No. 522.24. Dezember 1849.An den Herrn General-AdjutantenGraf Orloff.Rapport.Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher wurden: laut der von Seiner Majestätbeschlossenen Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer Namen auf der Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow, Dostojewsky undJastrzembski in Ketten geschmiedet nach Tobolsk[5]in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Leiter, und Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen.Der Festungs-Kommandant,General-Adjutant Nabokow,der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch.
No. 522.
24. Dezember 1849.
An den Herrn General-AdjutantenGraf Orloff.
Rapport.
Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher wurden: laut der von Seiner Majestätbeschlossenen Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer Namen auf der Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow, Dostojewsky undJastrzembski in Ketten geschmiedet nach Tobolsk[5]in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Leiter, und Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen.
Der Festungs-Kommandant,General-Adjutant Nabokow,der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch.
Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung Dostojewskys und den Verlust aller bürgerlichen Rechte mitteilt, befindet sich in den Moskauer Adelsarchiven und lautet:
Archiv des Moskauer Adels.Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II(September 1850).Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden Inhalts: Der dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme des Rapports des Herrn Kriegsministers vom 23. Dezember des vorigen Jahres — enthaltend den von Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten Bericht über die, durch das Kriegsgericht als Kriminal-Feldkriegsrat wegen verbrecherischer Absichten gegen die Obrigkeit laut Ukas vom 30. Dezember desselben Jahres verurteilten Verbrecher — hiermit an: dass, unbeschadet der erflossenen Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten Allerhöchsten Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii) jener Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen die genannten Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser Personen wurden verurteilt: der nicht gedient habendeEdelmann (dworjanin) Alexei Pleschtschjew und der verabschiedete Ingenieur-Lieutenant Theodor Dostojewsky, welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser (Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte als Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner Standesrechte, auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung geschickt und danach als Gemeiner in den Felddienst eingereiht werde.
Archiv des Moskauer Adels.Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II(September 1850).
Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden Inhalts: Der dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme des Rapports des Herrn Kriegsministers vom 23. Dezember des vorigen Jahres — enthaltend den von Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten Bericht über die, durch das Kriegsgericht als Kriminal-Feldkriegsrat wegen verbrecherischer Absichten gegen die Obrigkeit laut Ukas vom 30. Dezember desselben Jahres verurteilten Verbrecher — hiermit an: dass, unbeschadet der erflossenen Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten Allerhöchsten Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii) jener Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen die genannten Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser Personen wurden verurteilt: der nicht gedient habendeEdelmann (dworjanin) Alexei Pleschtschjew und der verabschiedete Ingenieur-Lieutenant Theodor Dostojewsky, welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser (Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte als Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner Standesrechte, auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung geschickt und danach als Gemeiner in den Felddienst eingereiht werde.
Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem „Tagebuche eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873, wo er, auf diesen Tag zurückkommend, sagt: „Wir Petraschewzen standen auf dem Schaffot und hörten unser Todesurteil an, ohne die geringste Reue. Ich kann natürlich nicht für alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin zu irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle, so doch mindestens die grosse Mehrzahl der Unseren es als eine Ehrlosigkeit betrachtet hätte, seine Überzeugung zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode durch Füsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum Scherz vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest überzeugt, dass es vollstreckt werden würde, und verlebten mindestens zehn furchtbare Minuten der Todeserwartung. In diesen letzten Minuten stiegen manche von uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich weiss das bestimmt), und indem sie ihr noch so junges Leben in einem Augenblicke prüften, mochten sie wohl manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den Tiefen des Gewissens ruhen); aber die Sache, um derentwillen wir verurteilt wurden, die Gedanken, die Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten — siestellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar, sondern sogar als etwas Reinigendes, als ein Märtyrertum, um dessentwillen uns vieles verziehen würde.“ Uns scheint diese klare Bezugnahme auf die „längstvergangene Geschichte“ ein sehr wichtiger Beleg für die Freiheit und Reinheit seiner „Umkehr“; denn hätte ihn Feigheit, Opportunität oder irgend eine Schwäche zu dieser sogenannten Umsattelung, die ihm die ehemaligen Parteigenossen und jüngeren Propagandisten vorwarfen, veranlasst, so würde er nicht nach 24 Jahren so kühn und frei seines überzeugten Handelns gedenken können. Ebenso frei spricht er sich direkt und später in allen seinen Werken in unzweideutiger Weise über seine Umkehr aus, am prägnantesten, wo er sagt: „Es ist uns recht geschehen mit dieser Verurteilung, sonst hätte uns das Volk verurteilt.“
Dieser Ausspruch bedürfte eines Kommentars, um von europäischen Lesern richtig aufgefasst zu werden, eines längeren und eingehenderen Kommentars, als unser Versuch einer Lebens-Erzählung rechtfertigen könnte, ja als er ihn leisten dürfte. Man muss als Ausländer mit Russland so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu, um jene Beobachtungen historisch und psychologisch zu erhärten, welche auch dem „Gast auf eine Weile“ nicht entgehen und geeignet sind, dies Wort Dostojewskys zu erklären. Indessen müssen wir hier doch mit einigen Worten andeuten, welches Missverständnis die Anschauungen des Westens in die Beurteilung des russischen Volkes, in seine Wünsche für dasselbe hineintragen. Das Volk „mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker der Zukunft wird zu rechnen haben“, dieses Volk im Namen unserer verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale revolutionieren zu wollen, ist wirklich mehr als ein Verbrechen, es ist lächerlich. Ja, auch Reformen, einschneidende, im europäischen Sinne wahrhaft befreiende,Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke die heiligste ist, vom Kaiserthrone aus, würde es nicht verstehen, und einem Kaiser Josef auf dem Throne würde es einen passiven Widerstand leisten, der dräuender und gefährlicher wäre, als jede Revolution. Einmal, in Jahrhunderten vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen zum Bewusstsein dieser „Kraft zu wollen“ kommen werden, nach einem Kulturwege, der ausser unserer Berechnung liegt (denn es ist höchst intelligent und beharrlich, ja hartnäckig daneben), da wird es seine eigene Revolution machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und dem staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht seiner Kultur in den Schoss werfen. Das Volk, von dem ein grosser Teil, bei aller kindlichen Liebe für sein Väterchen, den Zar für den Antichrist hält, und die vom Staate anerkannte Kirche für zu neu ansieht[6], ein solches Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden missverstandener Historien, und es bedarf heute und für alle Zeiten (das bedingt seine Lage) anderer Lebensquellen, als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei uns finden könnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird selbst auffinden müssen. Dann wird es wohl in ganz selbstverständlicher Weise in das Staatsleben eintreten und ein Wort mitsprechen bei der Entscheidung seines eigenen Geschickes.
Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische Volk heute revolutionäre Bestrebungen auch wirklich richtet, beleuchtet unter anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs in Moskau im Jahre 1877, als man eine Partie Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die MoskauerStudenten vereinigten sich zu einer grossen Demonstration zu Gunsten der Gefangenen. Sie holten diese auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das Geleite durch die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den Ochotnyi rjad (alte Jägerzeile) kamen, da rottete sich das Marktvolk zusammen und fiel über die Studenten her. Es entstand ein blutiger Kampf, ein Gemetzel, das zwei Stunden währte, sich bis an den Abfahrts-Bahnhof hinzog und nur durch das Einschreiten der Polizei niedergeschlagen werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche Dostojewskys „Tagebuch eines Schriftstellers“ kannten, wohl wussten, dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger Student und „abgestrafter Staatsverbrecher“ sei, und volles Vertrauen in sein Urteil setzten, wandten sich mit der Bitte an ihn, er möge ihnen seine Anschauung über diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen.
Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe aus Petersburg antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht hier seine Stelle zu finden. Der Brief lautet:
„Petersburg, am 18. April 1878.
Sehr geehrte Herren Studenten.
Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht antwortete; ausser meinem thatsächlichen Unwohlsein haben auch andere Umstände meine Antwort verzögert. Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den Tagesblättern antworten; allein es zeigte sich plötzlich, dass das aus Gründen, welche nicht von mir abhängen, unmöglich sei, wenigstens dass es unmöglich sei, ihn gebührend ausführlich zu beantworten. Zweitens dachte ich: wenn ich Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da beantworten? Eure Fragen umfassen alles — unbedingt das ganze interne Leben Russlands. Also ein ganzes Buch schreiben? — eine profession de foi?
Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine Briefchen zu schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im höchsten Grade unverständlich zu sein. Das aber wäre mir sehr unangenehm.
Ihr schreibt mir: Am allernötigsten ist es für uns, die Frage zu lösen, inwieweit wir selbst, die Studenten, schuldig sind, was für Schlüsse sowohl die Gesellschaft, als auch wir selbst aus diesem Geschehnis ziehen sollen?
Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Züge in den Beziehungen der heutigen russischen Presse zur Jugend sehr richtig und genau gekennzeichnet. In unserer Presse herrscht ersichtlich ein Ton „vorbeugenderherablassender Entschuldigung“ (Euch gegenüber, heisst das). Das ist sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, für alle Fälle nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter, schon sehr abgegriffener Occasionston.
Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von diesen Leuten nichts zu erwarten, welche von uns nichts erwarten, sondern sich abwenden, um ihr unwiderrufliches Urteil den „wilden Völkern“ zu künden (dikim narotam).
