XXVIII

Am Tage darauf rannte Dunja barfuß und bloßköpfig, in ihren dummen Augen den Ausdruck erstarrten Schreckens, auf Ssanin zu, als er auf einem Gartenwege das Unkraut ausjätete, und schrie ihm eine Phrase ins Ohr, die ihr offenbar eingetrichtert worden war:

„Wladimir Petrowitsch, die Herren Offiziere wünschen Sie zu sprechen ...“

Ssanin war nicht verwundert; er hatte erwartet, daß ihm Sarudin eine Forderung schicken würde.

„Wünschen sie es sehr?“ fragte er scherzhaft.

Aber Dunja schien etwas Furchtbares zu ahnen; sie bedeckte sich nicht, wie gewöhnlich, das Gesicht mit dem Aermel, sondern sah ihm gerade voll hilfloser Teilnahme ins Gesicht.

Ssanin lehnte den Spaten an einen Baum, schnallte den Gürtel ab, band ihn wieder fester um, und ging, sich nach seiner Manier ein wenig in den Hüften wiegend, ins Haus.

... Das sind aber dumme Jungens. Das sind Idioten! dachte er ärgerlich über Sarudin und seine Zeugen, wollte sie aber dadurch nichteinmal in Gedanken beleidigen; er gab damit nur seiner aufrichtigen Meinung Ausdruck.

Als er durch das Haus ging, trat Lyda aus der Tür ihres Zimmers und blieb an der Schwelle stehen. Ihr Gesicht war gespannt und blaß; in ihrem Blick lag Schmerz. Sie bewegte die Lippen, sagte aber nichts. In diesem Augenblick hielt sie sich für das unglücklichste und verbrecherischste Geschöpf in der Welt.

Im Gastzimmer saß Maria Iwanowna hilflos im Fauteuil. Auch sie machte ein ängstliches, unglückliches Gesicht, und die einem Hühnerlappen ähnliche Haube hing ratlos auf der einen Seite hinab. Sie sah Ssanin mit ebensolchen bittenden Augen an, bewegte ebenfalls die Lippen und schwieg, wie Lyda.

Ssanin warf ihr einen lächelnden Blick zu, wollte stehen bleiben, kam aber gleich davon ab und ging weiter.

Im Saal saßen, auf den Stühlen, die der Tür am nächsten standen, Tanarow und von Deutz. Sie saßen nicht wie gewöhnlich, sondern stramm aufgerichtet und die Beine nebeneinandergestellt, als ob sie sich in ihren weißen Kitteln und den engen blauen Reithosen furchtbar unbequem fühlten. Bei Ssanins Eintritt erhoben sie sich langsam und unschlüssig; sie wußten augenscheinlich nicht, wie sie sich weiter zu benehmen hätten.

„Guten Tag, meine Herren,“ sagte Ssanin laut, auf sie zukommend, und reichte ihnen die Hand.

Von Deutz war einen Augenblick verlegen, aber Tanarow verneigte sich beim Händedruckübertrieben rasch und tief, sodaß Ssanin eine Weile seinen Nacken mit dem kurzgeschnittenen Haar vor den Augen hatte.

„Nun, was wollen Sie mir Schönes erzählen?“ fragte Ssanin. Er merkte die zuvorkommende Höflichkeit Tanarows und wunderte sich, wie gewandt und sicher der Offizier die Dummheit der verlogenen Zeremonie durchmachte.

Von Deutz richtete sich auf und wollte seinem langen Gesicht einen kühlen Ausdruck geben, erzielte aber nur einige verlegene Mienen. Es berührte eigentümlich, daß der sonst so schweigsame und schüchterne Tanarow sofort das Wort ergriff.

„Unser Freund, Viktor Sergejewitsch Sarudin, gab uns die Ehre, in seinem Namen mit Ihnen Rücksprache zu nehmen,“ deutlich und kühl, wie von einem in Bewegung gesetzten Apparat, kamen die Worte aus Tanarows Mund.

„Aha!“ versetzte Ssanin mit geöffnetem Mund und komischer Feierlichkeit. „Das ist aber nett von Ihnen.“

„Jawohl,“ fuhr Tanarow mit zusammengezogenen Augenbrauen beharrlich und fest fort, „er glaubt, Grund zu der Annahme zu haben, daß Ihr Benehmen ihm gegenüber nicht ganz ...“

„Ja gewiß ... ich verstehe schon ...“ fiel Ssanin, der die Geduld verlor, ein. „Ich habe ihn fast die Treppe hinuntergeworfen ... Was kann da schonnicht ganzerklärlich sein!“

Tanarow gab sich Mühe, ihn zu verstehen; es gelang ihm aber nicht und so fuhr er fort:

„Jawohl ... Er verlangt nun, daß Sie Ihre Worte zurücknehmen.“

„Ja, ganz recht ...“ Auch der lange von Deutz hielt es für nötig einzugreifen und trat wie ein Storch von einem Bein aufs andere.

„Wie könnte ich sie denn zurücknehmen? Ein Wort ist doch kein Sperling, fliegt es heraus, so kann man es nicht wieder einfangen,“ erwiderte Ssanin, allein mit den Augen lachend.

Tanarow schwieg eine Weile und blickte Ssanin ratlos an.

... Mein Gott, was für wütende Blicke der mir zuschmeißt, dachte Ssanin.

„Wir sind hier nicht um zu scherzen ...“ brach Tanarow, der mit einem Male zu begreifen anfing und sofort puterrot wurde, zornig los:

„Wollen Sie Ihre Worte zurücknehmen oder nicht?“

Ssanin schwieg ... Wirklich ein kompletter Trottel! dachte er fast bedauernd und nahm sich einen Stuhl.

„Ich würde vielleicht meine Worte zurücknehmen, um Sarudin ein Vergnügen zu machen und ihn zu beruhigen,“ sprach er ernst; „umsomehr, als das für mich absolut nichts bedeuten würde. Aber erstens ist Sarudin dumm und wird es nicht so auffassen, wie er müßte. Statt sich zu beruhigen, wird er daran seine Freude haben, — und dann, zweitens, gefällt mir Sarudin absolut nicht. Unter diesen Umständen lohnt es sich auch nicht, die Worte zurückzunehmen ...“

Tanarow zischte schadenfroh durch die Zähne: „So ...“

Von Deutz blickte ihn erschrocken an, und die letzten Farben verschwanden aus seinem Gesicht; er wurde gelb und hölzern.

„In diesem Falle ...“ Tanarow erhob die Stimme und gab ihr einen drohenden Unterklang.

Ssanin sah mit plötzlich aufkommendem Widerwillen seine schmale Stirn und engen Reithosen an; er ließ ihn gar nicht zu Ende sprechen.

„Und so weiter und so weiter. Das kenne ich alles. Aber mit Sarudin werde ich mich nicht schlagen.“

Von Deutz wendete sich rasch um; Tanarow richtete sich auf und fragte mit einer verachtungsvollen Miene, scharf jede Silbe ausprägend:

„Aus welchen Gründen?“

Ssanin lächelte, und sein Widerwille verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war.

„Ganz einfach. Erstens, weil ich keinen Wunsch habe, Sarudin zu töten, zweitens und wohl hauptsächlich, weil ich selbst nicht wünsche, von ihm getötet zu werden.“

„Aber ...“ begann Tanarow mit einer verzerrten Miene.

„Ich will nicht — und damit fertig!“ Ssanin stand auf. „Soll ich Ihnen etwa noch auseinandersetzen, warum? ... Fällt mir gar nicht ein! Ich tue es nicht ... Ich sage es, das genügt!“

Die tiefe Verachtung auf einen Menschen, der eine Forderung nicht annimmt, verband sich in Tanarow mit der unverrückbaren Ueberzeugung, daß auch kein Zivilist die Tapferkeit und Aufopferung besitzen könne, sich zu schlagen. Daher war er nicht im geringsten verwundert, — vielmehr freute ihn die Weigerung beinahe.

