XIX

Nowikow öffnete selbst Ssanin die Türe; er wurde mürrisch, als er ihn sah. Ihm war alles peinlich, was in ihm die Erinnerung an Lyda und an all das unbegreiflich Schöne, das in seiner Seele, wie eine zersprungene, feine Vase in Trümmern gegangen war, wachrief.

Ssanin bemerkte es und trat mit versöhnlichem und zärtlichem Lächeln ein. In Nowikows Zimmer herrschte Unordnung. Die Sachen waren durcheinander geworfen, als wenn ein Sturmwind durchgefegt wäre und den Boden mit Papierfetzen, Stroh und allerlei Plunder bestreut hätte. Ohne jede Ordnung lagen auf dem Bett, den Stühlen und den aufgezogenen Schubladen der Kommode Bücher, Wäsche, Instrumente, Taschen aufgestapelt umher.

„Wohin,“ fragte Ssanin, der Nowikows Absichten nicht begriff.

Nowikow schob schweigend, ohne ihn anzusehen, ein paar Kleinigkeiten zusammen.

„Bruder, ich fahre in die Hungersnot. Ich habe ein Schreiben erhalten.“ Seine Worte waren ungeschickt und er wurde deswegen selbst auf sich zornig.

Ssanin sah ihn, sah die Koffer an, dann wieder ihn und schmunzelte mit einem Mal vergnügt. Nowikow schwieg und packte mechanisch ein paar Stiefel mit Glasröhren in ein Packet. Es war ihm schmerzlich zumute und er fühlte seine volle, trübe Einsamkeit.

„Wenn du so weiter packen willst, kommst du sicher ohne Instrumente und ohne Stiefel an.“

„Ah ...“ sagte Nowikow. Er blickte flüchtig auf. „Laß mich ... Du siehst, es wird mir nicht leicht.“ Ssanin verstand ihn und schwieg.

Nachdenkliche, sommerliche Dämmerung schwamm schon durch das offene Fenster und über dem leichten Laub des Gartens verlosch der dünne, kristallklare Himmel.

„Nach meiner Meinung,“ begann Ssanin nach einer Pause, „würdest du besser tun, dich mit Lyda zu verheiraten, als weiß der Teufel wohin zu reisen.“

Nowikow drehte sich unnatürlich rasch zu ihm herum und zitterte plötzlich am ganzen Körper.

„Ich möchte dich ersuchen, diese dummen Späße zu unterlassen,“ rief er mit klirrender Stimme. Dieser scharfe Laut seiner Stimme flog in den nachdenklichen, kühlen Garten hinein und verklang eigenartig unter den stillen Bäumen.

„Was gehst du denn gleich in die Höhe?“ fragte Ssanin.

„Hör auf, ...“ Nowikow sprach heiser, seine Augen wurden rund, seine Züge ganz unähnlich den weichen, gutmütigen, die Ssanin von früher kannte; doch er brach sofort wieder ab.

„Und willst du behaupten, daß eine Heirat mit Lyda ein Unglück wäre,“ fragte Ssanin ruhig weiter, wobei er nur mit den Augenwinkeln lächelte.

„Aufhören, hör auf,“ winselte Nowikow, schwankte wie ein Betrunkener, stürzte sich dann plötzlich auf Ssanin, ergriff den ungeputzten Stiefel, der ihm zur Hand lag, und schwang ihn mit unbekannter Wut über seinen Kopf.

„Nun, ruhig, du Teufel,“ schrie Ssanin zornig und wich unwillkürlich zurück.

Nowikow warf den Stiefel mit Widerwillen von sich und blieb vor Ssanin schwer keuchend stehen.

„Du wolltest mich mit dem alten Stiefel ...“ Ssanin schüttelte mißbilligend den Kopf. Ihm war es um Nowikow leid; dabei schien ihm alles lächerlich, was er tat.

„Bist selbst daran Schuld ...“ erwiderte Nowikow sofort wieder schlaff werdend und sich schämend. Aber gleichzeitig empfand er Anhänglichkeit und Vertrauen zu Ssanin. Als wenn dieser groß und ruhig wäre, er aber nur ein kleiner Knabe, so wollte er sich an ihn schmiegen, ihm klagen, was ihn bedrückte. Sogar Tränen traten in seine Augen.

„Wenn du wüßtest, wie schwer mir ist,“ sagte er abgebrochen, mit Mund und Kehle schluckend, um nicht in Weinen auszubrechen.

„Ja, mein Lieber, ich weiß alles,“ suchte ihn Ssanin zärtlich lächelnd zu beruhigen.

„Nein, das kannst du nicht wissen,“ erwiderte Nowikow, während er sich mechanisch an Ssanins Seite setzte. Ihm erschien sein Zustand so ausnahmsweise schwer, daß niemand fähig sein konnte, ihn zu verstehen.

„Doch, ich weiß es,“ sagte Ssanin. „Nun, wenn du nicht glaubst — — bei Gott! Wenn du dich nicht mehr mit deinem alten Stiefel auf mich stürzen willst, werde ich sogar den Beweis antreten. Nun, wirst du nicht?“

„Nein, entschuldige, Wolodja,“ stammelte Nowikow, beschämt, daß er Ssanin mit dem Vornamen anredete, was er sonst nie tat. Ssanin gefiel es gerade und darum wurde in ihm der Wunsch, zu helfen und alles beizulegen, nur noch stärker.

„Höre zu, mein Lieber, wollen wir ganz klar sprechen,“ begann er, wobei er seine Hand auf Nowikows Kniee legte. „Du hast dich doch nur auf die Reise machen wollen, weil Lyda dich ablaufen ließ, und weiter, weil du damals bei Sarudin annahmst, daßsiegekommen wäre.“

Nowikow wurde finster. Ihm war es, als wenn Ssanin eine frische, unerträglich schmerzliche Wunde von neuem aufreiße. Ssanin sah ihn an und dachte sich ... Ach du liebes, dummes Viecherl, wie töricht bist du doch.

„Ich werde nicht versuchen, dir zu versichern,“ fuhr er fort, „daß Lyda mit Sarudin nichts gehabt hat. Das weiß ich nicht. Ich glaub es nicht.“ Er fügte es eilig hinzu, weil er den Ausdruck des Schmerzes bemerkte, der wieder Schatten einer vorbeifliegenden Wolke über Nowikows Gesicht huschte.

Nowikow sah ihn mit trüber Ahnung an.

„Ihre Beziehungen sind von so kurzer Dauer gewesen, daß nichts Ernstes vorgefallen sein kann. Besonders, wenn man Lydas Charakter in Betracht zieht. Du kennst doch Lyda.“

Vor den Augen Nowikows erstand das Bild Lydas, so wie er sie kannte und liebte; das stolze, schlanke Mädchen, mit den großen, bald zärtlichen, bald fast drohenden Augen, von reiner Kälte wie einer eisigen Gloriole umstrahlt. Er schloß die Augen; er glaubte alles, was Ssanin sprach.

„Und wenn es auch wirklich zwischen ihnen so was, wie einen gewöhnlichen Promenaden-Flirt gab, so ist jetzt sicher alles zu Ende. Und was geht dich im Grunde die kleine Leidenschaft eines freien Mädchens an, das doch nichts als ihr Glück suchen will. Du wirst sicher, auch ohne lange im Gedächtnis nachzugraben, Dutzende solcher Leidenschaften oder wahrscheinlich noch viel schlimmere bei dir selber finden.“

Nowikow wandte sich nach ihm um, und das Vertrauen, von dem seine Seele übervoll war, machte seine Augen hell und durchsichtig. In seiner Seele bewegte sich eine zitternde Blüte leise schwankend hin und her, doch so schwach, so bereit, in jedem Augenblick zu verschwinden, daß er selbst fürchtete, sie mit einem unvorsichtigen Wort oder Gedanken zum Welken zu bringen.

