7. Gutachtenvon Dr. Franz Muncker, Professor an der Universität München.

Im Zusammenhange mit allem mutigen Ernste dieses Buches vermag die Darstellung der für die Handlung unumgänglichen erotischen Szenen einen normalen und gesunden Leser weder sinnlich zu erregen, noch sein Scham- und Sittlichkeitsgefühl zu verletzen. Aber auch losgelöst aus dem künstlerischen Zusammenhange dieses Buches, jede der inkriminierten Stellen für sich allein betrachtet — so, wie sie in der an mich gerichteten Zuschrift von der Kgl. Staatsanwaltschaft nach Seitenzahlen aufgeführt wurden — können diese Darstellungen nicht als unsittlich oder unzüchtig bezeichnet werden. Diese Schilderungen gehen nie von der Absicht aus, die Lüsternheit des Lesers zu erwecken oder eine Wirkung durch die Spekulation auf seine tierischen Instinkte zu erzielen. Hinter all diesen Szenen stehen ernste, psychologische, kulturelle und nationale Werte; die Form der Darstellung ist immer ruhig, abgeklärt, reinlich und vornehm, sie vermeidet mit Geschmack jede Linie und jedes Wort, das über die Grenzen des künstlerisch Notwendigenund Zulässigen hinausginge. Mit einer einzigen Ausnahme. In der Szene zwischen Jurii und Karssawina —Seite 440— störte mich die textliche Brutalität der drei Worte aufZeile 25. Diese Wendung ist geschmacklos, eine stilistische Entgleisung, von der ich nicht entscheiden kann, ob sie dem Dichter oder dem Uebersetzer anzukreiden ist. Ich möchte das letztere vermuten.

Im übrigen wird die Uebersetzung, von kleinen Nachlässigkeiten der Sprache abgesehen, dem ernsten Charakter des Buches wohl gerecht, so daß sie als literarische Arbeit zu bezeichnen ist.

Nicht völlig einverstanden bin ich mit einem Abschnitt der Vorrede. Die Behauptung, daß „der wilde sexuelle Rausch“, der einen Teil der russischen Jugend erfaßte, „auf den „Ssanin“ zurückgeht“, scheint mir historisch nicht richtig. Ich erwähne das, weil ich mich zu der Bemerkung verpflichtet fühle, daß jene Stelle der Vorrede —Seite VIII— für mich den unbehaglichen Beigeschmack einer nicht sehr delikaten Anpreisung des Buches bekam. Es ist möglich, daß ein solcher Eindruck in mir vorbereitet war durch den geschmacklosen und marktschreierischen Aufdruck der Buchhändlerschleife, mit welcher der Band verschlossen war. Es ist richtig, daß der „Ssanin“ in Rußland verboten wurde. Aber mit dieser Tatsache buchhändlerischer Reklame zu machen, erscheint mir als unanständig. Und Reklame der gleichen Gattung ist der Aufdruck: „Ursprung der sexuellen Revolution“. Dieser Reklameschrei, der sich übel an eine literarisch und kulturhistorische Sache anhängt, ist überdies eine Unwahrheit, denn der „Ssanin“ ist weder der „Weltanschauungsroman des heutigen Rußland“, noch weniger„der Ursprung der sexuellen Revolution“. Durchsolche Reklamewird das Anstandsgefühl eines normalen Menschen verletzt, nicht aber durch dieses künstlerisch wertvolle Buch, das meines Wissens in Rußland nicht aus Sittlichkeitsgründen, sondern aus politischen Motiven verboten wurde. Denn dieses Buch — dessen sittlicher Wert allein schon durch das grauenvolle Schicksal dokumentiert wird, dem der Dichter die Gestalt des Masochisten Sarudin überantwortet — dieses Buch mit seinem flammende Geiste und seiner peitschenden Ironie war geeignet, die russische Jugend aus ihrer seit Jahrzehnten entwickelten, schonvordem „Raskolnikow“ und „Oblomow“ angebahnten Verirrung und Versumpfung aufzurütteln und zu neuem Widerstande gegen die in Rußland herrschenden politischen Mißstände zu beseelen.

Daß der „Ssanin“ nach seinem Erscheinen in unreifen Gehirnen und krankhaften Organismen der russischen Jugend mancherlei Mißverständnisse und Verwirrungen anrichtete, das ist dem Dichter und seinem Werke ebensowenig zur Last zu legen, wie die nationale und kulturelle Wirkung Goethes durch die Tatsache zu belasten wäre, daß sich nach dem Erscheinen der „Leiden des jungen Werthers“ ein paar sensible Schwächlinge aus törichter Eitelkeit erschossen. Geniale dichterische Werke pflegen nach einigen Erschütterungen, die sie bei Unverständigen anrichten, reinigend zu wirken und gesunde Erneuerungen des Lebens vorzubereiten.

München, den 29. Januar 1909.

gez. Ludwig Ganghofer.

München, 7. Januar 1909.

Ein Sachverständigengutachten über den Roman „Ssanin“ von Artzibaschew in dem ganzen Umfang, wie es von mir gefordert wurde, kann ich nicht abgeben:

Zunächst kann ich über den Wert der Uebersetzung nur mit Einschränkung urteilen. Das russische Original liegt mir nicht vor, und auch wenn dies der Fall wäre, würde meine — ziemlich dürftige — Kenntnis der russischen Sprache nicht ausreichen, daß ich wirklich über die Treue und Güte der Uebersetzung sprechen dürfte. Von meinen näheren Kollegen an der Universität wäre dazu meines Wissens am ersten Professor Dr. Krumbacher befähigt. Ich kann nur beurteilen, ob das Deutsch, das der Uebersetzer schreibt, gut und künstlerisch ist. Darin sind mir hie und da kleine grammatikalische Sorglosigkeiten, bisweilen auch eine allzu russisch klingende Wendung aufgefallen; im ganzen aber ist die sprachliche Darstellung ungezwungen, frisch und gewandt: die Uebersetzung liest sich wie ein gutes deutsches Originalwerk.

Auch über den kulturhistorischen Wert des Romans habe ich kein eigentliches Sachverständigenurteil. Von Berufs wegen gehen mich die kulturellen Verhältnisse des modernen Rußland nichts an; was ich von ihnen weiß, stammt in der Hauptsache aus den Quellen, aus denen sich jeder andere Gebildete ebensogut wie ich über solche Dinge unterrichten kann, aus Zeitungen oder aus Gesprächenmit Leuten, die mehr davon zu wissen scheinen. So vermag ich nicht mit Sicherheit darüber zu urteilen, ob Ssanin wirklich, wie es in der Vorrede der deutschen Ausgabe heißt, die sexuelle Revolution in Rußland hervorgerufen hat, oder ob er nur ein künstlerisches Abbild von dieser Revolution gibt.

