XXXI

Am selben Abend kam Ssanin allein bei Ssoloveitschik vorbei.

Der Jude saß ganz einsam auf der Steintreppe des Hauses und schaute auf den öden Hof, über den sich, Gott weiß für wen, schmale Wege langweilig hinzogen; zwischen den Steinen verwelkte staubiges Gras. Die abgeschlossenen Schuppen mit riesigen, verrosteten Schlössern, die trüben Fenster der Mühle und der ganze ungeheure leere Platz, in dem das Leben, wie es schien, bereits vor langen Jahren ausgestorben war, atmeten gräßliche, gepreßte Zerschlagenheit aus.

Ssanin war beim ersten Anblick von den Mienen Ssoloveitschiks überrascht. Er lächelte nicht, bleckte nicht wie sonst gefällig mit den Zähnen, sondern sah nur traurig und abgespannt vor sich hin ... Nur aus seinen dunklen Augen lugte lange ein bohrender Gedanke hervor.

„Ah, guten Tag,“ sagte er gleichgültig und drückte schwach Ssanins Hand; dann wandte er sich sofort wieder mit dem Gesicht zu dem dunklenHimmel, von dem sich die abgestorbenen Scheunendächer noch lebloser abhoben.

Ssanin setzte sich auf eins der Treppengeländer, zündete sich eine Zigarette an und schaute lange auf Ssoloveitschik, an dem ihm etwas Besonderes auffiel. „Was machen Sie hier? ...“

Ssoloveitschik wandte ihm langsam seine traurigen Augen zu.

„Ich bin hier so ... Die Mühle blieb stehen. Ich war beschäftigt im Kontor ... Da wohnte ich auch hier. Sind schon alle weggefahren, ich bin hier geblieben, als einer nur.“

„Es ist Ihnen wohl bange, so einsam zu wohnen?“

„Was ist bange? — — — Ist ja alles ganz egal,“ er schlug mit der Hand trübe durch die Luft. Es war lange still und man konnte nur das einsame Kettenklirren in der Hundehütte hinter den Scheunen her vernehmen.

„Nicht hier ist es so bange,“ — — — Ssoloveitschik kam plötzlich ins Reden und geriet unerwartet in laute leidenschaftliche Bewegung.

„Nicht hier ... sondern ...“ er zeigte auf Brust und Stirn, „da und da ...“

„Was ist denn?“ fragte Ssanin ruhig.

„Hören Sie,“ Ssoloveitschik fuhr noch lauter und leidenschaftlicher fort. „Da haben Sie geschlagen heut einen Menschen, haben ihm zertrümmert sein ganzes Leben. Zürnen Sie mir nicht, ich bitte, daß ich spreche, alles das ... aber ich denke viel daran. Ich saß hier und dachte daran immerzu und ist mir geworden so traurig ... Ich bitte, antworten Sie mir doch!“ — Füreinen Augenblick verzerrte das gewöhnliche, gefällige Lächeln sein Gesicht.

„Fragen Sie, wonach Sie wollen. Glauben Sie wirklich, Sie werden mich verletzen? ... Durch eine Frage können Sie es gewiß nicht. Was ich getan habe, habe ich getan. Wenn ich jetzt glauben wollte, daß es schlecht war; ich würde es selber eingestehen.“

„Ich wollte Sie nur eines fragen ... Wenn Sie sich vorstellen — — jetzt — — vielleicht haben Sie getötet diesen Menschen?“

„Daran zweifle ich kaum. Ein solcher Mensch wie Sarudin kann sich kaum von dem Schlag frei machen, als ... nun daß er mich oder sich tötet ... Aber was mich betrifft ... Nein, der psychologische Moment ist versäumt. Der ist jetzt viel zu deprimiert, um mich jetzt gleich zu töten. Später aber wird er keinen Mut mehr dazu haben. Sein Spiel ist zu Ende.“

„Und darüber können Sie sprechen so ruhig?“

„Was soll das Ruhig? ... Ich kann nicht ruhig mit ansehen, wie man eine Henne abschlachtet. Und hier handelt es sich noch um einen Menschen. Und das Schlagen selbst ist peinlich. Zwar ... das Gefühl der eigenen Kraft ist ein bißchen angenehm ... aber doch ... es ist dumm. Und häßlich war es auch, daß alles so roh vor sich ging, doch mein Gewissen ist ruhig. Ich war hierbei nur eine Zufälligkeit. Sarudins Leben läuft eine Bahn herunter, bei der es nur verwunderlich ist, daß nicht allein dieser eine Mensch zugrunde geht, sondern nicht noch alle andern zum Teufel gegangen sind. Die Leute lernen Menschen zu töten, ihren Körperzu pflegen und begreifen nicht, was und wozu sie es tun. Das sind Verrückte, Idioten. Und wenn man Verrückte auf der Straße frei herumlaufen läßt, schneiden sie sich alle untereinander die Kehlen ab. Was bin ich schuld, daß ich mich gegen einen solchen Tollen verteidigen mußte.“

„Aber getötet haben Sie ihn,“ beharrte Ssoloveitschik.

„Darüber mag er sich schon beim lieben Herrgott beschweren, der uns beide auf einem Punkt zusammenbrachte, wo wir nicht aneinander vorbeikommen konnten.“

„Aber Sie konnten ihn halten fest, ihn kriegen bei die Hände.“

Ssanin hob den Kopf.

„In solchen Fällen denkt man nicht darüber nach, was man tun könnte ... Und welchen Zweck hätte es gehabt, das Gesetz seines Lebens verlangte Rache um jeden Preis. Ich konnte ihn doch keine Ewigkeit an den Händen halten. Für ihn wäre das nur eine neue Beleidigung gewesen ... und weiter nichts.“

Ssoloveitschik breitete beide Arme weit aus und wurde schweigsam.

Die Dunkelheit rückte gierig von allen Seiten heran. Der rosa Streifen der Abendröte, von den Rändern der schwarzen Dächer scharf abgeschnitten, wurde immer ferner und kühler. Die lautlosen Schritte schwarzer, unfaßbarer Schatten, die sich hinter den dunklen Scheunen zu drängen schienen, mußten es sein, die Sultan plötzlich beunruhigten. Denn mit einem Male kam er aus der Hütte herausgekrochen und hocktesich davor nieder; wütend klirrte er mit seiner Kette.

