Die Nacht brach an. Der Rabbi verließ das Haus, wo er mit den Zwölfen das Passahlamm gegessen nach dem Brauch und den Lobgesang gesungen.
Als er mit den Jüngern auf die Gasse trat, stand die helle Scheibe des Vollmonds groß und rund über Moriah und legte ihren weißen Schimmer auf die Tempelgebäude. Wie für eine Ewigkeit aufeinander gequadert dehnten sich die dunklen Steinmassen mit ihren gewaltigen Säulengängen in düster-heiliger Pracht, mit massiven Mauerkränzen und dem mystischen Flechtwerk ihrer Ornamente.
Der Rabbi verweilte in den Anblick verloren. Und dann wandten sich seine Blicke über die palmenüberragten Häuser des Tyropoion-Thales hinüber zum Berge Zion, wo sich mit steilem Mauerwerk das Massiv der alten Königsburg und der Palast des Vierfürsten erhob. Dort bereitete sich jetzt sein Endgeschick. Dort würde es sich in wenigen Tagen entscheiden. Und da drüben weilte jetzt der Jünger, der ihn verraten hatte, und wartete mit den Knechten des Hohenpriesters.
Nach Gethsemane! Dort würde ihn Judas zu finden hoffen. Dort wollte er sich ihnen überliefern.
Ein versonnenes müdes Lächeln um die Lippen, wandte er sich endlich und wanderte, Judas Ischarioth im Herzen, durch die stillen, mondträumenden Gassen der Bezetha und wandte sich hinab, wo der Weg in das stille Thal seines geliebten Kidron führte.
Schweigend wandelt er vor den Elfen her, die ihm in Gruppen folgen, mit zagen Meinungendie bedeutsamen Vorfälle erwägend, die sich soeben beim Mahl abgespielt haben: Simon Petrus und Andreas sein Bruder, Jacobus und Johannes, des Zebedäus Söhne, alle Fischer vom See Genezareth, Philippus, Bartholomäus, Matthäus der Zöllner, Jacobus, Lebbäus, Thomas und Simon von Kana, der Zelot.
Gesenkten Hauptes schreitet Jesus vor ihnen her in seinem langen, glatten Gewand. Lässig und müde hängt die Linke mit dem Hut hernieder, und die hagre, feine Rechte streicht den dunklen Kinnbart. Ihm zur Seite schreitet scheu der Jünger, den er lieb hat. In stiller ratloser Teilnahme hängen seine Blicke an dem geliebten Meister, denn Jesus hat zu ihnen von seiner Gefangennahme und seinem nahebevorstehenden Tod gesprochen. Wenn das Passah vorüber ist, und die Volksmengen die Stadt geräumt haben, werden sie ihm das Gericht machen.
Das ist nicht mehr sein gewaltiger Rabbi aus Isais altem Königsstamm, der herrlich die Bergrede gehalten oben im galiläischen Land, als ihm die Völker zugeströmt waren aus Syrien, aus Galiläa und den zehn Städten, aus Juda und von jenseits des Jordan. — Eine tiefe Furche gräbt sich ihm in die breite braune Stirn, von der die Haare, die ihm neulich erst das Weib von Bethanien gesalbt, lang und schlicht auf die hageren Schultern fallen. Die tiefen Augen verfolgen starr und trübe verborgene Gedanken, die kein Ahnen streift, und zwei tiefe Falten graben sich von den Wangen herab.
„Herr, das widerfahre dir nur nicht!“
Leise, mit innerlichst verzagendem Herzen, hat es Johannes endlich über die Lippen gebracht, aber der Rabbi hat es nicht gehört. Einsam und verschlossen wandert er mit seinen geheimsten Gedanken, die je und je nur Er kannte, neben dem Jünger her. Nichts von dersüßen Milde ist in diesem Gesicht, die ihnen sonst die Herzen warm machte zu dem geliebten Meister hin.
Nein, kein armer Trost reicht an dieses Geheimste des Meisters heran. Und Johannes verstummt vor diesem Rätselgesicht unenthüllbarer Einsamkeit. —
Um die Kalkhänge von Moriah herum, tief unter den hohen Tempelzinnen oben auf dem Hügel, von dem die Woge der weißen Dächer herabflutet, biegt der Meister zwischen den letzten Häusern hervor in den Fußpfad ein, der in weiter Biegung zum Ufer des Kidron hinabführt.
Totenstill weitet sich die ahnungsvoll dämmernde Mondnacht mit ihren wenigen großen Sternen. Nur fern von der Vorstadt her trägt die Nachtluft das Gekläff der Schakale herüber. Unten vor ihnen plätschern die hellgleißendenWellen des Kidronbaches und murmeln und rauschen im eiligen Gefälle zwischen den Laubmassen der Olivenhaine hin, die sich drüben von den sanften Höhen des Ölbergs anmutig in das liebliche Thal hinabziehen. Palmengruppen ragen daraus hervor mit ihren hohen, schlanken, mondschimmernden Schäften und tauchen mit ihren breiten, hängenden Kronen hinein in die strahlende Klarheit der Höhen.
Nach kurzer Wanderung stehen sie vor dem Hof Gethsemane, des Meisters stillem Lieblingsort.
