XXXVIII

Es dauerte lange, bis ihr Bewußtsein zurückkehrte. Sie sah nur allmählich die Flecken des Mondenlichtes auf dem schwarzen Wasser, das Gesicht Ssanins mit sonderbaren Augen, und merkte, daß sie halb im Boote lag; er hielt sie wie die Seine umschlungen, während sich ihr nacktes Knie am Ruder rieb. Sogleich begann sie leise und unaufhaltsam zu weinen, ohne sich aus seinen Händen loszureißen; noch immer unterwarf sie sich ihm mit der gleichen Willenlosigkeit.

In ihren Tränen lag die Trauer über etwas Unwiederbringliches, lag Furcht und Mitleid mit sich selbst und schwache Zärtlichkeit zu Ssanin, die nicht aus der Vernunft oder dem Herzen, sondern direkt aus der Tiefe ihres jungen Körpers, der sich zum ersten Mal in seiner ganzen Kraft und Schönheit entfalten konnte, heraufquoll. Das Boot glitt langsam auf eine breitere, kaum beleuchtete Stelle und schwankte in dem dunklen Wasser, in dem die Wellen der Strömung mit stillem, gleichmäßigen Plätschern hinunterliefen, leise hin und her.

Ssanin nahm sie in seine Arme und setzte sie auf seine Kniee. Hilflos und ratlos wie ein kleines Mädchen saß sie da.

Wie durch Träume hindurch hörte sie, daß er sie zu beruhigen suchte, ihr du sagte, und es berührte sie angenehm, daß seine Stimme voll von Zärtlichkeit gelöster Kraft und dankbarer Ergebenheit war.

— — — Später gehe ich ins Wasser, dachte sie matt, indem sie doch dabei auf seine Worte lauschte und gleichsam einem andern Antwort gab, der von ihr Rechenschaft forderte: Was hast du getan und was wirst du tun? ...

Ganz unerwartet fragte sie halblaut: „Was nun jetzt?“

„Das werden wir sehen ...“ antwortete er.

Sie wollte von seinen Knieen hinuntergleiten, aber er zog sie sofort wieder an sich und unterwürfig blieb sie sitzen. Es schien ihr selbst eigentümlich, daß sie weder Zorn noch Widerwillen gegen ihn empfand.

Auch später, wenn sie sich dieser Nacht erinnerte, war ihr alles unbegreiflich und wie im Traum. Alles um sie schwieg; alles war dunkel, feierlich, unbeweglich, wie wenn es sich bewußt wäre, ein schweres Geheimnis wahren zu müssen. Das Licht des Mondes, das die schwarzen Waldeswipfel glatt abschnitt, blieb sonderbar unbeweglich und gespensterhaft in einer Richtung liegen. Die unfaßbare Finsternis blickte sie vom Ufer her mit bodenlosen Augen an; alles erstarrte in gespannter Erwartung vor irgend etwas, das geschehen mußte. Sie hatte keine Kraft und keinen Willen mehr, um zu sich zu kommen, sich zu erinnern, daß sie einen anderen liebte, um wieder das frühere freie Mädchen zu werden und die männliche Brust zurückzustoßen. Sie sträubte sich auch garnicht, als er sie wieder zu küssen begann und nahm fast bewußtlos den neuen brennenden Genuß hin, während sie mit halbgeschlossenen Augen immer tiefer in die unbekannte Welt, die sie geheimnisvoll zu locken suchte, hineinglitt. InMinuten kam es ihr vor, daß sie nichts sah, nichts hörte, nichts empfand. Allein jede seiner Bewegungen, jeden seiner Angriffe auf ihren unterworfenen Körper nahm sie doch mit gemischten Regungen von Erniedrigung und heischender Neugier wahr.

Die Verzweiflung, die sich dicht um ihr Herz wand, flüsterte ihr zerbrochene, sich kaum biegende Gedanken zu.

— — — Jetzt ist ja alles gleich, ganz gleich, sprach sie zu sich, und die geheimnisvolle körperliche Neugierde wollte durchaus wissen, was dieser ferne und nahe, so feindselige und so kräftige Mensch mit ihr noch beginnen könnte.

Später, als er sie losgelassen und, neben ihr sitzend, zu rudern begonnen hatte, schloß sie halb liegend die Augen. Trotzdem sie sich bemühte, alles Leben von sich abzuwerfen, erzitterte sie unter jedem Stoß seiner Arme, die ihr jetzt so gut bekannt waren und die sich nun taktmäßig über ihrem Busen bewegten.

Mit leisem Knistern stieß das Boot ans Ufer. Karssawina öffnete die Augen. Ringsumher dehnte sich Feld, Wasser und weißer Nebel. Der Mond leuchtete blaß und unklar, wie ein Gespenst, das an der Morgendämmerung vergehen muß. Es war schon hell und durchsichtig. Durch die Luft zog der erste leise Windstoß vor dem Morgenrot.

„Darf ich Sie jetzt begleiten,“ fragte Ssanin leise.

„Nein, ich — — — allein ...“ antwortete sie mechanisch.

Ssanin hob sie in die Arme und trug sie mitdem Genuß kraftvoller Anstrengung aus dem Boote; er war noch voll von der überströmenden Empfindung seiner Liebe und dankbarer Zärtlichkeit. Bevor er sie auf den Boden niedersetzte, preßte er sie noch einmal stark an sich. Karssawina taumelte; sie konnte sich nicht auf den Füßen halten.

„O, du Schönheit, du,“ sagte Ssanin inbrünstig, als ob seine ganze Seele in einer Flut von Leidenschaft und Mitleid vor ihr entströmen wollte.

Sie lächelte mit unbewußtem Stolz.

Ssanin ergriff sie bei den Händen und zog sie an sich.

„Küß du mich einmal!“

— — — Jetzt ist doch alles gleich, — — — warum hat er soviel Mitleid mit mir, warum ist er so nahe bei mir? ... Es ist alles ganz gleich, man braucht nichts mehr denken ... Zusammenhanglos schwirrten die Gedanken durch Karssawinas Kopf; klingend und zärtlich küßte sie Ssanin auf die Lippen.

„Nun lebe wohl,“ flüsterte sie; sie verwickelte sich in ihre eigenen Worte ... Sie bemerkte gar nicht, was sie sagte.

„Liebste, sei mir nicht böse ...“ sprach Ssanin mit stiller Bitte.

