Nun finden wir eine grosse Lücke in der Korrespondenz. Der nächste Brief an Maikow ist nach einem Zeitraum von sechs Monaten geschrieben. In diese Zeit fällt die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so sehr beglückt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz über ihren drei Monate später erfolgten Tod ersehen. Eine Reihe intimer Briefe aus jener Zeit ist teilweise in Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand gegeben worden. In dem rein geschäftlichen Briefe vom 21. April1868 wird nur an einer Stelle des Kindes erwähnt: „Einzig und allein das Kind zerstreut uns beide, — aber es ist eine quälende Freude — wenn Du in die Zukunft blickst — ach!“
Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust des Kindes schon den ganzen Brief. „Meine Sonja ist gestorben, vor drei Tagen haben wir sie begraben. Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst, dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor der Katastrophe gesagt, dass ihr besser sei und dass sie leben werde. Sie war im ganzen eine Woche krank — eine Lungenentzündung war’s. Ach, Apollon Nikolaewitsch! mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lächerlich gewesen sein, mag ich mich doch lächerlich in meinen vielen Antwortschreiben auf die Glückwünsche darüber ausgedrückt haben! Es war ja nur ich, der für sie lächerlich war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben fürchte ich mich nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so armselig, so klein — für mich war es schon eine Persönlichkeit und ein Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen, lieb zu haben, sie lächelte, wenn ich auf sie zukam. Wenn ich ihr mit meiner komischen Stimme Lieder sang, so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie küsste; sie hat zu weinen aufgehört, wenn ich zu ihr trat. Und nun sagen sie mir zum Troste, ich würde noch andere Kinder haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige Persönlichkeit, um derentwillen ich, offen spreche ich’s aus, die Kreuzmarter auf mich nähme, wenn sie nur leben würde? Nun — lassen wir das, meine Frau weint. Übermorgen werden wir uns endlich von unserem kleinen Grabhügel trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna (Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine Woche vor des Kindes Tode gekommen.“
„Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von Sonjas Krankheit, habe ich gar nicht arbeiten können. Abermals habe ich eine Entschuldigung an Katkow geschrieben, und im Maiheft des „Russkij Wjestnik“ werden abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe jetzt Tag und Nacht ununterbrochen arbeiten zu können, und vom Juniheft angefangen wird der Roman wenigstens anständig erscheinen.“ (Es handelt sich um den „Idiot“.)
Im nächsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an Maikow gerichtet ist, entschuldigt sich der Dichter über sein langes Schweigen damit, dass er trotz vieler Anfälle und grosser Erschöpfung thatsächlich Tag und Nacht gearbeitet habe. Wieder auf seinen Verlust zurückkommend sagt er noch einmal: „Niemals bin ich unglücklicher gewesen, als in dieser ganzen letzten Zeit. Ich will Ihnen nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit vorschreitet, umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die Augen. Es giebt Minuten, die ich nicht ertragen kann. Sie hat mich schon gekannt, sie hat mich an ihrem Todestage — als ich aus dem Hause ging, um die Zeitungen zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben würde — da hat sie mir so mit ihren Äuglein nachgeschaut, dass ich es bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher sehe. Nie werde ich das vergessen und niemals werde ich aufhören, mich darüber zu quälen! Wenn auch ein anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich es lieben werde, wo ich Liebe dafür aufbringe, ich brauche Sonja! Ich kann nicht begreifen, dass sie nicht da ist und ich sie niemals mehr sehen werde.“
In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf ihn „nicht böse sei“, schreibt er am 19. August nach einer Klage darüber, dass er keine Antwort erhalten habe: „Dafür giebt es wohl zwei Gründe: 1. Sie sind auf michüber etwas böse geworden, 2. es ist entweder mein Brief oder der Ihre in Verlust geraten.“
„Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache: Ihr Brief (der letzte, vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen kann, dass es möglich wäre, nach so herzlichen Gefühlen gegen mich, plötzlich wieder böse auf mich zu werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in Verlust geraten ist. Die Petersburger Polizei öffnet und liest alle meine Briefe, und da der Genfer .... allen gegebenen Daten nach (bemerken Sie wohl, nicht Annahme, sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste leistet, so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem er in geheimer Verbindung steht — wie ich sicher weiss — einige meiner Briefe zurückgehalten worden. Schliesslich habe ich ein anonymes Schreiben erhalten, das mir mitteilt, ich werde verdächtigt (weiss der Teufel wessen verdächtigt), und dass befohlen worden sei, meine Briefe zu eröffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich sie passiere, um mich unvermutet und strengstens zu visitieren. Darum glaube ich fest, dass Ihnen entweder mein Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist. (NB. Aber wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen bis zur Abwendung von seinen früheren Überzeugungen hingegeben hat, der den Kaiser vergöttert — wie soll er Verdächtigungen etwa einer Beziehung zu irgend welchen Polaken oder dem Kolokol[27]ertragen ...! Unwillkürlich sinken einem da die Hände, die ihnen dienen wollten. Wen haben sie nicht alles von den Schuldigen bei uns übersehen, und den Dostojewsky verdächtigen sie!)“
An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass Dostojewsky dieses „Nichtglauben an das böse sein“mehr als Festigung für sich gesagt habe, denn als einen Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: „Apollon Nikolajewitsch, mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit, bei dem Gedanken, dass Sie böse auf mich sind!
Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fällen: sind Sie böse, so erklären Sie die Ursachen, und sind Sie es nicht, so schreiben Sie, dass Sie mich lieben.“
Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist Kommentar für vieles im Leben und in den Werken des Dichters.
„Mit dem Roman“, fährt er fort, „bin ich unzufrieden bis zum Ekel. Ich habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt, konnte aber nichts machen: Die Seele ist krank. Jetzt will ich die letzten Anstrengungen für den dritten Teil machen. Verbessere ich den Roman — erhole ich mich selbst; wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese ganze Zeit unglücklich gewesen. Sonjas Tod hat mich sowohl als meine Frau heruntergebracht. Meine Gesundheit ist nicht gut: Anfälle, das Klima von Vevey verstimmt die Nerven“, hiess es an anderer Stelle. —
Der nächste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist schon vom 7. Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen Entschuldigungen über sein längeres Schweigen kommt Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines Missverständnisses zu sprechen, die übrigens auch Maikow seinerseits zu teilen scheint. Dies redet er jenem aus: „Nein, mein Herz ist anders geartet, und sehen Sie, wir haben einander vor 22 Jahren kennen gelernt (zuerst bei Belinsky, erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das Leben viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit seinen Variationen manchmal verblüfft, zuletzt aber, jetzt in diesem Augenblick — sind ja nur Sie da, d. h. der einzige Mensch, an dessen Herz und Seele ich glaube, denich liebe und mit dessen Ideen und Überzeugungen die meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders sein, als dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener Bruder? Ihre Briefe haben mich erfreut und ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein sehr trauriger. Auch hat mich vor allem die Arbeit gequält und erschöpft. Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3½ Druckbogen im Monat schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem Leben, nichts von russischen Eindrücken ringsherum; für meine Arbeit war das aber von jeher unentbehrlich. Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans loben, seine Ausführung war bis jetzt nicht eine glänzende. Es quält mich der Gedanke sehr, dass, könnte ich einen Roman voraus, etwa ein Jahr voraus schreiben, und hätte dann zwei bis drei Monate zu Reinschrift und Korrekturen vor mir, ganz etwas anderes herauskäme — dafür stehe ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe ich es deutlich.“
Weiter heisst es dann: „Mein hiesiges Leben wird mir schon allzu schwer. Gar nichts Russisches, nicht ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun schon volle sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu völlige Vereinsamung. Im Frühling, als wir Sonja verloren hatten, übersiedelten wir nach Vevey, dorthin kam auch Anna Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey reizt die Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts erkrankte sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und nun sind wir vor zwei Monaten über den Simplon nach Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber das Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem — tötliche Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt sie sich nach Russland, und wir beide weinen um Sonja. Wir leben trübselig und klösterlich. Anna Grigorjewnas Charakter ist empfänglich, thätig; hier kann sie sich mitnichts beschäftigen. Ich sehe, dass sie sich grämt, und obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor 1½ Jahren, so drückt es mich doch, dass sie mit mir in einer so traurigen Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr schwer zu tragen. In der Perspektive steht weiss Gott was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wäre, so wäre ich freier. Nach Russland zurückkehren, daran ist schwer zu denken — keinerlei Mittel. Das heisst soviel als: hinkommen und in den Schuldenarrest hineinfallen. Aber dort bin ich ja nicht mehr ein Arbeitsmensch. Gefängnis ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht, folglich werde ich im Gefängnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde ich leben? Wenn mir die Gläubiger ein Jahr Ruhe liessen — sie haben mir aber durch drei Jahre keinen ruhigen Moment gelassen —, so würde ich dazu kommen, ihnen nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld abzutragen. Wie bedeutend auch meine Schulden sind, so sind sie doch nur ein Fünftel dessen, was ich schon mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch fortgefahren, um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des „Idioten“ Sprünge bekommen. Wenn er auch einen gewissen Wert hat oder haben wird, so ist wenig Effekt darin; Effekt aber ist für die zweite Auflage unumgänglich notwendig, auf die ich noch vor wenigen Monaten blind rechnete und die etwas Geld eintragen könnte. Jetzt, da der Roman noch nicht einmal vollendet ist, ist an eine zweite Auflage gar nicht zu denken. Käme ich nach Russland, wüsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen sollte; hab’ ich doch seinerzeit genug verdient! Hier aber werde ich stumpf, begrenzt, entferne mich im Geiste von Russland; keine russische Luft, keine Menschen! Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon gar nicht begreifen, das sind — Wahnsinnige.
Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In Mailand aber zu bleiben ist auch unmöglich. Wir wollen in einem Monat nach Florenz übersiedeln, dort werde ich auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich immer noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout verbrauchen, obwohl wir uns furchtbar einschränken. Bald, mit der Vollendung des Romans, endet auch, das versteht sich, die Geldeinnahme von Katkow. Dann: abermals Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was ich zuerst vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert.
Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein ganzes Herz bei Ihnen weilt und Ihre Briefe mir wahre Himmelsmanna sind. Ich habe mich über die Nachricht von einem neuen Journal überaus gefreut. Ich habe niemals etwas von Kaschpirew gehört, bin aber sehr froh, dass Nikolai Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner würdige Beschäftigung findet. Gerade er muss Redakteur sein und darf sich nicht auf irgend ein Ressort in der neuen Zeitschrift beschränken, sondern soll die Seele des Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft haben. Jetzt also, was kann es jetzt besseres für Nikolai Nikolajewitsch geben? Die Hauptsache ist, dass er an seinem Ort frei schalten kann.
Es wäre sehr wünschenswert, dass die Zeitschrift unbedingt im russischen Geiste gehalten sei — so wie Sie und ich das verstehen —, wenn auch, sagen wir, nicht im rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen, eben nicht allzu sehr. Sie müssen zu uns kommen. Nach dem Panslavisten-Kongress in Moskau haben nämlich viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, über die Russen von oben herab darüber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht haben, andere zu führen und gleichsam den Slavenzu imponieren; dabei sei bei ihnen selbst wenig zu finden und welch ein Mangel an Selbsterkenntnis usw. Und glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in Prag z. B., uns vollständig vom westlichen, vom deutschen, vom französischen Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht sogar darüber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen wenig um die allgemein angenommenen Formen der abendländischen Civilisation bekümmern. Was sollen wir also hinter den Slaven her sein? Sie studieren — das ist eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur Verbrüderung hinzwängen, ist nicht nötig; ich meine nur: sich hinzwängen; denn: sie als Brüder betrachten und an ihnen brüderlich handeln, das sollen wir unbedingt.
Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der Zeitschrift auch eine politische Schattierung verleihen wird — von Selbsterkenntnis gar nicht zu reden. Selbsterkenntnis — das ist unsere lahme Stelle, die brauchen wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch glänzend machen, und ich bereite mich mit unersättlicher Lust darauf vor, seine Artikel zu lesen, die ich so lange, seit der „Epocha“ nicht gelesen habe. Es wäre gut, wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhängig als möglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es z. B. 2000 Rubel für Sachen im Genre „Minin“ oder anderer historischer Dramen von Ostrowskij zahlte; wenn er nun gar Kaufmanns-Komödien hergiebt, so kann man sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur müsste man, nach meiner Meinung endlich in die Hand nehmen und nicht nur den Namen bezahlen, sondern lediglich das Werk — was bis heute noch keine Zeitschrift zu thun gewagt hat, „Wremja“ und „Epocha“ nicht ausgenommen. Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern einer Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das heisst gleich anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.“
Der nächste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember 1868 datiert und sehr eilig und geschäftsmässig geschrieben. Über den „Idiot“ finden sich folgende Stellen darin: „Ich habe mich entschlossen, für das Dezemberheft alles fertig zu machen, sowohl den vierten Teil als den Schluss; mit dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas später erscheine. Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen in vier Wochen schreiben müssen. Ich habe plötzlich erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun, ohne den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles, alles übrige schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist und ich jedes Wort auswendig weiss. Wenn der „Idiot“ Leser hat, so werden diese vielleicht durch das Unerwartete des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein nach einigem Nachdenken werden sie zugeben, dass ich es so ausgehen lassen musste. Überhaupt ist dieser Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss betrachtet. Ich spreche nicht über den Wert des Romans im besonderen; aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe ich Ihnen als Freund eines oder das andere darüber, was ich selbst davon denke.“
In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung neuer Roman-Entwürfe, zu deren Ausarbeitung in der gedachten Form es nie gekommen ist. Da heisst es: „Die verfluchten Gläubiger werden mich endgiltig umbringen — dumm hab ich’s gemacht, dass ich ins Ausland ging; wahrlich, besser wäre es gewesen, im Schuldenarrest eine Weile zu sitzen. Könnte ich mich nur mit ihnen einigen! Aber auch das kann ich nicht, weil ich persönlich nicht dort bin. Ich sage das hauptsächlich darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe, welche weiter nichts als einer ochsenhaften, mechanischen Arbeit bedürften und dabei unbestreitbar Geld einbringen würden. Es ist mir solches ja schon manchmal gelungen.
Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen Roman; sein Name ist „Atheismus“. Ehe ich mich aber an ihn machen kann, muss ich fast die ganze Bibliothek der Atheïsten, der Katholiken und der Orthodoxen durchlesen. Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor zwei Jahren fertig werden. Die Hauptperson habe ich: ein Russe unserer Gesellschaft, schon bei Jahren, nicht sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet, und nicht ohne Ehren und Würden. Plötzlich, da er schon bei Jahren ist, verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes Leben hat er nur mit seinem Dienst zu thun gehabt, ist niemals aus dem Geleise getreten und hat sich bis zu seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet. (Psychologisches Problem: tiefes Gefühl, Mensch und Russe.) Der Verlust des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders sind im Roman Wirkung und Umstände — sehr bedeutend). Er huscht herum bei den Jungen, bei den Atheisten, bei Slavophilen und Europäern, bei Fanatikern, Einsiedlern und Priestern. Unter anderem fällt er sehr stark einem agitatorischen Jesuiten ins Garn, einem Polen; er sinkt von da in die Tiefe der Flagellanten und — am Ende findet er Christum und die russische Erde, den russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen, sagen Sie es niemand, aber bei mir ist es so: diesen letzten Roman schreibe ich — ja sterben will ich meinetwegen daran, aber — ich spreche mich ganz aus).
Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe von der Wirklichkeit und dem Realismus als unsere Realisten und Kritiker. Mein Realismus ist realer als der ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzählte, was wir, wir Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen Entwickelung durchlebt haben — würden da die Realisten nicht schreien, dass dies Phantasie ist? Indessen aber ist es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja eigentlich Realismus,nur tiefer, während er bei ihnen seicht einherfliesst. Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil der thatsächlichen Geschehnisse erklären. Wir aber mit unserem Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es ist vorgekommen. Mein Täubchen, lachen Sie nicht über mein Selbstgefühl, aber ich bin wie — —: „lobt man mich nicht, so werde ich selbst mich loben“.
Indessen aber muss man leben. Den „Atheismus“ schleppe ich nicht zum Verkauf (über den Katholicismus und die Jesuiten im Verhältnis zur Orthodoxie habe ich aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu einer ziemlich grossen Erzählung, etwa zwölf Druckbogen, die mich sehr anzieht. Noch eine Idee hab’ ich. Zu was soll ich mich entschliessen und wem die Arbeiten anbieten?“
Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente Dostojewskyscher Aussprache, die wir zerstreut und anders verteilt in den Brüdern Karamasow wiederfinden, dem Roman, der thatsächlich das letzte Wort zu sagen anhebt, dabei der Dichter „meinetwegen sterben“ will. Eine sehr bemerkenswerte, hierauf bezügliche Stelle finden wir in des Dichters Tagebuch-Notizen aus dem Jahre 1880. Da heisst es: „Die Nichtswürdigen haben mich höhnend eines ungebildeten und rückschrittlichen Gottesglaubens geziehen. Diesen Tölpeln hat eine solche Kraft der Gottesleugnung gar nicht geträumt, wie sie in dem „Inquisitor“ und dem vorangehenden Kapitel niedergelegt ist und welchen der ganze Roman als Antwort dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also glaube ich an Gott. Und diese Leute wollen mich belehren und lachen über meine mangelhafte Entwickelung! Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine solche Kraft der Verneinung geträumt, wie ich sie durchgemacht habe. An ihnen ist’s, mich zu lehren!“
Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle über Florenz. „Florenz ist schön, aber schon gar zu nass. Die Rosen im Garten „Boboli“ blühen bis heute im Freien. Und was für Schätze in den Galerien! Mein Gott, ich habe im Jahre 1863 die „Madonna della Sedia“ übersehen! Nun besehe ich mir alles seit einer Woche und habe sie erst jetzt erblickt. Aber ausser ihr, wie viel Göttliches! Allein ich habe alles bis zur Vollendung des Romans stehen gelassen.“
Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien Belege dafür, dass Dostojewsky, der grosse Dichter und Schöpfer ein Apostel war, aber kein „Kunstliebhaber“ und noch viel weniger ein Dilettant. Den europäischen Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine Kunstschätze muss es merkwürdig berühren, in diesen Briefen nur kurze Andeutungen all des Herrlichen zu finden, das Dichter, Künstler und Liebhaber aller Länder der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen neue Lebenswenden und Lebensrichtungen aufnötigt. Nichts von alledem bei Dostojewsky; ja, die ewige Klage: „fern von Russland keine Anregung, keine Arbeit möglich, entsetzliche Vereinsamung, Langweile, Heimweh“, sein Urthema findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht russische Menschen da, an welchen er es im Geiste zu variieren vermöchte. So sehen wir ihn kämpfen, leiden, schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden Geistern europäischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethätigung in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den Werken des Dichters kritisch nachspürt, wird darin neben dem Nichtlitteraturmässigen, das darin zu Tage tritt und dem Überreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu ein Ablehnen des Künstlerischen finden. Die Ursache beruht wohl vornehmlich in der Konzentration seines Wesens, das ihn wohl schöpferisch, aber nicht künstlerisch zuseinen Werken veranlasst; so ist denn auch seine Wirkung auf uns viel mehr eine menschliche Erschütterung, als eine ästhetische Anregung.
