C.Der zusammengezogene Satz.
(Zwei Subjecte.)
Der Mond und die Sterne standen bereits am Himmel. Ihr Glanz und ihr Geflimmer warfen einen matten Silberschein auf die stille Flur. Ringsumher lagerten tiefe Ruhe und ernster Friede. Nur einzelne Frösche und Unken erhoben in dem schilfdurchwachsenen Teiche noch ihre Stimmen.
Da traten ein Vater und sein erwachsener Sohn aus einem Gebirgswalde hervor. Aus ihren Zügen sprachen Rohheit und finsteres Wesen. Ihre leisen Schritte und ihre ganze Haltung bekundeten große Vorsicht.
Auf des Sohnes Schultern lagen ein Reh und zwei Hasen. Ueber den Rücken des Alten hingen eine kurze Büchse und ein großes Netz. Ihr Aeußeres und ihr scheues Verhalten ließen sie sofort als Wilddiebe erkennen.
Stumm schlichen Vater und Sohn über die Felder dahin. Kein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen.
Bald hatten beide ein kleines Gebüsch erreicht. Hier aber traten ihnen plötzlich der Flurschütz und sein Hund entgegen. Schreck und Verwirrung bemächtigten sich der Diebe. Das kräftige Halt und die angelegte Doppelbüchse des Flurschützen kamen ihnen doch zu unerwartet. Weder Vertheidigung nochFlucht konnte sie retten. Blut und Leben hätten dabei auf dem Spiele gestanden.
Nach wenig Minuten schritten der alte und der junge Wilddieb als Gefangene voran. Der Flurschütz und sein Hund folgten. Traurig blickten Mond und Sterne auf das düstere Bild hernieder.
Wuth und Aerger lagerten auf den Zügen der beiden Verbrecher. Ihr Weg führte in die Frohnveste. Nach etwa einer Stunde sperrten sie Schloß und Riegel von dem freien Leben ab.
Wochen und Monate zogen an ihren Kerkermauern vorüber. Endlich erfolgten das letzte Verhör und der Richterspruch. Feld- und Wilddieberei werden vom Gesetze hart geahndet. Vater und Sohn wanderten auf das Zuchthaus. Hier quälten sie nun freilich Reue und Gewissensbisse. Doch die Erkenntniß kam zu spät. Ehre und Freiheit waren verspielt.
Was aber hatte jene Beiden nach und nach auf die verbrecherische Laufbahn geführt? Arbeitsscheu und Leichtsinn waren die einzige Ursache.
(Mehrere Subjecte.)
Kuh, Ziege und Schaf sind außerordentlich nützliche Hausthiere. Nicht nur ihr Tod, sondern auch ihr Leben gewähren uns mancherlei Vortheile. Milch, Butter und Käse würzen ja fast täglich unser Mahl. Sowohl die Kuh und die Ziege als auch das Schaf erzeugen durch ihren Dünger Fruchtbarkeit der Aecker. Wird den Kindern nicht oft auch ein Ziegenböcklein oder ein Lamm zum Vergnügen gehalten?
Noch mehr Vortheil und Gewinn erwachsen aus ihrem Tode. Nicht blos Rind und Schöps, sondern auch das Ziegengeschlecht geben uns ein nahrhaftes Fleisch. Rinder-, Schöpsen- und Ziegenbratenessen wol alle Leute gern. Aber nicht blos ihr Fleisch, sondern auch ihr Fell, zudem ihre Haare und ihre Hörner sind sehr nützliche Artikel. Stiefeln, Schuhe und Pantoffeln, außerdem Taschen, Gürtel und Riemen, sogar Zäume und Sättel wachsen auf dem Rücken des Rindes. Weder Arme noch Reiche können deshalb dasselbe entbehren.
Aus dem Felle der Ziege erstehen haltbare Schürzen, feste Handschuhe, sogar dauerhafte Beinkleider. Haus-, Schaf- und Reisepelze, sowie auch Müffe, Pelzstiefel und Reisedecken kommen vom Felle des Schafes. Und wie viel Kleidungsstücke, Stickereien und andere Schmuckgegenstände werden nicht erst aus seiner Wolle gefertigt!