Als sie dann allein den Damm entlang schritt, taumelnd, sich in die Röcke verwickelnd, sah ihr Ssanin traurig nach. Es packte ihn schmerzlich, wenn er an die unnötigen Leiden dachte, die sie noch zu ertragen haben wird, und über die sie sich, wie er glaubte, nicht würde erheben können.

Ihre Gestalt löste sich im Nebel auf und verlorsich, während sie immer weiter der Morgenröte entgegenschritt. Als sie nicht mehr zu sehen war, sprang Ssanin mit Macht in das Boot und unter den mächtigen triumphierenden Ruderschlägen schlug das Wasser lärmend und glücklich gegen die Planken. An einer breiten Stelle des Flusses unter dem Morgenhimmel, inmitten der weißen wogenden Nebel, warf Ssanin die Ruder hin, sprang in voller Größe auf die Bank und schrie aus aller Kraft laut und freudig in den Morgen hinein.

Wald und Nebel lebten auf und antworteten ihm mit dem gleichen, fröhlichen weitverhallenden Rufe.

Sobald sich Karssawina nur niederlegte, schlief sie auch augenblicklich ein, wie wenn sie ein Schlag über den Schädel zu Boden geworfen hätte. Doch schon am frühen Morgen erwachte sie wieder nach schwerem kurzem Schlaf, am ganzen Körper krank und kalt wie eine Leiche. Die Verzweiflung in ihr schien nicht zur Ruhe gegangen zu sein; nicht für eine Minute fühlte sie ein Vergessen des Geschehenen. Sie sah sich scharf nach jeder Kleinigkeit um, als ob sie irgend etwas herausfinden müßte, das in ihrer Umgebung seit dem letzten Tage anders geworden war.

Aber hell und ruhig, wie an jedem Morgen, sahen sie die Heiligenbilder aus der Ecke, die Fenster und der Boden, die Möbel und der hellblonde Kopf Dubowas, die im andern Bett in festemSchlaf lag, an. Alles war so einfach wie immer, nur ihr armes zerknautschtes Kleid, das sie lässig über den Stuhl geworfen hatte, schien von etwas zu erzählen.

Die Röte, die der kurze Schlaf auf ihrem Gesicht hervorgerufen hatte, wurde mehr und mehr von einer toten Blässe fortgeschoben und ihre schwarzen Augenbrauen hoben sich dagegen so deutlich ab, als ob ihr Gesicht noch wie gestern vom Monde beschienen wäre.

Mit erstaunlicher Klarheit und mit der Prägnanz eines kranken Gehirns stand vor ihr wieder das Erlebte auf; am klarsten sah sie, wie sie am Morgen durch die verschlafenen Straßen der Vorstadt lief. Die Sonne, die sich soeben über die vom Tau besprenkelten Dächer und Zäune erhoben hatte, leuchtete ihr schonungslos blendend, wie nie zuvor, ins Gesicht. Durch die geschlossenen Läden verfolgten sie, wie durch heuchlerisch geschlossene Lider, die feindseligen Fenster der kleinbürgerlichen Häuser. Einsame Straßenpassanten schauten sich nach ihr um. Sie lief unter der gleitenden Morgensonne hin, verwickelte sich in einzelne Bahnen ihres langen Rockes und konnte den grünen samtenen Pompadour kaum in den Fingern halten. Wie eine Verbrecherin schlich sie längs der Zäune mit unsicheren, schwankenden Schritten entlang ... Wenn sich in diesem Augenblick die ganze Menschheit mit geöffneten Mäulern und gierigen Augen in ihren Weg gestürzt und sie mit höhnenden Rufen und Worten, die infam wie Knuten einschnitten, verfolgt hätte, wäre es ihr ebenso gleichgültig gewesen; weiter würde sie, taumelnd unter denSchlägen, ziel- und sinnlos mit leerer Trauer in der Seele, vorwärts gelaufen sein.

Schon im Felde, als im Nebel die schallenden Ruderschläge, die stürmisch die Wellen durchschnitten, verstummten, erfaßte sie plötzlich die furchtbare Last, die auf sie niedergefallen war. Ihr Herz, Vernunft und Leben wurde zu matter Verzweiflung. Sie schrie auf, ließ den Pompadour auf den nassen Sand fallen und griff sich an den Kopf. Von diesem Augenblick an befand sie sich nur noch im Banne der Worte, die ihr von jetzt ab jeder Mensch entgegenschleudern konnte. Ihr eigener Wille war in der gestrigen Nacht, die wie ein wütender Rausch hinter ihr lag, verloren gegangen. Es gab nur noch ein Ungewöhnliches, wahnsinnig Ergreifendes, etwas so kraftvolles wie niemals zuvor.

Und doch konnte sie sich nicht erklären, wie es geschehen war, daß sie sich bis zum Verlust ihrer Scham und jener Liebe, die ihr Leben auszufüllen schien, vergessen konnte.

In körperlicher Zerbrochenheit kroch Karssawina unter der Decke hervor, und fing an, sich mit lautlosen Bewegungen anzukleiden. Sie fühlte, wie bei jeder Bewegung Dubowas ihr ganzer Körper von eisiger Kühle durchströmt wurde.

Dann setzte sie sich ans Fenster und starrte mit gespannten, unbeweglichen Augen in den Garten, wo die vom Morgen durchnäßten Bäume hellgrün und gelb aufleuchteten.

Ihre Gedanken zogen an ihr vorüber, wie schwarzer Rauch, den der Wind hin- und hertreibt.Wenn jemand ihre Seele hätte entfalten und wie ein Buch durchblättern können, er wäre von Entsetzen gepackt worden.

Auf dem Hintergrunde ihres ungewöhnlich kräftigen und frischen Lebens, in dem jeder Tag, jede Bewegung und jede Empfindung, von sonnendurchleuchtetem Blut getränkt war, ballten sich furchtbare Bilder ineinander.

Schwarz und bewegungslos trat der Gedanke an Selbstmord in ihr Bewußtsein ein, leidenschaftliche Trauer über den Verlust der reinen hellen Liebe zu Jurii preßte ihr Herz zusammen; alles aber wurde durch eine trübe Welle der Furcht vor der Menge von bekannten und fremden Gesichtern, die sich vor ihr drängten, überschwemmt.

