II. Mehrfache Zusammenziehungen.
(Subjecte, Ergänzungen, Beifügungen etc.)
Nachtigall und Grasmücke sind liebliche Wald- und Singvögel. Sie lieben das niedere, schattige Gebüsch an Flüssen und Teichen.
Ihr einfaches, schlichtes Kleid kann sich weder mit dem bunten Gefieder des Gimpels, noch mit dem vielfarbigen Gewande des Finken messen. Ihr wundervoller, herrlicher Gesang aber macht sie zu Lieblingen bei Jung und Alt.
Weich und harmonisch ertönen ihre Weisen aus dem düstern Strauchwerke und aus den niedern Baumgipfeln hervor. Ihre melodie- und gefühlsreichen Lieder ergreifen jedes unverdorbene und sinnige Menschenherz mit unwiderstehlicher Macht und seltsamem Zauber. Ihnen lauscht zur Früh- und Abenddämmerung der Wanderer auf staubiger Straße oder auf holperigem Waldpfade. Ihren flötenden, oft schwermüthigen Accorden leiht selbst der müde Waldarbeiter und der die Waldmusik längst gewohnte Waidmann noch sein Ohr.
Und doch haben gerade Nachtigall und Grasmücke unter den Menschen die unbarmherzigsten, gefährlichsten Feinde. Aus purer Gewinnsucht und schnödem Eigennutze stellt man ihnen an allen Orten und Enden nach. Selbst die zu ihrer Sicherheit und ihrem Schutze hier und da erlassenen strengen, oft außerordentlich strengen Gesetze vermögen diese Zierden des Waldes, diese Lieblinge aller Naturfreunde nicht ganz vor Nachstellung und Gefangennahme zu schützen.
(Fortsetzung.)
Horst und Alfred erwarteten mit sehnsüchtigen Blicken und förmlicher Ungeduld den ersten Schnee. Stundenlang, ja halbe Tage lang schauten sie zu den hohen, breiten Fenstern hinaus nach dem grauen, wolkenbedeckten Himmel.
Längst schon hatten sie ihre Schlitten und Schlittenpeitschen aus ihren Schlupfwinkeln hervorgeholt und in Bereitschaft gestellt. Nicht blos bereits seit Tagen, sondern sogar seit Wochen schwärmten sie in ihren Gesprächen und Träumen von Schneeballschlachten, Schneemännern und Rutschpartien.
Da endlich wirbelten die ersten feinen, zarten Schneeflöckchen in anmuthigem Tanze und in dichtem Gedränge auf Dach und Baum, auf Hof und Garten herab. Horst und Alfred schrieenlaut und freudig auf über das längst ersehnte und längst erhoffte Naturereigniß.
Nach zwei Tagen und drei Nächten lag der Schnee in den Gärten und Feldern nicht blos zoll-, sondern sogar ellenhoch. Nun wurden von den beiden Knaben und ihren Freunden und Gespielen Schlittenbahnen angelegt und große, dickmauerige Schneeschanzen errichtet. Diese ziemlich fest und äußerst geschickt angelegten Bollwerke suchte man dann unter Vivat- und Hurrahgeschrei zu erstürmen. Dabei flogen die großen und kleinen Bomben hinüber und herüber. Viele von ihnen zerplatzten zur Freude und zum Jubel der kleinen Schaar auf dem Rücken, an den Köpfen und wol gar an den Nasen der Gegner.
Zur Abwechselung wurde nach beendigter Schlacht oder nach längerer Schlittenfahrtbelustigung ein hoher, breitschultriger Schneemann erbaut. Wohlausgesuchte und geeignet geformte Steinkohle bildete seine Augen und seine Nase. Zähne und Lippen verlieh man ihm mittels rother Tuchläppchen und kleiner Eiszapfen.
Die Schöpfung eines solch riesigen Schneemannes weckte unter den kleinen Knaben außerordentlich fleißige und emsige Hände und viel Freude und Jubel.
So trieben sie es alle Tage und wurden des langen und zugleich harten Winters nicht müde. Bei aller dieser Freude und bei all diesem Vergnügen vernachlässigten sie aber nie ihre Schularbeiten und ihre sonstigen häuslichen Beschäftigungen.
(Fortsetzung.)
Stolz und Eitelkeit verderben bei Kindern und Erwachsenen nicht blos den Charakter, sondern beflecken auch das Herz. Stolze und Eitle blicken mit Geringschätzung und Nichtachtung auf Arme und Gebrechliche, überhaupt auf Niedrigstehende herab. IhrGemüth verschließt sich aus lauter Dünkel und Hochmuth der Theilnahme, dem Mitleide, der Barmherzigkeit. Dabei werden sie in engeren und weiteren Gesellschaftskreisen unangenehm und darum lästig.
Welcher Verständige und Vernünftige möchte wol gern mit solchen eingebildeten Narren und hochfahrenden Thoren näheren und wol gar freundschaftlichen Umgang haben?
Der Hochmüthige lebt sich unbestritten und unleugbar auch selbst zur Last und Qual. Wie erregt und ärgert ihn jeder fremde Vorzug des Standes, der Bildung, der körperlichen Schönheit, der Kleidung, jedes fremde Lob, jede fremde Ehre oft auf Tage und Wochen hinaus! Wie mitunter peinlich ängstlich ist er früh und spät auf die Pflege seiner Haut, seiner Zähne, seiner Haare, vielleicht sogar seiner Nägel bedacht! Wie späht die Eitelkeit auf den Straßen und in Gesellschaften, sowie in Modezeitungen und andern derartigen Blättern nach der neuesten Form der Kopfbedeckung, dem neuesten Schnitte der Kleider, wol gar nach der neuesten Farbe der Handschuhe! An allen Orten und in allen Kreisen will sie gesehen und bewundert sein.
Welch ein unruhiges, trauriges Leben! Laßt uns lieber zu unserer Ehre und zu unserem Ruhme unsern schönsten Schmuck in Einfachheit und Bescheidenheit suchen und finden.