Ja, es ist, als schlösse die ganz eigenartige Entwickelung russischen Schriftwesens — heute wenigstens, da diese noch im Kampfe steht — das künstlerische Moment geradezu aus, so dass von den zwei grössten Künstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj, der erste von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland gerechnet wird, der letztere sich selbst erst seit jener Epoche dazu rechnet, da er der künstlerischen Auffassung des Lebens den Rücken gekehrt hat. Wenn uns aber Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er seine Werke ausarbeiten würde, wenn ihm des Lebens schwere Not Zeit und Ruhe dazu liesse, so müssen wir dies so verstehen, dass alle innere Realität noch feiner herausgearbeitet wäre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen der Menschenseele zu sich selbst und ihrer Wahrheit noch urgründlicher uns aufgeschlossen würden. Allein die Gegenständlichkeit der äusseren Welt und ihre Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das zur Kunst gehört, würde sicher nicht anders uns entgegentreten, als es heute in den Gestaltungen des Dichters der Fall ist, wo die Scenerie, in welcher die Handlung vorgeht, nicht sowohl diese beleuchtet und erklärt, als vielmehr im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und dessen Träger aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler Nacht, erhellt wird; ein dem modernen französischen Impressionismus diametral entgegengesetzter Vorgang.
Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen Stelle so deutlich, so schlagend mit Thatsachen belegen zu können, als dies während des Aufenthalts in Italien durch des Dichters Briefe an seine Freunde sich uns darbietet.Der nächste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom 12. Dezember 1868. Nach einigen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und nach Vergleichen mit dem gegenwärtigen Leben der Stadt fährt der Dichter mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe fort: „Dass die Litteratur bald schon ganz aufgehört hätte, das ist vollkommen richtig. Ja, eigentlich hat sie schon aufgehört, wenn man’s so nehmen will. Und das schon lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt aus muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn das eigene, echt russische und originale Wort versiegt ist, so hat sie auch aufgehört; ist kein Genius in Sicht — so hat sie aufgehört. Seit Gogols Tode hat sie aufgehört. Ich wünschte so schnell als möglich etwas vom Unserigen. Sie schätzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich gebe zu, dass hier auch vom Unserigen vorhanden ist, aber wenig. Übrigens aber ist es ihm nach meiner Meinung gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen, und darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber lassen wir das. — Was sagen Sie aber da über sich? „Nein, hoffen Sie nicht auf mich!“ Diese Worte können doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai Nikolajewitsch? Wenn es Ihnen endlich widerwärtig geworden ist, immerfort für bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben, so geht es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und Bestellungen erdrücken zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer, besonders mit den Jahren. Allein beruhigen Sie sich: das innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie niemals verlieren. Was weiter? Schreiben Sie nicht zwölf Artikel im Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit Befriedigung schreiben, namentlich wenn Sie in die Wärme kommen. Aber es ist ja genug nicht nur an dreien, sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, umeiner Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Aber die Hauptsache ist — die Redaktion. Die Redaktion ist die allerwichtigste Sache: unser Auge, unsere Hand und unsere immerwährende Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die Hauptsache.“
Im nächsten, vom 10. März 1869 aus Florenz datierten Briefe an Strachow feuert der Dichter den Freund wieder an, bei der Gründung des neuen Blattes auszuharren, gegen die Opposition der Mehrheit, die jedes neue Blatt angreift, Stand zu halten. „Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen nur schmähen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie aber sind ohne Zweifel (so wie auch ich) davon überzeugt, dass der Erfolg eines Blattes von der Minderheit abhängt. Diese Minorität wird unausbleiblich für Euch sein (sogar ungeachtet aller „Plutzer“ und Irrtümer des Blattes, welche es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit wird gegen Ende des Jahres sicherlich erstarken und sich festigen. Warum ich so überzeugend spreche? Weil in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden ist, zu wachsen, während alle anderen „klein werden“ müssen.
Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle Sache, Sie wissen das selbst. Um dieses Gedankens willen, besonders, wenn man anfangen wird, ihn zu begreifen, d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander setzen werdet, wird man Euch Reaktionäre, Kamtschadalen, wohl gar Korrumpierte nennen, während er für uns der einzige, fortschrittliche und liberale Gedanke in unserer Zeit ist. Wenn Ihr das aber endgiltig werdet auseinandergesetzt haben, dann werden alle mit Euch gehen. Indessen aber sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken immer im Veralteten und Abgestandenen. Die „VaterländischenAnnalen“, das „Djelo“ rechnen sich sicherlich zu den Vorgeschrittensten.
Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor allem das, dass Euch die Zukunft gehört. Nun aber wissen Sie, was ich fürchte? Dass Sie (und viele der Eurigen) vor der ungeheuren Mühe erschrecken und die grosse Arbeit aufgeben werden. Diese Mühen sind so gross und erfordern so viel Vertrauen und Zähigkeit, dass Sie das erst nach langer Zeit voll erkennen werden. So scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der Redaktion half. Aber die „Wremja“ und die „Epocha“ haben sich, wie Sie selbst wissen, zu einer solchen Offenheit und Nacktheit im Aussprechen ihres Gedankens niemals verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit der Hauptsache begonnen; für Euch ist es schwerer; folglich heisst es: feststehen.“
Uns Europäern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschränkung der Begriffe „liberal“ und „abgestanden“ zu folgen oder ihr gerecht zu werden. Es ist das eine der Grundursachen der Missverständnisse, die zwischen den Anhängern abendländischer Kultur und jenen einer langsamen und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener Grundlage obwalten. Nur ein langer Aufenthalt in Russland und ein vorurteilsloses Eindringen in die Bedingungen dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden hinzutretender „europäischer“ Elemente vermöchte uns darüber zu belehren, in welchem der beiden Axiome mehr Menschenvernunft liegt.
In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: „Sie haben eine unendliche, unmittelbare Sympathie für Leo Tolstoj, schon seit der ganzen Zeit, da ich Sie kenne. Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der „Zarja“ [demneuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie, wollten Sie sich nach Möglichkeit aussprechen, nicht anders anfangen konnten, als mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten Werke [„Krieg und Frieden“]. Im „Golos“ hat ein Feuilletonist gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen Fatalismus teilen. Natürlich kann man auf das alberne Wort speien, aber daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher nehmen die Leute, sagen Sie mir, so wunderliche Einfälle und Ausdrücke? Was heisst „historischer Fatalismus“? Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene Routinierten und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht, als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus nicht klug werden kann? Er will ja offenbar etwas sagen; dass er Ihren Aufsatz gelesen, daran ist kein Zweifel. Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo Sie von der Schlacht bei Borodino sprechen, drückt das Wesentliche von Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken über Tolstoj aus. Man könnte sich nicht klarer ausdrücken, der nationale russische Gedanke ist da nahezu ganz nackt dargelegt. Und das gerade haben sie nicht verstanden und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die übrigen Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung. Der Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen, im höchsten Grade vollendet niedergeschrieben. Aber mit einem und dem anderen Detail bin ich nicht einverstanden. Natürlich würden wir persönlich anders miteinander sprechen können, als es schriftlich geschieht.