Bald kam ihr der Gedanke, zu Jurii hinzustürzen, sich vor ihm auf den Boden zu werfen, ihm in einem Augenblick ihr ganzes Leben hinzugeben und dann für immer irgendwohin zu verschwinden. Dann wieder überfiel sie bei dem Gedanken, mit Jurii zusammenzukommen, jagende Angst, und sie wünschte gleich zu sterben, im Augenblick, ohne die Stelle verlassen zu müssen, einfach, indem sie zu leben aufhörte. Dann wieder schien ihr plötzlich, daß es vielleicht noch möglich wäre, alles gut zu machen. Die Nacht von gestern konnte in der Wirklichkeit garnicht existiert haben, — — — sie wollte es nicht glauben. Doch wie ein wilder Schrei blitzte durch ihre Seele die Erinnerung an ihre Nacktheit, an die Schwere des männlichen Körpers, an das momentane, brennende Sichvergessen und durch die unwiderrufliche Macht des Vergangenen ratlosbetäubt, lag sie ohne Regung und ohne Gedanken mit der Brust auf dem Fensterbrett.

Inzwischen erwachte Dubowa. Sie bemerkte sofort die hastigen Bewegungen und die erregten Mienen der Freundin.

„Ah, du bist schon auf? ... Das ist man ja von dir garnicht gewöhnt.“

Als Karssawina am frühen Morgen zurückgekehrt war, hatte sie Dubowa nur halb im Schlaf gefragt: „Wie siehst du denn zerzaust aus?“ sie war aber sofort wieder eingeschlafen. Jetzt jedoch fühlte sie, daß etwas geschehen war, und im Hemd, barfuß, ging sie auf die Freundin zu:

„Was ist dir? ... Fehlt dir etwas?“ sie fragte zärtlich und besorgt, wie eine ältere Schwester.

Karssawina zuckte zusammen, als ob sie einen Schlag erwartete, doch ihre rosigen Lippen verzogen sich nur zu einem falschen Lächeln und eine Stimme, die ihr selbst fremd erschien, antwortete viel zu lustig:

„Aber nichts! Garnichts! Ich habe nur zu wenig geschlafen.“

So war das erste Wort der Lüge gefallen und es vernichtete ohne Rest die Erinnerung an das frühere freie, aufrechte Mädchen. Dies Eine war gewesen; jetzt wurde es zu einer Anderen. Und dies Andere war verlogen, feig und beschmutzt.

Während Dubowa sich wusch und ankleidete, blickte Karssawina sie verstohlen an; die Freundin kam ihr hell und rein vor; sie selbst dagegen wie eine dunkle, zertretene Kröte. Diese Empfindungergriff sie so stark, daß ihr der Teil des Zimmers, in dem sich Dubowa bewegte, sonnendurchleuchtet erschien, während ihre Ecke in feuchte, klebrige Finsternis versank. Karssawina erinnerte sich, wie erhaben sie sich in ihrer Gloriole der Schönheit und Frische über die farblose, alternde Freundin gefühlt hatte; Gram und Wehmut weinten jetzt in ihr mit Tränen schwer wie Blutstropfen.

Doch alles das spielte sich tief in ihrem Innern ab; äußerlich blieb sie ruhig, fast fröhlich. Sie zog ihr schönes blaues Kleid an, nahm Hut und Schirm und ging mit ihren gewöhnlichen Schritten, die den Eindruck machten, daß sie klar wie starke Wassertropfen niederfielen, in die Schule. Dort hatte sie bis zum Mittag zu tun, dann kam sie nach Hause.

Unterwegs begegnete ihr Lydia Ssanina. Die beiden jungen Mädchen standen von der Sonne überströmt, lächelten mit leidenschaftlichen Lippen und sprachen von allerlei Nichtigkeiten.

In Lyda entstand sofort wieder krankhafter Haß auf das sorglose glückliche Mädchen und Karssawina beneidete Lyda um das Glück, so schön, lustig und unberührt zu sein.

Jede sah in dem Leben der anderen eine schreiende Ungerechtigkeit.

— — — Ich bin doch besser als sie ... Warum hat sie Glück und ich bin so unglücklich, liefen die Gedanken einer jeden eilig hin und her.

Nach dem Mittagessen nahm Karssawina ein Buch zur Hand, setzte sich ans Fenster und begann wieder teilnahmslos und unverwandt auf das Licht und die Wärme des Gartens, der seineletzten Sommertage erlebte, niederzuschauen.

Der erste scharfe Schmerz war vorüber. In ihrer Seele verschwamm alles in indifferenter krankhafter Müdigkeit.

— — — Nun sei’s denn ... ich gehe unter ... So ist es mir also bestimmt ... Ich werde sterben, wiederholte sie sich apathisch.

Da sah Karssawina Ssanin kommen; noch früher, als er sie bemerkte.

Er ging stolz und ruhig durch den Garten, sah sich nach allen Seiten um und strich mit seinen Händen über die Zweige der Büsche, als ob er sie zärtlich begrüßen wollte.

In die Höhe schnellend, das Buch an die Brust gepreßt, starrte sie erregt auf ihn, bis er ans Fenster herantrat.

„Grüß Gott,“ sagte er ihr die Hand reichend.

Bevor sie noch aufstehen und sich aus dem halb bewußtlosen Sturm der Empfindungen freimachen konnte, wiederholte Ssanin mit beharrlicher Zärtlichkeit: „Nun, grüß dich doch Gott!“ In seiner Stimme lag etwas, das Karssawina der Möglichkeit, aufzuschreien, in die Höhe zu springen, fortzulaufen, beraubte.

Sie verlor jeden Willen und antwortete nur leise: „Guten Tag.“

Nach dieser Antwort fühlte sie, daß er stärker ist als sie und daß sie alles mit sich muß tun lassen, was er will.

Ssanin lehnte sich an das Fensterbrett und sagte: „Kommen Sie auf einen Augenblick in den Garten hinaus ... Wir müssen über einiges miteinander sprechen.“

Karssawina stand auf. Ganz im Banne einer unbegreiflichen Macht wußte sie nicht, was sie zu tun hätte, wohin und wie sie gehen sollte.

„Ich werde draußen warten,“ bemerkte Ssanin.

Sie nickte nur mit dem Kopf.

Er ging mit ruhigen langsamen Schritten fort; sie fürchtete hinter ihm herzusehen. Einige Sekunden lang stand sie unbeweglich; sie hielt die Hände fest zusammengepreßt. Dann kam sie in Bewegung, alles wurde plötzlich in ihr voller Hast; als sie aus dem Hause trat, raffte sie sogar ihr Kleid, um leichter gehen zu können.

