Ssoloveitschik stand noch ziemlich lange unbeweglich auf der Steintreppe und starrte in den sternenlosen Himmel; mechanisch rieb er die mageren Finger gegeneinander.
Der Wind bog hinter den schwarzen Scheunen und Schuppen, an deren Eisenpfosten er klirrte, die Wipfel der Bäume, die sich wie Gespenster lautlos drängten, hin und her; über ihnen zogen Wolken in furchtbarer Hast, wie von einer unwiderstehlich mächtigen Bewegung erfaßt, vorbei. Ihre schwarzen Massen bauten sich schweigend am Horizont auf, türmten sich in unerreichbare Höhen; plötzlich brachen sie weit in der Ferne in einem jähen Abgrund nieder. Man hätte glauben können, daß ihre unübersehbaren Regimenter hinter dem weiten Rand der Erde ungeduldig warteten und eins nach dem andern mit wehenden, dumpf grauen Fahnen in eine phantastische Schlacht zöge. Ab und zu dröhnte mit dem ruhelosen Wind das Tosen und Wuchten ihres Kampfes herüber.
Mit kindlicher Furcht blickte Ssoloveitschik hinauf; niemals früher hatte er so stark als in dieser Nacht empfunden, wie klein und ohnmächtig, fast garnicht existierend er sich inmitten dieses grandiosen, sich verschlingenden Chaos ausnahm.
„— — — Oh Gott, Gott,“ seufzte er und sein Herz krümmte sich vor Trauer.
Angesichts des Himmels und der tiefen Nachtwar er nicht mehr derselbe wie unter den Augen der Menschen. Die hastige Gefälligkeit der verzerrten Bewegungen war in irgend eine Tiefe versunken, die häßlichen Zähne, die den Eindruck eines fletschenden alten Köters hervorriefen, verbargen sich hinter den dünnen Lippen eines jungen Juden; seine schwarzen Augen blickten traurig und ernst.
Langsam ging er ins Zimmer zurück, löschte eine überflüssige Lampe aus, rückte ungeschickt den Tisch an seinen alten Platz und setzte die Stühle mit peinlicher Mühe zurecht. Durch die Zimmer zogen noch immer Schwalme dünnen Tabaksrauches, auf dem Boden lag viel Schmutz, zertretene Zigarettenstummel und abgebrannte Streichhölzer.
Ssoloveitschik holte den Besen und fegte das Zimmer aus. Wie immer bemühte er sich, den Ort, wo er wohnte, mit einer seltsamen, nachdenklichen Liebe so schön und gemütlich als möglich zu machen. Dann brachte er aus der Kammer einen alten Eimer mit Schmutzwasser, krümelte noch Brod hinein und ging über den dunklen Hof, wobei er, um das Gleichgewicht zu halten, gezwungen war, den ganzen Körper auszurecken, die Füße in trippelnden Schritten voreinanderzusetzen und mit dem freien Arm hin und herzuschlenkern.
Um sich ein wenig Licht zu schaffen, hatte er die Lampe auf das Fensterbrett gestellt; dennoch war es im Hof dunkel und bänglich. Ssoloveitschik war froh, als er an der Hütte Sultans angelangt war.
Der zottige Hund kroch ihm keuchend entgegenund rasselte traurig mit der eisernen Kette.
„Ah Sultan, still,“ schrie Ssoloveitschik, um sich an seiner eigenen lauten Stimme zu beruhigen. In der Finsternis stieß ihn der Hund mit der nassen, kalten Schnauze an die Hand.
„Hier, hier,“ Ssoloveitschik stellte den Eimer nieder.
Sultan glubschte und prustete im Eimer und Ssoloveitschik stand neben ihm; er lächelte traurig in die Finsternis hinein.
— — — Was kann ich tun, dachte er, kann ich denn die Menschen zwingen, anders zu denken, als sie Lust haben? Ich hatte selbst geglaubt, von ihnen zu hören, wie man leben und denken soll. Gott gab mir keine Prophetenstimme ... Was muß ich also tun ...
Sultan knurrte freundlich.
„Friß schon, friß, ... ja, ja, ist ja gut ... Ich möchte dich schon von der Kette losmachen, damit du ein bißchen herumlaufen kannst, aber ich habe keinen Schlüssel. So bin ich zu schwach.“
— — — Was für kluge, wunderbare Menschen das sind ... Und wieviel sie wissen ... Und dennoch ... Oder vielleicht bin ich selbst schuld. Ich müßte ein einziges Wort sagen. Und doch, ... dieses Wort fand ich nicht. — —
Fern hinter der Stadt erklang ein gedehntes trübseliges Pfeifen. Sultan hob den Kopf und lauschte. Man konnte hören, wie von seiner Schnauze schwere Tropfen klingend in den Eimer fielen.
„Aber friß doch weiter, da pfeift der Zug ...“
Sultan seufzte schwer.
— — — Und werden einmal die Menschenso leben können ... oder vielleicht können sie es garnicht. — — — Ssoloveitschik sprach diesen letzten Satz laut in die Luft.
Ein endloses Menschenheer, das aus der Finsternis heraufstieg und wieder in sie hineinwallte, schob sich plötzlich an seinen Augen vorüber. Eine Reihe von Jahrhunderten ohne Anfang und Ende, eine Kette von Leiden ohne Lichtstrahl, ohne Sinn, ohne Erlösung ... Und oben, wo Gott thront, herrscht ewiges Schweigen. — — —
Sultan klapperte mit dem leeren Eimer, stieß ihn um und wedelte unter schwachem Kettengeklirr mit dem Schwanz.
„Nu, ... hast du gefressen, ... nu ...“
Ssoloveitschik streichelte den rauhen Rücken, fühlte einen Augenblick an der Hand den lebendigen, sich zärtlich biegenden Körper und ging ins Haus.
Weit hinter ihm klirrte Sultan mit der Kette; auf dem Hof war es etwas heller, aber gerade dagegen erschien das alte, schwarze Gebäude der Mühle mit dem zum Himmel ragenden Schornstein und dem schmalen, sargartigen Schuppen noch dunkler und furchtbarer. Ein schmaler Lichtstreifen schob sich vom Fenster durch das Vorgärtchen. Schwankende Köpfe zarter Blumen hoben sich von ihm ab, bewegten sich unter dem schwarzen Himmel, der seine grauen Fahnen unendlich entfaltet hatte, geängstigt hin und her, als wenn sie die dumpfe Ahnung des Sterbens heranschleichen fühlten.
Ssoloveitschik ging ins Zimmer; er war von der erdrückenden Trauer, etwas unwiderbringlich verloren zu haben und jetzt ganz einsam zu sein,durchdrungen. Er setzte sich an den Tisch und begann langsam und schwer zu weinen.
Gewaltsam waren den müden Sinnen immer neue Genüsse abgetrotzt worden und doch reagierte der Körper, den die Ausschweifungen bis zu Schmerzen gepeinigt hatten, immer von neuem auf die eine Tatsache: Weib! ...
Das Weib stand vor Woloschin nur nackt, stets zugänglich; in jedem Augenblick seines Lebens setzten Frauenkleider, die sich vollen, biegsamen Figuren eng anschmiegten, seine Nerven in Spannung, bis seine Knie scharf erzitterten und alle Muskeln an ihm zerrten.
