Es war gegen ein Uhr mittags. Die Sonne strahlte hell, doch rückte schon vom Garten wieder ein weicher, grünlicher Schatten heran. Licht, Stille und Wärme bebten gespannt in der Luft.
Maria Iwanowna kochte Eingemachtes und unter der grünen Linde roch es schmackhaft und eindringlich nach brodelndem Zucker.
Ssanin hatte sich seit dem frühen Morgen an den Blumenbeeten zu schaffen gemacht; er bemühte sich eifrig, die Blumen, welche ihre Köpfchen unter der Hitze und dem Staube sinken ließen, wieder aufzurichten.
„Du solltest doch erst das Unkraut ausjäten,“ rief ihm Maria Iwanowna zu, indem sie versuchte, durch den bläulichen, zitternden Dunst des Herdes zu ihm herüberzublicken. „Sage es doch Gruschka, sie wird es dir machen.“
Ssanin hob sein schweißbedecktes, heiteres Gesicht empor.
„Wozu,“ sagte er und schüttelte mit einer Bewegung das an die Stirn geklebte Haar zurück, „mag es doch wachsen. Ich liebe überhaupt jedes Grün.“
„Ein komischer Kauz bist du!“ meinte die Mutter gutmütig die Achsel zuckend; aber doch waren ihr seine Worte nicht angenehm.
„Ihr seid selbst komische Käuze,“ rief Ssanin im Tone fester Ueberzeugung und ging ins Haus, um sich die Hände zu waschen; er kehrte bald wieder zurück und ließ sich behaglich in dem geflochtenen Korbstuhl am Tische nieder.
Ihm war froh zumute, leicht und freudig. Das Grün, die Sonne, die Bläue des Himmels drängten sich in einem so starken Strahl in seine Seele, daß sie sich in dem weiten Empfinden vollkommenen Glückes breit öffnete.
Die großen Städte mit ihrem eiligen Lärm und dem hastenden Leben waren ihm zum Ekel geworden. Rings um ihn war Sonne und Freiheit und die Zukunft bekümmerte ihn nicht, weil er bereit war, alles vom Leben hinzunehmen, was es ihm bieten konnte.
Ssanin kniff die Augen zusammen und dehnte mit kräftigem Behagen seine gesunden Muskeln; dehnte und streckte sie. Es wehte eine stille, weiche Kühle durch den ganzen Garten; er schien tief und sanft aufzuseufzen. Die Spatzen zwitscherten von irgendwo, zugleich nah und fern und der gefleckte Foxterrier Mill lauschte, die rote Zunge heraushängend und das eine Ohr aufgerichtet, nachlässig aus dem dichten, hohen Grase hervor. Ueber seinem Kopfe rauschten leise die Blätter und ihrerunden Schatten bewegten sich lautlos auf dem glatten Sande des Weges.
Maria Iwanowna verdroß die Ruhe ihres Sohnes. Sie liebte ihn ebenso wie ihre anderen Kinder. Doch eben deshalb kochte es in ihr vor Erregung; — sie wünschte, seine eigensinnige Kälte anzupacken und zu verletzen; sie wollte ihn zwingen, ihren Worten und ihrer Auffassung vom Leben Wert beizulegen. Alle Augenblicke ihres langen Daseins durchwühlte sie wie eine Ameise, die sich im Grase herumgräbt, um den zertretenen Bau ihrer häuslichen Wohlfahrt wieder aufzurichten.
Dieses langweilige, eintönige Gebäude, einer Kaserne und einem Krankenhaus ähnlich, bestand aus winzigen Ziegelsteinen, die ihr jedoch, dem talentlosen Baumeister, als der Schmuck des Lebens erschienen. In Wirklichkeit beengten sie nur Maria Iwanowna, verdrossen und ängstigten sie; stets wurde sie von ihnen in eine bekümmerte Trübsal versetzt. Aber trotzdem glaubte sie, daß kein Mensch ein anderes Leben führen könne.
„Nun, wie also, soll es etwa so weitergehen? ...“ Sie tat, als ob sie angestrengt in die Schüssel mit dem Eingemachten blicke.
„Wie ... so ... weiter?“ ... fragte der Sohn und nieste mehrmals.
Maria Iwanowna war überzeugt, daß auch dieses Niesen nur in der Absicht geschah, sie zu verletzen. Und obgleich sie offensichtlich unrecht hatte, fühlte sie sich dadurch gekränkt und wurde noch mißmutiger.
„Es haust sich doch ganz gut bei euch,“ meinte Ssanin träumerisch.
„Nicht schlecht,“ gab Maria Iwanowna reserviert zur Antwort, da sie es für notwendig hielt, böse zu sein. Aber doch war es ihr angenehm, daß ihr Sohn Haus und Garten gelobt hatte, mit denen sie wie mit nahen, lieben Wesen verwachsen war.
Ssanin blickte zu ihr auf und erwiderte nachdenklich:
„Und wenn ihr mich nicht noch mit allerlei Kleinlichkeiten belästigen wolltet, so wäre es noch besser.“ Der harmlose Ton, mit dem er dies hinredete, widersprach dem verletzenden Inhalt seiner Worte, sodaß die Mutter nicht wußte, ob sie böse sein oder lachen sollte.
„Wenn ich dich so ansehe, ... du bist auch als Kind immer anders gewesen, abnorm, aber jetzt, ...“
„Was jetzt? ...“ fragte Ssanin so heiter, als erwartete er etwas sehr Interessantes und Angenehmes zu hören.
„... und jetzt bist du schon ganz vollkommen!“ antwortete Maria Iwanowna und schwenkte den Löffel aus.
„Nun um so besser!“ lächelte er und fügte nach kurzem Schweigen hinzu: „Da kommt auch Nowikow!“
Vom Hause her kam ein hochgewachsener, hübscher und blonder Mann. Sein rotes Seidenhemd, das sich dicht an den gedunsenen, aber gut gebauten und kräftigen Körper legte, flammte unter den Sonnentupfen grell und mit rötlichen Spiegeln auf; seine blauen Augen schauten zärtlich und lässig gradeaus.
„Und Sie zanken sich noch immer?“ ließ er sich schon von weitem mit einer ebenso zärtlichen und lässigen Stimme vernehmen. „Worüber nur, um des Himmels willen?“
„Ja, siehst du, Mama findet, daß meinem Gesicht eine griechische Nase besser gestanden hätte; ich aber meine, wie sie auch ist, dem Himmel sei Dank!“
Ssanin schielte von der Seite auf seine Nase, lächelte und drückte Nowikows weiche, breite Hand.
„Nun, was noch gar!“ rief Maria Iwanowna verdrossen aus.
Nowikow lachte laut und heiter auf und der abgerundete, weiche Wiederhall ließ sein Lachen gutmütig und dröhnend aus dem grünen Dickicht zurückschallen, gleichsam, als ob sich dort jemand stille seiner Heiterkeit gefreut hätte.
„Ja, das weiß ich selbst; hier sorgt man in einem fort um dein Schicksal!“
„Was soll ich nur damit anfangen? ...“ sagte Ssanin in komischer Verlegenheit.
„Du hast’s ja reichlich verdient.“
„Hoho, wenn ihr euch meiner etwa von beiden Seiten annehmen wollt, so steht es mir immer noch frei, davonzulaufen.“
„Nein, bleib nur, ich werde selbst lieber fortgehen,“ unterbrach ihn plötzlich Maria Iwanowna mit ganz unerwartetem Aerger. Sie riß mit einemmal die Schüssel vom Herde herunter und ging ins Haus, ohne einen von ihnen anzublicken.
Mill sprang aus dem Grase auf, spitzte die Ohren, und sah ihr fragend nach. Dann rieb erdie Nase an der Vorderpfote, blickte wieder aufmerksam aufs Haus und lief schließlich ärgerlich irgendwo tief in den Garten hinein.
