Der Kreis löste sich auf, die drei Schwadronen, die an der Uebung beteiligt gewesen waren, ritten ins Quartier zurück. Die Fünfte, als die Siegerin, hatte die Ehre, hinter der Regimentsmusik zu reiten, aus nächster Nähe die aufmunternden, lustigen Weisen zu hören. Und auf dem Heimwege bekam der Führer der Fünften noch eine neue Ladung von Lobsprüchen auf sein lorbeergeschmücktes Haupt. Karl von Gorski hatte dem Etatsmäßigen eine begeisterte Schilderung von dem Zusammentreffen an der Grenze gegeben, der dicke Major von Schnakenburg übermittelte sie dem Kommandeur, und dieser setzte sich in Trab, lenkte seinen Gaul neben den Fuchswallach Gastons.
»Hören Sie mal, lieber Rittmeister, Sie haben mich vorhin ein bißchen beschwindelt. Der Zwischenfall mit den Russen war bedeutend sengeriger, als Sie ihn mir in Ihrer Bescheidenheit darzustellen beliebten!«
Gaston lächelte.
»Verzeihung, aber ich konnte doch wohl nicht gut melden: Herr Oberstleutnant, es ist mir soeben gelungen, den Ausbruch des großen europäischen Krieges zu verhindern?«
»Na,« meinte der Kommandeur, »wenn auch nicht ganz so doll, aber in dem Augenblick roch es doch sehr nach Pulver! Die Stimmung ist zum Platzen gespannt, und es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, sich auszumalen, was alles hätte geschehen können, wenn Sie die Angelegenheit nicht in einer so – ich möchte sagen – überlegenen Art und Weise in Ordnung gebracht hätten!«
Gaston verneigte sich leicht im Sattel, die Hand am Helmrande.
»Gehorsamsten Dank! Es erfüllt mich mit Stolz, daß Herr Oberstleutnant mit mir zufrieden sind.«
»Papperlapapp, 'zufrieden'! Imponiert hat's mir, wie Sie das gemacht haben! Das glänzendste war, daß Sie mit Platzpatronen scharf laden ließen. Ich habe hell aufgelacht, als Major von Schnakenburg mir es eben schilderte! Und jetzt muß ich Ihnen was erzählen. An dem Tage, als Sie Ihre Schwadron übernahmen, war ich zufällig mit meinem Töchterchen auf dem Großen Platz.«
»Ich entsinne mich sehr wohl. Die junge Dame hat mich mit ihren blauen Guckäugelchen recht scharf gemustert.«
»Ja! Und Sie haben ihr sehr gut gefallen. Als Sie mit Ihrer Schwadron einige wohlgelungene Bewegungenausgeführt hatten, sagte sie: 'Papa, ich glaube, wir haben mit diesem Herrn von Foucar eine glänzende Akquisition gemacht'. Ich stimmte ihr schon damals zu, aber heute möchte ich's mit besonderem Nachdrucke wiederholen, daß ich ganz und gar der Meinung meines Töchterchens bin! Und meinem alten Freund Wegener dankbar, daß er Sie mir ins Regiment gebracht hat. Na, und inzwischen habe ich ja auch zu meiner Freude gehört, daß Sie sich aufgemacht haben, den bisher versäumten Anschluß an die Kameraden zu suchen.«
»Sehr wohl, Herr Oberstleutnant! Aber ich möchte gehorsamst bemerken, dieses Uebermaß von Lob erdrückt mich. Ich bitte, mich Ihrem Fräulein Tochter angelegentlichst zu empfehlen und hinzuzufügen, daß ihre so klar prüfenden Augen mir damals ein ganz besonderer Ansporn waren.«
Der Kommandeur lachte.
»Ne, lieber Foucar, den zweiten Teil richt' ich nicht aus. Das Jöhr ist sowieso schon verschossen in Sie. Meine gute Alte auch. Und aus ihren Erzählungen entnehm' ich, noch nie hätte sich die gesamte Weiblichkeit im Städtchen für einen neu ins Regiment gekommenen Herrn so interessiert wie für Sie. Sie hätten 'so was an sich ...' Na, ich will Sie nicht noch eitler machen, wie Sie wahrscheinlich wohl schon sind.«
Gaston erwiderte darauf nichts, er spürte einen leichten Stich im Herzen. Es hatte wohl seine Richtigkeit, daß die Frauen in ihm etwas Besonderes sahen. Sonst wäre es doch kaum erklärlich gewesen, daß die da in Berlinihm schon nach der ersten flüchtigen Begegnung eine Zuneigung geschenkt hatte, die sonst vielleicht erst nach längerer Bekanntschaft zustande kam. Ein anderer an seiner Stelle wäre mit dieser Mitgift wahrscheinlich ein skrupelloser Don Juan geworden. Er aber war, dank der Erziehung durch Frauenhand, ein respektvoller Jüngling geblieben, der in jedem Weibe etwas Heiliges sah. Und mit einer gewissen Bitterkeit mußte er daran denken, wie anders vielleicht alles gekommen wäre, wenn er in jener Nacht in dem Ballokal gesagt hätte: »Charmant, gnädige Frau, ich wohne Rankestraße Numero so und so viel. Falls Sie mir dort gelegentlich einmal Ihr Herz ausschütten wollen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.« Das wäre der richtige Ton gewesen für diese frivole Gesellschaft. Statt dessen war er gleich mit dem schweren Geschütz eines veritablen Heiratsantrages herausgerückt. Lächerlich war das gewesen! Und noch lächerlicher, daß er hinterher die ganze Angelegenheit so tragisch genommen hatte, daß er darüber sein wirkliches Glück verscherzte. Aber, Gott sei Dank, noch winkte ja ein Hoffnungsstrahl nach der finsteren Nacht der Verzweiflung. Und den gedachte er am Zipfel zu fassen, sich draufzuschwingen, wie das Schneiderlein im Märchen, das auf einem feinen Lichtfaden in den Himmel kletterte.
Der Regimentskommandeur an seiner Seite traktierte schon eine Weile lang ernsthafte Angelegenheiten. Daß die Augen- und Ohrenzeugen der Grenzaffäre nachher auf dem Regimentsbureau zusammenzukommen hätten, um über den Vorgang ein genaues Protokoll aufzunehmen.Für den Fall, daß die Sache auf irgend einem Wege in die Zeitungen käme. Man wüßte ja, wie es in solchen Fällen zuginge. Die Kerls erzählten den Vorfall in der Kneipe, zwei Tage später stände er, in entstellter Form und auf dem Umwege über das Ordensburger Blättchen, in den Berliner Zeitungen. Da gälte es, der Brigade rechtzeitig einen Bericht einzureichen, der ihr gestattete, erforderlichen Falles mit einem Dementi aufzuwarten.
Und dann kam der Kommandeur auf sein Steckenpferd, den zukünftigen Feldzug zwischen, gleichermaßen mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgestatteten Nationen. Grauenhaft müßte der werden – von der Zeit, in der er den Russisch-Japanischen Krieg als Attaché mitgemacht hätte, wüßte er ein Lied davon zu singen! Das Schlachtfeld von einer unheimlichen Leere, nur die Shrapnells schwirrten in der Luft auf ausgerechnete Ziele. Und die beiden Heere buddelten sich gleich Maulwürfen aneinander heran. Zur Nachtzeit überfiel man sich gegenseitig, wie im Dunkeln schleichende Mörder gingen die Truppen aufeinander los, statt wie ehrliche Kämpfer im Tageslicht. Drahthindernisse mußte man zerschneiden, Wolfsgruben überklettern, und dann gab's ein Ringen in stockfinstrer Nacht, Mann gegen Mann mit Bajonett und Kolben. Gott allein mochte wissen, wie die Taktik in zwanzig Jahren aussah, wenn die Vervollkommnung der Kriegswaffen, die einen Angriff auf gedeckt liegende Infanterie bei Tage schon jetzt fast unmöglich machte, so weiter ging.
So sprach der Kommandeur, der neben ihm reitende Untergebene hörte respektvoll zu, aber seine Gedanken waren ganz wo anders. Bei einer, nach der er sich all diese Wochen in Sehnsucht verzehrt hatte, und die er jetzt in gemessener Frist wiedersehen sollte. Die ihm zugesagte nochmalige Einladung war eine Verheißung besonderer Art, da mußte er sich mit einigem auseinandersetzen, ehe er sie annahm. Und da quoll ein Gefühl – wie ihm scheinen wollte – gesunder Selbstsucht in ihm empor.
Sollte er sein ganzes Leben in Sack und Asche vertrauern, weil eine unglückliche Frau sich an ihn gehängt hatte? Mit einer Leidenschaft, die er nicht erwidern konnte? Zum Teufel noch mal, er hatte sie nicht eingeladen, sich in ihn zu verlieben! Und von dem Wort, das er ihr gegeben, hatte er sich zweimal gelöst. Damit sollte sie sich abfinden, wie mit manchem anderen in ihrem bewegten Leben.
Eine Art von Haß stieg in ihm auf. Ohne seine pinselige Gewissenhaftigkeit hätte er schon seit Wochen vielleicht ein anderes Leben führen können. Ein Leben, bei dem man fröhlich war mit den Fröhlichen, wie ein rechter Reitersmann, der sich um das Gestern nicht quälte und um das Morgen. Und, wenn er schon beim Anreiten gegen den Feind sein Herz beschwerte, auch wußte, weshalb. Weil daheim im Quartier eine zurückblieb, um derenwillen er gerne heil wiedergekommen wäre. Eine Reine und Feine, von der er genau wußte, daß sie in ihrer Vergangenheit nichts zu verstecken hatte.