„Weißt du, wenn ich ...“ Nowikow sprach nicht zu Ende, weil er gar nicht imstande war,das, was in ihm arbeitete, in Worte zu fassen; er fühlte leise, zarte Tränen der Rührung über sein Leiden und seine tiefe Bewegung in die Kehle steigen.

„Was? ... Wenn nun? ...“ wiederholte Ssanin feierlich, mit erhobener Stimme und glänzenden Augen. „Ich kann dir nur eins sagen, — — zwischen Lyda und Sarudin gab es nichts und wird es nichts geben.“

„Ich dachte aber ...“ Nowikow fühlte mit Entsetzen, daß er ihm nicht glauben konnte.

„Dummheiten hast du gedacht? ...“ Ssanin sprach mit steigender Erregung. „Verstehst du denn Lyda nicht? ... Wenn sie bisher schwankte, was war es dann für eine Liebe?“ Nowikow ergriff seine Hand und blickte ihm mit Entzücken auf die Lippen.

Ssanin wurde plötzlich von furchtbarer Wut und Ekel gepackt.

Eine Zeitlang sah er diesem Menschen, den der Gedanke selig machte, daß die Frau, mit der er geschlechtlich verkehren wollte, niemals vor ihm jemandem angehört hatte, empört ins Gesicht. Nackte, tierische Eifersucht, flach und gierig wie eine Reptilie, kroch ihm aus den gutmütigen Menschenaugen Nowikows, die dabei von aufrichtigem Leid verklärt waren, entgegen.

„Oho,“ rief Ssanin in drohendem Ton, „nun, so will ich es dir sagen. Lyda war nicht nur in Sarudin verliebt, — — nein, Bruder, sie hatte auch ein Verhältnis mit ihm; und, — — jetzt ist sie von ihm geschwängert.“

Klingende Stille griff durchs Zimmer. Mit abwehrend schwachem Lächeln sah Nowikow Ssaninan; plötzlich begann er, sich die Hände zu reiben. Seine Lippen gerieten in Bewegung, aber nur ein elendes Wimmern drang hervor und verstarb sogleich. Ssanin blickte ihm von oben herab in die Augen; in seine Mundwinkel legte sich eine grausame und gefährliche Falte.

„Nun, warum schweigst du denn?“ fragte er.

Nowikow hob die Augen rasch zu ihm empor, senkte sie aber ebenso schnell wieder, schwieg und lächelte weiter; — schwach und abwehrend.

„Lyda durchlebt jetzt ein furchtbares Drama.“ Ssanin sprach ganz leise, wie zufällig vor sich hin. „Hätte mich nicht der Zufall grade im richtigen Augenblick zu ihr gebracht, so würde sie schon nicht mehr sein. Und was gestern noch ein prachtvoller Mensch voller Leben war, läge jetzt nackt und ekelerregend von Krebsen benagt, irgendwo im Schlamm ... Aber — — daß sie nun tot wäre — darum handelt es sich am wenigsten! Jeder Mensch stirbt. Aber mit ihr wäre zugleich die ungeheure Freude gestorben, die sie in das Leben ihrer Umgebung hineintrug ... Lyda ist natürlich kein einziger Mensch; doch in ihr zeigt sich das Ganze. Und wenn die weibliche Jugend zugrunde gehen würde, dann wäre es in der Welt still, wie in einem Grab. Ja, ich muß sagen, wenn ich sehe, daß man ein schönes, junges Mädchen stumpfsinnig zu Tode hetzt, dann habe ich das dringende Verlangen, jemanden totzuschlagen ... eins über den Schädel ... So ... Ja, hör mal, mein Lieber, mir ist es ganz gleich, ob du Lyda wirklich heiratest oder ob du zum Teufel gehst. Ich möchte dir nur eins sagen ... Du Idiot, du, denke doch, wenn in deinem Schädelnur ein einziger, gesunder Gedanke hockt, würdest du dich dann selbst so quälen, dich und andere unglücklich machen, nur weil ein freies, junges Weib sich geirrt hatte, als sie sich das Männchen aussuchte. Grade nach dem Geschlechtsakte ist sie doch erst zu dem freien Menschen geworden und nicht vor ihm. Ich spreche nur zu dir. Aber du bist es ja nicht nur allein. Oh, diese Idioten, die das Leben zu einem unerträglichen Gefängnis, ohne Sonnenlicht und Bewegung, machen, sie zählen ja nach Millionen. Nun und du selbst. Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund, — — Du! Bei Lyda war Leidenschaft; es war eine Poesie der Schönheit und Kraft und dagegen bei dir ... Welches Recht hast du nun, dich von ihr wegzuwenden. Du, du hältst dich für einen klugen und gebildeten Menschen. Zwischen eurer Vernunft und dem Verständnis für das Leben sollen angeblich keine Scheidewände sein. Was geht dich ihre Vergangenheit an! Ist sie dadurch schlechter geworden? ... Wird sie dir vielleicht weniger Genuß geben können? ... Wolltest du ihr nicht selbst die Unschuld nehmen — — nein?“

„Du weißt selbst, das ist nicht so ...“ Nowikows Lippen bebten beim Sprechen.

„Nein, gerade so! Und wenn nicht das, was denn?“

Nowikow schwieg. In seiner Seele war es leer und dunkel geworden; nur wie ein erleuchtetes Fensterchen in dunkelem Feld zuckte in weiter Ferne das trübselige Glück der Vergebung, des Opfers und des Heroismus auf.

Ssanin schaute ihn an und es schien, als fange er seine Gedanken aus allen Windungen des Gehirnes heraus.

„Ich sehe,“ sagte er wieder mit leisem aber eindringlichem Ton, „daß du an Selbstaufopferung denkst. Hast für dich bereits ein Loch zum Durchkriechen herausgefunden. Sehr schön, ich lasse mich zu ihr herab, ich decke sie vor der Menge und so weiter ... Und nun wächst du schon in deinen Augen wie ein Wurm auf dem Mist. Nein, du belügst dich da! Nicht für einen Augenblick hast du Selbstaufopferung zu üben. Hätten Lyda die Pocken zerfressen, so müßtest du dich jetzt vielleicht bis zu einem gewissen Grade anstrengen; aber nach zwei Tagen würdest du anfangen, ihr das Leben zu verekeln. Dann hättest du über das Schicksal gejammert, und wärst entweder davongelaufen, oder, ... du würdest ihr das Leben ganz gehörig versalzen und dich verzweifelt als Opfer fühlen. Jetzt siehst du wie ein Heiligenbild auf dich. Warum auch nicht. Mache nur noch ein liebenswürdiges Gesicht und jeder wird dir bestätigen, daß du ein Heiliger bist. Zum Teufel, in Wirklichkeit hast du garnichts verloren ... Was willst du denn? Lyda hat genau dieselben Arme behalten, dieselben Beine, dieselbe Brust, dieselbe Leidenschaft, das gleiche, starke Leben ... Ja, Bruder, es ist doch wirklich ganz wunderschön, all das zu genießen und dabei noch mit dem Bewußtsein, ein edles Werk zu tun.“

Unter Ssanins Worten schrumpfte die rührselige Selbstbewunderung in Nowikows Seele zu einem kleinen Klümpchen zusammen und verendetewie ein zerquetschter Wurm, der sich daran vollgefressen hatte. In seiner Seele entstand ein neues Gefühl, reiner und aufrichtiger als das erste. Mit traurigem Vorwurf sagte er Ssanin:

„Du denkst schlimmer von mir, als in Wirklichkeit recht ist. Ich bin garnicht so stumpfsinnig, wie du meinst. Vielleicht ... ich will’s nicht bestreiten, ist in mir auch ein Stück von dem alten Aberglauben, aber ... sieh, Lyda Petrowna hab ich lieb. Und wenn ich nur wüßte, daß sie mich liebte, — — — ich würde mich nicht daran stoßen ...“ Das „daran“ sprach er nur mit Mühe. Die Schwierigkeit, dies eine Wort ebenso glatt auszusprechen, die ihm sofort zum Bewußtsein kam, verursachte ihm einen scharfen Schmerz.