Den außerordentlichen Nutzen dieser Thiere erkannten schon die ältesten Nationen und Völkerstämme. Schon Abraham, Isaak und Jakob besaßen große Heerden. Rinder und Schafe bildeten ihre größten Reichthümer.
(Zwei Aussagen.)
Die Gans ist ein Haus- und Wasservogel. Ihr Rumpf ist oval und ziemlich stark. Ihre Füße haben Nägel und Schwimmhäute. Ihr Hals ist lang und sehr beweglich. Der Schnabel hat eine breite Gestalt und eine abgerundete Spitze. Das Gefieder ist dicht und oft buntfarbig.
Die Stimme der Gans ist weder klangvoll noch melodisch. Sie schnattert und gackert blos. Ihr Gang ist breitspurig und wacklig. Sie schwimmt zwar vortrefflich, fliegt aber schwerfällig. Ihre Eier sind allerdings groß, aber als Speise nicht eben gesucht. Ihr Fleisch dagegen ist sehr wohlschmeckend und darum beliebt.
Die Gans ist namentlich wegen ihrer Federn sehr nützlich und deshalb sehr verbreitet. Sie wird daher in manchen Gegenden ganz besonders gehegt und gepflegt.
(Mehrere Aussagen.)
Martin war seinen Eltern ein unfolgsames Kind, in der Schule ein fauler Schüler und überhaupt ein ungezogener Knabe. Er war nicht blos zänkisch und schadenfroh, sondern auch lügenhaft und tückisch. Sein ganzes Benehmen war roh, wild und flegelhaft. Er hörte auf keine Mahnung, achtete keinen Tadel, ließ sich durch keine Strafe bessern.
Seine Bücher hatten nicht nur Schmuzflecken und Blattohren, sondern auch keine Schalen mehr. Seine Kleider waren selten ganz, reinlich und in guter Ordnung. Natürlich wurden seine Schulcensuren immer geringer, kläglicher und entehrender.
So war Martin seinen Eltern ein Angst-, Sorgen- und Schmerzenskind. Ebenso hatte der Lehrer mit ihm nichts als Verdruß und Aerger.
Und was war die traurige Folge von all diesen Jugendsünden? Martin wurde später ein Faulenzer, ein Betrüger, ein Dieb und zuletzt ein Bewohner des Zuchthauses.
(Zwei Beifügungen.)
Ein weiser und gerechter König ist für ein Land ein großes Glück. Er sorgt für das Wohl der Städte und Dörfer. Er fördert die Stätten der Wissenschaft und Kunst.
Seine ebenso wohlwollenden als strengen Gesetze gewähren allen Unterthanen Schutz. Er unterstützt den Fleiß der Handwerker und Bodenbebauer. Er weiß den Segen einer guten Schulbildung und einer frommen häuslichen Erziehung zu würdigen. Er spendet jedem wirklichen Verdienste wohlverdiente und ermunternde Anerkennung.
So strömt Segen von seinem erhabenen, gottbegnadetenThrone über das ganze Land. Allenthalben erblüht geistiges und leibliches Glück.
Das Volk weiß dann aber auch ein solch fürsorgliches und väterliches Regiment zu schätzen. Mit vertrauensvollen und dankbaren Herzen blicken Alle zu dem Throne auf. Jeder Gutgesinnte zeigt nicht blos freudigen, sondern selbst aufopfernden Gehorsam. Für einen solchen Fürsten zieht das Volk willig in den gefahrvollen, blutigen Kampf. An der Gruft eines solchen Landesvaters steht es mit Herzen voll Weh und Schmerz.
(Mehrere Beifügungen.)
Der Bergmann hat einen nicht blos mühsamen, sondern auch gesundheits-, ja lebensgefährlichen Beruf. In dem tiefen, dunklen, unheimlichen Schachte ist seine Werkstätte. Die unterirdische ununterbrochene Nacht ist sein Werkeltag. Das kleine, dürftige Flämmchen seiner Grubenlaterne ist seine Sonne.