„Zigaretten! ... Hast du welche? ...“ fragte Ssanin äußerst zufrieden, daß seine Mutter fortgegangen war.
Nowikow nahm, seinen Körper lässig zurückreckend, das Etui heraus: „Du neckst sie doch rein umsonst. Laß doch das Necken!“ sprach er gedehnt mit zärtlichem Vorwurf in der Stimme. „Sie ist doch eine alte Frau.“
„Womit necke ich sie denn? ...“
„Nun, mit alledem.“
„Ach was, alledem! Sie hackt selbst auf mir herum. Ich verlange nie etwas von den Leuten, Brüderchen, mögen sie mich auch in Ruhe lassen.“
Beide schwiegen.
„Nun, wie geht’s dir, Doktor? ...“ Ssanin verfolgte während seiner Frage angespannt die zierlichen und kapriziösen Gebilde des Tabakrauches, die sich in der reinen Luft zart um seinen Kopf wanden.
Nowikow, der über etwas anderes nachdachte, antwortete nicht sogleich.
„Schlimm,“ sagte er schließlich.
„Weshalb das? ...“
„Na so im allgemeinen! Langweilig! ... Dieses Nest hängt mir längst zum Halse heraus. Gibt nichts zu tun hier.“
„Du? ... Für dich gibt es hier nichts zu tun? ... Du hast ja selbst dein Leid geklagt, kämst garnicht zum Aufatmen.“
„Davon spreche ich ja nicht. Man kann dochnicht nur ewig kurieren und Mixturen verschreiben. Es gibt doch noch was anderes im Leben.“
„Und was stört dich, auch für dieses andere zu leben? ...“
„Nun, das ist schon eine komplizierte Geschichte.“
„Durch was kompliziert? ... Ueberhaupt, sage mal, was fehlt dir denn eigentlich? ... Du bist ein junger Kerl; hübsch, gesund ...“
„Und das ist, wie sich herausstellt, im Grunde sehr wenig,“ erwiderte Nowikow mit gutmütiger Ironie.
„Wie soll man dir das beibringen. Viel ist das, sehr viel sogar.“
„Und für mich nicht genug ...“ Nowikow schmunzelte ein wenig. Und aus diesem Schmunzeln konnte Ssanin entnehmen, daß ihm das Lob über seine Gesundheit, Kraft und Schönheit angenehm gewesen war. Er wurde sogar ein wenig verlegen und errötete wie ein junges Mädchen auf der Brautschau.
„Dir fehlt nur eins,“ sagte Ssanin nach einer Weile.
„Und das wäre? ...“
„Der richtige Blick fürs Leben ... Siehst du, du fühlst dich von der Einförmigkeit deines Lebens bedrückt. Aber wollte dir jemand vorschlagen, alles beiseite zu werfen und deiner Nase nachzulaufen, so wärest du einfach platt. Vor Staunen.“
„Wohin? ... Vielleicht als Landstreicher?“
„Meinetwegen auch als Landstreicher! Warum denn nicht? Ich seh dich so an und denke mir: Das ist nun auch so einer, der bei Gelegenheitfähig wäre, für irgendeine Konstitution im russischen Reich auf Lebenslang nach Schlüsselburg zu gehen, alle Rechte, seine Freiheit einzubüßen ... und man sollte doch meinen: Was kann ihm die Verfassung sein? ... Aber handelt es sich darum, sein eigenes, überflüssiges Leben umzugestalten und fortzugeben, um einen Sinn und Interesse darin zu suchen, so steht auch schon die Frage vor ihm: Wovon werde ich leben? ... Und werde ich auch ja nicht untergehen, ich der gesunde, kräftige Mann, wenn ich mal mein Gehalt verliere und damit auch die Sahne zum Morgentee, das seidene Hemd und den gestärkten Kragen ... Komisch ist das ... bei Gott komisch!“
„Daran ist garnichts Komisches! Dort handelt es sich um eine Frage der Weltanschauung und hier ...“
„Was hier? ...“
„Ja, wie soll man das auseinandersetzen,“ Nowikow knackte mit den Fingern.
„Hier siehst du, wie du urteilst! Gleich hast du Unterscheidungen zur Hand. Ich werde es dir noch nicht glauben, daß dich die Sehnsucht nach einer Verfassung mehr aufreibt, als Sinn und Interesse an deinem eigenen Leben.“
„Nun, das ist immer noch eine Frage ... Vielleicht doch mehr.“
Ssanin winkte ihm verdrießlich mit der Hand ab:
„Ach laß doch den Unsinn. Schneidet man dir in den Finger, so wird’s dir sicher weher tun, als tut man’s irgendeinem andern Untertanen Väterchens. Das ist Tatsache!“
„Oder Zynismus,“ Nowikow wollte beißend antworten, aber er forderte nur zum Lachen heraus.
„Mag übrigens sein. Aber das steht fest. Obwohl es nicht nur in Rußland, auch in vielen andern Ländern der Welt keine Verfassung, ja nicht einmal eine Andeutung davon gibt, grämst du dich jetzt nur, weil dir dein eigenes Leben nicht das richtige Vergnügen macht. Aber nicht im Geringsten einer Konstitution wegen. Und wenn du was anderes behauptest, so, nun so schwindelst du eben.“ Plötzlich unterbrach sich Ssanin selbst mit frohem Aufleuchten in seinen hellen Augen und richtete sich halb auf: „Du grämst dich ja auch jetzt garnicht, weil dich vielleicht dein Leben anekelt, sondern ganz einfach, weil dich Lyda bisher nicht lieben wollte. Nun, ist es nicht so? ...“
„Jetzt redest du schon ganz und gar dummes Zeug,“ rief Nowikow rot werdend wie sein rotes Hemd und in seine guten, ruhigen Augen stiegen Tränen der naivsten und aufrichtigsten Verlegenheit.
„Warum denn dummes Zeug, wenn du über Lyda die ganze Welt vergißt. Von Kopf bis zu den Füßen steht auf dir der eine Wunsch geschrieben, sie hinzunehmen. Und dann sagst du dummes Zeug.“ ...
Nowikow zuckte ganz eigentümlich mit der Achsel und ging hastig die Allee auf und ab. Selbst wenn nicht grade Lydas Bruder davon gesprochen hätte, wäre er wohl in Verlegenheit geraten, aber es schien ihm ganz besonders eigentümlich, diese Worte, deren Sinn er garnichteinmal richtig verstehen mochte, nun von Ssanin zu hören.
„Weißt du was,“ murmelte er endlich vor sich hin, „entweder du willst eine Pose markieren, oder ...“
„Oder? ...“ fragte lächelnd Ssanin.
Nowikow zuckte schweigend mit der Schulter und blickte zur Seite. Die andere Auffassung sollte Ssanin als einen gemeinen, verdorbenen Menschen bezeichnen. Das aber konnte er ihm nicht sagen, weil er für ihn stets, schon auf dem Gymnasium, eine aufrichtige Zuneigung empfunden hatte. Wirklich gefiel ihm dieser schlechte Mensch, trotzdem er fühlte, daß es eigentlich nicht der Fall sein durfte; das schlug sich in Nowikow als schwere und trübe Stimmung nieder. Die Erinnerung an Lyda war ihm schmerzlich und setzte ihn in Verlegenheit; und doch konnte er, da er Lyda vergötterte und das große und tiefe Gefühl selbst, welches er für sie empfand, anbetete, Ssanin wegen der Erinnerung nicht böse sein. Sie war qualvoll, aber gleichzeitig auch beglückend, als hätte jemand sein Herz ergriffen und leise gedrückt.
Ssanin schwieg und lächelte; sein Lächeln war aufmerksam und zärtlich.
„Nun, denke dir nur die richtige Bezeichnung aus; ich warte ein Weilchen, ich habe es nicht eilig.“
Nowikow schritt noch immer die Allee auf und ab und man sah ihm an, daß er aufrichtig litt.
