Der Abend war dunkel und dumpf. Ueber den Wipfeln der schwarzen, versteinerten Bäume drängten in schweren Klumpen Wolken dahin, von einem Ende des Himmels bis zum andern, schnell, als wenn sie einem unsichtbaren Ziel zueilen müßten. In ihren grünlichen Lücken tauchten blasse Sterne auf und nieder. Der Himmel quoll über von unaufhörlicher, unheimlicher Bewegung; auf der Erde kauerte alles in gespannter Erwartung.
In dieser Stille hörten sich die Stimmen streitender Menschen so widerwärtig schrill und zänkisch an, wie das Kläffen kleiner, unruhiger Köter.
„Wie dem auch sei,“ stieß, mit den langen Beinen wie ein Storch stolpernd, von Deutz hervor. „Aber das Christentum hat der Menschheit als einzige volkstümlich humanitäre Lehre einen unvergänglichen Reichtum gegeben.“
„Was Sie nicht sagen,“ erwiderte Jurii, der hinter ihm ging, mit einer hartnäckigen Kopfbewegung, während er zornig auf seinen Rücken blickte. „Im Kampfe gegen die tierischen Instinkte hat sich das Christentum ebenso unzulänglich gezeigt, wie alle and — — —“
„Wieso denn gezeigt? ...“ rief voll Empörungvon Deutz. „Die ganze Zukunft liegt frei vor dem Christentum. Und dann von ihm wie von einer abgetanen Sache sprechen. — — —“
„Das Christentum hat keine Zukunft,“ fiel ihm Jurii mit grundloser Erbitterung ins Wort. „Wenn das Christentum die Menschheit nicht in der Zeit seiner höchsten Entwickelung unterjochen konnte, wenn es nur einem Haufen Schurken in die Hände geraten konnte, die es als Werkzeug ihrer frechen Betrügereien gebrauchten, dann ist es jetzt, wo bereits das Wort Christentum abgeschmackt klingt, doppelt lächerlich und komisch, irgend ein Wunder seiner Erneuerung abzuwarten. Die Geschichte verzeiht niemals. Was einmal von der Bühne herunter ist, kommt niemals wieder herauf.“
Der hölzerne Bürgersteig war unter den Füßen kaum sichtbar. Ging man unter den Bäumen, war überhaupt nichts mehr zu erkennen, auch die Stimmen machten, weil man keine Gesichter unterscheiden konnte, einen unnatürlichen Eindruck. Stieß einer oder der andere gegen einen Straßenpfosten, so wurde seine Stimme sofort noch aufgeregter und wütender.
„Das Christentum von der Bühne fort? ...“ rief von Deutz. In seinem Ton klang übertriebenes Staunen und Entrüstung.
„Natürlich! Weg, — — einfach weg,“ beharrte Jurii. „Sie tuen so erstaunt, als wenn man das gar nicht ausdenken dürfe. Wie der Mosesglauben zur rechten Zeit von der Szene abgetreten ist, wie Buddha und die hellenischen Götter für uns nicht mehr leben, so ist auch Christus gestorben. Das Gesetz der Evolution ...was erschrecken Sie denn davor! Sie glauben doch wohl nicht an die Göttlichkeit seiner Lehre.“
„Selbstredend nicht,“ fauchte verletzt von Deutz. Er antwortete weniger auf die Frage als auf den verletzenden Ton Juriis.
„Wollen Sie also wirklich die Behauptung aufstellen, daß der Mensch ein ewiges Gesetz schaffen kann?“ ... dieser Idiot, dachte er im stillen weiter. Die unerschütterliche Sicherheit, daß dieser Mensch niemals imstande sein würde, das, was für ihn selbst so tagesklar und einfach war, zu verstehen, die angenehme Empfindung, daß jener dümmer sei, verband sich im Kopfe Juriis unsinnigerweise mit dem wütenden Verlangen, ihn unter allen Umständen zu überzeugen und umzustimmen.
„Zugegeben, daß dem selbst so wäre,“ erwiderte dieser jetzt ebenfalls erbittert. „Aber das Christentum ist nun einmal zur Grundlage der Zukunft geworden. Es ist nicht zugrunde gegangen, sondern wie ein jeder Same in den Boden gesunken, — seine Früchte werden ...“
„Wer hat denn davon gesprochen — ich nicht,“ schrie Jurii, aus dem Konzept gebracht und darüber noch erboster. „Ich wollte sagen ...“
„Nein, erlauben Sie bitte,“ fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort, er fürchtete wieder die Oberhand zu verlieren. Im Gehen drehte er sich fortgesetzt um und kam dabei stets vom Bürgersteig herunter. „Sie haben grade so gesagt ...“
„Wenn ich sage, daß es nicht so war, dann war es eben nicht so ... Es ist eigentümlich,“ unterbrach ihn Jurii seinerseits. Er empfandeinfachen, bitteren Haß, bei dem Gedanken, daß dieser Dummkopf von Offizier einen Augenblick glauben konnte, er wäre der Intelligentere. „Ich wollte sagen ...“
„Nun, mag sein. Verzeihen Sie bitte, daß ich Sie nicht richtig verstanden habe.“ Von Deutz zuckte mit nachsichtigem Lächeln seine schmalen Achseln; es sollte heißen, daß er Jurii für zurückgeschlagen halte, und daß alle Entgegnungen nichts anderes mehr sein würden, als eine verspätete Retirade.
Jurii begriff das und fühlte sich dadurch so furchtbar gekränkt, daß sich seine Kehle zuschnürte.
„Ich will gar nicht die ungeheure Bedeutung des Christentums leugnen.“
„Dann widersprechen Sie sich,“verschluckte sich von Deutz mit neuem triumphierendem Entzücken. Es war ihm durchaus klar, daß Jurii unendlich dümmer wäre, als er und daß er augenscheinlich nicht annähernd das wußte, was in seinem Hirne so harmonisch aufgestapelt war.
„Das kommtIhnenso vor, daß ich mir widerspreche. Aber tatsächlich gerade im Gegenteil, ... mein Gedanke ist ganz logisch. Ist nicht meine Schuld, wenn Sie ... mich nicht verstehen wollen,“ rief Jurii mit verletzender Schärfe, durch die er das Gefühl des Leidens in sich unterdrücken wollte. „Ich sagte vorher und das sage ich auch jetzt, ... das Christentum ist ein durch und durch wiedergekäuter Stoff, und von ihm, so wie er ist, hat man keine Ernährung zu erwarten.“
„Nun ja ... Aber, wollen Sie denn denwohltuenden Einfluß des Christentums leugnen. ... Das heißt, daß es einfach zur Grundlage wurde ...“ Auch von Deutz erhob seine Stimme, mit hilfloser Eile suchte er seine weiteren Schlüsse, die ihm bei dieser Wendung des Gesprächs zu entgleiten drohten, wieder einzufangen.