Die Schwadronen, die an der Uebung teilgenommen hatten, zogen mit klingendem Spiel zum Städtchen hinein, auf dem Kasernenhofe wurden sie vom Kommandeur entlassen. Die Offiziere der Fünften ersuchte er, in die Regimentskanzlei zu kommen, um dort, noch unter dem frischen Eindruck, alle Einzelheiten des Zusammentreffens mit den russischen Dragonern festzustellen, in einem für die Brigade bestimmten schriftlichen Berichte niederzulegen. Und da ergab es sich, daß Karl von Gorski, weil er auf dem Heimwege den Vorgang wohl ein halb Dutzend Male mit Begeisterung erzählt hatte, am besten Bescheid wußte, sich noch jedes einzelnen Wortes entsann, das von hüben und drüben gewechselt worden war. Da übertrug der Kommandeur ihm die Abfassung des Berichtes, wie er mit einem Lächeln hinzufügte, zur Belohnung für den bei der Affäre bewiesenen Eifer.
Erst als die anderen Herren schon die Treppe hinabgingen mit klappernden Säbeln, dämmerte dem Kleinen eine Ahnung, daß er diesmal der Hereingefallene war. Mit einem wahren Dreimännerdurst in heißer Schreibstube an einem ellenlangen Bericht bauen mußte, während sein Bruder Hans mit dem Oberleutnant Gusovius in der schattigen Laube des Kasinogartens jetzt schon das erste Glas Bayrisch über die ausgedörrte Zunge rinnen ließ. Da verschwor er sich heftig, niemals mehr wieder vorwitzig mit Kenntnissen zu prunken, deren Anerkennung von seiten der Vorgesetzten ehrenvoll war, aber mit vermehrter Arbeit verbunden.
Als Gaston durch die schattenlose Hauptstraße ritt, den Burschen hinter sich, winkte von einem mit Blumen bestandenen Balkon ein Batisttüchlein, eine helle Frauenstimme rief: »He, Herr von Foucar!«
Er hob den Kopf, Frau von Lüttritz, die jugendliche Gattin des Kommandeurs der zweiten Schwadron, stand zwischen blühenden Geranien, lachte ihn fröhlich an. Da ritt er näher: »Gnädige Frau befehlen?«
»Sie möchten mal zu meinem Mann 'raufkommen! Er probiert gerade ein neues Erfrischungsgetränk, das ich heute erst aus Königsberg bekommen habe. Melonenextrakt mit eisgekühltem Selter und einem leichten Schuß Kognak. Davon will er Ihnen großmütig 'was abgeben, trotzdem Sie ihn in den Dombrowker Bergen so greulich besiegt haben!«
Er rief zurück: »Gnädige Frau, mir läuft das Wasser im Munde zusammen, aber ich muß leider nach Hause. Ich erwarte eine Nachricht, von der für mich allerlei abhängt. Außerdem bin ich in einem absolut nicht präsentablen Zustande ... einen halben Zentimeter Chausseestaub innerlich und äußerlich.«
»Glauben Sie, mein Mann sieht anders aus? Und manchmal erfährt man schon unterwegs mündlich, was man erst zu Hause schriftlich zu finden hofft!«
Da lachte er und schwang sich aus dem Sattel und stieg mit froher Erwartung im Herzen die Treppe empor.
In dem behaglichen Wohnzimmer, dessen Fenster zur Abwehr der draußen herrschenden Hitze durch dicke Vorhänge verdunkelt waren, empfing ihn das Ehepaar Lüttritz.Eine junge Dame, die mit dem Rücken zum Fenster gesessen hatte, stand auf und kam näher. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen, denn seine Augen waren noch vom hellen Sonnenlicht geblendet und mußten sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Aber er spürte im Herzen, wer da auf ihn zukam.
Frau von Lüttritz sagte lächelnd: »Die Herrschaften sind sich wohl nicht mehr fremd. Fräulein von Gorski hatte im Städtchen zu tun und war so liebenswürdig, mich zu besuchen.«
Gaston verneigte sich schweigend. Eine seltsame Beklommenheit hatte ihn plötzlich überfallen, wie vor einer kommenden Entscheidung. Annemarie streckte ihm die Hand entgegen. Ihre Stimme klang ein wenig unsicher.
»O ja, ich entsinne mich. Ich kam damals mit Papa aus der Königsberger Klinik.«
Er wollte ihre Hand an die Lippen ziehen, sie aber wehrte ab, und eine feine Röte stieg in ihren Wangen empor.
Frau von Lüttritz mischte mit Eifer und Sachverständnis das kühlende Getränk, ihr Gatte, ein gutmütiger, dicker Herr mit blondem, kurzgestutztem Barte, sah ihr interessiert zu.
»Nimm nicht so viel von dem teuren Kognak rein, Lottchen! Nachdem er mich schon militärisch geschädigt hat, der brave Foucar, ist es doch nicht nötig, daß er mich jetzt arm macht.«
Man setzte sich lachend um den Tisch herum, das Gespräch wandte sich den Ereignissen des Vormittags zu. Und der Rittmeister von Lüttritz bekannte ehrlich, erwäre heilfroh, nicht an der Stelle seines Kameraden Foucar gewesen zu sein. Er hätte den ersten zornigen Zuruf des russischen Schwadronschefs wahrscheinlich mit einer hahnebüchenen Grobheit beantwortet, und der Ramsch wäre fertig gewesen! Und da Annemarie noch nicht wußte, um was es sich handelte, schilderte er den Zusammenstoß an der Grenze, wie er ihm von dem jüngeren Gorski auf dem Heimwege erzählt worden war. Er wurde ordentlich lebhaft dabei und schloß mit der neidlosen Anerkennung, er hätte eine so elegante Abfuhr nicht fertig gekriegt mit seinem schwerfälligen Temperament. Dazu gehörte doch wohl ein Tröpfchen von dem Blute derer, die gewöhnt wären, das leichte Florett zu führen statt des schweren Säbels.
Die Damen hatten mit glänzenden Augen zugehört. Gaston verwahrte sich dagegen, daß man aus einer Unbeträchtlichkeit eine Heldentat machte, aber sein Protest klang nicht mehr so echt wie noch wenige Stunden zuvor, als er den kleinen Gorski anschrie. Nun, wer an seiner Stelle hätte wohl anders gehandelt, wenn vor der heimlich Geliebten sein Loblied gesungen wurde?
Frau von Lüttritz wurde plötzlich ins Kinderzimmer abgerufen. Sie warf im Abgehen dem Gatten einen Blick zu. Da entsann sich dieser mit einem Male, er hätte der im Nebenzimmer wartenden Ordonnanz ein paar eilige Unterschriften zu geben, und entschuldigte sich mit der Versicherung, er komme sofort wieder zurück. Gaston merkte, daß freundliche Hände ihm die Gelegenheit zu einer Aussprache bereitet hatten, und da gab er sich einenRuck. Wer mochte wissen, wie lange die Zeit des Alleinseins dauerte, und dann war der günstige Augenblick verpaßt. Nur, als er zu sprechen begann, klang seine Stimme heiser vor Erregung.
»Mein gnädiges Fräulein, Sie werden sich gewundert haben, daß ich Ihrer so freundlichen Einladung bisher nicht gefolgt bin. Das hatte seine Gründe. Ich schleppte etwas mit mir herum, wovon ich mich erst später freigemacht habe. Damit wollte ich Ihnen nicht unter die Augen treten. Ich erschien mir zu unwürdig. Ehe ich aber weiter spreche, müssen Sie die Güte haben, mir eine kurze Frage zu beantworten. Mir ist erzählt worden, Sie würden sich demnächst verloben. Ist das wahr?«
Annemarie saß verwirrt da, die Wangen mit Blut übergossen. Sie selbst hatte ihre Freundin Lüttritz gebeten, den Herrn von Foucar anzurufen, wenn er vorüberreiten würde, weil sie ihm etwas zu sagen hätte. Jetzt aber war sie erschreckt von dem Ungestüm, mit dem er auf sein Ziel losging. Und es dauerte ein Weilchen, bis sie die Antwort fand.
»Nein,« sagte sie leise, »ich habe ihm geschrieben, er dürfte sich keine Hoffnungen mehr machen. Er würde selbst am besten wissen, weshalb nicht mehr. Also ich werde mich nicht verloben.«
Da überflutete ihn das Glück, machte ihn übermütig und froh. Er lachte auf.
»Das wollen wir denn doch nicht verreden! Ich rechne sogar sehr stark darauf, aber mit mir!« Und als sie ihr Gesicht noch tiefer senkte, griff er nach ihrer Hand.
»Fräulein Annemarie, das ist wie heute vormittag, wenn der Augenblick da ist, muß man nicht zaudern, sondern handeln. Seit dem ersten Tage, wo ich Sie gesehen habe, bin ich krank vor Sehnsucht, und daß ich Ihnen auch nicht gleichgültig bin – also sonst wären Sie doch nicht hier! Na und jetzt ...« Ob er sie nun an der Hand in die Höhe gezogen hatte, oder ob sie aus eigenem Antrieb aufgestanden war, wußten sie später nicht zu sagen. Das war wohl ganz von selbst gekommen, daß sie mit einem Male in seinen Armen lag.
So standen sie eine ganze Weile lang, wie in eine ferne Welt entrückt, in der lauter Glück herrschte und Seligkeit. Küßten sich stumm und freuten sich, daß sie zueinander gefunden hatten, als es noch Zeit war. Und dann saßen sie wieder auf ihren Stühlen, schwatzten törichtes Zeug, wie es alle Verliebten taten seit Anbeginn der Welt.
Frau von Lüttritz kam wieder ins Zimmer und schlug in komischem Erstaunen die Hände zusammen.
»Um Gottes willen, Annemieze, wie siehst Du aus! Im Gesicht ganz bemalt und die Bluse voll Flecken. Ich hatte mir's gleich gedacht, Du hättest zu der Unterredung mit dem bestaubten Reitersmann 'was Helleres anziehen sollen.«
Da warf Annemarie sich ihr mit Lachen und Weinen in die Arme: »O Gott, Lottchen, das ist ja ein ganz schrecklicher Mensch! Meinst Du, er hätte mich gefragt? Er nahm mich einfach in seine Arme.«
Frau von Lüttritz klopfte ihr den Rücken.»Aber es war Dir nicht unangenehm! Das ist die Hauptsache. Na, ich gratuliere herzlich.«
Der Hausherr kam aus dem Nebenzimmer, merkwürdigerweise mit einer eisgekühlten Flasche Sekt in der Linken, während hinter ihm der Bursche ein Tablett mit vier Gläsern trug. Es folgte eine frohe Viertelstunde, in der man an nichts anderes dachte als an das Glück des Augenblicks. Der Rittmeister von Lüttritz hob sein Glas.
