewähren. Wir haben zwei Fassungen vor uns, von denen jede »gut« ist, wie Guslaren sagen würden. Jede unterlag naturgemäss Veränderungen im Zeitenlaufe, doch die einschneidende Veränderung ging da und dort nicht allein von einem Manne, sondern allmählich von den vielen aus, die Erhalter der Lieder waren. Die Erfahrung lehrte mich erkennen, dass der Empfänger eines Liedes erst mit Kleinigkeiten zu ändern beginnt und sich zumindest selten mit ausgesprochener Absicht Umgestaltungen herausnimmt. Er hat hierin sogar die Kontrolle aus der Mitte der Zuhörerschaft zu beachten. Willkürlich springt er mit dem Stoffe keineswegs um, solange als es Leute in seiner Umgebung gibt, die ihn durch eine Richtigstellung vor den Zuhörern beschämen könnten.Die zweite Fassung (der Fall), die sich der ‘historischen’ Wahrheit mehr nähert, steht auch der ursprünglichen Dichtung näher. Sie ist zwar breit, doch poetisch nicht tief, sie gibt einzelne Beobachtungen richtig wieder, die man im ‘Heerzug’ nicht mehr vorfindet, aber sie erhebt sich in ihrer Ganzheit nicht über die durchschnittliche, handwerkmässige Darstellungweise des moslimischen Guslaren. Der Bosnier, der die im Lande bestehenden politischen Verhältnisse besser als ein Herzogländer inne haben musste, schildert sie dem entsprechend auch besser, wahrheitgemässer. Er weiss wohl, dass der Vali (Gouverneur) zu Travnik sitzt und die erste Persönlichkeit im Lande ist und dass der Stadthauptmann von Sarajevo unbedingt zu dessen Untergebenen zählt. Die Mobilisierungorder kann vom Grossvezier nur an den Vali gelangen, und der allein erteilt im Lande weitere Weisungen aus. Das Bosna-Aufgebot sammelt sich nicht zu Sarajevo, sondern zu Travnik, und nicht Džanan, der Rottenhauptmann, sondern der türkische Oberbefehlhaber ist Herr und Gebieter. So erscheint das Lied letztlich nur als eine mit etwas »orientalischer Phantasie« ausgeschmückte Schilderung eines kühnen, und für die Unternehmer pyrrhisch siegreich abgelaufenen, Handstreiches der bosnischen Avantgarde. Diesem Guslaren stehen die surroundings zu nahe,als dass er sie in volle poetische Beleuchtung stellen und nach Belieben abändern könnte, ohne Anstoss zu erregen. Man darf daraus die Norm ableiten, dass je näher ein Guslarenlied den Ereignissen und dem Ursprungorte steht, desto geringer seine freie poetische Gestaltung sein muss, und nicht nur dies allein, sondern auch desto geringeren Gewinn bietet es uns für die Volkforschung dar. Sobald die historischen Ereignisse zu verblassen und sich zu verflüchtigen anfangen, beginnt erst recht die eigentliche schöpferische Tätigkeit des Volkdichters, tauchen die Nebenerscheinungen des allgemeinen sozialen Milieus kräftiger empor; das Geranke überwuchert den Stamm; der Dichter verherrlicht dann nicht so sehr den historischen Helden als sich und seine Umgebung, das Empfinden, Denken und die Lebensweise des Volkes, für das er singt. Und das Volk findet an dem derart umgestalteten Berichte ein höheres ethisches Genügen, als an einer Erzählung von Heldentaten, deren einstigen Zusammenhang mit politischen Vorkommnissen und deren geschichtliche Folgen es unmöglich ohne langwierigen, schwer beibringlichen Kommentar begreifen könnte.Der Held als historische Person geht in dieser Entwicklung fast unter, er lebt aber mit seinem Namen im Heldentum fort. Er steigt auf zur dichterischen Verleiblichung aller Eigenschaften im guten und schlimmen Sinne, er wird zum Träger der Rechtanschauungen des Volkes, dem er entsprossen, oder genauer, zum Dolmetsch der Gefühle jener gesellschaftlichen Schicht erhoben, die in seiner Gestalt einen so verfeinerten Ahnenkult hegt und an ihm ein der Nacheiferung würdiges Vorbild haben will.Der Guslar wird damit zum Sprecher