In das Haus des Obersten Nikolai Jegorowitsch Swaroschitsch, das nicht weit von demder Ssanins lag, war der Sohn zurückgekehrt, ein Student der technischen Hochschule. Die Behörde hatte ihn aus Moskau ausgewiesen und unter Aufsicht der Heimatspolizei gestellt, weil er verdächtig war, an einer revolutionären Verbindung teilgenommen zu haben. Jurii Swaroschitsch hatte seine Familie schon früher davon benachrichtigt, daß er verhaftet worden sei und ein halbes Jahr lang im Gefängnis sitzen mußte; auch von seiner Ausweisung schrieb er ihnen, sodaß seine Ankunft niemanden überraschte. Gewiß war Nikolai Jegorowitsch anderer Ansicht wie sein Sohn und die ganze Geschichte hatte ihn aufs äußerste betrübt, aber doch sah er in dessen Handlungsweise nur jugendliche Torheit, und empfing ihn voll zärtlicher Liebe. Absichtlich vermied er es, die Unterhaltung auf dieses Thema zu bringen.
Jurii war drei Tage lang ununterbrochen in der dritten Klasse gefahren, wo man vor dem Gebrüll kleiner Kinder und den schwülen, muffigen Ausdünstungen nicht schlafen konnte. Er kam furchtbar müde und abgespannt nach Hause. Kaum hatte er den Vater und seine Schwester Ludmilla, die in der ganzen Stadt nur mit ihrem Kindernamen Ljalja gerufen wurde, begrüßt, so legte er sich schon in ihrem Zimmer schlafen.
Er erwachte erst gegen Abend, als die Sonne im Untergehen war, und ihre rötlichen Strahlen die Umrisse des Fensters an der Wand mit bunten Farben umzogen.
Aus dem Nebenzimmer hörte man das Geklirr von Gläsern und Löffeln, das Rücken von Stühlen; dazwischen das lustige Lachen Ljaljas undeine aristokratische Herrenstimme, die Jurii völlig unbekannt war.
Zuerst kam es ihm vor, als ob er noch immer im Eisenbahnwagen dahinführe, dessen Fensterscheiben und Puffer klapperten und krachten und wo vom Nachbarabteil her Stimmen unbekannter Leute zu ihm drangen. Doch sofort besann er sich wieder auf seine Umgebung; er erhob sich rasch und setzte sich im Bette aufrecht hin.
„Ach ja,“ er dehnte das Wort lang durch die Lippen und fuhr sich mit allen fünf Fingern durch das dichte und widerspenstige, schwarze Haar. Nun bin ich also wirklich hier gelandet ... Seine Gedanken sammelten sich und mit einem Mal kam er ganz erstaunt zu dem Schlusse, daß er eigentlich garnicht nach Hause hätte zurückkehren sollen. Die Wahl des Aufenthaltsortes war ihm freigestellt worden; wie er glaubte, folgte er nur einem plötzlichen Einfall, als er, ohne sich lange zu besinnen, nach Hause fuhr. Doch in Wirklichkeit war dem nicht so: In seinem ganzen Leben hatte er niemals versucht, sich durch eigene Arbeit zu erhalten. Stets war er auf die Unterstützung des Vaters angewiesen gewesen und daher scheute er sich jetzt davor, ohne Hilfe an einen fremden Ort zu gehen. Innerlich schämte er sich dieses Gefühls, gestand es sich aber selbst nicht ein. Plötzlich kam es ihm vor, als ob er grundfalsch gehandelt hätte. Seine Verwandten konnten seine Situation nicht begreifen und billigen; das war klar. Dazu kamen auch hier materielle Fragen; denn es schien ihm wenig angenehm, dem Vater noch einige Jahre hindurch auf der Tasche zu liegen. All das mußte von Anfang an bewirken,daß zwischen ihnen keine harmonischen Beziehungen aufkommen konnten. Schließlich würde auch das Leben in dieser kleinen Landstadt, in der er seit zwei Jahren nicht gewesen war, sehr langweilig sein. Alle Einwohner kleiner Landstädte hielt Jurii von vornherein für Spießbürger, vollkommen unfähig, Fragen der Philosophie und Politik, in denen er den einzigen Sinn und Wert des Lebens sah, zu begreifen oder sich auch nur für sie zu interessieren.
Langsam stand er endlich, noch bedrückt von all diesen Gedanken, auf, ging auf das Fenster zu, öffnete es und lehnte sich in das Vorgärtchen hinaus, welches an diese Seite des Hauses stieß. Eigentümlich sahen von oben die auffallend bunten Flecken der vielfarbigen Blumenköpfe aus, die über das ganze Stückchen Erde verstreut, wie in einem Kaleidoskop, durcheinandergeworfen waren. Diesem Vorgärtchen gegenüber lag dunkel ein dichter Garten, der wie alle in diesem kleinen Städtchen zum Flusse hinunterlief. Ganz von weitem sah man den blassen Glanz dieses Flusses durch die Bäume schimmern; zart und fein stiegen Nebelschleier aus ihm empor. Der Abend war still und lag schwer und trächtig in der Luft.
Jurii wurde es traurig zumute. Zu lange hatte er in der großen, steinernen Stadt gelebt, sodaß die Natur für ihn, trotzdem er sie zu lieben glaubte, leer und öde blieb. Sie beruhigte und erfreute ihn nicht, sondern erregte in ihm einen unbegreiflichen Gram und krankhafte Träumereien.
„Aha, Lieber, du bist ja schon aus den Federngekrochen! Nun gut, es ist auch Zeit,“ rief Ljalja, die mit einem Schwung ins Zimmer kam.
Jurii trat melancholisch vom Fenster zurück. Das schwere Bewußtsein seiner einsamen, abgesonderten Lage und eine stille unbestimmbare Sehnsucht, von dem versterbenden Tag genährt, bewirkten es, daß er sich von der Heiterkeit seiner Schwester verletzt fühlte und es unangenehm fand, plötzlich ihre helle Stimme zu vernehmen.
„Bist du vergnügt?“ Zu seinem eigenen Erstaunen richtete er plötzlich eine Frage an sie.
„Na, mit einem Mal aufgewacht!“ Ljalja riß die Augen auf, lachte aber gleich noch lustiger weiter, als hätte sie die Frage des Bruders an etwas sehr Freudiges und Vergnügliches erinnert.
„Wie kam es dir nur in den Sinn, dich plötzlich nach meiner Stimmung zu erkundigen. Uebrigens ich langweile mich niemals. Hab keine Zeit dazu ...“ Und mit ernstem Gesicht, augenscheinlich stolz auf ihre Worte, fügte sie hinzu: „Es ist jetzt eine interessante Zeit; da wäre es Sünde und Schande, sich zu langweilen. Ich habe auch einige Arbeiterzirkel, mit denen ich mich beschäftige. Und dann nimmt unsre Bibliothek viel Zeit in Anspruch. Wir haben hier auch ohne dich eine Volksbibliothek gegründet; sehr gut geht sie.“
Zu anderer Zeit wäre all das für Jurii interessant gewesen und hätte sicher seine Aufmerksamkeit erregt. Jetzt aber störte ihn irgend etwas. Doch da er sah, daß Ljalja zwar ihrem Gesicht einen über alles erhabenen Ausdruck zu geben versuchte, aber dabei komisch wie ein kleinesKind auf Anerkennung wartete, überwand er sich mit vieler Mühe und sagte:
„So? ... Nun gut!“
„Wie sollte ich mich da also langweilen? ...“
„Na, und ich komme vor Langweile um,“ gab Jurii ohne Ueberlegung zur Antwort.
