XLII

— — — Herbst ... Schon Herbst ... Nun kommt der Winter, — schnell ... Wieder wird es Frühling werden, Sommer, wieder Herbst ... Winter, Frühling, Sommer ... Bis zum Ueberdruß der alte Gang! ... Und was werde ich in dieser Zeit anfangen? Das gleiche, wie jetzt!

Jurii lächelte bitter.

Im besten Fall werde ich ganz verblödet sein, werde über nichts mehr nachdenken! Und nachher kommt Alter und Tod!

Wieder zogen in endloser Reihenfolge Gedanken durch seinen Kopf: wie das Leben an ihmvorbeischlich, und daß es eigentlich gar kein hervorragendes Leben geben kann. Jedes Dasein, auch das der Größten quillt von Langeweile über, hat seine trübseligen Perioden, in denen es strichweis vorbereitet wird, in denen es zu freudlosem Ende kommt. Er erinnerte sich, wie er gewartet hatte, daß sich endlich etwas Neues, Umwälzendes ereignen würde und wie er alles, was er im Augenblick trieb, nur als interimistisch ansah, während sich dieses Vorübergehen in Wirklichkeit gleich einer Raupe auswuchs, neue und immer neue Ringe ansetzte. Nunmehr ließ sich deutlich erkennen, daß ihr grauer Schwanz dereinst im Alter und Tod verschwinden wird.

— — — Heldentaten! Alles Heldentaten! — — — Jurii preßte todestraurig die Hände zusammen. — Besser schon gleich zu enden und zu verschwinden, ohne Furcht und Qual! Nur darin kann noch ein Wert des Lebens liegen!

Tausende heroische Taten, eine grandioser als die andere, standen vor ihm auf; doch aus jeder starrte ihm ein Totenkopf entgegen.

Jurii schloß die Augen und sah ganz deutlich den kläglichen Petersburger Tagesanbruch, nasse Ziegelmauern, einen Galgen, der als farblose Silhouette am bläßlichen Himmel klebte ...

Oder ein bestialisches Gesicht, ein Revolverlauf an der Schläfe, Entsetzen, das gar nicht auszudenken sein scheint und das doch gedacht werden muß, der Knall des Schusses gerade ins Gesicht ...

Oder die Nagaiken schlagen über Kopf und Rücken ... über den entblößten Körper — —Auch damit würde ich rechnen müssen! — Oder würde es mir gleichgültig sein? — — —

Jurii ließ traurig die Hände fallen.

Die Heldentaten verblaßten, versanken und zerrannen im Nebel; an ihrer Stelle lugte die spöttische Fratze eigener Ohnmacht hervor und des klaren Bewußtseins, daß alle diese großartigen Träume nichts als Spielereien seines Hirns sind.

— — — Aus welchen Gründen soll ich meine Person in Schändung und Tod führen, nur damit die Arbeiter des zweiunddreißigsten Jahrhunderts keinen Mangel an Nahrung und Geschlechtsgenüssen leiden! Der Teufel möge sie doch holen, alle Arbeiter und Nichtarbeiter der ganzen Welt! ...

Und wieder fühlte Jurii die Aufwallung seiner lächerlichen, völlig gegenstandslosen Empörung. Der verzehrende Wunsch, etwas von sich abzuwälzen, abzuschütteln, peitschte ihn auf. Aber unsichtbare Krallen hielten ihn fest, und der kriechende Druck endgültiger Erschlaffung schlich immer näher an Hirn und Herz heran und hüllte den lebendigen Körper mit toter Gleichgültigkeit ein.

— — — Wenn mich nur irgend jemand niederschlagen wollte ... dachte Jurii schlaff, — unerwartet, von hinten, damit ich meinen Tod nicht bemerke. Pfui Teufel, was für Dummheiten mir in den Kopf kommen! Aber weshalb denn ein Fremder und ich nicht selbst? Bin ich denn wirklich ein solches Nichts, daß ich keine Kraft mehr finde, mir selbst das Leben zu nehmen, wenn ich das klare Bewußtsein habe, daß Lebennur Qual bringt? Früher oder später muß man sterben, ob man will oder nicht! Was ist das für eine Art ... wie mit Pfennigen daran herumzurechnen.

Aber jetzt drückte sich Jurii in Gedanken bis zur Erde nieder und sah sich selbst von oben herab mit verächtlichen Mienen und schmerzhaftem Spott an:

— — — Nein, warte nur, Bruder, das bringst du nicht fertig! Aufs Grübeln verstehst du dich gut; sobald es aber zur Tat kommt ... Nein, — brauchst dir nicht erst Mühe zu geben!

Eine leichte Kühle, neugierig und feige, drängte sich an Juriis Herz.

— — — Vielleicht doch noch einmal probieren, wie? Nicht im Ernst — so, zum Scherz! Nicht, um gleich ... sondern einfach so ... es wäre doch immerhin interessant! Er sagte es sich, gleichsam, als müßte er sich vor jemandem entschuldigen.

Im Augenblick, als er den Revolver aus dem Schubfach des Tisches nahm, überkam ihn unsinnige Scham; der Gedanke, daß Dubowa, Schawrow, Ssanin und an allererster Stelle Karssawina erfahren oder erraten könnten, was für kindische Experimente er mit sich anstellt, erschreckte ihn.

Verstohlen wie ein Dieb steckte er die Waffe in die Tasche und ging auf die Garten-Terrasse hinaus. Auf ihren Stufen lagen dürre, leichengelbe Blätter. Jurii berührte sie mit den Stiefelspitzen, lauschte dem schwachen Knistern und summte eine langgedehnte traurige Weise vor sich hin.

Ljalja, die mit Buch und Schirm vom Garten ins Haus ging, hörte ihn.

„Was für eine Melodie,“ fragte sie ihn. Sie war glücklich; sie war unten am Fluß mit Rjäsanzew zusammengetroffen und kehrte frisch und bewegt von seinen Küssen zurück. Niemand hinderte die beiden, sich, wo sie wollten, zu sehen, aber im Geheimen, in der Leere und dem Schweigen des alten Gartens lag das Eindringliche, wovon die Küsse krampfhafter wurden und in Ljalja neue Wünsche erweckten.