Das goldene Licht der Sonne und das Leuchten der gelben Blätter durchdrang unaufhaltsam den ganzen Garten. Schon von weitem sah sie Ssanin, der mitten auf dem Wege stand. Er lächelte ihr entgegen; unter seinem weichen, anteilnehmenden Blick wurde es dem Mädchen schwer, die Füße vorwärts zu setzen. Ihr schien es, daß sie das Kleid nicht mehr vor seinen Augen verhülle, und daß ihm jede Bewegung ihres nackten Körpers, der ihm nicht mehr fremd war, sichtbar sein müsse. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Scham wurde in ihr so stark, daß sie den Garten und das Licht zu fürchten begann. Fast stürzend, eilig, trat sie auf ihn zu und blieb so dicht vor ihm stehen, daß er sie nicht ganz von Kopf bis zu Füßen ansehen konnte.

Da nahm er sie an den Händen, führte sie tief in das Dickicht der verwachsenen Bäume und zog sie sich auf die Kniee, während er sich selbst halb auf den Stumpf eines alten Apfelbaumes niedersetzte.

Von der Seite sah er ihr gesenktes zartes Profil, ihre runden Schultern, weich und schwach, neben seiner breiten festen Brust, trotzdem aber harmonierten sie eigentümlich gut miteinander. Unwillkürlich wurde er von einem verzückten Rausch über ihre Schönheit erfaßt, und indem er sich gleichsam vor ihr beugte, bog er sich nieder und küßte den feinen trockenen Stoff, durch den ihr frischer Körper schimmerte und Wärmefluten ausstrahlte. Sie erschauerte, zog sich aber nicht zurück. Er besiegte sie mit seiner Kraft und Sicherheit; sie ihn durch ihre Zärtlichkeit und Schönheit. Beide hatten Furcht voreinander. Ssanin wünschte ihr viele zarte beruhigende Worte zu sagen, aber er glaubte, daß sie der erste Laut verletzen würde; er schwieg. Das Mädchen hörte das gespannte Geräusch seines Atmens.

— — — Was will er, ... was wird er tun, dachte sie vor Scham und Furcht fast ersterbend ... Wirklich denn wieder dasselbe? ... Dann reiße ich mich los ... ich laufe fort.

„Sinotschka,“ sagte er endlich. Seine Stimme, die den ungewohnten Namen ungeschickt aussprach, war doch zärtlich und eindringlich. Karssawina blickte ihm für einen Augenblick ins Gesicht und begegnete seinen glänzenden Augen, die entzückt und doch zurückhaltend so nahe in die ihren blickten, daß sie zurückschrak ... Aber gleichzeitig fühlte sie instinktiv, daß er garnicht so furchtbar wäre, und daß er sich in diesem Augenblick mehr vor ihr scheute als sie vor ihm. Eine Regung, ähnlich einer kecken, mädchenhaften Neugierde, bewegte sich in einem Winkel ihrer Seele, undplötzlich wurde es ihr leichter und nicht mehr beschämend, auf seinem Schoße zu sitzen.

„Ich komme mit mir nicht zurecht ...“ sprach Ssanin. „Vielleicht bin ich Ihnen gegenüber sehr schuldig und ich hätte nicht noch kommen dürfen. Aber ich konnte Sie nicht so lassen. Ich wünschte so sehr, daß Sie mich verstehen ... und zu mir keinen Widerwillen und keinen Haß empfinden. Was sollte ich tun ... Es gab einen Augenblick, in dem ich fühlte, daß zwischen uns etwas niedergefallen war. Ich wußte, wenn ich diesen Augenblick vergehen lasse, so wird er sich in meinem ganzen Leben nicht mehr wiederholen. Sie gingen an mir vorbei; und niemals würde ich diesen Genuß und das Glück erleben, das ich erleben konnte ... Sie sind ja so schön und so jung.“

Karssawina schwieg. Ihr durchsichtiges Ohr halb mit Haaren bedeckt, wurde rosiger und ihre Wimpern zuckten.

Und ebenso leise, mit zitternden und unklaren Worten sprach Ssanin weiter von dem ungeheuren Glück, das sie ihm gegeben hatte, und daß diese eine Nacht nun für immer in seinem Leben wie ein Märchen verbleiben wird. An seiner Stimme konnte man hören, daß er offenbar unter der Unmöglichkeit litt, ihr etwas sagen zu können, worunter die Trauer vergehen und eine neue fröhliche Welle heranschwellen müßte, die sie glücklich machen würde.

„Sie leiden und gestern war es doch so schön,“ fuhr er fort. „Aber diese Leiden kommen doch nur daher, daß unser Leben sinnlos aufgebaut ist, daß die Menschen selbst einen bestimmten Zehnten für ihr eigenes Glück aufgestellt haben. Wennwir anders leben würden, dann müßte diese Nacht in unserer Erinnerung als eines der wertvollsten und wunderbarsten Erlebnisse, die nur das Leben teuer machen können, bleiben.“

„Wenn ... ja, wenn nur ...“ Und plötzlich, auch für sich ganz unerwartet, lächelte sie neckisch vor sich hin.

Als wenn die Sonne aufginge, als wenn die Vögel zu singen und die Gräser zu rauschen begonnen hätten, so wurde die Seele leicht und licht von ihrem Lächeln, das für einen Augenblick das frühere fröhliche und freie Mädchen auferstehen ließ. Aber es war nur ein Aufflammen, das sofort wieder erlosch.

Mit einem Mal stieg vor Karssawina ihr zukünftiges Leben auf, wie abgerissene schmutzige Fetzen von Hohn, Klatsch und Schande. Alle bekannten Gesichter sah sie vor sich und alle trugen in ihren Mienen Spott und Ekel; sinnlose Bilder sprangen um sie herum; dichte Furcht bedeckte wieder ihre Seele und rief in ihr nur Haß hervor.

„Gehen Sie ... lassen Sie mich,“ rief sie. Sie erblaßte und preßte ihre Zähne mit einem grausamen Ausdruck, als wenn sie sich für ihr Lächeln rächen wollte, zusammen; dann stieß sie sich von seiner Brust ab und stand auf.

Ein schwerer ohnmächtiger Druck bemächtigte sich Ssanins. Er fühlte, daß sie keine Worte in dem, was sie offensichtlich mit Leiden und Schande bedrohte, trösten konnten. Sie hatte Recht in ihrem Zorn und Schmerz; in seinen Kräften lag es nicht, die Welt mit einem Mal umzugestalten, um von ihren weiblichen Schulterndie entsetzliche Last abzunehmen, die auf sie, ohne Schuld für die Freuden und das Glück, die er durch ihre junge Schönheit erhalten hatte, herabgesunken war. Für einen Augenblick stieg in ihm der Gedanke auf, ihr seinen Namen, ihr jede Hilfe anzubieten, doch davon hielt ihn etwas zurück. Er fühlte, daß alles das in dieser Minute zu kleinlich wäre und daß jetzt anderes nottue.