Ssanin war plötzlich abgekühlt. Er wurde nachdenklich, ging durch das Zimmer, blieb am Fenster bei dem dämmrigen Garten stehen und redete leise vor sich hin:

„Sie ist jetzt unglücklich ... Sie ist jetzt nicht in der Stimmung, zu lieben ... Und ob sie dich liebt oder nicht ... wer kann es wissen ... Ich glaube nur, wenn du jetzt zu ihr hingingst, und — — du dann für sie zu dem zweiten Menschen in der Welt wirst, der sie nicht für das momentane, zufällige Glück steinigt, sondern — — nun, so kann sie ... aber man kann nicht wissen ...“

Nowikow blickte nachdenklich vor sich hin. In ihm mischten sich Trübsal und Freude; beide bildeten in seiner Seele ein klares, wehmütiges Glück, das einem absterbenden Sommerabend ähnlich war.

„Gehen wir zu ihr! Was auch sein mag, es wird ihr leichter sein, unter all den tierischen Fratzen, ein paar menschliche Gesichter um sich zu sehen ... Du bist zur Genüge dumm, mein Freund. Aber selbst in deiner Dummheit besitzt du etwas, was andere nicht haben. Was soll man tun. Auf diese Dummheit hat die Welt lange genug ihr Glück und ihre Hoffnungen gebaut. Gehen wir!“

Nowikow lächelte ihm schüchtern zu: „Ich will gehen. Aber wird ihr das auch angenehm sein?“

„Daran brauchst du nicht zu denken.“ Ssanin legte ihm beide Hände auf die Schultern. „Glaubst du, daß du richtig handelst, dann wird schon alles von selber werden.“

„Gut, so gehen wir.“ In der Tür blieb Nowikow noch einmal stehen und blickte Ssanin gerade in die Augen. Mit einer Kraft, die ihm selbst unbekannt war, sagte er:

„Weißt du; — — wenn es nur möglich ist, so werde ich sie glücklich machen. Natürlich, die Phrase ist banal. Aber ich kann nicht anders ausdrücken, was ich fühle.“

„Das tut nichts, Bruder. Wirklich, ich verstehe dich so.“

Glühender Sommer lag über der Stadt. In den Nächten stieg der helle, runde Mond hoch über dem Himmel, die Luft war warm und dicht und rief, vom Duft der Gärten durchtränkt,mächtige, wirre Wünsche hervor. Am Tage arbeiteten die Menschen, beschäftigten sich mit Politik, Kunst, mit der Durchführung verschiedener Ideen, mit Essen, Baden, Trinken, Sprechen, doch sobald die Hitze nachließ, die ruhig gewordenen Staubmassen sich schwerfällig legten und am dunkeln Horizont hinter dem fernen Wäldchen oder den nahen Dächern der Rand einer runden, rätselhaften Scheibe erschien, die die Gärten mit kühlem geheimnisvollen Licht überschwemmte, dann blieb alles stehen, gleichsam als ob man plötzlich irgendwelche bunte Kleider von sich abwarf, um frei und leicht ein echtes Leben zu beginnen. Und je jünger die Menschen waren, desto freier und voller wurde dieses Leben. Von den Gärten her sprudelten die Triller der Nachtigall, die Gräser von leichten Frauenkleidern erfaßt schwenkten eigenartig ihre Köpfchen, die Schatten wurden tief, in der Luft lag dumpfes Liebeswirren, die Augen blitzten bald auf, bald bedeckten sie sich mit Nebeln, Wangen wurden rosig, Stimmen verlangend und geheimnisvoll haschend, und neues menschliches Leben entstand urplötzlich unter kühlem Mondlicht im Schatten der schweigsamen Bäume, die Kühle atmeten, auf niedergebogenem saftigem Gras.

Auch Jurii Swaroschitsch glaubte, als er mit Schawrow Politik trieb, sich mit Selbstbildungsvereinen und der Lektüre der neuesten Bücher abgab, daß er gerade darin sein echtes Leben und die Auflösung und Klärung aller Zweifel und Unruhen finden müsse.

Aber soviel er auch las und was er auch begann, alles wurde ihm langweilig und niederdrückend;er sah kein Licht in seinem Leben. Ein solches Licht wollte nur in den Augenblicken aufflammen, in denen Jurii sich gesund und kräftig fühlte und in eine Frau verliebt war.

Früher schienen ihm alle jungen und schönen Mädchen gleich interessant; sie erregten ihn auch in gleicher Weise. Aber jetzt begann sich eine einzige abzuheben; sie nahm allmählich alle Farben und Schönheiten für sich allein und stand prächtig und liebenswürdig wie im Frühlingslicht ein Birkenbäumchen am Waldessaum vor ihm.

Sie war sehr schön, von hohem Wuchs, stark und kräftig, bewegte bei jedem Schritt ihre gespannte hohe Brust, trug den Kopf hoch aufgerichtet auf dem schlanken, weißen Hals, lachte hell, sang schön, und obgleich sie viel las, kluge Gedanken und ihre Gedichte liebte, empfand ihr ganzes Wesen doch nur dann volle Befriedigung, wenn sie irgend etwas Anstrengendes vorhatte, sich mit ihrem elastischen Busen gegen etwas stemmen mußte, etwas aus aller Kraft mit den Armen umschließen, mit den Füßen stoßen, lachen, singen und auf kräftige und schöne Männer blicken konnte. Manchmal wenn die Sonne schien, alles Dunkle niederbrechend, oder wenn auf dunklem Himmel der Mond glänzte, wünschte sie sich die Kleider herunterzureißen und nackt auf dem grünen Grase herumzulaufen, sich ins schwarze, schwankende Wasser zu stürzen, jemanden zu erwarten und zu suchen und dann mit einem klangvollen jubelnden Ruf an sich zu locken.

Ihre Anwesenheit erregte Jurii, und zauberte in ihm frische, unausgenützte Kräfte hervor. Vorihr war seine Sprache farbiger und heller, seine Muskeln wurden kräftiger, sein Herz stärker und sein Denken schärfer. Den ganzen Tag hindurch dachte er nur an sie, des Abends ging er sie zu suchen; und doch verbarg er es auch vor sich selbst. In seiner Seele lag noch etwas, wie ein abgenagter Knochen, der sich der Kraft, die von innen heraus zur Freiheit drängte, in den Weg legte. Jedes Gefühl, das in ihm auftauchte, hielt er fest, um es zu analysieren. Dadurch wurde das Gefühl farblos und fahl und verlor seine Blätter, wie eine Blume im Frost. Wenn er sich danach fragte, was ihn zu Karssawina ziehe, so antwortete er sich, daß es der Geschlechtstrieb sei und weiter nichts. Und obgleich er selbst keinen Grund dafür angeben konnte, rief dieses eckige, harte Wort nachlässige und niederdrückende Verachtung vor sich selbst hervor.

