Ach! Meine Moosrose ist aufgeblüht! — Über Nacht! — Meine Morgenüberraschung, wie ich aus der Kammer ins Zimmer trete.
Es ist ein trüber Tag, aber trocken. Nur die Wolken hängen so grau und schwer und ruhig. Ein beinahe winterliches Licht. — Im Ofen flackert das Feuer.
Aber wie ich mich nun, nach dem Mittagessen auf das Sofa gelegt und mir meine Cigarre angezündet habe und die Rose betrachte, ist es ein Fest, ein wahres Fest, das nichts von seiner erhebenden Wirkung einbüßt, weil es ein so stilles und einsames ist. — Man kommt dahinter, daß sie von der Art die besten sind. —
Schlank! Ein schöner schlanker Stock! — In diesem gleichmäßig ruhigen Licht, das im Zimmer herrscht. Zart und zierlich mit der reinlichen Form seiner dunkelgrünen Blätter. Und dieser feingezackte Rand! — Und vor allem die Blüte! — Schön wie ein Traum! — Diese eine Blüte mit ihrer gekräuselten Fülle, mit diesem herrlichen Gelb und seinen roten Tönungen nach dem Innern des Kelches zu. —
Die Rose!... Die Blume derschaumgeborenen Aphrodite, vom Blut des geliebten Adonis gefärbt.
Die heilige Blume der Musen und Grazien.
Die heilige Blume des Dionysos.
Lydische Flötenspielerinnen mit Rosen bekränzt.
Sie, in uralten Tschuktschengräbern gefunden, der Liebling und die Freude der Menschen schon vor mehr denn fünftausend Jahren vor unsrer Zeitrechnung! —
Was das alles für Gedankengänge anregt! —
Die Blume der Liebenden. — Die Liebe. — Die Liebe eine Krankheit. — Und der Schmerz! — —
Der Schmerz. —
Was fällt mir da ein! —
Es ist Winter und alles ist dicht verschneit. Jeder Laut ist wie von weiten dichten Teppichen gedämpft. — Es ist ein Tag nach dem Begräbnis. Die Erwachsenen sitzen still oben im Zimmer, in ihren Trauerkleidern, und hängen ihren Gedanken nach. Wir Kinder aber sindauf den Hof hinuntergegangen; diesen großen Gutshof mit seinen verschneiten Stallgebäuden und Wagenreihen. Große Kinder sind wir schon, dicht vor und nach der Konfirmation. Und wie wir nun den schönen weißen Schnee sehen, da löst sich’s uns wie ein Bann und alle Trauer ist vergessen. Hurtig bücken wir uns, und im nächsten Augenblick ist die fröhlichsteSchneeballschlacht im Gange. Aber das Lachen und Rufen hat die Wirtsfrau in die Flurthür gelockt, und sie droht mit dem Finger und mahnt mit ernst-lächelnder Miene.
Wir erschraken damals und schämten uns, und einer von uns quälte sich nachher noch lange mit seinen stillen Reuegedanken und hatte seine Betrachtungen, wie schnell man vergißt und — vergessen wird...
Und doch: wie natürlich das alles war!... Und weiter: es fällt mir in seiner ganzen Bedeutsamkeit das biblische Wort ein: „So ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen!“...
Heimliche Dornenwunden ihr! — — —
Ah was doch! Keine sündigere Wonne, als die Wonne an den Schmerzen!...
Ich sehe aus meiner Rose heraus ein schönes starkes Gesicht, ein Gesicht mit rundenhellen Sonnenaugen, und in ihnen, zu schönem Maß gebändigt, jenen süßen Wahnsinn, der aller Freude heimlichste Energie bedeutet.
Wie ein Flötenlied prangt diese königliche Blüte, und ich bin in den Gefilden der Schönheit und der Feste und des Vergessens, im Sonnenland eines klugen Rausches...
Frau Haberland kennt meine Blumenliebhaberei, und so hat sie mir denn auch gleich nach meiner Ankunft einige Blumentöpfe ins Zimmer gestellt: eine schlanke Monatsrose, eine Fuchsia mit der Überfülle ihrer schlanken tiefroten Blütentropfen, ein Heliotrop und vor allen Dingen ein gewaltiges Geranium mit recht knallroten, bauernfröhlichen Blütendolden, daß es eine wahre Herrlichkeit ist.
Der Asch dieses Geraniums ist einigermaßen merkwürdig: nämlich in Bezug auf seine Farben. Zwar reichlich die Hälfte zeigt die natürliche rotgelbe Thonfärbung: die andere aber ist um so interessanter. Da muß wohl mal Farbe aufdem Topf gewesen sein. Freilich hat sich nur noch eingeringer Rest davon erhalten. Denn nicht nur, daß, wie bereits gesagt, die obere Hälfte des Topfes infolge irgend welcher Einflüsse seine Naturfarbe völlig wiederbekommen hat: auch von unten her ist die ehemals aufgetragene, ein lichtes Himmelblau, von Schimmel und feuchtem Schmutz verdrängt, der sich in die Poren des Asches hineingefressen. Das Weißgrau des Schimmels aber ist noch über das Schwarzgrau des Schmutzes, der in breiten Streifen rings um den Asch liegt und dem es allerlei Nüancen gegeben, hinausgedrungen, hat den Rest des schnurrig gezackten ursprünglichen Blau verschont und sich nur in ein paar matten Säumen, Tüpfelchen und Pünktchen um seine Ränder gelegt.
Ja, und nun mußt du frei sein von allem, was dir Sorgen und Gedanken macht und mußtdas Auge haben, das nichts will und nichts sieht und doch etwas hat. Aber der bewußte Gedanke hat nichts durch das Auge. Es ist kein Gedanke vorhanden. — Ich las von den Roßhirten der Pußta. Stundenlang können sie, wenn sie feiern, hingenommen von der stummen Melancholie der weiten Ebene, auf demselben Flecke sitzen, in den hellen Mondnächten, ums Feuer herum. Sie rühren kaum ein Glied, sprechen kein Wort, sitzen nur so da in einer vollkommen animalischen Ruhe und sehen ins Ungewisse, gleichsam wie die Hasen mit offenen Augen schlafend. — So mußt du sein. Nicht starren dürfen deine Augen. Sie müssen ruhen, ruhen in einer seltsamen Müdigkeit. Aber dennoch bist du so sonderbar wach, und deine Sinne, scheinbar auf nichts gerichtet, sind einem Verborgenen offen, das sie irgendwie wahrnehmen...
Siehst du: jetzt bist du wieder ein kleiner Junge und sitzt auf dem Fensterbrett, und es ist so wunderbar schönes Wetter. Und du guckst nur immer, immer in die Höhe, in den schönen, tiefblauen Himmel hinein, in einen Himmel so tiefblau wie das wundervolle Briefpapier, auf dem dein Vater seine Geschäftskorrespondenzen zu erledigen pflegte. Und alle Deine Sinne sind nur ein einziges unsagbares Wohlgefallen an diesem Blau, an diesem tiefköstlichen Himmelblau...
Aber jetzt ist ja gar nicht mehr Tag: es ist eine Nacht im Süden. Nur ins Endlose dehnt sich noch dieser helle Himmel, und seine wenigen großen Sterne blitzen in so seltener fremder Pracht. Das ganze Land aber ist eine einzige weite Ebene, ganz von einem silberblauen Duft überwebt. Und ein fernes verhaltenes Rauschen der lichten Meeresbreiten.
Alles ist so einsam, eine so tiefe leuchtende Ruhe.
Aber durch das Einsame, hoch, hoch am klaren Himmel kommt ein Wölkchen gezogen, ein einziges langes weißes Wölkchen, ein wunderliches Wölkchen...
Es ist in der Abenddämmerung. Der rote Sonnenuntergang bringt nur noch ein letztes rosa Licht ins Zimmer, das schon dunkelt. Eben noch so eine Ahnung von einem matten, matten rosa Licht. Mein Sofatisch, der vor dem breiten Pfeiler mitten zwischen den beiden kleinen Fenstern steht, bekommt kaum einen Schimmer ab. Es liegt nur noch so in den Gardinen.