In Petersburg hatte er einen ganzen Haufen luxuriöser und gutgepflegter Weiber zurückgelassen, die in jeder Nacht seinen Körper mit den raffiniertesten Perversitäten aufpeitschten. Am Tage lag in seinen Händen die Leitung eines wichtigen, umfangreichen Werkes, von dem die Existenz vieler Menschen, die für ihn arbeiten mußten, abhängig war; doch sobald er es gegen Abend verließ, stürzten sich alle seine Gedanken auf das eine Ziel: Weib! ...
Als er wenige Tage zuvor von Petersburg abgereist, weil in seiner Fabrik ein umfangreicher Streik eingesetzt hatte, entstanden vor seinen Augen welke Träume von blutjungen, unberührten Frauen kleiner Provinznester. Er stellte sie sich scheu und ängstlich, saftig wie Waldpilzchenvor, und schon von der Ferne her sog er gierig ihren aufreizenden Duft von Jugendfrische und Reinheit in sich ein.
Nachdem er die Verbindungen mit den hungrigen, schmutzigen und innerlich erbitterten Leuten frei zerrissen hatte, erfrischte er seinen bleichsüchtigen, zermürbten Körper mit Parfüms und der schneeweißen Sauberkeit eines hellen Kostüms, nahm eine Droschke und fuhr zu Sarudin. Auf dem Wege zu ihm zitterte er fast vor Ungeduld, obgleich ihn seine Gesellschaft eigentlich chokierte.
Der Offizier saß am Fenster zum Garten, trank kalten Tee und bemühte sich, in bessere Stimmung zu kommen.
... Ein sehr schöner Abend, wiederholte er sich mechanisch, aber er konnte seine Gedanken nicht an diesen einfachen Phrasen festhalten; er war mit sich selbst unzufrieden; er schämte sich.
Er fürchtete Lyda. Seit dem Tage ihrer Auseinandersetzung hatte er sie nicht mehr gesehen. Sie stand jetzt ganz anders vor seinen Augen, als in der Zeit ihrer Hingabe.
... Wie dem auch sein mag; die Sache ist sicher noch nicht zu Ende. Man muß auf irgend eine Weise das Kind los werden. Oder ... sollte man einfach darauf spucken? ...
... Was mag sie jetzt tun? ... Vor ihm tauchte das hübsche Gesicht des Mädchens auf, aber mit drohendem, rachsüchtigem Ausdruck, mit festzusammengepreßten Lippen und seinen rätselhaften Augen.
... Und wenn sie mir hier einen Tanz aufführen wird. — So Eine, wie sie, läßt die Geschichtenicht ruhig ablaufen ... Ich müßte doch eigentlich etwas ...
Das Gespenst eines entsetzlichen Skandals, der sich in seiner Form noch gar nicht voraussehen ließ, tauchte vor ihm auf; sein Herz begann feige schneller zu schlagen.
... Aber am Ende, fragte er sich immer, was kann sie denn schließlich tun ... Nichts! ... Dann erhellte sich etwas in seinem Hirn, alles wurde klar und einfach, und er war zuletzt überzeugt, daß nichts passieren würde.
... Sie ersäuft sich? ... Nun, mag sie der Teufel holen ... Ich habe sie auch nicht mit Gewalt zu mir hergeschleppt. Sie sagt, daß sie nicht meine Geliebte war ... Was bedeutet das viel? ... Das Ganze zeigt doch nur, daß ich ein hübscher Kerl bin. Daß ich sie heiraten werde, habe ich niemals versprochen.
... Sonderbar, bei Gott! ... Sarudin zuckte mit den Achseln; wieder legte sich in diesem Moment der trübe, bange Druck in seine Seele ... Aber doch, auf jeden Fall gibt’s Klatschereien, ... ich werde mich schon nirgends mehr zeigen dürfen ... Ein wenig zitternd führte seine Hand das Glas mit kaltem Tee zum Mund.
Er war ebenso reinlich und hübsch wie immer, aber zumute war ihm, als wenn auf ihm, auf seiner ganzen Persönlichkeit, auf dem Gesicht, dem schneeweißen Kittel, den Händen, ja selbst auf dem Herzen ein schmutziger Fleck läge, der langsam weiter um sich frißt.
... Eh, das geht schon mit der Zeit vorüber, ist ja nicht das erste Mal, tröstete er sich. Dochin seinem Innern wollte sich das unbekannte Gefühl nicht damit beruhigen lassen.
Woloschin trat ein, scharrte mit den Stiefelsohlen und zeigte nachsichtig die kleinen Zähne in einem zufriedenen Lächeln. Mit einem Mal erfüllte sich das ganze Zimmer mit dem Geruch von Parfüms, Tabak und Moschus, der den Duft des grünen Gartens und der Kühle ablöste.
„Ah, Pawl Lwowitsch,“ Sarudin erschrak etwas.
Woloschin begrüßte ihn, setzte sich ebenfalls ans Fenster und zündete eine Zigarre an. In Sarudins Augen schien er so selbstsicher, so elegant, daß dieser leichten Neid darüber empfand. Aus allen Kräften bemühte er sich, ein ebenso sorgloses und keckes Aussehen zu gewinnen. Aber seine Augen liefen die ganze Zeit ruhelos umher. Seitdem ihm Lyda das Wort Rindvieh ins Gesicht geschleudert hatte, kam es ihm vor, daß jeder Mensch davon wüßte und innerlich über ihn spottete.
Mit Lächeln und alten, aber ungeschickten Witzen begann Woloschin über Kleinigkeiten zu schwätzen, doch wurde es ihm schwer, den Ton aufrecht zu halten; das ungeduldige Verlangen nach dem WorteWeibpreßte sich bald durch alle seine Witze, die Erzählungen von Petersburg und den Streik in seiner Fabrik.
Er wollte die Pause, die durch das Anrauchen einer neuen Zigarre entstanden war, ausnutzen, schwieg aber noch eine Weile und blickte Sarudin zunächst nur ausdrucksvoll ins Gesicht.
Etwas Schlüpfrig-Schamloses glitt aus seinem Blick in die Augen des Offiziers herüber,und dieser verstand ihn sofort. Woloschin rückte sein Pincenez zurecht und lächelte weiter. Sofort spiegelte sich dieses Lächeln auf dem hübschen Gesicht Sarudins wieder; doch dadurch nahm es einen frechen Ausdruck an.
„Sie verlieren hier Ihre Zeit wohl auch nicht,“ fragte Woloschin, ein Auge listig und bestimmt zusammenkneifend.
Sarudin antwortete mit einer prahlerisch wegwerfenden Bewegung der Schultern:
„Das ist so schon Sitte. Was sollte man hier auch anderes tun.“
Sie lachten und schwiegen. Woloschin erwartete gierig Details; unter seinem linken Knie zog sich krampfhaft eine kleine Ader an. Aber Sarudin dachte wiederum nicht mehr an die Einzelheiten, die Woloschin meinte, sondern an all das, was ihn seit Tagen quälte.
Er wandte sich ein wenig zum Garten hinaus und trommelte mit seinen Fingern unruhig auf dem Fensterbrett.
Der Besuch wartete schweigend, und Sarudin empfand die Notwendigkeit, wieder in den eingeschlagenen Ton hineinzukommen.