„Als wenn du deine Jugend zu Grabe trägst!“ fügte sie im Vorbeigehen hinzu.

„Dummheiten!“ erwiderte Jurii böse; von diesem Augenblick an fühlte er das Nahen eines Schicksals, das stärker war als er selbst ...

Wie ein Tier in Todesnot begann Jurii vorwärts zu laufen und einen Flecken für sich zu suchen. Im Hofe fand er ihn nicht; er mußte zum Fluß hinunter gehen, wo gelbe Blätter mit glänzenden Sommerfäden schwammen. Er warf einen dürren Zweig ins Wasser und schaute lange hin, wie über die Oberfläche rasch schwache Kreise liefen und die schwimmenden Blätter erzitterten. Dann schritt er wieder ins Haus, wo sich die letzten roten Blumen einsam und schwermütig wie roter Trauerschmuck von den zertretenen, vergilbten Beeten abhoben. Jurii stand hier eine Weile und schlenderte dann wieder ohne Grund in die Mitte des Gartens.

Auch dort war alles im Verfall; die Zweige traten wie schwarze Samtarabesken im goldenen Spitzennetz der Blätter hervor. Nur ein Baum war noch grün — die Eiche, die majestätisch ihreschönen Blätter trug. Auf einer Bank hinter der Eiche saß der mächtige Kater mit rotem Fell und wärmte sich an der Sonne.

Jurii streichelte traurig und zart den molligen Rücken und fühlte, daß ihm Tränen in die Kehle stiegen.

— — Das ganze Leben verloren, das ganze Leben verloren ... wiederholte er mechanisch Worte, die er selber sinnlos fand und die ihm dennoch mit feiner Schneide tief ins Herz hineindrangen.

— — — Aber das ist ja alles Unsinn! Ich habe noch mein ganzes Leben vor mir ... Ich bin doch erst sechsundzwanzig Jahre alt! rief er in Gedanken. Für eine Sekunde hatte er sich plötzlich von dem Nebel, wie eine Fliege aus dem Spinnennetz, freigemacht.

— — — Ach, es kommt ja gar nicht darauf an, ob ich sechsundzwanzig bin, nicht darauf, ob das ganze Leben vor mir liegt ... Aber was ist eigentlich der Kernpunkt. — — —

Plötzlich tauchte der Gedanke an Karssawina auf. Nach der widerwärtigen Szene von gestern konnten sie unmöglich noch zusammentreffen, doch ebenso undenkbar schien es ihm, sie nicht mehr zu sehen. Das war unmöglich. Er stellte sich ihre erste Begegnung vor, Selbstverachtung stieg betäubend in Kopf und Herz; von neuem schob sich der Gedanke, daß da der Tod das Beste sei, automatisch vor.

Der Kater bog den Rücken und knurrte rührend, so wie wenn der Samowar sein Lied zu summen beginnt. Jurii betrachtete ihn aufmerksam.Dann fing er an, vor ihm auf- und abzugehen.

— — — Vom Leben aufgefressen ... Langweilig, Elend — — Uebrigens, ich weiß nicht mehr, was ... Aber lieber der Tod, als sie nochmals zu sehen!

Nun schien sie für immer aus seinem Leben geschieden zu sein. Es war einmal ein Augenblick ergreifender, wilder Bewegung gewesen, weiblicher Nähe — — — Jetzt ist sie fort und kommt nicht mehr zurück.

Vor Jurii stand plötzlich der blasse kalte Tag seines zukünftigen Lebens; weder Licht noch Finsternis: leer, grau und schleichend, schleichend! ...

— — — Lieber Tod!

Mit schweren Schritten ging der Kutscher einen Eimer voll Wasser in der Hand, an ihm vorbei. Auch im Eimer schwammen die toten gelben Blätter.

Das Hausmädchen trat auf die Steinstufen der Terrasse, die durch die Zweige schimmerte, winkte Jurii und rief ihm etwas zu. Lange konnte er nicht verstehen, um was es sich handelte. Die Verbindung zwischen ihm und allem, was ihn umgab, begann zu reißen, sich aufzulösen. Mit jedem Augenblick wurde er, von außen nicht merklich, allem ferner und ferner, weil er sich von der ganzen Welt in die dunkle Tiefe seines einsamen Wesens zurückzog.

„Ach so, gut ...“ sagte er, als er endlich verstanden hatte, daß ihn das Hausmädchen zu Tisch rufen soll.

— — — Mittag essen? fragte er sich erschrocken. Mittag essen gehen! Also, alles wirdbeim alten bleiben ... Wieder leben, wieder jammern, wieder suchen, wie man die Geschichte mit Karssawina einrenken kann, einsam sein, mit meinen Gedanken, mit allem? ... Es muß bald geschehen, sonst ... zu Mittag essen gehen — — nachher habe ich keine Zeit mehr!

Eine eigentümliche Hast bemächtigte sich seiner, ein Zittern schüttelte seinen ganzen Körper, drang fein durch alle Gelenke hindurch, in die Brust, in die Arme, bis hinunter in die Füße. Dabei hatte er die Ueberzeugung, daß es doch zu nichts kommen würde, daß eben alles nur so. — — — Gleichzeitig damit aber prägte sich die Enge des Alltags noch schärfer aus und Töne des Entsetzens gellten in seinen Ohren. Das Hausmädchen stand, die Hände unter der weißen Schürze, auf der Terrasse, und ging nicht fort, sie wollte augenscheinlich noch ein paar Züge der herbstlichen Gartenluft mit hineinnehmen.

Jurii trat verstohlen unter die Eichen, damit er nicht von der Terrasse aus gesehen würde, und während er gleichzeitig auf das Stubenmädchen sah, ob sie nichts bemerke, drückte er den Revolver sehr rasch und unerwartet gegen die Brust ab. Versagt, — — — schwirrte es im selben Moment freudig durch seinen Kopf zusammen mit dem drängenden Verlangen, zu leben und der Furcht vor dem Tode. Jetzt sah er aber gerade über seinen Augen den Wipfel der Eiche, — den blauen Himmel und den rötlichen Kater, der mit ein paar Sätzen fortsprang.