Mill kam herbeigelaufen, schnüffelte besorgt umher und begann, sich an Ssanins Knieenzu reiben. Augenscheinlich war er über etwas froh und wünschte seine Freude auch den andern mitzuteilen.
„Du bist mir ein schönes Hundevieh,“ sagte Ssanin, ihn streichelnd.
Nowikow hielt sich mühsam zurück, mit ihm Streit zu beginnen, fürchtete aber, daß Ssanin noch einmal das berühren könnte, was ihn auf der ganzen Welt am tiefsten traf. Und doch schien ihm alles andere, das ihm in den Kopf stieg, gleichgültig, leer und tot in Vergleich mit jedem Gedanken an Lyda.
„Und wo ist Lyda Petrowna? ...“ fragte er ganz mechanisch, grade das, was er am liebsten fragen wollte, aber sich eigentlich nicht zu fragen getraute.
„Lyda? ... Wo soll sie sein? ... Sie wird auf dem Boulevard mit den Offizieren herumlaufen.“
Nowikow empfand einen schmerzlichen Stich. Eifersüchtig erwiderte er: „Lyda Petrowna ... sie ist so klug und entwickelt, ... wie kann sie ihre Zeit mit diesen vernagelten Kerlen verbringen? ...“
„Eh, mein Freund, Lyda ist jung, schön und gesund, ganz wie du auch; — — vielleicht noch mehr, weil sie das hat, was dir fehlt, die Gier nach allem. Sie möchte gerne alles wissen, alles durchempfinden. Ah, da ist sie ja selbst. Schau sie nur an und begreife doch, was für eine Schönheit sie ist.“
Lyda war im Wuchse kleiner, aber bedeutend schöner als ihr Bruder. In ihr überraschte die feine und zauberhafte Verknüpfung reizenderZärtlichkeit und gewandter Kraft; der leidenschaftliche, stolze Ausdruck ihrer dunklen Augen und ihre weiche und klangvolle Stimme, auf die sie stolz war. Langsam und sich beim Gehen ein wenig mit dem ganzen Körper wiegend, wie eine junge, prachtvolle Stute, stieg sie die Steinstufen, ihr langes, graues Kleid geschickt und sicher raffend, herab. Hinter ihr gingen zwei junge, hübsche Offiziere in glänzenden, hohen Reitstiefeln und enganliegenden Hosen; sie verwickelten sich in die Sporen, deren Klirren den Eindruck hervorrief, als ob es von ihnen selbst übertrieben würde.
„Wer ist das? ... Eine Schönheit?“ ... fragte Lyda, indem sie den ganzen Garten mit ihrer weiblichen Frische und ihrer klangvollen Stimme erfüllte.
Sie reichte Nowikow die Hand und schielte argwöhnisch auf den Bruder, an den sie sich immer noch nicht gewöhnen konnte; sie begriff nicht, wann er lachte und wann er im Ernst sprach. Als ihr Nowikow die Hand drückte, bemerkte sie nicht, wie scheu und ehrfurchtsvoll seine Blicke auf ihr ruhten; sie erregten sie nicht mehr wie früher.
„Guten Abend, Wladimir Petrowitsch,“ grüßte, die Sporen aneinanderklirrend und den ganzen Körper reckend, der Offizier, der von größerem Wuchs und der Schönere war.
Ssanin wußte schon, daß er Sarudin hieß, Rittmeister war und sich beharrlich und eindringlich um Lyda bemühte. Der andere Offizier war ein Leutnant Tanarow, der Sarudin für das Muster eines Offiziers hielt und nurden einen Wunsch hatte, ihm in allen Dingen gleichen zu können. Er war aber schweigsam und wenig gewandt, auch war sein Gesicht weniger hübsch als das Sarudins. Er klirrte ebenso mit den Sporen, sagte aber nichts.
„Du!“ antwortete Ssanin plötzlich auf die Frage seiner Schwester, doch in einem Tone, der viel zu ernst klang.
„Natürlich eine Schönheit und vergiß nur nicht, gleich hinzuzufügen, eine unbeschreibliche.“ Lyda lachte hell auf und warf sich mit dem ganzen Körper in den Korbsessel, während sie gleichzeitig mit einem Blick das Gesicht ihres Bruders streifte. Langsam hob sie beide Hände zum Kopf, wodurch sich ihre hohe, elastische Brust erhaben ausprägte und begann die Nadeln aus dem Hut zu ziehen. Dabei ließ sie eine dieser Nadeln, lang wie Stacheln, in den Sand niederfallen und verwickelte ihren Schleier in das Haar und in die andere Nadel.
„Aber Iwan Pawlowitsch, so kommen Sie mir doch zu Hilfe,“ wandte sie sich kokett bittend an den schweigsamen Leutnant.
„Ja, wirklich, eine Schönheit,“ wiederholte Ssanin nachdenklich, ohne seine Augen von ihr zu lassen.
Lyda schielte wieder mit einem mißtrauischen Blick zu ihm herüber.
„Wir sind hier alle nur Schönheiten!“
„Was sind wir? ...“ lachte Sarudin. „Nur eine armselige Staffage, auf deren Hintergrund sich Ihre Schönheit noch heller und prunkvoller abhebt.“
„Wie elegant Sie sich ausdrücken,“ sagteWladimir Petrowitsch und durch seine Worte klang eine leichte Nuance von Spott hindurch.
„Lyda Petrowna wird jeden dazu bringen, sich so auszudrücken,“ bemerkte tiefsinnig der schweigsame Tanarow, der mit vielem Eifer versuchte, Lydas Hut zu lösen, sie aber so am Haare zerrte, daß sie zugleich ärgerlich wurde und lachte.
„Siehat sie also auch schon dazu gebracht,“ meinte gedehnt und verwundert Wladimir Petrowitsch.
„Laß sie doch,“ raunte ihm Nowikow unaufrichtig und doch mit einem Gefühl des Vergnügens zu.
Lyda sah mit zusammengekniffenen Augen grade in die ihres Bruders und an ihren verdunkelten Pupillen konnte Ssanin deutlich lesen: ... Denke nicht, ich wüßte nicht gut, was das alles bedeutet. Aber es macht mir Spaß. Ich bin nicht dümmer als du und weiß genau, was ich tue.
Ssanin lächelte ihr zu; der Hut war endlich abgenommen und Tanarow trug ihn feierlich auf den Tisch.
„Ach was sind Sie für ein Mensch, Iwan Pawlowitsch,“ rief Lyda, im Augenblick ihren Blick verändernd, wieder liebenswürdig und kokett. „Sie haben mir die ganze Frisur verdorben. Jetzt muß ich erst ins Haus gehen.“
„Oh, das werde ich mir niemals verzeihen,“ murmelte Tanarow verlegen.
Lyda erhob sich schnell, raffte das Kleid zusammen und während sie die erregenden Blicke der Männer auf sich gerichtet fühlte, lachte siegrundlos auf und lief die Steinstufen hinauf.
Als sie verschwunden war, fühlten sich alle unwillkürlich freier, erschlafften und ließen den Körper zusammenfallen; sie verloren jene nervöse Spannung der Bewegung, welche die Männer in Anwesenheit eines jungen und schönen Mädchens empfinden.
Sarudin nahm eine Zigarette aus seinem Etui und begann, schon während er sie ansteckte, behaglich zu sprechen. Aber man hörte heraus, daß er nur aus Gewohnheit das Gespräch fortführte, und daß er dabei an etwas ganz anderes dachte:
„Heute riet ich Lyda Petrowna alles im Stich zu lassen und ganz ernsthaft mit Gesangsunterricht zu beginnen. Mit ihrer Stimme hat sie sicher eine Karriere vor sich.“
„Nicht zu leugnen, eine nette Aussicht!“ erwiderte ihm düster und zur Seite schauend Nowikow.
„Und weshalb das? ...“ fragte Ssanin voll Erstaunen; er ließ sogar die Zigarette sinken.