Daß jedoch die in ihm gekennzeichneten philosophisch sittlichen Anschauungen und Freiheiten des geschlechtlichen Lebens tatsächlich der Wahrheit entsprechen, steht nach den Berichten der Zeitungen außer Frage. Auch könnte ich mich dafür auf bestätigende Aeußerungen berufen, die eine der ersten Persönlichkeiten der Petersburger Universität, Staatsrat Th. v. Zielinski, hiesigen Freunden — namentlich auch dem Geheimrat Professor Dr. Crusius hier, dem ich den Roman zu rascher Lektüre gab, eben weil ich wußte, daß Zielinski gerade mit ihm über diese russischen Verhältnisse ausführlich gesprochen hatte; Crusius, einer der größten Kenner alter und neuerer Literatur, stimmt übrigens in allem Wesentlichen meinem Urteil über „Ssanin“ bei — gegenüber getan hat. Durch diese Wahrheit des Inhalts gewinnt der Roman Ssanin, gleichviel wie seine Bedeutung in Rußland selbst geschätzt wird, für uns deutsche Leser allerdings einen hohen kulturgeschichtlichen Wert; und insofern verdient er zweifellos ins Deutsche übersetzt zu werden. Daß er in Rußland verboten worden ist, kann dabei nicht in Betracht kommen. In Rußland wird manches von der Zensur unterdrückt, was bei uns als vortrefflich gilt. Den Roman Ssanin verbot man dort, weil man fürchtete, sein Inhalt möchte der dortigen Jugend gefährlich werden, weil man sah, daß diese Jugend die in dem Roman geschildertefreie Liebe und überhaupt die Lebensanschauung des Titelhelden in wildem Rausche praktisch zum Gesetz erheben wolle. Diese Gefahr besteht bei uns durchaus nicht, weil bei uns die ganze revolutionäre Gärung, überhaupt die politisch sozialen Voraussetzungen fehlen, die in Rußland solchen Bestrebungen die Wege bahnen.

Unbestreitbar aber verdiente „Ssanin“ auch um seines literarischen Wertes willen die Uebersetzung ins Deutsche. Mit großer Kraft und Kunst zeichnet der Verfasser eine Reihe von Personen lebenswahr und psychologisch sorgfältig in allen ihren Gedanken, Empfindungen, Reden und Handlungen individuelle Charaktere, die zugleich bedeutsame Typen der verschiedenen Arten von Menschen sind, mit nicht geringerer Kunst erzählt er eine Reihe von Vorgängen, die sich zu einem lebensvollen Gesamtbilde zusammenschließen, und trotz der Breite, mit der er das Meiste in ihnen ausmalt, trotz mancher ermüdenden Einförmigkeit der einzelnen Geschehnisse weiß er sehr wohl den Leser dichterisch anzuziehen, zu spannen und zu fesseln. Ohne falsche Ueberladung, aber anschaulich und wirksam schildert er bald die Natur, bald Einzelheiten aus dem sozialen Treiben. Ausführliche Gespräche über Religion, Christentum, philosophische Weltanschauung flicht er ein, um die wechselnden Gedanken und Bestrebungen der russischen Jugend genau zu beleuchten. Diese Gespräche erstrecken sich oft über Dutzende von Seiten; ihnen sind unter anderem dieKapitel 23-25(S. 276-311),31-33(S. 378-409) usw. gewidmet. Mehr als alles übrige beweisen diese umfangreichen und nicht immer gerade kurzweiligen Abschnitte, wie ernste Absichten der Verfasser mit seinem Romanverfolgte. Wer mit unreinen sinnlichen Begierden zu dem Buche greifen würde, den müßten diese Abschnitte unbedingt abschrecken. Er käme aber auch sonst wohl nicht auf seine Rechnung, obwohl von geschlechtlichen Regungen und Handlungen mehrfach in dem Roman die Rede ist. Was der Verfasser an solchen Stellen erzählt, das scheint mir meistens zur Charakteristik der Menschen und der Zustände, um die es sich handelt, künstlerisch und psychologisch geradezu notwendig; wie er es aber erzählt, beweist durchaus den vornehmen Schriftsteller, der rein sachlich, objektiv episch darstellt und von jeder Lüsternheit weit entfernt ist.

Ich gehe sogleich zu den einzelnen Stellen über, die in dem gerichtlichen Schreiben an mich vom 28. Dezember 1908 besonders hervorgehoben sind.

S. 88-90. Die Hingabe Lydas an Sarudin ist eines der Grundmotive des Romans, als solches daher unentbehrlich. Die Darstellung dieser Hingabe ist ganz sachlich, fast nüchtern, von jeder Beschönigung durch den Erzähler, von jeder lüstern schlüpfrigen Ausmalung frei; streng genommen wird nur das fieberhafte Verlangen Lydas vor dem Akt der Hingabe selbst charakterisiert und zwar durch kurze Andeutungen. Für kleine Mädchen und unreife Jüngelchen sind diese Andeutungen freilich nicht, der ausgewachsene, normal empfindende Leser aber kann in ihnen nichts Unsittliches entdecken.

S. 94u.96. Wo hier überhaupt etwas Unsittliches liegen soll, kann ich nicht herausbringen. Ebenso geht es mir beiS. 211-213und465-466.

S. 196-197. Es handelt sich um die Charakteristik eines gemeinen Lüstlings, deren Berechtigung in einem Roman kein literarisch verständigerMensch leugnen wird. Dieser Charakteristik dient die rohe Rede. Aber der Verfasser streicht selbst das roheste Wort und deutet es nur unbestimmt an, so daß es der Leser nicht einmal mit Sicherheit ergänzen kann. Er weicht hier also geradezu dem aus, was das Schamgefühl des Lesers verletzen könnte.

S. 231-233und236. Eine sittlich verwerfliche Anschauung wird von dem Helden des Romans ausgesprochen, den der Dichter aber keineswegs als Ideal gezeichnet hat, dessen Gesinnungen er in keiner Weise billigt. Dabei werden verschiedene rücksichtslose Ausdrücke (z. B. das Wort „schwanger“) gebraucht, allein noch besonders hervorgehoben, daß diese unverblümte Rede die schuldige Hörerin aufs tiefste beschämte. Wie diese Stellen aber das Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers verletzen sollen, ist mir unfaßbar.

S. 246-248. Ssanins Worte sind roh, aber ohne jeden lüsternen, geschlechtlich erregenden Sinn. Die künstlerische Wahrheit erforderte übrigens gerade hier unbedingt die Roheit des Ausdrucks, und die gröbste Stelle in Ssanins Rede (S. 248) ist vom dichterischen Standpunkt aus ebenso notwendig wie etwa die Schimpfwörter, die der sterbende Valentin in Goethes „Faust“ ausstößt.

S. 316-318. Wieder handelt es sich um die Charakteristik zweier elender Gesellen, die der Verfasser überdies wiederholt als schamlos bezeichnet. Ganz objektiv nüchtern berichtet er über ihre gemeinen Reden, die er verurteilt, deutet aber von diesen Reden nur das Nötigste an, und läßt ihre unzüchtig-witzige Pointe nicht einmal ahnen. Die Stelle ist geradezu ein Beweis dafür, daß er nichts weniger als lüstern wirken will, sonst hätte er von dem Gesprächder erbärmlichen Patrone, sogar mit einem Schein von künstlerischer Berechtigung, viel mehr mitteilen können. Was er sagt, ist kaum unsittlicher als was bei einer Verhandlung über seinen Roman im Gerichtssaal Ankläger und Verteidiger auch sagen müßten. Denn auch aus seinen Worten klingt überall der sittliche Ernst heraus; sein sittliches Urteil schwankt nicht einen Augenblick, hier so wenig wie an anderer Stelle des Romans.

S. 419-421. Das Gespräch der zwei Männer, ob man eine nackte Frau betrachten dürfe oder nicht, ist rein theoretisch, von jeder Roheit oder Niedrigkeit frei, die folgende Szene aber, wie beide die badenden Mädchen beobachten, ist so einfach, fast naiv, jedenfalls dichterisch so hübsch, daß sie einen gebildeten, rein empfindenden Leser ebenso wenig verletzen kann, wie etwa ein schönes Gemälde, das eine nackte Frau zeigt. Jede unsittliche Wirkung ist hier ausgeschlossen, wenn die Phantasie des Lesers nicht an sich schon verdorben ist.