des Volkes, wenn er sowohl durch die poetisch sinnfällige Schilderung der Ereignisse als auch durch vollständige Beherrschung der überkommenen Darstellungkunst die höchsten Erwartungen seiner Zuhörer zu befriedigen vermag, ohne dabei mit seiner Individualität störend in den Vordergrund der Erzählung zu rücken. Der Unterschied zwischen ihm und einem abendländisch, literarisch gebildeten Ependichter gipfelt weniger in den Formen der Darstellung als darin, dass er in unmittelbarer und ständiger Fühlung mit dem Kreise steht, für den er dichtet, der andere aber erst durch das Buch oder im günstigsten Falle durch Vorträge in eigens hierzu einberufenen Versammlungen, auf unbekannte, ihm fernstehende Leute einen Eindruck gewinnen muss. Der eine singt und sagt aus der lebendigen Überlieferung und dem Gedankenkreise seiner Umgebung heraus, der andere sucht erst einen Kreis für sein persönliches, durch eigenes dichterisches Schauen geschaffene Erzeugnis zu erlangen. Das Lied des Guslaren wirkt ohne jede Staffage allein durch das lebendige Wort auf die Zuhörer unvermittelt ein, wie im Theater auf die Zuschauer ein gutes Volkstück ohne besondere Vorbereitungen, während ein Kunstepos vonWilhelmJordanoderJulius WolffgleichD. G. Brintonshistorischem Drama ‘Maria Candelaria’, dem vortrefflichen Werke eines Gelehrten und gewissenhaft abwägenden Dichters, keine Zuhörermenge, sondern einzelne, einsam weilende, wissenschaftlich gebildete Leser voraussetzt, die es mit Musse und reifer Würdigung der literarischen Leistung geistig durchgeniessen sollen. Der Guslar-Dichter ist an hergebrachte, allgemein bekannte Stoffe gebunden, er »verdichtet« das Vorhandene in feststehende poetische Formen, der Kunstdichter dagegen erkiest und erkürt nach eigenem Ermessen und nach freier Wahl seine Themen und hofft sie erst bekannt und dem Volke der Leser vertraut zu machen. Der Guslar ist in seine Welt gebannt, dem Kunstdichter steht eine Welt offen.Anfangs Dezembers 1884 pries mir zu Tutnjevci mein Freund, der montenegrische GuslarIlija Milošević, der mir das Lied vom »Ende König Boneparta’s« gesungen, den moslimischen GuslarenIbrahim Derviševićan. Der arbeite zur Zeit beiSalibegovićzu Koraj als Holzfäller. Noch am selben Nachmittag ritt ich im Nebelreissen nach Koraj und suchte den Beg auf, der gerade im Kaffeehause mit seinesgleichen hinbrütete. Unter Kavhana versteht man zu Koraj eine enge, schmierige, lehmverpichte, fensterlose Bude mit einer einzigen, niedrigen Wandbank als Mobiliar, und vor dem Gebäu rinnt breit im trägen Lauf die faulende Jauche aus den auf die Strasse mündenden Aborten und Stallungen dahin. Als die Edelleute mein Anliegen vernahmen, sahen sie einander bedeutungvoll an und wollten mich als einen Unzurechnungfähigen behandeln. Den Beg bestimmte ich dennoch, dass er ohne Verzug Ibrahim aus dem Walde holen liess, im übrigen mochte mir niemand eine Unterkunft gewähren. Ich erbettelte mir aber eine beim jungen serbischen Lehrer im neugebauten Gemeindehaus, die gar nicht schlecht gewesen wäre, hätte ich nur die Ausdünstung der feuchten Wände vertragen. Ich hielt es anderthalb Tage, zudem bei schmaler Kost aus, indess genug lange, um mich mit Ibro gut zu befreunden. Er war damals etwa dreissig Jahre alt, hatte starkes, schwarzes Haar, buschige Augenbrauen und dichten Schnurrbart und war ein Mann in Mittelgrösse. Sein Wesen war offen und sein Benehmen artig, auch begriff er vollkommen, dass es sich verlohne, die Lieder den »Schwaben« bekannt zu machen. Seine Lieder lernte er noch als Knabe in Gastwirtschaften Guslaren zuhörend. Ich empfahl ihn aufs nachdrücklichste meinem Freunde und Jünger HerrnThomas Dragičević, der ihn später nach Zabrgje bestellte und von ihm am 12. November 1887 das nachfolgende Lied aufzeichnete und diesem nachstehenden Titel gab:
Es ist dies bloss eine andere Fassung des Liedes von ‘Džanüms Heerzug’, mit besonderer Überschrift der Unterscheidung halber. Der ‘Fall’ erfordert einen Abdruck, weil er uns einen wichtigen Anhalt für einen einzunehmenden Gesichtpunkt bei Beurteilung von Varianten epischer Lieder an die Hand gibt und zugleich einen Einblick mehr in deren Entwicklunggang vermitteln kann. Vor dem Heerzug hat er vor allem eine grössere geschichtliche Treue voraus, steht ihm dagegen an dichterischer Gestaltung und Ausschmückung der Handlung, an Schwung der Darstellung und sprachlicher Formenschönheit im einzelnen nach.Eine Vergleichung beider Stücke nach ihrem Aufbau zeigt trotz nicht unerheblicher Verschiedenheit des Berichtes an mehreren Stellen, offenkundig, dass ihnen ursprünglich nur eine einzige Dichtung eines Guslaren zu Grunde gelegen sein muss. Die Abweichungen sind das Ergebnis der voneinander unabhängig erfolgten Verzweigung in der Überlieferung, die in zwei wohl benachbarten, doch voneinander immerhin etwas verschiedenen Gebieten schon zwei Jahrhunderte bis zu einer endlichen und zufälligen Niederschrift überdauert hat.Wir wissen genau, dass sich die kriegerische Entscheidung, die dem Lied zum Vorwurf dient, im Monate April 1660 abgewickelt hat. Im selben Jahre ist unzweifelhaft unter dem lebhaften Eindruck der Ereignisse auch die Erzählung des Teilnehmers, des ersten Guslaren-Dichters entstanden, die er nach seiner Heimkehr den Volkgenossen zum besten gab. Wie uns die Guslarenlieder lehren, gehören die Sänger vollbrachter Heldentaten gewöhnlich dem Leibgefolge des Anführers an, dessen Ruhm und Ehre der Mit- und Nachwelt verkündet werden musste. Džanüm war ein Bosnier aus Sarajevo und der Guslar dürfte auch ein Bosnier gewesen sein. Stammte er aus dem Herzogtume, würde er es gewiss nicht unterlassen haben, irgend einen herzögischen Rottenhauptmann und dessen Bann im Liede mit zu verherrlichen. Für unseren verschollenen Guslaren gibt es aber kaum dem Namen nach ein Herzogtum!Zwischen den Bosniern und Herzogländern kommt sogar in der epischen Poesie die freundnachbarliche Unverträglichkeit (der blason populaire) ab und zu zum Ausdruck. Im Alltagleben sagt der eine demandern alles Böse und Lächerliche gerne nach, und im Liede spinnt der Dichter die anerzogene Gehässigkeit durch Verschweigen der Leistungen des geographischen Anrainers weiter fort, wenn er ihn schon in Ehren nicht nennen mag.Den »Heerzug« griff ich im Herzogtum vom GuslarenHalil Marićauf, dessen Lehrmeister in Nikšić daheim war in einer Gegend, die jetzt zu Montenegro gehört, der »Fall« rührt aber von einem Guslaren namensIbrahim Derviševićher, einem Bosnier aus dem Dörfchen Koraj im Savelande (unweit Brčka). Räumlich sind Halil und Ibrahim mehr als tausend Kilometer von einander entfernt und sie standen auch nie miteinander in irgend einem Verkehre. Nicht diese zwei unwissenden Menschen, sondern allein die Lieder können uns einen Aufschluss über die Überlieferung gewähren. Wir haben zwei Fassungen vor uns, von denen jede »gut« ist, wie Guslaren sagen würden. Jede unterlag naturgemäss Veränderungen im Zeitenlaufe, doch die einschneidende Veränderung ging da und dort nicht allein von einem Manne, sondern allmählich von den vielen aus, die Erhalter der Lieder waren. Die Erfahrung lehrte mich erkennen, dass der Empfänger eines Liedes erst mit Kleinigkeiten zu ändern beginnt und sich zumindest selten mit ausgesprochener Absicht Umgestaltungen herausnimmt. Er hat hierin sogar die Kontrolle aus der Mitte der Zuhörerschaft zu beachten. Willkürlich springt er mit dem Stoffe keineswegs um, solange als es Leute in seiner Umgebung gibt, die ihn