Dies ist vollkommen richtig, namentlich sie wenden sich ab, ja und sie haben (die Mehrzahl wenigstens) gar nichts mit Euch zu schaffen. Allein es giebt Leute, und derer nicht wenige, sowohl in der Presse, als in der Gesellschaft, welche der Gedanke niederdrückt, dass die Jugend sichvom Volkentfernt hat (das ist die Hauptsache und das erste) und dann, d. h. jetzt, auch von der Gesellschaft. So ist es auch. Sie lebt in Träumereien und abstrakt, geht fremden Lehren nach, will nichts in Russland wissen und bemüht sich, ihrerseits Russland zu lehren. Zuletzt aber, jetzt, ist sieunzweifelhaftirgend einer ganz aussen stehenden (wnjeschnej) führenden, politischen Partei in die Hände geraten, die mit der Jugend schon so gut wie gar nichts zu schaffen hat und sie nurals Material und panurgische Herde für ihre äusserlichen und besonderen Ziele benutzt. Denkt nicht das zu leugnen, meine Herren; es ist so.
Ihr fraget, meine geehrten Herren: „inwiefern Ihr selbst, die Studenten, schuldig seid?“ Hier meine Antwort: Ihr seid, meiner Meinung nach, in gar nichts schuldig. Ihr seid nur Kinder derselben Gesellschaft, die Ihr jetzt hinter Euch lasset und welche „eine Lüge nach allen Seiten“ ist. Aber indem er sich von ihr losreisst und sie hinter sich lässt, wendet sich unser Student nicht zum Volke, sondern irgendwohin ins Ausland, in den „Europäismus“, in das abstrakteste Reich eines niemals dagewesenen Kosmopoliten, und bricht auf diese Weise auch mit dem Volke, indem er es verachtet und verkennt, als richtiger Sohn jener Gesellschaft, von der er sich ebenfalls losgerissen hat. Indessen aber ruht im Volke unser ganzes Heil (das ist aber ein langwieriges Thema) ... die Losreissung aber vom Volke kann ebenfalls nicht strenge in das Schuldbuch der Jugend gesetzt werden. Wie sollte sie denn, ehe sie lebte,das Volk erdenken(dodumatsoja do nawka)?
Dabei aber ist das allerschlimmste, dass das Volk die Losreissung der intelligenten russischen Jugend gesehen und bemerkt hat; und das schlimmere dabei ist, dass es die von ihm bemerkten jungen Leute Studenten nennt. Es hat schon lange begonnen sie zu beachten, schon zu Anfang der 60er Jahre; darum hat all dieses Ins-Volk-gehen beim Volke selbst nur Widerwillen erweckt.
„Junge Herrchen“, sagt das Volk (diese Benennung kenne ich; ich garantiere es Euch, es nannte sie so). Dabei aber besteht im wesentlichen ja ein Irrtum auch von Seite des Volkes, weil es noch niemals bei uns, in unserem russischen Leben eine solche Epoche gegeben hat, da die Jugend (gleichsam ahnend, dass ganz Russland auf einemWendepunkt, über einem Abgrund schwankend stehe) in ihrer ungeheueren Mehrzahl mehr als jetzt aufrichtig, reinen Herzens, mehr nach Wahrheit dürstend, mehr als jetzt bereit war, alles, sogar das Leben für die Wahrheit und das Wort der Wahrheit hinzugeben; die wirkliche, die echte grosse Hoffnung Russlands. Dies fühle ich schon lange und habe schon seit langem begonnen darüber zu schreiben. Da, plötzlich, was kommt heraus? Dieses Wort der Wahrheit, wonach die Jugend dürstet, das sucht sie weiss Gott wo, auf seltsamen Stätten (darin ebenfalls mit der angefaulten Gesellschaft, die sie erzeugte, zusammentreffend), aber nicht im Volke, nicht im Heimatsboden. Es endigt damit, dass in einem gegebenen Augenblicke weder die Jugend, noch die Gesellschaft das Volk kennen werden. Anstatt mit seinem Leben zu leben, gehen die jungen Leute, nichts im Volke kennend, sondern, im Gegenteil, seine Grundlagen tief verachtend, zum Beispiel den Glauben, in das Volk — nicht um es zu studieren, sondern um es zu lehren, von oben herab, mit Geringschätzung — ein rein aristokratischer Herrenstreich! „Junge Herrchen“, sagt das Volk und es hat recht. Seltsam: überall und immer sind die Demokraten fürs Volk gewesen; nur bei uns hat sich unser intelligenter russischer Demokratismus mit den Aristokraten gegen das Volk verbündet; sie gehen ins Volk, „um ihnen Gutes zu thun“, und verachten dabei seine Sitten und seine Grundlagen. Geringschätzung führt nicht zur Liebe!
Im vorigen Winter, in Kasan, beschimpft ein Haufen junger Leute den Tempel des Volkes, raucht darin Zigarretten, macht Skandal. „Höret, würde ich diesen Kasanern sagen (ja ich habe es auch einigen ins Gesicht gesagt), Ihr glaubt nicht an Gott, das ist Euere Sache; warum aber kränkt Ihr das Volk, indem Ihr seinen Tempel beschimpft? Und das Volk nannte sie noch einmal „Jungherrchen“(Bartschenki) und, schlimmer als das, gab ihnen den Namen „Studenty“, obwohl viele Hebräer und Armenier darunter waren (die Demonstration war, wie es sich erwies, eine politische, von aussen hineingetragene). So hat, nach der That der Sassúlitsch, unser Volk abermals die Revolvermänner der Strasse „Studenten“ genannt. Das ist hässlich, wenn auch ohne Zweifel Studenten dabei waren. Hässlich ist es, dass das Volk sich schon merkt, dass Hass und Zwietracht begonnen haben. Nun, und jetzt nennt Ihr selbst, meine Herren, das Moskauer Volk „Fleischer“, sowie die ganze intelligente Presse sie nennt. Was heisst denn das? Warum gehören Fleischer nicht zum Volk? Das ist Volk, wirkliches Volk, auch Minin war ein Fleischer.[7]Die Entrüstung lodert nur über die Art auf, wie sich das Volk geäussert hat. Aber wisset, meine Herren, dass, wenn das Volk gekränkt wird, es sich immer so äussert. Es ist ungehobelt, es ist ein Bauer. Gerade hier lag die Lösung des Missverständnisses, allerdings eines alten, angehäuften Missverständnisses (was sie nicht merkten) zwischen dem Volke und der Gesellschaft, d. h. jenem Teile der Gesellschaft, der am hitzigsten und flinksten zu seiner Lösung ginge — der Jugend. Die Sache ging allzu hässlich und durchaus nicht so regelrecht, wie sie hätte ausgehen sollen; denn mit den Fäusten kann man nie und nirgends etwas beweisen. So aber war es immer und überall, in der ganzen Welt beim Volke. Das englische Volk setzt auf seinen meetings gar oft die Fäuste gegen seine Gegner in Aktion, und in der französischen Revolution brüllte das Volk vor Freude und tanzte vor der Guillotine, während sie thätig war. Das ist alles, das versteht sich, abscheulich. Allein dasFaktum ist dieses, dass das Volk (das Volk und nicht nur die Fleischer; da giebt es kein Sichtrösten mit einem oder dem anderen Wörtchen) gegen die Jugend aufgestanden ist und sich die Studenten angemerkt hatte; andererseits aber ist das Elend das (und das ist bezeichnend), dass die Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich dazu vereinigt haben, das Volk nicht zu erkennen (ne usnatj naroda): „das ist ja nicht Volk, das ist Pöbel!“
Meine Herren, wenn etwas in meinen Worten ist, das nicht mit Euch übereinstimmt, so werdet Ihr besser daran thun, nicht böse zu werden. Es giebt ohnedies des Kummers genug. In der verfaulten Gesellschaft ist Lüge nach allen Seiten. Allein kann sie sich nicht halten. Fest und mächtig ist nur das Volk; allein im Volk hat sich seit den letzten zwei Jahren eine Dissonanz mit uns (raslad) gezeigt. Unsere Sentimentalen haben, indem sie das Volk vom Zustande der Hörigkeit befreiten, mit Rührung daran gedacht, dass es nun auch sofort in ihre europäische Lüge eintreten werde, in die Aufklärung, wie sie es nannten. Aber das Volk hat sich selbständig gezeigt und, was die Hauptsache ist, es beginnt mit Bewusstsein die Lüge der oberen Schichten des russischen Lebens zu begreifen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben es erleuchtet und neu gestärkt. Aber es macht einen Unterschied nicht nur unter seinen Feinden, sondern auch unter seinen Freunden. Es kamen traurige, quälende Fakten, die herzliche, ehrliche Jugend ging, nach Wahrheit strebend, ins Volk, um seine Leiden zu erleichtern. Aber was geschieht? Das Volk treibt sie fort und anerkennt ihre redlichen Bemühungen nicht, weil diese Jugend das Volk nicht für das nimmt was es ist, seine Grundlagen hasst und geringschätzt und ihm Arzneien reicht, die in seinen Augen roh und sinnlos sind.