Das Hausmädchen stürzte mit einem Schrei ins Haus und wie es Jurii vorkam, befanden sich auch sofort eine Menge von Menschen neben ihm.Jemand goß ihm kaltes Wasser auf den Kopf; auf seiner Stirn klebte ein gelbes Blatt, das ihn furchtbar störte. Aufgeregte Stimmen ertönten um ihn herum, jemand weinte und schrie:

„Jura, Jura, wozu ... wozu?“ — — —

— — — Da weint Ljalja, dachte er.

Im selben Augenblick öffnete er die Augen und begann in wilder tierischer Verzweiflung um sich zu schlagen und zu schreien: „Einen Arzt, ruft einen Arzt ... Schneller!“

Doch mit unglaublichem Entsetzen verstand er, daß alles zu Ende sei, und nichts mehr helfen kann. Die Blätter, die auf seiner Stirn lagen, wurden rasch schwer und drückten den Kopf zusammen. Jurii reckte den Hals, um noch etwas hindurchsehen zu können, aber die Blätter wuchsen immer schneller nach allen Richtungen und verdeckten alles.

Weiter verstand Jurii nichts mehr von dem, was in ihm vorging.

Wer Jurii Swaroschitsch gekannt und wer ihn nicht gekannt hatte, wer ihn liebte und wer ihn mißachtete, auch solche Menschen, die nie zuvor an ihn gedacht haben, — sie alle bedauerten ihn jetzt, als er gestorben war.

Niemand konnte begreifen, weshalb er sich das Leben genommen hatte, aber doch war jeder überzeugt, daß er ihn verstände und im Grunde seine Gedanken teile. Dieser Selbstmord machteeinen wunderbaren Eindruck, er schien schön und die Schönheit hatte Tränen, Blumen und prächtige Reden zur Folge.

Bei der Beerdigung waren die nächsten Angehörigen nicht zugegen, weil Juriis Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, und Ljalja seitdem keinen Augenblick von ihm wich.

Nur Rjäsanzew nahm teil; er leitete auch die Beisetzungszeremonie. Die Vereinsamung Juriis schien dadurch noch im Tode besonders hervorzutreten; sein Bild wuchs zu größerer Bedeutung, seine Person wurde noch erhabener, so daß die Trauer der Teilnehmenden sich nur noch mehr verstärkte.

Viele schöne herbstliche Blumen wurden ihm gebracht, und auf ihrer farbenhellen Unterlage sah Juriis Gesicht, das jetzt keine Spur der durchlebten Gedanken und Handlungen mehr trug, zum ersten Male beruhigt aus.

Als der Sarg an der Wohnung von Dubowa und Karssawina vorbei kam, traten beide aus dem Hause und schlossen sich dem Leichenzuge an. Karssawina sah so hilflos gebrochen aus, wie ein junges Weib, das man zur Schändung und Hinrichtung führt. Trotzdem sie wußte, daß Jurii alles, was sich zwischen ihr und Ssanin abgespielt hatte, unbekannt geblieben war, konnte sie sich nicht von dem Gedanken losreißen, daß zwischen seinem Selbstmord und dem „Geschehenen“ ein Zusammenhang bestände, der niemals zu enträtseln sein wird. Sie nahm die schwere Last einer geheimen Schuld auf sich; sie fühlte sich als das unglücklichste Geschöpf in der ganzen Welt. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint, dasBild des Toten umarmt und geliebkost, und, als sie am Morgen aufstand, floß sie in unaussprechlicher Liebe zu Swaroschitsch und Haß gegen Ssanin über.

Wie ein Alpdruck erschien ihr die zufällige Annäherung an ihn; aber noch abscheulicher dann der folgende Tag. Alles, was Ssanin zu ihr gesprochen und was sie ihm instinktiv geglaubt hatte, machte jetzt auf sie einen geradezu infamen Eindruck; sie war in einen so tiefen Abgrund geschleudert worden, daß es für sie keine Rückkehr mehr gab. Als Ssanin an sie herantrat, sah sie ihn mit einem Blick voll Entsetzen und Widerwillen an und wandte sich momentan ab.

Die eisige Berührung ihrer starren Finger in seiner Hand, die er zu einem festen freundlichen Druck ausgestreckt hatte, sagten ihm alles, was sie empfand und dachte; er verstand, daß er für sie von nun an stets ein Fremder bleiben wird. Sein Gesicht zuckte zusammen, er überlegte eine Weile, dann schloß er sich Iwanow an, der nachdenklich hinter allen mit seinen wehmütig herabhängenden gelben Haaren einherging.

„Höre nur, wie sich Pjotr Iliitsch ehrlich anstrengt,“ meinte Ssanin.

Weit voran, hinter dem schwankenden Deckel des Sarges, ertönten die hohen Noten des Trauergesanges, der Baß von Pjotr Iliitsch zitterte deutlich und schwermütig durch die Luft und verklang über den anderen Stimmen.

„Das Ganze ist einfach zum Staunen,“ sagte Iwanow. „Im Grunde war doch dieser Menschnur eine Kaulquabbe und doch ... sieh mal an!“

„Ich bin überzeugt, mein Lieber,“ erwiderte ihm Ssanin, „daß er drei Sekunden vor dem Schuß noch nicht gewußt hatte, daß er losknallen wird. Genau so wie er gelebt, so ist er auch gestorben!“

„Das ist ’ne Sache ... Aber, — seinen Platz hat er schließlich doch gefunden.“ Iwanow gab einem Gedanken Ausdruck, der allen anderen unverständlich war. Fast freute es ihn, weil er offenbar etwas aufgegriffen hatte, was ihm allein begreiflich blieb und nur ihn allein beruhigen konnte.