Die Gefahr zu ersticken, zu verbrennen oder verschüttet zu werden schwebt fortwährend über seinem Haupte. Kann doch jeden Augenblick ein sogenanntes böses Wetter aus dieser oder jener Wand hervorbrechen. Kann doch jeden Tag das an sich zwar feste, aber weitgespannte Steingewölbe über dem armen ruhig arbeitenden Manne zusammenbrechen. Nicht selten droht ihm auch Unheil durch des Wassers tückische, verheerende Macht.
Leider sind dergleichen schreckbare, grauenhafte, herzerschütternde Unglücksfälle gar nicht selten. Die Bergwerke wurden schon für Tausende von braven, biedern, redlich sich nährenden Menschen zum frühen, jammervollen Grabe.
All diesen Gefahren aber geht der Bergmann tagtäglich mit muthigem, gottvertrauendem Herzen entgegen. Er zeigt überhaupt viel frommen, gottesfürchtigen Sinn.
Vor jedem größeren Bergwerke erblickt man ein kleines, einfaches Bethaus. Hier stärkt er sich durch eine zwar kurze, aber erhebende Andacht zu dem schweren und gefahrvollen Gange in die Tiefe.
Trotz der Arbeit voller Aengste und Bedrohnisse erhält der Bergmann aber doch nur einen bescheidenen, fast kärglichen Lohn. In Bergmanns Hütte herrscht daher nicht selten bittere, drückende Noth. Schwarzes, trockenes Brod bildet häufig seine Mahlzeit nach einer langen, erzfundreichen Schicht. Sein zufriedenes, genügsames Gemüth hilft ihm indeß auch dieses schwere, freudenleere Loos ertragen.
(Zwei und mehrere Ergänzungen.)
Die Sonne führt verschiedene Titel und Namen. Der Dichter nennt sie die Mutter der Erde, die Königin des Tages, auch wol den Quell alles Lichtes. Der Sternkundige bezeichnet sie einfach als Fix- oder Standstern.
Unendlich groß sind ihre Segnungen. Sie regiert Tag und Nacht. Sie spendet der Erde Licht und Wärme. Ihr milder Strahl erquickt sowohl die Menschen als auch die Thiere und die Pflanzen.
Sie ruft den Frühling und den Sommer. Sie läßt den Herbst und den Winter einziehen. Sie zaubert das zarte Keimblättchen aus der Erde, die üppige Knospe aus dem Zweige, die purpurne Blüthe aus dem Kelche, die goldene Frucht an des Baumes Krone.
Sie zeugt die Raupe in dem winzigen Ei und den Schmetterling in der geheimnißvollen Puppe. Ihre segnende Bahn streut Leben, Glück und Freude aus. Sie scheint Gerechten und Ungerechten.
Und wie verherrlicht sie ihren Auf- und Niedergang!Welche Genüsse bereitet sie da dem Auge und dem gefühlvollen Herzen! Wen sollte nicht ein schöner Sonnenaufgang sowohl mit Bewunderung und Entzücken, als auch mit Dankgefühlen und stiller Andacht erfüllen? In wem erzeugte nicht ein schöner Sonnenuntergang nicht allein frohes Staunen, sondern auch ernste Betrachtungen?
Die Größe und Majestät der Sonne erkannten daher auch schon die ältesten Völker. Einige ließen ihr sogar Anbetung und göttliche Verehrung zu Theil werden.
(Desgleichen.)
Ein Blinder hat ein unsäglich schweres Loos, ein unendlich hartes Geschick zu ertragen. Sein Leben ist reich an Gefahren und Entbehrungen. Ihn kann weder der farbige Blumenteppich des Frühlings, noch das blitzende Diamantkleid des Winters, weder das majestätische Sternenzelt, noch das liebe Bild eines schönen Menschenantlitzes erfreuen.
Er kann nie des Entzückens über eine reizende Landschaft, nie des Jubels über das herrliche Farbenspiel eines Regenbogens, nie auch der ergreifenden Gemüthsbewegung bei dem Anblicke wildzuckender Blitze theilhaftig werden. Auf jedem seiner Wege muß er stets seiner Unsicherheit und Hülflosigkeit eingedenk sein. Er muß jeden Laut, jedes kleine Geräusch beachten. Nur selten kann er des Stockes oder einer leitenden Hand entbehren.