Bei uns hier in Petersburg geht es zu, der Teufelweiss wie. Unter der Jugend wird der Revolver gepredigt und herrscht die Überzeugung, dass die Obrigkeit sie fürchtet. Indem sie das Volk aber nach wie vor gering schätzen, halten sie es für gar nichts und merken nicht, dass dieses sie wenigstens nicht fürchtet und niemals den Kopf verlieren wird. Was dann, wenn weitere Zusammenstösse erfolgen? Wir leben in einer schweren Zeit, meine Herren!
Meine Herren! Ich habe Ihnen geschrieben, was ich konnte. Wenigstens antworte ich offen, wenn auch nicht vollständig auf Euere Frage: nach meiner Meinung sind nicht die Studenten schuldig; im Gegenteil, niemals ist unsere Jugend aufrichtiger und ehrlicher gewesen (was kein kleines Faktum, sondern ein wunderbares, grosses, ein historisches ist). Allein das Übel liegt darin, dass unsere Jugend die Lüge der ganzen zwei Jahrhunderte unserer Geschichte auf sich trägt. Es fehlt ihr folglich die Kraft, die Sache in ihrer Ganzheit zu untersuchen, und man kann ihr keine Schuld beimessen; um so weniger, wenn sie plötzlich selbst als parteiische (und schon beleidigte) Teilnehmerin der Sache aufgetaucht ist. Allein, wenn auch die Kraft fehlt, glücklich sei derjenige, glücklich diejenigen, denen es auch jetzt noch gelingt, den rechten Weg zu finden! Die Losreissung vom Milieu muss bei weitem stärker sein, als z. B. nach der socialistischen Lehre die Trennung der künftigen Gesellschaft von der heutigen. Stärker, denn um in das Volk zu gehen und mit ihm zu bleiben, dazu gehört vor allem, dass man verlerne es zu verachten, und das ist unserer oberen Gesellschaftsschicht bei ihren Beziehungen zum Volke fast unmöglich. Zweitens muss man zum Beispiel auch den Glauben an Gott gewinnen, und das ist nun schon endgiltig unserem Europäismus nicht möglich (obgleich man in Europa an Gott glaubt).
Ich grüsse Euch, meine Herren, und wenn Ihr es gestattet, so schüttele ich Euch die Hand. Wenn Ihr mir ein grosses Vergnügen machen wollt, so haltet mich um Gotteswillen nicht für irgend einen Lehrer oder Prediger von oben herab. Ihr habt mich herausgefordert, die Wahrheit nach meinem Herzen und Gewissen zu sagen: ich habe sie ausgesprochen, wie ich sie dachte, wie ich sie zu denken vermag. Es kann ja niemand mehr thun, als seine Kräfte und Fähigkeiten es erlauben.
Ganz der IhreTheodor Dostojewsky.
Der Gedanke an eine so lange Zeit der Zwangsarbeit muss für Dostojewsky anfangs etwas Furchtbares gehabt haben. Eine andere Stelle des oben zitierten ersten Briefes nach seiner Verurteilung, der leider in Verlust geraten ist und nur in einzelnen Abrissen im Jahre 1881 in einer Zeitschrift abgedruckt wurde, lautet: „Besser wär’s, 15 Jahre mit der Feder in der Hand in den Kasematten; der Kopf, welcher geschaffen hat, welcher ein höheres Leben der Kunst in sich getragen, welcher sich an die erhöhten Bedürfnisse des Geistes gewöhnt hatte, er ist mir jetzt schon von den Schultern geschlagen.“ Beim Abschied vom Bruder, wozu man ihnen eine halbe Stunde gestattet hatte, war er der Ruhigere von Beiden, wie ein Freund berichtet, und sagte zum Bruder: „Auch im Strafhaus sind nicht wilde Tiere, sondern Menschen, vielleicht bessere als ich, vielleicht würdigere als ich ... Ja, wir werden uns noch sehen, ich hoffe es, ich zweifle nicht daran ... Schreibt ihr mir nur und schickt mir Bücher, ich werde euch schon schreiben welche; man wird ja lesen können. (Dies war wohl eine fromme Lüge, um den Bruder zu trösten.) Wenn ich aber heraus komme, so fange ich zu schreiben an ... in diesen Monaten habeich viel durchlebt, und was werde ich erst in der Zeit, die vor mir ist, sehen und durchleben! es wird genug Stoff zum schreiben geben“.
Über die Beschwerden des langwierigen Transports nach Sibirien bei vierziggradigem Frost, über erfrorene Hände und Füsse, einen bösen Ausschlag, welcher infolge der verpesteten Luft im Kasematten-Gefängnis auf des Dichters Gesicht und in seinem Munde herausgetreten war, über die Unmöglichkeit, auf diesem langen Leidenswege einen Schluck Thee zur Erwärmung zu beschaffen, über das Benehmen der Aufseher und Zugführer, die schmutzigen, finsteren, engen Räume, in denen sie mit allerlei schimpfenden und fluchenden Verbrechern auf den Etappen zusammengepfercht waren, davon erfahren wir nichts durch ihn selbst — erst viele Jahre später bezieht er sich auf diese Zeit in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“, und nur in seinem Buche „Memoiren aus einem Totenhause“ hat er diese Leidensgeschichte mit künstlerischer Vollendung, als die Erzählung einer dritten Person herausgearbeitet. Tolstoj nennt in einem Briefe dieses Buch „das beste, das bis nun in Russland geschrieben worden, Gogol nicht ausgenommen.“ Der Dichter wurde später in Russland oftmals aufgefordert, einige Kapitel aus diesem Buche in Gesellschaft vorzulesen. Er that es immer sehr ungern und lehnte es ab, wo es nur anging, weil es ihm peinlich war, dass man dies „als eine Anklage betrachten könnte“.
Von den oben erwähnten Mühsalen haben wir durch einen Leidensgenossen Kunde, J. L. Jastrzembski, welcher sehr eingehend über diese Erlebnisse berichtet hat. Er fügt das Bekenntnis hinzu, er habe schon in Petersburg gewisse Vorbereitungen getroffen, allen Qualen ein Ende zu machen, und sei fest entschlossen gewesen, dieses Vorhaben auszuführen. Die nähere Bekanntschaft mit Dostojewsky aber, sein sanftes Wesen, der stille, eindringlicheTon seiner Stimme habe so heilend auf ihn gewirkt, dass er seine selbstmörderischen Gedanken von da an für immer von sich gewiesen habe.
Eine Episode vom Etappenwege erwähnt Dostojewsky ausser in den „Memoiren aus einem Totenhause“ in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873 eingehender, weil sie einen sehr nachhaltigen Einfluss auf ihn ausgeübt hat. Es heisst da: „Als wir in Tobolsk in Erwartung einer nachkommenden Partie im Festungshofe sassen, erbaten sich die Frauen der Dezembristen (der Teilnehmer an der 1825 von Netschajew geleiteten Verschwörung) beim Gefängnis-Direktor die Erlaubnis, in seiner Wohnung eine Zusammenkunft mit uns zu veranstalten. (Es waren dies, nach den Worten Jastrzembskis, die Frauen Murawiew, Annenkow mit ihrer Tochter und von Wisin, welche den Sträflingen auch ein ausgesuchtes Mittagessen mit Weinen vorsetzten.) Da sahen wir also diese grossen Dulderinnen, welche ihren Gatten freiwillig nach Sibirien gefolgt waren ... Selbst in gar keine Schuld verwickelt, haben sie in langen 25 Jahren alles ertragen, was ihre verurteilten Gatten hatten ertragen müssen. Unser Beisammensein dauerte eine Stunde. Sie segneten uns zu unserem weiteren Weg, machten das Zeichen des Kreuzes über uns und beschenkten jeden von uns mit einem Evangelium — dem einzigen Buche, welches im Gefängnis erlaubt war. Vier Jahre hat es unter meinem Kopfkissen im Strafhaus gelegen. Ich habe darin gelesen, manchmal auch anderen daraus vorgelesen. Ich habe auch einen Sträfling aus diesem Buche lesen gelehrt.“
Wenn wir uns ein genaues Bild von dem äusseren Leben des Dichters während der vier Jahre der Zwangsarbeit machen wollen, müssen wir uns eben an die detaillierten Schilderungen halten, welche in den „Memoiren aus einem Totenhause“ niedergelegt sind. Sie sind bis in alleEinzelheiten so drastisch, so klar und zwingend, dass wir sofort wissen: all dies ist wirklich erlebt; dabei sind sie so vollendet künstlerisch und objektiv, ja fast feindesliebevoll herausgearbeitet, dass wir sofort empfinden, das ist eigenartig, es ist echt Dostojewskysch erlebt. Hier drängt sich uns Deutschen unwillkürlich eine Parallele auf, die sich wie ein Einwand geberdet. Wir denken an Fritz Reuters Schilderungen seiner siebenjährigen Festungszeit, eine Schilderung, die sich zum Humor erhebt, und sind geneigt, ein solches Fertigwerden mit schweren persönlichen Erlebnissen künstlerisch, ja ethisch höher zu stellen. Bei tieferer Fassung des Problems stellt sich die Sache jedoch durchaus anders dar. Ganz abgesehen davon, dass Fritz Reuter nur mit Seinesgleichen eingeschlossen war, Stunden des Alleinseins und wieder solche des Gedankenaustausches mit Gleichgesinnten hatte, während Dostojewsky mit ungefähr 200 Verbrechern aller Kategorien vom Falschspieler und Falschmünzer angefangen bis zum achtfachen Mörder in ununterbrochener Gemeinschaft lebte und während seiner vierjährigen Haft auch nicht eine Stunde des Alleinseins haben konnte, liegt im inneren Erleben des ähnlichen äusseren Schicksals ein grosser Unterschied. Dostojewsky erlebte alles intensiv, ganz subjektiv, aber doch eigentlich gleichsam unpersönlich; für die Menschheit und zu ihrem Wohle. Er war sich selbst ein Gefäss für die grosse Wahrheit, die ihm das Leben offenbarte, ein Brunnen, der diese Wahrheit unaufhörlich hervorsprudeln musste. Da ihm aber nun, wie wir in seinen Aufzeichnungen sehen, gerade in dieser schwersten Lebenszeit die grosse Wahrheit, seine und „seines Volkes Wahrheit“ durch diese Verbrecherwelt aufgegangen war, sich erst da deutlich formuliert hatte, was als Ahnung von Anbeginn in ihm gelegen und sich in den „Armen Leuten“ ausgesprochen hatte, so handelte es sich für ihngerade von da an um den heiligsten Ernst seines Apostolats, und wir sehen ihn gerade von da an seine humoristische Ader versiegen lassen, im Vollgefühl dessen, dass der Humor für die grössten Aufgaben und Probleme nicht ausreicht. Ganz charakteristisch ist es jedoch, wie sich diese reiche Ader jedesmal zu Tage drängt, wo der schweren Nötigung, seinen Hörern in Wort und Bild die Wahrheit aufzuzwingen, gleichsam Genüge geschehen ist, und sich der alte Schalk kichernd zwischen den schweren Falten der Wirklichkeit hervorwagt. Es ist eben die unbesiegbare Kraft und Macht seines künstlerischen Reichtums, der immer wieder hervorbricht.