Vor dem Hain hemmt er seine Schritte und heißt die kleine Schar verweilen und seiner warten. Nur seinen lieben Brausekopf Petrus, den stilltreuherzigen Jacobus und den jungen Johannes wählt er sich, daß sie ihm folgen und tritt mit ihnen in die heilige Dämmerung des Haines. Bald aber läßt er auch sie zurück und ist ihnen im Dunkel seiner heimlichen Einsamkeiten verschwunden...
Allein!...
Mit wankenden Knieen bricht er zusammen. Und der Menschensohn hebt an zu trauern und zu klagen.
Und er sieht seinen schimpflichen Tod. Er sieht die Richtstätte, den kahlen öden Kalkhügel mit seiner Schädelform draußen vor der Stadt, wo die Verworfensten der Verworfenen ihren schmachvollen Tod sterben.
„Herr, ist es möglich, so laß’ diesen Kelch an mir vorübergehn!“
Lange liegt er im Gebet; aber kein Frieden will über ihn kommen. Erloschen ist die Fülle der Visionen, versiegt die Macht leidentrückender Ekstase, die ihn an das Herz des Vaters hebt. Ein müder, verzagter Mann windet sich hier in der Tiefe menschlicher Ohnmacht und vergeht im Vorgefühl einer schmachbeladenen Agonie.
Was bedeutet dies Bangen? Ist er nicht, Herr über Leben und Tod und ihr mächtigerÜberwinder, gekommen, um zu sterben, daß aus seinem Tode unvergängliches Leben für die Jahrtausende sprieße? War er nicht gekommen, des väterlichen Geistes voll, daß die Urmacht des göttlichen Wortes sich über die Geschlechter der Jahrtausende spanne?
Judas...
Und wieder sieht er sich auf dem Füllen der lastbaren Eselin, und das Volk vor ihm her, Palmen breitend und Gewänder, und der freudige Jubelruf der Scharen umbraust ihn: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna dem Sohne Davids, einem König in Israel!“ Und wieder hört er den Messiasruf und die Sehnsucht seines geknechteten Volkes.
Judas...
Und wieder, wie vor Jahren, da er die vierzig Tage in der Felsenwüste durchfastete, will sich in ihm das heiße Thatenblut der alten Volkskönige regen, und der Gedanke an die Macht und die Herrlichkeit dieser Welt gleißtvor seiner Seele, und er denkt an die Verheißungen und Hindeutungen der Propheten. Wieder, wie einstmals in der Einöde, der heißen Ideeenamme der Erhabensten seines Volkes.
Judas...
Und er gedenkt der Zuversicht seines Jüngers zu ihm, dem Sproß der Könige. Und noch einmal erheben sich die beiden Seelen seiner Brust gegen einander im heißen Ringen. Er sieht, wie die Scharen kommen, aus Galiläa, von Syrien her und die am Gestade des Meeres wohnen, aus Samaria und über den Jordan herüber, drüben aus Peräa, seinem machtvollen Wort zu lauschen. Und wie Meereswogen sieht er die Völker erschauern unter der Gewalt seiner Rede. Und sein Königsblut braust auf und sein gewaltiges Messiasgehirn führt sein Volk zum Sieg.
Ha, Judas!...
Seine Augen leuchten auf in einer beginnenden Ekstase.
Macht! Königspriester seines einigen weltmächtigen Volkes! —SeinesVolkes! — Nein, welches Volkes?! —
Versunken liegt er, mit aufgestemmten Fäusten und starrt in die mondschimmernden Halme und sieht in sich hinein und lauscht.
Armes, kleines Juda! — Zeit und Stunde kommt, da wird kein Stein auf dem andern bleiben von den stolzen Zinnen da oben. Rom! — Aber sein Auge weitet sich. Seine Brust wogt, Schweiß trieft von seiner Stirn und sein Mund ächzt unter der Fülle der Visionen. — Uralte Mysterien dämmern herauf in seinem mächtigen Gehirn und er sieht die Wiederkunft,Seine, desEinen, herab von der Rechten des ewigen Thrones in Macht und Herrlichkeit. Zeichen und Wunder vom Himmel und auf der Erde verkünden ihn, und die staunende, lauschende Stille der Völker. Und Kaisergott wird Er, der Heimliche, sein heimliches, einiges, erwähltes Volk um sich sammeln, das neue Volk derVölker, ein Sauerteig der Welt, ein Stamm von Freien und Königen, das offenbar gewordene Reich der Verheißungen, und Er sein neuer Adam...
Und doch!...
Noch diese Nacht!...
Und vor ihm gähnt schwarz und finster das uralte Rätsel, und die alten Zweifel und Anfechtungen kommen, die nie einer der Seinen geahnt, die heimlichen Dämonen seiner Brust.
Wardihm nicht die Gewalt und das heimlich heilige Vermächtnis seines Blutes?Ister nicht gekommen?Ister nicht da mit seinem hohen Beruf?Sinddie Zeiten nicht erfüllt, von denen die Propheten sagten? Sind die Völker nicht zu ihm gekommen?
Ist er den rechten Weg gegangen?
O Judas!...
O Herr, Herr! — Licht! —
Soll er sich seinen Henkern überantworten? Soll der Tod der Schmach und Erniedrigungsein Ende sein?
„O Herr, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehn!“
Still! —
Nein, noch nicht! —
Nur das Rauschen der Kronen in der hellen Stille. Da oben die eisige Pracht der Höhen. Und die weißen kalten Mondlichter.