„Was ist denn eine Schauspielerin? ... Auch nichts anderes als eine Dirne.“ Nowikow geriet plötzlich in Erregung. Doch jedes Wort, das er sprach, quälte und erregte ihn selbst am meisten. Er litt unter dem Gedanken, daß die Frau, die er liebte, ihren Körper den Blicken anderer Männer preisgeben sollte. Und dazu in herausfordernden Kostümen, die diesen Körper bloßstellten und ihn noch verlockender machten.
„Das ist wohl etwas zuviel gesagt,“ meinte Sarudin die Augenbrauen hebend.
Nowikow sah ihn voll Haß an. In seinerVorstellung gehörte grade Sarudin zu jenen Männern, die das Mädchen, das er liebte, mit begehrlichen Blicken betrachteten, und es war ihm schmerzlich, daß jener schön war.
„Nicht im mindesten zuviel. Halb nackt auf die Bühne zu treten. Sich hin und her zu recken. Unter den Augen von Leuten wollüstige Szenen darzustellen, von Leuten, die später so fortgehen, wie man von einer Dirne geht, nachdem man ihr das Geld hingeworfen hat. Nicht zu leugnen, sehr hübsch.“
„Mein Freund,“ bemerkte Wladimir Petrowitsch lächelnd, „einer jeden Frau ist es vor allem angenehm, wenn man ihren Körper bewundert.“ — —
Nowikow zuckte verdrießlich die Achseln.
„Weißt du, du sprichst sehr abgeschmackte Dinge.“
„Weiß der Teufel, ob es abgeschmackt ist oder nicht. Wahr ist es!“
„Lyda würde sich aber auf dem Theater ganz effektvoll machen. Ich hätte selbst Lust, das mit anzusehen.“
Obgleich sich durch diese Worte Ssanins bei allen eine instinktive, gierige Lüsternheit regte, wurde ihnen doch peinlich zumute. Sarudin, der sich für intelligenter und abgeschliffener als die anderen hielt, glaubte verpflichtet zu sein, sie aus dieser unangenehmen Situation herauszureißen.
„Und was muß nach Ihrer Meinung eine Frau tun? ... Heiraten? ... Auf die Universitäten laufen? ... Und dafür ihr Talent vernachlässigen? ... Das wäre gradezu ein Verbrechenan der Natur, die sie mit ihren besten Gaben ausgestattet hat.“
„Nun, nun,“ sagte Ssanin mit unverhohlenem Spott. „Aber in der Tat, mir selbst ist niemals der Gedanke an dieses Verbrechen auch nur in den Kopf gekommen.“
Nowikow lachte schadenfroh auf, erwiderte aber Sarudin aus Höflichkeit: „Weshalb denn ein Verbrechen? ... Eine gute Mutter oder eine gute Aerztin ist doch tausendmal mehr wert als jede Schauspielerin.“
„Nanu,“ rief Tanarow entrüstet.
„Wird es euch wirklich nicht langweilig, Herrschaften, all dieses dumme Zeug zusammenzuschwatzen? ...“
Sarudin blieb die Erwiderung in der Kehle stecken und auch den anderen schien es mit einemmal, als ob es langweilig und nutzlos wäre, noch weiter zu sprechen. Nichtsdestoweniger fühlten sich alle durch Ssanins Einwurf beleidigt. Es wurde still und sehr langweilig.
Maria Iwanowna und Lyda waren bei dem letzten Satze Wladimir Petrowitschs auf die Terrasse hinausgetreten und hatten ihn gehört; sie verstanden aber nicht, um was es sich eigentlich handelte.
„Ihr seid ja mit eurer Unterhaltung ziemlich schnell bei der Langeweile angekommen. Gehen wir zum Fluß hinunter; da ist’s jetzt am hübschesten.“
Als Lyda an den Männern vorüberschritt, zog sie den ganzen Körper ein wenig an, und ihre Augen schimmerten so rätselhaft, als verspräche sie etwas, doch ohne zu sagen, was ...
„So ist’s recht! Geht nur bis zum Abendbrot spazieren,“ rief Maria Iwanowna.
„Sehr schön. Mit Vergnügen!“ Sarudin war bereitwilligst dabei und bot Lyda, wieder mit den Sporen klirrend, seinen Arm.
„Hoffentlich gestatten Sie mir auch, mich Ihnen ...“ Nowikow versuchte seinem Ton einen verletzenden Klang zu geben, doch dadurch erhielt sein ganzes Gesicht nur einen jämmerlichen Ausdruck.
„Wer hindert Sie denn? ...“ fragte Lyda über die Achseln lächelnd.
„Ach, Bruder, geh, geh,“ riet ihm Ssanin. „Ich würde selbst mitkommen, wenn Lyda nicht zu sehr daran dächte, daß ich ihr Bruder bin.“
Lyda erzitterte eigentümlich; ihre Aufmerksamkeit spannte sich. Dann maß sie den Bruder mit einem raschen Blick und lachte kurz und nervös auf.
Auch Maria Iwanowna hatte diese Aeußerung ihres Sohnes chokiert:
„Wozu redest du solche Dummheiten,“ fragte sie grob. „Mußt dich durchaus originell machen.“
„Fällt mir garnicht ein.“
Maria Iwanowna blickte ihren Sohn mit Erstaunen an. Sie konnte ihn absolut nicht verstehen; sie begriff ebensowenig wie Lyda, wenn er scherzte oder Ernst machte; und vor allem nicht, warum er grade entgegengesetzt dachte und empfand wie sie, während doch alle ihre Bekannten mit ihr fast gleicher Auffassung waren. Nach ihren Begriffen mußte der Mensch immer das denken, empfinden und tun, was alle Menschendachten, empfanden und taten, die mit ihm in bezug auf Besitz, Bildung und soziale Lage gleichstanden.
Für sie war es ganz natürlich, daß Menschen nicht einfach nur Menschen sein sollten, mit all den individuellen Eigenheiten, welche die Natur in sie hineingelegt hat, sondern Personen, die in eine allen gemeinsame Form gegossen waren.
Ihre Umgebung befestigte sie in dieser Anschauung: Darauf wurde auch das Schwergewicht der erzieherischen Tätigkeit gelegt und allein durch sie wurden die Unterschiede zwischen Gebildeten und Ungebildeten ausgeprägt. Die letzteren durften ihre Individualität bewahren und wurden dafür von den andern verachtet; diese Andern aber zerfielen in Gruppen, die allein der anerzogenen Bildung entsprachen. Ihre Ueberzeugungen hatten sich nicht nach ihren persönlichen Anlagen, sondern nach ihrer Stellung zu richten: — — — jeder Student war revolutionär, jeder Staatsbeamte bourgeois, jeder Schauspieler schlug über die Stränge und jeder Offizier war mit übertriebenen Ehrbegriffen ausgestattet. Wenn sich plötzlich ein Student als Konservativer, ein Offizier als Revolutionär herausgestellt hätte, so wäre das zum mindesten sehr eigenartig, wahrscheinlich aber äußerst unangenehm gewesen. Ssanin durfte seiner Herkunft und Erziehung nach garnicht so sein, wie er sich gab, und Maria Iwanowna sah ihn, wie Lyda, Nowikow und alle, die auf ihn stießen, mit dem ärgerlichen Gefühl getäuschter Erwartung an. Mit dem Instinkt der Mutter merkte sie sofort den Eindruck, den ihr Sohn auf die ganze Umgebungmachte und dieser Eindruck war ihr sehr schmerzlich.
Ssanin empfand es. Er hätte die Mutter gerne beruhigt, wußte aber nicht, wie er es anfangen sollte. Einen Augenblick kam ihm sogar der Gedanke, sich zu verstellen und der Mutter einige beruhigende Worte zu sagen. Aber es wollte ihm nichts einfallen; er lachte auf, erhob sich und ging ins Haus.