Schliesslich und endlich halte ich Sie für den einzigen Repräsentanten unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft gehört. Aber wissen Sie was? Ihren Brief habe ich mit Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone, dass Sie aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser Gemütsbewegung befinden. Ich fürchte für Sie auch IhreUngewohnheit, zu bestimmter Frist und ausdauernd zu arbeiten. Sie müssen unbedingt drei grosse Artikel im Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen, glauben Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass; eine geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine grosse. Dabei sind Sie offenbar die unentbehrlichste Person der Redaktion in Bezug auf die klare Darlegung des Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie nicht in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen, Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und andauernden Wirksamkeit, und auf keinerlei Unannehmlichkeiten achten. Jede Unannehmlichkeit steht unvergleichlich tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen lernen und überhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen zu lassen, dazu haben Sie nicht einmal das Recht; ich würde dann der Erste sein, Sie zu verfluchen.“
In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: „Ich danke Ihnen sehr, dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich befinde mich immer gleich, das heisst meine Anfälle sind sogar schwächer, als in Petersburg. In der letzten Zeit, vor 1½ Monaten, war ich mit der Beendigung des „Idioten“ sehr beschäftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen, Ihre Meinung darüber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich habe meine eigene Anschauung über das Schöpferische in der Kunst; und das, was die Mehrheit fast phantastisch und excentrisch nennt, das bildet für mich manchmal das eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltäglichkeit der Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten, das ist meiner Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil! In jedem Zeitungsblatte begegnen Sie Berichten über die wirklichsten und die absonderlichsten Geschehnisse. Für unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie befassen sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch Wirklichkeit, weil sie Fakten sind. Wer wird sie dennbemerken, beleuchten und beschreiben? sie sind alltäglich, allstündlich, aber gar nicht Ausnahmen — — ‚ein pseudo-russischer Zug, dass der Mensch alles anfange, sich mit Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal fertig bringe.‘ Was für abgestandenes Zeug! Was für ein armseliger, leerer Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger! Ein Klatsch über den russischen Charakter, noch aus Belinskys Zeiten. Und was für eine Enge und Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit! Und immer dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise lassen wir die ganze Wirklichkeit uns vor der Nase vorüber gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzählung will ich gar nicht reden — der Teufel weiss, was die sein soll! Ist dann nicht mein phantastischer „Idiot“ Wirklichkeit, ja die alltäglichste Wirklichkeit? Ja, eben jetzt muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den Schichten, die in der That phantastisch erscheinen. Allein da ist nichts zu sagen! Vieles im Roman ist eilig hingeschrieben, vieles zu breit und misslungen. Manches aber ist auch gelungen: Ich stehe nicht für den Roman, sondern für meine Idee ein.“
Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das, wie immer, auf ein Gefühl von Schuld zurückzuführen ist: „Jetzt will ich Ihnen, als einem alten Freund und Mitarbeiter, im Vertrauen noch eines verraten, was mich ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich seit mehr als Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde, scheinen Ursache seines jetzigen Schweigens zu sein; er hat plötzlich den Briefwechsel mit mir abgebrochen. Ich habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den Namen Apollon Nikolajewitsch zu schicken (wie dasimmer in diesen Fällen geschah), und ihn habe ich in meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu übergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine bedeutende Summe bekommen hätte, dass ich in Gold bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe. „Anderen zu helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen, dazu hat er keines“ — das hat er sicherlich gedacht. Wenn er nur wüsste, in welche Lage ich mich selbst gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus dem „Russkij Wjestnik“ entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr so schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wäsche im Leihhaus ist. (Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion des „Russkij Wjestnik“ aber wollte ich vor Beendigung des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir bis heute nicht geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass ich ein ganzes Jahr nicht zahlte, und ich habe schon allzu viel bei dem Gedanken gelitten; allein ich habe während der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen 3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige Sendungen nach Petersburg und meine Sonja mitgerechnet sind; da war nichts da, wovon ich hätte noch schicken sollen. Er aber hat mich indessen niemals gemahnt; so habe ich auch gedacht, er könne noch warten, und jeden Monat gehofft, ihm etwas schicken zu können. Diese 100 R. an Emilie F. müssen ihn beleidigt haben. Aber Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie sollte man da nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der Gedanke, dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch mich verlässt, höchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend was gesagt, oder wissen Sie etwas darüber? Wenn Sie etwas wissen, teilen Sie mir’s mit, mein Täubchen! Andererseits ist es mir seltsam, dass sich eine sonst freundschaftliche Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischenuns besteht, um 200 R. willen auflösen sollte, zudem bin ich ohnedies von allen vergessen.“
Schon am 30. März (desselben Jahres) ist der Dichter über das „Missverständnis“ ganz beruhigt; er schreibt an Strachow: „Ich danke Ihnen ... drittens für die gute Nachricht über Apollon Nikolajewitsch. Ich werde seinen Brief in den nächsten Tagen selbst beantworten .... Ich habe in dieser letzten Zeit des „Missverständnisses“, welches durch meine Zweifelsucht entstanden war, auch nicht einen Tropfen meiner herzlichen Beziehung zu ihm eingebüsst. Darüber aber, dass er ein guter und reiner Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander so gut verständigt haben.“
Über die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so viele Hoffnungen entgegen bringt, finden wir folgende, für des Dichters Ernst und seine fast kindliche Herzensgüte bezeichnende Stelle: „Die zweite Nummer hat mir einen ausserordentlich günstigen Eindruck gemacht. Über Ihren Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche Kritik ist, gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher ist, als alles andere, und am besten die Sache beleuchtet. Der Artikel Danilewskys aber stellt sich in meinen Augen immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist ja — das künftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange Zeit hinaus. Und wie viel trägt seine Sprache und Klarheit, seine populäre Form, ungeachtet seines streng wissenschaftlichen Stils, dazu bei. Diese Arbeit stimmt so sehr mit meinen eigenen Schlüssen und Überzeugungen überein, dass ich an mancher Stelle geradezu verblüfft bin über die Ähnlichkeit der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit zwei Jahren, eben darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast unter dem gleichen Titel, vorbereite, in ganz demselbenGedankengange und mit denselben Folgerungen. Wie freudig ist also meine Überraschung, da ich jetzt den Gedanken, die ich künftig einmal zu gestalten so sehr gedürstet habe, schon in lebender Form begegne, und zwar mit Wohllaut, harmonisch, mit einer ungewöhnlichen Kraft der Logik und auf einer solchen Stufe wissenschaftlicher Behandlung, welche ich natürlich, ungeachtet aller meiner Anstrengungen, niemals erreichen könnte.
Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels, dass ich täglich auf die Post laufe und mir alle Möglichkeiten eines schnelleren Eintreffens ausrechne. Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen, weil ich ein wenig, und das mit Schrecken, über die endgiltige Beweisführung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer nicht, dass Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen der russischen Sendung darlegen wird, welches darin besteht, den russischen Christus vor der Welt zu entschleiern, den der Welt unbekannten Christus, dessen Grund-Elemente in unserem volkstümlichen Rechtglauben enthalten sind. [Dostojewsky gebraucht das Wort „Christus“ nicht als Personennamen, sondern stets als Personifikation, wie das für einen aufmerksamen Leser in seinen Werken mehr oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner Meinung liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mächtigen, künftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in ganz Europa, und die ganze Wesenheit unseres kraftvollen, zukünftigen Seins. Aber mit einem Worte spricht man das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu reden angefangen.“
Weiter heisst es: „Aber was Sie da, und das mit solcher Trauer und solchem offenbaren Kummer sagen: dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat, dass man ihn nicht verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn wirklich überzeugt, dass ihn alle sofort verstehen würden?Das wäre nach meiner Meinung eine schlechte Empfehlung der Arbeit. Was man allzu schnell und leicht versteht, das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat erst am Ende seiner Laufbahn die gewünschte Berühmtheit erlangt, und Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas zu erreichen. Ich bin gewohnt, Sie so zu schätzen, dass ich Sie auch einem solchen Vorkommnis gegenüber für weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so fein, dass sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn man ihnen den Brei schon ganz auseinander rührt; und noch dazu erscheint ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders interessant. Und je einfacher, je klarer, d. h. je talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er ihnen allzu einfach und ordinär. Das ist ja die Regel! Verzeihen Sie, aber ich habe sogar lächeln müssen bei Ihrem sehr naiven Ausspruch, dass ‚sogar sehr spitzfindige Leute Sie nicht verstehen‘. Ja, diese noch mehr als andere, verstehen niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen, und das hat seine nur allzuklaren Ursachen und ist natürlich auch ein Gesetz. Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als Danilewsky begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu Ihnen gekommen ist usw. Ist Ihnen das zu wenig? Aber ich bin trotzdem fest überzeugt, dass so viel Selbsterkenntnis in Ihnen ist, so viel innere Nötigung nach vorwärts zu streben, dass Sie die Schätzung Ihrer Thätigkeit nicht verlieren und die Sache nicht im Stiche lassen werden! Also schrecken Sie uns nicht, bitte. Gehen Sie — so ist’s mit der Zarjá aus. Und nun von Geschäften.“
Dostojewsky schlägt nun der Redaktion der neuen Zeitschrift, als Antwort auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft, eine kleine Erzählung von etwa 3 Druckbogen vor. „Diese Erzählung“, sagt er, „habe ich schon vor vier Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort auf die Worte Apollon Grigorjews schreiben wollen, dermein „Zapiski iz Podpolja“ sehr gelobt und gesagt hatte: ‚In diesem Genre sollst du weiter schreiben‘.“