»Na prost, junges Brautpaar, von Herzen alles Gute! Jetzt fange ich auch an, vor Ihren strategischen Talenten Respekt zu kriegen, lieber Foucar. Das war eben noch fixer als die Eroberung der beiden Batterien. Aber jetzt würde ich an Ihrer Stelle 'was opfern, wie der hochselige König Polykrates. So viel Glück an einem Tag war ja noch nicht da.«
Die Gläser klangen aneinander, draußen auf dem Vorplatze schrillte die Türglocke. Unwillkürlich horchten die Vier im Zimmer auf. Eine barsche Stimme war zu hören: »Ist Fräulein von Gorski bei Ihnen?«
»Ich weiß nich, Herr Leutnant,« antwortete der Bursche, »ich muß mal erst fragen.«
»Um Gottes willen,« sagte Annemarie halblaut, »sein Bruder! Er kommt, mich zur Rede zu stellen.«
Herr von Lüttritz kratzte sich den Kopf.
»Ich hab's vielleicht beschrien. Der Ernst des Lebens meldet sich! Und was macht man da bloß?«
Gaston richtete sich auf.
»Wenn Siemirgestatten würden, lieber Lüttritz,den Leutnant von Brinckenwurff in Ihrem Arbeitszimmer zu empfangen?«
»Nicht um alle Länder, die das Meer umspült. Sie kennen ihn nicht so gut wie ich. Der riskiert Kopf und Kragen, wenn er sich 'was auf die Hörner genommen hat. Sie können sich nicht vorstellen, was das Festlein, das wir eben feierten – also was für einen Affront das für die Familie Brinckenwurff bedeutet. Da muß die Angelegenheit diplomatisch behandelt werden!«
Während die beiden Herren noch sprachen, war der Bursche ins Zimmer gekommen und hatte gefragt, welchen Bescheid er dem draußen wartenden Herrn von Brinckenwurff ausrichten solle. Annemarie warf den Kopf zurück, ihre feinen Nasenflügel bebten vor Erregung, aber ihre Stimme klang frei: »Erlaubst Du, liebes Lottchen? Dann sagen Sie dem Herrn Leutnant, ich bin hier!«
Ein baumlanger Offizier trat auf die Schwelle, in dem bartlosen, fast noch knabenhaften Gesicht stand eiserne Entschlossenheit. Er verneigte sich in gemessener Haltung.
»Gnädige Frau – Herr Rittmeister ... ich bitte um Entschuldigung, wenn ich störe ... mein Bruder sitzt in meiner Wohnung, ganz niedergebrochen und zerschmettert ... bei dem nahen Freundschaftsverhältnis, in dem Sie zu Fräulein von Gorski stehen, werden Sie wohl schon wissen, weshalb. Und da werden Sie es mir vielleicht nachsehen, daß ich hier so formlos eingedrungen bin. Ich bitte um die Erlaubnis, Fräulein von Gorski unter vier Augen sprechen zu dürfen.«
Annemarie war zu Gaston getreten. Sie hob den Kopf, aus ihren blauen Augen sprühte heller Zorn.
»Hat Dein Bruder Hermann nicht meinen Brief bekommen?«
»Allerdings. Aber wäre es nicht besser, wenn wir die Erörterung darüber ...«
»Ich habe vor keinem Menschen 'was zu verbergen. Und meinem Brief nichts hinzuzufügen. Er war doch deutlich genug?«
»Nicht ganz. Es fehlte jeder vernünftige Grund. Auf ein paar unbewiesene Klatschereien hin oder aus einer augenblicklichen Laune macht man einen anständigen Menschen doch hier nicht vor aller Welt zum Kindergespött.«
Annemarie lachte bitter auf.
»Ach, darum geht es Euch? Und 'Laune' nennst Du das, wenn ich mich nächtelang gewunden habe vor Qual und Scham? Als ich die Wahrheit erfahren hatte ... Und jetzt sag' Deinem Bruder, es ist vorbei. Ich habe mich eben mit Herrn von Foucar verlobt. Weil ich ihn achte und liebe. Deinen Bruder aber ...«
Frau von Lüttritz schrie auf.
»Um Gottes willen, Kind, bedenk', was Du sprichst!«
Annemarie biß einen Augenblick lang die Zähne aufeinander, dann machte sie eine heftige Bewegung.
»Er hätte mich nicht herausfordern sollen!« Und vor Erregung bebend wandte sie sich zu dem jungen Offizier.
»Grüß' Deinen Bruder, die Annemarie von Gorski läßt sich keine Kandaren anlegen! Und er soll seinemSchöpfer danken, daß ich ihn nur verachte. Wenn ich ihn lieb gehabt hätte, hätte ich ihn mit der Reitpeitsche vom Hofe gejagt für den Schimpf, den er mir angetan hat. Während er bei mir um das Jawort bettelte, dachte er an eine andere. Und an was für eine! An eine, zu der man im Dunkeln schleicht, und der hat er dasselbe geschworen wie mir.«
Die Stimme brach ihr, sie tastete mit der Hand rückwärts. Gaston trat hinzu und fing sie auf.
Der jüngere Brinckenwurff zuckte mit den Achseln. Sein Gesicht blieb ruhig, nur die Stimme flatterte ihm ein wenig.
»Das sind unbewiesene Klatschereien, ich wiederhole es nachdrücklich. Mit Dir, Annemarie, kann sich mein Bruder jetzt wohl nicht mehr auseinandersetzen. Aber es sind ja andere vorhanden, die Deine Worte vertreten werden.«
Gaston hob die Hand.
»Das letzte war überflüssig, Herr von Brinckenwurff. Es dürfte sich empfehlen, daß Sie meiner Braut weitere Betrachtungen über die Empfindungen Ihres Herrn Bruders ersparen. Wir beide werden uns an anderem Orte aussprechen.«
Der Lange klappte die sporenbewehrten Absätze zusammen.
»Sehr wohl, Herr Rittmeister! Darf ich fragen, wann Herr Rittmeister heute nachmittag für den Beauftragten meines Bruders zu sprechen sein werden?«
»Zwischen fünf und sechs. Bis dahin habe ich Dienst!«
»Sehr wohl, Herr Rittmeister. Gnädige Frau, ich bin todunglücklich, daß ich in Ihr friedliches Haus eine solche Aufregung gebracht habe – es war nicht meine Schuld. Empfehle mich ganz gehorsamst.«
Er schloß hinter sich die Tür, Annemarie lehnte mit geschlossenen Augen an der Brust ihres Verlobten, die beiden anderen in dem halbdunklen Zimmer standen schweigend. Wie ein aus heiterem Himmel plötzlich hereinbrechendes Gewitter war das eben gekommen ...
Nach einem kleinen Weilchen kratzte Herr von Lüttritz sich den Kopf: »Verflucht, verflucht! Wenn man das hätte voraussehen können.«
Seine Gattin fuhr auf.
»Ah nein! Das alles ist doch Unsinn! Wohin sollen wir denn kommen, wenn ein junges Mädchen sich nicht mehr frei entschließen kann, ohne daß der abgewiesene Freier sofort mit der Pistole herumfuchtelt? Aber wir stehen und schwatzen, und das arme Mädel kommt nicht wieder zu sich.« Frau von Lüttritz eilte hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einer Flasche Kölnischen Wassers zurück. Gaston hatte die immer noch Bewußtlose zum nächsten Stuhle getragen, erst unter den Bemühungen der Frau von Lüttritz kam sie wieder zu sich. Aber es dauerte eine Weile, bis sie sich entsann, was eben geschehen war. Da entschuldigte sie sich bei ihrer Freundin wegen der Ungelegenheiten, die sie ihr bereitete. Sonst wäre es nicht ihre Art, gleich einem nervösen Pensionsfräulein in Ohnmacht zu fallen. Und mit einem matten Lächeln fügte sie hinzu, das läge wohldaran, daß sie in den letzten vierundzwanzig Stunden vor Zorn, Aufregung und Bangen keinen Bissen über die Lippen gebracht hätte.
Herr von Lüttritz lachte geräuschvoll auf, bedeutete dem neben ihm stehenden Rittmeister von Foucar durch einen heimlichen Rippenstoß das gleiche zu tun.
»Ha ha, ja natürlich ... und dann auf den nüchternen Magen 'ne Verlobung ... zu komisch ist das! Na dann, Lottchen, sorg dafür, daß unsere kleine Freundin 'was zu essen kriegt. Wir aber, lieber Foucar, lassen die beiden Damen wohl jetzt allein. Vielleicht holen Sie Ihr Fräulein Braut in einer Stunde ab, um mit ihr nach Kalinzinnen zu fahren. Zu dem zunächst ergrimmten, dann aber in Rührung zerschmelzenden Herrn Schwiegerpapa.«
Annemarie streckte ihrem Verlobten die Hand entgegen. »Es wird nicht so schlimm werden – dazu hat er mich viel zu lieb.« Herr und Frau von Lüttritz hatten sich diskret abgewandt, da stand sie auf, bot Gaston ohne Zieren die Lippen. Dann aber raunte sie an seinem Ohr: »Verzeih', daß ich mich vorhin so fortreißen ließ! Es war viel Angst dabei, sie könnten uns wieder auseinander bringen. Und weißt Du, wann ich mich in Dich verliebt habe? Als Du mir in der Eisenbahn damals das Buch aufhobst. Deine lieben blauen Augen hatten es mir angetan.«
Er nahm sich gewaltsam zusammen, obwohl es ihn wie ein körperlicher Schmerz durchzuckte. Diese selben Worte hatte vor langen Wochen eine andere gesprochen. Oder geschrieben, das wußte er nicht mehr genau. Abermit diesen sentimentalen Erinnerungen mußte es endlich aus sein. Er war doch kein Verbrecher, dem bei jeder Gelegenheit das Gewissen schlagen mußte.