Ein solcher Unglücklicher verdient daher unser Mitleid, unsere herzlichste Theilnahme, unsere Unterstützung. Man muß natürlich an jedem Unglücklichen, ganz besonders aber an dem Tauben, Stummen und Blinden Barmherzigkeit üben. Ein diese Pflicht Vergessender ist weder unserer Achtung und Liebe, noch des Christennamens und der Gnade Gottes würdig.
(Mehrere Ortsbestimmungen. Verhältnißwort.)
Sowohl in Ungarn als auch in Serbien und Bosnien hausten ehedem sehr gefährliche Räuberbanden. Ihre Schlupfwinkel befanden sich in den dortigen Gebirgen und Wäldern. Ihre Lager schlugen sie in Höhlen und Felsenkesseln auf.
Weder in den Städten, noch in den Dörfern war man vor diesem rohen Gesindel sicher. Einzelne der kühnen Gesellen wagten sich sogar am hellen Tage auf die Marktplätze, auf öffentliche Vergnügungsorte und in die Gotteshäuser. Kein Reisender konnte auf Wegen und Straßen für sein Leben unbesorgt sein. Immer mußte er ängstlich vor, neben, um und wol auch hinter sich blicken. Konnte ja doch jeden Augenblick ein solcher Wegelagerer aus einem Dickicht, hinter einer Felsenecke oder aus irgend einer Vertiefung hervorgesprungen kommen. Konnte ja doch auf jedem Schritte das tödtliche Rohr für ihn schon an einem Baumstamme, auf einem Erdhügel oder auf einer Felsenkante angelegt sein.
So war aller Verkehr diesseits und jenseits der Donau höchst unsicher gemacht. Nur mit Hülfe des Militärs vermochte man endlich dem Unwesen zu steuern.
Ganze Compagnien mußten in Bergen und Thälern umherstreifen. Nach Süd und Nord, nach Ost und West gingen einzelne Abtheilungen. Diese bewaffneten Männer spähten unter jeden Haufen dürrer Blätter, hinter jeden Steinblock, in jede Felsenspalte, nach jedem kleinen Thalkessel.
Viele von den Räubern wurden in ihren Verstecken oder auch im freien Walde gefangen. Man führte sie zunächst auf die Militärwachen oder auch sofort in die Gefängnisse. Viele der Raubgesellen fanden ihren Tod auf der Stelle oder später am Galgen. Andere wurden lebenslänglich in die Zuchthäuser oder in andere Strafanstalten geschickt. Einzelne Räuberhäuptlingebüßten ihr verbrecherisches Leben bis an dessen Ende theils in unterirdischen Gefängnissen, theils in stockfinstern Festungszellen.
Die Bewohner der dortigen Gegend aber athmeten nun wieder freier unter ihren Dächern und auf ihren Wanderungen.
(Desgl. Umstandswort.)
Clemens schrieb kurz nach dem Weihnachtsfeste an seine kleinen Vettern in Reichenbach und Chemnitz. An den einen berichtete er Folgendes über den Christbaum:
Der Christbaum stand mitten in der Stube auf dem Tische. Er war oben und unten auf das prächtigste geschmückt.
Hier und da blitzten lange Perlenschnuren. Links und rechts flatterten goldene Fähnchen an den Zweigen. Silberpapierne Vögelchen schwebten vermittelst dünner Gummifädchen rückwärts und vorwärts. Eine Menge allerliebster Engel schienen innen und außen auf- und nieder zu steigen.
Inmitten der blitzenden Krone hing ein großer Ruprecht. Er trug hinten und vorn einen Sack. Mit der Rechten bewegte er eine lange Ruthe hin und her. Mit der Linken zeigte er bald aufwärts, bald abwärts.
Hier und dort erblickte man auch vergoldete Schäfchen. Wol an dreißig brennende Kerzen sendeten ihre Strahlen nach den großen Pfeilerspiegeln hinüber und herüber. Und so war das ganze Zimmer bis in alle Ecken und Winkel festlich erleuchtet.