Inzwischen legte sich ein geheimnisvolles Band um sie und wie in einem Spiegel fand sich jede seiner Bewegungen in ihr und ihrer in ihm wieder.

Karssawina versuchte nicht, sich über die geheimen Regungen ihrer Seele klar zu werden. Nur wie von ferne lauschte sie ihnen glücklich, gleichzeitig aber bemüht, sie vor den Anderen geheim zu halten. Es verursachte ihr quälende Unruhe, daß sie nicht alles verstehen konnte, was in Seele und Körper des schönen und jungen Menschen, den sie liebte, vorging. Zeitweilig redete sie sich ein, daß zwischen ihnen keine besonderen Beziehungen beständen; dann brach sie plötzlich in Schluchzen aus, als ob sie einen unersetzlichen Schatz verloren hätte. Auch die Aufmerksamkeitanderer Männer, deren seltsame Blicke sie oft auf sich gerichtet spürte, vermochte sie dann nicht zu trösten. Fast immer blieb sie ihnen gegenüber vollständig gleichgültig. Nur zu Zeiten, wenn sie sicher war, von Jurii geliebt zu werden und unter diesem Gedanken wie eine Braut aufblühte, bemerkte sie, daß sie auf andere besonders aufreizend wirkte; dann wurde sie selbst von den geheimnisvoll gierigen Wünschen in Aufruhr gebracht.

Eine besondere sinnliche Spannung empfand sie, wenn sich ihr Ssanin mit seinen breiten Schultern, ruhigen Augen und den sicheren, kräftigen Bewegungen näherte. Sobald sie sich bei dieser unfaßbaren Erregung ertappte, erschrak sie, hielt sich für schlecht und verdorben, konnte es aber doch nicht unterlassen, Ssanin auch weiter mit Neugierde zu betrachten.

An dem Abend des Tages, an dem Lyda ihr furchtbares Drama durchlebte, trafen sich Jurii und Karssawina in der Bibliothek. Sie grüßten sich einfach; jeder war von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Karssawina suchte sich Bücher aus, während Jurii die Petersburger Zeitungen durchblätterte. Doch traf es sich wieder, daß sie zusammen hinausgingen und so begleitete Jurii Karssawina durch die schon leeren vom Mond beleuchteten Straßen.

In der Luft lag eine ungewöhnliche Stille und nur die Knarre des Nachtwächters drang von der Entfernung gemildert zu ihnen herüber, hin und wieder auch hinter den Häusern hervor das Belfern eines kleinen Hundes.

Am Boulevard stießen sie auf eine Gesellschaft,die im Schatten der Bäume saß. Von ihr schallten lebhafte Stimmen zu ihnen her, die Feuerchen von Zigaretten glimmten einen Augenblick auf und zeigten Schnurrbärte und rote Gesichter. Als sie bereits vorbeigegangen waren, hörten sie eine helle, fröhliche Männerstimme ein Lied beginnen: Das Herz der Schönen ist ein Hauch im Felde ...

Dicht bei dem Hause, in dem Karssawina wohnte, setzten sie sich auf eine Bank, die an einem fremden Tore stand. Aus seinem tiefen Schatten heraus hatten sie jetzt die breite vom Mondlicht gleichmäßig beschienene Straße bis zu einer weiß schimmernden Kirchenkuppel vor sich liegen. Dort hinten schwankten breite Linden, die das leuchtende Bild in einen dunklen Rahmen spannten; über ihnen funkelte kühl wie ein Stern das goldene Kirchenkreuz gegen den Himmel.

„Sehen Sie, wie schön,“ sagte Karssawina gedehnt und wies mit der Hand durch die Luft.

Jurii warf verstohlen einen entzückten Blick auf ihren weißen Oberarm, der weich durch die kurzen Aermel der kleinrussischen Bluse blickte; er hatte das unbändige Verlangen, sie an sich zu reißen und auf die vollen saftigen Lippen zu küssen, die den seinen verführerisch nahe standen. Plötzlich fühlte er, daß es sogleich geschehen müsse; auch sie schien mit Furcht und Sehnsucht nur darauf zu warten.

Aber dieser Augenblick entfiel ihm. Er wurde schlaff, zog die Lippen zusammen und stieß ein spöttisches Räuspern aus.

„Warum das? ...“ fragte Karssawina.

„Ach nichts,“ Jurii konnte das leidenschaftlicheBeben in seinen Füßen nur mit Mühe überwinden. „Es ist zu schön ... hier.“

Sie schwiegen, lauschten den entfernten Lauten, die von den dunklen Gärten und den vom Mond bestrahlten Gärten her herüberklangen.

„Waren Sie schon einmal verliebt,“ fragte plötzlich Karssawina.

„Ja, ...“ antwortete Jurii langsam und dachte ... wie wäre es, wenn ich ihr gleich alles sagte. Zögernd fuhr er fort: „Ich bin auch jetzt verliebt.“

„In wen?“ Karssawinas Stimme zitterte voll scheuer Zuversicht.

„In wen? ... Aber in Sie doch!“ Jurii neigte sich vor und suchte ihre Augen, aus denen er nur durch die Schleier des Schatten ein seltsames Glänzen aufblinken sah. Er versuchte scherzhaft zu sprechen, kam aber nicht in den Ton hinein.

Sie schaute ihn rasch und erschrocken an und ihr beengtes glückseliges Gesicht war voll Erwartung.

Jurii wollte sie umarmen; in seinen Händen fühlte er schon die weichen warmen Schultern und die elastische Brust, erschrak aber wieder vor sich selbst und kraftlos, ohne seinem Wunsch nachzugeben, gähnte er.

— — — Er scherzt nur, dachte bitter Karssawina und im selben Augenblick wurde in ihr alles unter der Empfindung, gekränkt zu sein, eiseskalt. Sie spürte, daß sie gleich weinen müsse; in dem krampfhaften Versuch, die Tränen zurückzuhalten, preßte sie die Zähne zusammen.

„Dummheiten,“ murmelte sie und erhob sicheiligst; in dem einen Wort tönte ihre Stimme völlig verändert.

„Ich spreche ernst,“ sagte Jurii in einem Ton, der jetzt gegen seinen Willen unnatürlich klang. „Ich liebe Sie und ... glauben Sie es mir, von ganzem Herzen.“

Karssawina nahm ohne Antwort ihre Bücher zusammen.

„Warum das? ...“ dachte sie mit Gram und plötzlich ergriff sie eine entsetzliche Scham bei dem Gedanken, daß er ihre Empfindungen erraten hatte und sie nun verachten würde.

Jurii reichte ihr ein Buch, das auf den Boden gefallen war.

„Es ist Zeit, nach Hause zu gehen,“ sagte sie leise.

Jurii bedauerte es selbstquälerisch, daß sie fortgehen wollte; gleichzeitig fiel es ihm auf, wie alles, was sie sagte, so originell und schön, weit entfernt von jeder Banalität, erschien.

Als Karssawina ihm die Hand reichte, verneigte er sich unbeabsichtigt und küßte die weiche, warme Handfläche, von der ihm ein lieblich frischer Geruch ins Gesicht stieg. Karssawina riß sofort mit einem leisen Aufschrei die Hand zurück:

„Was tun Sie!“

Doch die flüchtige Empfindung, die seine Lippen bei der Berührung aus ihrem warmen, jungfräulichen Körper mit sich rissen, war so stark, daß sie ihm den Kopf benahm und er nur glückselig und sinnlos dem raschen Rauschen ihrer sich entfernenden Schritte nachlächeln konnte.