Noch nicht! —
Andere Gedanken kommen und Anfechtungen. Und er gedenkt Marias, die sein Haupt gesalbt und seine Füße und sie getrocknet mit dem Haar ihres Hauptes, als er im Hause ihres Bruders Lazarus weilte, seines lieben Gastfreundes von Bethania. Er sieht sie zu seinen Füßen sitzen in ihrem lichten Gewand. Ihre dunklen Augen haften in selbstvergessener Bewunderung an seinem Gesicht, und hingegeben lauscht sie seinen Worten. Aber Martha, die häuslich geschäftige Schwester, schilt sie, die das bessere Teil erwählt.
Er gedenkt der Hochzeit zu Kana, wo er fröhlich war mit den Fröhlichen, und wo er so weise des Kelleramtes gewartet. Er sieht die Gäste wieder in ihrer trunkenen Weinseligkeit und hört ihre Hochzeitslieder.
Er wandert durch die lachenden Auen um den See Tiberias. Er sieht die Wogen ihres goldenen Segens und hört die Schnitter singen auf den Feldern und die Liebenden in den traubenschweren Weinbergen und den Olivengärten. Er sieht das Rosenwunder von Jericho. Er sieht die vertrauten Gestalten derer, die ihm teuer sind, sieht das Genügen stillen Lebens im sichren Gang geordneter Tage. — Und er erwägt die Unrast des Geistes, die ihn treibt, das rauhe Los derer, die der Vater erkoren.
„Die Vögel unter dem Himmel haben ihre Nester, und die Tiere des Feldes ihre Schlupflöcher, aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege!“
Gott ist die Liebe...
Ein Herr des Friedens und der Liebe wollte er sein. Aber erregt er nicht dennoch Gewalt wider Gewalt? Vor seiner Seele eröffnen sich die Leiden der Seinen. Er sieht ihre tausendfachen Martern und Peinigungen. Tausende und Abertausende werden ihr Blut verströmen um seines Wortes willen. Und sein Wort vom Frieden und von der Liebe des Vaters wird Gewalt werden weltlicher Macht und wird die Völker durcheinander wirbeln im Wirrsal endloser Kämpfe.
O Qual der Qualen! Nie erhellte Nacht wütender, rasender Zweifel! Tiefgeheimste dunkle Not und Notwendigkeit ewiger Unruhe! O tiefstes Geheimnis seines tiefsten Wissens!Ewig heulender Wahnsinn urewiger Weltenunrast!
O Herr! — Licht! — Wer jemals hätte Deinen Sinn erkannt, oder wer wäre Dein Ratgeber gewesen! — Nicht wie ich will, Dein Wille geschehe! —
Und sein Hirn taumelt hin vor dem Gedanken des Ewigen.
Und wieder erwacht er aus seiner Ohnmacht.
O Grauen blöder Einsamkeiten! Die Strahlen da oben: wie fressende Feuer rieseln diese starren Lichter über seinen Körper.
So schauerte Mose am Horeb vor dem Ewigen und Einzigen.
O Herr, wer könnte Dich ertragen?
Menschenaugen! —
Er erhebt sich und wankt aus der Einöde seiner Pein zu den Jüngern.
Sie liegen und schlafen.
Er muß ihre Worte hören, muß ihnen in die Augen sehn.
„Simon Petrus, schläfst du?!“
Und Petrus schlägt seine Augen auf und sieht den Rabbi. Schweiß trieft von seiner Stirn und feuchtet sein Haar.
Aber schon lächeln des Rabbi Augen wieder und bannen des Jüngers Mitleid.
„O wache, mein Petrus, und bete mit mir! — Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!“
Aber er gewahrt die ratlose Verlegenheit des Jüngers. Nein, er kann ihnen nichts von diesen Anfechtungen sagen, die nur Er trägt. Und wieder hebt er sich von ihnen und tritt zurück in die Pein seines einsamen Ringens...
Die Stunde naht...
Und wieder sieht er die Tage seines Leidens im Geist. Entfesselt ist die Wut und der Haß seiner Feinde. Die Jünger sind entflohen. Niemand wird bei ihm sein. Einsam wird er seinen Feinden überantwortet sein, wird er leiden und sterben. Nur sein junger Liebling wird bei ihm sein und sie, die Schmerzensreiche ...
Und wieder ächzt er unter der heimlichen Not der Einen und Einsamen, der Träger des ewig einen Geheimnisses, ihres Himmels und ihrer Hölle. Sie die fleischgewordenen Offenbarungen der ewigen Unrast und ihre Bändiger. Die Stillen, Duldenden, Schauenden und sie, aus denen der Geist des Vaters hervorbricht wie aus Mose, da er sein Volk aus Egyptenland durch die Gefahren der Wüste führte in das Land der Verheißung.
Und er fühlt die Wundenmale seiner Hände und Füße, und siehe! ihre Schmerzen werdenein köstlicher Balsam sein, und sein Haupt wird sich neigen in erlösender Ohnmacht, und er und der Vater werden eins sein...
Da!
Schritte, Stimmen und der düster irrende Schein der Fackeln zwischen den grauen Stämmen.
Er erhebt sich und seine Augen werden weit und seine Brust wird still in einer tiefen, gelassenen, schweigenden Ergebenheit.
So tritt er ihnen entgegen und empfängt den Kuß seines dunklen Bruders und Erlösers...
Man weiß: eine Woche nach dem Passah wurde der Rabbi mit den beiden Missethätern zur Richtstätte geführt.
