Der Artikel.

Der Artikel.

(Der bestimmte.)

DerTag ging zu Ende.DieSonne sank.DasAbendglöcklein läutete zum Feierabende. Der Landmann kehrte vom Felde heim. Die Heerde zog in ihren Stall zurück. Das Lerchenlied verstummte. Bald glänzten die Berge und die Hütten im Abendgolde und die Gräser funkelten im herrlichsten Thauschmucke. Die Blume schloß ihr Auge. Immer stiller und stiller ward der weite Schöpfungsraum. Die Natur sehnte sich nach Ruhe. Nur das Bächlein rauschte noch weiter und die Fledermaus kreiste noch pfeifend umher.

Auch die Hütten wurden still und stumm. Der Tag war heiß und die Arbeit um das liebe Brod sauer gewesen. DerFuß und die Hand hatten das Tagewerk treu vollbracht. Das Nachtlager sollte nun die so nöthige Erholung bieten. Als daher die Sterne am Himmel glänzten und der Mond langsam emporstieg, lag das Dörflein bereits im tiefsten Schlafe. Die Engel Gottes aber schwebten über Reich und Arm und hielten treue Wacht.

(Der unbestimmte Artikel.)

EinJäger zog durcheinenWald.Eineschöne Doppelflinte hing auf seinem Rücken undeinHirschfänger an seiner Seite.EinDachshund und ein Windspiel begleiteten ihn.

Ein herrlicher Herbsttag lag auf den Gipfeln der Tannen und Fichten. Ein sonniger Hauch wehte auf den bebuschten Hügeln. Da sprang eine Rehkuh auf. Ein solches Thier ist für jeden Menschen eine angenehme Erscheinung. Ein Jägerauge aber zuckt freudig auf, wenn es ein solches Wild erblickt. Auch diesen Waidmann durchzuckte eine freudige Aufregung. Kaum war eine Minute vergangen, knallte ein Schuß und eine Ladung Schrot saß dem Thiere in einem Hinterlaufe.

Jetzt aber gab es eine ergötzliche Scene. Ein Wink und beide Hunde begannen einen wahren Wettlauf nach dem Rehe. Dabei aber war ein tiefer Graben zu überspringen. Für den Windhund war dies ein Spaß, eine ganz leichte Mühe. Nicht so für einen kurzbeinigen Dachshund. Dieser nahm zwar einen gewaltigen Anlauf, aber für ihn war ein solcher Graben eine zu weite Kluft. Er schoß einen Purzelbaum und rollte wie eine Kugel ein großes Stück den einen Rand hinab in eine Pfütze. Ein helles Gelächter begleitete seinen Fall. Eine Anzahl Waldarbeiter hatten ihn nämlich aus einer kleinen Entfernung beobachtet. Unter ihnen fand sich auch bald eine hülfreiche Hand, die mit einer Stange zur Rettung herbeieilte.

„Siehst Du“, sagte der Jäger zum ganz durchnäßten Dachse, „so geht es einem Voreiligen. Nimm Dir aus diesem Falle eine Lehre: Wer ein Dachs ist, muß es einem Windspiele nicht gleichthun wollen.“

(Bestimmter und unbestimmter Artikel.)

Bernhard wareinhöchst unordentlicher Knabe. Dies zeigteeineinziger Blick indieKinderstube, in der er sich aufhielt.DerBücherranzen,derStiefelknecht,derBall undderAtlas lagen gewöhnlich beisammen unter der Ofenbank. Die Botanisirtrommel, die Mütze, die Federbüchse, die Schreibmappe und die Haarbürste erblickte man nicht selten in einem Winkel der Stube. Das Bibelbuch, das Tintenfaß, das Handtuch, das Wichszeug und das Vorhemdchen erhielten oft ihren Platz in einem Schubfache einer alten Kommode.

Der Vater und die Mutter, sowie auch das Stubenmädchen hielten dem Knaben deshalb oft eine Strafpredigt, aber all die Mahnungen und Warnungen fanden bei ihm ein taubes Ohr.