„Ich weiß,“ begann er mit gemachter Selbstsicherheit. „Ihr von der Hauptstadt meint, die hiesigen Frauen hätten was Besonderes. Aber ihr irrt euch gewaltig. Allerdings die haben Frische, doch dafür fehlt ihnen die Eleganz, ... wie sollte ich es sagen ... nun — die Kunst, zu lieben.“
Woloschin bebte im Augenblick. Seine Stimme nahm einen anderen Klang an:
„Ja, allerdings ... Aber auch das wirdschließlich langweilig. Unsere Damen aus Petersburg haben keinen Körper, verstehen Sie ... Das sind Nervenknäuel, und weiter nichts, während hier ...“
„Das ist schon wahr,“ gab Sarudin zu. Unmerklich wurde er aufgeheitert, behaglich drehte er seinen Schnurrbart.
„Ziehen Sie der elegantesten Hauptstädterin das Korsett vom Leibe und Sie sehen dort ... Halt, hier haben Sie’s ... Kennen Sie den neuesten Witz? ...“
„Welchen. Ich kenne ihn gewiß noch nicht.“ Sarudin beugte sich mit entflammtem Interesse vornüber.
„So ... er ist recht bezeichnend. Eine Pariser Kokotte ...“ und Woloschin erzählte ausführlich und kunstgerecht eine raffiniert schamlose Geschichte, in der gemeine Gier und magere Frauenbrüste zu einem so berückenden und benebelnden Bild ineinandergriffen, daß Sarudin nervös zu lachen und sich hin- und herzuwerfen begann, als wenn er am Spieße steckte.
„Ja, das Allerwichtigste bei den Weibern sind die Brüste. Eine Frau mit mangelhafter Büste existiert einfach nicht für mich,“ schloß Woloschin und klappte seine Augen, die sich mit einer weißen Hülle zu überziehen schienen, nach oben.
Sarudin kam Lydas Brust in Erinnerung, zart, hell, rosig, mit elastischen Wölbungen, die wie Trauben einer unbekannten herrlichen Frucht aussahen. Er erinnerte sich, wie sie stets danach lechzte, daß er ihre Brust küßte. Plötzlich wurde es ihm peinlich, mit Woloschin weiter darüber zusprechen, gleichzeitig auch schmerzlich zumute, daß nunmehr alles vorbei war und nicht zurückkehren würde.
Doch überzeugt, daß dieses Gefühl eines Mannes und Offiziers unwürdig sei, erwiderte er gleich darauf mit unnatürlicher Uebertreibung:
„Jeder hat seinen Gott! Für mich ist an der Frau der Rücken, wissen Sie, so — seine Biegung das Wichtigste.“
„Ja,“ meinte nervös gedehnt Woloschin, „bei einigen Frauen, besonders bei sehr jungen ...“
Der Bursche, der die Lampe anstecken wollte, trampelte mit seinen plumpen Kommißstiefeln herein. Solange er sich am Tische zu schaffen machte, mit dem Zylinder klirrte und Streichhölzer anrieb, schwiegen Woloschin und Sarudin; bei dem aufflammenden Lampenlicht sah man nur ihre glänzenden Augen und die krankhaft aufzuckenden Zigarettenfeuer.
Nachdem er fortgegangen war, griffen sie sofort wieder dasselbe Thema auf; das Wort Weib hing nackt und schamlos, zu perversen, fast sinnlosen Formen ausgezogen, in der Luft. Die Renommiersucht des Männchens packte Sarudin. Das unerträgliche Verlangen, Woloschin zu überbieten, riß ihn fort; um sich zu rühmen, welch prachtvolles Frauenzimmer ihm gehört hatte, fing er an von Lyda zu sprechen und enthüllte mit jedem Wort die geheimen Quellen seiner Lust mehr und mehr. In völliger Nacktheit stand Lyda vor Woloschins Augen; in den süßesten Geheimnissen ihres Körpers und ihrer Leidenschaften entblößt, wie ein Vieh, das zum Markt getrieben und durch den Dreck geschleift wird. Die Gedanken dieserMänner krochen über sie dahin, beleckten sie, kneteten ihren Körper, ihre Triebe, verspotteten sie nach ihren augenblicklichen Gelüsten; stinkendes Gift troff auf dieses herrliche Mädchen, das nichts gewollt hatte, als Lust und Liebe zu verschenken. Sie liebten die Frauen nicht, dankten ihnen nicht für die gereichte Gunst; alles spornte sie an, sie zu demütigen und zu verletzen, ihnen den infamsten und unerträglichsten Schmerz zuzufügen.
Im Zimmer wurde es dumpf und raucherfüllt. Ihre verschwitzten Körper dünsteten schwer und ungesund aus, die Augen glitzten trüb, ihre Stimmen klangen abgebrochen, gedämpft, wie das Scharren wildgewordener Tiere. Hinter dem Fenster erhob sich auf leisen Sohlen die Mondnacht; aber die ganze Welt mit allen Farben, Tönen und Reichtümern war irgendwohin verschwunden, in der Erde versunken. Allein das nackte Weib blieb vor ihren Augen. Bald zwängten sich diese Bilder so gewaltsam in ihre Einbildung, daß es ihnen unumgänglich notwendig schien, diese Lyda zu sehen, die sie schon nicht mehr Lyda oder gar Lydia, sondern kurzweg Lydka nannten.
Sarudin ließ eine Droschke rufen, und sie fuhren nach einem gewissen Stadtviertel.
Ein Brief, den Lydia Ssanina am nächsten Tage von Sarudin erhielt, kam Maria Iwanownain die Hände, weil ihn das Stubenmädchen auf dem Küchentisch hatte liegen lassen. Unter undeutlichen ungeschickten Anspielungen, daß sich immer noch vieles ändern ließe, bat der Offizier darin um die Erlaubnis, sie zu sehen.
Aus den Seiten dieses Briefes schien Maria Iwanowna ein unheimlicher Schatten beschmutzend auf das Bild ihrer Tochter, das sie nur umgeben von reiner, heiliger Zärtlichkeit kannte, zu fallen. Ihr erstes Gefühl war kummervolle Ratlosigkeit. Dann stiegen Erinnerungen an die eigene Jugend, an Liebe und Enttäuschungen, vor ihr auf; sie gedachte der schweren Schicksalsschläge, die sie in der Zeit ihres Ehelebens durchgemacht hatte. Ein langes Band von Leiden, die durch ein fest geregeltes Leben ineinander verwebt worden waren, reichte bis an ihr Alter heran. Es war ein grauer Streifen mit trüben Flecken von Kummer und Langeweile, mit den abgerissenen Rändern gezähmter Wünsche und Träume; in ihrer Vorstellung rollte er sich als eine lebende Reihe gleichgültiger Tage auf.
Bei dem Gedanken jedoch, daß ihre Tochter die tönerne Wand dieses grauen, verstaubten Lebens durchbrochen haben könnte und vielleicht schon in den hellen Strudel geraten war, wo Lust und Glück chaotisch mit Schmerz und Tod zusammenbranden, ergriff die alte Frau Entsetzen.