„Das leugne ich gar nicht!“
„Aber ich leugne es!“ mischte sich plötzlich Ssanin, der die ganze Zeit schweigend hinter ihnen herging, lächelnd ins Gespräch. Seine Stimme war leicht und ruhig und schnitt eigentümlich in den wirbelnden, ätzenden Ton des Streites ein.
Jurii schwieg. Er fühlte sich durch diese kühle Stimme und den offensichtlichen Spott, der aus ihr herausklang, verletzt; aber er fand kein Wort zur Entgegnung. Für ihn war es stets peinlich und unbequem, mit Ssanin zu streiten, — als wenn all die Worte, welche er gewöhnlich brauchte, bei Ssanin nicht am richtigen Platz waren. Dann fühlte er sich, als müßte er eine Mauer umstürzen, während seine Füße auf glattem Eis standen.
Von Deutz konnte nicht schweigen. In seiner Erregung über den unerwarteten Angriff stolperte er und klirrte schrill mit den Sporen; dazwischen schrie er mit sich überschlagender Stimme: „Aber warum denn das, wenn ich fragen darf?“
„Ganz einfach — — — so,“ erklärte Ssanin mit unfaßbarem Unterklang.
„Wie dennso? ... Wenn man solche Behauptungenaufstellt, muß man sie auch beweisen.“
„Wozu hätte ich es nötig, sie zu beweisen?“
„Was heißt das: ... wozu? ...“
„Gar nichts habe ich zu beweisen. Es ist meine Ueberzeugung; aber Sie zu überzeugen, fehlt mir der geringste Wunsch. Es hätte auch keinen Zweck.“
„Wenn man in dieser Weise urteilen will,“ sagte Jurii zurückhaltend, „so könnte man wohl die ganze Literatur zum alten Eisen werfen.“
„Aber nicht im geringsten! Die Literatur, nein, das ist eine wichtige und interessante Sache. Die Literatur, — — ja, nämlich die, die ich so bezeichne, die ist nicht dazu da, mit jedem dahergelaufenen Kopfwackler zu polemisieren. Der selbst nichts zu tun hat, und nur alle Menschen mit seiner Klugheit breitschlagen möchte. Sie baut das ganze Leben um, dringt von Generation zu Generation in das Blut der Menschheit hinein. Wenn man die Literatur vernichten wollte, würden im Leben viel Farben verbleichen.“
Von Deutz blieb stehen, ließ Jurii vorbeigehen, und als Ssanin neben ihn kam, sagte er zu ihm:
„Nein, bitte, die Idee, die Sie da eben streifen, interessiert mich aufs äußerste.“
„Mein Gedanke ist sehr einfach. Wenn Sie durchaus wollen, will ich ihn Ihnen klar machen. Meiner Meinung nach hat das Christentum in der Geschichte eine traurige Rolle gespielt. In der Zeit, als die Menschheit ihr Dasein nicht mehr ertragen konnte und nur wenig daran fehlte, daß alle Demütigen und Unglücklichen zurVernunft kämen und mit einem Stoß die ganze unerträgliche und ungerechte Ordnung der Dinge zerschlagen hätten, — — — einfach alles vernichteten, was sich von fremdem Blute nährt, ja, gerade in dieser Zeit erschien das stille, demütige, viel verheißende Christentum. Es verurteilte den Kampf, versprach innere Seligkeit, säuselte die Menschen in einen sanften Schlummer ein, brachte eine Religion des ‚Nicht dem Bösen mit Gewalt widerstehen‘, nun kurz ausgedrückt, ließ den ganzen Dampf ab. Die gewaltigen Charaktere, die durch den jahrhundertelangen Schmerz zum Kampf erzogen worden waren, gingen wie die blödesten Idioten in die Arena hinab und mit einem Mut, der unendlich bessere Verwendung verdient hätte, zogen sie sich mit eigenen Händen die Haut in Striemen herunter! ... Ihre Feinde haben natürlich garnichts Besseres gewünscht. Und jetzt sind wieder Jahrhunderte nötig, es muß wieder unendliche Versklavung und Knebelung kommen, um die Empörung in Schwung zu bringen. Der menschlichen Persönlichkeit, die zu wild war, um zum Sklaven zu werden, zog das Christentum ein Bußhemd über und verbarg darunter alle Farben des freien menschlichen Geistes ... Die Starken, die sofort im Augenblick ihr Glück in ihre Hände nehmen konnten, hat es betrogen, den Schwerpunkt ihres Lebens in irgend eine Zukunft verlegt, in den Traum an etwas nicht Existierendes, an etwas, das keiner von ihnen jemals erblicken kann ... Und alle Schönheit des Lebens verschwand dadurch: Der Stolz, die freie Leidenschaft, die Willenskraft, und nur die Pflicht ist übrig geblieben und dann, — der unsinnigeTraum an das kommende goldene Zeitalter, golden natürlich für die anderen. Ja, das Christentum hat eine häßliche Rolle gespielt und der Name Jesu Christi wird noch lange wie ein Fluch auf der Menschheit lasten.“
Von Deutz blieb plötzlich stehen und man konnte trotz der Dunkelheit bemerken, wie sich seine langen Arme hoben und senkten.
„Nun wissen Sie — — —“ er stammelte in Schreck und Ratlosigkeit.
Auch in Jurii regte sich ein eigenartiges Gefühl. Einerseits schien in Ssanins Worten nichts Besonderes zu liegen, auch konnte ja Ssanin wie Jurii alles aussprechen, was er dachte und für gut hielt. Aber doch wieder legte sich, gleich einem Schatten des „Unbewußten“, ein schwerer Druck auf sein stehengebliebenes Denken.Die Existenz dieser vererbten Furcht hatte Jurii längst vergessen; er kam niemals darauf, sie sich zu vergegenwärtigen. Jetzt empfand er sie um so intensiver; es verletzte ihn.
„Denken Sie denn garnicht an die blutige Messe, die über die Menschheit losgebrochen wäre, wenn sie das Christentum nicht abgewendet hätte,“ fragte er Ssanin mit eigentümlich nervösem Grimm.
