Chapter 10

„Der Hahnrei“ nimmt unter den Erzählungen Dostojewskys eine eigentümliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen,welche der europäische und der russische Leser in Dostojewskys Werke legen und darin erfüllt zu finden gewohnt sind. Künstlerisch gehört diese Erzählung zu dem Vortrefflichsten, was der Dichter geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies söhnt aber den europäischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit des Gegenstandes, mit der komplizierten Hässlichkeit des Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen er nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er für sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa für den Mangel an Schönheit entschädigte. Der russische Leser hinwiederum sieht und sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt, das unerschöpfliche Erbarmen für den widerlichsten der Sünder, sowie das kühle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten sechs Worten des Buches — allein das ist ihm ja nichts Neues, das kennt er alles, das begegnet ihm täglich, das trägt er selbst in sich. Er sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen, die sich auf Russland und seine fernere Entwickelung, auf die Jugend, sein künftiges Russland beziehen. Wo er das nicht findet, lässt ihn das vollendetste Kunstwerk nur kalt.Wir haben viele russische Kritiker Dostojewskys kennen gelernt, Bände ihrer Abhandlungen über einzelne seiner Werke durchgesehen: es ist uns nicht einmal eine Besprechung oder Erwähnung des „Hahnrei“ (ausser jener Strachows in seinem Briefe nach Dresden 1870-1871) in die Hände gekommen. Auch der Dichter selbst dürfte nicht viel von dieser Sache gehalten haben, die er in 2½ Monaten niederschrieb. Das darf uns nicht stören. Wissen wir ja doch, wie oft er sich über seine Werke täuschte. „Prochartschin“, mit dem er sich „einen Sommer lang herumquälte“; „Der Doppelgänger“, den er immer wieder umarbeitete; dann „Die Besessenen“, die er zu seiner Qual, wie wir später sehen werden, nicht vorwärts gehen sah — auf alle diese Werke hielt er die grössten Stücke, meinte, da seien seine besten, tiefsten Ideen in Fleisch und Blut getreten, während dies nur bei dem letzten derselben, und das nur teilweise und bedingt der Fall gewesen ist. Für uns, die wir versuchen in die russischen Anschauungen einzudringen, aus denen dasrussische Kunstwerk entsteht, ist gerade im „Hahnrei“ eine der tiefsten Ideen Dostojewskys um so klarer hervorgetreten, als hier das Kunstwerk von keiner Überfülle erstickt und vortrefflich disponiert ist.Eine eigentümliche, echt künstlerische Laune des Dichters hat ihn getrieben, sich da, offenbar mit grosser Wollust, an die Karikatur des Christentums zu machen. Es ist dabei mit vollendeter Deutlichkeit jenes Zerrbild entstanden, das dem modernen Europäer bei der Vorstellung der Demut und Versöhnlichkeit einer Slavennatur gemeiniglich vorschwebt: eine Mischung von hasserfüllter Sentimentalität, rachedürstender Thränenseligkeit, die sich in falschen Bruderküssen auslebt. Alle Möglichkeiten, die in der „breiten slavischen Natur“ bei einander wohnen, hat er hier in eine widerwärtige Wirklichkeit zusammengefasst und dadurch sein Wort bestätigt, dass dies Werk anders in der Form, doch im selben Geiste geschaffen sei, wie die „Memoiren aus dem Kellerloch“.Sehr klar und wohl durchdacht, wie alle Expositionen des Dichters, ist auch die des „Hahnrei“ (der russische Titel ist: „Der ewige Gatte“ und entspricht der später gegebenen Definition dieser Spezies besser als das unzulängliche deutsche Wort).Weltschaninow, ein etwas heruntergekommener Lebemann von 39 Jahren, bringt den Sommer in Petersburg zu, um einem Prozess nachzusehen, der ihm den Rest seines ehemals grossen Vermögens, eine Erbschaft von 60000 Rubeln, sichern soll. Er hat alles andere vergeudet und zittert nun um seinen künftigen Egoismus; das heisst, er will alles thun, sogar sparen und geregelt leben, um dessen sicher zu sein, dass er sein gewohntes schmackhaftes „Diner“, seine feine Toilette niemals werde entbehren müssen. Vorläufig aber nimmt er in einem kleinen Restaurant ein Mittagessen zu einem Rubel, hält eine anständige, aber vernachlässigte Wohnung, in welcher ihm die Frau des Hauswächters recht zweifelhafte Ordnung hält, und verfällt durch diesen äusseren Zustand des Sichgehenlassens in eine seltsame Art von Hypochondrie.Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie plagt den Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwadamit belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus seiner Vergangenheit ein, die er „lieber nicht gethan hätte“. Da ist das junge Mädchen aus dem Volke, das er verführt und samt ihrem Kinde verlassen hat; der junge Fürst, dem er für nichts und wieder nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und manches andere mehr. Weltschaninow verfügt bei aller Hypochondrie über einen klaren, gesunden Menschenverstand; er sagt sich, dass er, käme die Sache wieder so, unzweifelhaft der alten Fürstin dennoch das Leid zufügen würde, ihrem Söhnchen das Bein abzuschiessen — heute aber, in seiner jetzigen Verfassung verdriesst ihn das, lässt es ihm keine Ruhe. Hier haben wir in wenigen Strichen den russischen Weltmann mit dem Einschlag: Reue und Einkehr aus äusseren Gründen, eine Reue auf Zeit, die, wie wir sofort empfinden, der gesicherten Erbschaft und dem guten kleinen Diner bald das Feld für neue Thaten räumen wird.An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern, und gerade dies soll ihm verhängnisvoll werden. Ihm begegnet fast täglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn, sodass Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er müsse den Mann „einmal gekannt haben“. Da, in einer schlaflosen Nacht tritt er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine, welche ihm die Helle der Petersburger Nächte zu decken bestimmt ist, auseinander und sieht auf dem jenseitigen Bürgersteig — den Mann mit dem Trauerhute stehen und spähend auf sein Fenster blicken. Kaum ist er mit Staunen seiner ansichtig geworden, als jener auch schon über die Strasse und — gerade ins Haus geht. Weltschaninow tritt in sein Vorzimmer und lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da kommt es auf der Treppe heraufgeschlichen, da drückt und zerrt es an der Thürklinke. Weltschaninow öffnet plötzlich die Thüre, und vor ihm steht der Mann „mit dem Krepp“, in welchem er mit einemmale Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit dessen Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren in der Provinzstadt T. ein intimes Verhältnis unterhalten hatte. Er nötigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklärung überden nächtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er sei auf dem Heimwege vorübergegangen und, „ohne es eigentlich zu wollen, zufällig“ heraufgekommen. Er erzählt ferner, dass er, um in ein anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach Petersburg gekommen sei und nun in seiner Stimmung nicht loskomme. Dabei deutet er auf den Krepp auf seinem Hute. „Ja, sie;Natalja Wassiljewna! im heurigen März!“ beantwortet er Weltschaninows Frage. Nun weiss er den überraschten und mehr, als er’s vermutet hatte, erschütterten Weltschaninow mit süsslich stichelnden Anspielungen so in die Enge zu treiben, dass dieser in die höchste Aufregung kommt und ihm, zu Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein unvorsichtiges Wort entschlüpft. Diese Szene ist voll vortrefflicher kleiner Züge, die das innerste Wesen dieser beiden Menschen aufdecken.Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast fort, schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt ihm sofort der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach, kommt zu dem Schluss, dass sie verderbt war — mit seiner Beihilfe, wie der Dichter „im Vorübergehen“ bemerkt — ohne sich im geringsten dafür zu halten, und dass eine solche Frau als notwendigen Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse. „Seiner Ansicht nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, dass sie „ewige Gatten“ oder, besser gesagt, im Leben nur Gatten sind und weiter nichts.“ „Ein solcher Mensch wird geboren und entwickelt sich einzig und allein, um sich zu verheiraten und, nachdem er sich verheiratet hat, sich sofort in eine Zugabe seiner Frau zu verwandeln, auch in dem Falle, dass er selbst einen eigenen unbestreitbaren Charakter besässe. Das Hauptmerkmal eines solchen Gatten bildet — ein gewisser Stirnschmuck. Ein so Gehörnter nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich, als es der Sonne ist, nicht zu scheinen. Allein er weiss nicht nur gar nichts davon, sondern er kann den Naturgesetzen nach nie etwas davon wissen.“Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys Adresse geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden Mietwohnung, halbangekleidet — ein kläglich bittendes Kindzüchtigend. Es ist Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, „das uns geboren wurde, als Sie schon — wie lange fort waren?“ Er zählt die Monate: ja acht Monate, nachdem Sie fort waren. — Das Kind ist furchtbar eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen des Gespräches, dass Trussotzky das Kind sehr geliebt, nach dem Tode der Frau aber gequält, geschreckt und Tage lang sich selbst überlassen habe. Weltschaninow erkennt unter Qualen, dass es sein Kind ist, und führt es zu guten Freunden aufs Land. Es ist eine kinderreiche Familie, die das kranke, scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das Kind erkrankt dort am zweiten Tage und stirbt, ohne dass Trussotzky auch nur einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm umzusehen. Weltschaninow entschliesst sich mit Widerwillen, den Mann wegen des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich in trunkenem Zustande bei einigen „Damen“. Als er ihm mitteilt, dass sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten an ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu: „Erinnern Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem gehen Sie wegen der Bestattung.“ Der Rausch allein versetzt ihn in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach seinem Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen Tagen in nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten bei Heller und Pfennig.Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts anderes, als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die er selbst gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. Zwischen diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen des feigen „Gatten“ spielen sich Szenen widriger „Vergebung“, Küsse, Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow — da er sich im Banne der Schuld fühlt, ihn auch wohl nach einem klaren Abschluss dieser peinvollen Sache verlangt und vor allem, weil er eben jetzt physisch entsprechend konstituiert ist — auf keine Weise entwinden kann. Nach einer solchen Szene, die ihn wieder in den Bann seiner eigenen Reuegefühle versetzt hatte, lässt er sich auch von Trussotzky erbitten, ihn zu einer töchterreichen Familie aufs Land zu begleiten, in deren Schosse er, Trussotzky, sich — eine Braut erwählt habe. Es istdies die sechste der Haustöchter, Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. In Weltschaninow, der auf der Fahrt mit seinem Gefährten auch nicht ein Wort gewechselt hatte, erwacht draussen unter der blühenden Mädchenschar der alte Frauenbestricker; er musiziert, singt, entzückt die junge Nadja und reizt dadurch Trussotzky zu verbissener Wut.Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft, fühlt sich leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, bis er nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow werde niemals in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am Abend, unter Blitz und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch herein, der sich als Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit der ganzen Sicherheit und Anmassung der Jugend — eine meisterhafte Szene — Trussotzky verbietet, um seine Braut zu werben. Diese Episode zieht sich so lange hin, dass endlich Weltschaninow nach des Studenten Abgang Paul Pawlowitsch veranlasst, bei ihm zu übernachten. Kaum hat sich Weltschaninow niedergelegt, als der Brustkrampf, welcher ihn schon seit geraumer Zeit angefallen hatte, sich zu einem unerträglichen Grade steigert. Trussotzky eilt in die leere Küche, macht Feuer an, weckt die Frau des Hauswächters und wärmt abwechselnd mit ihr Tücher und Teller, die er mit unermüdeter Sorgfalt dem Kranken auflegt, giebt ihm Thee zu schlucken, den er schnell bereitet hat, bis endlich das Übel sich legt und nur eine grosse Schwäche zurückbleibt, die zur Nachtruhe mahnt.Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung um ihn, ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt halbmurmelnd: „Sie — Sie — Sie sind besser als ich! Ich begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.“ — Trussotzky löscht das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder. Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihnplötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm war auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, drei Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit einem Schrei.Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände zwei andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fällt darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute zufälligauf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war. Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet, dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky niederwirft und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet.Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den vollen Tag herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf, verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu, welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb stumpf empor und deutet nach der Wasserflasche: „Wasser möcht’ ich“, flüstert er. Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und führt es zu seinen Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen hat.Wir lassen hier den Dichter erzählen: „Seine Schmerzen waren ganz vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit, jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen sich den ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich zusammen, erwachte, erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in das blutnasse Handtuch gewickelten Hand undbegann fieberhaft, wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel abschneiden wollen, dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das übrigens sonst immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. „Wenn er sich schon seit langem vorgenommen hätte, mich umzubringen — fiel ihm unter anderem ein —, so hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet, das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.“Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, und damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das ‚Analyse‘ überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner Folgerungen — nachdem er Trussotzky entlassen hat — folgendermassen wieder auf. „Diese Leute,“ dachte er, „eben diese Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den Hals abschneiden oder nicht, — wenn die schon einmal das Messer in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es nicht beim Schneiden allein — den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter: ‚zum Wohlsein‘, wie die Arrestanten sagen. So ist es.“Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des Prozesses der Kairowa, welche „noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde“. Auch in jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzählt, er habe daran gedacht, den Vater zu töten, aber den mörderischen Stössel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum — „es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter für mich gebetet haben“, meint er — auch hier ist das Mysterium betont, die tiefen Zusammenhänge der Möglichkeiten in der Menschenseele, über die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag.Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky zu seltsamen Schlüssen: „Wenn es also entschieden ist, dass er mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grübelte Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal früher in den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem zornigen Augenblick?“ „Er löste die Frage seltsam, — damit, dass Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder auch nicht einmal eingefallen war.“ Kürzer gesagt: „Paul Pawlowitsch wollte umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte. Das ist unsinnig, aber es ist so,“ dachte Weltschaninow: „er ist wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!“ „Und war denn das wahr, das alles wahr,“ rief er, plötzlich den Kopf vom Kissen erhebend und die Augen öffnend, „alles, was dieser ... Verrückte mir gestern über seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?“ „Vollkommene Wahrheit,“ entschied er, sich immer mehr in die Analyse vertiefend, „dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und edelmütig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine ‚Aussprüche‘ — Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er konnte gestern nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er mir seine Liebe erklärte und sagte: ‚werden wir quitt?‘ Ja, aus Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.“Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen Eindruck er auf diesen „Schiller in der Form eines Quasimodo“ gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.] Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art, sie zu tragen; „denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, wie sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche edle Seele, gar aus dem Geschlechte der ‚ewigen Gatten‘.“ Weltschaninow geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch,natürlich in der Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. „Wenn auch dieser, wem kann man danach noch trauen!“ — „Nach einem solchen Aufschrei wird man ein Tier!“ denkt er bei sich.„Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu weinen“, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt hat — das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei, es sei „um mich zu umarmen und mit mir zu weinen“ ... Auch Lisa hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint hätte, da hätte er mir vielleicht thatsächlich verziehen, weil er schrecklich das Bedürfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstücke, in Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul über die Beleidigung. (Hörner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hörner!) Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht herumgesprungen ist, die Teller zu wärmen, dachte eine Abwechselung zu machen — vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich und mich wollte er retten — mit gewärmten Tellern! ...“Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, erwacht mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass „alles vorüber sei“, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe sich zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky aufsuchen muss. „Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts und empfand einen tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.“Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt russische Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des in zwei gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem „Quittwerden“ mit äusseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar oder unmittelbar ausgesprochenwürde, sehen wir, wie er sich allmählich aus den Zuständen und den endgiltigen Schicksalen dieser Beiden herausschält.Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mörder, begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas „Bräutigam“, in angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, seiner inneren Vermutung folgend: „— — hat sich erhenkt“. „Ei was erhenkt, wir haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken, auch auf Ihr Wohl.“ — —Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift „Der ewige Gatte“, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später, verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen „hypochondrischen Schrullen“ belachend, auf der Reise. Er hat seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig, hat sein tägliches gutes, kleines „Diner“, verkehrt wieder mit der „Gesellschaft“, wo ihn „alle“ wieder aufs freundlichste in ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur „verreist gewesen“. Er fährt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange zu machen gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der Bahnlinien, fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame, eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die Fahrt unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen „Anstoss von aussen“.Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf dem Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen, sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich um sie, macht schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. Weltschaninow eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belästigenden Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesstvor Dankbarkeit über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes „Dddanke!“ und streckt sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft.Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch, scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren Mann, der, weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht plötzlich ein bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn mit Vorwürfen und stellt ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend: „Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von Weltschaninow gesprochen?“ Olympia Semjonowna ladet nun diesen dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch bestimmt zusagt.Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem „jungen Verwandten“ in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: „Paul Pawlowitsch! Paul Pawlowitsch!“ Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der — nun durch Gesundheit von aller Sentimentalität befreite — Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: „Wollen Sie, ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, wie Sie mich einmal umbringen wollten — ha?“ „Was wollt Ihr, Herr, was wollt Ihr — Gott bewahre Euch.“ „Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!“ hört man wieder rufen. Endlich lässt Weltschaninow ihn los. „Nun, gehen Sie endlich“ sagt er, ihn gutmütig anlachend. [Wie charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der einen Scherz aus der Sache macht und den Mörder „gutmütig anlacht“; wie echt russisch auch!]„Also Sie kommen nicht?“ flüsterte fast verzweifelt Paul Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, dieHände bittend vor ihm zusammen. „Ich schwöre es Ihnen ja, ich komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.“ Und er streckte ihm behäbig breit die Hand entgegen — er streckte sie hin — und zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar die seine zurück.Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick ging nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als wären Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und riss an Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er packte Paul Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter. „Wenn schon ich, ich Ihnen diese Hand reiche“ — und er wies ihm die linke Handfläche, in welcher die Schramme der Schnittwunde deutlich zu sehen war — „so können Sie sie wohl nehmen!“ stiess er leise mit zitternden, erbleichenden Lippen hervor. Auch Paul Pawlowitsch war bleich geworden und auch seine Lippen bebten. Wie Krämpfe lief es über sein Gesicht. „Und Lisa. Herr?“ lallte er im schnellen Flüstortone — und plötzlich begannen ihm Lippen, Kinn und Wangen heftig zu zittern und zu zucken, und Thränen stürzten aus seinen Augen. Weltschaninow stand vor ihm, zur Säule erstarrt. „Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!“ brüllte man aus dem Waggon, als würde dort jemand umgebracht — und plötzlich ertönte ein Pfiff. Paul Pawlowitsch kam zu sich, schlug die Hände zusammen und begann über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen, und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in seinen Waggon.Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er einen anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten auf dem Landgute fuhr er nicht — es war ihm so gar nicht danach zu Mute. Und wie hat er das später bereut!“Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des „ewigen Gatten“, jener Beiden, die mit sich und mit einander nicht „quitt“ werden können, weil sie das nicht in sich tragen, was allein den „irrationalen Rest“ zwischen Begierde und Erfüllungaufhebt: einen Gott — der Künstler hat sie in jedem von ihnen gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen letzten Worten „wie hat er das später bereut!“ entlässt, ihn also seine Ruhe endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen finden lässt, so schüttet sein Genius über das Haupt des von Schmerzen zuckenden, widerwärtigen Sünders etwas von jenem Liebesstrom aus, dem einst die Worte entstiegen: „Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.“