Erlösungsfreudig hatte er sich nach den letzten Stunden seiner qualvollen Einsamkeit in Gethsemane seinen Feinden und Widersachern überantwortet. Wie von der Hand des Vaters geleitet, ging er seinem stillen Kampf entgegen, ein Riese unter allen Kämpfern, Legion er gegen Legion.
Nicht mehr brannte der Judaskuß in seiner Seele, nicht mehr fühlte er den Schmerz über die Flucht der Seinen.
Im Äther thronte er nun und im Einen, als der Speichel seiner Widersacher von seinen Wangen troff, als ihre Geißelhiebe seinen Leib zerfleischten. Und als man das Purpurgewand eines Spottkönigs um seine Schultern hing, die Dornenkrone auf sein Haupt drückte und das Spottscepter in seine Rechte, da stand er in seiner heimlichen Königswürde, ein Sieger, der nicht von dieser Welt ist.
Wie der Jubel der Heerscharen umbrauste ihn die Wut von Feinden: er aber ihr König, und sie alle sein, der Demut seiner Gelassenheit heimlich mit einem übertobten Staunen unterthan.
So stand er erhöht, die Sinne in die Stille des Einen gerichtet: er, der duldende Kaiser kommender Jahrtausende, der wiederkommen wird, ein Anderer und doch der Immergleiche, als der Eine und Heimliche, der an der großen Weltwende herausgeboren aus dem Einen, einen neuen Wandel beginnen wird.
Denn wenn es hell wird über die Völkerhin und wenn eine Unruhe vor übermenschlichen Grenzen erlahmt, dann wird er erstehen...
Jetzt aber stand er über ihnen, mitten unter ihnen und lauschte, gleich und identisch, der unermeßlichen Sprache der Welt, der ewig stummen, er, der Stumme, gleich und identisch sie vernehmend, gleichsam; nur erst ahnend jene Endstille des Einen, von der umarmt, ihr wirklich gleich und identisch er sein neues zeugendes Weltenwort empfängt, jener Endstille, die alles ist und in der alles wogt und verebbt als in sich selbst...
Hinab von Zion durch die Gassen der Bezetha, gegen das nördliche Hochgelände von Golgatha.
Wie Adam wankte er, der neue Adam, traumhaft durch das Ungewiß-Gewisse seinem Schlummer entgegen, aus dem jenem die Gefährtin ward, auf daß beide, zwiefach eineEinheit, Schöpfer einer neuen großen Einheit ihnen gleichender Wesen seien, die sich über die Welt breitet, bis ihre Kraft sich stauen wird an einer neuen, ungeahnten, aus ihr gezeugten.
Aber auf zerfleischten, zuckenden Schultern trug jetzt der Mittler sein Kreuz zwischen den beiden Übelthätern.
Und da geschah es, daß er wieder die Hand des Vaters gewahrte.
Milde trübte sich der Schein seiner Augen, linde vergingen die Schmerzen seiner Wunden hinüber in eine unbegreifliche Wonne; ein Sausen wurde die Welt, und verdämmernd spürten seine Sinne das köstliche Erzittern seiner Glieder und die holden Schauer, die sie umdunkelten. Und er sank...
Aber sein Wille richtete ihn auf, denn er hatte Wehklage vernommen, und als er taumelnd stand, erhellte sich sein Auge für die Deutlichkeit, und er sah das Kriegsvolk, das ihn umgab, die hohen breitgegliederten Germanen, die kleinen bronzefarbenen und dunkeläugigen Syrer, und ein Landmann aus Cyrene trug sein Kreuz vor ihm her. Aber viel klagendes Volk drängte sich hinter ihnen, und er erhob seine Stimme und tröstete sie, insbesondere die Weiber, die weinend ihre Hände gegen ihn reckten.
Und weiter taumelte er mit seinen blutenden Füßen das harte Kalkgeröll des Gehänges hinauf, mit einem zuckenden Lächeln, inmitten der Menge ein Einsamer, auf den sich tausend Sinne richteten, gleichsam ein Wort und ein Gebot erheischend.
Weh zuckte ein Lächeln um seine blutenden Mundwinkel. Denn dann erst, wenn der Geist ausgehen wird, Sein Geist, und die Helle sich über den Völkern entfacht, zur Zeit der Vollendung, wird er sich ganz offenbaren, und er wird ein Bauer sein, der sein Feld bestellt, einKönig auf seinem Thron, ein Bettler am Weg, und all und jeder wird der Eine sein und Er, der der Fröhliche war mit den Fröhlichen, der Trauernde mit den Trauernden, und er, der einsam litt...
Unbegreiflich sind die Wege, auf denen er wiederkommen wird, und die Wandlungen, aus denen Geist und Stoff neu Ihn zeugen und hervortreten lassen, heimlichen Kaiser eines heimlichen Volkes, Gewaltigen ewiger Kraft...
Als sie nun aber auf dem Berge waren, standen sie in Gluten, denn der Tag war schwül.
Kriegsvolk und Knechte richteten die Kreuze. Und des Rabbi Kreuz war erhöht über die beiden Schächer. Oben drauf aber stand geschrieben, ein Spott gegen die Juden, von des Landpflegers Hand in dreierlei Sprache: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“
So war der Meister erhöht mit Spott, der einem Verwundern glich...