„Wie liebenswürdig du bist! ... Garnicht zu sagen! ... Bist gerad erst ein paar Stunden zu Hause, hast die auch verschlafen und dann langweilst du dich schon.“
„Dagegen ist nichts zu tun. Das kommt von Gott,“ erwiderte Jurii mit einem Anstrich von Selbstgefälligkeit. Sich zu langweilen, schien ihm viel eindrucksvoller und ernster, als vergnügt zu sein. — — — — Das kann jeder, dachte er.
„Von Gott, von Gott,“ schmollte Ljalja scherzhaft und drohte ihm mit der Hand: „Uuuuuu!“
Jurii fiel es garnicht auf, daß sich seine Stimmung inzwischen bedeutend gebessert hatte. Die helle Stimme und die Lebensfreudigkeit Ljaljas zerstreute rasch die schalen Empfindungen, die er für tief und wichtig hielt. Auch Ljalja glaubte nicht, doch ohne sich darüber klar zu sein, an seine Trübsal und wurde deshalb nicht im geringsten durch sein Gerede verletzt.
Ganz vergnügt sah ihr Jurii jetzt ins Gesicht und sagte: „Ich fühle mich niemals froh.“
Ljalja lächelte sehr interessiert und meinte in diesem Augenblick wirklich, daß er ihr etwas sehr Witziges erzählt hätte.
„Nun gut, mein Ritter von der traurigen Gestalt, ... niemals ist niemals! Aber wirwollen gehen! Paß auf, gleich werde ich dir einen netten, jungen Mann vorstellen. Gehen wir!“ Ljalja zog den Bruder lachend an der Hand hinter sich her.
„So warte doch. Was für ein junger Mann ist denn das!“
„Mein Bräutigam!“ rief ihm Ljalja glücklich und jubelnd grade ins Gesicht und drehte sich voll Freude und Entzücken im Zimmer herum, so daß sich ihr Kleid von allen Seiten aufblähte.
Jurii wußte schon aus früheren Briefen des Vaters und Ljaljas selbst, daß ein junger Arzt, der sich vor kurzem in der Stadt niedergelassen hatte, ihr eifrig den Hof machte; — — er wußte jedoch noch nicht, daß sie mit ihm schon verlobt war.
„So? ...“ meinte er unwillkürlich gedehnt und mit tiefer Verwunderung. Es erschien ihm ganz sonderbar, daß diese reine und frische Ljalja, die er immer noch für einen Backfisch hielt, bereits einen Bräutigam haben sollte und bald Frau und Gattin sein würde. In ihm stieg ein zärtliches Empfinden für die Schwester auf, das sich aber fast gleichzeitig in stilles Mitleid verwandelte.
Jurii legte ihr den Arm um die Taille und sie schritten zusammen in das Eßzimmer, in dem bereits die Lampe brannte, und ein großer, sehr blankgeputzter Samowar an der Schmalseite des breiten Tisches stand. Am Tische saß auch Nikolai Jegorowitsch und unterhielt sich mit einem starkgebauten, doch noch jungen Menschen, an dem Jurii sofort auffiel, daß er nicht den großrussischen Typus zeigte.
Unbefangen, mit ruhiger Liebenswürdigkeit erhob sich dieser und trat Jurii entgegen.
„Nun, machen wir Bekanntschaft miteinander! — — Anatoli Pawlowitsch Rjäsanzew.“
„Von einer komischen Feierlichkeit seid ihr,“ rief Ljalja und machte gleichzeitig mit der offenen Handfläche eine erhabene Bewegung, als wollte sie die Vorstellung unterstützen.
„Ich bitte Sie, mich zu lieben und zu achten,“ fügte Rjäsanzew ebenso scherzhaft hinzu.
Mit dem Wunsche aufrichtiger Zuneigung drückten sich beide die Hände und dachten auch einen Augenblick daran, sich, wie üblich, zu küssen; sie taten es jedoch nicht, sondern sahen sich nur freundschaftlich und aufmunternd in die Augen.
— — — So also sieht der Bruder aus, dachte verwundert Rjäsanzew, der aus irgendeinem Grunde erwartet hatte, daß die flinke, kleine Ljalja in ihrer blühenden Blondheit durchaus einen ebensolchen Bruder haben müsse. Jurii aber war hochgewachsen, hager, hatte dunkles Haar, wenn es auch in seiner Art ebenso hübsch war, wie das Ljaljas; doch er hatte dieselben feinen, regelmäßigen Gesichtszüge, wodurch er ihr ähnlich wurde.
Jurii, der seinerseits interessiert auf Rjäsanzew blickte, kam in diesem Augenblick nur der eine Gedanke, daß vor ihm der Mann stände, der in diesem kleinen Mädchen, seiner Schwester, das Weib gefunden und liebgewonnen hatte, in diesem zarten, kleinen Mädchen, das so klar und frisch wie ein Frühlingsmorgen war. Natürlich so liebgewonnen, wie auch Jurii Frauen gegenüberempfand; ... dieser Gedanke wurde ihm plötzlich unangenehm. Es war ihm peinlich, beide zu betrachten, als müßten sie sofort seine geheime Ueberlegung erraten.
Jurii wie auch Rjäsanzew fühlten, daß sie viele Fragen aneinander zu richten hätten. Jenen drängte es, sich zu erkundigen: Lieben Sie Ljalja? ... Lieben Sie sie rein, ... ernst? ... Das wäre doch schade, nein, widerwärtig, wenn Sie sie täuschen wollten. Sehen Sie nur, wie rein und unschuldig sie ist.
Und Rjäsanzew hätte ihm geantwortet: Aber ich liebe doch ihre Schwester. Ja, wirklich, ich liebe sie sehr. Und man kann garnicht anders, als sie zu lieben. Sehen Sie, wie keck und frisch und lieb sie ist. Wie entzückend sie sich selbst in ihrer Liebe benimmt. Und wie reizend sich der Ausschnitt am Halse macht.
Doch statt all dieser Gedanken sprach Jurii überhaupt nicht und Rjäsanzew fragte nur höflich:
„Sind Sie für längere Zeit ausgewiesen worden?“
Nikolai Jegorowitsch, der im Zimmer auf und ab ging, hielt bei Rjäsanzews Frage einen Augenblick inne; fuhr aber gleich wieder fort, mit den übertrieben regelmäßigen, abgemessenen Schritten eines alten Soldaten hin und her zu wandern. Er kannte die Einzelheiten der Ausweisung noch nicht und die unerwartete Erinnerung an sie stieg ihm zu Kopf. Weiß es der Teufel, murmelte er vor sich hin, um seiner Empörung einen Ausdruck zu geben.
Ljalja hatte die Bewegung des Vaters sofortverstanden und erschrak; sie fürchtete schon im Voraus allerlei Zank, Streitigkeiten und unangenehme Erörterungen und bemühte sich, das Gespräch abzubrechen. Innerlich machte sie sich Vorwürfe: Wie dumm bin ich doch. Natürlich hätte ich daran denken und Tolja vorher warnen sollen.