Ich stehe in der einen Fensterecke und habe die Dose im Auge, die auf dem Tisch zwischen dem Schreibgerät steht. Es ist eine gelblackierte Holzdose, ein kleines norwegisches Bauernkunstwerk, eine Schnitzerei, die ich mir „aus derKultur“ mit hierhergebracht habe in meine verspätete Sommerfrische.
Ja, was nur eigentlich? — Ah ja! — Was mich mit einem Mal so an dem Ding fesselt! —
Nun, die Kunst! Die Kunst! — Die Kunstempfindung! Der Kunstgenuß! —
Es ist sicher schön, wenn man „Kenner“ ist, wenn man das alles auf Regeln bringen, wenn man sich Rechenschaft geben kann, so und so kommts zu stande, auf dem und dem beruht die Wirkung, und wenn das so und so zu stande kommt, ist das und das richtig und das und das verfehlt; und das wird erst der eigentliche und wahre Kunstgenuß genannt...
Aber wie fern mir das jetzt ist! — Und ich weiß, was das Beste an der Kunst ist. Und das ist diese plötzliche Wirkung eines Kunstwerks, der allererste unsagbare Eindruck, dieser ganz undefinierbare Eindruck, der Kenner und Laien zwingt und bannt, und den kein Kalkül,keine Kritik, keine Theorie ermessen kann. Lebendig empfundenes und gebanntes Leben, das wieder Leben weckt und belebt, tröstet, hebt und so wundersam ins Weite führt. Das, wo nichts mehr zu sagen ist, als das letzte was gesagt werden kann und was unantastbare Mystik ist: erhebende reine Lustempfindung. — Lustempfindung...
Das ist es: wie diese Arabesken so wundersame Linien in mein Gehirn, in mein Empfinden ziehen, daß sie wieder in mir werden, was sie in jenem Bauern waren. Und das ist das Beste an der Kunst und das Notwendige. Und das ist die Dimension, für die wir ein anderes heimliches Sinnensystem haben, einen verborgenen Sinn, der das letzte ist, an das kein Verstand, kein Wort, keine Analyse und keine Theorie heranreicht, das ewige Aktivum und das letzte wahre Sein.
Haftend an diesen Linien da vor mir, lebe ich im Einzigen und sehe es mit übersinnlichen Augen.
Und ich sehe einen Pfahlbauern, der Kreise, Schlangenlinien und Zacken auf ein Thongefäß malt und stehe vor dem Mysterium erster Kunstbethätigung.
Ja, und stehe so da in diesem rosa Abendlicht und sehe die Dose und bin — Harmonie...
Die letzten schönen Herbsttage sind im Land. Wie bin ich beglückt, sie in dieser schönen Weltabgeschiedenheit verbringen zu dürfen! —
So gegen Mittag hin, wenn die Sonne fast im Zenith steht, nehm’ ich ein Buch unter den Arm, schreite zwischen dem behaglich gackernden Hühnervolk hin über den kleinen Hof und steige die sechs rissigen Kalksteinstufen neben der Scheune in die Höhe, die zu der kleinen Holzgatterthür hinaufführen, durch die ich in den Hausgarten gelange.
Etwa ein Morgen Land hinter der Scheune. Zur Hälfte Gras- und Obstgarten, zur anderen Hälfte Gemüse- und Blumengarten. Eine dichteRotdornhecke grenzt den Garten gegen das freie Hügelland ab hinter dem Haus. Die graugelbe Lehmwand der Scheune ist fast gänzlich von Weinlaub überwuchert. Die Fülle der gelblich-grünen und blauen Weintrauben lugt daraus hervor.
Mit einer milden Helle schimmert das Licht auf dem Gras, auf dem gelbenden Laub, auf dem letzten Blumenflor des Jahres. Eine köstlich linde Wärme. Und kein Lüftchen regt sich. Man hört nur die Laute des Geflügels vorn vom Hof her, oder den dumpfen Fall eines Apfels, einer Birne, einer Pflaume in das Gras. Oder das Rucken, Gurren und Flügelklatschen der Tauben auf dem Scheunendach.
Mein Lieblingsplatz ist die Pfeifenkrautlaube hinten im Gemüsegarten, denn da kann sich mein Auge so recht an den vielen Blumen erfreuen. Grüngestrichene Lattenbänke stehen um einen Baumstumpf herum, auf dem ein ausrangierter Mühlstein befestigt ist. Das ist derTisch. Durch das dichte Gewirr der breiten Blätter dringen die feinen Sonnenstrahlen.
Man läßt sich nieder und in den vielen Pausen zwischen seiner Lektüre blickt man vor sich hin in den Garten...
Da ist zuerst, wie ein hoher Zaun gegen den Obstgarten hin, die lange Reihe der Sonnenblumen. Ihre mächtigen Blütenscheiben mit dem braunen Rund ihrer Körner, um das die gelben Blütenblätter flammen, hängen schwer an den dicken Stengeln nieder. — Dieses prächtige Gelb leuchten zu sehen!... Drunter, über ein Beet hin kriechen die Kürbisranken mit dem Blaugrün ihrer großen Blätter, zwischen denen die hellgoldgelben Blütenglocken hervorschimmern. Dann ruht der Blick auf den Gemüsebeeten mit ihren Kohlstauden. Die eigentliche Pracht des Gartens aber entfaltet sich auf den Rabatten,die sich an den Buchsbaumeinfassungen der Kieswege hinziehen.
Hier glüht die dunkle Herrlichkeit der braunroten Georginen, der Rosen der Jahreszeit. Hier blinken die weißen und gelben: alle mit diesen zierlichen Trichtern ihrer Blütenblätter. Minutenlang können sie einen bannen, daß man schier weiter nichts denkt, nichts fühlt, als diesen wunderbaren Farbeneindruck. Die letzten Falter taumeln drüber hin. Auch ein prächtiger Schwalbenschwanz hat sich von den grünen Kalkhügeln über die Hecke hier herüber verloren.
Und dann ragen da die hellvioletten Nachtviolen, und mit seidigem Glanz dämmern die dunklen Stäudchen der Heliotropen. Und die vielen Sterne der blauen, weißen, violetten und roten Astern; Geranien, weiße Kamillen, gelbe Studentenblumen, Strohblumen und die letzten Nelken. Sie duften nicht mehr: aber der ganze Gartenwinkel ist bunt wie ein Tuschkasten, unddie liebe Sonne hat eine herzhafte Lust, all diese vielen Farben so recht licht und fröhlich leuchten zu lassen.
Es überkommt einen so eine freundliche Müdigkeit. Diese linde, lächelnde Herbstmüdigkeit, mit der all das Sommerleben ringsum in den nahenden Winter hinüberschlummert, teilt sich einem mit. Und dies Gefühl wertet so eigen heimisch und weise mit still erdämmernden Gedanken das Leben. Das hoffende Erwachen des Frühlings, wo das junge Leben mit strotzenden Zellen so dumm-fröhlich sich dem nahenden Lichte zudehnt und sich vor Neugier und Ungeduld in seiner ersten täppischen Frische nicht zu lassen weiß. Und dann steht das uralte, zeugende, nährende, reifende Rund auf der Mittagshöhe des Jahres und die Zeit der Erfüllung ist da. — Sommerglück! — Heißes, jubelndes Sommersonnenglück! — Blüht, prangt,jauchzt in hundert und aberhundert heißen Farben! Duftet und jubelt! Und tausendfältig üppige Reife! — Aber Licht, zu viel Licht, zu viel heißes Glück und Überschwang des Lebens; an den grellen Tagen, in den warmen sternfunkelnden Nächten. Und in all dem Jubel stöhnt leise der Schmerz allzudrückender Fülle und grollt und brüllt sein süßes Leid aus in dunklen Gewitterstürmen.
O, diese köstliche lächelnde Müdigkeit nun, die an Schlummer denkt und Ruhe; diese Betäubung in Erinnerungen all des treibenden, heißen, glühenden Lebens, dessen letzte Farben blinken in diesem freundlich-heitern, mild-müden Glanz! —
Eine dieser dunklen Georginen liegt vor mir auf dem grauen Stein mitten zwischen bernsteingelbem Weinlaub.
Sie nimmt sich aus wie ein dunkelrubinrotesKristallgebilde. Auf dem Grund ihrer Blütentrichter vertieft sich die etwas hellere Farbe ihrer Ränder und Spitzen ins schwärzlich-dunkelrote, blauviolette hinein. — Wie die Farbe eines mystisch-dunklen Auges, das einen so eigentümlich bannt mit einer Stille, von der man mit irgend einem heimlichen inneren Sinne weiß und ahnt, daß sie die unendliche Rastlosigkeit unmeßbarer Vibrationen bedeutet... Gebändigte Leidenschaft, gezähmte, selbstbewahrte, konzentrierte, kluge Freude. Aller Freude, aller Weisheit und alles Wissens von tiefstem Leid und hellster Lust trächtig und ihrer Einheit ein Symbol...
Ich erinnere mich plötzlich an ein Grabmal oben auf unserm Friedhof. Ein hochschlanker Stein in der Form eines oben abgeplatteten Obelisken, von dem in steifen feierlichen Falten ein goldumfranztes Gewand herniederhängt. An der einen Seite ist die Schlange herausgemeisselt, die kreisrunde Schlange, die sich inden Schwanz beißt. Ich ahne mehr, als daß ich’s weiß und mir erklären kann, wie ich gerade zu dieser Erinnerung komme. — Und ich beginne mit diesem dunkel verstehenden Ohr auf all die unsagbaren Gewißheiten zu lauschen, von denen dieses Ahnen spricht und deren es trächtig ist, dieses Ahnen, das nicht mit abgemessenen Worten spricht und geformten Gedanken; dieses Ahnen, ein unerschöpflicher Urborn all der verkündeten geoffenbarten, in Worte gefaßten Weisheiten von Urbeginn...
Die dunkle Georgine...
Die Heliotropen...
Mit den tiefsatten Farben ihrer krausrunden Blätter und ihren feinen Dolden, zwischen denen hier und da ein helleres Weißblau hervorblickt, wenden sie sich der Sonne zu. — Ich habe mir zuhause ein solches Stäudchen auf ein Stück schwarzen Sammetes sticken lassen und mir diese Stickerei über den Schreibtisch gehängt.
Die hohen Sonnenrosen wenden sich lauter und greller zum Licht, indessen diese violetten Dolden in ihrer bescheidenen Verborgenheit still eine süße Sehnsucht hauchen.
Eine Sehnsucht, für die bald die feuchten Herbststürme brausen werden...
Eine Sehnsucht, die bald ihren Frieden finden wird unter dem blanken Winterschnee...
Die Heliotropen...
Aber diese unverwüstlichen Geranien!...
Leuchten das ganze Jahr mit diesen grellfröhlichen Bauernfarben.
Letzt vergangenen Sonntag haben wir Erntefest gefeiert. Im Gasthaussaal gab’s natürlich Tanzvergnügen. Diese Bauerndirnen alle und Ackerbürgermädchen in ihren grellen, hellfarbigen Kleidern. Klatschrosenrot und cyanenblau... Und oben auf der engen Gallerie siedelten,flöteten und trompeteten die Musikanten, unten aber rauschte und jauchzte die junge Lust und stampfte, drehte sich, schleifte und wirbelte und wurde nicht müde.
Die Geranien...
Und die Astern! — Die Herbststerne! —
Sie beginnen schon welk zu werden, und die weißen bekommen hellgelb-braune Spitzen an ihren vielen schmalen Blütenstrahlen.
Die kühlen Nächte mit ihren bleichen Sternen und huschenden Mondlichtern, wenn der Wind über die Hügel und die fahlen Stoppelfelder kommt, um das Haus weht und im Rauchfang singt! —
Das erste Frösteln dieser Nächte und Abende, wenn die ersten Bratäpfel in die Gespräche bei der Lampe zischen und mit ihrem Duft das warme Zimmer erfüllen.
Das Gekrissel der Astern mit ihren welkenden Farben in diesem müden, linden Sonnenlicht! —
Weißgraue Wolken treiben sich da drüben am Himmel umher, schleichen und schieben sich dicht über den fernen Rand der kahlen Felder hin, von denen der scharfe Rauch der ersten Kartoffelfeuer herüberweht. Bald werden sie sich zusammenschieben und ihr trübes gleichmäßiges Grau über den ganzen Himmel ziehen, aus dem der unaufhörliche Regen den ganzen Tag über herniedernäßt, wenn der letzte Apfel, die letzte Birne vorn in der Obstkammer liegt. Dann erlöschen diese letzten freundlichen Farben in ein schmutziges Braun der Verwesung in der feuchten Einsamkeit hier draußen! Und bald glitzern die feinen Sternchen des ersten Reifes.
Die Astern...
Die Nachtviolen...
Leise schwanken ihre lichtvioletten Dolden und taumeln in diesem sanften Lichtrausch auf ihren schwanken Stengeln, an denen sich Blatt an Blatt fiedert.
Es ist Abend. Einer dieser schönen, hellen Mondabende, die wir jetzt haben, und in denen sich’s immer noch hier draußen aushalten läßt.
Alles ist still. Über den Obstbäumen steht die Scheibe des zunehmenden Mondes, der nun bald voll sein wird. Alle Farben sind in seinem bleichen Lichte erblaßt. Nur das Schwarzbraun des Scheunendaches und das Schwarzgrün der Bäume mit dem blassen stillen Lichtschimmer, der in Flächen draufliegt, sich kraus über das Laub breitet.
Die Hunde kläffen, das Käuzchen ruft und der Nachtwächter tutet in sein Horn.
Die schlanken Stengel ragen ganz still, und auf ihnen geistern die Dolden und glimmen in einer blassen nebligen Farbe.In der tiefen Ruhe lauschen die alten Sagen und Kunkelmärchen mit blassen, irren Augen unterm Mond. — Dann kreist die Geisterlaterne zwischen dem Bergland um den Galgenhügel, und die Nachtluft geht wie mit Stimmen.
Die Nachtviolen.
Die gelben Studentennelken...
Richtig! Daß ich’s heut abend bei Leibe nicht versäume in den „goldenen Stern“ zu gehen! — Des Herrn Bürgermeister dicker Haussohn ist da, der im siebenten Semesterutriusque jurisbeflissen ist und nächstens seinen Referendar „deichseln“ wird. — Ich werde mit an dem runden Stammtisch sitzen, im Kreis der Herren Honoratioren und mit dem Herrncand. jur.„übers Kreuz“ und „aufs Speziellste sine Löffelung“ trinken und mir von ihm ein bißchen was vorrenommieren lassen.
Ich sehe schon seine kleinen, etwas stumpfsinnigen, wasserblauen Äugelchen, die in den runden Hängebacken verschwinden wollen, auf denen die drei prächtigen „Durchzieher“ wie drei Röslein glühen. Und höchstwahrscheinlich werde ich schändlicher Weise mit ihm und seinem Papa einen soliden Dauerskat „kloppen“...
Das sind hier so meine kleinen kleinstädtischen Herbstabendfreuden mit der stillen Behäbigkeit ihres Philistertums. Man raucht seine Cigarre und trinkt sich nach dem kostbaren Nichtsthun des lieben langen Tages dieser letzten Herbstsommerfrische „die nötige Bettschwere an“... Nun! —
Die gelben Studentenblumen...
Eins, zwei, drei... Eins, zwei, drei...
In der Scheune wird der Roggen ausgedroschen. Gegen den Hof hin sind die beiden Thorflügel weit geöffnet. Im staubwimmelnden Halblicht stehen in Hemdärmeln die drei Drescherund schwingen im Takt ihre Flegel. Auf den Speichern aber hantieren ihre Weiber, grellbunte Staubtücher um die Haare geknüpft, und werfen ihnen die frischen Garben zu. Draußen vor dem Thor giebt’s ein emsiges Durcheinander von Hühnern, Enten, Tauben und Spatzen.
Am schönsten aber wird das alles erst, wenn der erste Schnee gefallen ist. Winter! —
Der schönste Cherub kommt.Mit weitweißenWeichen SchwingenSchimmert er durchs Dunkel;Kalt, starr und grausigUnd — süß wie der Wille Gottes,Heimatliederumraunt ...
Der schönste Cherub kommt.Mit weitweißenWeichen SchwingenSchimmert er durchs Dunkel;Kalt, starr und grausigUnd — süß wie der Wille Gottes,Heimatliederumraunt ...
Der schönste Cherub kommt.Mit weitweißenWeichen SchwingenSchimmert er durchs Dunkel;Kalt, starr und grausigUnd — süß wie der Wille Gottes,Heimatliederumraunt ...
Der schönste Cherub kommt.
Mit weitweißen
Weichen Schwingen
Schimmert er durchs Dunkel;
Kalt, starr und grausig
Und — süß wie der Wille Gottes,
Heimatliederumraunt ...
Ich durchblätterte einen alten Jahrgang des „Graphic“, den mir der Aktuar geliehen und es fiel mir auf, daß kaum in einer anderen mir bekannten Zeitschrift so viel Haupt- und Staatsaktionen, Regierungsakte, Völker- und Sittenbeschreibungen, Kriegsberichte, Ereignisse zu Wasser und Land in Wort und Bild berichtet und geschildert sind, als in diesem „Graphic“.
Als ich den Band, nachdem ich mir seine Illustrationen besehen und dies und jenes gelesen, beiseite legte, befand ich mich in einer ganz eigenartigen Stimmung. Und ich fühlte, wie in ihr sich eine Reihe sehr naheliegender,durch Anschauung und Lektüre angeregter Gedankengänge gleichsam bildlich verdichtete, gleichsam zu einer Vision oder vielmehr zu so etwas, was ich fast eine Vision nennen könnte... denn es war kein deutliches Bild, mit den ganz bestimmten plastischen Eigenschaften eines solchen, sondern mehr das Gefühl eines eigentlich Undefinierbaren und Unbeschreiblichen, für das sich dennoch aber ein bildliches Symbol etwa in einem unablässig fluktuierenden Kristallisationsprozeß finden ließe. —
Mir war, als wenn das alles ein höchst eigenartiges konzentrierendes Denken sei, das Alles Einzelne unwillkürlich immer zu einer Einheit führt und in einem engen Zusammenhange mit dieser Einheit erkennt, so wie der religiöse Mensch alles auf Gott zurückführt und in allem Gott erkennt und ihn etwa als ein fortwährend und beständig sich zugleich bildendes und lösendes Allcentrum anerkennt, fühlt und glaubt, ein Centrum in diesem fortwährenden Sichbilden und zugleich Sichlösen ewig und unvergänglich und mit diesen beiden parallelen Eigenschaften eine Einheit. —
Das sah ein Fühlen, das... Ja, was könnte da gesagt werden...
Nun spielt sich’s aus einer, ich möchte sagen, gleichsam mathematischen inneren Anschauung ins Menschliche, Organische, in den Bereich des Geformt-Körperlichen, kommt es näher, kommt Er näher, oder Es —, ein doppeltes in einer Einheit, eine zwiefache Einheit, das Widerspiel und Ineinanderspiel des Männlichen und Weiblichen in Einem. — —
Das Denken der Menschheit hat durch Milliarden von Generationen Gott gesucht, um immer deutlicher zu erkennen, daß sein Ziel nur die Menschheit selbst ist, und im letzten Grunde wieder das Individuum, aber nicht bloß das menschliche, sondern das Individuum überhaupt, und der Mensch als Individuum.
Und was ist das, dieses Individuum? Ein sich Bildendes, Wandelndes, dunkel Wollendes; eine —causa movens? Ein... das letzte Rätsel! — Das Unenthüllbare!...
Staatsaktionen, Herrscher, tägliches Lebensspiel ...
Wie denn nur? — Alles hat seine Würde, und alles ist doch ein Gleitendes, Fließendes.
Ich sitze immer nur vor diesem einen Strudel und sehe immer nur dieses sein Kreisen...
Ich sehe ein ungeheures Netz. Worte und Werte seine Knoten. Die ewigen dunklen festen Runen, das Geistige... Und alles, alles wird Wort, und ist...
„Im Anfang war das Wort, und dasWort war bei Gott und Gott war das Wort“...
Da ist ein Bild in meinem „Graphic“.
Unterschrift: „The expulsion of the Jesuits from France. — Inside the convent. — The Commissary of police reading the decree of expulsion before breaking open the inner door.“
Die gehalten-bestimmte, höflich-liebenswürdige Haltung der Beamten; das finstere, mürrisch-erstaunte und betroffene und doch haltungsvolle Gesicht der Patres. Die Beamten fragen und machen ihre Notizen.
Man respektiert sich und vollbringt möglichst gelassen das — Notwendige...
Fertige, alte, kluge Zeit.
Wie man sich immer wieder balanciert. —
Ich war heute sehr unruhig; irgend ein Zustand von grauester, fadester Blasiertheit. — Bloß, irgend etwas fängt an, ihn zu betrachten. Mit einer so mystischen, eisigen Gelassenheit...
Und plötzlich beginnt mich eine Erinnerung wieder für das Gegenständliche, für die „Welt der Erscheinungen“ um mich herum zu erwärmen ...
Es ist doch sonderbar! — Man ist wie ein Kind... Die Kinder haben oft solche Anfälle von Flauheit, wo sie nicht wissen, was sie wollen, — ich erinnere mich zuverlässig —;man schwingt ihnen dann meinetwegen eine Klapper vor dem Gesicht umher, bis... &c. &c.
Hm! — Na ja! —
Es war in einem Hotelzimmer.
Eine fieberwache Nacht. Halbschlummer. Quälende Träume. Zahnschmerzen.
Nein! Das kann der Satan noch aushalten! —
Ruhe! Ruhe! Ruhe! — Aufstehen! —
Ich steige aus dem Bett, kleide mich notdürftig an, entfache das elektrische Licht und laufe, die Shagpfeife im Mundwinkel, auf und ab.
Das Winterzwielicht fröstelt im Zimmer, mit Mühe ein wenig von der Helle deselektrischen Drahtes erwärmt. Die Uhr tickert auf dem Nachttischchen. Mein Gott, erst halb acht! —...
Ah! Ruhe! —
Ah! —
Dieses Bild, nur dieses Bild! Dieses einzigeBild, von den Ruten des hohen Fensters umrahmt, in seiner zarten alabasternen Schönheit und doch in der Tiefe seiner ganzen Mystik!...
Halb unbewußt und nebenbei hat es in mir für den Bruchteil eines Augenblickes konstatiert, daß sie durch den Gegensatz der elektrischen Helle im Zimmer und der Dämmerung des beginnenden Morgengrauens hervorgebracht wird: aber nun gehör’ ich ihr ganz und völlig. — Und physischer Schmerz, Unruhe und alles, alles wird Auge und hält und umfaßt, versteht, versinkt in diesen Anblick, in die gedankenlose, so köstlich unrastfreie Stille dieses Anblicks. —
Ja, und es ist doch nun weiter gar nichts Besonderes dabei; es ist bloß dieses Land unten vorm Fenster. — Es ist nichts, als der Gegensatz und das Zueinander dieser leise verhüllten, weich zarten Himmelsbläue, dieserBläue, die eigentlich eine graue Schicht von Schneegewölk ist, das über Nacht den Himmel überzogen, und die nur dem Gegensatz des erhellten Zimmers ihr Vorhandensein verdankt, dieser Bläue und dieser weiten graugrünen Rasenflächen.
Aber da drüben, an der Grenze, dieses stille Kleinspiel. Der Strich der Chaussee mit den Silhouetten ihrer Telegraphenstangen und dem nackten schwarzen Geästel ihrer Kirschbäume. Und die Laternen, die, soweit die Chaussee Fortsetzung der Vorstadtstraße bedeutet, in weiten Abständen ragend, noch brennen. Drüben, auf der anderen Seite, jenseits der Chaussee dehnt sich die Vorstadt; dunkel, schwarz, mit den pittoresken Umrissen ihrer Häusermasse in dieses tiefe Himmelsblau einer italienischen Sommernacht hinein. — Ein paar müde Lichtpunkte dazwischen: erhellte Fenster. Einige grellere; drei, vier, fünf in einer Reihe: Straßenlaternen. — Links die vier Schornsteinedes Eisenwerkes, von denen sich feine dünne Rauchsäulen seitab kräuseln. Die Fenster der Fabrikräume sind schon erhellt; aber dieser Schimmer ihrer Vierecke, die matt wie große Perlmutterfourniere aus dem Halblicht dieses ersten Morgengrauens hervordämmern, erinnert noch mit nichts an menschliche Thätigkeit. —
Daß es nie Tag würde und immer diese Stille bliebe und die beständige Möglichkeit dieses schmerz- und wunschlosen Versunkenseins, dieser ruhigen leidfreien Einheit von Innen und Außen! —
Denn hier ist keine Bewegung, stört keine Bewegung, nicht die leiseste. — Nur diese eine, einzige, unbeschreibliche Stille, in der selbst dieses leiseste Kräuseln des Schlotdampfes stockt...
Ah! — Wie ein leiser feiner Schreck! — Eine Fahlheit hat sich über die tief-satte Fülle der Farben gezogen, und dort, von rechts her, mit ihr, eine erste Bewegung. Kleine, schwarze Schattenrisse kriechen langsam über das weite Graugrün. Die Karrenschieber, die den Tag über braunen Humus auf den Rasen fahren. —
Aus!...
Es ist so wunderbar klares, sonnig-mildes Wetter, und das liebe Himmelsblau ist so frisch und ätherisch: man möchte ein Vogel sein! — Aber ich besinne mich, daß ich wenigstens wieder mal in die Stadt gehen und auf den Rathausturm hinaufsteigen kann, zu meinem alten Freund, dem Türmer. —
Der Rathausturm, der noch dazu erhöht liegt, ist reichlich so hoch wie der Stadtkirchturm. Er hat auch dieselbe mit schwarzem Schiefer gedeckte Zwiebelkuppel der alten Jesuitenkirchen, wie man sie von gleicher Art gegen die Alpen hin im Bayerischen Oberland überall finden kann. — Dicht unter der Kuppelhat Meister Schwalbe, der Türmer, seine Wohnung. Vier Fenster geben den Blick nach allen vier Himmelsrichtungen hinaus. Auf der einen Seite giebt es einen kleinen Balkon. — Man nimmt ein paar Flaschen Bier mit hinauf, wird sich mit Meister Schwalbe auf den Balkon setzen und was plaudern, indes man den wunderschönen Ausblick genießt, oder, wenn der Meister gerade Stühle zu flechten hat, nun! dann kann man sich auch solo hinaussetzen und sich an der Luft und der Aussicht freuen...
Ich finde Meister Schwalbe zu Hause. Er sitzt in seiner behaglichen Wohnstube und flechtet Stühle. An der Wand neben dem Kachelofen hängt das mächtige Tuthorn, mit dem er nach allen vier Himmelsrichtungen die Feuersbrünste signalisiert.
Köstlich! Das sonnige Zimmer mit seinem kleinbürgerlich sauberen Hausrat ist ein Idyll! —
Meister Schwalbe, der sein Sechzigstes hinter sich hat, sitzt neben dem großen Tisch,auf dessen grün auf schwarz geblümtem Wachstuchüberzug noch das Geschirr und die Überreste des Vesperkaffees stehen. Er hat seine Hauskappe auf und die Kurzpfeife in seinem graumelierten halb schalkhaften, halb gelassen-würdevollen Altschäfergesicht und pafft bedächtig vor sich hin. Im übrigen ist er in seinem Arbeitsornat und hat die blaue Leinenschürze über die blaugestrickte Wolljacke geknüpft. Um ihn herum kräuselt sich ein graugelbes Gewölle von Stuhlrohr und vor sich hat er einen Stuhlsitz, den er neu überflechtet. — Sein steifes Genick dabei! Diese behaglich langsamen aber zwecksicheren Bewegungen! Diese tiefe, ruhige Kehlbaßstimme, vom Paffen unterbrochen und hin und wieder ein wenig zischend und brodelnd, weil ihm seine Rauchthätigkeit den Speichel zusammenzieht ...
Kurz und gut: der prächtige brave alte Meister Schwalbe, Turmwächter, Stuhlflechter und untrüglicher Wetterprophet! —
Aber mit hinaus kommen wird er erst nachher, wenn er seinen Stuhl fertig hat. Ich mache mich auf den Balkon...
Da haben wir das ganze Nest, halb Stadt, halb Dorf...
Die Straßenzeilen mit dem Gewinkel ihrer Häuserchen. Die paar Menschen dazwischen. Schläfriges Geratter von ein paar Lastwagen. Der friedliche Lärm spielender Kinder, Hundegebell und Gänsegekreisch.
Der Marktplatz unter mir mit seinem Brunnen und seinem höckerigen grasdurchwachsenen Pflaster. Die alten Honoratiorenhäuser. — Liebe Zeit! wie ist das alles so klein, so still, so mollig, so unpathetisch! —
Das Gelände draußen mit seinen Feldern, Chausseen, Obstbaumwegen und glitzernden Gewässern; die Berge mit ihren Wäldern; das Schloß mit seinen Türmen und Umwallungenaus den dichten herbstlichen Laubmassen heraus. —
Vogelschaugedanken! —
Sie lenken sich heute mal auf die „Profession“, auf die liebe „Kunst“. — Die „paysage intime“ von Meister Sommerfeld, des Buchbinders, Hof, in den ich gerade so recht schön hineingucken kann, giebt ihnen ihre Richtung.
Natürlich so ein richtiger kleinstädtischer Hof mit dem Idyll seines ganzen romantisch-pittoresken Kleinkrams. — Die getünchten Wände des Wohnhauses und der Stallgebäude mit einem unendlich verzwickten Gewinkel, mit ihrem närrischen verwitterten Ziegeldachwerke, mit ihren blaugrauen Holzgallerien, mitgenommen von Wind, Luft, Sonne und Regen. Der Düngerhaufen, das bunte Hühnervolk, allerlei wunderliches Gerümpel, Gott! und so weiter.
Ja, wie so allmählich das Pathos stirbt und dasal frescound die „Höhenkunst“ heutzutage! — Wie alles intim wird, Farbe,Nüance, Seele, sich differenziert! — Wie die liebe Kunst immer heimischer wird, irdischer, wirklicher! — Und doch, wie bei allem selbst die Würde und Bedeutung des „Geringfügigen“ und „Häßlichen“ mehr und mehr empfunden wird, zu Tage tritt und die Ästhetik immer siegreicher revolutioniert! — Wie unsre Kunst aus sich selbst heraus immer asiatischer, östlicher, fertiger wird! — Ich denke an einige japanische Gesichtsmasken, die ich zu Hause habe, und an unsre heutige Vorliebe für dergleichen Kunstprodukte, und wie wir diese Weise von Kunstbethätigung immer mehr verstehen lernen. — Diese Kunst mit dem ganzen mystischen Zauber ihrer Realistik, ihres fertigen, alles erraffenden, alles erfühlenden Naturalismus, und wie seine, des verachteten, identische Wirkung immer eindringlicher wird, denn alle Entwicklung führt zur Identität. — Die lyrische Emphase eines jahrtausendelangen Kulturkampfes läßt nach, wie er sich nach den letzten Entwicklungsstürmendes Mittelalters immer mehr gefriedigt hat und seiner Früchte und Erfüllungen froh zu werden beginnt...
Ich sitze und spüre nur so, wie köstlich frisch die Luft geht, wie klar und blau der tiefe Himmel, und fühle den Pulsschlag des Lebens rings unter meiner Höhe und sehe die Seele dieses kleinen Nestes, die im Kleinen und Malerisch-Krausen doch so mystisch intim und mannigfach ist. — Denn was besagt Alltäglichkeit? Alles ist rätselhaft, alles das gleiche Problem und dies Problematische ist auch der Untergrund und die heimliche, schlichte, tiefe Seele moderner Kunstwirkungen...
Aber Philosophieren ist uns so über geworden. Es ist ja nun auch nachgerade seit Jahrhunderten und Jahrtausenden alles, aberauch geradezu alles zusammenphilosophiert worden. Es kommt einem alles so rund und so fertig vor. —
Mein lieber Lynkeus, Meister Schwalbe, setzt sich zu mir mit seiner Pfeife und seinem weisen gelassenen Gesicht, in dem so viel still-kluger Humor ist, und es ist über alles Philosophieren, wenn wir vom Wetter sprechen, oder von den lieben Nachbarn, oder was hier und dort so alles in der Welt passiert. — Lieber Gott ja: aller Weisheit Schluß und Anfang ist eben, daß die Leute sich verheiraten, Kinder kriegen, wirken und sterben von Urbeginn zu Urbeginn...
In einem eigens dazu hergerichteten Glas habe ich eine Hyacinthenzwiebel.
Wie köstlich zu beobachten, wie sich hier die Natur gestaltet! So schlicht, so still, mit so kräftigem wohligen Behagen.
Zuerst ist es nur die Zwiebel. Aber wie viel Freude, sie zu betrachten, wie sie da vor mir auf dem Schreibtisch steht, zwischen allerlei Kleinkram und Erinnerungen, selbst eine liebe Erinnerung.
Das zartfrische Farbenspiel ihrer Schale: in allen feinen und feinsten Nüancen spielend zwischen Braun, Bläulich, Weiß, Violett und Lila. Oben ist ein hellgrünes gelbliches Spitzchen,mit der der innerlich schlummernde treibende Lebenskeim zu erwachen beginnt. Unten viele feine, lichtweiße Wurzelfaserchen, die sich munter in das Wasser hinabschlingen.
Die Lust, das unbändige Behagen in diesen Windungen! Das Spreizen dieser Formen!
Man muß unwillkürlich drüber lachen.
Ich höre ein Kind lallen und gurgeln, sehe es mit seinen Zehchen spielen, mit seinen dicken Händchen vor sich hingrappsen im süßen Dämmer seines ersten Seins.
Diese Lust, zu beobachten, Tag für Tag, wie es mehr und mehr erwacht und wird und wird, seitdem ich es aus der dunklen Schublade hier in sein Lebenselement gebracht.
Jetzt sind es schon ziemlich lange Blätter. Unten, wo die Kraft des ersten Keimes die Schale zur Seite gespellt hat, sind sie hell-gelblich-grün, nach oben ist das Grün bläulicher.
Es sind — eins, zwei, drei, vier, fünf Blätter.
In ihrer Mitte drängt sich die lichtgrüne Blütendolde keck und lichtbegierig herauf, zwängt zur Seite, dehnt sich in die Breite und Höhe mit ihren wasser- und saftstrotzenden Zellen. Und wenn ich genau, ganz genau hinsehe, dann merke ich, wie leise, leise ihre grünen Hüllenblättchen sich zu spreizen und zu lösen beginnen, wie es sich ungeduldig drunter regt und bunt und prächtig hinaus will ins freie, fröhliche Licht.
Ab und zu hemm’ ich das allzu üppige Wachstum der Blätter, und schneide ihre Spitzen ab, damit die Blüte an Kraft und Freiheit gewinne.
O, höchstens noch eine Woche: dann jubelt es mir in bunter junger Herrlichkeit entgegen und mein Zimmer ist des süßen Duftes voll...
Die gute Sonne!
Vor mir auf dem Fensterbrett haben die Fliegen ihr Treiben. Sie trippeln durcheinander, reiben sich den Hinterleib, fliegen gegen die Fensterscheibe auf.
Plötzlich kommt mir, ich weiß nicht wie? eine Erinnerung.
Ich sehe den Kirchhof wieder.
Es ist wieder der graue Tag, der mit Regen droht. Im fahlen Licht stehen die Leidtragenden um das offene Grab herum. Über sie erhöht, auf der aufgewühlten Lehmerde, hat der Prediger seinen Stand, der Prediger mit seinen Bäffchen, seinem Talar und seinerhohen Mütze, und spricht den Segen über den Sarg, der eben mit einem dumpfen Schollern in die Tiefe verschwunden ist.
Einer nach dem andern tritt heran und läßt seine Handvoll Erde hinunterplumpen.
Aber das Weib!
Mit einem winselnden Weinen hat sie dagestanden und im verhaltenen Wahnsinn ihres Leides das Taschentuch zerrissen. Und nun ist sie nicht mehr zu halten, in diesem letzten, so erbarmungslosen Augenblick.
Mit lautgellender Wehklage ist sie auf das Grab zugestürzt, ist hineingesprungen und umklammert nun den Sarg.
Es war zum Nievergessen! —
... Mir kommt ein Gedanke.
Behutsam hebe ich die Hand, schlage zu und wage einen Mord.
Geglückt! — Eine von den Fliegen liegt tot.
Für den ersten Augenblick sind die anderngegen die Fensterscheibe aufgeflogen; aber bald sind sie wieder zurück. Geschäftig trippeln sie umher, als wenn nichts geschehen wäre.
Nur eine von ihnen ist auf die tote Spielkameradin gestiegen und hat für einen Augenblick den Saugrüssel in den Blutstropfen gesenkt, der aus dem zerquetschten Körperchen gequollen ist, und saugt...
Drüben an der Mauer liegt Bornschein, der Böttcher, wieder einmal stockbetrunken. Der Länge nach liegt er unter dem Fliederbusch und die Nachmittagssonne brennt auf seine Kleider.
Die Nachbarn stehen im Kreis um ihn herum, schütteln die Köpfe, schwatzen, lachen, haben ihre Unterhaltung und machen ihre Glossen. Reger ist die liebe Jugend. Sie haben Kiesel und Steine zusammengetragen und werfen nach seinem Bauch und seinen Beinen. Die ganze sonnenstille Gasse schallt von ihrem Eifer.
O Phantasie!
Ich bin Bornschein. Mein Gesicht ist breit und gedunsen, mit borstigem Bart und Kopfhaar, und glüht von Sonne und Alkoholdunst. Und Sonne und Alkohol glühen durch den seligen Dusel meines Rausches und lallen aus mir heraus mit dumpfen dunklen Worten in eine wogende flimmernde Welt von wunderlich verworrenen Gestalten und Lauten.
Meine armen thörichten Atome lechzen nach Kühlung. Langsam, automatisch regt sich ein Arm, zuckt ein Bein, von einem Kiesel getroffen.
Kühlung! Wie ein fernes Bedürfnis ist es in mir, ein Bedürfnis meiner klugen Sinne, meines Lebenswillens, von dem meine Seele doch fern ist. Ein Bedürfnis und keins...
Aber wie ich hier oben zwischen den roten Geranien hindurch zu mir da drüben hinüberluge, schreit meine arme Seele nach Wasser, nach Wasser...
O ewige Vernunft!
Drüben öffnet sich die Thür, schadenfroh und flachshaarig tritt ein lachendes Mitleid miteinem vollen, triefenden Wassereimer auf die Straße. Friedrich, der Hausknecht vom „goldenen Adler“.
Und nun: den Eimerring in der Linken! Die breite, braune Rechte packt den Boden, kippt... Brrr!...
Gottseidank!
Bornschein trieft und zuckt wohlig wie ein Aal in der Fischwanne und — schimpft. — Undank ist der Welt Lohn! — Aber die „Welt“ ist diesmal über Undank erhaben. Die Nachbarn lachen und die liebe Jugend brüllt Halloh.
Ich atme auf, hier in meinem Blumenwinkel, und denke in meinem lieben Herzen, wie alles in dieser herrlichen Welt, selbst Bornscheins Atome, bis in meine liebe verwünschte Einbildung hinein, hat, was es bedarf. —
Seit einigen Tagen les’ ich die Bibel. Das Exemplar, das Frau Haberland in ihrem Glasschrank hat. Es ist eine schöne alte Familienbibel, in Quartformat, aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, ein wahrer Koloß, solid in braunes Leder gebunden, mit zwei Messingverschlüssen, jeder eine Figur, ein Apostel wohl oder so etwas. — Dieser Duft, dieses dicke vergilbte Papier, diese großen fetten Lettern und die Familienchronik mit ihrer altfränkischen Schnörkelschrift gaben mir wieder mal den Geschmack für diese Lektüre. — Die Madame war so liebenswürdig, mir das ehrwürdige Monstrum anzuvertrauen, und nun vergeht selten ein Tag, an dem ich nicht über diesen braven altväterlichen Holzschnitten und diesen köstlichen Drucktypen säße und mein Pensum erledigte.
Wenn’s das Wetter irgend erlaubt, sitz’ ich dabei am liebsten hinten im Garten, in der Pfeifenkrautlaube. Vornehmlich bei der Lektüre der Patriarchenhistorien war es die beste Umgebung. Man sieht über die Rotdornhecke hinweg auf die Hügel, und da hat denn wohl die große Schafherde von der Schloßdomäne ihr Wesen; man hört die gelben Wolfshunde kläffen, man hört das Trappeln undRauschen der erschreckten Tiere, die von ihnen beieinander gehalten werden. Man gewahrt die Gestalt des Schäfers in seinem langen blauen Schoßrock mit den blanken Knöpfen und dem breiten Lederriemen, mit seinem altfränkischen Filzhut und seinem langen Schlenderstock, man hört seine Zurufe und wie er auf die Hunde schilt. Labanund Jakob, Joseph und David. — Oder man hört die Laute des Geflügels, der Haustiere, Pferdewiehern aus der Nachbarschaft oder das Brüllen der Kühe...
Gegenwärtig bin ich bei den Propheten, und da kommen mir so allerlei Gedanken und Betrachtungen; Gedanken und Betrachtungen, mit denen ich mich meinem goldenen Freigeist, dem Herrn Aktuarius Nerrlich, nicht anvertrauen könnte, ohne befürchten zu müssen, wegen einer bedenklich reaktionären Rechtsschwenkung seiner mir so werten Freundschaft verlustig zu gehen; denn es sind nicht nur diese ersten Kindheitserinnerungen, die da in diesen Lesestunden mit lebendig werden, auch nicht bloß und lediglich so etwas wie Feinschmeckerei und „historischer Standpunkt“, obgleich das alles natürlich mit unterläuft: nein, es ist auch noch etwas Anderes. Denn das ist nun so: jedesgute und bedeutsame Buch hat seine ewig frische und lebendige Wirkung, und die bedeutendsten variieren ja nur immer wieder den einen ewigen und gleichen Text. — So will mir zum Beispiel auch keinerlei rationalistische Exegese an die alten Sagen und Wundermärchen heran. Ein feinerer Sinn spürt das Wunder der Wunder hinter ihrer ehrwürdigen Symbolik und staunt aus einem modern-differenzierten Verständnis der Lebens- und Naturvorgänge heraus, das uns gerade wieder die Ergebnisse der neuzeitigen Wissenschaften, und nicht zum wenigsten der exakten, gebracht, über die tiefe Lebensweisheit, welche sich in diese Symbole verdichtet hat.
Ich komme von der Lektüre psychophysiologischer Bücher; man hat als Mensch der Neuzeit neben allen geistigen Zuflüssen seine Nervenerfahrungen, und weiter hat der ringende Geist Alterfahrenes und Frühvertrautes, Einflüsse und Eindrücke erster Jugendzeit und ihrenunverwüstlichen Gehalt, der sich allen Anstürmen einer materialistisch-kritischen Durchgangsperiode zum Trotz aus all ihren Entwicklungswehen heraus behauptet hat, mit den neuen Ergebnissen vereinbart: wie eigen mutet einen da diese Lektüre an! — Und um so fühlbarer und eindringlicher ist ihre Ehrwürdigkeit, je tiefer man spürt, wie die eine und gleiche Wahrheit immer nur wieder in Symbole sich fassen läßt...
Ja, diese Propheten!
Es fällt einem so ein, was die alten Kirchenlehrer von Erwählung, Berufung, Prädestination geschrieben, oder etwa Platon von den Ideen, von der Annamnese, man gedenkt der Lehren der Veden und des Buddhismus, was bei den Pythagoräern als Metempsychose wieder auftauchte, und wie diese bereits bei den Egyptern gelehrt war, man berücksichtigt etwa den Zusammenhang von alledem, sieht sich etwa auch mit genauen Augen und mit so einem stillen Ahnen die neue Wissenschaft und die Entwicklungslehre des Darwinismus an, in der so unendlich viel Möglichkeiten und Urwurzeln von Ideenverbindungen schlummern, die einen, wie sie in ungewissen Umrissen auftauchen, so verwunderlich an uralte Weisheits- und Weltbetrachtungsergebnisse erinnern und einen mystischen und urnotwendigen Zusammenhang menschlicher Weisheit neu bezeugen: mit alledem betrachtet man diese Propheten.
Man gewahrt ihr Pathos, in dem in ewig staunenswerter Mystik unterbewußte geheime Gedankenverknüpfungen und wohlverwahrte ewige Erfahrungen sich dichten, in dem sie mit ekstatischer Macht hervorbrechen; und nun will man das Geheimnis nicht erklären — man kann das in seinem letzten Grund Unerklärliche nicht erklären — man fühlt es und fühlend besitzt man, weiß man, mit einem geheimen,unmittelbaren, identischen Wissen. — Denn was heißt das, wenn ich mir etwa diese Gewaltigen und ihr Wirken zu einem Teil pathologisch erkläre? — Erkläre! — Was heißt das, wenn ich sage, Mohamed war ein Epileptiker? Wohl, aber wenn ich mir jene ehrfürchtigen Begriffe der Alten in ihrer schlichten und doch so tiefen und sinnreichen Bescheidenheit vergegenwärtige, etwa die Begriffe der Erwählung oder der Incarnation, so verstehe ich mit einem so mächtig konzentrischen Verständnis. —-
Incarnation! —
Es ist ein frischer Herbstvormittag. Ein gleißendes Sonnengold leuchtet über den Hügeln. Mit einer mächtigen Energie, in gewaltigen Linien, mit breiten Flächen, in gigantisch-majestätischen Wölbungen ballt sich, schiebt sich, schießt ein weißes Gewölk vom Horizont auf über das klare Blau. Luftströmungen mit ihremunaufhörlichen Rauschen und Sausen gehen durch die Feiertagsstille der Frühe. Innerlichst belebt und hingenommen von dem Rhythmus dieser gewaltigen Perioden mit der eindringlichen, schlichten und doch so mächtigen Energie ihres Gefüges, diesesParallelismus membrorumalthebräischer Poesie, wend’ ich überwältigt mein Gesicht von den Zeilen in die Höhe, und meine Sinne richten sich unter dem Zwang dieser Lektüre über das kunterbunte Kleinleben meiner Umgebung hinweg wie unter dem Einfluß einer heimlichen magischen Gewalt, die Gleiches dem Gleichen eint, unwillkürlich hinüber zu den weiten freien Linien des Berglandes, den gewaltigen des Gewölkes, zu diesem monotonen großen Akkord der bewegten Lüfte. — Der Sturm! „Du weißt nicht, von wannen er kommt, noch wohin er geht, aber du hörest sein Sausen wohl.“ —
Und wie ich sehe und höre, unwillkürlich, hingenommen, ganz ein einziges, großes, gesteigertes Empfinden, in dem meine Nervenfeiner und subtiler aufnehmen und reagieren, beleben und vertiefen sich so eigen meine Wahrnehmungen, und fast wie in einer undefinierbaren Raumdimension, die in irgend einem Punkt, in irgend einer Weise eine mystische Einheit ist von drinnen und draußen, — mein Persönlichkeitsbewußtsein ist in ihr halb entschlummert — regt es sich in einer unsagbaren Weise und flüstert einem Verständnis in mir, das versteht, ohne Worte zu hören. Und irgendwie ist Wolkengebilde, Windströmung, Berglinie, Farbe und Form, auf die mein dämmerndes Bewußtsein nicht achtet und die es doch hat, gleich und eins mit Blutwallung, Vibrieren des Nervenfluidums, Muskelbewegung und irgendwie Offenbarung und Mitteilung, Werden. — Und in einem stillen Zeugungsakt dieser geheimsten Bewegung, die irgendwie in unmeßbaren, millionenfachen Vibrationen flirrt, gebiert sich, ringt sich dunkel ein Wort los, ein Wort, ein Ur-Keim- und Kernwort, das sich zuentfalten beginnt, in Ideen- und Gedankenfolgen sich entfaltet zu einer ganzen Dichtung...
Incarnation! —
Und nun versteh’ ich aus dem Eigensten und vergegenwärtige mir und sehe.
Jene Großen gewahrten eine Not ihres Volkes, spürten sie wohl in eigensten und individuellsten Schicksalen. Sie bemächtigte sich ihrer schauenden reflektierenden Seele, und aus dem Getriebe des sie umgebenden Kleinlebens begaben sie sich wohl in die Einsamkeit der Wüste, die Stimme des Einen zu hören, und rangen in der zähen Willensenergie ihres Volkes nach dem Wort und Willen Jehovahs, rangen nach dem Urwort, das Licht bringt. Und sie gingen auf inIhm, waren in ihren Ekstasen, in Fasten und Entbehrungen, in den Krämpfen ihres mächtig ringenden Willenseins mitIhm; undErwar die große Natur in der gewaltigen Monotonie ihrer Öde, die sie umgab und auf sie wirkte, Er war die Schicksale ihres Volkes, die sich jenen äußeren Naturerscheinungen wieder innig verknüpften und eins ihrer differenzierteren Ergebnisse waren, Er war ihre individuellen Schicksale, Erlebnisse und Fähigkeiten, die wieder eins in jenen und eins im Einen und Gleichen, und Er war ihr Körper mit der Thätigkeit der Muskeln, Eingeweide, Nerven, seines mächtigen Gehirns, dieser Körper, dieses Gehirn ein Willens- und Kraftcentrum der Volksgemeinschaft, die sie erzeugt, und das alles in diesen Stunden Er in seiner einen und einzigen Einheit! Und in dieser Einheit, in ihnen, zeugteErals in Sich, zeugte die Einheit das Wort, das fruchtbare Wort, das diesem Volk not that, schufErsie zu seinen Helden, Gewaltigen und Verkündern in Mose, Jeremia und wie sie alle hießen, verkörperteErsichin ihnen zum Helfer und Ermahner seines Volkes...
Incarnation. —
Incarnation. —
Diese bestimmte jüdische Volksgenossenschaft; eine Gemeinschaft sie wieder von so und so viel Sondergenossenschaften, die sich gegen einander abgrenzen durch ganz bestimmte und besondere Interessen, bedingt durch die Verschiedenheiten der einzelnen Landschaften, durch den jeweiligen Charakter der Natur, der sie unter bestimmten Bedingungen ihren Lebensunterhalt verdanken, durch Familien- und andere soziale Interessen. — In einer dieser Gemeinschaften, in der sich vielleicht offenbar oder geheim alle Interessenfäden der Gesamtgenossenschaft als in einem offenbaren oder geheimen Centrum am intimsten verknüpften, wurde in einer ganz bestimmten sozialen Lage einer dieser Erwählten geboren.
Wie wunderbar dieses Emportauchen eines derartigen Individuums! — Wie rätselhaft stellt es sich dar! — Vielleicht waren alle, die ihm zunächst standen, seine Eltern, seine Geschwister, Verwandte Menschen, die dem Leben einen entschiedenen praktischen Thätigkeitstrieb entgegensetzten, vielleicht als Ackerbauer. Ganz anders dieses Individuum! — Vielleicht ein schwächliches Kind, mit vorwiegend nervöser Disposition, vielleicht auch ohne eine solche beschaulichen Charakters, aber doch dieser stille, mit so mächtiger Energie nach innen raffende Wille. Still, wohl gar scheu er in seinem Gebahren, aber lebhaft sein Interesse jeder Erscheinung im Bereich seiner Umgebung zuwendend, und dann wieder das Wahrgenommene in sich verarbeitend, zurückgezogen von der Thätigkeit der Seinen, den Spielen und Zerstreuungen der Altersgenossen.
Und dieses Insichverarbeiten! — Dieses Versunkensein! Diese stille, so rastlose Thätigkeit desGehirns! — Dieser sonderbare Assimilationsprozeß! — Zurückzuleiten auf physiologische, zu begreifen als physiologische, ja im letzten Grunde chemische Vorgänge und Prozesse, imletzten Grunde solche bedeutendund dennoch —denken!... Im Cirkel der lebhaften, den äußeren Dingen zugewandten, praktisch nach außen gerichteten Betriebsamkeit der Menschen seiner Umgebung, dieses Individuum wie ein stiller, stillhaltender, ruhender Punkt, in einer heimlichen, wie magnetischen Affinität mit den Lebensvorgängen ringsum, dieses Individuum mit seinem mystischen Erraffen! — Er, der Schwächste, Passivste vielleicht, der Stillste unter seinen Genossen, mit dieser mystischen Disposition innerlich ihrer der Lebendigste, mit seinem großen, geistigen Körper, mit diesem amorphen Körper heimlicher Blutströme, heimlicher Nervenvibrationen, deren zuströmende Energie das Gefüge seines sichtbaren individuellen Körpers erleidet, unter derer erschauert wie eine Sensitive, diese Energie, die dieses sichtbare, zarte und durch die Macht seiner Disposition doch so zähe Gefüge schüttelt, erbeben macht,durchkrampft, und doch die unerhörte Gewalt seines erraffenden, erprobenden Willens nicht zu vernichten vermag, so sehr sie’s erschüttert, bis dieser schwache Körper gestählt ist und in ihm sich aus den Seinen der Eine konzentriert und geboren hat, der ihnen notthut, Jehovah in ihm vermöge eines mystischen Zeugungsaktes sich incarniert hat: Er, zuvor der Schwächste, Unscheinbarste, wohl gar Mißachtete, wenn nicht Verspottete mit dieser Disposition die Seele, der stille Wächter seines Volkes.Er, die nach innen konzentrierte Energie der Seinen und sie in irgend einer mystischen Verknüpfung Seine nach außen gewandte Energie. —
Incarnation! —
Und ich gedenke im Sonntagsfrieden dieser Morgenstunde des biblischen Wortes: „Die Cherubim und Seraphim, seine Gewaltigenund Helden, die vor seinem Throne stehen“, und es bekommt einen so besonderen Sinn, und ich bedenke, wer Gott und seine Helden nicht aus der Welt geschafft, sondern ins Deutliche, Vertraute, Menschliche gerückt und offenbar geworden sind, thronend doch in einem Lichte, da niemand hinzukann...