Auf dem Kirchhof war schon voll der Herbst gekommen; die Bäume standen da, wie von rotem und goldigem Regen begossen. Nur an einzelnen Stellen lugte noch grünes Gras unter der Schicht abgefallener Blätter hervor; auf den Wegen waren die Blätter vom Wind in dichte Haufen zusammengefegt, so daß gelbe Bäche über den ganzen Kirchhof zu fließen schienen. Weiß schimmerten die Kreuze, in weichem Schwarz und Grau standen Marmordenkmäler und goldig funkelten die Spitzen der Gitter. Den Herzen gab sich die unsichtbare aber trauervolle Gegenwart eines fremden Wesens kund, als wäre soeben erst, bevor die vielen Menschen kamen, welche die Ruhe verscheuchten, eine schwermütige Gestalt durch die Alleen gegangen, hätte an den Gräbern gesessen und ohne Tränen und Hoffnungen still für sich getrauert.

Die schwarze Erde hatte Jurii verschlungen und schloß sich wieder; um die Gruft drängten noch lange Menschen, spähten mit banger fragenderNeugierde in die Finsternis ihres Schicksals und sangen ernste Klagelieder.

In dem furchtbaren Augenblick, als der Deckel des Sarges aus dem Gesichtsfeld verschwand und sich für immer ewige Erde zwischen den Lebenden und dem Toten ausbreitete, schluchzte Karssawina gellend auf, und die hohe weibliche Stimme erhob sich im Weinen hoch über den stillen Kirchhof und den in Gram und Unruhe verstummten Menschen.

Karssawina nahm nicht mehr darauf Bedacht, daß die Leute ihr Geheimnis erraten könnten. Und es errieten auch alle. Aber das Grauen des Todes, der das Band zwischen dem in die Erde Gesenkten und dem weinenden jungen Mädchen, die ihm ihr ganzes Leben, ihre Jugend, ihre Schönheit geben wollte, zerschnitt, war so offensichtlich, daß niemand mit einem heimlichen Gedanken die unverhüllte Frauenseele zu verletzen wagte.

Nur noch tiefer senkten sich voll unbewußter Achtung und voller Mitleid die Köpfe.

Karssawina wurde fortgeführt, und ihr Schluchzen, das allmählich in ein stilles hoffnungsloses Wimmern übergegangen war, verhallte in der Ferne. Ueber der Gruft wuchs ein länglicher grüner Hügel auf, der unheimlich an den unter ihm verborgenen Körper erinnerte. Schnell überdeckte man ihn mit einer grünen Tanne, deren Zweige noch seine Seiten umschlossen.

Da geriet Schawrow in Eile. —

„Herrschaften, jetzt muß eine Rede kommen, ... Herrschaften, so geht es doch nicht, wie?“sprach er geschäftig und doch in auffallend klagendem Tone, bald zu einem, bald zum anderen.

„Bitten Sie doch Ssanin,“ schlug Iwanow hinterlistig vor.

Schawrow sah ihn erstaunt an, aber Iwanows Gesicht sah so treuherzig und offen aus, daß er ihm glaubte.

„Ssanin, Ssanin ... wo ist Ssanin, Herrschaften?“ er eilte und spähte mit seinen kurzsichtigen Blicken nach allen Seiten umher.

„Ah! Wladimir Petrowitsch ... reden Sie ein paar Worte ... so geht es doch nicht!“

„Reden Sie selbst, wenn Sie Lust haben,“ gab Ssanin verärgert zur Antwort, während er noch immer der verstummten Stimme Karssawinas nachlauschte. Er fühlte diese hohe, selbst im Weinen schöne Stimme noch immer in der Luft schweben.

„Wenn ich reden könnte, würde ich es gewiß tun ... Er war doch im Grunde genommen ein ganz bedeutender Mensch! — — — Nun, ich bitte Sie ... nur einige Worte!“

Ssanin sah ihm gerade ins Gesicht und rief ärgerlich: „Was ist hier viel zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf ärmer geworden, das ist alles!“

Seine scharfen lauten Worte schlugen mit überraschender Kraft und Deutlichkeit durch. Im ersten Augenblick standen alle wie erstarrt, doch ehe noch der größte Teil von ihnen zu einem Entschluß gekommen waren, ob man die Worte gehört haben sollte oder nicht, rief Dubowa mit zerrissener Stimme: „Das war niederträchtig gemein!“

„Warum?“ Ssanin drehte den Kopf und zuckte die Achseln.

Dubowa wollte noch etwas erwidern, doch einige Mädchen umringten sie. Alles kam in Bewegung. Unsichere, aber empörte Stimmen ertönten, rote aufgeregte Gesichter tauchten auf, und als ob ein Windzug in einen Haufen dürrer Blätter geschlagen hätte, so stieb die ganze Gesellschaft am Grabe auseinander. Schawrow war ebenfalls weggelaufen, kam aber wieder zurück. In einem getrennten Haufen gestikulierte Rjäsanzew in voller Empörung.

Ssanin bemerkte oberflächlich ein entrüstetes Gesicht mit Brille, das auf unbekannte Weise dicht unter seine Nase geraten war, sich aber völlig schweigsam verhielt, und wandte sich Iwanow zu.

Iwanow war verwirrt. Als er Schawrow gegen Ssanin aufhetzte, ahnte er, daß es zu einem Zwischenfall kommen würde, doch diese Erregung hatte er nicht vorausgesehen. Einerseits entzückte ihn das Ganze durch seine Schärfe, doch aber hatte er das unsichere Gefühl, sich in einer unbequemen Situation zu befinden.

Er wußte nicht, wie er sich jetzt äußern sollte und blickte daher unbestimmt über die Kreuze hinweg auf das weite Feld.

Schon längere Zeit hatte ein Gymnasiast vor seinen Augen gestanden, ohne daß er ihn bis dahin bemerkte; plötzlich wurde er wütend. Eine Minute lang blickte er dem Gymnasiasten mit kalten Augen gerade ins Gesicht.

„Wozu stehen Sie hier herum, — — vielleicht als Schmuck?“

Der Gymnasiast errötete: „Sehr witzig!“ antwortete er schließlich.

„Um den Witz handelt es sich nicht, sondern ... scheeren Sie sich gefälligst zum Teufel!“

In den Augen Iwanows zeigte sich so viel Wut, daß der Gymnasiast blaß wurde und unschlüssig auf die Seite trat.

Ssanin sah mit schwachem Lächeln zu. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung.