Gelangweilt legte er sich aufs Bett und begann darüber nachzudenken, wie die Menschen die ganze Welt in ein Kloster verwandeln wollen, mit einer Regel für alle. Und diese Regel ist auf der Vernichtung jeder Persönlichkeit und ihrer Unterwerfung unter die strikten Anordnungen einer geheimnisvollen Greisenhaftigkeit aufgebaut. Dann gingen seine Gedanken auf das Schicksal des Christentums über und die Rolle, die es in der Geschichte gespielt hat; diese Gedanken langweilten ihn aber so, daß ihn unmerklich der Schlummer überkam und er bis zum Abend durchschlief.
Maria Iwanowna hatte noch lange hinter ihm hergeschaut; endlich seufzte sie auf und wurde nachdenklich. Sie sann darüber nach, daß Sarudin offenkundig Lyda den Hof machte und sie wünschte im stillen, daß es ihm ernst wäre.
— — — Lyduschka ist schon zwanzig Jahre alt, zog es ihr leise durch den Kopf, und Sarudin scheint ein guter Mensch zu sein. Man sagt, daß er in diesem Jahre eine Schwadron bekommen wird. Nur, — — Schulden hat er bis über den Kopf. Und weshalb habe ich nur diesen abscheulichen Traum gehabt. — — — DieserTraum, den Maria Iwanowna an demselben Tage gesehen hatte, als Sarudin zum erstenmal zu ihnen ins Haus kam, quälte sie unaufhörlich und Gott weiß warum. Sie hatte geträumt, daß Lyda in einem weißen Kleide über ein Feld ging, und die Weiße des Kleides schien ihr ein großes und schweres Unheil vorauszusagen — — —
Maria Iwanowna ließ sich jetzt in einen Korbsessel nieder, stützte nach Art der alten Frauen den Kopf in die Hand und sah lange in den allmählich dunkler werdenden Himmel. Kleinliche, aber zähe und verdrossene Gedanken schoben sich durch ihren Kopf. Es war ihr grämlich und beängstigend zumute.
Es war dunkel geworden, als die Spaziergänger endlich zurückkehrten. Schon aus der Tiefe des Gartens, der in der Dämmerung weich versunken lag, vernahm man ihre hellen, belebten Stimmen.
Die lustige, erregte Lyda lief Maria Iwanowna in die Arme. Auf ihr lag noch der frische Duft des Flusses. Und mit ihm hatte sich jener reizvolle Hauch schöner, junger Mädchen verbunden, welche bis zur äußersten Spannung von liebenswürdigen, jungen Männern, die sie selbst in gierige Stimmung versetzt haben, erregt sind.
„Abendbrot machen, Mütterchen, Abendbrot machen,“ sie zupfte Maria Iwanowna zärtlich anden Ohrläppchen. „Und inzwischen wird uns Viktor Sergejewitsch etwas vorspielen.“
Maria Iwanowna ging, um das Abendbrot anzuordnen und dachte dabei, daß das Schicksal eines so interessanten und ihr so klaren Wesens wie Lydas nicht anders als glücklich sein könne.
Sarudin und Tanarow gingen in den Saal ans Klavier und Lyda ließ sich in dem Schaukelstuhl nieder, der auf dem Balkon stand; geschmeidig streckte und reckte sie ihre Glieder.
Nowikow schritt schweigend auf den knarrenden Dielen des Balkons auf und ab und betrachtete von der Seite ihr Gesicht, ihre hohe Brust und die schlanken Füße, die in schwarzen Strümpfen und gelben Schuhen steckten. Sie aber bemerkte weder seine Blicke noch ihn selbst, ganz hingerissen von dem mächtigen und zauberhaften Eindruck der ersten Leidenschaft. Sie schloß die Augen und lächelte rätselhaft in sich hinein.
In der Seele Nowikows ging der alte Kampf vor sich.
Er liebte Lyda, aber er konnte sich nicht in ihr zurechtfinden. Manchmal glaubte er, daß auch sie ihn liebe; — dann wieder kam ihm dieser Gedanke ganz ungeheuerlich vor. In Augenblicken, in denen er sich ihrer Liebe sicher fühlte, schien es ihm sehr wahrscheinlich, ja selbstverständlich, daß ihm einst ihr schlanker Körper in seiner jungen Reinheit angehören würde. Sobald jedoch in ihm Zweifel aufstiegen, ob sie ihn jemals lieben könne, empfand er die gleichen Gedanken als schamlos und gemein, und wenn er sich dann bei sinnlichen Vorstellungen ertappte,nannte er sich einen niedrigen, schmutzigen Menschen, der Lydas nicht wert sei.
Während er so über die Dielen schritt, suchte er sich selbst eine Entscheidung zu setzen: Trete ich mit dem rechten Fuß zuerst auf die letzte Diele, so bedeutet es Ja und ich muß mich ihr erklären; ... und wenn mit dem linken, so ...
Er wollte nicht zu Ende denken, was dann geschehen müsse.
Die letzte Diele betrat er mit dem linken Fuß und wurde von kaltem Schweiß übergossen; er sagte sich aber sofort: Pfui, was für Dummheiten! Wie ein altes Weib! Nun, eins, zwei, drei ... Und mit dem Worte drei gehe ich grade darauf los und sage, ... ja, was sage ich ... nun, ganz gleich. Also ... eins, zwei, drei ...
Der Kopf brannte ihm, im Munde wurde es ihm trocken und das Herz klopfte ihm so stark, daß seine Beine anfingen zu zittern.
„Vielleicht wird es Ihnen doch noch einmal über, herumzulaufen,“ rief ihm Lyda zu, ihre Augen öffnend. „Sie lassen einen ja garnicht zum Zuhören kommen ...“
Nowikow bemerkte erst in diesem Augenblick, daß Sarudin sang.
Es war die alte Romanze:
Ich liebte dich, vielleicht ist dieses FeuerIn meinem Herzen noch nicht ganz verglüht,Doch deine Ruh’ ist mir vor allem teuer,Durch nichts betrüben will ich dein Gemüt.
Ich liebte dich, vielleicht ist dieses FeuerIn meinem Herzen noch nicht ganz verglüht,Doch deine Ruh’ ist mir vor allem teuer,Durch nichts betrüben will ich dein Gemüt.
Ich liebte dich, vielleicht ist dieses FeuerIn meinem Herzen noch nicht ganz verglüht,Doch deine Ruh’ ist mir vor allem teuer,Durch nichts betrüben will ich dein Gemüt.
Ich liebte dich, vielleicht ist dieses Feuer
In meinem Herzen noch nicht ganz verglüht,
Doch deine Ruh’ ist mir vor allem teuer,
Durch nichts betrüben will ich dein Gemüt.
Er sang nicht schlecht, aber doch so wie alle musikalisch nicht gebildeten Menschen, die den Ausdruck durch Geschrei und Sinkenlassen derStimme zu ersetzen suchen. Nowikow erschien der Gesang von Sarudin besonders unangenehm.
„Was ist denn das? Selbstverfaßt? ...“ erkundigte er sich, mit dem ungewohnten Gefühl des Grolls und der Erregung, nach dieser allbekannten Romanze.
„Nein! Setzen Sie sich doch hin. Stören Sie doch nicht!“ befahl ihm launisch Lyda. „Wenn Sie die Musik nicht lieben, so gucken Sie eben solange in den Mond.“
Der völlig runde und rötlichschimmernde Mond sah wirklich eindringlich und geheimnisvoll hinter den schwarzen Baumwipfeln hervor. Sein leichtes, unfaßbares Licht strich über die Stufen, über Lydas Kleid, und über ihr Gesicht, das die eigenen Gedanken belächelte. Die Schatten im Garten verdichteten sich und wurden allmählich immer schwärzer wie im Walde.
„Dann schon lieber Sie ansehen,“ sagte Nowikow ungeschickt. — — „Ach, was für Abgeschmacktheiten ich zustande bringe, wenn ich rede,“ dachte er weiter.