Sehr bald löste es sich in Zornauf. Wenn es in diesem Augenblick möglich gewesen wäre, hätte sie Lyda am Halse gepackt, zu Boden niedergedrückt, mit Gewalt in den engen Gang ihres eigenen Lebens gezogen, von dem in die sonnige Welt nur gefahrlose, winzige Fensterlein eisenvergittertführten, um sie von neuem zu zwingen, den gleichen Weg herunter zu laufen, den sie einst hatte gehen müssen.
... Garstiges, abscheuliches Mädchen, dachte Maria Iwanowna, während ihre Hände verzweifelt auf die Kniee sanken. Doch der Gedanke, daß ja alles nicht über eine gewisse ungefährliche Grenze hinausgegangen sein konnte, beruhigte sie ein wenig. Ihr Gesicht wurde stumpf. Sie begann den Zettel wieder und wieder zu lesen; es gelang ihr aber nicht, aus dem gemacht kühlen Styl etwas Bestimmtes herauszulesen. Da weinte die alte Frau bitterlich im Gefühl ihrer Ohnmacht, rückte ihre Haube zurecht und fragte das Hausmädchen:
„Dunka, ist Wladimir Petrowitsch in seinem Zimmer?“
„Was? ...“
„Dumme Gans, ich frage, ob der junge Herr zu Hause ist.“
„Der Herr sind soeben in ihr Arbeitszimmer gegangen. Sie schreiben einen Brief.“
Maria Iwanowna blickte dem Mädchen hart und streng in die Augen; in ihren gutmütigen, verblaßten Pupillen zeigte sich mit einem Mal wütende Empörung.
„Und du ... wenn du niederträchtiges Frauenzimmer noch einmal Briefchen abgeben wirst, so nehme ich dich mir mal vor, daß dir grün und blau vor den Augen wird.“
Ssanin saß und schrieb. Maria Iwanowna war nicht gewöhnt, ihren Sohn an der Arbeit zu sehen; trotz ihres Kummers wurde sie interessiert. „Was schreibst du da ...?“
„Einen Brief,“ erwiderte Ssanin, seinen fröhlichen, ruhigen Kopf erhebend.
„An wen ...?“
„So ... an einen bekannten Redakteur. Ich will sehen, vielleicht werde ich wieder bei ihm auf der Redaktion eintreten.“
„Ja, kannst du denn wirklich für Zeitungen schreiben? ...“
„Ich tue alles ...“ Ssanin lächelte.
„Wozu mußt du dorthin gehen?“
„Bei euch hängt mir schon alles zum Halse heraus. Alles.“ Ssanin erwiderte es mit aufrichtigem Lächeln. Ein leichtes Gefühl der Verletzung durchstach Maria Iwanowna.
„Sehr nett von dir!“ ...
Ssanin sah sie aufmerksam an, er wollte noch hinzufügen, sie könne doch nicht so dumm sein, um nicht zu begreifen, daß es schließlich jedem langweilig werden müsse, auf einer Stelle und dazu noch ohne jede Beschäftigung zu sitzen; aber er schwieg. Es war ihm ekelhaft, der Mutter eine so kleinliche und selbstverständliche Sache erst auseinanderzusetzen. Maria Iwanowna zog das Taschentuch heraus und zerknüllte es in ihren dürren Greisenfingern. Wäre der Zettel von Sarudin nicht gewesen und ihre Seele durch ihn in einen Wirrwarr von Zweifeln und Aengsten gestürzt worden, so hätte sie jetzt ihrem Sohne eine lange, bittere Predigt über seine Schroffheit gehalten. So aber beschränkte sie sich nur in tragischem Ton auf die Gegenüberstellung: „Ja, der eine bricht wie ein Wolf aus dem Hause und die andere ...“
Sie machte eine wegwerfende, müde Handbewegung.
Ssanin hob neugierig den Kopf. Augenscheinlich nahm das Drama mit Lyda seinen Fortgang.
„Woher wissenSiedenn das, Mutter? ...“
Mit einem Mal empfand Maria Iwanowna ein unerklärliches Gefühl der Beschämung, weil sie den Brief an die Tochter geöffnet hatte. Auf ihre eingefallenen Wangen trat ziegelrote Farbe; sie versetzte unsicher, aber zornig:
„Ich bin Gott sei Dank nicht blind. Ich hab doch noch meine zwei Augen im Kopf.“
Ssanin dachte eine Weile nach: „Nichts sehen Sie, ... nun, ich kann Ihnen zur Verlobung Ihrer Tochter gratulieren. Lyda wollte es Ihnen selbst sagen, aber ... ist ja alles egal.“
Ihm tat es leid, daß sich in das junge Leben Lydas eine neue Tortur eindrängen sollte — — stumpfsinnige Greisenliebe, die fähig ist, den Menschen durch die feinste und furchtbarste Qual zu Tode zu martern.
„Wie?“ ... Maria Iwanowna setzte sich streng aufgerichtet auf ihren Stuhl.
„Lyda wird heiraten.“
„Wen?“ ... rief sie freudig und ungläubig.
„Nowikow natürlich.“ ...
„Ja, ... aber, was ist denn mit ...?“
„Ach hol ihn doch der Teufel! Kann es Ihnen denn nicht ganz gleich sein? ... Warum müssen Sie denn durchaus fremde Seelen überwachen.“
„Nein, ... ich begreife nur nicht, Wolodja...“ Die Greisin suchte sich verwirrt zu rechtfertigen.
Ssanin zuckte streng die Achseln: „Was ist denn hierbei nicht zu verstehen? ... Sie liebte einen, hat jetzt einen andern liebgewonnen, mit Gottes Hilfe wird sie morgen einen dritten lieben ... na also ...“
„Was sprichst du da? ...“ rief Maria Iwanowna entrüstet.
Ssanin lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tisch und verschränkte seine Arme.
„Haben Sie denn Ihr ganzes Leben lang nur einen Mann geliebt, Mutter?“
Maria erhob sich; auf ihrem unintelligenten Gesicht prägte sich steinkalter Stolz aus.
„So spricht man nicht zu seiner Mutter!“
„Wer? ...“
„Was ... wer? ...“
„Wer nicht? ...“ Ssanin wiederholte seine Frage mit angezogenen Augenbrauen. Er blickte scharf auf die Mutter; zum ersten Mal kam es ihm ins Bewußtsein, wie stumpfsinnig und nichtig der Ausdruck ihrer Augen war; ihre Haube wackelte auf ihrem Kopf ganz haltlos, wie der rote Lappen einer Henne, hin und her.
„Niemand spricht so! Kein Mensch!“
„Aber ich doch! Das ist eben der Unterschied,“ Ssanin wurde plötzlich ruhig, seine gute Laune kehrte wieder zurück; er wandte sich ab und setzte sich. „Sie haben alles vom Leben genommen, Mutter, was Sie wollten. Sie haben durchaus kein Recht, jetzt Lyda ersticken zu wollen,“ sagte er, ohne sich abzuwenden, mit ziemlicherGleichgültigkeit. Er hatte wieder zur Feder gegriffen.