„Dummes Viehzeug!“ meinte er mit aufrichtiger Trauer, den Auseinandergehenden nachblickend.

Sogleich fühlte sich Iwanow beschämt, daß er über irgend etwas unschlüssig sein konnte; seine Züge beruhigten sich, er steckte seinen Stock hinter sich in den Boden, um sich darauf zu stützen und sagte:

„Laß sie zum Teufel gehen! Ziehen auch wir von dannen!“

„Schön, meinetwegen ...“

Sie gingen an Rjäsanzew vorbei, der sie feindselig anblickte, und dem Häuflein, das sich um ihn drängte, und schritten dem Ausgang zu. Aber schon von weitem merkte Ssanin eine Gruppe ihm wenig bekannter junger Leute, die sich wie eine Hammelherde mit den Köpfen nach innen aneinanderdrückten. In der Mitte stand Schawrow und sprach unter hastigen Bewegungen auf sie ein, verstummte aber, sobald er Ssanin erblickte. Alle Gesichter wandten sich diesem zu und auf allen lag ein eigentümlicher Ausdruck: eine Mischung edler Entrüstung, feuriger Empörung, kindischer Schüchternheit und naiver Neugierde.

„Da werden gegen dich Ränke geschmiedet,“ sagte Iwanow.

Ssanin wurde plötzlich finster, so daß selbst Iwanow erstaunte, als er den Ausdruck seines Gesichts erblickte. Als sich Schawrow von der Menge der Studenten und jungen Mädchen mit teils erschreckten, teils entzückten rosigen Gesichtern trennte und rot wie eine Rübe, die kurzsichtigen Augen zusammengekniffen, auf Ssanin zuschritt, erwartete ihn dieser in einer Haltung, wie wenn er jeden, der sich ihm näherte, niederschlagen wollte.

Schawrow schien es zu erwarten, denn er wurde blaß und blieb etwas entfernter, als nötig, vor Ssanin stehen. Die Studenten und die Mädchen drängten ihm, wie eine kleine Herde hinter dem Bock, nach.

„Wünschen Sie noch etwas?“ fragte Ssanin nicht laut.

„Wir? — — — Nichts,“ meinte Schawrow verwirrt. „Nur, — — — wir möchten Ihnen im Namen unserer ganzen Gruppe Genossen unsere Unzufriedenheit und ...“

„Daran liegt mir sehr wenig, an Ihrer Unzufriedenheit,“ stieß Ssanin durch die zusammengepreßten Zähne mit Mienen, die nichts Gutes verkündeten, hervor. „Sie haben mich gebeten, ich möchte über den verstorbenen Swaroschitsch etwas sagen, und weil ich das sagte, was ich für richtig halte, erklären Sie mir Ihre Unzufriedenheit. Meinetwegen ... Wenn Ihr nicht sentimentale dumme Jungen wäret, würde ich Euch auseinandersetzen, daß ich recht habe, daß Swaroschitsch in der Tat wie ein Dummkopf gelebt hat, sichmit Nichtigkeiten abquälte und den Tod eines Narren gestorben ist, aber ihr ... ich habe mit euch ja einfach eures Stumpfsinns, eurer Dummheit wegen nichts zu tun. Schert euch doch alle zum Teufel! Pack ich euch an? ... Weg!“

Und Ssanin ging, indem er die Menge, welche ihm den Weg verlegte, durchschritt, ohne umzuschauen, vorwärts.

„Stoßen Sie nicht!“ protestierte Schawrow, rot, fast heulend, mit einer Stimme, die wie Hahnenkrähen klang.

„Das ist geradezu empörend!“ begann jemand, brach aber gleich wieder ab.

Ssanin und Iwanow traten auf die Straße hinaus; beide schwiegen eine ganze Weile.

„Weshalb erbitterst du die Menschen so?“ sagte endlich Iwanow. „Demnach mußt du als ein ganz bösartiges Geschöpf bezeichnet werden.“

„Wenn es mit dir so ginge, wie mit mir, daß dir dein ganzes Leben lang diese freiheitsliebenden jungen Menschen ohne Unterbrechung vor die Füße laufen,“ antwortete er ernst, „so hättest du sie noch ganz anders angefaßt! ... Uebrigens, hol sie der Teufel!“

„Na, rege dich nicht auf, Freund!“ sagte Iwanow halb im Scherz, halb ernst, „weißt du was: wollen wir mal etwas Bier holen gehen und dann des nun verstorbenen Knecht Gottes Jurii Nikolajewitsch gedenken ... wie?“

„Schön, meinetwegen ...“ willigte Ssanin gleichgültig ein.

„Bis wir wiederkommen werden die andern schon fort sein,“ fuhr Iwanow lebhaft fort, „da werden wir gerade über dem Grabe für sein Heiltrinken können ... so, dem Toten als Ehrung und uns zum Vergnügen.“

„Meinetwegen.“

Als sie wieder auf den Kirchhof kamen, war kein Mensch mehr da. Die Kreuze und Denkmäler standen wie in Erwartung und drückten bewegungslos auf den gelbgewordenen Boden. Kein Lebewesen war zu sehen und zu hören; nur eine glitschige schwarze Schlange glitt rasch über den Pfad und rauschte im abgefallenen Laub.

„Ah, du Biest!“ rief Iwanow und schrak zusammen; vergebens schlug er mit dem Stock hinterher.

Am frischen Grab Juriis, wo es nach aufgerissener kalter Erde, nach verfaulten alten Blättern und der grünen Tanne roch, stapelten sie im Gras einen Haufen schwerer Bierflaschen auf.

„Weißt du was?“ sagte Ssanin, als sie eine Stunde später auf die dunkle Straße hinaustraten.

„Was denn?“

„Begleite mich zum Bahnhof, ich will von hier fort.“

Iwanow blieb stehen.