S. 430u.435. Rein sachlich, ohne Lüsternheit von seiten des Schriftstellers, wird hier ausgesprochen, daß sich in die Liebesgedanken Juriis auch sinnlich begehrliche Vorstellungen einmischen. Solange nicht bewiesen wird, daß so etwas bei einem jungen Mann, der von wirklicher Liebe erfüllt ist, niemals vorkommt, kann ich das Anstößige oder Verwerfliche dieser Darstellung nicht verstehen.

S. 439-443und470-473. Sinnlich geschlechtliche Vorgänge werden hier allerdings dargestellt, aber in sachlicher, nüchtern objektiver Weise ohne lüsterne Zutat. Die Vorgänge selbst sind im Gefüge des Romans unentbehrlich; die Form der Darstellung aber kann nicht unzüchtig wirken, weil sieeinen rein geschichtlichen Charakter trägt. Wollte man um dieser Szenen willen das Buch verurteilen, so müßte man vorher zahllose Werke alter und neuer Literatur verbieten, so z. B. allerlei griechische, lateinische, italienische, französische, englische, ältere wie moderne deutsche Dichtungen berühmter Autoren, besonders auch mehrere Erzählungen Wielands und Heinses, die viel reicher an ähnlichen, nur zwanzigmal sinnlicheren Stellen sind als der Roman „Ssanin“.

S. 494. Auch hier fehlt jede Lüsternheit in dem geschichtlich nüchternen Bericht, von Unsittlichkeit kann keine Rede sein.

Ueberblicke ich alle diese Stellen auf einmal und fasse zugleich den Sinn und Inhalt des ganzen Romans zusammen, so kann ich nirgends etwas wahrnehmen, was als unzüchtig gelten könnte. Regungen einer starken Sinnlichkeit werden in den Personen des Romans geschildert, entsprechend den kulturgeschichtlichen und sozialen Absichten, die der Verfasser als künstlerischer Darsteller der modernen russischen Jugend verfolgt. Das Buch ist somit keine Lektüre für unreife Leser, für Kinder oder für Ungebildete. Solche könnten sich allerdings an einzelne unverstandene Szenen halten und dann allerlei Anstoß daran nehmen; die Schuld daran trüge aber nur ihr eigener literarisch und moralisch nicht genügend ausgebildeter Geist. Normal empfindende Leser, die auch die nötige künstlerische Bildung besitzen, können meines Erachtens unmöglich in ihrem Scham- und Sittlichkeitsgefühl durch diesen Roman verletzt werden; solche Leser werden vielmehr die Anklage und eine etwaige Verurteilung des Romans,wenn diese aus mir unbekannten juristischen Gründen möglich sein sollte, nicht verstehen können.

gez. Dr. Franz Muncker.

Der Roman „Ssanin“ von Artzibaschew ist nach meiner Meinung eine Publikation ohne künstlerischen bezw. literarischen Wert. Das Werk, das die jetzige Jugend Rußlands schildern will, wie sie von revolutionären Ideen und Handlungen zur Erotomanie überging, entbehrt vor allem des Rückgrates eines jeden literarischen Kunstwerks, der Handlung und der Charaktere. Der Verfasser läßt seine „Helden“, die mit Ausnahme des Egoisten Ssanin blasierte, abgelebte, lüsterne, erbärmliche junge Leute sind, lediglich Zigaretten rauchen, in breiter, selbstgefälliger und geschwätzigster Weise ohne tiefere Kenntnis der Welt über alles mögliche, namentlich über ihre weltschmerzlichen Gefühle Raisonnements anstellen; da sie sich in ihrem überreizten Empfinden in der Welt nicht zurechtfinden und keinen Begriff von der Bedeutung der Pflicht und der Arbeit haben, gefallen sie sich fortgesetzt in nichtigen Gefühlsentladungen und suchen den Wert des Lebens in der Befriedigung sexuellen Genusses. Nur die Darstellung der psychologischen Vorgänge in der Brust der gefallenen Mädchen Lyda und Karssawina erhebt sich zu einer gewissen literarischen Bedeutsamkeit.

Die Uebersetzung ist in fließender und gewandterSprache gegeben, wenn sie auch nicht immer frei ist von Inkorrektheiten.

Eine kulturhistorische Bedeutung, wie sie etwa Goethes „Werthers Leiden“ hat, oder gar einen wissenschaftlichen Wert kann ich dem Buche nicht beimessen; denn auch ohne diesen Roman hat die Welt Kenntnis von den gegenwärtigen soziologisch wichtigen Verhältnissen Rußlands und von seiner Jugend. Diese Bedeutung kann das Werk schon deshalb nicht haben, weil das Geschlechtsproblem nicht in ernster, zurückhaltender und taktvoller Weise behandelt ist, sondern weil die Absicht des Verfassers immer wieder allzu deutlich hervortritt, unter dem Deckmantel künstlerischer Offenbarung auf den Kitzel niedriger Sinnlichkeit und auf gemeine und teilweise perverse Instinkte zu spekulieren. Geradezu abstoßend, ekelerregend und schamlos sind die unflätigen Szenen, in denen ausführlich, eingehend und mit breiter Behaglichkeit dargestellt wird, wie Sarudin gegenüber Lyda, sowie Jurii und besonders Ssanin dem Mädchen Karssawina gegenüber sich benehmen. (S. 211 ff.,430 ff.,439 ff.,470 ff.)

Diese Darstellungen haben mit Kunst gar nichts zu schaffen, da sie nicht die mindeste ästhetische Befriedigung hervorrufen und himmelweit entfernt sind von einer Erhebung zu höherer sittlicher oder ästhetischer Auffassung; sie gehen nur darauf aus, die Lüsternheit zu erwecken.

Schon diese Stellen allein würden das Urteil rechtfertigen, daß das Buch geeignet ist, eine Verwirrung in die Vorstellungen von Sittlichkeit zu bringen; aber auch noch viele andere Partien sind geeignet, die normalen sittlichen Empfindungender Leser zu verletzen. (S. 233,248 ff.,311,316 ff.,338,419 f.,494.)

Auch das Vorwort, besondersS. VIII, wo von der Organisation der Ssaninisti und von Verbindungen zum freien Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen die Rede ist, ist angetan, die Jugend sittlich zu gefährden; es ist dies umsomehr zu befürchten, als anzunehmen ist, daß das Buch, falls es frei gegeben würde, besonders von der Jugend gelesen werden würde.

Die Rücksicht auf die körperliche und seelische Gesundheit unserer Jugend verlangt gebieterisch, die deutsche Jugend vor der Lektüre solcher literarischer Erzeugnisse zu schützen, und zwar umsomehr, als die Welt nichts verliert, wenn das in Rußland beschlagnahmte Buch auch in Deutschland verboten wird.

München, 15. Januar 1909.

gez. J. Nicklas, K. Oberstudienrat.