Aber da Rjäsanzew garnicht wußte, worum es sich handele, erkundigte er sich, nachdem er Ljaljas Frage, ob er Tee wünsche, bejaht hatte, von neuem:
„Und was beabsichtigen Sie, zunächst hier zu tun?“
Nikolai Jegorowitschs Mienen verdüsterten sich zusehends; sein dumpfes Schweigen kam Jurii mit einem Mal zum Bewußtsein. Ohne einer Ueberlegung Raum zu lassen, kochte in ihm die Erregung und der Trotz auf; absichtlich antwortete er mit dem lässigsten Tone, der ihm möglich war:
„Vorläufig garnichts!“
„Was soll das bedeuten — — garnichts? ...“ fragte stehenbleibend Nikolai Jegorowitsch. Seine Stimme hatte sich nicht verändert, und doch klang aus ihr deutlich der Vorwurf heraus:
— — — „Wie kannst du eine solche Antwort geben? ... Garnichts! Erlaubt dir denn dein Gewissen diese Antwort? ... Habe ich denn die Verpflichtung, dich mein ganzes Leben lang auf meinen Schultern zu tragen? ... Wie kannst du es vergessen, daß dein Vater schon alt ist; es ist längst an der Zeit, daß du selbst für dein Brot sorgen mußt. Ich mache dir ja gar keine Vorschriften ... Gut, lebe! Aber begreifst du denn selbst nicht, wie du zu leben hast? ...“ Alle diese vorwurfsvollenFragen klangen aus seiner Stimme und trotzdem der Eindruck auf Jurii um so stärker war, als er seinem Vater innerlich vollkommen recht geben mußte, fühlte er sich doch bis in die Tiefen seines Wesens verletzt.
„Gewiß nichts? ... Was soll ich denn tun? ...“ fragte er herausfordernd zurück.
Nikolai Jegorowitsch wollte ihm eine scharfe Antwort geben, schwieg aber und zuckte nur die Achseln. Dann begann er wieder aus einer Ecke in die andere zu gehen, mit schwerfälligen in drei Tempi zerfallenden Schritten. Seine korrekte Erziehung gestattete ihm nicht, die Erregung schon am ersten Tage, an dem sein Sohn wieder ins Haus gekommen war, zu äußern.
Jurii verfolgte ihn mit glänzenden Augen; er konnte sich nicht mehr zurückhalten, gespitzt und wachsam auf den geringsten Anlaß zum Widerspruch zu lauern. Er war sich durchaus klar, daß er den Streit hervorrufen würde, aber es war ihm doch unmöglich, sein Auflehnungsbedürfnis zu bewältigen. Am unglücklichsten fühlte sich Ljalja, die dem Weinen nahe, bald den Vater, bald wieder den Bruder hülflos ansah; sie wagte kein Wort zu sprechen, aus Furcht, dadurch irgendwie den Ausbruch des Sturmes zu beschleunigen. — — — Auch Rjäsanzew, der endlich begriffen hatte, was vorging, suchte ihr zu Hilfe zu kommen; doch die Art und Weise, wie er mühsam das Gespräch in andere Bahnen lenkte und mit aller Gewalt immer neue und allen uninteressante Themen herbeizog, war nicht besonders geschickt und verstärkte nur die gegenseitige Gereiztheit. So ging der Abend langweilig undgleichzeitig gespannt vorüber. Jurii wollte sich nicht als schuldig betrachten, denn Nikolai Jegorowitsch verlangte im Grunde, daß er mit dem politischen Kampf nichts zu tun haben dürfe, und das mochte er unter keiner Bedingung zugestehen. Ihm schien es, daß der Vater nicht fähig sein konnte, die einfachsten Dinge zu begreifen, weil er alt und unintelligent war, und daß er nun ganz unbewußt einen Groll auf ihn als den nächsten Zeugen seines Alters und seiner Unintelligenz habe.
Zum Abendessen kamen Nowikow, Iwanow und Semionow. Letzterer studierte an der Universität und war im höchsten Grade schwindsüchtig; seit einigen Monaten lebte er in der Stadt als Privatlehrer eines Knaben. An ihm fiel jedem sofort seine eckige Häßlichkeit und Schwäche auf; sein vorzeitig gealtertes Gesicht trug den schaudererregenden und doch so unfaßbar zarten Schatten des nahen Todes.
Sein Begleiter Iwanow war ein langhaariger und breitschultriger Volksschullehrer von ungeschliffenem Benehmen. Sie waren beide auf dem Boulevard spazieren gegangen; sobald sie jedoch von Juriis Ankunft hörten, kamen sie, um ihn zu begrüßen. Ihr Erscheinen belebte alles. Witze, Scherze, Lachen erscholl. Beim Abendbrot wurde von allen viel getrunken, doch von Iwanow am meisten. Auch Nowikow war schließlich von der allgemeinen Heiterkeit fortgerissen worden und lachte kräftig mit den andern. Im Laufe der wenigen Tage, die seit seiner Erklärung an Lyda verflossen waren, hatte er sich wieder ein wenig beruhigt. Trotzdem war es ihm beschämend undpeinlich, zu Ssanins zu gehen; um Lyda zu sehen, lief er zu gemeinsamen Bekannten oder nur die Straßen entlang, die sie hinunterzukommen pflegte. Trafen sie sich, dann war Lyda zu ihm übertrieben aufmerksam mit einem Anflug von verschämter Zärtlichkeit. Und schon begannen sich in Nowikow neue Hoffnungen zu regen.
„Was meint ihr, Herrschaften,“ sagte er, als sie schon beim Verabschieden waren, „wollen wir nicht einmal ein Piknik am Kloster veranstalten.“
Das Kloster war ein beliebter Ausflugsort, da es nicht zu weit entfernt von der Stadt auf einer Anhöhe lag, in einer freien, stromumflossenen Ebene; der Weg zu ihm war sehr bequem.
Ljalja konnte in der ganzen Welt nichts mehr begeistern, als allerlei Lärm, Spaziergänge, Baden, Rudern und durch den Wald laufen. Daher griff sie Nowikows Idee mit überquellendem Enthusiasmus auf.
„Unbedingt, das machen wir! Unbedingt! Aber wann? ...“
„Wann wir wollen. Schon morgen meinetwegen.“
„Und wen werden wir noch auffordern,“ fragte Rjäsanzew, dem der Gedanke des Ausflugs ebenso gefiel. Im Walde war Ljaljas Körper, dessen Frische ihn mit seinen ganzen Sinnen anzog, sicher zwanglos in seiner Nähe; er konnte sie liebkosen und ungehindert küssen.
„Ja, wen denn noch? ...“
„Wir sechs hier, und dann Schawrow.“
„Wer ist das?“ fragte Jurii.
„Ach, hier läuft so ein junger Studiosus herum.“
„Und Ludmilla Nikolajewna wird Karssawina und Olga Iwanowna auffordern.“
„Wen?“ erkundigte sich Jurii wieder.
Ljalja lächelte: „Das wirst du schon sehen!“ und sie küßte geheimnisvoll vielsagend ihre Fingerspitzen.
„So? ... Nun, wollen wir sehen.“
Nowikow setzte eine zurechtgestutzte Miene auf und fügte mit unnatürlicher Gleichgültigkeit hinzu: „Die Ssanins könnte man auch mitnehmen.“
„Lyda vor allen Dingen,“ rief Ljalja, nicht, weil sie ihr gefiel, sondern weil sie von Nowikows Liebe wußte und ihm eine Freude bereiten wollte. Von ihrer eigenen Liebe war sie so entzückt, daß sie wünschte, alle Menschen um sie wären von demselben zufriedenen Glück erfüllt.