„Warum?“

„Mir wird es hier zu langweilig.“

„Hast wohl Angst gekriegt?“

„Nicht im geringsten. Möchte einfach weg von hier, weiter nichts.“

„Wozu denn das?“

„Mein Freund, stelle nicht erst dumme Fragen. Ich will, das ist alles ... Solange man die Menschen nicht kennt, glaubt man immer, sie würden einem doch noch etwas geben ... Es waren hier ein paar interessante Leute. Karssawina kam mir neu vor, Semionow war noch am Leben, Lyda hätte vielleicht einen anderen Weg gehen können ... Jetzt aber ist es langweilig. Alle fallen mir auf die Nerven. Genügt dir diese Erklärung nicht? Verstehst du, ich habe diese Leute solange es nur ging, ertragen; — — — länger kann ich’s nicht.“

Iwanow schaute ihn lange an.

„Nun schön, gehn wir also,“ sagte er, „du nimmst doch noch von deiner Familie Abschied, ja?“

„Ah, zum Teufel mit ihnen! Die sind mir am meisten über!“

„Aber deine Sachen mußt du doch mitnehmen?“

„Ich habe nur sehr wenig ... Geh du durch den Garten und ich laufe in mein Zimmer und reiche dir dann den Koffer zum Fenster raus. Sonst sehen sie’s, hängen sich mit Fragen an mich an, und was soll ich denn sagen, was trösten könnte?“

„So—o!“ Iwanow senkte für eine Minute den Blick und schlug verächtlich mit der Hand durch die Luft. „Für mich ist es recht traurig ... aber was liegt daran!“

„Fahre doch mit!“

„Wohin?“

„Das ist ja ganz egal. Das werden wir schon später merken.“

„Ich habe kein Geld.“

„Ich ebenso wenig!“ lachte Ssanin.

„Nein, fahr schon allein ... Am fünfzehnten fängt meine Schule an. So bleibt schon alles im alten Geleise!“

Ssanin schwieg und schaute Iwanow gerade in die Augen, und ebenso gerade blickte ihn Iwanow an. Doch mit einem Mal wurde es diesem peinlich zumute, er zog sich zusammen, als wenn ein Spiegel sein Gesicht als tierische Fratze zurückgeworfen hätte.

Ssanin wandte sich ab.

Sie gingen durch den Hof.

Ssanin trat in das Haus, Iwanow bog in den abendlichen Garten ein, wo ihn der Schatten des späten Herbstes und der Duft stiller Verwesung traurig umschloß. Ueber Gras und Büsche, begleitet vom Rauschen der Blätter und Aechzen der Zweige, kam er zum Fenster von Ssanins Zimmer. Es war offen und dunkel.

Ssanin war inzwischen durch den Saal gegangen; an der Balkontür, von wo er bekannte Stimmen hörte, blieb er stehen.

„Was willst du also von mir?“ klang die Stimme Lydas zu ihm herüber; er war von ihrem matten, gequälten Ton überrascht.

„Nichts will ich,“ erwiderte Nowikow, seine Stimme hörte sich offenbar gegen seinen Willen, mürrisch und verdrießlich an, „es kommt mir nur komisch vor, daß du die Sache so ansiehst, als wenn du mir ein Opfer bringst. Ich wollte doch ...“

„Schön,“ brach es aus Lyda heraus. Die kristallenen Töne naher Tränen drangen unerwartet durch die Stille der Abenddämmerung: „Nicht ich ... du bringst mir also das Opfer ... du! Ich weiß es! Was willst du also noch hören?“

Nowikow gab einen verwirrten und ratlosen „Hm“-Laut von sich; man konnte aber herausmerken, daß er sich Mühe gab, seine Ratlosigkeit zu verbergen.

„Wie wenig scheinst du mich zu verstehen! Ich liebe dich, und daher kann von einem Opfer keine Rede sein ... Aber wenn du selbst unser Zusammensein als ein Opfer von einem von uns beiden ansiehst, welch ein Leben soll dann für uns werden?“

Nowikows Stimme wurde fester und sicherer, fast froher, als hätte er jetzt das Wichtigste herausgefunden und wäre glücklich, Lyda überzeugen zu können.

„Du mußt es begreifen ... Wir können nur unter einer Bedingung zusammenleben: daß an kein Opfer, weder von deiner, noch von meiner Seite zu denken ist ... Eins von beiden: entweder wir lieben uns, und dann ist unsere Zusammengehörigkeit vernünftig und naturgemäß, oder wir lieben uns nicht, und dann ...“

Lyda schluchzte plötzlich auf.

„Was weinst du!“ fragte Nowikow erstaunt und erregt. „Ich verstehe dich nicht! Ich glaube, — — ich kann doch nichts Verletzendes gesagt haben ... Höre doch auf! Ich hatte uns beide ganz gleich im Auge ... Aber das ist doch zumTeufel! Was weinst du eigentlich! ... Man darf sich kein Wort erlauben —“

„Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ...“ Die gedrückte, bemitleidenswerte Stimme Lydas klang unsagbar traurig, voll unfaßbarer, ohnmächtiger Klage.

Ssanin machte eine verdrossene Miene und ging in sein Zimmer.

— — — Nun, Lyda ist wohl auch fertig! dachte er. Am Ende hätte sie besser getan, wenn sie damals ins Wasser gegangen wäre — — aber vielleicht kommt sie trotz allem noch in die Höhe ... Man kann es nie voraussehen!

Iwanow hörte hinter dem Fenster Ssanin etwas eilig zusammensuchen; dann raschelte er mit Papier und ließ etwas fallen.

„Bist du bald fertig?“ fragte er ungeduldig. Es war ihm langweilig und bedrückend, in der blassen Dämmerung des Herbstabends unter dem finsteren Fenster zu stehen, hinter sich den dunklen geheimnisvollen Garten. Das Rauschen erinnerte ihn an seinen Traum.

„Sofort,“ antwortete Ssanin so dicht am Fenster, daß Iwanow zusammenfuhr. Die Finsternis im Fenster geriet in Schwanken; dann hob sich von ihr der Handkoffer und das weiße Gesicht Ssanins ab.

„Halt fest!“

„Nun, gehn wir los!“

Sie schritten schnell durch den Garten.