Dem mir im Schreiben des kgl. Untersuchungsrichters E. A.-V.-Z. VII 610-08 Tab. Nr. 73/08 E. vom 28. Dezember 1908 auferlegten Auftrage, ein Gutachten abzugeben „über den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans „Ssanin“ von Artzibaschew, über die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen in ihm und die Güte der Uebersetzung, sowie darüber, ob die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge (s. insbesondereS. 88-90,94,96,196-197,211-213,231-233,236,246-248,316-318,419-421,430,435,439-443,445-446,470-473,494) durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaßen in den Hintergrund gedrängt wird, daß das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird“, erlaube ich mir im folgenden nachzukommen.

Zunächst glaube ich feststellen zu müssen, daß nach meiner Ansicht im Roman von einerwissenschaftlichenBedeutung oder Tendenz keine Rede sein kann. Ich wüßte nicht, welche „wissenschaftlichen Zwecke“ hier vorherrschen sollten. Eine wissenschaftliche „Belehrung“ über erotische Fragen will der Roman nicht geben. Er ist nicht wissenschaftlicher als irgend ein anderer Roman. Es wäre ein ungerechtfertigter Mißbrauch, wenn er diesen Namen beanspruchen wollte. Eine andere Sache ist es natürlich, ob man vielleicht in späterer Zeit aus der Darstellung erotischer Vorgänge, resp. der Erörterung erotischer Fragen in diesem Roman für eine Kulturgeschichte Rußlands im zwanzigsten Jahrhundert Nutzen wird ziehen können. Das glaube ich allerdings, doch gilt das mutatis mutandis von jedem kulturgeschichtlich interessanten Roman.

Was dieliterarischeBedeutung des Romans betrifft, so ist er an und für sich als dichterische Komposition nach meinem Dafürhalten keine hervorragende Leistung. Die ziemlich lose aneinander gereihten Bilder der Liebesverhältnisse mäßiger russischer Kleinstädter vermögen kein sonderliches ästhetisches Interesse zu erwecken. Es fehlt dem Roman an Geschlossenheit der Handlung und an der Erzählung einer spannenden Begebenheit,die Personen sind nicht alle scharf gezeichnet, einige Nebenfiguren heben sich nicht von den andern ab. Im schönsten gelungen ist die Schilderung der Naturvorgänge und am tiefsten die Darstellung der psychischen Zustände der einzelnen Personen.

Die wirkliche Bedeutung des Romans ist aber gewiß nach derkulturgeschichtlichenSeite zu suchen. Darüber sagt treffend das VorwortS. VIII: „Man wird die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den Ssanin als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen.“ Nach dem Scheitern der Revolution zog sich die „Intelligenz“ in Rußland, wie ausS. X,XIhervorgeht, von der Politik zurück. „Man suchte nach dem Neuen.“ Dieses Neue fand man, wie es scheint, in der praktischen Ausübung der freien Liebe. „Man sah, daß es Gebiete des täglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals hätte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlösende „Wort“ für die unbewußten Empfindungen gesprochen worden wäre.“ Dieses Wort sprach Ssanin aus. Deshalb gilt nach dem Vorwort Artzibaschew als der charakteristische Vertreter des heutigen Rußland. Der Roman scheint ungeheuren Anklang gefunden zu haben, da nach kurzer Zeit die 10000 Exemplare der ersten Auflage vergriffen waren. „Für jeden gesunden Menschen,“ heißt es im VorwortS. XII„ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollständig eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssaninden oben erwähnten sozialen Unterströmungen entgegen und weist ihnen den offenen Weg.“ Wenn das in der Tat in Rußland zutrifft, so bedeutet das für die russische Gesellschaft zugleich den Bankerott in sittlicher und infolgedessen auch in politischer Beziehung. Deshalb dürfte in letzterer Hinsicht das Buch weit entfernt sein, eine Gefahr für die russische Regierung zu bedeuten. Die schwachen, jedem Liebestaumel sofort erliegenden und bei jeder Schwierigkeit zum Selbstmord als letzter Zuflucht greifenden Menschen, die der Roman darstellt, sind keine Revolutionäre, die den Staat in irgend welche Gefahr stürzen könnten. Ssanin, der „Held“ des Romans, ist ein blasierter, gleichgültiger, kalter Egoist. Er hat so wenig Pietät gefühlt, daß er z. B. seine Mutter als Idiotin bezeichnet, er hat so wenig Sinn für Freundschaft, daß er auf dem Grabe eines Freundes, dem er die Geliebte geraubt hat, als man ihn bittet, auf ihn eine Grabrede zu halten, antwortet: „Was ist hier zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf ärmer geworden, das ist alles“; er ist so frei von moralischen Bedenken, daß er z. B. seiner schwangeren Schwester den Rat erteilt, sie möchte die Frucht ihres Leibes abtreiben. Den höchsten Zweck der Menschheit erblickt er in folgendem: Er träumt „immer von der glücklichen Zeit, wo zwischen den Menschen und dem Glück nichts mehr stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugänglichen Genüssen hingeben kann ... Die Menschen sollen die Liebe genießen ... ohne Furcht und Entsagung ... ganz schrankenlos ... Und dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zufälligkeiten, Ueberraschungen und Verbindungen erweitern“.S. 469. Und diese Freiheit gilt nach diesem russischen Evangelium ebenso für die Frauen wie für die Männer. Heißt es doch nachS. 179: Entweder müsse man „ewige Keuschheit bewahren oder sichund auch der Fraunatürlich volle Freiheit gewähren, um sich dem Genuß der Liebe und Leidenschaft voll und ganz hinzugeben.“ So werden wir uns nicht wundern, daß Ssanin dem Liebhaber seiner Schwester Nowikow gegenüber es zu rechtfertigen sucht, daß sie sich einem andern Mann vorher hingegeben hat. Es sei nicht schlimmer, als wennereine Frau vorher geliebt habe. Und diesem Gedanken gibt er den drastischen Ausdruck: „Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund.“

Aus dieser Stelle mag sogleich hervorgehen, wie kraß die Ausdrucksweise des Buches ist. Daß ein Roman, der in Liebesfragen eine so vollständige Freiheit predigt, auch in der Schilderung erotischer Dinge kein Blatt vor den Mund nimmt, ist selbstverständlich. Freilich einige der oben als das sittliche Gefühl besonders verletzenden angeführten Stellen sind im Ausdruck nicht so sehr derb. (S.94,96,196-197,211-213,430,435,465-466,494.) — Dagegen sind die Stellen88-90,316-318,419-421,439-441,472recht kräftig. Immerhin sprechen sie nicht in unverhüllterer Weise von erotischen Dingen als zahlreiche Stellen in den Romanen Zolas (so in Nana, Pot Bouille, Germinal, Fécondité, oder in Daudets Sapho, oder in zahllosen anderen französischen Romanen, die in aller Händen sind. Ob obige Stellen das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers verletzen, istsehr schwer zu sagen. Einem in der modernen Literatur nur einigermaßen bewanderten Leser werden sie nicht besonders auffallen. In der antiken Literatur oder der Renaissanceliteratur aller Kulturvölker, namentlich Italiens und Frankreichs, finden sich Stellen, die noch viel freier von der physischen Liebe reden. Eine Lektüre für die heranwachsende Jugend ist das Buch natürlich nicht. Doch ist es weniger die Darstellung erotischer Vorgänge, als die Predigt einer ganz schrankenlosen, über jedes sittliche Bedenken sich hinwegsetzenden egoistischen Liebe — oder um dieses schöne Wort nicht zu entwürdigen, Befriedigung niederer Instinkte —, die auf die Jugend verderblich wirken könnte. Ein in seinen Grundsätzen nur einigermaßen gefestigter Leser wird das Buch viel eher als „document humain“ auffassen und auf die wenig interessanten Persönlichkeiten des Buches das Wort Dantes anwenden:Non ragioniam di lor, ma guarda e passa.(Sprechen wir nicht von ihnen; schau sie an und gehe deines Weges).