Die „Memoiren aus einem Keller“, wie wir jene Erzählung nennen möchten, welche unter dem Titel „Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt“ in deutscher Übersetzung erschienen ist, drücken das als Axiom aus, was wir im Lebenswerk Dostojewskys als stärkste Triebkraft an der Arbeit finden: die Einsicht von der durch kein Wissen und keine Kultur auszugleichenden Irrationalität der Menschenseele und als Folge davon die Einsetzung dieses Mensch-Komplexes als eine absolute Werteinheit in das Weltganze. Daher als letzte Konsequenz die Liebe zum Bruder, die wir irrtümlicher Weise Erbarmen nennen. Was Dostojewsky in allen seinen Werken mehr oder weniger künstlerisch, immer aber subjektiv darstellt, das ist der Mensch mit allen seinen Brüchen, mit allen seinen Möglichkeiten, welche das Sitten-, ja das Naturgesetz durchbrechen. Hier, in diesem galligen Monolog eines Misslungenen, formuliert er diese Einsichten philosophisch, analytisch.W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat in einem bemerkenswerten „kritischen Kommentar“ zur „Legende vom Grossinquisitor“ auch über diese Memoiren als über das philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. Nur wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem Verhältnis erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht scheinen, dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; wir meinen, dass man weder auf analytischen noch auf anderen Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man sie in sich trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand nimmt, um andere zu diesem, seinem innersten Lebenskern zu führen. Dostojewsky, so hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, hat immer aus der Synthese heraus zur Analyse gegriffen, um sich verständlich zu machen.Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt ist, in’s rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedankendurch, dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen und handeln, die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit (inertia) führe. Es werde dahin kommen, dass der immer „logischer“ entwickelte Erkenntnismensch sich endlich als den Stift einer grossen Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig, dass man bei der Aufzählung der Naturgesetze, welche dieses vollkommene Funktionieren des Menschen herbeizuführen berufen sind, auf seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend anordnen, dass man da immer ein Gesetz aus dem Spiel lasse, nämlich jenes, wonach der Mensch gerade immer das Gesetzmässige umwerfe und bewusst gegen seinen Vorteil, seine Vervollkommnung und sein Glück handle. Die Auslegung, dass dies eben sein persönliches Glück ausmache, verweist er mit Recht unter die Sophismen, welche aufgewendet werden, um zu beweisen, dass 2×2=4 sind. „Die Gesetze der Logik,“ sagt er, „sind eines, die des Menschseins ein anderes.“ Das grösste und einzige Gesetz, das jeder Mensch geltend mache, sei nicht sein Recht auf Vorteil, Tugend, Vernunft, Harmonie, sondern das Recht auf persönliche Unabhängigkeit und Freiheit — womit er immer wieder alle jene schönen Dinge umwirft. Der Mensch — so lautet das Resumé — wird also nicht besser, nicht glücklicher, nicht wertvoller werden durch den „Ameisenhaufen“ des Wissens und der Erkenntnisse, sondern — ein Musikstift; doch er wird dies eben nie werden, sondern ein Irrationales und als solches etwas Absolutes innerhalb der Schöpfung bleiben, ein Absolutes, das man so wie es ist annehmen muss, das so wie es ist den Gattungsnamen ‚Mensch‘ trägt.Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte des Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste Teil in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er sich am klarsten die Herrlichkeit alles „Hohen und Schönen“ vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von „allerlei grossen und kleinen Lastern“ versinkt, der durch seine Gewohnheit alles bis auf die „letzte und allerletzte Ursache“ durchzudenken, nie mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblickvon diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume Zeit über einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des Newsky Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet ist, ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das nicht; er will einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener vor sich hingehen, meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft es aber zur That kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja er weiss es endlich, dass es wieder so kommen werde.In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er trifft und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich ihnen, die ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut an, insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass alles dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn und Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch betrunken, nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. Er steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück eines tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel und seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen Anfall von Schmerz und Verzweiflung hinein — „nicht ohne selbst bewegt zu sein“, wie er sagt, aber doch „buchmässig, litteraturmässig“; er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, damit sie ihn aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle.Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, denn er weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde. Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach 9 Uhr abends so wohl zumute, dass er „ziemlich süss“ zu träumen beginnt: ... „ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung bei. Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. Ich stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlichwirft sie sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und sagt, dass ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der Welt liebe. Ich erstaune, aber ... „— Lisa, sage ich, glaubst du denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich ja Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest selbst ein Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist; ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, weil das undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in so eine europäische, George-Sand’sche, unerklärbar edle Feinheit hinein). Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein, herrlich, bist — mein herrliches Weib!“Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade mit seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit und poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem ganzen Gebahren nur das eine: dass er leidet, und — bleibt. Ihre Güte erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage und endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt er mit Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt sich darauf dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an ihr, die Zeugin derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt über sie und nutzt sie aus. — — —Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie eilig ihre Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre wendend ihm einfach ‚Lebt wohl‘ sagt, läuft er auf sie zu und drückt ihr einen Fünfrubelschein in die Hand — „aus Zorn“, wie er sagt, „hineingehetzt“, „buchmässig“ that er das. Nun eilt er zur Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube zurückkehrt, erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach. Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden sein — — Er bleibt stehen und fragt sich: „Wohinist sie denn gegangen? und — warum laufe ich ihr denn nach?“ „Wird es nicht besser für sie sein“, phantasiert er weiter, „wenn sie diese Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung — das ist ja Reinigung!“ Weiter sagt er: „Was ist besser, ein billiges Glück oder ein erhabener Schmerz?“„So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend zu Hause sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals hatte ich soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch — konnte denn irgend ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom halben Wege zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder getroffen, nie wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, dass ich mich lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung und des Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich damals aus Kummer fast krank wurde.“Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im Sinne des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit der Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt sich, ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber — „zum Beispiel lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben in einem finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den Mangel eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im Kellerloch immer genährte Bosheit verfehlt habe — das ist bei Gott nicht interessant. In einem Roman braucht man einen Helden, hier aber sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles einen sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir alle vom Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der andere weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass wir das wirkliche ‚lebendige Leben‘ fast als eine Arbeit ansehen, fast wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass es nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir’s manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? Wir wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, wenn man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal, nun, gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht irgend einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis, verringert die Obhut und wir — ich versichere Euch —wir werden uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, dass Ihr wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit den Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von Euren Miseren in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von ‚uns allen‘ zu sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich ja nicht durch dieses ‚wir alle‘. Was aber mich im besonderen betrifft, so habe ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste getrieben, was Ihr nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja, Ihr habt noch Eure Feigheit für Einsicht gehalten und habt Euch damit, Euch selbst betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass ich jetzt förmlich lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, seht nur genauer zu. Wir wissen ja gar nicht, wo das Lebendige jetzt lebt, was es denn ist und wie es heisst. Lasst uns allein, ohne Buch — sofort verwirren und verlieren wir uns; wir wissen nicht, an was uns halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was wir hassen, was wir achten, was wir verachten sollen. Sogar das ‚Mensch sein‘ wird uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch und Blut. Wir schämen uns das zu sein und bestreben uns, irgend eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen zu sein. Wir sind Totgeborene, ja wir werden schon lange nicht von lebendigen Vätern geboren, und das gefällt uns immer mehr und mehr. Wir kommen auf den Geschmack. Wir werden bald darauf kommen, aus irgend einer Idee geboren zu werden. Aber genug“ usw.Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, die Idee, die Logik, das Gesetz — das alles macht keine Menschen. Blut, Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum des Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber noch mehr unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten — das ist für Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr diesseits von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder das andere zu thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe derer, die auch nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch da hinein begab. Aus dem ‚Labyrinth der Brust‘, aus den eigenen tausendfältigen Möglichkeiten der ‚Sünde‘ wie der höchsten Entzückung heraus ist sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend in jede Seele einzudringen und die Kraft, mit welcherer unablässig nach Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch auf andere wirken zu lassen.
Die „Memoiren aus einem Keller“, wie wir jene Erzählung nennen möchten, welche unter dem Titel „Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt“ in deutscher Übersetzung erschienen ist, drücken das als Axiom aus, was wir im Lebenswerk Dostojewskys als stärkste Triebkraft an der Arbeit finden: die Einsicht von der durch kein Wissen und keine Kultur auszugleichenden Irrationalität der Menschenseele und als Folge davon die Einsetzung dieses Mensch-Komplexes als eine absolute Werteinheit in das Weltganze. Daher als letzte Konsequenz die Liebe zum Bruder, die wir irrtümlicher Weise Erbarmen nennen. Was Dostojewsky in allen seinen Werken mehr oder weniger künstlerisch, immer aber subjektiv darstellt, das ist der Mensch mit allen seinen Brüchen, mit allen seinen Möglichkeiten, welche das Sitten-, ja das Naturgesetz durchbrechen. Hier, in diesem galligen Monolog eines Misslungenen, formuliert er diese Einsichten philosophisch, analytisch.
W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat in einem bemerkenswerten „kritischen Kommentar“ zur „Legende vom Grossinquisitor“ auch über diese Memoiren als über das philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. Nur wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem Verhältnis erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht scheinen, dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; wir meinen, dass man weder auf analytischen noch auf anderen Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man sie in sich trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand nimmt, um andere zu diesem, seinem innersten Lebenskern zu führen. Dostojewsky, so hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, hat immer aus der Synthese heraus zur Analyse gegriffen, um sich verständlich zu machen.
Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt ist, in’s rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedankendurch, dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen und handeln, die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit (inertia) führe. Es werde dahin kommen, dass der immer „logischer“ entwickelte Erkenntnismensch sich endlich als den Stift einer grossen Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig, dass man bei der Aufzählung der Naturgesetze, welche dieses vollkommene Funktionieren des Menschen herbeizuführen berufen sind, auf seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend anordnen, dass man da immer ein Gesetz aus dem Spiel lasse, nämlich jenes, wonach der Mensch gerade immer das Gesetzmässige umwerfe und bewusst gegen seinen Vorteil, seine Vervollkommnung und sein Glück handle. Die Auslegung, dass dies eben sein persönliches Glück ausmache, verweist er mit Recht unter die Sophismen, welche aufgewendet werden, um zu beweisen, dass 2×2=4 sind. „Die Gesetze der Logik,“ sagt er, „sind eines, die des Menschseins ein anderes.“ Das grösste und einzige Gesetz, das jeder Mensch geltend mache, sei nicht sein Recht auf Vorteil, Tugend, Vernunft, Harmonie, sondern das Recht auf persönliche Unabhängigkeit und Freiheit — womit er immer wieder alle jene schönen Dinge umwirft. Der Mensch — so lautet das Resumé — wird also nicht besser, nicht glücklicher, nicht wertvoller werden durch den „Ameisenhaufen“ des Wissens und der Erkenntnisse, sondern — ein Musikstift; doch er wird dies eben nie werden, sondern ein Irrationales und als solches etwas Absolutes innerhalb der Schöpfung bleiben, ein Absolutes, das man so wie es ist annehmen muss, das so wie es ist den Gattungsnamen ‚Mensch‘ trägt.
Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte des Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste Teil in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er sich am klarsten die Herrlichkeit alles „Hohen und Schönen“ vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von „allerlei grossen und kleinen Lastern“ versinkt, der durch seine Gewohnheit alles bis auf die „letzte und allerletzte Ursache“ durchzudenken, nie mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblickvon diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume Zeit über einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des Newsky Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet ist, ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das nicht; er will einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener vor sich hingehen, meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft es aber zur That kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja er weiss es endlich, dass es wieder so kommen werde.
In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er trifft und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich ihnen, die ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut an, insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass alles dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn und Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch betrunken, nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. Er steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück eines tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel und seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen Anfall von Schmerz und Verzweiflung hinein — „nicht ohne selbst bewegt zu sein“, wie er sagt, aber doch „buchmässig, litteraturmässig“; er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, damit sie ihn aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle.
Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, denn er weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde. Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach 9 Uhr abends so wohl zumute, dass er „ziemlich süss“ zu träumen beginnt: ... „ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung bei. Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. Ich stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlichwirft sie sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und sagt, dass ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der Welt liebe. Ich erstaune, aber ... „— Lisa, sage ich, glaubst du denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich ja Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest selbst ein Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist; ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, weil das undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in so eine europäische, George-Sand’sche, unerklärbar edle Feinheit hinein). Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein, herrlich, bist — mein herrliches Weib!“
Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade mit seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit und poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem ganzen Gebahren nur das eine: dass er leidet, und — bleibt. Ihre Güte erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage und endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt er mit Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt sich darauf dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an ihr, die Zeugin derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt über sie und nutzt sie aus. — — —
Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie eilig ihre Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre wendend ihm einfach ‚Lebt wohl‘ sagt, läuft er auf sie zu und drückt ihr einen Fünfrubelschein in die Hand — „aus Zorn“, wie er sagt, „hineingehetzt“, „buchmässig“ that er das. Nun eilt er zur Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube zurückkehrt, erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach. Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden sein — — Er bleibt stehen und fragt sich: „Wohinist sie denn gegangen? und — warum laufe ich ihr denn nach?“ „Wird es nicht besser für sie sein“, phantasiert er weiter, „wenn sie diese Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung — das ist ja Reinigung!“ Weiter sagt er: „Was ist besser, ein billiges Glück oder ein erhabener Schmerz?“
„So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend zu Hause sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals hatte ich soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch — konnte denn irgend ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom halben Wege zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder getroffen, nie wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, dass ich mich lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung und des Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich damals aus Kummer fast krank wurde.“
Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im Sinne des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit der Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt sich, ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber — „zum Beispiel lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben in einem finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den Mangel eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im Kellerloch immer genährte Bosheit verfehlt habe — das ist bei Gott nicht interessant. In einem Roman braucht man einen Helden, hier aber sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles einen sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir alle vom Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der andere weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass wir das wirkliche ‚lebendige Leben‘ fast als eine Arbeit ansehen, fast wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass es nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir’s manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? Wir wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, wenn man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal, nun, gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht irgend einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis, verringert die Obhut und wir — ich versichere Euch —wir werden uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, dass Ihr wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit den Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von Euren Miseren in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von ‚uns allen‘ zu sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich ja nicht durch dieses ‚wir alle‘. Was aber mich im besonderen betrifft, so habe ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste getrieben, was Ihr nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja, Ihr habt noch Eure Feigheit für Einsicht gehalten und habt Euch damit, Euch selbst betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass ich jetzt förmlich lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, seht nur genauer zu. Wir wissen ja gar nicht, wo das Lebendige jetzt lebt, was es denn ist und wie es heisst. Lasst uns allein, ohne Buch — sofort verwirren und verlieren wir uns; wir wissen nicht, an was uns halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was wir hassen, was wir achten, was wir verachten sollen. Sogar das ‚Mensch sein‘ wird uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch und Blut. Wir schämen uns das zu sein und bestreben uns, irgend eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen zu sein. Wir sind Totgeborene, ja wir werden schon lange nicht von lebendigen Vätern geboren, und das gefällt uns immer mehr und mehr. Wir kommen auf den Geschmack. Wir werden bald darauf kommen, aus irgend einer Idee geboren zu werden. Aber genug“ usw.
Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, die Idee, die Logik, das Gesetz — das alles macht keine Menschen. Blut, Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum des Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber noch mehr unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten — das ist für Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr diesseits von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder das andere zu thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe derer, die auch nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch da hinein begab. Aus dem ‚Labyrinth der Brust‘, aus den eigenen tausendfältigen Möglichkeiten der ‚Sünde‘ wie der höchsten Entzückung heraus ist sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend in jede Seele einzudringen und die Kraft, mit welcherer unablässig nach Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch auf andere wirken zu lassen.
„Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller,“ fährt Dostojewsky in dem Briefe fort; „es ist etwas der Form nach ganz anderes, obwohl dessen Wesen mein immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai Nikolajewitsch, auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehörige, besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzählung kann ich sehr schnell niederschreiben, da auch nicht ein Zeichen, nicht ein Wort darin mir unklar ist. Dabei ist schon vieles notiert, wenn auch nicht aufgeschrieben. Ich kann diese Erzählung vollenden und in die Redaktion schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich kann sie sogar in zwei Monaten abschicken. Das ist aber alles, womit ich mich gegenwärtig an der „Zarjá“ beteiligen kann, trotz allen Wunsches, für ein Blatt zu schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und Maikow arbeiten.“ Nun folgen die bekannten, immer wieder variierten Honorar- und Elends-Berichte, denen wir in jedem Briefe begegnen müssen.
Im nächsten Briefe an Strachow vom 18. April 1869 sind einige Stellen litterarischer Kritik bemerkenswert. Da heisst es: „Ein für allemal — schweigen Sie doch und reden Sie nicht von Ihrem „Unvermögen“ und den „zusammengefegten Entwurf-Abschnitzeln“. Es wird einem übel, das zu hören. Man kommt auf den Gedanken, dass Sie sich verstellen. Noch niemals haben Sie so viel Klarheit, Logik, so viel Scharfblick und überzeugte Beweisführung gehabt. Allerdings, Ihre „Armut der russischen Litteratur“ hat mir besser gefallen als der Artikel über „Tolstoj“. Jene wird breiter sein; dafür aber ist die erste Hälfte des Artikels über Tolstoj mit gar nichts zu vergleichen: das ist das Ideal einer kritischen Ausführung. Nach meiner Ansicht befindet sich auch ein Fehler in demAufsatze, doch ist das nur meine Ansicht, und dann sind solche Fehler auch gut. Dieser Fehler heisst: allzu grosser Idealismus; dieses aber schadet einer Arbeit nicht, sondern fördert sie. Alles in allem habe ich in der russischen Kritik noch nie etwas ähnliches gelesen.