Die Herausgeber der „Materialien“, namentlich O. Miller, schöpften bei der Schilderung dieses Lebensabschnittes des Dichters aus der einzig authentischen Quelle, die wir oben anführten: den „Memoiren aus einem Totenhause“. Sie schöpfen das Richtige heraus, mit Wärme, Bewunderung, Ehrlichkeit und — Geschick. Denn es ist wohl nicht leicht, heute als Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben, das die krasse Barbarei russischer Zustände hervorhebt, das dem Dulder zugleich und dem Peiniger „gerecht“ wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie er sich an die künstlerische Objektivität seines Gewährsmannes hält, welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht an dem Gepeinigten versündigt, in dessen Ton er nicht einfallen, dessen Objektivität er nicht zur seinen machen kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn seiner Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der Schwierigkeit gezogen, und wir fügen hier die Stelle ein, welche gleichsam als Passepartout für alles Gräuliche und Qualvolle gelten kann, dem er in derselben doch Eingang verschaffen will. Er erzählt, Dostojewsky habe auf eine Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert, wo es unter anderem heisst: „Die „Memoiren aus einemTotenhause“ sind von ganz Russland gelesen worden und werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch geschätzt, obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange abgeändert sind.“ „Theodor Michailowitsch“ — fährt O. Miller fort — „fand es für nötig, im Auslande auf diese Veränderungen hinzuweisen und sie hier mit allen jenen mannigfaltigen Änderungen in Verbindung zu bringen, die wir dem Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken. Schon allein die Drucklegung der „Memoiren aus einem Totenhause“ wäre vor der Regierung Alexanders II. undenkbar gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgeführte Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen hervorgekommenen Menschenrückens, wie ihn Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte man nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschläge abgeschafft hatte.“ Nach diesem Eingange, welcher für uns die Konjektur offen lässt, wie weit die Gepflogenheiten einer willkürlichen Bureaukraten-Verwaltung und die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe Subalterne heute noch diesem thatsächlich entspricht,[8]ist es dem Biographen möglich geworden, die furchtbaren Episoden dieses Gefängnislebens aus den Schilderungen derMemoiren herauszuheben und dadurch die Wunden schärfer, brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als dieser selbst es je gethan hätte.
Wir können auch hier den Aufzeichnungen O. Millers folgen, der zumeist des Dichters eigene Worte anführt.
„Ich erinnere mich deutlich daran — sagt Dostojewsky — dass mir vom ersten Schritte in diesem Leben das auffiel, dass ich darin gleichsam nichts Auffallendes, nichts Aussergewöhnliches, oder besser gesagt, nichts Unerwartetes finden konnte .... es schien mir, als sei es viel leichter im Gefängnis zu leben, als ich mir dies auf dem Wege dahin vorgestellt hatte. Selbst die Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht so zwangsarbeitsmässig, und erst ziemlich viel später kam ich darauf, dass die Schwere und Zwangsarbeitsmässigkeit dieser Arbeit nicht so sehr in ihrer Mühsal und Ununterbrochenheit liege, als darin, dass sie eine gezwungene, aufgenötigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.“
„Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher sich Dostojewsky befand, gehörten Arrestanten“ — fährt O. Miller fort —, „welche unter kriegsrechtlicher Aufsicht standen, und diese Kategorie war, nach seinen eigenen Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als die anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nämlich die dritte, die beim Bau, und die erste, die in den Bergwerken arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur für die Edelleute schwer, sondern für alle Arrestanten, besonders darum, weil Kommando und Organisation ganz militärisch und denjenigen der Arrestanten-Rotten in Russland sehr ähnlich waren ... immer in Ketten, immer unter Bedeckung, immer unter Schloss und Riegel. In den zwei anderen Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgeführt ... die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen noch nicht an die Arbeit; später aberhatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden — und das nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefährten, dass sie diesen nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie nicht so viel Kraft besassen als sie.“ „Was mich anbelangt, erwähnt Theodor Michailowitsch, so habe ich einen besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff, um ihnen bei der Arbeit zu helfen, überall war ich ihnen im Wege, überall störte ich sie, überall jagten sie mich mit Thätlichkeiten davon.“ Nichtsdestoweniger fühlte er, dass die Arbeit ihn retten, seine Gesundheit, seinen Körper stärken könne. Die Hauptarbeit, zu welcher Dostojewsky verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters, was ihm eigentlich leicht erschien. „Eine andere Arbeit, zu der man mich beorderte,“ sagt er weiter, „war in der Werkstätte das Drehen des Schleifsteines; das war schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte eine vortreffliche Motion.“ Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn überhaupt die Winterbeschäftigungen leichter waren als jene, die man im Sommer vornahm. Im Sommer musste man durch ungefähr zwei Monate täglich von dem Ufer des Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten Bau einer neuen Kaserne über den Festungswall hinüber Ziegel tragen. „Diese Arbeit,“ sagt Dostojewsky, „gefiel mir sogar, obwohl der Strick, an dem man die Ziegel tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich entwickelte.“ Anfangs war er nur imstande, acht Ziegel zu zwölf Pfund ein jeder, zu tragen, später aber brachte er es zu zwölf und fünfzehn. „Physische Kraft“, fährt er fort, „ist im Gefängnis nicht weniger nötig, als moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten Lebens zu ertragen.“
Die Kost, meint Dostojewsky, war erträglich, dasBrot sogar in der Stadt geschätzt; dafür war die Kohlsuppe sehr dünn und wimmelte von Küchenschaben. Wer ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor Diebereien der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch die Aufseher schützen konnte, war in der Lage, sich seine Kost durch kleine Beigaben von Thee usw. aufzubessern.
Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten unter den Sträflingen, da sie von Haus aus von zarter Konstitution und verwöhnter waren, gewisse Erleichterungen verschaffen wollten, sie zum Beispiel als Schreiber in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele Kabalen, Intriguen und Angebereien ringsherum, dass eine solche Besserung ihres Loses niemals länger als Tage anhielt.
Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war nach den Worten des Dichters das furchtbarste Jahr seines Lebens. Jene Wandlung, welche sich in ihm der Anlage seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte, nämlich das völlige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne bittere Schmerzen, Enttäuschungen und Demütigungen gerade von Seiten jener vor sich, die er ans Herz drücken wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten ihn, den Edelmann, wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr er aller Lasten dieses „verfluchten Lebens“ mit ihnen gleich teilhaftig war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm mit Widerwillen, Misstrauen. Als er mit einigen anderen „Politischen“ sich ihnen einmal anlässlich einer allgemeinen Pretensija, das heisst Generalklage, wegen der schlechten Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas geneigter war: „ja warum schliesst Ihr Euch denn der Klage an? Ihr esst ja doch vom Eigenen?“ — „Ach mein Gott! auch unter Euch giebt es ja solche, die vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen— nun und da mussten wir doch auch — aus Kameradschaft.“
„Ja, was seid Ihr denn für Kameraden?“ fragte er erstaunt.