Bissig fiel Iwanow gleich nach ihr ein: „Dann wollen wir aber auch ja nicht vergessen, die Offiziere einzuladen.“
„Ganz gewiß, sie ebenfalls! Je mehr Volk, um so besser.“
Die jungen Leute traten auf die Terrasse hinaus; der Mond verbreitete eine gleichmäßige Helle und alles war in warme Stille eingehüllt.
„Oh, welche Nacht,“ sagte Ljalja, sich unmerklich an Rjäsanzew schmiegend. Er drückte ihren runden, warmen Arm mit seinem Ellenbogen fest an sich; er fühlte, wie sie wünschte, daß er noch bei ihr bleiben möge.
„Ja, die Nacht ist wunderschön,“ wiederholte er, diesen einfachen Worten einen tiefen, nur ihnen verständlichen Sinn gebend.
„Mag ihr wohl sein,“ rief Iwanow im Baß.„Meinen Segen, aber ich möchte schlafen. Gute Nacht, Signori!“ Er schritt gleichmäßig die Straße hinab, mit den Armen um sich fuchtelnd, wie eine Mühle mit ihren Flügeln. Nowikow und Semionow gingen zusammen fort. Rjäsanzew brauchte unter dem Vorwand, noch das Piknik mit Ljalja zu besprechen, sehr viel Zeit zu seinem Abschied.
„Nun, baba, baba,“ sagte Ljalja endlich scherzhaft und schob ihn von sich. Als er ging, reckte sie sich und seufzte auf; es wurde ihr schwer, das Mondlicht, die warme Nachtluft zu verlassen und alles das, wozu sie ihr kräftiger, junger Körper lockte.
Jurii überlegte, daß sich der Vater wahrscheinlich noch nicht niedergelegt hätte und daß es nun unvermeidlich zu dieser unerquicklichen und zwecklosen Auseinandersetzung kommen müsse, wenn sie beide aufblieben.
„Nein,“ sagte er zögernd zu Ljalja, die wartend auf der Treppe stand, „ich laufe noch ein wenig spazieren.“ Er blickte gradeaus auf die bläulichen Wogen des Nebels, die wie ein Vorhang über dem Flusse hin und her schwankten und die ganze Luft in zitternde Bewegung brachten.
„Wie du willst. Gute Nacht!“ Ljalja sprach mit einer eigentümlich zärtlichen Stimme. Dann reckte sie sich noch einmal in die Höhe, kniff die Augen wie ein Kätzchen zusammen, lächelte irgendwohin dem Mondschein nach und schritt schleppend ins Haus.
Jurii blieb allein. Eine Minute lang stand er unbeweglich und starrte auf die schwarzen Schatten der Häuser, die tief und kalt dalagen,schreckte plötzlich zusammen und schritt ebenfalls in der Richtung aus, in der er den kranken Semionow dahinschleichen sah.
Der Kranke war noch nicht weit gekommen. Er ging eigentümlich langsam, Schritt für Schritt, mit einer besonderen Betonung; er schleifte die Füße herum, während sein Oberkörper gebückt und nach vorn hing und nur von Zeit zu Zeit in einem dumpfen Husten zusammenfuhr. Auf der hellen Erde lief sein kalter, schwarzer Schatten aufmerksam hinter ihm her.
Sowie Jurii ihn eingeholt hatte, fiel es ihm auf, daß er sich völlig verändert hatte. Während des ganzen Abendessens hatte Semionow mehr gescherzt und gelacht als all die andern; jetzt aber lief er traurig und zerbrochen hin und aus seinem harten Husten klangen leidvolle, hoffnungslose Töne heraus; gleichzeitig drohend und grausam, wie die Krankheit selbst, an der er litt.
„Ach, Sie sind es,“ meinte er zerstreut, als er Jurii bemerkte, — wie es diesem vorkam, unfreundlich.
„Ich habe gar keine Lust, zu schlafen. Ich möchte Sie ein Stückchen begleiten.“
„So begleiten Sie mich,“ willigte Semionow mit deutlicher Gleichgültigkeit ein.
Sie gingen langsam, schweigend weiter; Semionow hustete noch immer und beugte sich jedesmal nach vornüber.
„Ist es Ihnen denn nicht zu kühl,“ fragte Jurii oberflächlich, weil ihn dieser traurige Husten zu belästigen anfing.
„Ich friere immer,“ erwiderte Semionow verdrießlich.
Jurii wurde es peinlich zumut, als hätte er versehentlich eine kranke Stelle berührt. Wie, um diese Empfindung zu überwinden, erkundigte er sich wieder teilnahmsvoll: „Sind Sie schon lange von der Universität herunter? ...“
Semionow gab nicht sogleich eine Antwort. „Lange,“ sagte er endlich.
Jurii begann, ihm von den Stimmungen in der Studentenschaft zu erzählen, von alledem, was er für das Wichtigste und Aktuellste hielt. Zuerst sprach er ziemlich gleichmütig, dann aber ereiferte er sich, erzählte lebhaft und voll Feuer.
Semionow hörte zu und schwieg. Allmählich kam Jurii dann auf die Gründe zu sprechen, welche zur Abschwächung der revolutionären Propaganda in den Massen führten, und man konnte merken, daß ihm jedes Wort, das er hierüber sagte, aufrichtig leid tat.
„Haben Sie die letzte Rede Bebels gelesen,“ fragte er hitzig.
„Gelesen!“
„Nun, nett ist das? ... Was? ...“
Aber statt einer zusammenhängenden Antwort schwenkte Semionow plötzlich in großer Erregung seinen Stock mit der breiten Krücke. Sein Schatten bewegte neben ihm in gleicher Weise seinen langen, grauen Arm und Jurii mußte in diesem Augenblick an das unheilvolle Flügelschlagen irgend eines schwarzen Raubvogels denken.
Dann setzte Semionow eilig und zusammenhanglos zum Sprechen ein, als dürfe er keine Zeit mehr verlieren und seine Worte stürzten sich wild auf Jurii:
„Was ich Ihnen sagen werde, ... ichwerde Ihnen sagen, daß ich hier sterbe. Verstehen Sie, einfach sterbe.“
Und noch einmal schwang er den Stock und nochmals wiederholte der schwarze Schatten seine drohende Geste.
Diesmal hatte Semionow selbst sie bemerkt.
„Da,“ sagte er bitter, „hinter meinem Rücken steht der Tod und lauert auf jede meiner Bewegungen. Ach, was ist mir Bebel! Ein Schwätzer schwatztdas, ein andrer etwas Anderes, ins volle Leben schwatzen sie hinein, und mir steht sowieso bevor, heute oder morgen abzufahren. Verstehen Sie, zum Teufel zu gehen.“
Jurii schwieg verlegen, ihn überkam eine schmerzliche Trauer; das, was er gehört hatte, verletzte ihn.
„Denken Sie vielleicht, daß mir das alles wichtig ist? ... Das, was in der Universität geschah oder was Bebel zu reden beliebte. Ich meine, wenn es einmal mit Ihnen so zum Sterben kommt, wie jetzt mit mir, verstehen Sie, es handelt sich hier darum, zuversichtlich zu wissen, daß man stirbt, dann, nun zum Teufel, Ihnen wird noch nicht einmal der Gedanke in den Kopf kommen, daß da Worte eines Bebels, Tolstois, Nietzsches oder von sonst irgend einem Trottel existieren und einen Sinn haben sollen.“
Semionow brach ab.