Was endlich die Uebersetzung anlangt, so ist über die Güte derselben ein wissenschaftliches Urteil nicht abzugeben, wenn man nicht das Original zum Vergleich daneben hält. Uebrigens wäre es mir gegebenenfalls nicht möglich, diesen Vergleich anzustellen, da ich kein Russisch verstehe. So kann ich denn nur im allgemeinen sagen, daß die Uebersetzung sich leicht und flüssig liest. Nur einige Ausdrücke fielen mir auf, die sich deutsch merkwürdig ausnehmen. So S.11, wenn von dem „gedunsenen, aber gut gebauten und kräftigen Körper“ die Rede ist, oder den Ausdruck S.24„Als Lyda an den Männern vorüberschritt,zogsie den ganzen Körperein wenig an“ oder S.48wenn vom „versterbenden Tag“ gesprochen wird, oder S.242„Wasgehstdu denn gleich in die Höhe?“ statt „springst du“ oder etwas ähnliches.

Damit meine ich auf alle Punkte, über die ich befragt worden bin, eine Antwort erteilt zu haben. Eines kgl. Landgerichts hochachtungsvoll ergebener

gez. Dr. H. Schneegans, Kgl. Univ.-Professor.

Der Aufforderung des K. Landgerichts München 1. ein Gutachten über den russischen Roman „Ssanin“ von Artzibaschew (übersetzt von André Villard und S. Bugow, Georg Müllers Verlag) abzugeben, komme ich hiermit nach.

Ich möchte gleich bemerken, daß ich das Einschreiten des Staatsanwalts gegen das Buch für einen ganz entschiedenen Mißgriff halte. Man mag über den dichterischen Wert des Romans verschiedener Meinung sein; aber die große kulturhistorische Bedeutung des Buches steht außer Frage. Das ganze gebildete Lesepublikum Europas ist darüber einig. Der Roman „Ssanin“ ist ein hochbedeutendes Dokument des gegenwärtigen russischen Lebens, auf das der Betrachter und Forscher immer wieder zurückkommen wird, schon weil sein Einfluß und seine Wirkung historisch geworden sind. Er nimmt eine ähnliche Stellung ein, wie sie Turgenjeffs Roman „Väter und Söhne“ für die ältere Generation in Rußland hatte. Ich gestehe, daß ich viele Momentedes gegenwärtigen geistigen Lebens in Rußland erst nach der Lektüre dieses Buches verstanden habe. Der Autor zeigt, wie die Kontre-Revolution auf die sogenannten Intellektuellen gewirkt hat; er zeigt, wie die westeuropäische Naturwissenschaft (Darwin, Haeckel) und die Ideen Nietzsches auf die Jugend wirken. Der Einfluß, den der Roman in Rußland hatte und auch in der Presse vielfach erörtert wurde, ist bezeichnend für die Krise, die die russische Gesellschaft gegenwärtig durchmacht. Die Wirkung, die das Buch in Rußland hatte, ist für Deutschland und Westeuropa ausgeschlossen.

Ueber den dichterischen Wert des „Ssanin“ kann man, wie gesagt, verschiedener Meinung sein; er ist nicht so groß wie der kulturhistorische. Der Held ist eine konstruierte Gestalt. Er ist mehr dazu da, die anderen zu treiben, als daß er selbst handelnd eingriffe. Das ist echt russisch. Das Buch ist ferner, wie die meisten russischen Romane, nicht besonders gut komponiert, aufgebaut. Doch dies sind Fragen, die nur insofern zur Erwägung stehen, als sie die Frage nahe legen, ob der Roman für Massenabsatz geeignet ist. Es fehlt aber durchaus nicht an sehr schönen dichterischen Stellen in dem Buch. Keinesfalls aber hat der Autor Zwecke verfolgt, die im Sinne unseres Strafgesetzbuches verfolgbar wären. Die Stellen, die durch die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge auf das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des Normallesers verletzend wirken sollen, sind im Verhältnis zu dem dickleibigen Roman gar nicht zahlreich. Einen sogenanntenNormalleser, der von dem Staatsanwalt namhaft gemacht wird, kenne ich allerdings nicht. Es kann, wie jeder ohne weiteres zugeben wird, sehr wohl sein, daß sich einzelneLeute, die gewissen Kulturschichten angehören, durch die inkriminierten Stellen verletzt fühlen; aber es gibt hundert Meisterwerke der Weltliteratur, von denen man dasselbe sagen kann: Goethe, Shakespeare, um nur die Größten zu nennen, bieten Gelegenheit zu derartigen Schnüffeleien. Der Autor ist ferner durch die Schilderung erotischer Vorgänge in keiner Weise aus dem künstlerischen Ton des Buches herausgefallen, es ist einheitlich. Er unterstreicht nichts, um der Sensation willen. Er gibt nur das Nötigste. Er treibt Psychologie als Russe, und wir wissen, in welcher Weise die großen russischen Romandichter die analytische, oder sagen wir, zerfasernde Methode lieben. Als Künstler konnte er die psychologische Zergliederung der erotischen Momente gar nicht außer acht lassen, und er hat es ohne jede Nebenabsichten getan.

Ich wiederhole noch einmal, daß sich das Buch an Intellektuelle wendet. Nur für solche kann der Roman Interesse haben; denn stofflich ist er nicht allzu reizend für europäische Leser, und schon dadurch, daß er sich an das gebildete Publikum wendet, ist die Gefahr, daß er demoralisierend wirken könne, ganz ausgeschlossen. Wohin kommen wir, wenn schon solche Dokumente der Zeit nach Einzelheiten beurteilt werden, die eine reine Geschmacksfrage, aber keine Moralfrage sind!

Ich kann also nur betonen, daß ich das Vorgehen des Staatsanwalts gegen den „Ssanin“ für einen sehr bedauerlichen Mißgriff halte. Es gibt in der gegenwärtigen deutschen Romanliteratur viele Bücher, die viel aufstachelnder wirken, obwohl kein Wort in ihnen steht, das eine äußere Handhabe zumEinschreiten böte. Auch hier heißt es:C’est le ton, qui fait la musique.

Meinem Gutachten möchte ich zum Schlusse nur beifügen, daß es mir nicht möglich sein wird, der Verhandlung selbst anzuwohnen, da ich auf der Pariser Nationalbibliothek für einige Zeit beschäftigt sein werde. Meinem Gutachten könnte ich übrigens auch mündlich im wesentlichen nichts neues hinzufügen.

München, den 8. Januar 1909.

gez. Wilhelm Weigand.

Der Ssanin wurde zuerst fortsetzungsweise in der Zeitschrift Sowriemenni Mir veröffentlicht. Bei der Bedeutung, die die großen literarischen Revuen für das geistige Leben Rußlands besitzen, ist es kein Wunder, daß man sofort ganz allgemein zu ihm Stellung nahm. Als der Roman dann in Buchform erschien, war die erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen. Die zweite folgte nach kurzer Zeit; das offizielle Verlagsregister gibt ihren Umfang auf 10000 Exemplare an. Wenige Wochen später wird sie auf Anordnung der Zentral-Zensurbehörde konfisziert. Das ist für die Wichtigkeit, die man dem Roman in den Kreisen der russischen Regierung beimaß, erwähnenswert; für gewöhnlich gehen die zensorischen Maßnahmen von den Gouvernementsbehörden aus.