durch eine Richtigstellung vor den Zuhörern beschämen könnten.Die zweite Fassung (der Fall), die sich der ‘historischen’ Wahrheit mehr nähert, steht auch der ursprünglichen Dichtung näher. Sie ist zwar breit, doch poetisch nicht tief, sie gibt einzelne Beobachtungen richtig wieder, die man im ‘Heerzug’ nicht mehr vorfindet, aber sie erhebt sich in ihrer Ganzheit nicht über die durchschnittliche, handwerkmässige Darstellungweise des moslimischen Guslaren. Der Bosnier, der die im Lande bestehenden politischen Verhältnisse besser als ein Herzogländer inne haben musste, schildert sie dem entsprechend auch besser, wahrheitgemässer. Er weiss wohl, dass der Vali (Gouverneur) zu Travnik sitzt und die erste Persönlichkeit im Lande ist und dass der Stadthauptmann von Sarajevo unbedingt zu dessen Untergebenen zählt. Die Mobilisierungorder kann vom Grossvezier nur an den Vali gelangen, und der allein erteilt im Lande weitere Weisungen aus. Das Bosna-Aufgebot sammelt sich nicht zu Sarajevo, sondern zu Travnik, und nicht Džanan, der Rottenhauptmann, sondern der türkische Oberbefehlhaber ist Herr und Gebieter. So erscheint das Lied letztlich nur als eine mit etwas »orientalischer Phantasie« ausgeschmückte Schilderung eines kühnen, und für die Unternehmer pyrrhisch siegreich abgelaufenen, Handstreiches der bosnischen Avantgarde. Diesem Guslaren stehen die surroundings zu nahe,als dass er sie in volle poetische Beleuchtung stellen und nach Belieben abändern könnte, ohne Anstoss zu erregen. Man darf daraus die Norm ableiten, dass je näher ein Guslarenlied den Ereignissen und dem Ursprungorte steht, desto geringer seine freie poetische Gestaltung sein muss, und nicht nur dies allein, sondern auch desto geringeren Gewinn bietet es uns für die Volkforschung dar. Sobald die historischen Ereignisse zu verblassen und sich zu verflüchtigen anfangen, beginnt erst recht die eigentliche schöpferische Tätigkeit des Volkdichters, tauchen die Nebenerscheinungen des allgemeinen sozialen Milieus kräftiger empor; das Geranke überwuchert den Stamm; der Dichter verherrlicht dann nicht so sehr den historischen Helden als sich und seine Umgebung, das Empfinden, Denken und die Lebensweise des Volkes, für das er singt. Und das Volk findet an dem derart umgestalteten Berichte ein höheres ethisches Genügen, als an einer Erzählung von Heldentaten, deren einstigen Zusammenhang mit politischen Vorkommnissen und deren geschichtliche Folgen es unmöglich ohne langwierigen, schwer beibringlichen Kommentar begreifen könnte.Der Held als historische Person geht in dieser Entwicklung fast unter, er lebt aber mit seinem Namen im Heldentum fort. Er steigt auf zur dichterischen Verleiblichung aller Eigenschaften im guten und schlimmen Sinne, er wird zum Träger der Rechtanschauungen des Volkes, dem er entsprossen, oder genauer, zum Dolmetsch der Gefühle jener gesellschaftlichen Schicht erhoben, die in seiner Gestalt einen so verfeinerten Ahnenkult hegt und an ihm ein der Nacheiferung würdiges Vorbild haben will.Der Guslar wird damit zum Sprecher des Volkes, wenn er sowohl durch die poetisch sinnfällige Schilderung der Ereignisse als auch durch vollständige Beherrschung der überkommenen Darstellungkunst die höchsten Erwartungen seiner Zuhörer zu befriedigen vermag, ohne dabei mit seiner Individualität störend in den Vordergrund der Erzählung zu rücken. Der Unterschied zwischen ihm und einem abendländisch, literarisch gebildeten Ependichter gipfelt weniger in den Formen der Darstellung als darin, dass er in unmittelbarer und ständiger Fühlung mit dem Kreise steht, für den er dichtet, der andere aber erst durch das Buch oder im günstigsten Falle durch Vorträge in eigens hierzu einberufenen Versammlungen, auf