VII.

Sektion 7 KopfVII.Martha Meister: Wie schön von Ihnen, Louis, daß Sie kommen!Martha Parks: Ach, wir sind so geeilt.Bella: Du glaubst kaum, liebe Martha, wie gespannt wir sind.Gretchen: Was für Nachrichten bringen Sie uns heute, Herr Louis?Louis: Gute, meine Damen, sehr gute, ich ....Bella: Wie warm Ihnen ist, Louis; Gretchen, Martha, — schnell dieFächerzur Hand — so — das ist schön, Louis, nicht wahr?Louis: O, ich binbeneidenswert!Gretchen: Jetzt ist Ihnen kühler, nicht wahr? Nun, Louis, was wollten Sie sagen?Louis: Ach so — sie sind fast immer allein in der Bibliothek bei verschlossener Thüre; was sieverhandeln, möchte ich wohl wissen, aber ich weiß es nicht und kann Ihnen nichts davonverraten. Heute Mittag bei Tisch aber begann Albert so wie zufällig: Heinrich, ich möchte Dich heute Nachmittag in eine befreundete Familie einführen — ich — ich weiß, was Du sagen willst, — nein,nein, mein Freund, keine Entschuldigung heute, ich habe dort eine kleine Vorlesung über Lessing zu geben undes liegt mir viel daran, den Damen zu gefallen, und Du weißt zu gut, daß ich viel besser sprechen kann, wenn ich Dich vor mir habe; liebster Heinrich, bringe mir das Opfer, willst Du? — »Hm, ich begleite Dich,« — war alles, was er darauf erwiderte. Er spricht sehr wenig und immer kurz, aber jedes seiner Worte hat Wert. Otto meint, daß seine Ideen hoch und edel seien.Martha Parks: Und ich glaube wie Otto. Ich sitze gerne bei dem stillen Freunde meines Bruders, und er sieht mich immer so freundlich an, und ich sehe ihn wieder an; wir sprechen kein Wort — wir sehen einander bloß an.Martha Meister: Nicht wahr, Gretchen, es ist nun Zeit, Mama und Papa zu rufen? Entschuldigt mich, bitte, in wenigen Minuten bin ich wieder bei Euch.Bella: Bitte, Martha, gehe nur. — Gretchen! Gretchen! — ich glaube, man klopft.Gretchen: Ich habe nichts gehört, Bella.Louis: Es war der Wind.Bella: Aber jetzt — ganz sicherlich, es klopft; Gretchen, ich habe es wirklich gehört; o, wie ich zittere!Martha Parks: Ja, ich habe es auch gehört.Gretchen: Herein!Dr.Albert: Guten Tag, mein wertes Fräulein; Fräulein Bella, guten Tag! Sieh, sieh, Schwesterchen ist schon hier mit Bruder Louis — nun, das ist ja gut.Erlauben Sie mir, meine Damen, Ihnen meinen liebsten Freund vorzustellen: Herr von Halsen, Fräulein Gretchen Meister und unsere liebe Freundin Bella ....Gretchen: Da kommen die Eltern auch und Schwester Martha.Dr.Albert: Meine Herrschaften, ich bin glücklich, Sie so wohl zu sehen. Ich habe mir heute die Freiheit genommen, meinen lieben Freund aus Deutschland bei Ihnen einzuführen: Herr Heinrich von Hal... — Heinrich, was ist Dir? — was starrst Du jenes Bild so an?Herr von Halsen: Hm, hm, meines Vaters Bild hier, — hm, — wer ist der Haus-Herr?Herr Meister: Ich habe die Ehre, mich Ihnen selbst als solchen vorzustellen — mein ....Herr von Halsen: Sind Sie Herr Meister, Herr Wilhelm Meister?Herr Meister: Ganz recht, mein Herr.Herr von Halsen: Hatten Sie nicht einen Jugend-Freund Gustav von Halsen? ....Herr Meister: Ja, ja, mein Herr, — Sie wissen von ihm? .... ich flehe, sprechen Sie, lebt er?Herr von Halsen: Er lebt und er ist wohl, und ich selbst — bin sein Sohn.Herr Meister: Er lebt — Dank, dank dir, guter Gott! — und Sie — sein Sohn! Willkommen mir, willkommen in meinem Hause, Sohn meines Freundes. O sieh' doch hier, teures Weib, meines — unsersFreundes Gustav Sohn. Ach, Kinder, Ihr — Ihr wißt von all' dem nichts; es ist eine alte, traurige Geschichte!Frau Meister: Sie wissen alles, ich sprach davon vor kurzem — vergeben Sie mir, Herr von Halsen, wenn ich erst jetzt Ihnen Willkommen, aus ganzem Herzen Willkommen entgegenrufe. Als ich eintrat durch jene Thüre und Sie erblickte, war ich sprachlos; ich konnte mich nicht fassen, denn eine längst vergangene Zeit stand mit einem Male wieder vor mir.Sie sind das Ebenbild Ihres Vaters.Herr Meister: Ja, ja — wo waren meine Augen nur!Herr von Halsen: Mein verehrtester Herr, ich habe Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin einige Worte vom Vater zu sagen und Papiere zu überbringen. Albert, willst Du mich für einige Momente entschuldigen?Dr.Albert: Gewiß!Herr Meister: Treten Sie ein!Herr von Halsen: Hm, hm, — seltsam, — schnell gefunden — fast unglaublich —!Frau Meister: Entschuldigt uns, bitte, — nur wenige Minuten!Bella: O, Gretchen, Martha!Martha Meister: Das ist wahrhaft wunderbar!Gretchen: Wahrhaft wunderbar!Dr.Albert: Was bedeutet denn dieses alles?Otto: Ach, ich sehe, Albert, Du weißt nichts von der Geschichte seines Vaters. Wenn ich nicht irre, Albert, so hört man jetzt in jenem Zimmer das Finale einer sehr interessanten Geschichte, deren ersten Teil Frau Meister uns neulich erzählt hat. Hast Du ihm denn niemals Herrn Meisters Namen genannt?Dr.Albert: Wie durfte ich denn? Fräulein Gretchen hatte es mir javerboten, und in der kurzen Zeit seines Hierseins hatten wir gar vieles zu besprechen. Er erwähnte zwar einmal, daß er später einen alten Freund seines Vaters aufsuchen müsse, einen Namen nannte auch er mir nicht. — Merkwürdig,wie sich das nun schickt!Louis: Nein, — ich weiß nicht, was ich sagen soll; das ist gerade wie ein Roman.Bella: O, wie glücklich ich bin, daß ich auch einmal einen Roman mit erlebt habe! Ich habe es immer gewünscht, — nun weiß ich doch auch, wie es ist.Otto: Nun, Fräulein, wie denn?Bella: Nun ja — so — o, ich weiß selber nicht wie, — so — so seltsam!Dr.Albert: Das Leben, beste Freundin, ist voll von Romantik, glauben Sie mir.Gretchen: Wie klein in diesem Momente der Kreis der Menschen erscheint, — denken Sie nur: Ihr Freund — meines Vaters alten Freundes Sohn!Martha Meister: Weißt Du, Gretchen, das ist Dir eine guteVorbedeutung.Bella: Ja, Gretchen, das ist wahr.Martha Meister: Ihre Vorlesung, Herr Doktor, dürfen Sie aber nichtaussetzen!Dr.Albert: Ganz recht, mein Fräulein, darf ich nicht aussetzen.Louis: Er könnte sonst etwas von unserm Plane merken, nicht wahr?Gretchen: Laßt uns denn Platz nehmen. Bitte, Herr Doktor, beginnen Sie, sobald man eintritt. — Die Thüre öffnet sich schon — Martha, sieh' nur Mama an, wie glücklich sie ist, und Papa — er hält den Herrn von Halsen am Arme, als wollte er nie wieder von ihm lassen. — Hier, Mama, bitte, nimm Platz — dürfte ich Sie bitten, Herr von Halsen, hier; Papa, hier ....Herr Meister: Aber Kinder, so feierlich — was soll denn das?Martha: Still, lieber Papa, Mama weiß alles und wird es Dir später erklären.Dr.Albert: Meine Damen und meine Herren! Wenn ich oft in meinen Studien-Jahren gegen Kolonnen von Vokabeln mühsam gekämpft und gegenScharenvon Konjugationen und Deklinationen hart gestritten hatte und nicht selten ermattet zusammengebrochen war, dann mag ich wohl öfters in der Verzweiflung ausgerufen haben: O, warum haben unsere Väter jemals begonnen, den Turm von Babel zu bauen?!Die Jahre sind nun geschwunden, und nur noch in sanfter Wehmut gedenke ich jener Leiden. Als Siegerbin ich hervorgegangen, und Großmut ist wieder eingezogen in mein Herz. Dann und wann sogar habe ich meine süßen Träumereien und — wer weiß, wer weiß, sage ich dann, ob nichtder allwaltende Vaterseine Kinder so weit von einander entfernt und nach allen Enden der Erde zerstreut hat, auf daß sie sich nach langer Zeit des Wiederfindens erfreuen mögen! Ja, wenn ich sehe, wie die Menschen bis heute sich die Kraft des Dampfes und der Elektricität dienstbar gemacht haben, wie sie die Ferne in die Näherückenund die Zeit überbrücken — dann erscheint es mir fast, als ob jener Tag wirklich nicht mehr ferne wäre, da alle Brüder des großen Menschen-Geschlechts nach langer Trennung sich wieder verstehen lernen wie ehemals, als sie eine Sprache redeten. DieFähigkeitender Menschen werden so groß, die Methoden des Studiums werden so vollkommen sein, daß man ungemein schnell und leicht die Sprachen der Welt erlernen kann. Hat man doch heute den Anfang bereits gemacht.Louis: Bravo, bravo! — applaudieren Sie doch, Herr Meister!Dr.Albert: Diese ideale, glückliche Zeit liegt noch in weiter Ferne; darum sorgen Sie noch nicht, meine Freunde, welche von den zahlreichen Sprachen Sie wählen werden zu stetem, häuslichem Gebrauche. Zwar könnte ich schon heute sagen, auf welche derselben Ihre Wahl fallen würde als auf die schönste, leichteste, beste. Soll ich sie nennen, die Sprache Ihrer Wahl? —Die Mutter-Sprache wird es sein. — Denn die Töne, in welcher die Mutter zuerst uns die süßen Laute der Liebezugehauchthat, sind in unser Innerstes eingepflanzt, und das Schönste, was wir sagen wollen, und das Teuerste und das Heiligste — wir sagen es am besten in diesen Lauten. Darum ist die Mutter-Sprache uns allen heilig und lieb, darum verehrt eine edle Nation die Mutter-Sprache, und darum hängt das Volk so fest an ihr. Denn es fühlt, es ist die Mutter-Sprache sein geistiger Boden, ohne welchen es so weniggedeihenkann, wie der vollgewachsene Baum, den man in fremde Erde gepflanzt hat. — Es wäre ein Unglück für ein Volk, wenn es seine Mutter-Sprache verlieren müßte. Und wissen Sie, meine Freunde, daß dem deutschen Volke dieses Unglück einstmals gedroht hat?Das deutsche Volk war von der Höhe seines politischen Glückes tief hinabgestürzt in das Unglück des dreißigjährigen Krieges, und auf den Sonnen-Glanz seinerDichtkunstim 13. Jahrhundert war schwarzeFinsternisgefolgt. Poesie und Kunst und Litteratur waren nirgends sichtbar, und als einziger Trost erklangen ihm in dieser langen Nacht die göttlichen Töne der Musik von Händel und Bach.Die höheren Zirkel der deutschen Nation blickten verlangend und suchend umher und fanden Befriedigung in den schönen Schriften der großen Poeten Frankreichs, das Volk aber blieb konservativ und hielt fest an derSprache der Mutter, an der Sprache, welche Luther ihnen in der Bibel gegeben hatte.Da kam Gotthold Ephraim Lessing und hob die deutsche Sprache und gab ihr Halt und festen Grund und Form undflößteihr Stärke ein und zierte sie mit Schönheit. Und dann schritt er zu Deutschlands Musen-Tempel, öffnete mit fester Hand die Pforten, die langverschlossenen, und zündete dieFackelan und schwang sie hoch und leuchtend, bis dieMorgenrötekam und das volleTageslichtwieder einströmte in die herrlichen Räume und auf den Altar, vor welchem zwei der Priester sich vereint die Hände reichten — Schiller undGoethe[VII-1]. Auf den Altar aber hatte Lessing eine dreifacheWeihegebracht: »Emilia Galotti«, »Nathan der Weise« und »Minna von Barnhelm«. Wahrlich, das deutsche Volk schätzt sie hoch, diese Gaben: dieses perfekte Trauerspiel, dieses große Schauspiel und dieses schöne Lustspiel.Ah, meine Freunde, verstehen Sie nun, warum Deutschland seinem Lessing hohe Verehrung schuldet undzollt?Und was ihm das deutsche Volk schuldet für Sprache und Litteratur — Dank und Verehrung, — das schulden ihm dieGebildetendergesamtenWelt für das, was er auch für sie getan durch seinen »Laokoon«, denn »Laokoon« ist nicht das Werk einer Nation, sondern das Gemeingut aller insgesamt.Sie haben mich gebeten, meine verehrten Freunde, mit Ihnen auch über Lessings »Laokoon« zu sprechen. Icherfülle mit großem Vergnügen Ihren Wunsch, muß mich jedoch wegen der Kürze der mirzugemessenenZeit auf eingeringesbeschränken.Durch seinen »Laokoon« rief Lessing eine solche Veränderung in den Ideen über Dichtkunst, Malerei undBildhauereihervor, wie einst Newton auf einem andernGebiete.Sagte ich zuviel, meine Freunde? nein, ich glaube nicht.Bevor ich jedoch über dieses Thema weiter spreche, muß ich Sie bekannt machen mit einem dervorzüglichstenMänner seiner Zeit, mit Johann Winckelmann. Aus dem Teile eines Briefes, der von ihm selbst an einen Freund geschrieben sein soll, können Sie einiges aus seinem Leben hören:»Du verlangst meineLebensgeschichtezu wissen, und diese ist sehr kurz, weil ich dieselbe nach demGenußabmesse. M. Plautius, Consul, und welcher über die Illyrier triumphiert hatte, ließ an seinGrabmal, welches sich unweit Tivoli erhalten hat, unter allen seinen angeführten Taten setzen:"Vixit ann. IX."Ich würde sagen: »Ich habe bis in das achte Jahr gelebt;« dies istdie Zeit meines Aufenthalts in Romund in andern Städten von Italien. Hier habe ich meine Jugend, die ich teils in der Wildheit, teils in Arbeit und Kummer verloren, zurückzurufen gesucht und ich sterbe wenigstens zufriedener; denn ich habe alles, was ich wünschte, erlangt, ja mehr, als ich denken, hoffenund verdienen konnte. — Ichschätzemich für einen von den seltnen Menschen in der Welt, welche völlig zufrieden sind und nichts zu verlangen übrig haben. Suche einen andern, welcher dieses von Herzen sagen kann!Meine vorigeLebens-Geschichtenehme ich kurz zusammen. In Seehausen war ich achthalb Jahre als Konrektor an der dasigen Schule. Bibliothekarius des Herrn Grafen von Bünau bin ich ebenso lange gewesen und ein Jahr lebte ich in Dresden vor meiner Reise. — Meine größte Arbeit ist bisher die »Geschichte der Kunst des Altertums, sonderlich derBildhauerei« gewesen. — Ferner ist ein italienisches Werk unter dem Titel: »Erklärung schwerer Punkte in der Mythologie, den Gebräuchen und der alten Geschichte, alles aus unbekannterDenkungsartdes Altertums«; — dieses Werk in Folio lasse ich auf eigne Kosten in Rom drucken. —Beiläufigarbeite ich an einer Allegorie für Künstler.Dieses ist das Leben und die Wunder Johann Winckelmanns, zu Stendal in der Altmark, zu Anfang des 1718. Jahres geboren. — Ich wünsche dir, daß du zu der Zufriedenheit gelangen mögest, die ich hier genieße und genossen habe, und bin beständigDein treuer Freund und BruderWinckelmann.«Lessing auch las die Werke dieses Mannes, der es verstand wie kein anderer zuvor, die Wunder der Schönheit in den Bild-Werken der Alten vor den Augen einererstaunten Mitwelt zuenthüllen, und Lessing kam an die Beschreibung der herrlichen Gruppe, der Laokoon-Gruppe.Sie alle, meine Freunde, kennen die Geschichte des trojanischen Krieges, nicht wahr? Sie wissen, daß trotz der glorreichen Taten tapferer Helden dennoch im zehnten Jahre die Mauern der Stadt fest da standen und daß dann die Griechen ein Pferd von Holz erbauten, so groß, daß man einen Teil der Mauer hätte niederreißen müssen, um es in die Stadt zu führen, und daß die Griechen dann ihre Schiffe bestiegen um heimwärts zu segeln — zum Schein. — Sie erinnern sich auch, daß dann die Trojaner aus den Thoren stürzten in die langentbehrtenFelder und das Pferd sahen und staunten und fragten: Was bedeutet denn das? und daß sie jenem falschen, lügenhaften Griechen glaubten, der ihnen sagte, daß die Griechen auf dem Meereverderbenmüßten, wenn sie dieses Pferd, ein Opfer der Götter, in ihre Stadt brächten, und wie sie auch gewarnt wurden von Laokoon, dem Priester, doch abzustehen von ihrem Vorhaben. Dann waren die Schlangen gekommen aus dem Meere und hatten den Priester samt seinen beiden Söhnen umschlungen.Dieser Moment nun ist es, den ein alter griechischer Meistererfaßtund in Marmor ausgeführt hat und zwar mit solcher Meisterschaft, daß Winckelmann nicht Worte des Lobes genug finden kann für die Erhabenheit des Werkes und die Weisheit des Meisters, der in jedem Zuge die höchste Schönheit zum Ausdruck gebracht hat— überall, überall; und der nicht wie der römische Dichter Virgil gehandelt habe, welcher Laokoon in seinem Gedichte vor Schmerz laut schreien und also doch den Mund weit und unschön öffnen ließe.Lessing las diemißbilligendeKritik über Virgil, nahm den Poeten zur Hand und las die Verse, deren Übersetzung nach Schiller so lautet:»Jetzt aber stellt sich den entsetzten BlickenEin unerwartet, schrecklichSchauspieldar.Es stand, denOpferfarrenzuzerstücken,Laokoon am festlichen Altar.Da kam (mir bebt die Zung', esauszudrücken)Von Tenedos ein gräßlichSchlangenpaar,Den Schweif gerollt in fürchterlichem Bogen,Dahergeschwommen auf den stillen Wogen.Die Brüste steigen aus demWellenbade,Hoch aus dem Wasser steigt der Kämme blut'ge GlutUnd nachgeschleift in ungeheurem RadeNetzt sich der lange Rücken in der Flut,Laut rauschend schäumt es unter ihrem Pfade,Im blut'gen Auge flammt des HungersWut,AmRachenwetzenzischend sich die Zungen,So kommen sie ans Land gesprungen.Der bloße Anblick bleicht schon alle Wangen,Und auseinander flieht diefurchtentseelteSchar;Der pfeilgerade Schuß der SchlangenErwählt sich nur den Priester am Altar.Der Knaben zitternd Paar sieht man sie schnell umwinden,Den ersten Hunger stillt der Söhne Blut;Der Unglückseligen Gebeine schwindenDahin von ihresBissesWut.ZumBeistandschwingt der Vater seinGeschoß;Doch in dem Augenblick ergreifenDie Ungeheu'r ihn selbst, er steht bewegungslos,Geklemmtvon ihres Leibes Reifen;Zwei Ringe sieht man sie um seinen Hals und nochZwei andre schnell um Brust und Hüfte stricken,Und furchtbar überragen sie ihn dochMit ihren hohen Hälsen undGenicken.Der Knoten furchtbares GewindeGewaltsam zu zerreißen, strengtDer Arme Kraft sich an; des Geifers Schaum besprengtUnd schwarzes Gift die priesterliche Binde.Des SchmerzensHöllenqualdurchdringtDer Wolken Schooß mit berstendem Geheule,So brüllt der Stier, wenn er, gefehlt vomBeileUnd blutend, dem Altar entspringt.«Nochmals las Lessing die Verse des Poeten und nochmals sah er auf die Gruppe desBildhauers, — da warnirgendsetwas zutadeln: beide,Bildhauerund Dichter, hatten das Schöne in bester Weise geschaffen — nur auf verschiedenem Wege — und Lessing stutzte, staunte, sann — und machte die große Entdeckung für die Kunst, daß Dichter und Maler undBildhauernach demselbenZiele streben — die Schönheit zu schaffen, daß sie aber oft verschiedene Wegeeinschlagenmüssen, diesesZielzu erreichen.Vielleicht, meine Freude, mögen Sie im ersten Momenteenttäuschtoder nicht im Stande sein, die hohe Bedeutung dieser Entdeckung vollständig zu begreifen, oder Sie mögen sich wundern und fragen: Hat man dieses nicht immer erkannt? — oder Sie mögen auch sagen: Was liegt daran, auf welche Art Dichter, Maler undBildhauerschaffen!Ah, meine Verehrtesten, wie sehr ich wünsche, daß Sie michbegleitenkönnten nach dem Raume, welcher den kostbarsten Schatz unter allen Bild-Werken enthält! Wenn wir eintreten, sehen wir an den Wänden entlang Männer und Frauen sitzen, welche vor uns in derselben Absicht wie wir gekommen sind. Eine heilige, glückliche Freude leuchtet aus ihren Augen; auf ihrem Angesichte ruht scheue Ehrfurcht, und sie falten die Hände und bewegen die Lippen betend — auch wir tun wie sie; und zwei Mädchen, welche lachend und leicht nach uns gekommen waren, wurden ebenfalls still und senkten bescheiden und fromm das Haupt, und alle gehen gehoben zu heiliger Höhe als bessere Wesen von dannen, denn sie sahen die Madonna von Raphael.So, meine Freunde, wirkt ein Genius durch sein Werk. Er macht die Menschen glücklicher und besser. So wirkt auch der Bildner des Apoll von Belvedere, so auch der Schöpfer des Domes zu Cöln.Sie waren von Gott und andern Menschen besonders begnadet, und was ihnenin Füllezuströmte, müssen andere durch mühsames Ringen erstreben, durch schweres Studium, durch ernstes Suchen der Regeln, die zum rechten Wege führen. Winckelmann sagt: »Die Quelle und der Ursprung in der Kunst ist die Natur selbst.«Und zu diesem Wege führte uns Lessing in seinem Werke »Laokoon,« aus welchem ich Ihnen zum Schlusse das Wort Lessings anführen möchte, daß wir als unserm Meister folgen müssen dem unsterblichen, ewig schönen Homer.Martha Parks: Bravo, Albert, bravo! und nun applaudieret alle — lauter — so — das ist recht.Dr.Albert: Ich danke Ihnen, meine Freunde; Ihre Güte macht mich glücklich.Herr von Halsen: Sehr gut, Albert, sehr gut!Herr Meister: Meinen besten Dank, mein lieber Herr Doktor.Frau Meister: Sie haben mir einen großen Genuß bereitet, verehrter Herr Doktor.Martha Meister: Und gewiß, Herr Doktor, auch mir.Gretchen: Sowie mir; eines nur muß ich bedauern.Dr.Albert: Und das wäre, mein Fräulein?Gretchen: Daß ein Mann wie Lessing nicht auch über die Kunst aller Künste, über die Musik, seine Gedanken geäußert hat.Dr.Albert: Das ist in der Tat zu bedauern, aber wie wäre es, mein Fräulein, wenn Sie uns Ihre Ideenüber Musik mitteilen wollten? Die Ansichten einer solch'ergebenenDienerin der Kunst würden für uns alle lehrreich und angenehm sein.Gretchen: Ah, mein Herr,das wage ich nicht; wie dürfte ich mich unterstehen, vor einer Versammlung gelehrter Herren, wie sie hier ist, zu sprechen!Louis: O mein Fräulein, wir werden Nachsicht üben.Gretchen: Nun, dann will ich beginnen. Die Musik liebe ich von ganzer Seele treu und innig und in der Tatversäumeich wohl kaum ein gutes Konzert. Und doch geschah es nicht selten, daß ich eine gewisse Unzufriedenheit am meisten gerade dannverspürte, nachdem ich die höchste Freude an den schönsten Werken der unsterblichen Meister genossen hatte.Können Sie sich das wohl denken oder erklären? — Mir ging es da, wie es so manchem kleinen Knaben geht, wenn der Vater ihm ein Spiel-Zeug von der Reise brachte. Eine Weile freut er sich — dann aber geht er still in eine Ecke und fragt sich: Was mag wohl im Innern sein?Und wenn ich nach einem großen Konzerte wieder alleine war mit mir selbst und die herrlichsten Passagen mir noch im Ohre klangen und ich mich nochlabteam Strome der Töne, dann drängte sich mir oft die Frage auf:Was — wasistMusik? Woher hat ein Beethoven diese süßen Melodien, diese wunderbaren Harmonien? — Aus der Natur? — In der Natur höre ich wohl einzelneMelodien, wie im Gesange der Vögel, doch niemals solche, wie unsere größten Komponisten sie uns geben, niemals Harmonien. Wie denn? ist überhaupt das, was unsere Komponisten formten, etwas Natürliches, etwas, was wahr ist und bestehen kann, oder ist es etwas Künstliches, etwas, was Menschen zusammengefügt haben und das vergehen muß wie Menschen-Werk? — Nein, nein — mein Glaube an die Musik war zu mächtig, und doch — ich hätte so gerne dieZweifelaus mir entfernt.Es wollte mir lange nicht gelingen; so viel ich auch denken und fragen und in Büchern suchen mochte, — vergebens war mein Bemühen.Aber wir werden oftmals beschenkt, da wir es am wenigsten erwarten, und doppelt groß ist dann unsere Freude. Und so ging es auch mir. Ich fand eine Antwort in einer späteren Zeit und an einem entfernten Orte. Wollen sie die Antwort hören? Sie befriedigt mich selbst sehr wohl, doch bin ich nicht kühn genug zu glauben, daß sie auch Ihnen genügen wird.Ich stand vor dem erhabensten Schau-Spiel der Natur, das ich bis heute gesehen habe, — ich stand am Niagara-Fall.Wie lange ich da weilte, ich weiß es nicht mehr — aber immer mußte ich denken: O, wie schön, wie schön ist doch die Erde, auf welcher wir leben. Solche große Pracht, solch' endlose Herrlichkeit wurde doch zu viel für meine Augen, und ich bedeckte sie mit meinen Händen, da — war es möglich? — o, göttliches Wunder — ichhörte in der Natur ein Konzert, so gewaltig, so schön und erhaben, wie ich noch keines gehört hatte, und das Rätsel der Musik war mir gelöst.Töne und Melodien und Harmonien sind überall, überall in der Natur; überall, wo Leben ist, da entsteht auch der Ton; wo der Ton uns sympathisch erquillt, wo Melodie und die Harmonie, da geht das Werk der Natur glücklich von statten; und instinktiv weilen wir hier und hier weilt alles Lebende gerne.Töne kommen vom Leben, sind Beweise des Lebens und darum wirken sie gleiches und erwecken auch Leben. Daher die Macht der Musik über alles Lebende, daher dieAnziehungs-Kraftder Musik auf alles, was Leben hat. Farbe und Form wirken auf das Auge der Geschöpfe, Ton und Musik auf das Ohr.Der Dichter erhebt sich über die Menschen, übersieht ihre Taten,erforschtihre Gedanken und Gefühle und, indem er in seinen Dichtungen die Handlungen von Menschen wahrhaft gruppiert, wirkt er wieder auf Menschen durch deren Herzen und Verstand.Der Maler erhebt sich gleichsam über die Erde und führt eine Scene auf seinem Gemälde derartig aus, daß auch andere Menschen die Schönheit der Erde leichter zu erkennen vermögen. Der Maler wirkt durch das Auge.Dem Komponisten aber verlieh Gott in seiner Gnade die Gabe, daß er sich im Geiste über dasIrdischezu den Himmels-Sphären schwingen und jene Harmonien vernehmenkann, welche aus den unendlichen Räumen zusammenströmen und das glückliche Zusammen-Wirken alles Bestehenden im Welten-Alle verkünden. O, wer wie sie jene Musik der Sphären vernehmen könnte!Beethoven und Mozart und Gluck und Haydn und Händel und Mendelssohn und Bach und Weber und die anderen alle — sie hörten dieselbe und gaben uns andern in ihren Werken nur ein schwaches Echo, auf daß wir uns daran laben und vom Höheren lernen und an das Höhere glauben.Daher kommt es, daß die Macht der Musik so allgewaltig ist, weil sie aus den Höhenstammt, und daher kommt es auch, daß ein Beethoven, der sich erhoben hatte über allen irdischen Glanz, sich selbst vor einem Kaiser nicht beugte, da selbst ein Goethe, der erste Poet seiner Zeit, sich ehrfurchtsvoll bückte, als beide, Komponist und Poet, zusammen dem Fürsten begegneten. Darum geschah es auch, daß an einem Tage während des Wiener Kongresses die versammelten Kaiser und Könige und Fürstinnen sich sämtlich von ihren Sitzen erhoben und sich beugten vor dem Meister; er hatte ihnen durch seine Kompositionen eineAhnunggegeben von jenen Höhen, Höhen, in denen er selbst geweilt, und er hatte die Großen der Erde erfüllt mit Ehrfurcht vor dem Höchsten, dessen bescheidener Diener er selbst nur war.Eben diese hohe Macht ist es, welche auch aus Händel sprach, als er zu einem Kurfürsten von Sachsen sagte: »Königliche Hoheit, ich haben meinen »Messias« nichtgeschrieben, um Euch zu unterhalten, sondern um Euch zu bessern.«Und es ist nur ein Abglanz des Schönen, das Mozart selbst vernommen und das wir wiederfinden in seinen Werken und in seinem Leben.Ich will nun meine Bemerkung schließen mit den Worten Schillers, meines Lieblings-Dichters:»Wer kann des SängersZauberlösen,Wer seinen Tönen widerstehen?Wie mit dem Stab des Götter-BotenBeherrscht er das bewegte Herz. —— Da beugt sich jede Erden-GrößeDem Fremdling aus der andern Welt —— Sorafftvon jeder eitlen Bürde,Wenn des Gesanges Ruf erschallt,Der Mensch sich auf zur Geister-WürdeUnd tritt in heilige Gewalt.«Meine Herrschaften, ich habe nichts mehr zu sagen; bitte, seien Sie nicht zu streng mit mir.Frau Meister: O, meine liebe, liebe Tochter!Herr von Halsen: Vorzüglich! — Eine Philosophin!Dr.Albert: Fräulein Gretchen, Madame, Herr Meister, haben Sie meines Freundes Urteil gehört? Wer ihn kennt, weiß wie viel diese wenigen Worte bei ihm zu bedeuten haben.Martha Meister: O, wie glücklich hast Du mich gemacht, Gretchen!Bella: Und wie stolz ich auf Dich bin!Herr Meister: Bravo, mein Kind, sehr brav. Komm, nun sing uns auch ein Lied vor. Du bist doch nicht zu müde?Gretchen: O nein, mein lieber Papa. Martha, Du begleitest mich doch, nicht wahr?Martha Meister: Gewiß, gewiß; was wählest Du?Dr.Albert: Singen Sie: »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn«; mein Freund hört es gerne.Gretchen (singt):Wenn die Schwalben heimwärts ziehn,Wenn die Rosen nicht mehr blühn,Wenn der Nachtigall GesangMit der Nachtigall verklang,Fragt das HerzIn bangem Schmerz:Ob ich dich auch wiederseh'?Scheiden, ach Scheiden tut weh!Wenn die Schwäne südlich ziehn,Dorthin, wo Citronen blühn,Wenn dasAbendrotversinkt,Durch die grünen Wälder blinkt,Fragt das HerzIn bangem Schmerz:Ob ich dich auch wiederseh';Scheiden, ach Scheiden tut weh!Herr von Halsen: Albert!Dr.Albert: Sehr wohl, Heinrich, sogleich! Meine Herrschaften, wir haben nun die Ehre, uns bestens zu empfehlen.Martha Meister: Müssen Sie so frühe gehen?Frau Meister: Sie eilen, meine Herren; nun, wir dürfen Sie nicht hindern, aber unsere anderen Freunde bleiben noch hier, nicht wahr?Martha Parks: Ja, ja, wir bleiben noch hier, Frau Meister.Louis: Und haben noch viel Vergnügen.Herr Meister: Also morgen zur bestimmten Zeit!Herr von Halsen: Zur bestimmten Zeit. Ich empfehle mich.Alle: Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!Sektion 7 Fuss

Sektion 7 KopfVII.

Martha Meister: Wie schön von Ihnen, Louis, daß Sie kommen!

Martha Parks: Ach, wir sind so geeilt.

Bella: Du glaubst kaum, liebe Martha, wie gespannt wir sind.

Gretchen: Was für Nachrichten bringen Sie uns heute, Herr Louis?

Louis: Gute, meine Damen, sehr gute, ich ....

Bella: Wie warm Ihnen ist, Louis; Gretchen, Martha, — schnell dieFächerzur Hand — so — das ist schön, Louis, nicht wahr?

Louis: O, ich binbeneidenswert!

Gretchen: Jetzt ist Ihnen kühler, nicht wahr? Nun, Louis, was wollten Sie sagen?

Louis: Ach so — sie sind fast immer allein in der Bibliothek bei verschlossener Thüre; was sieverhandeln, möchte ich wohl wissen, aber ich weiß es nicht und kann Ihnen nichts davonverraten. Heute Mittag bei Tisch aber begann Albert so wie zufällig: Heinrich, ich möchte Dich heute Nachmittag in eine befreundete Familie einführen — ich — ich weiß, was Du sagen willst, — nein,nein, mein Freund, keine Entschuldigung heute, ich habe dort eine kleine Vorlesung über Lessing zu geben undes liegt mir viel daran, den Damen zu gefallen, und Du weißt zu gut, daß ich viel besser sprechen kann, wenn ich Dich vor mir habe; liebster Heinrich, bringe mir das Opfer, willst Du? — »Hm, ich begleite Dich,« — war alles, was er darauf erwiderte. Er spricht sehr wenig und immer kurz, aber jedes seiner Worte hat Wert. Otto meint, daß seine Ideen hoch und edel seien.

Martha Parks: Und ich glaube wie Otto. Ich sitze gerne bei dem stillen Freunde meines Bruders, und er sieht mich immer so freundlich an, und ich sehe ihn wieder an; wir sprechen kein Wort — wir sehen einander bloß an.

Martha Meister: Nicht wahr, Gretchen, es ist nun Zeit, Mama und Papa zu rufen? Entschuldigt mich, bitte, in wenigen Minuten bin ich wieder bei Euch.

Bella: Bitte, Martha, gehe nur. — Gretchen! Gretchen! — ich glaube, man klopft.

Gretchen: Ich habe nichts gehört, Bella.

Louis: Es war der Wind.

Bella: Aber jetzt — ganz sicherlich, es klopft; Gretchen, ich habe es wirklich gehört; o, wie ich zittere!

Martha Parks: Ja, ich habe es auch gehört.

Gretchen: Herein!

Dr.Albert: Guten Tag, mein wertes Fräulein; Fräulein Bella, guten Tag! Sieh, sieh, Schwesterchen ist schon hier mit Bruder Louis — nun, das ist ja gut.Erlauben Sie mir, meine Damen, Ihnen meinen liebsten Freund vorzustellen: Herr von Halsen, Fräulein Gretchen Meister und unsere liebe Freundin Bella ....

Gretchen: Da kommen die Eltern auch und Schwester Martha.

Dr.Albert: Meine Herrschaften, ich bin glücklich, Sie so wohl zu sehen. Ich habe mir heute die Freiheit genommen, meinen lieben Freund aus Deutschland bei Ihnen einzuführen: Herr Heinrich von Hal... — Heinrich, was ist Dir? — was starrst Du jenes Bild so an?

Herr von Halsen: Hm, hm, meines Vaters Bild hier, — hm, — wer ist der Haus-Herr?

Herr Meister: Ich habe die Ehre, mich Ihnen selbst als solchen vorzustellen — mein ....

Herr von Halsen: Sind Sie Herr Meister, Herr Wilhelm Meister?

Herr Meister: Ganz recht, mein Herr.

Herr von Halsen: Hatten Sie nicht einen Jugend-Freund Gustav von Halsen? ....

Herr Meister: Ja, ja, mein Herr, — Sie wissen von ihm? .... ich flehe, sprechen Sie, lebt er?

Herr von Halsen: Er lebt und er ist wohl, und ich selbst — bin sein Sohn.

Herr Meister: Er lebt — Dank, dank dir, guter Gott! — und Sie — sein Sohn! Willkommen mir, willkommen in meinem Hause, Sohn meines Freundes. O sieh' doch hier, teures Weib, meines — unsersFreundes Gustav Sohn. Ach, Kinder, Ihr — Ihr wißt von all' dem nichts; es ist eine alte, traurige Geschichte!

Frau Meister: Sie wissen alles, ich sprach davon vor kurzem — vergeben Sie mir, Herr von Halsen, wenn ich erst jetzt Ihnen Willkommen, aus ganzem Herzen Willkommen entgegenrufe. Als ich eintrat durch jene Thüre und Sie erblickte, war ich sprachlos; ich konnte mich nicht fassen, denn eine längst vergangene Zeit stand mit einem Male wieder vor mir.Sie sind das Ebenbild Ihres Vaters.

Herr Meister: Ja, ja — wo waren meine Augen nur!

Herr von Halsen: Mein verehrtester Herr, ich habe Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin einige Worte vom Vater zu sagen und Papiere zu überbringen. Albert, willst Du mich für einige Momente entschuldigen?

Dr.Albert: Gewiß!

Herr Meister: Treten Sie ein!

Herr von Halsen: Hm, hm, — seltsam, — schnell gefunden — fast unglaublich —!

Frau Meister: Entschuldigt uns, bitte, — nur wenige Minuten!

Bella: O, Gretchen, Martha!

Martha Meister: Das ist wahrhaft wunderbar!

Gretchen: Wahrhaft wunderbar!

Dr.Albert: Was bedeutet denn dieses alles?

Otto: Ach, ich sehe, Albert, Du weißt nichts von der Geschichte seines Vaters. Wenn ich nicht irre, Albert, so hört man jetzt in jenem Zimmer das Finale einer sehr interessanten Geschichte, deren ersten Teil Frau Meister uns neulich erzählt hat. Hast Du ihm denn niemals Herrn Meisters Namen genannt?

Dr.Albert: Wie durfte ich denn? Fräulein Gretchen hatte es mir javerboten, und in der kurzen Zeit seines Hierseins hatten wir gar vieles zu besprechen. Er erwähnte zwar einmal, daß er später einen alten Freund seines Vaters aufsuchen müsse, einen Namen nannte auch er mir nicht. — Merkwürdig,wie sich das nun schickt!

Louis: Nein, — ich weiß nicht, was ich sagen soll; das ist gerade wie ein Roman.

Bella: O, wie glücklich ich bin, daß ich auch einmal einen Roman mit erlebt habe! Ich habe es immer gewünscht, — nun weiß ich doch auch, wie es ist.

Otto: Nun, Fräulein, wie denn?

Bella: Nun ja — so — o, ich weiß selber nicht wie, — so — so seltsam!

Dr.Albert: Das Leben, beste Freundin, ist voll von Romantik, glauben Sie mir.

Gretchen: Wie klein in diesem Momente der Kreis der Menschen erscheint, — denken Sie nur: Ihr Freund — meines Vaters alten Freundes Sohn!

Martha Meister: Weißt Du, Gretchen, das ist Dir eine guteVorbedeutung.

Bella: Ja, Gretchen, das ist wahr.

Martha Meister: Ihre Vorlesung, Herr Doktor, dürfen Sie aber nichtaussetzen!

Dr.Albert: Ganz recht, mein Fräulein, darf ich nicht aussetzen.

Louis: Er könnte sonst etwas von unserm Plane merken, nicht wahr?

Gretchen: Laßt uns denn Platz nehmen. Bitte, Herr Doktor, beginnen Sie, sobald man eintritt. — Die Thüre öffnet sich schon — Martha, sieh' nur Mama an, wie glücklich sie ist, und Papa — er hält den Herrn von Halsen am Arme, als wollte er nie wieder von ihm lassen. — Hier, Mama, bitte, nimm Platz — dürfte ich Sie bitten, Herr von Halsen, hier; Papa, hier ....

Herr Meister: Aber Kinder, so feierlich — was soll denn das?

Martha: Still, lieber Papa, Mama weiß alles und wird es Dir später erklären.

Dr.Albert: Meine Damen und meine Herren! Wenn ich oft in meinen Studien-Jahren gegen Kolonnen von Vokabeln mühsam gekämpft und gegenScharenvon Konjugationen und Deklinationen hart gestritten hatte und nicht selten ermattet zusammengebrochen war, dann mag ich wohl öfters in der Verzweiflung ausgerufen haben: O, warum haben unsere Väter jemals begonnen, den Turm von Babel zu bauen?!

Die Jahre sind nun geschwunden, und nur noch in sanfter Wehmut gedenke ich jener Leiden. Als Siegerbin ich hervorgegangen, und Großmut ist wieder eingezogen in mein Herz. Dann und wann sogar habe ich meine süßen Träumereien und — wer weiß, wer weiß, sage ich dann, ob nichtder allwaltende Vaterseine Kinder so weit von einander entfernt und nach allen Enden der Erde zerstreut hat, auf daß sie sich nach langer Zeit des Wiederfindens erfreuen mögen! Ja, wenn ich sehe, wie die Menschen bis heute sich die Kraft des Dampfes und der Elektricität dienstbar gemacht haben, wie sie die Ferne in die Näherückenund die Zeit überbrücken — dann erscheint es mir fast, als ob jener Tag wirklich nicht mehr ferne wäre, da alle Brüder des großen Menschen-Geschlechts nach langer Trennung sich wieder verstehen lernen wie ehemals, als sie eine Sprache redeten. DieFähigkeitender Menschen werden so groß, die Methoden des Studiums werden so vollkommen sein, daß man ungemein schnell und leicht die Sprachen der Welt erlernen kann. Hat man doch heute den Anfang bereits gemacht.

Louis: Bravo, bravo! — applaudieren Sie doch, Herr Meister!

Dr.Albert: Diese ideale, glückliche Zeit liegt noch in weiter Ferne; darum sorgen Sie noch nicht, meine Freunde, welche von den zahlreichen Sprachen Sie wählen werden zu stetem, häuslichem Gebrauche. Zwar könnte ich schon heute sagen, auf welche derselben Ihre Wahl fallen würde als auf die schönste, leichteste, beste. Soll ich sie nennen, die Sprache Ihrer Wahl? —

Die Mutter-Sprache wird es sein. — Denn die Töne, in welcher die Mutter zuerst uns die süßen Laute der Liebezugehauchthat, sind in unser Innerstes eingepflanzt, und das Schönste, was wir sagen wollen, und das Teuerste und das Heiligste — wir sagen es am besten in diesen Lauten. Darum ist die Mutter-Sprache uns allen heilig und lieb, darum verehrt eine edle Nation die Mutter-Sprache, und darum hängt das Volk so fest an ihr. Denn es fühlt, es ist die Mutter-Sprache sein geistiger Boden, ohne welchen es so weniggedeihenkann, wie der vollgewachsene Baum, den man in fremde Erde gepflanzt hat. — Es wäre ein Unglück für ein Volk, wenn es seine Mutter-Sprache verlieren müßte. Und wissen Sie, meine Freunde, daß dem deutschen Volke dieses Unglück einstmals gedroht hat?

Das deutsche Volk war von der Höhe seines politischen Glückes tief hinabgestürzt in das Unglück des dreißigjährigen Krieges, und auf den Sonnen-Glanz seinerDichtkunstim 13. Jahrhundert war schwarzeFinsternisgefolgt. Poesie und Kunst und Litteratur waren nirgends sichtbar, und als einziger Trost erklangen ihm in dieser langen Nacht die göttlichen Töne der Musik von Händel und Bach.

Die höheren Zirkel der deutschen Nation blickten verlangend und suchend umher und fanden Befriedigung in den schönen Schriften der großen Poeten Frankreichs, das Volk aber blieb konservativ und hielt fest an derSprache der Mutter, an der Sprache, welche Luther ihnen in der Bibel gegeben hatte.

Da kam Gotthold Ephraim Lessing und hob die deutsche Sprache und gab ihr Halt und festen Grund und Form undflößteihr Stärke ein und zierte sie mit Schönheit. Und dann schritt er zu Deutschlands Musen-Tempel, öffnete mit fester Hand die Pforten, die langverschlossenen, und zündete dieFackelan und schwang sie hoch und leuchtend, bis dieMorgenrötekam und das volleTageslichtwieder einströmte in die herrlichen Räume und auf den Altar, vor welchem zwei der Priester sich vereint die Hände reichten — Schiller undGoethe[VII-1]. Auf den Altar aber hatte Lessing eine dreifacheWeihegebracht: »Emilia Galotti«, »Nathan der Weise« und »Minna von Barnhelm«. Wahrlich, das deutsche Volk schätzt sie hoch, diese Gaben: dieses perfekte Trauerspiel, dieses große Schauspiel und dieses schöne Lustspiel.

Ah, meine Freunde, verstehen Sie nun, warum Deutschland seinem Lessing hohe Verehrung schuldet undzollt?

Und was ihm das deutsche Volk schuldet für Sprache und Litteratur — Dank und Verehrung, — das schulden ihm dieGebildetendergesamtenWelt für das, was er auch für sie getan durch seinen »Laokoon«, denn »Laokoon« ist nicht das Werk einer Nation, sondern das Gemeingut aller insgesamt.

Sie haben mich gebeten, meine verehrten Freunde, mit Ihnen auch über Lessings »Laokoon« zu sprechen. Icherfülle mit großem Vergnügen Ihren Wunsch, muß mich jedoch wegen der Kürze der mirzugemessenenZeit auf eingeringesbeschränken.

Durch seinen »Laokoon« rief Lessing eine solche Veränderung in den Ideen über Dichtkunst, Malerei undBildhauereihervor, wie einst Newton auf einem andernGebiete.

Sagte ich zuviel, meine Freunde? nein, ich glaube nicht.

Bevor ich jedoch über dieses Thema weiter spreche, muß ich Sie bekannt machen mit einem dervorzüglichstenMänner seiner Zeit, mit Johann Winckelmann. Aus dem Teile eines Briefes, der von ihm selbst an einen Freund geschrieben sein soll, können Sie einiges aus seinem Leben hören:

»Du verlangst meineLebensgeschichtezu wissen, und diese ist sehr kurz, weil ich dieselbe nach demGenußabmesse. M. Plautius, Consul, und welcher über die Illyrier triumphiert hatte, ließ an seinGrabmal, welches sich unweit Tivoli erhalten hat, unter allen seinen angeführten Taten setzen:"Vixit ann. IX."Ich würde sagen: »Ich habe bis in das achte Jahr gelebt;« dies istdie Zeit meines Aufenthalts in Romund in andern Städten von Italien. Hier habe ich meine Jugend, die ich teils in der Wildheit, teils in Arbeit und Kummer verloren, zurückzurufen gesucht und ich sterbe wenigstens zufriedener; denn ich habe alles, was ich wünschte, erlangt, ja mehr, als ich denken, hoffenund verdienen konnte. — Ichschätzemich für einen von den seltnen Menschen in der Welt, welche völlig zufrieden sind und nichts zu verlangen übrig haben. Suche einen andern, welcher dieses von Herzen sagen kann!

Meine vorigeLebens-Geschichtenehme ich kurz zusammen. In Seehausen war ich achthalb Jahre als Konrektor an der dasigen Schule. Bibliothekarius des Herrn Grafen von Bünau bin ich ebenso lange gewesen und ein Jahr lebte ich in Dresden vor meiner Reise. — Meine größte Arbeit ist bisher die »Geschichte der Kunst des Altertums, sonderlich derBildhauerei« gewesen. — Ferner ist ein italienisches Werk unter dem Titel: »Erklärung schwerer Punkte in der Mythologie, den Gebräuchen und der alten Geschichte, alles aus unbekannterDenkungsartdes Altertums«; — dieses Werk in Folio lasse ich auf eigne Kosten in Rom drucken. —Beiläufigarbeite ich an einer Allegorie für Künstler.

Dieses ist das Leben und die Wunder Johann Winckelmanns, zu Stendal in der Altmark, zu Anfang des 1718. Jahres geboren. — Ich wünsche dir, daß du zu der Zufriedenheit gelangen mögest, die ich hier genieße und genossen habe, und bin beständig

Dein treuer Freund und BruderWinckelmann.«

Lessing auch las die Werke dieses Mannes, der es verstand wie kein anderer zuvor, die Wunder der Schönheit in den Bild-Werken der Alten vor den Augen einererstaunten Mitwelt zuenthüllen, und Lessing kam an die Beschreibung der herrlichen Gruppe, der Laokoon-Gruppe.

Sie alle, meine Freunde, kennen die Geschichte des trojanischen Krieges, nicht wahr? Sie wissen, daß trotz der glorreichen Taten tapferer Helden dennoch im zehnten Jahre die Mauern der Stadt fest da standen und daß dann die Griechen ein Pferd von Holz erbauten, so groß, daß man einen Teil der Mauer hätte niederreißen müssen, um es in die Stadt zu führen, und daß die Griechen dann ihre Schiffe bestiegen um heimwärts zu segeln — zum Schein. — Sie erinnern sich auch, daß dann die Trojaner aus den Thoren stürzten in die langentbehrtenFelder und das Pferd sahen und staunten und fragten: Was bedeutet denn das? und daß sie jenem falschen, lügenhaften Griechen glaubten, der ihnen sagte, daß die Griechen auf dem Meereverderbenmüßten, wenn sie dieses Pferd, ein Opfer der Götter, in ihre Stadt brächten, und wie sie auch gewarnt wurden von Laokoon, dem Priester, doch abzustehen von ihrem Vorhaben. Dann waren die Schlangen gekommen aus dem Meere und hatten den Priester samt seinen beiden Söhnen umschlungen.

Dieser Moment nun ist es, den ein alter griechischer Meistererfaßtund in Marmor ausgeführt hat und zwar mit solcher Meisterschaft, daß Winckelmann nicht Worte des Lobes genug finden kann für die Erhabenheit des Werkes und die Weisheit des Meisters, der in jedem Zuge die höchste Schönheit zum Ausdruck gebracht hat— überall, überall; und der nicht wie der römische Dichter Virgil gehandelt habe, welcher Laokoon in seinem Gedichte vor Schmerz laut schreien und also doch den Mund weit und unschön öffnen ließe.

Lessing las diemißbilligendeKritik über Virgil, nahm den Poeten zur Hand und las die Verse, deren Übersetzung nach Schiller so lautet:

»Jetzt aber stellt sich den entsetzten BlickenEin unerwartet, schrecklichSchauspieldar.Es stand, denOpferfarrenzuzerstücken,Laokoon am festlichen Altar.Da kam (mir bebt die Zung', esauszudrücken)Von Tenedos ein gräßlichSchlangenpaar,Den Schweif gerollt in fürchterlichem Bogen,Dahergeschwommen auf den stillen Wogen.Die Brüste steigen aus demWellenbade,Hoch aus dem Wasser steigt der Kämme blut'ge GlutUnd nachgeschleift in ungeheurem RadeNetzt sich der lange Rücken in der Flut,Laut rauschend schäumt es unter ihrem Pfade,Im blut'gen Auge flammt des HungersWut,AmRachenwetzenzischend sich die Zungen,So kommen sie ans Land gesprungen.Der bloße Anblick bleicht schon alle Wangen,Und auseinander flieht diefurchtentseelteSchar;Der pfeilgerade Schuß der SchlangenErwählt sich nur den Priester am Altar.Der Knaben zitternd Paar sieht man sie schnell umwinden,Den ersten Hunger stillt der Söhne Blut;Der Unglückseligen Gebeine schwindenDahin von ihresBissesWut.ZumBeistandschwingt der Vater seinGeschoß;Doch in dem Augenblick ergreifenDie Ungeheu'r ihn selbst, er steht bewegungslos,Geklemmtvon ihres Leibes Reifen;Zwei Ringe sieht man sie um seinen Hals und nochZwei andre schnell um Brust und Hüfte stricken,Und furchtbar überragen sie ihn dochMit ihren hohen Hälsen undGenicken.Der Knoten furchtbares GewindeGewaltsam zu zerreißen, strengtDer Arme Kraft sich an; des Geifers Schaum besprengtUnd schwarzes Gift die priesterliche Binde.Des SchmerzensHöllenqualdurchdringtDer Wolken Schooß mit berstendem Geheule,So brüllt der Stier, wenn er, gefehlt vomBeileUnd blutend, dem Altar entspringt.«

»Jetzt aber stellt sich den entsetzten BlickenEin unerwartet, schrecklichSchauspieldar.Es stand, denOpferfarrenzuzerstücken,Laokoon am festlichen Altar.Da kam (mir bebt die Zung', esauszudrücken)Von Tenedos ein gräßlichSchlangenpaar,Den Schweif gerollt in fürchterlichem Bogen,Dahergeschwommen auf den stillen Wogen.

Die Brüste steigen aus demWellenbade,Hoch aus dem Wasser steigt der Kämme blut'ge GlutUnd nachgeschleift in ungeheurem RadeNetzt sich der lange Rücken in der Flut,Laut rauschend schäumt es unter ihrem Pfade,Im blut'gen Auge flammt des HungersWut,AmRachenwetzenzischend sich die Zungen,So kommen sie ans Land gesprungen.

Der bloße Anblick bleicht schon alle Wangen,Und auseinander flieht diefurchtentseelteSchar;Der pfeilgerade Schuß der SchlangenErwählt sich nur den Priester am Altar.Der Knaben zitternd Paar sieht man sie schnell umwinden,Den ersten Hunger stillt der Söhne Blut;Der Unglückseligen Gebeine schwindenDahin von ihresBissesWut.

ZumBeistandschwingt der Vater seinGeschoß;Doch in dem Augenblick ergreifenDie Ungeheu'r ihn selbst, er steht bewegungslos,Geklemmtvon ihres Leibes Reifen;Zwei Ringe sieht man sie um seinen Hals und nochZwei andre schnell um Brust und Hüfte stricken,Und furchtbar überragen sie ihn dochMit ihren hohen Hälsen undGenicken.

Der Knoten furchtbares GewindeGewaltsam zu zerreißen, strengtDer Arme Kraft sich an; des Geifers Schaum besprengtUnd schwarzes Gift die priesterliche Binde.Des SchmerzensHöllenqualdurchdringtDer Wolken Schooß mit berstendem Geheule,So brüllt der Stier, wenn er, gefehlt vomBeileUnd blutend, dem Altar entspringt.«

Nochmals las Lessing die Verse des Poeten und nochmals sah er auf die Gruppe desBildhauers, — da warnirgendsetwas zutadeln: beide,Bildhauerund Dichter, hatten das Schöne in bester Weise geschaffen — nur auf verschiedenem Wege — und Lessing stutzte, staunte, sann — und machte die große Entdeckung für die Kunst, daß Dichter und Maler undBildhauernach demselbenZiele streben — die Schönheit zu schaffen, daß sie aber oft verschiedene Wegeeinschlagenmüssen, diesesZielzu erreichen.

Vielleicht, meine Freude, mögen Sie im ersten Momenteenttäuschtoder nicht im Stande sein, die hohe Bedeutung dieser Entdeckung vollständig zu begreifen, oder Sie mögen sich wundern und fragen: Hat man dieses nicht immer erkannt? — oder Sie mögen auch sagen: Was liegt daran, auf welche Art Dichter, Maler undBildhauerschaffen!

Ah, meine Verehrtesten, wie sehr ich wünsche, daß Sie michbegleitenkönnten nach dem Raume, welcher den kostbarsten Schatz unter allen Bild-Werken enthält! Wenn wir eintreten, sehen wir an den Wänden entlang Männer und Frauen sitzen, welche vor uns in derselben Absicht wie wir gekommen sind. Eine heilige, glückliche Freude leuchtet aus ihren Augen; auf ihrem Angesichte ruht scheue Ehrfurcht, und sie falten die Hände und bewegen die Lippen betend — auch wir tun wie sie; und zwei Mädchen, welche lachend und leicht nach uns gekommen waren, wurden ebenfalls still und senkten bescheiden und fromm das Haupt, und alle gehen gehoben zu heiliger Höhe als bessere Wesen von dannen, denn sie sahen die Madonna von Raphael.

So, meine Freunde, wirkt ein Genius durch sein Werk. Er macht die Menschen glücklicher und besser. So wirkt auch der Bildner des Apoll von Belvedere, so auch der Schöpfer des Domes zu Cöln.

Sie waren von Gott und andern Menschen besonders begnadet, und was ihnenin Füllezuströmte, müssen andere durch mühsames Ringen erstreben, durch schweres Studium, durch ernstes Suchen der Regeln, die zum rechten Wege führen. Winckelmann sagt: »Die Quelle und der Ursprung in der Kunst ist die Natur selbst.«

Und zu diesem Wege führte uns Lessing in seinem Werke »Laokoon,« aus welchem ich Ihnen zum Schlusse das Wort Lessings anführen möchte, daß wir als unserm Meister folgen müssen dem unsterblichen, ewig schönen Homer.

Martha Parks: Bravo, Albert, bravo! und nun applaudieret alle — lauter — so — das ist recht.

Dr.Albert: Ich danke Ihnen, meine Freunde; Ihre Güte macht mich glücklich.

Herr von Halsen: Sehr gut, Albert, sehr gut!

Herr Meister: Meinen besten Dank, mein lieber Herr Doktor.

Frau Meister: Sie haben mir einen großen Genuß bereitet, verehrter Herr Doktor.

Martha Meister: Und gewiß, Herr Doktor, auch mir.

Gretchen: Sowie mir; eines nur muß ich bedauern.

Dr.Albert: Und das wäre, mein Fräulein?

Gretchen: Daß ein Mann wie Lessing nicht auch über die Kunst aller Künste, über die Musik, seine Gedanken geäußert hat.

Dr.Albert: Das ist in der Tat zu bedauern, aber wie wäre es, mein Fräulein, wenn Sie uns Ihre Ideenüber Musik mitteilen wollten? Die Ansichten einer solch'ergebenenDienerin der Kunst würden für uns alle lehrreich und angenehm sein.

Gretchen: Ah, mein Herr,das wage ich nicht; wie dürfte ich mich unterstehen, vor einer Versammlung gelehrter Herren, wie sie hier ist, zu sprechen!

Louis: O mein Fräulein, wir werden Nachsicht üben.

Gretchen: Nun, dann will ich beginnen. Die Musik liebe ich von ganzer Seele treu und innig und in der Tatversäumeich wohl kaum ein gutes Konzert. Und doch geschah es nicht selten, daß ich eine gewisse Unzufriedenheit am meisten gerade dannverspürte, nachdem ich die höchste Freude an den schönsten Werken der unsterblichen Meister genossen hatte.

Können Sie sich das wohl denken oder erklären? — Mir ging es da, wie es so manchem kleinen Knaben geht, wenn der Vater ihm ein Spiel-Zeug von der Reise brachte. Eine Weile freut er sich — dann aber geht er still in eine Ecke und fragt sich: Was mag wohl im Innern sein?

Und wenn ich nach einem großen Konzerte wieder alleine war mit mir selbst und die herrlichsten Passagen mir noch im Ohre klangen und ich mich nochlabteam Strome der Töne, dann drängte sich mir oft die Frage auf:

Was — wasistMusik? Woher hat ein Beethoven diese süßen Melodien, diese wunderbaren Harmonien? — Aus der Natur? — In der Natur höre ich wohl einzelneMelodien, wie im Gesange der Vögel, doch niemals solche, wie unsere größten Komponisten sie uns geben, niemals Harmonien. Wie denn? ist überhaupt das, was unsere Komponisten formten, etwas Natürliches, etwas, was wahr ist und bestehen kann, oder ist es etwas Künstliches, etwas, was Menschen zusammengefügt haben und das vergehen muß wie Menschen-Werk? — Nein, nein — mein Glaube an die Musik war zu mächtig, und doch — ich hätte so gerne dieZweifelaus mir entfernt.Es wollte mir lange nicht gelingen; so viel ich auch denken und fragen und in Büchern suchen mochte, — vergebens war mein Bemühen.

Aber wir werden oftmals beschenkt, da wir es am wenigsten erwarten, und doppelt groß ist dann unsere Freude. Und so ging es auch mir. Ich fand eine Antwort in einer späteren Zeit und an einem entfernten Orte. Wollen sie die Antwort hören? Sie befriedigt mich selbst sehr wohl, doch bin ich nicht kühn genug zu glauben, daß sie auch Ihnen genügen wird.

Ich stand vor dem erhabensten Schau-Spiel der Natur, das ich bis heute gesehen habe, — ich stand am Niagara-Fall.

Wie lange ich da weilte, ich weiß es nicht mehr — aber immer mußte ich denken: O, wie schön, wie schön ist doch die Erde, auf welcher wir leben. Solche große Pracht, solch' endlose Herrlichkeit wurde doch zu viel für meine Augen, und ich bedeckte sie mit meinen Händen, da — war es möglich? — o, göttliches Wunder — ichhörte in der Natur ein Konzert, so gewaltig, so schön und erhaben, wie ich noch keines gehört hatte, und das Rätsel der Musik war mir gelöst.

Töne und Melodien und Harmonien sind überall, überall in der Natur; überall, wo Leben ist, da entsteht auch der Ton; wo der Ton uns sympathisch erquillt, wo Melodie und die Harmonie, da geht das Werk der Natur glücklich von statten; und instinktiv weilen wir hier und hier weilt alles Lebende gerne.

Töne kommen vom Leben, sind Beweise des Lebens und darum wirken sie gleiches und erwecken auch Leben. Daher die Macht der Musik über alles Lebende, daher dieAnziehungs-Kraftder Musik auf alles, was Leben hat. Farbe und Form wirken auf das Auge der Geschöpfe, Ton und Musik auf das Ohr.

Der Dichter erhebt sich über die Menschen, übersieht ihre Taten,erforschtihre Gedanken und Gefühle und, indem er in seinen Dichtungen die Handlungen von Menschen wahrhaft gruppiert, wirkt er wieder auf Menschen durch deren Herzen und Verstand.

Der Maler erhebt sich gleichsam über die Erde und führt eine Scene auf seinem Gemälde derartig aus, daß auch andere Menschen die Schönheit der Erde leichter zu erkennen vermögen. Der Maler wirkt durch das Auge.

Dem Komponisten aber verlieh Gott in seiner Gnade die Gabe, daß er sich im Geiste über dasIrdischezu den Himmels-Sphären schwingen und jene Harmonien vernehmenkann, welche aus den unendlichen Räumen zusammenströmen und das glückliche Zusammen-Wirken alles Bestehenden im Welten-Alle verkünden. O, wer wie sie jene Musik der Sphären vernehmen könnte!

Beethoven und Mozart und Gluck und Haydn und Händel und Mendelssohn und Bach und Weber und die anderen alle — sie hörten dieselbe und gaben uns andern in ihren Werken nur ein schwaches Echo, auf daß wir uns daran laben und vom Höheren lernen und an das Höhere glauben.

Daher kommt es, daß die Macht der Musik so allgewaltig ist, weil sie aus den Höhenstammt, und daher kommt es auch, daß ein Beethoven, der sich erhoben hatte über allen irdischen Glanz, sich selbst vor einem Kaiser nicht beugte, da selbst ein Goethe, der erste Poet seiner Zeit, sich ehrfurchtsvoll bückte, als beide, Komponist und Poet, zusammen dem Fürsten begegneten. Darum geschah es auch, daß an einem Tage während des Wiener Kongresses die versammelten Kaiser und Könige und Fürstinnen sich sämtlich von ihren Sitzen erhoben und sich beugten vor dem Meister; er hatte ihnen durch seine Kompositionen eineAhnunggegeben von jenen Höhen, Höhen, in denen er selbst geweilt, und er hatte die Großen der Erde erfüllt mit Ehrfurcht vor dem Höchsten, dessen bescheidener Diener er selbst nur war.

Eben diese hohe Macht ist es, welche auch aus Händel sprach, als er zu einem Kurfürsten von Sachsen sagte: »Königliche Hoheit, ich haben meinen »Messias« nichtgeschrieben, um Euch zu unterhalten, sondern um Euch zu bessern.«

Und es ist nur ein Abglanz des Schönen, das Mozart selbst vernommen und das wir wiederfinden in seinen Werken und in seinem Leben.

Ich will nun meine Bemerkung schließen mit den Worten Schillers, meines Lieblings-Dichters:

»Wer kann des SängersZauberlösen,Wer seinen Tönen widerstehen?Wie mit dem Stab des Götter-BotenBeherrscht er das bewegte Herz. —— Da beugt sich jede Erden-GrößeDem Fremdling aus der andern Welt —— Sorafftvon jeder eitlen Bürde,Wenn des Gesanges Ruf erschallt,Der Mensch sich auf zur Geister-WürdeUnd tritt in heilige Gewalt.«

»Wer kann des SängersZauberlösen,Wer seinen Tönen widerstehen?Wie mit dem Stab des Götter-BotenBeherrscht er das bewegte Herz. —— Da beugt sich jede Erden-GrößeDem Fremdling aus der andern Welt —— Sorafftvon jeder eitlen Bürde,Wenn des Gesanges Ruf erschallt,Der Mensch sich auf zur Geister-WürdeUnd tritt in heilige Gewalt.«

Meine Herrschaften, ich habe nichts mehr zu sagen; bitte, seien Sie nicht zu streng mit mir.

Frau Meister: O, meine liebe, liebe Tochter!

Herr von Halsen: Vorzüglich! — Eine Philosophin!

Dr.Albert: Fräulein Gretchen, Madame, Herr Meister, haben Sie meines Freundes Urteil gehört? Wer ihn kennt, weiß wie viel diese wenigen Worte bei ihm zu bedeuten haben.

Martha Meister: O, wie glücklich hast Du mich gemacht, Gretchen!

Bella: Und wie stolz ich auf Dich bin!

Herr Meister: Bravo, mein Kind, sehr brav. Komm, nun sing uns auch ein Lied vor. Du bist doch nicht zu müde?

Gretchen: O nein, mein lieber Papa. Martha, Du begleitest mich doch, nicht wahr?

Martha Meister: Gewiß, gewiß; was wählest Du?

Dr.Albert: Singen Sie: »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn«; mein Freund hört es gerne.

Gretchen (singt):

Wenn die Schwalben heimwärts ziehn,Wenn die Rosen nicht mehr blühn,Wenn der Nachtigall GesangMit der Nachtigall verklang,Fragt das HerzIn bangem Schmerz:Ob ich dich auch wiederseh'?Scheiden, ach Scheiden tut weh!Wenn die Schwäne südlich ziehn,Dorthin, wo Citronen blühn,Wenn dasAbendrotversinkt,Durch die grünen Wälder blinkt,Fragt das HerzIn bangem Schmerz:Ob ich dich auch wiederseh';Scheiden, ach Scheiden tut weh!

Wenn die Schwalben heimwärts ziehn,Wenn die Rosen nicht mehr blühn,Wenn der Nachtigall GesangMit der Nachtigall verklang,Fragt das HerzIn bangem Schmerz:Ob ich dich auch wiederseh'?Scheiden, ach Scheiden tut weh!

Wenn die Schwäne südlich ziehn,Dorthin, wo Citronen blühn,Wenn dasAbendrotversinkt,Durch die grünen Wälder blinkt,Fragt das HerzIn bangem Schmerz:Ob ich dich auch wiederseh';Scheiden, ach Scheiden tut weh!

Herr von Halsen: Albert!

Dr.Albert: Sehr wohl, Heinrich, sogleich! Meine Herrschaften, wir haben nun die Ehre, uns bestens zu empfehlen.

Martha Meister: Müssen Sie so frühe gehen?

Frau Meister: Sie eilen, meine Herren; nun, wir dürfen Sie nicht hindern, aber unsere anderen Freunde bleiben noch hier, nicht wahr?

Martha Parks: Ja, ja, wir bleiben noch hier, Frau Meister.

Louis: Und haben noch viel Vergnügen.

Herr Meister: Also morgen zur bestimmten Zeit!

Herr von Halsen: Zur bestimmten Zeit. Ich empfehle mich.

Alle: Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!

Sektion 7 Fuss

Sektion 8 KopfVIII.Dr.Albert: Dank, mein Fräulein. Dank für dieses eine Wort ....Martha Meister: Sehen Sie, Herr Doktor, welche Scene!Dr.Albert: Das ist herrlich! — Hier vor uns der klare, liebliche See und dort inbläulichFerne die kräftigen Rücken der Berge, die höher und höher hinter einander sich türmen. O, mein Fräulein, daß Sie die Freude dieses Augenblickes fühlen könnten wie ich!Martha Meister: Ich fühle sie, Herr Doktor; o — hören Sie — Gesang.Dr.Albert: Das ist Bruder Louis[VIII-1]Stimme — er kommt. Wie hübsch das Echo dazu schallt.Louis (singt):»Im Wald und auf der HeideDa such' ich meine Freude,Ich bin ein Jägers-Mann,Ich bin ein Jägers-Mann.Halli halloh, halli halloh,Ich bin ein Jägers-Mann.«Oho — Ihr seid schon hier? Ich dachte, ich wäre der erste. — Albert, Albert, wo warst Du nur? Bestes Fräulein, warum waren Sie nicht bei uns? So herzlich haben wir lange nicht gelacht. Dieser Heinrich von Halsen, o, das istder lustigste Menschvon der Welt!Dr.Albert: Sagte ich es nicht: »Kennt ihn nur erst!« — Aber so, wie seit wenigen Tagen, habe ich ihn selbst niemals zuvor gesehen. Ein neues Leben ist über ihn gekommen; das haben wir allein der kleinen Zauberin, Ihrer Schwester Gretchen, zu danken. Mit vollem Herzen brachte ich ihr daher gestern in Gegenwart aller meinen Tribut dar.Martha Meister: Und wie glücklich Sie meine teure Schwester und mich selbst machten durch die feine Manier, mit der Sie es taten. Sie ....Louis: Da kommen sie — hierher alle, alle hierher! Herr Meister und Frau Meister, Herr von Halsen und Fräulein Gretchen, Otto und Fräulein Bella und Schwesterchen Martha, — hierher, hierher!Herr Meister: Hier ist die Grotte; nun sagt mir einmal, wie gefällt sie Euch?Frau Meister: Wie schön, wie schön sie ist!Otto: Wissen Sie auch, meine Herrschaften, daß dieses ein Lager-Platz der Indianer war?Bella: Wirklich?Otto: Diesen See nannten sie den »Fischreichen.«Martha Parks: Indianer? Hu — wenn sie miteinem Male hinter jenem Felsen hervorsprängen — mir grauset es!Louis: Laß sie nur kommen, Schwester, laß sie nur — ich bin bei Dir — ha, wie ich wünsche, dieRot-Häutezu sehen!Dr.Albert: Louis, hast Du wirklich so großes Verlangen, die Indianer zu sehen!Louis: Ein unbeschreiblich großes Verlangen!Dr.Albert: Gut, so komme mit mir.Louis: Was —? Mit Dir?Dr.Albert: Mit mir und meinem Freunde Heinrich nach dem Westen.Bella:Louis:Martha Parks:}Nach dem Westen?Otto: Du — Ihr — geht nach dem Westen?Dr.Albert: O stille, Freunde — Ordnung! Ich habe jetzt mit Euch zu sprechen. Aber erst nehmet Platz. So — seid Ihr alle bequem? Nun, dann werde ichmeine Enthüllungenmit dem heutigen Briefe unseres teuren Vaters beginnen; ich werde nur einen Teil und zwar in deutscher Übersetzung lesen:»— Dein letztes Schreiben wurde mir von der lieben Mutter überreicht, als ich von meiner langen und mühsamen Reise zu ihr und zu den liebenVerwandtenzurückkehrte. Die Mama war betrübt wegen Deines Entschlusses und sie bedauerte die Jahre, welche Du im Studium der Medizin verbracht habest und welche nunnutzlos geworden seien. Aber sie ist wieder beruhigt, völlig beruhigt, da sie sieht, wie ich selbst mich über Dich freue, ja, mein Sohn, mich freue von ganzem Herzen. — Es war Dein Wunsch vor Jahren, den Beruf eines Arztes zu wählen, und ich wollte Deinem Lebens-Glücke nicht hindernd entgegentreten, unterdrückte meine eignenNeigungenin dieser Sache und ließ Dichgewähren.Mir selbst aber war von meinem seligen Vater, dem lieben ehrwürdigenGreise, dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst aus frühen Kinder-Jahren, — ich sage, mir war von ihm eine solch' hohe Verehrung für denAckerbaueingeflößtworden, daß ich es stets als ein hohes Ziel meines Lebens betrachtete,Land-Wirtschaftzu betreiben, Land-Wirtschaft in großartigem Stile.Meine Jahre sind mir in andererBeschäftigungverflossen, und erst vor wenigen Wochen konnte ich an die Ausführung meines Lieblings-Planes ernstlich denken. Ich reiste nach dem fernen, fernen Westen — und bin jetzt zurückgekehrt. Große, endlose Strecken Landes habe ich durch Ankauf zu meinem Eigenthum gemacht. Der jungfräuliche Boden ist fruchtbar und eben, und nur in einem Teile erheben sich Hügel und Berge, die mit den besten Holz-Arten bedeckt sind. Die Seen und die Ströme sind reich an Fischen und auch tief und im Stande, große Schiffe zu tragen. Eben dachte ich darüber nach, mich mitfähigenMännern inVerbindungzu setzen, die mir beistehen sollten, diesen neuen Teil unseres Landes für die Kultur zu gewinnen — da kam DeinBrief, mein Sohn, mir wie eineHimmelssendungund brachte mir Deinen und Deines Freundes Entschluß. Und da dachte ich denn, daß Deine und Deines Freundes Energie und Intelligenz und meine eigene, verbunden mit den Erfahrungen eines bewegten Lebens, dazu unsere Mittel und unser guter Wille genügen sollten, um vorwärts zu kommen in unserm großen Werke. Meinst Du nicht auch so? Ich werde nun wieder zurückeilen zu Euch, um dann mündlich ....« &c. &c.Louis: So wirst Du ein Farmer, Doktor Albert Parks?Dr.Albert: Ein Farmer werde ich, ganz recht; ein Farmer, welcher Strecken Landes der Wildnis entreißt und sie fruchtbar macht und gesund und schön für die Menschen zum Bewohnen; ein Fabrikant, der Fabriken errichtet und die Produkte, welche die Fläche und das Innere der Erdeerzeugt,verwendetund Tausenden von Familien Arbeit, reichlicheNahrungund Komfortverschafft; — ein Kaufmann, welcher dieErzeugnissedes Landes auf fremden Markt versendet und gegen andere fremde Produkte eintauscht — das, das wird meine und meines FreundesAufgabefür die kommenden Jahre sein.In der freien Gottes-Natur und auch da, wo das Geräusch der Maschinenam betäubendstenund die Regsamkeit der Menschen am lebhaftesten ist — da, da bin ich am liebsten, da befinde ich mich am wohlsten und da schaffe ich am meisten und am besten. So dachte meinGroß-Vater, so denkt auch mein Vater, so denkt mein Freund und so denke auch ich. Den heiligen, stillwirkenden Beruf des Arztes aber sollen Männer üben mit stillem, sinnigemWesen. — Jetzt, meine Freunde, versteht Ihr mich, will ich hoffen; jetzt wißt Ihr, warum ich nachts so viel über Pläne von Bauten und Maschinen studierte und so viel kalkuliert habe; jetzt wißt Ihr, warum mein Freund Heinrich herüber zu uns gekommen ist, und jetzt wißt Ihr auch meine sorgenvollen Blicke zu deuten — ach, konnte ich wissen, daß alles, alles so gut, so wunderbar gut kommen würde? Ja, alles hat sich zum besten gewandt; ist es nicht so, Heinrich?Herr von Halsen: So ist es, Albert, in der Tat, nur eine ist hier, die da weint, unsere liebe kleine Martha. Sage mir, Martha, warum weinest Du?Frau Meister:Gretchen:Martha:Bella:}Warum weinest Du, Martha?Martha Parks: Nun geht Albert wieder fort von uns!Dr.Albert: Liebe, süße, gute Schwester, noch gehe ich ja nicht, und wenn ich auch gehe, ich komme gewiß bald wieder.Herr von Halsen: Komm zu mir, liebe Martha, komm, Du wirst bald wieder froh werden — ein klein wenig Geduld nur — — meine Herrschaften, ich habe die Ehre, Ihnen hier zwei junge Autoren vorzustellen, dieHerren Otto und Louis Parks. Sie werden uns mit einem neuenLustspielerfreuen, es ist ihr erstes Lustspiel. Um uns Vergnügen zu bereiten, haben sie sich, wie ich selbst bezeugen kann, viel Mühe gegeben, und ich bitte Sie in ihrem Namen um Nachsicht und um die Erlaubnis, es vorlesen zu dürfen.Frau Meister: Welch' freudige Überraschung!Herr Meister: Eine Komödie in der Tat?Herr von Halsen: Zuvor aber muß ich den beiden Herrenmeinem Versprechen gemäßeiniges mitteilen über die Aussprache des Deutschen.Ich hatte das Glück, bei meinem Studium der deutschen Sprache Herren als Lehrer zu haben, welche besonders großen Wert auf eine reine, vollkommene Aussprache legten. Fürchten Sie nicht, meine Damen, daß ich zu lange sprechen werde; von den vielen, vielen Regeln werde ich für diesen Moment nur einige der wichtigsten wählen.Vor allem sprechen Sie mit den Lippen — gebrauchen Sie die Lippen viel und zwar so, daß die äußerenRändersich berühren; doch immer sei die Form des Mundes schön.Im Deutschen haben wir zwei Arten von »a«.Denken Sie einmal, Sie wären im Theater und Sie wären etwas zu frühe gekommen. Die Lichter sind klein und es ist noch recht dunkel; mit einem Mal wird das Haus voll erleuchtet und von der Gallerie tönt wie aus einem Munde ein überraschendes »a——h!«Das ist genau das deutsche lange »a«, das »a« mit dem Hauch, mit der Aspiration.Das zweite »a« aber ist das »a«, das Sie beim Lachen hervorbringen: ha ha, ha ha ha. Dieses ist das kurze »a«, es entsteht durch den Druck, durch Pression.Gehaucht wird das »a« (lang) voreinemKonsonanten, hervorgepreßt (kurz) aber vorzwei[VIII-2]Konsonanten.»A« ist gehaucht in »sage«, »habe«, »male«, »Knabe«, »Vater«; denn »a« ist voreinemKonsonanten.»A« wird hervorgepreßt in »halte«, »lasse«, »danke«, »kalt«, »Satz«; denn »a« ist vorzweiKonsonanten.So haben wir auch zwei »e«, ein gehauchtes und ein gepreßtes; gehaucht voreinem, aber gepreßt vorzweiKonsonanten. So haben wir zwei »i«, zwei »o«, zwei »u«, zwei »ä«, zwei »ö«, zwei »ü«.Das deutsche »au« gleicht dem englischen"ou"in"mouse", "house". Das deutsche »äu« und »eu« dem englischen"oy"in"boy", "annoy". Das deutsche, »ei« dem englischen"i"in"idle", "fine".Wollen Sie das deutsche »ü« oder »ö« aussprechen, so formen Sie die Lippen so, als wollten Sie pfeifen; und gebrauchen Sie die Oberlippe mehr, so entsteht das »ü« und lautet wie«u»im Französischen«rue»; gebrauchen Sie die Unterlippe mehr, so entsteht das »ö« und lautet wie das französische"eu"in"amateur"— aber bei dem »ü« ist die Öffnung des Mundes noch kleiner, als beim »ö«; »ä« lautet ähnlich dem Tone, den das Lämmchen hervorbringt in »bl——ä«.Hüten Sie sich, das deutsche »u« zu sprechen wie Sie es tun im englischen Worte"use"das ist nicht deutsch und klingt unschön. Sprechen Sie das »u« wie"oo"[VIII-3]in"moon".Im Deutschen trennen wir Silben nicht wie im Englischen. Im Englischen sagen Sie"Jan—uary",im Deutschen sagen wir »Ja—nuar«; im Englischen sagen wir"min-ute"im Deutschen sagen wir »Mi—nu—te«.Im Deutschen beginnen wir die Silben mit Konsonanten, wo immer estunlich[VIII-4]ist. Also, »sa—ge«, nicht »sag—e«; wir sprechen »ma—len«, aber nicht »mal—en«; »hö—ren«, nicht »hör—en« und »schrei—ben«, nicht»schreib—en«.[VIII-5]Der Accent bei »sage« ist auf »sa«, nicht auf »ge«; in »malen« auf »ma« und nicht auf »len«; sprechen Sie[VIII-6]»sa'ge,ma'len,hö'ren,schrei'ben«.Sprechen Sie in diesen Wörtern die erste Silbe recht energisch und schön aus und dehnen Sie die letzte nicht lang.Im Englischen ist man oft geneigt, im Satze, das Pronomen besonders zubetonen; im Deutschen zieht man das Verbum vor, z.B."Iunderstand you";aber »Ichverste'heSie.«Ein Wort, welches zusammengesetzt ist aus einer Präposition und einem Verbum, hat den Accent auf der Präposition:vor'sprechen,ab'schreiben,auf'stehen,unter'gehen,aus'arbeiten,bei'stehen,mit'sprechen,nach'sehen &c. &c.Wörter, zusammengesetzt aus zwei Substantiven, haben den Accent auf dem ersten Worte, z.B.Haus'-Thüre,Sprach'-Lehre,Winter'-Hut,Herzens'-Freude.Viele von den Konsonanten werden im Deutschen ausgesprochen, wie im Englischen.Das »g« ist wie das"g"in"go",und das »g« sollte stets so ausgesprochen werden, ob am Anfang oder am Ende. Nur in seltenen Fällen und nur da, wo der Wohlklang (die Euphonie) es verlangt, sollte es ein wenig sanfter gesprochen werden, doch niemals am Anfang. — Man hüte sich vor den Extremen!In einem Teile Deutschlands spricht man das »r« mit dem Gaumen, wie die Franzosen es tun; in einem andern bringt man das »r« mit der Zunge hervor, wie man es tut in der englischen Sprache, — und so ist es am besten.Das deutsche »s« sei sanft wie das englische"s"— denn so ist es am schönsten; ein »ss«, (doppeltes »s«) sei stark.»St« wird von vielen Deutschen wie s und t gesprochen, ganz wie das englische"st"in"stone", "star", "strong", "string".Von vielen aber wird es gesprochen wie »scht«; also nicht »S—t—ein« sondern »Schtein«; nicht »S—t—ern« sondern »Schtern«; nicht »s—t—ark« sondern »schtark«.In den besten Theatern Deutschlands gilt die letzte Aussprachs-Weise; die größten und besten Gesangs-Lehrer Deutschlands lassen nur »Schtern«, »Schtock«, »schtark«, niemals »S—t« aussprechen beim Singen.»V« ist wie »F« und »F« wie »V«.»W« kommt dem englischen"v"ziemlich nahe — und ich bitte Sie, sprechen Sie doch das deutsche »w« niemals wie das englische"w".»Z« ist »ts«; also »zanken« wie »tsanken«, »Zahlen« wie »Tsahlen«, »Zorn« wie »Tsorn«.Jetzt kommt das »ch« — das ist leicht. — Kennen Sie den eigentümlichen Ton, den die Gans hervorbringt? — sehen Sie, so — nun, das ist das deutsche »ch« bei dem Vokale »e«, wie in »recht«; bei dem Vokale »i«, wie in »ich«,[VIII-7](ja nicht isch!!!); bei »ä«, wie in »Mächte«; bei »ö«, wie in »möchte«; bei »ü«, wie in »Bücher«, »züchte«; bei »ei«, wie in »reich«, »leicht«; bei »eu«, wie in »Leuchte« und in »euch«.»Ch« wird mit dem Gaumen hervorgebracht (Guttural) bei den Vokalen »a«, »o«, »u« und »au« — in »ach«, »Nacht«, »hoch«, »mochte«, »suche«, »Bruch« und »Rauch«.Sprechen Sie besonders die Anfangs-Konsonanten aller Silben energisch und schön aus.Bitte, beachten Sie stets das Gesetz der Schönheit! Der Mensch mit einem Gefühle für das Schöne wird auch seine Sprache, die höchste eigne Errungenschaft des Menschen-Geistes, schön sprechen. Und dann wollen Sie vor allem bedenken, daß die deutsche Sprache auf demselben Boden entsprossen ist, auf welchem die göttliche Musik Beethovens erstand. Und nun kommt noch eine, meine letzte Regel. Sprechen Sie das Deutsche recht langsam, leicht und elegant und ziehen Sie dieWorte nicht zusammen, sonst könnte es Ihnen ergehen wie jener Sängerin, da sie den »Erlkönig« von Goethe öffentlichvortrug; sie kam an die Stelle:»Dem Vater grauset's; er reitet geschwind,Er hält in den Armen das ächzende Kind —«und sang: »Er hält in den Armen da—sächzende Kind.« Lautes Lachen erfolgte, denn alle hatten verstanden »Er hält in den Armen das 16te Kind.« Ich bin zu Ende — Otto, Sie haben das Wort.Otto: Die folgenden Personen werden in dieser Komödie vor Ihnen erscheinen: Luise und Ottilie, Rudolf und Arthur, etwas später dann ein Sergeant von der Polizei mit Polizisten, auch der Herr Baron von Sellen mit seiner Gemahlin Elisabeth, und dann viele andere Personen, Gäste eines großen Hotels, in dessenEmpfangs-Zimmersich das Ganze abspielt.Luise ist die junge Gemahlin Rudolfs; gestern hatten sie Hochzeit gehalten und waren dann am Nachmittage abgereist und am Abend im Hotel angekommen. Am folgenden Morgen dann trafen, wie vorher brieflich bestimmt war, sich die befreundeten Paare. Luise und Ottilie treffen zuerst und allein zusammen, und später so auch die Herren.Die erste Scene beginnt also mit der freudigenBegegnungzwischen Luise und Ottilie. — Willst Du zu lesen beginnen, Louis?Louis: Sehr wohl, ich beginne:Erste Scene.Luise — Ottilie.Luise: Ach — Ottilie!Ottilie: Aber, Luise!Luise: Ottilie, — ich bin unglücklich!Ottilie: Wie du mich erschrickst — du unglücklich? beste, liebste, Luise, — unglücklich am Tage nach der Hochzeit — nein, nein es kann, es darf nicht sein; — aber so weine doch nicht in einem fort. Was ist dir denn, so sprich, so sprich doch nur, ich bitte dich, liebe Luise!Luise: Es begann nach meinerTrauung. Alles war so schön gegangen und da ich vom Altare trete, um an Rudolfs Arm zurückzukehren und die Menschen erblicke, welche da Kopf an Kopf in der Kirche stehen, da kommt eine — eineVerwirrungüber mich und — o — Ottilie — ich — verlor meinen Trauring.Ottilie: Das ist schlimm!Luise: O, es ist ein entsetzliches Unglück. Als ich nach Hause kam, merkte ich es erst. — Nur meine Mutter weiß es und unser alter treuer Diener. Überall haben sie gesucht, jeden Stein haben sie umgedreht — umsonst — er ist fort und niemals finde ich ihn wieder, niemals, niemals!Ottilie: Und Rudolf?Luise: Er weiß noch nichts. Als wir nachmittags abreisen wollten und bereits im Wagen saßen, bemerkeich gerade noch, daß mir mein neuester und gerade mein schönster Hut fehlte, du weißt ja — der dir so besonders gefiel. Ich bitte Rudolf, in das Haus zu eilen und ihn mir zu bringen. Er geht — und bleibt entsetzlich lange aus. Endlich, da ich vor Ungeduld beinahe vergehe, kommt er wieder — denke dir, kommt wieder ohne meinen Hut und lacht so laut und so fürchterlich, daß er kein Wort zu sprechen vermag, lacht konvulsivisch; und je mehr ich bitte, je mehr ich weine, desto lauter lacht er. Das ist der Anfang unserer Reise — er in der einen Ecke und lacht, daß ich meine, er habe den Verstand verloren, und ich in der andern Ecke und weine, daß mirschierdas Herz vergehen will. Endlich kommen wir hier an im Hotel. Da eile ich in mein Zimmer und schließe mich ein ganz allein und durchweine die Nacht.Ottilie: Und Rudolf?Luise: Ist der herzloseste, leichtsinnigste Mensch von der Welt, aber ich habe ihn auch vor meiner Thüre klopfen lassen — zur Strafe klopfen lassen, bis er müde wurde.Ottilie: Luise, Luise, ich fürchte, du begehst einen großen Irrtum!Luise: So, meinst du? Ich dachte es auch heute Morgen, und öffnete deshalb die Thür und hoffte, er würde wieder kommen; und richtig, ich höre Schritte nahen — das waren seine Tritte — warte, dachte ich, ich will es dir nicht zu leicht machen, und setze michans Fenster und drehe der Thüre den Rücken zu. Richtig, er tritt ein, und ich bleibe eine Weile stille sitzen und schaue zum Fenster hinaus, jeden Moment denkend, er müsse nun kommen, mich in seine Arme zu fassen — aber er bleibt still. Ich drehe mich um und sehe — denke dir meinen Schrecken — einen fremden Herrn auf meinem Sopha ausgestreckt. Als er mich sieht, ist er ebenso erschreckt wie ich selbst und stammelt in Verwirrung ein paar Worte: Pardon — Irrtum —, giebt mir in Hast seine Karte und ist im Nu — mit den Schuhen in der Hand und dem Rocke auf dem Arme — zur Thüre hinaus, und das alles ging so schnell wie der Blitz und so komisch, daß ich trotz meinesElendesnun auch laut, laut lachen mußte.Ottilie: Nein — das muß ich sagen — der zweite Tag deines ehelichen Lebens fängt komisch genug an. Laß mich die Karte sehen.Luise: Hier — hier ist sie.Ottilie: Hm. — Friedrich Baron von Sellen; sieh', sieh'. Weißt du, Freundin, das geht so nicht mit dir und Rudolf — ihr müßt euch wieder vereinigen und zwar heute Morgen noch. Ich habe eine gute Idee. Wir schreiben ihm ein Billet — und — nun, du sollst sehen, er wird schon kommen.Luise: O ja, er muß zu mir kommen; er war allein schuld, o, der häßliche Mensch!Ottilie: Komm, komm nur auf mein Zimmer![Beide ab.]Zweite Scene.Rudolf —[VIII-8]Arthur.Rudolf: Sage, was du willst, Arthur — es hilft nichts, gar nichts. Es ist das Beste, man nimmt das Leben leicht. Ich habe es versucht, war ernst — was war die Folge? Konnte während der ganzen Nacht kein Auge schließen. In der unbehaglichstenStimmungverlasse ich endlich heute früh mein Zimmer, um im Freien Trost, Zerstreuung zu suchen, und nehme gerade, als ich dort auf der Brücke stehe, meine beste Trösterin, meine Cigarre, aus der Tasche, mache Feuer und stecke in Gedanken — das Feuer statt der Cigarre in den Mund. Nicht allein, daß ich vor Schmerz laut aufschreien mochte, — von den Fenstern des Hotels muß ich noch das laute Gelächter dazu vernehmen. Mein Gesicht muß im Momente wohl recht komisch gewesen sein, ich hätte gerne selber mitgelacht, wenn es nur nicht meiner Zunge begegnet wäre.ärgerlicheile ich zurück zum Hotel, will auf mein Zimmer gehen, öffne die Thüre und — denke dir mein freudiges Erstaunen: wahrhaftig —, da sitzt sie am Fenster und sieht auf die Berge hinaus. Aha, denke ich, sie hört mich nicht, ich will sie überraschen — und leise, ganz leise von hinten komme ich näher, näher, und schnell lege ich meine Hände auf ihre Augen. Na — die Überraschung! Wie von einer Viper gestochen, springt sie auf vom Stuhle und schreit Feuer! Mörder! — Himmel, jetzt erst sehe ich, daß es gar nicht meine Frau, — daß es eine alte Dame ineiner kolossalen Nacht-Haubeist. Ich sehe mich um — das war ja gar nicht mein Zimmer — ich will ihr erklären, sie läßt mir keine Zeit und schreit in einem fort: Feuer! Räuber! Mörder! — Ich höre die Leute auf dem Korridor rennen und denke das Beste sei fortzueilen. Ich thue also und komme glücklich eine Treppe höher wieder in mein eignes Zimmer.So begann der zweite Tag dieser allerliebsten Hochzeits-Reise.Arthur: Und was ist aus deiner jungen Frau geworden?Rudolf: Ach, frage mich nicht — das ist eine ganz fatale Geschichte!Arthur: Also — in dem Punkte scheinst du doch ernst zu werden.Rudolf: Nun, denkst du vielleicht, es sei einSpaß, eine Frau zu haben und doch keine zu haben, oder stundenlang vor der Thüre seinerAngetrautenvergebens zu stehen und auf alles Klopfen, Bitten, Beschwören, Drohen keine andere Antwort zu hören, als Seufzen und Schluchzen und Weinen? — O, laß mich nicht mehr daran denken, es macht michrasend.Arthur: Still, Rudolf — was willst du von mir, ich habe dir ja kein Leidzugefügt.Rudolf: Du? — nein, das ist wahr.Arthur: Ich kann es nicht begreifen: du der liebenswürdigste Mensch, einen Streit mit deiner Frau —und noch dazu am Hochzeits-Tage. Warum, Mensch, konntest du nicht warten bis später?Rudolf: Als ob ich einen Willen gehabt hätte! Der abscheuliche Putz, die Hüte, sind daran schuld.Arthur: Die Hüte?Rudolf: Ja, der Hut und deine Schwester!Arthur: Oho, — nun gar meine Schwester!Rudolf: Höre mich an. Alles war glücklich überstanden: Trauung und Gratulation und Küssen und Hände-Schütteln, Vorstellung und Empfangen und Weinen und Abschied-Nehmen &c. &c. und glücklich sitze ich schon im Wagen neben meiner himmlischen Luise undjubleim Herzen — da fällt es ihr mit einem Male ein, daß sie noch den einen Hut haben muß. Ich muß wieder aussteigen und in's Haus zurückeilen. Kaum trete ich ein, so erblickt mich mein Cousin und Wehmut im Auge umschlingt er mich mit beiden Armen und seufzt: Bruder, noch eine Flasche Champagner, — noch eine — und zieht mich fort mit sich, ob ich will oder nicht. Da kommt deine Schwester Antonie. Und nun zieht sie mich am andern Arm fort, fort in den Tanz-Saal und sagt: »Ich muß erst meinen Tanz haben, Rudolf; eher kommen Sie mir nicht fort.«Verblüfftsteht da mein enttäuschter Cousin und hält die Champagner-Flasche in der Hand; er weiß nicht, was er allein damit tun soll, undschlüpftsie mir schnell in die hintere Tasche meines Frackes. Beim Tanzen geht der Kork los, explodiert — dem General vom Bombenfeld andie Nase. Er schreit laut auf vor Schmerz, der Champagner spritzt nach tausend Seiten auf alle; alles flieht entsetzt auseinander, und ich entrinne glücklich, komme zurück in den Wagen und rufe dem Kutscher zu: Vorwärts, vorwärts — undflugsgehts dahin. Ich aber falle in die Ecke und beginne zu lachen und lache übermenschlich, und nähmest du mir das Leben, ich konnte mich nicht halten. Luise fragt nach ihrem Hute; ich kann nicht antworten. Sie beginnt zu weinen und je mehr sie weint, desto mehr muß ich lachen und an die Champagner-Scene denken. Als ich endlich zu mir komme und alles erklären will, sitzt sie in der Ecke und weint und will kein Wort von mir hören, dem herzlosesten Menschen auf der ganzen Gottes-Erde. Wir kommen hier an in dem Hotel — sie eilt in ihr Zimmer, schließt sich ein und mich aus — nun, du weißt ja den Rest dieser herrlichen Hochzeits-Reise.Arthur: Rudolf, wirklich, ich bedaure dein Unglück.Rudolf: Siehst du, Arthur, das freut mich von dir; da ist doch eine Menschen-Seele, die mein Unglück mit mir fühlen kann.Arthur: Ich will mit meiner Frau sprechen; Ottilie und Luise sind Freundinnen. Verlaß dich darauf, meine Ottilie bringt alles wieder in Ordnung. Ich will jetzt zu ihr gehen.Rudolf: Ich werde hier warten auf dich.Arthur: Sehr wohl.(Ab.)Dritte Scene.Rudolf erst allein, dann Sergeant.Rudolf:(Am Fenster stehend, sieht hinaus auf die Berge und singt für sich halblaut.)Nimm das Leben leicht,Nimm das Leben leicht;Nimm es leicht,Nimm es leicht!Tra—la—ra'—la—ra.Tra—la'—la.La—l la'—laLa—la'.(Ein Sergeant der Polizei nähert sich ihm.)Sergeant: Ich bedauere, Sie stören zu müssen in Ihrem guten Humor!Rudolf: Und Sie wünschen?Sergeant: Ich wünsche nichts — ich befehle.Rudolf: Oho —Sergeant: — befehle Ihnen, mir zu folgen.Rudolf: Dazuverspüreich durchaus keine Lust.Sergeant: Das glaube ich. Leute von Ihrer Sorte folgen mir niemals gern.Rudolf: Mann, wissen Sie wohl, mit wem Sie reden?Sergeant: Ja, mit einem von der Bande, die —Rudolf: Bande?Sergeant: — welche nun lange genug unsere Stadt unsicher gemacht hat.Rudolf: Aber wissen Sie denn nicht, daß ich ....Sergeant: Wir wissen alles; wir wissen, daß Sie heute Morgen bei einer Dame eingebrochen sind, sie berauben, sie morden, und wer weiß, was sonst noch wollten; also —Rudolf: Wa — was — heute Morgen — Dame — so — aber, mein lieber Sergeant, das war ein Mißverständnis — eine Zerstreuung — ich versichere —Sergeant: Versichern Sie das später lieber dem Richter — jetzt folgen Sie mir.Rudolf: Aber ich sage Ihnen doch, daß ich Ihnen nicht folgen werde, nicht folgen kann. Ich — ich bin auf meiner Hochzeits-Reise — und eher —Sergeant: Still, Freund!(er pfeift, worauf mehrere Polizisten eintreten)— ergreifet ihn!Rudolf: Was? mich? Wagt es — ich bin auf meiner Hochzeits-Reise —(während des Tumults, der entsteht, indem die Polizisten Rudolf ergreifen und fesseln, kommen Kellner und Gäste von allen Seiten und zuletzt auch Luise. Als sie Rudolf gebunden unter den Polizisten erblickt, schreit sie laut auf, eilt auf ihn zu und umklammert ihn.)Luise: Rudolf —! Was ist hier geschehen?Rudolf: Aus Verzweiflung, daß —Luise: Ein neues Unglück? — O, alles kommt durch mich, durch meine Schuld — es ist meine Schuld, meine Schuld alleine;(sie wendet sich flehend zu den Leuten)o, helfet mir, ihr guten Leute!(sie erblickt den Baron von Sellen, der mitseiner Gattin am Arme erscheint.)O, Herr Baron, helfen Sie meinem Gatten, er ist unschuldig!Baron von Sellen: Ist jener da Ihr Gatte, der heute Morgen bei meiner Frau eingebroch... — höre mal, meine liebe Elisabeth, — jetzt aber, glaube ich, hast du einenMißgriffgemacht: das ist ja der Gemahl dieses jungen, allerliebsten Weibchens, das ich heute Morgen so erschreckt habe durch — meinen Einbruch. Herr Sergeant, meine Gattin nimmt ihre Klage zurück; nicht wahr, Elisabeth?Frau Baronin von Sellen: Ja, sonst möchte jene junge Frau mir meinen Gatten verhaften lassen — es war nur ein Irrtum, Herr Sergeant.Arthur(erscheint mit Ottilie in Eile): Eine Depesche an Rudolf!Rudolf: Luise, öffne sie doch schnell für mich.Luise(liest laut): »Liebe Luise! Ring ist gefunden, sende ihn dir mit deinem Hute.Antonie.«Rudolf: Hurrah, der Hut kommt nach.Luise: Und mein Ring ist gefunden, Ottilie! mein Ring, mein Ring!Rudolf: Aber, Kinder, nun bindet mich doch los, ich muß doch meine Frau umarmen! So —(singend):Nimm das Le'ben leicht,Nimm das Le'ben leicht;Nimm es lei'cht, —Nimm es lei'cht!Tra—la—ra'—la—ra—Tra—la'—laTra—l'la'—laLa—la'.Nun aber, Luischen, beginnen wir unsere Hochzeits-Reise!Die Gäste alle: Viel Vergnügen und Glück auf den Weg!Alle: Bravo, bravo!Dr.Albert: Otto und Louis, meine Brüder, reicht mir Eure Hände. Ich gratuliere Euch und auch mir selbst. —Alle: Und wir alle gratulieren herzlich.Herr Meister: Das ist vorzüglich, vorzüglich, — ah!Bella: Und ich überreiche Ihnen, Herr Otto, einen Lorbeer-Kranz.Martha Parks: Und ich Dir, mein lieber Bruder Louis!Otto: Meine teuren Freunde. Obwohl wir, Bruder Louis und ich, uns Mühe gegeben haben, dieses kleine Spiel recht gut zu machen, so wissen wir doch, daß wir diese enthusiastische Aufnahme Ihrer Freundschaft schulden. Wir fühlen es und wissen es wohl zu schätzen und danken Ihnen mit unserm ganzen Herzen. Undich bin sicher, wir handeln ganz auch im Sinne der Damen, wenn wir diese Kränze, unsern ersten Lorbeer, mit dem Manuskripte der Komödie vereint, unserm Herrn Meister überreichen als ein Zeichen unserer Freundschaft, als ein Zeichen unserer Dankbarkeit und als ein Zeichen unserer hohen Achtung. Wir bitten Sie, Herr Meister, nehmen Sie beides von uns an.Herr Meister: Meine Freunde, das Herz ist mir tief gerührt, und mein Auge strömt über von Thränen der Freude. Sie machen mich glücklich, meine Freunde, und ich nehme, was Sie mir reichen, als teures Andenken an die frohen Stunden, die wir zusammen verlebt haben, und als ein Zeichen der Hoffnung für die glückliche Zeit, welche wir noch vor uns haben. —Frau Meister: Und sie wird kommen, mir sagt es das Herz.Herr Meister: Dem durfte ich immer trauen und ihm traue ich auch jetzt. Gewiß, teure Freunde, noch andere glückliche Tage werden folgen, und wenn wir auch scheiden müssen, laßt uns immer denken an die Worte des Sängers:Es ist bestimmt in Gottes Rat,Daß man vom Liebsten, was man hat,Muß scheiden;Wiewohl doch nichts im Lauf der WeltDem Herzen ach, so sauer fälltAls Scheiden, als Scheiden!Nur mußt du mich auch recht verstehn,Ja recht verstehn,Wenn Menschen aus einander gehn,So sagen sie: Auf Wiedersehn,Ja, Wiedersehn!Alle: Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!Sektion 8 Fuss

Sektion 8 KopfVIII.

Dr.Albert: Dank, mein Fräulein. Dank für dieses eine Wort ....

Martha Meister: Sehen Sie, Herr Doktor, welche Scene!

Dr.Albert: Das ist herrlich! — Hier vor uns der klare, liebliche See und dort inbläulichFerne die kräftigen Rücken der Berge, die höher und höher hinter einander sich türmen. O, mein Fräulein, daß Sie die Freude dieses Augenblickes fühlen könnten wie ich!

Martha Meister: Ich fühle sie, Herr Doktor; o — hören Sie — Gesang.

Dr.Albert: Das ist Bruder Louis[VIII-1]Stimme — er kommt. Wie hübsch das Echo dazu schallt.

Louis (singt):

»Im Wald und auf der HeideDa such' ich meine Freude,Ich bin ein Jägers-Mann,Ich bin ein Jägers-Mann.Halli halloh, halli halloh,Ich bin ein Jägers-Mann.«

»Im Wald und auf der HeideDa such' ich meine Freude,Ich bin ein Jägers-Mann,Ich bin ein Jägers-Mann.Halli halloh, halli halloh,Ich bin ein Jägers-Mann.«

Oho — Ihr seid schon hier? Ich dachte, ich wäre der erste. — Albert, Albert, wo warst Du nur? Bestes Fräulein, warum waren Sie nicht bei uns? So herzlich haben wir lange nicht gelacht. Dieser Heinrich von Halsen, o, das istder lustigste Menschvon der Welt!

Dr.Albert: Sagte ich es nicht: »Kennt ihn nur erst!« — Aber so, wie seit wenigen Tagen, habe ich ihn selbst niemals zuvor gesehen. Ein neues Leben ist über ihn gekommen; das haben wir allein der kleinen Zauberin, Ihrer Schwester Gretchen, zu danken. Mit vollem Herzen brachte ich ihr daher gestern in Gegenwart aller meinen Tribut dar.

Martha Meister: Und wie glücklich Sie meine teure Schwester und mich selbst machten durch die feine Manier, mit der Sie es taten. Sie ....

Louis: Da kommen sie — hierher alle, alle hierher! Herr Meister und Frau Meister, Herr von Halsen und Fräulein Gretchen, Otto und Fräulein Bella und Schwesterchen Martha, — hierher, hierher!

Herr Meister: Hier ist die Grotte; nun sagt mir einmal, wie gefällt sie Euch?

Frau Meister: Wie schön, wie schön sie ist!

Otto: Wissen Sie auch, meine Herrschaften, daß dieses ein Lager-Platz der Indianer war?

Bella: Wirklich?

Otto: Diesen See nannten sie den »Fischreichen.«

Martha Parks: Indianer? Hu — wenn sie miteinem Male hinter jenem Felsen hervorsprängen — mir grauset es!

Louis: Laß sie nur kommen, Schwester, laß sie nur — ich bin bei Dir — ha, wie ich wünsche, dieRot-Häutezu sehen!

Dr.Albert: Louis, hast Du wirklich so großes Verlangen, die Indianer zu sehen!

Louis: Ein unbeschreiblich großes Verlangen!

Dr.Albert: Gut, so komme mit mir.

Louis: Was —? Mit Dir?

Dr.Albert: Mit mir und meinem Freunde Heinrich nach dem Westen.

Bella:Louis:Martha Parks:

Bella:

Louis:

Martha Parks:

Otto: Du — Ihr — geht nach dem Westen?

Dr.Albert: O stille, Freunde — Ordnung! Ich habe jetzt mit Euch zu sprechen. Aber erst nehmet Platz. So — seid Ihr alle bequem? Nun, dann werde ichmeine Enthüllungenmit dem heutigen Briefe unseres teuren Vaters beginnen; ich werde nur einen Teil und zwar in deutscher Übersetzung lesen:

»— Dein letztes Schreiben wurde mir von der lieben Mutter überreicht, als ich von meiner langen und mühsamen Reise zu ihr und zu den liebenVerwandtenzurückkehrte. Die Mama war betrübt wegen Deines Entschlusses und sie bedauerte die Jahre, welche Du im Studium der Medizin verbracht habest und welche nunnutzlos geworden seien. Aber sie ist wieder beruhigt, völlig beruhigt, da sie sieht, wie ich selbst mich über Dich freue, ja, mein Sohn, mich freue von ganzem Herzen. — Es war Dein Wunsch vor Jahren, den Beruf eines Arztes zu wählen, und ich wollte Deinem Lebens-Glücke nicht hindernd entgegentreten, unterdrückte meine eignenNeigungenin dieser Sache und ließ Dichgewähren.

Mir selbst aber war von meinem seligen Vater, dem lieben ehrwürdigenGreise, dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst aus frühen Kinder-Jahren, — ich sage, mir war von ihm eine solch' hohe Verehrung für denAckerbaueingeflößtworden, daß ich es stets als ein hohes Ziel meines Lebens betrachtete,Land-Wirtschaftzu betreiben, Land-Wirtschaft in großartigem Stile.

Meine Jahre sind mir in andererBeschäftigungverflossen, und erst vor wenigen Wochen konnte ich an die Ausführung meines Lieblings-Planes ernstlich denken. Ich reiste nach dem fernen, fernen Westen — und bin jetzt zurückgekehrt. Große, endlose Strecken Landes habe ich durch Ankauf zu meinem Eigenthum gemacht. Der jungfräuliche Boden ist fruchtbar und eben, und nur in einem Teile erheben sich Hügel und Berge, die mit den besten Holz-Arten bedeckt sind. Die Seen und die Ströme sind reich an Fischen und auch tief und im Stande, große Schiffe zu tragen. Eben dachte ich darüber nach, mich mitfähigenMännern inVerbindungzu setzen, die mir beistehen sollten, diesen neuen Teil unseres Landes für die Kultur zu gewinnen — da kam DeinBrief, mein Sohn, mir wie eineHimmelssendungund brachte mir Deinen und Deines Freundes Entschluß. Und da dachte ich denn, daß Deine und Deines Freundes Energie und Intelligenz und meine eigene, verbunden mit den Erfahrungen eines bewegten Lebens, dazu unsere Mittel und unser guter Wille genügen sollten, um vorwärts zu kommen in unserm großen Werke. Meinst Du nicht auch so? Ich werde nun wieder zurückeilen zu Euch, um dann mündlich ....« &c. &c.

Louis: So wirst Du ein Farmer, Doktor Albert Parks?

Dr.Albert: Ein Farmer werde ich, ganz recht; ein Farmer, welcher Strecken Landes der Wildnis entreißt und sie fruchtbar macht und gesund und schön für die Menschen zum Bewohnen; ein Fabrikant, der Fabriken errichtet und die Produkte, welche die Fläche und das Innere der Erdeerzeugt,verwendetund Tausenden von Familien Arbeit, reichlicheNahrungund Komfortverschafft; — ein Kaufmann, welcher dieErzeugnissedes Landes auf fremden Markt versendet und gegen andere fremde Produkte eintauscht — das, das wird meine und meines FreundesAufgabefür die kommenden Jahre sein.

In der freien Gottes-Natur und auch da, wo das Geräusch der Maschinenam betäubendstenund die Regsamkeit der Menschen am lebhaftesten ist — da, da bin ich am liebsten, da befinde ich mich am wohlsten und da schaffe ich am meisten und am besten. So dachte meinGroß-Vater, so denkt auch mein Vater, so denkt mein Freund und so denke auch ich. Den heiligen, stillwirkenden Beruf des Arztes aber sollen Männer üben mit stillem, sinnigemWesen. — Jetzt, meine Freunde, versteht Ihr mich, will ich hoffen; jetzt wißt Ihr, warum ich nachts so viel über Pläne von Bauten und Maschinen studierte und so viel kalkuliert habe; jetzt wißt Ihr, warum mein Freund Heinrich herüber zu uns gekommen ist, und jetzt wißt Ihr auch meine sorgenvollen Blicke zu deuten — ach, konnte ich wissen, daß alles, alles so gut, so wunderbar gut kommen würde? Ja, alles hat sich zum besten gewandt; ist es nicht so, Heinrich?

Herr von Halsen: So ist es, Albert, in der Tat, nur eine ist hier, die da weint, unsere liebe kleine Martha. Sage mir, Martha, warum weinest Du?

Frau Meister:Gretchen:Martha:Bella:

Frau Meister:

Gretchen:

Martha:

Bella:

Martha Parks: Nun geht Albert wieder fort von uns!

Dr.Albert: Liebe, süße, gute Schwester, noch gehe ich ja nicht, und wenn ich auch gehe, ich komme gewiß bald wieder.

Herr von Halsen: Komm zu mir, liebe Martha, komm, Du wirst bald wieder froh werden — ein klein wenig Geduld nur — — meine Herrschaften, ich habe die Ehre, Ihnen hier zwei junge Autoren vorzustellen, dieHerren Otto und Louis Parks. Sie werden uns mit einem neuenLustspielerfreuen, es ist ihr erstes Lustspiel. Um uns Vergnügen zu bereiten, haben sie sich, wie ich selbst bezeugen kann, viel Mühe gegeben, und ich bitte Sie in ihrem Namen um Nachsicht und um die Erlaubnis, es vorlesen zu dürfen.

Frau Meister: Welch' freudige Überraschung!

Herr Meister: Eine Komödie in der Tat?

Herr von Halsen: Zuvor aber muß ich den beiden Herrenmeinem Versprechen gemäßeiniges mitteilen über die Aussprache des Deutschen.

Ich hatte das Glück, bei meinem Studium der deutschen Sprache Herren als Lehrer zu haben, welche besonders großen Wert auf eine reine, vollkommene Aussprache legten. Fürchten Sie nicht, meine Damen, daß ich zu lange sprechen werde; von den vielen, vielen Regeln werde ich für diesen Moment nur einige der wichtigsten wählen.

Vor allem sprechen Sie mit den Lippen — gebrauchen Sie die Lippen viel und zwar so, daß die äußerenRändersich berühren; doch immer sei die Form des Mundes schön.

Im Deutschen haben wir zwei Arten von »a«.

Denken Sie einmal, Sie wären im Theater und Sie wären etwas zu frühe gekommen. Die Lichter sind klein und es ist noch recht dunkel; mit einem Mal wird das Haus voll erleuchtet und von der Gallerie tönt wie aus einem Munde ein überraschendes »a——h!«

Das ist genau das deutsche lange »a«, das »a« mit dem Hauch, mit der Aspiration.

Das zweite »a« aber ist das »a«, das Sie beim Lachen hervorbringen: ha ha, ha ha ha. Dieses ist das kurze »a«, es entsteht durch den Druck, durch Pression.

Gehaucht wird das »a« (lang) voreinemKonsonanten, hervorgepreßt (kurz) aber vorzwei[VIII-2]Konsonanten.

»A« ist gehaucht in »sage«, »habe«, »male«, »Knabe«, »Vater«; denn »a« ist voreinemKonsonanten.

»A« wird hervorgepreßt in »halte«, »lasse«, »danke«, »kalt«, »Satz«; denn »a« ist vorzweiKonsonanten.

So haben wir auch zwei »e«, ein gehauchtes und ein gepreßtes; gehaucht voreinem, aber gepreßt vorzweiKonsonanten. So haben wir zwei »i«, zwei »o«, zwei »u«, zwei »ä«, zwei »ö«, zwei »ü«.

Das deutsche »au« gleicht dem englischen"ou"in"mouse", "house". Das deutsche »äu« und »eu« dem englischen"oy"in"boy", "annoy". Das deutsche, »ei« dem englischen"i"in"idle", "fine".

Wollen Sie das deutsche »ü« oder »ö« aussprechen, so formen Sie die Lippen so, als wollten Sie pfeifen; und gebrauchen Sie die Oberlippe mehr, so entsteht das »ü« und lautet wie«u»im Französischen«rue»; gebrauchen Sie die Unterlippe mehr, so entsteht das »ö« und lautet wie das französische"eu"in"amateur"— aber bei dem »ü« ist die Öffnung des Mundes noch kleiner, als beim »ö«; »ä« lautet ähnlich dem Tone, den das Lämmchen hervorbringt in »bl——ä«.

Hüten Sie sich, das deutsche »u« zu sprechen wie Sie es tun im englischen Worte"use"das ist nicht deutsch und klingt unschön. Sprechen Sie das »u« wie"oo"[VIII-3]in"moon".

Im Deutschen trennen wir Silben nicht wie im Englischen. Im Englischen sagen Sie"Jan—uary",im Deutschen sagen wir »Ja—nuar«; im Englischen sagen wir"min-ute"im Deutschen sagen wir »Mi—nu—te«.

Im Deutschen beginnen wir die Silben mit Konsonanten, wo immer estunlich[VIII-4]ist. Also, »sa—ge«, nicht »sag—e«; wir sprechen »ma—len«, aber nicht »mal—en«; »hö—ren«, nicht »hör—en« und »schrei—ben«, nicht»schreib—en«.[VIII-5]

Der Accent bei »sage« ist auf »sa«, nicht auf »ge«; in »malen« auf »ma« und nicht auf »len«; sprechen Sie[VIII-6]»sa'ge,ma'len,hö'ren,schrei'ben«.

Sprechen Sie in diesen Wörtern die erste Silbe recht energisch und schön aus und dehnen Sie die letzte nicht lang.

Im Englischen ist man oft geneigt, im Satze, das Pronomen besonders zubetonen; im Deutschen zieht man das Verbum vor, z.B."Iunderstand you";aber »Ichverste'heSie.«

Ein Wort, welches zusammengesetzt ist aus einer Präposition und einem Verbum, hat den Accent auf der Präposition:vor'sprechen,ab'schreiben,auf'stehen,unter'gehen,aus'arbeiten,bei'stehen,mit'sprechen,nach'sehen &c. &c.

Wörter, zusammengesetzt aus zwei Substantiven, haben den Accent auf dem ersten Worte, z.B.Haus'-Thüre,Sprach'-Lehre,Winter'-Hut,Herzens'-Freude.

Viele von den Konsonanten werden im Deutschen ausgesprochen, wie im Englischen.

Das »g« ist wie das"g"in"go",und das »g« sollte stets so ausgesprochen werden, ob am Anfang oder am Ende. Nur in seltenen Fällen und nur da, wo der Wohlklang (die Euphonie) es verlangt, sollte es ein wenig sanfter gesprochen werden, doch niemals am Anfang. — Man hüte sich vor den Extremen!

In einem Teile Deutschlands spricht man das »r« mit dem Gaumen, wie die Franzosen es tun; in einem andern bringt man das »r« mit der Zunge hervor, wie man es tut in der englischen Sprache, — und so ist es am besten.

Das deutsche »s« sei sanft wie das englische"s"— denn so ist es am schönsten; ein »ss«, (doppeltes »s«) sei stark.

»St« wird von vielen Deutschen wie s und t gesprochen, ganz wie das englische"st"in"stone", "star", "strong", "string".

Von vielen aber wird es gesprochen wie »scht«; also nicht »S—t—ein« sondern »Schtein«; nicht »S—t—ern« sondern »Schtern«; nicht »s—t—ark« sondern »schtark«.

In den besten Theatern Deutschlands gilt die letzte Aussprachs-Weise; die größten und besten Gesangs-Lehrer Deutschlands lassen nur »Schtern«, »Schtock«, »schtark«, niemals »S—t« aussprechen beim Singen.

»V« ist wie »F« und »F« wie »V«.

»W« kommt dem englischen"v"ziemlich nahe — und ich bitte Sie, sprechen Sie doch das deutsche »w« niemals wie das englische"w".

»Z« ist »ts«; also »zanken« wie »tsanken«, »Zahlen« wie »Tsahlen«, »Zorn« wie »Tsorn«.

Jetzt kommt das »ch« — das ist leicht. — Kennen Sie den eigentümlichen Ton, den die Gans hervorbringt? — sehen Sie, so — nun, das ist das deutsche »ch« bei dem Vokale »e«, wie in »recht«; bei dem Vokale »i«, wie in »ich«,[VIII-7](ja nicht isch!!!); bei »ä«, wie in »Mächte«; bei »ö«, wie in »möchte«; bei »ü«, wie in »Bücher«, »züchte«; bei »ei«, wie in »reich«, »leicht«; bei »eu«, wie in »Leuchte« und in »euch«.

»Ch« wird mit dem Gaumen hervorgebracht (Guttural) bei den Vokalen »a«, »o«, »u« und »au« — in »ach«, »Nacht«, »hoch«, »mochte«, »suche«, »Bruch« und »Rauch«.

Sprechen Sie besonders die Anfangs-Konsonanten aller Silben energisch und schön aus.

Bitte, beachten Sie stets das Gesetz der Schönheit! Der Mensch mit einem Gefühle für das Schöne wird auch seine Sprache, die höchste eigne Errungenschaft des Menschen-Geistes, schön sprechen. Und dann wollen Sie vor allem bedenken, daß die deutsche Sprache auf demselben Boden entsprossen ist, auf welchem die göttliche Musik Beethovens erstand. Und nun kommt noch eine, meine letzte Regel. Sprechen Sie das Deutsche recht langsam, leicht und elegant und ziehen Sie dieWorte nicht zusammen, sonst könnte es Ihnen ergehen wie jener Sängerin, da sie den »Erlkönig« von Goethe öffentlichvortrug; sie kam an die Stelle:

»Dem Vater grauset's; er reitet geschwind,Er hält in den Armen das ächzende Kind —«

»Dem Vater grauset's; er reitet geschwind,Er hält in den Armen das ächzende Kind —«

und sang: »Er hält in den Armen da—sächzende Kind.« Lautes Lachen erfolgte, denn alle hatten verstanden »Er hält in den Armen das 16te Kind.« Ich bin zu Ende — Otto, Sie haben das Wort.

Otto: Die folgenden Personen werden in dieser Komödie vor Ihnen erscheinen: Luise und Ottilie, Rudolf und Arthur, etwas später dann ein Sergeant von der Polizei mit Polizisten, auch der Herr Baron von Sellen mit seiner Gemahlin Elisabeth, und dann viele andere Personen, Gäste eines großen Hotels, in dessenEmpfangs-Zimmersich das Ganze abspielt.

Luise ist die junge Gemahlin Rudolfs; gestern hatten sie Hochzeit gehalten und waren dann am Nachmittage abgereist und am Abend im Hotel angekommen. Am folgenden Morgen dann trafen, wie vorher brieflich bestimmt war, sich die befreundeten Paare. Luise und Ottilie treffen zuerst und allein zusammen, und später so auch die Herren.

Die erste Scene beginnt also mit der freudigenBegegnungzwischen Luise und Ottilie. — Willst Du zu lesen beginnen, Louis?

Louis: Sehr wohl, ich beginne:

Erste Scene.Luise — Ottilie.Luise: Ach — Ottilie!Ottilie: Aber, Luise!Luise: Ottilie, — ich bin unglücklich!Ottilie: Wie du mich erschrickst — du unglücklich? beste, liebste, Luise, — unglücklich am Tage nach der Hochzeit — nein, nein es kann, es darf nicht sein; — aber so weine doch nicht in einem fort. Was ist dir denn, so sprich, so sprich doch nur, ich bitte dich, liebe Luise!Luise: Es begann nach meinerTrauung. Alles war so schön gegangen und da ich vom Altare trete, um an Rudolfs Arm zurückzukehren und die Menschen erblicke, welche da Kopf an Kopf in der Kirche stehen, da kommt eine — eineVerwirrungüber mich und — o — Ottilie — ich — verlor meinen Trauring.Ottilie: Das ist schlimm!Luise: O, es ist ein entsetzliches Unglück. Als ich nach Hause kam, merkte ich es erst. — Nur meine Mutter weiß es und unser alter treuer Diener. Überall haben sie gesucht, jeden Stein haben sie umgedreht — umsonst — er ist fort und niemals finde ich ihn wieder, niemals, niemals!Ottilie: Und Rudolf?Luise: Er weiß noch nichts. Als wir nachmittags abreisen wollten und bereits im Wagen saßen, bemerkeich gerade noch, daß mir mein neuester und gerade mein schönster Hut fehlte, du weißt ja — der dir so besonders gefiel. Ich bitte Rudolf, in das Haus zu eilen und ihn mir zu bringen. Er geht — und bleibt entsetzlich lange aus. Endlich, da ich vor Ungeduld beinahe vergehe, kommt er wieder — denke dir, kommt wieder ohne meinen Hut und lacht so laut und so fürchterlich, daß er kein Wort zu sprechen vermag, lacht konvulsivisch; und je mehr ich bitte, je mehr ich weine, desto lauter lacht er. Das ist der Anfang unserer Reise — er in der einen Ecke und lacht, daß ich meine, er habe den Verstand verloren, und ich in der andern Ecke und weine, daß mirschierdas Herz vergehen will. Endlich kommen wir hier an im Hotel. Da eile ich in mein Zimmer und schließe mich ein ganz allein und durchweine die Nacht.Ottilie: Und Rudolf?Luise: Ist der herzloseste, leichtsinnigste Mensch von der Welt, aber ich habe ihn auch vor meiner Thüre klopfen lassen — zur Strafe klopfen lassen, bis er müde wurde.Ottilie: Luise, Luise, ich fürchte, du begehst einen großen Irrtum!Luise: So, meinst du? Ich dachte es auch heute Morgen, und öffnete deshalb die Thür und hoffte, er würde wieder kommen; und richtig, ich höre Schritte nahen — das waren seine Tritte — warte, dachte ich, ich will es dir nicht zu leicht machen, und setze michans Fenster und drehe der Thüre den Rücken zu. Richtig, er tritt ein, und ich bleibe eine Weile stille sitzen und schaue zum Fenster hinaus, jeden Moment denkend, er müsse nun kommen, mich in seine Arme zu fassen — aber er bleibt still. Ich drehe mich um und sehe — denke dir meinen Schrecken — einen fremden Herrn auf meinem Sopha ausgestreckt. Als er mich sieht, ist er ebenso erschreckt wie ich selbst und stammelt in Verwirrung ein paar Worte: Pardon — Irrtum —, giebt mir in Hast seine Karte und ist im Nu — mit den Schuhen in der Hand und dem Rocke auf dem Arme — zur Thüre hinaus, und das alles ging so schnell wie der Blitz und so komisch, daß ich trotz meinesElendesnun auch laut, laut lachen mußte.Ottilie: Nein — das muß ich sagen — der zweite Tag deines ehelichen Lebens fängt komisch genug an. Laß mich die Karte sehen.Luise: Hier — hier ist sie.Ottilie: Hm. — Friedrich Baron von Sellen; sieh', sieh'. Weißt du, Freundin, das geht so nicht mit dir und Rudolf — ihr müßt euch wieder vereinigen und zwar heute Morgen noch. Ich habe eine gute Idee. Wir schreiben ihm ein Billet — und — nun, du sollst sehen, er wird schon kommen.Luise: O ja, er muß zu mir kommen; er war allein schuld, o, der häßliche Mensch!Ottilie: Komm, komm nur auf mein Zimmer![Beide ab.]Zweite Scene.Rudolf —[VIII-8]Arthur.Rudolf: Sage, was du willst, Arthur — es hilft nichts, gar nichts. Es ist das Beste, man nimmt das Leben leicht. Ich habe es versucht, war ernst — was war die Folge? Konnte während der ganzen Nacht kein Auge schließen. In der unbehaglichstenStimmungverlasse ich endlich heute früh mein Zimmer, um im Freien Trost, Zerstreuung zu suchen, und nehme gerade, als ich dort auf der Brücke stehe, meine beste Trösterin, meine Cigarre, aus der Tasche, mache Feuer und stecke in Gedanken — das Feuer statt der Cigarre in den Mund. Nicht allein, daß ich vor Schmerz laut aufschreien mochte, — von den Fenstern des Hotels muß ich noch das laute Gelächter dazu vernehmen. Mein Gesicht muß im Momente wohl recht komisch gewesen sein, ich hätte gerne selber mitgelacht, wenn es nur nicht meiner Zunge begegnet wäre.ärgerlicheile ich zurück zum Hotel, will auf mein Zimmer gehen, öffne die Thüre und — denke dir mein freudiges Erstaunen: wahrhaftig —, da sitzt sie am Fenster und sieht auf die Berge hinaus. Aha, denke ich, sie hört mich nicht, ich will sie überraschen — und leise, ganz leise von hinten komme ich näher, näher, und schnell lege ich meine Hände auf ihre Augen. Na — die Überraschung! Wie von einer Viper gestochen, springt sie auf vom Stuhle und schreit Feuer! Mörder! — Himmel, jetzt erst sehe ich, daß es gar nicht meine Frau, — daß es eine alte Dame ineiner kolossalen Nacht-Haubeist. Ich sehe mich um — das war ja gar nicht mein Zimmer — ich will ihr erklären, sie läßt mir keine Zeit und schreit in einem fort: Feuer! Räuber! Mörder! — Ich höre die Leute auf dem Korridor rennen und denke das Beste sei fortzueilen. Ich thue also und komme glücklich eine Treppe höher wieder in mein eignes Zimmer.So begann der zweite Tag dieser allerliebsten Hochzeits-Reise.Arthur: Und was ist aus deiner jungen Frau geworden?Rudolf: Ach, frage mich nicht — das ist eine ganz fatale Geschichte!Arthur: Also — in dem Punkte scheinst du doch ernst zu werden.Rudolf: Nun, denkst du vielleicht, es sei einSpaß, eine Frau zu haben und doch keine zu haben, oder stundenlang vor der Thüre seinerAngetrautenvergebens zu stehen und auf alles Klopfen, Bitten, Beschwören, Drohen keine andere Antwort zu hören, als Seufzen und Schluchzen und Weinen? — O, laß mich nicht mehr daran denken, es macht michrasend.Arthur: Still, Rudolf — was willst du von mir, ich habe dir ja kein Leidzugefügt.Rudolf: Du? — nein, das ist wahr.Arthur: Ich kann es nicht begreifen: du der liebenswürdigste Mensch, einen Streit mit deiner Frau —und noch dazu am Hochzeits-Tage. Warum, Mensch, konntest du nicht warten bis später?Rudolf: Als ob ich einen Willen gehabt hätte! Der abscheuliche Putz, die Hüte, sind daran schuld.Arthur: Die Hüte?Rudolf: Ja, der Hut und deine Schwester!Arthur: Oho, — nun gar meine Schwester!Rudolf: Höre mich an. Alles war glücklich überstanden: Trauung und Gratulation und Küssen und Hände-Schütteln, Vorstellung und Empfangen und Weinen und Abschied-Nehmen &c. &c. und glücklich sitze ich schon im Wagen neben meiner himmlischen Luise undjubleim Herzen — da fällt es ihr mit einem Male ein, daß sie noch den einen Hut haben muß. Ich muß wieder aussteigen und in's Haus zurückeilen. Kaum trete ich ein, so erblickt mich mein Cousin und Wehmut im Auge umschlingt er mich mit beiden Armen und seufzt: Bruder, noch eine Flasche Champagner, — noch eine — und zieht mich fort mit sich, ob ich will oder nicht. Da kommt deine Schwester Antonie. Und nun zieht sie mich am andern Arm fort, fort in den Tanz-Saal und sagt: »Ich muß erst meinen Tanz haben, Rudolf; eher kommen Sie mir nicht fort.«Verblüfftsteht da mein enttäuschter Cousin und hält die Champagner-Flasche in der Hand; er weiß nicht, was er allein damit tun soll, undschlüpftsie mir schnell in die hintere Tasche meines Frackes. Beim Tanzen geht der Kork los, explodiert — dem General vom Bombenfeld andie Nase. Er schreit laut auf vor Schmerz, der Champagner spritzt nach tausend Seiten auf alle; alles flieht entsetzt auseinander, und ich entrinne glücklich, komme zurück in den Wagen und rufe dem Kutscher zu: Vorwärts, vorwärts — undflugsgehts dahin. Ich aber falle in die Ecke und beginne zu lachen und lache übermenschlich, und nähmest du mir das Leben, ich konnte mich nicht halten. Luise fragt nach ihrem Hute; ich kann nicht antworten. Sie beginnt zu weinen und je mehr sie weint, desto mehr muß ich lachen und an die Champagner-Scene denken. Als ich endlich zu mir komme und alles erklären will, sitzt sie in der Ecke und weint und will kein Wort von mir hören, dem herzlosesten Menschen auf der ganzen Gottes-Erde. Wir kommen hier an in dem Hotel — sie eilt in ihr Zimmer, schließt sich ein und mich aus — nun, du weißt ja den Rest dieser herrlichen Hochzeits-Reise.Arthur: Rudolf, wirklich, ich bedaure dein Unglück.Rudolf: Siehst du, Arthur, das freut mich von dir; da ist doch eine Menschen-Seele, die mein Unglück mit mir fühlen kann.Arthur: Ich will mit meiner Frau sprechen; Ottilie und Luise sind Freundinnen. Verlaß dich darauf, meine Ottilie bringt alles wieder in Ordnung. Ich will jetzt zu ihr gehen.Rudolf: Ich werde hier warten auf dich.Arthur: Sehr wohl.(Ab.)Dritte Scene.Rudolf erst allein, dann Sergeant.Rudolf:(Am Fenster stehend, sieht hinaus auf die Berge und singt für sich halblaut.)Nimm das Leben leicht,Nimm das Leben leicht;Nimm es leicht,Nimm es leicht!Tra—la—ra'—la—ra.Tra—la'—la.La—l la'—laLa—la'.(Ein Sergeant der Polizei nähert sich ihm.)Sergeant: Ich bedauere, Sie stören zu müssen in Ihrem guten Humor!Rudolf: Und Sie wünschen?Sergeant: Ich wünsche nichts — ich befehle.Rudolf: Oho —Sergeant: — befehle Ihnen, mir zu folgen.Rudolf: Dazuverspüreich durchaus keine Lust.Sergeant: Das glaube ich. Leute von Ihrer Sorte folgen mir niemals gern.Rudolf: Mann, wissen Sie wohl, mit wem Sie reden?Sergeant: Ja, mit einem von der Bande, die —Rudolf: Bande?Sergeant: — welche nun lange genug unsere Stadt unsicher gemacht hat.Rudolf: Aber wissen Sie denn nicht, daß ich ....Sergeant: Wir wissen alles; wir wissen, daß Sie heute Morgen bei einer Dame eingebrochen sind, sie berauben, sie morden, und wer weiß, was sonst noch wollten; also —Rudolf: Wa — was — heute Morgen — Dame — so — aber, mein lieber Sergeant, das war ein Mißverständnis — eine Zerstreuung — ich versichere —Sergeant: Versichern Sie das später lieber dem Richter — jetzt folgen Sie mir.Rudolf: Aber ich sage Ihnen doch, daß ich Ihnen nicht folgen werde, nicht folgen kann. Ich — ich bin auf meiner Hochzeits-Reise — und eher —Sergeant: Still, Freund!(er pfeift, worauf mehrere Polizisten eintreten)— ergreifet ihn!Rudolf: Was? mich? Wagt es — ich bin auf meiner Hochzeits-Reise —(während des Tumults, der entsteht, indem die Polizisten Rudolf ergreifen und fesseln, kommen Kellner und Gäste von allen Seiten und zuletzt auch Luise. Als sie Rudolf gebunden unter den Polizisten erblickt, schreit sie laut auf, eilt auf ihn zu und umklammert ihn.)Luise: Rudolf —! Was ist hier geschehen?Rudolf: Aus Verzweiflung, daß —Luise: Ein neues Unglück? — O, alles kommt durch mich, durch meine Schuld — es ist meine Schuld, meine Schuld alleine;(sie wendet sich flehend zu den Leuten)o, helfet mir, ihr guten Leute!(sie erblickt den Baron von Sellen, der mitseiner Gattin am Arme erscheint.)O, Herr Baron, helfen Sie meinem Gatten, er ist unschuldig!Baron von Sellen: Ist jener da Ihr Gatte, der heute Morgen bei meiner Frau eingebroch... — höre mal, meine liebe Elisabeth, — jetzt aber, glaube ich, hast du einenMißgriffgemacht: das ist ja der Gemahl dieses jungen, allerliebsten Weibchens, das ich heute Morgen so erschreckt habe durch — meinen Einbruch. Herr Sergeant, meine Gattin nimmt ihre Klage zurück; nicht wahr, Elisabeth?Frau Baronin von Sellen: Ja, sonst möchte jene junge Frau mir meinen Gatten verhaften lassen — es war nur ein Irrtum, Herr Sergeant.Arthur(erscheint mit Ottilie in Eile): Eine Depesche an Rudolf!Rudolf: Luise, öffne sie doch schnell für mich.Luise(liest laut): »Liebe Luise! Ring ist gefunden, sende ihn dir mit deinem Hute.Antonie.«Rudolf: Hurrah, der Hut kommt nach.Luise: Und mein Ring ist gefunden, Ottilie! mein Ring, mein Ring!Rudolf: Aber, Kinder, nun bindet mich doch los, ich muß doch meine Frau umarmen! So —(singend):Nimm das Le'ben leicht,Nimm das Le'ben leicht;Nimm es lei'cht, —Nimm es lei'cht!Tra—la—ra'—la—ra—Tra—la'—laTra—l'la'—laLa—la'.Nun aber, Luischen, beginnen wir unsere Hochzeits-Reise!Die Gäste alle: Viel Vergnügen und Glück auf den Weg!

Erste Scene.Luise — Ottilie.Luise: Ach — Ottilie!Ottilie: Aber, Luise!Luise: Ottilie, — ich bin unglücklich!Ottilie: Wie du mich erschrickst — du unglücklich? beste, liebste, Luise, — unglücklich am Tage nach der Hochzeit — nein, nein es kann, es darf nicht sein; — aber so weine doch nicht in einem fort. Was ist dir denn, so sprich, so sprich doch nur, ich bitte dich, liebe Luise!Luise: Es begann nach meinerTrauung. Alles war so schön gegangen und da ich vom Altare trete, um an Rudolfs Arm zurückzukehren und die Menschen erblicke, welche da Kopf an Kopf in der Kirche stehen, da kommt eine — eineVerwirrungüber mich und — o — Ottilie — ich — verlor meinen Trauring.Ottilie: Das ist schlimm!Luise: O, es ist ein entsetzliches Unglück. Als ich nach Hause kam, merkte ich es erst. — Nur meine Mutter weiß es und unser alter treuer Diener. Überall haben sie gesucht, jeden Stein haben sie umgedreht — umsonst — er ist fort und niemals finde ich ihn wieder, niemals, niemals!Ottilie: Und Rudolf?Luise: Er weiß noch nichts. Als wir nachmittags abreisen wollten und bereits im Wagen saßen, bemerkeich gerade noch, daß mir mein neuester und gerade mein schönster Hut fehlte, du weißt ja — der dir so besonders gefiel. Ich bitte Rudolf, in das Haus zu eilen und ihn mir zu bringen. Er geht — und bleibt entsetzlich lange aus. Endlich, da ich vor Ungeduld beinahe vergehe, kommt er wieder — denke dir, kommt wieder ohne meinen Hut und lacht so laut und so fürchterlich, daß er kein Wort zu sprechen vermag, lacht konvulsivisch; und je mehr ich bitte, je mehr ich weine, desto lauter lacht er. Das ist der Anfang unserer Reise — er in der einen Ecke und lacht, daß ich meine, er habe den Verstand verloren, und ich in der andern Ecke und weine, daß mirschierdas Herz vergehen will. Endlich kommen wir hier an im Hotel. Da eile ich in mein Zimmer und schließe mich ein ganz allein und durchweine die Nacht.Ottilie: Und Rudolf?Luise: Ist der herzloseste, leichtsinnigste Mensch von der Welt, aber ich habe ihn auch vor meiner Thüre klopfen lassen — zur Strafe klopfen lassen, bis er müde wurde.Ottilie: Luise, Luise, ich fürchte, du begehst einen großen Irrtum!Luise: So, meinst du? Ich dachte es auch heute Morgen, und öffnete deshalb die Thür und hoffte, er würde wieder kommen; und richtig, ich höre Schritte nahen — das waren seine Tritte — warte, dachte ich, ich will es dir nicht zu leicht machen, und setze michans Fenster und drehe der Thüre den Rücken zu. Richtig, er tritt ein, und ich bleibe eine Weile stille sitzen und schaue zum Fenster hinaus, jeden Moment denkend, er müsse nun kommen, mich in seine Arme zu fassen — aber er bleibt still. Ich drehe mich um und sehe — denke dir meinen Schrecken — einen fremden Herrn auf meinem Sopha ausgestreckt. Als er mich sieht, ist er ebenso erschreckt wie ich selbst und stammelt in Verwirrung ein paar Worte: Pardon — Irrtum —, giebt mir in Hast seine Karte und ist im Nu — mit den Schuhen in der Hand und dem Rocke auf dem Arme — zur Thüre hinaus, und das alles ging so schnell wie der Blitz und so komisch, daß ich trotz meinesElendesnun auch laut, laut lachen mußte.Ottilie: Nein — das muß ich sagen — der zweite Tag deines ehelichen Lebens fängt komisch genug an. Laß mich die Karte sehen.Luise: Hier — hier ist sie.Ottilie: Hm. — Friedrich Baron von Sellen; sieh', sieh'. Weißt du, Freundin, das geht so nicht mit dir und Rudolf — ihr müßt euch wieder vereinigen und zwar heute Morgen noch. Ich habe eine gute Idee. Wir schreiben ihm ein Billet — und — nun, du sollst sehen, er wird schon kommen.Luise: O ja, er muß zu mir kommen; er war allein schuld, o, der häßliche Mensch!Ottilie: Komm, komm nur auf mein Zimmer![Beide ab.]

Luise — Ottilie.

Luise: Ach — Ottilie!

Ottilie: Aber, Luise!

Luise: Ottilie, — ich bin unglücklich!

Ottilie: Wie du mich erschrickst — du unglücklich? beste, liebste, Luise, — unglücklich am Tage nach der Hochzeit — nein, nein es kann, es darf nicht sein; — aber so weine doch nicht in einem fort. Was ist dir denn, so sprich, so sprich doch nur, ich bitte dich, liebe Luise!

Luise: Es begann nach meinerTrauung. Alles war so schön gegangen und da ich vom Altare trete, um an Rudolfs Arm zurückzukehren und die Menschen erblicke, welche da Kopf an Kopf in der Kirche stehen, da kommt eine — eineVerwirrungüber mich und — o — Ottilie — ich — verlor meinen Trauring.

Ottilie: Das ist schlimm!

Luise: O, es ist ein entsetzliches Unglück. Als ich nach Hause kam, merkte ich es erst. — Nur meine Mutter weiß es und unser alter treuer Diener. Überall haben sie gesucht, jeden Stein haben sie umgedreht — umsonst — er ist fort und niemals finde ich ihn wieder, niemals, niemals!

Ottilie: Und Rudolf?

Luise: Er weiß noch nichts. Als wir nachmittags abreisen wollten und bereits im Wagen saßen, bemerkeich gerade noch, daß mir mein neuester und gerade mein schönster Hut fehlte, du weißt ja — der dir so besonders gefiel. Ich bitte Rudolf, in das Haus zu eilen und ihn mir zu bringen. Er geht — und bleibt entsetzlich lange aus. Endlich, da ich vor Ungeduld beinahe vergehe, kommt er wieder — denke dir, kommt wieder ohne meinen Hut und lacht so laut und so fürchterlich, daß er kein Wort zu sprechen vermag, lacht konvulsivisch; und je mehr ich bitte, je mehr ich weine, desto lauter lacht er. Das ist der Anfang unserer Reise — er in der einen Ecke und lacht, daß ich meine, er habe den Verstand verloren, und ich in der andern Ecke und weine, daß mirschierdas Herz vergehen will. Endlich kommen wir hier an im Hotel. Da eile ich in mein Zimmer und schließe mich ein ganz allein und durchweine die Nacht.

Ottilie: Und Rudolf?

Luise: Ist der herzloseste, leichtsinnigste Mensch von der Welt, aber ich habe ihn auch vor meiner Thüre klopfen lassen — zur Strafe klopfen lassen, bis er müde wurde.

Ottilie: Luise, Luise, ich fürchte, du begehst einen großen Irrtum!

Luise: So, meinst du? Ich dachte es auch heute Morgen, und öffnete deshalb die Thür und hoffte, er würde wieder kommen; und richtig, ich höre Schritte nahen — das waren seine Tritte — warte, dachte ich, ich will es dir nicht zu leicht machen, und setze michans Fenster und drehe der Thüre den Rücken zu. Richtig, er tritt ein, und ich bleibe eine Weile stille sitzen und schaue zum Fenster hinaus, jeden Moment denkend, er müsse nun kommen, mich in seine Arme zu fassen — aber er bleibt still. Ich drehe mich um und sehe — denke dir meinen Schrecken — einen fremden Herrn auf meinem Sopha ausgestreckt. Als er mich sieht, ist er ebenso erschreckt wie ich selbst und stammelt in Verwirrung ein paar Worte: Pardon — Irrtum —, giebt mir in Hast seine Karte und ist im Nu — mit den Schuhen in der Hand und dem Rocke auf dem Arme — zur Thüre hinaus, und das alles ging so schnell wie der Blitz und so komisch, daß ich trotz meinesElendesnun auch laut, laut lachen mußte.

Ottilie: Nein — das muß ich sagen — der zweite Tag deines ehelichen Lebens fängt komisch genug an. Laß mich die Karte sehen.

Luise: Hier — hier ist sie.

Ottilie: Hm. — Friedrich Baron von Sellen; sieh', sieh'. Weißt du, Freundin, das geht so nicht mit dir und Rudolf — ihr müßt euch wieder vereinigen und zwar heute Morgen noch. Ich habe eine gute Idee. Wir schreiben ihm ein Billet — und — nun, du sollst sehen, er wird schon kommen.

Luise: O ja, er muß zu mir kommen; er war allein schuld, o, der häßliche Mensch!

Ottilie: Komm, komm nur auf mein Zimmer!

[Beide ab.]

Zweite Scene.Rudolf —[VIII-8]Arthur.Rudolf: Sage, was du willst, Arthur — es hilft nichts, gar nichts. Es ist das Beste, man nimmt das Leben leicht. Ich habe es versucht, war ernst — was war die Folge? Konnte während der ganzen Nacht kein Auge schließen. In der unbehaglichstenStimmungverlasse ich endlich heute früh mein Zimmer, um im Freien Trost, Zerstreuung zu suchen, und nehme gerade, als ich dort auf der Brücke stehe, meine beste Trösterin, meine Cigarre, aus der Tasche, mache Feuer und stecke in Gedanken — das Feuer statt der Cigarre in den Mund. Nicht allein, daß ich vor Schmerz laut aufschreien mochte, — von den Fenstern des Hotels muß ich noch das laute Gelächter dazu vernehmen. Mein Gesicht muß im Momente wohl recht komisch gewesen sein, ich hätte gerne selber mitgelacht, wenn es nur nicht meiner Zunge begegnet wäre.ärgerlicheile ich zurück zum Hotel, will auf mein Zimmer gehen, öffne die Thüre und — denke dir mein freudiges Erstaunen: wahrhaftig —, da sitzt sie am Fenster und sieht auf die Berge hinaus. Aha, denke ich, sie hört mich nicht, ich will sie überraschen — und leise, ganz leise von hinten komme ich näher, näher, und schnell lege ich meine Hände auf ihre Augen. Na — die Überraschung! Wie von einer Viper gestochen, springt sie auf vom Stuhle und schreit Feuer! Mörder! — Himmel, jetzt erst sehe ich, daß es gar nicht meine Frau, — daß es eine alte Dame ineiner kolossalen Nacht-Haubeist. Ich sehe mich um — das war ja gar nicht mein Zimmer — ich will ihr erklären, sie läßt mir keine Zeit und schreit in einem fort: Feuer! Räuber! Mörder! — Ich höre die Leute auf dem Korridor rennen und denke das Beste sei fortzueilen. Ich thue also und komme glücklich eine Treppe höher wieder in mein eignes Zimmer.So begann der zweite Tag dieser allerliebsten Hochzeits-Reise.Arthur: Und was ist aus deiner jungen Frau geworden?Rudolf: Ach, frage mich nicht — das ist eine ganz fatale Geschichte!Arthur: Also — in dem Punkte scheinst du doch ernst zu werden.Rudolf: Nun, denkst du vielleicht, es sei einSpaß, eine Frau zu haben und doch keine zu haben, oder stundenlang vor der Thüre seinerAngetrautenvergebens zu stehen und auf alles Klopfen, Bitten, Beschwören, Drohen keine andere Antwort zu hören, als Seufzen und Schluchzen und Weinen? — O, laß mich nicht mehr daran denken, es macht michrasend.Arthur: Still, Rudolf — was willst du von mir, ich habe dir ja kein Leidzugefügt.Rudolf: Du? — nein, das ist wahr.Arthur: Ich kann es nicht begreifen: du der liebenswürdigste Mensch, einen Streit mit deiner Frau —und noch dazu am Hochzeits-Tage. Warum, Mensch, konntest du nicht warten bis später?Rudolf: Als ob ich einen Willen gehabt hätte! Der abscheuliche Putz, die Hüte, sind daran schuld.Arthur: Die Hüte?Rudolf: Ja, der Hut und deine Schwester!Arthur: Oho, — nun gar meine Schwester!Rudolf: Höre mich an. Alles war glücklich überstanden: Trauung und Gratulation und Küssen und Hände-Schütteln, Vorstellung und Empfangen und Weinen und Abschied-Nehmen &c. &c. und glücklich sitze ich schon im Wagen neben meiner himmlischen Luise undjubleim Herzen — da fällt es ihr mit einem Male ein, daß sie noch den einen Hut haben muß. Ich muß wieder aussteigen und in's Haus zurückeilen. Kaum trete ich ein, so erblickt mich mein Cousin und Wehmut im Auge umschlingt er mich mit beiden Armen und seufzt: Bruder, noch eine Flasche Champagner, — noch eine — und zieht mich fort mit sich, ob ich will oder nicht. Da kommt deine Schwester Antonie. Und nun zieht sie mich am andern Arm fort, fort in den Tanz-Saal und sagt: »Ich muß erst meinen Tanz haben, Rudolf; eher kommen Sie mir nicht fort.«Verblüfftsteht da mein enttäuschter Cousin und hält die Champagner-Flasche in der Hand; er weiß nicht, was er allein damit tun soll, undschlüpftsie mir schnell in die hintere Tasche meines Frackes. Beim Tanzen geht der Kork los, explodiert — dem General vom Bombenfeld andie Nase. Er schreit laut auf vor Schmerz, der Champagner spritzt nach tausend Seiten auf alle; alles flieht entsetzt auseinander, und ich entrinne glücklich, komme zurück in den Wagen und rufe dem Kutscher zu: Vorwärts, vorwärts — undflugsgehts dahin. Ich aber falle in die Ecke und beginne zu lachen und lache übermenschlich, und nähmest du mir das Leben, ich konnte mich nicht halten. Luise fragt nach ihrem Hute; ich kann nicht antworten. Sie beginnt zu weinen und je mehr sie weint, desto mehr muß ich lachen und an die Champagner-Scene denken. Als ich endlich zu mir komme und alles erklären will, sitzt sie in der Ecke und weint und will kein Wort von mir hören, dem herzlosesten Menschen auf der ganzen Gottes-Erde. Wir kommen hier an in dem Hotel — sie eilt in ihr Zimmer, schließt sich ein und mich aus — nun, du weißt ja den Rest dieser herrlichen Hochzeits-Reise.Arthur: Rudolf, wirklich, ich bedaure dein Unglück.Rudolf: Siehst du, Arthur, das freut mich von dir; da ist doch eine Menschen-Seele, die mein Unglück mit mir fühlen kann.Arthur: Ich will mit meiner Frau sprechen; Ottilie und Luise sind Freundinnen. Verlaß dich darauf, meine Ottilie bringt alles wieder in Ordnung. Ich will jetzt zu ihr gehen.Rudolf: Ich werde hier warten auf dich.Arthur: Sehr wohl.(Ab.)

Rudolf —[VIII-8]Arthur.

Rudolf: Sage, was du willst, Arthur — es hilft nichts, gar nichts. Es ist das Beste, man nimmt das Leben leicht. Ich habe es versucht, war ernst — was war die Folge? Konnte während der ganzen Nacht kein Auge schließen. In der unbehaglichstenStimmungverlasse ich endlich heute früh mein Zimmer, um im Freien Trost, Zerstreuung zu suchen, und nehme gerade, als ich dort auf der Brücke stehe, meine beste Trösterin, meine Cigarre, aus der Tasche, mache Feuer und stecke in Gedanken — das Feuer statt der Cigarre in den Mund. Nicht allein, daß ich vor Schmerz laut aufschreien mochte, — von den Fenstern des Hotels muß ich noch das laute Gelächter dazu vernehmen. Mein Gesicht muß im Momente wohl recht komisch gewesen sein, ich hätte gerne selber mitgelacht, wenn es nur nicht meiner Zunge begegnet wäre.ärgerlicheile ich zurück zum Hotel, will auf mein Zimmer gehen, öffne die Thüre und — denke dir mein freudiges Erstaunen: wahrhaftig —, da sitzt sie am Fenster und sieht auf die Berge hinaus. Aha, denke ich, sie hört mich nicht, ich will sie überraschen — und leise, ganz leise von hinten komme ich näher, näher, und schnell lege ich meine Hände auf ihre Augen. Na — die Überraschung! Wie von einer Viper gestochen, springt sie auf vom Stuhle und schreit Feuer! Mörder! — Himmel, jetzt erst sehe ich, daß es gar nicht meine Frau, — daß es eine alte Dame ineiner kolossalen Nacht-Haubeist. Ich sehe mich um — das war ja gar nicht mein Zimmer — ich will ihr erklären, sie läßt mir keine Zeit und schreit in einem fort: Feuer! Räuber! Mörder! — Ich höre die Leute auf dem Korridor rennen und denke das Beste sei fortzueilen. Ich thue also und komme glücklich eine Treppe höher wieder in mein eignes Zimmer.

So begann der zweite Tag dieser allerliebsten Hochzeits-Reise.

Arthur: Und was ist aus deiner jungen Frau geworden?

Rudolf: Ach, frage mich nicht — das ist eine ganz fatale Geschichte!

Arthur: Also — in dem Punkte scheinst du doch ernst zu werden.

Rudolf: Nun, denkst du vielleicht, es sei einSpaß, eine Frau zu haben und doch keine zu haben, oder stundenlang vor der Thüre seinerAngetrautenvergebens zu stehen und auf alles Klopfen, Bitten, Beschwören, Drohen keine andere Antwort zu hören, als Seufzen und Schluchzen und Weinen? — O, laß mich nicht mehr daran denken, es macht michrasend.

Arthur: Still, Rudolf — was willst du von mir, ich habe dir ja kein Leidzugefügt.

Rudolf: Du? — nein, das ist wahr.

Arthur: Ich kann es nicht begreifen: du der liebenswürdigste Mensch, einen Streit mit deiner Frau —und noch dazu am Hochzeits-Tage. Warum, Mensch, konntest du nicht warten bis später?

Rudolf: Als ob ich einen Willen gehabt hätte! Der abscheuliche Putz, die Hüte, sind daran schuld.

Arthur: Die Hüte?

Rudolf: Ja, der Hut und deine Schwester!

Arthur: Oho, — nun gar meine Schwester!

Rudolf: Höre mich an. Alles war glücklich überstanden: Trauung und Gratulation und Küssen und Hände-Schütteln, Vorstellung und Empfangen und Weinen und Abschied-Nehmen &c. &c. und glücklich sitze ich schon im Wagen neben meiner himmlischen Luise undjubleim Herzen — da fällt es ihr mit einem Male ein, daß sie noch den einen Hut haben muß. Ich muß wieder aussteigen und in's Haus zurückeilen. Kaum trete ich ein, so erblickt mich mein Cousin und Wehmut im Auge umschlingt er mich mit beiden Armen und seufzt: Bruder, noch eine Flasche Champagner, — noch eine — und zieht mich fort mit sich, ob ich will oder nicht. Da kommt deine Schwester Antonie. Und nun zieht sie mich am andern Arm fort, fort in den Tanz-Saal und sagt: »Ich muß erst meinen Tanz haben, Rudolf; eher kommen Sie mir nicht fort.«Verblüfftsteht da mein enttäuschter Cousin und hält die Champagner-Flasche in der Hand; er weiß nicht, was er allein damit tun soll, undschlüpftsie mir schnell in die hintere Tasche meines Frackes. Beim Tanzen geht der Kork los, explodiert — dem General vom Bombenfeld andie Nase. Er schreit laut auf vor Schmerz, der Champagner spritzt nach tausend Seiten auf alle; alles flieht entsetzt auseinander, und ich entrinne glücklich, komme zurück in den Wagen und rufe dem Kutscher zu: Vorwärts, vorwärts — undflugsgehts dahin. Ich aber falle in die Ecke und beginne zu lachen und lache übermenschlich, und nähmest du mir das Leben, ich konnte mich nicht halten. Luise fragt nach ihrem Hute; ich kann nicht antworten. Sie beginnt zu weinen und je mehr sie weint, desto mehr muß ich lachen und an die Champagner-Scene denken. Als ich endlich zu mir komme und alles erklären will, sitzt sie in der Ecke und weint und will kein Wort von mir hören, dem herzlosesten Menschen auf der ganzen Gottes-Erde. Wir kommen hier an in dem Hotel — sie eilt in ihr Zimmer, schließt sich ein und mich aus — nun, du weißt ja den Rest dieser herrlichen Hochzeits-Reise.

Arthur: Rudolf, wirklich, ich bedaure dein Unglück.

Rudolf: Siehst du, Arthur, das freut mich von dir; da ist doch eine Menschen-Seele, die mein Unglück mit mir fühlen kann.

Arthur: Ich will mit meiner Frau sprechen; Ottilie und Luise sind Freundinnen. Verlaß dich darauf, meine Ottilie bringt alles wieder in Ordnung. Ich will jetzt zu ihr gehen.

Rudolf: Ich werde hier warten auf dich.

Arthur: Sehr wohl.(Ab.)

Dritte Scene.Rudolf erst allein, dann Sergeant.Rudolf:(Am Fenster stehend, sieht hinaus auf die Berge und singt für sich halblaut.)Nimm das Leben leicht,Nimm das Leben leicht;Nimm es leicht,Nimm es leicht!Tra—la—ra'—la—ra.Tra—la'—la.La—l la'—laLa—la'.(Ein Sergeant der Polizei nähert sich ihm.)Sergeant: Ich bedauere, Sie stören zu müssen in Ihrem guten Humor!Rudolf: Und Sie wünschen?Sergeant: Ich wünsche nichts — ich befehle.Rudolf: Oho —Sergeant: — befehle Ihnen, mir zu folgen.Rudolf: Dazuverspüreich durchaus keine Lust.Sergeant: Das glaube ich. Leute von Ihrer Sorte folgen mir niemals gern.Rudolf: Mann, wissen Sie wohl, mit wem Sie reden?Sergeant: Ja, mit einem von der Bande, die —Rudolf: Bande?Sergeant: — welche nun lange genug unsere Stadt unsicher gemacht hat.Rudolf: Aber wissen Sie denn nicht, daß ich ....Sergeant: Wir wissen alles; wir wissen, daß Sie heute Morgen bei einer Dame eingebrochen sind, sie berauben, sie morden, und wer weiß, was sonst noch wollten; also —Rudolf: Wa — was — heute Morgen — Dame — so — aber, mein lieber Sergeant, das war ein Mißverständnis — eine Zerstreuung — ich versichere —Sergeant: Versichern Sie das später lieber dem Richter — jetzt folgen Sie mir.Rudolf: Aber ich sage Ihnen doch, daß ich Ihnen nicht folgen werde, nicht folgen kann. Ich — ich bin auf meiner Hochzeits-Reise — und eher —Sergeant: Still, Freund!(er pfeift, worauf mehrere Polizisten eintreten)— ergreifet ihn!Rudolf: Was? mich? Wagt es — ich bin auf meiner Hochzeits-Reise —(während des Tumults, der entsteht, indem die Polizisten Rudolf ergreifen und fesseln, kommen Kellner und Gäste von allen Seiten und zuletzt auch Luise. Als sie Rudolf gebunden unter den Polizisten erblickt, schreit sie laut auf, eilt auf ihn zu und umklammert ihn.)Luise: Rudolf —! Was ist hier geschehen?Rudolf: Aus Verzweiflung, daß —Luise: Ein neues Unglück? — O, alles kommt durch mich, durch meine Schuld — es ist meine Schuld, meine Schuld alleine;(sie wendet sich flehend zu den Leuten)o, helfet mir, ihr guten Leute!(sie erblickt den Baron von Sellen, der mitseiner Gattin am Arme erscheint.)O, Herr Baron, helfen Sie meinem Gatten, er ist unschuldig!Baron von Sellen: Ist jener da Ihr Gatte, der heute Morgen bei meiner Frau eingebroch... — höre mal, meine liebe Elisabeth, — jetzt aber, glaube ich, hast du einenMißgriffgemacht: das ist ja der Gemahl dieses jungen, allerliebsten Weibchens, das ich heute Morgen so erschreckt habe durch — meinen Einbruch. Herr Sergeant, meine Gattin nimmt ihre Klage zurück; nicht wahr, Elisabeth?Frau Baronin von Sellen: Ja, sonst möchte jene junge Frau mir meinen Gatten verhaften lassen — es war nur ein Irrtum, Herr Sergeant.Arthur(erscheint mit Ottilie in Eile): Eine Depesche an Rudolf!Rudolf: Luise, öffne sie doch schnell für mich.Luise(liest laut): »Liebe Luise! Ring ist gefunden, sende ihn dir mit deinem Hute.Antonie.«Rudolf: Hurrah, der Hut kommt nach.Luise: Und mein Ring ist gefunden, Ottilie! mein Ring, mein Ring!Rudolf: Aber, Kinder, nun bindet mich doch los, ich muß doch meine Frau umarmen! So —(singend):Nimm das Le'ben leicht,Nimm das Le'ben leicht;Nimm es lei'cht, —Nimm es lei'cht!Tra—la—ra'—la—ra—Tra—la'—laTra—l'la'—laLa—la'.Nun aber, Luischen, beginnen wir unsere Hochzeits-Reise!Die Gäste alle: Viel Vergnügen und Glück auf den Weg!

Rudolf erst allein, dann Sergeant.

Rudolf:(Am Fenster stehend, sieht hinaus auf die Berge und singt für sich halblaut.)

Nimm das Leben leicht,Nimm das Leben leicht;Nimm es leicht,Nimm es leicht!Tra—la—ra'—la—ra.Tra—la'—la.La—l la'—laLa—la'.

(Ein Sergeant der Polizei nähert sich ihm.)

Sergeant: Ich bedauere, Sie stören zu müssen in Ihrem guten Humor!

Rudolf: Und Sie wünschen?

Sergeant: Ich wünsche nichts — ich befehle.

Rudolf: Oho —

Sergeant: — befehle Ihnen, mir zu folgen.

Rudolf: Dazuverspüreich durchaus keine Lust.

Sergeant: Das glaube ich. Leute von Ihrer Sorte folgen mir niemals gern.

Rudolf: Mann, wissen Sie wohl, mit wem Sie reden?

Sergeant: Ja, mit einem von der Bande, die —

Rudolf: Bande?

Sergeant: — welche nun lange genug unsere Stadt unsicher gemacht hat.

Rudolf: Aber wissen Sie denn nicht, daß ich ....

Sergeant: Wir wissen alles; wir wissen, daß Sie heute Morgen bei einer Dame eingebrochen sind, sie berauben, sie morden, und wer weiß, was sonst noch wollten; also —

Rudolf: Wa — was — heute Morgen — Dame — so — aber, mein lieber Sergeant, das war ein Mißverständnis — eine Zerstreuung — ich versichere —

Sergeant: Versichern Sie das später lieber dem Richter — jetzt folgen Sie mir.

Rudolf: Aber ich sage Ihnen doch, daß ich Ihnen nicht folgen werde, nicht folgen kann. Ich — ich bin auf meiner Hochzeits-Reise — und eher —

Sergeant: Still, Freund!(er pfeift, worauf mehrere Polizisten eintreten)— ergreifet ihn!

Rudolf: Was? mich? Wagt es — ich bin auf meiner Hochzeits-Reise —(während des Tumults, der entsteht, indem die Polizisten Rudolf ergreifen und fesseln, kommen Kellner und Gäste von allen Seiten und zuletzt auch Luise. Als sie Rudolf gebunden unter den Polizisten erblickt, schreit sie laut auf, eilt auf ihn zu und umklammert ihn.)

Luise: Rudolf —! Was ist hier geschehen?

Rudolf: Aus Verzweiflung, daß —

Luise: Ein neues Unglück? — O, alles kommt durch mich, durch meine Schuld — es ist meine Schuld, meine Schuld alleine;(sie wendet sich flehend zu den Leuten)o, helfet mir, ihr guten Leute!(sie erblickt den Baron von Sellen, der mitseiner Gattin am Arme erscheint.)O, Herr Baron, helfen Sie meinem Gatten, er ist unschuldig!

Baron von Sellen: Ist jener da Ihr Gatte, der heute Morgen bei meiner Frau eingebroch... — höre mal, meine liebe Elisabeth, — jetzt aber, glaube ich, hast du einenMißgriffgemacht: das ist ja der Gemahl dieses jungen, allerliebsten Weibchens, das ich heute Morgen so erschreckt habe durch — meinen Einbruch. Herr Sergeant, meine Gattin nimmt ihre Klage zurück; nicht wahr, Elisabeth?

Frau Baronin von Sellen: Ja, sonst möchte jene junge Frau mir meinen Gatten verhaften lassen — es war nur ein Irrtum, Herr Sergeant.

Arthur(erscheint mit Ottilie in Eile): Eine Depesche an Rudolf!

Rudolf: Luise, öffne sie doch schnell für mich.

Luise(liest laut): »Liebe Luise! Ring ist gefunden, sende ihn dir mit deinem Hute.

Antonie.«

Rudolf: Hurrah, der Hut kommt nach.

Luise: Und mein Ring ist gefunden, Ottilie! mein Ring, mein Ring!

Rudolf: Aber, Kinder, nun bindet mich doch los, ich muß doch meine Frau umarmen! So —

(singend):

Nimm das Le'ben leicht,Nimm das Le'ben leicht;Nimm es lei'cht, —Nimm es lei'cht!Tra—la—ra'—la—ra—Tra—la'—laTra—l'la'—laLa—la'.

Nun aber, Luischen, beginnen wir unsere Hochzeits-Reise!

Die Gäste alle: Viel Vergnügen und Glück auf den Weg!

Alle: Bravo, bravo!

Dr.Albert: Otto und Louis, meine Brüder, reicht mir Eure Hände. Ich gratuliere Euch und auch mir selbst. —

Alle: Und wir alle gratulieren herzlich.

Herr Meister: Das ist vorzüglich, vorzüglich, — ah!

Bella: Und ich überreiche Ihnen, Herr Otto, einen Lorbeer-Kranz.

Martha Parks: Und ich Dir, mein lieber Bruder Louis!

Otto: Meine teuren Freunde. Obwohl wir, Bruder Louis und ich, uns Mühe gegeben haben, dieses kleine Spiel recht gut zu machen, so wissen wir doch, daß wir diese enthusiastische Aufnahme Ihrer Freundschaft schulden. Wir fühlen es und wissen es wohl zu schätzen und danken Ihnen mit unserm ganzen Herzen. Undich bin sicher, wir handeln ganz auch im Sinne der Damen, wenn wir diese Kränze, unsern ersten Lorbeer, mit dem Manuskripte der Komödie vereint, unserm Herrn Meister überreichen als ein Zeichen unserer Freundschaft, als ein Zeichen unserer Dankbarkeit und als ein Zeichen unserer hohen Achtung. Wir bitten Sie, Herr Meister, nehmen Sie beides von uns an.

Herr Meister: Meine Freunde, das Herz ist mir tief gerührt, und mein Auge strömt über von Thränen der Freude. Sie machen mich glücklich, meine Freunde, und ich nehme, was Sie mir reichen, als teures Andenken an die frohen Stunden, die wir zusammen verlebt haben, und als ein Zeichen der Hoffnung für die glückliche Zeit, welche wir noch vor uns haben. —

Frau Meister: Und sie wird kommen, mir sagt es das Herz.

Herr Meister: Dem durfte ich immer trauen und ihm traue ich auch jetzt. Gewiß, teure Freunde, noch andere glückliche Tage werden folgen, und wenn wir auch scheiden müssen, laßt uns immer denken an die Worte des Sängers:

Es ist bestimmt in Gottes Rat,Daß man vom Liebsten, was man hat,Muß scheiden;Wiewohl doch nichts im Lauf der WeltDem Herzen ach, so sauer fälltAls Scheiden, als Scheiden!Nur mußt du mich auch recht verstehn,Ja recht verstehn,Wenn Menschen aus einander gehn,So sagen sie: Auf Wiedersehn,Ja, Wiedersehn!

Alle: Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!

Sektion 8 Fuss


Back to IndexNext