Bald hörte er die Pforte knarren. Immernoch mit demselben Lächeln schritt Jurii nach Hause; aus vollen Kräften atmete er die reine Luft ein. Er fühlte seine Kräfte wachsen; er war glücklich.

Sobald Jurii in sein Zimmer trat, das ihm nach der Freiheit und Kühle der Mondnacht eng und dumpf wie ein Gefängnis vorkam, begann er darüber nachzudenken, wie das Leben doch nichts als eine Kette von öden Banalitäten sei.

— — — einen Kuß abgepflückt ... was für ein Glück, nein, wahrlich was für eine Heldentat, — — — denk einer an ... wie würdig und poetisch ... Es scheint der Mond ... der Held verführt die Jungfrau mit feurigen Reden und Küssen ... pfui Teufel welche Abgeschmacktheit, — — — in diesem verfluchten Nest merkt man garnicht, wie flach man wird.

Als Jurii noch in der Großstadt lebte, war er niemals über den Gedanken fortgekommen, daß er nur aufs Land zu gehen brauche, um in dem einfachen Leben der bäuerlichen, schwarzen Erde, voll echter, nicht erst mühsam konstruierter Arbeit, mit Feldern, Sonne und Bauern unterzutauchen, damit sein nutzloses Dasein endlich einen tiefen, wahren Sinn erhalte. Jetzt war er wieder ebenso fest überzeugt, daß er sein Leben sofort in die richtige Bahn bringen würde, wenn er anstatt in diesem Nest zu stecken, plötzlich in die Hauptstadt fliegen könnte.

Es lärmt die Stadt, es brausen Reden,Es tobt der wüste Tintenkrieg,Doch Rußland liegt in tiefem Schweigen,Wie es Jahrhunderte lang schwieg.

Es lärmt die Stadt, es brausen Reden,Es tobt der wüste Tintenkrieg,Doch Rußland liegt in tiefem Schweigen,Wie es Jahrhunderte lang schwieg.

Es lärmt die Stadt, es brausen Reden,Es tobt der wüste Tintenkrieg,Doch Rußland liegt in tiefem Schweigen,Wie es Jahrhunderte lang schwieg.

Es lärmt die Stadt, es brausen Reden,

Es tobt der wüste Tintenkrieg,

Doch Rußland liegt in tiefem Schweigen,

Wie es Jahrhunderte lang schwieg.

deklamierte Jurii mit nachdenklichem Gesicht und unwillkürlichen Pathos.

Aber gleich ertappte er sich bei seiner knabenhaften Begeisterung und fiel automatisch wieder in die teilnahmslose Stimmung zurück.

— — — und übrigens, was hat das alles zu bedeuten ... Alles ganz gleich. — — — Politik, Wissenschaft, das ist Alles sehr gut und schön, aber nur aus der Ferne, im Ideal. — — — Im Allgemeinen und im Leben eines einzelnen Menschen ist es gradso gut ein Handwerk wie jedes andere. Kampf, titanische Krafteinsetzung, ja, — — — im gegenwärtigen Leben ist es doch unmöglich. — — — Gut ich leide aufrichtig, ich kämpfe, ich suche mich zu überwinden, — — aber was bleibt mir denn zu guter Letzt. Der endgültige Abschluß des Kampfes liegt außerhalb meines Lebens. Prometeus wollte den Menschen das Feuer bringen; er tat es auch wirklich. Das war sein Sieg! Wir aber, wir können nur Späne in das Feuer werfen, das wir nicht entfacht haben und das von uns ebensowenig einmal verlöscht werden wird.

Plötzlich stieg ihm der Gedanke auf, daß seine Schwäche nur daher käme, weil er kein Prometeus sei. Diese Erkenntnis war ihm unangenehm, und doch ergriff er sie mit krankhafter Selbstpeinigung.

— — — Was für ein Prometeus bin ich! Bei mir läuft alles sofort aufs persönliche Gebietüber; ich, ich ... für mich, mich ... Ich bin ebenso schwach und nichtig wie alle diese Leutchen, die ich von ganzem Herzen verachtete.

Die Parallele wirkte so niederschlagend auf ihn, daß er zusammenzuckte und eine Zeitlang stumpf vor sich hinstarrte, um nach einer Rechtfertigung für sich zu suchen.

— — — Nein, ich bin nicht wie die Andern, dachte er endlich mit Erleichterung ... Schon aus dem einfachen Grunde, weil ich mir hierüber Gedanken mache. Die Rjäsanzew, Nowikow, Ssanin, die kommen garnicht zum Nachdenken ... sie sind weit entfernt von tragischer Selbstkasteiung, wie die triumphierenden Schweine Zaratustras. Bei ihnen liegt das ganze Leben in ihrem eigenen, mikroskopisch kleinen Ich; sie sind es gerade, die auch mich mit ihrer Flachheit anstecken. Mit den Wölfen muß man heulen, das ist natürlich!

Jurii begann im Zimmer herumzulaufen, und wie es oft der Fall ist, änderten sich seine Gedanken mit dem Wechsel der Stellung.

— — — Nun gut, das ist so ... Aber ich habe noch mehr zu überlegen. Wie sind eigentlich meine Beziehungen zu Karssawina. Ob ich sie liebe oder nicht, das ist gleich ... Aber was kann daraus werden ... Wenn ich sie heiraten würde, oder einfach mit ihr für eine Zeit ein Verhältnis anfinge ... wäre das für mich wirklich ein Glück? Sie zu betrügen, ist ein Verbrechen, und — falls ich sie liebe ... nun gut, sie bekommt Kinder, — — — Jurii errötete plötzlich ohne Grund. — — — Das ist noch nichts Schlimmes, aber dennoch wird es mich binden,und für immer meiner Freiheit berauben ... Familienglück, Spießerfreuden, nein, das ist nichts für mich.

Eins, zwei, drei, dachte Jurii und bemühte sich mechanisch so zu gehen, daß er mit jedem Schritt über zwei Dielen fort, immer erst die dritte mit seinem Fuße berührte. — — — Wenn ich nur sicher wüßte, daß es kein Kind geben wird. Oder wenn ich meine Kinder so voll und ganz liebgewinnen würde, daß ich Ihnen mein Leben hingeben könnte. Nein, das ist auch banal, genau so wird auch ein Rjäsanzew seine Sprößlinge lieben. Wodurch werden wir uns dann voneinander unterscheiden. Leben und sich opfern, das ist das echte Leben. Ja, aber wem sich opfern. Wie? ... Auf welchen Weg ich mich auch stürzen werde, und was für ein Ziel ich mir auch vorstelle, wo gibt es jenes reine und zweifelsfreie Ideal, für das man nicht einen Augenblick zu bedauern brauchte, — — — zu sterben. Ja, nicht ich bin schwach, sondern das Leben ist keiner Opfer und Hingabe wert ... Ist es aber so, ... dann lohnt es sich ja garnicht zu leben.

Diese Schlußfolgerung hatte sich noch niemals vorher so stark in Juriis Hirn festgesetzt.

Auf seinem Tisch lag stets ein Browning. Jetzt bekam er ihn zu Gesicht, sobald er beim Gehen am Tisch vorbeikam und kehrt machte; jedesmal fielen ihm dann die glänzenden Teile ins Auge, die gegen das Mondlicht spiegelten. Schließlich nahm er ihn in die Hand und betrachtete ihn aufmerksam. Er war geladen. Jurii spannte den Hahn und drückte ihn an die Schläfe. So, dachte er ... nur einmal abgedrückt und allesist fertig. Ist es klug oder nur eine blödsinnige Dummheit sich niederzuknallen. Selbstmord ist Kleinmut. Auch gut, so bin ich feige.