Maria Iwanowna sah den Sohn mit großen Augen an; in ihren Ohren klebte nur die einzige Phrase: Wie darf er es wagen, so mit seiner Mutter zu sprechen. Wie unter einem Bann erstarrt, wußte sie nicht mehr, was sie tun sollte. Doch bevor sie noch zu einem Entschluß kam, wandte sich Wladimir Petrowitsch zu ihr, ergriff ihre Hand und sagte zärtlich:
„Aber lassen Sie doch das alles. Und Sarudin lassen Sie herauswerfen, wenn er kommen sollte. Sonst wird er womöglich tatsächlich noch Unzuträglichkeiten anrichten.“
Eine weiche Welle durchglitt das Herz der Mutter.
„Nun, Gott sei mit dir. Ich bin froh. Mir gefiel Sascha Nowikow immer. Und Sarudin werden wir natürlich nicht mehr empfangen. Wenn auch nur aus Achtung vor Sascha.“
„Wenn auch nur aus Achtung vor Sascha,“ willigte Ssanin ein; seine Augen lachten.
„Wo aber ist Lyda?“ fragte schon mit ruhiger Freude die Mutter.
„Auf ihrem Zimmer? ...“
„Und Sascha? ...“ Maria Iwanowna sprach den Namen ganz zärtlich aus.
„Ich weiß wirklich nicht ... Er ging wohl, ...“ begann Ssanin, doch in diesem Augenblick erschien Dunja in der Tür und meldete:
„Viktor Sergejewitsch sind gekommen und noch ein fremder Herr.“
„So? ... schmeiß sie die Treppe runter,“ sagte Ssanin ruhig.
Dunja kicherte verstohlen.
„Was Sie sagen, junger Herr? ... Darf ich’s denn? ...“
„Selbstverständlich! Du darfst es! Was sollen wir mit ihnen anfangen, zum Teufel!“
Dunja bedeckte ihr Gesicht mit dem Aermel und lief hinaus.
Maria Iwanowna richtete sich auf; sie verjüngte sich fast. In ihre Seele trat, als ob sie mit einer Karte geschickt eine Volte geschlagen hätte, eine vollständige Aenderung ein. So warm ihr Herz für Sarudin auch früher, als sie noch annahm, daß er Lyda heiraten werde, schlug, so kühl wurde es jetzt, als sich herausstellte, daß ein anderer Lydas Gatte würde.
Wie sie sich dem Ausgange zuwendete, blickte Ssanin auf ihr steinernes Profil, aus dem das eine Auge unfreundlich hervorbrach, und dachte sich: Ist das aber eine Idiotin ...
Dann faltete er das Papier und ging ihr nach. Er war sehr neugierig, wie sich die neue verwickelte Situation, in die diese Menschen geraten waren, wieder lösen würde.
Sarudin und Woloschin traten ihm mit übertriebener Liebenswürdigkeit, doch ohne die Freiheit, die der Offizier sonst in seinem Wesen ausdrückte, entgegen. Auf seinem Gesicht spiegelte sich augenscheinlich schüchterne Verlegenheit. Er begriff selbst, daß er nicht hätte kommen dürfen; er schämte sich und war verwirrt. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er Lyda entgegentreten sollte. Aber doch würde er diese Regung unter keinen Umständen Woloschin verraten und etwa auf den gewohnten selbstsicheren Ton verzichtethaben. Trotzdem er diesen Woloschin zuzeiten geradezu haßte, lief er doch wie gefesselt, ohnmächtig, seine wahre Seele zur Geltung zu bringen, hinter ihm her.
„Meine gnädigste Maria Iwanowna, gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen guten Freund Pawl Lwowitsch Woloschin vorstelle.“ Bei diesen Worten lächelte er mit einem unfaßbar kniffligen Zug um Mund und Augenwinkeln Woloschin zu.
Woloschin verneigte sich, während er Sarudin das gleiche Lächeln, aber bemerkbarer, fast frech, zurückgab.
„Sehr angenehm,“ erwiderte kühl Maria Iwanowna.
Verborgene Unfreundlichkeit glitt aus ihren Blicken auf Sarudin hinab; der vorsichtig auf der Lauer liegende Offizier bemerkte es sofort.
Im Augenblick war sein letzter Rest von Sicherheit verschwunden, und sein Besuch verlor endgültig den scherzhaften Charakter. Jetzt kam er ihm selbst einfach sinnlos und unpassend vor.
... Eh, ich hätte lieber doch nicht kommen sollen, dachte er. Zum ersten Mal kam ihm hier nachdrücklich zum Bewußtsein, woran er in der animierten Gesellschaft Woloschins immer vergaß: Gleich muß ja Lyda eintreten. Dieselbe Lyda, die mit ihm in intimstem Verkehr gestanden hat, die von ihm geschwängert wurde, die Mutter seines eigenen künftigen Kindes, das doch auf jeden Fall einmal zur Welt kommen muß. Was wird er ihr denn sagen? Wie wird er sie anblicken? ...
Sein Herz zog sich schüchtern zusammen, wieein schwerer Klumpen drückte es nach unten. Er wagte nicht, auf Maria Iwanowna zu sehen ... wenn die nun alles weiß, dachte er mit Entsetzen. Er begann auf dem Stuhl hin- und herzurutschen, bewegte sich beim Anzünden einer Zigarette, schob Schultern und Füße vor und zurück, und ließ die Augen nach allen Seiten laufen.
... wäre ich doch nur nicht hergekommen ...
„Kommen Sie für längere Zeit zu uns? ...“ Maria Iwanowna wendete sich kühl an Woloschin.
„Oh nein.“ Er blickte die Dame aus der Provinz ungeniert spöttisch an. Mit einer geschickten Handbewegung schob er die Zigarre in die Mundwinkel, sodaß der Rauch der alten Dame ins Gesicht zog.
„Nach Pitier wird es Ihnen bei uns langweilig sein.“
„Ganz im Gegenteil. Es gefällt mir hier ausgezeichnet. Ihr Städtchen ist so patriarchalisch.“
„Machen Sie einmal Ausflüge. Wir haben eine prachtvolle Umgebung ... Badeplätze, Reitwege ...“
„Oh gewiß,“ rief Woloschin, zwar mit spöttischer Zuvorkommenheit, aber doch gelangweilt.
Das Gespräch kam nicht vom Fleck; es war schwer und farblos, wie eine lächelnde Pappmaske, unter welcher böswillige Blicke hervorschießen.
Woloschin begann von neuem, Sarudin Blicke zuzuwerfen; ihr Sinn war nicht nur dem Offizier, sondern auch Ssanin, der die beidenaus seiner Ecke aufmerksam beobachtete, verständlich.
Die Unsicherheit Sarudins trat allmählich hinter dem Wunsch zurück, in Woloschin den Eindruck hervorzurufen, daß er ein gewandter, unverfrorener Mensch und zu allem fähig sei. So überwand er sich und fragte:
„Wo ist denn Lydia Petrowna?“ Wieder geriet er ganz unnötig in zuckende Bewegungen.
Maria Iwanowna sah ihn mit erstaunter Feindseligkeit an: ... was interessiert dich das, da du sie ja nicht heiraten willst, fragten diese Blicke.
„Wahrscheinlich bei sich auf dem Zimmer. Ich weiß es nicht,“ erwiderte sie kühl.
Woloschin warf Sarudin wieder einen ausdrucksvollen Blick zu: ... Wäre es denn nicht irgendwie möglich, diese Lydka schneller herauszuholen; dieses alte Stück Möbel ist doch wirklich nicht besonders interessant.