Auch der Lehrer hatte die größte Noth mit ihm. Namentlich bekundeten die Schreibebücher Bernhard’s die größte Liederlichkeit und einen hohen Grad von Leichtsinn. Die Umschläge waren zerrissen. Durchschnittlich das dritte Blatt enthielt einen Klecks. Die Schrift konnte man kaum lesen. Das Löschblatt glich einem Lappen.

Auch der Tadel und die Strafe des Lehrers besserten den Knaben nicht. Er blieb ein liederlicher Mensch sein Lebelang.

(Desgleichen.)

Der Tag brach an. Die Sonne stieg im Osten empor. Das ferne Gebirge strahlte im Purpurgolde. Ein leichter Nebelstieg aus dem Thale auf. Eine Lerche flatterte aus dem Saatfelde empor und stimmte ein jubelndes Lied an. Die Gräser, Halme und Blumen blitzten im Perlenschmucke des Morgenthaues. Der Wald erwachte. Die Wiese belebte sich mit Schmetterlingen und Bienen. Das Wild lugte munter aus dem Gebüsche hervor. Bald zeigte sich auch das neuerwachte Leben in einem nahen Dörfchen, das eine lange Obstallee umgrenzte.

Der Hahn krähte. Die Tauben flatterten auf die Dächer. Das Ziegenböcklein meckerte im Stalle. Eine Menge Rauchsäulen stiegen aus den Schornsteinen empor. Der Knecht schirrte die Pferde ein, das Feld zu bestellen. Die Magd besorgte Futter für das Vieh. Es schien bereits darauf zu warten, denn die Kuh brummte, der Ochse brüllte, das Schwein grunzte, die Gans schnatterte und die Henne gackerte.

Bald darauf begann die Arbeit auf den Feldern. Hier zog ein Ochsenpaar einen schweren Pflug. Dort schleifte ein dicker Gaul eine Egge über ein knolliges Beet. Hier streute ein Landmann Korn auf einen wohlgedüngten Acker. Dort trieb ein Hirte eine wollige Heerde auf ein grasreiches Stoppelfeld.

So entwickelte sich von einer Viertelstunde zur andern ein immer regeres Leben, bis endlich der helle Tag die Menschen und die Thiere in voller Thätigkeit sah.

(Declination der Artikel.)

DerKasernenhofdesvierten Reiterregiments warderSchauplatzeinergroßen Festlichkeit.DerCommandantdesReiterregiments übergab nämlichdemWachtmeisterderdritten Schwadron das eiserne Kreuz erster Klasse. Dieser brave Mann hatte dem Feinde vor dem Festungswalle eine Fahne entrissen. Die vielen Wundennarben des Tapferen zeigten noch von dem harten Kampfe um den Siegespreis. Die Stirn des Wachtmeisterswar von einer feindlichen Kugel gestreift; an der Hand sah man einen Bajonettstich; in dem rechten Arme saß zur Zeit noch eine Kugel, die noch einen bedeutenden Schmerz verursachte.

Der Kasernenhof des Regiments war zu dieser Festlichkeit mit dem Laubwerke der Eiche geschmückt. An den Fenstern hingen Kränze. Ueber dem Haupteingange prangten des Königs Namenszug und das Wappen des Landes. Den Namenszug umflatterten eine Menge Fahnen. Vor dem Thorwege stand eine Art Ehrenpforte, deren Säulen bunte Blumenranken umspannen. Auf einem hohen Plumpenhäuschen, dem man ebenfalls ein festliches Gewand angelegt hatte, prangte die Fahne des Korps und wehte dem Helden ihre Grüße zu.

Das Musikchor spielte vor der Uebergabe der Auszeichnung den neuesten Sturmmarsch der Infanterie und nach der Feier einen Choral. Die Rede des Commandanten rühmte an dem Wachtmeister den großen Muth, die ausgezeichnete Tapferkeit und das treue Soldatenherz.