(Zwei Zeitbestimmungen.)
„Wie geht es Deinem kranken Bruder?“ So fragte Paul den ihm begegnenden Moritz.
Moritz.Seit vorgestern und gestern war das Fieber im steten Steigen begriffen. Früh und abends phantasirte er sehr lebhaft. Seit zwei oder gar seit drei Tagen hat der arme Junge keinen einzigen Bissen Nahrung zu sich genommen.
Paul.O weh! Da kann ich ihn wol weder heute noch morgen besuchen?
Moritz.Vor Sonntag oder Montag wird das der Arzt kaum erlauben. Selbst ich darf unter drei, vier Tagen nicht zu ihm.
Paul.Wie oft kommt denn der Arzt zu ihm?
Moritz.Der Arzt besucht ihn vor- und nachmittags, zuweilen auch noch einmal abends acht Uhr.
Paul.Welche Heilmittel wendet denn der Arzt an?
Moritz.Früh und abends wird er in feuchte Tücher eingeschlagen. Darauf schwitzt er eine Stunde, auch zwei Stunden. Nun reibt ihn mein Vater fünf bis zehn Minuten mit einem wollenen Tuche trocken. Nach dem Schweiße kommt er 20–30 Sekunden in ein kühles Bad. Der hierauf eintretende Schlaf währt zuweilen eine halbe, auch eine ganze Stunde.
Paul.Gewiß ist Deine gute Mutter recht besorgt um den Kranken?
Moritz.Sie sitzt Tag und Nacht an seinem Bette. Sie hat sich schon seit Tagen und Wochen keinen ordentlichen Schlaf vergönnt. Morgen und übermorgen aber wird mein Vater eine Krankenpflegerin für sie eintreten lassen.
Paul.Vor vier, sechs Wochen wird da wol Dein Bruder nicht in die Schule kommen?
Moritz.Vielleicht gar vor drei oder vier Monaten nicht. Er ist zu sehr entkräftet.
Paul.Möge ihn der liebe Gott recht bald und dann für immer gesund werden lassen!
(Desgleichen.)
Hoch auf dem Thurme hängen die Glocken. Ihre ehernen Zungen tönen früh und spät in die weite Welt hinein.
Des Morgens und des Abends mahnen sie zum Gebet. Wie ernstfreundlich klingt doch des Kirchglöckleins Stimme während des Sonnenauf- und Sonnenunterganges!
An Sonn- und Festtagen rufen sie zum Gotteshause. Wie feierlich ertönt sowohl zur lieben Weihnachts- als auch zur lieben Osterzeit der harmonische Glockengruß!
Tiefernst stimmt uns das Kirchengeläute beim Scheiden des Jahres, an Buß- und Bettagen. Fast wehmüthig zittert es zur Zeit eines Begräbnisses oder gar zur Stunde eines Hochgerichts an unser Ohr.
Geradezu schauerlich aber hallt der Nothruf der Glocke während einer Feuersbrunst oder eines Volksaufstandes durch die Straßen.
Ihr Ruf ertönt aber nicht blos an den Tagen ernster Feier, zur Stunde trauriger Familiengeschicke, in den Minuten drohender Gefahr und während der Augenblicke blutiger Sühne, sondern auch zur Zeit froher Feste und freudiger Familienereignisse.
So verkündet z. B. auf dem Lande die Kirchenglocke minuten-, ja viertelstundenlang die Taufe eines Kindes. Dort stimmen die Glocken am Tage der Geburt des Landesvaters, bei Einweihungen kirchlicher Gebäude, bei feierlichen Einzügen und zu besonders festlichen Trauungen ihren freudigen Lobgesang an.
So sind die Kirchenglocken Sommer und Winter, Tag und Nacht theilnehmende Wächter ob des bewegten Menschenlebens. Diesen Dienst aber versehen sie nicht blos erst zehn oder fünfzig, sondern schon seit Hunderten von Jahren.
Früher oder später werden sie auch Dir Dein Grablied singen.