Die vorsichtige Berührung des kalten Eisens mit der heißen Schläfe war angenehm und gleichzeitig bange.

— — — Und Karssawina? ... schwirrte es ihm mit einem Mal kalt durch den Kopf ... Ich werde sie also nicht besitzen und diesen Genuß, der mir vielleicht zufallen würde, irgend einem anderen überlassen müssen.

Bei dem Gedanken an Karssawina zitterte in ihm alles vor zarter Wollust. Aber mit scharfer Willensspannung zwang sich Jurii zu der Ueberlegung, daß Alles nur Kleinigkeiten seien, nichts im Vergleich mit jenen tiefen und wichtigen Ideen, die seinen Kopf durchwühlten. Doch das blieb Zwang und das unterdrückte Gefühl rächte sich, indem es den unbestimmten Gram und seine Abneigung gegen das Leben noch verstärkte.

— — — Warum soll ich es in der Tat nicht tun? ... fragte sich Jurii mit zitterndem Herzen.

Mit einer Bewegung, an die er selbst nicht glaubte und über die er sogar schamhaft lächelte, setzte er den Revolver nochmals an die Schläfe. Doch dann drückte er, ohne sich noch einen Augenblick über sein Vorhaben Rechenschaft abzulegen, den Hahn ab. Im selben Augenblick durchzuckte ihn eine kalte, schneidende Empfindung und riß sich plötzlich in ihm in entsetzlicher Angst los. Es rauschte in seinen Ohren, das ganze Zimmer brach hinter ihm fort. Doch es gab keinen Schuß, die Waffe hatte versagt; nur das schwache,metallische Klappern des Hahnes verklang deutlich in seinen Ohren.

Eine Schwäche erfaßte ihn vom Kopf bis zu den Füßen, sodaß er unwillkürlich die Hand mit dem Revolver sinken ließ. Alles bebte an ihm und schmerzte ihn, der Kopf schwindelte, der Mund trocknete plötzlich aus; als er den Revolver aus der Hand legen wollte, schlugen seine Hände nervös hin und her und klapperten einige Mal mit der Waffe gegen die Tischplatte.

— — — Ein schöner Kerl bin ich, dachte er. Er bemeisterte seine Aufregung, trat vor den Spiegel und blickte in die dunkle Fläche. — — So bin ich also ein Feigling? ... Nein, dachte er mit einem Anflug von Stolz. Nein, kein Feigling! Getan hab ich’s, — — — ist nicht meine Schuld, daß es versagte.

Aus dem dunklen Spiegel sah ihm wie immer ein bleiches Gesicht entgegen; Jurii aber schien es feierlich und streng. Befriedigt streckte er sich die Zunge heraus ... dabei gab er sich Mühe, sich selbst die Ueberzeugung beizubringen, daß er diesem Akte der Selbstbeherrschung keine Bedeutung beimesse und trat wieder zur Seite.

— — — Nicht mein Schicksal also, sagte er laut, und dieses Wort tröstete und ermunterte ihn. Was? ... wenn mich jetzt einer sähe, dachte er mit ängstlicher Verwirrung und schaute sich um.

Aber Alles blieb still. Hinter der geschlossenen Tür war nichts zu hören, es schien, daß es hinter den Grenzen dieses Zimmers kein lebendes Wesen mehr gäbe, daß Jurii ganz allein in unendlicher Leere existiere und leide. Er löschte die Lampeaus und wunderte sich, daß durch die Spalten der Jalousieen hellrosiges Morgenlicht ins Zimmer hereindrang.

Er legte sich schlafen, und im Traum fühlte er, daß sich eine Gestalt, die unheimlich rotes Feuer ausstrahlte, schwer und ungelenk auf ihn setze. Das ist der Teufel, zuckte es voll Entsetzen durch seine Seele.

Jurii machte krampfhafte Anstrengungen, frei zu werden. Aber der Rote ging nicht fort, sprach auch nicht, lachte nicht; er schnalzte nur mit der Zunge. Man konnte nicht erkennen, ob dieses Schnalzen spöttisch oder mitleidig klingen sollte ... Jurii verursachte diese Unsicherheit tiefe Qualen ...

Weich und liebevoll quoll die Dämmerung, von Gräser- und Blumenduft durchtränkt, durchs offene Fenster herein. Ssanin saß hinter dem Tisch und las bei den letzten Tagesstrahlen eine Erzählung von Tschechow, die er ganz besonders liebte, — — — ein alter Vikar, umringt von Menschen, umgeben von Achtung, Weihrauchdunst, umkleidet mit goldenem Talare, Brillantenkreuzen und allgemeiner Ehrfurcht stirbt — —

Im Zimmer war es ebenso kühl und rein, wie auf dem Hof, der leichte Atem des Abends lief frei durch den Raum, füllte Ssanins Brust, bewegte seine weichen Haare, und hätschelte seine festenSchultern, die aufmerksam und ernst über das Buch gebeugt waren.

Ssanin las, sann nach, bewegte die Lippen; er war so einem großen kleinen Jungen ähnlich, der über seinem Schmöker vertieft die ganze Welt vergessen hat. Je weiter er las, um so stärker durchdrangen ihn traurige Gedanken über das schwere Grauen, das im menschlichen Leben liegt, über den Stumpfsinn und die Roheit der Masse; er fühlte wieder, wie fern er ihr stand. Sicher wäre es sehr nett gewesen, mit dem alten Vikar bekannt zu sein; sein Leben wäre dann gewiß nicht so einsam verlaufen.

Die Tür zum Zimmer öffnete sich und Nowikow trat herein. Ssanin schaute sich um.

„Ah, guten Tag,“ er schob das Buch von sich. „Nun, was bringst du Neues?“ Nowikow drückte ihm schwach die Hand; sein Lächeln gab nur eine blasse, traurige Grimasse.

„Nichts. Alles ist ebenso gräßlich wie es früher war.“

Er machte eine abwehrende Handbewegung und trat zum Fenster.

Von Ssanins Platz aus war nur seine gut gebaute Figur sichtbar; durch den erlöschenden Hintergrund der Abenddämmerung wurde von ihr ein zarter Schatten zurückgeworfen.

Ssanin betrachtete ihn lange voll Aufmerksamkeit.

Als er zum ersten Mal Nowikow, der wie vor den Kopf gestoßen war, zu Lyda schleppte, die selbst völlig ratlos, dem früheren stolzen und schönen Mädchen gar nicht mehr glich, sprachen die beiden kein Wort über das, was ihreSeelen bis zum tiefen Grunde erschütterte. Ssanin verstand, daß sie unglücklich werden mußten, sobald erst das erste Wort gesprochen wäre, doppelt unglücklich aber, wenn sie weiterschwiegen. Er fühlte, daß sie nur durch Leid hindurchtastend, das, was für ihn klar und selbstverständlich war, finden konnten.

Aber er versuchte nicht, sie vorwärtszustoßen, weil er schon damals erkannte, daß sich diese beiden Menschen in einem geschlossenen Zirkel bewegten, in dem sie sich doch unvermeidlich früher oder später treffen mußten.

— — — Nun es wird schon gut werden, dachte Ssanin. Sie werden es verschmerzen. Im Leide können sie nur reiner und inniger werden.