Ich weiss nicht, was aus Awerkiew noch werden wird, aber nach der „Kapitänstochter“ (Puschkins) habe ich nichts ähnliches gelesen. [Dies bezieht sich auf eine im neuen Blatt „Zarjá“ publizierte Komödie Awerkiews: „Frol Skobjejew“, die Dramatisierung des altrussischen Romans gleichen Namens.] Ostrowsky ist ein Stutzer und blickt auf seine Krämer sehr von oben herab. Wenn er schon einen Kaufmann in Menschengestalt darstellt, so ist es gerade, als sagte er dabei zum Leser oder Zuschauer: Nun, siehst du, auch der ist ein Mensch. Wissen Sie, ich glaube, Dobroljubows Urteil über Ostrowsky ist richtiger, als das Grigorjews. Es kann sein, dass Ostrowsky thatsächlich die ganze Idee seines „Dunkeln Königreichs“ nicht in den Sinn gekommen ist, aber Dobroljubow hat sie gut ausgedeutet und ist damit auf den rechten Weg verfallen. Ich weiss nicht, ob sich so viel Glanz der Phantasie und des Talents in Awerkiew zeigen wird, wie bei Ostrowsky; allein seine Darstellung und der Geist dieser Darstellung ist ohne Widerrede höher. Keinerlei vorgefasste Absicht. Annuschka ist unbedingt prächtig, der Vater ebenfalls. Frol aber würde ich ein wenig begabter hingestellt haben. Wissen Sie, der Grossbojar, Naschtschokin, Lycikow — das sind ja unsere ehemaligen Gentlemen (von anderen gar nicht zu sprechen), das ist ja bojarische Grandezza ohne jede Karikatur. Über diese kann man nicht nur keine Karikatur-Lächerlichkeit werfen à la Ostrowsky, sondern im Gegenteil, man muss sich über ihre Vornehmheit, ihr russisches Bojarentum verwundern. Das ist grand-monde jener Zeit, auf derhöchsten Stufe der Wahrheit; sodass, wenn irgend wer lächeln wollte, er es höchstens darüber kann, dass der Kaftan einen anderen Schnitt hat. Vor allem und hauptsächlich fühlt man, dass das eine Darstellung der Wirklichkeit ist, dessen, was auch thatsächlich vorhanden war. Das ist ein grosses neues Talent, vielleicht höher als vieles Gegenwärtige. Es wäre ein Elend, wenn es nur für eine Komödie ausreichte.“
Am 11. Mai schreibt Dostojewsky in grosser Aufregung einige Zeilen. Er will Florenz verlassen, da die Hitze sehr gross ist, und möchte einem neuen Familienereignis lieber in Deutschland entgegensehen, wo man sich mit Arzt und Wärterin besser verständigen kann. Nur erwartet er Geld und kann nicht fort, fragt, ob Strachow krank oder etwas in der Redaktion vorgefallen sei. Bezeichnend für Strachow ist die Notiz, die er diesem Briefe anfügt: „Die Sache ist die, dass ich am 27. März jene 125 Rubel (Dostojewskys Verlangen gemäss) an Marja Grigorjewna [D.s Schwägerin] abgeliefert hatte. Obwohl ich nun am selben Tage an Theodor Michailowitsch geschrieben hatte, dass man ihm Mitte April 175 Rubel schicken werde, ihm auch später am 12. April dieses Versprechen erneuerte, wurde das Geld zu meinem grossen Verdruss doch nicht abgeschickt. So verschob sich der Empfang von einem Tag auf den andern, ich wusste nicht was thun und schämte mich so sehr vor Theodor, dass ich dann auch meinen Briefwechsel mit ihm abbrach.“
Ein Brief, den Strachow erst am 17. August desselben Jahres aus Dresden erhielt, beginnt: „Klagen Sie sich um Ihres Schweigens willen vor mir nicht an, Nikolai Nikolajewitsch. Es geht nun einmal so im Leben und dann: Wie kommt ein Redakteur zu einem Briefwechsel mit Freunden, geschweige denn mit Mitarbeitern! Aber,aus Ihrem Zusatz an den Brief unseres teuern Apollon Nikolajewitsch sehe und schliesse ich, dass Sie mir wie früher gut sind. Das ist sehr erfreulich für mich, weil der Leute, die mir zugethan sind, mit der Zeit immer weniger werden. Ich bin selbst schuld daran, habe mich im Auslande allzu festgerannt und bringe mich nicht genug in Erinnerung; folglich habe ich kein Recht, Ansprüche zu machen. In Dresden befinde ich mich thatsächlich erst seit zehn Tagen — ja ich bin im ganzen erst drei Wochen von Florenz fort! Ich habe den ganzen Juli dort zugebracht und bin auch noch in den August hineingekommen. Sie können mit Sicherheit sagen, dass niemals jemand eine solche Hitze erlitten hat. Ein russisches Schwitzbad — nur damit kann man das vergleichen, noch dazu Tag und Nacht. Die Luft ist rein, das ist wahr, der Himmel klar, furchtbar viel Sonne; aber dennoch ist’s unerträglich. Ich habe gesehen, dass es im Schatten (in grossem, gedeckten Schatten) 35° Reaumur waren. Und stellen Sie sich vor, obwohl alle Ausländer entweder in deutsche Bäder oder ans Meer gefahren sind, so sind doch eine Masse Menschen in Florenz geblieben, sogar wirkliche, sozusagen Mylords. Sie haben ihre Kostüme zur Schau getragen, sind herumstolziert usw. Mit einem Wort, wenn Sie wüssten, bis zu welchem Grade ich mich hier als ein ganz überflüssiger und fremder Mensch fühle! — Und so sind wir in Dresden. In drei Wochen werde ich ein Kind haben, ich erwarte es mit Aufregung und Furcht, hoffnungsvoll und zaghaft. Überhaupt habe ich eine sehr sorgenvolle Zeit“ usw.
Am 29. September schreibt Dostojewsky an Maikow wieder einmal einen von der Not diktierten Brief, der jeden Leser durch seine rührende und stolze Kindesschlauheit ergreifen muss. Wir bringen die Hauptstellen hier:
„Sogleich werde ich Ihnen meine Lage schildernund sagen, welcher Art die Hilfe ist, die ich als ein Ertrinkender von Ihnen erwarte: Erstens ist mir vor drei Tagen, am 14. Septbr. (a. St.) eine Tochter, Ljubow, geboren worden. Alles ist vortrefflich von statten gegangen, das Kind ist gross, gesund und eine Schönheit. Wir sind glücklich. (Denken Sie daran, dass wir Sie zum Taufpathen berufen werden. Anja bittet Sie mit gefalteten Händen, unbedingt Sie, also antworten Sie.) Aber Geld haben wir keine ganzen 10 Thaler. Beschuldigen Sie mich nicht der Sorglosigkeit und Unbedachtheit; hier ist niemand schuldig. Wir haben in Florenz berechnet, dass das vom „Russkij Wjestnik“ gesandte Geld für alles reichen werde. Allein, wie es bei allen Berechnungen geht — wir haben uns verrechnet. Es hat keinen Sinn, sich hier in Einzelheiten einzulassen; aber die Sache ist die, dass, wenn ich auch an den höchst zartfühlenden, gütigen und edlen Michail Nikiforowitsch [es ist der Redakteur des „Russkij Wjestnik“, M. Katkow, gemeint] schreiben will, dass er aushelfe — gleich zu schreiben, nachdem ich vor so kurzer Zeit Geld von ihm bekommen habe, schäme ich mich allzu sehr, ist mir geradezu unmöglich. Die Hände wollen sich dazu nicht erheben. Indessen ist weder die Hebamme noch der Arzt bezahlt, und obwohl wir jeden Heller um und umdrehen — ohne Geld geht es in dieser Lage nicht. Es geht nicht!
Da habe ich nun folgende Massregel ergriffen: Heute zugleich mit diesem Briefe an Sie sende ich ein Schreiben an Kaschpirew persönlich, da ich weiss, dass Strachow nicht in Petersburg ist. In diesem Schreiben schildere ich anfangs meine Lage, erwähne meine Übersiedelung, die Geburt eines Kindes (alles wie sich’s gehört), habe aber dabei gelogen, dass mir fünfzehn Thaler geblieben seien, während nicht einmal zehn da sind, und schliesse mit der Bitte, mir auf folgender Grundlage 200 Rubel zusenden. Da ich im gegenwärtigen Augenblick an einer Erzählung für die „Zarjá“ arbeite und diese Arbeit schon bis zur Hälfte gediehen ist (dies alles ist richtig), so sehe ich erstens: dass die Erzählung einen Umfang von 3½ Bogen des „Russkij Wjestnik“ (d. h. fast 5 Bogen der „Zarjá“) haben wird. Dies ist das Minimum. Da ich nun schon im Frühling 300 Rubel von der „Zarjá“ erhalten habe, habe ich demnach nach Vollendung der Erzählung ungefähr für 1½ Bogen nachgezahlt zu bekommen. Obwohl sie noch nicht vollendet ist, wird sie doch Ende Oktober gewiss in die Redaktion der „Zarja“ gesandt. Dies ist ganz sicher. Zweitens: obwohl ich nicht das Recht habe, auf dieser Grundlage jetzt Geld voraus zu verlangen, so bitte ich ihn doch, um meiner kritischen Lage willen als Christ mir auszuhelfen und die 200 Rubel zu senden. Da dies aber gleich zu bewerkstelligen schwer sein wird, so bitte ich ihn, nur 75 Rubel sofort abzusenden (dies um mich aus dem Wasser zu ziehen und mich nicht umfallen zu lassen). Dann, zwei Wochen nach dieser ersten Sendung, bitte ich ihn weitere 75 Rubel zu schicken und zuletzt zugleich mit dieser letzten Sendung Ihnen [Apollon N. Maikow] 50 Rubel auszufolgen. Auf diese Weise wird die erbetene Summe von 200 Rubel sich zusammensetzen. Da ich Kaschpirews Persönlichkeit ganz und gar nicht kenne, schreibe ich in einem gesteigert achtungsvollen, wenn auch etwas nachdrücklichen Tone.
Überdies erklärt sich in diesem Brief an Kaschpirew auch meine zweite und hauptsächlichste Bitte. Nämlich, wenn er sich damit einverstanden erklärt, meine Bitte um Geld zu erfüllen, so möge er die ersten 75 Rubel sofort, unverweilt absenden. Ich habe ihm geschrieben, dass ich mich an die ganze Delikatesse seines Geistes und Herzens wende; dass er über das Drängen, sofort und unverweilt das Geld zu senden, nicht beleidigt sein, sondern in dieSache eingehen und begreifen möge: dass für mich die Frist der Hilfe fast wichtiger ist, als das Geld selbst. Ich fügte hinzu, dass es deshalb genüge, im Falle meine Bitte abgelehnt werde, von der Hand seines Redaktions-Sekretärs nur eine Zeile zu erhalten, aber sofort, damit ich so schnell als möglich meine letzten Massnahmen ergreifen könne und nicht vergeblich auf die Möglichkeit einer Geldsendung warte.