Blasse Dämmerung und der feine kalte Geruch der abgekühlten Erde lag um ihnen. Die Bäume standen schon ziemlich kahl; alles machte einen ungeheuer leeren geräumigen Eindruck.Hinter dem Fluß erlosch allmählich die Abendröte, und das Wasser erglänzte einsam, vergessen und verlassen hinter dem Garten, der mit einem Mal ebenfalls für niemanden mehr von Interesse schien.

Als sie zum Bahnhof kamen, brannten schon Signalfeuer auf den unzähligen schwarzen Gleispaaren, und die Lokomotive eines abfahrtbereiten Zuges keuchte gleichmäßig und schwer. Menschen liefen umher, klappten mit den Türen, riefen einander an und schimpften mit herben, gehässigen Stimmen, gleichsam, als wären alle in trauriger Stimmung und suchten das unter der Maske der Gehässigkeit zu verbergen. Ein dunkler Haufen ratloser Bauern mit Bündeln beladen, drängte sich auf dem Bahnsteig.

Im Wartesaal tranken sich Ssanin und Iwanow noch einmal zu.

„Nun, Glück auf die Reise!“ wünschte Iwanow traurig.

„Ich habe immer gleiches Glück, Freund,“ lächelte Ssanin. „Ich verlange nichts vom Schicksal, ich erwarte auch nichts von ihm. Und das Ziel der Reise ist doch niemals glücklich. Alter und Tod, weiter bleibt nichts! ...“

Sie gingen zusammen auf den Bahnsteig und blieben vor dem Waggon stehen: „Na, Lebewohl!“

„Lebewohl!“

Es war beiden unerwartet, daß sie sich küßten.

Knirschend und zischend setzte sich der Zug in Bewegung.

„Ach, Bruder, wie lieb, wie lieb du mir geworden bist!“ rief plötzlich Iwanow Ssanin zu.„Der einzige wahre Mensch bist du für mich!“

„Und du bist der einzige, der mich gern hat,“ Ssanin lächelte, er sprang auf das Trittbrett eines vorbeirollenden Wagens.

„Abgefahren!“ rief er lustig. „Lebewohl!“

„Lebewohl!“

Schnell eilten die Wagen an Iwanow vorbei, als ob sie sich plötzlich verabredet hätten, von ihm fortzulaufen. In der Dunkelheit huschte die rote Laterne vorbei und strahlte lange, noch lange rot im Finstern, so daß sie sich garnicht zu entfernen schien.

Iwanow sah dem Zug nach; er fühlte sich traurig und niedergeschlagen. Unmutig schlenderte er durch die Straßen der Stadt und schaute auf die armseligen, kleinlichen Lichter.

— — — Sich bis zu Ende durchsaufen, was? fragte er sich, und das blasse, dürre Gespenst eines farb- und klanglosen Lebens trat mit ihm ins Wirtshaus ein.

In der Dunkelheit und Enge erstickten die Wagenlaternen, und zwischen schwankenden, rußigen Schatten und trüben Flecken Lichts krümmten sich zerknüllte müde Menschen.

Ssanin setzte sich neben drei Bauern.

Als er eintrat, unterhielten sie sich, und einer von ihnen, in der Dunkelheit kaum sichtbar, fragte gerade:

„Also meinst du, mit dem Land kommt nichts heraus?“

„Kann auch nichts herauskommen,“ antwortete mit hoher gebrochener Stimme ein alter zottiger Bauer, der neben Ssanin saß. „Die Gutsbesitzer haben ihr Eigenes im Auge, unsertwegen wollen sie nicht zum Teufel gehen. Da kann man erzählen, soviel man will; wenn es einem an den Leib geht, so wird am Ende der das Blut austrinken, der stärker ist!“

„Aber warum braucht ihr so lange zu warten?“ fragte Ssanin, der sofort verstanden hatte, um was sich das gierige, ekelhaft eintönige Gespräch drehte.

Der Alte wandte sich zu ihm und schlug die Arme auseinander.

„Was sollen wir tun? ...“

Ssanin stand auf und ging auf einen andern Platz. Er kannte diese Menschen zur Genüge, die wie Tiere lebten und dabei weder selbst zugrunde gehen, noch andere vernichten konnten. Sie lebten immer das viehische Leben fort in trüber Hoffnung auf ein Wunder, das niemals kommen wird und in dessen Erwartung Millionen ihresgleichen bereits gestorben sind.

Die Nacht verging. Alle schliefen und nur ein Kleinbürger im langen Rock zankte sich erbittert mit seiner Frau, die ängstlich schwieg und allein ihre erschrockenen Augen krampfhaft bewegte.

„Warte nur, du Aas, ich werde dir das noch beibringen!“ zischte der Mann wie eine mit dem Fuß getretene Schlange.

Ssanin war schon eingeschlummert, als dasleise Aechzen der Frau ihn aus dem Schlafe weckte. Der Kleinbürger zog rasch seine Hand zurück, doch Ssanin konnte noch bemerken, daß er die eine Brust der Frau um seine Finger drehte.

„Na, Brüderchen, du bist ein Biest!“ schrie er zornig.

Der Kleinbürger blieb erschrocken stumm und blickte ihn nur mit kleinen bösen Augen an.

Ssanin sah voll Ekel auf ihn hin, dann trat er auf die Plattform hinaus. Als er durch den Wagen ging, sah er eine Menge Menschen, die in dichtem Gedränge fast übereinander lagen. Bei dem blassen bläulichen Licht des kommenden Morgens, das durch die Fenster des Wagens eindrang, schienen ihre Gesichter wie tot, und nüchterne, traurige Schatten, die über sie glitten, gaben ihnen einen ohnmächtigen leidenden Ausdruck.

Auf der Plattform atmete Ssanin mit vollen Zügen die frische Morgenluft ein.

„Ein widerwärtiges Ding ist doch der Mensch!“ dachte er weniger, als daß er es mit seinem ganzen Körper fühlte. Und plötzlich brach in ihm das Verlangen durch, sich sofort, wenn auch nur für eine Zeit, von allen diesen Menschen, vom Zuge, von der stickigen Luft, vom Rauch und Gerassel freizumachen.

Die Morgenröte stieg schon deutlich am Horizont auf. Die letzten Schatten der Nacht verliefen, blaß und krank, spurlos in der blauen Finsternis, die sich weit in der Steppe auflöste.