Darauf aber entkleideten sie ihn seines Purpurmantels und Gewandes und zogen ihn hinauf mitsamt den beiden Übelthätern, einen jeden an sein Kreuz; und sie schlugen ihm die Nägel durch Hände und Füße, so seinen nackten Leib am Kreuze befestigend.
Also hing er mit seinem blutigen, zerfleischten Leib, das Haupt gereckt in Qualen, ein Mensch von Menschen geboren, leidend und sterbend...
Als er aber ihr Geschrei vernahm, da erwachte in ihm der Grimm und der Zorn Zebaoths, der einst das Wort gesetzt: „Auge um Auge und Zahn um Zahn!“ Er aber sprach mit der Macht und der Kraft des Vaters gegen den Zorn des Vatergottes in sich zu Ihm Selbst und bat:
„Vater, vergieb Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“
Und die Gluten des Tages stiegen; das öde Kalkgestein brannte unter ihren Füßen; aber sie blieben, seinen Tod zu erwarten.
Rings in weißflimmernder Hitze weitete sich das Gelände, in weißblauen wellenden Dunst gehüllt die Hügel und Höhen und Thalsenkungen, die Felder in ihrer Reife, die Olivenwaldungen und Palmenhaine. Unten gegen den Fuß des Berges aber, weit im Bogen, die weißblendenden Dächerwogen Jerusalems von den beiden mächtigen Massivs Moriah und Zion hernieder, die bronzedunkel gegen den stahlblauen Himmel glühten in der heißen Macht der syrischen Sonne.
Schlaff lagen die mächtigen Leiber der germanischen Söldner zu des Rabbi Füßen und würfelten um den Purpur, den sie seinen Schultern entnommen...
Das Geschrei der Menge aber war verstummt. In Haufen stand und lagerte das Volk umher, und ihre dunklen Augen starrtenin funkelnder Gier aus den braunen Gesichtern zu dem Meister hinauf, auf sein Sterben, und doch noch mit einem stillen bangenden Grauen das Wunder erhoffend, daß er herabsteigen werde zu seinem Volk, das in Thorheit harrte. Die aber vorn und zunächst dem Kreuze standen und die von der Sekte der Pharisäer und von den Schriftgelehrten waren, schmähten hinauf in seine Qual.
Weit ab zur Seite aber stand zagend das Häuflein derer, die er lieb hatte, in deren Mitte ihm die stillen Freuden von Samaria und Galiläa geblüht, als er an den fruchtbaren Gestaden des Sees Tiberias gewandelt und gelehrt: Maria und Maria Magdalena, die Weiber, Johannes auch, sein Liebling, Joseph von Arimathia, ein angesehener Mann, sein heimlicher Jünger, und andere mit ihnen.
Er aber hing einsam in der brütenden, flirrenden Öde, und seine lechzenden Sinne stöhnten aus ihm heraus:
„Mich dürstet!“
Und er ward getränkt...
Danach aber erhoben wieder einige ihre Stimmen gegen ihn. Wieder aber mochten ihnen Zweifel gekommen sein, ob er nicht dennoch der Messias sei, und sie riefen: „Bist du Gottes Sohn, so komm, steig herab“! — Und das Wort drang hinein in die Seele eines der Übelthäter und er schmähte den Meister. Der andere aber wies ihn zurecht in Reue und Glauben, und da er den Meister fragte, da gab der ihm aus der Fülle seiner Leiden das dunkle Trostwort:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“
Und im langen Bangen, in Gluten und Qualen verdorrend, riß er sein Haupt empor.
Und plötzlich geschah das Zeugnis des Vaters gegen seine Widersacher. Denn siehe, aus der Stille entstand ein Wirbel, und ein Wind hub an und zog eine Fahlheit über das Land, und eine Finsternis wurde, und das Licht der Sonne verhüllte sich über ihren Häuptern. Und der Donner des Vaters grollte über die Weiten und die flammenden Zeichen seines Zornes furchten sich durch die Nacht, und die Erde hub an zu beben. Und rings erhub sich Staunen und Wehklage, und viele flohen vom Berg hinab gegen die Stadt, zu derselben Stunde, als es geschah, daß der Vorhang des Tempels zerriß und die Gräber sich öffneten, und die Tiefe der Erde sich aufthat. Viele aber schlugen sich an die Brust, weinten über den Tod des Gerechten und glaubten. Die Söldner aber wichen von seinem Kreuz in Grauen.
Da eilten seine Lieben zu ihm, und er war mit ihnen allein... Und im Graus des Unwetters suchte er das Auge der Schmerzensreichen und gewahrte an seiner Seite den Jünger, den er liebte, seinen klugen jungen Johannes, und er that sie zusammen:
„Weib, siehe, das ist dein Sohn! — Siehe, das ist deine Mutter!“
Die Finsternis aber wuchs, und alles Volk mitsamt den Kriegsknechten stand und starrte auf seinen Leib, über den der Vater seine Lichter breitete.
Und wieder waren viele unter ihnen, die ihn erkannten, an ihre Brust schlugen und wehklagten.
Aber die Schauer des Vollenders traten an ihn heran mit dem fahlen Grausen ihrer Urweltgeheimnisse, und all seine Not brach aus ihm hervor in einem Schrei:
„Eli, eli, lama, asabthani!“
Und zweimal schrie er seinen letzten Gethsemanezweifel zum Vater.
Danach stammelte er sein Wort vom Ende, neigte sein Haupt und verschied...