„Ich dachte“, fährt der Dichter fort, „ob nicht irgend eine Ironie, ein Zorn, ein Spott in diesen Worten liege — aber nein, einfach: keine Kameradschaft, weiter nichts.“
Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen Verbrechern angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen, wenn wir seine sich immer vertiefende Überzeugung von der Generalschuld der Menschheit bedenken, an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand, jenes echt russische, doch ihm allein in so hohem Masse eigene Schuldgefühl, das jedoch mit der greisenhaften Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als mit einem jener Zustände, die sich beim Katholiken dem Schuldgefühl anschliessen: entweder fanatische Härte gegen sich und andere, oder die schwelgerische Zerknirschung, welche sich mit dem Bekenntnis loskauft, um aufs neue in Schuld und Schuldgefühl zu schwelgen. Dostojewskys „Schuld an allem und an allen“, wie er sich ausdrückt, ruft zum Leben, zur Liebe und zur That auf — das ist die grosse Trennungslinie zwischen seinem, dem russischen, Christentum und jenem aller anderen Völker, die auf diesen Namen hören. Er musste es also schwer empfinden, wenn die „Unglücklichen“, wie er seine Brüder nennt, seine Kameradschaft nicht anerkennen wollten. Auch fand er anfangs Hindernisse in sich selbst. „Ich schloss die Augen,“ sagt er, „und wollte nicht schauen; unter den bösen und gehässigen Gefährten des Strafhauses bemerkte ich die guten nicht, die, welche fähig waren zu denken und zu fühlen, ungeachtet der höchst widerwärtigen Rinde, die sie von aussen bedeckte. Unter den bissigen Worten bemerkte ich manchmal gar nicht das freundliche, entgegenkommendeWort, das um so kostbarer war, als es ja ohne jegliche Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus einer Seele kam, welche vielleicht mehr gelitten und ertragen hatte, als ich.“
Später erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt hatte, gewahrte er immer mehr die anderen. „Du meinst,“ sagt er an anderer Stelle, „das sei ein Tier und kein Mensch ... plötzlich aber kommt zufällig eine Minute, da sich seine Seele unwillkürlich, durch etwas hingerissen, nach aussen offenbart, und du erblickst einen solchen Reichtum, ein solches Gefühl, ein Herz, ein so klares Begreifen eigener und fremder Leiden, dass dir förmlich die Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar deinen Augen und Ohren nicht traust.“ In seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ des Jahrgangs 1873 bespricht er immer noch diese Epoche seiner Wiedergeburt, seiner „Umwandlung“, wie er es nennt, seines Fortschreitens in der in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir es nennen müssen. Für ihn wurzelt diese Umwandlung im unmittelbaren Kontakt mit dem Volke, in der brüderlichen Vereinigung mit ihm, im Gleichwerden mit ihm, ja mit seiner niedersten Stufe. „Dies vollzog sich nicht so schnell,“ sagte er, „sondern allmählich und nach einer sehr langen Zeit. Es wäre mir sehr schwer, die Geschichte meiner Wiedergeburt zu erzählen.“ — Doch hat er sie uns ja ausführlich in seinen „Memoiren aus einem Totenhause“ erzählt.
Sehr bezeichnend für sein rein demokratisches Verhalten ist auch ein Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren, den wir in seinem Notizbuche finden. Es heisst da: „Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.“
Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre verfocht, sondern sie in jedem Detail gelebt hat, beweisentausend kleine Episoden aus seinem Gefangenenleben — so die seltsame Freude, von einem vorübergehenden Mädchen die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen, die durchgekostete Erniedrigung, wenn die Sträflinge, wie immer, in Ketten geschmiedet und geschoren zur Messe geführt wurden und nur gedrängt vor der Kirchenthüre bleiben durften, wo sie vor der übrigen Gemeinde als Gebrandmarkte dastanden, gefürchtet, gemieden, als die allerniedersten Geschöpfe bemitleidet, wie er es wohl in der Kinderzeit mit den Leibeigenen gehalten hatte, die sich auf dem väterlichen Gütchen vor die Kirchenthüre drängten, während er als „Herrschaft“ im Betstuhle sass. Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen oder andere ertragen sehen musste, namentlich solche, die sich mit Ekel verbanden, waren wohl schwerer hinzunehmen: das Schlafen auf den harten Pritschen, oft zu hundert in die dumpfigen Säle gedrängt, wo die Luft durch die hier angebrachten Nachtstühle verpestet war; das gräuliche Dampfbad, in das sie auf Kommando gepfercht wurden und worin sie in erstickendem Qualm und ohne sich eigentlich bewegen zu können, sich kunstvoll ihrer Wäsche entledigen mussten, natürlich auch ohne die an die Beine geschmiedeten Ketten zu lösen. Diese Prozedur erinnert lebhaft an die sogenannten Geduldspiele, wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette herausbringen soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstören. Wollten die Sträflinge nach Monaten solcher Qualen ein wenig aufatmen, so nahmen sie ihre Zuflucht zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital doch gewisse Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie der furchtbare Schlafrock. Sie mussten nämlich das durch Krankheit, Alter und alle Unreinlichkeiten früherer Häftlinge besudelte und übelriechende, nie gereinigte Krankengewandanlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie im Spital ertragen: den Anblick der halbtot Hineingeschleppten, welche eben die schweren Körperstrafen hatten erdulden müssen, 50 — 100 — 150 Stockschläge, unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem Fleische zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major, welcher zu jener Zeit im Strafhaus amtierte und bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte: „Ich bin euer Kaiser, ich bin euer Gott,“ er verhängte die schwersten Körperstrafen für den leisesten Widerspruch. So liess er einem der Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser gesagt hatte: „Wir sind keine Vagabunden, sondern politische Gefangene.“ „Hun — dert — Strei — che, gleich diesen Augenblick!“ schrie in wahnsinniger Wut der „Gott“ des Strafhauses. Der „alte Mann“ (er war über fünfzig Jahre alt) legte sich ohne Widerrede unter die Rutenstreiche, biss sich die Zähne in die Hand und ertrug die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder sich zu rühren. Das imponierte den gemeinen Sträflingen überaus und sie begannen von da ab, ihn hochzuschätzen, obwohl er ein Edelmann und noch dazu ein Pole war. Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der Rutenstrafe zum Gebet ging.
Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders hervor, dass die Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter Fall gewesen sei; „man kann ja auch an einen schlechten Menschen kommen,“ meint er. „Die anderen, höheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,“ erläutert er, „sind sie selbst Edelleute, zweitens war es schon früher manchmal vorgekommen, dass einige von den Edelleuten unter den Sträflingen sich nicht unter die Rutenhiebe legten, sondern sich auf die Vollstrecker warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.“
Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden und das Beiwohnen solch unmenschlicher Züchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die schon vorher nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist ganz klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst körperliche Züchtigungen hätte müssen über sich ergehen lassen. Diese Annahme wurde von vielen ausgesprochen, und die Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der Epilepsie, davon hergeleitet. Indessen erklären seine Freunde und Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer körperlichen Züchtigung unterworfen worden sei, und finden im Zusehen und inneren Erleben einen ganz genügenden Grund für die Steigerung seiner psychisch-physischen Krankheit, welche er selbst übrigens lange nicht als das hatte erkennen wollen, was sie war.