Der Mond leuchtete hell und gleichmäßig wie früher, und unablässig glitt der schwarze Schatten hinter ihnen her.
„Also, der Organismus zerfällt,“ ließ er sich plötzlich wieder mit einer ganz schwachen, jämmerlichen Stimme vernehmen. „Wenn Siewüßten, wie schwer es einem wird, so zu sterben. Besonders in einer solchen hellen, warmen Nacht.“ Er wendete Jurii sein häßliches Gesicht aus Haut und Knochen und mit anormal glänzenden Augen zu, aus denen eine wimmernde Sehnsucht sprach. „Alles lebt und ich sterbe. Diese Phrase wird Ihnen selbstverständlich abgeleiert vorkommen, gewiß, sie muß Ihnen so vorkommen, aber ich ... ich sterbe. Nicht in einem Roman, nicht auf einem Fest mit künstlerischer Wahrheit niedergeschrieben, nein, einfach so, in Wirklichkeit sterbe ich. Und mir scheint das wahrhaftig nicht banal. Ihnen wird dabei auch einmal anders zu Mute sein. Ich sterbe, ... sterbe, ... und weiter nicht.“
Semionow geriet in anhaltenden Husten; es dauerte einige furchtbare Minuten, bis er ihn überwunden hatte.
„Manchmal fange ich an, darüber nachzudenken, daß ich bald in völliger Dunkelheit liegen werde. Verstehen Sie, in kalter Erde, mit eingefallener Nase und abgefaulten Gliedern. Und hier oben bei Ihnen auf der Erde wird alles weiter so seinen Gang gehen wie jetzt, wo ich noch lebend mit herumlaufe. Sie werden ja dann noch am Leben sein. Werden weiter herumlaufen, auf diesen Mond schauen, Sie werden atmen, an meinem Grabe vorübergehen; ... vielleicht werden Sie sich dort hinstellen und ein Bedürfnis erledigen. Und ich werde liegen und ekelhaft weiter faulen. He,“ schrie Semionow plötzlich haßerfüllt auf, „was ist mir da Bebel und Millionen anderer fratzenschneidender Esel ...“
Jurii konnte sich noch immer nicht diesenangstdurchbebten Reden gegenüber zurechtfinden und wurde nur verlegener.
„Nun leben Sie wohl,“ sagte Semionow ganz leise und weich, „ich bin hier zu Hause.“
Jurii drückte ihm die Hand; er sah mit tiefem Mitgefühl auf seine eingedrückte Brust, die angezogenen Schultern und auf den Stock mit der dicken Krücke, den Semionow zwischen die Knopflöcher seines abgetragenen Studentenpaletots eingehängt hatte. Er wollte ein gutes Wort zu ihm sprechen, ihn irgendwie trösten, und ihm Hoffnung einflößen; er fühlte aber, daß er ihm damit doch keine Ruhe bringen könne. So seufzte er nur und sagte: „Auf Wiedersehen.“
Semionow faßte an die Mütze und öffnete die Pforte. Noch hinter dem Zaune her hörte man seine schlürfenden Schritte und das hohle Husten.
Dann wurde alles still. Jurii ging langsam zurück. Und alles, was ihm noch vor einer halben Stunde hell, leicht und ruhig erschienen war, ... der Mondenschein, der Sternenhimmel, die Pappelbäume vom Monde bestrahlt und ihre geheimnisvollen Schatten, das lag jetzt tot und grauenhaft vor ihm, wie die Kälte eines ungeheuren Weltengrabes.
Als er nach Hause kam, ging er leise in sein Zimmer, und während er das Fenster nach dem Garten öffnete, stieg ihm zum erstenmal der Gedanke auf, daß all die Ueberzeugungen, denen er sich so vertrauensselig und selbstlos hingegeben hatte, nicht das gaben, was in Wirklichkeit nottat. Einst, wenn er wie Semionow zum Sterbenkommt, dann wird er ebenso vieles bedauern müssen ... Nicht, daß es ihm unmöglich war, die Menschen glücklich zu machen, die Ideale, die ihn beseelten, zu verwirklichen, ... nein, ganz allein, daß im Tode seine Empfindungen schwinden, ohne daß er im vollen Maße durchkostet hatte, was ihm das Leben bieten konnte. Doch sogleich schien ihm dieses Gefühl beschämend; er überwand sich und suchte nach einer Erklärung: Das Leben besteht eben im Kampfe.
Doch für wen? ... Warum nicht für sich? ... Für seinen eigenen Anteil an der Sonne, raunte traurig ein Gedanke in ihm. Jurii wollte ihn unterdrücken und begann sich mit anderem zu beschäftigen. Aber das war schwierig und uninteressant. Immer wieder lief sein Denken in dieselben Kreise zurück und verdichtete sich zu einem quälenden Druck, der sich durch nichts abschütteln ließ.
Als Lyda Ssanina den Zettel mit der Aufforderung zum Ausflug von Ljalja Swaroschitsch erhielt, reichte sie ihn dem Bruder hin. Sie glaubte, er würde für sich absagen, und sie wünschte es auch. Schon im voraus durchkostete sie den interessanten und bangen Genuß, sich dort am Fluß beim Mondlicht wie früher drängend und beklemmend zu Sarudin hingezogen zu fühlen; zugleich erfüllte es sie dem Bruder gegenüber mit Scham, daß es sich gerade um den Offizier handelnmußte, den er augenscheinlich von ganzem Herzen verachtete.
Doch Ssanin erklärte sich sofort mit Vergnügen bereit, an dem Ausflug teilzunehmen.
Es war ein vollständig wolkenloser, warmer Tag; trotzdem wurde es nicht zu heiß. Man konnte nur mit Schmerzen in den glänzenden Himmel schauen; er erbebte fortwährend unter der Reinheit der Luft und dem Schimmern der weißgoldenen Sonnenstrahlen.
„Mädchen werden auch dabei sein,“ sagte ganz mechanisch Lyda. „Du wirst mit ihnen bekannt werden.“
„Ah, das ist ja nett!“
„Eigentlich können wir uns ein besseres Wetter gar nicht wünschen ... Fahren wir also.“
Zur bestimmten Stunde kamen Sarudin und Tanarow in dem breiten Schwadrons-Jagdwagen, vor dem zwei hochbugige Soldatenpferde gingen, angefahren.
„Lyda Petrowna, wir erwarten Sie!“ rief heiter Sarudin, peinlich sauber, ganz weiß gekleidet und stark parfümiert.
Lyda in leichtem, hellem Kleide mit rosa Samtkragen und ebensolchem Gürtel lief von der Terrasse herab und reichte Sarudin beide Hände. Eine Weile hielt er sie vieldeutig vor sich hin, ihre Gestalt mit einem raschen, vollen Blick überfliegend.
„Fahren wir, fahren wir,“ rief Lyda, die seinen Blick verstand und durch ihn erregt wurde.
Kurze Zeit darauf rollte der Wagen schnell auf dem wenig befahrenen Steppenweg dahin,wobei er die harten Halme des Feldgrases zum Boden bog, die dann aufschnellend die Füße streiften. Der frische Steppenwind bewegte leise das Haar der Fahrenden, er lief zu beiden Seiten des Weges in den zarten Wellen des Grases nebenher.