„Der Hahnrei“ nimmt unter den Erzählungen Dostojewskys eine eigentümliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen,welche der europäische und der russische Leser in Dostojewskys Werke legen und darin erfüllt zu finden gewohnt sind. Künstlerisch gehört diese Erzählung zu dem Vortrefflichsten, was der Dichter geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies söhnt aber den europäischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit des Gegenstandes, mit der komplizierten Hässlichkeit des Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen er nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er für sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa für den Mangel an Schönheit entschädigte. Der russische Leser hinwiederum sieht und sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt, das unerschöpfliche Erbarmen für den widerlichsten der Sünder, sowie das kühle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten sechs Worten des Buches — allein das ist ihm ja nichts Neues, das kennt er alles, das begegnet ihm täglich, das trägt er selbst in sich. Er sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen, die sich auf Russland und seine fernere Entwickelung, auf die Jugend, sein künftiges Russland beziehen. Wo er das nicht findet, lässt ihn das vollendetste Kunstwerk nur kalt.

Wir haben viele russische Kritiker Dostojewskys kennen gelernt, Bände ihrer Abhandlungen über einzelne seiner Werke durchgesehen: es ist uns nicht einmal eine Besprechung oder Erwähnung des „Hahnrei“ (ausser jener Strachows in seinem Briefe nach Dresden 1870-1871) in die Hände gekommen. Auch der Dichter selbst dürfte nicht viel von dieser Sache gehalten haben, die er in 2½ Monaten niederschrieb. Das darf uns nicht stören. Wissen wir ja doch, wie oft er sich über seine Werke täuschte. „Prochartschin“, mit dem er sich „einen Sommer lang herumquälte“; „Der Doppelgänger“, den er immer wieder umarbeitete; dann „Die Besessenen“, die er zu seiner Qual, wie wir später sehen werden, nicht vorwärts gehen sah — auf alle diese Werke hielt er die grössten Stücke, meinte, da seien seine besten, tiefsten Ideen in Fleisch und Blut getreten, während dies nur bei dem letzten derselben, und das nur teilweise und bedingt der Fall gewesen ist. Für uns, die wir versuchen in die russischen Anschauungen einzudringen, aus denen dasrussische Kunstwerk entsteht, ist gerade im „Hahnrei“ eine der tiefsten Ideen Dostojewskys um so klarer hervorgetreten, als hier das Kunstwerk von keiner Überfülle erstickt und vortrefflich disponiert ist.

Eine eigentümliche, echt künstlerische Laune des Dichters hat ihn getrieben, sich da, offenbar mit grosser Wollust, an die Karikatur des Christentums zu machen. Es ist dabei mit vollendeter Deutlichkeit jenes Zerrbild entstanden, das dem modernen Europäer bei der Vorstellung der Demut und Versöhnlichkeit einer Slavennatur gemeiniglich vorschwebt: eine Mischung von hasserfüllter Sentimentalität, rachedürstender Thränenseligkeit, die sich in falschen Bruderküssen auslebt. Alle Möglichkeiten, die in der „breiten slavischen Natur“ bei einander wohnen, hat er hier in eine widerwärtige Wirklichkeit zusammengefasst und dadurch sein Wort bestätigt, dass dies Werk anders in der Form, doch im selben Geiste geschaffen sei, wie die „Memoiren aus dem Kellerloch“.

Sehr klar und wohl durchdacht, wie alle Expositionen des Dichters, ist auch die des „Hahnrei“ (der russische Titel ist: „Der ewige Gatte“ und entspricht der später gegebenen Definition dieser Spezies besser als das unzulängliche deutsche Wort).

Weltschaninow, ein etwas heruntergekommener Lebemann von 39 Jahren, bringt den Sommer in Petersburg zu, um einem Prozess nachzusehen, der ihm den Rest seines ehemals grossen Vermögens, eine Erbschaft von 60000 Rubeln, sichern soll. Er hat alles andere vergeudet und zittert nun um seinen künftigen Egoismus; das heisst, er will alles thun, sogar sparen und geregelt leben, um dessen sicher zu sein, dass er sein gewohntes schmackhaftes „Diner“, seine feine Toilette niemals werde entbehren müssen. Vorläufig aber nimmt er in einem kleinen Restaurant ein Mittagessen zu einem Rubel, hält eine anständige, aber vernachlässigte Wohnung, in welcher ihm die Frau des Hauswächters recht zweifelhafte Ordnung hält, und verfällt durch diesen äusseren Zustand des Sichgehenlassens in eine seltsame Art von Hypochondrie.

Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie plagt den Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwadamit belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus seiner Vergangenheit ein, die er „lieber nicht gethan hätte“. Da ist das junge Mädchen aus dem Volke, das er verführt und samt ihrem Kinde verlassen hat; der junge Fürst, dem er für nichts und wieder nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und manches andere mehr. Weltschaninow verfügt bei aller Hypochondrie über einen klaren, gesunden Menschenverstand; er sagt sich, dass er, käme die Sache wieder so, unzweifelhaft der alten Fürstin dennoch das Leid zufügen würde, ihrem Söhnchen das Bein abzuschiessen — heute aber, in seiner jetzigen Verfassung verdriesst ihn das, lässt es ihm keine Ruhe. Hier haben wir in wenigen Strichen den russischen Weltmann mit dem Einschlag: Reue und Einkehr aus äusseren Gründen, eine Reue auf Zeit, die, wie wir sofort empfinden, der gesicherten Erbschaft und dem guten kleinen Diner bald das Feld für neue Thaten räumen wird.

An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern, und gerade dies soll ihm verhängnisvoll werden. Ihm begegnet fast täglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn, sodass Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er müsse den Mann „einmal gekannt haben“. Da, in einer schlaflosen Nacht tritt er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine, welche ihm die Helle der Petersburger Nächte zu decken bestimmt ist, auseinander und sieht auf dem jenseitigen Bürgersteig — den Mann mit dem Trauerhute stehen und spähend auf sein Fenster blicken. Kaum ist er mit Staunen seiner ansichtig geworden, als jener auch schon über die Strasse und — gerade ins Haus geht. Weltschaninow tritt in sein Vorzimmer und lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da kommt es auf der Treppe heraufgeschlichen, da drückt und zerrt es an der Thürklinke. Weltschaninow öffnet plötzlich die Thüre, und vor ihm steht der Mann „mit dem Krepp“, in welchem er mit einemmale Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit dessen Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren in der Provinzstadt T. ein intimes Verhältnis unterhalten hatte. Er nötigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklärung überden nächtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er sei auf dem Heimwege vorübergegangen und, „ohne es eigentlich zu wollen, zufällig“ heraufgekommen. Er erzählt ferner, dass er, um in ein anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach Petersburg gekommen sei und nun in seiner Stimmung nicht loskomme. Dabei deutet er auf den Krepp auf seinem Hute. „Ja, sie;Natalja Wassiljewna! im heurigen März!“ beantwortet er Weltschaninows Frage. Nun weiss er den überraschten und mehr, als er’s vermutet hatte, erschütterten Weltschaninow mit süsslich stichelnden Anspielungen so in die Enge zu treiben, dass dieser in die höchste Aufregung kommt und ihm, zu Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein unvorsichtiges Wort entschlüpft. Diese Szene ist voll vortrefflicher kleiner Züge, die das innerste Wesen dieser beiden Menschen aufdecken.

Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast fort, schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt ihm sofort der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach, kommt zu dem Schluss, dass sie verderbt war — mit seiner Beihilfe, wie der Dichter „im Vorübergehen“ bemerkt — ohne sich im geringsten dafür zu halten, und dass eine solche Frau als notwendigen Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse. „Seiner Ansicht nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, dass sie „ewige Gatten“ oder, besser gesagt, im Leben nur Gatten sind und weiter nichts.“ „Ein solcher Mensch wird geboren und entwickelt sich einzig und allein, um sich zu verheiraten und, nachdem er sich verheiratet hat, sich sofort in eine Zugabe seiner Frau zu verwandeln, auch in dem Falle, dass er selbst einen eigenen unbestreitbaren Charakter besässe. Das Hauptmerkmal eines solchen Gatten bildet — ein gewisser Stirnschmuck. Ein so Gehörnter nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich, als es der Sonne ist, nicht zu scheinen. Allein er weiss nicht nur gar nichts davon, sondern er kann den Naturgesetzen nach nie etwas davon wissen.“

Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys Adresse geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden Mietwohnung, halbangekleidet — ein kläglich bittendes Kindzüchtigend. Es ist Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, „das uns geboren wurde, als Sie schon — wie lange fort waren?“ Er zählt die Monate: ja acht Monate, nachdem Sie fort waren. — Das Kind ist furchtbar eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen des Gespräches, dass Trussotzky das Kind sehr geliebt, nach dem Tode der Frau aber gequält, geschreckt und Tage lang sich selbst überlassen habe. Weltschaninow erkennt unter Qualen, dass es sein Kind ist, und führt es zu guten Freunden aufs Land. Es ist eine kinderreiche Familie, die das kranke, scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das Kind erkrankt dort am zweiten Tage und stirbt, ohne dass Trussotzky auch nur einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm umzusehen. Weltschaninow entschliesst sich mit Widerwillen, den Mann wegen des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich in trunkenem Zustande bei einigen „Damen“. Als er ihm mitteilt, dass sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten an ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu: „Erinnern Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem gehen Sie wegen der Bestattung.“ Der Rausch allein versetzt ihn in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach seinem Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen Tagen in nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten bei Heller und Pfennig.

Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts anderes, als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die er selbst gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. Zwischen diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen des feigen „Gatten“ spielen sich Szenen widriger „Vergebung“, Küsse, Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow — da er sich im Banne der Schuld fühlt, ihn auch wohl nach einem klaren Abschluss dieser peinvollen Sache verlangt und vor allem, weil er eben jetzt physisch entsprechend konstituiert ist — auf keine Weise entwinden kann. Nach einer solchen Szene, die ihn wieder in den Bann seiner eigenen Reuegefühle versetzt hatte, lässt er sich auch von Trussotzky erbitten, ihn zu einer töchterreichen Familie aufs Land zu begleiten, in deren Schosse er, Trussotzky, sich — eine Braut erwählt habe. Es istdies die sechste der Haustöchter, Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. In Weltschaninow, der auf der Fahrt mit seinem Gefährten auch nicht ein Wort gewechselt hatte, erwacht draussen unter der blühenden Mädchenschar der alte Frauenbestricker; er musiziert, singt, entzückt die junge Nadja und reizt dadurch Trussotzky zu verbissener Wut.

Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft, fühlt sich leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, bis er nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow werde niemals in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am Abend, unter Blitz und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch herein, der sich als Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit der ganzen Sicherheit und Anmassung der Jugend — eine meisterhafte Szene — Trussotzky verbietet, um seine Braut zu werben. Diese Episode zieht sich so lange hin, dass endlich Weltschaninow nach des Studenten Abgang Paul Pawlowitsch veranlasst, bei ihm zu übernachten. Kaum hat sich Weltschaninow niedergelegt, als der Brustkrampf, welcher ihn schon seit geraumer Zeit angefallen hatte, sich zu einem unerträglichen Grade steigert. Trussotzky eilt in die leere Küche, macht Feuer an, weckt die Frau des Hauswächters und wärmt abwechselnd mit ihr Tücher und Teller, die er mit unermüdeter Sorgfalt dem Kranken auflegt, giebt ihm Thee zu schlucken, den er schnell bereitet hat, bis endlich das Übel sich legt und nur eine grosse Schwäche zurückbleibt, die zur Nachtruhe mahnt.

Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung um ihn, ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt halbmurmelnd: „Sie — Sie — Sie sind besser als ich! Ich begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.“ — Trussotzky löscht das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder. Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihnplötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm war auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, drei Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit einem Schrei.

Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände zwei andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fällt darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute zufälligauf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war. Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet, dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky niederwirft und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet.

Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den vollen Tag herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf, verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu, welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb stumpf empor und deutet nach der Wasserflasche: „Wasser möcht’ ich“, flüstert er. Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und führt es zu seinen Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen hat.

Wir lassen hier den Dichter erzählen: „Seine Schmerzen waren ganz vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit, jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen sich den ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich zusammen, erwachte, erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in das blutnasse Handtuch gewickelten Hand undbegann fieberhaft, wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel abschneiden wollen, dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das übrigens sonst immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. „Wenn er sich schon seit langem vorgenommen hätte, mich umzubringen — fiel ihm unter anderem ein —, so hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet, das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.“

Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, und damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das ‚Analyse‘ überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner Folgerungen — nachdem er Trussotzky entlassen hat — folgendermassen wieder auf. „Diese Leute,“ dachte er, „eben diese Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den Hals abschneiden oder nicht, — wenn die schon einmal das Messer in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es nicht beim Schneiden allein — den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter: ‚zum Wohlsein‘, wie die Arrestanten sagen. So ist es.“

Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des Prozesses der Kairowa, welche „noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde“. Auch in jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzählt, er habe daran gedacht, den Vater zu töten, aber den mörderischen Stössel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum — „es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter für mich gebetet haben“, meint er — auch hier ist das Mysterium betont, die tiefen Zusammenhänge der Möglichkeiten in der Menschenseele, über die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag.

Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky zu seltsamen Schlüssen: „Wenn es also entschieden ist, dass er mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grübelte Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal früher in den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem zornigen Augenblick?“ „Er löste die Frage seltsam, — damit, dass Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder auch nicht einmal eingefallen war.“ Kürzer gesagt: „Paul Pawlowitsch wollte umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte. Das ist unsinnig, aber es ist so,“ dachte Weltschaninow: „er ist wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!“ „Und war denn das wahr, das alles wahr,“ rief er, plötzlich den Kopf vom Kissen erhebend und die Augen öffnend, „alles, was dieser ... Verrückte mir gestern über seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?“ „Vollkommene Wahrheit,“ entschied er, sich immer mehr in die Analyse vertiefend, „dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und edelmütig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine ‚Aussprüche‘ — Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er konnte gestern nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er mir seine Liebe erklärte und sagte: ‚werden wir quitt?‘ Ja, aus Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.“

Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen Eindruck er auf diesen „Schiller in der Form eines Quasimodo“ gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.] Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art, sie zu tragen; „denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, wie sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche edle Seele, gar aus dem Geschlechte der ‚ewigen Gatten‘.“ Weltschaninow geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch,natürlich in der Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. „Wenn auch dieser, wem kann man danach noch trauen!“ — „Nach einem solchen Aufschrei wird man ein Tier!“ denkt er bei sich.

„Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu weinen“, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt hat — das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei, es sei „um mich zu umarmen und mit mir zu weinen“ ... Auch Lisa hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint hätte, da hätte er mir vielleicht thatsächlich verziehen, weil er schrecklich das Bedürfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstücke, in Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul über die Beleidigung. (Hörner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hörner!) Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht herumgesprungen ist, die Teller zu wärmen, dachte eine Abwechselung zu machen — vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich und mich wollte er retten — mit gewärmten Tellern! ...“

Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, erwacht mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass „alles vorüber sei“, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe sich zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky aufsuchen muss. „Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts und empfand einen tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.“

Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt russische Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des in zwei gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem „Quittwerden“ mit äusseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar oder unmittelbar ausgesprochenwürde, sehen wir, wie er sich allmählich aus den Zuständen und den endgiltigen Schicksalen dieser Beiden herausschält.

Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mörder, begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas „Bräutigam“, in angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, seiner inneren Vermutung folgend: „— — hat sich erhenkt“. „Ei was erhenkt, wir haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken, auch auf Ihr Wohl.“ — —

Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift „Der ewige Gatte“, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später, verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen „hypochondrischen Schrullen“ belachend, auf der Reise. Er hat seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig, hat sein tägliches gutes, kleines „Diner“, verkehrt wieder mit der „Gesellschaft“, wo ihn „alle“ wieder aufs freundlichste in ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur „verreist gewesen“. Er fährt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange zu machen gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der Bahnlinien, fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame, eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die Fahrt unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen „Anstoss von aussen“.

Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf dem Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen, sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich um sie, macht schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. Weltschaninow eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belästigenden Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesstvor Dankbarkeit über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes „Dddanke!“ und streckt sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft.

Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch, scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren Mann, der, weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht plötzlich ein bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn mit Vorwürfen und stellt ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend: „Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von Weltschaninow gesprochen?“ Olympia Semjonowna ladet nun diesen dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch bestimmt zusagt.

Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem „jungen Verwandten“ in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: „Paul Pawlowitsch! Paul Pawlowitsch!“ Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der — nun durch Gesundheit von aller Sentimentalität befreite — Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: „Wollen Sie, ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, wie Sie mich einmal umbringen wollten — ha?“ „Was wollt Ihr, Herr, was wollt Ihr — Gott bewahre Euch.“ „Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!“ hört man wieder rufen. Endlich lässt Weltschaninow ihn los. „Nun, gehen Sie endlich“ sagt er, ihn gutmütig anlachend. [Wie charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der einen Scherz aus der Sache macht und den Mörder „gutmütig anlacht“; wie echt russisch auch!]

„Also Sie kommen nicht?“ flüsterte fast verzweifelt Paul Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, dieHände bittend vor ihm zusammen. „Ich schwöre es Ihnen ja, ich komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.“ Und er streckte ihm behäbig breit die Hand entgegen — er streckte sie hin — und zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar die seine zurück.

Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick ging nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als wären Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und riss an Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er packte Paul Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter. „Wenn schon ich, ich Ihnen diese Hand reiche“ — und er wies ihm die linke Handfläche, in welcher die Schramme der Schnittwunde deutlich zu sehen war — „so können Sie sie wohl nehmen!“ stiess er leise mit zitternden, erbleichenden Lippen hervor. Auch Paul Pawlowitsch war bleich geworden und auch seine Lippen bebten. Wie Krämpfe lief es über sein Gesicht. „Und Lisa. Herr?“ lallte er im schnellen Flüstortone — und plötzlich begannen ihm Lippen, Kinn und Wangen heftig zu zittern und zu zucken, und Thränen stürzten aus seinen Augen. Weltschaninow stand vor ihm, zur Säule erstarrt. „Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!“ brüllte man aus dem Waggon, als würde dort jemand umgebracht — und plötzlich ertönte ein Pfiff. Paul Pawlowitsch kam zu sich, schlug die Hände zusammen und begann über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen, und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in seinen Waggon.

Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er einen anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten auf dem Landgute fuhr er nicht — es war ihm so gar nicht danach zu Mute. Und wie hat er das später bereut!“

Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des „ewigen Gatten“, jener Beiden, die mit sich und mit einander nicht „quitt“ werden können, weil sie das nicht in sich tragen, was allein den „irrationalen Rest“ zwischen Begierde und Erfüllungaufhebt: einen Gott — der Künstler hat sie in jedem von ihnen gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen letzten Worten „wie hat er das später bereut!“ entlässt, ihn also seine Ruhe endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen finden lässt, so schüttet sein Genius über das Haupt des von Schmerzen zuckenden, widerwärtigen Sünders etwas von jenem Liebesstrom aus, dem einst die Worte entstiegen: „Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.“

In einem Briefe vom 24. Februar 1870 schreibt Dostojewsky, ebenfalls an Maikow, unter anderem: „Ich bin wieder in einer solchen Not — es ist um sich nur aufzuhängen!“ Weiter heisst es: „Nach einer langen Pause zwischen den Anfällen haben diese angefangen mich wieder zu quälen und ärgern mich hauptsächlich darum, weil sie mich an der Arbeit hindern. Ich habe eine reiche Idee in Angriff genommen. Ich rede nicht von der Ausführung, nur von der Idee. Es ist eine jener Ideen, welche eine unzweifelhafte Wirkung auf das Publikum ausüben. Etwas in der Art wie „Schuld und Sühne“, allein noch näher, der Wirklichkeit mehr an den Leib gerückt und sich auf die wichtigste Frage der Gegenwart beziehend“.

In einem Briefe an Strachow vom 10. März 1870 finden wir eine Wiederholung des abfälligen Urteils über frühere besprochene Nummern der „Zarjá“, worin auch eine Kritik Strachows gewesen war. Diese überzeugten Wiederholungen derselben Gedanken mit den nämlichen Ausdrücken sind sowohl in den Briefen, als auch in den Werken Dostojewskys sehr häufig und für ihn charakteristisch. Hier, in diesem Briefe ist die Wiederholung allerdings auch noch ein Beweis von Dostojewskys grosser Offenheit, ein Beweis, der uns nach so vielen Äusserungen persönlichen Misstrauens und Furcht vor verschobenen Beziehungen höchst wohlthuend berührt, ja Bedürfnis war. In noch viel grösserem Ausmasse finden wir diese Offenheitin den Briefen an jene tausend Unbekannte, die sich an den berühmten Seelenerforscher und Seelenkenner um Rat und Zuspruch wandten. Wir werden die bemerkenswertesten dieser Antworten weiter unten anschliessen. In einem Briefe an Strachow heisst es: „Ihr Artikel aber, obwohl vortrefflich, behandelt immer das alte Thema (ich spreche hier nicht von meinem Gesichtspunkt, sondern von dem der Abonnenten). Übrigens, wer hat Ihnen gesagt, dass Ihr Aufsatz über Turgenjew besser sei, als der über Tolstoj? Der Artikel über Turgenjew ist eine sehr schöne und klare Arbeit, aber in jenem über Tolstoj haben Sie gleichsam Ihre Grundanschauung niedergelegt, aus der heraus Sie Ihre Thätigkeit fortzusetzen gedenken — so sehe ich die Sache an. Und ich bin mit allem einverstanden (was ich früher nicht war), und lehne von allen den paar tausend Zeilen dieses Artikels nur zwei ab — nicht mehr, nicht weniger —, mit welchen ich mich unbedingt nicht einverstanden erklären kann. Doch davon später.“

Die Aufforderung, an der „Zarjá“ beständig mitzuarbeiten, beantwortet Dostojewsky mit der Bedingung, dass ihm Honorarraten vorgeschossen würden. „Ein Thema habe ich wohl auch jetzt. Ich will mich darüber nicht ausbreiten, nur dies will ich sagen: es ist selten etwas Neueres, Volleres und Originelleres in mir aufgetaucht. Ich kann so sprechen, ohne der Ruhmsucht geziehen zu werden, da ich nur vom Thema spreche, von der Idee, die in meinem Kopfe zu Fleisch geworden, aber nicht von der Ausführung. Die Ausführung hängt von Gott ab. Ich kann auch alles verderben, was sich schon oft bei mir ereignet hat; allein eine innere Stimme sagt mir, dass mich die Inspiration nicht verlassen wird. Aber für die Neuheit des Gedankens und die Originalität der Inscenierung verbürge ich mich und blicke vorläufig mit Entzücken aufdiese Idee. Es wird ein Roman in zwei Teilen sein, nicht weniger als zwölf, keinesfalls mehr als fünfzehn Bogen stark. Er kann sicher noch dieses Jahr (1870) am 1. Dezember der Redaktion zugestellt werden; ich kann mich der Zeit versichern, um ordentlich zu schreiben. (NB. Der Roman könnte auch schon zum 1. November zugestellt werden, aber ich muss gestehen, mir wäre es sehr unlieb, in einem und demselben Jahre zum zweiten Male eine grössere Erzählung in ein und dasselbe Blatt zu schreiben. Wäre es nicht besser, so wie jetzt, erst zum Januar oder Februar des künftigen Jahres? Übrigens könnte es, scheint mir, auch gar nicht anders sein.) Zum Schluss die Stelle: „Anna Grigorjewna grüsst Sie und gedenkt Ihrer mit Herzlichkeit. Wir tollen jetzt mit unserer Ljubotschka herum. Ach, warum sind Sie nicht verheiratet und haben kein kleines Kind, lieber Nikolai Nikolajewitsch! Ich schwöre Ihnen, dass darin dreiviertel unseres Lebensglücks enthalten ist und in allem übrigen wohl nur ein Viertel. — Werde ich denn auch heute nicht die „Zarjá“ erhalten?“ — heisst es am Schlusse — „ich spitze schon die Lippen nach Ihrem Artikel ‚Die Frauenfrage‘ — was für ein Thema! Ich verspreche mir einen ausserordentlichen Genuss. Gerade Sie können darüber schreiben, wie es nötig ist usw.“

Dem Plan des Romans schien es beschieden zu sein, vielfache Änderungen der Ausführung und lange Verzögerungen zu erleiden. Schon am 5. April 1870 schreibt der Dichter gleich zu Anfang seines Briefes: „Ich will Ihnen offen und endgiltig sagen, dass ich, alles berechnet, den Roman auf keine Weise für die Herbsthefte versprechen kann oder zu versprechen wage.

Auf die Sache, welche ich jetzt für den Russkij Wjestnik schreibe, baue ich grosse Hoffnungen, aber nicht vom künstlerischen Standpunkt aus, sondern von dem derTendenz. Ich habe Lust einige Gedanken herauszusagen, sollte dabei auch mein Künstlertum zu Grunde gehen. Aber es drängt mich, was sich alles in Geist und Herz bei mir aufgehäuft hat; mag ein Pamphlet daraus werden, ich spreche mich doch dabei aus. Ich hoffe auf Erfolg — übrigens, wer setzt sich denn zum Schreiben, ohne auf Erfolg zu hoffen?“ Weiter heisst es: „Ich beendige bald, was ich für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, und werde mich mit Wollust zum Roman setzen. Die Idee zu diesem Roman lebt in mir schon drei Jahre, allein früher fürchtete ich mich im Auslande daran zu gehen; ich wollte dazu in Russland sein. Nun ist in drei Jahren vieles reif geworden, der ganze Plan des Romans; und ich denke, dass ich den ersten Teil desselben, d. h. jenen, welchen ich für die „Zarjá“ bestimmt, auch hier beginnen kann, da die Handlung viele Jahre früher beginnt. Beunruhigen Sie sich nicht darüber, dass ich von einem „ersten Teil“ spreche. Die ganze Idee verlangt einen grossen Umfang, mindestens einen so grossen, wie Tolstojs Roman „Krieg und Frieden“. Aber, das wird fünf abgesonderte Romane bilden, und zwar so abgesonderte, dass einige davon (mit Ausnahme der zwei mittleren) sogar in verschiedenen Zeitschriften, als ganz selbständige Erzählungen oder, einzeln herausgegeben, als ganz vollständige Dinge werden erscheinen können. Der Gesamtname übrigens wird sein: „Das Leben eines grossen Sünders“, während die einzelnen Teile ihre besonderen Titel haben werden. Jeder Teil (d. h. Roman) wird nicht mehr als fünfzehn Bogen haben. Zum zweiten Teil muss ich schon in Russland sein. Die Handlung dieses Teils wird in einem Kloster vor sich gehen, und obwohl ich das russische Kloster vortrefflich kenne, so muss ich dennoch dazu in Russland sein. Ich würde überaus gern des näheren mit Ihnen darüber sprechen, aber was sagt man denn schriftlich? Ich sagenoch einmal, für dieses laufende Jahr kann ich nichts versprechen; drängt Ihr mich nicht, so bekommt Ihr eine gewissenhafte Arbeit, vielleicht sogar eine gute. Wenigstens habe ich aus dieser Idee das Ziel meiner ganzen künftigen litterarischen Laufbahn gemacht, denn ich darf nicht länger als auf 6-7 Jahre Leben und Arbeit rechnen.