Das letzte Jahr seiner vierjährigen Haft verlebte er in fieberhafter Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen erlangt, durfte Bücher lesen, an seine Angehörigen schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da er nämlich zur Winterzeit angekommen war, so konnte seine Freilassung auch nur zur selben Jahreszeit stattfinden. „Mit welcher Ungeduld,“ sagt er, „erwartete ich den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und das Gras der Steppe verbleicht!“ Die allerletzte Zeit aber war wieder eine sehr ruhige für ihn; je näher derTag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er. Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne brachte er damit zu, noch einmal um das Gebäude herumzugehen und die Pfähle des Pallisadenzauns zu zählen, wie er in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft an diesen Pfählen die Tage seiner Haft abgezählt hatte. Der Abschied von den Genossen war ein sehr verschiedenartiger. Die einen drückten ihm herzlich die Hand, einige sogar freundschaftlich und gerührt, aber doch wie einem „Herrn“, manche wendeten sich ab, um einem Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehässig nach; auf dem Antlitz aller aber lag unverhohlen der Gedanke ausgedrückt — „von morgen an bist du nie unter uns gewesen.“
Orest Miller setzt in seinen „Materialien“ die Enthaftung Dostojewskys auf den 2. März 1854. Indessen geht aus den Dokumenten, welche uns in den Archiven der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor, dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des General-Adjutanten Grafen Orloff an das Kriegsministerium vom 17. November 1853 (No. 1920) „am Tage ihrer Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.“
Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an seine Angehörigen sind die „Materialien“ noch nicht genügend informiert. Seit der Abfassung derselben, 1883, also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben sich mehrere Briefe teils in den Händen der Familie vorgefunden, welche auch schon teilweise in verschiedenen Blättern durch die Witwe veröffentlicht worden sind; so ein Brief vom 22. Februar und, da dieser unbeantwortet blieb, ein zweiter vom 27. März. (Michael hatte ihm, nach Aussage der Witwe, während der ganzen Strafzeit nicht geschrieben, sowie sich die ganze Familie, wohl aus Furcht„sich zu kompromittieren“, die ersten Jahre seiner Strafzeit wenig um ihn kümmerte.) Ferner haben wir, gleichfalls in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafür gefunden, dass vom 16. März 1854 bis zum 11. September 1856 neunzehn Briefe Theodor Michailowitschs an seinen Bruder, seine Angehörigen und andere Personen durch das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt, zur Beförderung an ihre Adresse übermittelt worden sind. Ob die Witwe des Dichters, welcher diese Daten mit uns zur Verfügung gestellt wurden, in ihrer unermüdlichen Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln, in diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das wird die Zeit lehren. Der erste Brief nach der Enthaftung und Einreihung Dostojewskys (in das 7. Linien-Infanterie-Bataillon des sibirischen Corps), den wir kennen, ist vom 27. März 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen ihm folgende Stellen:
„Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass ich Deinen Brief samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber erhalten habe, wofür ich Dir herzlich danke. Ich wollte Dir auch gleich antworten, habe aber die Post versäumt. Verzeihe und strafe mich nicht dafür. Ich hoffe, mein Teurer, dass Du mir jetzt öfter schreiben wirst. Wisse, dass Deine Briefe mir ein wahrer Feiertag sind; darum: sei nicht faul! Wir haben einander ja so lange nichts geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben können? Das ist für mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast Du nicht selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind aber erlaubt, ich weiss das sicher. Übrigens wirst Du jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?“ Nach einer warmen Nachfrage um die Angehörigen und ihre Kinder, deren er jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude darüber aus, dass der Bruder einen Erwerbszweig gefundenhabe, der ihn beschäftigt. Michael Dostojewsky hatte nämlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet, wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten hatte. „Du hast Familie, ein Auskommen ist Dir unumgänglich nötig, verdiene es Dir, verstärke Deine Thätigkeit, wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht fallen, was Du begonnen hast.“
„Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem Strafhause und es bekümmert Dich, dass ich im Hinblick auf meine schlechte Gesundheit nicht um die Einreihung in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine Gesundheit würde ich indessen nicht beachten, darin liegt es nicht. Aber habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die Versetzung in die Armee ist eine Allerhöchste Gnade und hängt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum kann ich nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge! Vorläufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und rufe mir das Alte zurück. Meine Gesundheit ist ziemlich gut und hat sich in diesen zwei Monaten sehr gebessert; da sieht man, was es heisst, aus der Enge, der Stickluft und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima ist ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische Steppe. Die Stadt ist ziemlich gross und bevölkert, Asiaten giebt es eine Menge. Rings die offene Steppe. Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist kürzer als in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation keine Spur, kein Bäumchen — die nackte Steppe. Einige Werst von der Stadt entfernt ist ein Fichtenwäldchen, eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da ist immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bäume giebt es da nicht. — Wild die Menge. Es giebt einen ordentlichen Markt, aber die europäischen Waren sind so teuer, dass man nicht an sie heran kann. Einmal werde ich Dir detaillierter über Semipalatinsk schreiben; es lohntdie Mühe. Jetzt aber will ich Dich um Bücher bitten, schicke mir welche, Bruder — keine Zeitungen; aber schicke mir europäische Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich alle alten (Herodot, Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie sind alle ins Französische übersetzt). Endlich den Koran und ein deutsches Lexikon. Natürlich nicht alles auf einmal, sondern was Du eben kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und irgend eine Physiologie (sei’s auch eine französische, wenn sie russisch zu teuer ist). Suche die billigsten und gedrängtesten Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal, langsam nach einander. Auch für weniges werde ich Dir dankbar sein. Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! Übrigens brauche ich Dir ja nichts zu sagen. Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe öfter. Um Gottes willen vergiss nicht
Deinen Th. Dostojewsky.“
Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume von 1854-1859 geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie wir sahen, durch das Corps-Kommando und die Generaladjutantur ihren Weg an die Adressaten nahmen, geben uns dennoch einige Auskunft über des Dichters Stimmung, über sein gegenwärtiges Leben und seine Zukunftspläne. Der nächste Brief an den Bruder ist vom 30. Juli 1854 datiert. Er entschuldigt sich über sein langes Schweigen in folgender Weise: „Ich versichere Dir, mein Teurer, dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit zum Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige freiere Minuten gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich auf eine günstigere Zeit, immer hoffend, dass diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht in Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natürlich oder kannst es ja erraten, womit ich jetzt beschäftigt bin. Exerzieren, Musterungen der Brigade- und Divisions-Kommandantenund Vorbereitungen dazu. Ich bin im März hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst hatte ich so gut wie gar nichts gewusst, bin aber doch im Juli bei der Musterung in Reih und Glied gestanden und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht als die anderen.“
Weiter schreibt er: „Wie fremd Dir auch all dieses sein möge, so denke ich doch, Du wirst begreifen, dass das Soldatenleben kein Spass ist, dass es mit all seinen Verpflichtungen kein leichtes ist, für einen Menschen mit meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwöhnt ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich habe es verdient“. Im weiteren Verlauf des Briefes spricht er liebevoll von den Schwestern (beide hatten sich inzwischen vermählt), beschwört den Bruder, doch nicht auf Antwort zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere, ehe einer vom anderen Nachricht habe. „Jetzt kennst Du ja meine Beschäftigungen“, führt er fort, „andere Erlebnisse hat es nicht gegeben, als dienstliche äussere Lebensumwälzungen, besondere Vorfälle ebenfalls nicht. Die Seele aber, das Herz, den Geist — was gewachsen, was herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen worden, das kann man nicht auf einem Stückchen Papier sagen und wiedergeben“ .... Weiter berührt er seine Krankheit, über welche er, wie oben gesagt worden, noch immer nicht im klaren ist, und fährt fort: „Übrigens sei so freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch und voller Bedenken bin, wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg gewesen bin. Dies alles ist vollkommen vergangen, wie weggeblasen. Im übrigen ist alles von Gott und in Gottes Hand.“ Zum Schluss meint er, der Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche, sei seine einzige Rettung, er solle aber nur dann schicken, wann er etwas habe; er beschwört ihn, bald zu schreiben,obwohl es traurig genug sei, nur brieflich mit einander zu leben, wenn man einander fünf Jahre nicht gesehen habe.
Der zweite der, von der Witwe des Dichters im März 1898 dem Redakteur der Monatsschrift „Niva“, Herrn R. J. Sementkowsky, zur Veröffentlichung übergebenen drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte desselben Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855 datiert. Auch in diesem spricht sich das furchtbare Heimweh und Gefühl der Vereinsamung aus, das uns in den vorhergehenden Briefen entgegentritt.
„Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa!“ — heisst es darin — „da ist nun schon eine sehr lange Zeit vergangen, und es ist auch nicht ein Zeilchen von Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich zu beunruhigen und zu härmen. Es wird offenbar so werden, wie im vorigen Sommer. Mein Lieber, wenn Du nur wüsstest, in welcher bitteren Einsamkeit ich mich hier befinde, so würdest Du mich wahrlich nicht so lange schmachten lassen und würdest nicht so lange verziehen, mir wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du was? Mir kommt manchmal ein schwerer Gedanke. Mir scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das ihre; eine alte Anhänglichkeit ermattet und frühere Eindrücke verblassen und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfängst, mich zu vergessen. Wie könnte man anders so lange Pausen zwischen Deinen Briefen erklären? Auf mich sei nicht böse, wenn ich selbst Dir manchmal lange Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer öfter, zweitens aber schwöre ich Dir, dass manchmal sehr schwere Arbeiten zu leisten sind; da ermüde ich und — versäume die Post, welche hier nur einmal wöchentlich abgeht. Bei Dir ist’s etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel thatsächlich nichts zu schreiben wäre, so schreibe wenigstens was immer, seien’s auch zwei Zeilen. Mir käme dannnicht der Gedanke, dass Du mich verlässest. Lieber Freund, als ich im Oktober des vorigen Jahres[9]ähnliche Klagen an Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr peinlich, sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei mir um Gottes willen nicht böse, bedenke, dass ich einsam bin, wie ein dahingeworfener Stein, — dass mein Charakter immer schwermütig, krankhaft, empfindlich war. Bedenke das alles und verzeihe mir, wenn meine Klagen ungerecht, meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja selbst überzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch ein Zweifel von der Grösse eines Mohnkörnchens ist schwer zu ertragen, und ich habe ja niemand, der mich eines besseren belehren könnte, als Dich selbst.“
Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen Zuständen, nach der Familie, spricht er die Sorge aus, ob denn der Erfolg des kaufmännischen Unternehmens Michaels durch genügenden Unterhalt der Familie das Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich von der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschäftigungen lossagte, die seinem Charakter angemessener waren. „Was soll ich Dir über mein Leben sagen?“ heisst es weiter. „Bei mir ist alles im alten, alles im gleichen und es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts verändert. Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst schwerer, sind Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann ich mich nicht brüsten, lieber Freund; sie ist nicht ganz gut. Je älter man wird, um so schlimmer wird es. Wenn Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit, so viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt, wie in Petersburg, so rede Dir das gefälligst aus; auch nicht eine Mahnung davon ist vorhanden, wie von vielem anderen, Gewesenen.“ Der Brief schliesst mit hundertFragen nach Verwandten und Grüssen an sie und verstärkt unseren Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch, ganz abgesehen von seinem durch die Einsamkeit gesteigerten Gefühl für die Familie, vor allem seinem Bruder Michael unendlich mehr Wärme entgegenbringt, als ihm erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen ihn während der Jahre der Haft und der Abwesenheit, der Umstand, dass er, als die Geschäfte der Fabrik schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der Bruder zurückkam und mit ihm und für ihn arbeitete, das alles bestärkt uns mindestens in der Annahme, dass Theodor nicht der Empfangende von beiden sein mochte, eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse nur bestätigt wird.
In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des Dichters Leben ein, Personen, welchen es bestimmt war, ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind erstens ein Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet, was zu einem langjährigen, wenn auch oft stockenden Briefwechsel führte. Die zweite dieser Personen ist Marja Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien lebende Witwe eines dort an Lungentuberkulose verstorbenen Beamten.