unbekannte, ihm fernstehende Leute einen Eindruck gewinnen muss. Der eine singt und sagt aus der lebendigen Überlieferung und dem Gedankenkreise seiner Umgebung heraus, der andere sucht erst einen Kreis für sein persönliches, durch eigenes dichterisches Schauen geschaffene Erzeugnis zu erlangen. Das Lied des Guslaren wirkt ohne jede Staffage allein durch das lebendige Wort auf die Zuhörer unvermittelt ein, wie im Theater auf die Zuschauer ein gutes Volkstück ohne besondere Vorbereitungen, während ein Kunstepos vonWilhelmJordanoderJulius WolffgleichD. G. Brintonshistorischem Drama ‘Maria Candelaria’, dem vortrefflichen Werke eines Gelehrten und gewissenhaft abwägenden Dichters, keine Zuhörermenge, sondern einzelne, einsam weilende, wissenschaftlich gebildete Leser voraussetzt, die es mit Musse und reifer Würdigung der literarischen Leistung geistig durchgeniessen sollen. Der Guslar-Dichter ist an hergebrachte, allgemein bekannte Stoffe gebunden, er »verdichtet« das Vorhandene in feststehende poetische Formen, der Kunstdichter dagegen erkiest und erkürt nach eigenem Ermessen und nach freier Wahl seine Themen und hofft sie erst bekannt und dem Volke der Leser vertraut zu machen. Der Guslar ist in seine Welt gebannt, dem Kunstdichter steht eine Welt offen.Anfangs Dezembers 1884 pries mir zu Tutnjevci mein Freund, der montenegrische GuslarIlija Milošević, der mir das Lied vom »Ende König Boneparta’s« gesungen, den moslimischen GuslarenIbrahim Derviševićan. Der arbeite zur Zeit beiSalibegovićzu Koraj als Holzfäller. Noch am selben Nachmittag ritt ich im Nebelreissen nach Koraj und suchte den Beg auf, der gerade im Kaffeehause mit seinesgleichen hinbrütete. Unter Kavhana versteht man zu Koraj eine enge, schmierige, lehmverpichte, fensterlose Bude mit einer einzigen, niedrigen Wandbank als Mobiliar, und vor dem Gebäu rinnt breit im trägen Lauf die faulende Jauche aus den auf die Strasse mündenden Aborten und Stallungen dahin. Als die Edelleute mein Anliegen vernahmen, sahen sie einander bedeutungvoll an und wollten mich als einen Unzurechnungfähigen behandeln. Den Beg bestimmte ich dennoch, dass er ohne Verzug Ibrahim aus dem Walde holen liess, im übrigen mochte mir niemand eine Unterkunft gewähren. Ich erbettelte mir aber eine beim jungen serbischen Lehrer im neugebauten Gemeindehaus, die gar nicht schlecht gewesen wäre, hätte ich nur die Ausdünstung der feuchten Wände vertragen. Ich hielt es anderthalb Tage, zudem bei schmaler Kost aus, indess genug lange, um mich mit Ibro gut zu befreunden. Er war damals etwa dreissig Jahre alt, hatte starkes, schwarzes Haar, buschige Augenbrauen und dichten Schnurrbart und war ein Mann in Mittelgrösse. Sein Wesen war offen und sein Benehmen artig, auch begriff er vollkommen, dass es sich verlohne, die Lieder den »Schwaben« bekannt zu machen. Seine Lieder lernte er noch als Knabe in Gastwirtschaften Guslaren zuhörend. Ich empfahl ihn aufs nachdrücklichste meinem Freunde und Jünger HerrnThomas Dragičević, der ihn später nach Zabrgje bestellte und von ihm am 12. November 1887 das nachfolgende Lied aufzeichnete und diesem nachstehenden Titel gab:
Es ist dies bloss eine andere Fassung des Liedes von ‘Džanüms Heerzug’, mit besonderer Überschrift der Unterscheidung halber. Der ‘Fall’ erfordert einen Abdruck, weil er uns einen wichtigen Anhalt für einen einzunehmenden Gesichtpunkt bei Beurteilung von Varianten epischer Lieder an die Hand gibt und zugleich einen Einblick mehr in deren Entwicklunggang vermitteln kann. Vor dem Heerzug hat er vor allem eine grössere geschichtliche Treue voraus, steht ihm dagegen an dichterischer Gestaltung und Ausschmückung der Handlung, an Schwung der Darstellung und sprachlicher Formenschönheit im einzelnen nach.