Bald holten sie einen anderen Kremser ein, in welchem Ljalja Swaroschitsch, Jurii, Rjäsanzew, Nowikow, Iwanow und Semionow saßen. In ihrem Wagen war es eng und unbequem; aber darum waren sie auch doppelt lustig und alle in freudiger Stimmung.
Nur Jurii Swaroschitsch fühlte sich in der Gesellschaft Semionows noch ein wenig von dem Gespräch am vorhergehenden Abend bedrückt. Daß Semionow ebenso sorglos wie die anderen scherzte und lachte, machte einen sonderbaren und fast unangenehmen Eindruck auf ihn; dieses Vergnügtsein konnte er nach allem dem, was er gestern von ihm gehört hatte, nicht begreifen. War es denn nur eine Pose gewesen, dachte er. Er überflog ihn von der Seite mit einem schiefen Blick und wollte sich überzeugen, daß es mit ihm gar nicht so schlimm stehen könne. Aber trotzdem brachten ihn seine Gedanken fortgesetzt in Verwirrung, und er versuchte stets mit aller Mühe, sie zu vergessen.
Aus den beiden Kremsern flogen Scherze und Grüße über Kreuz hin und her. Nowikow, der ununterbrochen Possen trieb, sprang plötzlich von seinem Sitz im Fahren herunter und lief eine Zeitlang lachend neben dem Wagen her, in welchem Lyda saß. Zwischen beiden schien eine schweigende Uebereinkunft geschlossen zu sein, sich inübertriebener Weise Freundschaft zu bekunden und jedes Wort, das sie sprachen, erhielt dadurch eine besondere, liebenswürdige Unterstreichung.
Immer klarer stieg vor ihnen der Berg empor, auf dessen Gipfel Kirchtürme blinkten und weiße Klostermauern glänzend hell hervorschimmerten. Die ganze Höhe, mit einem Eichenwäldchen bedeckt, erschien wie krausgelockt unter den wogenden Baumwipfeln. Eichen wuchsen auch unterhalb des Berges an beiden Ufern des Flusses, der sich am Fuße der Hügelkette in breiter, träger Ruhe hinwälzte; auch seine Inseln, die wie aus einer silbernen Decke hervorbrachen, waren mit starken Eichen bestanden.
Ueberall roch es nach Wasser und kräftigen Baumblättern, nach Wiesengras und Feldblumen; ein starker, belebender Geruch, der den Frohsinn aller noch steigerte.
Die Pferde bogen von selbst von dem befahrenen Wege ab und lenkten auf das weiche, saftige Wiesengras hinüber, das unter den Hufen zu Boden klatschte, sich aber hinter den Rädern der leichten Wagen gleich wieder in die Höhe richtete. Als Treffpunkt hatte man eine besonders beliebte Waldwiese bestimmt; dort wurden sie schon von drei Personen erwartet, die vor ihnen angelangt waren; einem Student und zwei jungen Mädchen, beide in kleinrussischen, buntgestickten Blusen. Auf dem Grase hatten sie schon Decken ausgebreitet und unter Lachen und Neckereien waren sie beschäftigt, Tee und Imbiß zurechtzumachen.
Die Pferde blieben mit einem Ruck stehen und ließen augenblicklich die Schweife auf das Fellklatschen, um die Fliegen zu vertreiben; die Ausflügler, von der Fahrt, der Luft und dem Dunst des Wasser und des Waldes angeregt, drängten sich alle gleichzeitig aus den Kremsern heraus, stießen sich und sprangen lachend auf den Boden.
Ljalja begann sofort die beiden Mädchen, die den Tee bereiteten, laut zu begrüßen. Lyda nickte, ohne unhöflich zu sein, doch merklich zurückhaltender, stellte dann aber ihren Bruder und Jurii Swaroschitsch vor. Die Mädchen blickten hoch und sahen beide mit jugendlicher, heimlicher Neugierde an.
„Aber ihr seid ja selbst noch garnicht bekannt,“ rief plötzlich Lyda, auf ihren Bruder und Jurii blickend. „Bitte, das ist mein Bruder, Wladimir Petrowitsch, und dies, Jurii Nikolajewitsch Swaroschitsch.“
Ssanin drückte lächelnd und mit weicher Bewegung, doch nachdrücklich die Hand Juriis, der ihm bis dahin gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte und sich auch bei der Vorstellung vollkommen gleichgültig verhielt.
Für Ssanin war jeder Mensch, der ihm begegnete, interessant, und es freute ihn stets, neue Menschen kennen zu lernen; Jurii war dagegen überzeugt, daß es für ihn nur sehr wenig bemerkenswerte Menschen geben könne und verhielt sich daher im Anfange sehr reserviert. Iwanow kannte Ssanin bereits oberflächlich und das, was er von ihm gehört hatte, fand er sehr sympathisch. Neugierig sah er ihn jetzt an, trat als erster auf ihn zu und suchte ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Semionow reichte ihm nur im Vorbeigehen flüchtig die Hand.
„Nun, jetzt dürfen wir aber schon vergnügt sein,“ rief Ljalja, „mit der langweiligen Vorstellerei sind wir endlich fertig.“
Doch trotz ihrer Aufmunterung fühlte man sich im Anfang etwas befangen, da sich zu viele von ihnen das erste Mal sahen; erst, als man mit dem Essen begonnen hatte und die Männer Wodka, die Mädchen Wein tranken, schwand die Spannung und alle wurden heiter. Es wurde viel getrunken, Scherze, denen dann jedesmal helles Lachen folgte, flogen hin und her, man tanzte und lief um die Wette und schließlich stiegen sie alle den Berg hinauf. Der Wald lag in grüner Schönheit da, still, in verhaltener Ruhe, rings um sie regte sich kein fremdes Geräusch, sodaß keinem von ihnen ein trübes Gefühl oder irgendwelche Besorgnis im Herzen blieb.
„Ja, meine Herrschaften,“ sagte keuchend Rjäsanzew, als man sich wieder auf der Wiese gelagert hatte, „wenn die Menschen mehr springen und laufen wollten, würde es neunzig Prozent aller Krankheiten nicht geben.“
„Auch aller Laster nicht!“ rief Ljalja, ihm zärtlich zunickend.
„Nanu, das wäre!“ fiel Iwanow fast entrüstet über diese Zumutung ein. „Laster wird der Mensch immer übergenug mit sich herumschleppen. Warum auch nicht?“
Obgleich niemand hätte erklären können, daß seine Worte besonders treffend oder scharfsinnig waren, lachten doch alle aufrichtig über sie.
Während man jetzt den Tee trank, war die Sonne im Untergehen und der Strom wurde von ihrem matten Lichte golden überspiegelt; auchzwischen den Bäumen zogen schon die rötlichen Strahlen des Abends.
„Jetzt aber, Herrschaften, zum Boote. Vorwärts,“ rief Lyda und lief, sich die Kleider raffend, den andern zum Ufer voraus. „Wer am schnellsten dort ist,“ schrie sie noch zurück, während sie übermütig den Kopf wendete.
Im Laufschritt die einen, die andern bedächtiger, ging’s zum Ufer hinunter, und wieder mit dem Lachen, das allen so wichtig schien, nahmen sie im Boote Platz.
„Abstoßen!“ kommandierte Lyda, und das Boot glitt leicht vom Ufer ab, zog breite Streifen hinter sich, die dann in eleganten Wellen nach dem Ufer zu auseinanderflossen.
„Jurii Nikolajewitsch, warum schweigen Sie eigentlich?“ fragte Lyda, als erste das Gespräch beginnend.