Über Wrangel spricht sich der Dichter in einem an Apollon Maikow gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856 folgendermassen aus: „Diesen Brief wird Ihnen Alexander Gregorowitsch Wrangel übergeben, ein sehr junger Mensch (Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit vortrefflichen Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt aus dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem edeln Vorsatze, das Land kennen zu lernen, nützlich zu sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient, wir haben einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Da ich Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeitzu schenken und womöglich näher mit ihm bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte über seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Güte, ein sanftes Herz, obwohl sein Äusseres einen gewissen Anschein von Unnahbarkeit trägt. Ich wünschte sehr, um seines Vorteils willen, dass Sie näher mit ihm bekannt würden. Der halb oder dreiviertel aristokratische, freiherrliche Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefällt mir nicht ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt vortreffliche Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm ersichtlich, was von alten Einflüssen zeugt. Wirken Sie auf ihn, wenn es möglich ist, er ist es wert. Er hat mir sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur für das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas argwöhnisch, sehr eindrucksfähig, manchmal versteckt und etwas ungleich in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm zusammen kommen, sprechen Sie mit ihm offen, gerade heraus, und holen Sie nicht weit aus.“
Dieser Jüngling scheint, nach dem Briefwechsel zu urteilen, sehr viel Gelegenheit gehabt zu haben, dem Dichter sowohl in Sibirien als in Russland nützlich zu werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem Gesuch Dostojewskys bei den betreffenden Persönlichkeiten Eingang verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt, welche dem Dichter mit der Zeit geworden sind. Auch scheint er diesem in eigenen intimen Angelegenheiten volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen, wie man leicht herausfühlen kann, schwierigen Familien- und Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben. Eine der ersten gemeinsamen Angelegenheiten beider scheint die gewesen zu sein, eben jenem sterbenden Issajew und seinen Angehörigen mit kleinen Geldmitteln auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand. In einem Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtetihm der Dichter vom Tode des „unglücklichen Issajew“, spricht über die traurige Lage seiner Witwe Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen verabredete Summe zu senden. An der Wärme im Ton dieses Briefes ist leicht ersichtlich, wie nahe diese Menschen seinem Herzen stehen. So schreibt er: „Er starb unter entsetzlichen Leiden, aber wunderschön, wie Gott geben möge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll, seine Gattin und sein Kind segnend und nur um ihr Los besorgt. Die unglückliche Marja Dmitrjewna erzählt mir seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie schreibt, diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost. In den furchtbarsten Qualen (er kämpfte zwei Tage mit dem Tode) rief er sie zu sich, umarmte sie und wiederholte unaufhörlich: „Was wird mit Dir geschehen, was wird mit Dir geschehen?“ Erinnern Sie sich an ihren kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von der Verzweiflung ganz von Sinnen gekommen. Mitten in der Nacht springt er aus dem Bette, läuft zum Bilde, mit welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode gesegnet hat, fällt auf die Kniee und betet nach ihren Worten um die ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele. ... Man hat ihn ärmlich begraben, auf fremde Kosten (es fanden sich gute Leute), sie aber war ganz besinnungslos .... Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den Schlaf verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie hat gar nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend jemand hat ihr drei Silberrubel geschickt. „Die Not hat mir die Hand hingestossen, es anzunehmen,“ schreibt sie, „und ich habe ... das Almosen angenommen!“ — Nun folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher Weise dieser der Witwe Issajew die verabredete Summe schicken solle, mit den feinsten Details einer ausgesuchten Delikatesse eingeleitet und motiviert.
In seinem nächsten Brief an Wrangel vom 23. August 1855 erwähnt er noch einmal diese Geldangelegenheit, erzählt Marja Dmitrjewna habe ihm schwere Vorwürfe gemacht, dass eigentlich doch er, der selbst nichts habe, der Geber sei; er hoffe sie aber mit seiner Antwort beruhigt zu haben. „Wenn Sie hierher kommen,“ fährt er fort, „werde ich Ihnen ihren Brief zeigen. Mein Gott! was ist das für eine Frau! wie schade, dass Sie sie so wenig kennen!“ Mit einem P. S. noch einmal auf die Sache zurückkommend schliesst er: „Werden Sie ihr ein paar Worte schreiben?“
Wir ahnen schon hier, dass sich in dem, durch sechs Jahre von jedem ebenbürtigen Verkehr, von jeder Annäherung an edle Frauen abgetrennten Staatsgefangenen (zu Annäherungen banaler Natur scheint, nach den „Memoiren aus dem Totenhause“, auch das strenge Sträflingsleben für untergeordnete Kostgänger des Staates nicht ohne Möglichkeit gewesen zu sein), eine tiefe Sympathie, eine überschwängliche Bewunderung für das erste weibliche Wesen entwickeln wird, das schon durch seine Leiden ein Anrecht an ihn erworben hat und wohl auch durch eine seltene Begabung und Seelenart diesen tiefen Anteil rechtfertigen musste. Einen Anhaltspunkt für die Vorstellung vom Wesen Marja Dmitrjewnas finden wir in dem Umstande, dass der Herausgeber der „Biographischen Materiale“, Orest Miller, den Roman des Dichters „Erniedrigte und Beleidigte“ als jenen bezeichnet, in welchem wir, den äussern Thatsachen nach, neben den „Memoiren aus dem Totenhause“ die deutlichsten Spuren einer Autobiographie verfolgen können. Es ist thatsächlich geschehen, dass, als eine tiefere Beziehung des Dichters zu Marja Dmitrjewna eingetreten war, diese, gerade so wie Natascha im Roman, eine plötzliche Leidenschaft zu einem anderen fasste und Dostojewsky, aus innigstem Mitgefühl für ihre Leiden, sicheifrig bemühte, diesem anderen zu einer Stelle und einem Erwerb zu verhelfen. In welcher Weise sich dann der Umschlag in Marja Dmitrjewnas Gefühlen und Entschlüssen vollzog, das erfahren wir aus den diskreten Notizen O. Millers nicht.
Um unser Urteil über Marja Dmitrjewna zu vervollständigen, werden wir gewiss nicht fehl gehen, wenn wir die Zeichnung Nataschas als nach ihrem Vorbilde entworfen annehmen. Der Roman ist innerhalb eines Zeitraumes von ungefähr zwei Jahren nach des Dichters Vermählung geschrieben, also genug nahe, um jene Eindrücke noch ganz frisch in sich zu tragen, und genug ferne, um sie nach aussen hin gestalten zu können. Er hatte früher eine längere Erzählung, die er anfangs Roman nennt, geschrieben, welche er über zwei Jahre mit sich herumgetragen hatte; dies war die uns unter dem Namen „Tollhaus und Herrenhaus“ bekannte Erzählung „Das DorfStepantschikowo und seine Bewohner“. Dazwischen schrieb er aus Not eine kleine Erzählung nieder, die ihn auch schon lange beschäftigt hatte: „Onkelchens Traum“.
In der Gestalt der Natascha[10]nun sind, ganz abgesehenvon den äusseren Umständen, Züge, welche uns an Marja Dmitrjewna erinnern. Ja, der Dichter, welcher sich in seiner grandiosen Unbekümmertheit um Wiederholungen wirklich oft wiederholt, gebraucht in einem Briefe an Wrangel bei der Mitteilung ihrer Zustimmung genau dieselben einfachen Worte, die er dann an der betreffenden Stelle im Roman ausspricht: „Sie sagte mir selbst: ‚ja‘. Das, was ich Ihnen über sie im vergangenen Sommer schrieb“ — fährt er in seinem Briefe vom 1. Dezember 1856 fort —, „hat gar wenig Einfluss auf ihre Neigung zu mir gehabt ... sie hat sich bald vom Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt .... o wenn Sie wüssten, was diese Frau ist!“ ... Am 6. März 1857 giebt er dem Freunde in einem uns nur bruchstückweise mitgeteilten Briefe von seiner in Kuznezk vollzogenen Vermählung mit wenigen Worten Nachricht. Dieser Brief beschäftigt sich hauptsächlich mit den Zuständen Wrangels, dessen komplizierten Beziehungen zum Vater usw. und enthält Ermahnungen, sich vor zu grosser argwöhnischer Empfindlichkeit zu bewahren. Zum Schlusse sagt er: „..... grosse Umwandlungen in unserem Leben helfen da immer. Ich war im höchsten Grade hypochondrisch, wurde aber durch die scharfe Umwälzung, welche in meinem Schicksal eintrat, gründlich davon geheilt.“
Ehe wir zu den weiteren Erlebnissen des Dichtersübergehen, die von Wichtigkeit für seine Thätigkeit waren, möchten wir jenen Brief Dostojewskys hier einschalten, der über die letzten Augenblicke Marja Dmitrjewnas berichtet, um so einen Abschluss des Bildes dieser Ehe zu gewinnen, welche ihm grosses Glück und grosse Leiden gebracht zu haben scheint.