(Zwei Bestimmungen der Art und Weise.)
Elise hatte sich auf einem Spaziergange in den Wald plötzlich und auf ganz unerklärliche Weise eine Erkältung zugezogen. Sie wurde nicht blos leichthin, sondern sogar gefährlich krank. Kopf und Brust bereiteten ihr theils abwechselnd, theils gleichzeitig viel Weh.
Mehrere Nächte verbrachte sie schlaflos und äußerst aufgeregt. Unter diesen Umständen waren die Eltern bald mehr, bald weniger um sie besorgt.
Sie ertrug indeß alle Schmerzen still und geduldig. Bereitwillig und ohne eine Miene zu verziehen nahm sie die von dem Arzte verschriebene bittere Arzenei. Ergeben und zugleich vertrauensvoll unterwarf sie sich allen Kurversuchen. Sogar das schmerzhafte Saugen mehrerer Blutegel erduldete sie standhaft und ohne jeglichen Seufzer.
Diesem rühmlichen Verhalten folgte aber auch endlich die Genesung schnell und sicher. Nach vier Wochen war Elise gründlich und darum nachhaltig kurirt. Frisch, munter und fröhlich hüpfte sie nun wieder mit ihren Gespielen im Garten umher.
Ihre Eltern aber dankten dem lieben Gott ebenso aufrichtig als herzlich für die ihrer Tochter neugeschenkte Gesundheit.
(Desgleichen.)
Nicht ohne Schreck und eine gewisse Verzagtheit las Melchior den Ruf zu den Waffen. Unter Thränen und Seufzen nahm er Abschied von den Seinigen. Mit trübseligen Gedanken und niedergeschlagnen Augen marschirte er inmitten seines Regimentes zum Thore hinaus.
Seine Kameraden sangen aus voller Kehle und muthigerBrust ihre frischen Soldatenlieder. Melchior schritt stumm und bänglich dahin.
In guter Stimmung und noch bei frischen Kräften überschritt endlich das Regiment die feindliche Grenze. Ebenso kühn als schnell warf sich ihm der Feind entgegen. Zwar in größter Eile, aber dennoch vorsichtig nahm das Regiment Stellung.
Unter Horn- und Trommelsignalen begann der Kampf. Summend und zischend durchkreuzten die tödtlichen Geschosse die Luft. Theils stumm, theils mit einem jähen Aufschrei brachen die von den Kugeln Getroffenen zusammen.
Melchior erbebte bei den ersten Schüssen ganz entsetzlich, fast wie ein furchtsames Kind. Von Todesangst und einer gewissen Betäubung ergriffen stand er in Reihe und Glied. Zitternd und darum ohne jegliches Ziel feuerte er seine Schüsse ab. Fast wider Willen und ohne Selbstbewußtsein ging er mit vorwärts.
Zehn Minuten lang war jetzt mit außerordentlicher Erbitterung, aber noch ohne Erfolg gekämpft worden. Da kam plötzlich und in fast wunderbarer Weise ein ganz anderer Geist über Melchior. Er stellte sich kalt und mannhaft dem Feinde gegenüber. Er zielte mit Ruhe und Sicherheit. Schnell und unerschrocken benutzte er jede Gelegenheit zu seiner Deckung. Mit Ungeduld und sichtlicher Kampfbegeisterung erwartete er das Signal zum Vorwärtsgehen. Beim schließlichen Sturmangriffe eilte er sonder Furcht und Todesangst allen Anderen voran.
Sein Regiment errang endlich unter fast übermenschlichen Anstrengungen und großen Opfern den Sieg.
Und Melchior?
Ihm überreichte sein Commandant vier Wochen nach der Schlacht mit militärischer Feierlichkeit und herzlicher Ansprache eine ehrenvolle Auszeichnung.
(Zwei Beweggründe.)
Der liebe Gott schenkt uns Alles aus Liebe und Güte. Er verschiebt die Strafe des Sünders aus Geduld und Langmuth. Er vergibt uns unsere Schuld aus lauter Gnade und Barmherzigkeit.