Sarudin öffnete den Mund und wedelte hilflos mit dem Schnurrbart.
„Ich habe soviel Schmeichelhaftes über Ihre Tochter gehört,“ sprach Woloschin, bog sich mit dem ganzen Körper nach vorn und rieb sich die Hände. „Ich hege die Hoffnung, daß ich die Ehre habe, ihr vorgestellt zu werden.“
Maria Iwanowna ließ ihren Blick über das unwillkürlich veränderte Gesicht Sarudins gleiten und begriff in diesem Augenblick, was eigentlich dieser Kerl, der mit einem Mal einem faulen Pilz ähnlich sah, von ihrer Tochter wollte. Der Gedanke durchschnitt so scharf ihr Herz, daß in ihr die furchtbare Ahnung von Lydas Fall aufstieg,die sie hilflosem Schrecken preisgab. Sie saß ratlos da, ihre Augen wurden menschlicher und weicher.
— — — Wenn man diese Bande nicht sofort aus dem Hause jagt, werden sie Lyda und Nowikow sicher noch viel Aerger machen, dachte Ssanin und richtete sich plötzlich auf. Ruhig sprach er plötzlich aus seiner Ecke, dabei nachdenklich auf den Boden starrend:
„Ich habe gehört, daß Sie abreisen wollen?“
Sarudin wunderte sich, daß ihm selbst dieser einfache und bequeme Gedanke noch nicht in den Kopf gekommen war. — — — Gewiß auf ein paar Monate Urlaub nehmen, das ist ja das Einfachste, — — — schwirrte es durch sein Hirn. Er beeilte sich zu antworten:
„Ganz recht, — — das wollte ich auch. Ich möchte mich ein wenig erholen ... Wissen Sie, ein bißchen auslüften, ewig auf einem Fleck, dabei kann man ja verschimmeln.“
Ssanin lachte hell auf. Dieses ganze Gespräch, in dem kein einziges Wort ausdrückte, was die Leute in Wirklichkeit dachten und fühlten, diese ganze Kette von Lügen, die doch niemanden betrog, die Einfachheit, mit der alle fortfuhren, zu heucheln, trotzdem sie ganz klar sahen, daß keiner von ihnen dem anderen glaubte, hatten ihn zum Lachen gebracht. Ein resolutes fröhliches Gefühl packte wie ein froher Windstoß sein Herz.
„Na, denn glücklichen Rutsch,“ er nahm den ersten Ausdruck, der ihm auf die Zunge kam.
Momentan veränderten sich die drei Menschen, als ob ein steifgestärkter Anzug von ihnen abgestreift würde.
Maria Iwanowna erblaßte und sank in sich zusammen, in Woloschins Augen blitzte ein feiges, tierisches Leuchten auf, und Sarudin erhob sich langsam und unsicher von seinem Stuhle.
Eine lebende Bewegung lief durch das Zimmer.
„Wie sagten Sie eben? ...“ fragte der Offizier mit gepreßter Stimme und in diesem Augenblick klangen seine Worte zum ersten Mal aufrichtig. Woloschin kicherte kleinlich auf, indem er schon mit schüchternen Aeuglein nach dem Hute suchte. Ohne Sarudin zu antworten, ergriff Ssanin Woloschins Hut und reichte ihn ihm mit fröhlichem Lächeln hin.
Woloschin öffnete seinen Mund; ein dünner winselnder Laut schob sich langsam hervor.
„Wie soll ich Sie verstehen,“ fragte Sarudin noch einmal; er hatte das Gefühl, den Boden vollständig unter den Füßen verloren zu haben. Dieser Skandal, zuckte es durch sein erstarrtes Hirn.
„Verstehen Sie es nur recht genau. Hier sind Sie nämlich vollständig überflüssig. Unser Genuß wird um so größer sein, je eher Sie sich herausscheren!“
Sarudin tat einen Schritt nach vorwärts. Sein Gesicht wurde blaß.
„Ah so,“ stieß er krampfhaft keuchend hervor.
„Also raus!“ sagte kurz und hart Ssanin.
In seiner stählernen Stimme lag eine so furchtbare Drohung, daß Sarudin zurückwich, stillschwieg, sinnlos und wild die Augen verdrehte.
„Aber das ist ja unerhört,“ murmelte Woloschinkleinlaut; doch gleichzeitig wandte er sich eilig, den Kopf in die Schultern eingezogen, zur Türe.
In diesem Augenblick trat Lyda ein.
Noch niemals — weder früher noch später — hatte sie sich so gedemütigt gefühlt. Als sie zuerst von dem Besuch Sarudins und Woloschins hörte und deutlich seinen Sinn verstand, war in ihr die Empfindung körperlicher Erniedrigung so stark, daß sie nervös aufschluchzte und mit dem wieder erwachten Gedanken an Selbstmord zum Fluß herunterlief.
... was ist das nur? ... wird es denn niemals ein Ende geben. Habe ich denn wirklich ein so großes Verbrechen begangen, daß es mir niemals verziehen, ... daß ein jeder stets das Recht haben wird ... schrie sie fast ... und rang die Hände.
Aber im Garten war es hell und voll Licht, grelle Blumen, Bienen und Vögel lebten dort so friedlich nebeneinander, so blau schimmerte der Himmel, so zart glänzte am Wasser das Schilf, und Mill umsprang sie so vergnügt, als er sie zum Flusse laufen sah, daß Lyda wieder zu sich kam. Instinktiv fiel ihr mit einem Mal ein, daß ihr die Männer immer gierig nachliefen; sie gedachte der Spannung, die ihr Körper stets unter den Blicken dieser Männer angenommen hatte, und vollbewußt erwachte das stolze Gefühl, im Recht zu sein.
... nun gut, dachte sie, was geht es mich an. Ist er da, gut, mag er es sein. Ich liebte ihn früher, jetzt sind wir auseinander; niemand hat deswegen ein Recht, mich zu verachten ... Jähdrehte sie sich um und ging ins Haus. Sie trug ihr Haar nicht in einer koketten Frisur, sondern in einfachem Doppelzopf über den Nacken hängend, und sie zog auch keine moderne Toilette an, sondern blieb in dem einfachen Hauskleid, das sie gerade trug.
Als sie mit gemachter Ruhe über die Schwelle schritt, warf sie ihrem Bruder ein seltsames Lächeln zu und sprach in besonders mädchenhaftem Tone:
„Hier bin ich! Wo wollen Sie denn hin, Viktor Sergejewitsch? ... Bitte, legen Sie doch Ihre Mütze aus der Hand.“
Ssanin schwieg und sah mit neugierigem Entzücken die Schwester an ... Was ist mit ihr, dachte er sich.
Eine unüberwindliche Kraft, drohend und doch frauenhaft lieblich, war ins Zimmer getreten. Wie eine Tierbändigerin im Käfig wütender Raubtiere stand Lyda unter den Männern. Und sogleich wurden sie weich und gefügig.