„Eh,“ Ssanin wehrte mit der Hand ab. „Unter dem Deckmantel des Christentums wurden zuerst die Arenen mit Märtyrerblut berieselt, dann tötete man Menschen, steckte sie in Gefängnisse, warf sie in Irrenhäuser, tagaus, tagein, noch jetzt strömt Blut in solcher Menge, — — kein Weltumsturz wäre imstande, ein größeres Quantum in Fluß zu bringen. Am schlimmsten ist ja,daß die Menschen noch immer jede Verbesserung mit Blut, durch Revolution erkämpfen müssen. Warum stellen sie denn als Grundlage ihrer Existenz die Humanität und Nächstenliebe auf. Eine platte Tragödie, Lüge und Heuchelei kommt da zutage, weder Fisch noch Fleisch. Ich würde jetzt lieber eine Weltkatastrophe als das trübe waschlappig-schleimige Leben von zwei Jahrtausenden kommen sehen!“
Jurii erwiderte nichts. Es war eigentümlich, daß sein Denken sich nicht über dem Sinn der Worte halten konnte, sondern sich stets an die Persönlichkeit Ssanins klammerte. Ihm schien dessen absolute Sicherheit äußerst beleidigend, ja, geradezu unerträglich.
„Sagen Sie bitte,“ meinte er plötzlich, ohne daß er selbst erwartet hätte, er würde dem dringenden Verlangen, Ssanin zu verletzen, nachgeben. „Warum sprechen Sie immer in einem Ton, als ob Sie kleine Kinder belehren wollten?“
Von Deutz wunderte sich über Juriis Angriffe, wurde verwirrt und hielt sich für verpflichtet, ein paar begütigende Worte vor sich hinzumurmeln.
„Da haben Sie’s,“ auch Ssanin war ärgerlich. „Warum sind Sie denn böse?“
Jurii fühlte selbst, daß er ausfallend geworden war und daß er nicht weitergehen dürfe, aber die Erregung, die sich tief in ihm eingefressen hatte und der, bis auf die Nerven nackte Eigensinn rissen ihn fort.
„Ihr Ton ist wirklich unangenehm,“ gab er hartnäckig, fast drohend zurück.
„Es ist nun einmal so meine Art zu reden,“meinte Ssanin, trotz des erkennbaren Aergers, doch mit dem Wunsche zu beruhigen.
„Er ist aber nicht überall angebracht! Ich begreife überhaupt nicht, warum Sie immer mit solchem Aplomb auftreten ...“
„Wahrscheinlich in dem Bewußtsein, daß ich klüger bin als Sie,“ antwortete Ssanin noch ruhiger.
Jurii blieb, von Kopf bis zu den Füßen durchgehend erzitternd, stehen: „Hören Sie mal,“ obgleich man sein Gesicht nicht erkennen konnte, fühlte man, daß es blaß wurde.
„Regen Sie sich doch nicht auf,“ Ssanin hielt ihn liebenswürdig zurück. „Ich hatte gar nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Ich habe Ihnen nur meine aufrichtige Meinung gesagt. Und dieselbe Meinung haben Sie von mir, von Deutz hat sie von uns beiden, — — — was wollen Sie, das ist ganz natürlich ...“ Ssanins Stimme war so aufrichtig und zart, daß es nur komisch gewesen wäre, mit dem aufgeregten Schreien fortzufahren. Jurii schwieg eine Minute still. Von Deutz, der offenbar die unangenehme Situation für ihn mitempfand, klirrte ernsthaft mit den Sporen und atmete schwer und deutlich.
„Aber ich spreche es doch nicht aus,“ sagte Jurii gepreßt.
„Recht schade darum! Ich habe vorhin Ihrer Diskussion mit Deutz zugehört; in jedem ihrer Worte klang ganz handgreiflich und verletzend dasselbe durch. Es handelt sich also nur um die Form. Ich sage frei heraus, was ich denke, und Sie tun es nicht. Das aber wird auf die Daueruninteressant. Wenn Sie aufrichtig sein wollten, wären Sie viel genießbarer.“
Von Deutz lachte plötzlich kleinlich auf: „Das ist aber originell!“ Er verschluckte sich wieder einmal vor Entzücken.
Jurii antwortete nichts. Aber sein Aerger legte sich. Er wurde sogar im Augenblick innerlich froh. Immerhin bedrückte es ihn, daß er schließlich hatte nachgeben müssen; doch das wollte er nicht zu erkennen geben.
Von Deutz war inzwischen mit seinem Entzücken zu Ende gekommen, und erklärte nunmehr gewichtig:
„Auf diese Weise würde es aber zu primitiv hergehen.“
„Müssen Sie denn alles durchaus verwickelt und kompliziert haben? ...“
Von Deutz zuckte die Achseln und wurde nachdenklich.
Sie kamen auf den Boulevard, schritten ihn herunter und bogen in einen entlegenen Stadtteil ein, auf dessen kahlen Straßen viel mehr Licht schwamm.
Die trockenen Bretter des Bürgersteigs hoben sich deutlich von der schwarzen Erde ab und über ihnen öffnete sich der blasse Himmel, auf dem dunstige Wolkenfetzen zerstreut hingen. Nur hin und wieder funkelte ein Stern.
„Hier ist es!“ Von Deutz klinkte eine niedrige Pforte auf und verschwand im Augenblick.
Sofort schlug in der Nähe ein alter, heiserer Köter an; dann schrie jemand von einer kleinen Holztreppe herunter: „Sultan, — — Still.“
Ein ungeheurer, verwahrloster Hof lag vor ihnen. An seinem einen Ende stand wie mit Kohle hingezeichnet, die stumpfe Masse einer Dampfmühle, auf der sich ein dünner, schwarzer Schornstein traurig zu den fernen Wolken hinaufreckte. Um sie herum lagen schwarze Schuppen. Nirgends war ein Baum zu sehen, nur unter den Fenstern des Seitenflügels stand in einem kleinen Vorgärtchen einsam ein Bäumchen. Dort war ein Fenster geöffnet und eine Garbe grellen Lichts durchdrang die trübe Finsternis und die durchsichtig grünen Blätter.
„Na, das ist ein trostloser Flecken,“ meinte Ssanin.
„Die Mühle arbeitet wohl schon lange nicht mehr,“ erkundigte sich Jurii.