„Das ist schon Ihre Sache,“ sagte er, ohne aus seiner Verachtung ein Hehl zu machen. „Aber ich muß Sie in diesem Falle davon in Kenntnis setzen ...“

„Auch das kenne ich,“ lächelte Ssanin, „aber davon möchte ich Sarudin geradezu abraten ...“

„Wie?“ Tanarow lächelte ebenfalls, während er die Mütze vom Fensterbrett nahm.

„Ich rate ihm, mich nicht anzufassen, sonst prügle ich ihn so durch, daß ...“

„Hören Sie mal!“ Von Deutz brauste plötzlich auf, „ich kann es nicht erlauben ... Sie höhnen geradezu ... Und begreifen Sie denn wirklich nicht, daß eine Forderung ablehnen, — das ist ... das ist ...“

Er bekam einen ziegelroten Kopf, die trüben Augen sprangen aus den Höhlen, und auf den Lippen entstand ein kleines Strudelchen aus Speichel.

Ssanin sah ihm mit Neugierde auf die Lippen und sagte:

„Und dieser Mensch hält sich noch für einen Anhänger Tolstois!“

Von Deutz hob den Kopf hoch und zitterte.

„Ich möchte Sie bitten!“ rief er schrill, aber doch beschämt, daß er einen guten Bekannten, mit dem er erst kurz vorher über viele wichtige und interessante Gegenstände gesprochen hatte, anbrüllen mußte. „Ich möchte Sie bitten, derartige Bemerkungen zu unterlassen. Sie gehören nicht zur Sache!“

„Im Gegenteil!“ erwiderte Ssanin. „Sogar recht sehr!“

„Aber ich bitte Sie ...“ schrie hysterisch vonDeutz, den Speichel um sich spritzend, „das ist ganz ... mit einem Worte ...“

„Nun genug doch!“ sagte Ssanin ungehalten, indem er dem Speichelregen auswich. „Denken Sie darüber, wie Sie wollen, und Sarudin können Sie bestellen, daß er ein Dummkopf ist.“

„Sie haben kein Recht!“ heulte von Deutz mit verzweifelter Stimme.

„Sehr schön, sehr schön,“ wiederholte Tanarow vergnügt. „Gehen wir!“

„Nein,“ schrie von Deutz immer noch in demselben weinerlichen Ton und fuchtelte mit seinen langen Armen wie toll in der Luft umher: „wie untersteht er sich ... das ist geradezu ... unerhört ist das! ...“

Ssanin sah ihn an, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging aus dem Zimmer.

„Wir werden alles wortgetreu unserem Freunde mitteilen,“ rief ihm Tanarow nach.

„Schön, teilen Sie es ihm nur mit!“ antwortete er, ohne sich umzudrehen, und schloß die Tür hinter sich.

„— — — Welch Esel ist dieser Offizier im Grunde, und doch, — — es genügt, daß er sich diese Marotte ummantelt, und er wird reserviert und ganz gescheit!“ dachte Ssanin, als er hörte, wie Tanarow den schreienden von Deutz beruhigte.

„Nein, das kann man nicht so ohne weiteres hingehen lassen!“ erklärte der lange Offizier aufgeregt. Er sah traurig ein, daß er durch dieses Vorkommnis einen interessanten Bekannten verloren hatte und, da er nicht wußte, wie es zu ändern wäre, erbitterte er sich noch mehr undverdarb die Sache augenscheinlich nur um so gründlicher.

„Wolodja,“ rief Lyda leise in der Tür ihres Zimmers.

„Was?“ Ssanin blieb stehen.

„Komm her ... ich brauche dich.“

Ssanin trat in ihr kleines Zimmer ein, in dem es dunkel war und grün von Bäumen, die das Fenster verstellten, und wo es nach Parfüms, Puder und jungen Mädchen roch.

„Wie schön es hier bei dir ist!“ sagte er mit tiefem Seufzer der Erleichterung.

Lyda stand mit dem Gesicht dem Fenster zugewandt; auf ihren Schultern und Wangen lag weich und schön das grüne Lichtgemenge, das vom Garten her hineingeworfen wurde.

„Nun, was wolltest du?“ fragte Ssanin zart. Lyda schwieg und atmete häufig und schwer.

„Was hast du?“

„Du wirst nicht ... das Duell ...?“ fragte Lyda mit gepreßter Stimme, ohne sich umzudrehen.

„Nein,“ antwortete Ssanin kurz.

Lyda schwieg.

„Nun, was weiter?“

Ihr Kinn zitterte. Sie wendete sich plötzlich zu ihm und sprach mit erstickter Stimme, schnell und zusammenhanglos.

„Das ... das kann ich nicht begreifen ...“

„Ah,“ erwiderte der Bruder mit einer ärgerlichen Grimasse, „tut mir aufrichtig leid, daß du es nicht begreifst!“

Die niederträchtige, stumpfsinnige Dummheit der Menschen, die von allen, von Schlechtenund Guten, von Schönen und Häßlichen, gleich ausgestrahlt wird, ermüdete ihn. Er drehte sich um und ging hinaus.

Lyda sah ihm nach. Plötzlich faßte sie sich mit beiden Händen an den Kopf und stürzte aufs Bett. Der lange dunkle Zopf löste sich schön wie ein weicher molliger Schweif auf der weißen Decke. In diesem Augenblick war Lyda so kraftvoll schön und geschmeidig, daß sie trotz ihrer Verzweiflung und Tränen wunderbar lebendig und jung aussah. Durch das Fenster blickte der vom Sonnenlicht durchsättigte grüne Garten herein; das ganze Zimmer strahlte freudig und hell; — — — Lyda sah nichts.

Ein Abend voll seltenem Schweigen stand über der Erde; ein Abend, der aussah, als wäre er irgendwoher im Schlafe vom durchsichtigen, majestätisch prachtvollen Himmel herabgesunken. Die matte Sonne des Spätsommers war schon untergegangen und doch war es hell geblieben; die Luft hielt sich wunderbar rein und leicht. Es war trocken; nur in den Gärten fiel mit einem Mal schon starker Tau. Der Staub konnte nur mit Mühe hochgeweht werden, dann aber schwebte er lasch und faul in der Luft. Nach und nach wurde es dumpf und kühl. Ueberall drangen Töne, leicht und schnell, wie auf Flügeln getragen, vorwärts.

Ssanin ging ohne Hut in seinem blauenHemd, das allmählich grün geworden war, durch die lange, mit Nesseln bewachsene Seitengasse, nach dem Hause, in dem Iwanow wohnte.

Dieser saß breitschultrig und ernst — seine langen Haare lagen gerade wie Strohhalme um den Kopf — am Fenster zum Garten und stopfte methodisch Tabak, der alles im Umkreis von zwei Metern zum Niesen bringen konnte, in dünne Zigarettenhülsen.

„Guten Tag!“ sagte Ssanin; er reichte Iwanow durchs Fenster die Hand. Dann stützte er sich mit dem Ellenbogen aufs Fensterbrett und schaute dem Freunde lässig zu.

„Guten Abend.“

„Ich bin heute gefordert worden.“

„Die Sache ist gut!“ meinte Iwanow gleichmütig. „Von wem und warum?“

„Von Sarudin. Ich hatte ihn aus dem Hause geworfen, folglich fühlte er sich beleidigt.“

„So, — du wirst dich also schlagen? Schön, ich werde dein Zeuge sein; mögen sie denn schon meinem teuren Freunde die Nase wegschießen.“

„Warum gleich das? Die Nase ist ein edler Körperteil. Ich habe gar keine Lust, mich zu schlagen!“ erwiderte Ssanin lachend.