Lyda lachte laut auf: „Ja, welch ein hölzernes Kompliment.“
„Ich verstehe es nicht, Komplimente zu machen,“ erwiderte düster Nowikow.
„Aber so schweigen Sie doch und hören Sie zu.“ Lyda zuckte unwillig die Achseln.
Ich liebte dich stumm, hoffnungslos und schmerzlich,Mit all der Qual, die solche Liebe gibt,Ich liebte dich so wahrhaft und so herzlich,Gott gäb’, daß dich ein andrer je so liebt.
Ich liebte dich stumm, hoffnungslos und schmerzlich,Mit all der Qual, die solche Liebe gibt,Ich liebte dich so wahrhaft und so herzlich,Gott gäb’, daß dich ein andrer je so liebt.
Ich liebte dich stumm, hoffnungslos und schmerzlich,Mit all der Qual, die solche Liebe gibt,Ich liebte dich so wahrhaft und so herzlich,Gott gäb’, daß dich ein andrer je so liebt.
Ich liebte dich stumm, hoffnungslos und schmerzlich,
Mit all der Qual, die solche Liebe gibt,
Ich liebte dich so wahrhaft und so herzlich,
Gott gäb’, daß dich ein andrer je so liebt.
Die Töne hallten vom Piano wie klingende,kristallene Aufschläge in den Garten hinein. Der Mondenschein wurde immer leuchtender, die Schatten immer tiefer. Unten im Grase ging Ssanin leise vorüber, setzte sich unter die Linde, und saß unbeweglich da, bezaubert von der Stille, welche die Laute des Klaviers und der leidenschaftliche Gesang nicht verwischen konnten, sondern im Gegenteil noch erhöhten.
Plötzlich fuhr Nowikow in die Höhe, als wäre es ihm mit einemmal entschieden ins Bewußtsein gekommen, daß er unmöglich noch einen Augenblick verlieren dürfe: „Lyda Petrowna!“
„Was?“ fragte Lyda mechanisch und schaute auf den Garten und den Mond und über die schaukelnden Zweige, welche sich von seiner runden und hellen Scheibe abhoben.
„Ich warte schon so lange! ... Ich möchte jetzt sprechen!“ fuhr Nowikow mit abgerissener Stimme fort.
Ssanin wendete den Kopf und horchte auf.
„Worüber? ...“ fragte Lyda zerstreut.
Sarudin beendete grade seine Romanze, schwieg eine Weile, und setzte dann von neuem ein; er glaubte, eine selten schöne Stimme zu haben, und liebte es, vorzutragen.
Nowikow fühlte, daß er abwechselnd errötete und erblaßte; ein Gefühl der Uebelkeit stieg in ihm auf und der Kopf schwindelte ihm.
„Ich ... sehen Sie ... Lyda Petrowna ... wenn Sie ... vielleicht geneigt wären, meine ... Frau ...“ seine Zunge schlotterte und er wurde sich bewußt, daß man in solchen Augenblicken nicht so sprechen dürfe wie er. Und bevor er noch geendet hatte, erwartete er es schonals etwas ganz Selbstverständliches, daß sich sogleich ein sehr beschämender Vorgang, der ebenso töricht wie lächerlich wäre, abspielen müsse.
Mechanisch erkundigte sich Lyda noch einmal: „Wessen? ...“ Und plötzlich wurde sie glühend rot, stand auf, setzte zu einer Antwort an, sagte aber nichts und wandte sich voller Verlegenheit ab. Jetzt schaute ihr der Mond grade ins Gesicht.
„Ich liebe Sie!“ Nowikow bebte am ganzen Körper; er hatte die Empfindung, als ob der Mond zu leuchten aufgehört hätte, als ob es im Garten überaus schwül sei und alles irgendwo in einen hoffnungslosen, furchtbaren Abgrund stürze. „Ich verstehe nicht zu reden. Aber das ist ja gleich. Ich habe Sie sehr gern!“
— — — Wozu brauche ich hier dassehr, dachte er plötzlich, als wollte ich über Vanille-Eis sprechen. Er verfiel in Schweigen. Lyda zupfte nervös an einem Blättchen, das ihr grade in die Hand kam. Es machte sie verlegen, weil seine Worte für sie gänzlich unerwartet und unnötig waren. Sie riefen eine traurige Stimmung, die nichts wieder gut machen konnte, zwischen ihr und Nowikow hervor, an dessen Person sie seit langem fast wie an einen Verwandten gewöhnt war und den sie auch ein wenig liebte.
„Ich weiß wirklich nicht! ... Ich habe niemals an so etwas gedacht.“
Nowikow fühlte sein Herz mit einem stumpfen Schmerz irgendwohin zurückfallen. Er wurde noch blässer, stand auf und griff zur Mütze.
„Auf Wiedersehen!“ sagte er, ohne daß seine Stimme ihm selbst in den Ohren nachgeklungenhätte. Seine Lippen verzerrten sich zu einem unpassenden, widersinnigen und bebenden Lächeln.
„Wo wollen Sie denn hin? ... Auf Wiedersehen!“ Lyda war verwirrt; beim Händereichen bemühte sie sich, harmlos zu lächeln.
Nowikow drückte rasch ihre Hand und ohne die Mütze aufzusetzen, lief er mit hastigen Schritten über das betaute Gras, geradeaus durch den Garten. Als er in die ersten Schatten eintrat, griff er sich erregt in die Haare: — — — Oh, mein Gott, warum bin ich so unglücklich? ... Sich eine Kugel durch den Kopf jagen? ... Ach, das sind ja alles nur Bagatellen. Aber doch, sich eine Kugel durch den Kopf jagen ... so schoß es wirbelnd und zusammenhangslos durch seine Gedanken und er hielt sich für den unglücklichsten Menschen, für völlig entehrt und lächerlich.
Zuerst wollte ihn Ssanin anrufen; er bedachte sich aber anders und lächelte nur. Es kam ihm sehr komisch vor, daß sich Nowikow an den Haaren riß und beinahe heulte, nur weil es eine Frau, deren Gesicht, Schultern und Füße ihm gefielen, ablehnte, sich ihm hinzugeben. Dann aber war es Ssanin auch angenehm, daß seine schöne Schwester Nowikow nicht liebte.
Lyda stand einige Minuten unbeweglich auf demselben Fleck und Ssanin folgte mit scharfer Aufmerksamkeit dem hellen Umriß ihrer Gestalt, auf die grell das Mondlicht fiel. Durch die schon im Mondlicht liegende Tür trat Sarudin auf die Terrasse heraus; für Ssanin war sein vorsichtiges Sporengeklirr deutlich hörbar.
Im Saale spielte jetzt Tanarow einen alten Walzer mit zerrinnenden, duftigen Lauten zaghaft und grämlich.
Sarudin ging leise auf Lyda zu und umschlang ihre Taille mit einer weichen, geschmeidigen Bewegung; es fiel Ssanin auf, wie plötzlich zwei Schatten in einen zusammenflossen, der dann im Mondenlicht sonderbar hin und her schwankte. „Worüber sinnen Sie so verloren nach?“ flüsterte Sarudin leise; seine Lippen ergriffen ihr kleines, zartes Ohr, und seine Augen blinkten dicht vor den ihren.
Lyda schwamm es süß und ängstlich durch den Kopf. Wie immer, wenn sie und Sarudin sich umarmten, erfaßte sie ein eigentümliches Gefühl. Sie war sich klar, daß er seiner geistigen Entwicklung nach unendlich niedriger stände als sie und daß sie sich ihm niemals unterwerfen würde. Gleichzeitig aber beherrschte sie ein angenehmer Schauer der Unsicherheit bei dem Gedanken, diese Berührungen einem starken und schönen Mann zu gewähren; es war, als blicke sie in einen bodenlosen Abgrund: — — — Und mit einemmal raffe ich mich auf und stürze mich hinunter ... will es und stürze mich ...
