Sektion 4 KopfIV.Gretchen: So frühe heute in Deinem Blumen-Hause, Schwester? — Guten Morgen. Wenn ich Dich ansehe, muß ich an die schönen Worte denken:Du bist wie eine Blume,Sohold, so schön, so rein.Ich schau' Dich an, undWehmutSchleichtmir in's Herz hinein.Du bist traurig, Martha? — Du hast wirklich Fieber. Bist Du nicht wohl?Martha Meister: Habe keine Besorgnisse um mich, liebes Gretchen. Ich habe letzte Nacht wenig oder gar nicht schlafen können, — sonst ist es nichts.Gretchen: Du hast nicht schlafen können? Dann bist Du krank, Martha.Martha: Nein, Schwester. Ich versichere Dich, mir ist wohl; wirklich, sehr wohl; ich bin sogar glücklich.Gretchen: So? Und davon wird manbleich? Das, Schwester, ist ganz neu für mich.Martha: Weißt Du, Gretchen, ich habe in der letzten Nacht sehr viel denken müssen.Gretchen: Ach, das böse Denken und Sorgen! Das ist recht häßlich! Das macht alt, bringt Falten in das Gesicht und macht die Haare grau.Martha: Aber, Schwester, kann die Erde es hindern, daß die Gräsersprossen? Kann die Pflanze es hindern, daß die Knospen kommen? — Nun, so wenig können wir das Denken verhindern. Gedanken kommen von selbst.Gretchen: Ist das so mit Dir? — Ich glaube, mit mir ist es anders.Martha: Denkst Du nicht auch, Gretchen, daß es recht traurig ist, wenn ein großer Mensch nicht den rechten Platz gefunden hat in der Welt und in einem kleinen Zirkel schaffen muß ohne Freude?Gretchen: Ja, das ist recht unglücklich für ihn. Dann ist er wie der Fichten-Baum, von welchem der Dichter singt:Ein Fichten-Baum stehteinsamIm Norden aufkahlerHöh'.Ihn schläfert; mit weißer DeckeUmhüllenihn Eis und Schnee.Er träumt von einer Palme,Die fern imMorgen-LandEinsam und schweigend trauertAuf brennender Felsen-Wand.Martha: Gretchen, ich will Dir ein Geheimnis sagen.Gretchen: Und ich soll es niemandem wieder sagen, nicht wahr?Martha: Nein, niemandem. — Ich glaube, der Herr Doktor Albert ist nicht glücklich. Er ist Doktor der Medizin, und der Beruf des Arztespaßt nicht für ihn.Gretchen: Aber, liebe Martha, wie weißt Du das?Martha: Ich weiß es nicht; aber ich fühle es.Gretchen: Und Du meinst wirklich, der Herr Doktor sei ein großer Mann?Martha: Ich meine, daß er alles dasbesitzt, was ihn zu einem großen Mann machen könnte, wenn er den rechten Platz fände. Denke, Gretchen, an das, was ich Dir heute Morgen sagte.Da kommt auch unsere liebe Mama. Guten Morgen, Mama! Wie hast Du geschlafen?Frau Meister: Gut, meine Tochter; ich danke Dir. Aber Du bist heute Morgen sehr früh bei Deinen Blumen; und ohne Frühstück. Das ist nicht recht, Kind.Bella: Nein, Martha, das ist gar nicht recht von Dir. Guten Morgen! Guten Morgen!Gretchen: Das ist schön, daß Du so früh kommst.Bella: Ich wünsche, Frau Meister, Sie wären gestern bei uns gewesen! Louis' Ritter-Mahl war wirklich sehr komisch; und die Fahrt gestern Abend, — war das nicht herrlich, Gretchen?Frau Meister: Soeben war der Diener der Herren Parks hier, um nach Eurem Befinden zu fragen. Auch brachte er einen Korb mit Früchten.Gretchen: Wie aufmerksam!Bella: Als ich im Hause nach Euch fragte, sah ich den Korb. Solche Äpfel habe ich noch nie gesehen, so rot, so glänzend, so rund;Weintrauben, Orangen, Pfirsiche, — denkt nur, in dieserJahreszeitPfirsiche, — und ich glaube, auch Ananas.Frau Meister: Ich ließ den Herren meinen herzlichsten Dank sagen für ihre Güte und Aufmerksamkeit und auch, daß ich mich noch mehr zu den Früchten freuen würde, wenn die Geber heute Abend zu uns kommen wollten, um sie mit uns zu speisen.Bella: »Denn es ist der Anblick der Geber so schön, wie die Gaben.«Martha: Ich finde, daß Ihr beide, Bella und Gretchen, heute Morgen sehr poetisch seid.Bella: Nicht wahr? Ich habe soeben »Hermann und Dorothea« gelesen, — das ist ein herrliches Gedicht.Martha: Willst Du heute bei uns bleiben, Bella? Du könntest mit Schwester Gretchen plaudern. Wenn Mama und ich heuteVormittagausgehen, werde ich diesen Strauß Deiner Mama bringen und ihr sagen, daß Du heute bei uns bleiben möchtest. Ist es Dir recht?Bella: Das ist mir sehr lieb, Martha. Für wen hast Du alle diese Blumengepflückt?Martha: DiesenStraußgebe ich Dir, meine liebe Mama, und diesen stelle ich meinem Papa auf den Schreib-Tisch. Er ist gewohnt, jeden Morgen frischeBlumen dort zu finden, — und diese Blumen kommen in das Hospital für die armen Kranken.Frau Meister: Die Blumen kommen ihnen immer wie eine Himmels-Gabe. — Ich glaube, meine Tochter, es wird bald Zeit, daß wir gehen. Ihr aber bleibt ruhig hier; es ist hier schön.Martha: Adieu, Gretchen; adieu, Bella. Auf kurze Zeit nur.Frau Meister: Adieu, meine Lieben!Bella: Ihr habt aber ein schönes Blumen-Haus, Gretchen.Gretchen: Papa hat es für Martha gebaut. Sie liebt die Blumen.Bella: Wer liebt nicht die Blumen? — Vorgestern Abend saß ich bei meiner guten Mama. Sie blicktetiefsinnigauf einen herrlichen Strauß, der vor ihr stand. Ich aber las ihr vor aus den Psalmen: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« — ja,unterbrach michMama, — und die Blumen erzählen von der Liebe Gottes.Gretchen: Ja, ja. Deine Mama liebt Blumen und Vögel und Musik und Poesie. Ihr geht es wie mir. Jede Blume ist für mich ein poetischer Gedanke der Natur. Begreifst Du das wohl? Viele Blumen haben auch einen Charakter wie die Menschen; das ist ganz gewiß wahr, Bella. An manchen kann man dieFreude sehen, an anderen wieder dieSchwermutoder die Liebe, auch den Haß und denStolzoder dieBescheidenheit.Bella: Sieh' nur diese schöne Rose! Meinst Du nicht auch, daß die Rose die schönste sei unter allen Blumen?Gretchen: Ja. Aber weißt Du auch, warum sie es ist?Bella: Nein. Warum, Gretchen?Gretchen: Weil die Rose von einer Fraustammt.Bella: Von einer Frau? Ha, ha, ha! Die Rose von einer Frau, o Gretchen!Gretchen: Nun, höre einmal zu: Es ist schon lange her, da war in Corinth eine Nymphe und ihr Name war Rotanda; und sie war die Herrin von Corinth und war so schön, daß die stärksten und besten jungen Männer zu ihr kamen und um ihre Hand baten.Sie aber hatte stets gesagt: »Wer meine Liebe gewinnen will, muß um sie kämpfen«; und sie floh in den Tempel der Diana. Ihre Bewunderer folgten und öffneten die Thüre des Tempels mit Gewalt, — und da stand Rotanda mit dem Schilde in ihrer Linken und dem Schwerte in ihrer Rechten; ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen flammten in feurigem Mut.Ah, wie schön! rief das Volk der Griechen; ah, wie schön! Sie sei die Göttin dieses Tempels! Und das Volk nahm die Statue der Göttin Diana und warf sie hinaus vor den Tempel.Apoll aber, Diana's Bruder, warerzürntüber solchenFrevel; mit zornigen Augen sah er hinab auf Rotanda. Da wurde siestarr; ihre Füße wurden fest in der Erde wie Wurzeln, ihre Arme wurden wie Zweige eines Baumes, ihre Haare wurden wie Blätter und Blüten.Rotanda war verwandelt worden in einen Rosen-Busch mit Dornen; ihre Bewunderer aber waren Schmetterlinge geworden; und diese fliegen noch heute zur Rose und lieben sie und küssen sie.Bella: So ist die Rose entstanden? Das habe ich nicht gewußt. Aber nun weiß ich, warum die Rose so schön und lieblich ist. Ich danke Dir vielmals, liebes Gretchen.Gretchen: Ich will Dir ein schönes Gedicht von Heine sagen, oder kennst Du es schon? Es lautet so:Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,umflattertsie tausend mal.Ihn selber aber, goldig zart,Umflattert der liebende Sonnen-Strahl.Jedoch in wen ist die Rose verliebt,Das wüßt' ich gar zu gern.Ist es die singende Nachtigall?Ist es der schweigende Abend-Stern?Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt.Ich aber lieb' euch all':Rose, Schmetterling, Sonnen-Strahl,Abend-Stern und Nachtigall.Und nun nimm dieses.Bella: Aber was denn, Gretchen?Gretchen: Dieses Rosen-Blatt.Bella: Dieses eine Blatt nur?Du scherzest!Gretchen: Nimm es, Bella, nimm es.Bella: Aber warum denn?Gretchen: Wenn ich Dir ein Rosen-Blatt gebe, so bedeutet das so viel, als würde ich zu Dir sagen: Liebe Bella, komm recht oft zu mir, so oft Du willst; Du kommst mir nie zu viel.Bella: Ist das die Blumen-Sprache?Gretchen: Ja; kennst Du jene Sage nicht?Bella: Ach, Gretchen, ich weiß gar nichts, und Du weißt so viel. Du mußt mich alles das lehren; willst Du, Gretchen?Gretchen: Gerne, Bella, gerne. — Da war einmal eine Akademie und darin waren zwanzig gelehrte Männer. Ihr Prinzip aber war: Viel hören, viel denken und wenig sprechen, und niemals waren mehr als zwanzig Männer in der Akademie.Da kam einmal ein gelehrter Doktor aus dem Orient und wünschte, in die Akademie aufgenommen zu werden.Der Präsident der Akademie wollte nicht gerne nein sagen und aufnehmen konnte man ihn auch nicht gut. — Was war zu tun?Man nahm ein Glas, füllte es mit Wasser, so daß kein Tropfen mehr hineinging, und stellte es vor den gelehrten Mann aus dem Orient.Er verstand das Symbol und traurig stand er auf und wollte gehen. Da sah er auf der Erde ein Rosen-Blatt liegen. Ein Gedanke kam ihm; er nahm das Blatt, legte es auf das volle Glas Wasser, und siehe, kein Tropfen floß über.Die Akademiker sahen, applaudierten und nahmen ihn auf in ihre Akademie. So, jetzt weißt Du auch, was ein Rosen-Blatt bedeutet, nicht wahr?Bella: Ja, und ich will es mir merken. Und nun sage mir auch, woher der Name: »Vergiß-mein-nicht« kommt, bitte.Gretchen: Ein Paar ging einmal an der Donau spazieren; es war am Abend ihrer Hochzeit; sie sahen in das Wasser.Sieh' da, sieh! — Da schwimmt ein Strauß! rief die Braut, ach, die schönen kleinen Blumen! Sie müssenertrinken, und ich liebe diese blauen Blümchen über alles.Warte, sprach er und war bereits in den Strom gesprungen; aber das Wasser der Donau war sehr wild und riß ihn hinab in die Tiefe; — noch einmal kam er herauf, — die Blumen hielt er fest in der Hand und mit seiner letzten Kraft warf er sie in die Höhe zu ihr, die er liebte, und rief: Vergiß-mein-nicht! dann versank er und ward nie mehr gesehen.Bella: Eine Blumen-Fabel weiß ich auch, die mir Dein Papa einmal erzählt hat. Es war einmal ein Schäfer namens Narziß, der triebseine Schafe an den Bach. Er blickte in das klare Wasser und sah zum ersten Male sein Bild. Er bewunderte es, blieb lange Zeit da stehen und konnte sein Auge nicht von dem schönen Bilde wenden. Zeus aber zürnte über dieseEitelkeitund verwandelte den Schäfer in eine Blume — Narzisse, und seitdem steht sie traurig an den Bächen mit gesenktem Haupte.Gretchen: Komm' hierher, Bella, an die Fontaine; hier ist eine Narzisse.Bella: Dieses ist die erste, die ich sehe. — Kannst Du mir sagen, Gretchen, warum wir einen Braut-Kranz von Orangen-Blüten tragen, wenn wir Hochzeit machen?Gretchen: Das weiß ich nicht, Bella.Bella: In Deutschland trägt die Braut keinenKranzvon Orangen-Blüten.Gretchen: So? Wie weißt Du das?Bella: Anna hat es mir geschrieben.Gretchen: Aber was hat man dort anstatt der Orangen-Blüten?Bella: Einen Zweig von der Myrthe.Gretchen: So? — In Toscano ist es noch anders. Da tragen die Bräute einen Strauß von Jasmin in der Hand, und ich will Dir auch sagen, warum.Jasmin war früher sehr selten in Europa. Schiffer hatten diese Pflanze zuerst von Indien mitgebracht, und der Herzog von Toscana hatte sie allein in seinem großen Garten und wollte sie auch allein behalten undbefahlseinem Gärtner, keine Jasmin-Blumen zu vergeben.Aber der Gärtner liebte ein Mädchen und brachte ihr an ihrem Geburts-Tage einen großen, schönen Strauß; darin war auch ein Zweig von Jasmin. Die Braut freute sich darüber ganz besonders und pflanzte diesen Zweig in ihren Garten.Die Zeit verging, und der Gärtner hatte sein Mädchen noch nicht heiraten können; denn ihre Mutter sagte: Der Gärtner ist nicht reich genug.Da verkaufte das Mädchen ihre Jasmin-Blumen, — bekam dafür viel Geld und gab alles ihrem Bräutigam. Nun waren sie reich und machten Hochzeit.Bella: Und darum trägt noch heute jede Braut in Toscana Jasmin an ihrem Hochzeits-Tage?Gretchen: Zum Andenken an das kluge und treue Mädchen.Bella: Weißt Du, Gretchen, das gefällt mir, und wenn wir Hochzeit machen, Du und Martha und ich, dann wollen wir auch Jasmin tragen. Sollen wir?Gretchen: Wir wollen mit Martha darüber sprechen. Diese Pflanze —Bella: Das ist Epheu.Gretchen: Epheu bedeutet Treue und Freundschaft. Das Epheu umschlingt den Baum liebevoll, will ihnschützen, nicht wahr? Und wenn der Baum alt wird und wenn man ihn fällt — das Epheu bleibt ihm treu und grünt weiter.Bella: Und ich gebe Dir ein Epheu-Blatt.Gretchen: Und ich nehme es an und wir bleiben treue Freundinnen.Bella: Ewig treue Freundinnen! O, mir ist so wohl. Die Welt, die ganze Welt möchte ich jetzt küssen!Gretchen: Und ich möchte in einem fort singen:La, la, la,La, la, la,Tra, la, la, la.Komm', Bella, in's Haus!Frau Meister: Aber ich bedauere sehr, daß ich Ihrem Herrn Bruder nicht ebenfalls danken kann.Bella: Ach, warum haben Sie den Herrn Doktor nicht mitgebracht?Otto: Mein Bruder ging nach Mittag aus, um einige Fabriken zu besichtigen, sowie gegen Abend dieDruckereienunserer größten Zeitungen. Er ist noch nicht zurück und ich vermute, daß er noch in dem untern Teile der Stadt ist.Martha Meister: Ich hoffe, Ihr Herr Bruder ist wohl.Otto: Danke, Fräulein; er ist ganz wohl.Louis: Das glaube ich nicht, Otto. Gestern Nacht, da Du schon lange schliefst, hörte ich ihn in seinem Zimmer, das über dem meinigen ist, auf und abgehen, lange Zeit, so daß ich auch nicht einschlafen konnte, obgleich ich sehr müde war. Und als ich heute Morgen in Albert's Zimmer kam, saß er schlafend auf dem Stuhle,und die Lampe brannte noch; er war nicht zu Bette gewesen. Vor sich aber hatte er Pläne von Maschinen, von Gebäuden und Kalkulationen, von denen ich nichts verstand.Aber, Albert, sagte ich zu ihm, gehört denn dieses auch zu Deinem Studium? —Er lächelte und antwortete nichts. Ich weiß wirklich nicht, was ich von ihm denken soll. Mir kommt er vor, als sei er seit gestern nicht mehr derselbe Mensch.Otto: Das ist DeineEinbildung, Louis; Einbildung, nichts mehr.Gretchen: Schon lange habe ich gewünscht, einmal zu sehen, wie unsere Zeitungenhergestelltwerden; aber Papa hatte niemals Zeit, und allein kann eine Dame nicht gehen. Die Herren haben es darin viel besser, sie können gehen, wohin sie wollen, und können tun, was sie wollen.Bella: Ja, die Herren haben es in allem besser.Martha: Mama lächelt, Mama glaubt es nicht.Frau Meister: Nein, ich glaube es nicht. Ich kannte einmal eine junge Dame, reizend und klug wie Ihr; die sprach wie Ihr und —handelte darnach.Bella: Und — Frau Meister?Frau Meister: Und als sie ihrenIrrtumeinsah, war es zu spät.Gretchen: Du sprichst aber heute sehr mysteriös, liebe Mama. Entweder ist da etwas, was ernst ist oder interessant.Frau Meister: Oder beides.Gretchen: Bitte, liebe Mama, würdest Du nicht die Güte haben, uns mehr davon zu erzählen?Bella: O, tun Sie es, Frau Meister, ich bittereizend.Frau Meister: Ich werde Euern Wunsch erfüllen, um so lieber, da es sogar meine Pflicht ist. Nur bitte ich um Eure Geduld und auch um die Ihrige, meine Herren, wenn ich mehr Zeit gebrauchen werde, als Sie jetzt denken.Martha: Wir wollen uns näher zu Mama setzen;rückenSie näher, Herr Otto und Herr Louis.Frau Meister: Es war im Sommer 18 .... Staub und Hitze hatten viele Leute aus der geräuschvollen Stadt auf das Land getrieben; auch unsere Familie hatte ihren Landsitz bezogen. Hohe, grüne Berge ringsum, schattiger Wald, ein lustig rinnender Bach, ein fischreicher See, und, soweit das Auge reichen konnte, eine herrliche Landschaft, ein weites, geräumigesSommerhausmit einem schönen Garten — das alles hatten wir, und das war genug, uns glücklich zu machen.Vater und Mutter waren in diesem Sommer besonders glücklich; denn Martha, ihre älteste Tochter, lebte nun nach ihrem Wunsche und war heiterer geworden, als sie sonst war. Sie war nicht mehr so oft allein, sondern ging in Gesellschaften und nahm oft teil an denSpaziergängenundAusflügen.Sie war sonst immer gut, war gehorsam und liebevoll gegen die Eltern, sorgsam für ihre jungen Geschwister und freundlich gegen alle, so daß man von allen, die sie kannten, nur eines hörte: Sie ist schön und lieb, wie ein Engel; wie schade, daß sie selbst nicht ganz glücklich ist!Und alle dachten und fragten oft: Was mag es wohl sein, daß sie so traurig ist, daß sie oft so melancholisch aus ihren schönen, großen Augen sieht?Alles dieses war aber in jenem Sommer ganz anders. Martha war heiter, so heiter, wie alle anderen jungen Leute der Gesellschaft.Unter den jungen Herren aber waren zwei besonders interessant; es waren zwei Deutsche. Sie hatten ihre Studien beendet auf einer deutschen Universität, hatten eine Reise um die Welt unternommen, hatten sogar Afrika durchreist, waren in Palästina, in Ägypten, auch in China und Indien gewesen und waren nun hier, um Amerika zu sehen und zu studieren.Sie brachten Briefe und Empfehlungen von guten Freunden unseres Vaters und waren gerne in unserer Familie gesehen, und auch sie versuchten, uns angenehm und nützlich zu sein.Wir hörten besonders gern, wenn sie von ihren Reisen erzählten; denn sie erzählten interessant und sie selbst waren es.Der eine von ihnen war etwasschwärmerisch, viele sagten: poetisch, wie wir es oft sehen bei Deutschen; undMartha hörte ihm immer aufmerksam zu, wenn er seine Ideen über das Leben, über Länder und Menschen aussprach.Besonders aber bewunderte er die Frauen dieses Landes und oft hörten wir ihn sagen: Durch viele Länder der Erde bin ich gereist; aber unter den Frauen aller Nationen sah ich keine, die so schön waren oder klüger oder edler, als die Frauen dieses Landes.Wir alle hörten das gerne; denn wir wußten, es war sein Ernst.Wenn wir ausgingen, so folgte Schwester Martha stets seiner Einladung und ging an seinem Arme. — Schöne Tage vergingen so, und waren wir abends müde vom Vergnügen des Tages, so wünschten wir doch den nächsten Morgen herbei mit seinen neuen Freuden.An einem Tage waren wir nach einem nahen Walde gegangen. Schattige Kühle wehte uns entgegen und Wohlgeruch; wir hörten dasLispelnder hohen Bäume und das Konzert der kleinen Sänger. Auf dem grünen Teppich gingen wir fröhlich dahin, pflückten hier und da ein Blatt oder eine Beere und hatten bald die Welt außerhalb des Waldes vergessen.Auch mit Martha war es so. Sie war froh heute, ganz froh; ja, sie war nochheitererals sonst und sang und sprang mit uns bald hierher, bald dorthin.Dannlagertenwir uns auf einem freien Platze und hielten unser Mahl, hörten Anekdoten, Geschichten und Rätsel. Wir beendeten das Mahl,erhoben uns, gingen in denWald, suchten Gräser und Blumen, und so kam es, daß wir uns baldzerstreut hatten.Ich war mit einer Freundin gegangen; wir hatten seltene Pflanzen gefunden; als wir müde waren, setzten wir uns nieder und lasen aus einem Buche.Wenige Minuten saßen wir, da hörten wir ein Lachen. Da kommt Martha auch, sagte ich zu meiner Freundin; und richtig! — da kam sie und rannte wie ein Reh; hinter ihr her kam aber ihr Begleiter, der deutsche Herr; er wollte siehaschen, aber er konnte es nicht.Sie sind schneller, als ich, rief er. Siesäumteeine Minute; er wollte sie fassen; aber schnell war sie wiederentwischtund er hielt nur ein Band in seiner Hand. —Sachte, mein Freund, sachte; so schnell fängt man mich nicht, rief sie und lachte in solch' herzlichem Tone.Er folgte ihr nach. — Ah, sehen Sie? Sie können mich nicht fangen!Aber ich muß, sagte er.Wenn ich will, sagte sie; nun wohl, hier will ich halten; ich werde mich auf dieseSchaukelsetzen; sie hängt so schön zwischen diesen großen mächtigen Bäumen.Schaukeln Sie mich, Herr Doktor, — und sie saß schon, und er schwang sie, daß sie hoch hinauf flog. Es war ein herrliches Bild, wie sie in den Lüften schwebte.So, das ist genug, rief sie endlich, — sehen Sie? Dort ist eine Quelle, eine Heilquelle, und das Wasser darin ist weit und breitberühmt; so sprechend, sprang sie zur Erde und beide gingen zur Quelle.Was sie sprachen, konnte ich nicht hören; ich sah nur, wie sie dort standen, und wie er dann kniete, — und ich glaubte damals, um Wasser zu schöpfen.Der Tag endete so froh, wie er begonnen.Der nächste Tag war ein Samstag. Es wartrübe, und der Regen fiel in Strömen herab. Ich saß am Fenster und sah die dicken Tropfen am Fenster-Glase herunterfließen. Ich sah auf die Straße und lachte, wenn dann und wann ein Mann schnell vorüber rannte. Sonst war alles öde, — auch in unserm Hause. — Martha sah ich den ganzen Tag nicht einmal; sie wäre ein wenig unwohl, ließ sie sagen, und hätte keinen Appetit.Sonntag kam, die Sonne schien wieder ein wenig. Die Glocke läutete zur Kirche. Da sah ich Schwester Martha wieder zum ersten Male; sie war nicht mehr dieselbe.Bist Du wieder wohl, liebe Martha, rief ich ängstlich?Danke, Schwester, ich bin wohl, antwortete sie und lächelte ernst. Ihr Lächeln war soeigentümlich, und in ihrer Stimme lag ein fremder Ton.Wir gingen zur Kirche. So inniglich sang heute Martha, so inniglich betete sie heute! Thränen rollten aus ihren Augen, und sie hörte aufmerksam auf die Predigt desGeistliche.Ich erinnere mich der Predigt noch heute. Der Text war: Lucas 18, Vers 29 u. 30.»Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch, es ist niemand, der ein Haus verläßt oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder, um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.«Von diesem Tage an wurde Martha stiller, als sie je zuvor gewesen war. — Sie blieb freundlich und liebevoll gegen alle. Sie selbst aberglicheinem Engel, der still im Hausewaltete.Doch der Vater schüttelte ernst den Kopf, und die Mutter war traurig, und die Freunde gingen nachdenkend vom Hause.Und da war einer, derlittbesonders.So verging der Rest des Sommers, und als der rauhe Wind durch die Bäume fuhr und die Blätter herabwehte, zogen wir wieder zur Stadt, — und bald kam ein Fest, — ein Fest der Freude für Martha, nicht für uns. Martha stand im langen Gewande vor dem Prediger, der sie dem Konvente unserer episkopalischen Kirche weihte.Vaters Haar war weiß geworden. Oft, sehr oft, hörte ich ihn im Schlafe sprechen: O mein Kind, mein Kind!Und war sie glücklich geworden?Oft kam ich zu ihr in's Kloster. Mir wurde stets so wohl, wenn ich sie sah, und so ging es allen Menschen, wenn sie zur guten, schönen Schwester Martha kamen. — Wenn Schwester Martha an das Bett der Krankentrat, so fühlten sieErleichterung, und berührte sie die Kranken mit der Hand, soschwandendie Schmerzen.Sie selbst aber war am liebsten unter den Kindern und bei den älteren Mädchen in der Schule des Konvents und hier wurde sie am meisten geliebt, so vom ganzen, warmen, jungen Herzen der Mädchen.Als ich sie wieder einmal in der Schule sah unter den fröhlichen Mädchen, sprach ich zu ihr: Du bist doch recht glücklich!Glücklich, sagte sie langsam, — ach ja, ich bin's. — Ich sah sie verwundert an undzweifeltezum ersten Male an ihrer Zufriedenheit.So waren wieder einige Jahre vergangen, und große Trauerherrschteim Konvent, besonders in der Schule, denn die gute, schöne Schwester Martha war krank,bedenklichkrank, hatte der Arzt gesagt.Ich war viel bei ihr; sie wünschte es; zuletzt kam ich nicht mehr von ihrem Bette hinweg.Da eines Tages, spät am Nachmittage, faßte sie wieder meine Hand und sagte: Teure, höre mir zu; ich habe mit Dir zu sprechen.Ich rückte näher, so daß ich ihre schwache Stimme besser hören konnte; ihre Hand ruhte in der meinen, und sie sah mir in die Augen so tief, so innig und so liebevoll, und ihre Stimme klang so mild.Schwester, sagte sie, geh' und öffne jenes Fenster. — Ich ging und tat es und kam zurück und sagte:Du siehst so wohl aus, beste Schwester, bald wirst Du wieder ganz gesund sein.Sehr bald; — siehst Du die Sonne dort, meine Liebe? — Bald wird sie sinken hinter jenem Berge und dann scheint sie mir niemals mehr.O, sprich nicht so; nein, o nein! sagte ich.Weine nicht, sprach sie dann mit freundlicher Stimme, weine nicht; sei glücklich mit mir; denn jetzt bin ich wirklich glücklich, endlich einmal nach langen, langen Jahren.O, Gott; warst Du es denn nicht immer?Ich war es nicht. Höre meine Worte; es werden meine letzten sein.Meine teure, liebe Schwester, sagte ich.Sie begann:Denkst Du noch jenes Sommer-Tages, da wir einen Ausflug machten in den Wald? Da war es, daß mich ein edler Mann gebeten hatte, sein Weib zu werden; und bevor ich noch Antwort gab, ja oder nein sagen konnte, kam die Gesellschaft zu uns. Wir gingen nach Hause und in dieser Nacht kämpfte ich einen schweren Kampf mit mir selbst:Soll ich sein Weib werden? Soll ich an das Haus gebunden sein? Soll ich die vielen, kleinen Dienste tun, — ich, die ich das Größte, Edelste tun wollte? — Was kann das Weib großes tun im Hause? — Der Mann tut das Große außer dem Hause, — soll es nicht auch das Weib können? — Und wahrlich, ich fühlte Kraft genug in mir.So dachte ich und traf meineEntscheidung. — Du kennst sie. — Ich kam hierher mit hohen Ideen, mit großen Plänen, — ach, sie waren so schön! — Aber es waren die Pläne eines Mädchens.So viel Unglück hatte ich in der Welt gesehen und so viel Übel, und ich glaubte, das Übel schnellerbeseitigen, das Gute schneller befördern zu können. — Es waren Gedankeneines unerfahrenen Mädchens.Da ich in die Hütten der Armen kam und an die Betten der Kranken, dalinderteich viel Unglück; — aber das Unglück beseitigen, gänzlich beseitigen, wie ich es einst geträumt hatte, — das konnte ich nicht; und alle Menschen glücklich, gut und nützlich zu machen, — das war unmöglich.Aber eins habe ich gesehen und gelernt, daß die Familien glücklich, daß die Väter froh und fleißig, daß die Kinder gesund und wohlerzogen waren, wo eine Mutter war, — eine weise, gute Mutter.Aber das Unglück war im Hause, und der Vater war unfreundlich und mutlos zu seinemBerufe, und die Kinder waren unzufrieden undzänkisch, wo die Mutter-Liebe fehlte, wo das freundliche Wort fehlte und der freundliche Blick und der Komfort im Hause; — ich meine nicht den Komfort, der teuer zu erkaufen ist mit Geld, sondern den Komfort, den der Blick, der Ton, den das liebende Herz der Mutter giebt.Alles, meine Schwester, alles, glaube es mir, — das Glück des Mannes, das Glück der Kinder, das Glückder Familie, das Glück des Landes liegt in den Händen der Frauen und nicht so viel in den Händen der Männer; denn diese sind willig und folgen den Frauen; und wohl dem Lande, das gute Frauen und gute Mütter hat!Und siehe, Schwester; ein Glück habe ich aus meinen Händen gegeben. Wie oft habe ich die Mutterbeneidet, wenn ich sah, wie sie ihr Kind küßte, wie sie ihr Kind liebend an die Brust drückte.Da wurde es mir klar, daß ich geirrt hatte; ich hatte gefehlt, da ich das Beste gewollt.Wohl versuchte ich gut zu machen, soviel ich konnte; darum lehrte ich die jungen Mädchen, und manches gute Samen-Korn habe ich gesäet.Die gute Schwester weinte, und ich wollte sietröstenund sagte: Hast Du nicht dadurch viel Gutes gegründet?Ja, sagte sie, das habe ich allerdings, und mein Trost ist auch, das Du glücklich bist, teure Schwester; und nun versprich mir hier, daß Du auch ferner ein wahres, gutes Weib sein willst Deinem Gatten, wie Du es bis heute warst; daß Du eine treue Mutter sein willst Deinen Kindern, daß sie Dich so lieben wie eine Freundin, so daß Deine Töchter Dir alles, alles vertrauen; daß sie nichts und niemals etwas geheim halten vor Dir. Lehre sie, daß das Haus ein Heiligtum sei und das Weib die Hüterin; denn der Mann geht in die Welt und sieht so viel des Bösen und wird oft so verwirrt; sage es ihnen doch, daß es des Weibes Pflichtist, ihn zuläuternvom Schlechten und ihn zu erheben vom Gemeinen und ihn zu stärken zum Guten.Lehre sie ihr Haus angenehm machen, daß jeder es gern betrete.Lehre sie, daß des Weibes Mission hoch und heilig ist. — Meine Stimme wird schwach, — und nun versprich mir, Deinen Töchtern einst meine Geschichte zu erzählen; und nun laß' — sieh', wie die Sonne schon sinkt, — laß' uns beten. —Ich sank neben ihrem Bette auf die Kniee und wir beteten; ich hörte ihr Amen und dann einen leichten Seufzer; ich sah auf zu ihr, ihr Auge wargeschlossen, sie schlief. —Wochen waren vergangen, — da legte ich Blumen auf ihr Grab. Ohnmächtig hatte man mich von ihrem Bette nach meinem Hause getragen; ich verfiel in eine schwere Krankheit. Im Fieber sprach ich allein von ihr, meiner teuern,seligenSchwester. Ich habe mich bemüht, ihre letzten Worte zu erfüllen. — Nun habe ich Euch auch ihre Lebens-Geschichte erzählt; und ob es mir wohl geglückt ist, Euch, liebe Kinder, eine Mutter zu werden, wie sie es gewollt?Martha: O Mama, teuerste, liebste Mama!Gretchen: Wie kannst Du nur so fragen, Mama?Frau Meister: Mein Gatte, meine Freunde können die Antwort geben.Bella: Verzeihung, Frau Meister. Aber was ist aus dem jungen deutschen Herrn geworden?Frau Meister: Das kann ich in wenigen Worten sagen.Eines Morgens kam sein Freund zu mir. Er war bleich undwar kaum im Stande, zu sprechen. — Sehen Sie hier, mein Fräulein. Lesen Sie, sagte er mit bebender Stimme; und ich las:»Teurer Wilhelm! Lange waren wir treue Freunde, und kein Tag fand uns getrennt. Vergieb mir, wenn ich dich heute verlassen habe; denn ich muß fort, fort in die weite Welt und muß allein sein mit mir. Ich muß versuchen, ob ich nicht dieses Herz stillen kann, denn mir ist gar weh. — O, sie hätte so glücklich werden können, — und sie ist es jetzt nicht; glaube mir. Ich aber will kämpfen wie ein Mann. Arbeit wird mich heilen; in Taten werde ich Vergessenheit suchen und finden. Und hörst du einstmals meinen Namen nennen und hörst du, daß ich großes getan, dann wisse, es war ihr Bild, das mirvorschwebte, ihr Bild, das mich begeistert hat.Lebe wohl, ich bleibe ewigDein treuer FreundGustav von Halsen.«Seitdem haben wir nie mehr von ihm gehört.Louis: Aber der andere? Der Freund, Frau Meister, der Ihnen den Brief brachte?Frau Meister: Sitzt jetzt in jenem Zimmer, sehen Sie, dort.Gretchen: Was? Jetzt? Bei Papa?Frau Meister: Nein, — Papa ist es selbst.Martha: Papa?Gretchen: Oh!Bella: Herr Meister? — Herr Wilhelm Meister?Frau Meister: So ist es. Wie das kam, erzähle ich Ihnen ein anderes Mal.Otto: Herr Meister ist jetzt wohl sehrbeschäftigt?Frau Meister: Mein Gemahl ist in seinem Studier-Zimmer am Schreib-Tische, und dann stören wir ihn niemals gerne; darum müssen Sie auch gütigst entschuldigen, daß wir ihn nicht gerufen haben.Otto: Gewiß, Madam.Gretchen: Denkst Du nicht, Mama, daß Martha jetzt zu ihm gehen könnte? Papa wird sich gewiß freuen, wenn er hört, daß die Herren hier sind.Frau Meister: Willst Du gehen, Martha?Martha: Gerne, teure Mama. — Entschuldigen Sie mich auf wenige Momente.Otto: Bitte, mein Fräulein.Louis: Geht Fräulein Martha jetzt zu Herrn Meister?Gretchen: Ja wohl, Herr Louis.Louis: O, das ist gut!Bella: Frau Meister, o, ich hätte Ihre gute Schwester gern einmal sehen mögen. Haben Sie keinBildvon ihr?Frau Meister: O doch, Bella. Siehst Du jenes Bild an der Wand?Bella: Ja.Frau Meister: Nun, das ist ihr Bild.Bella: Ihr Bild ist es?Otto: Ich dachte, es wäre Marthas Bild; Ihrer Tochter Bild.Louis: Und ich dachte immer, es wäre Gretchens Bild.Bella: Ja, das habe ich auch gedacht.Frau Meister: Und Sie könnten recht haben, denn die Ähnlichkeit ist groß; im Ausdrucke des Gesichtes ist Gretchen ihr ähnlich; in Figur und Haltung gleicht unsere Martha ihr. Als dieses Bild gemalt wurde, war meine Schwester siebenzehn Jahre alt; nur eine Kopie existiert von diesem Bilde. Wo diese aber ist, weiß ich nicht. Ah, — da kommt meine Tochter wieder und bringt ihren Papa am Arme. Das ist schön, daß Du kommst, Wilhelm. Du bist nicht böse, daß wir Dich gestört haben, nicht wahr?Herr Meister: Nein, nein; ich danke Euch allen, denn ich freue mich, meine Freunde begrüßen zu können. Guten Abend, Fräulein Bella! Guten Abend, meine Herren!Martha: Denken Sie nur, wie liebenswürdig Papa war: er gab mir dieses Manuskript, einen Teil dessen, was er heute geschrieben hat; und er hat mir erlaubt, es Ihnen vorzulesen.Gretchen: Das ist eine große Ehre für Sie, Herr Louis. Papa tut das sonst nie.Louis: Herr Meister weiß, daß ich das zuwürdigenverstehe. Nicht wahr, Herr Meister?Herr Meister: So ist es, Louis, gewiß.Gretchen: Ich bin wirklich neugierig zu wissen, wie es geworden ist, Papa.Otto: Worüber schreiben Sie jetzt, Herr Meister?Herr Meister: Über die alte deutsche Litteratur.Martha: Dieser Teil in meiner Hand ist einiges aus dem Nibelungen-Liede.Otto: Soll ich Ihnen die Lampe näher bringen?Martha: Danke; ich kann sehr gut sehen.Louis: Hier, mein Fräulein, nehmen Sie diesenFuß-Schemel. Das ist bequemer für Sie, nicht wahr?Martha: Danke. — Soll ich beginnen, Mama?Frau Meister: Wir sind bereit.Martha: Das Nibelungen-Lied.Worms war dieHauptstadtdesKönigreichesBurgund. Hier lebte die Königin Ute mit ihren Söhnen Gunther, Gernot und Gieselher. Viele große Ritter waren an ihremHofe: Ortewein von Metz, Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart und Volker von Alzei, der Spielmann. Aber dieZierdedes Hofes und die Zierde des ganzen Landes war Krimhilde, der Königin Tochter.O Mutter, sprach einst Krimhilde zur Königin, o Mutter, ich hatte einen bösen Traum: ZweiAaretöteten meinenFalken, und ich hatte diesen Falken so lieb.Armes Kind, erwiderte die Mutter, der Falke ist ein Ritter, den du lieben und — verlieren wirst.Lieben? — sprach Krimhilde, — nie will ich einen Mann lieben, denn Liebe bringt Leid.Aber auch Freude, sagte die Mutter, wenn es ein edler und tapferer Ritter ist; und ich hoffe, daß ein solcher einst dich, mein Kind, beglücken soll.Xanten war dieHauptstadtderNiederlandeam Unter-Rhein. Da lebte der König Sigismund mit Siegelinde, seinem königlichen Weibe, und mit Siegfried, seinem Sohne.Vater, sprach eines Tages Siegfried, — Vater, ich ziehe nach Burgund; ich will Krimhilde mir zum Weibe gewinnen.Wenn du das willst, sprach der König, dann gehe. Aber wisse, Gunther hat manchen starken Mann. Besonders merke dir Hagen.Ich will in Freundschaft um Krimhildens Hand bitten; aber was ich im Guten nicht gewinne, das kann ich aucherobernmit meiner starken Hand.So gehe, sprach der König; doch Siegelinde weinte, als der Sohn sie verließ.Und nach sechs Tagen kam er nach Worms mit zwölf starken Rittern. Aber König Gunther kannte Siegfried nicht und er ließ Hagen rufen; denn dieser kannte alle Länder und ihre Herren.Da Hagen an das Fenster ging und hinunter in denSchloßhofund auf die fremden Ritter sah, sprach er: Ich habe diese Ritter niemals gesehen; aber ichdenke, der erste ist Siegfried von denNiederlanden. — Ja, derselbe ist es und kein anderer. Er hat einst die starkenRiesen, die Nibelungen, bekämpft und ihnen den größten Schatz der Erde abgenommen, den Nibelungen-Schatz; und vom Zwerge Alberich gewann er dieTarnkappe, die ihn unsichtbar macht, und denLindwurmhat er auch getödtet und sich dann gebadet in desDrachen-Blut[IV-1], so daß er unverwundbar ist. Er ist ein gewaltiger Ritter, und wir müssen ihn freundlich empfangen.Und Gunther und seine Brüder und Hagen und alle Ritter gingen hinab, Siegfried zu begrüßen.Nun begannen frohe Tage; Ritter-Spiele wurden gefeiert, und Siegfried siegte immer. Wenn aber die Frauen fragten: Wer ist jener Held, der so schön gewachsen ist und der so reiches Gewand trägt? — dann hörten sie die Antwort: Das ist Siegfried, der Held von den Niederlanden.Ein Jahr war er nun in Worms gewesen und noch hatte er sie nicht gesehen, die er zu gewinnen kam; denn Krimhilde war stets nach feiner Frauen-Sitte in ihren Zimmern.Sie aber hatte ihn doch gesehen; denn wenn die Kampf-Spiele auf dem Hofe waren, stand sie hinter ihrem Fenster, sah hinab auf den schönen, tapfern Siegfried und begann erst, ihn zu bewundern, und dann, ihn zu lieben.In dieser Zeit war Lüdeger der König von Sachsen und sein Bruder Lüdegast König von Dänemark. Diese beiden erklärten den Burgundern den Krieg.Da sprach Siegfried zu Gunther: Bleibe du hier bei den Frauen und beschütze sie, und laß mich gehen mit Hagen und mit deinen Brüdern, zustreitenfür deine Ehre und für deinGut.Und sogeschahes auch. Siegfried besiegte beide Könige und nahm beide gefangen. Gernot sandte einen Boten nach Worms mit der Sieges-Botschaft.Aber niemand in Worms hatte in größerer Furcht und Angst gelebt, als Krimhilde. Heimlich ließ sie den Boten zu sich kommen und sprach: O, sage schnell, was du bringst; und ist es gute Botschaft, dann gebe ich dir Gold.Wir haben gesiegt, sagte der Bote; und der Mann, der den Siegerrungen, heißt Siegfried; alle waren tapfer, deine Brüder und Hagen und die anderen; aber das meiste und das beste hat der Held vom Nieder-Rhein getan und die beiden Könige hat er auch gefangen und er bringt sie hierher.Da wurde Krimhilden's Antlitz rosenrot, und sie ließ den Boten, reichlich beschenkt, von sich gehen.Nun stand sie am Fenster und sah die Straße hinab, so weit ihr Auge reichte, ob sie noch nicht kämen. Endlich kamen sie. Als die Hufe der Pferde den Boden stampften, da klopfte ihr das Herz in der Brust und da sah sie endlich auch ihn wieder, der so schön und hoch vor allen war.Sechs Wochen wurden die Verwundeten gepflegt am Hofe zu Worms; sechs Wochen lang zogen die Ritterhinaus, sich zuübenin den Kampf-Spielen; sechs Wochen lang bereiteten die Frauen denSchmuckund die Kleider, die sie tragen wollten während des Sieges-Festes.Und am ersten Tage des Sieges-Festes war ein großes Gedränge auf dem Fest-Platze am Rhein; denn Ute kam heute mit ihrer Tochter Krimhilde. Hundert Ritter und hundert Mädchen begleiteten sie.Da sah Siegfried sie zum ersten Male. Wie der lichte Mond vor den Sternen schien sie ihm, und Glück und Schmerz wechselten in seinem Herzen.Da wurde er zur Königin Ute gerufen, damit ihre Tochter ihm Willkommen biete. Und als er vor der Holden stand, da wuchs ihm der Mut. Sie aber errötete tief und sagte:Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter! Und als er sich verbeugte, begegneten ihre Blicke einander, — doch nur verstohlen sahen sie sich an.Bald darauf gingen alle zur Kirche, und Krimhilde und Siegfried gingen Hand in Hand; und als sie zusammen aus der Kirche kamen, sagte Krimhilde: O, wie danke ich euch, edler Ritter, für die Dienste, die ihr meinen Brüdernerwiesen!Ich will ihnen noch länger dienen und will ihnen dienen bis an meines Lebens Ende, wenn ich damit nur eure Liebe gewinnen könnte!Das Sieges-Fest dauerte noch zwölf Tage, und Siegfried sah nun jeden Tag Krimhilde. Dann wollteer zurückkehren nach Xanten. — Jung Gieselher aber bat ihn zu bleiben, und so blieb er.Auf der Insel Island lebte Brunhilde, die Königin. Weit und breit sprach man von ihrer Schönheit und von ihrer Kraft. Sie konnte Speere werfen, Steineschleudernund springen, besser, als mancher Ritter; — und nur einem solchen Ritter wollte sie Herz und Hand schenken, der sie in diesen drei Dingen überbieten konnte. Viele der tapfersten Ritter waren schon gekommen und — gefallen.Siegfried kannte Brunhilde, und endlich hörte auch Gunther von ihr und sagte: Ich gehe an die See zu Brunhilde.Thue es nicht, sprach Siegfried, du könntest die Reise mit Leib und Leben bezahlen.Aber Gunther sprach: Kein Weib ist so stark, daß ich sie nicht leichtüberwindenkönnte.Du kennst Brunhilde nicht, sprach Siegfried; und ich rate dir nochmals: Geh' nicht nach Island!Ich gehe, sprach Gunther, und koste es mein Leben; und du magst mit mir gehen; mit deiner Hülfe besiege ich sie gewiß.Sie gingen: Gunther und Siegfried, Hagen und viele andere tapfere Ritter. Am Fenster standen die Frauen und weinten. Siegfried stieß vom Lande ab und lenkte das Schiff.Am zwölften Morgen ihrer Reise sahen sie ein Landmit Burgen und Palästen. Da sprach Gunther: Nie habe ich solche Burgen gesehen. Der Herr dieses Landes muß gar mächtig sein.Brunhilde ist die Herrin dieses Landes, erwiderte Siegfried, und diese Burg vor uns ist BrunhildensWohnsitz, die Isenburg.Sie landeten und bestiegen die Pferde. Siegfried hielt GunthersSteig-Bügel, damit Brunhilde glauben sollte, Siegfried sei Gunthers Vasall. So hatten sie esverabredet, als sie noch im Schiffe waren.Gunther und Siegfried waren weiß gekleidet und saßen auf weißen Pferden; alle anderen waren schwarz gekleidet und saßen auf schwarzen Pferden. So ritten sie auf die Burg zu. Diese war aus grünem Marmor gebaut, hatte sechs und achtzig Türme undumfaßtedrei Paläste.Brunhilde war glücklich, als sie Siegfried sah; sie eilte ihm entgegen und rief:Willkommen, Siegfried, in meinem Land; ich möchte wohl hören, warum du kommst.Besten Dank für diesen Gruß, sprach Siegfried; doch, ihr solltet Gunther grüßen; er ist König am Rhein und er ist mein Herr. Er — dein Herr? sprach Brunhilde; — und was will er von mir?Ich kam um deiner Schönheit willen, sprach Gunther, und deine Liebe will ich gewinnen.So laßt uns gleich den Kampf beginnen, sprach Brunhilde, und legte ihren goldenen Panzer an.Siegfried aber ging zum Schiffe, setzte die Tarn-Kappe auf und kam zurück — ungesehen.Man zog einen großen Kreis. In diesem Kreise sollte der Kampf stattfinden. — Da stand Brunhilde; ihre Rüstung glitzerte von Gold und von Edel-Gestein, doch mehr als alles glänzte ihre Schönheit.Da brachten vier Diener Brunhildens Schild; der war groß und dick und schwer; und Hagen sprach zum König:Wie nun, König Gunther?es geht an Leben und Leib! — Das ist ein teuflisches Weib!Dann brachten vier Ritter ihren Speer; derwoghundert Pfund.O, wär' ich zu Hause! dachte Gunther.Da brachten zwölf Ritter einen Stein, rund und breit; und Hagen rief laut:Des Teufels Braut in der Hölle sollte sie sein, aber nicht meines Königs.Siegfried aber, unsichtbar durch seine Tarn-Kappe, trat an Gunther hinan, berührte ihn und sprach leise:Fürchte nichts, Gunther; ich helfe dir; gieb mir den Schild; mache du selbst nur dieGeberdenund Bewegungen, während ich gegen sie kämpfe.Jetzt wickelte Brunhilde den Ärmel auf, und ihr schneeweißer Arm wurde sichtbar. Sieergriffden Speer undschwangihn mit Macht durch die Luft und warf ihn nach ihresGegnersSchild. Das Feuer sprang vom Stahle. Siegfriedstrauchelteund fiel; schnellaber stand er wieder und faßte den Speer und warf ihn zurück auf Brunhildens Schild, daß die Funken flogen und Brunhilde zu Boden sank. Dank euch, König Gunther, rief sie, sprang auf, nahm den Stein, schleuderte ihn hoch in die Luft und sprang selbst darüber hinweg. Doch Siegfried nahm den Stein und warf ihn noch höher, nahm Gunther in den Arm und sprang noch höher und weiter.
Sektion 4 KopfIV.
Gretchen: So frühe heute in Deinem Blumen-Hause, Schwester? — Guten Morgen. Wenn ich Dich ansehe, muß ich an die schönen Worte denken:
Du bist wie eine Blume,Sohold, so schön, so rein.Ich schau' Dich an, undWehmutSchleichtmir in's Herz hinein.
Du bist wie eine Blume,Sohold, so schön, so rein.Ich schau' Dich an, undWehmutSchleichtmir in's Herz hinein.
Du bist traurig, Martha? — Du hast wirklich Fieber. Bist Du nicht wohl?
Martha Meister: Habe keine Besorgnisse um mich, liebes Gretchen. Ich habe letzte Nacht wenig oder gar nicht schlafen können, — sonst ist es nichts.
Gretchen: Du hast nicht schlafen können? Dann bist Du krank, Martha.
Martha: Nein, Schwester. Ich versichere Dich, mir ist wohl; wirklich, sehr wohl; ich bin sogar glücklich.
Gretchen: So? Und davon wird manbleich? Das, Schwester, ist ganz neu für mich.
Martha: Weißt Du, Gretchen, ich habe in der letzten Nacht sehr viel denken müssen.
Gretchen: Ach, das böse Denken und Sorgen! Das ist recht häßlich! Das macht alt, bringt Falten in das Gesicht und macht die Haare grau.
Martha: Aber, Schwester, kann die Erde es hindern, daß die Gräsersprossen? Kann die Pflanze es hindern, daß die Knospen kommen? — Nun, so wenig können wir das Denken verhindern. Gedanken kommen von selbst.
Gretchen: Ist das so mit Dir? — Ich glaube, mit mir ist es anders.
Martha: Denkst Du nicht auch, Gretchen, daß es recht traurig ist, wenn ein großer Mensch nicht den rechten Platz gefunden hat in der Welt und in einem kleinen Zirkel schaffen muß ohne Freude?
Gretchen: Ja, das ist recht unglücklich für ihn. Dann ist er wie der Fichten-Baum, von welchem der Dichter singt:
Ein Fichten-Baum stehteinsamIm Norden aufkahlerHöh'.Ihn schläfert; mit weißer DeckeUmhüllenihn Eis und Schnee.Er träumt von einer Palme,Die fern imMorgen-LandEinsam und schweigend trauertAuf brennender Felsen-Wand.
Ein Fichten-Baum stehteinsamIm Norden aufkahlerHöh'.Ihn schläfert; mit weißer DeckeUmhüllenihn Eis und Schnee.Er träumt von einer Palme,Die fern imMorgen-LandEinsam und schweigend trauertAuf brennender Felsen-Wand.
Martha: Gretchen, ich will Dir ein Geheimnis sagen.
Gretchen: Und ich soll es niemandem wieder sagen, nicht wahr?
Martha: Nein, niemandem. — Ich glaube, der Herr Doktor Albert ist nicht glücklich. Er ist Doktor der Medizin, und der Beruf des Arztespaßt nicht für ihn.
Gretchen: Aber, liebe Martha, wie weißt Du das?
Martha: Ich weiß es nicht; aber ich fühle es.
Gretchen: Und Du meinst wirklich, der Herr Doktor sei ein großer Mann?
Martha: Ich meine, daß er alles dasbesitzt, was ihn zu einem großen Mann machen könnte, wenn er den rechten Platz fände. Denke, Gretchen, an das, was ich Dir heute Morgen sagte.
Da kommt auch unsere liebe Mama. Guten Morgen, Mama! Wie hast Du geschlafen?
Frau Meister: Gut, meine Tochter; ich danke Dir. Aber Du bist heute Morgen sehr früh bei Deinen Blumen; und ohne Frühstück. Das ist nicht recht, Kind.
Bella: Nein, Martha, das ist gar nicht recht von Dir. Guten Morgen! Guten Morgen!
Gretchen: Das ist schön, daß Du so früh kommst.
Bella: Ich wünsche, Frau Meister, Sie wären gestern bei uns gewesen! Louis' Ritter-Mahl war wirklich sehr komisch; und die Fahrt gestern Abend, — war das nicht herrlich, Gretchen?
Frau Meister: Soeben war der Diener der Herren Parks hier, um nach Eurem Befinden zu fragen. Auch brachte er einen Korb mit Früchten.
Gretchen: Wie aufmerksam!
Bella: Als ich im Hause nach Euch fragte, sah ich den Korb. Solche Äpfel habe ich noch nie gesehen, so rot, so glänzend, so rund;Weintrauben, Orangen, Pfirsiche, — denkt nur, in dieserJahreszeitPfirsiche, — und ich glaube, auch Ananas.
Frau Meister: Ich ließ den Herren meinen herzlichsten Dank sagen für ihre Güte und Aufmerksamkeit und auch, daß ich mich noch mehr zu den Früchten freuen würde, wenn die Geber heute Abend zu uns kommen wollten, um sie mit uns zu speisen.
Bella: »Denn es ist der Anblick der Geber so schön, wie die Gaben.«
Martha: Ich finde, daß Ihr beide, Bella und Gretchen, heute Morgen sehr poetisch seid.
Bella: Nicht wahr? Ich habe soeben »Hermann und Dorothea« gelesen, — das ist ein herrliches Gedicht.
Martha: Willst Du heute bei uns bleiben, Bella? Du könntest mit Schwester Gretchen plaudern. Wenn Mama und ich heuteVormittagausgehen, werde ich diesen Strauß Deiner Mama bringen und ihr sagen, daß Du heute bei uns bleiben möchtest. Ist es Dir recht?
Bella: Das ist mir sehr lieb, Martha. Für wen hast Du alle diese Blumengepflückt?
Martha: DiesenStraußgebe ich Dir, meine liebe Mama, und diesen stelle ich meinem Papa auf den Schreib-Tisch. Er ist gewohnt, jeden Morgen frischeBlumen dort zu finden, — und diese Blumen kommen in das Hospital für die armen Kranken.
Frau Meister: Die Blumen kommen ihnen immer wie eine Himmels-Gabe. — Ich glaube, meine Tochter, es wird bald Zeit, daß wir gehen. Ihr aber bleibt ruhig hier; es ist hier schön.
Martha: Adieu, Gretchen; adieu, Bella. Auf kurze Zeit nur.
Frau Meister: Adieu, meine Lieben!
Bella: Ihr habt aber ein schönes Blumen-Haus, Gretchen.
Gretchen: Papa hat es für Martha gebaut. Sie liebt die Blumen.
Bella: Wer liebt nicht die Blumen? — Vorgestern Abend saß ich bei meiner guten Mama. Sie blicktetiefsinnigauf einen herrlichen Strauß, der vor ihr stand. Ich aber las ihr vor aus den Psalmen: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« — ja,unterbrach michMama, — und die Blumen erzählen von der Liebe Gottes.
Gretchen: Ja, ja. Deine Mama liebt Blumen und Vögel und Musik und Poesie. Ihr geht es wie mir. Jede Blume ist für mich ein poetischer Gedanke der Natur. Begreifst Du das wohl? Viele Blumen haben auch einen Charakter wie die Menschen; das ist ganz gewiß wahr, Bella. An manchen kann man dieFreude sehen, an anderen wieder dieSchwermutoder die Liebe, auch den Haß und denStolzoder dieBescheidenheit.
Bella: Sieh' nur diese schöne Rose! Meinst Du nicht auch, daß die Rose die schönste sei unter allen Blumen?
Gretchen: Ja. Aber weißt Du auch, warum sie es ist?
Bella: Nein. Warum, Gretchen?
Gretchen: Weil die Rose von einer Fraustammt.
Bella: Von einer Frau? Ha, ha, ha! Die Rose von einer Frau, o Gretchen!
Gretchen: Nun, höre einmal zu: Es ist schon lange her, da war in Corinth eine Nymphe und ihr Name war Rotanda; und sie war die Herrin von Corinth und war so schön, daß die stärksten und besten jungen Männer zu ihr kamen und um ihre Hand baten.
Sie aber hatte stets gesagt: »Wer meine Liebe gewinnen will, muß um sie kämpfen«; und sie floh in den Tempel der Diana. Ihre Bewunderer folgten und öffneten die Thüre des Tempels mit Gewalt, — und da stand Rotanda mit dem Schilde in ihrer Linken und dem Schwerte in ihrer Rechten; ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen flammten in feurigem Mut.
Ah, wie schön! rief das Volk der Griechen; ah, wie schön! Sie sei die Göttin dieses Tempels! Und das Volk nahm die Statue der Göttin Diana und warf sie hinaus vor den Tempel.
Apoll aber, Diana's Bruder, warerzürntüber solchenFrevel; mit zornigen Augen sah er hinab auf Rotanda. Da wurde siestarr; ihre Füße wurden fest in der Erde wie Wurzeln, ihre Arme wurden wie Zweige eines Baumes, ihre Haare wurden wie Blätter und Blüten.
Rotanda war verwandelt worden in einen Rosen-Busch mit Dornen; ihre Bewunderer aber waren Schmetterlinge geworden; und diese fliegen noch heute zur Rose und lieben sie und küssen sie.
Bella: So ist die Rose entstanden? Das habe ich nicht gewußt. Aber nun weiß ich, warum die Rose so schön und lieblich ist. Ich danke Dir vielmals, liebes Gretchen.
Gretchen: Ich will Dir ein schönes Gedicht von Heine sagen, oder kennst Du es schon? Es lautet so:
Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,umflattertsie tausend mal.Ihn selber aber, goldig zart,Umflattert der liebende Sonnen-Strahl.Jedoch in wen ist die Rose verliebt,Das wüßt' ich gar zu gern.Ist es die singende Nachtigall?Ist es der schweigende Abend-Stern?Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt.Ich aber lieb' euch all':Rose, Schmetterling, Sonnen-Strahl,Abend-Stern und Nachtigall.
Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,umflattertsie tausend mal.Ihn selber aber, goldig zart,Umflattert der liebende Sonnen-Strahl.
Jedoch in wen ist die Rose verliebt,Das wüßt' ich gar zu gern.Ist es die singende Nachtigall?Ist es der schweigende Abend-Stern?
Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt.Ich aber lieb' euch all':Rose, Schmetterling, Sonnen-Strahl,Abend-Stern und Nachtigall.
Und nun nimm dieses.
Bella: Aber was denn, Gretchen?
Gretchen: Dieses Rosen-Blatt.
Bella: Dieses eine Blatt nur?Du scherzest!
Gretchen: Nimm es, Bella, nimm es.
Bella: Aber warum denn?
Gretchen: Wenn ich Dir ein Rosen-Blatt gebe, so bedeutet das so viel, als würde ich zu Dir sagen: Liebe Bella, komm recht oft zu mir, so oft Du willst; Du kommst mir nie zu viel.
Bella: Ist das die Blumen-Sprache?
Gretchen: Ja; kennst Du jene Sage nicht?
Bella: Ach, Gretchen, ich weiß gar nichts, und Du weißt so viel. Du mußt mich alles das lehren; willst Du, Gretchen?
Gretchen: Gerne, Bella, gerne. — Da war einmal eine Akademie und darin waren zwanzig gelehrte Männer. Ihr Prinzip aber war: Viel hören, viel denken und wenig sprechen, und niemals waren mehr als zwanzig Männer in der Akademie.
Da kam einmal ein gelehrter Doktor aus dem Orient und wünschte, in die Akademie aufgenommen zu werden.
Der Präsident der Akademie wollte nicht gerne nein sagen und aufnehmen konnte man ihn auch nicht gut. — Was war zu tun?
Man nahm ein Glas, füllte es mit Wasser, so daß kein Tropfen mehr hineinging, und stellte es vor den gelehrten Mann aus dem Orient.
Er verstand das Symbol und traurig stand er auf und wollte gehen. Da sah er auf der Erde ein Rosen-Blatt liegen. Ein Gedanke kam ihm; er nahm das Blatt, legte es auf das volle Glas Wasser, und siehe, kein Tropfen floß über.
Die Akademiker sahen, applaudierten und nahmen ihn auf in ihre Akademie. So, jetzt weißt Du auch, was ein Rosen-Blatt bedeutet, nicht wahr?
Bella: Ja, und ich will es mir merken. Und nun sage mir auch, woher der Name: »Vergiß-mein-nicht« kommt, bitte.
Gretchen: Ein Paar ging einmal an der Donau spazieren; es war am Abend ihrer Hochzeit; sie sahen in das Wasser.
Sieh' da, sieh! — Da schwimmt ein Strauß! rief die Braut, ach, die schönen kleinen Blumen! Sie müssenertrinken, und ich liebe diese blauen Blümchen über alles.
Warte, sprach er und war bereits in den Strom gesprungen; aber das Wasser der Donau war sehr wild und riß ihn hinab in die Tiefe; — noch einmal kam er herauf, — die Blumen hielt er fest in der Hand und mit seiner letzten Kraft warf er sie in die Höhe zu ihr, die er liebte, und rief: Vergiß-mein-nicht! dann versank er und ward nie mehr gesehen.
Bella: Eine Blumen-Fabel weiß ich auch, die mir Dein Papa einmal erzählt hat. Es war einmal ein Schäfer namens Narziß, der triebseine Schafe an den Bach. Er blickte in das klare Wasser und sah zum ersten Male sein Bild. Er bewunderte es, blieb lange Zeit da stehen und konnte sein Auge nicht von dem schönen Bilde wenden. Zeus aber zürnte über dieseEitelkeitund verwandelte den Schäfer in eine Blume — Narzisse, und seitdem steht sie traurig an den Bächen mit gesenktem Haupte.
Gretchen: Komm' hierher, Bella, an die Fontaine; hier ist eine Narzisse.
Bella: Dieses ist die erste, die ich sehe. — Kannst Du mir sagen, Gretchen, warum wir einen Braut-Kranz von Orangen-Blüten tragen, wenn wir Hochzeit machen?
Gretchen: Das weiß ich nicht, Bella.
Bella: In Deutschland trägt die Braut keinenKranzvon Orangen-Blüten.
Gretchen: So? Wie weißt Du das?
Bella: Anna hat es mir geschrieben.
Gretchen: Aber was hat man dort anstatt der Orangen-Blüten?
Bella: Einen Zweig von der Myrthe.
Gretchen: So? — In Toscano ist es noch anders. Da tragen die Bräute einen Strauß von Jasmin in der Hand, und ich will Dir auch sagen, warum.
Jasmin war früher sehr selten in Europa. Schiffer hatten diese Pflanze zuerst von Indien mitgebracht, und der Herzog von Toscana hatte sie allein in seinem großen Garten und wollte sie auch allein behalten undbefahlseinem Gärtner, keine Jasmin-Blumen zu vergeben.
Aber der Gärtner liebte ein Mädchen und brachte ihr an ihrem Geburts-Tage einen großen, schönen Strauß; darin war auch ein Zweig von Jasmin. Die Braut freute sich darüber ganz besonders und pflanzte diesen Zweig in ihren Garten.
Die Zeit verging, und der Gärtner hatte sein Mädchen noch nicht heiraten können; denn ihre Mutter sagte: Der Gärtner ist nicht reich genug.
Da verkaufte das Mädchen ihre Jasmin-Blumen, — bekam dafür viel Geld und gab alles ihrem Bräutigam. Nun waren sie reich und machten Hochzeit.
Bella: Und darum trägt noch heute jede Braut in Toscana Jasmin an ihrem Hochzeits-Tage?
Gretchen: Zum Andenken an das kluge und treue Mädchen.
Bella: Weißt Du, Gretchen, das gefällt mir, und wenn wir Hochzeit machen, Du und Martha und ich, dann wollen wir auch Jasmin tragen. Sollen wir?
Gretchen: Wir wollen mit Martha darüber sprechen. Diese Pflanze —
Bella: Das ist Epheu.
Gretchen: Epheu bedeutet Treue und Freundschaft. Das Epheu umschlingt den Baum liebevoll, will ihnschützen, nicht wahr? Und wenn der Baum alt wird und wenn man ihn fällt — das Epheu bleibt ihm treu und grünt weiter.
Bella: Und ich gebe Dir ein Epheu-Blatt.
Gretchen: Und ich nehme es an und wir bleiben treue Freundinnen.
Bella: Ewig treue Freundinnen! O, mir ist so wohl. Die Welt, die ganze Welt möchte ich jetzt küssen!
Gretchen: Und ich möchte in einem fort singen:
La, la, la,La, la, la,Tra, la, la, la.
La, la, la,La, la, la,Tra, la, la, la.
Komm', Bella, in's Haus!
Frau Meister: Aber ich bedauere sehr, daß ich Ihrem Herrn Bruder nicht ebenfalls danken kann.
Bella: Ach, warum haben Sie den Herrn Doktor nicht mitgebracht?
Otto: Mein Bruder ging nach Mittag aus, um einige Fabriken zu besichtigen, sowie gegen Abend dieDruckereienunserer größten Zeitungen. Er ist noch nicht zurück und ich vermute, daß er noch in dem untern Teile der Stadt ist.
Martha Meister: Ich hoffe, Ihr Herr Bruder ist wohl.
Otto: Danke, Fräulein; er ist ganz wohl.
Louis: Das glaube ich nicht, Otto. Gestern Nacht, da Du schon lange schliefst, hörte ich ihn in seinem Zimmer, das über dem meinigen ist, auf und abgehen, lange Zeit, so daß ich auch nicht einschlafen konnte, obgleich ich sehr müde war. Und als ich heute Morgen in Albert's Zimmer kam, saß er schlafend auf dem Stuhle,und die Lampe brannte noch; er war nicht zu Bette gewesen. Vor sich aber hatte er Pläne von Maschinen, von Gebäuden und Kalkulationen, von denen ich nichts verstand.
Aber, Albert, sagte ich zu ihm, gehört denn dieses auch zu Deinem Studium? —
Er lächelte und antwortete nichts. Ich weiß wirklich nicht, was ich von ihm denken soll. Mir kommt er vor, als sei er seit gestern nicht mehr derselbe Mensch.
Otto: Das ist DeineEinbildung, Louis; Einbildung, nichts mehr.
Gretchen: Schon lange habe ich gewünscht, einmal zu sehen, wie unsere Zeitungenhergestelltwerden; aber Papa hatte niemals Zeit, und allein kann eine Dame nicht gehen. Die Herren haben es darin viel besser, sie können gehen, wohin sie wollen, und können tun, was sie wollen.
Bella: Ja, die Herren haben es in allem besser.
Martha: Mama lächelt, Mama glaubt es nicht.
Frau Meister: Nein, ich glaube es nicht. Ich kannte einmal eine junge Dame, reizend und klug wie Ihr; die sprach wie Ihr und —handelte darnach.
Bella: Und — Frau Meister?
Frau Meister: Und als sie ihrenIrrtumeinsah, war es zu spät.
Gretchen: Du sprichst aber heute sehr mysteriös, liebe Mama. Entweder ist da etwas, was ernst ist oder interessant.
Frau Meister: Oder beides.
Gretchen: Bitte, liebe Mama, würdest Du nicht die Güte haben, uns mehr davon zu erzählen?
Bella: O, tun Sie es, Frau Meister, ich bittereizend.
Frau Meister: Ich werde Euern Wunsch erfüllen, um so lieber, da es sogar meine Pflicht ist. Nur bitte ich um Eure Geduld und auch um die Ihrige, meine Herren, wenn ich mehr Zeit gebrauchen werde, als Sie jetzt denken.
Martha: Wir wollen uns näher zu Mama setzen;rückenSie näher, Herr Otto und Herr Louis.
Frau Meister: Es war im Sommer 18 .... Staub und Hitze hatten viele Leute aus der geräuschvollen Stadt auf das Land getrieben; auch unsere Familie hatte ihren Landsitz bezogen. Hohe, grüne Berge ringsum, schattiger Wald, ein lustig rinnender Bach, ein fischreicher See, und, soweit das Auge reichen konnte, eine herrliche Landschaft, ein weites, geräumigesSommerhausmit einem schönen Garten — das alles hatten wir, und das war genug, uns glücklich zu machen.
Vater und Mutter waren in diesem Sommer besonders glücklich; denn Martha, ihre älteste Tochter, lebte nun nach ihrem Wunsche und war heiterer geworden, als sie sonst war. Sie war nicht mehr so oft allein, sondern ging in Gesellschaften und nahm oft teil an denSpaziergängenundAusflügen.
Sie war sonst immer gut, war gehorsam und liebevoll gegen die Eltern, sorgsam für ihre jungen Geschwister und freundlich gegen alle, so daß man von allen, die sie kannten, nur eines hörte: Sie ist schön und lieb, wie ein Engel; wie schade, daß sie selbst nicht ganz glücklich ist!
Und alle dachten und fragten oft: Was mag es wohl sein, daß sie so traurig ist, daß sie oft so melancholisch aus ihren schönen, großen Augen sieht?
Alles dieses war aber in jenem Sommer ganz anders. Martha war heiter, so heiter, wie alle anderen jungen Leute der Gesellschaft.
Unter den jungen Herren aber waren zwei besonders interessant; es waren zwei Deutsche. Sie hatten ihre Studien beendet auf einer deutschen Universität, hatten eine Reise um die Welt unternommen, hatten sogar Afrika durchreist, waren in Palästina, in Ägypten, auch in China und Indien gewesen und waren nun hier, um Amerika zu sehen und zu studieren.
Sie brachten Briefe und Empfehlungen von guten Freunden unseres Vaters und waren gerne in unserer Familie gesehen, und auch sie versuchten, uns angenehm und nützlich zu sein.
Wir hörten besonders gern, wenn sie von ihren Reisen erzählten; denn sie erzählten interessant und sie selbst waren es.
Der eine von ihnen war etwasschwärmerisch, viele sagten: poetisch, wie wir es oft sehen bei Deutschen; undMartha hörte ihm immer aufmerksam zu, wenn er seine Ideen über das Leben, über Länder und Menschen aussprach.
Besonders aber bewunderte er die Frauen dieses Landes und oft hörten wir ihn sagen: Durch viele Länder der Erde bin ich gereist; aber unter den Frauen aller Nationen sah ich keine, die so schön waren oder klüger oder edler, als die Frauen dieses Landes.
Wir alle hörten das gerne; denn wir wußten, es war sein Ernst.
Wenn wir ausgingen, so folgte Schwester Martha stets seiner Einladung und ging an seinem Arme. — Schöne Tage vergingen so, und waren wir abends müde vom Vergnügen des Tages, so wünschten wir doch den nächsten Morgen herbei mit seinen neuen Freuden.
An einem Tage waren wir nach einem nahen Walde gegangen. Schattige Kühle wehte uns entgegen und Wohlgeruch; wir hörten dasLispelnder hohen Bäume und das Konzert der kleinen Sänger. Auf dem grünen Teppich gingen wir fröhlich dahin, pflückten hier und da ein Blatt oder eine Beere und hatten bald die Welt außerhalb des Waldes vergessen.
Auch mit Martha war es so. Sie war froh heute, ganz froh; ja, sie war nochheitererals sonst und sang und sprang mit uns bald hierher, bald dorthin.
Dannlagertenwir uns auf einem freien Platze und hielten unser Mahl, hörten Anekdoten, Geschichten und Rätsel. Wir beendeten das Mahl,erhoben uns, gingen in denWald, suchten Gräser und Blumen, und so kam es, daß wir uns baldzerstreut hatten.
Ich war mit einer Freundin gegangen; wir hatten seltene Pflanzen gefunden; als wir müde waren, setzten wir uns nieder und lasen aus einem Buche.
Wenige Minuten saßen wir, da hörten wir ein Lachen. Da kommt Martha auch, sagte ich zu meiner Freundin; und richtig! — da kam sie und rannte wie ein Reh; hinter ihr her kam aber ihr Begleiter, der deutsche Herr; er wollte siehaschen, aber er konnte es nicht.
Sie sind schneller, als ich, rief er. Siesäumteeine Minute; er wollte sie fassen; aber schnell war sie wiederentwischtund er hielt nur ein Band in seiner Hand. —Sachte, mein Freund, sachte; so schnell fängt man mich nicht, rief sie und lachte in solch' herzlichem Tone.
Er folgte ihr nach. — Ah, sehen Sie? Sie können mich nicht fangen!
Aber ich muß, sagte er.
Wenn ich will, sagte sie; nun wohl, hier will ich halten; ich werde mich auf dieseSchaukelsetzen; sie hängt so schön zwischen diesen großen mächtigen Bäumen.
Schaukeln Sie mich, Herr Doktor, — und sie saß schon, und er schwang sie, daß sie hoch hinauf flog. Es war ein herrliches Bild, wie sie in den Lüften schwebte.
So, das ist genug, rief sie endlich, — sehen Sie? Dort ist eine Quelle, eine Heilquelle, und das Wasser darin ist weit und breitberühmt; so sprechend, sprang sie zur Erde und beide gingen zur Quelle.
Was sie sprachen, konnte ich nicht hören; ich sah nur, wie sie dort standen, und wie er dann kniete, — und ich glaubte damals, um Wasser zu schöpfen.
Der Tag endete so froh, wie er begonnen.
Der nächste Tag war ein Samstag. Es wartrübe, und der Regen fiel in Strömen herab. Ich saß am Fenster und sah die dicken Tropfen am Fenster-Glase herunterfließen. Ich sah auf die Straße und lachte, wenn dann und wann ein Mann schnell vorüber rannte. Sonst war alles öde, — auch in unserm Hause. — Martha sah ich den ganzen Tag nicht einmal; sie wäre ein wenig unwohl, ließ sie sagen, und hätte keinen Appetit.
Sonntag kam, die Sonne schien wieder ein wenig. Die Glocke läutete zur Kirche. Da sah ich Schwester Martha wieder zum ersten Male; sie war nicht mehr dieselbe.
Bist Du wieder wohl, liebe Martha, rief ich ängstlich?
Danke, Schwester, ich bin wohl, antwortete sie und lächelte ernst. Ihr Lächeln war soeigentümlich, und in ihrer Stimme lag ein fremder Ton.
Wir gingen zur Kirche. So inniglich sang heute Martha, so inniglich betete sie heute! Thränen rollten aus ihren Augen, und sie hörte aufmerksam auf die Predigt desGeistliche.
Ich erinnere mich der Predigt noch heute. Der Text war: Lucas 18, Vers 29 u. 30.
»Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch, es ist niemand, der ein Haus verläßt oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder, um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.«
Von diesem Tage an wurde Martha stiller, als sie je zuvor gewesen war. — Sie blieb freundlich und liebevoll gegen alle. Sie selbst aberglicheinem Engel, der still im Hausewaltete.
Doch der Vater schüttelte ernst den Kopf, und die Mutter war traurig, und die Freunde gingen nachdenkend vom Hause.
Und da war einer, derlittbesonders.
So verging der Rest des Sommers, und als der rauhe Wind durch die Bäume fuhr und die Blätter herabwehte, zogen wir wieder zur Stadt, — und bald kam ein Fest, — ein Fest der Freude für Martha, nicht für uns. Martha stand im langen Gewande vor dem Prediger, der sie dem Konvente unserer episkopalischen Kirche weihte.
Vaters Haar war weiß geworden. Oft, sehr oft, hörte ich ihn im Schlafe sprechen: O mein Kind, mein Kind!
Und war sie glücklich geworden?
Oft kam ich zu ihr in's Kloster. Mir wurde stets so wohl, wenn ich sie sah, und so ging es allen Menschen, wenn sie zur guten, schönen Schwester Martha kamen. — Wenn Schwester Martha an das Bett der Krankentrat, so fühlten sieErleichterung, und berührte sie die Kranken mit der Hand, soschwandendie Schmerzen.
Sie selbst aber war am liebsten unter den Kindern und bei den älteren Mädchen in der Schule des Konvents und hier wurde sie am meisten geliebt, so vom ganzen, warmen, jungen Herzen der Mädchen.
Als ich sie wieder einmal in der Schule sah unter den fröhlichen Mädchen, sprach ich zu ihr: Du bist doch recht glücklich!
Glücklich, sagte sie langsam, — ach ja, ich bin's. — Ich sah sie verwundert an undzweifeltezum ersten Male an ihrer Zufriedenheit.
So waren wieder einige Jahre vergangen, und große Trauerherrschteim Konvent, besonders in der Schule, denn die gute, schöne Schwester Martha war krank,bedenklichkrank, hatte der Arzt gesagt.
Ich war viel bei ihr; sie wünschte es; zuletzt kam ich nicht mehr von ihrem Bette hinweg.
Da eines Tages, spät am Nachmittage, faßte sie wieder meine Hand und sagte: Teure, höre mir zu; ich habe mit Dir zu sprechen.
Ich rückte näher, so daß ich ihre schwache Stimme besser hören konnte; ihre Hand ruhte in der meinen, und sie sah mir in die Augen so tief, so innig und so liebevoll, und ihre Stimme klang so mild.
Schwester, sagte sie, geh' und öffne jenes Fenster. — Ich ging und tat es und kam zurück und sagte:
Du siehst so wohl aus, beste Schwester, bald wirst Du wieder ganz gesund sein.
Sehr bald; — siehst Du die Sonne dort, meine Liebe? — Bald wird sie sinken hinter jenem Berge und dann scheint sie mir niemals mehr.
O, sprich nicht so; nein, o nein! sagte ich.
Weine nicht, sprach sie dann mit freundlicher Stimme, weine nicht; sei glücklich mit mir; denn jetzt bin ich wirklich glücklich, endlich einmal nach langen, langen Jahren.
O, Gott; warst Du es denn nicht immer?
Ich war es nicht. Höre meine Worte; es werden meine letzten sein.
Meine teure, liebe Schwester, sagte ich.
Sie begann:
Denkst Du noch jenes Sommer-Tages, da wir einen Ausflug machten in den Wald? Da war es, daß mich ein edler Mann gebeten hatte, sein Weib zu werden; und bevor ich noch Antwort gab, ja oder nein sagen konnte, kam die Gesellschaft zu uns. Wir gingen nach Hause und in dieser Nacht kämpfte ich einen schweren Kampf mit mir selbst:
Soll ich sein Weib werden? Soll ich an das Haus gebunden sein? Soll ich die vielen, kleinen Dienste tun, — ich, die ich das Größte, Edelste tun wollte? — Was kann das Weib großes tun im Hause? — Der Mann tut das Große außer dem Hause, — soll es nicht auch das Weib können? — Und wahrlich, ich fühlte Kraft genug in mir.
So dachte ich und traf meineEntscheidung. — Du kennst sie. — Ich kam hierher mit hohen Ideen, mit großen Plänen, — ach, sie waren so schön! — Aber es waren die Pläne eines Mädchens.
So viel Unglück hatte ich in der Welt gesehen und so viel Übel, und ich glaubte, das Übel schnellerbeseitigen, das Gute schneller befördern zu können. — Es waren Gedankeneines unerfahrenen Mädchens.
Da ich in die Hütten der Armen kam und an die Betten der Kranken, dalinderteich viel Unglück; — aber das Unglück beseitigen, gänzlich beseitigen, wie ich es einst geträumt hatte, — das konnte ich nicht; und alle Menschen glücklich, gut und nützlich zu machen, — das war unmöglich.
Aber eins habe ich gesehen und gelernt, daß die Familien glücklich, daß die Väter froh und fleißig, daß die Kinder gesund und wohlerzogen waren, wo eine Mutter war, — eine weise, gute Mutter.
Aber das Unglück war im Hause, und der Vater war unfreundlich und mutlos zu seinemBerufe, und die Kinder waren unzufrieden undzänkisch, wo die Mutter-Liebe fehlte, wo das freundliche Wort fehlte und der freundliche Blick und der Komfort im Hause; — ich meine nicht den Komfort, der teuer zu erkaufen ist mit Geld, sondern den Komfort, den der Blick, der Ton, den das liebende Herz der Mutter giebt.
Alles, meine Schwester, alles, glaube es mir, — das Glück des Mannes, das Glück der Kinder, das Glückder Familie, das Glück des Landes liegt in den Händen der Frauen und nicht so viel in den Händen der Männer; denn diese sind willig und folgen den Frauen; und wohl dem Lande, das gute Frauen und gute Mütter hat!
Und siehe, Schwester; ein Glück habe ich aus meinen Händen gegeben. Wie oft habe ich die Mutterbeneidet, wenn ich sah, wie sie ihr Kind küßte, wie sie ihr Kind liebend an die Brust drückte.
Da wurde es mir klar, daß ich geirrt hatte; ich hatte gefehlt, da ich das Beste gewollt.
Wohl versuchte ich gut zu machen, soviel ich konnte; darum lehrte ich die jungen Mädchen, und manches gute Samen-Korn habe ich gesäet.
Die gute Schwester weinte, und ich wollte sietröstenund sagte: Hast Du nicht dadurch viel Gutes gegründet?
Ja, sagte sie, das habe ich allerdings, und mein Trost ist auch, das Du glücklich bist, teure Schwester; und nun versprich mir hier, daß Du auch ferner ein wahres, gutes Weib sein willst Deinem Gatten, wie Du es bis heute warst; daß Du eine treue Mutter sein willst Deinen Kindern, daß sie Dich so lieben wie eine Freundin, so daß Deine Töchter Dir alles, alles vertrauen; daß sie nichts und niemals etwas geheim halten vor Dir. Lehre sie, daß das Haus ein Heiligtum sei und das Weib die Hüterin; denn der Mann geht in die Welt und sieht so viel des Bösen und wird oft so verwirrt; sage es ihnen doch, daß es des Weibes Pflichtist, ihn zuläuternvom Schlechten und ihn zu erheben vom Gemeinen und ihn zu stärken zum Guten.
Lehre sie ihr Haus angenehm machen, daß jeder es gern betrete.
Lehre sie, daß des Weibes Mission hoch und heilig ist. — Meine Stimme wird schwach, — und nun versprich mir, Deinen Töchtern einst meine Geschichte zu erzählen; und nun laß' — sieh', wie die Sonne schon sinkt, — laß' uns beten. —
Ich sank neben ihrem Bette auf die Kniee und wir beteten; ich hörte ihr Amen und dann einen leichten Seufzer; ich sah auf zu ihr, ihr Auge wargeschlossen, sie schlief. —
Wochen waren vergangen, — da legte ich Blumen auf ihr Grab. Ohnmächtig hatte man mich von ihrem Bette nach meinem Hause getragen; ich verfiel in eine schwere Krankheit. Im Fieber sprach ich allein von ihr, meiner teuern,seligenSchwester. Ich habe mich bemüht, ihre letzten Worte zu erfüllen. — Nun habe ich Euch auch ihre Lebens-Geschichte erzählt; und ob es mir wohl geglückt ist, Euch, liebe Kinder, eine Mutter zu werden, wie sie es gewollt?
Martha: O Mama, teuerste, liebste Mama!
Gretchen: Wie kannst Du nur so fragen, Mama?
Frau Meister: Mein Gatte, meine Freunde können die Antwort geben.
Bella: Verzeihung, Frau Meister. Aber was ist aus dem jungen deutschen Herrn geworden?
Frau Meister: Das kann ich in wenigen Worten sagen.
Eines Morgens kam sein Freund zu mir. Er war bleich undwar kaum im Stande, zu sprechen. — Sehen Sie hier, mein Fräulein. Lesen Sie, sagte er mit bebender Stimme; und ich las:
»Teurer Wilhelm! Lange waren wir treue Freunde, und kein Tag fand uns getrennt. Vergieb mir, wenn ich dich heute verlassen habe; denn ich muß fort, fort in die weite Welt und muß allein sein mit mir. Ich muß versuchen, ob ich nicht dieses Herz stillen kann, denn mir ist gar weh. — O, sie hätte so glücklich werden können, — und sie ist es jetzt nicht; glaube mir. Ich aber will kämpfen wie ein Mann. Arbeit wird mich heilen; in Taten werde ich Vergessenheit suchen und finden. Und hörst du einstmals meinen Namen nennen und hörst du, daß ich großes getan, dann wisse, es war ihr Bild, das mirvorschwebte, ihr Bild, das mich begeistert hat.
Lebe wohl, ich bleibe ewig
Dein treuer FreundGustav von Halsen.«
Seitdem haben wir nie mehr von ihm gehört.
Louis: Aber der andere? Der Freund, Frau Meister, der Ihnen den Brief brachte?
Frau Meister: Sitzt jetzt in jenem Zimmer, sehen Sie, dort.
Gretchen: Was? Jetzt? Bei Papa?
Frau Meister: Nein, — Papa ist es selbst.
Martha: Papa?
Gretchen: Oh!
Bella: Herr Meister? — Herr Wilhelm Meister?
Frau Meister: So ist es. Wie das kam, erzähle ich Ihnen ein anderes Mal.
Otto: Herr Meister ist jetzt wohl sehrbeschäftigt?
Frau Meister: Mein Gemahl ist in seinem Studier-Zimmer am Schreib-Tische, und dann stören wir ihn niemals gerne; darum müssen Sie auch gütigst entschuldigen, daß wir ihn nicht gerufen haben.
Otto: Gewiß, Madam.
Gretchen: Denkst Du nicht, Mama, daß Martha jetzt zu ihm gehen könnte? Papa wird sich gewiß freuen, wenn er hört, daß die Herren hier sind.
Frau Meister: Willst Du gehen, Martha?
Martha: Gerne, teure Mama. — Entschuldigen Sie mich auf wenige Momente.
Otto: Bitte, mein Fräulein.
Louis: Geht Fräulein Martha jetzt zu Herrn Meister?
Gretchen: Ja wohl, Herr Louis.
Louis: O, das ist gut!
Bella: Frau Meister, o, ich hätte Ihre gute Schwester gern einmal sehen mögen. Haben Sie keinBildvon ihr?
Frau Meister: O doch, Bella. Siehst Du jenes Bild an der Wand?
Bella: Ja.
Frau Meister: Nun, das ist ihr Bild.
Bella: Ihr Bild ist es?
Otto: Ich dachte, es wäre Marthas Bild; Ihrer Tochter Bild.
Louis: Und ich dachte immer, es wäre Gretchens Bild.
Bella: Ja, das habe ich auch gedacht.
Frau Meister: Und Sie könnten recht haben, denn die Ähnlichkeit ist groß; im Ausdrucke des Gesichtes ist Gretchen ihr ähnlich; in Figur und Haltung gleicht unsere Martha ihr. Als dieses Bild gemalt wurde, war meine Schwester siebenzehn Jahre alt; nur eine Kopie existiert von diesem Bilde. Wo diese aber ist, weiß ich nicht. Ah, — da kommt meine Tochter wieder und bringt ihren Papa am Arme. Das ist schön, daß Du kommst, Wilhelm. Du bist nicht böse, daß wir Dich gestört haben, nicht wahr?
Herr Meister: Nein, nein; ich danke Euch allen, denn ich freue mich, meine Freunde begrüßen zu können. Guten Abend, Fräulein Bella! Guten Abend, meine Herren!
Martha: Denken Sie nur, wie liebenswürdig Papa war: er gab mir dieses Manuskript, einen Teil dessen, was er heute geschrieben hat; und er hat mir erlaubt, es Ihnen vorzulesen.
Gretchen: Das ist eine große Ehre für Sie, Herr Louis. Papa tut das sonst nie.
Louis: Herr Meister weiß, daß ich das zuwürdigenverstehe. Nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: So ist es, Louis, gewiß.
Gretchen: Ich bin wirklich neugierig zu wissen, wie es geworden ist, Papa.
Otto: Worüber schreiben Sie jetzt, Herr Meister?
Herr Meister: Über die alte deutsche Litteratur.
Martha: Dieser Teil in meiner Hand ist einiges aus dem Nibelungen-Liede.
Otto: Soll ich Ihnen die Lampe näher bringen?
Martha: Danke; ich kann sehr gut sehen.
Louis: Hier, mein Fräulein, nehmen Sie diesenFuß-Schemel. Das ist bequemer für Sie, nicht wahr?
Martha: Danke. — Soll ich beginnen, Mama?
Frau Meister: Wir sind bereit.
Martha: Das Nibelungen-Lied.
Worms war dieHauptstadtdesKönigreichesBurgund. Hier lebte die Königin Ute mit ihren Söhnen Gunther, Gernot und Gieselher. Viele große Ritter waren an ihremHofe: Ortewein von Metz, Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart und Volker von Alzei, der Spielmann. Aber dieZierdedes Hofes und die Zierde des ganzen Landes war Krimhilde, der Königin Tochter.
O Mutter, sprach einst Krimhilde zur Königin, o Mutter, ich hatte einen bösen Traum: ZweiAaretöteten meinenFalken, und ich hatte diesen Falken so lieb.
Armes Kind, erwiderte die Mutter, der Falke ist ein Ritter, den du lieben und — verlieren wirst.
Lieben? — sprach Krimhilde, — nie will ich einen Mann lieben, denn Liebe bringt Leid.
Aber auch Freude, sagte die Mutter, wenn es ein edler und tapferer Ritter ist; und ich hoffe, daß ein solcher einst dich, mein Kind, beglücken soll.
Xanten war dieHauptstadtderNiederlandeam Unter-Rhein. Da lebte der König Sigismund mit Siegelinde, seinem königlichen Weibe, und mit Siegfried, seinem Sohne.
Vater, sprach eines Tages Siegfried, — Vater, ich ziehe nach Burgund; ich will Krimhilde mir zum Weibe gewinnen.
Wenn du das willst, sprach der König, dann gehe. Aber wisse, Gunther hat manchen starken Mann. Besonders merke dir Hagen.
Ich will in Freundschaft um Krimhildens Hand bitten; aber was ich im Guten nicht gewinne, das kann ich aucherobernmit meiner starken Hand.
So gehe, sprach der König; doch Siegelinde weinte, als der Sohn sie verließ.
Und nach sechs Tagen kam er nach Worms mit zwölf starken Rittern. Aber König Gunther kannte Siegfried nicht und er ließ Hagen rufen; denn dieser kannte alle Länder und ihre Herren.
Da Hagen an das Fenster ging und hinunter in denSchloßhofund auf die fremden Ritter sah, sprach er: Ich habe diese Ritter niemals gesehen; aber ichdenke, der erste ist Siegfried von denNiederlanden. — Ja, derselbe ist es und kein anderer. Er hat einst die starkenRiesen, die Nibelungen, bekämpft und ihnen den größten Schatz der Erde abgenommen, den Nibelungen-Schatz; und vom Zwerge Alberich gewann er dieTarnkappe, die ihn unsichtbar macht, und denLindwurmhat er auch getödtet und sich dann gebadet in desDrachen-Blut[IV-1], so daß er unverwundbar ist. Er ist ein gewaltiger Ritter, und wir müssen ihn freundlich empfangen.
Und Gunther und seine Brüder und Hagen und alle Ritter gingen hinab, Siegfried zu begrüßen.
Nun begannen frohe Tage; Ritter-Spiele wurden gefeiert, und Siegfried siegte immer. Wenn aber die Frauen fragten: Wer ist jener Held, der so schön gewachsen ist und der so reiches Gewand trägt? — dann hörten sie die Antwort: Das ist Siegfried, der Held von den Niederlanden.
Ein Jahr war er nun in Worms gewesen und noch hatte er sie nicht gesehen, die er zu gewinnen kam; denn Krimhilde war stets nach feiner Frauen-Sitte in ihren Zimmern.
Sie aber hatte ihn doch gesehen; denn wenn die Kampf-Spiele auf dem Hofe waren, stand sie hinter ihrem Fenster, sah hinab auf den schönen, tapfern Siegfried und begann erst, ihn zu bewundern, und dann, ihn zu lieben.
In dieser Zeit war Lüdeger der König von Sachsen und sein Bruder Lüdegast König von Dänemark. Diese beiden erklärten den Burgundern den Krieg.
Da sprach Siegfried zu Gunther: Bleibe du hier bei den Frauen und beschütze sie, und laß mich gehen mit Hagen und mit deinen Brüdern, zustreitenfür deine Ehre und für deinGut.
Und sogeschahes auch. Siegfried besiegte beide Könige und nahm beide gefangen. Gernot sandte einen Boten nach Worms mit der Sieges-Botschaft.
Aber niemand in Worms hatte in größerer Furcht und Angst gelebt, als Krimhilde. Heimlich ließ sie den Boten zu sich kommen und sprach: O, sage schnell, was du bringst; und ist es gute Botschaft, dann gebe ich dir Gold.
Wir haben gesiegt, sagte der Bote; und der Mann, der den Siegerrungen, heißt Siegfried; alle waren tapfer, deine Brüder und Hagen und die anderen; aber das meiste und das beste hat der Held vom Nieder-Rhein getan und die beiden Könige hat er auch gefangen und er bringt sie hierher.
Da wurde Krimhilden's Antlitz rosenrot, und sie ließ den Boten, reichlich beschenkt, von sich gehen.
Nun stand sie am Fenster und sah die Straße hinab, so weit ihr Auge reichte, ob sie noch nicht kämen. Endlich kamen sie. Als die Hufe der Pferde den Boden stampften, da klopfte ihr das Herz in der Brust und da sah sie endlich auch ihn wieder, der so schön und hoch vor allen war.
Sechs Wochen wurden die Verwundeten gepflegt am Hofe zu Worms; sechs Wochen lang zogen die Ritterhinaus, sich zuübenin den Kampf-Spielen; sechs Wochen lang bereiteten die Frauen denSchmuckund die Kleider, die sie tragen wollten während des Sieges-Festes.
Und am ersten Tage des Sieges-Festes war ein großes Gedränge auf dem Fest-Platze am Rhein; denn Ute kam heute mit ihrer Tochter Krimhilde. Hundert Ritter und hundert Mädchen begleiteten sie.
Da sah Siegfried sie zum ersten Male. Wie der lichte Mond vor den Sternen schien sie ihm, und Glück und Schmerz wechselten in seinem Herzen.
Da wurde er zur Königin Ute gerufen, damit ihre Tochter ihm Willkommen biete. Und als er vor der Holden stand, da wuchs ihm der Mut. Sie aber errötete tief und sagte:
Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter! Und als er sich verbeugte, begegneten ihre Blicke einander, — doch nur verstohlen sahen sie sich an.
Bald darauf gingen alle zur Kirche, und Krimhilde und Siegfried gingen Hand in Hand; und als sie zusammen aus der Kirche kamen, sagte Krimhilde: O, wie danke ich euch, edler Ritter, für die Dienste, die ihr meinen Brüdernerwiesen!
Ich will ihnen noch länger dienen und will ihnen dienen bis an meines Lebens Ende, wenn ich damit nur eure Liebe gewinnen könnte!
Das Sieges-Fest dauerte noch zwölf Tage, und Siegfried sah nun jeden Tag Krimhilde. Dann wollteer zurückkehren nach Xanten. — Jung Gieselher aber bat ihn zu bleiben, und so blieb er.
Auf der Insel Island lebte Brunhilde, die Königin. Weit und breit sprach man von ihrer Schönheit und von ihrer Kraft. Sie konnte Speere werfen, Steineschleudernund springen, besser, als mancher Ritter; — und nur einem solchen Ritter wollte sie Herz und Hand schenken, der sie in diesen drei Dingen überbieten konnte. Viele der tapfersten Ritter waren schon gekommen und — gefallen.
Siegfried kannte Brunhilde, und endlich hörte auch Gunther von ihr und sagte: Ich gehe an die See zu Brunhilde.
Thue es nicht, sprach Siegfried, du könntest die Reise mit Leib und Leben bezahlen.
Aber Gunther sprach: Kein Weib ist so stark, daß ich sie nicht leichtüberwindenkönnte.
Du kennst Brunhilde nicht, sprach Siegfried; und ich rate dir nochmals: Geh' nicht nach Island!
Ich gehe, sprach Gunther, und koste es mein Leben; und du magst mit mir gehen; mit deiner Hülfe besiege ich sie gewiß.
Sie gingen: Gunther und Siegfried, Hagen und viele andere tapfere Ritter. Am Fenster standen die Frauen und weinten. Siegfried stieß vom Lande ab und lenkte das Schiff.
Am zwölften Morgen ihrer Reise sahen sie ein Landmit Burgen und Palästen. Da sprach Gunther: Nie habe ich solche Burgen gesehen. Der Herr dieses Landes muß gar mächtig sein.
Brunhilde ist die Herrin dieses Landes, erwiderte Siegfried, und diese Burg vor uns ist BrunhildensWohnsitz, die Isenburg.
Sie landeten und bestiegen die Pferde. Siegfried hielt GunthersSteig-Bügel, damit Brunhilde glauben sollte, Siegfried sei Gunthers Vasall. So hatten sie esverabredet, als sie noch im Schiffe waren.
Gunther und Siegfried waren weiß gekleidet und saßen auf weißen Pferden; alle anderen waren schwarz gekleidet und saßen auf schwarzen Pferden. So ritten sie auf die Burg zu. Diese war aus grünem Marmor gebaut, hatte sechs und achtzig Türme undumfaßtedrei Paläste.
Brunhilde war glücklich, als sie Siegfried sah; sie eilte ihm entgegen und rief:
Willkommen, Siegfried, in meinem Land; ich möchte wohl hören, warum du kommst.
Besten Dank für diesen Gruß, sprach Siegfried; doch, ihr solltet Gunther grüßen; er ist König am Rhein und er ist mein Herr. Er — dein Herr? sprach Brunhilde; — und was will er von mir?
Ich kam um deiner Schönheit willen, sprach Gunther, und deine Liebe will ich gewinnen.
So laßt uns gleich den Kampf beginnen, sprach Brunhilde, und legte ihren goldenen Panzer an.
Siegfried aber ging zum Schiffe, setzte die Tarn-Kappe auf und kam zurück — ungesehen.
Man zog einen großen Kreis. In diesem Kreise sollte der Kampf stattfinden. — Da stand Brunhilde; ihre Rüstung glitzerte von Gold und von Edel-Gestein, doch mehr als alles glänzte ihre Schönheit.
Da brachten vier Diener Brunhildens Schild; der war groß und dick und schwer; und Hagen sprach zum König:
Wie nun, König Gunther?es geht an Leben und Leib! — Das ist ein teuflisches Weib!
Dann brachten vier Ritter ihren Speer; derwoghundert Pfund.
O, wär' ich zu Hause! dachte Gunther.
Da brachten zwölf Ritter einen Stein, rund und breit; und Hagen rief laut:
Des Teufels Braut in der Hölle sollte sie sein, aber nicht meines Königs.
Siegfried aber, unsichtbar durch seine Tarn-Kappe, trat an Gunther hinan, berührte ihn und sprach leise:
Fürchte nichts, Gunther; ich helfe dir; gieb mir den Schild; mache du selbst nur dieGeberdenund Bewegungen, während ich gegen sie kämpfe.
Jetzt wickelte Brunhilde den Ärmel auf, und ihr schneeweißer Arm wurde sichtbar. Sieergriffden Speer undschwangihn mit Macht durch die Luft und warf ihn nach ihresGegnersSchild. Das Feuer sprang vom Stahle. Siegfriedstrauchelteund fiel; schnellaber stand er wieder und faßte den Speer und warf ihn zurück auf Brunhildens Schild, daß die Funken flogen und Brunhilde zu Boden sank. Dank euch, König Gunther, rief sie, sprang auf, nahm den Stein, schleuderte ihn hoch in die Luft und sprang selbst darüber hinweg. Doch Siegfried nahm den Stein und warf ihn noch höher, nahm Gunther in den Arm und sprang noch höher und weiter.