„Sehen Sie, Lydia Petrowna ...“ stammelte verwirrt Sarudin. Als er zu sprechen begann, huschte über Lydas Gesicht ein lieblicher, hilfloser Ausdruck; sie schaute rasch auf; plötzlich erfüllte sie ein unerträglicher Schmerz. In ihr bewegte sich krankhafte Zärtlichkeit und das Verlangen, auf etwas zu hoffen. Doch im selben Augenblick schlug das Verlangen in den Wunsch um, Sarudin zu beweisen, wie viel er verloren und wie stark und rein sie sich trotz des Leides und der Erniedrigung, die er ihr zufügte, erhalten hatte.
„Ich will garnichts sehen,“ sagte sie mit etwastheatralischem Ausdruck und schloß richtig ihre schönen Augen.
Mit Woloschin geschah etwas Sonderbares. Die weiche Wärme, die dem kaum eingehüllten, weiblichen Körper entströmte, zerkochte sein ganzes Wesen. Seine spitze Zunge beleckte die trocken gewordenen Lippen, seine Aeuglein wurden klein, und der ganze Körper zerfloß unter dem weichen Anzug in kraftloser, physischer Entzückung.
„Aber bitte, machen Sie mich doch bekannt,“ sagte Lyda und blickte über die Schultern auf Sarudin hin.
„Woloschin, Pawl Lwowitsch,“ murmelte dieser, von dem Gedanken, daß dieses prächtige Mädchen seine Geliebte gewesen sein sollte, vollständig hingerissen.
Lyda wandte sich langsam zur Mutter.
„Mama, draußen wollte Sie jemand sprechen.“
„Das hat Zeit ...“
„Verzeihen Sie, auch wir hatten uns ...“ Sarudin kam mit seinem Satz nicht zu Ende. Lyda schien ihn garnicht zu beachten. Strenger wiederholte sie der Mutter:
„Aber Sie hören doch,“ unerwartet brachen sich an ihren Worten Tränen.
Maria Iwanowna erhob sich eilig.
Sarudin und Woloschin waren ratlos zurückgetreten, sie schauten sich nervös an und schienen keinen Weg mehr zu finden, um sich zurückzuziehen.
Ssanins Nasenflügel weiteten sich stark und kraftvoll.
„Meine Herren, bitte, wir gehen in den Garten.Hier ist es zu heiß.“ Lyda schritt zum Balkon voran, ohne sich umzusehen, ob man ihr folge. Wie suggeriert gingen die Männer hinter ihr her; es machte den Eindruck, daß sie sie mit ihrem Zopf umschlungen hielt und mit Gewalt nach sich zöge, wohin sie wollte.
Als erster kam Woloschin, entzückt, gespannt; er hatte alles in der Welt außer ihr vergessen.
Lyda warf sich in den Schaukelstuhl unter der Linde und steckte ihre kleinen Füße, die in durchbrochenen Strümpfen steckten, lässig aus. Zwei Wesen arbeiteten in ihr. Das eine quälte sich vor Scham und Kränkung; das andere nahm bewußt aufregende Posen an, eine immer schöner und elastischer als die andere.
„Nun, Pawl Lwowitsch, welchen Eindruck macht unser Nest auf sie?“
Woloschin spreizte und rieb seine Finger.
„Nun, so ungefähr wie ihn vielleicht ein Mensch hat, der plötzlich im wildesten Walde eine Blume vor sich sieht.“
Und nun entspann sich zwischen ihnen eine leichtfertige durch und durch verlogene Unterhaltung, in der jedes ausgesprochene Wort eine Lüge war und Wahrheit nur das, was in ihr verschwiegen blieb. Ssanin beteiligte sich nicht am Gespräch; dafür beobachtete er gerade jene stummen, eigentlichen Reden, die sich ohne Worte in den Gesichtszügen, den Bewegungen der Hände und Füße, im Klingen und Zittern der Stimmen offenbarten.
Lyda litt. Woloschin sog unbefriedigt ihre Schönheit und ihren Duft in sich ein. Sarudin haßte ihn, Ssanin, Lyda, die ganze Welt; erwünschte fortzugehen und blieb dennoch sitzen; er wollte irgend etwas Grobes begehen und rauchte doch nur eine Zigarette nach der andern. Währenddessen lastete das unbändige Verlangen, daß Lyda sich vor allen als seine Geliebte erweisen müsse, wie ein Alpdruck auf seinem Hirn.
„Also gefällt es Ihnen wirklich bei uns? Bedauern Sie nicht, daß Sie Petersburg verlassen haben?“
„Mais au contraire!“ erwiderte Woloschin mit einer koketten Handbewegung und starrte Lydas Brust an.
„Aber ohne Phrasen!“ befahl Lyda liebenswürdig. Immer noch kämpften in ihr zwei Wesen. Das eine trieb ihr die Röte ins Gesicht, das andere streckte noch gewaltiger und schamloser ihre Brust dem entblößenden Blick entgegen.
... Du glaubst, ich wäre sehr unglücklich, ... ich wäre vollständig zerbrochen. So sieh denn das Gegenteil! Ich brauche mich meiner Handlungen nicht zu schämen! Und wenn ich tausendmal mehr und Schlechteres getan hätte, ich brauchte mich nicht zu schämen ... sprach sie innerlich zu Sarudin.
„Ah, Lydia Petrowna!“ Sarudin mischte sich trotz seiner gehässigen Laune ins Gespräch. „Das brauchen doch wahrhaftig keine Phrasen zu sein!“
„Ich glaube, Sie sagten etwas?“ meinte Lyda kühl; doch sofort wandte sie sich wieder in verändertem Ton zu Woloschin. „Erzählen Sie doch bitte von dem Leben in Petersburg ... Bei uns lebt man ja nicht, wir vegetieren nur!“
Sarudin fühlte, daß Woloschin kaum merklichnach seiner Richtung hin lächelte; ihm kam der Gedanke, jener glaube nicht mehr, daß Lyda seine Geliebte gewesen wäre.
„Unser Leben? O, dieses rühmlichst bekannte ‚Petersburger Leben‘!“ ...
Woloschin schwatzte leicht und schnell; er machte den Eindruck eines kleinen, närrischen Affen, der in seiner leeren, unverständlichen Sprache etwas vor sich hinplappert.
... Wer kann wissen! dachte er und musterte mit geheimer Hoffnung Lydas Gesicht, Brust und ihre breiten Schenkel.
„Ich kann Ihnen auf Ehre versichern, Lydia Petrowna, daß unser Leben recht arm und langweilig ist ... Bis zum heutigen Tage glaubte ich übrigens, jedes Leben müsse langweilig sein, gleichviel, wo der Mensch auch wohnen mag — in der Hauptstadt oder auf dem Lande ...“
„Wirklich?“ Lyda schloß halb die Augen.
„Ja, was das Leben geben kann, — das ist — eine schöne Frau! Und die Frauen der Großstädte — ach, wenn Sie sie nur sehen könnten! — Wissen Sie, ich bin überzeugt, wenn etwas die Welt zu retten vermag, so ist es die Schönheit!“ Den letzten Satz fügte Woloschin ganz unerwartet an. Er hielt solche Seitensprünge für eindrucksvoll und geistreich.
Auf seinem Gesicht lagerte sich ein sinnlos erhitzter Ausdruck; mit zitternder Stimme kehrte er immer wieder zu dem einen Thema zurück: das Weib. Er sprach von ihm so, als wenn er es im geheimen unaufhörlich entkleidete und vergewaltigte. Sarudin, der diese Nuance herausspürte, wurde plötzlich eifersüchtig. Sein Gesicht wurderot und blaß, er konnte sich nicht auf einem Platz halten und trat auffallend nervös in der Allee von einem Fleck zum andern.