Eine Vergleichung beider Stücke nach ihrem Aufbau zeigt trotz nicht unerheblicher Verschiedenheit des Berichtes an mehreren Stellen, offenkundig, dass ihnen ursprünglich nur eine einzige Dichtung eines Guslaren zu Grunde gelegen sein muss. Die Abweichungen sind das Ergebnis der voneinander unabhängig erfolgten Verzweigung in der Überlieferung, die in zwei wohl benachbarten, doch voneinander immerhin etwas verschiedenen Gebieten schon zwei Jahrhunderte bis zu einer endlichen und zufälligen Niederschrift überdauert hat.
Wir wissen genau, dass sich die kriegerische Entscheidung, die dem Lied zum Vorwurf dient, im Monate April 1660 abgewickelt hat. Im selben Jahre ist unzweifelhaft unter dem lebhaften Eindruck der Ereignisse auch die Erzählung des Teilnehmers, des ersten Guslaren-Dichters entstanden, die er nach seiner Heimkehr den Volkgenossen zum besten gab. Wie uns die Guslarenlieder lehren, gehören die Sänger vollbrachter Heldentaten gewöhnlich dem Leibgefolge des Anführers an, dessen Ruhm und Ehre der Mit- und Nachwelt verkündet werden musste. Džanüm war ein Bosnier aus Sarajevo und der Guslar dürfte auch ein Bosnier gewesen sein. Stammte er aus dem Herzogtume, würde er es gewiss nicht unterlassen haben, irgend einen herzögischen Rottenhauptmann und dessen Bann im Liede mit zu verherrlichen. Für unseren verschollenen Guslaren gibt es aber kaum dem Namen nach ein Herzogtum!
Zwischen den Bosniern und Herzogländern kommt sogar in der epischen Poesie die freundnachbarliche Unverträglichkeit (der blason populaire) ab und zu zum Ausdruck. Im Alltagleben sagt der eine demandern alles Böse und Lächerliche gerne nach, und im Liede spinnt der Dichter die anerzogene Gehässigkeit durch Verschweigen der Leistungen des geographischen Anrainers weiter fort, wenn er ihn schon in Ehren nicht nennen mag.
Den »Heerzug« griff ich im Herzogtum vom GuslarenHalil Marićauf, dessen Lehrmeister in Nikšić daheim war in einer Gegend, die jetzt zu Montenegro gehört, der »Fall« rührt aber von einem Guslaren namensIbrahim Derviševićher, einem Bosnier aus dem Dörfchen Koraj im Savelande (unweit Brčka). Räumlich sind Halil und Ibrahim mehr als tausend Kilometer von einander entfernt und sie standen auch nie miteinander in irgend einem Verkehre. Nicht diese zwei unwissenden Menschen, sondern allein die Lieder können uns einen Aufschluss über die Überlieferung gewähren. Wir haben zwei Fassungen vor uns, von denen jede »gut« ist, wie Guslaren sagen würden. Jede unterlag naturgemäss Veränderungen im Zeitenlaufe, doch die einschneidende Veränderung ging da und dort nicht allein von einem Manne, sondern allmählich von den vielen aus, die Erhalter der Lieder waren. Die Erfahrung lehrte mich erkennen, dass der Empfänger eines Liedes erst mit Kleinigkeiten zu ändern beginnt und sich zumindest selten mit ausgesprochener Absicht Umgestaltungen herausnimmt. Er hat hierin sogar die Kontrolle aus der Mitte der Zuhörerschaft zu beachten. Willkürlich springt er mit dem Stoffe keineswegs um, solange als es Leute in seiner Umgebung gibt, die ihn durch eine Richtigstellung vor den Zuhörern beschämen könnten.