Da es aber vollbracht war, lichtete sich die Sonne über ihren Häuptern, wie sie in Staunen standen und Grauen.
Am Holze seiner Schmach aber klirrten Waffen und Liebe, Glaube und Geist hingen an seinem Antlitz und waren bereit...
Abends in der Schummerstunde, wenn er eine Weile auf seinem Tafelklavier herumphantasiert hat, gute altfränkische Weisen von einer rührenden romantischen Sentimentalität, die einen wie Geistergrüße anmuten, fängt Herr Haberland wohl auch gelegentlich mal an über religiöse Dinge zu reden, so melancholisch-versonnen, nach dem Kleinkram des Tages: ich weiß nicht, es imponiert mir immer und ich komme dann unwillkürlich so halb und halb mit in seine Weise hinein. — Die Madame sitzt dann mit einem Strickstrumpf auf ihrem geflochtenen Lehnstuhl und schlummert so nach und nach vor Andacht ein.
Nun ist Herr Haberland zwar ein Freigeist, aber nicht ohne eine gute Portion Romantik. So sprachen wir gestern über Unsterblichkeit. Er glaubt daran; ja, sie ist ihm ein notwendiges Erfordernis. Man weiß, dieses Erfordernis der Vernunft: das gar zu Unausgeglichene muß in einem zukünftigen Leben notwendigerweise einen Ausgleich erfahren. — Die Armen, Unterdrückten, Leidenden wurden ja immer auf den „Himmel“, auf einen Ausgleich nach dem Tode verwiesen. — Nun, was soll man dazu sagen: aber, es ist doch sonderbar, wie einen so ein Glaube packen kann! — In einen ganz absonderlichen Zustand war ich gekommen. —
Es ist die richtige Schummerstunde. Der Tag mit allen seinen Lauten ist verebbt, und einzelne Töne und Geräusche nur regen sich aus dem Beruhigt-Friedlichen heraus, mit diesem unbeschreiblich stillenden Zauber. — Im Zimmer liegt das letzte Licht; so heimlich-heimisch. —Und nun dieser, wenn auch bescheidene, kleinbürgerliche Wohlstand, der etwas Altväterliches hat, daß sich einem allerlei Glaube und wohl auch Aberglaube anschmiegt. — So „alt“ und „klug“ man geworden: unwillkürlich läßt man es sich gefallen, und alles was in einem „Atavismus“ ist: man fühlt nicht ohne ein stillgerührtes Geltenlassen, wie es sich belebt, und man spürt dann wohl auch im Alten die Wurzeln alles dessen, was im Laufe der Jahre in einem neu geworden.
In dieser Umgebung, unter solchen Einwirkungen hört man aus einer gleichen Stimmung heraus eine derartige Meinung, die Meinung eines wenn auch in schlichter Weise nach des Tages Müh und Plage auf das Ewige und Höhere gerichteten Sinnes. —
... In unserem Gespräch ist eine lange inhaltreiche Pause eingetreten. Die ausgetauschten Gedanken wirken noch nach und sind zu einer unaussprechlichen Stimmung geworden. Der kleine blonde Herr Haberland hat sich auf seinem Ledersesselchen wieder zum Clavier herumgedreht und phantasiert in leisen Accorden. — So halb und halb ist mir: es mag wohl ein Motiv aus dem „Freischütz“ sein, das er variiert. — Halb unbewußt auch spür’ ich das bleiche Schimmern der letzten Lichter auf der sauberen Ordnung der Zimmergegenstände und den roten huschenden Wiederschein der Ofenglut. — Diese schlichte Meinung über eine persönliche Unsterblichkeit, die ich noch mit all dem intimen Zauber einer individuellen Äußerungsweise in mir empfinde, jene halb wahrgenommenen Eindrücke von diesen bleichen Lichtreflexen und diesen Gegenständen, die sich aus der hereinbrechenden Dunkelheit hervorheben: plötzlich ist mir ein Gedanke gekommen, von dem ich fühle, daß er fruchtbar werden will, in dessen unterbewußten Tiefen ich mit innerlichstem Erbeben einen ganzen mächtigen Reichtum geheimnisvoller Ideenverbindungen ahne, deren Zustandekommen klar zu legen unmöglich sein würde. — Ein Gedanke: daß die Urbewegung der Materie und die organisch-geistige, welche diese Zimmergegenstände zu Stande gebracht, die jenen Gedanken, den Herr Haberland vorhin geäußert, die diese musikalischen Phantasieen hervorbringt, nicht in einem wirklichen, sondern nur in einem gradweisen Unterschied zu einander stehen und daß sie im Grunde ein und dasselbe und ein Gleiches sind, so entgegengesetzt sie einander scheinen. — Und ich empfinde diesen so plötzlich auftauchenden Gedanken als das Glied einer unbewußten Analyse die aus einem unsagbar feinen und intimen Zusammenhang heraus das Zustandekommen jener Meinung über eine persönliche Unsterblichkeit zu begreifen, zu werten sucht, und sie bereits als eine unumstößliche Wahrheit und Gewißheit verwunderlich weiß. —
Eine gesteigerte verfeinerte Gehirnthätigkeit bringt mich in einen seltsamen Zustand, in dem ich feinere Wahrnehmungen habe, als gewöhnlich, und es ist mir, als ob nicht nur mein Denken logische Schlußfolgerungen zöge, sondern als ob auch dies seltsame verfeinerte Fühlen, diese verschärfte Thätigkeit meiner Sinne fühle, denke, beweise. — In der stillen Wonne dieses halb und halb seherischen Zustandes drängt es mich aus dem Zimmer in die Einsamkeit. Ich nehme meinen Hut und trete auf den Flur hinaus. An der gelben Wand hängt das Küchenlämpchen, das ihm eine trübe Helle giebt. Unter meinen Füßen fügen sich die roten Backsteine aneinander, mit denen der Boden gepflastert ist. — Oben schimmert ungewiß seine weißgetünchte niedrige Decke.