— — — Gut, mag denn das Leben seinen Weg gehen, dachte er schließlich.

Sie stand in der Nähe, die Arme gesenkt, den Kopf, der mit einer Krone herrlichen Haares bedeckt war, gebeugt; sie war in Gedanken versunken, während eine tiefe Falte ihre weiße Stirne durchschnitt.

„Ich weiß,“ sprach Ssanin. „Sie lieben Jurii Swaroschitsch. Vielleicht leiden Sie gerade darunter am allermeisten.“

„Ich liebe niemanden,“ flüsterte sie, die Hände krampfhaft ineinander verschlingend.

Mit scharfen Strichen physischen Schmerzes zeichnete sich das Bewußtsein ihrer Schuld gegen Jurii und hilflose Verzweiflung auf ihrem Gesicht.

In ihrer Seele stieg inzwischen die ungeheure Frage, die über ihre Kraft ging, die, wie ihr schien, das ganze Entsetzen und die ganze Auflösung des Vorgefallenen enthielt, auf und schwankte wie eine Rauchsäule über ihrem ganzen bisherigen Leben.

— — — Wie ist es möglich, das miteinander zu verbinden, — — — ich liebe Jurii so sehr, liebe ihn noch jetzt, daß es mein Herz zerreißt.Beim Gedanken daran, daß ich für ihn nicht mehr so rein und einzig sein werde, wie ich war, wird in mir alles dunkel wie vor dem Tode. Und dennoch ... dennoch konnte ich ...

Der Gedanke an Ssanin hatte keinen Ausdruck. Er bewahrte nur die Erinnerung an tolle Kraft, an überschäumenden Genuß, in dem der Schmerz mit dem Verlangen nach noch größerer, noch tieferer Innigkeit zusammenfiel; für Augenblicke sprang aus ihm der Wunsch, zu Tode gemartert zu werden. Aber weiter trug er die lichte stille Erinnerung an eine singende, unsagbar innige Zärtlichkeit in sich, die ihr Herz liebkoste.

— — — Ich bin selbst schuld, sagte sich Karssawina ... Ich bin eben ein garstiges, lasterhaftes Geschöpf. — — —

Am liebsten hätte sie geweint, gebüßt, den weißen herrlichen Körper, der stärker als die Vernunft, die Liebe und Bewußtsein gewesen war, mit der Peitsche gezüchtigt.

Einen Augenblick lang schien ihr, daß sie diesen furchtbaren Taumel nicht ertragen werde; das Bewußtsein wird untergehen, sie muß sterben. Doch es ging gleich wieder vorüber, entkräftigte sie nur und ließ hoffnungslose, stille Trauer in ihr zurück.

Da sagte ihr Ssanin mit besonders rührender Bitte: „Gedenken Sie meiner nicht böse! Sie sind ebenso herrlich wie Sie stets waren ... Dem Mann, den Sie lieben, werden Sie dasselbe Glück geben können, das Sie mir gegeben haben ... Nein, noch ein größeres, viel größeres ... Wahrhaftig ... ich wünsche für Sie nichts anderes,als das Allerbeste, das Allerzarteste ... Immer werde ich Sie so in meinem Gedächtnis haben, ... wie ... gestern. Leben Sie wohl ... und wenn ich einmal irgend etwas für Sie tun kann, so ... ich bitte Sie, sagen Sie es ... ich würde Ihnen ja gerne mein Leben geben, wenn es Ihnen nur nützen könnte ...“

Ganz leise blickte ihn Karssawina an; es tat ihr um etwas leid.

... Aber vielleicht geht alles vorüber ... ging es durch ihren Kopf. Im Augenblick schien alles nicht mehr so entsetzlich und schwierig. Eine Minute lang schauten sie einander in die Augen und aus dem Innern ihrer Herzen trat ein gutes, tiefes Gefühl. Es verband sie, als ob sie beide mit einem Mal verwandt und nahe wären, und etwas erfahren hatten, das kein anderer außer ihnen wissen durfte, und das in ihren Seelen immer als zarte, warme Erinnerung bleiben würde.

„Nun leben Sie wohl,“ sprach Karssawina mit mädchenhafter Stimme.

Freude und Zärtlichkeit durchströmte Ssanins Gesicht.

Sie reichte ihm die Hand, doch alles kam so, daß sie sich plötzlich einfach und warm wie Geschwister geküßt hatten. Als Ssanin fortging, begleitete sie ihn bis an das Tor und sah ihm lange und nachdenklich nach. Dann ging sie still in den Garten zurück und legte sich auf das Gras, die Hände unter dem Kopf. Das verdörrende aber noch immer duftige Gras knisterte um sie und sie starb fast ab, ohne Gedanken, ohne Empfindungen,mit geschlossenen Augen. In ihr ging etwas Neues vor. Wenn es geendet hatte, dann mußte sich wieder das alte fröhliche offne Mädchen, vor der das Leben seine schönsten und glücklichsten Seiten auftun wird, erheben.

Zähes Nachsinnen darüber, ob sie Jurii das Vorgefallene erzählen sollte oder nicht, kam ihr in den Kopf und brachte neues Entsetzen und frische Scham mit sich, aber sie sagte sich sofort: Ich werde nicht darüber nachdenken, ... ich werde es nicht ... Alles mag von selbst kommen.

Und wieder verfiel sie in den Zustand schlaffer Erwartung.

Am darauffolgenden Tage stand Jurii erst sehr spät auf; er war in gedrückter Stimmung, hatte schlechten Geschmack im Mund und feinen bohrenden Schmerz in den Schläfen. Zuerst konnte er sich an nichts erinnern, als an das Schreien und Gläsergeklirr, die blassen Feuerchen und an die Morgendämmerung, die für die trunkenen, stumpf gewordenen Augen sonderbar klar und durchsichtig war. Dann fiel ihm ein, wie sich Schawrow und Pjotr Iliitsch von ihren Plätzen taumelnd erhoben hatten und grunzend auf ihr Zimmer krochen, während er mit Iwanow, der nach dem Wodka furchtbar blaß aussah, aber sich wie immer gerade hielt, noch lange auf dem Balkon blieb.