Aus Liebe und Dankbarkeit müssen wir ihm deshalb gehorchen lernen. Unsere Besserung darf nicht aus Angst oder Furcht geschehen. Wir müssen uns aus vollster Ueberzeugung und mit aufrichtigem Vertrauen ihm stets als Kinder gegenüber stellen.
(Zwei Zwecke.)
Die Kuh wird zur Zucht und auch zum Zuge verwendet. Sie gewährt deshalb für Stadt und Land großen Nutzen.
Um ihrer Milch und ihres Düngers willen hält man sie oft in großen Heerden. Ihre Milch wird nicht blos als Getränk, sondern auch zu Butter und Käse verbraucht. Ihr Fleisch dient zu Braten und zu verschiedenen andern Speisen. Ihre Haut trägt sie für Schuhmacher, Sattler und Riemer zu Markte. Ihre Hörner sind für Drechsler und Knopfmacher bestimmt.
Wegen dieses allgemeinen Nutzens wird auch die Kuh in manchen Gegenden zum Heirathsgute oder zu einem andern Geschenke erhoben.
(Zwei Stoffe.)
Julius war ein außerordentlich geschickter Knabe. Er verstand aus den unbedeutendsten Dingen und Stoffen allerhand Spielereien zu fertigen. Aus abgesetzten Korken und weggeworfenen Lederstückchen schnitzte er allerliebste Landschaften.
Aus Baumrinde, Moos und Flechten baute er kleine Einsiedeleien. Aus buntem Papier und den Abfällen in der Glaserwerkstattwußte er niedliche Glasschränkchen herzustellen. Aus Pappstreifen und bunten Leinwandabschnittchen formte er allerhand Schächtelchen. Aus Cigarrenkastenbretchen und den Deckeln zerbrochener Schachteln entstanden unter seinen Händen bewegliche Windmühlen. Thiere schuf er gewöhnlich aus Mehl und Wasser. Menschen wurden von ihm aus Wachs oder Pech gebildet.
Mit diesen Sächelchen aus festen Stoffen oder ursprünglich weichem Material erfreute er dann seine Geschwister besonders zur Weihnachtszeit.
Wiederholung.
(Alle Arten Zusammenziehungen.)
Ludwig und Günther nannten sich gute Freunde. Beide aber waren faule, ungezogene und rohe Buben. Ueber ihre Lippen ging selten ein sanftes oder ein gutes Wort. Häufig stießen sie nicht blos Schimpfworte und gemeine Reden, sondern sogar Flüche und Verwünschungen aus.
Während ihrer freien Zeit trieben sie sich in Wäldern und Gebüschen umher. Dabei war im Frühlinge und Herbste ihr Hauptabsehen auf das Wegfangen von Singvögeln gerichtet. Diese Schändlichkeit führten sie durch Aufstellen von Leimruthen, Netzen, Sprenkeln und andern Schlingen aus. Mit den armen Gefangenen aber gingen sie nicht selten äußerst roh und herzlos um. Oft marterten sie die unglücklichen Thierchen aus purer Laune und Schadenfreude auf das entsetzlichste. Schließlich wurden dieselben in ein enges Leinwandsäckchen oder gar in einen Strumpf gesteckt.
So wanderten die Aermsten zum Verkaufe oder zum Verschenken aus ihrem Paradiese hinaus. Die Freiheit und den grünen Wald sah keiner der Unglücklichen wieder. Lebenslänglicher Kerker oder ein elender Tod ward ihr Loos.
Zum Glück und zur Freude aller Gutgesinnten legte man endlich den bösen Knaben ihr gottloses Treiben. Sie wurden eingezogen, verhört, verurtheilt und auf zwei Jahre in eine Strafanstalt abgeführt.
Zu ihrem eigenen Heile kehrten sie aus dieser Anstalt nach überstandner Buße als gebesserte, gute und brauchbare Menschen zurück.
(Fortsetzung.)
Die Luft besteht aus Stickstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlensäure. Stickstoff und Sauerstoff sind in großer Menge in ihr vorhanden.