„Oh ja, die steht schon eine ganze Weile,“ antwortete von Deutz. Im Vorbeigehen schaute er in das erleuchtete Fenster und wandte sich dann mit ungewöhnlich zufriedener Stimme zu ihnen:
„Oho, es ist ja schon eine ganze Menge Volk drin.“
Jurii und Ssanin blickten ebenfalls durch das Vorgärtchen hinüber. In dem hellen, fröhlichen Viereck sah man schwarze Köpfe sich bewegen; blauer Tabakdunst schwamm darüber.
Jemand lehnte sich in die Dunkelheit hinaus; die dunkle verschobene Gestalt, der krause Kopf,von einer Gloriole langer Haare umgeben, verdeckte die ganze Oeffnung.
„Wer da? ...“ wurde laut gefragt.
„Von uns,“ schrie Jurii zurück.
Sie stiegen die Steintreppe hinauf und stießen auf einen Menschen, der ihnen in bereitwilliger Eile die Hände drückte.
„Ich dachte schon, daß Sie werden garnicht mehr kommen ...“ sprach er mit stark jüdischem Akzent.
„Ssoloveitschik ... Ssanin,“ stellte von Deutz vor und drückte freundlich die kalte, sehr zapplige Hand des Unsichtbaren.
Dieser kicherte verwirrt und schüchtern.
„Sehr angenehm für mich ... Wissen Sie, ich habe doch so viel gehört von Ihnen und sehen Sie, — — — es ist sehr ...“ Ssoloveitschik sprach in der Aufregung ganz zusammenhanglos, schob sich dabei nach rückwärts, hörte aber nicht einen Moment auf, Ssanins Hand zu drücken. Mit seinem Rücken stieß er auf Jurii und trat von Deutz auf den Fuß.
„Verzeihen Sie mir gütigst, Alexander Adolphowitsch,“ rief er Ssanin verlassend; er klammerte sich jetzt an Deutz an.
Dadurch verwickelten sie sich alle in dem dunklen Flur, sodaß lange Zeit hindurch keiner von ihnen die Tür oder einer den andern finden konnte.
Im Vorzimmer hingen auf Nägeln, die von dem ordnungsliebenden Ssoloveitschik eigens für diesen Abend eingeschlagen waren, Hüte und Mützen. Auf dem Fensterbrett stand eine enge Reihe von Gläsern der verschiedensten Formen,die für den Tee vorbereitet waren. Auch dieses Vorzimmer war schon von Tabaksrauch durchzogen. Bei Licht besehen, stellte sich Ssoloveitschik als ein junger Jude dar, mit schwarzen Augen, krausem Haar, einem schönen mageren Gesicht und verdorbenen Zähnen, die sich jeden Augenblick bei seinem schüchternen, gefälligen Lächeln zeigten.
Die Eintretenden wurden von einem Chor lebhafter und heller Stimmen empfangen.
Jurii erblickte vor allen Karssawina, die am Fensterbrett saß; sofort nahm alles für ihn ein besonderes freudiges Aussehen an, als wenn hier nicht eine Zusammenkunft im dumpfen vollgerauchten Zimmer wäre, sondern ein Frühlingsfest auf einer Waldlichtung.
Sie lächelte ihm verwirrt entgegen.
„Nun meine Herrschaften, nun — — — wir werden wohl sein vollzählig,“ rief Ssoloveitschik; er mußte seine kränkliche und unsichere Stimme anstrengen, weil er ihr einen hellen, fröhlichen Klang zu geben versuchte. Beim Sprechen konnte er gewisse sonderbare Handbewegungen nicht unterlassen.
„Sie müssen schon mich entschuldigen, Jurii Nikolajewitsch, ich glaube, daß ich Sie habe angestoßen,“ wendete er sich an Jurii; vor Höflichkeit bog er sich ganz auseinander.
„Tut ja nichts.“ Jurii ergriff ihn gutmütig an der Hand.
„Alle sind wir nicht! Aber hol sie der Teufel, die andern,“ rief ein gutgewachsener, hübscher Student. An seiner breiten, kräftigen Stimmekonnte man gleich den sicheren, selbstbewußten Menschen erkennen.
Ssoloveitschik sprang zum Tisch und schellte schleunigst mit einer kleinen Glocke, wobei er selbst, vergnügt über diesen kleinen Scherz, den er seit dem Morgen vorbereitet hatte, lächelte.
„Aber lassen Sie doch das!“ erboste sich der Student. „Immer schleppen Sie irgendwelche Dummheiten heran. Diese Feierlichkeit ist doch wirklich überflüssig.“
„Ich habe es nicht, — — — ich wollte ... habe ja nur ...“ Ssoloveitschik kicherte verlegen, steckte aber die Glocke sofort in die Tasche.
„Ich glaube, den Tisch rücken wir in die Mitte des Zimmers!“ sprach der Student wieder.
„Sofort ... Werde sofort ...“ Eilig stürzte sich Ssoloveitschik auf den Tisch und packte ihn in ohnmächtiger Anstrengung am Rande an.
„Aber doch die Lampe ... Werfen Sie die Lampe nur nicht um,“ rief Dubowa.
„So beruhigen Sie sich doch. Es ist ja nicht so eilig,“ mischte sich der Student wieder ein.
„Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein,“ schlug Ssanin ihm liebenswürdig vor.
„Aber ich bitte sehr,“ sagte Ssoloveitschik so hastig, daß die Worte kaum unterscheidbar ineinander klangen.
Ssanin schob den Tisch in die Mitte des Zimmers und solange er damit zu tun hatte, blickten alle auf seinen Rücken und seine Schultern, deren Linien unter dem dünnen Stoff seiner russischen Bluse leicht hin und her liefen.
„Nun, Hoshijenko, Sie als Initiator des Ganzen haben die Antrittsrede zu halten,“ sagtedie blasse, farblose Dubowa. Aus ihren klugen, häßlichen Augen ließ sich kaum ersehen, ob sie es ernsthaft meinte oder sich über den breiten Studenten lustig machen wollte.
„Meine Herrschaften,“ begann Hoshijenko, indem er seine Stimme anhob. „Sie wissen alle natürlich, aus welchem Grunde wir uns versammelt haben. Deshalb könnten wir eine Einleitung eigentlich entbehren, aber ...“
Ssanin unterbrach ihn lächelnd: „Ich für meine Person weiß leider nicht, warum ich mich versammelt habe. Es hieß so etwas, es würde hier Bier geben ... Uebrigens, die Einleitung will ich gerne entbehren.“
Hoshijenko sah herablassend über die Lampe auf ihn hin und fuhr fort: „Der Zweck unseres Zirkels ist, auf dem Wege gegenseitigen Lesens, der Besprechung des Gelesenen, und dann des selbständigen Referierens ...“
„Wie meinen Sie ... gegenseitigen Lesens,“ rief Dubowa dazwischen und es war wieder nicht zu verstehen, ob sie im Ernst fragte oder zum Spott.
