Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen — alle die bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind hellwach!
Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem, regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt ist der Frost gekommen!
Überall liegt Schnee.
In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln, wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und Geißblatt — und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen — schwarz und kalt — die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees. Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt!
Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...
Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder — ihr alter Erbfeind und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat zurückziehen müssen — ist schon auf Jagd aus.
Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden — und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.
Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich schadlos — und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den Raub, dessen sie bedürfen.
Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen: er hat ihnen — als Neues vom Jahr — einen großen Zug Eichhörnchen gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere schon an, auf die Neige zu gehen.
Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht weit von dem Baumdes großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein Eichhörnchen zu überraschen.
Das Eichhörnchen ist noch spät draußen.Essitzt in dem Wipfel einer kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten Tannenzapfen.
Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem kleinen Springer überlegen sein, das weiß er!
Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne — und Ritsch, Ratsch — steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es dahin über den Schnee ...
Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe, ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.
Das Eichhörnchen saust in die Höhe — und Taa ihr nach; und dann geht es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt den Marder aufAbwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels.
Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ... unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel, aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.
Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen Flocken begraben.
Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen, streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag. Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt — und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.
In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.
Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!
Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ...Der Groll und die Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer an ihrem Innern.
Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf — und dann wird sie grausam und rachedürstig.
Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...
Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis ankämpfen.
Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.
Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub auszugehen.
Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.
Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase — und plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen Rücken.
Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark und Bein geht.
Das Rottier fährt zusammen — undkrasseltmit dem Kalbe in wilder Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu nehmen und dem Wild zu folgen.
Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!
Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes aufgefangen — sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!
Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben — und auch er hatte sie angeführt.
Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote Waldkatze ihr gehört ...
Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich — der Marder wird in der letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.
Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich, aber vergebens — die geschmeidige Marderkatze bringt sich in Sicherheit.
Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie auf einen Zweig hinauf und kröpft ...
Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so angenehm!
AbereinEichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix. Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen — und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald. Sie untersucht die Wipfel — sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie versenkt sich in die Dickungen —: sollte sich nicht eine Amseldort verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört, sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.
Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden. Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat —: ein Eichhörnchen schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.
Das Eichhörnchen ist morgenfrisch — und Strix hat Pech mit ihrem ersten grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.
In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel, saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.
Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her, sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des Eichhörnchens.
Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ...
Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.
Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat — er weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.
Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...
Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten. Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf — und weit draußen am Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen herab ...
Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.
— — —
Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.
Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht gehabt!
Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ...
Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte,morgenverdrießlicheVogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein gellendes Gelächter aus.
Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...
Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich’s versieht. Sieerhaschen einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie zwischen den Bäumen aus und ein fliegt — und nun stürzen sie sich über sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut — sie kennen Strix von mancher Gewalttat her!
Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und aber Hunderte gegeneinenFeind. Federn und Daunen stieben wie Laub im Herbst durch den Wald ...
Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht, sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet, ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den Gesellen mit ihren Fängen erhascht.
Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen — und jetzt sind da Hunderte und aber Hunderte!
Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und verschnauft. Auch Strix’ Gedanken drehen sich jetztum nichts weiter als um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald ist in Aufruhr ...
Da ist das Glück ihr hold.
Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in einen tiefen Spalt hinab ...
Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren. Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht gewesen, die tief wie ein Abgrund war.
Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.
— — —
Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um.
Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!
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Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauerHimmel lauert über der Erde; es schneit hin und wieder — und die vereisten Birkenkronen klirren.
In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von acht bis zwanzig heranziehen ...
Sie versammeln sich heute abend früh — und wie sie sich in schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten, dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot.
Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch ist nur halb gestillt.
Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel — und es liegt etwas bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und vermehrt seine Stärke.
Und dann schwindet das Licht — —
Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den Körper unter den warmen Kissen zu bergen. — — —
Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix.
Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.
Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrächze der Aasvögel verfolgt ... die spielenden Federhörner haben ihre Gemütsstimmung ausgedrückt. Das unheimliche Dämmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen, wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten Schwungfedern dröhnte.
Jetzt, wo die Krähen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie es endlich in ihrer unmittelbaren Nähe kribbeln hört, wird sie auf ihre Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar.
— — —
Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix.
Er spaziert hoch oben in Kronenhöhe durch den Tannenwald; das regnerische Wetter begünstigt auch seine Meuchelmördertaktik.
Er ist an einem Stamme draußen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend, zurückgelegt.
Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im Winde schaukelt. Faßt dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen hinüber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit zu Zeit und windet lange.
Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhörnchen drein, aber es eilt ja auch nicht!
Zufällig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich so ungewöhnlich gut zum Lauern eignet.
Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so daß er keinen Vorteil durch Klettern einbüßt, nein, er kann schleichen ... ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf.
Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmählich irgendwo hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so zusammengefilzt, so dicht und nadelig, daß niemand, weder von oben noch von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in dem grünen Gewölbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschließt den Krähen und Holztauben den nötigen Einflug.
In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der alltäglich bekümmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat unmöglich vergessen können, daß er vor mehr als achtzehn Stunden um einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, für den die spähenden Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht gestellt haben.
Seine Sprünge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher sind nur knapp bemessen gewesen; beieinerGelegenheit ist er sogar hindurch geplumpst — bis hinab auf den Erdboden.
Er ist halbwegs müde und schlapp ...
Hin und wieder während des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter wohl einen großen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche Knorren hat ja jeder zweite alte Baum,und die greisenhafte Tanne hier ist voll davon. Zum Überfluß kommt der Wind gerade von der verkehrten Seite; es zieht durch die Lichtung von unten herauf, wie durch einen Schornstein.
Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser plötzlich lebendig und fürchterlich zu schauen. Strix öffnet die Seher und zündet gleichsam Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich über den Marder und hält ihn fest. Sein halb offener, arbeitstöhnender Rachen schließt sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene, das ein Raubtier nicht zu unterdrücken vermag, wenn es sich einer groben Unachtsamkeit bewußt wird.
Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl haßt sie diesen schlauen und frechen Räuber — und kann sie ihn von hinten überfallen, die Fänge in seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock ihrer Schneiden fangen — dann ist die Gelegenheit da. Aber nach offenem Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fängen kribbelt und sie unbändig macht, so daß sie gleichsam rufen: greif ihn und kröpf ihn! gelüstet es sie nicht.
Und Taa seinerseits wird sich schon hüten!
Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefähr ebenbürtigen Gegner sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewußt sind; kein Laut dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu bläst sich nur auf und sträubt die Zauberhörner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene Katze.
Der Sturm schaukelt die Tannen, so daß ihre wolligen Zweige in die Höhe schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefaßt hat. Es ist dunkel zwischen ihnen wie im Grabe.
Die tagmüden Krähen sind längst eingeschlafen. Der Himmelspeit Schnee, und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald und bringen die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden.
Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht, dessen Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in die Höhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht schwarze Krähenleiber auftauchen, als seien es große Tannenzapfen an den Zweigen.
Ein heiserer Todesschrei schleppt sich plötzlich durch die Nacht!
Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus überrascht. Der Ärmste erwacht erst, als er in ihren Fängen eingeklemmt sitzt.
Der Schrei weckt jäh die zunächst schlafenden Kameraden. In das Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krähengekrächz.
Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich großen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krähe auf Krähe in die Luft hinaus.
Heisere Schreie und langgezogene, wehmütige Klagen steigern das Grauen und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen Aasvögel, über den Verlust und die Vergänglichkeit des Erdenlebens: hier saßen wir so schön, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da — —
Strix wütet oben zwischen ihnen. Sie schlägt die Fänge in den Bauch einer zweiten Krähe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt eine neue und noch eine — gar viele schlägt sie nieder in der Schlacht.
Unten aber hüpfte Taa und sammelte eifrig auf ...
Jetzt endlich fand er Ersatz für seinen kleinen Akrobaten!
Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde.
Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden Winter in der Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend, um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die seit einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem Treiberjungen oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt hatte. Es war hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß Boden gibt, der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des Holzwärters spürt. Nein, Gräben und Entwässerungsröhren waren hier unbekannt, große Moore und Lichtungen lagen mit Gestrüpp bewachsen da, zahllose kleine Seen mit Röhricht und Weidenbüschen gab es, und im Winter war fast jede Niederung überschwemmt.
Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen.
Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und glitzerte in Wellen und Kräuselungen.
Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer; stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen Abgrund — so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub, wenn es fiel, in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten.
In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen Wesen auf Zehen, zumute war, alsschwebeer, und wo er deswegen oft schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über seinen sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem Wald versteckt sich Dänemarks letzte große Eule.
Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege — aus und ein — zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie hatte dieselben Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten, daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern gegangen, wie es zu gehen pflegte — im Sommer Überfluß: Birkhähne, Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im WinterSchmalhans: Eichhörnchen und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder.
Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren gewöhnt.
Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten Erinnerungen in ihrem Innern auf.
Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen konnten sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen.
Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her, nur diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge zu fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier; er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan hatte.
Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie hauen, sie fällen ...
Wer?
„Die Zweibeine“, „die Gesichter“, „die großen Zerstörer“ oder welche Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen, die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. — — —
Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und so stehen ...
Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen, und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des großen, flüggen Habichtjungen verschlossen.
Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen werden,geschossen, und es sollte gefällt werden,gefällt... ein ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerührt, behauptete der neue „Meister“.
Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und überlebt war, mußte sich beugen — und mit den Tagen, die gingen, und dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde.
Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.
Eines Tages kommt ein Fuß um die alte hohle Buche herum. —
Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fuß — —
Und Strix sträubt die Hörner.
Nach ihrem langjährigen ungestörten Leben hier draußen im Walde war sie gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurückversetzt. Noch bis vor wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehört als die eigene Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt ihr ein brenzeliger Geruch wie von sonnengedörrtem Harz und sumpfigem Moor in die Nase, und das Geräusch von Tritten fordert eindringlich, in ihren Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach werden — —
Da rafft sie sich auf; sie wird plötzlich schlank, mit übermächtiger Kraft drängt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja derMensch!
Ein Reißeisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt am Ende fängt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor, auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche.
Herr du meines Lebens! — entfährt es seinem Munde, und er reißt ein gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm!
Am nächsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen wiederholt sich.
Aber mehr als zweimal läßt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe stören, ihr Mißtrauen ist erwacht — wie ungern sie es auch tut, sie muß aus ihrer alten Wohnung ausziehen.
Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes, lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen — da erst streicht sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt ganz regelrecht auch Tannen!
Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche, der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich ein enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist der Spalt doch!
Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm roch es den ganzen Sommer.
Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen.
Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken und Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von denen, die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte — und diese Laubhütte benutzte Strix oft und lange.
Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten, zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die Lumpen des Waldes — die Häher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln — die wachsamen Schutzleute des Waldes — da wußte sie, daß die Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der Wald binnen kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel aus und flog hinauf durch das Laubdach, flog davon — um sich wieder tief in ihrem Spalt zu verstecken.
Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel. Meinetwegen die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte das Recht, auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu sagen!
In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer — schwül und zum Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im Schnabelbart — in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so frisch und kühl gewesen!
Der Sommer verging —
Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun ganz umgewandelt.
Wo sich Sümpfe und Erderhöhungen zwischen stehenden Gewässern hinzogen, wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin kamen breite Gräben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgräben und Heideebenen und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und Hase freien Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrüne Miniaturwälder auf. Selbst Strix’ kleiner Waldsee zwischen den Hügeln war verschwunden. Wo einst Wasser glitzerte, und Röhricht und Entengrün und herrliche Wasserpflanzen für Wildente und Storch zum Hineinschlabbern bereit lagen, da sah sie nun auf ihren nächtlichen Zügen nur noch ein leeres Schlammbett liegen. Und so überall! Wo die Einsamkeit wohnte, wo der Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre Badestelle hatte, wo der Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche wild brunstete, und der Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte und summte — dort rumorte jetzt der Menschengeist.
Es wurde Winter — und Strix hörte Taa in seine Wohnung unter ihr einziehen. Er hatte ein Junges bei sich ...
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Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig,wie er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des großen Uhus stürmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das früher so glanzvolle und tiefe Kastanienbraun.
Er hatte das gewöhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch die Welt geräubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und seine vielen körperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rühmen konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptsächlich von dem, was er durch seine väterliche Würde einem Sohn abzupressen vermochte.
Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein Waldmarder sein soll, voll Schlüpfen in der Pfote,Springen im Lauf und einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zähnen; aber er war noch grün und unerfahren ...
Er ließ sich indessen gut an!
An Streitbarkeit des Gemüts übertraf er sogar noch den Vater — und so jung er war, ließersich kein Eichhörnchen nehmen, das er mühsam gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafür eingesetzt zu haben.
Bei dergleichen dummdreisten Neigungen würde er nicht alt werden, das konnte sein Vater ihm weissagen, aber der große Taa hatte sich nie mit Weissagungen abgegeben.
Nur Einem gegenüber zeigte sich Klein-Taa ungewöhnlich gutmütig; das war so wie es sein sollte, nämlich seinem väterlichen Erzeuger, dem großen Taa gegenüber.
Schlau und erfahren, wie der große Taa war, hatte er den Sohn nämlich von frühester Jugend an daran gewöhnt, seine Beute mit ihm zu teilen.
So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen, daß er es allmählich als selbstverständliche Pflicht empfand, diesen kräftigen alten Kerl versorgen zu müssen.
Jetzt, wo es Winter mit ungünstigen Witterungsverhältnissen geworden war, und die Spärlichkeit der Beute das Leben noch kümmerlicher für einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der große Taa wie eine Klette an seinen Sohn und wich nie — auch nicht am Tage — von seiner Seite.
Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, daß sie beide am Tage in derselben Höhle saßen und Grillen fingen, da aber auch für Marder Wohnungsnot herrschte und der Frühling noch nicht in der Luft zu spüren war, fand er sich darein.
Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnäßt heim. Strix hört Vater und Sohn in ihre Behausung schlüpfen und anfangen, sich in ihrer luftigen Stube zu putzen.
Strix sitzt in der ihren über ihnen.
An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jäger sind überall auf den Beinen.
Drei große, starke Männer folgen den Mardern auf den Fersen; sie finden den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande dazu. Da zünden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des Moorschweins an. Das „Schwein“ wird gebraten — und es schwält häßlich durch den ganzen mürben Stamm hinauf. Der große Taa niest, und Klein-Taa niest, und auch Strix muß niesen. Jeder von ihnen denkt, daß es ihm gilt.
Aber als die Marder hinausschlüpften, flog auch Strix auf ... Die Jäger schossen den großen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie nicht.
Wo sollte Strix jetzt nur bleiben?
Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?
Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde umherzuschweifen. Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden große Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies und jenes gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt oder sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen, halbverfaulten Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so würde es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu entkommen.
Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte!
In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie sich nicht viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war.
Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem.
Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere Gegend suchen!
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Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von Jahren wieder lebendig in Strix — in einer schönen Nacht überkommen sie sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers.
Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fänge befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit den Augen zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wächst und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wächst ... und so steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch über den Waldeswipfeln auf und verschwindet.
Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe, dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.
Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie — die letzte — noch weniger umgänglich gemacht hat.
Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel erschallt, und Menschenund Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen Einsamkeit! Was die Sonne für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie muß sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach dem Licht krümmen und strecken sieht.
Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten, in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen. Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre Anwesenheit — groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine Spur! Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die eine Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert.
Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt, sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen um ihren Sitzplatz verbreiten muß.
Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst ergangen wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des großen Taa zu teilen.