Die zweite Fassung (der Fall), die sich der ‘historischen’ Wahrheit mehr nähert, steht auch der ursprünglichen Dichtung näher. Sie ist zwar breit, doch poetisch nicht tief, sie gibt einzelne Beobachtungen richtig wieder, die man im ‘Heerzug’ nicht mehr vorfindet, aber sie erhebt sich in ihrer Ganzheit nicht über die durchschnittliche, handwerkmässige Darstellungweise des moslimischen Guslaren. Der Bosnier, der die im Lande bestehenden politischen Verhältnisse besser als ein Herzogländer inne haben musste, schildert sie dem entsprechend auch besser, wahrheitgemässer. Er weiss wohl, dass der Vali (Gouverneur) zu Travnik sitzt und die erste Persönlichkeit im Lande ist und dass der Stadthauptmann von Sarajevo unbedingt zu dessen Untergebenen zählt. Die Mobilisierungorder kann vom Grossvezier nur an den Vali gelangen, und der allein erteilt im Lande weitere Weisungen aus. Das Bosna-Aufgebot sammelt sich nicht zu Sarajevo, sondern zu Travnik, und nicht Džanan, der Rottenhauptmann, sondern der türkische Oberbefehlhaber ist Herr und Gebieter. So erscheint das Lied letztlich nur als eine mit etwas »orientalischer Phantasie« ausgeschmückte Schilderung eines kühnen, und für die Unternehmer pyrrhisch siegreich abgelaufenen, Handstreiches der bosnischen Avantgarde. Diesem Guslaren stehen die surroundings zu nahe,als dass er sie in volle poetische Beleuchtung stellen und nach Belieben abändern könnte, ohne Anstoss zu erregen. Man darf daraus die Norm ableiten, dass je näher ein Guslarenlied den Ereignissen und dem Ursprungorte steht, desto geringer seine freie poetische Gestaltung sein muss, und nicht nur dies allein, sondern auch desto geringeren Gewinn bietet es uns für die Volkforschung dar. Sobald die historischen Ereignisse zu verblassen und sich zu verflüchtigen anfangen, beginnt erst recht die eigentliche schöpferische Tätigkeit des Volkdichters, tauchen die Nebenerscheinungen des allgemeinen sozialen Milieus kräftiger empor; das Geranke überwuchert den Stamm; der Dichter verherrlicht dann nicht so sehr den historischen Helden als sich und seine Umgebung, das Empfinden, Denken und die Lebensweise des Volkes, für das er singt. Und das Volk findet an dem derart umgestalteten Berichte ein höheres ethisches Genügen, als an einer Erzählung von Heldentaten, deren einstigen Zusammenhang mit politischen Vorkommnissen und deren geschichtliche Folgen es unmöglich ohne langwierigen, schwer beibringlichen Kommentar begreifen könnte.
Der Held als historische Person geht in dieser Entwicklung fast unter, er lebt aber mit seinem Namen im Heldentum fort. Er steigt auf zur dichterischen Verleiblichung aller Eigenschaften im guten und schlimmen Sinne, er wird zum Träger der Rechtanschauungen des Volkes, dem er entsprossen, oder genauer, zum Dolmetsch der Gefühle jener gesellschaftlichen Schicht erhoben, die in seiner Gestalt einen so verfeinerten Ahnenkult hegt und an ihm ein der Nacheiferung würdiges Vorbild haben will.