Die Briefe enthalten nur stellenweise Andeutungen intimer Beziehungen. So finden wir nur sehr spärliche Äusserungen in einigen derselben zerstreut. Viel reichlicher sind die Mitteilungen seiner Sorgen um den Stiefsohn Pascha, der ihm sowohl wegen seines Studienganges und der dazu kaum ausreichenden materiellen Mittel, als auch später seines unzuverlässigen Charakters wegen manche Prüfung auferlegt. Das Zusammenleben des Dichters nun mit seiner Gattin scheint zu Schwierigkeiten geführt zu haben, welche wohl in gewissen Charakterähnlichkeiten zu suchen sein dürften. Schon das Faktum allein, dass Dostojewsky es im Verlauf dieser Ehe trotz angestrengtester Arbeit und später auch erzielter grosser Honorare nie dazu gebracht hat, einen sorgenfreien Augenblick, ein Ausruhen von der Furcht drohender Not zu geniessen, deutet darauf hin, dass beide Gatten gleich unfähig waren, sich das äussere Leben erträglich einzurichten.
Anderseits finden wir in des Dichters Briefen immer dieselbe Bewunderung und Liebe für Marja Dmitrjewna ausgedrückt, obgleich er auf eine örtliche Trennung eingehen musste, welche auf Anraten der Ärzte um der Gattin Gesundheit willen eingeleitet wurde. So verblieb denn Theodor Michailowitsch in Petersburg, während Marja Dmitrjewna nach dem milderen Moskau übersiedelte.
Nachdem sich aber ein ernstes Lungenleiden rasch entwickelt zu haben scheint, eilt der Dichter an das Krankenbett der Gattin und bringt dort, selbst sehr leidend,unter „allseitigen“ Qualen, wie er sagt, und unter dem Druck bestellter, eiliger Arbeit zwei schwere Monate zu.
Er bleibt von Ende Februar bis Mitte April 1864 an ihrer Seite, schreibt während des dringende Geschäftsbriefe an den Bruder, denen wir eben nur die wenigen Andeutungen über seinen Seelenzustand entnehmen, während das unaufhörliche Sprudeln und Gähren seiner Schöpferkraft ihn auch hier nicht verlässt.
Voll von Plänen für seine damals erscheinende Zeitschrift „Wremja“, Entwürfen, kritisch-ästhetischen Artikeln über „Theoretismus und Phantasterei“, die, wie er sagt, „nicht eine Polemik sein wird, sondern eine That,“ wird er doch endlich von der Macht der Verhältnisse, nämlich eigener Krankheit und dem Tode seiner Gattin, für eine Zeit überwältigt, so dass er gar nicht schreiben kann, obwohl er noch kurz vorher schrieb: „Meine Frau ist sterbend, buchstäblich. Jeden Tag kommt ein Augenblick, da wir ihren Tod erwarten. Ihre Leiden sind furchtbar und finden ihren Widerhall in mir, weil ja ... das Schreiben aber ist keine mechanische Arbeit, dennoch aber schreibe ich und schreibe meist am Morgen — doch fängt die Handlung erst an. Die Erzählung zieht sich in die Länge. Manchmal denke ich, es wird ein Quark, dennoch schreibe ich mit Feuer, ich weiss nicht, was daraus wird. Im allgemeinen habe ich wenig Zeit zum Schreiben, obgleich es scheint, dass ich alle Zeit für mich habe — dennoch ist es wenig, denn es ist diese Zeit keine Arbeitszeit für mich und ich habe manchmal ganz anderes im Kopfe; dann noch eins: ich fürchte, der Tod meiner Frau wird bald eintreten, dann wird aber eine Unterbrechung der Arbeit unvermeidlich sein — wenn diese Unterbrechung nicht wäre, würde ich wahrscheinlich fertig.“
Diese Stelle des Briefes müsste uns geradezu durch ihre kühle Geschäftsmässigkeit verblüffen, wenn wir esnicht schon an vielen anderen Beispielen aus dem Leben grosser Dichter und Künstler erfahren hätten, dass sie, während des Schaffens gleich der pythischen Priesterin vom Geiste erfasst, im Taumel aller Irdischkeit entrückt sind. Dieses absorbierende, despotische Etwas, das sie hat, lässt zu Zeiten nichts übrig für die Erdengenossen, die sich ihnen angelobt.
Dienstag, den 14. April 1864, schreibt er an den Bruder als Nachschrift: „Gestern um 2 Uhr nachts habe ich diesen Brief geschlossen. Später wurde Marja Dmitrjewna sehr schlecht. Sie verlangte nach dem Geistlichen. Ich ging Alexander Pawlowitsch zu holen und schickte nach dem Priester. Die ganze Nacht sassen sie bei ihr; die Sakramente empfing sie um 4 Uhr morgens. Um 8 Uhr legte ich mich nieder, ein wenig auszuruhen, um 10 Uhr wurde ich geweckt, es sei Marja Dmitrjewna in diesem Augenblicke besser.“
Unter dem 15. schreibt er: „Gestern hatte Marja Dmitrjewna einen entscheidenden Anfall. Eine Halsblutung trat ein, die einen Druck auf die Brust und Würganfälle hervorrief. Wir alle erwarteten das Ende, wir waren alle an ihrer Seite. Sie nahm von allen Abschied, versöhnte sich mit allen, machte Ordnung mit allem. Deiner ganzen Familie sendete sie Grüsse und Wünsche langen Lebens, ganz besonders an Emilie Fjodorowna. Auch sprach sie das Verlangen aus, sich mit Dir zu versöhnen. (Du weisst, mein Freund, dass sie ihr Leben lang davon überzeugt war, Du seist ihr heimlicher Feind.) Die Nacht brachte sie schlecht zu. Heute aber, soeben sagt Alexander Pawlowitsch endgiltig, dass sie heute — sterben wird. Und das ist unzweifelhaft.
Ich werde zur Tante um Geld fahren: Sie kann es aber verweigern, weil sie vielleicht keines bei der Hand hat. Ich weiss nicht, was ich machen werde. Dichaber bitte ich: verlass mich nicht. Es werden sehr grosse Auslagen sein. Schicke so viel Du kannst, um alles! Um Gotteswillen — ich werde es abdienen.“ —
Wir glauben, dass es keines Kommentars bedarf, um das Tragische dieses Lakonismus der Not hervorzuheben. Ein Dichtergenius, der ganz wie das arme Volk erlebt: dem die Sorge um den nächsten Augenblick eines tiefen und zarten Erlebnisses kein anderes Wort in den Mund legt, als: Geld!
Als Nachschrift heisst es: „Marja Dmitrjewna stirbt sanft bei vollem Bewusstsein, Pascha (den Sohn) hat sie im Geiste gesegnet.“
Der letzte Brief, wenigstens der letzte, in den wir Einblick haben, in welchem Dostojewsky über Marja Dmitrjewna und sein Verhältnis zu ihr spricht, ist vom 31. März 1865 an Wrangel gerichtet. Die betreffende Stelle lautet: „Ja, Alexander Jegorowitsch, ja, mein unschätzbarer Freund, Sie schreiben mir und klagen mit mir über meinen verhängnisvollen Verlust, den Tod meines Schutzengels, Bruder Mischas (der Bruder war bald nach Marja Dmitrjewna plötzlich gestorben), aber Sie wissen nicht, wie tief mich das Schicksal niedergedrückt hat. Ein zweites Wesen, das mich liebte, und das ich grenzenlos liebte, meine Frau ist in Moskau, wohin sie ein Jahr vorher übersiedelt war, an Tuberkulose gestorben. Ich bin ihr dorthin nachgekommen, bin den ganzen Winter 1864 nicht von ihrem Lager gewichen und am 16. April des vorigen Jahres ist sie verschieden, bei vollem Bewusstsein; und da sie von allen Abschied nahm, und aller gedachte, denen sie noch letzte Grüsse senden wollte, gedachte sie auch Ihrer. Ich übergebe Ihnen hier diesen Gruss, lieber, guter, alter Freund. Weihen Sie ihr ein gutes und freundliches Erinnern. O, mein Freund, sie hat mich grenzenlos geliebt, und auch ich liebte sie über dieMassen, doch lebten wir nicht glücklich miteinander. Ich werde Ihnen alles bei unserem Wiedersehen erzählen — jetzt sage ich nur das, dass wir ungeachtet dessen, dass wir mit einander unbedingt unglücklich waren (ihres seltsamen, argwöhnischen und krankhaft-phantastischen Charakters wegen) — nicht aufhören konnten, einander zu lieben. Ja sogar, je unglücklicher wir waren, desto mehr liebten wir einander. Wie seltsam dies auch klingen möge, dennoch war es so. Sie war die ehrlichste, die edelste und grossherzigste aller Frauen, welche ich in meinem ganzen Leben gekannt habe. Als sie starb — habe ich, obwohl mich ein Jahr lang tiefer Kummer beim Anblick ihres Hinsterbens gequält hatte, obwohl ich wusste und mit tiefem Schmerze empfand, was ich mit ihr begraben würde — da habe ich in keiner Weise die Vorstellung davon gehabt, wie leer und öde mein Leben von dem Augenblicke an sein würde, da man die Erde über sie schüttete. Und nun ist schon ein Jahr vergangen, und dieses Gefühl schwächt sich nicht ab .... Da eilte ich, nachdem ich sie begraben, nach Petersburg zum Bruder — nun blieb mir nur er allein; nach drei Monaten starb auch er, nachdem er im ganzen einen Monat, und das ganz leicht, krank gewesen war, so dass die Krisis, welche dem Tode voranging, ganz unerwartet unter drei Tagen eintrat.