Ich öffne die Hausthür. Die Flurschelle bimmelt. Nun bin ich draußen...
Es ist ein wundersamer Herbstabend.
So klar ist der Himmel, daß alle Sterne strahlen. Das Gewimmel der Milchstraße zieht sich breit hindurch. Unten, am Fuße des Hügels, seh’ ich aus der Dämmerung die Masse der Häuser zwischen dem Laub der Gärten, sehe die roten Fenster und die träumerischen Firste, hohe und niedrige, mit den stillen Reflexen der Sternlichter, und ich höre dies verwehte Gekläff der Hofhunde. Eine Frische weht von dem Bergland herüber. Am Ende unsrer Häuserreihe hier oben schimmert es mit seinen runden Linien bleich, ungewiß unter der herrlich entfalteten Pracht des Sterngewimmels.
Es treibt mich an den Häuserchen entlang. Dicht streif’ ich an der traulichen Helle ihrer Fensterchen hin, vorbei an dem matten Schimmer ihrer hellbunten Tünche. Wie eine Vision empfind’ ich diese Eindrücke, wie ich gleichsam mitten in all diesen Gedanken und Halbgedanken hingehe, halb getragen von dem Rhythmus ihres seltsamen Lebens.
Ich bin über das letzte Häuschen hinaus. Das Stacket seines Hofes springt weit ins Einsame des Höhenlandes hinein. Und nun schreite ich vorwärts auf dem Saum der Höhe in die Nachtfreiheit hinaus, tauche hinein in diese Einsamkeit, in der es nichts giebt als diese endlos gewölbte Himmelspracht und unter ihr diese erstarrten Wellen des Geländes mit seinem kurzen schimmernden Rasen, der den Schall meiner Schritte dämpft wie Filz, nichts als diesen jungen dunklen Fichtenwald, und jene Anhöhe, die als höchster Gipfel rings Berg und Thal beherrscht, und der ich zustrebe, diese Einsamkeit, in der kein Laut hörbar ist, als das Winseln und Pfeifen des nächtlichen Herbstwindes mit seiner herben Frische, oder der ferne Ruf eines Käuzchen...
Durch das Rauschen der Fichtenwaldung bin ich hindurchgeschritten und finde mich nun wieder im Freien. Über Kalksteingeröll steig ich dieweite Fläche hin dem Gipfel der Höhe entgegen; eine runde kahle Erhebung, überwachsen von diesem spärlichen filzigen Graswuchs mit seinen kleinen Wolfsmilchstauden, seinen wilden weißen und roten Nelken, seinem gelben Steinklee und seinem hochzackigen Distelgestrüpp. — Eine Art dieser Disteln hängen sie da unten an den Querbalken ihrer kleinen Stuben als ein Schutzmittel gegen die Fliegen. —
Auf dem obersten Gipfel laß’ ich mich nieder in das Gras, das wie ein weicher Teppich ist.
Wie herrlich es sich hier oben über allerlei nachdenken läßt!
Denn nun bin ich ein Herr dieser ganzen weiten nächtlichen Gegenden, ein einsamer Herr, und mir gehört die ganze, ganze Fülle ihrer Wunder und Geheimnisse. Die schwarzen Wälder gehören mir, die in das Thal hinabraunen, die dämmernden Tiefen mit ihren weißen Nebeln und ihrem flinkernden Bach, weit dort drüben die silberbleich geisternde Seefläche, das endlose Gewoge des Landes und alle Himmelswelten. — Das Städtchen mit seinem Vordorf ist nicht mehr zu sehen. Es ist hinter dem Wald verschwunden mit allem, was klein und eng und warm und traulich und wirrend und alltäglich ist, und was zur Klarheit seiner selbst und seiner Einheit kommen möchte, in der großen Einförmigkeit dieser Einsamkeit, mit mir und in mir...
Du hältst still, hältst diesem weiten Grauen der nächtlichen Öde mutig still, kräftig, sie zu ertragen und fühlst, was die einfachen und doch so mächtigen Akkorde dieser Linienzüge dieser Wölbungen, dieser Formen, dieser großen und weiten Gegensätze von Halblicht und Dunkel, dieser Himmelswölbung mit allen ihren großen und kleinen Sternen, Sternbildern, kosmischen Nebelflecken, jeder Millionen und Millionen von Sonnensystemen, in dir wie in einemResonanzboden wecken und ertönen lassen. Du bist in dieser herb-rauhen und doch unsagbar wonnig-großen Andacht, mitten in dem mystischen Einklang ihrer erhabenen Fuge, und du kannst sagen: alles, was nun in dir lebendig wird, sind Geisterstimmen ewigen Flutens, ewigen Lebens und ewiger Bewegung...