Sie stritten sich; Iwanow bewies Jurii triumphierend, daß Leute seiner Art zu nichts tauglich wären. Sie wagten nichts vom Leben, das doch ihr freies Eigentum sei, zu nehmen; es wäre das Allerbeste, wenn sie ohne jede Spur von der Bildfläche verschwänden. Mit unbegreiflicher Schadenfreude wiederholte er fortgesetzt den Ausspruch Pjotr Iliitschs: Solche Leute Menschen zu nennen, davor hüte ich mich. — — — Dabei lachte er jedesmal wild auf, als wollte er Jurii in seinem Lachen ersäufen. Dieser fühlte sich eigentümlicherweise garnicht verletzt, sondern hörte interessiert zu. Er ging überhaupt nur auf den Vorwurf ein, daß seine Erlebnisse armselig seien, und behauptete dagegen, solche Menschen wie er, führten im Gegenteil ein besonders feines und kompliziertes Leben; schließlich aber gab er zu, es wäre tatsächlich besser, wenn sie untergingen.

Juriis Stimmung quoll von unerträglicher Traurigkeit über; er wünschte zu weinen und zu büßen. Beschämend kam es ihm ins Bewußtsein, daß es ihn innerlich fast gedrängt hatte, Iwanow eine Beichte abzulegen. So trottete er immer um die Episode mit Karssawina herum und hätte das feine liebe Mädchen beinahe dem aufgeblasenen groben Kerl vor die Füße geworfen. Doch Iwanow war viel zu betrunken, um irgend etwas zu bemerken und Jurii wünschte jetzt nachträglich, glauben zu können, daß ihm seine Niedergeschlagenheit tatsächlich nicht aufgefallen wäre.

Iwanow war zuletzt unter grundlosem Brüllen in den Hof gegangen; überhaupt schienen mit einem Mal alle verschwunden zu sein. Es wurdeum Jurii ungemein leer; er blieb ganz allein zurück. Sein Gesichtskreis war von trunkenen Nebeln begrenzt; vor ihm baumelte nur das schmutzige, begossene Tischtuch, die grünen Schwänzchen der abgebissenen Radieschen, Gläser mit Zigarettenstummeln und begossene Bieruntersätze.

Jurii saß mit gesenktem Kopf, schaukelte sich hin und her, und fühlte sich als Mensch, der von der ganzen Welt verlassen ist.

Später kehrte Iwanow nochmals zurück und schleppte Ssanin mit sich, der irgendwo gesteckt haben mochte.

Ssanin war liebenswürdig und voller Leben, nur blickte er Jurii etwas eigentümlich bald überzärtlich, bald wieder zu spöttisch, an. Nun kam in seiner Erinnerung ein weißer leerer Fleck und dann tauchte ein Boot, der Fluß, milchrosige Luftfetzen, wie er sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte, vor ihm auf. Sie fuhren über kühlem durchsichtigem Wasser, gingen über glatten Sand, der von der Sonne fast wie von unten durchleuchtet wurde, ein scharfer Schmerz lief nebenher durch seinen Kopf, zwischendurch packte ihn hin und wieder wütender Ekel.

— — — Weiß der Teufel, wie widerwärtig das war, dachte Jurii. Grade Trinken, das hat mir nur noch gefehlt. Doch nachdem er all diese Erinnerungen, die, gleich Straßenschmutz an den Füßen, in ihm kleben blieben, von sich abgestreift hatte, dachte er intensiv daran, was vorher im Walde geschehen war.

In einem Augenblick stand dieser ungewöhnlichgeheimnisvolle Wald vor ihm, die tiefe bewegungslose Finsternis unter den Bäumen, das sonderbare Licht des Mondes, der weiße kühle Körper des Mädchens, ihre geschlossene Augen, der betäubende aufregende Geruch, das gierige Verlangen, das ihm den Kopf bis zur Tollheit benahm.

Die Erinnerung durchlief seinen Körper mit schwerem, wollüstigen Zittern. Irgend etwas stach anhaltend in seiner Schläfe und preßte sein Herz zusammen. Voll überflüssiger Einzelheiten schienen daraus die Bilder der Szene aufzusteigen, wie er das Mädchen, ohne daß ihn die innere Erregung betäubend fortgerissen hätte, auf den Boden niederdrückte; — sie wehrte sich dagegen, stieß ihn zurück, riß sich los, bis er schließlich einsah, daß er selbst gar nichts tun mochte, nichts von ihr wollte; und dennoch warf er sich immer von neuem auf sie.

Jurii schauderte unter diesem Nachsinnen in allen Nerven; das Tageslicht steigerte die Verachtung vor sich. Am liebsten hätte er sich ins Dunkel verkrochen, sich in die Erde eingegraben, — um seine Schande selbst nicht zu sehen. Doch schon im nächsten Augenblick suchte er sich zu überzeugen, daß all das nicht deshalb so häßlich verlief, weil er einen mächtigen Trieb der Leidenschaft verunstaltet und herabgewürdigt hatte, sondern weil er eine Minute lang nahe daran gewesen, eine Vereinigung mit dem Mädchen gewaltsam erzwingen zu wollen.

Da drehte er mit furchtbarer, fast physischer Anstrengung, als wenn er einen Menschen, derviel stärker ist, als er, überwinden müßte, sein Gefühl einfach um. Und jetzt fand er seine Handlungsweise plötzlich in dieser Form berechtigt und notwendig.

Doch eine neue, viel drückendere Frage schob sich jetzt ein ... Was ist weiter zu tun? ...

Aus dem Chaos der verschiedensten Gedanken und Wünsche, kristallisierte sich allmählich der eine: Alles zerreißen!

Sie hinnehmen und an ihr Freude haben! Doch sie dann wegwerfen, das kann ich nicht ... ich bin nicht solch ein Mensch ... Fremde Leiden gehen mir zu nahe, als daß ich andern welche zufügen könnte. Und sie heiraten? ...

Dieses Wort klang Jurii ungewöhnlich platt. Er, mit seiner besonderen, ganz eigenartigen Veranlagung, die ewig an der Grenze großer Gedanken und erhabener Schmerzen schwankte, kann sich nun einmal nicht ein Philisterglück mit Frau, Kindern und Wirtschaft zurechtbauen. Er errötete sogar bei dieser Vorstellung, als ob ihn schon die Annahme eines solchen Ausweges verletzen müßte.

— — — Also sie von sich stoßen, einfach fortgehen ...

Doch ihr Bild schien ihm jetzt, während es sich allmählich von ihm entfernte, als das höchste Glück. Es glitt unwiederbringlich aus den Händen; — — die Entsagung zerriß sein Herz. Hinter ihr schleiften zuckende Sehnen und rissen sich mit bluttriefenden Fetzen ab. Um ihn schwand das Licht, seine Seele hing leer und schwer; sein Körper selbst erschlaffte.