„Mögen Sie — möglicherweise — recht haben ... Aber dann ist es wirklich immer notwendig ... Vielleicht wäre es gewesen besser, wenn Sie selbst hätten ertragen den Schlag.“

„Weshalb besser? ... Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Schlag hinzunehmen. Wozu auch? ... Aus welchen Gründen?“

„Nein, ich bitte, hören Sie mich an ...“ fiel ihm Ssoloveitschik rasch ins Wort. „Vielleicht, es wäre gewesen doch besser ...“

„Für Sarudin allerdings.“

„Nein, für Sie auch. Denken Sie sich nur ...“

„Ach, Ssoloveitschik,“ erwiderte leicht angeärgert Ssanin. „Das ist immer das alte Märchen von dem moralischen Sieg. Und dazu ist dieses Märchen noch sehr plump. Der moralische Sieg besteht nicht darin, unbedingt seine Backe hinzuhalten, sondern vor seinem eigenen Gewissen im Recht zu sein. Und wie man sich dieses Bewußtsein verschafft, das ist ganz gleich ... Das hängt vom Zufall, von den Umständen ab. Nichts ist entsetzlicher als die Sklaverei, und es gibt wieder keine schrecklichere Sklaverei, als wenn sich ein Mensch bis auf die Knochen gegen eine Gewalttat, die ihn trifft, empört und sich ihr dann doch im Namen eines stärkeren Prinzips unterwirft.“

Ssoloveitschik faßte sich plötzlich an den Kopf, doch in der Dunkelheit blieb der Ausdruck seines Gesichts unerkennbar.

„Was soll ich sagen? ...“ rief er mit weinerlicherStimme. „Meine Vernunft ist so schwach. Ich kann sich garnichts erklären, nichts verstehen, ... ich weiß nicht, wie man soll leben.“

„Und wozu brauchen Sie es zu wissen. Leben Sie wie der Vogel fliegt. Will er den rechten Flügel heben, gut, so hebt er ihn, will er um einen Baum biegen, gut, biegt er um ...“

„Ja, aber es ist doch das ein Vogel, wohingegen ich bin ein Mensch ...“

Ssanin lachte laut, und sein fröhliches, mutiges Lachen erfüllte alle Ecken des dunklen Platzes mit momentanem Leben.

Ssoloveitschik hörte auf und schüttelte langsam den Kopf.

„Nein,“ sprach er trüb. „Das ist alles nur so ... Worte. Sie können mich nicht lehren, wie muß ich leben. Niemand, niemand kann es.“

„Das ist wahr, niemand kann das. Die Kunst zu leben, das ist auch ein Talent. Und wer dieses Talent nicht besitzt, der geht unter.“

„Sie sind jetzt so ruhig, Sie sprechen so, als wenn Sie wissen schon alles. Und ... ich bitte, seien Sie mir nicht böse ... Waren Sie immer einer, Soner ... So wie Sie sind jetzt. Ruhig ...“ Ssoloveitschik fragte es mit brennender Neugierde, in der Erregung verschlechterte sich sein Russisch immer mehr.

„Oh nein,“ Ssanin schüttelte mit dem Kopf. „Allerdings, ich besaß immer viel Ruhe. Aber es waren doch Zeiten, wo ich die unterschiedlichsten Zweifel durchmachte. Es gab eine Zeit, wo ich im vollen Ernst von dem Ideal des christlichen Lebens träumte.“

Ssanin schwieg nachdenklich, und Ssoloveitschik blickte mit ausgestrecktem Halse auf ihn, als wenn er von ihm etwas unbegreiflich Wichtiges erwartete.

„Einst hatte ich einen Freund, einen Studenten, einen Mathematiker ... Iwan Lande. Es war ein wunderbarer Mensch von unüberwindlicher Kraft, ein Christ nicht aus Prinzip, nein, einfach seiner Natur nach. In seinem Leben haben sich alle kritischen Elemente des Christentums widergespiegelt ... Wenn man ihn schlug, verteidigte er sich nicht, er vergab seinen Feinden, ging zu jedem Menschen wie zu seinem Bruder hin, ... wer es tun kann, der tue es. Und da er es tun konnte, tat er es auch ... die Verneinung der Frau ... als eines Weibes ... Sie erinnern sich wohl an Semionow.“

Ssoloveitschik nickte ihm mit naiver Freude zu. Für ihn war es ungeheuer wichtig: In einer gewohnten Umgebung, zwischen Bekannten, erstand plötzlich vor seinen Augen ein Bild des wahren Christen, von dem er stets nur eine trübe Ahnung hatte, das ihn aber immer wieder anzog, wie ein Licht den Nachtfalter. Er entflammte ganz in Aufmerksamkeit und Erwartung.

„Nun also, Semionow ging es damals entsetzlich schlecht. Er lebte zu der Zeit in der Krim bei einem Schüler. Da ging er in dieser Einsamkeit einfach unter, war immer inmitten von Todesahnungen ... in düsterster Verzweiflung. Lande hatte davon erfahren und entschloß sich natürlich, die versinkende Seele retten zu gehen. Und er ist buchstäblich gegangen. Geld hatte er nicht. Borgen wollte ihm niemand, als eineman Gutmütigkeitsirrsinn Leidenden, und so ging er den Weg von 1000 Werst zu Fuß. Irgendwo unterwegs ist er denn auch zugrunde gegangen. Hat also auf seine Weise sein Leben für seine Mitmenschen hingegeben.“

Voller Begeisterung, ekstatisch mit den Augen blitzend, rief Ssoloveitschik: „Nun, werden Sie nicht anerkennen diesen Menschen?“

„Ueber ihn gab es seiner Zeit viel Streit,“ erwiderte Ssanin nachdenklich. „Die einen hielten ihn nicht für einen echten Christ und wollten ihn aus diesem Grunde nicht anerkennen, die andern hielten ihn direkt für verrückt, so mit einer gewissen Mischung von Eigensinn. Wieder andere sprachen ihm alle Kraft ab, weil er nicht gekämpft, nicht gesiegt hatte, kein Prophet wurde, sondern nur allgemein Entfremden hervorrief. Nun, und ich sehe ihn wieder anders an. Damals war ich selbst noch von ihm bis zur Blödheit fasziniert. Es ging so weit, daß mir einmal ein Student eins in die Fresse schlug. Zuerst wurde alles in mir rasend ... Aber Lande war dabei. Er blickte mich ruhig an. Ich weiß nicht, was da in mir vorging ... Nun ... ich bin schweigend aufgestanden und fortgegangen. Und dann ... zuerst war ich darauf furchtbar stolz, übrigens man kann sagen, dummstolz, und zweitens habe ich auf diesen Studenten einen Haß von ganzer Seele bekommen. Nicht weil er mich geschlagen hatte, sondern einfach, weil meine Handlungsweise ihm sicher ein Vergnügen gemacht hatte wie kein zweites. Ganz zufällig bemerkte ich, in was für eine falsche Stellung ich mich selbst gebracht hatte, wurde nachdenklich,lief zwei Wochen lang wie wahnsinnig herum, und hörte am Ende auf, meinen blödsinnigen, moralischen Sieg als etwas Großartiges zu betrachten. Aber diesen Studenten habe ich dann bei seiner ersten selbstgefälligen, frechen Bemerkung bis zur Bewußtlosigkeit und mit köstlichem Genuß durchgeprügelt. Zwischen mir und Lande kam es zu innerer Entfremdung. Ich sah mir sein Leben genau an und sah ein, daß es ganz elend und armselig war ...“

„Oh, was sagen Sie da,“ rief Ssoloveitschik, „können Sie sich denn vorstellen, wie er war reich an innere Erlebnisse?“

„Seine Erlebnisse waren eintönig, weiter nichts. Das ganze Glück seines Lebens bestand darin, widerspruchslos jedes Unglück aufzunehmen, und der Reichtum darin, daß er immer mehr und tiefer jedem Lebensreichtum entsagte. Das war ein Bettler aus freien Stücken und ein Phantast, der nur um deswillen lebte, was ihm garnicht bekannt war.“

„Sie wissen garnicht, wie Sie quälen mich.“ Ssoloveitschik rief es plötzlich und rang die Hände.

„Aber was für ein hysterischer Kerl sind Sie, Ssoloveitschik,“ bemerkte Ssanin verwundert. „Ich erzähle Ihnen doch garnichts Besonderes. Oder hat sich diese Frage in Ihnen mit sehr vielen Schmerzen eingefressen.“

„Sehr ... sehr ... ich denk und denk ... und mein Kopf tut mir weh. War denn das ein Irrtum ... Alles wirklich. Da sitz ich nun wie in ein dunkles Zimmer, und niemand kann mir sagen, was ich muß tun. Wozu lebt denn der Mensch? Sagen Sie es mir.“

„Wozu? Das ist niemandem bekannt.“

„Und es ist gar keine Möglichkeit, zu leben für die Zukunft, damit es soll wenigstens später einmal geben ein goldenes Zeitalter.“

„Niemals wird ein goldenes Zeitalter sein. Wenn sich Leben und Menschen sprungartig verbessern könnten, das wäre das goldene Zeitalter ... Aber das kann niemals eintreten ... Verbesserungen steigen auf unmerklichen Stufen heran. Der Mensch sieht nur die letzte und die folgende Stufe. Sie und ich leben jetzt nicht wie römische Sklaven oder wie Wilde in der Steinzeit. Daher empfinden wir gar nicht das Glück unserer Kultur. Auch der Mensch des goldenen Zeitalters wird keinen Unterschied mit dem Leben seines Vaters sehen, wie der Vater mit dem des Großvaters und so zurück. Der Mensch geht auf ewiger Bahn und eine Brücke zum Glück bauen wollen, das ist dasselbe, als wenn man zu einer unendlichen Zahl neue Einheiten addieren wollte.“

„Also ist alles leer ... Also, es gibt denn nichts?“

„Ich glaube nichts ...“

„Nun, und Ihr Lande ... Sie haben doch selbst ...“

„Ich liebte Lande ... Aber nicht, weil er so lebte ... Nein, nur weil er aufrichtig war und niemals auf seinem Wege stehen blieb, vor keinen Barrieren ... weder vor lächerlichen noch vor furchtbaren ... Für mich war Lande wertvoll an sich. Mit seinem Tode ist auch dieser Wert verschwunden.“

„Und Sie glauben denn nicht, daß solcheMenschen veredeln das Leben. Bekommen sie doch Anhänger solche Menschen manchesmal ... wie ...“

„Wozu müßte es veredelt werden. Das erstens. Und zweitens kann man solchem Beispiel nicht folgen ... Ein Lande muß geboren werden ... Jesus war herrlich, die Christen armselig ... sie haben die erhabene, reine Idee zu einem toten Dogma herabgewürdigt.“

Ssanin wurde es müde, weiter zu sprechen; er schwieg still. Alles um sie schwieg ebenfalls. Und nur die hoch über ihnen schwebenden Sterne schienen ohne Ende ein lautloses Gespräch fortzuführen.

Plötzlich flüsterte Ssoloveitschik etwas und sein Flüstern war sonderbar und bange.

„Was,“ fragte Ssanin erzitternd.

„Sie müssen mir sagen ... was denken Sie ... wenn ein Mensch nicht weiß, wohin zu gehen ... und immer denkt er, und immer nur denkt er, nur denkt und immer leidet, und alles ist ihm furchtbar und unbegreiflich. Vielleicht ist es für solch einen Menschen besser, überhaupt zu sterben.“

„Ja,“ sagte Ssanin klar und stark; er begriff tief, was aus der jungen Seele Ssoloveitschiks unsichtbar zu ihm emporstieg. „Vielleicht ist es in einem solchen Fall besser, zu sterben. Leiden ist sinnlos, und ewig leben wird ja sowieso niemand. Zu leben lohnt es sich wirklich nur für einen Menschen, der in der Tatsache des Lebens selbst einen Genuß sieht. Wer aber nur leidet und leidet, dem ist es besser, zu sterben ...“

„Das hab ich mir auch gedacht,“ rief Ssoloveitschikmit Nachdruck. Plötzlich klammerte er sich an Ssanins Hand. Es war ganz dunkel, das Gesicht Ssoloveitschiks schimmerte kaum merklich, fast bleich wie das einer Leiche, die Augen blickten aus schwarzen, leeren Höhlen hervor.

„Ja, Sie sind ein toter Mensch.“ Ssanin erhob sich, in seiner Kehle steckte ein unwillkürliches Zittern. „Und für eine Leiche ist wohl wirklich ein Grab das beste ... Leben Sie wohl, Ssoloveitschik!“

Ssoloveitschik schien nichts mehr zu hören. Er saß unbeweglich wie ein schwarzer Schatten da, mit abgestorbenem Gesicht.

Ssanin wartete noch einen Augenblick schweigend, dann drehte er sich ebenso schweigend um und ging. An der Pforte hielt er noch einmal an und lauschte. Es war alles still; Ssoloveitschik war auf der Steintreppe kaum noch zu erkennen; er zerfloß fast im Dunkeln. Eine unangenehme, bohrende Ueberlegung kroch in Ssanins Herz.

... Ganz gleich, dachte er, ob so zu leben oder zu sterben ... Es wäre auch ohne dies gekommen ... wenn nicht heute, dann morgen ...

Er wendete sich rasch um, öffnete die knarrende Pforte und ging zur Straße hinaus. Auf dem Hof war es lautlos wie früher.

Als Ssanin auf den Boulevard kam, hörte er in der Ferne unruhige, sonderbare Laute. Jemand lief schnell durch das Dunkel der Nacht, mit lärmendem Fußscharren und klagte oder weinte beim Laufen vor sich hin.

Eine schwarze Gestalt tauchte auf und stürzte immer näher und näher auf ihn zu. Aus irgendeinem Grunde wurde Ssanin wieder bange zu Mute.

„Was ist los?“ fragte er laut.

Der Rennende hielt für einen Augenblick an, und Ssanin sah neben sich ein erschrockenes, dämliches Soldatengesicht.

„Was ist denn los? ...“ schrie er aufgeregt.

Aber der Soldat murmelte nur etwas und lief weiter, scharrte wie vorher schwer mit seinen Füßen und klagte oder weinte.

Nacht und Stille verschlangen ihn wie ein Gespenst.

... Aber das ist ja der Bursche Sarudins, fiel es Ssanin ein. Plötzlich goß sich ein harter, glühender Gedanke scharf in seinem Kopf aus: Sarudin hat sich erschossen.

Eine leichte Kälte berührte seine Schläfe. Eine Minute lang starrte er schweigend in das trübe Gesicht der Nacht und zwischen dem Rätselhaften und Drohenden, das darin aufstand, und in dem starken Menschen schien ein kurzer, schweigender aber furchtbarer Kampf zu toben.

Die Stadt schlief, die Bürgersteige schimmerten weiß, die Bäume stachen schwarz dagegen ab; stumpf blickten die dunklen Fenster, sie bewahrten die behutsame Stille.

Mit einem Male ruckte Ssanin mit dem Kopf an, lächelte ernst und sah mit harten Augen vor sich hin.

... Ich trage keine Schuld daran, sagte er laut. Einer mehr oder weniger ...

Und als grauer Schatten durch die Dunkelheit schimmernd schritt er vorwärts.

Bei der Schnelligkeit, mit der sich in einer kleinen Stadt jede Neuigkeit verbreitet, war es sofort bekannt geworden, daß sich am selben Abend zwei Menschen das Leben genommen hatten. Jurii Swaroschitsch erfuhr es von Iwanow, der gerade zu ihm kam, als Jurii von einem Unterricht zurückkehrte. Er hatte sich eben an die Staffelei gestellt, um an Ljaljas Bild zu malen. Sie saß ihm in leichter heller Bluse, mit nacktem Hälschen und durchschimmernden rosigen Armen. Die Sonne leuchtete durch das Zimmer, entzündete in goldigen Funken die buschigen Haare; die ganze Ljalja sah so jung, reinlich und lustig wie ein goldener Vogel aus.

„Guten Tag!“ Iwanow schleuderte mit großartiger Bewegung seinen Hut auf den Tisch.

„Aha, was bringen Sie neues?“ fragte Jurii und lächelte ihm freundlich zu. Er war in zufriedener, heiterer Stimmung, weil er endlich einen Schüler gefunden hatte und nicht mehr dem Vater auf dem Halse zu liegen brauchte, sondern jetzt auf eigenen Füßen stand. Dazu kam auch der Einfluß, den die glückliche Ljalja auf jeden Menschen in ihrer Nähe ausstrahlte.

„Sehr vieles,“ antwortete Iwanow mit unbestimmtem Ausdruck in seinen grauen Augen. „Der eine hat sich den Kopf zersprengt, — — der andere hat sich aufgehängt, den dritten holt der Teufel, damit er nicht hinter den Weibern schwenkt.“

„Was heißt das? ...“ Jurii starrte verwundert auf Iwanow.

„Beruhigen Sie sich, den dritten habe ich schon selber hinzugedichtet, — — — bitte, zur Steigerung des Effekts, und weil der Reim so schön ist, aber bei zweien ist es Tatsache ... Schicksal! Heute nacht erschoß sich Sarudin und soeben hört man so was, Ssoloveitschik hätte sich aufgehängt ... Da haben Sie es ...“

„Aber das ist ja nicht möglich,“ rief Ljalja, mit erschrockenen aber vor Neugierde strahlenden Augen aufspringend.

Jurii legte eilig die Palette zur Seite und ging auf Iwanow zu:

„Sie scherzen nicht? ...“

„Wer denkt an Scherze!“

Wie immer bemühte er sich ein philosophisch gleichgültiges Aussehen zu markieren, aber man konnte ihm anmerken, daß ihm bange und unangenehm zumute war.

„Warum sich erschossen ... Weil ihn Ssanin geschlagen hatte ... Und weiß es Ssanin ...“ Ljalja klammerte sich an Iwanow.

„Offenbar ja ... Ssanin weiß es schon seit gestern Nacht,“ antwortete Iwanow.

„Und wie? ...“ fragte unwillkürlich Jurii.

Iwanow zuckte die Achseln. Schon mehrere Mal hatte er Gelegenheit gehabt, sich mit Jurii über Ssanin zu streiten und er regte sich jetzt schon im Voraus auf.

„Nichts, was soll denn sein,“ erwiderte er ärgerlich.

„Aber wie man es auch nimmt, er ist doch dieUrsache,“ bemerkte Ljalja. Sie machte ein bedeutungsvolles Gesicht.

„Na, und wenn schon ... Hätte doch dieser Idiot nicht auf ihn los gehen sollen. Ssanin ist an der Sache ganz unschuldig. Das ist alles recht bedauerlich, natürlich, es muß aber auf das Konto von Sarudins Dummheit gesetzt werden.“

„Na, die Ursachen liegen wohl tiefer. Sarudin lebt in einem gewissen Milieu — — —“

„Und wenn er in einem solchen dummen Milieu lebte und sich ihm unterwarf, so ist das nur ein Beweis dafür, daß er selbst ein Esel war ...“

Jurii schwieg; er rieb die Finger mechanisch aneinander. Es war ihm peinlich, so über einen Verstorbenen urteilen zu hören, trotzdem er nicht einmal den Grund für dieses Gefühl hätte angeben können.

„Nun gut, Sarudin — — — das ist begreiflich ... Aber doch Ssoloveitschik ... das hätte ich niemals gedacht ...“ Ljalja zog unschlüssig die Augenbrauen an. „Weshalb der nur? ...“

„Weiß es Gott? ...“ bemerkte Iwanow. „Er war immer so ein Eingänger. War niemals ganz bei sich.“

In diesem Augenblick kamen Rjäsanzew und Karssawina; er in einem Wagen, sie zu Fuß. Sie trafen sich unten an der Haustür und man hörte schon von der Terrasse her die hohe, ratlos fragende Stimme Karssawinas und die fröhliche und scherzhafte Rjäsanzews, wie er sie immer schönen jungen Frauen gegenüber gebrauchte.

Als erste trat Karssawina herein, man sahihr das aufgeregte Interesse an: „Anatoli Pawlowitsch kommt von dort.“

Rjäsanzew schloß bedächtig die Tür und machte sein gewohntes zufriedenes Gesicht; er zündete sich noch im Gehen eine Zigarette an.

„Na, das sind schöne Sachen,“ meinte er. Im Augenblick füllte sich das Zimmer mit seiner gesunden Stimme und seiner selbstsicheren Fröhlichkeit. „Auf diese Weise wird in unserer Stadt bald keine Jugend mehr übrig bleiben.“

Karssawina setzte sich schweigend nieder; ihr schönes Gesicht war verstimmt.

„Na, legen Sie los,“ sagte Iwanow.

„Nun, was ...“ Rjäsanzew sah noch immer zufrieden aus, wenn auch allmählich der fröhliche Einschlag schwand. In derselben Weise wie Ljalja zog er seine Brauen an.

„Als ich gestern Abend aus dem Klub herauskomme, läuft mir plötzlich Sarudins Bursche in die Arme. Der Hochwohlgeborene, heulte er schon von weitem, haben sich erschossen. Ich springe in eine Droschke und hin. Komme an, fast das ganze Regiment ist schon da. Er liegt auf dem Bett, der Kittel offen ...“

„Und wie erschoß er sich? ...“ Ljalja hängte sich neugierig in seinen Arm.

„In die Schläfe ... Die Kugel hat den Schädel zertrümmert und ist dann in die Decke gegangen.“

„Aus einem Browning?“ fragte interessiert Jurii.

„Aus dem Browning. Ein schlimmer Skandal. Sogar die Wand ist mit Blut bespritzt. Das ganze Gesicht ist ihm zerrissen. Ja, es istdoch ganz entsetzlich ... wie ihn Ssanin getroffen hatte.“ Und wieder fröhlich zuckte Rjäsanzew mit den Achseln. „Ein energischer Kerl.“

„Ja, allerdings ein kräftiger Bursche,“ Iwanow schloß sich ihm befriedigt an.

„Widerwärtig,“ Jurii ekelte es.

Karssawina sah schüchtern zu ihm hinüber. „Aber er ist doch garnicht schuld ... Er konnte doch nicht warten, bis ...“

„Ja,“ Rjäsanzew steckte eine unbestimmte Miene auf. „Aber auch gleich so zuzuschlagen. Das Duell wurde ihm doch angeboten.“

„Es ist reizend, ganz reizend ...“ Iwanow zuckte empört mit den Achseln.

„Nein, eigentlich ... ein Duell wäre Dummheit gewesen,“ gab Jurii nachdenklich zu.

„Selbstredend,“ Karssawina stellte sich sofort auf seine Seite.

Aber auf Jurii machte es den Eindruck, daß sie sich freue, Ssanin rechtfertigen zu können und das reizte ihn sofort zu neuem Widerspruch. „Aber auch auf diese Weise ist es ja nichts anderes als ...“

„Bestialität ... wie Sie wollen!“ sagte ihm Rjäsanzew vor. Jurii dachte, daß Rjäsanzew der satten Bestie selbst nicht allzu fern stände. Doch er wollte nicht auch mit ihm noch Zank beginnen; er schwieg und war froh, als sich Karssawina mit Rjäsanzew herumstritt und Ssanin ebenfalls scharf verurteilte.

Karssawina, die von Juriis Gesicht einen geärgerten Zug aufgefangen hatte, suchte ihn wieder zu versöhnen, indem sie auf seine Meinung einging, obgleich ihr Ssanins Kraft und Entschiedenheitimponierte. Als Rjäsanzew dann aber über Kultur zu sprechen anfing, schien ihr selbst seine Meinung falsch und unbegründet und sie fand ganz wie Jurii, daß er nicht fähig sei, darüber zu urteilen.

Jetzt geriet auch Iwanow in Zorn; hartnäckig wandte er sich nur an Rjäsanzew.

„Denk doch einmal einer an. Welch eine hohe Stufe der Zivilisation! ... Einem Menschen seine Nase wegzuschießen ... oder ihm einen eisernen Stock in den Bauch zu stoßen? ... Sehr schön! Reizend!“

„Und mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, ist das besser? ...“

„Aber gewiß doch! ... Viel besser! ... Was macht schließlich eine Faust aus? ... Eine Beule geht auf und ... weiter nichts. Von einer Faust kann keinem Menschen Schaden entstehen.“

„Das kommt auf die Auffassung an. Aber darum handelt es sich garnicht!“

„Und worum denn.“ Iwanow verzog verächtlich die platten Lippen. „Meiner Ansicht nach sollte man sich überhaupt nicht schlagen. Wozu denn solchen Unfug treiben ... Aber wenn es schon einmal zum Schlagen kommt, dann wenigstens ohne Gliederverrenkungen ... Das ist doch klar.“

„Er hatte ihm fast das Auge ausgeschlagen,“ versetzte Rjäsanzew ironisch. „Das ist zwar keine Gliederverrenkung, sehr richtig, aber erlauben Sie, — der Zerstörung eines Organs kommt es doch bedenklich nahe.“

„Hm, das Auge gewiß. Wenn man einAuge ausschlägt, so wird dadurch dem Menschen ein Schaden zugefügt. Schön, aber ich sage, Gedärme wiegt ein Auge doch noch nicht auf. Immerhin ist das noch nicht gleich ein Totschlag, ein Auge.“

„Und Sarudin ist doch daran zugrunde gegangen ...“

„Nun, das war schon sein eigener Entschluß.“

Jurii drehte unschlüssig sein Bärtchen.

„Für mich persönlich, — das sage ich ganz offen, — ist das alles eine ungelöste Frage. Ich weiß selbst nicht, wie ich an Ssanins Stelle handeln würde. Aufs Duell gehen, gewiß, das ist eine Dummheit, aber sich mit den Fäusten verprügeln, das ist natürlich auch nicht schön.“

„Aber was soll ein Mensch tun, der dazu gezwungen wird?“

Jurii zuckte traurig die Schultern. Alle schwiegen.

„Nein, wer zu bedauern ist, das ist Ssoloveitschik,“ bemerkte Rjäsanzew nach einer Pause; doch sein Gesicht, das selbstgefällig und lustig blieb, paßte nicht zu seinen Worten.

Allen fiel mit einem Male ein, daß bisher noch keiner von ihnen auch nur mit einem Worte nach Ssoloveitschik gefragt hatte; sie empfanden es jetzt um so stärker als peinliche Nachlässigkeit.

„Wissen Sie, wo der sich aufgehängt hat ... Hinter der Scheune, neben der Hundehütte. Er ließ den Hund von der Kette los und hängte sich auf.“ Rjäsanzew erzählte es in aller Ruhe; Karssawina und Jurii klang im selben Momenteine dünne Stimme in den Ohren: Sultan ... still ...

„Und versteht ihr ... er hat sogar einen Zettel hinterlassen,“ fuhr Rjäsanzew fort, ohne den vergnügten Glanz in den Augen verbergen zu können. „Ich habe ihn mir sogar abgeschrieben. Es ist doch sozusagen eindocument humain.“ Aus seiner Seitentasche zog er ein Notizbuch heraus.

„— — — Wozu soll ich leben, wenn ich selbst nicht weiß, wie man leben muß. Solche Menschen wie ich können der Menschheit kein Glück bringen.“ Rjäsanzew las es vor und verstummte plötzlich, ganz unerwartet, es wurde eigentümlich still.

Im Zimmer war es, als ob ein blasser und trauriger Schatten hindurchschliche. Karssawinas Augen füllten sich mit schweren Tränen, Ljalja errötete, wie wenn sie jeden Augenblick losweinen wollte, und Jurii trat mit krankhaftem Lächeln ans Fenster.

Mechanisch fügte Rjäsanzew hinzu: „Und weiter nichts.“

„Und was sollte auch weiter sein? ...“ fragte Karssawina mit zitternden Lippen.

Iwanow erhob sich und murmelte, indem er die Streichhölzer vom Tisch nahm:

„Eine kapitale Dummheit! Das ist wahr.“

„Wie, schämen Sie sich nicht!“ brauste Karssawina empört auf.

Jurii sah angeekelt Iwanows lange gerade Haare an und wandte sich wieder ab.

„Ja, sehen Sie, hier haben Sie nun auch den Ssoloveitschik,“ sagte Rjäsanzew mit unbestimmbareroffener Handbewegung und wieder mit fröhlichem Augenzwinkern. „Ich dachte auch, als ich es hörte: Nun welch ein Stück Dreck ... So ... ein Judenbengel. Und da sehen Sie nun ... Mit einem Mal zeigt er sich, so — — — wie garnicht von dieser Welt ... Es gibt doch keine höhere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine Mitmenschen hingeben will.“

„Nun, der hat es doch garnicht für seine Mitmenschen geopfert. — — — Wozu macht er überhaupt soviel Wesen davon, ... dieser Kerl ... ist doch selbst nur ein Vieh ...“ dachte Iwanow und sah mit Haß und Verachtung auf das satte glatte Gesicht Rjäsanzews; aus irgend einem Grunde warf er plötzlich auch seiner weißen Weste, die seinen starken Leib faltenziehend umschloß, einen wütenden Blick zu.

„Das ist gleich ... Man fühlt den Drang dazu heraus.“

„Das ist bei weitem nicht gleich,“ erwiderte Iwanow beharrlich ... „Eine Schneckenseele und weiter nichts.“

Sein sonderbarer Haß gegen Ssoloveitschik wirkte auf alle abstoßend. Karssawina erhob sich und flüsterte Jurii zu, gleichsam als ob sie ihm besonders vertraue:

„Ich gehe fort. Ich halte es einfach nicht aus, er ist mir widerlich.“

„Ja,“ nickte ihr Jurii zu. „Eine unerhörte Roheit.“

Nach Karssawina gingen Ljalja und Rjäsanzew. Iwanow wurde nachdenklich, rauchte schweigend seine Zigarette zu Ende, schaute mit bösen Augen in die Ecke und ging ebenfalls. Alser auf die Straße trat und beim Gehen gewohnheitsmäßig mit den Armen schlenkerte, dachte er aufgeregt und böse: — — — Dieses dumme Volk bildet sich natürlich ein, daß ich ihre Empfindungen nicht verstehen könnte. Reizend ... Ich weiß, was sie fühlen. Besser als sie selbst ... Ich weiß, daß es keine größere Liebe gibt, als wenn ein Mensch sein Leben für den Nächsten opfert. Aber sich aufzuhängen, weil einer nicht zu den Menschen taugt ... na, das bleibt eben ein Unsinn ...

Und indem er sich einer Menge von Werken, die er gelesen hatte, erinnerte, begann er in ihnen nach dem Sinn zu suchen, der ihm die Tat Ssoloveitschiks so, wie er es wünschte, erklären könnte. Doch trotzdem sich die Bücher gehorsam auf den Seiten aufblätterten, die er gerade brauchte, redeten sie nur mit toter Zunge das, was er selbst verlangte, zu ihm. Sein Hirn arbeitete angestrengt und war so mit den gedruckten Gedanken verflochten, daß er selbst nicht mehr unterscheiden konnte, wenn er Eigenes dachte und wo er sich nur des Gelesenen erinnerte.

Als er nach Hause kam, legte er sich aufs Bett, streckte die langen Beine aus und dachte ununterbrochen weiter darüber nach, bis er endlich einschlief. Erst am späten Abend wachte er wieder auf.

Als man Sarudin unter dem Klange der Blechinstrumente beisetzte, sah Jurii vom Fenster aus die ganze düstere und prächtige Prozession mit dem schwarzbeflorten Pferd, dem Trauermarsch und der einzelnen Offiziersmütze, die verwaist auf dem Deckel des Sarges lag, mit an. Es gab viel Blumen, nachdenklich schöne Frauen und melancholische Musik.

In der Nacht, die diesem Tage folgte, war es Jurii besonders traurig zumute.

Am Abend war er lange mit Karssawinaspazieren gegangen, hatte immer dieselben herrlichen verliebten Augen, den wundervollen Körper, der sich ihm entgegenstreckte, angesehen; trotzdem aber war ihm selbst das Zusammensein mit ihr schwer.

... Wie sonderbar und entsetzlich ist doch alles, sprach er vor sich hin, während er angestrengt zu Boden blickte. Nun hat dieser Sarudin zu leben aufgehört. Das war ein Offizier, hübsch, jung, sorgenlos; man könnte glauben, daß er immer leben würde, daß das Schreckliche im Leben, Qualen und Tod, für ihn nicht vorhanden wären. Mit ihm dürfte das keinen Zusammenhang haben. Und dann kommt ein einziger Tag, und dieser Mensch ist zerknüllt, in Staub zerrieben; er durchlebt nur ein ihm bekanntes Drama und existiert schon nicht mehr und wird auch niemals mehr existieren. Und amEnde ruht nur seine Mütze auf dem Deckel des Sarges.

Jurii verstummte und blickte wieder mit trauriger Anspannung auf den Boden. Karssawina ging leicht neben ihm her, hörte ihm aufmerksam zu und zupfte leise mit ihren vollen, runden Händen an der Spitze des weißen Schirmes.

Sie dachte nicht an Sarudin und freute sich nur körperlich über die Nähe Juriis. Unbewußt unterwarf sie ihm ihre Stimmung, machte, um ihm zu gefallen, ein trauriges Gesicht und ging ebenfalls mit müden, ausdruckslosen Schritten.

„Ja, es war sehr traurig, das alles mit anzusehen ... Und auch diese Musik.“

Plötzlich machte sich Jurii Luft: „Ich klage Ssanin garnicht an. Er konnte nicht anders handeln. Aber es ist entsetzlich, daß sich die Wege dieser zwei Menschen so gekreuzt haben, ... entweder der eine oder der andere mußte weichen. Es ist entsetzlich, daß der jeweilige Sieger garnicht das Furchtbare seines Sieges begreift. Er hat einen Menschen vom Erdboden fortgewischt und ist damit im Recht.“

„Ja, gewiß im Recht ...“ Karssawina, die nicht auf alles gehört hatte, belebte sich bei diesen Worten so, daß sich sogar ihre Brust anzuspannen schien.

„Nein, aber ich sage doch, es ist entsetzlich,“ fiel ihr Jurii mit eifersüchtigem Haß ins Wort, nachdem er einen kurzen Blick auf ihr belebtes Gesicht und ihre hohe Brust geworfen hatte.

„Warum denn? ...“ fragte Karssawina, sofortwieder schüchtern und in furchtbarer Verwirrung. Wie mit einem Hauch erloschen ihre Augen und erröteten ihre Wangen.

„Weil es für jeden andern die schwerste Qual bedeuten würde, Zweifel, Schwanken ... Der seelische Kampf müßte sich doch zeigen ... Ueber das, was geschah ... Aber bei ihm gibt es keine Spur davon ... Er ... Nun, es tut mir sehr leid, sagte er ... aber ich bin nicht schuld daran ... Handelt es sich denn nur um die eine Schuld hier in diesem Fall ... Um das direkte Recht ...“

„Um was handelt es sich denn? ...“ fragte Karssawina unschlüssig und leise mit tief gesenktem Kopf; offenbar fürchtete sie, ihn zu erzürnen.

„Das weiß ich nicht. Vielleicht ganz einfach: Der Mensch hat kein Recht, eine Bestie zu sein,“ rief Jurii scharf und herb mit einem Unterton des Leidens. Sie gingen lange schweigend. Karssawina litt unter dem Bewußtsein, daß sie sich Jurii entfremdet hatte, und für einen Augenblick das liebliche, warme Band, das sie beide tief in der Seele zusammenhielt, zerriß. Jurii fühlte selbst, daß seine Ausführungen verwirrt und unklar herauskamen; ein schwerer Nebel legte sich um sein Herz.

Er verabschiedete sich bald und ließ Karssawina in dem schmerzlichen Bewußtsein unbefriedigten Zusammenseins und unverschuldeter Kränkung zurück.

Zwar bemerkte er ihre Ratlosigkeit, aber es machte ihm, ohne daß er wußte warum, ein eigenes Vergnügen, sie verletzt zu wissen, als wenn er sich an ihr, die er liebte, für die schwereBeleidigung irgend eines Menschen rächen müßte.

Zu Hause fühlte er sich unerträglich schlecht.

Beim Abendbrot erzählte Ljalja, sie hätte von Rjäsanzew gehört, daß die Straßenjungen bei der Mühle, als man Ssoloveitschik abschnitt, über den Zaun schrien und sangen: Der Jude hat sich aufgehängt, der Jude hat sich aufgehängt ...

Nikolai Jegorowitsch brach in behagliches Gelächter aus und ließ sich den Vers von seiner kleinen Ljalka immer von neuem vorsingen: „So, also ... der Jude hat sich aufgehängt, hahaha.“

Jurii ging in sein Zimmer, setzte sich hin, um das Heft seines Schülers zu korrigieren und dachte mit unaussprechlichem Haß: Welch ungeheure Summe von Bestialität liegt doch noch immer in den Menschen. Soll man denn für dieses stumpfsinnige, dumme, rohe Pack leiden und sich opfern ...

Doch im selben Augenblick fühlte er, daß seine Gehässigkeit unschön sei; er schämte sich seiner Erregung.

... Sie haben ja keine Schuld, ... sie wissen ja nicht, was sie tun ... Aber ob sie es wissen oder nicht, ... in diesem Augenblick sind sie doch Tiere ... Er gab sich Mühe, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern ließ wieder das Bild Ssoloveitschiks vor seine Augen treten.

... Wie einsam doch der Mensch ist ... Da hat nun dieser einsame Ssoloveitschik gelebt, hat in sich ein großes Herz, das für die ganze Welt leiden wollte, zu jedem Opfer bereit, getragen. Und niemand ... selbst ich nicht ... das durchschwirrtemit einem unangenehmen Stich seinen Kopf ... bemerkten und schätzten ihn. Man verachtete ihn fast. Und weshalb doch ... Nur weil er sich nicht zum Ausdruck bringen konnte; vielleicht verstand er es nicht. Weil er immer in Eile, eben etwas lästig war. Und gerade darin, in dieser Eilfertigkeit, dieser Lästigkeit zeigte sich doch sein heißes Bemühen, sich uns allen zu nähern, allen hilfsbereit und gefällig zu sein. Er war ein Heiliger, und wir hielten ihn für einen Toren ...

Das Schuldbewußtsein plagte ihn so stark, daß er die Arbeit beiseite schob und lange im Zimmer auf und nieder ging, ganz im Banne trüber, unlösbar schmerzlicher Gedanken. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm die Bibel, und, sie aufs Geradewohl aufschlagend, las er wieder eine Stelle, die er sich öfter als die andern vornahm. Die Seiten waren dort zerknifft und an den Rändern abgenutzt.

„In Zufall sind wir geboren und werden später sein, wie nie gewesen; der Odem in unseren Nüstern ist Dampf und das Wort ein Funke in den Bewegungen unseres Herzens.

Wenn er erlischt, wird der Körper zu Staub verwandelt und der Geist wird zerstreut wie wehende Luft.

Und unser Name wird mit der Zeit vergessen werden und niemand erinnert sich an unsere Taten; und unser Leben vergeht wie die Spur einer Wolke und zerrinnt wie Nebel, den die Sonnenstrahlen zerstreuen und den die Wärme beschwert.

Weil unser Leben ein Gleiten des Schatten ist, und es nicht gibt für uns eine Rückkehr vomTode, weil ein Siegel aufgedrückt ist und niemand zurückkehrt.“

Jurii brach hier ab, denn er kam an die Stelle: ... daß es keinen Sinn hätte, über den Tod nachzudenken, sondern daß man Leben wie Jugend genießen müsse. Das aber wollte er nicht begreifen; es entsprach nicht seinem krankhaften Trübsinn.

... Wie wahr, wie entsetzlich, wie unbegreiflich das ist ... Er versuchte mit aller Anspannung, sich vorzustellen, wie sein Geist nach dem Tode zerfließen würde. Aber es war ihm nicht möglich.

... Das ist entsetzlich ... Da sitze ich hier ... der Lebende ... der nach Leben und Glück Lechzende und lese mein unabwendbares Todesurteil, lese und kann mich nicht einmal dagegen auflehnen.

Die gleichen Gedanken, auch in diesen nämlichen Worten, hatte Jurii bereits vielmals durchdacht. Schon längst waren sie an ihrer eigenen Schwäche, die ihm ganz klar bewußt war, müde geworden; — es verstimmte und quälte ihn noch mehr.

Jurii griff sich in die Haare und rannte verzweifelt wie ein wildes Tier im Käfig hin und her. Mit geschlossenen Augen, unendliche Müdigkeit im Herzen, wandte er sich an irgend ein Wesen. Mit Zorn, doch ohne Kraft, mit Haß und gleichzeitig mit einer stumpfen Bitte, die er aber selbst nicht für eine solche gehalten hätte, suchte er den Menschen, der ihm helfen würde.

... Gott! ... Was hat dir der Mensch getan, daß du seiner so spottest! Warum verbirgstdu dich vor ihm, wenn du in Wirklichkeit existierst. Warum hast du es eingerichtet, daß ich selbst, wenn ich an dich glauben wollte, nicht einmal an meinen Glauben glauben würde. Wenn du mir auch antwortest, würde ich doch nicht glauben, daß du es bist und nicht ich selbst. Wenn ich recht habe in meinem Verlangen nach Leben, warum nimmst du mir dann das Recht, das du mir selbst gegeben hast. Wenn du Leiden brauchst, gut, dein Wille geschehe. Wir würden sie ja aus Liebe zu dir darbringen wollen, aber wir wissen doch nicht einmal, was wichtiger ist, ein Baum oder wir. Selbst für den Baum gibt es eine Hoffnung ... Noch gefällt, kann er Wurzeln schlagen, Aeste treiben, noch einmal aufleben. Aber der Mensch stirbt und verschwindet. Wenn ich mich hinlege und nicht mehr aufstehe, so wird niemand jemals erfahren, was mit mir geschah. Vielleicht werde ich zu neuem Leben erwachen, aber ich werde doch nichts davon wissen. Wenn ich nur das Eine wüßte, daß ich erst nach Milliarden, nach Abermilliarden von Jahren wieder leben werde, so würde ich all die Jahrtausende dieser Zeit geduldig und ohne Auflehnung in der ewigen Finsternis warten ...

Und wiederum begann er zu lesen:

„Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne.

Ein Geschlecht vergehet, das andere kommet, die Erde bleibet aber ewiglich.

Die Sonne geht auf und gehet unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder daselbst aufgehe.

Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht, und wieder herum an den Ort, da er anfing.

Was ist’s, das geschehen ist? ... Eben das hernach geschehen wird ... Was ist’s, das man getan hat ... Eben, das man hernach wieder tun wird. Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind, also auch derer, so hernach kommen, wird man nicht gedenken bei denen, die danach sein werden.

Ich, der Prediger, war König über Israel zu Jerusalem.“

„Ich, der Prediger, war König,“ wiederholte Jurii laut und fast drohend mit einer ihm selbst unerklärlichen ingrimmigen Trübsal. Er erschrak vor seiner eigenen Stimme und sah sich erschreckt um, ob nicht jemand hinter ihm gehört hätte ... Dann griff er nach einem Blatt Papier und begann halb mechanisch gleichsam einem unbewußten Drange nachgebend, das niederzuschreiben, was ihm immer wieder und wieder durch den Kopf gegangen war.

Ich beginne diese Niederschrift, die mit meinem Tode enden soll ...

Pfui, wie abgeschmackt, rief er mit Ekel, und stieß das Blatt Papier so heftig von sich, daß es vom Tisch herunterfiel und sich in leichten Kreisbewegungen auf den Boden niedersenkte.

Und Ssoloveitschik ... dieser kleine armselige Kerl sagte sich doch nicht, daß es abgeschmackt sei, nachdem er zu der Ueberzeugung gelangt war, daß er das Leben nicht verstehen könne.

Jurii bemerkte garnicht, daß er sich mit einem Mal einen Menschen als Beispiel anführte, den er noch jetzt als klein und armselig bezeichnete ...

Nun, was schon ... ich fühle, daß ich früher oder später auf die gleiche Weise enden werde. Es gibt eben keinen anderen Ausweg! ... Weshalb keinen ... weil doch ...

Jurii blieb stehen. Er verstand alles, wie ihm schien, sehr gut und hatte soeben erst das ganze Problem klar im Kopf gehabt, fand aber jetzt keine Worte mehr, um sich seine Fragen zu beantworten.

In seiner Seele wurde mit einem Mal etwas schlaff; ein Gedanke war hinuntergefallen und verloren gegangen.

„Unsinn, alles Unsinn,“ schrie Jurii laut voll Wut.

Die Lampe war fast völlig ausgebrannt. Das Licht wurde trübe und unangenehm; in der Finsternis grenzte es nur einen kleinen Kreis um Juriis Kopf ab.

... Warum starb ich nicht damals, als ich ein Kind war und an Lungenentzündung krank lag. Jetzt wäre es so ruhig um mich ...

In derselben Sekunde rückte auch schon mechanisch das Bild vor seine Augen, daß er damals gestorben wäre; er erschrak darüber so, daß in ihm alles abzusterben schien. Dann hätte ich ja auch nicht das gesehen, was ich alles noch sah, noch erlebte ... Nein, das wäre ebenso fürchterlich gewesen.

Jurii riß den Kopf in die Höhe und sprang auf:

„So kann man ja verrückt werden.“

Er schritt zum Fenster und wollte es aufstoßen; doch die Jalousie wurde von einem Bolzen festgehalten. Er nahm einen Bleistift und drückte ihn mit Anstrengung durch. Draußen dröhnte etwas stark gegen die Mauer; der Laden öffnete sich leicht, und reine, überklare Luft drang durch das Fenster hinein.

Jurii schaute stumpf auf den Himmel, auf dem schon die Morgenröte lag. Rein und kühl war der Morgen. An der einen Seite überzog sich der helle, blaue Himmel mit starkem anschwellenden Rosa ... Die sieben Sterne des großen Bären erblaßten und sanken unter. Der große, zärtlich-blaue, kristallene Morgenstern strahlte leise, mit hellem feuchtem Glanz in die aufgehende Dämmerung hinein. Scharfer, kühler Wind zog vom Osten heran, und weißer Nebeldampf schwebte in leichten gebogenen Streifen vor ihm über das dunkelgrüne, taubedeckte Gartengras. Er blieb an den hohen Winden- und Hopfengewächsen hängen; über dem kaum gekräuselten, durchsichtigen Wasser des Flusses, über den weißen Lilien, deren es so viele am Ufer gab. Der durchsichtige blaue Himmel wurde von Wolkenhäufchen, die in rosiges Feuer gehüllt waren, dicht besetzt ... einsame und fast ganz erblaßte Sterne versanken spurlos und verschwanden im bodenlosen Blau. Am Flusse tastete sich feuchter, weißlicher Nebel hoch, langsam streifenweise schwankte er über dem tiefen, kühlen Wasser, floß zwischen den Bäumen in die feuchte, grüne Tiefe des Gartens, in dem immer noch leichte durchsichtige Dämmerung herrschte. Und durchdie matte Luft schien noch immer ein eigenartiger Silberlaut zu schweben.

Alles war so schön und still, als ob sich die verliebte Erde ganz entblößte, um sich auf die große, genußerfüllte Feier des Sonnenaufgangs, die noch nicht war, deren Wehen aber schon leicht und rosig über ihr zitterte, vorzubereiten.

Jurii legte sich schlafen, doch das Licht beunruhigte ihn, der Kopf schmerzte, und vor seinen Augen zuckte etwas schmerzlich ohne Unterbrechung hin und her.


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