Still, wie ihr Geheimstes nun in dir offenbar wird! Und fühle, ahne, was du bist! Wie du eine Offenbarheit bist, die sich selbst unbegreiflich! Wage, das ganz, ganz zu fühlen, ganz in dieser unsäglichen Empfindung zu erschauern! — Was bist du nun und was bedeuten deine Gedanken, was bedeutet dein Wissen, deine Gedanken? — Und achte auf die, die wiederkehren und immer wiederkehren und aus der Wirrnis deiner Alltäglichkeiten immer wieder emportauchen, und spüre im Triumph deiner Ekstase ihre ganze und volle Würde! —
Da kommt sie wieder, die schlichte Meinung Meister Haberlands, dieses kleinen dürren blonden Krämers mit seiner Glatze, seiner Brille und seiner Schnurrbartraupe, dieses unscheinbaren Einen vom Dutzend, nicht? — Aber es sind nicht so besonders die Worte: nein! Du verstehst, was das Unsagbare dabei ist, das Hellseherische kannst du sagen, dieses ewig Gewisse, Wahre, Feste, dieses — Hellseherische, das sich nicht irren kann, nie! verstehst du? — Es ist diese Stimmung einer versonnenen, sinnenden Müdigkeit, halb wonnig, halb traurig, halb Ruhe, halb Unruhe, wie sie sich wohl einstellt, wenn man den Tag über so und so viel dummen Krempel von Ware verabreicht hat, so und so viel Redensarten hat machen müssen gegen Menschen, die einem gleichgültig sind. Das ist es. — Die Nüance, das Unwillkürliche, dieses — nun wie soll ich sagen? — dieses aus dem tiefsten Aus-sich-selbst-heraus.
Da ist es wieder: dieses simple Postulat,dieses so recht volkstümliche Postulat eines „jenseitigen Ausgleiches“. — Nun, es ist altmodisch. Aber merke und vergegenwärtige dir, daß du, wenn du es verneinst, nicht aus einer einheitlichen Stimmung heraus verneinst, sondern etwa im logischen Geplänkel eines Disputes, oder aus der Grämlichkeit einer Verbitterung heraus, nicht aus diesem Rausch, aus diesem gesteigerten, vertieften Empfinden einer Einheit. Und nur im Rausch ist das Leben und im Rausch offenbaren sich die Wahrheiten. Das läßt sich kaum deduzieren, aber fühlen, fühlen, fühlen...
Die nachtdunklen Weiten! —
Das Schicksal des Dunklen! — Am Morgen erhebt sich die Sonne und der Tag strahlt über der Welt mit der Pracht seiner Helle, die sich an dem unendlich mannigfaltigen und verschiedenartigen Widerstand des Geformten in unzählig mannigfaltige Farben bricht. — DasGestirn nimmt seinen Lauf bis zur jauchzenden Mittagshöhe des Tages, um dann allmählich zu sinken. Dann wird es Abend und Nacht und das Dunkel herrscht über der Welt.
Aber Licht ist eine Wahrnehmung und das Dunkel ist eine Wahrnehmung und Licht und Dunkel bin Ich.
Jetzt aber sollen alle Sterne erloschen sein und alles, was geringstes Licht ist, soll erloschen sein. Es ist nun eine Nacht, wo man die Hand nicht vor den Augen sieht. Aber diese Nacht und das Dunkel dieser schwärzesten der Nächte ist eine Wahrnehmung von Mir.
Jetzt aber lieg ich im Schlummer. Mein Bewußtsein ist geschwunden. Aber das Dunkel ist noch da und alles ist noch da. Heimlich ist ihm mein Unbewußtes geöffnet. Irgend eine leise Wahrnehmung ruft Traumbilder in mir hervor, ihre Macht, oder irgend ein Geräusch, vermag mich zu wecken.
Aber nun erlischt auch dieses Wahrnehmen.Ich sterbe. — Hier ist das Unsagbare, das weder Dunkle noch Helle, das Weder — Noch, das dennoch ein Sowohl — als Auch ist; das Weder — Noch, das Sowohl — als Auch dunkler chemischer Prozesse. — Und dieses Sowohl — als Auch, dieses Beieinander, dieser Inbegriff aller Möglichkeiten, Licht, Dunkel, Farbe, Form, und nenne was du willst, alles in Einem Urgrund des Erwachens und Erdämmerns. — Krystallisation. — Organisches Erwachen. — Schlummernder Traumzustand in seiner sich leise entfaltenden geistigen Dynamik. —- Moner. — Zelle. — Zellenbildung. — Pflanzenleben. — Der Wurm. — Sinne sich bildend. — UndEinererwacht wieder. Und aus dem Unergründlichen wieder der deutliche Wechsel und das Gegensätzliche; und Seele und Geist; und Licht und Dunkel und Farben Ihm wieder offenbar, Mir! —
Ausgleich? — Auch! —
Ein einziges winziges ungestilltes Glücksbedürfnis: wer möchte seine ganze und tiefste Bedeutung ermessen? Wer möchte Macht und Bedeutung der geringsten, unscheinbarsten, winzigsten, übersehendsten der Ursachen ermessen?
O Blick der Höhe!
Die Nacht um mich ist ein weites, kaltes eisiges Starren...
Ich will schlafen gehen...
Verlag vonF. Fontane & Co., Berlin W.
Arno Holz und Johannes Schlaf.
Neue Gleise.
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Preis: geh. M. 4.—; geb. M. 5.—
Der geschundene Pegasus.
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