Ohne sich lange zu besinnen, trat er auf das Trittbrett des Wagens, ließ seinen Koffer im Stich und sprang auf den Boden herab.

Mit Fauchen und Rasseln sauste der Zug neben ihm vorbei; der Boden glitt unter seinen Füßen hin, und er fiel auf den nassen Sand der Böschung. Die rote hintere Laterne war schon weit, als er sich erhob. Er lächelte sich selber zu.

„Auch das ist schön!“ rief er laut und stieß einen freien, gellen Schrei aus.

Weit und geräumig war es um ihn her. Das Gras, noch immer grün, breitete sich in einem endlosen, ebenen Feld nach allen Seiten aus und versank erst hinten in den fernen Morgennebeln.

Leicht atmete Ssanin auf und schaute mit frohen Augen in die unendliche Weite der Erde, als er mit großen, kräftigen Schritten in den lichten, freudigen Schein der Morgenröte hineinwanderte. Und als die erwachte Steppe in der grünen und blauen Ferne aufzuleuchten begann und vor seinen Augen die ungeheure Himmelswölbung auf sich lud, als gerade vor ihm die Sonne aufging, blitzend und funkensprühend, da schien es Ssanin, daß er ihrem Lichte entgegenschreite.

[1]Es ist das lokale Komitee der politischen Partei gemeint, zu der Jurii gehörte. Es galt als ein besonderes Verdienst, ihm anzugehören.

In Kürze erscheint im gleichen Verlage:M. ArtzibaschewMillionenund andere NovellenEin starker BandGeh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.50Tritt in Ssanin die Tendenz des Buches etwas zu sehr in den Vordergrund, so haben wir es hier in diesem Novellenbande mit novellistischen Meisterwerken zu tun, die Artzibaschew in die erste Reihe russischer Erzähler stellen.

In Kürze erscheint im gleichen Verlage:

M. Artzibaschew

Millionenund andere Novellen

Ein starker Band

Geh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.50

Tritt in Ssanin die Tendenz des Buches etwas zu sehr in den Vordergrund, so haben wir es hier in diesem Novellenbande mit novellistischen Meisterwerken zu tun, die Artzibaschew in die erste Reihe russischer Erzähler stellen.

Anna Croissant-RustWinkelquartettEine komische KleinstadtgeschichteGeh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—Gabriele Reuterschreibt über das Buch in einem 7spaltigen Feuilleton derNeuen Freien Pressein Wien vom 26. September 1908 unter dem Titel:„Eine moderne Humoristin“unter anderem:„Zu diesen Lebenshumoristen mit der großen, freien menschlichen Seele und dem Mut zu jeder Entdeckung hat sich nun doch eine Frau gesellt. Trotz aller gegenteiligen Theorieen, welche ihr die Existenz eigentlich verbieten, hat sie sich hingesetzt und ein Buch geschrieben,das zu den wenigen, wirklich guten humoristischen Romanen der Jetztzeitgehört. Die Frau heißtAnna Croissant-Rustund ihr Buch ist das Winkelquartett. „Anna Croissant-Rust?“ fragt manch ein Leser zögernd, „kenne ich den Namen? Erinnere mich nicht — wird wohl ein Erstlingswerk sein.“ Verzeihung — nein! Ein solches Buch schreibt man nicht, wenn man jung ist, schreibt man nicht als Erstlingswerk.Dazu ist diese Menschenschilderung viel zu reif, dazu ist die künstlerische Luft viel zu klarund herbe, trotz aller blitzenden Sonnenlichter, die in Stil und Darstellungsart hin und wieder spiegeln. So souverain gelassen sieht man die Welt nur in ersten Septembertagen, wenn die schwülen Sommergewitter vorübergerauscht sind und alle Bäume fruchtbeladen winken. — — (Nun folgt eine eingehende Analyse des Inhalts, voll größter Bewunderung über das Buch und zum Schluß fährt Gabriele Reuter fort):Das Winkelquartett ist eine so durch und durch originelle Schöpfung, daß es betrübend für das Urteil des Publikums wäre, wenn sie nicht die ihr gebührende Beachtung fände.“

Anna Croissant-Rust

Winkelquartett

Eine komische Kleinstadtgeschichte

Geh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—

Gabriele Reuterschreibt über das Buch in einem 7spaltigen Feuilleton derNeuen Freien Pressein Wien vom 26. September 1908 unter dem Titel:

„Eine moderne Humoristin“

unter anderem:

„Zu diesen Lebenshumoristen mit der großen, freien menschlichen Seele und dem Mut zu jeder Entdeckung hat sich nun doch eine Frau gesellt. Trotz aller gegenteiligen Theorieen, welche ihr die Existenz eigentlich verbieten, hat sie sich hingesetzt und ein Buch geschrieben,das zu den wenigen, wirklich guten humoristischen Romanen der Jetztzeitgehört. Die Frau heißtAnna Croissant-Rustund ihr Buch ist das Winkelquartett. „Anna Croissant-Rust?“ fragt manch ein Leser zögernd, „kenne ich den Namen? Erinnere mich nicht — wird wohl ein Erstlingswerk sein.“ Verzeihung — nein! Ein solches Buch schreibt man nicht, wenn man jung ist, schreibt man nicht als Erstlingswerk.Dazu ist diese Menschenschilderung viel zu reif, dazu ist die künstlerische Luft viel zu klarund herbe, trotz aller blitzenden Sonnenlichter, die in Stil und Darstellungsart hin und wieder spiegeln. So souverain gelassen sieht man die Welt nur in ersten Septembertagen, wenn die schwülen Sommergewitter vorübergerauscht sind und alle Bäume fruchtbeladen winken. — — (Nun folgt eine eingehende Analyse des Inhalts, voll größter Bewunderung über das Buch und zum Schluß fährt Gabriele Reuter fort):Das Winkelquartett ist eine so durch und durch originelle Schöpfung, daß es betrübend für das Urteil des Publikums wäre, wenn sie nicht die ihr gebührende Beachtung fände.“


Back to IndexNext