Der dicke Hoshijenko errötete etwas.
„Ich wollte sagen ... gemeinsamen Lesens. So ist also der Zweck unseres Zirkels, indem er beiläufig die geistige Entwicklung seiner Mitglieder fördert, die individuellen Anschauungen herauszuarbeiten, um dadurch die Entstehung einer Parteiorganisation auf sozialdemokratischer Grundlage in unserer Stadt in die Wege zu leiten.“
„Aha,“ schrie Iwanow gedehnt und rieb sich andauernd den Nacken, dicht unter dem Kopfhaar, — „so läuft der Hase.“
„Aber das kommt erst später. Vorläufig wollen wir uns aber keine so weiten ...“
„Oder engen ...“ brach Dubowa wieder in ihrem sonderbaren Ton dazwischen.
„... Aufgaben stellen,“ der dicke Hoshijenko tat, als wenn er nicht gehört hätte, „sondern werden mit der Ausarbeitung eines Leseplans beginnen. Was auch, wie ich vorschlagen möchte, die Tagesordnung unserer heutigen Versammlung bilden soll.“
„Ssoloveitschik! ... Und Ihre Arbeiter ... Werden Sie kommen? ...“
„Aber gewiß, ja!“ Ssoloveitschik schnellte aus seiner gebückten Stellung in die Höhe, als wenn ihn jemand gebissen hätte und sprang mit seiner Antwort zu Dubowa herüber. „Man ist sie schon holen gegangen.“
„Ssoloveitschik, regen Sie sich doch nicht jedesmal auf. Seien Sie doch ruhig,“ bemerkte Hoshijenko in strengem Ton.
„Sie kommen schon,“ rief Schawrow, der ernst und aufmerksam fast mit ehrfurchtsvoller Miene den Ausführungen Hoshijenkos zugehört hatte.
Hinter dem Fenster ertönte das Knarren der Pforte und gleich darauf wieder das heisere Bellen des Hundes.
Ssoloveitschik sprang impulsiv mit unverkennbarem Entzücken aus dem Zimmer.
„Sultan, ... still ...“ schrie er schrill von der Steintreppe herab.
Man hörte schwere Schritte, Stimmen und Husten.
Ein kleiner Student der technischen Hochschule, der Hoshijenko ziemlich ähnlich sah, nur daß er brünett und häßlich war, trat ein; hinter ihm kamen verwirrt und ungeschickt zwei Arbeiter. Ueber ihre schmutzigen roten Hemden hatten sie Jacken gezogen; ihre Hände sahen schon von weitem geschwärzt aus.
Der eine von ihnen war hoch gewachsen, hager mit bart- und blutlosem Gesicht, auf dem die langjährige Unterernährung, die ewige Sorge und der tief in die Seele eingepreßte Grimm unverwischbare Furchen gezogen hatten. Der andere sah wie ein Athlet aus, war breitschultrig, kraushaarig und schön; er machte den Eindruck eines Bauernburschen, der zum ersten Mal in die fremden städtischen Verhältnisse, in denen ihm zunächst noch alles lächerlich vorkommt, untergetaucht war. Hinter ihnen schlüpfte, sich mit der Seite voranschiebend, Ssoloveitschik durch.
„Meine Herrschaften, nun ...“ wollte er feierlich beginnen.
Wie gewöhnlich fiel ihm Hoshijenko nervös ins Wort:
„Aber lassen Sie doch!“ Dann fuhr er selbst fort: „Guten Abend, Genossen.“
Der Technologe übernahm sofort die Vorstellung: „Erlauben Sie, hier Piszow und dies Kudriawi.“
Schwer und vorsichtig schritten die beiden Arbeiter durch das Zimmer und schüttelten verlegen die Hände, die ihnen von den meisten Anwesenden mit besonderer Zuvorkommenheit entgegengereicht wurden.
Piszow, der Bauer, lächelte unentschlossen und Kudriawi — er war mager und blaß — machte mit dem langen, dünnen Hals Bewegungen, als wenn er an dem engen Hemdkragen ersticken müßte.
Dann setzten sie sich nebeneinander ans Fenster zu Karssawina, die auf dem Fensterbrett hockte.
„Aber warum ist denn Nikolajew nicht gekommen? ...“ fragte unzufrieden Hoshijenko.
„Nikolajew konnte nicht!“ antwortete zuvorkommend Piszow.
„Nikolajew ist besoffen wie ein Stint,“ fiel ihm düster und abgerissen Kudriawi ins Wort, wobei er eigentümlich nervös mit dem Hals zuckte.
„Ah so, ... so ...“ Hoshijenko nickte ungeschickt mit dem Kopf. Unwillkürlich erschien Jurii Swaroschitsch diese Bewegung widerwärtig, und von diesem Augenblick an sah er in dem Studenten seinen persönlichen Feind.
„Also wählte er den besseren Teil,“ bemerkte Iwanow in tiefem Nachdenken. Der Hund schlug im Hofe an.
„Noch einer,“ sagte Dubowa.
„Wenn nicht zu guter Letzt die Polizei ...“ meinte mit gemachter Nachlässigkeit Hoshijenko.
„Das würde Ihnen wohl ganz gut in den Kram passen, wenn es die Polizei wäre,“ versetzte sofort Dubowa.
Ssanin blickte auf ihre intelligenten Augen, die aus ihrem häßlichen Gesicht interessiert hervorsprangen. Sie nicht allein verfeinerten es; auch der helle Zopf, der über die Achsel auf dieBrust geworfen war, umrahmte es sehr niedlich von der Seite ... Welch ein famoses Mädchen, dachte Ssanin, ohne die Augen von ihr abzuwenden.
Ssoloveitschik wollte wieder in die Höhe fahren, erschrak aber rechtzeitig und tat, als ob er auf dem Tisch nach einer Zigarette suchte. Aber Hoshijenko, der wie gespitzt auf jede seiner Bewegungen zu lauern schien, hatte es auch diesmal wieder bemerkt und machte eine abweisende strenge Geste, durch die seine Antwort auf Dubowas Einwurf abgelenkt wurde. Ssoloveitschik klappte unter ihr plötzlich zusammen; ihm schien das Verständnis aufzudämmern, daß sein einfacher Wunsch, allen Menschen zu helfen und gefällig zu sein, bei weitem keine so schroffe Zurückweisung verdiente.