Viele Merkmale und Eigenschaften hat sie mit andern Körpern gemein. Sie ist undurchdringlich, durchsichtig, schwer und elastisch. Sie nimmt verschiedene Grade der Kälte und der Wärme an. Deshalb berührt sie uns zuweilen heiß, warm, lau, kalt, sogar eisig kalt.
Die Luft durchdringt die winzigsten Zellen der Thierkörper und der Pflanzen. Sie findet sich ebensowohl in der Tiefe des Meeres als im Innern des größten Felsenberges. Für alles Leben und Gedeihen ist sie die erste Bedingung.
Ihre Bewegungen und Strömungen sind stets wechselnder Natur. Als lindes Säuseln weht sie durch Hain und Flur. Als scharfer Zug pfeift sie durch Fenster und Thüren. Aehrenfelder, einzelne Baumgipfel und ganze Wälder bewegt der Wind.
Er setzt die Windmühle und die Segelschiffe in Bewegung. Er trägt den leichten Drachen und die schwere Wolke. Pfeifend und heulend saust er als Sturm daher. Als Orkan richtet er in Obstgärten, in Wäldern, auf dem Meere, in Dörfern und Städten oft gewaltige Verheerungen an.
Die Luft vermittelt jeden Schall, jeden Laut, jeden Ton, jeden Knall. Ihre Wellen tragen das Murmeln der Bäche, dasSummen der Käfer, das Lied der Nachtigall an unser Ohr. Auf ihren Schwingen rollt der knirschende Donner und der dumpfe Knall der schweren Geschütze dahin. Sie vermittelt unsern Herzen das Flehen des Armen, das Seufzen des Leidenden, den Hülferuf des Verunglückten, den Trost theilnehmender Freunde.
So belebt sie nutzbringend und segenspendend das unendliche All.
(Fortsetzung.)
Wasser, Salz und Brod macht die Wangen roth. Das ist ein altes und ein wahres Sprichwort. Wo blieben sonst die markigen Gestalten, die kräftigen Arme und die blühenden Gesichter der armen Gebirgsbewohner?
Die Tafeln der Grafen, Herzöge, Könige und Kaiser möchten brechen unter der Last der feinsten Leckerbissen. Sind diese Herren aber deshalb etwa die gesündesten und kräftigsten Menschen? Starb nicht schon mancher Fürst in der Blüthe seiner Jahre, im kräftigsten Mannesalter?
Möge der Arme darum nicht neidisch weder nach den Kapaunen, Austern und Torten, noch nach den Weinhumpen und Methgläsern der Reichen blicken. Bei zufriedenem Sinn und Hunger ist auch die einfache Kartoffel eine leckere Speise. Gaumenkitzel und Zungenweide sind ja oft nur eingebildete Dinge.
Dein Mahl aus einfachem Gemüse und Schwarzbrod erscheint vielleicht sogar manchem Reichen als genußreich. Möglicherweise haben ihm die allzu fetten Speisen den Magen geschwächt oder gar schon verdorben.
Einfache, aber kräftige Kost ist unter allen Umständen der Gesundheit am dienlichsten.
(Fortsetzung.)
Hans und Otto waren Brüder. Heiterkeit und Frohsinn, sowie Verträglichkeit bildeten die Hauptmerkmale ihres Charakters. Fleiß, wie auch Ordnungsliebe zeigte jeder. Nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter waren stolz auf diese Kinder.
Hans galt für einen guten Turner und Schwimmer. Otto leistete viel im Zeichnen und Malen. Ersterer sah frisch und blühend aus. Letzterer war etwas blaß und hager. Beide lernten und arbeiteten um die Wette.
Diese treuen, strebsamen Brüder waren bei Jedermann beliebt. Der Fleiß des Hans und des Otto wurden andern Kindern zum Vorbilde aufgestellt. Otto’s Zeichnungen und Bilder bewunderte man. Von dem Muthe und der Gewandtheit des Hans erzählte man sich überall.
Große und kleine Kinder gingen mit Respekt an diesen Knaben vorüber. Beide jedoch blieben bescheiden und demüthig. So brav und gut sollten alle Knaben und Mädchen sein.