Der weite Kreis der Kameraden gönnte dem Braven den wohlverdienten Lohn. Eine solche Auszeichnung eines solchen Braven gab sogar einem Offiziere Veranlassung, bei Tische einen Toast auf ein so echtes Soldatenherz, wie der Wachtmeister besäße, auszubringen.

(Desgleichen.)

An dem Ufer eines Flusses spielten die Kinder eines armen Webers aus dem nahen Städtchen D. Sie ließen zuerst den Drachen steigen, den der ältere Knabe aus den Blättern des alten Hauskalenders gefertigt hatte. An dem Kopfe des Drachen sah man ein Gesicht mit einem schwarzen Barte. An dem Schwanzende flatterte ein Büschel bunter Federn. Da der Wind dem Spiele nicht günstig war und den Drachen nicht tragenwollte, schritten die Kinder zu einer anderen Unterhaltung. Sie suchten an dem Ufer des Flusses Muschelschalen und bunte Steine. Mit den Steinen wollten sie dann nach einem Stabe werfen, auf den sie einen alten Topf gestürzt hatten. Allein bei dem Suchen der Steine und der Muscheln glitt der kleine Paul von dem Ufer aus und fiel in den Fluß.

Sicher hätte das Kind des armen Webers den Tod in den Wellen gefunden, wäre nicht in dem nächsten Augenblicke ein Retter erschienen. Den Fluß daher kam nämlich der Diener eines Barons mit dem Pudel des Herrn. „Karo,apporte!“ rief der Diener dem Pudel zu und zeigte auf die Wellen und den mit dem Tode ringenden Knaben.

Das Thier stürzte sich sogleich in das Wasser, schwamm dem Kinde nach, packte es an den Kleidern und zog es glücklich dem Ufer und den übrigen Kindern zu. Welch eine Freude unter den Geschwistern! Sie küßten dem Diener aus Dankbarkeit die Hand und hätten am liebsten auch den Pudel geküßt.

Der kleine, ganz durchnäßte Knabe wurde nun sogleich der heimathlichen Hütte zugeführt, dort entkleidet, in ein wollenes Tuch eingeschlagen und in das Bette gebracht, in dem er sich noch im Laufe des Tages von seinem Schrecken wieder ganz erholte.

(Wiederholung.)

Ein Spitz und eine Katze zankten sich um ein Stück Fleisch. Der Spitz hielt es mit den Pfoten und die Katze mit dem Gebiß. Das Fleisch war gebraten und roch der Katze vortrefflich. Eben so sehr stach es dem Hunde in die Augen. Des Hundes Kraft war indeß stärker als das Gebiß der Katze und darüber ärgerte sich die letztere. Sie wehrte sich mit einer wahren Verzweiflung, denn sie wollte den Hund nicht Sieger sein lassen.

Eine Viertelstunde wol mochte der Kampf gewährt haben.Ein Pudel hatte schon eine geraume Zeit von einer kleinen Entfernung aus dem Kampfe zugesehen. Ein Entschluß war längst bei ihm gefaßt. Die Beute sollte ein Frühstück für ihn werden. Das Kampfspiel aber schien ihm eine gewisse Unterhaltung zu gewähren.

Jetzt indeß, nach Ablauf von etwa einer halben Viertelstunde, harrte er nur noch eines günstigen Augenblickes.

Die Augen der Katze leuchteten immer feuriger. Der Kamm des Spitzes schwoll immer höher. Da plötzlich sprang der schlaue Pudel dazwischen. Ein Ruck, ein Schluck und das Fleisch war verschwunden.

Einen Moment standen der Spitz und die Katze wie verblüfft. Bald aber zogen beide mit einem grimmigen Blicke auf den Räuber ab. Beide sahen jetzt ein, daß, da sie nur ein Stück Fleisch gehabt hatten, sie besser gethan hätten, eine friedliche Theilung vorzunehmen.


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