„Vielleicht kümmern Sie sich nicht in einem fort um Ssoloveitschik,“ rief Dubowa zu Hoshijenko herüber. „Seien Sie doch ruhig.“
Rasch und lärmend trat Nowikow ins Zimmer.
„Nun, da bin ich,“ bemerkte er mit freudigem Lächeln.
„Das konstatieren wir,“ Ssanin nickte ihm zu.
Nowikow lächelte verlegen und flüsterte ihm beim Händedruck eilig und wie zu seiner Rechtfertigung ins Ohr:
„Lydia Petrowna hat Besuch bekommen.“
„Na, sollen wir uns auch weiterhin mit Privat-Unterhaltungen unterhalten,“ fragte wütend der Technologe.
„Beginnen wir doch meinetwegen!“
„Hatten Sie denn noch garnicht begonnen?“erkundigte sich Nowikow erfreut, während er den Arbeitern, die eilig vor ihm aufgestanden waren, die Hände drückte.
Es war ihnen peinlich, daß ihnen der Arzt, der sie im Krankenhaus von oben herab behandelte, jetzt die Hand als Genosse reichte.
„Ja, mit Ihnen soll einer anfangen,“ zischte Hoshijenko unangenehm durch die Zähne. Dann fuhr er fort:
„Also, meine Herrschaften, uns allen wäre es natürlich erwünscht, unsere Weltanschauung zu erweitern. Da wir nun glauben, daß die beste Möglichkeit der Selbstentwickelung und Selbstbildung durch systematisches, gemeinsames Lesen und durch Gedankenaustausch über das Gelesene gegeben wird, so haben wir beschlossen, einen kleinen Zirkel zu bilden ...“
„So ...“ Piszow atmete begeistert auf und ließ seine freudig glänzenden Augen über alle Köpfe gleiten.
„Die Frage dreht sich nur noch darum, was wir jetzt lesen sollen. Vielleicht ist jemand bereit, ein Programm vorzuschlagen.“
Schawrow zupfte an seiner Brille herum, dann erhob er sich langsam, ein Heft in der Hand.
„Ich glaube,“ begann er mit trockener, langweiliger Stimme, „daß wir unser Lesen unbedingt in zwei Teile zerlegen müssen, wie? Es ist unzweifelhaft, daß sich jede Bildung aus zwei Teilen zusammensetzt, aus der Kenntnis des Lebens, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, und der Kenntnisse der Lebensvorgänge als solcher.“
„Schawrow spricht gescheiter,“ bemerkte Dubowa.
„Das erstere wird durch das Lesen von Büchern erreicht, die Naturwissenschaften zur Grundlage haben, das zweite durch Lektüre künstlerischer Literatur, und die wird uns mitten in das Leben einführen.“
Dubowa konnte nicht zur Ruhe kommen: „Wenn wir so langsam weitersprechen, schlafen wir alle ein.“ In ihren Augen leuchtete zärtlicher Spott wie ein lustiges Feuer auf.
„Ich bemühe mich, so zu sprechen, daß mich alle verstehen können, wie?“ erwiderte Schawrow sanftmütig.
„Nun, Gott mit Ihnen, sprechen Sie schon, wie Sie wollen.“ Dubowa machte eine wegwerfende Handbewegung. Auch Karssawina lachte zärtlich über Schawrow und warf vor Lachen den Kopf so weit in den Nacken zurück, daß sich ihr voller, weißer Hals zeigte.
„Ich habe ein Programm zusammengestellt, aber vielleicht würde es langweilig sein, es vorzulesen. Darum möchte ich zunächst vorschlagen — zu — lesen: Der Ursprung der Familie von Engels, und daneben: Darwin, und als Belletristisches: Tolstoi.“
„Tolstoi gewiß.“ Zum ersten Mal beteiligte sich von Deutz, der bis dahin, nur neugierig auf alles starrend, Zigaretten geraucht hatte, an der Diskussion. Auch jetzt zündete er sich, sehr befriedigt von seinem Einwurf, eine neue Zigarette an.
Schawrow wartete, Gott weiß warum, bis die Zigarette in Brand gesetzt war, dann fuhr er methodisch fort:
„Tschechow, Ibsen, Knut Hamsun ...“
„Aber das hat man doch schon längst gelesen!“ Karssawina war sehr erstaunt. Jurii lauschte mit Freude ihrer klingenden Stimme und schloß sich ihr sofort an:
„Selbstverständlich! Schawrow vergißt ganz, daß er hier nicht bei seinen Sonntagsvorlesungen ist. Und dann, was ist das für eine komische Zusammenstellung: Tolstoi und Hamsun.“
Schawrow führte ruhig und weitschweifig einige Einwände zur Verteidigung seines Programms an, aber keiner konnte verstehen, was er eigentlich sagen wollte.
„Nein,“ widersprach ihm Jurii laut und entschieden, während er den Blick Karssawinas ganz besonders auf sich ruhen fühlte und darüber froh wurde. „Ich kann da nicht zustimmen.“
Nunmehr entwickelte er seinen Standpunkt, und je länger er sprach, um so mehr gab er sich Mühe, Karssawinas Beifall zu erringen. Er spürte, daß es ihm gelang. Schonungslos schlug er auf Schawrow auch in solchen Punkten los, in denen er sonst mit ihm einverstanden gewesen wäre.
Der dicke Hoshijenko setzte sofort, nachdem Jurii geendet hatte, mit scharfem Widerspruch ein. Er hielt sich für gebildeter, intelligenter und vor allem für einen besseren Redner als die anderen, im Grunde hatte er diesen Zirkel nur gegründet, weil er hoffte, so eine erste Rolle zu spielen. Der Beifall, den Jurii fand, berührte ihn unangenehm und zwang ihn, sofort gegen ihn aufzutreten. Die Ansichten Juriis waren ihm vorher nicht bekannt gewesen, und er wardaher nicht fähig, sie in vollem Umfange zu bekämpfen. So griff er nur die schwachen Stellen heraus und stürzte bissig auf sie los. Ein langer Streit, von dem offenbar das Ende garnicht vorauszusehen war, schloß sich an. Der Technologe, Iwanow, Nowikow ergriffen ebenfalls das Wort; bald leuchteten durch den Tabaksrauch aufgeregte Gesichter. Die Worte verwickelten sich in ein unentwirrbares, formloses Chaos, in dem man fast nichts mehr herausfinden konnte.