Aber das Verbot des Ssanin war ein Schlag ins Wasser; bei der Konfiskation in den Buchhandlungen fand sich fast kein Exemplar mehr vor. Auf diese zweite Auflage war sehnsüchtig gewartet worden; man hatte schon in der Zwischenzeit für gelesene Exemplare 30 und 40 Rubel bezahlt; das Publikum verschlang auch diese Auflage in wenigen Tagen. Einer dritten, die vor kurzem in Deutschland erschien, wird es wohl ähnlich ergehen; in keinem anderen Lande wie in Rußland sind Verbote nur dazu da, um erlassen zu werden.Umgangen werden sie doch und von den revolutionären Jahren her ist der Schriftenschmuggel eine liebgewordene Tätigkeit.

Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Personen, deren Name unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist. Durch seine sozialen Wirkungen allein ist der Ssanin aus der Reihe der Werke, die nur literarisch zu werten sind, ausgeschieden. Selbst wenn er nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur Rußlands geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe bleibende Bedeutung gegeben. Man wird die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den Ssanin als ihren charakteristischsten Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen.

Es ist hier nicht der Platz, die Ereignisse in Rußland, welche sich um diesen Roman kristallisiert haben, im einzelnen zu schildern. Der wilde sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, hat auch schon genug von sich hören lassen. Die Organisationen der Ssaninisti, die Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die orgiastischen Klubs, die fälschlicherweise behaupteten, die Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit für sich; es lohnt sich nicht, ihrer Existenz durch Erörterungen selbst absprechender Art neues Leben zuzuführen.

Interessanter ist die Feststellung, wie es überhauptdazu kam, daß ein ganzes Volk für seine Gesamtäußerungen mit einem Mal nur noch erotische Beziehungen finden konnte. Und daß ein einziges Werk — eben der Roman Ssanin — genügt, um sie hervorzurufen und sie mit seinem Namen zu decken. — — —

Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht.

Da leben hundert Millionen von Mushiks, die ihr Stückchen Feld bestellen, sich bei Mißernten zu Tode hungern, abwechselnd auch an Epidemien zugrunde gehen, zwischendurch mit Vergnügen den Kulak — ihren Dorfwucherer — totschlagen würden und außerdem darauf warten, daß einmal die große Landaufteilung kommt. Und sie wird kommen, der russische Mushik wird zum freien Bauern werden und aus den breiten unberührten Kräften, deren Naivität und Intensität schon heute jeden entzückt, der sie zum Vorschein kommen sieht, — Tolstoi kennt sie, Gorki nicht — wird das große, russische Volk erstehen.

Gegenwärtig existiert kein russisches Volk. Wohl aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprägt.

Einst beschränkte sie sich auf den Adel — die Zeiten sind längst vorbei. Heute umfaßt sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe. Die Repräsentantin des modernen Rußlands ist die studierende Jugend, und was ihr entstammt —die Intelligenz! Dieses Wort wurde in Rußland nicht umsonst zu einem soziologischen Begriff; es bezeichnet die Klasse, an die die aktive Entwicklung des Volkes gebunden ist und in der sie sich in politisch-soziale Formen umsetzt.

Die russische Intelligenz war Jahrzehnte lang revolutionär; so stand ganz Rußland im Banne der Revolution. In dieser Epoche strömten Weltanschauung, Moral, soziale Energien in dem einen großen Becken zusammen — — — Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse. Für das Geschlechtsproblem war damals kein Platz. Die freie Liebe existierte höchstens als ein Punkt des sozialistischen Programms. Aber auch ein Punkt, von dem man nicht viel sprach, da man kein Interesse an ihm nahm. Wer in jener Zeit und in jenen Kreisen wirklich ungetraut mit seiner Frau zusammenlebte, stand auf der höchsten Spitze der Entwicklung; auf den Gedanken, in der Liebe tatsächliche Freiheit zu suchen, kam man nicht. Man hatte ja auch gar keine Zeit,die Liebezu suchen, — — man suchte die Revolution. Sie beanspruchte alle Kräfte; sie verlangte viel. Sie war die stille Frau, der alle Empfindungen zugehörten, ohne Sentimentalität aber voll Innigkeit. Die freie Liebe der Revolutions-Epoche war eine gesetzlich nicht geschützte Einehe, die monogamer gehalten wurde, als manche hochzeitliche Verbindung, vor und hinter welcher der Pope stand. Und die revolutionäre Bewegung, die damals die gesamte Intelligenz umfaßte, hätte über jeden ihr wütendes Anathema ausgesprochen, der es wagen wollte, gegen ihre so ganz gewöhnliche, so ganz gut bürgerliche, so mehr als bürgerliche Moral zu verstoßen.

Die Revolution ging in Stücke, die revolutionären Parteien zerfielen, lösten sich auf; die Intelligenz zog sich von einer Betätigung zurück, in der es nur, wenn man Glück hatte, ein vergnügtesEnde am Galgen, sonst ein langwieriges und -weiliges Hinvegetieren in Gefängnissen und der Zwangsarbeit gab. Doch die aufgepeitschten Erregungen des nationalen Temperaments ließen sich nicht einfach in die Ecke stellen. An ein stillverlaufendes, gemäßigtes Leben war man nicht gewöhnt; man konnte es auch nicht werden, da die Maßnahmen der Regierung auf keinem sonstigen Gebiet freie Bahn ließen.

Man suchte nach dem „Neuen“.

Die Organisationen der Anarchisten haben den Vorzug, noch ehe man an Artzibaschew und seinen Ssanin dachte, den Weg dahin gewiesen zu haben. Nachdem der offene revolutionäre Kampf unmöglich geworden war, führten sie die terroristischen Aktionen in das Alltagsleben ein. Man warf Bomben zum Morgenimbiß und machte Expropriationen zum Nachmittagstee — am Abend hing man am Galgen, — eine Tageseinteilung, die auf die Dauer auch den kaltblütigsten Menschen in besondere seelische Schwingungen versetzen kann.

Derartige Vibrationen lösen sich am leichtesten in geschlechtlichen Reizen aus; die terroristischen Gruppen der Anarchisten waren die ersten, in denen die praktische Ausübung der freien Liebe zur Notdurft wurde. Die Nachrichten hierüber verbreiteten sich bald in den Kreisen der russischen Gesellschaft, in der Intelligenz; man sah, daß es Gebiete des täglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals hätte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlösende „Wort“ für die unbewußten Empfindungengesprochen worden wäre.

Im Anfang steht das Wort; — wenigstens in Rußland noch immer.

Man tut nichts, was einem nicht schwarz auf weiß ins Haus getragen wird.

Und dieses Wort spricht Ssanin aus, um dieses Wortes willen ist Artzibaschew der charakteristische Vertreter des heutigen Rußland.

Ssanin sieht, daß die revolutionäre Politik keinen persönlichen Nutzen bringt, wie sie auch — gegenwärtig — nicht einmal einen sozialen Zweck nachweisen kann. Daß für ihn weiter der persönliche Nutzen im sexuellen Genuß zu liegen scheint, kommt dabei erst in zweiter Linie in Betracht; — das erste und wichtigste ist wohl, daß in diesem Rußland, wo man bisher nur die eine Wertbemessung kannte — wem anderem gereichen unsere Handlungen zum Guten — endlich einer hinausschreit: Ich lebe für mich. Ich pfeife auf unsere Konstitutionen der Welt, die uns nichts angehen.