Als er jetzt Nowikow einsam am Fenster stehen sah, sagte er sich, daß diese Zeit gekommen wäre. Schweigend blickte jener auf den verlöschenden Himmel. Er war von dem seltsamen Gefühl erfüllt, in dem sich Trauer nach einem unwiederbringlich verlorenen Glück zart mit dem Zittern sehnsuchtsvoller Erwartung nach neuem Glück verbindet. In dieser traurig feinen Dämmerung stellte er sich Lyda klarer als je schüchtern, unglücklich, von allen gedemütigt vor. Es trieb ihn, sich vor ihr auf die Kniee zu werfen, ihre kalten Finger mit Küssen zu erwärmen und sie durch seine allvergessende, große Liebe zu neuem Leben zu erwecken. Alles in ihm verlangte nach diesem Opfer; doch er hatte nicht die Kraft, zu ihr zu gehen.

Ssanin empfand auch diese Stimmung. Langsam erhob er sich, warf den Kopf nach hinten und sagte:

„Lyda ist im Garten. Gehen wir.“

Mit einer erbarmungswürdigen Regung des Schmerzes, und doch glücklich, zog sich Nowikows Herz zusammen. Eine lichte Zuckung lief über sein Gesicht und verschwand. Es war ersichtlich, wie stark seine Finger beim Drehen des Schnurrbartes zitterten.

„Wie also? ... Gehen wir nun zu ihr? ...“ Ssanin wiederholte es mit gemessener Stimme, als wenn er an eine wichtige aber selbstverständliche Angelegenheit heranträte.

An diesem Ton begriff Nowikow, daß Ssanin alles in ihm verstand; er empfand eine große Erleichterung, gleichzeitig aber naiven, kindischen Schreck.

„... Also gehen wir!“ sagte Ssanin noch einmal zart, ergriff Nowikows Schultern und schob ihn zur Tür.

„Nun gut, ja,“ murmelte Nowikow. Eine rührselige Zärtlichkeit, der Wunsch, Ssanin zu umarmen, stieg in ihm auf. Aber er hatte doch nicht den Mut dazu, er sah ihm nur mit tiefen, feuchten Blicken ins Gesicht.

Im Garten war es dunkel, es roch nach warmem Thon. Die Baumdurchschläge leuchteten in der Dämmerung wie gotische Fenster. Ueber den weißen Lichtungen rauchte feiner, gelber Nebel; es war, als ginge ein unsichtbares Wesen zwischen den schweigenden Sträuchern und leise erzitterten die schlafbefangenen Gräser und Blumen bei seiner Annäherung.

Am Ufer war es heller; die Dämmerung umfaßte erst die Hälfte des Flusses, der sich noch immer glänzend gegen die dunklen Wiesen abhob.

Lyda saß hier dicht am Wasser und ihre feine, gesenkte Silhouette stach weiß vom Grase ab, wie ein geheimnisvoller Schatten, der über dem Wasser trauert.

Jene leichte, kühne Ueberlegenheit, die sich ihrer unter dem Einfluß der beruhigenden Stimme des Bruders bemächtigt hatte, verschwand ebenso rasch wieder, als sie gekommen war. An ihre Stelle schlichen sich die schwarzen Gespenster Scham und Furcht, legten sich neben sie und flüsterten ihr von neuem zu, daß sie kein Recht mehr auf ein anderes Glück, ja nicht einmal selbst auf ihr Leben hätte.

Ganze Tage lang saß sie mit dem Buche im Garten, weil sie der Mutter nicht mehr einfach und gerade in die Augen zu blicken vermochte. Tausende Mal empörte sich alles in ihr. Immer wieder sagte sie sich, daß die Mutter nichts mit ihrem Leben zu tun hätte. Aber jedesmal, wenn sie sich ihr näherte, änderte sich ihre Stimme und in ihren Augen zeigte sich ein scheuer, schuldbewußter Ausdruck. Die Mutter wurde durch ihre Verwirrung, ihr Erröten, die unsichere Stimme, den irren Blick beunruhigt. Peinliche Verhöre folgten nun; argwöhnische Augen liefen hinter ihr her und quälten sie, bis sie sich zu verstecken begann.

So saß sie auch an diesem Abend, verfolgte gramvoll die am Horizont niedersteigende Dämmerung und dachte ihre schweren, auswegslosen Gedanken durch.

Sie begriff nicht, warum es ihr nicht möglich war, das Leben zu verstehen. Nur eine unfaßbareAhnung, unentwirrbar wie ein Polyp, klebrig und bedrückend, erhob sich vor ihren Augen.

Eine Menge von Schriften, die sie gelesen hatte, eine Reihe von großen und freien Ideen durchzogen ihr Hirn. Maß sie an ihnen ihre Handlungsweise, dann war sie nicht nur natürlich; sie war auch schön. Niemandem hatte sie Böses getan; sich und einem zweiten Menschen gab sie reiche Lust.

Ohne diese Lust hätte sie nichts von der Fülle ihrer Jugend gewußt und das Leben wäre trostlos, wie ein Baum im Herbst, geblieben, wenn alle Blätter abgefallen sind. Der Einwurf, daß die Kirche den Bund mit diesem Manne nicht sanktioniert hatte, kam ihr lächerlich vor; schon längst waren alle Stützen dieser traditionellen Forderung durch das freie, menschliche Denken zerbröckelt und zermürbt worden. Schließlich kam sie zu dem Schluß, daß sie sich eigentlich freuen müßte, wie sich eine Blume freut, die sich an einem sonnigen Morgen von neuem Leben befruchtet fühlt. Aber in ihrem Innern litt Lyda doch, sah sich tief am Boden eines Abgrundes, tiefer gesunken als alle Menschen; sie war zur Letzten der Letzten geworden. Mochte sie auch die erhabensten Ideen, unverrückbare Wahrheiten zu Hilfe rufen, vor dem kommenden Tage der Schande schmolzen sie dahin, wie Wachs im Feuer schmilzt. Anstatt den Menschen, die sie wegen ihres Stumpfsinns und ihrer Beschränktheit verachtete, den Fuß auf den Nacken zu setzen, dachte sie nur daran, wie sie sich retten und jene täuschen könne.

In dieser ganzen Zeit fühlte sich Lyda, wennsie einsam weinte und ihre Tränen sorgsam vor jedem Menschen verbarg, oder wenn sie plötzlich in stumpfe Verzweiflung versank, nachdem sie ihrer Umgebung falsche Fröhlichkeit vorgeheuchelt hatte, doch stets, wie eine Blume zum warmen Sonnenstrahl, nur zu Nowikow hingezogen. Aber wie ein niederträchtiges Verbrechen schien ihr der Plan, sich von ihm retten zu lassen. Oft loderte in ihr wilde Verzweiflung darüber auf, daß sie von seiner Vergebung und Liebe abhängen solle. Doch stärker als ihr Stolz, stärker als der innere Protest war das Bewußtsein ihrer Ohnmacht und die Liebe zum Leben. Statt sich über die menschliche Dummheit zu empören, zitterte sie vor ihr, statt Nowikow frei in die Augen zu blicken, demütigte sie sich wie eine Sklavin vor ihm.

In diesem zerspaltenen Mädchen lag etwas Bemitleidenswertes und Hilfloses, wie in einem Vogel, dem die Schwingen gebrochen sind und der sich nun nicht mehr fortbewegen kann.