„Unsere Frauen sind sich so gleich, abgeplattet und verzerrt! Etwas zu finden, das fähig wäre, Ehrfurcht vor der Schönheit einzuflößen ... wissen Sie, nicht ein geteiltes Gefühl, sondern reine, aufrichtige Ehrfurcht, wie man sie vor einer Bildsäule empfindet, das ist in einer Großstadt nicht möglich. Dazu muß man in die Tiefe der Provinz hinuntersteigen, wo das Leben noch jungfräulichen Boden darstellt; der ist allein imstande, prächtige Blumen hervorzubringen!“
Ssanin strich sich unwillkürlich den Nacken und legte ein Bein über das andere.
„Und wozu sollten sie hier aufblühen, wenn es niemanden gibt, der sie pflücken könnte?“ erwiderte Lyda.
... Aha! dachte Ssanin interessiert. Das also hat sie im Sinn! ...
Ihm war es äußerst amüsant, dieses Spiel der Instinkte und Begierden, das sich klar und doch nicht greifbar vor seinen Augen entwickelte, zu verfolgen.
„Wie meinen Sie das?“
„Jawohl, ich meine es so. Wer sollte unsere anspruchslosen Blumen pflücken? Wo sind die Menschen, die wir zu unseren Helden machen könnten!“ ... Die Worte kamen Lyda aus dem Herzen unerwartet aufrichtig und rührend traurig.
„Sie sind erbarmungslos zu uns!“ erwiderte Sarudin unwillkürlich auf die verborgene Nuance in ihrer Stimme.
„Lydia Petrowna hat recht,“ stimmte Woloschin begeistert bei, besann sich aber gleich und sah sich scheu nach Sarudin um.
Lydia lachte, und ihre in Rache und Scham brennenden Blicke bohrten sich in das Gesicht Sarudins. Woloschin schwatzte inzwischen lustig weiter, und seine Worte schüttelten sich, sprangen und stoben auseinander, wie ein Schwarm Gott weiß woher kommender närrischer Kobolde.
Er setzte auseinander, daß eine Frau mit schönem Körper auf der Straße nackt herumlaufen könne, ohne unsaubere Lüste zu entfesseln; man merkte ihm an, wie sehr er wünschte, daß gerade Lyda diese Frau wäre und daß sie sich für ihn entkleiden würde.
Lyda lachte laut, fiel ihm immer wieder ins Wort, doch durch ihr Gelächter brachen stets neue Tränen der Kränkung und des Schmerzes.
Es war heiß; die Sonne stand hoch am Himmel und ließ senkrechte Strahlen auf den Garten niederfallen; leise bewegten sich die Blätter, als wären sie von heißen Wünschen bewegt, die nur ihre eigene Schwerfälligkeit zähmen konnte. Unter ihnen saß ein junges, schwangeres Weib, das ihre verletzte Leidenschaft rächen will; sie fühlt, daß es ihr mißlingt und leidet in ohnmächtiger Scham. Ein kraftloses, feiges Männchen quält sich unter den Zuckungen mühsam verborgener Wollustkrämpfe, ein anderes zerbricht unter seiner eifersüchtigen Bosheit.
Ssanin stand abseits unter dem weichen, grünen Lindenschatten und schaute alle ruhig an.
Sarudin hielt es schließlich nicht mehr aus. Er drängte zum Aufbruch. Ohne selbst denFreund klar zu verstehen, empfand er alles — in Lydas Lachen, in ihrem Blick, im Erzittern ihrer Finger — als heimliche Ohrfeigen. Mitten in der Erbitterung gegen sie, in der Eifersucht auf Woloschin, in den physischen Qualen, die ihm das Gefühl eines unersetzlichen Verlustes verursachten, überfiel ihn eine vollständige Erschöpfung.
„Schon fort?“ fragte Lyda.
Woloschin lächelte ergeben, kniff süß die Lippen zusammen und beleckte sie mit seiner dünnen Zunge.
„Was soll man tun? ... Viktor Sergejewitsch scheint sich nicht ganz wohl zu fühlen,“ erwiderte er spöttisch. Er fühlte sich als Sieger.
Man verabschiedete sich. Als Sarudin sich über Lydas Hand beugte, flüsterte er ihr plötzlich zu:
„Lebe wohl!“
Er begriff selbst nicht, warum er es tat, aber noch niemals hatte er Lyda so geliebt und gehaßt, wie in diesem Augenblick.
Und in Lydas Seele neigte sich diesem Worte ein Wunsch entgegen und verstarb. — Der Wunsch, von einander in stiller, zarter Dankbarkeit für die gemeinsam erlebten Freuden Abschied zu nehmen. Doch sofort überwand sie sich und antwortete schonungslos und laut:
„Adieu! Glück auf die Reise! Pawl Lwowitsch, vergessen Sie uns nicht!“
Man hörte noch, wie Woloschin beim Fortgehen lauter, als es nötig wäre, sagte:
„Das ist ein Mädchen ... sie berauscht wie Sekt!“
Sobald ihre Schritte verklungen waren, ließ sich Lyda in den Schaukelstuhl nieder, aber ganz anders, als sie früher dagesessen hatte. Jetzt hockte sie gebückt und zitterte am ganzen Körper. Stille, tief ergreifende Mädchentränen flossen über ihr Gesicht. In diesen Minuten erinnerte sie Ssanin an das rührende Bild des nachdenklichen russischen Mädchens, so wie es das Volkslied schildert, mit dem dicken Zopf, seinem freudlosen Leben und weißen Mullärmeln, mit denen es seine Tränen trocknet, wenn es im Frühling vom Abhang herab heimlich auf den ersten Eisgang des Flusses schaut ... Und die Tatsache, daß dieses veraltete, naive Bild auf die Lyda mit den modernen Frisuren und Spitzenröcken für gewöhnlich gar nicht paßte, ließ sie ihm jetzt noch rührender und bemitleidenswerter erscheinen.
„Nun, weine doch nicht!“ sagte er zu ihr, indem er auf sie zutrat und ihre Hand ergriff.
„Laß mich ... wie entsetzlich doch das Leben ist ...“ Lyda beugte sich, das Gesicht in den Händen vergraben, bis auf die Knie nieder, ihr weicher Zopf schlängelte sich still über ihre Schultern und fiel herab.
„Pfui!“ rief Ssanin ärgerlich. „So würde ich mich denn dieser Nichtigkeiten wegen doch nicht aufregen!“
„Gibt es denn wirklich keine ... anderen, besseren Menschen!“ kam es wie eine Klage über Lydas Lippen.
„Natürlich nicht,“ der Bruder lächelte wieder, „der Mensch ist seiner Natur nach widerwärtig ... Erwarte von ihm nichts Gutes, dann wirddir das Böse, das er dir zufügt, keine Schmerzen machen.“
Lyda erhob den Kopf und blickte ihn mit verweinten, schönen Augen an.
„Und du, erwartest du auch nichts Gutes?“
„Gewiß nicht, ich lebe für mich!“