Herr von Lüttritz hatte seinen Gast bis auf die Straße hinausbegleitet.
»Gott sei Dank,« sagte er, »Fräulein von Gorski scheint es gar nicht gehört zu haben, daß der ältere Brinckenwurff Ihnen ans Leder will. Und es ist gut so, daß sie sich nicht unnütz beunruhigt. Mein liebes Lottchen hat mir vorhin den Denkapparat geschärft. In diesem Falle wäre es wirklich Unsinn, wenn Sie sich ihm stellen wollten. Sie können doch – weiß Gott – nichts dafür, daß Herr von Brinckenwurff sich bei Fräulein von Gorski einen Korb geholt hat. Also werde ich mir meinen besten Frack anziehen und zum Kommandeur steigen. Ich schätze, er wird danach Gelegenheit nehmen, den eigentlich törichten Konflikt im Keim zu ersticken.«
Gaston hob den Kopf.
»Heißen Dank, lieber Lüttritz, für die gute Absicht, aber ich möchte Sie bitten, diesen Besuch zu unterlassen. Die zukünftige Baronin Foucar von Kerdesac hat sich das Vergnügen gemacht, einen Lästigen temperamentvoll in seine Schranken zu weisen. Mir steht es nicht zu, daran Kritik zu üben. Es hat ihr so beliebt, und ich habe nichts weiter zu tun, als für die Folgen einzutreten!«
»Donnerwetter noch mal,« sagte der dicke Rittmeister in ehrlicher Bewunderung, »ein Standpunkt! Ein bißchenAncien régime... aber ihr mit dem französischen Blut: Immer noch 'mon coeur aux dames'!«
»Ja,« erwiderte Gaston, »das ist ein Teil aus dem Wappenspruch der Foucar. Jedenfalls werde ich Sie bitten, mir bei der kommenden Auseinandersetzung als Sekundant zur Seite zu stehen.«
»Aber mit Vergnügen! Dem Ehrenrat werden wir dann sagen, es hätten so triftige Gründe vorgelegen, na und so weiter,et cetera p. p.«
»Selbstverständlich!«
Der Bursche, der mit den beiden Gäulen im Schatten des Torwegs auf die Wiederkehr seines Herrn gewartet hatte, kam herbei, Gaston schwang sich in den Sattel.
»Na dann, heißen Dank, lieber Lüttritz, für all Ihre Liebenswürdigkeit und auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen.«
Gaston ritt zum Städtchen hinaus seinem kleinen Häuschen zu, das inmitten eines großen Obstgartens eine Strecke weit vor dem Tore lag. So recht heimlich und abgeschlossen. Wenn man sich darin einspann mit seinen Gedanken, war man allein wie auf einer Insel.
Die Eisen seines Irländers klapperten auf dem holperigen Steinpflaster, ganz unversehens flog ihn eine Erinnerung an. An die Szene, die ihm vor Wochen die alte Hexe gemacht hatte in seiner Wohnung in der Rankestraße. Allerhand Drohungen hatte sie ausgestoßen, wenn er Josepha die Treue bräche. Darüber lachte er natürlich, heute wie damals. Was sollte sie ihm anhaben? Das Unheil kam schon ganz von selbst, aber von anderer Seite. Das liebe blonde Mädel war ein wenig zu temperamentvoll gewesen. Und er hatte für sie einzutreten,denn sie war seine Braut. Nur er hätte sich für solche Fälle eifriger im Pistolenschießen üben sollen. Darin war er kein sonderlicher Held ... genau wie sein Vater damals, als er für die hohe Dame eintrat, deren Kavalier er war ...
Das Häuschen, das der pensionierte Kanzleibeamte auf der anderen Straßenseite erbaute, war schon halb fertig. Ueber den unverputzten Ziegelmauern hoben sich die Dachsparren, eine Richtkrone hing am Giebel. Der Besitzer stand am Zaun und dienerte mit abgenommener Mütze. Während Gaston die Rechte dankend an den Helmrand hob, glaubte er in einer der noch unverglasten Fensteröffnungen ein gelbes Frauenantlitz zu erblicken, mit einem bunten Kopftuch darüber. Ein eiskalter Schauder flog ihm über den Rücken in der Glut des Spätsommertages, aber das lag bloß an seinen überreizten Nerven. Bunte Kopftücher wurden von fast allen masurischen Bauernweibern getragen. Nur die Art des Bindens war eine andere, aber darin hatte er sich vielleicht getäuscht. Als er schärfer hinblickte, war das gelbe Gesicht in der Fensteröffnung da drüben verschwunden.
Der alte Herr von Gorski auf Kalinzinnen hielt neben einem gewaltigen Getreidestoggen auf freiem Felde, der langsam in den Rachen einer mit Dampf betriebenen Dreschmaschine wanderte. Oben fielen die körnerbeschwerten Garbenhinein, die kleinen Hämmer rasselten und trommelten. In einem einzigen Strom rieselte der grauglänzende Erntesegen in die bereitstehenden Säcke, die Spreu türmte sich zu Haufen, und die leergedroschenen Bunde wanderten auf einem Riemengang zur Seite, um von zulangenden Händen zu einem neuen Stoggen getürmt zu werden.
Das nach dem alten Preußengotte Perkuhn benannte Leibroß, ein Gaul von der Größe und Stärke eines Kürassierpaukenpferdes, stand ruhig unter der schweren Last seines Herrn. Nur von Zeit zu Zeit prustete es schnaubend, wenn ihm die feinen Getreidespelzen, die der Luftzug von der Maschine herüberbrachte, in die Nüstern fuhren.
Herr von Gorski sah auf den rieselnden Strom der Roggenkörner, aber er hatte an dem über alles Erwarten reichlich ausfallenden Segen keine rechte Freude. Wie lange mochte es noch dauern, so erwog er in sorgenden Gedanken, daß auf diesem Boden hier in Frieden gesät und geerntet wurde? Die Sturmzeichen mehrten sich. Von dem Vorstande seiner Partei hatte er die vertrauliche Mitteilung empfangen, die Regierung bereite eine Heeresverstärkung vor, die an die Opferwilligkeit des ohnedies mit Steuern überlasteten Volkes bisher unerhörte Anforderungen stellen würde. Und es gälte, die Vertrauensmänner im Kreise zu überzeugen, daß diese Verstärkung nichts anderes wäre als die notgedrungene Antwort auf im Kommen begriffene Rüstungen der Nachbarn. Vielleicht, daß es dadurch gelänge, den Zusammenstoß noch um einige Zeit hinauszuschieben. Und das verdroß den alten Herrn, dem von den reisigen Vorfahren her streitbares Blut in den Adern floß. Vielwürdiger wäre es ihm erschienen und zugleich richtiger, wenn der Michel mit der starken Faust auf den Schild gehauen hätte: »Hier heran, so Ihr was von mir wollt! ... Krieg? ... Ist mir recht! Lieber als diesen faulen Frieden, an dem wir uns langsam verbluten. Und dieses heimliche Spinnen im Dunkeln wird auf die Dauer unerträglich!«
Und von den Sorgen um die leidige Politik kam der alte Herr zu denen im eigenen Hause ... In vierzehn Tagen sollte seine Tochter sich dem Manne verloben, den er ihr schon vor langer Zeit ausgesucht hatte. Weil er ihn für tüchtig hielt und an seiner Seite das geliebte Kind nicht zu entbehren brauchte. Da drüben hinter dem blauen Streif des Waldes hob sich der alte Turm des Schlosses Orlowen. Zweimal am Tage konnte er hinüberreiten, wenn ihn die Sehnsucht trieb, die Sehnsucht nach dem lieben blonden Mädel, das in seinem einsamen Herzen ein Sonnenstrahl gewesen war. Der zukünftige Bräutigam konnte den Tag kaum erwarten, an dem er endlich das Jawort erhielt. Sie aber entzog sich ihm, so oft sie nur konnte. Ging mit verschlossenem und verhärmtem Gesicht herum, als trüge sie an einem geheimen Kummer, und gab auf besorgte Fragen ausweichende Antworten.
Ein paar Tage nach der Rückkehr aus der Königsberger Klinik hatte es damit angefangen. Vorher war sie ein lustiges und unbekümmertes Mädel gewesen, hatte an seinem mehr langweiligen als schmerzhaften Lager geplaudert wie ein Starmatz, vorgelesen und gesungen, um ihm die Zeit zu kürzen, alles in überquellender Laune und Lebensfreudigkeit.Ordentlich hell wurde es jedesmal in dem nüchternen Zimmer, wenn sie hereinkam, und jetzt ging sie herum wie ein Schatten von dem, was sie früher gewesen war. Da forschte er natürlich nach der Ursache dieser Veränderung, aber der Verdacht, den er zuerst gefaßt hatte, bestätigte sich, Gott sei Dank, nicht. Aus dem interessanten und so vielbesprochenen Herrn von Foucar, den sie auf der Reise damals kennen gelernt hatte, machte sie sich nichts. Im Gegenteil, sie meinte, daß ihr das Verhalten der Ordensburger Weiblichkeit recht unwürdig und unbegreiflich vorkäme. Von ihrer Freundin Lüttritz hätte sie gehört, daß verschiedene junge Damen der Gesellschaft, die Töchter des Gymnasialdirektors, des Landgerichtspräsidenten und noch etliche andere ihre Spaziergänge jetzt zum Polnischen Tor hinaus unternähmen, an dem Häuschen des Rittmeisters von Foucar vorbei, statt wie früher nach dem nahen Beldahner Walde. Geradezu verächtlich wäre das, sich so anzubieten. Das nahm er mit Befriedigung zur Kenntnis, aber es brachte ihn der Lösung, weshalb sein liebes Mädel nun eigentlich das Köpfchen hängen ließ, nicht näher ...
Und seine Gedanken flogen in eine Zeit zurück, in der er an einer anderen diese augensichtliche Veränderung des Wesens wahrgenommen hatte von ausgelassener Laune zu Trübsal, bis er nach langer Unsicherheit zu der trostlosen Gewißheit gekommen war. Aus einer lächerlichen Ursache war er an jenem Morgen von der Fahrt zur Treibjagd wieder umgekehrt. Weil er in der Eile des Aufbruches vergessen hatte, sich mit Zigaretten zu versorgen. Da ließ er den Wagen am anderen Parkende halten, eilte zu Fuß insHaus zurück. Und erst das erschreckte Gesicht seines Dieners, eines schuftigen, bestochenen Kerls, löste in ihm den entsetzlichen Verdacht aus. Da rannte er nach dem Schlafzimmer, die Tür war verschlossen. Unter einem Fußtritt brach sie in Splitter, ein Glück war es, daß er keine Waffe bei sich hatte. Die Frau schrie gellend auf in Todesangst, der Baron Totberg verneigte sich lächelnd.
»Keine unnützen Emotionen, Herr von Gorski, ich stelle mich Ihnen zur Verfügung. Ich war im Begriff, Ihre Frau Gemahlin zu fragen, ob sie die Meine werden wollte. Ort und Zeit sind ein wenig ungewöhnlich, ich gebe es zu, aber es dürfte sich empfehlen, keine Katastrophe zu veranstalten, sondern mich in ordnungsmäßigem Verfahren hinzurichten. Andernfalls würde ich mich zur Wehr setzen, und der Skandal würde zum Himmel stinken.«
Da ließ er ihn schweigend den Rückzug gewinnen durch das Balkonfenster in den Park. Die Frau warf sich ihm schreiend zu Füßen. Sie könnte nichts dafür, wie ein Blitz wäre es in ihre Seele gefahren, als sie den anderen zum ersten Male erblickte. Sie hätte mit sich gerungen in namenloser Qual, aber die Leidenschaft wäre stärker gewesen als die Pflicht gegen Mann und Kind. Und dann hatte er seine Rache genommen. Den Verführer fraßen schon lange die Würmer, die Frau aber trieb sich als eine Ausgestoßene in der Welt herum. Herzzerreißend waren ihre Briefe ... Das letzte Geld hatte er nach Rußland geschickt, wo sie bei Verwandten einen kärglichen Unterschlupf gefunden hatte, das bittere Brot der Fremde aß und sich noch immer mit Selbstvorwürfen zerfleischte, daß sie damals nicht genugCharakterfestigkeit besessen, gewissenlosen Einflüsterungen Widerstand zu leisten. Das waren nachträgliche Ausreden, gewiß. Doch ab und zu kamen ihm wohl Gedanken, die mit den altüberkommenen Selbstverständlichkeiten schwer vereinbar waren. Ob es damals nicht besser gewesen wäre, dem bunten Vogel, der sich bei ihm langweilte, die Freiheit zu geben? Statt den niederzuschießen, von dem sie sich aus ungewohntem, einförmigem Dasein eine Erlösung erhoffte. Er hatte damals vielleicht auch manches verabsäumt bei der an Zerstreuungen aller Art gewöhnten jungen Frau, die ihm aus geräuschvollem Leben in die Einsamkeit gefolgt war aus Liebe ... Darum spähte er manchmal sorgenvoll das Wesen seiner Tochter, ob sie von diesem flatterhaften und unruhigen Sinn vielleicht etwas geerbt hätte, sich gleich der Mutter einem posierenden Blender ohne Widerstand gefangen geben könnte.
Und heute sprang ihn zum ersten Mal eine Wahrnehmung an, daß ihm vor Erregung die den Zügel haltende Hand zitterte: genau so war es damals gewesen! Da hatte auch eine über die Damen des Städtchens, die sich dem interessanten Fremden würdelos anboten, höhnisch und verachtungsvoll gespottet, weil sie selbst sich in Eifersucht verzehrte. Aber das war doch Unsinn, sein liebes Mädel hatte diesen Herrn von Foucar nur ein einziges Mal gesehen! Und der hatte es nicht einmal für nötig befunden, der Einladung von Annemarie zu folgen, der Einladung, mit der er damals so wenig einverstanden gewesen war, daß er es unterlassen hatte, sie zu bestätigen ...
Ueber die kahlen Roggenstoppeln kam von Orlowen her ein Reiter gerast, als gälte es, in einem Jagdrennen denersten Preis zu gewinnen. Dem Gaul flog der weiße Schaum von der Gebißstange, auf drei Schritt Entfernung riß ihn der Reiter zusammen, daß er in der Hinterhand einknickte, sich rücklings fast überschlagen hätte. Im Sattel saß Hermann von Brinckenwurff, sein Gesicht war verstört, die Augen lagen ihm tief im Kopfe.
»Jetzt weiß ich Bescheid, weshalb sie immer nicht mit Ja oder Nein 'rausrücken wollte!« schrie er ohne jede Einleitung neben der geräuschvoll arbeitenden Dreschmaschine. »Annemarie hat sich eben mit dem Rittmeister von Foucar verlobt!«
Dem alten Herrn griff eine kalte Hand nach dem Herzen, aber er bezwang sich mühsam.
»Junge, ich glaub', Du bist nicht recht bei Trost! Sie hat ihn meines Wissens doch nur ein einziges Mal gesehen?!«
»Das ist in diesen modernen Zeiten vielleicht genug! Die Frauenzimmer hier rennen ihm ja alle nach, wie verrückt benehmen sie sich. Wie die Hühner, wenn man einen fremden Hahn zwischen sie gesetzt hat. Da wackeln sie alle kokett mit dem Pürzel und ersterben in Zerflossenheit, nur weil er ein paar ausländ'sche Federn trägt!«
Herr von Gorski winkte dem Erregten, ihm ins Feld hinaus zu folgen, und legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter.
»Na na na, Hermann! Ich will's Deiner Erregung zugute halten, aber so spricht man nicht von meiner Tochter! Und jetzt klar und deutlich, was ist los?«
Der Lange, der neben ihm ritt, schluckte auf.
»Da ist nicht viel zu erzählen. Heute früh bekam ich den Absagebrief. Ich wüßte schon weshalb – keine Ahnunghatte ich! Ich telephonier' bei Euch an, der Diener sagt mir, das gnädige Fräulein wär' in die Stadt gefahren, wahrscheinlich zu ihrer Freundin Lüttritz. Ich lauer' meinen Bruder Adolf ab, der auf Felddienstübung war, und lass' sie stellen. Da gibt es eine dramatische Szene. Allerhand Zwischenträgereien sind am Werk gewesen. Sie sagt, sie müßte mich verachten, und wirft sich diesem Herrn von Foucar an den Hals. Als seine Braut! Mein Bruder Adolf fand darauf, Gott sei Dank, a tempo die passende Antwort. Aber ich gedenke außer diesem interessanten Herrn Rittmeister noch einem anderen an den Kragen zu fahren. Diesem frechen Lausbub, Deinem Neffen Karl, mit seiner Kodderschnauze! Der hat das ganze Unglück angerichtet – ich kann ihn, Gott sei Dank, auf einem Wort festnageln, das er nur allein der Annemieze hinterbracht hat!«
Herr von Gorski hob die Hand.
»Was war das für ein Wort?«
»Ach Gott, was man so in gereizter Stimmung hinspricht, wenn man dazu ein paar Schoppen im Leibe hat. Und noch außerdem gehänselt wird, von so einem kleinen Frechdachs. Da habe ich gesagt, ich würde ... ja also, ich würde die Annemarie mir schon bändigen. Das hat er ihr hinterbracht.«
Der alte Herr ritt eine Weile lang schweigend, in Nachdenken versunken. Endlich – sie bogen in die lange Allee, die vom Kätnerdorfe zum Schlosse führte – fing er wieder an zu sprechen.
»Das mit den Forderungen überlegst Du Dir wohl noch! In Anbetracht dessen, daß damit jede – vielleicht noch mögliche– Einigung im Guten ausgeschlossen wäre. Ich möchte meine Tochter nicht im Mittelpunkt eines Skandals sehen. Das mit diesem Herrn von Foucar hoffe ich ihr auszutreiben. Das ist vielleicht nur eine vorübergehende Laune. Und wenn Du gesonnen bist, an Deiner Werbung festzuhalten ...«
»Selbstverständlich, lieber Onkel Gorski! Jetzt, wo ich sie verlieren soll, merke ich erst eigentlich, wie lieb ich sie habe. Weißt Du, vorher nahm man das als eine Art von Selbstverständlichkeit hin, aber jetzt bäumt sich mir da drinnen alles auf, wenn ich daran denke, daß vielleicht ein anderer – na schön ... da nützt kein Beschwichtigen! Wenn die Sache nicht restlos aus der Welt geschafft wird, hat dieser interessante Herr nur noch einen Tag zu leben.«
»Lieber Hermann,« sagte der alte Herr, »das sind frivole Redensarten! Mir selbst würde ein Lieblingswunsch zerstört, wenn meine Tochter Dich nicht heiraten würde. Aber sie ist ein ernsthafter Mensch. Ich kann mir kaum vorstellen, daß sie wegen eines einzigen, unbedachten Wortes ...«
Hermann von Brinckenwurff machte sich etwas an dem Zaumzeug seines Gauls zu schaffen.
»Gott, lieber Onkel, es wird viel geklatscht. Kleinigkeiten werden zu Riesenverbrechen aufgeblasen. Ich bin nicht anders als andere junge Leute von meinem Kaliber. Und den Rittmeister von Lüttritz lang' ich mir auch einmal bei Gelegenheit. Weil seine Frau zu dieser Kuppelei die Hand geboten hat.«
Der alte Herr fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
»Mir ist das eben wie ein Gußregen über den Kopf gepladdert. Du wirst begreifen, daß ich im Augenblick keinenEntschluß fassen kann. Nur eins darfst Du glauben: wenn meine Tochter Dich zu Unrecht schlecht behandelt hat, aus einer unerfindlichen Laune, gibt's kein Erbarmen. Launen gibt's nicht, wenn Du Dir nichts vorzuwerfen hast ... na, ist gut!«
Auf der Freitreppe, deren schlanke Säulen von hundertjährigem Efeu überwuchert waren, standen zwei Hand in Hand. Annemarie und der Rittmeister von Foucar. Herr von Gorski schwang sich aus dem Sattel, stieg mit finsterer Stirn die Stufen empor.
»Herr von Foucar, ich glaube zu wissen, weshalb Sie hier sind. Ich sage Ihnen gleich, ich bin dessen nicht froh. Ehe ich Ihnen jedoch die Antwort gebe, muß ich ein paar Worte mit meiner Tochter sprechen.«
Der wartende Reitknecht hatte den alten Perkuhn nach dem Stall geführt. Hermann von Brinckenwurff hielt noch im Sattel, die drei anderen standen auf der Freitreppe. Annemarie preßte einen Augenblick lang die Hand auf die Brust, dann trat sie vor.
»Lieber Vater, ich glaube, es wird nicht nötig sein, daß Herr von Brinckenwurff sich hier noch länger aufhält. Ich wundere mich, daß er die Stirn hat, mir unter die Augen zu treten, nach dem, was ich seinem Bruder gesagt habe.«
»Liebe Annemarie,« warf der im Sattel ein, »das sind doch törichte Klatschereien ...«
»Ah nein, sondern die Wahrheit, die schimpfliche Wahrheit! Durch einen blöden Zufall habe ich sie erfahren von zwei Mägden, die im Garten Bohnen pflückten, ohne mich zu sehen. Die unterhielten sich über das Schicksal, das mirbevorstände als Gattin des Orlower jungen Herrn. Und jetzt helf' mir Gott, wenn ich zwischen Euch Männern nicht zimperlich spreche wie ein junges Mädchen, das von nichts eine Ahnung hat. Ich bin ja kein Kind mehr! Mit allem, was lange Zöpfe trüge in Orlowen, hätte ich die Gunst meines zukünftigen Herrn Gemahls zu teilen, vom Stubenmädchen bis hinauf zur Mamsell! Ich flog am ganzen Körper, aber hielt mich still, um noch mehr zu hören. Und eine Stunde später ritt ich nach Orlowen und fischte mir die Mamsell. Erst leugnete sie, dann wurde sie frech. Ich sollte mir auf meine Schönheit nur nichts einbilden. Der junge Herr fände sie viel schöner und hätte ihr versprochen, sie gleich nach der Verheiratung wieder nach dem Hof zu bringen, wenn seine unbequeme alte Dame nach der Uebergabe des Gutes nichts mehr zu sagen hätte! Da spie ich aus und schrieb Dir, Hermann, den Absagebrief. Und jetzt verantworte Dich, wenn Du kannst!«
Der im Sattel lachte verlegen auf. Das Spiel war verloren, jetzt galt es nur, einen nicht unrühmlichen Rückzug zu gewinnen.
»Weißt Du, Annemieze, man sollte es kaum glauben, daß Du ein Mädel vom Lande bist! Das ist doch überspannter Kram, und nenn' mir nur einen der Herren in unserem Kreise, der als Lediger ...«
Gaston wollte vortreten mit einem heftigen Wort auf den Lippen. Der alte Herr aber hob die Hand.
»Hermann, ich frage Dich auf Ehre und Gewissen als ein Edelmann den andern: Was meine Tochter da eben sagte, ist das wahr?«
Der andere blickte trotzig in die Höhe.
»Wozu soll ich's leugnen – etwas ist schon dran! Nur die Geschichte ist maßlos übertrieben natürlich. Ich weise es ganz energisch zurück, daß ich deswegen auf ein Armesünderbänkchen soll. Ich lebe, wie es mir paßt. Und habt Euch bloß um Gottes willen nicht so! Schließlich bin ich doch ein Brinckenwurff! Wenn ich Deiner Tochter die Ehre antue, um sie zu freien, soll sie froh sein, statt hinter mir her zu spionieren!«
Aus der Brust des alten Herrn kam ein Stöhnen.
»O Du ... jetzt habe ich Dich auch erkannt! Aber eins sage ich Dir: Wenn Du nach denen suchst, die meine Tochter vertreten, zuerst steheichda und lass' mir dieses Recht nicht nehmen! Hörst Du, zuerst! Halt' Dich zu Hause, damit Dich meine Zeugen treffen! Und jetzt marsch, fort von meinem Hof!«
Hermann von Brinckenwurff verneigte sich im Sattel.
»Das letzte hättest Du Dir sparen können! Und Gott sei davor, daß ich mich an Deinem weißen Haupt vergreife. Es sind Jüngere da, an die ich mich halten kann!« Er wandte seinen Gaul mit einem Schenkeldruck, ritt in gestrecktem Galopp die lange Allee zurück, die über das Kalinzinner Kätnerdorf nach Orlowen führte.
Annemarie warf sich mit einem Aufschluchzen an die Brust ihres Vaters.
»Um Gottes willen, Papa, das leide ich nicht, daß Du ... Und was heißt das, daß er sich gewissermaßen herabgelassen hätte, wenn er um mich warb?«
Herr von Gorski antwortete mühsam: »Das ist eine gedankenlose Frechheit gewesen, mein Kind, nichts weiter.Weil die Brinckenwurffs sich bekanntlich einbilden, sie wären mit dem lieben Herrn Jesus Christus zugleich in dieses heidnische Land gekommen!« Und nach einer kleinen Pause der innerlichen Sammlung fuhr er fort: »Herr von Foucar, ich bitte Sie, mir es nachzusehen, wenn ich Sie jetzt nicht als Gast in mein Haus lade. Ich muß mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich einen Entschluß fassen kann.«
Gaston verneigte sich respektvoll.
»Sehr wohl, Herr von Gorski. Es wird sich eine Stunde finden, in der Sie die Güte haben werden, mir zuzuhören. Ihr Fräulein Tochter hatte die Gnade, meiner Werbung Gehör zu schenken. Morgen werde ich anfragen, wann Sie für mich zu sprechen sind.«
Herr von Gorski nickte schweigend, Annemarie bot ihm die Hand zum Kusse. In ihren Augen glaubte er jedoch eine leichte Enttäuschung zu lesen. Aber er konnte ihr nicht helfen. Es wäre gar leicht gewesen, sich einen effektvollen Abgang zu sichern. Sich als ein Edelmütiger aufzuspielen, der es als seine Pflicht ansähe, für den Vater des geliebten Mädchens in die Bresche zu treten. Das war eine Selbstverständlichkeit, über die sprach man nicht. Und als ihn der Kalinzinner Sandschneider, aus dem er jetzt die Zügel führte, in schneller Fahrt zum Städtchen zurücktrug, überlegte er, wie er am raschesten wohl dem Herrn von Brinckenwurff die Forderung zustellen könnte, ehe ihm der alte Herr zuvorkäme.
Persönlich nach Orlowen zu fahren und mit ein paar kurzen Worten Ort und Zeit festzusetzen, ging nicht an. Nach altüberkommenem Brauche, der in manchen Fällenvielleicht lächerlich sein mochte, aber an dem man nicht zu rütteln hatte. Und da fiel ihm ein, daß er auf halbem Wege zur Stadt die Möglichkeit hatte, den Rittmeister v. Lüttritz telephonisch anzurufen, er möchte ohne jede Zeitversäumnis nach Orlowen reiten, dem Herrn von Brinckenwurff die Forderung zu überbringen. Wegen einiger unziemlicher Worte, die er sich Fräulein von Gorski gegenüber herausgenommen hätte. Dann war die Angelegenheit erledigt, und Annemarie brauchte sich nicht um ihren alten Vater zu sorgen.
Unter den rostbraunen Kiefern des Beldahner Waldes, zwischen denen die sandige Straße hinführte, stand die sonnendurchglühte Luft wie in einem Backofen. Der nur unwillig trabende Gaul hatte nasse Flanken, unter dem Riemenzeug bildete sich weißlicher Schaum, und Hunderte von blutgierigen Bremsen schwirrten ihm um die Stellen, an denen er wehrlos war. Gaston versuchte, ihm mit der Peitsche zu helfen, so gut es ging, sobald er aber in Schritt fallen wollte, trieb er ihn unbarmherzig vorwärts. Er hatte keine Zeit zu verlieren, wenn er dem alten Herrn zuvorkommen wollte.
Und wie den armen Gaul die Bremsen, stachen ihn die Gedanken. Daß nach allem menschlichen Ermessen sein Glück nur kurzen Bestand hatte – morgen um diese Zeit war er schon ein toter Mann. Weil der andere aus seiner Kaste in der Handhabung der Waffe mehr Uebung besaß. Er selbst hatte vor wichtigeren Aufgaben dazu keine Zeit gehabt. Ein junger Herr, dessen reichliche Mußestunden ihm gestatteten, sich zu einem Virtuosen im Pistolenschießenherauszubilden, schoß ihn morgen über den Haufen. Einer, dessen Leben für die Allgemeinheit so unbeträchtlich war, als wenn da um den schwitzenden Gaul eine Bremse mehr flog oder weniger, streckte einen Mann in den Sand, der in schweren Zeiten dem Vaterlande vielleicht Nützliches hätte leisten können. Verrückt war das, wenn man sich die Anschauungen derer zu eigen machte, die, von keiner Tradition beschwert, an jedem durch Jahrhunderte geheiligten Brauch zersetzende Kritik übten. Entweder gehörte man zu der Kaste, die den Begriff der persönlichen Ehre mit besonderen Gesetzen umschrieben hatte, oder man stand draußen. Ein Aussuchen von Fall zu Fall gab es da nicht. Und eine unwillige Regung erhob sich in ihm gegen sich selbst, daß er auch nur einen Augenblick lang eine Anwandlung gehabt hatte, die, genau besehen, reichlich nach Feigheit schmeckte. Als wenn er nach einem Auswege gesucht hätte. Eins aber konnte ihm niemand verwehren, daß er mit Trauer daran dachte, das Leben aufs Spiel setzen zu müssen, als es eigentlich erst anfing. Das Leben voll von Glück, von dem er zuweilen in müßigen Stunden geträumt hatte ...
Vor einer kurzen Weile erst hatte er einen Vorgeschmack von den Seligkeiten bekommen, die seiner vielleicht gewartet hätten. Als er auf dem Heimwege mit seiner langen und aufrichtigen Beichte fertig gewesen war. Da hatte die neben ihm sitzende Annemarie geantwortet: »Was soll ich dazu sagen? Du hast mich damals doch nicht gekannt. Wir alle gehen durch Irrtümer. Ehe ich Dich kannte, gab es Zeiten, in denen ich mit meinem Los ganz zufrieden war.« Und, weil sie mit den Zügeln in der Hand auf den Wegpassen mußte, neigte sie sich nur ein wenig zur Seite und bot ihm die Wange. Ihm aber weitete sich die Brust unter einem bisher nicht gekannten Gefühl. Von aller Erdenschwere befreit flog man dahin in einer einzigen Glückseligkeit ...
Zwischen grünen Tannenwipfeln leuchtete ein rotes Ziegeldach. Die Waldschenke neben den Schießständen, von denen in kurzen Zwischenräumen gellende Kugelschläge durch die Mittagsschwüle drangen. Wie scharfes Peitschenknallen. Der Wirt Burdeyko, ein hagerer kleiner Mann mit ausdrucklosem Gesicht, kam eilig durch den Garten, als das Fuhrwerk mit dem schaumbedeckten Gaul auf der Straße hielt.
»Guten Tag, Herr Rittmeister. Was steht zu Diensten?«
Gaston vermochte im ersten Augenblick nicht zu antworten. Aefften ihn seine erregten Nerven, oder war das Wirklichkeit, was er eine Sekunde lang hinter einem rasch wieder vorgezogenen Fenstervorhang zu sehen geglaubt hatte? Ein gelbes Gesicht mit einem bunten Kopftuch darüber, anders geknüpft, als es hier die Bauernfrauen trugen. Er deutete mit der Peitsche nach dem Hause.
»Was ist das für ein altes Weib in Ihrer Wohnstube, Herr Burdeyko?«
Der andere blickte erstaunt auf.
»Wie meinen der Herr Rittmeister? Ein altes Weib? Da müssen Sie sich versehen haben. Nur mein Kellnerjunge ist im Hause. Sonst keine Menschenseele.«
»So, nicht? Na, ist gut! Kann ich bei Ihnen ungestört telephonieren?«
»Aber gewiß doch, Herr Rittmeister. In der Zelle neben meinem Kontorchen. Ich hab' ja auch manchmal nötig, was zu sprechen, wo kein andrer was davon hören darf.«
Gaston gab die Zügel dem hinter ihm sitzenden Kutscher und ging über den kiesbestreuten Gartenweg mit einem Angstgefühl im Herzen, das ihm den Schweiß aus allen Poren trieb. War er denn im Begriff, verrückt zu werden, weil er am hellen Tage Spukgestalten sah? Wenn er sich vielleicht auch beim ersten Male getäuscht haben konnte, diesmal erschien es ihm fast unmöglich. Wenn er sich eben nicht in einem Zustande befand, in dem man Halluzinationen hatte? Ganz deutlich hatte er das Gesicht gesehen, das ihm damals von der Begegnung in der Rankestraße im Gedächtnis geblieben war ... Da beschloß er, sich Gewißheit zu schaffen. Ohne sich an das verwunderte Gesicht des Wirtes zu kehren, durchschritt er rasch die Räume der Schenke, stieg in den niedrigen Keller und blickte auf den Hof hinaus. Wenn außer dem Gläser spülenden Kellner jemand im Hause gewesen wäre, hätte er ihn sehen müssen ... Ein Schauder flog ihm über den Rücken wie am Vormittag, diesmal aber von anderer Art. Vor sich selbst bekam er Angst und er fing an zu zweifeln, ob er noch nach klaren Erwägungen handelte ...
Das Fräulein auf dem Amte weigerte sich zunächst, die Verbindung herzustellen, wegen drohender Gewittergefahr. Es bedurfte erst einigen Zuredens und des Hinweises, daß es sich um eine wichtige militärische Meldung handle. Dann aber pochte und knatterte es in dem Apparat, er vernahm wohl, daß der Rittmeister von Lüttritz am andern Endesprach, aber eine Verständigung war unmöglich. Da gab er es auf, die erhoffte Zeitersparnis war ärgerliche Versäumnis gewesen.
Als er wieder zu seinem Fuhrwerk kam, meldete Herr Burdeyko, soeben wäre ein ganzer Wagen mit Herren vom Dragonerregiment vorübergefahren, dazwischen die beiden Herren von Gorski.
»Schade,« sagte Gaston, »den jüngeren hätte ich gerne gesprochen,« und stieg in den Kutschiersitz. »Na, dann los, Braunerchen.«
Herr Burdeyko lief ein paar Schritte neben dem Wagen her.
»Wann soll ich zur nächsten Stunde kommen, Herr Rittmeister?«
»Weiß ich nicht,« rief er zurück, »ich lasse es Ihnen noch sagen.«
Als Gaston schon ein Ende weit gefahren war, fiel ihm plötzlich ein: wie kamen die Brüder Gorski eigentlich dazu, ohne Urlaub die Garnison zu verlassen? Beide hatten doch am Nachmittage Dienst? Der ältere beim Turnen, der jüngere beim Baden. Aber er vermochte nicht weiter zu denken. Eine Art von Stumpfheit war über ihn gekommen nach all den Aufregungen des Tages. Er dachte nur noch einen Gedanken, mit möglichster Beschleunigung den Rittmeister von Lüttritz aufzutreiben, damit dieser dem Herrn von Brinckenwurff in Orlowen die Forderung überbrachte und die blonde Annemarie Gorski ihn nicht für einen Feigling hielt, der gemächlich abwartete, bis andere vor ihm in die Bresche sprangen.
In der Wohnung des Herrn von Lüttritz erfuhr er, der Rittmeister wäre ausgegangen, ohne zu sagen, wohin. Da hinterließ er die Weisung, er bäte ihn, sofort zu ihm herauszukommen, und fuhr nach Hause, mit ohnmächtigem Zorn im Herzen. An wen sollte er sich in der Eile wenden? Jedem anderen hätte er einen langen Sermon erzählen müssen, ohne das Kind beim rechten Namen zu nennen. Und hinterher wäre die glatte Antwort gekommen, ohne vorausgegangene Anrufung des Ehrenrates wäre der Auftrag nicht auszuführen. Da gab es also nichts als warten. Und es gereute ihn fast, daß er auf der Freitreppe des Kalinzinner Schlosses in vornehmer Gesinnung mit seinen Absichten hinter dem Berge gehalten hatte.
Im Flur seines Häuschens empfing ihn der Bursche.
»Herr Rittmeister, vor einer Viertelstunde ist eine Depesche gekommen. Ich hab' sie auf den Schreibtisch gelegt.«
»Eine Depesche? Von wem denn?«
Die Frage war töricht, das wußte er. Mit zwei langen Schritten stand er im Zimmer, riß das zusammengefaltete Papier auseinander.
»Ihre Frau Mutter schwer erkrankt, ersuche dringend, sofort hierherzukommen. Ableben stündlich zu erwarten. Justizrat König.«
Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich in den vor dem Schreibtisch stehenden Lehnstuhl setzen. Stumpfsinnig starrte er auf die mit Blaustift geschriebenen Zeilen des Telegramms, bis ihn der Schmerz jählings übermannte. Sein liebes altes Mütterchen, an das er in diesen letzten langen Wochen nicht mit einem einzigen Gedanken gedacht hatte,lag im Sterben. Die Tränen schossen ihm aus den Augen, er legte die Stirn auf die harte Tischkante, und ein Aufschluchzen erschütterte seinen Körper. Erst ganz allmählich gewann er seine Fassung wieder, fing er an zu überlegen, was zu geschehen hätte.
Der Justizrat König war der Vermögensverwalter und vertraute Freund seines Mütterchens schon seit langen Jahren. Allabendlich spielten sie ihre geruhsame Partie Bézigue, und es war ein rührendes Verhältnis zwischen den beiden alten Leutchen. Von seiten des Justizrates, der unverheiratet geblieben war, vielleicht ein wenig Pietät und wehmütige Erinnerung. An eine vor langen Jahren begrabene Hoffnung. Aber mit dem Alter war er ein Krakeeler geworden. Fast immer verzankte er sich mit seiner Partnerin, um am nächsten Vormittag mit einem poetischen Brieflein wieder um gut Wetter zu bitten, weil er ohne die abendliche Partie nicht leben konnte. Da war es eigentlich verwunderlich, daß er in so dürren Worten telegraphiert hatte, was ihn doch nicht minder schmerzlich treffen mußte als den Sohn der alten Freundin. Aber wer überlegte wohl in einem so trüben Augenblicke, ob er der notwendigen Nachricht noch ein Wort der Teilnahme hinzufügen sollte?
Also da galt es, die Vorbereitungen zu einer schleunigen Reise zu treffen. Alles übrige, was er sich vorgenommen hatte, mußte er bis zu seiner Rückkehr aufschieben. Und wenn er Annemarie ein paar Zeilen schrieb, würde sie es wohl verstehen, daß es für ihn im Augenblick keine andere Sorge gäbe als die einzige, ob er sein Mütterchennoch am Leben fände. Schier zum Verzweifeln war es, daß er hier noch stundenlang untätig sitzen mußte, indessen das alte Frauchen da unten im fernen Schwaben sich gegen den Tod wehrte. Mit keiner anderen Waffe als der Sehnsucht, den einzigen Jungen vielleicht noch einmal im Arm zu halten, seinen Kopf an ihrer Brust zu fühlen ...
Der nächste Zug, mit dem er den von Eydtkuhnen kommenden Schnellzug erreichen konnte, ging erst gegen acht Uhr abends. Bis dahin hatte er reichlich Zeit, Urlaub zu nehmen, die Schwadron dem Oberleutnant Gusovius zu übergeben und den Brief an Annemarie zu schreiben. Wenn er den durch seinen Burschen beförderte, konnte sie ihn in anderthalb Stunden haben und brauchte keine verwunderten Augen mehr zu machen ... daß er beim Abschied unterlassen hatte, das Wort zu sprechen, das sie von ihm wohl erwartet hatte.
Als er die Schublade seines Schreibtisches aufzog, um einen seiner besten Briefbogen mit der farbigen Wappenprägung herauszulangen, fiel ihm auf, daß zwischen allem, was er dort aufbewahrte, nicht die gewohnte Ordnung herrschte. Die Brieftasche mit dem letzten Schreiben seines Vaters lag nicht auf ihrem richtigen Platz. Ganz ausgeschlossen war es, daß er selbst sie dorthin gelegt haben konnte, er hielt in allem, was ihn umgab, eine geradezu pedantische Ordnung. Wenn er an seinen Bibliothekschrank ging, konnte er im Dunkeln den gesuchten Band herausholen.
Also es gab keinen Zweifel, hier hatte jemand in seiner Abwesenheit die Schublade durchsucht. Jemand, der zu dem kunstvoll gearbeiteten Schlosse einen Nachschlüssel besaß.Den eigentlichen Schlüssel trug er nebst einigen Anhängseln an einer silbernen Kette. Nachts lag sie auf dem Tischchen neben seinem Bett, beim Aufstehen befestigte er sie an der Uniformhose. Die Möglichkeit, daß er den Schlüssel aus Versehen einmal hätte stecken lassen, war überhaupt nicht zu erörtern. Aber wer sollte nur ein Interesse daran haben, hier seine Andenken, Briefe und Familienpapiere zu durchstöbern?
Und plötzlich schlossen sich die Wahrnehmungen des Tages, die er für Ausgeburten seiner überreizten Sinne gehalten hatte, mit einigen anderen zu einem Verdacht, den er zunächst nur unklar fühlte. Er griff nach der Stelle der Schublade, an der er die letzten der seltsamen russischen Briefe aufgehoben hatte, die Stelle war leer. Da gefror ihm das Blut fast in den Adern, hier war gegen ihn etwas im Werke, wie es nur ein Teufel ersinnen konnte – oder eine im Innersten ihres Herzens gekränkte Frau! Die Viertelstunde fiel ihm ein, in der er mit dem schon halb verwirrten Herrn von Wodersen über die sonnenbeschienene Straße im Grunewald gegangen war. Da hatte der von einer Rache gesprochen, die Josepha an ihrem Gatten zu nehmen gedachte, weil er sie mit einer Tänzerin oder Schauspielerin betrog – dieser Person mit der seltsamen, wie eine geborstene Glocke klingenden Stimme. Nur das hier war noch teuflischer. Heute nacht, wenn er längst schon in der Eisenbahn saß, legte man hier in diese Schublade die entwendeten Briefe, nur mit einem anderen Inhalt. Einem Inhalt, der klipp und klar bewies, daß der Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac vom Dragonerregiment GrafSchmettau mit dem russischen Geheimbureau in Warschau landesverräterischen Verkehr hatte. Morgen stand hier in diesem Zimmer ein von der Division entsandter Kriegsgerichtsrat, fand die Beweise, und auf telegraphischen Befehl wurde er an dem Sterbebette seiner Mutter unter dem Verdachte des Landesverrats verhaftet. Selbst wenn es ihm gelang, sich von diesem Verdacht zu reinigen, war er für alle Zeiten verfemt. Es blieb immer etwas hängen, selbst wenn er sich in geweihtem Wasser wusch ... ein unbestimmter Geruch, vor dem sich die innerlich und äußerlich Sauberen zurückzogen. Und blitzähnlich reihte er alles aneinander, was gegen ihn sprach, wenn er sich verteidigen wollte. Da war schon vor seiner Versetzung das merkwürdige Interesse für die Geheimpapiere im Generalstabe, die von der strategischen Bestimmung Ostpreußens handelten im Falle eines Krieges nach zwei Fronten. Dann war da sein auffälliges Absondern von den Kameraden, seine ausgedehnten Ritte und Fahrten im Aufmarschgelände, und zuletzt der Inhalt der in seinem Schreibtisch beschlagnahmten Briefe. Die waren in Warschau aufgegeben laut Poststempel, und in ihnen stand, Gott mochte wissen, was ... Die Aufforderung vielleicht, noch über diese Position im Mobilmachungsplan nähere Auskunft zu geben oder über jene ... Und noch etwas anderes kam hinzu, woran er zuallerletzt, die anderen aber vielleicht zuallererst denken mochten: sein französischer Name und das Tröpfchen französischen Blutes, das in zehnfacher Verdünnung noch in seinen Adern floß. Ganz deutlich entsann er sich der Aeußerung des alten Herrn damals aufder Fahrt von Königsberg. Den Wortlaut wußte er nicht mehr, aber es war eine Art von Zweifel gewesen, ob Abkömmlinge einer fremden Nation wohl restlos im deutschen Volkstum aufgehen könnten. Und das Netz, das sich ihm um die Glieder schnüren sollte, war schon seit langem gesponnen. Die große Nachrichtenzentrale in Berlin war ja schon vor Wochen alarmiert, daß hier an der Grenze ein Verräter saß. Heute kam die Mitteilung, die seine Persönlichkeit genau bezeichnete, und morgen, während seiner Abwesenheit, der vernichtende Schlag. Er aber hatte nichts zu seiner Verteidigung anzuführen, als daß da vielleicht ein Racheakt vorläge. Die Rache einer in leidenschaftlicher Liebe verratenen Frau. Ersahordentlich das ungläubige Lächeln seiner Richter ...
Die Haare sträubten sich ihm, so grauenhaft war das. Nur ein Glied fehlte noch in der Kette der Voraussetzungen, nämlich daß da die auf dem Tische liegende Nachricht von der schweren Erkrankung seines Mütterchens gefälscht war. Dann war das alles kein leeres Hirngespinst, sondern grausige Wirklichkeit. Da erhob er sich mühsam, ging zu dem an der Wand hängenden Telephon.
Gott sei Dank, der Apparat funktionierte wieder, das Amt Ordensburg meldete sich.
»Liebes Fräulein,« sagte er, »wenn ich jetzt dringend nach Eßlingen telegraphieren würde, mit dringender Rückantwort bezahlt, wann könnte wohl die Antwort wieder hier sein?«
»Eßlingen in Württemberg?«
»Jawohl!«
»Etwa eine Stunde. Wenn Sie mir nämlich die Depesche telephonisch aufgeben.«
»So, kann man das?«
»Aber natürlich, schon immer!«
Da diktierte er: »Justizrat König, Eßlingen. Erhalte soeben von Ihnen Depesche über schwere Erkrankung meiner Mutter. Habe Gründe zur Annahme, daß diese Depesche nicht von Ihnen herrührt, sondern andere Zwecke verfolgt. Bitte dringende Antwort. Gaston.«
Das Fräulein auf dem Amte wiederholte den Wortlaut, als sie den Namen »Gaston« aussprach, bekam ihre Stimme einen schmelzenden Klang.
»Herr Rittmeister Baron von Foucar?«
»Allerdings!«
»Gott, wie interessant! Die Depesche wird noch in dieser Minute abgeschickt werden!«
Da mußte er, mitten in aller Aufregung, lachen. Die kleine Telephondame schien eine jener stillen Verehrerinnen zu sein, von deren Existenz er selbst keine Ahnung hatte.
»Freut mich sehr, mein gnädiges Fräulein! Wenn Sie nun noch die Güte haben wollten, mir die aus Eßlingen eintreffende Nachricht telephonisch mitzuteilen, statt durch Boten, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Das geht doch hoffentlich auch?«
»Aber selbstverständlich!«
Gaston hing den Hörer an und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Noch eine ganze lange Stunde hatte er zu warten, bis er die entscheidende Nachricht bekam.Inzwischen aber mußte er die Vorbereitungen zur Abreise treffen, um keinen Argwohn zu erregen. Er rief seinen Burschen.
»Wichotta, ich muß heute abend auf mehrere Tage verreisen. Legen Sie mir Zivil zurecht, und holen Sie den großen Lederkoffer vom Boden!«
»Befehl, Herr Rittmeister!« sagte der vierschrötige Masur und machte sich daran, den Auftrag auszuführen. Gaston hatte ihn scharf angesehen, er traute keinem Menschen mehr. Er hätte darauf geschworen, der Kerl war mit im Komplott, aber in dem sonnenverbrannten, stumpfsinnigen Gesicht zuckte keine Muskel.
Der Zweifel sprang ihn an, ob er sich vielleicht nicht bloß mit selbstgeschaffenen Gespenstern quälte, und er durchforschte sein Gedächtnis. Aber es gab keinen Irrtum, er wußte genau, er hatte die letzten aus Warschau gekommenen Briefe hier in der Schublade verwahrt. Aus einem instinktiven Angstgefühl, er könnte sie vielleicht irgendwie einmal als Beweismittel gebrauchen. Und diese Briefe waren fort. Von einem Unbekannten hier aus seinem Schreibtisch entwendet. Dieser Diebstahl mußte doch einen Zweck haben. Und von neuem überfiel ihn das Grausen, was geschehen wäre, wenn ein Zufall nicht seinen Verdacht geweckt hätte.