In Augenblicken, in denen ihre Qualen ganz unerträglich werden wollten, kam ihr stets der Bruder in den Kopf; dann füllte sich ihre Seele mit naiver Bewunderung. Ihr war es klar, daß ihm nichts heilig sei, daß er sie, die Schwester, nur mit den Blicken des Mannes betrachtete. Sicher war er egoistisch, unmoralisch, aber doch blieb er der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ihr leichter wurde, mit dem sie ohne Scham über die intimsten Geheimnisse ihres Lebens sprechen konnte. In seiner Anwesenheit nahm alles andere einfache und nichtige Formen an! — — — Sie war schwanger, nun gut, was hat das weiter zu bedeuten, — — — sie hatte eine Liebes-Affäre hintersich, um so besser, also hatte es ihr gradso gefallen; man wird sie verachten und demütigen wollen, was macht es denn? ... Das Leben, die Sonne und die Freiheit liegen vor ihr und Menschen gibt es überall. Die Mutter wird leiden, na, wenn sie es durchaus will? ... Das ist ihre Sache! Lyda hat das Leben der Mutter nicht mit angesehen, als diese ihre Jugend durchkostete, und die Mutter wird Lyda nicht mehr beobachten, wenn sie erst gestorben ist. Zufällig auf der Lebensbahn begegnet, nur eine Strecke des Weges miteinander gehend, können und dürfen sie nicht einander die Bahn versperren.

Lyda sah ein, daß sie allein niemals so frei werden würde, wie Ssanin. Um so zu denken, mußte sie sich dem Einfluß dieses starken und freien Mannes unterwerfen. Doch mit um so stärkerer Bewunderung und größerer Zärtlichkeit blickte sie auf ihn, — — — eigenartige, zügellose Gedanken flatterten durch ihre Seele. Wenn er doch ein Fremder, nicht der Bruder wäre ... dachte sie zaghaft und scheu; doch sie erstickte schleunigst den Schluß dieses beschämenden, aber verlockenden Gedankens.

Und wieder wendeten sich dann ihre Gedanken Nowikow zu; sie wartete und hoffte auf seine Liebe.

So schloß dieser Zauberkreis ab; kraftlos zerschlug sich Lyda in ihm. Die letzten Kräfte und Farben ihrer jungen, hellen Seele gingen darin verloren.

Sie hörte Schritte und schaute sich um.

Nowikow und Ssanin kamen auf sie schweigend zu; ohne darauf zu achten, schritten sie durchdas hohe Gras gradeaus. Man konnte ihre Gesichter in der blassen Dämmerung nicht gut erkennen, aber eine plötzliche Ahnung blitzte in Lyda auf, daß der gefürchtete Moment nahe sei. Sie sah aus, als wenn sie das Leben verließe, so blaß und schwach wurde sie.

„Nun, hier,“ sagte Ssanin, „ich habe dir Nowikow gebracht, was er will, wird er dir selbst sagen. Bleib ruhig hier, ich gehe Tee trinken.“

Jäh wandte er sich um; mit weiten Schritten ging er ins Haus. Eine Zeitlang, nur ganz allmählich in der Dunkelheit versinkend, schimmerte noch sein weißes Hemd zu ihnen herüber; dann verschwand es hinter den Bäumen. Es wurde so still, daß man garnicht glauben konnte, er wäre fortgegangen und stehe nicht mehr im Schatten der Bäume.

Nowikow und Lyda begleiteten ihn mit den Blicken und beide verstanden, daß in dieser einen Bewegung schon alles gesagt war; jetzt mußte man es nur noch einmal in Worten wiederholen.

„Lydia Petrowna,“ sprach Nowikow leise, und der Klang seiner Stimme trug so viel Trauer, war so rührend aufrichtig, daß sich Lydas Herz zart zusammenzog.

— — — Es kann einem auch leid um ihn tun ... Wie unglücklich und gut er ist, dachte sie mit wehmütiger Freude.

„Ich weiß alles, Lydia Petrowna,“ fuhr Nowikow fort, er fühlte, wie die Rührung über sein Tun und das Mitleid mit ihrer traurigen Gestalt in ihm wuchs. „Aber ich liebe Sie wie vorher. Vielleicht werden Sie auch mich einmal lieb gewinnen. Sagen Sie, wollen Sie meine Frauwerden ...“ — — — ich brauche ihr nichts weiter zu erzählen; sie braucht nicht zu wissen, welch Opfer ich ihr bringe. — — —

Lyda schwieg. Es war so still, daß man das flinke Aufschlagen des Wassers hörte, das gegen das Gebüsch des Ufers plätscherte.

„Beide sind wir unglücklich,“ sagte plötzlich aus der Tiefe seiner Seele, für sich selbst unerwartet, Nowikow. „Aber vielleicht werden wir zu zweien das Leben leichter tragen können.“

Lyda erhob ihr Gesicht zu ihm:

„Ja, vielleicht ...“ antwortete sie einfach, aber ihre Augen sagten: — — — Gott sei mein Zeuge, daß ich eine gute Frau sein werde, ich werde dich immer lieben und alles mit dir fühlen.

Nowikow verstand diesen Blick; er ließ sich rasch und impulsiv neben ihr auf die Kniee nieder und begann ihre zitternde Hand zu küssen. Er zitterte selbst am ganzen Körper vor Erregung und plötzlicher froher Leidenschaft. Diese Erregung teilte sich Lyda so tief und leuchtend mit, daß das schmerzliche bange Gefühl der Scham mit einem Mal verschwunden war.

— — Nun, jetzt ist alles zu Ende, ich werde wieder glücklich sein, — — du, mein Lieber, mein Armer, dachte sie, glückliche Tränen weinend. Sie zog ihre Hand nicht zurück, sie beugte sich selbst auf die weichen Haare Nowikows, die ihr stets gefallen hatten, herab und küßte sie. Die Erinnerung an Sarudin huschte grell an ihr vorüber; erlosch aber sofort wieder.

Als Ssanin, der fand, daß nun Zeit genug für Erklärungen verflossen wäre, zu ihnen zurückkam, hielten sich Lyda und Nowikow bei denHänden und sprachen leise und vertrauensvoll miteinander. Nowikow sagte ihr, daß er niemals aufhören könne, sie zu lieben; Lyda ihm, daß sie ihn von nun an immer lieben werde. Es war die Wahrheit; denn Lyda verlangte nach Liebe und Glück, sie hoffte sie in ihm zu finden und liebte ihre Hoffnung.

Beide glaubten, niemals so glücklich gewesen zu sein. Als sie Ssanin erblickten, schwiegen sie still und schauten ihn mit verwirrten, freudigen und vertrauensvollen Augen an.

„Nun, ich verstehe,“ sagte Ssanin ernst, als er sie erblickte, „... Gott sei’s gedankt. Wenn Ihr nur glücklich werdet.“ Er wollte noch etwas hinzufügen, mußte aber niesen und tat es so laut und zufrieden, daß es über den ganzen Fluß schallte. „Feucht ist es hier. Na, seht zu, daß ihr keinen Schnupfen kriegt,“ er rieb die Augen.

Vergnügt lachte Lyda auf und glücklich und schön klang es vom Flusse zurück.

„Ich gehe! ...“ sagte Ssanin.

„Wohin? ...“

„Da ist Swaroschitsch gekommen und dann der eine Offizier, der Tolstoischwärmer, — — — wie heißt er doch gleich, dieser lange Deutsche?“

„Von Deutz,“ half Lyda mit grundlosem Lächeln ein.

„Ja, ... er! Sie wollen uns zu einer Besprechung abholen. Na, ich sagte ihnen, daß ihr nicht hier wäret.“

„Warum?“ fragte Lyda, noch immer lachend.

„Bleib du nur hier sitzen. Ich hätte mir auch lieber hier ein Eckchen zurecht gemacht, wenn ich nur jemanden dazu hätte.“

Wieder ging Ssanin fort; diesmal endgültig.

Es wurde Abend. Im dunklen fließenden Wasser schwankten die Sterne.


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