Hier habe ich zum zweiten Male in meinem Briefe an Kaschpirew gelogen in Bezug auf die „letzten Massnahmen“, indem ich ihm erklärte, dass ich genötigt sein würde, sofort meine letzten und unentbehrlichsten Sachen zu verkaufen, und für eine Sache, welche 100 Thaler wert ist, deren 20 bekommen würde; was ich natürlich werde zu thun gezwungen sein, um drei Wesen das Leben zu retten, wenn er mit der Antwort zögern würde, wäre es auch eine befriedigende Antwort. — Dass ich in einer Woche anfangen werde, unsere letzten Sachen zu verkaufen, wenn ich kein Geld bekomme, das ist vollkommen wahr — denn anders geht es auf keine Weise; allein ich habe darin gelogen, dass ich sagte, ich würde Hundert-Thaler-Sachen verkaufen. Die zwei, drei Sachen, die wir hatten, welche 100 Thaler wert waren, sind schon längst, gleich nach unserer Ankunft in Dresden, versetzt und thatsächlich anstatt um 100 nach der Schätzung — um 20 Thaler. Jetzt aber wird es heissen die Wäsche verkaufen, den Paletot und meinetwegen den Überzieher; denn wenn ich auch an Katkow schreibe, so wird dennoch von dorther vor einem Monat kein Geld einlangen, obwohl es sicher einlangt.“
In der Fortsetzung dieses Briefes tritt wieder des Dichters ganze persönliche Empfindlichkeit zu Tage, wenn er sagt: ... „(dies unter uns) ich bitte ja nur sozusagen um das Meine. Die Erzählung wird ja in einem Monat alles bezahlen, und wenn ich auch nicht das Recht beanspruche,vorauszunehmen, so wird doch dem allerletzten Schriftsteller eine solche Nachsicht gewährt, so dass, wenn man mir in der „Zarjá“ das verweigert, ich nur allzusehr begreifen werde, auf welche Stufe man mich in litterarischer Beziehung dort stellt.“ — Dostojewsky konnte nach allem Vorangegangenen wissen, dass von einer Weigerung keine Rede sein würde — dennoch immer wieder der empfindliche Zweifel. — „Auch fürchte ich, fährt er fort, dass er meinen allzu ehrfurchtsvollen Ton für ironisch nimmt. Denn, weiss Gott, was es für ein Mensch ist, ich habe ja persönlich keinen Begriff von ihm. Kurz gesagt, ich verstehe es nicht, über heikle Gegenstände an Fremde zu schreiben, und habe später erst beim Überlesen des Briefes bemerkt, dass er gar zu ehrfürchtig zu sein schien. Endlich das Letzte: Ich bat, Katkow möge Ihnen 50 Rubel in die Hand geben, dies (verzeihen Sie mir, mein Teurer, diese Belästigung und erfüllen Sie es um Christi willen) dieses ist, damit Sie 25 Rubel Emilie Fjodorowna geben und 25 an Pascha. Sie haben beide volles Recht, über eine so bettelhafte Aushilfe entrüstet zu sein; aber mögen sie sogar beleidigt sein, sie sind im Rechte. Da aber 25 Rubel doch etwas sind und ihnen ein wenig Nutzen bringen werden, so geben Sie sie ihnen. Da sie durchaus nicht glauben werden, in welcher Lage ich bin und warum ich ihnen so armselig aushelfe, so sagen Sie ihnen auch kein Wort zu meiner Rechtfertigung.“ „P.S. Fast hätte ich das wichtigste vergessen. Als man mir damals von der „Zarjá“ 300 Rubel herausschickte, kugelte das Geld einen Monat herum. Ich kenne diese Stückchen. Die Hauptsache ist, dass mir N. Strachow später schrieb, dass Geld nicht anders geschickt wird. Folglich haben sie auch keine Vorstellung, wie man Geld fortschickt, sodass es ebenso schnell ankommt wie ein Brief, d. h. in drei Tagen.“
Nun setzt Dostojewsky auseinander, wie man es anfangen soll, Geld so abzusenden, dass der Empfänger es rechtzeitig erhalte. Diese Auseinandersetzung gewinnt durch den nächstfolgenden Brief vom 28. Oktober [also einen Monat nach Absendung des vorigen] eine traurige Berechtigung. In diesem Briefe schildert der Dichter mit Wut und Verzweiflung die Einzelheiten dieser Transaktion, die uns, würden wir nicht zugleich von Teilnahme für den Dulder bewegt, ungemein belustigen könnten. Es kommt thatsächlich ein Brief von Kaschpirew an, der ihm mitteilt, er habe durch den Bankier Chessin an Hirsch in Dresden das Geld senden lassen und schliesse hier den Wechsel ein. Dostojewsky eilt zu Hirsch, dieser liest den Wechsel und sagt: „Hier steht: laut Bericht, das heisst, dass ich erst dann das Geld auszahlen darf, wenn ich auf privatem Wege von Chessin Nachricht erhalte; folglich kann ich nicht zahlen.“ Nun läuft Dostojewsky jeden Tag in das Bankkontor, wo man über ihn zu lächeln beginnt — aber kein Avis erscheint. „Da ich die Geduld verliere und ohne Brot bin, schreibe ich an Kaschpirew, stelle ihm meine Lage vor, bitte ihn Chessin zu veranlassen, dass er den Avis an Hirsch sende. Mein Brief ist vom 9. Oktober datiert — keine Antwort! Bei Gott, ich dachte, es werde überhaupt keine mehr kommen. Dabei laufe ich täglich zu Hirsch. Dort lachen sie und meinen, Chessin habe wahrscheinlich den Avis „vergessen“. Nun ging ich in zwei, drei andere Bankgeschäfte mich zu erkundigen — überall sagte man, dass auf meinen Wechsel mit den Worten „laut Bericht“ niemand Geld giebt, ohne einen solchen zu haben. In einem Kontor sagte man, dass manchmal solche Wechsel zum Spass ausgegeben werden.
Endlich erscheint ein Brief von Kaschpirew — am zwölften Tage nach Absendung des meinen! und bemerken Sie, er schreibt am 3. Oktober unseres Stils, und derPetersburger Poststempel weist den 6. Oktober auf. Das heisst, der Brief hat auf seinem Tische nur so ohne Ursache drei Tage herumgelegen. Hätte er wenigstens aus Delikatesse einen 5. aus dem 3. gemacht! Begreift er denn nicht, dass mich das verletzt? Ich habe ihm ja über die Not meines Weibes und meines Kindes geschrieben — und darauf eine solche Fahrlässigkeit! Ist das keine Kränkung? Und nun schreibt er, er habe bei Chessin angefragt, dieser sage, der Avis sei abgegangen und er begreife nicht, warum ich nichts erhalten hätte; ferner habe er Chessin veranlasst, einen zweiten Avis zu schicken, dass er folglich jetzt überzeugt sei, dass ich das Geld von Hirsch erhalten (woher überzeugt, wieso überzeugt?). Sollte ich aber das Geld noch nicht haben, so möge ich den Wechsel zurückschicken; er werde mir am Tage nach dem Erhalt dieses Wechsels einen anderen, auf einen anderen Bankier lautenden absenden. Nachher fügt er in einer Nachschrift hinzu, ich möge ihm, wenn ich das Geld noch nicht habe, unverzüglich telegraphieren, „natürlich auf meine Kosten“, worauf er sofort, ohne die Ankunft des anderen Wechsels abzuwarten, mir den neuen schicken würde. Endlich fügt er hinzu, dass er in den nächsten Tagen auch die übrigen 75 Rubel senden werde (bemerken Sie, dass das alles am 3. Oktober geschrieben wurde).
Telegraphieren konnte ich am selben Tage, d. h. den 21. Oktober nicht, denn wo sollte ich zwei Thaler für ein Telegramm hernehmen? Konnte er sich nach meinen zwei Briefen nicht vorstellen, dass ich nicht eine Kopeke, buchstäblich nicht eine Kopeke hatte! Wenn er nur wüsste, wie ich am nächsten Tage zu diesen zwei Thalern kam, um ihm zu telegraphieren! Nun, ich habe sie bekommen und ihm telegraphiert: „Kein Avis, Hirsch giebt nicht Geld“; das war am Freitag. Sonnabend schicke ich den Wechsel zurück.“
Und nun erzählt Dostojewsky verzweifelt, wie am fünften Tage nach Rücksendung des Wechsels endlich der Avis einlangt, der nun zu nichts nützt. Endlich gesteht Chessin, er habe ihn darum nicht fortgeschickt, weil er gemeint habe, der Wechsel sei seiner Anweisung gemäss auf „ohne Bericht“ ausgestellt, während der Kommis aber irrtümlicher Weise anstatt „ohne“ — „laut“ geschrieben habe. — Man kann wohl begreifen, wie es dem Dichter inmitten dieser ständigen Kämpfe um die Existenz oft „gar nicht litteraturmässig zu Mute war“, wie er das in einem der nächsten Briefe gesteht. —
Nun folgt eine Reihe von Briefen, welche dasselbe Thema variieren, wozu die unlösbaren Verstrickungen seines Lebens den Anlass nie abreissen lassen. Wir übergehen sie und entnehmen ihrem oft äusserst grossen Umfange und den langen Erörterungen nur die rein persönlichen Äusserungen. Am Ende eines Schreibens vom 19. Dezember heisst es: „Wissen Sie, was ich jetzt mache? Nachdem ich in 2½ Monaten neun enggeschriebene Druckbogen fertig gemacht habe, schreibe ich jetzt mit aller Kraft Briefe an alle jene, denen ich so lange nicht schrieb, als ich mit der Erzählung beschäftigt war.“ [Es ist die Erzählung „Der Hahnrei“.] Dann aber, in drei Tagen, setzte ich mich zu dem für den „Russkij Wjestnik“ bestimmten Roman. Denken Sie aber nicht, dass ich Pfannkuchen backe: wie hässlich und abscheulich auch das herauskommen möge, was ich schreiben werde; die Idee des Romans und ihre Bearbeitung sind mir Armen, d. h. dem Autor doch teurer, als alles auf der Welt! Das ist kein Pfannkuchen, sondern die teuerste Idee, die älteste auch. Natürlich werde ich’s verpatzen; aber was ist zu thun!“