„Auch das ist vernünftig. Wozu sich schlagen — ist ja gar nicht nötig, sich zu schlagen!“

„Nun, meine Schwester Lyda — die beurteilt die Geschichte von einer anderen Seite.“ — —

„Weil sie eine Gans ist!“ erwiderte Iwanow mit Nachdruck. „Was doch für eine Unmenge Dummheit in jedem Menschen steckt!“

Er stopfte die letzte Zigarette und zündete sie sogleich an; die anderen packte er zusammen,steckte sie ins Etui und sprang, nachdem er den Tabak vom Fensterbrett weggeblasen hatte, durch das Fenster hinaus.

„Was werden wir anfangen?“ fragte er.

„Wollen wir zu Ssoloveitschik gehen?“

„Ach, hol ihn der Teufel!“

„Warum denn?“

„Ich liebe ihn nicht! Ein Regenwurm!“

„Er ist auch nicht schlimmer, als alle anderen. Vorwärts, Bruder, gehn wir!“

„Nun, schön, meinetwegen!“ Rasch wie immer bei Ssanins Vorschlägen, willigte Iwanow ein. Sie gingen zusammen durch die Straßen, beide kräftig und fröhlich, — beide mit breiten Schultern und freien Stimmen, — sie sprachen zusammen, als wenn außer ihnen keine Menschen auf der Welt existierten.

Ssoloveitschik war nicht zu Hause, das niedrige Haus war abgeschlossen, der Hof leer und ausgestorben; nur Sultan rasselte neben dem Schuppen mit seiner Kette und bellte wütend auf die fremden Leute ein, die, niemand weiß wozu, über den Hof gingen.

„Was für eine Oede hier!“ sagte Iwanow. „Gehen wir lieber auf den Boulevard!“

Sie gingen fort, die Pforte klappte zu, und Sultan setzte sich, nachdem er noch ein paarmal in die Luft gebellt hatte, vor seine Hütte und blickte traurig auf seinen leeren Hof, auf die tote Mühle und die engen und krummen weißen Pfade, die sich durch das niedrige, staubige Gras schlängelten.

Im Stadtgarten spielte wie gewöhnlich die Kapelle. Auf dem Boulevard war die Luft schonkühl und leicht. Es gab viele Spaziergänger, und die dunkle Menge, wie das Steppengras mit Blumen, von Frauenkleidern und Hüten durchsetzt, zog sich in Wellen hin und her, goß sich bald in den dunklen Garten hinein, ebbte dann wieder vor seinem steinernen Tore zurück.

Ssanin schritt mit Iwanow am Arm, durch den Park. Gleich in der ersten Allee trafen sie Ssoloveitschik, der nachdenklich unter den Bäumen entlang bummelte, die Arme auf dem Rücken und die Blicke starr auf die Füße gerichtet.

„Wir waren eben bei Ihnen,“ rief ihn Ssanin an.

Ssoloveitschik lächelte schüchtern: „Ach so, Sie müssen mich entschuldigen. Ich hab nicht gewußt, daß Sie werden kommen ... Sonst möcht’ ich schon gewartet auf Sie. Ich bin, wissen Sie, so gerade ein bißchen gegangen spazieren ...“

Seine Augen waren glänzend und traurig.

„Kommen Sie mit uns!“ schlug Ssanin vor, und reichte ihm liebenswürdig den Arm hin.

Ssoloveitschik legte freudig seinen Arm in den Ssanins, machte selbst ein fröhliches Gesicht, schob den Hut in den Nacken und ging mit einer Miene einher, als wenn er nicht den Arm Ssanins, sondern wer weiß was für ein kostbares Ding mit sich trüge.

Sein Mund zerrann bis an die Ohren.

Zwischen den Militär-Musikern, die mit puterroten Gesichtern und vollen Backen in die überlauten Messingröhren hineinbliesen, drehte sich der schmächtige Regimentskapellmeister, und schwang in dem augenscheinlichen Bestreben, mehrals die Musik seine Person zur Geltung zu bringen, mit spatzenartigen Bewegungen den Taktstock. Daneben stand in dichten Reihen das einfachere Publikum — Unteroffiziere, Militärschreiber, Gymnasiasten, Burschen in hohen Stulpenstiefeln und Mädchen mit farbigen Kopftüchern; in den Alleen zogen einander, wie in einer endlosen Quadrille, bunte Gruppen von Damen, Studenten und Offiziere, entgegen.

An den dreien kamen Dubowa, Schawrow und Swaroschitsch vorbei. Sie lächelten einander zu und grüßten sich. Ssanin, Ssoloveitschik und Iwanow gingen noch einmal durch den ganzen Garten; beim Rückwege begegneten sie ihnen wieder. Jetzt war noch Karssawina hinzugekommen; ihre hochgewachsene, schlanke Figur wurde durch ein helles Kleid prächtig zum Ausdruck gebracht. Schon aus der Ferne lächelte sie Ssanin zu; in ihren Augen zuckte ein Schimmer koketter Freundlichkeit.

„Was laufen Sie da so einsam herum?“ rief Dubowa, „schwenken Sie bei uns ein!“

„Wollen wir in den Seitenweg einbiegen, meine Herrschaften, hier ist zu großes Gedränge,“ schlug Schawrow vor. Und die lustige junge Gesellschaft tauchte in dem Halbdunkel der dichtbelaubten schweigsamen Allee unter und erfüllte sie mit fröhlichen, klangvollen Stimmen und schallendem, grundlosem Gelächter.

So waren sie bis zum Ende des Gartens gegangen und wollten eben wieder umwenden, als hinter einer Ecke des Weges Sarudin, Tanarow und Woloschin einbogen.

Ssanin sah sofort, daß der Offizier diese Begegnungnicht erwartet hatte und unwillkürlich eine ratlose Miene annahm. Sein hübsches Gesicht rötete sich tief; doch nach kurzem Zusammenfahren richtete sich seine Gestalt straff auf. Tanarow lächelte wütend.

„Und dieser Wiedehopf steckt auch noch immer hier? ...“ Iwanow wies mit den Augen verwundert auf Woloschin.

Woloschin sah sie nicht an; im Vorbeigehen blickte er sich fortgesetzt um und starrte auf Karssawina, die voranschritt.

„Noch hier!“ lachte Ssanin.

Dieses Lachen bezog Sarudin auf sich; er empfand es als eine Ohrfeige. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, in der Kehle stickte der Atem; er fühlte sich von einer unüberwindlichen Macht fortgerissen. Rasch trennte er sich von seinen Begleitern und schritt in großen Sätzen auf Ssanin zu.

„Was wünschen Sie?“ fragte dieser. Er war mit einem Mal ernst geworden; er betrachtete nur interessiert die dünne Reitgerte, die Sarudin unnatürlich in der Hand hielt. — — — Ach, welch ein Dummkopf, dachte er mit Aufregung und Mitleid.

„Ich habe mit Ihnen ein paar Worte zu reden,“ keuchte Sarudin heiser. „Meine Forderung hat man Ihnen überbracht.“

Ssanin neigte leicht bejahend den Kopf und sagte einfach, während er noch immer auf die Reitpeitsche des Offiziers sah: „Ja!“

„Und Sie weigern sich entschieden ... diese Forderung ... wie es einem Menschen mit Ehrbegriffen geziemt ... eh, anzunehmen?“ Sarudinsprach undeutlich, aber mit erhobener Stimme, die er selbst kaum mehr erkannte. Er erschrak vor ihr und dem kalten Handgriff der Reitpeitsche, die sich jetzt besonders fest in seine verschwitzten Finger drückte; dabei war er vollständig unfähig, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen.

Es kam ihm vor, als wenn im Park mit einem Mal völlige Luftleere eingetreten wäre.

Alle blieben stehen und hörten auf seine Worte.