Aber ich liebe sie ja, sagte sich Jurii mit demletzten Aufwand qualvoller Ratlosigkeit. Wie ist es denn möglich, daß ich selbst mein eigenes Glück zerstöre. Unsinnig, widerwärtig wäre es doch. Aber was denn? ... Heiraten? ...

Wieder von dem bloßen Gedanken wie vor den Kopf geschlagen, sank Jurii von neuem in haltlose Trauer. Um nicht mehr weiter nachdenken zu müssen, setzte er sich an den Tisch und nahm sich einige Blätter zum Lesen vor, auf denen er im Tone des Prediger Salomo einige Aufzeichnungen gemacht hatte:

„In der Welt gibt es nicht Gutes, nicht Böses.

So sagen die einen: Was das Natürliche ist, das sei auch gut und gerecht sei der Mensch in seinen Wünschen.

Aber eitel Lüge ist das, denn alles ist natürlich, nichts wird aus Leere und Finsternis geboren. Alles hat seinen Anfang.

So sagen die anderen: Das ist gut, was da von Gott kommt. Aber ebenso ist das eitel Lüge, denn, wenn ein Gott ist, so kommt alles von ihm, und so auch die Gotteslästerung.

So sagen die dritten: Das ist gut, was den Menschen Gutes bringt. Aber gibt es denn solches? Was dem einen das Gute ist, das ist Böses dem anderen. Dem Sklaven ist seine Freiheit gut, dem Herrn die Knechtschaft des Sklaven. — Dem Reichen die Erhaltung seiner Reichtümer, dem Armen der Untergang des Reichen. — Dem Ungeliebten, daß sie ihn lieb gewönne, dem Glücklichen, daß sie alle Anderen verwerfe, außer ihm. — Dem Lebenden, er möge nicht sterben, dem Geborenen, daß da alle sterben und lassen ihm freienPlatz. Dem Menschen der Untergang der Tiere, den Tieren der Untergang der Menschen. Und so ist alles, und so ist es von Anfang bis an das Ende der Zeiten. Und niemand hat vor dem anderen ein Vorrecht auf das Gute, das ihm allein das Gute ist.

Hier gilt es unter den Menschen als Wahrheit: Gutes und Liebes schaffen, sei besser als Böses und Haß. Aber das ist verborgen. Denn so es eine Vergeltung gibt, ist es den Menschen besser, Gutes zu schaffen und sich selbst zu opfern, so es aber keine gibt, ist es besser, nach seinem Teil auf der Erde zu streben.

Hier noch ein Beispiel für die Lüge, die da unter den Menschen lebt: Da ist einer, der sein Leben, für die anderen hingibt. Und ihm wird gesagt: Dein Geist wird dich überleben, weil er in den menschlichen Taten, wie ein ewiger Same, verbleiben werde. Aber das ist Lüge, denn wir wissen, daß in der Kette der Zeiten der Geist der Schöpfung in gleicher Weise lebt wie der Geist der Zerstörung und es ist unbekannt, was einst auferstehen und was zerfallen wird. Hier noch eins: Da denken die Menschen daran, wie man nach ihnen leben wird, und sagen sich, daß es gut sei, und daß ihre Kinder ihre Früchte ernten werden. Aber wir wissen nicht, was nach uns sein wird, wir können uns kein Bild machen von den Myriaden und Abermyriaden, die auf unseren Pfaden wandeln werden. Und wir können sie nicht lieben oder hassen, wie wir nicht die lieben oder hassen können, die vor uns waren. Das Band zwischen den Zeiten ist zerrissen.

So wird gesagt: Machen wir die Menschengleich vor der Quelle der Freude und des Kummers und teilen wir allen nach gleichem Maße zu. Aber kein Mensch kann Freude und Kummer, Schmerz und Genuß in größerem Maße bekommen, als er sich selber schafft. Und wenn der Anteil der Menschen nicht gleich ist, so, weil sie nicht gleich sind. Und so auch ihr Maß gleich gemacht ist, werden ihre Herzen in Ewigkeit nicht gleich werden.

So spricht Hochmut: Große und Kleine gibt es.

Aber jeder Mensch ist Aufgang und Untergang, Gipfel und Abgrund, ein Atom und eine Welt. Da wird gesagt: Groß ist die menschliche Vernunft. Aber das ist Lüge, weil die Vernunft beschränkt ist. Und der Mensch sieht weder seinen Wahnsinn noch seine Vernunft im unbeschränkten Weltall, wo Vernunft und Wahnsinn zerfließen wie flüssige Luft.

Was weiß der Mensch? ...

Auch Adam wußte, wie er zu essen und zu trinken hätte und wie sich zu kleiden nach seinem Bedürfnis und auch hat er seinen Samen erhalten. Und wir wissen das Gleiche und werden unseren Samen in der Zukunft erhalten. Aber Adam wußte nicht, was er tun solle, um nicht zu sterben und nicht zu fürchten. Auch wir wissen es nicht. Viel Kenntnisse sind erfunden worden, nur ist nicht erfunden Leben und Glück, um sie zu füllen.

Der Mensch hatte stets in allem, vom Haupt bis zu den Füßen das Ziel, seinen Körper vom Tode zu retten. Und da sehen wir: Hat nichtdurch einen einfachen Stock Kain den Abel umgebracht und kann man denn nicht mit dem gleichen Stock den Ersten der Menschen umbringen, der auf der höchsten Stufe der Erkenntnis steht. Lebte denn nicht länger als alle anderen Methusalem? Aber auch er starb. War nicht glücklicher als alle Hiob? — Aber auch ihn traf Gram. Und wird nicht ein jeder der Menschen, der in seinem Leben solch gerüttelt Maß von Glück und Kummer erduldet hat, wie es nur seine Schultern zu ertragen vermöchten, den gleichen Tod sterben, wie ihn sein Urahn starb? ... Jetzt, wo die Menschen Götter der Wissenschaft krönen, schreien und rühmen sie sich. — — — Doch: Gleich fressen alle die Würmer!“

Ein kaltes Gefühl kroch über Juriis Rücken und das Bild weißer Würmer, die in einer dicken Schicht auf der ganzen Erde von einem Ende bis zum andern wimmeln, durchrüttelte ihn. Doch das, was er geschrieben hatte, kam ihm ungemein eindringlich und gewaltig vor.