„Man wird uns sehen ...“ flüsterte sie kaum hörbar, ohne sich aber stärker an ihn zu drücken oder sich weiter von ihm zu entfernen, während sie ihn grade durch diese hingebende Passivität noch mehr lockte und erregte.
„Ein Wort!“ fuhr Sarudin fort, indem er sich, mit heißem Blut übergossen, stärker an sie drängte.
Lyda zitterte. Diese Frage stellte er nichtzum ersten Mal an sie und stets begann in ihr etwas zu sehnen und zu beben, das sie schwach und willenlos machte.
„Wozu das?“ fragte sie ihn dumpf und ihre Augen blickten, von irgendeinem feuchten Schimmer überzogen, weit geöffnet in den Mond.
Sarudin konnte und wollte ihr nicht die Wahrheit sagen, obgleich er wie alle Männer, die bei Frauen Glück haben, fest davon überzeugt war, daß Lyda ihn verstand und im Inneren dieselben Wünsche hatte; sie ängstigte sich nur.
„Wozu? ... Nun, um Sie endlich einmal frei anschauen zu können. Um mit Ihnen ein freies Wort zu sprechen. Wie wir jetzt zusammenkommen, das ist eine Folter. Sie quälen mich. Lyda, Sie kommen, ja? ...“ wiederholte er, seine bebenden Kniee an ihren elastischen und warmen Schenkel drückend.
Diese Berührung seiner Kniee brannte in ihr wie glühendes Eisen; um sie erhob sich nur noch ein dichter, traumschwüler Nebel. Ihr ganzer, biegsamer Körper erstarb; er schob und zog sich ohne ihren Willen dem seinen entgegen. Ihr wurde qualvoll gut und scheu zumute. Ringsumher hatte sich alles in sonderbarer, unbegreiflicher Weise verändert. Der Mond war kein Mond mehr, er leuchtete nahe, ganz nahe durch das Gitter der Terrasse, als hinge er grade über der hellerleuchteten Lichtung. Der Garten, nicht jener, den sie bisher gekannt hatte, sondern ein anderer, der viel dunkler und geheimnisvoller war, rückte dicht an sie heran und drängte sich um sie. Ihr Kopf schwindelte langsam und nachhaltig. Doch, sich mit eigenartiger Lässigkeitbiegend, entwand sie sich seinen Armen und flüsterte mühsam durch die plötzlich wie ausgetrockneten Lippen:
„Gut!“
Schwankend und schwerfällig ging sie ins Haus; sie verstand daß etwas Furchtbares, Unabwendbares geschehen war, das sie lockte, lockte, das sie in den Abgrund zog.
— — Es ist ja nur eine Bagatelle, es wird nichts sein, ich mache nur Spaß; ganz einfach, weil es mir interessant ist, ein Scherz, weiter nichts; — — so bemühte sie sich selbst zu überzeugen, als sie in ihrem dunklen Zimmer vor dem Spiegel stand und darin nur ihren Schatten sah, welcher durch den Widerschein der vom Eßzimmer aus beleuchteten Türe hineingeworfen wurde. Sie hob langsam die Hände über den Kopf, knackte die Finger zusammen und dehnte sich leidenschaftlich; dabei beobachtete sie die Bewegungen ihrer schlanken Taille und ihrer breiten, runden Hüften.
Sarudin durchschauerte es, als er allein geblieben war; er knirschte mit den Zähnen und zuckte, die Augen schließend, mit den Achseln. Wie gewöhnlich fühlte er sich glücklich und er empfand, daß ihm ein noch größeres Glück bevorstände. Lyda erschien ihm in dem Augenblick, in dem sie sich ihm hingeben würde, so ungewöhnlich, so wollüstig schön, daß ihm die Erregung physische Schmerzen verursachte.
In der ersten Zeit, als er anfing, ihr den Hof zu machen und auch später noch, als sie ihm schon erlaubte, sie zu umarmen, konnte er ein Gefühl der Furcht in sich nicht unterdrücken. In ihren verdunkeltenAugen lag etwas Fremdes, das ihm unbegreiflich war, wie, wenn sie ihn trotz ihrer Liebkosungen doch im geheimen verachtete. Sie erschien ihm so klug, so allen jenen Frauen und Mädchen unähnlich, bei denen er stolz seine Ueberlegenheit empfunden hatte; — — ihr klares Selbstbewußtsein zeigte sie so deutlich, auch während er sie küßte, daß er bei den Umarmungen zurückhaltend und ängstlich wurde, als erwartete er in jedem Augenblick, eine Ohrfeige zu bekommen. Der Gedanke, sie ganz zu besitzen, rief in ihm nur stärkere Furcht hervor. Mitunter kam es ihm geradeso vor, als spielte sie nur mit ihm und seine Rolle schien ihm dann einfach dumm und lächerlich.
Nach dem heutigen Versprechen jedoch, welches sie ihm mit einer eigentümlich ersterbenden, willenlosen Stimme, die er schon von anderen Frauen her kannte, gegeben hatte, fühlte er, wie seine Kraft unerwartet zurückkehrte. Er verstand, daß nun alles so kommen mußte, wie er es wollte.
Und in das beklemmende Gefühl wollüstiger Sehnsucht mischte sich fein und unbewußt eine Spur von Schadenfreude darüber, daß dieses kluge und gebildete Mädchen, welches so stolz und rein war, ihm ebenso unterliegen würde, wie alle die anderen, und daß sie mit sich dasselbe vornehmen lassen sollte, was er bei den andern zu tun pflegte.
Harte, brutale Szenen stiegen vor ihm empor und schwebten nebelhaft vor seinen Augen auf und ab; sie waren voll überreizter Wollust und von ausgesprochener Niedrigkeit. Als Mittelpunktdrängte sich allmählich das Bild von Lydas nacktem Körper hervor. Sarudin sah ihr aufgelöstes Haar, ihre klugen Augen; alles das verband sich zu einer wilden Orgie überhitzter Grausamkeit. Plötzlich erblickte er sie deutlich vor sich auf dem Boden liegen, hörte das Sausen seiner Reitpeitsche und ein rosiger Streifen zog über ihren nackten, zarten Körper, der sich in sklavischer Unterwürfigkeit zuckend dehnte und streckte. Unter einem plötzlichen Aufschießen des Blutes, das ihm ins Gehirn stieg, schwankte er zitternd gegen das eiserne Geländer der Terrasse. Goldene Kreise, Flammen schwirrten ihm vor den Augen. Es war ihm physisch unerträglich, weiter zu denken. Mit bebenden Fingern zündete er eine Zigarette an, seine starken Füße hatten alle Kraft verloren; er trat ins Haus.
Wladimir Petrowitsch, der nichts von allem gehört, aber doch genug gesehen hatte, um Sarudins Lage zu begreifen, ging ihm mit einer Empfindung der Eifersucht nach. — — — Welch ein Glück doch solche Bestien haben, dachte er. Weiß der Teufel ... Lyda und dieser ...
Das Abendbrot wurde im Eßzimmer eingenommen. Maria Iwanowna war nicht gut aufgelegt, Tanarow schwieg gewohnheitsmäßig und träumte davon, wie angenehm es sein müßte, Sarudin zu ähneln und von einem Mädchen wie Lyda geliebt zu werden. Es schien ihm, daß er sie nicht so wie Sarudin lieben würde, der nicht imstande war, ein solches Glück zu schätzen.
Lyda war blaß und schweigsam; sie schaute niemanden an. Listig und behutsam dagegen benahmsich Sarudin, wie ein Raubtier auf der Fährte, und Ssanin gähnte wie immer, aß, trank sehr viel Wodka; dem Anschein nach war er äußerst schläfrig. Das hinderte ihn aber nicht, nach dem Abendessen zu erklären, er wolle sich noch nicht hinlegen und werde statt eines Spazierganges Sarudin nach Hause begleiten.