Dubowa war in Nachdenken versunken; schweigend sah sie in das Feuer der Lampe und Karssawina, die auch auf nichts mehr hinhörte, öffnete ihr Fenster zum Vorgärtchen und starrte sinnend, die straffen Arme auf der Brust verschränkt, den vollen Nacken gegen den Fensterrahmen gelehnt, durch die nächtliche Finsternis.
Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber allmählich traten aus dem schwarzen Dunkel die trächtigen Bäume, der beleuchtete Vorgartenzaun und weiter hinten ein trüb schwankender Lichtfleck, der über das Gras auf den Fußpfad glitt, deutlich heraus. Der weiche, elastische Wind umgab ihr Schultern und Nacken mit kühlen Strichen, — leise bewegte er zarte, einzelne Härchen an ihrer Schläfe. Karssawina hob den Kopf und unterschied in der allmählich klarer werdenden Finsternis den unaufhörlichen, eigenartig gespannten Zug dunkler Wolken. Sie dachte über Jurii, über ihre Liebe nach und glückliche schwere Gedanken erfüllten mit liebkosender Erregung ihr Hirn. Es war so schön, hier zu sitzen, sich mit dem glühenden Körper der Nacht hinzugeben und dabei mit ganzem Herzen der einen aufreizendenMännerstimme zuzuhören, die für sie ganz besonders laut aus dem allgemeinen Gewirr herausklang.
Im Zimmer herrschte unterdessen ununterbrochenes Lärmen; es stellte sich immer klarer heraus, daß jeder einzelne sich für gebildeter und intelligenter hielt, und die anderen zu belehren suchte. Darin lag ein schwerer, aufpeitschender Vorwurf, der selbst die Friedfertigsten erbitterte.
„Ja, wenn wir es von der Seite nehmen, dann müssen wir auf den Urgrund aller Ideen zurückgehen.“ Jurii schrie es mit hartnäckiger Anstrengung, — einen gleichen hartnäckigen Glanz in den Augen. Er fürchtete, in Gegenwart Karssawinas, nur einen Schritt von seiner Meinung zurückweichen zu müssen. Er wußte nicht, daß sie ganz allein auf seine Stimme hörte, ohne auch nur einen Augenblick auf den Inhalt seiner Worte zu achten.
„Was sollen wir denn dann Ihrer Meinung nach lesen?“ fragte Hoshijenko spöttisch.
„Meiner nach? ... Nun, Confucius, das Evangelium, den Ecclesiast ...“
Hoshijenko lächelte schadenfroh; dachte aber garnicht daran, daß er bisher noch kein einziges dieser Bücher gelesen hatte.
„Aber was wollen Sie denn? ... Das geht doch nicht, wie?“ meinte Schawrow gedehnt.
„Die Psalter und das Leben der Heiligen ... nur los!“ bemerkte ironisch der Technologe.
„Wie in der Kirche,“ kicherte Piszow.
Jurii wurde vor Wut dunkelrot.
„Ich scherze nicht. Wollen Sie logisch sein ...“
„Und was erzählten Sie vorhin über Christus? ...“ fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort.
„Was ich gesagt habe? ... Wenn man an das Studium des Lebens herangeht, so, — — so will man sich eine bestimmte Weltanschauung bilden, um die gesamten Beziehungen zwischen sich und den Menschen zu klären. Dann ist doch wohl das Richtigste: zunächst hält man sich bei der titanischen Arbeit jener Menschen auf, die die besten Repräsentanten des Menschengeschlechts waren. Sie haben ja in ihrem eigenen Leben alles getan, um die verschiedensten Zusammenhänge in der menschlichen Gesellschaft von den einfachsten bis zu den kompliziertesten, zu prüfen und festzustellen.“
Hoshijenko, der die ganze Zeit über wie gespannt saß, fiel ihm jetzt gewaltsam ins Wort: „Bitte sehr, ich erkläre mich damit durchaus nicht einverstanden. Bitte, ich kann das unter keiner Bedingung zugeben.“ Nowikow überschrie ihn: „Aber ich bin ganz derselben Meinung. Sehr richtig war das.“
Wieder entstand ein sinnloser, brutaler Wirrwarr der Reden, in dem man weder Anfang noch Ende einer Ansicht herausfinden konnte.
Ssoloveitschik, der sofort, als die anderen zu sprechen begannen, sich schweigend in die Ecke gesetzt hatte, achtete intensiv auf jedes Wort. Zuerst lag auf seinem Gesicht ungeteilte Aufmerksamkeit, die in ihrem Ernst fast kindlich wirkte. Dann schärfte sich in seinen Mienen mehr und mehr der Zug voller Verständnislosigkeit und innigen Leides.
Ssanin schwieg, trank Tee und rauchte. Man konnte Aerger und Langeweile aus ihm herauslesen. Als nun gar gehässige Nuancen das wirre Geschrei durchtönten, erhob er sich, drückte seine Zigarette aus und sagte:
„Ja, wißt ihr, Herrschaften, eure Geschichte hier wird mit der Zeit langweilig.“
„Wirklich. Von ganzem Herzen langweilig,“ unterstützte ihn Dubowa.
„Oh Eitelkeit aller Eitelkeiten, Qual für den Geist!“ sprach Iwanow in einem Ton, als ob er diese Phrasen die ganze Zeit auf der Zunge gehabt und nur auf die Gelegenheit gewartet hätte, sie anzubringen.
„Und weshalb finden Sie das,“ fragte wütend der brünette Technologe.
Ssanin schenkte ihm keine Aufmerksamkeit und wendete sich an Jurii: „Glauben Sie ernsthaft, daß man sich nach irgend welchen Büchern eine gewisse Weltanschauung aufbauen könne?“
„Aber gewiß!“
„Ganz im Gegenteil. Wenn dem so wäre, müßte man ja die ganze Menschheit auf eine Form bringen können. Man brauchte ihr nur Bücher von einer Richtung zu lesen geben. Nein, die Weltanschauung wird nur vom Leben selbst gestaltet. In dem ist die Literatur und selbst das menschliche Denken ein verschwindender Teil. Die Weltanschauung ist keine Theorie des Lebens. — — Nein, gewiß nicht! Ganz allein die — nun, warten Sie, — die Stimmung der einzelnen Persönlichkeit. Und diese Stimmung wird so oft wechseln, solange der Mensch seine lebende Seele besitzt. Folglich kann es überhaupt nicht einesinguläre, abgeschlossene Weltanschauung geben, für die sie so energisch eintreten könnten.“
„Aber wieso denn nicht,“ rief Jurii empört. Wieder trat auf das Gesicht Ssanins der Ausdruck von Langeweile.