Möge die „Zarjá“ nicht unwillig darüber werden, dass sie neun Monate voraus Geld hergiebt; ich habe manchmal auch zwei Jahre voraus Geld bekommen .... um Eines bitte ich Sie ernstlich, Nikolai Nikolajewitsch, — wenn die Sache sich machen lässt, so benachrichtigen Sie mich, als alten Freund und Mitarbeiter, so schnell als möglich. Mein Elend wächst in solcher Weise, dass ich keine Zeit verlieren kann, um endlich sicher zu sein. Ich habe für Frau und Kinder zu sorgen und brauche ausserdem Ruhe und Sicherheit ....

Das Märzheft der „Zarjá“ habe ich mit grossem Vergnügen durchgelesen. Ich erwarte daher mit Ungeduld die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles darin zu erfassen. Ich ahne, dass Sie H. hauptsächlich als Westler darstellen und vom Westen im Gegensatz von Russland sprechen wollen; ist es so?“ N. Strachow erläutert hier in einer Fussnote, dass es sich um seinen Artikel „Herzens litterarische Thätigkeit“ handle, dessen erster Teil in der dritten Nummer der „Zarjá“ im März 1870 erschienen war .... „Sie haben“, fährt Dostojewsky fort, „sehr treffend Herzens Hauptgesichtspunkt hingestellt — den Pessimismus; aber erklären Sie seine Zweifel (wer ist schuldig usw.) für unlösbar? Sie umgehen das, wie es scheint, und, wie es mir scheint, darum, weil Sie ganz speziell Ihren Hauptgedanken aussprechen wollen. In jedem Falle erwarte ich mit fieberhafter Ungeduld die Fortsetzung des Artikels; es ist ein allzu brennendes und zeitgemässes Thema. Wie wird das aber sein, wenn Sie beweisen werden, dassHerzen früher als viele andere gesagt hat, dass der Westen in Fäulnis begriffen ist? Was werden die Westler aus Granowskys Zeit dazu sagen? Ich weiss nicht, ob das bei Ihnen herauskommen wird, ich rate nur, nebenbei gesagt, obwohl ich in das Thema Ihres Artikels gar nicht eingehen will. Finden Sie nicht, dass es noch einen Gesichtspunkt für die Bestimmung und Feststellung des Wesentlichsten in Herzens grosser Thätigkeit giebt: nämlich den, dass er immer und überall vor allem Poet war. Der Poet hat in ihm überall, in allem, in seiner ganzen Thätigkeit die Oberhand. Er ist als Agitator: Poet, Politiker: Poet, Sozialist: Poet, als Philosoph im höchsten Grade: Poet. Das ist die Eigenart seiner Natur. Mir scheint, es könnte vieles in seiner Thätigkeit, sogar durch seinen Leichtsinn und seinen Hang zum Calembourg, auch in den höchsten sittlichen und philosophischen Fragen erklärt werden — was nebenbei gesagt, in ihm sehr widerwärtig ist.

Die Frauenfrage (Februarheft) haben Sie, meiner Ansicht nach, vortrefflich disponiert. Ihre Frage: warum ich in der „Zarjá“ ungenügendes Selbstvertrauen gefunden habe, will ich beantworten. Ich habe mich vielleicht nicht genau ausgedrückt, aber hören Sie: Sie sind allzu, allzu weich. Für diese Leute muss man schreiben die Peitsche in der Hand. In vielen Fällen sind Sie zu gescheit für sie. Würden Sie etwas zorniger, gröber über sie herfallen, so wäre es besser. Nihilisten und Westler brauchen definitiv die Peitsche. In den Aufsätzen über Tolstoj flehen Sie sie gleichsam an, Ihnen beizustimmen; in dem letzten Tolstoj-Artikel aber verfallen Sie in eine Art Niedergeschlagenheit und Entzauberung, gerade da, wo nach meiner Ansicht der Ton triumphierend und freudig bis zur Frechheit sein sollte. Nun, was glauben Sie — werden sie wirklich Ihren feinen brillanten Humor in denBriefen des Kosiza verstehen? — — Mit einem Wort: in einem solchen Tone nicht zu schreiben — ist Ihnen unmöglich; denn dieser Ernst, diese Liebe und Achtung für die Sache ist jetzt der Ton des Blattes, dieser Ton ist ein hoher, was sowohl schön ist, als auch den Kern der „Zarjá“ ausmacht. Allein manchmal muss man, denke ich, den Ton herabstimmen, die Peitsche in die Hand nehmen, nicht nur um sich zu verteidigen, sondern um viel gröber darein zu fahren. Das ist’s, was ich unter Selbstvertrauen verstand. Übrigens — vielleicht urteile ich falsch, vom Zorn geleitet. Die zwei Zeilen über Tolstoj, mit denen ich nicht ganz einverstanden bin, sind die, wo Sie sagen, dass Tolstoj allem gleichkommt, was nur Grosses in unserer Litteratur vorhanden ist.“ Hier folgt jene Stelle über Tolstoj, welche wir gelegentlich der Besprechung von Dostojewskys Kunst-Anschauungen anführten.

Einen Tag später, am 25. März 1870, nimmt Dostojewsky das Thema seines Romans in einem Briefe an Apollon N. Maikow, seinen ältesten und durch Bande persönlicher Freundschaft mit ihm verknüpften Jugendbekannten, wieder auf, dem er mehr über seine Pläne anzuvertrauen sich gedrungen fühlt. Nach einer Entschuldigung über sein langes Schweigen beginnt der Dichter mit der Aufzählung der ihn hindernden Leiden in der Fremde: „Erstens die Arbeit, zweitens aber die Gesundheit und die Ängstlichkeit, welche durch die Vereinsamung entstanden ist. Angst um die Gesundheit; ich hatte grosse Unruhe. Das Herz schlug sehr unregelmässig, und ich habe keinen Schlaf. Ich ging also doch zu einem Arzt, einem der berühmten Professoren; er hat mich ganz untersucht: durchaus nichts, nur Nerven, aber diese sind arg zerrüttet. Im Sommer sollte man von Dresden weg irgend wo hinausfahren, an das Meer etwa,ein wenig baden. Auch für die Frau wäre es gut — besser als alles wäre, ohne Widerrede, die Luft der Heimat; und alles, was Sie mir darüber in Ihrem Briefe sagten, ist goldene Wahrheit, Wahrheit über alle Wahrheiten. Aber, Apollon Nikolajewitsch, wissen Sie denn nicht, warum ich nicht zurückkehre und dieses verfluchte Ausland nicht fahren lasse? Wie kann ich denn ankommen und sofort in den Schuldarrest eintreten? Bis zu einem gewissen Zeitpunkt kann ich auf keine Weise zurückkehren; und denken Sie denn, dass ich nicht selbst Heimweh habe und mich nicht selbst mit ganzer Seele nach Russland sehne? Und wie meiner Frau bangt! Ist es mir denn heiter zu Mute, ihr Heimweh anzusehen?

Nicht genug an dem; ich weiss es apodiktisch, aus Fakten, dass meine Angelegenheiten in ökonomischer Beziehung dort dreimal besser stünden, als sie hier stehen. Diesbezüglich will ich mich endgiltig mit Ihnen aussprechen. Ich schwöre Ihnen, teurer Freund, dass ich mich nicht daran stossen wollte, dass man mich unbedingt in den Schuldarrest setzt — ich habe wohl schon anderes in meinem Leben gesehen! Ich sässe ein Jahr ab und kaufte mich los. Allein ich weiss, dass, wenn das früher (noch vor fünf Jahren) möglich war, es jetzt — das weiss ich ganz sicher — unbedingt unmöglich wäre. Mit meiner Gesundheit halte ich auch ein halbes Jahr Arrest nicht aus, und was die Hauptsache ist: arbeiten könnte ich nichts. Themata habe ich zum Schreiben — einen Haufen. Über das Schreiben hier in der Fremde aber reden Sie goldene Worte; ich werde thatsächlich abgetrennt, — nicht vom Zeitalter, nicht von der Kenntnis dessen, was bei Euch vorgeht — ich weiss das wahrhaftig besser als Sie, denn ich lese täglich drei russische Zeitungen, bis auf die letzte Zeile, und erhalte zwei Monatsschriften — aber von dem lebendigen Quelldes Lebens werde ich abgetrennt; nicht von der Idee, sondern von ihrem Fleisch und Blut. Dieses aber, ach! wie sehr beeinflusst es die künstlerische Arbeit! Alles dies ist wahr, aber wie soll ich’s machen?“ ...