Der Guslar wird damit zum Sprecher des Volkes, wenn er sowohl durch die poetisch sinnfällige Schilderung der Ereignisse als auch durch vollständige Beherrschung der überkommenen Darstellungkunst die höchsten Erwartungen seiner Zuhörer zu befriedigen vermag, ohne dabei mit seiner Individualität störend in den Vordergrund der Erzählung zu rücken. Der Unterschied zwischen ihm und einem abendländisch, literarisch gebildeten Ependichter gipfelt weniger in den Formen der Darstellung als darin, dass er in unmittelbarer und ständiger Fühlung mit dem Kreise steht, für den er dichtet, der andere aber erst durch das Buch oder im günstigsten Falle durch Vorträge in eigens hierzu einberufenen Versammlungen, auf unbekannte, ihm fernstehende Leute einen Eindruck gewinnen muss. Der eine singt und sagt aus der lebendigen Überlieferung und dem Gedankenkreise seiner Umgebung heraus, der andere sucht erst einen Kreis für sein persönliches, durch eigenes dichterisches Schauen geschaffene Erzeugnis zu erlangen. Das Lied des Guslaren wirkt ohne jede Staffage allein durch das lebendige Wort auf die Zuhörer unvermittelt ein, wie im Theater auf die Zuschauer ein gutes Volkstück ohne besondere Vorbereitungen, während ein Kunstepos vonWilhelmJordanoderJulius WolffgleichD. G. Brintonshistorischem Drama ‘Maria Candelaria’, dem vortrefflichen Werke eines Gelehrten und gewissenhaft abwägenden Dichters, keine Zuhörermenge, sondern einzelne, einsam weilende, wissenschaftlich gebildete Leser voraussetzt, die es mit Musse und reifer Würdigung der literarischen Leistung geistig durchgeniessen sollen. Der Guslar-Dichter ist an hergebrachte, allgemein bekannte Stoffe gebunden, er »verdichtet« das Vorhandene in feststehende poetische Formen, der Kunstdichter dagegen erkiest und erkürt nach eigenem Ermessen und nach freier Wahl seine Themen und hofft sie erst bekannt und dem Volke der Leser vertraut zu machen. Der Guslar ist in seine Welt gebannt, dem Kunstdichter steht eine Welt offen.
Anfangs Dezembers 1884 pries mir zu Tutnjevci mein Freund, der montenegrische GuslarIlija Milošević, der mir das Lied vom »Ende König Boneparta’s« gesungen, den moslimischen GuslarenIbrahim Derviševićan. Der arbeite zur Zeit beiSalibegovićzu Koraj als Holzfäller. Noch am selben Nachmittag ritt ich im Nebelreissen nach Koraj und suchte den Beg auf, der gerade im Kaffeehause mit seinesgleichen hinbrütete. Unter Kavhana versteht man zu Koraj eine enge, schmierige, lehmverpichte, fensterlose Bude mit einer einzigen, niedrigen Wandbank als Mobiliar, und vor dem Gebäu rinnt breit im trägen Lauf die faulende Jauche aus den auf die Strasse mündenden Aborten und Stallungen dahin. Als die Edelleute mein Anliegen vernahmen, sahen sie einander bedeutungvoll an und wollten mich als einen Unzurechnungfähigen behandeln. Den Beg bestimmte ich dennoch, dass er ohne Verzug Ibrahim aus dem Walde holen liess, im übrigen mochte mir niemand eine Unterkunft gewähren. Ich erbettelte mir aber eine beim jungen serbischen Lehrer im neugebauten Gemeindehaus, die gar nicht schlecht gewesen wäre, hätte ich nur die Ausdünstung der feuchten Wände vertragen. Ich hielt es anderthalb Tage, zudem bei schmaler Kost aus, indess genug lange, um mich mit Ibro gut zu befreunden. Er war damals etwa dreissig Jahre alt, hatte starkes, schwarzes Haar, buschige Augenbrauen und dichten Schnurrbart und war ein Mann in Mittelgrösse. Sein Wesen war offen und sein Benehmen artig, auch begriff er vollkommen, dass es sich verlohne, die Lieder den »Schwaben« bekannt zu machen. Seine Lieder lernte er noch als Knabe in Gastwirtschaften Guslaren zuhörend. Ich empfahl ihn aufs nachdrücklichste meinem Freunde und Jünger HerrnThomas Dragičević, der ihn später nach Zabrgje bestellte und von ihm am 12. November 1887 das nachfolgende Lied aufzeichnete und diesem nachstehenden Titel gab: