III.

Sektion 3 KopfIII.Martha Parks: Das ist ein schönes Märchen! Aber das Ende, Albert?Dr.Albert: Es ist zu Ende. Hat es Dir gefallen, Martha?Martha Parks: Sehr gut, Albert.Dr.Albert: Das war eine liebe, gute Schwester, nicht wahr, Martha?Martha Parks: Glaubst Du, Albert, daß es heute solche Schwestern giebt?Dr.Albert: O ja. — Schwestern sind heute so gut, wiefrüher. — Nun aber möchte ich von Dir das Märchen hören. Willst Du es erzählen?Martha Parks: O ja, das will ich: Da war eine Mutter, die hatte sieben Söhne und eine Tochter. — Wenn die Knaben gespielt hatten im Garten oder im Walde, dann kamen sie immer hungrig nach Hause; — und eines Tages standen sie wieder um ihre Mutter, welche ein Brot in der einen Hand hatte und ein Messer in der andern.Gieb mir zuerst, Mutter! — Gieb mir zuerst! — riefen die Knaben wild durch einander. —Wenn ihr doch alle Raben wäret! sagte unwillig die Mutter. — Da waren die Knabenplötzlichverschwunden, und über dem Hause flatterten sieben Raben hin und her undkreischten: Rab! Rab! Rab!O, meine Brüder! rief da die Schwester, — und die arme Mutter weinte und jammerte. Aber das half nun nichts mehr. Die Rabenflogenin den Wald.Die Mutter hatte nun keine frohe Stunde mehr. Sie weinte Tag und Nacht — und starb bald vor großem Schmerz, und da war das Mädchen ganz allein.Tag für Tag aber ging sie in den Wald, sah nach allen Bäumen, sah nach allen Raben und rief ihre Brüder mit Namen, — aber sie kamen nicht. Und wenn sie dann oftmals ohne alle Hoffnung war, dann setzte sie sich auf einenBaumstamm, bedeckte ihr Gesicht mit ihren weißen Händchen und weinte bitterlich.So saß sie auch eines Tages da; und ihrJammerwar so groß, daß sie dachte, ihr Herz müsse brechen. Da hörte sie eine Stimme: Stille deine Thränen, gutes Mädchen! Wenn du sieben Jahreschweigen, — nicht ein Wort sprechen und siebenHemden,spinnen willst, so sollst du deine Brüder wieder finden. — Das Mädchen sah auf; — und vor ihr stand ein Zwerg mit langemSilberbarte; der winkte ihr freundlich zu und — verschwand.Das Mädchen aber merkte seine Worte. Sie blieb im Walde, wohnte in einem hohlen Baume, sprach kein Wort und spann Flachs für die Hemden. — So warensechs Jahre vergangen, aber das siebente Jahr war noch nicht zu Ende.Da kam einmal ein Prinz in den Wald. Er sah das liebliche Mädchen und dachte zuerst, sie wäre ein wirklicher Engel. — Er sprach mit ihr; sie aber antwortete nicht; sie schüttelte nur mit dem Kopfe.Armes Kind, sagte der Prinz zu seinen Dienern, — sie iststumm; aber sie ist schön. Keine Prinzessin der Welt kann schöner sein; — und nahm sie mit sich in seinen Palast.Der Prinz aber hatte eine Schwester, die war hart und grausam. — Was willst du mit dem fremden Mädchen? fragte sie ihren Bruder. — Ich werde sie mir zur Gemahlin nehmen, antwortete der Prinz. — DieseHexedeine Gemahlin? rief die Prinzessin. — Ja, sie ist eine Hexe! Sie kann wohl sprechen; aber sie darf nicht und sie will nicht! — Sage das nicht, Schwester, sprach der Prinz; — sie ist gut, aber sie ist stumm. Armes Mädchen!Die Prinzessin aber sprach zu allen Leuten, daß alle mit ihr dachten und sprachen: Ja, sie ist eine Hexe, und sie muß verbrannt werden; — und einScheiterhaufenwurde errichtet und sie wurde dahin geführt.Der Prinz küßte sie tausendmal und wollte sie nicht lassen. Er weinte, daß alle mitweinen mußten, die es hörten. Auch sie weinte und blickte hinauf zum Himmel; aber sie sprach kein Wort.So ging sie und trug die sieben Hemden unter demArme und kam an denScheiterhaufenund mußte hinauf steigen. — Und da sie oben stand, wollte man das Feueranzünden, — und betend sah sie hinauf zum Himmel, — — da kamen sieben Raben und flogen und flogen um denHolzhaufen; denn in diesemAugenblickewaren die sieben Jahre zu Ende.Sie warf einem jeden von den Raben ein Hemd zu, und da standen vor ihr sieben schöne Ritter.Schwester! Treue, liebe Schwester! riefen alle. — Da sind sie wieder, meine Brüder! rief sie. O, meine Brüder!Alle erstaunten. Das Feuer wurde nicht angezündet. — Sie erzählte ihre Geschichte, und der Prinz stieg auf den Scheiterhaufen. Engel! o mein Engel! rief er, — und trug sie hinunter und führte sie in seinen Palast; und bald war sie sein Weib.Albert, höre einmal! Was war das?Dr.Albert: Bravo, — Bravo?Martha Parks: Wer ruft da Bravo? — Ich werde die Thüre öffnen. — Herr Meister!Herr Meister: Verzeihung, meine kleine Freundin! Vergebung, Herr Doktor! Gegen unsern Willen sind wirLauschergeworden.Martha Meister: Nicht Lauscher, Papa, — Zuhörer, — Bewunderer. — Ein kleines Auditorium für Martha.Martha Parks: So habt Ihr alles gehört?Gretchen: Das meiste, liebe Martha. — Herr Otto wollte uns einführen, aber wir wollten Dich nicht unterbrechen. — Wie schön Du das erzählt hast!Martha Parks: Das kommt, weil ich dieses Märchen so liebe.Bella: Ist dieses Ihre Bibliothek, Herr Doktor?Dr.Albert: Hier ist meine Bibliothek, Fräulein, und Schwester Marthas Schule. Nicht wahr?Martha Parks: Und Du bist mein Lehrer. O, ist das nicht komisch? Albert ist ein Lehrer!Dr.Albert: Wissen Sie, meine Herrschaften, es macht mir unendliche Freude, meine kleine Schwester zu lehren. Sie ist so intelligent, und dabei ist diese Art zu lehren so höchst interessant für mich selbst.Louis: Ja, ich habe Albert gesagt, daß er es machen sollte wie Sie, Herr Meister. Das ist die beste Methode in der Welt!Herr Meister:Gemach, mein Freund Louis. Jeder Weg ist gut, wenn er uns zumZieleführt, und der Weg, den wirgewählthaben, ist gewiß einer der angenehmsten. Was meinen Sie, Herr Otto?Otto: Sicherlich, angenehm, interessant — und vor allemgediegen; und auch Bruder Albert meint, das Halbe, das Einseitige und dasOberflächlichewäre unmöglich in Ihrer Methode.Dr.Albert: Das sehe ich am Resultate. — Allein über einen Punkt habe ich nun schon viel gedacht und bin jetzt noch nicht im Klaren?Herr Meister: Und das wäre, Herr Doktor?Dr.Albert: Die Grammatik.Herr Meister: Ah, — das dachte ich!Dr.Albert: Wie haben Sie selbst es mit der Grammatik gehalten?Herr Meister: In der folgendenWeise: Wenn meine Freunde Fehler im Sprechen oder Schreiben gemacht haben, so habe ich sie verbessert.Dr.Albert: So sagte mir Louis. Allein ich sollte denken, das würde nicht genügen.Herr Meister: Bei manchen Schülern genügt es, bei anderen nicht.Dr.Albert: So machen Sie einenUnterschiedbei den Schülern, wie ich sehe?Herr Meister: In der Tat, das thue ich. — Bei Kindern schlage ich den Weg ein, den die Müttereinschlagenbei ihren Lieblingen und den die Natur selbst sie gelehrt. — Wenn das Kindfehlerhaftspricht, so sagt die Mutter: Nicht so, mein Kind. Das war nicht recht. So mußt du sprechen. — Das genügt meistens für Kinder. Oft kann man bei ihnen keinen andern Weg einschlagen. — Und warum sollte man den Kindern mehr sagen, als das? Sie haben ja Zeit genug, haben nichts zuversäumen.Anders aber ist es bei älteren Personen, die denken und immer nach dem Warum? fragen. Bei diesen und besonders bei solchen, welche die Grammatik ihrerMuttersprachestudiert hatten, gehe ich ebenfalls denWeg, von dem ich sagte, daß die Natur ihn vorgeschrieben habe; — alleinich füge noch etwas Neues hinzu: Ich gebe ihnen auch die Regeln der Grammatik, nachdem ich die Fehler verbessert habe, undso dringen sie auch einin den Geist der Sprache.Doch habe ich mich stetsgehütet, darin zu viel zu tun, und niemals habe ich meine Schülerermüdetmit Regeln der Grammatik. Stets war es Vergnügen für beide Teile, für Schüler und Lehrer.Auch bin ich nicht immer denselben Weg gegangen; oft tat ich es so und oft anders, je nach dem Alter, je nach der Individualität des Studierenden; — und darin liegt die hohe Schönheit und die Größe dieses Systems: Es ist ein System der Freiheit, der wahren Freiheit, — das nur entstehen konnte in einem freien Lande. Jeder Lehrer kann darin seine Individualität geben, um so das Höchste und Beste zu erreichen.Otto: Sehr wahr!Herr Meister: Worüber ich aber noch täglich erstaunen muß, ist eineBeobachtung, die ich neulich gemacht habe: Daß nur wenig Grammatik, daß nur wenige Regeln genügen, um recht zu sprechen und recht zu schreiben. — Dazufreilichist es nötig, daß der Lehrer klar denkt und sieht.Ich habe meinen Freunden hier gewisse, kurze Regeln gegeben, — und, Sie sehen, sie sprechen korrekt.Dr.Albert: Das ist wahr. — Und welche Regeln halten Sie für die notwendigsten?Herr Meister: Ah, — für die notwendigsten! Mein lieber Herr Doktor, ich will Ihnen einige von solchen Sätzen geben, die meinen Freunden gute Dienstegeleistethaben. — Aber nehmen Sie die Sätze für nichts mehr, als für was ich sie ausgebe: Praktische Winke, die unendlich viel Gutes tun. Sie mißverstehen mich nicht, nicht wahr? — Ich gebe sie Ihnen nicht als Regeln.Meine Freunde haben sichgewöhnt, ihre Gedanken sofort mit deutschen Worten auszudrücken.Dr.Albert: Und das erkenne ich als den größtenVorteilIhrer Methode.Herr Meister: Ganz recht. — Dennoch kommt es vor, daß sie englische Idiome und Konstruktionen gebrauchen.Dr.Albert: Das ist ganz natürlich.Herr Meister: Ja. — Zum Beispiel: Unsere Freunde würden nie im Englischen sagen:"My brother Louis rides good";das wäre nicht grammatikalisch; — sie würden sagen:"My brother Louis rides well;"denn"good"ist ein Adjektiv im Englischen,"well"aber wird als Adverb gebraucht. So kam es denn, daß Herr Otto auch im Deutschen sagte »Mein Bruder Louis reitet wohl«. Im Deutschen aber ist das nicht recht. — »Wohl« wird sehr oft gebraucht als Synonym von »nicht krank«. — Z.B. »Wie geht es Ihnen? — Danke, ich bin wohl«. Wir gebrauchen es auch oft in dieserVerbindung: »Bringen Sie mir gefälligst ein Glas Wasser!« »Sehr wohl, mein Herr«, — wie das Englische"all right", "very well"und so weiter."My brother Louis rides well"würde im Deutschen sein: »Mein Bruder Louis reitet gut«; denn »gut« ist im Deutschen Adjektiv und Adverb. Also nicht:"He speaks well"»Er spricht wohl«, sondern: »Er spricht gut«.Otto: Den Fehler habe ich sehr oft gemacht, nicht wahr, Herr Meister?Herr Meister: O ja, recht oft. Aber bin ich jemals müde geworden, Sie zu verbessern?Otto: Nein, wahrlich nicht. Sie hattenAusdauerwie unser U.S. Grant.Bella:Beharrlichkeitführt zum Ziele.Herr Meister: Und hier z.B. ist unsere liebe Freundin Bella. — Sie würde im Englischen sagen:"I wish to write a letter";— und so sprach sie dann auch im Deutschen: »Ich wünsche einen Brief zu schreiben«; — aber wir sprechen im Deutschen gewöhnlich nicht so:"I wish to buy essence of the white rose",»Ich wünsche, Essenz der weißen Rose zu kaufen«; das ist nicht recht, meine Freundin, nicht wahr? Heute aber wissen wir es besser.Bella: Heute sage ich: »Ich will einen Brief schreiben«, »Ich will Essenz der weißen Rose kaufen«, oder noch besser: »Ich möchte Essenz der weißen Rose kaufen.«Herr Meister: Ganz recht.Louis: Du mußt nicht denken, mein lieber Doktor, daß ich ohne Fehler bin. O, ich kann auch Fehler machen, so gut wie Fräulein Bella.Bella: Und das kann ichbezeugen.Louis: Und ich kann Dir auch einige aufzählen, denn ich kenne meine Fehler auswendig. — Sieh' einmal hierher, Albert. In unserer englischen Sprache sagt man z.B."To-day we are here. To-morrow we shall go to Mr. Meister's house".Und so habe ich auch im Deutschen gesprochen: »Heute wir sind hier. Morgen wir werden gehen in Herrn Meisters Haus.« Dieses Deutsch ist nicht gut, Albert. Nicht wahr? Das ist schlechtes Deutsch."To-day"ist hier ein Adverb. Das Adverb muß im Deutschen beim Verb stehen oder auch beim Auxiliar, wenn ein solchesvorhandenist. Du mußt also sprechen: »Heute sind wir hier. Morgen werden wir in Herrn Meisters Haus gehen«. »Heute« muß bei »sind« stehen und »morgen« bei »werden«. Du mußt nicht das Adverb von dem Verb oder dem Auxiliartrennen. Hast Du mich verstanden, Albert?Dr.Albert: Sehr gut, Louis.Louis: Nun, dann höre weiter: Im Englischen sagen wir z.B."I have written this page". »I shall go to the concert".Wenn Du nun nicht den Unterschied zwischen der deutschen und englischen Konstruktion studiert hättest, so würdest Du im Deutschen sagen: »Ich habe geschrieben diese Seite«, »Ich werde gehen in das Konzert«. — Aber ist das recht, Albert?Dr.Albert: Nein.Louis: Du mußt sagen: »Ich habe diese Seite geschrieben«; denn im Deutschen mußt Du das Auxiliar von dem Verb trennen, wenn es geht. — Ist das klar?Dr.Albert: O, sehr klar! Ich muß nicht sagen: »Ich werde gehen in das Konzert«, sondern: »Ich werde in das Konzert gehen«.Louis: O, Du bist einvorzüglicherSchüler. Ich will Dir noch mehr sagen:"I am glad that you are here",»Ich bin froh, daß du bist hier«. Dieses Deutsch ist nicht gut. — Ich habe hier zwei Sätze, und der erste Satz ist: »Ich bin froh«. Dieser Satz ist recht. Der zweite Satz beginnt nach dem Komma mit dem Worte »daß«, und dieser Satz ist falsch; — denn ein jeder Satz, welcher mit der Konjunktion »daß« beginnt, hat das Verb am Ende oder auch das Auxiliar, wenn ein solches vorhanden ist. — Also muß ich sagen: »daß du hier bist« und nicht »daß du bist hier«. Noch andere Konjunktionen gehen wie »daß«, doch nicht alle, und es wird gut sein, wenn Du an diese Worte denkst: »Konjunktion am Beginne, Verb oder Auxiliar am Ende.«"I hear that he will come",»Ich höre, daß er kommen wird« und nicht: »Ich höre, daß er wird kommen«."He says that he has done his work",»Er sagt, daß er seine Arbeit getan hat« und nicht: »Er sagt, daß er hat getan seine Arbeit«. Du siehst auch hier, daß in den Sätzen, die mit Konjunktionen beginnen, das Verb oder das Auxiliar am Ende steht.Dr.Albert: Ja, ja. Das sehe ich. O, wie sehr ich Dir danke!Louis: O, bitte, bitte! Wenn Grammatik Dir so sehr gefällt, dann werde ich Dir noch mehr geben. Vielleicht würdest Du sagen für:"I am going"»Ich bin gehend«,"I am writing a letter"»Ich bin schreibend einend Brief«. Das wäre aber kein gutes Deutsch. — Wo wir im Englischen ein Partizip des Präsens sagen, sagt man im Deutschen das Präsens: »Ich gehe«, »Ich schreibe einen Brief«."He is talking"= »Er spricht«; nicht: »Er ist sprechend«. —"He was walking"nicht: »Er war gehend«, sondern,[III-1]»Er istgegangen«. —"He was working"= »Er hat gearbeitet« u.s.w.Dr.Albert: Sehr gut, Louis. Du verstehst Grammatik.Louis: Nicht wahr?Dr.Albert: Aber Du sagtest mir, Du hättest keine Grammatik studiert.Louis: Nun ja, ich meinte, nicht so, wie Du.Herr Meister: Aber Louis, Sie hätten noch sprechen sollen über: »Ich bin, du bist, Sie sind, er ist, sie ist, es ist; Wir sind, ihr seid, Sie sind, sie sind« &c.; und über: »Ich habe, du hast, Sie haben, er hat, sie hat, es hat; Wir haben, ihr habt, Sie haben, sie haben« &c.Louis: Das kann ich noch tun, Herr Meister, wenn Sie erlauben. Ich war nicht bei Dir in Berlin, Albert, als Du Deutsch studiert hast, aber ich weiß doch, Duhast immer gesagt für"He has gone"»Er hat gegangen«, für"He has run"»Er hat gelaufen«. Wir haben das hier immer so gesagt und ich am meisten; nicht wahr, Otto? Aber es war nicht recht. Es sollte heißen für"He has gone"»Er ist gegangen«; für"I have run"»Ich bin gelaufen«. Ich habe lange Zeit gebraucht, um das zubegreifen; und noch längere Zeit, um es zu sprechen, bis endlich Herr Meister so zu mir sprach: Louis, hören Sie einmal: »Ich gehe«, »ich schwimme«, »ich renne«, »ich reite«, »ich fahre«, »ich stehe auf«, — das sind Wörter, die eineBewegung,andeuten, nicht wahr? — eine Bewegung des Subjektes von einem Platze zum andern oder von einer Position in eine andere. — Nun gut. Solche Wörter aber stehen im Perfectum oder Plusquamperfectum nicht mit dem Auxiliar »haben«, sondern mit dem Auxiliar »sein«. Also nicht: Perfectum »Ich habe nach Hause gegangen«, Plusquamperfectum »Ich hatte nach Hause gegangen«; sondern Perf. »Ich bin nach Hause gegangen«, Plusq. »Ich war nach Hause gegangen«, und nicht: Perf. »Ich habe schnell gelaufen«, Plusq. »Ich hatte schnell gelaufen«, sondern Perf. »Ich bin schnell gelaufen«, Plusq. »Ich war schnell gelaufen«. Im Englischen haben wir für das Perfectum im Activum stets das eine Auxiliar"I have"&c. —Im[III-2]Deutschen aber haben wir zwei: »Ich habe« zc. und »ich bin« zc. Also: Alle Wörter im Deutschen, die eine Bewegung des Subjektes angeben von einer Stelle zur andern oder aus einerStellungin die andere, stehen mit dem Auxiliar »sein«; z.B.: Präs. Ich schwimme &c.; Imperf. Ich schwamm &c.; Perf. Ich bin geschwommen, du bist geschwommen, Sie sind geschwommen, er ist geschwommen, sie ist geschwommen, es ist geschwommen, wir sind geschwommen, Ihr seid geschwommen, Sie sind geschwommen, sie sind geschwommen; Plusq. Ich war geschwommen, du warst geschwommen, Sie waren geschwommen, er war geschwommen, sie war geschwommen, es war geschwommen, wir waren geschwommen, Ihr waret geschwommen, Sie waren geschwommen, sie waren geschwommen.So auch: Präs. Ich reise &c.; Imperf. Ich reiste &c.; Perf. Ich bin gereist &c.; Plusq. Ich war gereist &c. — Präs. Ich reite &c.; Imperf. Ich ritt &c.; Perf. Ich bin geritten &c.; Plusq. Ich war geritten &c. — Präs. Ich fahre &c.; Imperf. Ich fuhr &c.; Perf. Ich bin gefahren &c.; Plusq. Ich war gefahren &c. — Präs. Ich falle &c.; Imperf. Ich fiel &c.; Perf. Ich bin gefallen &c.; Plusq. Ich war gefallen &c.Dr.Albert: Das verstehe ich sehr gut, mein lieber Louis. Nun danke ich Dir.Louis: Bitte, bitte.Dr.Albert: Das Verb oder, wie wir es in Berlin nannten, dasZeitwort, hat mir im Deutschen nie vielMühegemacht.Bella: Auch mir nicht. — Da giebt es nicht so viele unregelmäßigenZeitwörterwie im Französischen.Otto: Das deutsche Verb ist so leicht, wie das englische, meine ich.Dr.Albert: Ganz gewiß; und dazu hat das Englische das Verb leichter, als eine andere Sprache, die ich kenne. Denken Sie nicht auch so, Herr Meister?Herr Meister:Ich stimme Ihnen bei.Bella: Herr Meister, Sie hatten mir das deutsche Verb so klar gemacht, daß ich es in wenigen Minuten für immer verstanden habe.Otto: Ich wünsche, Herr Meister, Sie würden meinem Bruder Ihre Methode erklären.Herr Meister: Mit Vergnügen. Ich habe das Folgende für das Beste befunden, andere mögen andersverfahren. Meine Freunde haben von Anfang an das Präsens, das Imperfectum und das Perfectum aller Zeitwörter gelernt. Sie wissen »ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben«; »ich höre, ich hörte, ich habe gehört«. Sie wissen auch »ich höre« ist einregelmäßigesVerb; denn »höre« behält »ö« in allen Zeiten: Präsens, Imperfectum &c.; — auch wissen Sie »ich schreibe« ist ein unregelmäßiges Zeitwort, weil es nicht denselben Vokal behält in allen Zeiten; — im Präsens hat es »ei« (schreibe); im Imperfectum »ie« (schrieb) und auch im Perfectum (geschrieben).Nun wollen wir das Verb »ich höre« betrachten. Präsens: ich höre. Ich werde ein »n« an das Wort »höre« hängen, dann ist es »hören«. Das ist der Infinitiv. Dieser Infinitiv aber wird auch als Substantiv gebraucht z.B.: »Das Hören wird mir schwer«.Otto: Ist das nicht dasselbe wie das englische Particip Präsentis"hearing, walking, writing"u.s.w.?Herr Meister: Ganz recht. — Im Deutschen können wir von jedem Worte auf diese Weise ein Substantiv bilden. Und alle diese Substantive haben den Artikel »das« z.B. »das Sprechen wird mir leicht«,[III-3]»das Reitenist heute angenehm« u.s.w.Dr.Albert: Das ist ein sehr guter Wink für den Studierenden und erleichtert ihm vieles.Herr Meister: Nicht wahr? Aber weiter! »Ich höre«. Ich komme zurück zum Präsens, bilde daraus den Infinitiv »hören« und aus diesemInfinitiv[III-4]bilde ich wieder das Futurum, indem ich damit verbinde das Auxiliar »ich werde, du wirst, Sie werden, er wird, sie wird, es wird, wir werden, Ihr werdet, Sie werden, sie werden«. »Ich werde hören« ist also das Futurum. Meistens können wir von diesem Infinitiv auch den Imperativ bilden, aber nicht immer.Das Activum wollen wir nun verlassen und ein wenig über das Passivum sprechen. »Ich höre, ich hörte, ich habe gehört«. Wir nehmen »gehört« vom Perfectum und verbinden es mit dem Auxiliar »ich werde, ich wurde, ich bin geworden«, so finden wir das Passivum. Also Präs. Ich werde gehört &c.; Imperf. Ich wurde gehört &c.; Perf. Ich bin gehört worden &c.Mehr als ich soeben gesagt, gab ich meinen Freunden nicht für den Anfang; — das andere gab ich ihnen nach und nach, und alles wurde ihnen leicht.Dr.Albert: Das ist sehr klar, in der Tat; und ich möchte wohl eine kleineProbemit meiner kleinen, klugen Schwester Martha machen. Sie hat das Verb im Deutschen noch nicht studiert.Martha Parks: Ich habe alles verstanden, Albert, was Herr Meister gesagt hat. Frage nur zu!Dr.Albert: Nun, wir wollen einmal sehen. Ich gebe Dir das Wort »ich fange, ich fing, ich habe gefangen«.Martha Parks: »Ich fange« ist Präsens; »Fangen« ist Infinitiv; »das Fangen« ist Substantiv; »ich werde fangen« ist Futurum. Ist das recht?Louis: Recht, Schwester Martha. Weiter! Das Passiv!Martha Parks: Das Passiv ist: »Ich werde gefangen« — Präsens; »Ich wurde gefangen« — Imperfectum;»Ich[III-5]bin gefangen worden« — Perfectum; »Ich werde gefangen werden« — Futurum.Dr.Albert: Das hast Du gut gemacht, Martha.Martha Meister: Ihre Schwester ist sehr intelligent, Herr Doktor.Otto: Erinnern Sie sich, Herr Meister, wie viele Mühe Sie einmal mit uns hatten, als Sie das Passiv erklärten?Herr Meister: Es geht vielen so, wie es Ihnen erging. — Und oft höre ich von Amerikanern, die wirklich gut Deutsch sprechen und die Grammatik gut studiert haben, Ausdrücke wie »Othello ist heute im Theatergespielt«, anstatt »Othello wird heute im Theater gespielt«. Sie sagen »Othello war gestern Abend im Theater gespielt« anstatt »Othello wurde gestern im Theater gespielt«. Das kommt aber daher: Im Englischen gebrauchen wir"I am, thou art, he is, she is, it is, we are, you are, they are"mit dem Adjectiv, mit dem Substantiv und mit dem Verb z.B."He was good", »He was an American", »He was caught".Im Deutschen aber sagen wir »Er war gut«, »Er war ein Amerikaner«, »Er wurde gefangen«. Im Deutschen sagen wir »ich bin, du bist, Sie sind, er ist, sie ist, es ist, wir sind, ihr seid, sie sind« mit dem Adjektiv und mit dem Substantiv. Mit dem Verbum aber gebrauchen wir »ich werde, du wirst, Sie werden, er wird, sie wird, es wird, wir werden, Ihr werdet, Sie werden, sie werden«.Dr.Albert: Auch das, Herr Meister, ist sehr klar. Nun aber sagen Sie mir: Was tun Sie, daß Ihre Schüler den Artikel lernen?Herr Meister: Nichts. — Da ist nichts zu tun, Herr Doktor. Den Artikel müssen wir der Zeit überlassen. — Die Zeit ist mächtig. Sie tut es für uns; — langsam zwar, aber sicher. — Sprechen unsere Freunde hier den Artikel nicht korrekt?Dr.Albert: Ganz korrekt.Herr Meister: Nun wohl, die Zeit allein hat es getan.Gretchen: Ist Ihnen der Artikel auch recht schwer geworden, Herr Doktor?Dr.Albert: Ja wohl, mein Fräulein. Oft habe ich mich gefragt: Werde ich den Artikel wohl jemals lernen?Gretchen: Aber Sie sprechen den Artikel so perfekt wie ein Deutscher.Dr.Albert: Ja, mein Fräulein — heute!Herr Meister: Ihnen ging es mit dem Artikel, wie mir einst mit derAussprache. Oft war ich in der größtenVerzweiflungund rief: Wann, o wann werde ich die Aussprache des Englischeninne haben! — Ich habe sie heute. — Zeit und Geduld! — Zwar habe ich meinen Freunden einige Regeln gegeben über den Artikel; so z.B. sagte ich oft ....Louis: »e« am Ende, »die« am Beginne.Herr Meister: Ganz recht, Louis. Das heißt: Wenn ein Wort »e« am Ende hat, so hat es meistens den Artikel »die«, z.B.: »Rose«, »die Rose«; »Flamme«, »die Flamme«; »Schule«, »die Schule«. — Auch alle Wörter, die am Ende »heit«, »keit«, »ung«, »schaft« &c. haben, haben den Artikel »die«; z.B.: »die Schönheit«, »die Fröhlichkeit«, »die Wohnung«, »die Freundschaft«.[III-6]— Wörter mit »chen« und »lein« am Ende, haben immer »das«; z.B.: »das Bäumchen«, »das Röslein«. Auch Wörter, welche von Adjektiven kommen, haben »das«; z.B.: »schön«, »das Schöne«; »groß«, »das Große«; »grün«, »das Grüne«. Ferner Wörter, die von Verben kommen und die Form des Infinitivs behalten; z.B.: »schreiben«, »das Schreiben«; »lesen«, »das Lesen«.Nun wohl; das sind einzelne, gute Winke über den Artikel; aber sie helfen nicht sehr viel. In Deutschland verstehen kleine Kinder eben so korrekt zu sprechen, wie hier bei uns die kleinen Kinder die rechte Aussprache haben; das heißt: wenn sie dieselbe korrekt hören. Aber, aber, — wir vergessen, daß uns Herr Louis nicht eingeladen hat, heute über Grammatik zu sprechen.Dr.Albert: Ganz recht, Herr Meister. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnern. — Es kam durch mich; und ich bitte um Entschuldigung, Louis, daß Du durch mich gehindert bist, Dein Programmauszuführen.Louis: Bitte, Albert, das tut nichts. Wenn wir von jetzt an unsere Zeit ökonomisch gebrauchen, so können wir sehr gut unsern Plan ausführen.Darf ich Sie bitten, meine Herrschaften, mir zu folgen? Ich bitte um Ihren Arm, Fräulein Gretchen.Martha Parks: Ich werde mit Ihnen gehen, Herr Meister.Herr Meister: Es wird mir ein großes Vergnügen sein, mein Fräulein.Otto: Darf ich um die Ehre bitten, Fräulein Bella?Dr.Albert: Fräulein Martha, Sie können wohl erraten, wohin Bruder Louis uns zuerst führen wird.Martha Meister: Zu Nero?Dr.Albert: Ganz recht.Martha Meister: Ich dachte es. Ich sah seinem Auge die größte Ungeduld an.Dr.Albert: Vielleichtziehen Sie es vor, mein Fräulein, hier zu bleiben und meine Bibliothek zu besichtigen. — Der größere Teil meiner Bücher ist allerdings noch in Kisten verpackt. Was Sie hier sehen, nenne ich meine Reise-Bibliothek; dieselbe enthält solche Werke, die ich stets gerne bei mir habe.Hier sind die spanischen Werke.Martha Meister: Calderon:La vida es sueño.— Cervantes:Don Quixote.Dr.Albert: Dieses hier sind die italienischen.Martha Meister: Dante:Divina Comedia.— Torquato Tasso:Gerusalemme liberata.— Ariosto:Orlando Furioso.Dr.Albert: Und nun kommen wir zu den französischen.Martha Meister: Corneille:Le Cid.— Racine:Athalie.— Molière:Tartuffe.Dr.Albert: Die deutschen stehen hier.Martha Meister:Goethe[III-7]: Wilhelm Meister, Faust. — Schiller: Wilhelm Tell. — Heine: Buch der Lieder.Dr.Albert: Von den englischen halte ich nur ein Werk bei mir.Martha Meister: Und das ist?Dr.Albert: Sehen Sie hier?Martha Meister: Shakespeare. — Aber warum, Herr Doktor, halten Sie aus unserer kostbaren Litteratur, die doch wahrlich so reich ist, nur ein Werk?Dr.Albert: Wenn ich Shakespeare habe, brauche ich kein anderes Buch mehr. — Sehen Sie hier? — Das ist alles, was ich bei mir habe in der griechischen Sprache.Martha Meister: Homer's »Ilias«.Dr.Albert: Geben Sie mir Homer und Shakespeare und ich will es schon eine Weileaushalten, allein auf einerInsel. — Hier stehen einzelne Werke der lateinischen Sprache.Martha Meister: Virgil's »Aeneis«.Dr.Albert: Und die »Oden« von Horaz.Martha Meister: Es muß herrlich sein, diese Werke in den Original-Sprachen lesen zu können, wie Sie es tun.Dr.Albert: Das ist es allerdings; und ich denke, Jeder solltesich bemühen, dasselbe zu tun. Glauben Sie mir, mein Fräulein: Das Reisen ist dasvorzüglichsteMittel, die Menschen zuveredeln. Mit offnen Ohren und Augen zu reisen, mit den Menschen fremder Länder sprechen und arbeiten, — die Sitten fremder Völker beobachten und vergleichen, — das, mein Fräulein, mehrt unsere Kenntnisse und formt unsern Charakter —Nächst dem Reisen aber ist das Lesen wohl das beste Mittel zur Bildung. Oder wissen Sie etwas Anderes, mein Fräulein, welches interessanter ist und belehrender, als das Reisen und das Lesen?Martha Meister: Nein, gewiß nicht. Aber einssollten wir nie vergessen, Herr Doktor, — die Dankbarkeit und die Bewunderung für diejenigen Männer, welche uns die Mittel geben, uns zu veredeln. Wir sollten über dieGeschöpfeniemals den Schöpfer vergessen.Täglich danken wir ja dem himmlischen Schöpfer für die himmlischen Gaben; — warum sollten wir nicht auch den irdischen Schöpfern danken für die irdischen Gaben?Die idealen Werke eines Shakespeare sollten uns immer an den hohen Genius erinnern, der sie geschaffen, und andere Werke, wieEisenbahnenund Telegraphen, sollten uns an die Dankbarkeit erinnern, die wir den praktischen Männern, den Männern der Wissenschaft,schulden.Dr.Albert: Und sagen Sie auch das noch, mein Fräulein. — Wenn wir mit Menschen fremder Nationen in ihrerMuttersprachereden, so sollen wir in Dankbarkeit der Männer gedenken, die uns den angenehmsten und kürzesten Weg gezeigt haben, das zu erreichen. — Und darum bewundere ich Ihren Vater, mein Fräulein. — Seine Methode ist für die Sprachen, was dieEisenbahnfür das Reisen ist: sie macht den Weg kürzer und angenehmer.Martha Meister: Ich danke Ihnen. — Wissen Sie, Herr Doktor, daß ich noch keine Bibliothek gesehen habe, die so schön gebaut undeingerichtetwar, wie die Ihrige?Dr.Albert: Es macht mich glücklich, daß meineBibliothek Ihren vollenBeifallhat, besonders, weil sie ganz mein Werk ist, das heißt, nach meinem Plane gebaut wurde.Martha Meister: Aber ich dachte, dieser Teil Ihres Hauses wäre erst vor einem Monate beendet worden und vor IhrerRückkehr.Dr.Albert: So ist es. Ich werde Ihnen das erklären: Vor etwa einem Jahre schrieb mein Vater nach Berlin unter anderm: .... »und nun habe ich Dir auch zu schreiben, daß wir, sobald das Wetter besser wird, die Seite unseres Hauses niederreißen werden, die nach dem Garten zu liegt, um sie schöner und größer aufzubauen.Du hast auf Deiner Reise durch Europa gewiß schöne Privat-Bibliotheken gesehen; — und ich würde Dir dankbar sein, wenn Du mir helfen wolltest. Du könntest mir nämlich den Plan zu einer Bibliothek schicken, die nicht zu groß und auch nicht zu klein ist.Du weißt, ich liebe den Komfort; und finde ich dann etwas in Deinem Plane, was ich gebrauchen kann, so werde ich es gewiß nehmen u.s.w., u.s.w.«Darauf antwortete ich meinem Vater: Wenn ich eine Bibliothek bauen dürfte nach meinem Willen, dann müßte sie lang sein, wie ein Saal; denn ich selbst gehe gern während der Arbeit auf und ab; — dazu aber brauche ich Raum; — und ich höre dann gerne meinen eigenenSchritt; — daher wäre es am besten, wenn derFußbodenmit weißen Marmor-Platten bedeckt würde. — Die Halle dürfte nur einStockwerkhochsein, denn ich höre nicht gern denTrittvon Anderen über mir, wenn ich denke.Die Decke seigewölbtund von Glas, um das Licht von oben fallen zu lassen. — Das Ende der Halle, dem Eingange gegenüber, sei ein Halbrund; auch hier sei die Decke gewölbt, — aber nicht von Glas, — blau gemalt mit goldenen Sternen.Rechts und links an beiden Seiten seien Fenster von buntem Glas. — Auch eine Nische würde ich haben zu meiner Rechten; — dahin würde ich eine Marmor-Statue, z.B. eine Kopie der Venus von Medici stellen, zu meiner Linken sollte derStahlsticheiner Madonna von Raphael sein.Durch einen Vorhang von schwerem Damast würde ich dann diese Rotunde trennen von dem Haupt-Teile der Halle. — Eine Doppel-Thüre aber würde ich haben am anderen Ende der Rotunde, dem Vorhang gegenüber. — Diese Thüre müßte in ein kleines Blumen-Haus führen, das gefüllt wäre mit tropischenGewächsen; von hier aus könnte man dann in den Garten gehen.In der Rotunde selbst sei ein Tisch zum Schreiben und einPult, um auch stehend studieren zu können.So wären also drei Abteilungen da, wenn man den Vorhang vorziehen und die Thüre nach dem Blumen-Haus schließen wollte; — nämlich: Die Haupt-Halle der Bibliothek, dann die Rotunde und zuletzt das Blumen-Haus.In der Halle aber würde ich weite und bequemeStühle haben zum Empfang von Gästen und Freunden.Ein großerLeuchter, in der Mitte hängend, müßte das Ganze mit Gas beleuchten, während in der Rotunde nur ein Arm-Leuchter mit Öl sein dürfte.In einem großen Kamin könnte man durch großeHolz-ScheiteWärme durch den ganzen Raum verbreiten.Im Blumen-Hause aber würde ich einenSpring-Brunnenhaben; denn wie Musik so gerne höre ich das Plätschern und Rauschen des Wassers.So etwa schrieb ich, nicht ahnend, was mein Vater wollte. — Ich hatte den Planvölligvergessen; denn in keinem der folgenden Briefeerwähntemein Vater meinen Plan. — Das war eine völlige Verschwörung gegen mich, denn auch meine Mutter und meineGeschwisterschwiegendarüber.Martha Meister: Und ich sehe, alles ist genau so gebaut, wie Sie es gewünscht.Dr.Albert: Genau so, mein Fräulein.Martha Meister: Ich hätte Ihreüberraschungsehen mögen!Dr.Albert: Meine Überraschung, meine Freude, meine Dankbarkeit über dieses alles und über den feinen Takt meiner Teuern war groß.Martha Meister: Sie müssen sehr glücklich sein, Herr Doktor!Dr.Albert: Glücklich? Ja, das bin ich. — Aberdas höchste Glück, — das, — mein Fräulein — ah, die Herrschaften kommen zurück.Bella: Martha, warum bist Du nicht mit uns gegangen? O, wie viel Schönes haben wir gesehen; und nun, Herr Doktor, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?Dr.Albert: Mit Vergnügen, mein Fräulein; aber erst müssen Sie mir sagen, was ich tun soll.Bella: Nein, mein Herr Doktor. Erst müssen Sie mir versprechen, es zu tun; — es ist gar nicht schwer für Sie.Dr.Albert: Nun wohl; ich verspreche Ihnen, zu tun, was Sie wünschen.Bella: Ihre Schwester Martha hat mir draußen gesagt, daß Sie ihr so vieles erzählt haben über Thüringen. Bitte, lieber Herr Doktor, erzählen Sie uns auch etwas. — Ich habe heute noch gar nichts Schönes gehört. Ich weiß nicht, was ich denken soll von Otto und von Louis. Wo ist denn Louis jetzt? Sie sind heute nicht so offen, wie sonst. Einer sieht den andern an und dann lächeln sie; und so oft ich sie frage: Aber was ist denn? — so sagen sie beide: O nichts, gar nichts. — Ich bin ganz böse mit Ihnen, Otto.Otto: O, das tut mir aber leid.Dr.Albert: Also von Thüringen soll ich Ihnen erzählen. Setzen wir uns.Herr Meister: Ich meine, derSängerkriegauf der Wartburg hätte großes Interesse für uns alle, Herr Doktor.Dr.Albert: Sehr wohl.Bella: Entschuldigen Sie, Herr Doktor. Ist das dieselbe Wartburg, über welche Sie einmal an Louis geschrieben haben? —Dr.Albert: Es ist dieselbe, mein Fräulein. Das Schönste, was Sie sehen können in dieser alten Burg, das ist der Saal.Vor mehr als sechshundert Jahren, im Jahre 1207, waren hier sechs der größten Sänger und Poeten Deutschlands versammelt, um vor demLandgrafenund derLandgräfin, vor den Rittern und den schönenRitterfrauenund Fräulein um den höchsten Preis zu ringen durch ihre Kunst in Poesie und Gesang.Mit den schönsten Worten, mit den lieblichsten Tönen, mit der höchsten Begeisterung sang einer nach dem andern zum Preise der Religion, der Frauen und der Fürsten.Heinrich von Ofterdingen, dergeschicktestevon allen, sang aber allein gegen die übrigen fünf; erpriesden Herzog Leopold von Österreich; — und die fünf anderen: Heinrich der tugendsame Schreiber, Walther von der Vogelweide, Reinmar der Alte, Bitterolf und Wolfram von Eschenbach lobten denLandgrafen.Und da sie alle vollendet hatten, wußte man nicht, welcher Partei man den Preis zukommen lassen sollte, ob den fünf Sängern, ob Heinrich von Ofterdingen.Man konnte zu keiner Entscheidung kommen, und die Erbitterung war so groß geworden, daß man zuletzt beschloß, das Loos sollte entscheiden, wer Sieger sei; derBesiegte aber sollte sterben, und dieses Loos traf Heinrich von Ofterdingen; und als die erbitterten Sänger ihnergreifenwollten,floher aus ihrer Mitte zum Ende der Halle zurLandgräfinund fiel ihr zu Füßen und bat um ihrenSchutz.Und er hatte nicht umsonstgefleht. — Sie sah seine angstvollen Augen und hörte seine klagenden Worte und hatte Erbarmen mit seinem jungen Leben. — Sie breitete die Falten ihres weiten Mantels über ihn zum Zeichen, daß sie ihn schütze, daß niemand ihnberühren, niemand ihnbeschädigendürfte.Undman einigte sich, daß man nach einem Jahre den Kampf wieder beginnen undentscheidenwollte.Nach einem Jahre waren sie alle wieder versammelt. Heinrich von Ofterdingen war in diesem Jahre bei dem großen Meister Klingesor imUngarnlandegewesen. Der Meister selbst war mit ihm gekommen.Der Kampf des Gesanges aber endete heute fröhlicher, als im Jahre zuvor, und der Preis wurdezuerkannt— dem Sänger Wolfram von Eschenbach.Nun ging man zur Tafel, und edle Knappen und schöne Mägdelein brachten die besten Speisen in silbernen Schalen und den feurigsten Wein in goldenen Bechern.Heute waren alle freudig. Da stand der Meister Klingesor aus dem Ungarlande auf und alle hörten mit großerEhrfurchtdie Worte, welche er sprach: In dieser Stunde wird dem Könige vom Ungarlande eine Tochter geboren; und sie wird einst in das schöne Thüringenkommen und Herrin sein in diesen Hallen. Heil der Tochter meines Herrn! Heil ihr, die man nennen wird Elisabeth. — So endete derSängerkriegauf der Wartburg, — und Fräulein Bella, ich hoffe, daß meine Erzählung Ihnen gefallen hat.Bella: Sehr gut. Ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor.Gretchen: Das ist die heilige Elisabeth; weißt Du das, Bella?Bella: Ich habe es bis jetzt nicht gewußt.Martha Meister: Die heilige Elisabeth war meine Heldin; und als ich in Deinem Alter war, Martha, habe ich immer von ihr gelesen. Nicht wahr, Papa?Herr Meister: Ich erinnere mich dessen sehr genau, meine Tochter.Martha Parks: War sie wirklich so gut, daß man ihr den Namen die heilige Elisabeth gegeben hat?Martha Meister: Sie war sehr gut.Martha Parks: Aber was hat sie denn getan?Martha Meister: Das will ich Dir wohl sagen:Vier Jahre war Elisabeth alt, — da empfing ihr Vater, der König von Ungarn, eines Tages die Boten desLandgrafenvon Thüringen; — sie baten um die Hand seiner Tochter für den Sohn des Landgrafen.Der König von Ungarn hörte dieses gerne, denn er wußte, daß das Thüringer-Land reich und schön war und seine Landgrafen edel.In einem goldenen Wagen verließ Elisabeth dasUngarnland, begleitet von ihrerAmme, von vielen edlen Jungfrauen und Rittern; und da sie nach Thüringen vor die Wartburg kamen, wurden sie mit großer Freude empfangen.Der junge Prinz öffnete selbst die Thüre zum Wagen und hob seine Braut aus der silbernen Wiege, in welcher sie lag, und alle erstaunten über ihre große Schönheit und über die große Anzahl der Wagen, die ihr folgten, gefüllt mit Gold und anderen kostbaren Dingen.Der Prinz und die Prinzessin aber liebten sich und waren wie Bruder und Schwester und spielten mit einander; denn beide waren noch jung; der Prinz war erst zehn und die Prinzessin nur vier Jahre alt.Und da Elisabeth älter und größer wurde, vermißte sie nie die Kirche; und sie betete immer zu Gott, daß er sie gut machen möchte, und daß sie den Menschen gutes tun könnte.Den Armen gab sie, so viel sie nur konnte, und die Kranken besuchte sie und tat ihnen viel Gutes und sie war gegen alle Menschen so freundlich, besonders aber mit den Traurigen.DieLandgräfinaber, des Prinzen Mutter, war darüber oft hart mit ihr, denn sie sagte, sie wäre eine Prinzessin und würde einst die Gemahlin ihres Sohnes werden, und es wäre nicht recht, sich so gemein zu machen. — Und einst sagte die Landgräfin sogar: Wir wollen sie zurückschicken nach Ungarn!Da aber zeigte der junge Prinz auf einen großenBerg und sprach: Siehst du den Berg vor uns? Wäre er auch vom feinsten Golde, so wollte ich doch eher ihn vermissen, als meine Elisabeth. Ich habe nichts lieber auf dieser Welt, als sie.Da Elisabeth fünfzehn Jahre alt war, wurde eine große Hochzeitgefeiert. Es war ein schönes, glückliches Paar. — Sie war schön und liebreich und fromm; und er war reich an allenTugendeneines Ritters.

Sektion 3 KopfIII.

Martha Parks: Das ist ein schönes Märchen! Aber das Ende, Albert?

Dr.Albert: Es ist zu Ende. Hat es Dir gefallen, Martha?

Martha Parks: Sehr gut, Albert.

Dr.Albert: Das war eine liebe, gute Schwester, nicht wahr, Martha?

Martha Parks: Glaubst Du, Albert, daß es heute solche Schwestern giebt?

Dr.Albert: O ja. — Schwestern sind heute so gut, wiefrüher. — Nun aber möchte ich von Dir das Märchen hören. Willst Du es erzählen?

Martha Parks: O ja, das will ich: Da war eine Mutter, die hatte sieben Söhne und eine Tochter. — Wenn die Knaben gespielt hatten im Garten oder im Walde, dann kamen sie immer hungrig nach Hause; — und eines Tages standen sie wieder um ihre Mutter, welche ein Brot in der einen Hand hatte und ein Messer in der andern.

Gieb mir zuerst, Mutter! — Gieb mir zuerst! — riefen die Knaben wild durch einander. —

Wenn ihr doch alle Raben wäret! sagte unwillig die Mutter. — Da waren die Knabenplötzlichverschwunden, und über dem Hause flatterten sieben Raben hin und her undkreischten: Rab! Rab! Rab!

O, meine Brüder! rief da die Schwester, — und die arme Mutter weinte und jammerte. Aber das half nun nichts mehr. Die Rabenflogenin den Wald.

Die Mutter hatte nun keine frohe Stunde mehr. Sie weinte Tag und Nacht — und starb bald vor großem Schmerz, und da war das Mädchen ganz allein.

Tag für Tag aber ging sie in den Wald, sah nach allen Bäumen, sah nach allen Raben und rief ihre Brüder mit Namen, — aber sie kamen nicht. Und wenn sie dann oftmals ohne alle Hoffnung war, dann setzte sie sich auf einenBaumstamm, bedeckte ihr Gesicht mit ihren weißen Händchen und weinte bitterlich.

So saß sie auch eines Tages da; und ihrJammerwar so groß, daß sie dachte, ihr Herz müsse brechen. Da hörte sie eine Stimme: Stille deine Thränen, gutes Mädchen! Wenn du sieben Jahreschweigen, — nicht ein Wort sprechen und siebenHemden,spinnen willst, so sollst du deine Brüder wieder finden. — Das Mädchen sah auf; — und vor ihr stand ein Zwerg mit langemSilberbarte; der winkte ihr freundlich zu und — verschwand.

Das Mädchen aber merkte seine Worte. Sie blieb im Walde, wohnte in einem hohlen Baume, sprach kein Wort und spann Flachs für die Hemden. — So warensechs Jahre vergangen, aber das siebente Jahr war noch nicht zu Ende.

Da kam einmal ein Prinz in den Wald. Er sah das liebliche Mädchen und dachte zuerst, sie wäre ein wirklicher Engel. — Er sprach mit ihr; sie aber antwortete nicht; sie schüttelte nur mit dem Kopfe.

Armes Kind, sagte der Prinz zu seinen Dienern, — sie iststumm; aber sie ist schön. Keine Prinzessin der Welt kann schöner sein; — und nahm sie mit sich in seinen Palast.

Der Prinz aber hatte eine Schwester, die war hart und grausam. — Was willst du mit dem fremden Mädchen? fragte sie ihren Bruder. — Ich werde sie mir zur Gemahlin nehmen, antwortete der Prinz. — DieseHexedeine Gemahlin? rief die Prinzessin. — Ja, sie ist eine Hexe! Sie kann wohl sprechen; aber sie darf nicht und sie will nicht! — Sage das nicht, Schwester, sprach der Prinz; — sie ist gut, aber sie ist stumm. Armes Mädchen!

Die Prinzessin aber sprach zu allen Leuten, daß alle mit ihr dachten und sprachen: Ja, sie ist eine Hexe, und sie muß verbrannt werden; — und einScheiterhaufenwurde errichtet und sie wurde dahin geführt.

Der Prinz küßte sie tausendmal und wollte sie nicht lassen. Er weinte, daß alle mitweinen mußten, die es hörten. Auch sie weinte und blickte hinauf zum Himmel; aber sie sprach kein Wort.

So ging sie und trug die sieben Hemden unter demArme und kam an denScheiterhaufenund mußte hinauf steigen. — Und da sie oben stand, wollte man das Feueranzünden, — und betend sah sie hinauf zum Himmel, — — da kamen sieben Raben und flogen und flogen um denHolzhaufen; denn in diesemAugenblickewaren die sieben Jahre zu Ende.

Sie warf einem jeden von den Raben ein Hemd zu, und da standen vor ihr sieben schöne Ritter.

Schwester! Treue, liebe Schwester! riefen alle. — Da sind sie wieder, meine Brüder! rief sie. O, meine Brüder!

Alle erstaunten. Das Feuer wurde nicht angezündet. — Sie erzählte ihre Geschichte, und der Prinz stieg auf den Scheiterhaufen. Engel! o mein Engel! rief er, — und trug sie hinunter und führte sie in seinen Palast; und bald war sie sein Weib.

Albert, höre einmal! Was war das?

Dr.Albert: Bravo, — Bravo?

Martha Parks: Wer ruft da Bravo? — Ich werde die Thüre öffnen. — Herr Meister!

Herr Meister: Verzeihung, meine kleine Freundin! Vergebung, Herr Doktor! Gegen unsern Willen sind wirLauschergeworden.

Martha Meister: Nicht Lauscher, Papa, — Zuhörer, — Bewunderer. — Ein kleines Auditorium für Martha.

Martha Parks: So habt Ihr alles gehört?

Gretchen: Das meiste, liebe Martha. — Herr Otto wollte uns einführen, aber wir wollten Dich nicht unterbrechen. — Wie schön Du das erzählt hast!

Martha Parks: Das kommt, weil ich dieses Märchen so liebe.

Bella: Ist dieses Ihre Bibliothek, Herr Doktor?

Dr.Albert: Hier ist meine Bibliothek, Fräulein, und Schwester Marthas Schule. Nicht wahr?

Martha Parks: Und Du bist mein Lehrer. O, ist das nicht komisch? Albert ist ein Lehrer!

Dr.Albert: Wissen Sie, meine Herrschaften, es macht mir unendliche Freude, meine kleine Schwester zu lehren. Sie ist so intelligent, und dabei ist diese Art zu lehren so höchst interessant für mich selbst.

Louis: Ja, ich habe Albert gesagt, daß er es machen sollte wie Sie, Herr Meister. Das ist die beste Methode in der Welt!

Herr Meister:Gemach, mein Freund Louis. Jeder Weg ist gut, wenn er uns zumZieleführt, und der Weg, den wirgewählthaben, ist gewiß einer der angenehmsten. Was meinen Sie, Herr Otto?

Otto: Sicherlich, angenehm, interessant — und vor allemgediegen; und auch Bruder Albert meint, das Halbe, das Einseitige und dasOberflächlichewäre unmöglich in Ihrer Methode.

Dr.Albert: Das sehe ich am Resultate. — Allein über einen Punkt habe ich nun schon viel gedacht und bin jetzt noch nicht im Klaren?

Herr Meister: Und das wäre, Herr Doktor?

Dr.Albert: Die Grammatik.

Herr Meister: Ah, — das dachte ich!

Dr.Albert: Wie haben Sie selbst es mit der Grammatik gehalten?

Herr Meister: In der folgendenWeise: Wenn meine Freunde Fehler im Sprechen oder Schreiben gemacht haben, so habe ich sie verbessert.

Dr.Albert: So sagte mir Louis. Allein ich sollte denken, das würde nicht genügen.

Herr Meister: Bei manchen Schülern genügt es, bei anderen nicht.

Dr.Albert: So machen Sie einenUnterschiedbei den Schülern, wie ich sehe?

Herr Meister: In der Tat, das thue ich. — Bei Kindern schlage ich den Weg ein, den die Müttereinschlagenbei ihren Lieblingen und den die Natur selbst sie gelehrt. — Wenn das Kindfehlerhaftspricht, so sagt die Mutter: Nicht so, mein Kind. Das war nicht recht. So mußt du sprechen. — Das genügt meistens für Kinder. Oft kann man bei ihnen keinen andern Weg einschlagen. — Und warum sollte man den Kindern mehr sagen, als das? Sie haben ja Zeit genug, haben nichts zuversäumen.

Anders aber ist es bei älteren Personen, die denken und immer nach dem Warum? fragen. Bei diesen und besonders bei solchen, welche die Grammatik ihrerMuttersprachestudiert hatten, gehe ich ebenfalls denWeg, von dem ich sagte, daß die Natur ihn vorgeschrieben habe; — alleinich füge noch etwas Neues hinzu: Ich gebe ihnen auch die Regeln der Grammatik, nachdem ich die Fehler verbessert habe, undso dringen sie auch einin den Geist der Sprache.

Doch habe ich mich stetsgehütet, darin zu viel zu tun, und niemals habe ich meine Schülerermüdetmit Regeln der Grammatik. Stets war es Vergnügen für beide Teile, für Schüler und Lehrer.

Auch bin ich nicht immer denselben Weg gegangen; oft tat ich es so und oft anders, je nach dem Alter, je nach der Individualität des Studierenden; — und darin liegt die hohe Schönheit und die Größe dieses Systems: Es ist ein System der Freiheit, der wahren Freiheit, — das nur entstehen konnte in einem freien Lande. Jeder Lehrer kann darin seine Individualität geben, um so das Höchste und Beste zu erreichen.

Otto: Sehr wahr!

Herr Meister: Worüber ich aber noch täglich erstaunen muß, ist eineBeobachtung, die ich neulich gemacht habe: Daß nur wenig Grammatik, daß nur wenige Regeln genügen, um recht zu sprechen und recht zu schreiben. — Dazufreilichist es nötig, daß der Lehrer klar denkt und sieht.

Ich habe meinen Freunden hier gewisse, kurze Regeln gegeben, — und, Sie sehen, sie sprechen korrekt.

Dr.Albert: Das ist wahr. — Und welche Regeln halten Sie für die notwendigsten?

Herr Meister: Ah, — für die notwendigsten! Mein lieber Herr Doktor, ich will Ihnen einige von solchen Sätzen geben, die meinen Freunden gute Dienstegeleistethaben. — Aber nehmen Sie die Sätze für nichts mehr, als für was ich sie ausgebe: Praktische Winke, die unendlich viel Gutes tun. Sie mißverstehen mich nicht, nicht wahr? — Ich gebe sie Ihnen nicht als Regeln.

Meine Freunde haben sichgewöhnt, ihre Gedanken sofort mit deutschen Worten auszudrücken.

Dr.Albert: Und das erkenne ich als den größtenVorteilIhrer Methode.

Herr Meister: Ganz recht. — Dennoch kommt es vor, daß sie englische Idiome und Konstruktionen gebrauchen.

Dr.Albert: Das ist ganz natürlich.

Herr Meister: Ja. — Zum Beispiel: Unsere Freunde würden nie im Englischen sagen:"My brother Louis rides good";das wäre nicht grammatikalisch; — sie würden sagen:"My brother Louis rides well;"denn"good"ist ein Adjektiv im Englischen,"well"aber wird als Adverb gebraucht. So kam es denn, daß Herr Otto auch im Deutschen sagte »Mein Bruder Louis reitet wohl«. Im Deutschen aber ist das nicht recht. — »Wohl« wird sehr oft gebraucht als Synonym von »nicht krank«. — Z.B. »Wie geht es Ihnen? — Danke, ich bin wohl«. Wir gebrauchen es auch oft in dieserVerbindung: »Bringen Sie mir gefälligst ein Glas Wasser!« »Sehr wohl, mein Herr«, — wie das Englische"all right", "very well"und so weiter."My brother Louis rides well"würde im Deutschen sein: »Mein Bruder Louis reitet gut«; denn »gut« ist im Deutschen Adjektiv und Adverb. Also nicht:"He speaks well"»Er spricht wohl«, sondern: »Er spricht gut«.

Otto: Den Fehler habe ich sehr oft gemacht, nicht wahr, Herr Meister?

Herr Meister: O ja, recht oft. Aber bin ich jemals müde geworden, Sie zu verbessern?

Otto: Nein, wahrlich nicht. Sie hattenAusdauerwie unser U.S. Grant.

Bella:Beharrlichkeitführt zum Ziele.

Herr Meister: Und hier z.B. ist unsere liebe Freundin Bella. — Sie würde im Englischen sagen:"I wish to write a letter";— und so sprach sie dann auch im Deutschen: »Ich wünsche einen Brief zu schreiben«; — aber wir sprechen im Deutschen gewöhnlich nicht so:"I wish to buy essence of the white rose",»Ich wünsche, Essenz der weißen Rose zu kaufen«; das ist nicht recht, meine Freundin, nicht wahr? Heute aber wissen wir es besser.

Bella: Heute sage ich: »Ich will einen Brief schreiben«, »Ich will Essenz der weißen Rose kaufen«, oder noch besser: »Ich möchte Essenz der weißen Rose kaufen.«

Herr Meister: Ganz recht.

Louis: Du mußt nicht denken, mein lieber Doktor, daß ich ohne Fehler bin. O, ich kann auch Fehler machen, so gut wie Fräulein Bella.

Bella: Und das kann ichbezeugen.

Louis: Und ich kann Dir auch einige aufzählen, denn ich kenne meine Fehler auswendig. — Sieh' einmal hierher, Albert. In unserer englischen Sprache sagt man z.B."To-day we are here. To-morrow we shall go to Mr. Meister's house".Und so habe ich auch im Deutschen gesprochen: »Heute wir sind hier. Morgen wir werden gehen in Herrn Meisters Haus.« Dieses Deutsch ist nicht gut, Albert. Nicht wahr? Das ist schlechtes Deutsch."To-day"ist hier ein Adverb. Das Adverb muß im Deutschen beim Verb stehen oder auch beim Auxiliar, wenn ein solchesvorhandenist. Du mußt also sprechen: »Heute sind wir hier. Morgen werden wir in Herrn Meisters Haus gehen«. »Heute« muß bei »sind« stehen und »morgen« bei »werden«. Du mußt nicht das Adverb von dem Verb oder dem Auxiliartrennen. Hast Du mich verstanden, Albert?

Dr.Albert: Sehr gut, Louis.

Louis: Nun, dann höre weiter: Im Englischen sagen wir z.B."I have written this page". »I shall go to the concert".Wenn Du nun nicht den Unterschied zwischen der deutschen und englischen Konstruktion studiert hättest, so würdest Du im Deutschen sagen: »Ich habe geschrieben diese Seite«, »Ich werde gehen in das Konzert«. — Aber ist das recht, Albert?

Dr.Albert: Nein.

Louis: Du mußt sagen: »Ich habe diese Seite geschrieben«; denn im Deutschen mußt Du das Auxiliar von dem Verb trennen, wenn es geht. — Ist das klar?

Dr.Albert: O, sehr klar! Ich muß nicht sagen: »Ich werde gehen in das Konzert«, sondern: »Ich werde in das Konzert gehen«.

Louis: O, Du bist einvorzüglicherSchüler. Ich will Dir noch mehr sagen:"I am glad that you are here",»Ich bin froh, daß du bist hier«. Dieses Deutsch ist nicht gut. — Ich habe hier zwei Sätze, und der erste Satz ist: »Ich bin froh«. Dieser Satz ist recht. Der zweite Satz beginnt nach dem Komma mit dem Worte »daß«, und dieser Satz ist falsch; — denn ein jeder Satz, welcher mit der Konjunktion »daß« beginnt, hat das Verb am Ende oder auch das Auxiliar, wenn ein solches vorhanden ist. — Also muß ich sagen: »daß du hier bist« und nicht »daß du bist hier«. Noch andere Konjunktionen gehen wie »daß«, doch nicht alle, und es wird gut sein, wenn Du an diese Worte denkst: »Konjunktion am Beginne, Verb oder Auxiliar am Ende.«"I hear that he will come",»Ich höre, daß er kommen wird« und nicht: »Ich höre, daß er wird kommen«."He says that he has done his work",»Er sagt, daß er seine Arbeit getan hat« und nicht: »Er sagt, daß er hat getan seine Arbeit«. Du siehst auch hier, daß in den Sätzen, die mit Konjunktionen beginnen, das Verb oder das Auxiliar am Ende steht.

Dr.Albert: Ja, ja. Das sehe ich. O, wie sehr ich Dir danke!

Louis: O, bitte, bitte! Wenn Grammatik Dir so sehr gefällt, dann werde ich Dir noch mehr geben. Vielleicht würdest Du sagen für:"I am going"»Ich bin gehend«,"I am writing a letter"»Ich bin schreibend einend Brief«. Das wäre aber kein gutes Deutsch. — Wo wir im Englischen ein Partizip des Präsens sagen, sagt man im Deutschen das Präsens: »Ich gehe«, »Ich schreibe einen Brief«."He is talking"= »Er spricht«; nicht: »Er ist sprechend«. —"He was walking"nicht: »Er war gehend«, sondern,[III-1]»Er istgegangen«. —"He was working"= »Er hat gearbeitet« u.s.w.

Dr.Albert: Sehr gut, Louis. Du verstehst Grammatik.

Louis: Nicht wahr?

Dr.Albert: Aber Du sagtest mir, Du hättest keine Grammatik studiert.

Louis: Nun ja, ich meinte, nicht so, wie Du.

Herr Meister: Aber Louis, Sie hätten noch sprechen sollen über: »Ich bin, du bist, Sie sind, er ist, sie ist, es ist; Wir sind, ihr seid, Sie sind, sie sind« &c.; und über: »Ich habe, du hast, Sie haben, er hat, sie hat, es hat; Wir haben, ihr habt, Sie haben, sie haben« &c.

Louis: Das kann ich noch tun, Herr Meister, wenn Sie erlauben. Ich war nicht bei Dir in Berlin, Albert, als Du Deutsch studiert hast, aber ich weiß doch, Duhast immer gesagt für"He has gone"»Er hat gegangen«, für"He has run"»Er hat gelaufen«. Wir haben das hier immer so gesagt und ich am meisten; nicht wahr, Otto? Aber es war nicht recht. Es sollte heißen für"He has gone"»Er ist gegangen«; für"I have run"»Ich bin gelaufen«. Ich habe lange Zeit gebraucht, um das zubegreifen; und noch längere Zeit, um es zu sprechen, bis endlich Herr Meister so zu mir sprach: Louis, hören Sie einmal: »Ich gehe«, »ich schwimme«, »ich renne«, »ich reite«, »ich fahre«, »ich stehe auf«, — das sind Wörter, die eineBewegung,andeuten, nicht wahr? — eine Bewegung des Subjektes von einem Platze zum andern oder von einer Position in eine andere. — Nun gut. Solche Wörter aber stehen im Perfectum oder Plusquamperfectum nicht mit dem Auxiliar »haben«, sondern mit dem Auxiliar »sein«. Also nicht: Perfectum »Ich habe nach Hause gegangen«, Plusquamperfectum »Ich hatte nach Hause gegangen«; sondern Perf. »Ich bin nach Hause gegangen«, Plusq. »Ich war nach Hause gegangen«, und nicht: Perf. »Ich habe schnell gelaufen«, Plusq. »Ich hatte schnell gelaufen«, sondern Perf. »Ich bin schnell gelaufen«, Plusq. »Ich war schnell gelaufen«. Im Englischen haben wir für das Perfectum im Activum stets das eine Auxiliar"I have"&c. —Im[III-2]Deutschen aber haben wir zwei: »Ich habe« zc. und »ich bin« zc. Also: Alle Wörter im Deutschen, die eine Bewegung des Subjektes angeben von einer Stelle zur andern oder aus einerStellungin die andere, stehen mit dem Auxiliar »sein«; z.B.: Präs. Ich schwimme &c.; Imperf. Ich schwamm &c.; Perf. Ich bin geschwommen, du bist geschwommen, Sie sind geschwommen, er ist geschwommen, sie ist geschwommen, es ist geschwommen, wir sind geschwommen, Ihr seid geschwommen, Sie sind geschwommen, sie sind geschwommen; Plusq. Ich war geschwommen, du warst geschwommen, Sie waren geschwommen, er war geschwommen, sie war geschwommen, es war geschwommen, wir waren geschwommen, Ihr waret geschwommen, Sie waren geschwommen, sie waren geschwommen.

So auch: Präs. Ich reise &c.; Imperf. Ich reiste &c.; Perf. Ich bin gereist &c.; Plusq. Ich war gereist &c. — Präs. Ich reite &c.; Imperf. Ich ritt &c.; Perf. Ich bin geritten &c.; Plusq. Ich war geritten &c. — Präs. Ich fahre &c.; Imperf. Ich fuhr &c.; Perf. Ich bin gefahren &c.; Plusq. Ich war gefahren &c. — Präs. Ich falle &c.; Imperf. Ich fiel &c.; Perf. Ich bin gefallen &c.; Plusq. Ich war gefallen &c.

Dr.Albert: Das verstehe ich sehr gut, mein lieber Louis. Nun danke ich Dir.

Louis: Bitte, bitte.

Dr.Albert: Das Verb oder, wie wir es in Berlin nannten, dasZeitwort, hat mir im Deutschen nie vielMühegemacht.

Bella: Auch mir nicht. — Da giebt es nicht so viele unregelmäßigenZeitwörterwie im Französischen.

Otto: Das deutsche Verb ist so leicht, wie das englische, meine ich.

Dr.Albert: Ganz gewiß; und dazu hat das Englische das Verb leichter, als eine andere Sprache, die ich kenne. Denken Sie nicht auch so, Herr Meister?

Herr Meister:Ich stimme Ihnen bei.

Bella: Herr Meister, Sie hatten mir das deutsche Verb so klar gemacht, daß ich es in wenigen Minuten für immer verstanden habe.

Otto: Ich wünsche, Herr Meister, Sie würden meinem Bruder Ihre Methode erklären.

Herr Meister: Mit Vergnügen. Ich habe das Folgende für das Beste befunden, andere mögen andersverfahren. Meine Freunde haben von Anfang an das Präsens, das Imperfectum und das Perfectum aller Zeitwörter gelernt. Sie wissen »ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben«; »ich höre, ich hörte, ich habe gehört«. Sie wissen auch »ich höre« ist einregelmäßigesVerb; denn »höre« behält »ö« in allen Zeiten: Präsens, Imperfectum &c.; — auch wissen Sie »ich schreibe« ist ein unregelmäßiges Zeitwort, weil es nicht denselben Vokal behält in allen Zeiten; — im Präsens hat es »ei« (schreibe); im Imperfectum »ie« (schrieb) und auch im Perfectum (geschrieben).

Nun wollen wir das Verb »ich höre« betrachten. Präsens: ich höre. Ich werde ein »n« an das Wort »höre« hängen, dann ist es »hören«. Das ist der Infinitiv. Dieser Infinitiv aber wird auch als Substantiv gebraucht z.B.: »Das Hören wird mir schwer«.

Otto: Ist das nicht dasselbe wie das englische Particip Präsentis"hearing, walking, writing"u.s.w.?

Herr Meister: Ganz recht. — Im Deutschen können wir von jedem Worte auf diese Weise ein Substantiv bilden. Und alle diese Substantive haben den Artikel »das« z.B. »das Sprechen wird mir leicht«,[III-3]»das Reitenist heute angenehm« u.s.w.

Dr.Albert: Das ist ein sehr guter Wink für den Studierenden und erleichtert ihm vieles.

Herr Meister: Nicht wahr? Aber weiter! »Ich höre«. Ich komme zurück zum Präsens, bilde daraus den Infinitiv »hören« und aus diesemInfinitiv[III-4]bilde ich wieder das Futurum, indem ich damit verbinde das Auxiliar »ich werde, du wirst, Sie werden, er wird, sie wird, es wird, wir werden, Ihr werdet, Sie werden, sie werden«. »Ich werde hören« ist also das Futurum. Meistens können wir von diesem Infinitiv auch den Imperativ bilden, aber nicht immer.

Das Activum wollen wir nun verlassen und ein wenig über das Passivum sprechen. »Ich höre, ich hörte, ich habe gehört«. Wir nehmen »gehört« vom Perfectum und verbinden es mit dem Auxiliar »ich werde, ich wurde, ich bin geworden«, so finden wir das Passivum. Also Präs. Ich werde gehört &c.; Imperf. Ich wurde gehört &c.; Perf. Ich bin gehört worden &c.

Mehr als ich soeben gesagt, gab ich meinen Freunden nicht für den Anfang; — das andere gab ich ihnen nach und nach, und alles wurde ihnen leicht.

Dr.Albert: Das ist sehr klar, in der Tat; und ich möchte wohl eine kleineProbemit meiner kleinen, klugen Schwester Martha machen. Sie hat das Verb im Deutschen noch nicht studiert.

Martha Parks: Ich habe alles verstanden, Albert, was Herr Meister gesagt hat. Frage nur zu!

Dr.Albert: Nun, wir wollen einmal sehen. Ich gebe Dir das Wort »ich fange, ich fing, ich habe gefangen«.

Martha Parks: »Ich fange« ist Präsens; »Fangen« ist Infinitiv; »das Fangen« ist Substantiv; »ich werde fangen« ist Futurum. Ist das recht?

Louis: Recht, Schwester Martha. Weiter! Das Passiv!

Martha Parks: Das Passiv ist: »Ich werde gefangen« — Präsens; »Ich wurde gefangen« — Imperfectum;»Ich[III-5]bin gefangen worden« — Perfectum; »Ich werde gefangen werden« — Futurum.

Dr.Albert: Das hast Du gut gemacht, Martha.

Martha Meister: Ihre Schwester ist sehr intelligent, Herr Doktor.

Otto: Erinnern Sie sich, Herr Meister, wie viele Mühe Sie einmal mit uns hatten, als Sie das Passiv erklärten?

Herr Meister: Es geht vielen so, wie es Ihnen erging. — Und oft höre ich von Amerikanern, die wirklich gut Deutsch sprechen und die Grammatik gut studiert haben, Ausdrücke wie »Othello ist heute im Theatergespielt«, anstatt »Othello wird heute im Theater gespielt«. Sie sagen »Othello war gestern Abend im Theater gespielt« anstatt »Othello wurde gestern im Theater gespielt«. Das kommt aber daher: Im Englischen gebrauchen wir"I am, thou art, he is, she is, it is, we are, you are, they are"mit dem Adjectiv, mit dem Substantiv und mit dem Verb z.B."He was good", »He was an American", »He was caught".Im Deutschen aber sagen wir »Er war gut«, »Er war ein Amerikaner«, »Er wurde gefangen«. Im Deutschen sagen wir »ich bin, du bist, Sie sind, er ist, sie ist, es ist, wir sind, ihr seid, sie sind« mit dem Adjektiv und mit dem Substantiv. Mit dem Verbum aber gebrauchen wir »ich werde, du wirst, Sie werden, er wird, sie wird, es wird, wir werden, Ihr werdet, Sie werden, sie werden«.

Dr.Albert: Auch das, Herr Meister, ist sehr klar. Nun aber sagen Sie mir: Was tun Sie, daß Ihre Schüler den Artikel lernen?

Herr Meister: Nichts. — Da ist nichts zu tun, Herr Doktor. Den Artikel müssen wir der Zeit überlassen. — Die Zeit ist mächtig. Sie tut es für uns; — langsam zwar, aber sicher. — Sprechen unsere Freunde hier den Artikel nicht korrekt?

Dr.Albert: Ganz korrekt.

Herr Meister: Nun wohl, die Zeit allein hat es getan.

Gretchen: Ist Ihnen der Artikel auch recht schwer geworden, Herr Doktor?

Dr.Albert: Ja wohl, mein Fräulein. Oft habe ich mich gefragt: Werde ich den Artikel wohl jemals lernen?

Gretchen: Aber Sie sprechen den Artikel so perfekt wie ein Deutscher.

Dr.Albert: Ja, mein Fräulein — heute!

Herr Meister: Ihnen ging es mit dem Artikel, wie mir einst mit derAussprache. Oft war ich in der größtenVerzweiflungund rief: Wann, o wann werde ich die Aussprache des Englischeninne haben! — Ich habe sie heute. — Zeit und Geduld! — Zwar habe ich meinen Freunden einige Regeln gegeben über den Artikel; so z.B. sagte ich oft ....

Louis: »e« am Ende, »die« am Beginne.

Herr Meister: Ganz recht, Louis. Das heißt: Wenn ein Wort »e« am Ende hat, so hat es meistens den Artikel »die«, z.B.: »Rose«, »die Rose«; »Flamme«, »die Flamme«; »Schule«, »die Schule«. — Auch alle Wörter, die am Ende »heit«, »keit«, »ung«, »schaft« &c. haben, haben den Artikel »die«; z.B.: »die Schönheit«, »die Fröhlichkeit«, »die Wohnung«, »die Freundschaft«.[III-6]— Wörter mit »chen« und »lein« am Ende, haben immer »das«; z.B.: »das Bäumchen«, »das Röslein«. Auch Wörter, welche von Adjektiven kommen, haben »das«; z.B.: »schön«, »das Schöne«; »groß«, »das Große«; »grün«, »das Grüne«. Ferner Wörter, die von Verben kommen und die Form des Infinitivs behalten; z.B.: »schreiben«, »das Schreiben«; »lesen«, »das Lesen«.

Nun wohl; das sind einzelne, gute Winke über den Artikel; aber sie helfen nicht sehr viel. In Deutschland verstehen kleine Kinder eben so korrekt zu sprechen, wie hier bei uns die kleinen Kinder die rechte Aussprache haben; das heißt: wenn sie dieselbe korrekt hören. Aber, aber, — wir vergessen, daß uns Herr Louis nicht eingeladen hat, heute über Grammatik zu sprechen.

Dr.Albert: Ganz recht, Herr Meister. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnern. — Es kam durch mich; und ich bitte um Entschuldigung, Louis, daß Du durch mich gehindert bist, Dein Programmauszuführen.

Louis: Bitte, Albert, das tut nichts. Wenn wir von jetzt an unsere Zeit ökonomisch gebrauchen, so können wir sehr gut unsern Plan ausführen.

Darf ich Sie bitten, meine Herrschaften, mir zu folgen? Ich bitte um Ihren Arm, Fräulein Gretchen.

Martha Parks: Ich werde mit Ihnen gehen, Herr Meister.

Herr Meister: Es wird mir ein großes Vergnügen sein, mein Fräulein.

Otto: Darf ich um die Ehre bitten, Fräulein Bella?

Dr.Albert: Fräulein Martha, Sie können wohl erraten, wohin Bruder Louis uns zuerst führen wird.

Martha Meister: Zu Nero?

Dr.Albert: Ganz recht.

Martha Meister: Ich dachte es. Ich sah seinem Auge die größte Ungeduld an.

Dr.Albert: Vielleichtziehen Sie es vor, mein Fräulein, hier zu bleiben und meine Bibliothek zu besichtigen. — Der größere Teil meiner Bücher ist allerdings noch in Kisten verpackt. Was Sie hier sehen, nenne ich meine Reise-Bibliothek; dieselbe enthält solche Werke, die ich stets gerne bei mir habe.

Hier sind die spanischen Werke.

Martha Meister: Calderon:La vida es sueño.— Cervantes:Don Quixote.

Dr.Albert: Dieses hier sind die italienischen.

Martha Meister: Dante:Divina Comedia.— Torquato Tasso:Gerusalemme liberata.— Ariosto:Orlando Furioso.

Dr.Albert: Und nun kommen wir zu den französischen.

Martha Meister: Corneille:Le Cid.— Racine:Athalie.— Molière:Tartuffe.

Dr.Albert: Die deutschen stehen hier.

Martha Meister:Goethe[III-7]: Wilhelm Meister, Faust. — Schiller: Wilhelm Tell. — Heine: Buch der Lieder.

Dr.Albert: Von den englischen halte ich nur ein Werk bei mir.

Martha Meister: Und das ist?

Dr.Albert: Sehen Sie hier?

Martha Meister: Shakespeare. — Aber warum, Herr Doktor, halten Sie aus unserer kostbaren Litteratur, die doch wahrlich so reich ist, nur ein Werk?

Dr.Albert: Wenn ich Shakespeare habe, brauche ich kein anderes Buch mehr. — Sehen Sie hier? — Das ist alles, was ich bei mir habe in der griechischen Sprache.

Martha Meister: Homer's »Ilias«.

Dr.Albert: Geben Sie mir Homer und Shakespeare und ich will es schon eine Weileaushalten, allein auf einerInsel. — Hier stehen einzelne Werke der lateinischen Sprache.

Martha Meister: Virgil's »Aeneis«.

Dr.Albert: Und die »Oden« von Horaz.

Martha Meister: Es muß herrlich sein, diese Werke in den Original-Sprachen lesen zu können, wie Sie es tun.

Dr.Albert: Das ist es allerdings; und ich denke, Jeder solltesich bemühen, dasselbe zu tun. Glauben Sie mir, mein Fräulein: Das Reisen ist dasvorzüglichsteMittel, die Menschen zuveredeln. Mit offnen Ohren und Augen zu reisen, mit den Menschen fremder Länder sprechen und arbeiten, — die Sitten fremder Völker beobachten und vergleichen, — das, mein Fräulein, mehrt unsere Kenntnisse und formt unsern Charakter —

Nächst dem Reisen aber ist das Lesen wohl das beste Mittel zur Bildung. Oder wissen Sie etwas Anderes, mein Fräulein, welches interessanter ist und belehrender, als das Reisen und das Lesen?

Martha Meister: Nein, gewiß nicht. Aber einssollten wir nie vergessen, Herr Doktor, — die Dankbarkeit und die Bewunderung für diejenigen Männer, welche uns die Mittel geben, uns zu veredeln. Wir sollten über dieGeschöpfeniemals den Schöpfer vergessen.

Täglich danken wir ja dem himmlischen Schöpfer für die himmlischen Gaben; — warum sollten wir nicht auch den irdischen Schöpfern danken für die irdischen Gaben?

Die idealen Werke eines Shakespeare sollten uns immer an den hohen Genius erinnern, der sie geschaffen, und andere Werke, wieEisenbahnenund Telegraphen, sollten uns an die Dankbarkeit erinnern, die wir den praktischen Männern, den Männern der Wissenschaft,schulden.

Dr.Albert: Und sagen Sie auch das noch, mein Fräulein. — Wenn wir mit Menschen fremder Nationen in ihrerMuttersprachereden, so sollen wir in Dankbarkeit der Männer gedenken, die uns den angenehmsten und kürzesten Weg gezeigt haben, das zu erreichen. — Und darum bewundere ich Ihren Vater, mein Fräulein. — Seine Methode ist für die Sprachen, was dieEisenbahnfür das Reisen ist: sie macht den Weg kürzer und angenehmer.

Martha Meister: Ich danke Ihnen. — Wissen Sie, Herr Doktor, daß ich noch keine Bibliothek gesehen habe, die so schön gebaut undeingerichtetwar, wie die Ihrige?

Dr.Albert: Es macht mich glücklich, daß meineBibliothek Ihren vollenBeifallhat, besonders, weil sie ganz mein Werk ist, das heißt, nach meinem Plane gebaut wurde.

Martha Meister: Aber ich dachte, dieser Teil Ihres Hauses wäre erst vor einem Monate beendet worden und vor IhrerRückkehr.

Dr.Albert: So ist es. Ich werde Ihnen das erklären: Vor etwa einem Jahre schrieb mein Vater nach Berlin unter anderm: .... »und nun habe ich Dir auch zu schreiben, daß wir, sobald das Wetter besser wird, die Seite unseres Hauses niederreißen werden, die nach dem Garten zu liegt, um sie schöner und größer aufzubauen.

Du hast auf Deiner Reise durch Europa gewiß schöne Privat-Bibliotheken gesehen; — und ich würde Dir dankbar sein, wenn Du mir helfen wolltest. Du könntest mir nämlich den Plan zu einer Bibliothek schicken, die nicht zu groß und auch nicht zu klein ist.

Du weißt, ich liebe den Komfort; und finde ich dann etwas in Deinem Plane, was ich gebrauchen kann, so werde ich es gewiß nehmen u.s.w., u.s.w.«

Darauf antwortete ich meinem Vater: Wenn ich eine Bibliothek bauen dürfte nach meinem Willen, dann müßte sie lang sein, wie ein Saal; denn ich selbst gehe gern während der Arbeit auf und ab; — dazu aber brauche ich Raum; — und ich höre dann gerne meinen eigenenSchritt; — daher wäre es am besten, wenn derFußbodenmit weißen Marmor-Platten bedeckt würde. — Die Halle dürfte nur einStockwerkhochsein, denn ich höre nicht gern denTrittvon Anderen über mir, wenn ich denke.

Die Decke seigewölbtund von Glas, um das Licht von oben fallen zu lassen. — Das Ende der Halle, dem Eingange gegenüber, sei ein Halbrund; auch hier sei die Decke gewölbt, — aber nicht von Glas, — blau gemalt mit goldenen Sternen.

Rechts und links an beiden Seiten seien Fenster von buntem Glas. — Auch eine Nische würde ich haben zu meiner Rechten; — dahin würde ich eine Marmor-Statue, z.B. eine Kopie der Venus von Medici stellen, zu meiner Linken sollte derStahlsticheiner Madonna von Raphael sein.

Durch einen Vorhang von schwerem Damast würde ich dann diese Rotunde trennen von dem Haupt-Teile der Halle. — Eine Doppel-Thüre aber würde ich haben am anderen Ende der Rotunde, dem Vorhang gegenüber. — Diese Thüre müßte in ein kleines Blumen-Haus führen, das gefüllt wäre mit tropischenGewächsen; von hier aus könnte man dann in den Garten gehen.

In der Rotunde selbst sei ein Tisch zum Schreiben und einPult, um auch stehend studieren zu können.

So wären also drei Abteilungen da, wenn man den Vorhang vorziehen und die Thüre nach dem Blumen-Haus schließen wollte; — nämlich: Die Haupt-Halle der Bibliothek, dann die Rotunde und zuletzt das Blumen-Haus.

In der Halle aber würde ich weite und bequemeStühle haben zum Empfang von Gästen und Freunden.

Ein großerLeuchter, in der Mitte hängend, müßte das Ganze mit Gas beleuchten, während in der Rotunde nur ein Arm-Leuchter mit Öl sein dürfte.

In einem großen Kamin könnte man durch großeHolz-ScheiteWärme durch den ganzen Raum verbreiten.

Im Blumen-Hause aber würde ich einenSpring-Brunnenhaben; denn wie Musik so gerne höre ich das Plätschern und Rauschen des Wassers.

So etwa schrieb ich, nicht ahnend, was mein Vater wollte. — Ich hatte den Planvölligvergessen; denn in keinem der folgenden Briefeerwähntemein Vater meinen Plan. — Das war eine völlige Verschwörung gegen mich, denn auch meine Mutter und meineGeschwisterschwiegendarüber.

Martha Meister: Und ich sehe, alles ist genau so gebaut, wie Sie es gewünscht.

Dr.Albert: Genau so, mein Fräulein.

Martha Meister: Ich hätte Ihreüberraschungsehen mögen!

Dr.Albert: Meine Überraschung, meine Freude, meine Dankbarkeit über dieses alles und über den feinen Takt meiner Teuern war groß.

Martha Meister: Sie müssen sehr glücklich sein, Herr Doktor!

Dr.Albert: Glücklich? Ja, das bin ich. — Aberdas höchste Glück, — das, — mein Fräulein — ah, die Herrschaften kommen zurück.

Bella: Martha, warum bist Du nicht mit uns gegangen? O, wie viel Schönes haben wir gesehen; und nun, Herr Doktor, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?

Dr.Albert: Mit Vergnügen, mein Fräulein; aber erst müssen Sie mir sagen, was ich tun soll.

Bella: Nein, mein Herr Doktor. Erst müssen Sie mir versprechen, es zu tun; — es ist gar nicht schwer für Sie.

Dr.Albert: Nun wohl; ich verspreche Ihnen, zu tun, was Sie wünschen.

Bella: Ihre Schwester Martha hat mir draußen gesagt, daß Sie ihr so vieles erzählt haben über Thüringen. Bitte, lieber Herr Doktor, erzählen Sie uns auch etwas. — Ich habe heute noch gar nichts Schönes gehört. Ich weiß nicht, was ich denken soll von Otto und von Louis. Wo ist denn Louis jetzt? Sie sind heute nicht so offen, wie sonst. Einer sieht den andern an und dann lächeln sie; und so oft ich sie frage: Aber was ist denn? — so sagen sie beide: O nichts, gar nichts. — Ich bin ganz böse mit Ihnen, Otto.

Otto: O, das tut mir aber leid.

Dr.Albert: Also von Thüringen soll ich Ihnen erzählen. Setzen wir uns.

Herr Meister: Ich meine, derSängerkriegauf der Wartburg hätte großes Interesse für uns alle, Herr Doktor.

Dr.Albert: Sehr wohl.

Bella: Entschuldigen Sie, Herr Doktor. Ist das dieselbe Wartburg, über welche Sie einmal an Louis geschrieben haben? —

Dr.Albert: Es ist dieselbe, mein Fräulein. Das Schönste, was Sie sehen können in dieser alten Burg, das ist der Saal.

Vor mehr als sechshundert Jahren, im Jahre 1207, waren hier sechs der größten Sänger und Poeten Deutschlands versammelt, um vor demLandgrafenund derLandgräfin, vor den Rittern und den schönenRitterfrauenund Fräulein um den höchsten Preis zu ringen durch ihre Kunst in Poesie und Gesang.

Mit den schönsten Worten, mit den lieblichsten Tönen, mit der höchsten Begeisterung sang einer nach dem andern zum Preise der Religion, der Frauen und der Fürsten.

Heinrich von Ofterdingen, dergeschicktestevon allen, sang aber allein gegen die übrigen fünf; erpriesden Herzog Leopold von Österreich; — und die fünf anderen: Heinrich der tugendsame Schreiber, Walther von der Vogelweide, Reinmar der Alte, Bitterolf und Wolfram von Eschenbach lobten denLandgrafen.

Und da sie alle vollendet hatten, wußte man nicht, welcher Partei man den Preis zukommen lassen sollte, ob den fünf Sängern, ob Heinrich von Ofterdingen.

Man konnte zu keiner Entscheidung kommen, und die Erbitterung war so groß geworden, daß man zuletzt beschloß, das Loos sollte entscheiden, wer Sieger sei; derBesiegte aber sollte sterben, und dieses Loos traf Heinrich von Ofterdingen; und als die erbitterten Sänger ihnergreifenwollten,floher aus ihrer Mitte zum Ende der Halle zurLandgräfinund fiel ihr zu Füßen und bat um ihrenSchutz.

Und er hatte nicht umsonstgefleht. — Sie sah seine angstvollen Augen und hörte seine klagenden Worte und hatte Erbarmen mit seinem jungen Leben. — Sie breitete die Falten ihres weiten Mantels über ihn zum Zeichen, daß sie ihn schütze, daß niemand ihnberühren, niemand ihnbeschädigendürfte.

Undman einigte sich, daß man nach einem Jahre den Kampf wieder beginnen undentscheidenwollte.

Nach einem Jahre waren sie alle wieder versammelt. Heinrich von Ofterdingen war in diesem Jahre bei dem großen Meister Klingesor imUngarnlandegewesen. Der Meister selbst war mit ihm gekommen.

Der Kampf des Gesanges aber endete heute fröhlicher, als im Jahre zuvor, und der Preis wurdezuerkannt— dem Sänger Wolfram von Eschenbach.

Nun ging man zur Tafel, und edle Knappen und schöne Mägdelein brachten die besten Speisen in silbernen Schalen und den feurigsten Wein in goldenen Bechern.

Heute waren alle freudig. Da stand der Meister Klingesor aus dem Ungarlande auf und alle hörten mit großerEhrfurchtdie Worte, welche er sprach: In dieser Stunde wird dem Könige vom Ungarlande eine Tochter geboren; und sie wird einst in das schöne Thüringenkommen und Herrin sein in diesen Hallen. Heil der Tochter meines Herrn! Heil ihr, die man nennen wird Elisabeth. — So endete derSängerkriegauf der Wartburg, — und Fräulein Bella, ich hoffe, daß meine Erzählung Ihnen gefallen hat.

Bella: Sehr gut. Ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor.

Gretchen: Das ist die heilige Elisabeth; weißt Du das, Bella?

Bella: Ich habe es bis jetzt nicht gewußt.

Martha Meister: Die heilige Elisabeth war meine Heldin; und als ich in Deinem Alter war, Martha, habe ich immer von ihr gelesen. Nicht wahr, Papa?

Herr Meister: Ich erinnere mich dessen sehr genau, meine Tochter.

Martha Parks: War sie wirklich so gut, daß man ihr den Namen die heilige Elisabeth gegeben hat?

Martha Meister: Sie war sehr gut.

Martha Parks: Aber was hat sie denn getan?

Martha Meister: Das will ich Dir wohl sagen:

Vier Jahre war Elisabeth alt, — da empfing ihr Vater, der König von Ungarn, eines Tages die Boten desLandgrafenvon Thüringen; — sie baten um die Hand seiner Tochter für den Sohn des Landgrafen.

Der König von Ungarn hörte dieses gerne, denn er wußte, daß das Thüringer-Land reich und schön war und seine Landgrafen edel.

In einem goldenen Wagen verließ Elisabeth dasUngarnland, begleitet von ihrerAmme, von vielen edlen Jungfrauen und Rittern; und da sie nach Thüringen vor die Wartburg kamen, wurden sie mit großer Freude empfangen.

Der junge Prinz öffnete selbst die Thüre zum Wagen und hob seine Braut aus der silbernen Wiege, in welcher sie lag, und alle erstaunten über ihre große Schönheit und über die große Anzahl der Wagen, die ihr folgten, gefüllt mit Gold und anderen kostbaren Dingen.

Der Prinz und die Prinzessin aber liebten sich und waren wie Bruder und Schwester und spielten mit einander; denn beide waren noch jung; der Prinz war erst zehn und die Prinzessin nur vier Jahre alt.

Und da Elisabeth älter und größer wurde, vermißte sie nie die Kirche; und sie betete immer zu Gott, daß er sie gut machen möchte, und daß sie den Menschen gutes tun könnte.

Den Armen gab sie, so viel sie nur konnte, und die Kranken besuchte sie und tat ihnen viel Gutes und sie war gegen alle Menschen so freundlich, besonders aber mit den Traurigen.

DieLandgräfinaber, des Prinzen Mutter, war darüber oft hart mit ihr, denn sie sagte, sie wäre eine Prinzessin und würde einst die Gemahlin ihres Sohnes werden, und es wäre nicht recht, sich so gemein zu machen. — Und einst sagte die Landgräfin sogar: Wir wollen sie zurückschicken nach Ungarn!

Da aber zeigte der junge Prinz auf einen großenBerg und sprach: Siehst du den Berg vor uns? Wäre er auch vom feinsten Golde, so wollte ich doch eher ihn vermissen, als meine Elisabeth. Ich habe nichts lieber auf dieser Welt, als sie.

Da Elisabeth fünfzehn Jahre alt war, wurde eine große Hochzeitgefeiert. Es war ein schönes, glückliches Paar. — Sie war schön und liebreich und fromm; und er war reich an allenTugendeneines Ritters.


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