„Es gibt nichts, worüber zu sprechen wäre.“
„Wirklich? ...“ sagte sie gedehnt und warf den Kopf zurück, von dem unbestimmten Gefühl beherrscht, daß alle Männer sie bewundern müßten.
„Jurii Nikolajewitsch liebt es nicht, sich mit Bagatellen abzugeben,“ meinte Semionow.
„Aha, Sie brauchen ein ernstes Thema? ...“
„Nun, schauen Sie, da haben Sie eins!“ unterbrach Sarudin Lyda. Er zeigte aufs Ufer. Dort tauchte unterhalb des Abhangs zwischen den knorpligen Wurzeln einer mächtigen Eiche ein enges und düsteres Loch auf, das noch zur Hälfte von Gestrüpp verdeckt wurde.
„Was ist denn das?“ fragte Schawrow, der Student, welcher mit den beiden Mädchen zusammengekommenwar. Er kannte die Gegend noch nicht, da er aus einem andern Gouvernement stammte.
„’ne Art Spelunke ist das,“ antwortete ihm Iwanow. „Und was für eine! Weiß der Teufel, die Leute erzählen sowas, hier wäre einmal eine Falschmünzer-Werkstätte etabliert gewesen. Natürlich, wie das immer so kommt; sie sind alle gefaßt worden. Sehr bedauerlich übrigens, daß es immer so kommt.“
„Sonst würdest du schnellstens eine Fabrik von 20 Kopeken-Stücken aufmachen, was?“ fragte Nowikow.
„Aber nicht doch, ... wozu das? Von Rubeln, mein Freund, von Rubeln, aber sofort.“
„Hm,“ räusperte sich Sarudin vernehmlich und zuckte die Achseln. Ihm mißfiel die Anwesenheit Iwanows und dessen Scherze verletzten ihn.
Iwanow achtete nicht darauf und fuhr fort.
„Also, eines schönen Tages hob man die Gesellschaft aus. Seitdem erfüllt die Höhle kein Zweckbedürfnis mehr. Kein Wunder, daß sie verwahrlost ist. Eingestürzt ist sie wohl auch. Traut sich niemand mehr hinein. Als ich noch ein Junge war, kroch ich selbstverständlich durch. Ziemlich interessant ist es darin.“
„Wie könnte es darin nicht interessant sein,“ rief Lyda begeistert. „Viktor Sergeitsch, ich bitte Sie, kriechen Sie hinein. Sie sind doch tapfer.“
Ihr Ton war eigentümlich, gleichsam, als wollte sie jetzt im Licht und unter Leuten Sarudin verspotten und sich für den bangen Zauber rächen, unter den er sie an Abenden zwang, an denen sie allein zusammen waren.
„Wozu das?“
„Ich werde es tun,“ rief plötzlich Jurii, errötete aber im selben Augenblick, weil ihn der Gedanke erschreckte, daß man glauben könnte, er wolle sich auszeichnen.
Iwanow billigte seinen Vorschlag durchaus.
„Vielleicht gehst du selbst mit, kannst ja Führer sein,“ neckte ihn Nowikow. „Du weißt doch in diesem Mauseloch Bescheid.“
„Ach nein, Bruder, ich bleibe schon lieber hier sitzen.“ Und damit rekelte er sich bequem im Boote zurecht.
Alle lachten auf.
Das Boot stieß ans Ufer, und die schwarze Höhlung lag nun grade über ihren Köpfen.
Ljalja wurde mit einem Mal ängstlich.
„Jurii, mach gefälligst keine Dummheiten,“ bat sie ihn. „Das sind wirklich nur Dummheiten, bei Gott, nur Dummheiten.“
„Gewiß, nur Dummheiten,“ gab ihr Jurii ruhig zu. „Aber bitte Semionow reichen Sie mir die Kerze rüber.“
„Wo soll ich denn eine hernehmen? ...“
„Sehen Sie nur hinter sich, im Korb.“
Semionow holte, ohne sich zu beeilen, mit besonderem Ausdruck seines Phlegmas eine Kerze vor.
„Wie? Wollen Sie denn tatsächlich da hineinkriechen?“ fragte eins der Mädchen. Sie war groß und schön; ihre volle Brust hob ihre Gestalt, ohne die feinen Linien zu verwischen. Ljalja nannte sie Sina; ihr Familienname war Karssawina.
„Natürlich, weshalb nicht. Mal etwas anderes,“erwiderte Jurii, indem er gewaltsam eine gleichgültige Miene aufsetzte; unwillkürlich erinnerte er sich, wie oft er bei Partei-Unternehmungen dasselbe gleichgültige Gesicht zur Schau getragen hatte. Doch aus irgend einem Grunde erweckte diese Erinnerung in ihm ein unangenehmes Gefühl.
Am Eingang zur Höhle war es feucht und dunkel.
Ssanin blickte hinein: „Brrrr,“ machte er voll Ekel. Ihm schien es ganz unverständlich und lächerlich, daß dieser Jurii sich in eine unbequeme, vielleicht gefährliche Situation begeben wollte, nur weil ein paar Mädchen dabei auf ihn hinschauten. Das kann man doch viel leichter haben, dachte er.
Jurii steckte die Kerze an und bemühte sich keinen der andern anzusehen. Ihm kam es jetzt ebenfalls so vor, als ob er sich mit seinem Mut nur lächerlich mache. Gleichzeitig tauchte aber die andere Empfindung in ihm auf, daß es schön und bewunderswert sei, und damit regte sich in ihm eine angenehme und bange Neugierde.
Er wartete, bis die Kerze aufflackerte, und lachend, um sich gegen den Spott zu sichern, schritt er vorwärts; sogleich verschwand er in der Dunkelheit. Das rief den Eindruck hervor, als wäre die Kerze selbst ausgelöscht, und allen wurde es in der Tat unheimlich zumute; man war besorgt um ihn und doch wieder neugierig.
„Seien Sie vorsichtig, Jurii Nikolajewitsch,“ rief Rjäsanzew noch hinter ihm her, um seine Besorgnis auszudrücken. „Geben Sie gut acht. Dort halten sich mitunter Wölfe versteckt.“
„Ich habe einen Revolver bei mir,“ schallte Juriis Stimme dumpf zurück; sie erklang aus der Erde, so eigentümlich, wie die eines Toten.
Jurii tastete sich vorsichtig vorwärts. Die Wände waren uneben und feucht, wie in einem tiefen Keller. Abwechselnd hob sich der Boden und senkte sich dann wieder; ein paarmal wäre er beinahe in glitschige Löcher gestürzt. Dann kam ihm der Gedanke, doch noch umzukehren. Er konnte sich ja einfach niedersetzen, sich eine Weile ruhig verhalten, und ihnen dann draußen vorreden, daß er tief hineingegangen wäre.
Aber mit einem Male wurden hinter ihm Schritte, die über den feuchten Lehmboden hinglitten, hörbar; dazwischen unterbrochenes Atmen.
Jurii hob die Kerze über seinen Kopf; er erkannte hinter sich das schöne Mädchen.
„Sinaida Pawlowna!“ rief er erstaunt.
„In höchsteigener Person!“ schallte es von Karssawina lustig zurück und das Kleid aufraffend, übersprang sie eine breite Pfütze.
Jurii durchlief ein angenehmes Gefühl, als er ihre stolze Gestalt neben sich sah; er lächelte glücklich.