Das ist ja alles richtig, hämmerte es in seinem Hirn und das stolze Gefühl der Schöpferkraft vermischte sich mit einer breiten Welle Wehmut. Er trat an das Fenster und blickte lange ziellos in den Garten, wo die Wege unter einer Schicht gelber und roter Blätter bereits goldig wurden und neu ersterbende Blätter, leise in der Luft kreisend, lautlos herunterfielen. Tote rote Farben deckten sich auf alles, Blätter starben ab ... Milliarden von Insekten, die nur von Licht und Wärme lebten, starben ab ... alles starb ab im stillen ruhigen Schein des Tages.

Diese Ruhe war Jurii unbegreiflich und derstille Tod rief in seinem Innern formlosen plumpen Haß hervor.

Hier ... krepiert alles ... und dabei strahlt es noch, als wenn es sich an Zuckerbrot überfressen hätte, dachte er mit ausgesuchter Grobheit und es drängte ihn, noch gröbere, härtere Worte auszudenken.

Viele Gedanken kamen; — — sie blieben in der Leere hängen und fielen ihm kraftlos auf die Seele. Und eine Wut packte ihn bis an die Haarwurzeln, daß er beinahe an ihr erstickte. — — —

Hinter dem Fenster dehnte sich der goldene Garten, hinter dem Garten zog der Fluß den grünblauen herbstlichen Himmel in sich ein, hinter dem Fluß liefen die von den Netzen der Sommerfäden versilberten Felder, hinter den Feldern kam wieder ein Fluß; — — — ein umgekehrter Wald auf seinem Spiegel, dann Ufer, Eichen, schmale Wege ...

— — — Ruhe. — — —

Dort geht einer still für sich.

Der dem Trunke ergebene Kirchensänger Pjotr Iliitsch geht still für sich.

Wenn der Herbst kommt und die Villenstadt leer und öde wird, wie ein abgelegener Kirchhof vergangener Freuden, dann steigt in ihr eigenartige, prächtige Schönheit auf: die feinen durchbrochenen Gartengitter dringen wie Spitzenwerk durch Bäume und Büsche, roten Girlanden gleichhängt der Hopfen von ihnen herab, durch die goldenen Ornamente der entblätterten Aeste leuchten die spielzeugartigen Sommervillen; auf den leeren Blumenbeeten stehen einsam geordnet rote Astern, sinnen nach und nicken mit kühlen Köpfchen; Balkons und grüne Bänke scheinen noch die Spuren des vergangenen fröhlichen, lärmvollen Lebens zu tragen, nur von Freude, Kraft und Glück mag dieses Leben erfüllt gewesen sein; es war ein ganz besonderes, schmuckes Leben. Die verschlossenen Fenster und Türen heben die Stille noch mehr hervor, und unwillkürlich schleicht sich der Glaube ein, daß sie es allein ist, die Herbststille, die jetzt hier ihr rätselhaftes menschliches Leben führt.

Pjotr Iliitsch geht feierlich durch die verwahrlosten Wege und raschelt mit seinem Stock in den abgefallenen gelben Blättern.

Wenn es hier voller Menschen, Lärm und Lust ist, dann kommt Pjotr Iliitsch niemals hierher. Vielleicht fühlt er instinktiv, wie alt, armselig unscheinbar er ist, und die Menschen mit ihrem Lachen und fröhlichen Mienen stören ihn, auf das zu lauschen, was nur für ihn vernehmbar klingt ...

Er geht an den Villen vorbei, setzt sich auf eine verlassene Bank und schaut lange, lange vor sich hin, bis der jetzt erkaltete Himmel dunkel wird; so empfindet er wohl das Wehen der Ewigkeit, die unsichtbar über diesem Flecken menschlicher Lust und Freude schwebt.

Dann geht er unter den gravitätischen Eichen zum Flusse hinunter; er schaut auf das verstummte Wasser. Dann legt er sich ins trockeneGras und hört stundenlang mit dem Ohr an der Erde, ihrem lautlosen Gespräche zu und atmet ihren ruhigen würzigen Odem ein.

Bis an die wildesten Plätze schlägt er sich durch, wo Fluß und Berg zusammenstoßen und der Berg sich langsam in den Fluß hineinschiebt, als ob er ihn erdrücken wollte; es war ihm nur noch nicht gelungen. Der Fluß lachte über den Berg, erschauerte völlig unter seinem blauen, silbernen Lachen; der Berg blieb düster, die Bäume rauschten. Manchmal drängten sich riesige Eichen vom steilen Ufer ins Wasser herab und versenkten ihre herunterhängenden Aeste in der rollenden lachenden Tiefe.

Wellen spielen im Flusse — blau vom Himmel und grün von der Erde; es scheint, daß jemand in fliegender Eile auf der Wasserfläche unverständliche, geheimnisvolle Schriften schreibt. Schreibt sie und verwischt sie, und schreibt eilig wieder und verwischt sie von neuem.

Was diese Schriften erzählen — das kann niemand lesen, aber offenbar dringen sie Pjotr Iliitsch, der sie stundenlang betrachtet, tief ins Herz; still und ruhig machen sie ihn wie der verglimmende Abend des menschlichen Lebens.

Wald, Fluß, Felder und Erde geben ihm etwas, was ihm sein versoffenes armseliges Leben nicht zu geben vermochte, was aber seine Seele bis in die tiefsten Winkel erfüllt. Und das Aussehen des alten Kirchensängers ist bei solchen Streifzügen voll heimlicher Nachdenklichkeit und Würde.

Wenn er dann zurückkehrt und einem seiner wenigen Bekannten begegnet, erzählt er ihm etwasmit feierlichen Mienen; er versucht mitzuteilen, was er nicht mitteilen kann. Und immer wieder schließt er, ohne selbst zu wissen, warum, mit dem gleichen Satz:

„Ja, im Winter ... s’ ist dort herrlich! — Ganz still. — So, — — die Schneeflöckchen schwanken in der Luft, — fallen ... die Sänger singen! ...“

Eine Stimme steigt in die höchsten Höhen, sie löst sich in der Luft auf; oh, man kann fühlen, daß es dieser Mensch trotz seiner Armseligkeit wahrhaft versteht, auf ganz eigene Weise die tiefsten Feinheiten der Lebensschönheit zu ergreifen. Wenn er einen Augenblick von Arbeit und Sorge um das Stück Brot, von Wodka und Krankheit frei wird, dann füllt er sein Leben so restlos schön aus, daß seine Seele glücklich ist.


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