„Natürlich nicht. Wenn eine Weltanschauung als fertige Theorie möglich wäre, so müßte ja unser Denken völlig zum Stillstand kommen. Aber das gibt es ja garnicht. Jeder Augenblick unseres Daseins schreit uns sein neues, eigenes Wort ins Ohr und auf dieses Wort muß man hören, ohne sich vorher durch Begrenzungen festzulegen. — — Wozu übrigens darüber diskutieren,“ fiel er sich plötzlich, über seine Interessiertheit erstaunt, selbst in die Rede. „Denken Sie, was Sie wollen. Doch nur noch eins möchte ich Sie fragen. Warum haben Sie sich denn, — Sie haben doch wahrscheinlich schon hunderte von Büchern gelesen, vom Ecclesiast bis auf den Marx — noch keine Weltanschauung gebildet.“
„Ich hätte mir keine gebildet? ...“ Jurii fühlte sich tief verletzt. „Bitte, ich habe schon eine. Vielleicht ist sie falsch, aber feststehend ist sie.“
„Ja, was wollen Sie sich dann eigentlich hier noch anschaffen? ...“
Piszow kicherte. „Eh, du!“ herrschte ihn verachtungsvoll Kudriawi an, drohend den Hals anreckend.
Mit naivem Entzücken starrte Karssawina jetzt auf Ssanin, — — — wie klug er doch ist, dachte sie.
Sie verglich ihn mit Swaroschitsch; ihren ganzen Körper durchwühlte ein schamhaftes, frohesGefühl, das ihr aber nicht bewußt wurde. Als wenn sich diese beiden nicht aus allgemeinen Gründen stritten, sondern nur, um vor ihr zu glänzen.
„Also ... am letzten Ende zeigt sich ... Ihr habt euch hier alle ohne jede innere Notwendigkeit versammelt. Ich verstehe auch das! Es ist ganz klar. Einer will nur den andern zwingen, seine Ansichten anzuerkennen und anzunehmen; dabei fürchtet jeder, daß man ihn selbst überreden könnte. Offen gestanden, Herrschaften, das ist öde und platt.“
„Erlauben Sie mal,“ schrie Hoshijenko.
„Nein. Sie glauben hier die allerherrlichste Weltanschauung zu haben, sicher haben Sie auch in Ihrem Leben eine Menge von Büchern in der Hand gehabt. Und doch regen Sie sich darüber auf, daß nicht alle so denken, wie Sie. Außerdem verletzten Sie noch vorhin ein paar Mal den Genossen Ssoloveitschik, der Ihnen absolut nichts zuleide getan hatte.“
Hoshijenko schwieg verwundert, als ob ihm etwas ganz Unerhörtes gesagt worden wäre.
„Jurii Nikolajewitsch,“ fuhr Ssanin lustig fort, „seien Sie mir nicht böse, wenn ich Ihnen vorhin etwas derb gekommen bin. Ich sehe, daß in Ihnen tatsächlich ein Zwiespalt vorgeht.“
Jurii errötete; er war unsicher, ob er sich verletzt fühlen müsse oder nicht. „Wieso? ... Weshalb ein Zwiespalt? ...“ Ebenso wie auf dem Herwege berührte ihn auch jetzt die zärtliche, beruhigende Stimme Ssanins angenehm.
„Das wissen Sie doch selbst,“ erwiderte ihm Ssanin lächelnd. „Und auf dieses kindische Unternehmenhier, da, wirklich, da muß man einfach spucken; sonst läßt man es sich tatsächlich noch zu nahe gehen.“
„Hören Sie mal,“ schrie Hoshijenko wieder tief errötend. „Sie erlauben sich aber zu viel.“
„Weniger als Sie.“
„Was — als ich?“
„Denken Sie nur,“ sagte Ssanin lustig. „In jedem Ihrer gehässigen Worte liegt sicher viel mehr Grobheit und Taktlosigkeit, als in einem vergnügten von mir.“
„Ich verstehe Sie nicht!“
„Das ist nicht meine Schuld.“
„Was?“
Ohne zu antworten, nahm Ssanin den Hut und sagte: „Ich gehe fort. Das wird wirklich zu uninteressant.“
„Eine gute Tat. Und Bier gab es auch nicht mal,“ stimmte ihm Iwanow bei und ging ins Vorzimmer hinaus.
Dubowa stand ebenfalls auf: „Ja, aus der Sache wird wohl nichts werden.“
„Kommen Sie mit, Jurii Nikolajewitsch?“ wendete sich Karssawina an diesen. „Auf Wiedersehen,“ sie reichte Ssanin die Hand. Für eine Minute trafen sich ihre Blicke, unwillkürlich wurde sie betroffen.
Beim Fortgehen sagte Dubowa: „Der Zirkel ist verwelkt, bevor er geblüht hat.“
„Aber warum denn nur,“ fragte traurig und ratlos Ssoloveitschik, der allen wie ein Pfahl im Wege stand.
Erst in diesem Augenblick erinnerte man sichan ihn; der sonderbare Ausdruck seines Gesichts fiel ihnen auf.
„Hören Sie, Ssoloveitschik,“ sagte nachdenklich Ssanin. „Ich möchte einmal zu Ihnen kommen. Mich mit Ihnen ein bißchen persönlich unterhalten.“
„Ich bitte recht sehr ...“ Ssoloveitschik verbeugte sich hocherfreut.
Auf dem Hofe schien es nach der Helle des Zimmers so dunkel, daß man die Nebenstehenden garnicht bemerken konnte, man hörte nur laute Stimmen um sich.
Die Arbeiter gingen abseits von den anderen. Als sie schon in der Finsternis untergetaucht waren, sagte Piszow:
„So geht’s doch ein für alle Mal. Ich möchte mal sehn, ob’s nicht immer dasselbe ist. Da laufen die Herrschaftens nun zusammen und wollen ne Sache machen. Und was? ... Jeder will’s in seine Hände kriegen. Aber dieser gesunde Kerl da, der, der da immer zuletzt red’te, Donnerwetter, der macht Laune.“
„Na, du hast auch ’ne Ahnung, wenn gebildete Leute unter sich zu reden haben,“ erwiderte Kudriawi und drehte wieder seinen Hals als wenn er einen Erstickungsanfall bekäme. Seine Stimme war stumpf und erbittert.
Piszow pfiff selbstsicher und spöttisch.