Und weiter: „Übrigens werde ich im Sommer ernstlich darüber nachdenken, wenn sich irgend eine Möglichkeit bietet. Jetzt arbeite ich für den „Russkij Wjestnik“. Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den „Hahnrei“ in die „Zarjá“ gegeben, habe ich mich bei jenen in eine zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so muss ich für jene das vollenden, was ich jetzt schreibe. Ja, es ist ihnen auch fest von mir zugesagt worden; in der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher Mensch. Das, was ich schreibe, ist eine tendenziöse Sache — ich habe das Bedürfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen. Da werden die Nihilisten und Westler über mich zu schreien anfangen, dass ich ein Reaktionär bin! Der Teufel sei mit ihnen — ich aber will mich bis aufs letzte Wort aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich stecke? Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg haben oder nicht? Bald scheint es mir, dass es ausserordentlich gut ausfällt und ich aus einer zweiten Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass es ganz misslingt.“ [Es ist immer von den „Besessenen“ die Rede.] „Aber lieber ist es mir, ich falle ganz durch, als ich habe einen mittelmässigen Erfolg. Sie haben mir eins mit einem Knüttel aufs Haupt versetzt mit Ihrer Bemerkung über die „Anstrengungen der Vorstellungskraft“, die Sie im „Hahnrei“ gefunden haben. Was hat mir das für Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne Hoffnung auf Erfolg ist es unmöglich mit Feuer zu arbeiten. Ich aber arbeite mit Feuer — folglich hoffe ich.“

Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung der geschäftlichen Lage des Dichters,welche mit den Worten beginnt: „Indessen aber bin ich jetzt in einer fürchterlichen Lage (Mister Micowber). Kein Heller Geld“ usw. Dann fährt er fort: „Das, was ich jetzt für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, vollende ich sicherlich in drei Monaten. Dann, nach einem Monat Pause, würde ich mich zur Arbeit für die „Zarjá“ setzen. Ich habe jetzt 1½ Jahre in continuo nichts gearbeitet (den „Hahnrei“ zähle ich nicht), und das Schreiben ermüdet mich jetzt. Über dem, was ich für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, werde ich nicht abgespannt werden; dafür verspreche ich der „Zarjá“ eine gute Sache.

Es sind schon zwei Jahre, dass sie für die „Zarjá“ in meinem Kopfe reift. Es ist dieselbe Idee, über welche ich Ihnen schon geschrieben habe: dies wird mein letzter Roman sein. Der Umfang von „Krieg und Frieden“; die Idee würden Sie gut heissen — soweit ich wenigstens nach meinen ehemaligen Gesprächen mit Ihnen schliesse. Dieser Roman wird aus fünf grossen Erzählungen bestehen, jede 15 Bogen stark. Die Erzählungen werden von einander vollkommen unabhängig sein, sodass jede einzelne verkauft werden kann. Die erste Erzählung bestimme ich eben für Kaschpirew [die „Zarjá“]; hier ist die Handlung aus den vierziger Jahren. Der gemeinsame Titel ist: „Das Leben eines grossen Sünders“, aber jede Erzählung wird ihren besonderen Namen haben. Die Hauptfrage, welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe, mit der ich mich, bewusst und unbewusst, mein Leben lang herumgequält habe — das Dasein Gottes. Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald ein Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder Atheist.

Die zweite Erzählung wird in einem Kloster spielen. Auf diesen zweiten Teil habe ich alle meine Hoffnungen gesetzt. Vielleicht sagt man dann endlich, dass ich nichtnur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein will ich beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzählung Tichon Zadonsky[28]als Hauptfigur hinstellen, natürlich unter einem anderen Namen, aber auch als Oberpriester, der seinen Ruhestand im Kloster verlebt. Ein 13jähriger Knabe, welcher an der Vollführung eines Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt (ich kenne diesen Typus), der künftige Held dieses Romans, wird von den Eltern im Kloster untergebracht (unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts wegen. Das Wölflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon zusammen (Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes Wesen). Hierher auch, setze ich Tschaadajew[29](natürlich auch unter anderem Namen). Warum soll Tschaadajew nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er habe es nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die Ärzte jede Woche begutachteten, nicht ausgehalten und z. B. im Ausland in französischer Sprache eine Broschüre gedruckt — es wäre ja sehr möglich, dass man ihn dafür auf ein Jahr ins Kloster gesetzt hätte. Zu Tschaadajew können auch andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B., Granowsky, sogar Puschkin. (Ich habe ja, wie Sie wissen, keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus in den Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky, Golubow und der Mönch Parfeny. In dieser Welt bin ich ein Kenner, ich kenne das russische Kloster von Kindheit an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon und der Kleine. Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teilesmit. Ich erzähle niemals irgend jemand meine Themen voraus, mir ist, als müsste ich mich schämen; Ihnen aber beichte ich. Für andere mag das keinen Groschen wert sein, für mich ist’s ein Schatz. Über Tichon sprechen Sie nicht. Über das Kloster habe ich an Strachow geschrieben, aber über Tichon nicht. Vielleicht führe ich da eine grossartige, unbedingt heilige Figur aus. Das ist schon kein Kostanschoglo[30], kein Deutscher (habe den Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows und Rachmetows[31]. Allerdings, ich werde nichts erschaffen, sondern nur den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor langer Zeit mit Entzücken in mein Herz genommen. Aber ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als eine wichtige That anrechnen. Sagen Sie’s also niemand.

Für den zweiten Teil jedoch, für das Kloster, muss ich in Russland sein. Ach, wenn es gelänge! Die erste Erzählung aber — bringt die Kindheit des Helden. Natürlich nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde schreiben; ich schlage dies der „Zarjá“ vor. Sollten sie ablehnen? Ja, und 1000 Rubel, Gott weiss, wie wenig das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln, werden sie alles und alle aus der Hand lassen. Übrigens ist’s ihre Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben und so schnell als möglich um Entscheidung gebeten. Sonst muss ich ohne Verzug etwas anderes unternehmen“ usw.

Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines „letzten Romans“ [der ja wirklich sein letzter geworden ist] seinem Freund Maikow „beichtet“, in Verbindung mit seinen früheren Andeutungen über den Atheismus unddem endlich vor uns erstehenden grössten Roman Dostojewskys „Die Brüder Karamasow“, empfangen wir ein ziemlich deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, wie viele Wandlungen die Ausführung, ja sogar die Fabel im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh jedoch die Grundidee festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil wirklich offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden erst Atheist, dann frommgläubig, fanatisch und wieder Atheist werden zu lassen, hat er indessen niemals ganz ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters als auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew mitteilte, hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung des Romans als Abschluss von des Helden Lebensweg geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich der Besprechung dieses Werkes zurück. Aber auch schon in den ersten Teilen des Romans scheint der Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben. Die „Verderbtheit“ des jungen Helden hat er da in eine Zeit vor dem Roman verlegt, in das zarte Alter, da junge Wesen ohne Sünde sündigen, sodass uns allerdings in seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die Verkörperung des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese bildet Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über die Kinder und der Teufelshallucination, während Sosima die beglückende Synthese in sich darstellt. In den „Memoiren aus einem Totenhause“ hat Dostojewsky den Eindruck der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch bei der Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb unbewusst mag vorgeschwebt haben. Allerdings hat die Bedachtsamkeit des Schaffenden es nicht unterlassen, das lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen KaramasowschenAtridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde nicht sofort an Aljoscha erinnert?

Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: „Über den Nihilismus ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, bis diese oberste Schichte jener, die sich vom Boden Russlands abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen Sie was? Mir kommt’s oft in den Sinn, dass viele von diesen nämlichen, niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus ihnen wirkliche, feste, russische Ur-Nationale werden. [Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort: „Potschwenniki“ bedeutet genauer: „am nationalen Boden Haftende“; die Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] Nun, die übrigen — mögen sie verwesen. Es wird damit enden, dass auch sie verstummen, in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie immer!“ — —

Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: „Ich danke Ihnen für Ihren Brief, mein Bester. Sie schreiben immer so kurze Briefe, welche aber die Eigentümlichkeit haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens denke ich so: wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe bei uns in der ganzen Litteratur ja gar niemand, welcher die Kritik als eine ernste und streng unentbehrliche Sache ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken Schreibenden, welcher die Notwendigkeit einer regelrechten philosophischen Betrachtung gegenwärtiger und vergangener Dinge (und die Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich also auch die Kritik, d. h. seine eigene Arbeit würdigte. Und so haben Sie vor allem diesen strengen und philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht haben, was die „Zarjá“ zur einzigen Zeitschrift stempelt, die eine Kritik und die richtige Anschauung dafür hat.Wenn also auch nur dies für Euch spräche, so wäre das schon ungeheuer viel.

Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: dass die Einflüsse nicht schnell zu Tage treten, dass der Unsinn unserer heutigen Gesellschaft doch einen Sinn hat, d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz, und dass Sie endlich nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die unmittelbare Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, ob sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind, „die ohne Sie auch schon so gedacht haben“. Das ist nicht richtig.

Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein gewisses Mass für die Beurteilung Ihres Einflusses: die Zeitschrift „Zarjá“ ist vor allem ein Blatt für Tendenz und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis 3 Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum ausdrücken, damit aber unzweifelhaft auch den Einfluss der Kritik, weil diese der Hauptzug des Blattes ist, ihre besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese Weise spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus.

Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie würden Struwe loben! Wenigstens um der guten Absicht willen. In der Philosophie bin ich etwas schwach (aber nicht in der Liebe zu ihr; da bin ich stark). Übrigens hat mir selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die Materialität der Seele herausgeschienen. Die Dissertation aber war mir hauptsächlich darum interessant, weil ich ahnte, dass dies gerade die gegenwärtige, neueste Denkweise der deutschen Philosophie sei. Allein wissen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja für einen zurückgebliebenen Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet, während bei ihnen schon lange das Schiessgewehr im Gang ist. Was mich betrifft, so habe ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss gelesen.Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben. Ihre Litteratursprache ist schöner, als die aller anderen. Das aber, Sie mögen sagen, was Sie wollen, kann endlich nicht anders als bemerkt werden. Ich habe mich sehr darüber gefreut, wie Sie sich verächtlich gegen die gegenwärtige Manier des Philosophierens verhalten, und würde es sehr wünschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was für ein ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen Litteratur! Die Unordnung und Verwirrung in den Ideen — nun, Gott mit ihnen — die musste ja kommen; aber dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit, welche Trivialität! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter fester Gedanke, was immer für einer, wenn auch ein falscher! Was sind das für Philosophen, was für Feuilletonisten. Der reine Quark. Dafür giebt es aber Einzelne, welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen — und so geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur einmal diese Einheiten die Albernheit des Publikums überwältigen, und Sie werden sehen, dass es endlich ihren Ton annimmt. Apropos: wer ist der junge Professor, der mit seinen Leitartikeln im „Golos“ Katkow vollkommen geschlagen hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest? Den Namen dieses Glücklichen! Schreiben Sie mir ihn, um alles, so schnell als möglich teilen Sie ihn mit!“[32]

„Ja, noch eins“ — heisst es im nächsten Briefe — „ich wollte Sie schon lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo Tolstoj persönlich? Wenn Sie ihn kennen, bitte, schreiben Sie mir, was es für ein Mensch ist. Es ist mir ungemein interessant, irgend etwas über ihn zu erfahren. Ich habe sehr wenig über ihn als Privatperson erfahren.

Ich schreibe für den „Russkij Wjestnik“ mit grossem Eifer und kann durchaus nicht erraten, was herauskommt.Noch niemals habe ich ein solches Thema, niemals etwas in dieser Art aufgenommen. — Dabei quäle ich mich mit dem Gedanken ab, um meine Übersiedlung nach Russland einzurichten; ich werde alle Kräfte daran setzen. Ach, es ist mir so unerträglich, in der Fremde zu leben, dass ich es gar nicht wiedergeben kann!

Von den mir gesandten 500 Rubeln — heisst es weiter — liess ich mir nur das Nötige bis zum 15. Mai übrig. Da sind nun aber zwei Wochen darüber hinaus vergangen; die Miete, der Krämer, der tägliche Unterhalt, alles ist ins Stocken geraten; zum Überfluss ist noch das Kind erkrankt, und der Arzt kommt ins Haus. Sie können sich nicht vorstellen, wie das auf meine Beschäftigung Einfluss nimmt, von allem anderen gar nicht zu sprechen. Ich bin manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz unfähig. Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen 100 Rubel monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen ist, was wird dann in der Folge mit den anderen Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es Sommerszeit, alles ist auf dem Lande, es ist völliger Stillstand; mich wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter auf irgend eine Sendung ausser der „Zarjá“ rechnen. Was soll ich also thun? Dann soll man mir aber keine Vorwürfe machen, wenn auch ich nicht pünktlich bin. Ich schwöre Ihnen, wie lächerlich es auch sei, dass die Pünktlichkeit der Sendung für mich fast wichtiger ist als das Geld selbst. Am Ende kommt doch irgend welches Geld von irgend wo an; aber die Ruhe, die Möglichkeit sich von Sorgen zu befreien, wenn auch nur für die Zeit der Arbeit — kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert“ usw. ...

„Ich habe hier zufällig den heurigen Jahrgang des „Wjestnik Ewropy“ in die Hand bekommen und alle Nummern durchgesehen. Ich war verblüfft. Ist es denn möglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmässigkeit— wenn man etwa die „bulgarische nordische Biene“ ausnimmt — einen solchen Erfolg haben konnte (6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da sehen Sie, was es heisst, allen zu Gehör reden. Was für eine Anpassung an die Meinung der Gasse, die allerletzte Schablone des Liberalismus! Das also, heisst das, hat bei uns Erfolg! Die Ausgabe ist übrigens geschickt: am ersten jeden Monats und — Schriftsteller in Fülle. Ich habe unter anderem „Die Hinrichtung Tropmans“ von Turgenjew durchgelesen. Sie können anderer Meinung sein — mich aber hat dieser aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht. Warum wird er immer verwirrt und behauptet, kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn er nur als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. — Aber kein Mensch, der auf der Erdoberfläche lebt, hat das Recht, sich abzuwenden und das zu ignorieren, was auf der Erde vorgeht, und dafür giebt es die höchsten sittlichen Gründe. „Homo sum et nihil humanum“ usw. ... das Komischste von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten Moment es nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet: „Seht, meine Herren, wie zart ich erzogen bin! Ich habe es nicht aushalten können!“ Übrigens giebt er sich ganz aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis ist — eine schreckliche, bis zur äussersten Kleinlichkeit getriebene Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit und die eigene Ruhe, und das alles angesichts eines abgeschlagenen Hauptes. Speien soll man übrigens auf sie alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte Turgenjew für den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen Schriftsteller — was immer Sie auch „in Sachen Turgenjews“ schreiben mögen. — Sie müssen schon verzeihen. — —

Anna Grigorjewna grüsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen, sowohl durch das Stillen des Kindes als durch die Sorgen. Und auch noch diese Verdriesslichkeiten!“

Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten spricht Dostojewsky (21. Oktober 1870) seine Freude über den wieder aufgenommenen Briefwechsel aus: „Niemals habe ich Menschenverkehr so sehr gewürdigt, als jetzt in meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im Herbste nach Petersburg zurückzukehren, hat sich nicht erfüllt; die Mittel waren ungenügend. Wir mussten uns entschliessen, sie abermals bis zum Frühling zu verschieben und uns noch einen Winter in Dresden durchzuquälen.

Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich buchstäblich, ohne den Kopf zu erheben, hinter meinem Roman für den „Russkij Wjestnik“ sitze. Es ging so schlecht von statten, es musste vieles so oft umgearbeitet werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um mich zu schauen, ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben habe. Und das ist ja erst der allererste Anfang! Allerdings ist schon viel aus der Mitte des Romans aufgeschrieben, vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel, versteht sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch über dem Anfang. Ein schlechtes Zeichen; und dennoch möchte man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und Manier müssten sich bei einem Künstler ganz von selbst erzeugen; das ist wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen und suchst sie. Mit einem Wort, niemals hat mir irgend etwas grössere Mühe gemacht. Anfangs, d. h. zu Ende des vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine herausgequälte, gemachte Sache von oben herab. Später kam wirklich Begeisterung über mich. Abermalige Veränderung: es tauchte noch eine neue Persönlichkeit mit der Prätension auf, der wirkliche Held des Romans zu werden, sodass der erste Held — eine interessante, doch den Namen Held nicht rechtfertigende Figur — auf den zweiten Plan zustehen kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass ich abermals an die Umarbeitung ging. Und nun, da ich schon den Anfang an die Redaktion des „Russkij Wjestnik“ gesandt habe — bin ich plötzlich erschrocken: ich fürchte ein Thema gewählt zu haben, das über meine Kraft geht; ernstlich fürchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja den Helden nicht aufs geradewohl eingeführt. Ich habe seine ganze Rolle voraus im Plan des Romans aufgeschrieben (mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der ganz und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht aus Erwägungen besteht. Darum, denke ich, wird eine Persönlichkeit herauskommen, ja vielleicht eine neue. Ich hoffe, aber ich fürchte! Es ist endlich Zeit, auch irgend etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz hinein. Wie immer es ausfallen möge, es heisst schreiben: denn mit diesen Umarbeitungen habe ich überaus viel Zeit verloren und schrecklich wenig geschrieben.

Über den „Wjestnik Ewropy“ und seine Erfolge ist nichts zu sagen, als dass es das Blatt der Petersburger Beamten und allen mundgerecht ist (im trivialen, nicht im populären Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel über Polonsky hat mir ungemein gefallen. Unbestreitbar ist es ein wichtiges Thema: worin die eigentliche Poesie besteht. Aber es wäre, scheint mir, noch besser, wenn Sie sich darüber ausgebreitet hätten, was eigentlich die falsche, gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai Nikolajewitsch, dass das jetzige Publikum lange nicht mehr das ist, was es zur Zeit unserer Jugend gewesen. Der jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue auseinandersetzen. Seien Sie etwas härter, damit werden Sie anderen und sich viel Nutzen bringen. Übrigens — was lehre ich Sie denn! Sie sind mir eben teuer. Nicht umsonst schneide ich zu allererst Ihren Artikel im Buche auf; der Tag, andem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist ein Feiertag für mich.

Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser Gesundheit nicht rühmen — das ist das Zuwidere! Jetzt kommt für mich ein Winter angestrengter Arbeit bei Tag und Nacht. Ich will bis zum Frühling alles bewältigt haben. Das ist die einzig mögliche Art zu arbeiten: nämlich ohne aufzuatmen — sonst kommt man nicht zu Ende. Ich führe ein langweiliges und äusserst regelmässiges Leben. Ich mache täglich einen Spaziergang, lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner Meinung werden alle diese gegenwärtigen, erschütternden Ereignisse eine unmittelbare Einwirkung auch auf unser russisches Leben haben, also auch auf die Litteratur. In jedem Falle sind es ungewöhnliche Zeiten. Ich denke nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem Falle gewinnen; aber wenn man liest, z. B. russische Zeitungen, so fühlt man, bis zu welchem Grade das alles frühreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den „Moskowskija Wjedomosti“ natürlich. Werden Sie mir nicht irgendwie antworten, teurer Nikolai Nikolajewitsch? Beglücken werden Sie mich. Ich aber verspreche, dass ich pünktlich sein werde.“

Im nächsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der Dichter seine Klage über die Schwierigkeiten, die er bei der Arbeit des Romans zu bekämpfen habe. Es ist dies der Roman „Die Besessenen“, dessen wir schon wiederholt erwähnten.


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