Für jeden gesunden Menschen ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollständig eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben erwähnten sozialen Unterströmungen entgegen und weist ihnen den offenen Weg.

So wurde der Roman Ssanin zum Programm der Gesellschaft. Und als Programm hatte er die ungeheuren Wirkungen, wie vor ihm nur drei Werke: Jewgenii Oniegin, Väter und Söhne, die Kreuzersonate. Die seinen sind noch umfassender und eindringlicher, weil er sich in seinen Gesichtspunktenan weitere Kreise wendet; er hat die Jugend hinter sich.

Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten Werke der Weltliteratur geworden. Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus verändert zum Ausdruck gebracht. Und doch ist der Ssanin gleichzeitig das Buch der Contre-Revolution. Nichts hat in Rußland die sozialrevolutionäre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war, so endgültig der Zersetzung zugeführt, wie Ssanin mit seiner erotischen Suggestion.

Die Freudenfeste, die man in seinem Namen beging, waren die Leichenfeiern der Revolution, und die russische Regierung hätte wohl im Grunde wenig dagegen einzuwenden gehabt, daß die Jubelhymnen der Ssaninisten das letzte Röcheln einer verendenden Empörung übertönten. Doch die Ssaninisten, anscheinend froh, endlich die leidige „Konspirativität“, die traditionelle Geheimniskrämerei, beiseite werfen zu können, hatten damit auch den behutsamen Stolz der vorangegangenen Revolution verloren; sie wälzten sich zu laut, zu lärmend in ihrer Erotomanie. So mußte die Regierung, wohl mehr der Not gehorchend, als dem eigenen Triebe, zur Konfiskation des Buches schreiten, das ihr wie kein anderes Ereignis die Wege geebnet hat.

Immerhin; — die einfachste Wahrheit der Tatsachen hat Artzibaschew für sich. Sein Roman packte so unwiderstehlich, weil sich jeder in ihm leben fühlte. Wer nicht Ssanin ist, ist Jurii oder zum wenigsten Schawrow oder Iwanow. Die Personensind über den Rahmen der Einzelschicksale hinausgewachsen, sie sind zu Typen ihrer Zeit geworden. Auf ihren Charakteren baut sich nun einmal das gesellschaftliche Leben auf; dadurch werden sie zur Grundlage jeder kulturellen Betrachtung des heutigen Rußland.

Artzibaschew war bisher in Deutschland unbekannt; der Ssanin ist das Werk, welches ihn bei uns einführt! In Rußland gilt er seit langem als einer der prägnantesten Vertreter der „Jungen“, die die psychologische Darstellungsweise mit der Leichtigkeit realistischer Schilderung, hauptsächlich bei Behandlung erotischer Probleme, verbinden. Daß er aber nicht an ein enges Stoffgebiet gebunden ist, hat er in seinen Novellen bewiesen, die mit seinen beiden besten Erzählungen „Millionen“ und „Der Tod des Iwan Lande“ in deutscher Uebersetzung erschienen sind.

André Villard.

Die wichtigste Zeit im Leben, in der sich unter dem Einflusse der ersten Zusammenstöße mit Menschen und Natur der Charakter bildet, verlebte Wladimir Ssanin fern von seiner Familie. Niemand beaufsichtigte ihn, niemandes Hand leitete ihn, und die Seele dieses Menschen wuchs frei und eigenartig heran, wie der Baum im Felde.

Viele Jahre hindurch war er nicht in der kleinen Stadt gewesen und als er endlich zurückkehrte, erkannten ihn die Mutter und seine Schwester Lyda kaum wieder: In den Gesichtszügen, in Stimme und Manieren hatte er sich nur wenig verändert, aber doch zeigte sich an ihm etwas Anderes, Unbekanntes, das im Innern herangereift war und das Gesicht mit einem neuen Ausdruck durchleuchtete.

Es war gegen Abend, als er ankam, und er trat so ruhig in das Zimmer ein, als ob er es erst fünf Minuten vorher verlassen hätte. In seiner hochgewachsenen, breitschultrigen Gestalt mit den hellen Haaren, in seinen ruhigen und fast garnicht, höchstens in den Mundwinkeln, spöttischen Mienen, lag weder Aufregung noch Ermüdung; die lärmende Freude, mit der ihn die Mutter und Lyda empfingen, schwand wie von selbst.

Solange er aß und trank, saß ihm seine Schwester gegenüber und schaute ihn gerade an, ohne die Blicke abwenden zu können. Sie war in ihren Bruder so verliebt, wie nur exaltierte, junge Mädchen ihre abwesenden Brüder zu lieben vermögen.

Lyda stellte sich den Bruder als einen ganz besondern Mann vor, dessen Eigenart sie sich selbst aus den Büchern zusammengeträumt hatte. In seinem Leben wollte sie einen tragischen Konflikt sehen: Kampf, — Leiden, — Einsamkeit einer gewaltigen Individualität. — — — —

„Warum schaust du mich so grade an?“ fragte sie Ssanin lächelnd. Dieses interessierte Lächeln bei dem in sich vertieften Blick der Augen war der ständige Ausdruck seines Gesichts.

Und seltsam, — dieses Lächeln, an sich hübsch und sympathisch, mißfiel Lyda von Anfang an. Es kam ihr selbstgefällig vor, und es schien ihr so garnichts von Kampf und Leiden und Einsamkeit zu erzählen.

Lyda schwieg und wurde nachdenklich, und, die Augen abwendend, blätterte sie mechanisch in einem Buche.

Als das Mittagessen beendet war, streichelte die Mutter ihrem Sohne zart und sanft Haar und Stirne und fragte:

„Nun erzähle uns aber auch! Wie hast du dort gelebt, was hast du alles getan? ...“

„Was ich getan habe? ...“ Ssanin wiederholte es lächelnd. „Na, was schon? ... Aß, trank, schlief, arbeitete auch mitunter, manchmal tat ich auch garnichts, ... so ...“

Anfangs schien es ihm peinlich zu sein, vonsich selbst zu sprechen, aber, als die Mutter sich sorgsam nach allem zu erkundigen begann, da kam er ins Erzählen und es machte den Eindruck, daß er gern erzähle. Und doch fühlte man heraus, daß es ihm im Grunde ganz gleichgültig war, wie sich die Andern zu seinen Reden stellten. Trotzdem er zärtlich und aufmerksam blieb, ließ sich in seinem Benehmen niemals die intime Nähe eines verwandten Menschen spüren, die von der ganzen Welt absondert, und man konnte eher glauben, daß all seine Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit von ihm so einfach und selbstverständlich ausgestrahlt wurde, wie das Licht einer Kerze. Für alle gleich!

Sie traten auf die Terrasse hinaus, die in den Garten führte, und setzten sich auf die Stufen nieder. Lyda machte es sich auf einer tieferen möglichst bequem, und lauschte ganz für sich und schweigend, dem, was der Bruder ihnen erzählte.

Ein unfaßbarer, kalter Strahl lief durch ihr Herz. Mit dem scharfen Instinkt des jungen Weibes empfand sie bereits, daß ihr Bruder nichts von ihren Phantasien in sich trug, und sie wurde dadurch unwillkürlich eingeschüchtert und befangen, wie einem Fremden gegenüber.