Das Mädchen wurde unter seinem Blick verlegen:
„Nun gehen wir doch weiter,“ sagte sie hastig. Folgsam und leicht schritt Jurii voran, mit keinem Gedanken mehr bei der Gefahr verweilend; sorgsam suchte er den Weg vor Karssawinas Füßen zu beleuchten.
Die braunen, feuchten Wände der Höhle näherten sich ihnen bald wie mit einer erstarrtenGeste, bald bogen sie sich plötzlich wieder zurück, als wünschten sie selbst, diesen jungen, frohen Menschen den Weg frei zu machen. Stellenweise waren große Erdblöcke herausgebrochen, Steintrümmer niedergestürzt, und an ihrem Platze gähnten nun tiefe, schwarze Höhlungen, die durch die Dunkelheit noch bedeutend auseinandergedrängt schienen. Ueber ihren Köpfen hingen ungeheure Erdmassen tot und starr; es lag eine furchtbare Drohung darin, daß sie nicht herunterschlugen, sondern von einem mächtigen, unfaßbaren Gesetz gehalten, unbeweglich über ihnen wuchteten.
Schließlich mündeten die Gänge in ein breites, düsteres Gewölbe, das von stickiger Luft erfüllt war.
Auch das Licht erlosch beinahe in dieser bedrückenden Finsternis, während Jurii an den Wänden entlang tastete, um einen neuen Ausweg zu suchen; dabei sprangen schwankende Schatten und getupfte Flecken, die das Licht zurückwarf, um ihn herum.
Es gab noch einige andere Ausgänge, sie waren jedoch sämtlich durch Erdrutsche verschüttet. Alles machte den Eindruck des Grabes und es wäre nicht denkbar gewesen, daß hier Menschen gehaust haben sollten, wenn nicht in einer Ecke die Ueberreste einer hölzernen Lagerstatt traurig verfault wären. Aber auch sie glich nur einem alten, längst zermorschten Sarge.
„Hier ist es nun grade nicht sehr interessant,“ meinte Jurii, ohne es selbst zu bemerken, mit gedämpfter Stimme. Die Erdmassen drückten so stark auf beide, daß Karssawina unwillkürlich ihreLippen zu einem Flüstern bewegte, während ihre Augen im Lichtschein flimmernd umherirrten. Ihr wurde es bange, sie drängte sich näher an Jurii, als suche sie bei ihm Hilfe. Er bemerkte es und es erfüllte ihn mit Freuden, daß er, neben der Schönheit und Schwäche dieses Mädchens, noch eine leise Zärtlichkeit hervorrief, von der sie nichts wußte, die sie aber deutlich in ihren behutsamen Bewegungen ausstrahlte.
„Wir sind wie lebend Begrabene,“ flüsterte Karssawina. „Ich glaube, wenn hier jemand schreit, so kann ihn draußen keiner hören.“
„Gewiß nicht!“ Jurii lächelte. Plötzlich wurde sein Kopf von einem Schwindel ergriffen. Er blickte von der Seite auf ihre hohe Brust, kaum von dem dünnen Stoff der kleinrussischen Bluse verhüllt und sah ihre runden, weich abfallenden Schultern. Der Gedanke, daß sie sich in Wirklichkeit hier in seinen Händen befand und daß niemand ihre Schreie hören würde, packte ihn mit furchtbarer Ueberraschung; im Kopf wirbelte es ihm so stark, daß es ihm einen Augenblick lang dunkel vor den Augen wurde.
Doch sofort wurde er wieder seiner Herr. Er empfand, wie widerwärtig der Gedanke allein war, mit Gewalt auf eine Frau einzudringen. Und vor allem für ihn, Jurii Swaroschitsch, den Revolutionär. Anstatt der beißenden Erregung, die jeden Nerv in ihm aufreizte, nachzugeben, sprach er ganz ruhig:
„Versuchen wir, wie es hallt.“
Ein seltsames Zittern seiner Stimme konnte er nicht unterdrücken; er war sicher, daß auchKarssawina empfinden mußte, was in ihm vorging.
„Wie?“ fragte sie.
Jurii zog seinen Revolver heraus:
„Ich werde einen Schuß abfeuern.“
„Kann dabei nichts einstürzen? ...“
„Ich weiß nicht,“ antwortete er aus irgend einem Grunde, trotzdem er sicher war, daß nichts geschehen würde. Doch dann wendete er sich plötzlich zu ihr: „Fürchten Sie sich denn?“
„Nein, schießen Sie nur!“ Karssawina rückte etwas von ihm zurück.
Jurii hob die Hand mit dem Revolver und feuerte ihn ab.
Ein blendender Streifen blitzte dicht vor ihren Augen auf; in einem Moment wurde alles um sie mit einem trüben Dunst überzogen, dann rollte ein schwerer, dumpfer Lärm grollend durch den Berg.
Aber die Erde hing ebenso unbeweglich wie früher über ihren Köpfen.
„Und das ist alles,“ sagte eintönig Jurii.
„Gehen wir zurück! Kommen Sie!“
Sie gingen zurück, doch als Karssawina voraus schritt und Jurii nun den Rücken zukehrte, sodaß er ihre kräftigen, elastischen Hüften sah, stieg die heiße Gier in der alten Stärke wieder in ihm auf.
„Hören Sie, Sinaida Pawlowna,“ fing Jurii an, obgleich er schon im voraus von seiner Stimme und der Frage erschreckte; er bemühte sich, sie möglichst harmlos zu gestalten. „Hören Sie. Es ist ein interessantes, psychologisches Problem! Warum fürchten Sie nicht, mit mirhier herumzukriechen? Sie sagten selbst, daß es niemand hören würde, wenn hier drinnen jemand schreit. Und Sie kannten mich doch absolut nicht.“
Karssawina fühlte, daß sie in der Finsternis tief errötete, schwieg aber; Jurii atmete schwer und sie konnte jedem dieser Atemzüge deutlich folgen. Er war von glühender Scham erfaßt worden und doch durchflutete ihn ein angenehmes Gefühl, als glitte er sicher über einen breiten Abgrund.
„Ich nahm selbstverständlich an, daß Sie ein anständiger Mensch sind,“ stammelte schwach und zitternd das Mädchen.
„Vielleicht haben Sie das umsonst gedacht,“ erwiderte Jurii, noch immer das heiße Gefühl durchkostend. Plötzlich erschien es ihm originell, daß er so und nicht anders zu ihr sprach; er fand sich und die ganze Situation, in die er sie gebracht hatte, bewundernswert.
„So hätte ich mich ertränkt,“ sagte Karssawina einfach, noch stiller und noch mehr errötend.
Aus diesem kurzen Satz strömte eine weite und mitleidvolle Bewegung in Juriis Seele über. Die Erregung versank mit einemmal, und ihm wurde vollkommen frei und leicht zumut.
Welch famoses Mädchen, dachte er warm und aufrichtig. Und das Bewußtsein, daß diese warme und aufrichtige Empfindung rein von jedem beschmutzenden Gedanken war, erfreute ihn so, daß aus seinen Augen Tränen traten.
Karssawina lächelte ihm glücklich zu, stolz aufihre Antwort und auf seinen lautlosen Beifall, der sich stumm auf sie übertragen hatte.
Solange sie dem Ausgang zuschritten, dachte sie mit eigentümlicher Erregung darüber nach, warum es ihr garnicht beleidigend und beschämend gewesen war, sondern angenehm erregend, daß er diese Frage an sie gerichtet hatte.