„Das ist doch aber ...“ Iwanow wollte sich zwischen Ssanin und Sarudin drängen.

„Selbstverständlich weigere ich mich ganz entschieden,“ sagte Ssanin in seltsam ruhigem Tone und richtete seinen scharfen Blick, der sofort wieder alles übersah, von der Reitpeitsche hoch gerade auf Sarudins Augen.

Der Offizier atmete schwer, als erdrückte ihn eine ungeheure Last.

„Zum letzten Mal, weigern Sie sich?“ fragte er noch lauter.

Ssoloveitschik starrte auf den Offizier ... Ach, das ist ja entsetzlich, dachte er. Er wird ihn schlagen ... Sein ganzer Körper zuckte bei diesem Gedanken nervös zusammen.

„Was wollen Sie denn? ... wie,“ murmelte er, reckte sich plötzlich auf und stellte sich mit seinem ganzen Körper vor Ssanin. Sarudin bemerkte es kaum, als er ihn mit einer einzigen Bewegung beiseite schob. Vor ihm standen nur die ruhigen ernsten Augen Ssanins.

„Das habe ich Ihnen schon vorhin mitgeteilt,“antwortete dieser in dem früheren milden Ton.

Alles um Sarudin geriet in Drehung. Während er hinter sich Schritte und einen weiblichen Aufschrei hörte, schwang er mit krampfhafter Anstrengung, etwas zu hoch und ungeschickt, die dünne Reitpeitsche.

Im selben Augenblick schlug ihm Ssanin scharf und kurz, aber die Muskeln mit furchtbarer Anspannung zusammenziehend, mit der Faust ins Gesicht.

„So,“ entschlüpfte es unwillkürlich, aber sehr befriedigt Iwanows Lippen.

Sarudins Kopf schlug ohnmächtig auf die Seite, etwas schneidendes Trübes, das mit kalten Nadeln Augen und Hirn zerstach, übergoß Mund und Nase ...

„Eeeeeee,“ drang ein krampfartiger Laut aus seinem Munde. Er verlor Reitpeitsche und Mütze, fiel auf die Hände, wurde nichts mehr gewahr. Er hatte nur die eine brennende Vorstellung, daß nun alles unwiderbringlich zu Ende sei, und einen dumpfen, brennenden Schmerz im Auge.

In der stillen, menschenleeren Allee entstand ein irres Durcheinander. Karssawina schrie schrill auf, griff sich mit Entsetzen an ihre Schläfen und schloß die Augen. Mit dem gleichen Gefühl des Ekels stürzte sich Jurii, während er nur den auf allen Vieren hockenden Sarudin vor sich sah, zusammen mit Schawrow auf Ssanin zu.

Woloschin rannte eiligst die Allee herunter, gerade durch das nasse Gras, wobei er das Pincenez verlor und sich in die Büsche verwickelte;seine weißen Hosen wurden sofort bis an die Knie schwarz.

Tanarow sprang mit zusammengepreßten Zähnen und wütend aufgerissenen Pupillen auf Ssanin zu; aber Iwanow packte ihn kühl von hinten an den Schultern und warf ihn beiseite.

„Laß ihn doch, lasse,“ sagte Ssanin mit Ekel. Er stand mit breitgespreizten Beinen da, atmete hart; auf seine Stirn traten schwere Tropfen Schweiß.

Sarudin erhob sich taumelnd. Dabei stieß er armselige, unzusammenhängende Laute mit zitternden, geschwollenen Lippen aus. Es waren abgerissene Drohungen gegen Ssanin, die in ihrer Ohnmacht nur abstoßend wirkten.

Die ganze linke Seite seines Gesichts schwoll rasch an, das Auge schloß sich, aus Mund und Nase troff Blut, die Zähne klapperten, sein Körper zitterte wie im Fieber; er hatte nicht mehr die geringste Aehnlichkeit mit dem eleganten Menschen, der er noch eine Minute vorher gewesen war. Die furchtbare Kraft Ssanins hatte ihn mit einem Schlag alles Menschlichen beraubt und ihn zu etwas Elendem, Formlosem, Feigem gemacht. Weder der Wunsch zu fliehen, noch ein Versuch sich zu verteidigen, ließ sich an ihm wahrnehmen. Er spie Blut aus; mit zittrigen Händen klopfte er unbewußt den an den Knien kleben gebliebenen Sand ab, taumelte aber wieder und fiel um.

„Wie entsetzlich, wie entsetzlich,“ wiederholte Karssawina und wünschte so schnell als möglich von dem Platz fortzukommen.

„Gehen wir,“ sagte auch Ssanin zu Iwanow.Er blickte dabei nach oben, weil es ihm unangenehm und peinlich war, Sarudin anzusehen.

„Gehen wir, Ssoloveitschik!“

Aber Ssoloveitschik bewegte sich nicht vom Flecke. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er den Offizier, das Blut und den schneeweißen Kittel an, auf dem sich einige Sandflecken eigentümlich abhoben. Er zitterte und klapperte sinnlos mit den Lippen.

Iwanow zog ihn zornig am Arm, aber Ssoloveitschik riß sich mit starker Anstrengung los, umfaßte mit beiden Händen einen Baum, als wenn man ihn fortschleppen wollte, weinte plötzlich auf und schrie: „Wozu haben Sie das ... Wozu?“

Jurii Swaroschitsch trat auf Ssanin zu:

„Was für eine Niedertracht,“ schrie er ihm gerade ins Gesicht.

Doch Ssanin beherrschte sich. Ohne hoch zu schauen, lächelte er angeekelt: „Ja, Niedertracht. Wäre es denn besser, wenn er mich geschlagen hätte.“ Er machte eine abweisende Geste und ging rasch durch die breite Allee fort. Iwanow sah Jurii verächtlich an und, sich eine Zigarette ansteckend, schlenderte er langsam hinter Ssanin her. Noch an seinem breiten Rücken und den geraden Haaren konnte man sehen, wie gleichgültig er sich gegen alles Vorgefallene verhielt.

„Wie dämlich und gemein doch der Mensch sein kann,“ meinte er.

Ssanin sah sich schweigend um, antwortete aber nichts.

... Wie die Tiere, sagte Jurii vor sich hin, als er aus dem Park ging.

Zwar lag der Park ebenso da, wie er ihn vielmals vorher gesehen hatte, nachdenklich dunkel und schön, jetzt aber schloß er sich durch das Vorgekommene von der ganzen Welt aus und wurde bange und abstoßend.

Schawrow atmete schwer und ratlos auf, sah sich über die Brillenränder schüchtern nach allen Seiten um, als wenn er glaubte, daß man jetzt aus jedem Winkel Ueberfälle und Gewalttätigkeiten gewärtigen müsse.

In einem einzigen Augenblick hatte sich das Aussehen von Sarudins Leben auf das Furchtbarste verändert. Wie leicht und verständlich es früher war, so unerträglich wurde es jetzt. Es schien, daß man eine helle, lächelnde Maske abgestreift hätte; nun kam die wütende Fratze eines Raubtieres darunter zum Vorschein.

Als Tanarow ihn in einer Droschke nach Hause brachte, suchte er vor sich selbst Schmerz und Schwäche zu übertreiben, um nur nicht die Augen öffnen zu müssen. Er machte sich glauben, daß die Schande, die ihn von allen Seiten mit gierigen Augen anstarrte und nur auf diesen Blick wartete, um johlend, Grimassen schneidend und Finger zeigend, hinter ihm herzulaufen, so noch weiter aufgehalten werden könnte.

Aus allem, aus dem mageren Rücken desblaugekleideten Droschkenkutschers, aus jedem Straßenpassanten, aus den Fenstern, hinter welchen ihm schadenfrohe Gesichter aufzutauchen schienen, und selbst in Tanarows Hand, die ihn an der Seite hielt, spürte er schweigende aber aufrichtige Verachtung heraus.

Und dieses Gefühl war so überwältigend, so herzzerreißend schmerzlich, daß es Sarudin zeitweise nicht mehr erträglich schien.

Sein Gehirn sträubte sich dagegen, das Geschehene hinzunehmen; es wollte hoffen, daß all das nicht gewesen wäre oder daß hier doch noch ein Irrtum vorliege. Manchmal meinte Sarudin, daß er irgend einen nebensächlichen Punkt, der aber die ganze Situation vollständig verändern würde, nicht richtig auffasse; im Grunde wäre seine Lage gar nicht so entsetzlich und auswegslos. Die einfache Tatsache jedoch blieb klar und offen vor ihm bestehen; immer enger und enger hüllte die Finsternis der Verzweiflung seine Seele ein.

Sarudin hatte die Empfindung, in schmerzlicher, unbequemer Stellung am Boden festgebunden zu sein; in der widerwärtigsten Weise füllten sich seine Hände nach und nach mit Blut und Staub. Dabei fand er es gleichzeitig erstaunlich, daß er überhaupt noch imstande war, Einzelheiten herauszufinden. Eigentlich hätte sich sein Körper sofort auflösen müssen, nachdem alles, was den schönen, eleganten, fröhlich-sicheren Sarudin ausmachte, spurlos verflogen war; nun aber lebte er, ohnmächtig und besudelt, noch immer weiter.

Manchmal, wenn sich die Droschke bei scharfenWendungen auf die Seite neigte, öffnete Sarudin ein wenig die Augen und erkannte durch trübe Nässe die bekannten Straßen, Häuser, eine Kirche, Menschengestalten. Alles war so wie sonst; jetzt aber machte es einen unendlich fernen, fremden und feindlichen Eindruck. Die Passanten blieben stehen und schauten ihnen neugierig nach; wieder schloß Sarudin schnell die Augen und verlor vor Beschämung und Verzweiflung fast die Besinnung.

Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit; er glaubte nicht, daß sie noch einmal ein Ende nehmen würde.

„Nur schneller, nur nach Hause!“ schwirrte es durch sein Hirn, doch sofort tauchten die Gesichter des Burschen, der Zimmerwirtin, der Nachbarn vor ihm auf, und augenblicklich wünschte er, so wie er sich jetzt befand, abzureisen, nur immer unaufhörlich zu fahren, zu fahren, und niemals mehr die Augen aufschlagen zu müssen.

Tanarow, der ihn ununterbrochen an der Seite hielt, empfand für Sarudin ätzende Scham. Er starrte abgemessen geradeaus und gab sich alle erdenkliche Mühe, jedem entgegenkommenden Straßenpassanten klar zu machen, daß er persönlich mit der Sache nichts zu tun habe, und daß nicht er, sondern ein anderer geschlagen worden wäre. Sein Gesicht war gerötet, mit kaltem Schweiß bedeckt, wodurch seine Verwirrung noch gesteigert wurde. Zuerst sprach er noch zu Sarudin, bewegte sich, versuchte zu trösten, wurde aber bald schweigsam und trieb nur mit zusammengepreßten Zähnen den Droschkenkutscher zur Eile an. Daran und an der Unsicherheitder Hand, die ihn halb stützte, halb von sich entfernt hielt, erriet Sarudin, was in Tanarow vorging. Und dieses eine Vorkommnis, daß Tanarow, diese Null, dieser Trottel, dem er immer unendlich überlegen war, mit einem Male das Recht erhielt, sich für ihn zu schämen, gab seinem Bewußtsein, alles sei nunmehr zu Ende, den letzten endgültigen Stoß.

Sarudin konnte nicht ohne fremde Hilfe durch den Hof gehen; er mußte von Tanarow und dem erschrockenen Burschen, der ihnen zitternd entgegen gerannt kam, fast auf den Händen ins Haus geschleppt werden. Ob auf dem Hof noch Leute waren, bemerkte Sarudin nicht. Die beiden legten ihn auf den Divan und hatten zunächst keine Ahnung, was sie mit ihm anfangen sollten. So standen sie kopflos vor seinen überreizten Augen und bereiteten ihm dadurch entsetzliche Qualen. Der Bursche kam zuerst zu sich, geriet in Eile, holte warmes Wasser, ein Handtuch und wusch Sarudin behutsam Gesicht und Hände ab. Der Offizier fürchtete beinahe, seinem Blick zu begegnen, aber das Gesicht des Soldaten zeigte nichts von Schadenfreude, hatte nichts von Verachtung oder Hohn an sich; es sah nur erschrocken und mitleidsvoll, wie das eines alten, gutmütigen Weibes, aus.

„Wo hat man denn das, Hochwohlgeboren ...?“ fragte er Tanarow. „Ach, du lieber Herrgott! Wie war es denn möglich ...!“

„Das geht dich gar nichts an!“ schrie Tanarow mit zornrotem Gesicht, sah sich aber sogleich schüchtern um.

Er ging an das Fenster und griff mechanischnach einer Zigarette, wurde aber unschlüssig, ob er wohl in Sarudins Zimmer rauchen dürfe. So steckte er das Etui unmerklich wieder in die Tasche.

„Soll ich den Arzt holen?“ fragte der Bursche von neuem. Gewohnheitsmäßig nahm er Haltung an, schien aber auch Tanarow, trotz des Anschnauzens, nicht mehr zu fürchten.

Tanarow spreizte unentschlossen die Finger. „Ja, ich weiß wirklich nicht ...“ er antwortete in einem ganz anderen Ton und sah sich wieder um.

Sarudin hörte die Frage und erschrak bei dem Gedanken, daß auch noch der Arzt sein Gesicht anschauen solle.

„Ich brauche ... keinen!“ sagte er mit unnatürlich schwacher Stimme. Er bemühte sich immer noch, sich und die anderen glauben zu machen, daß es mit ihm zu Ende gehe.

Nachdem ihm jetzt Blut und Schmutz vom Gesicht gewaschen waren, sah er nicht mehr so schrecklich, sondern einfach nur abstoßend und bemitleidenswert aus. Tanarow warf ihm mit kleinlicher Neugierde einen verstohlenen Blick zu, wandte aber sofort die Augen wieder ab. Diese fast unmerkliche Bewegung wurde von Sarudin, wie fast alles, was ihn jetzt umgab, mit krankhafter Schärfe aufgefaßt; unter ihr erstickte er beinahe vor Verzweiflung. Er kniff das geschlossene Auge noch fester zu und rief mit scharfer, gebrochener Stimme:

„Laßt mich ... laßt mich allein!“

Tanarow schielte auf ihn und wurde plötzlich von verächtlichem Zorn fortgerissen.

... Schreien tut er auch noch. Ganz wie jeder andere Mensch ... dachte er wütend.

Sarudin wurde ganz still und lag unbeweglich, mit geschlossenen Augen da. Tanarow trommelte leise mit den Fingern auf dem Fensterbrett, zupfte sich an seinem Schnurrbart und schaute wieder auf die Straße hinab. Das erkältende Verlangen fortzugehen, ließ ihm keine Ruhe.

„Es paßt sich doch nicht! ... Lieber abwarten, bis er einschläft, dann geht es erst ...“ dachte er niedergeschlagen.

So verging gegen eine Viertelstunde, aber Sarudin bewegte sich von Zeit zu Zeit immer wieder. Tanarow wurde es allmählich unerträglich ekelhaft zumute. Endlich lag Sarudin ganz still.

... Scheint doch eingeschlafen zu sein! ... dachte Tanarow mit geheuchelter Teilnahme und blickte ihn verstohlen an. „Wirklich eingeschlafen!“

Er machte eine schüchterne Bewegung und klirrte ganz leise mit den Sporen. Sarudin schlug im Augenblick die Augen auf. Die nächsten Sekunden hindurch blieb Tanarow unbeweglich. Doch Sarudin fühlte seinen Wunsch heraus, wie auch Tanarow seinerseits plötzlich wußte, daß Sarudin alles verstehe. Und da geschah etwas Seltsames, Banges. Sarudin schloß rasch wieder die Augen, und Tanarow bückte sich heimlich und schlich auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer, mit der angestrengten Bemühung, sich selber diesen Schlaf einzureden. Aber er konnte gleichzeitig nicht das klare Bewußtsein überwinden,daß sie beide ganz genau wußten, wie der Sachverhalt läge.

Die Tür drückte sich leise ins Schloß, und alles, was sie beide früher so fest und freundschaftlich miteinander zu verbinden schien, war jetzt für immer verschwunden. Sarudin, wie auch Tanarow fühlten, daß sich zwischen ihnen ein luftleerer Raum geschoben hatte, der nicht mehr zu verdrängen war. Von nun an existierte unter allen Menschen Einer nicht mehr für den anderen.

Im Nebenzimmer atmete Tanarow wieder freier auf und fühlte sich bedeutend leichter. Er empfand weder Mitleid noch Bedauern darüber, daß zwischen ihm und Sarudin, mit dem er so viel Jahre gemeinsam verlebt hatte, alles zerbrochen war.

„Höre du,“ sagte er, sich nach den Seiten umschauend, eilig, als wenn es eine lästige Formalität wäre, die er noch zu erfüllen hätte, zu dem Burschen, „ich gehe jetzt fort, und du, paß auf ... wenn etwas vorkommen sollte ... Du wirst schon wissen ... nicht?“

„Zu Befehl!“ erwiderte erschrocken der Bursche.

„Nun, also denn ... Ja ... diese Umschläge da, die wirst du öfters wechseln ...“

Er stieg die Steinstufe herab und sah wieder zufrieden um sich, als er in die breite, menschenleere Straße hinaustrat. Der Abend war schon angebrochen. Tanarow freute sich, daß die Straßenpassanten sein glühendes Gesicht nicht mehr sehen konnten.

„Möglicherweise kann ich auch noch in dieseschlimme Geschichte hineingezogen werden,“ dachte er plötzlich, als er in den Boulevard einbog, und ein kalter Hauch wehte durch sein Herz. — „Aber schließlich, was habe ich denn damit zu tun?“ Er gab sich Mühe, nicht mehr daran zu denken, wie er sich selbst auf Ssanin gestürzt hatte, und vor allem nicht an den Stoß Iwanows, der ihn fast zu Boden schleuderte.

„Pfui Teufel, was für eine verfluchte Geschichte da herausgekommen ist!“ dachte Tanarow beim Gehen mit einer ärgerlichen Grimasse und voll Bitterkeit gegen Sarudin. „Nur dieser Esel ist an allem schuld! Er hatte es auch nötig, mit dem Lumpengesindel anzubinden! Pfui, wie ekelhaft!“

Und je mehr er überlegte, welche unangenehme Wendung die Angelegenheit genommen hatte, desto höher reckte sich seine winzige Gestalt, mit den hoch aufgezogenen Schultern und der engen Brust, die im weißen Kittel, engen Reithosen und eleganten Stiefeln steckte, instinktiv auf. Nach allen Seiten begann er drohende Blicke zu werfen.

In jedem entgegenkommenden Passanten sah er Spott und Hohn; jetzt hätte die geringste Andeutung genügt, um die Spannung in ihm zur Auslösung zu bringen. Er wäre mit blankem Säbel vorwärts gestürzt, um ohne Ueberlegung tödliche Hiebe auszuteilen. Aber er begegnete nur wenigen Menschen, und auch die glitten an ihm, wie flache Schatten an den Zäunen des dunklen Boulevards, schnell vorüber.

Zu Hause, während er sich allmählich beruhigte, kam ihm wieder in Erinnerung, wie ihn Iwanow zur Seite geschleudert hatte.

Warum habe ich ihm nicht in die Schnauze geschlagen? ... Ich sollte ihm doch einfach in die Zähne hauen! Schade, daß der Säbel nicht scharf ist! Sonst ... Uebrigens, ich hatte ja den Revolver in der Tasche! Da ist er noch. Ich konnte ihn wie einen tollen Hund niederknallen. Nicht? ... Ich vergaß den Revolver!

... Gewiß habe ich nicht an den gedacht, sonst hätte ich ihn wie einen Hund über den Haufen geschossen! Oder ... vielleicht ist es auch gut, daß ich’s vergessen hatte; ein Totschlag immerhin ... auf jeden Fall gibt’s ein Gericht ... und möglicherweise hatte von ihnen ebenfalls einer einen Browning ... da wäre es möglich gewesen ... wegen eines Nichts ... hole es der Teufel, zu Schaden zu kommen! ... So weiß ja niemand, daß ich den Revolver bei mir hatte, und nach und nach wird man überhaupt das Ganze vergessen ...

Tanarow zog vorsichtig, sich nach allen Seiten umsehend, den Revolver aus der Tasche und legte ihn in die Schublade.

... Ich muß heute noch zum Oberst gehen und ihm melden, daß ich an der Sache unbeteiligt bin ..., beschloß er, indem er die Schublade mit lautem Geklirr abschloß.

Aber stärker noch als dieser Entschluß drängte sich ihm der nervöse, fast prahlerische Wunsch ganz unwiderstehlich auf, in den Klub zu gehen und über den Skandal als Augenzeuge zu berichten.

Im hellerleuchteten Militärklub, der mitten in der dunklen Stadt lag, versammelten sich in aufgeregter, lärmender Entrüstung die Offiziere.Sie hatten von dem Vorfall im Park schon gehört und waren voll geheimer Schadenfreude gegen Sarudin, der sie mit seiner Eleganz und Verve stets auf die Seite drängte. Mit brutaler Neugierde empfingen sie Tanarow, der in seinen eigenen Augen plötzlich zum Helden des Tages wurde. Seiner Bedeutung angemessen schilderte er die Szene bis in die kleinsten Details. In seiner Stimme und den dunklen schmalen Augen zuckte schüchtern das zurückgehaltene und unbewußte Gefühl der Rache.

In der häufigen Wiederholung und Durchschnüfflung all der Einzelheiten, wie Sarudin geschlagen worden war, entschädigte Tanarow gleichsam seine Gehässigkeit für den ganzen Druck des früheren Freundes, für die Geldaffären, die herablassende Behandlung, die sich durch die Ueberlegenheit Sarudins ganz von selbst ergeben hatte.

Der Offizier aber lag ganz einsam, der ganzen Welt fremd, in seinem Zimmer auf dem Divan.

Der Bursche, der bereits erfahren hatte, wie die Affäre mit seinem Herrn vor sich gegangen war, bereitete noch immer, mit dem mitleidsvoll erschrockenen Weibergesicht den Samovar, holte Wein, und vertrieb den fröhlichen zärtlichen Setter aus dem Zimmer, der aufs äußerste erfreut war, daß sein Herr zu Hause blieb. Dann trat er wieder auf Zehenspitzen an den Divan heran:

„Hochwohlgeboren mögen doch etwas Wein trinken,“ sagte er kaum vernehmbar.

„Wie, was? ...“ Sarudin öffnete die Augen, schloß sie aber sofort wieder. Trotzdem aber fuhrer, wie es ihm selber schien, mit elender und in der Tat mitleiderregender Grimasse fort, wobei er die geschwollenen Lippen nur mit Mühe bewegen konnte: „Gib — — den Spiegel ... her.“

Der Bursche seufzte, brachte gehorsam den Spiegel und leuchtete mit der Kerze. Mißbilligend dachte er: — — — Was ist da viel reinzugucken ...

Sarudin blickte in den Spiegel und stöhnte unwillkürlich auf. Aus der dunklen Fläche schaute ihn, von der Seite rötlich beleuchtet, ein einäugiges blutunterlaufenes, bläulich schwarzes Gesicht an, dessen Schnurrbart zur Hälfte widersinnig in die Höhe stach.

„Hier, nimm,“ murmelte Sarudin; plötzlich schluchzte er hysterisch auf.

„Hochwohlgeboren ... wozu sich so ärgern. Es wird schon wieder gut werden,“ sagte der Bursche mitleidig, während er ihm in einem klebrigen Glas, das nach kaltem süßen Tee roch, Wasser reichte.

Sarudin trank nicht, sondern fuhr nur mit den Zähnen am Rande des Glases entlang und goß sich das Wasser über die Brust.

„Scher dich fort,“ schrie er wütend. Und doch empfand er in diesem Augenblick, daß der Bursche der einzige Mensch auf der Welt sei, der mit ihm Mitleid hätte. Aber das warme Gefühl für den Soldaten wurde sofort von der unerträglichen Vorstellung beiseite geschoben, daß jetzt sogar der Bursche das Recht hätte, ihn zu bedauern.

Der Soldat ging auf die Steintreppe hinaus. Er blinzelte mit den Augen und hatte das deutlicheVerlangen, zu heulen; er setzte sich auf die Stufen nieder und streichelte seufzend den weichen Rücken des Hundes, der sich an seinen Hosen rieb.

Ueber dem Garten funkelten lautlos glänzende Sterne. Der Setter legte ihm die elegante Schnauze auf die Kniee und schaute ihn von unten her mit dunklen unverständlichen Augen, die doch etwas zu sprechen schienen, an. Dem Soldaten wurde es bange und traurig, als ahnte er einen unabwendbaren Schicksalsschlag voraus.

„— — — Eh, das Leben, das Leben,“ dachte er erbittert; eintönig begann er über sein Dorf nachzudenken.

Sarudin drückte sich krampfhaft an die Rückenlehne des Divans und zerfiel völlig in dem Gram, ohne zu spüren, daß ihm das warmgewordene nasse Handtuch aufs Gesicht herabgerutscht war.

— — — Nun ist alles zu Ende, wiederholte er sich mit innerem Schluchzen ... Was ist zu Ende? ... Alles, das ganze Leben. Alles, das Leben ist verloren. Weshalb ... weil ich geschändet bin ... weil ich geschlagen bin wie ein Hund ... Mit der Faust ins Gesicht ... und ich kann ja nicht mehr im Regiment bleiben — —

Ungemein deutlich sah sich Sarudin inmitten der Allee auf allen Vieren hocken, ohnmächtig sinnlose Drohungen, die doch nur in einem elenden Winseln verklangen, ausstoßen. Immer von neuem und von neuem erlebte er diesen furchtbaren Augenblick, immer heller hob er sich vor seinen Augen ab. Alle Einzelheiten kamen ihm wie von einem elektrischen Reflektor überstrahlt,ins Bewußtsein. Aus irgend einem Grunde waren gerade diese ungereimten Drohungen und das weiße Kleid Karssawinas, das in demselben Augenblick an ihm vorbeihuschte, die qualvollsten Bilder seines Gedächtnisses.

— — — Wer hat mich denn aufgehoben, dachte er ... Dabei strengte er sich an, nichts zu denken; geflissentlich suchte er sein Hirn zu verwirren ...

Tanarow oder etwa der Judenbengel, den sie bei sich hatten. Tanarow ... darum handelt es sich ja garnicht ... Um was denn? ... Nur darum, daß das ganze Leben verdorben ist und daß ich nicht mehr im Regiment bleiben kann. Und ein Duell ... Er wird sich ja ganz gewiß nicht schlagen wollen ... Also ... ich werde nicht im Regiment bleiben können.

Sarudin erinnerte sich, wie einmal ein Ehrengericht, an dem er selbst teilgenommen hatte, zwei alte, verheiratete Offiziere aus dem Offizierkorps stieß, weil sie sich zu schlagen weigerten.

— — — Man wird es mit mir ebenso machen. Höflich, ohne mir die Hände zu reichen, dieselben Leute, ... und niemand wird mehr darauf stolz sein, wenn ich ihn auf dem Boulevard unter dem Arm nehme. Niemand wird mich mehr beneiden, ... meine Manieren kopieren ... Aber das ist noch das wenigste ... Doch die Schande, die Schande, das ist die Hauptsache! ... Und weshalb Schande ... Geschlagen ... Ja, ich wurde doch auch im Kadettenkorps geschlagen ... Damals, als mich der dicke Schwarz durchprügelte und mir einen Zahn ausgeschlagen hatte, da wurde doch auch nichts weiterdraus ... Später versöhnten wir uns miteinander und blieben bis zum Examen die besten Freunde ... Und kein Mensch verachtete mich ... Und warum denn jetzt alles ganz anders ... Ist es denn nicht ganz gleich ... Auch damals floß Blut ... Ebenso fiel ich um. Warum? ...

Auf diese auswegslosen gramvollen Fragen konnte Sarudin keine Antwort finden. Er fühlte nur, daß er bis über den Kopf in einen bodenlosen Sumpf geraten war, daß er unaufhaltsam tiefer sinke, ohne nach dem geringsten Stützpunkt greifen zu können. Wenn er das Duell angenommen und mich mitten ins Gesicht getroffen hätte ... Das wäre doch noch viel schmerzhafter und widerwärtiger als jetzt gewesen. Aber dann hätte mich niemand verachtet, nein, alle mich bemitleidet. Folglich besteht zwischen der Kugel ... und der ... Faust ... Ja, was für ein Unterschied ... was, warum? ...

Sein Denken lief in Sprüngen vorwärts.

Doch in der Tiefe arbeitete sich etwas Neues durch, das anscheinend schon einmal dagewesen, aber in seinem oberflächlichen, leeren Offiziersleben, das aus nichts als Lärmen bestand, vergessen worden war. Jetzt tauchte es in dem Unglück, das nichts wieder gut machen konnte und durch die erlittene Qual nur geschärft, von neuem wieder auf.

Einmal stritt von Deutz mit mir darüber, daß einer, der auf die linke Wange geschlagen wird, auch die rechte hinhalten soll, diesmal aber kam er doch selbst und schrie, fuchtelte mit den Armen, regte sich auf, weil sich dieser Kerl geweigert hatte, die Forderung anzunehmen. Da habensie doch eigentlich die Schuld, daß ich ihn mit der Reitpeitsche züchtigen wollte. Meine ganze Schuld lag darin, daß ich keine Zeit fand, zuzuschlagen ... Das Ganze ist also widersinnig ungerecht ... Und trotzdem die Schande und man darf nicht im Regiment bleiben.

Sarudin faßte ohnmächtig an seinen Kopf, schüttelte ihn auf dem Kissen und verfolgte mechanisch den quälenden Schmerz im Auge. Plötzlich erfaßte ihn eine furchtbare Flut von Grimm und Wut.

— — — Einfach zum Revolver greifen und den Hund über den Haufen schießen ... eine Kugel nach der andern ... Und ihn mit den Stiefelabsätzen ins Gesicht treten, wenn er umfällt. Einfach ins Gesicht, in die Zähne, in die Augen.

Mit nassem schwerem Aufschlag klatschte der Umschlag plump auf den Boden. Sarudin öffnete erschrocken die Augen, sah das kaum beleuchtete Zimmer, die Schüssel mit Wasser, das nasse Handtuch und an der Seite das schwarze bange Fenster, das ihn wie ein schwarzes Auge rätselhaft trübe anstarrte.