Es war schon Abend, und ein weicher Schatten fiel auf alles. Ssanin zündete sich eine Zigarette an; das leichte Aroma des Tabaks mischte sich mit dem duftigen, sommerlichen Hauch des Gartens.

Er begann davon zu reden, wie ihn das Leben hin- und hergeschleudert hatte, wie er bummelte, manchmal hungern mußte; vonseiner Teilnahme am politischen Kampf und wie er sie wieder beiseite warf, als sie ihn zu langweilen anfing.

Lyda hörte gespannt zu und saß unbeweglich, schön und etwas eigenartig da, wie alle jungen Mädchen in der Frühlingsdämmerung. Immer klarer wurde ihr, daß sein Leben, welches sie sich in so feurigen Zügen ausgemalt hatte, ganz einfach und gewöhnlich war.

Zwar ... irgend etwas Besonderes klang noch daraus hervor, doch das, was es sein mochte, konnte Lyda nicht erfassen. Im übrigen aber blieb es unwichtig und gleichgültig, ja, wie es ihr vorkam, sogar banal. Er wohnte, wo es grad der Zufall mit sich brachte, tat, was ihm in die Hände fiel, arbeitete bald, bald bummelte er, alles scheinbar ohne Ziel; nur trank er mit Vorliebe und kannte gut die Frauen. Hinter diesem Leben lauerte nicht das schwere und düstere Schicksal, welches die träumerische Mädchenseele Lydas zu sehen wünschte. In ihm herrschte keine allumfassende Idee; er haßte niemanden und litt auch um keines Menschen willen.

Im Gespräch drängten sich Worte in seine Rede, die Lyda aus irgendeinem Grunde unschön fand.

„Kannst du denn auch nähen? ...“ unterbrach sie ihn einmal unwillkürlich mit verletzendem Erstaunen; das schien ihr häßlich und unmännlich.

„Früher hatte ich gewiß keine Ahnung davon, aber als es sein mußte, gut, da lernte ich’s eben,“ antwortete Ssanin mit seinem Lächeln; er empfand, was in Lyda vorging.

Das Mädchen zuckte, ein wenig unbeholfen, mit den Achseln, schwieg aber; sie starrte tief in den Garten, mit dem Gefühl, wie wenn man des Morgens voller Träume an die Sonne erwacht und plötzlich den Himmel grau und kalt erblickt.

Auch die Mutter ergriff eine drückende, lästige Bangigkeit. Es berührte sie schmerzlich, daß ihr Sohn nichts dazu tat, um in der Gesellschaft die Stellung einzunehmen, die sich für ihn gebührt hätte. So begann sie, darüber zu reden, daß man auf solche Weise nicht weiter fort leben könne und daß man wenigstens jetzt versuchen müsse, sich anständig einzurichten. Zuerst sprach sie behutsam, noch in Furcht, den Sohn zu verletzen; aber sobald sie bemerkte, daß er nur oberflächlich hinhörte, wurde sie ungeduldig und fing an, mit dem stumpfen Verdruß einer Greisin auf ihn einzureden, als ob er sie absichtlich gereizt hätte.

Ssanin zeigte keine Verwunderung, wurde auch nicht böse; wie es schien, hörte er kaum auf sie. Mit zärtlichen Blicken sah er sie vollkommen gleichgültig an und schwieg. Nur auf ihre Frage:

„Aber wie denkst du denn zu leben?“

gab er gleichmütig zur Antwort:

„So! ... Irgendwie! ...“

Doch seine ruhige, feste Stimme und die hellen, nicht blinzelnden Augen ließen erkennen, daß diese zwei bedeutungslosen Worte für ihn einen allumfassenden Sinn voll tiefer Bestimmtheit hatten.

Maria Iwanowna seufzte, hielt einen Augenblick inne und sagte dann traurig:

„Nun, wie du es für das Beste hältst. Es ist deine Sache. Du bist auch kein Kind mehr ... Doch ihr solltet etwas in den Garten gehen. Seht nur, wie schön es jetzt ist.“

„Gehen wir wirklich Lyda! Komm, zeig’ mir einmal unsern Garten. Ich habe schon ganz vergessen, wie es dort aussieht.“

Lyda fuhr augenblicklich aus ihren Träumereien empor, seufzte ebenfalls und stand auf. Langsam schritten sie miteinander den breiten Mittelweg entlang in die feuchte, dunkle Tiefe hinein.

Das Haus der Ssanins lag an der Hauptstraße der Stadt. Aber die Stadt war nur klein und der Garten lief direkt zum Fluß herunter, an dessen gegenüberliegendes Ufer schon die Felder stießen. Das Haus war ein alter Herrensitz mit nachdenklichen Säulen, von denen der Bewurf in Stücken abgebröckelt war, und einer breiten Terrasse, die in den Garten führte. Und dieser Garten war groß, verwachsen und lauschig; man konnte glauben, daß sich eine dichte, dunkelgrüne Wolke an die Erde schmiegte.

Des Abends war es im Garten geheimnisvoll schaurig, als ob dort in dem formlosen Gebüsch, geradso wie in den verstaubten Mansarden des Hauses, irgend ein altes, abgelegtes und trauriges Gespenst herumschleiche.

In dem oberen Stockwerke lagen weite, dunkle Säle und leere Gastzimmer und im Garten war nur die eine Allee gangbar geblieben, auch sie war mit abgebrochenen Zweigen undBlättern bedeckt; hin und wieder stieß der Fuß an einen zertretenen Frosch.

Das ganze gegenwärtige Leben aber hauste still und bescheiden nur in einer Ecke. Neben dem Hause schimmerte dort der gelbe Kies hervor, krause Blumenbeete waren mit bunten Blüten durchsetzt; ein hölzernes Tischchen, an dem man bei gutem Wetter speiste und den Tee einnahm, hatte dort seinen Platz. Diese ganze, kleine Ecke war von einfachem, friedlichem Leben durchwärmt, sodaß sie nicht mit der düsternen Schönheit des weiten, verwahrlosten Ortes verschmolz, der dem unvermeidlichen Verfall geweiht schien.

Als das Haus im Grünen verschwunden war und um Ssanin und Lyda nur noch die verträumten Bäume gleich lebendigen Wesen standen, legte er seinen Arm um ihre Taille und sagte mit einer eigentümlichen Stimme, die zärtlich und doch bedrückend klang:

„Nein, bist du aber zu einer Schönheit herangewachsen. Muß der Mann glücklich sein, dem du dich als Erstem hingeben wirst ...“

Ein heißer Strom zuckte aus seinem kräftigen, wie aus Eisen geschmiedeten Arm durch den schmiegsamen und zarten Körper Lydas.

Sie wurde verwirrt, erzitterte, und schwankte fast von ihm zurück, als fühlte sie das Herannahen eines unsichtbaren Tieres.

Sie waren schon an den Fluß herangekommen, wo man den feuchten Dunst des Wassers roch, das spitze Schilf nachdenklich hin und her trieb und sich den Blicken die breite Fläche desandern Ufers öffnete, mit dem tiefen, warmen Himmel und dem ersten Aufblitzen der Sterne.

Ssanin trat einige Schritte zurück und erfaßte irgendwo mit den Händen einen dicken, trockenen Baumast; er brach ihn geräuschvoll ab und warf ihn ins Wasser.

Zarte Kreise erwachten und liefen nach allen Seiten auseinander; das Schilf am Ufer begann eilig zu nicken, als bestände zwischen ihm und Ssanin eine geheime Verbindung.


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