Ssanin und Sarudin gingen bis zur Wohnung des Offiziers in fast völligem Schweigen; — — um sich die tiefe Nacht. Nur in den obersten Wolkenschichten schwamm, kaum sichtbar, der Mond. Ab und zu blickte Ssanin auf den Offizier und überlegte, ob es nicht das beste wäre, ihm eine herunterzuhauen.
„Ja,“ sagte er plötzlich, schon dicht vor Sarudins Wohnung, „es gibt Verschiedenes in der Welt; zum Beispiel so allerlei Lumpen.“
„Wie meinen Sie das? ...“ fragte Sarudin, vor Verwunderung die Augenbrauen hochziehend.
„Ja, so im allgemeinen. Aber grade die Lumpen, das sind die interessantesten Kerle.“
„Was sagen Sie da? ...“
„Natürlich, es gibt nichts Langweiligeres in der Welt, als ein rechtschaffener Mensch zu sein. Was ist so einer? Das Programm der Rechtschaffenheit und Tugend, das ist doch eine allbekannte Geschichte; was sollte es darin Neues geben? In diesem alten Plunder geht dem Menschen jede Individualität verloren. Das ganze Leben engt sich in einen öden, platten Rahmen der Anständigkeit ein. Hehle nicht, lüge nicht, verrate nicht, brich nicht die Ehe, und dabei ist die Hauptsache, daß grade alles dies am festesten imMenschen sitzt; jeder Mensch lügt, verrät, und betreibt besagtes Ehebrechen, nach Maßgabe seiner Kräfte.“
„Doch nicht jeder,“ bemerkte nachsichtig Sarudin.
„Nein, jeder! Es genügt schon, sich in das Leben eines anderen Menschen hineinzuversetzen, um darin auf die Sünde zu stoßen. Sehen Sie, in dem Augenblick, wo wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, uns dann ruhig schlafen legen und zum Mittagessen niedersetzen, verüben wir schon Verrat.“
„Aber was sprechen Sie da?“ rief Sarudin unwillkürlich entrüstet.
„Nun wir zahlen Steuern, genügen unsern Bürgerpflichten und die Folge davon ist, daß wir dem Staat die Mittel geben, Tausende von Menschen in denselben Krieg zu schicken, über dessen Ungerechtigkeit wir uns empören. Wir legen uns schlafen und wir denken garnicht daran, die zu retten, die sich gleichzeitig für unsere Ideen aufopfern. Wir verzehren soviele überflüssige Bissen und lassen Menschen Hungers sterben, für deren Wohlergehen wir sorgen müßten, wenn wir wirklich tugendhafte Menschen wären. Und so fort. Das ist ja verständlich. Aber eine andere Sache ist es mit dem Lumpen, dem echten, aufrichtigen Lumpen. Das ist vor allen Dingen ein vollkommen offener, natürlicher Mensch.“
„Ein natürlicher? ...“
„Gewiß, unbedingt. Er tut eben das, was für einen Menschen ganz natürlich ist. Er sieht irgendetwas, was ihm nicht gehört, aber gefällt, und nimmt es sich. Er sieht ein prachtvollesWeib, das sich ihm nicht gleich hingeben will, also nimmt er es mit Gewalt oder mit List. Und das ist vollkommen natürlich, weil das Bedürfnis und Verständnis für den Genuß grade einer der wenigen Züge ist, wodurch sich der Mensch vom Tiere unterscheidet. Je mehr Tier das Tier ist, um so weniger weiß es etwas vom Genuß oder ist imstande, ihn zu suchen. Tiere befriedigen nur ihre Triebe. Ich glaube, darüber sind wir uns doch alle klar, daß der Mensch nicht zum Leide geschaffen ist, und daß Leiden nicht das Ideal menschlichen Strebens sein kann.“
„Selbstredend,“ gab Sarudin zu.
„Also liegt im Genuß das Ziel des Lebens. Paradies ist gleichbedeutend mit absolutem Genuß und alle Menschen träumen auch, so oder so, vom Paradies auf Erden. Ursprünglich war es ja auch hier unten, wie man sagt. Und dieses Märchen vom Paradies ist keineswegs ein Unsinn; es ist ein Traum und ein Symbol.“
„Ja,“ sagte nach einigem Schweigen Sarudin, „die Enthaltsamkeit ist wirklich keine natürliche Eigenschaft des Menschen; am aufrichtigsten sind tatsächlich die, welche ihre Begierden garnicht zu unterdrücken suchen.“
„Ganz recht,“ fiel ihm Ssanin ins Wort, „das heißt also solche, die man in unserer Gesellschaft Lumpen nennt. Sehen Sie, wie Sie zum Beispiel.“
Sarudin zitterte und prallte zurück.
„Sie sind natürlich,“ fuhr Ssanin fort und tat so, als wenn er nichts bemerkt hätte, „der beste Mensch von der Welt. Wenigstens in Ihren eigenen Augen. Aber gestehen Sie, trafenSie jemals einen Menschen, der besser war als Sie? ...“
„Viele,“ antwortete unentschlossen Sarudin, der ihn jetzt überhaupt nicht mehr begriff und nicht mit sich ins Reine kommen konnte, ob es angebracht wäre, sich beleidigt zu fühlen oder nicht.
„Sagen Sie wen? ...“
Sarudin zog schwankend die Schultern an.
„Nun da haben Sie’s,“ rief Ssanin heiter, „zuletzt bleiben Sie doch selbst der allerbeste Mensch. Und ich zähle mich natürlich auch zu ihnen. Und haben wir beide nicht, wenn’s drauf ankommt, den Wunsch, zu stehlen, zu lügen und ehezubrechen? Selbstverständlich, ... vor allen Dingen ehezubrechen.“
Sarudin schob wieder die Schultern in die Höhe.
„Originell,“ murmelte er.
„Meinen Sie?“ fragte Ssanin, mit einer unfaßbaren Nuance von Spott. „Von der Seite habe ich es noch garnicht angesehen. Ja, Lumpen sind die aufrichtigsten Menschen. Nebenbei auch die interessantesten. Weil man sich in der menschlichen Lumpenhaftigkeit gar keine Schranken und Begrenztheit vorstellen kann. Einem Lumpen werde ich stets mit ganz besonderer Hochachtung und großem Genuß die Hand drücken.“
Und mit einem ungewöhnlich offenen, freudigen Gesicht drückte Ssanin dem Offizier die Hand, schaute ihm dabei liebenswürdig gerade in die Augen, verdüsterte sich aber plötzlich und murmelte, nun schon mit völlig veränderter Stimme: „Adieu, gute Nacht!“ und ging fort.
Sarudin blickte, einige Minuten unbeweglichauf demselben Flecke stehend, dem fortgehenden Ssanin ganz verdutzt nach. Er wußte nicht, wie er seine Worte aufnehmen sollte und er befand sich daher in einer selten peinlichen Stimmung. Aber sofort wurde sie durch die Erinnerung an Lyda verdrängt; — — er dachte daran, daß Ssanin ja ihr Bruder sei und daß er im Grunde wohl recht hätte; im selben Augenblick empfand er für ihn auch ein Gefühl brüderlicher Liebe und Freundschaft.
— — — „Er bleibt aber doch ein interessanter Kerl,“ dachte er selbstgefällig, als wenn ihm Ssanin bis zu einem gewissen Grade angehöre und er selbst für dieses Interesse in Frage komme. Dann öffnete er die Haustür und schritt, immer noch kopfschüttelnd und von angenehmem Nachdenken angeregt, in seine Wohnung.
Ssanin kehrte gleichmütig nach Hause zurück, kleidete sich aus, legte sich nieder, zog die dicke Decke hoch und wollte zum Zarathustra greifen, den er bei Lyda gefunden hatte.
Aber schon von der ersten Seite an war ihm das Buch langweilig. Die aufgeblasenen Bilder erweckten in seiner Seele keinen Rhythmus, er spuckte drauf, warfes beiseite und schlief sofort ein.