— — — Nein es ist gleich, es hilft doch nichts, dachte er, während seine ohnmächtige Verzweiflung allmählich ruhiger wurde. — — Es ist gleich, alle haben gesehen, wie er mich aufs Gesicht schlug und wie ich auf allen Vieren kroch ... Der Geprügelte, der Geprügelte, — — hat eins in die Fresse bekommen. Und man kann es nicht wieder gut machen. Nichts! Niemals werde ich wieder glücklich und frei sein. — —

Wieder bewegte sich etwas Scharfes, ungewöhnlichKlares in seinem Gehirn ... Aber war ich denn wirklich jemals frei, ... Ich gehe doch auch jetzt nur darum unter, weil mein Leben niemals frei und eigen war. Wäre ich denn von selbst zum Duell gegangen ... Hätte ich denn mit der Peitsche schlagen wollen ... Dann wäre ich auch nicht geschlagen worden ... Und alles blieb so schön und glücklich ... Wer und was hat es erfunden, daß man eine Verletzung mit Blut abwaschen muß ... Ich doch nicht. Da habe ich sie abgewaschen ... Mich hat man mit Blut abgewaschen ... Was? ... ich weiß nicht ... Aber aus dem Regiment muß ich heraus.

Das ohnmächtige, ungeschickte Denken versuchte sich emporzuheben, fiel aber wieder wie ein Vogel mit zugestutzten Schwingen nieder. Wohin auch seine Gedanken trieben, immer kehrten sie, wie in einem Kreise eingeschlossen, wieder auf den einen Punkt zurück, — — — daß er aus dem Regiment herausmüsse, daß er nun für immer geschändet sei.

Plötzlich setzte bei ihm Fieber ein. Er begann zu phantasieren. Mit einem Mal sah er ganz klar zwei Bauern. Sie schimpften und prügelten sich und der eine traf den anderen gegen die Schläfe ... dieser, schon alt und grau, stürzte nieder, erhob sich dann und, indem er das aus der Nase fließende Blut mit den Hemdärmeln abwischte, sagte er überzeugt: „Aber ein Narr bleibst du doch.“

Ja, das habe ich einmal mit angesehen, erinnerte er sich endgültig; doch sofort kam ihm wieder klar sein halb dunkles dumpfes Zimmer und die Kerze auf dem Tisch vor die Augen.Nachher tranken die beiden am Monopolladen Wodka.

Wahrscheinlich verlor er das Bewußtsein, denn die Kerze und das Zimmer verschwanden irgendwohin. Aber er hörte doch nicht auf, zu denken ... Später als die Kerze aus der Finsternis wieder vor ihm auftauchte, gelang es ihm nur mit Mühe, diesen Gedanken noch zu entziffern ... Mit einer solchen Schande kann man nicht weiterleben ... So, ich muß also sterben ... Aber ich will durchaus nicht sterben ... Nicht ich doch ... Aha, der gute Name ... aber zum Teufel, was geht mich der gute Name noch an, wenn ich sterben muß ... Aber ich muß doch aus dem Regiment heraus ... Und wie dann weiterleben ...

Als etwas unbegreiflich Trübes und Fremdes erschien ihm seine Zukunft ... Er wich ohnmächtig zurück ... Jedesmal, wenn der leidenschaftliche Durst nach Leben und Glück den Nebel, der sein Gehirn bedeckte, zu vertreiben begann, senkte er sich wieder tiefer herab; wieder stand Sarudin vor einer unabwendbaren Leere.

Die Nacht verging. Schwere Stille lauerte hinter dem Fenster, als ob Sarudin in der ganzen Welt nur allein litt ... Auf dem Tisch brannte und schmolz die Kerze und ihre Flamme floß gelb, gleichmäßig, mit tödlicher Ruhe herunter. Sarudin starrte mit dem in Fieber und Verzweiflung glänzenden Auge ins Feuer und bemerkte nicht, wie die Flamme kleiner wurde; es war ganz erfaßt von dem schwarzen Dunst unendlich verwirrter, kraftloser Gedanken.

Inmitten des Chaos von Erinnerungsfetzen, Vorstellungen, Gefühlen und Gedankenwar eine Empfindung am schärfsten; sie drängte sich wie eine klingende Saite der Trübsal tief ins Herz hinein. Das war der Schmerz, das bemitleidenswerte Bewußtsein seiner völligen Einsamkeit. Irgendwo draußen, da lebten Millionen von Menschen, freuten sich und lachten und sprachen vielleicht auch von ihm; — — — er aber war allein. Vergebens rief sich Sarudin ein bekanntes Gesicht nach dem andern vor die Augen. In blasser fremder gleichgültiger Reihenfolge stiegen sie vor ihm auf, in ihren kühlen Zügen las er nur Schadenfreude und Neugierde. Da erinnerte er sich in schüchterner Trauer an Lyda.

So wie er sie zum letzten Mal gesehen hatte, stellte er sie sich jetzt vor; mit großen Augen, denen jede Lebensfreude fehlte, mit dem schwachen Körper unter dem Hauskleid und aufgelöstem Zopf. In ihrem Gesicht war weder Schadenfreude noch Verachtung zu sehen. Mit traurigem Vorwurf blickte es ihn an und der Zuspruch, daß noch irgend etwas möglich sei, schimmerte in Augen, denen jede Lebensfreudigkeit fehlte. Er erinnerte sich an die Szene, als er sich im Augenblick ihres schwersten Kummers von ihr lossagte. Das messerscharfe Bewußtsein eines unwiederbringlichen Verlustes riß in den tiefsten Fasern seiner Seele.

— — — Und sie litt damals wahrscheinlich noch mehr als ich jetzt. Trotzdem habe ich sie von mir gestoßen. Ich wünschte selbst sogar, daß sie stirbt, daß sie sich ertränkt.

Wie zu einer letzten Zufluchtsstätte streckte sich ihr seine Sehnsucht in verzehrendem Durst nach Liebkosungen und Teilnahme entgegen. Fürkurze Zeit kam ihm der Gedanke, daß das Leiden, welches er jetzt durchlebte, die Vergangenheit erlösen könnte. Doch im selben Augenblick wußte er auch, daß Lyda niemals mehr zu ihm kommen würde, weil alles zu Ende sei. Völlige Leere öffnete sich vor ihm wie ein Abgrund. Sarudin hob die Hand, preßte sie fest gegen den Kopf; er schien zu erstarren ... seine Augen waren geschlossen, seine Zähne in der Anstrengung, nichts mehr zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen, aufeinandergepreßt. Aber bald ließ er die Hand fallen, schob sich in die Höhe und setzte sich aufrecht hin. Sein Kopf schwindelte, im Munde brannte es, Beine und Arme zitterten. Er stand auf und ging schwankend, unter dem Druck im Kopfe, der plötzlich ungeheuer schwer wurde, zum Tische.

— — — Alles verloren — — — alles verloren — — — das Leben und Lyda und alles ... Ein greller Blitz klarer Gedanken beleuchtete einen Augenblick sein Schicksal. Er verstand mit einem Schlag, daß es in seinem verschwundenen Leben nichts Gutes und Schönes und Frohes gegeben hatte, sondern daß alles heuchlerisch, beschmutzt und töricht war. Nicht einmal ein besonderer Sarudin, den sein Charakter zu allem berechtigte, hatte existiert. Es gab nur einen ohnmächtigen schüchternen, und verhätschelten Körper, der früher einmal alle Genüsse durchkostete und jetzt Schmerz und Demütigung erlitt. — — — —

— — — Man kann nicht weiterleben, dachte Sarudin klar und ruhig. Um ein neues Leben zu beginnen, muß man alles frühere von sich werfenkönnen, zu einem ganz anderen Menschen werden. Aber das kann ich nicht. — — —

Er ließ den Kopf schwer gegen den Tisch fallen und starrte wie gebannt in die schwankende Flamme der Kerze, die an den Rändern des Leuchters herunterschmolz.


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