ALBRECHT VON HALLER.
[Scherer D.372,E.377.]
Geboren 1708 zu Bern, studierte in Tübingen und Leyden Naturwissenschaften, reiste dann in Deutschland, England und Frankreich und ward 1729 practischer Arzt in Bern. 1736 gieng er als Professor nach Göttingen, und 1753 als Amman nach Bern zurück. Er starb 1777. Als Gelehrter, Kritiker und Dichter gleich angesehen. Seine wichtigsten Gedichte fallen in die Jahre 1725–1736; die erste Sammlung ‘Versuch schweizerischer Gedichte’ erschien 1732. Seine Gedichte wurden herausgegeben von Hirzel (Frauenfeld 1882) und die Tagebücher seiner Reisen von demselben (Leipzig 1883). Im Alter verfasste er politische Romane.
Geboren 1708 zu Bern, studierte in Tübingen und Leyden Naturwissenschaften, reiste dann in Deutschland, England und Frankreich und ward 1729 practischer Arzt in Bern. 1736 gieng er als Professor nach Göttingen, und 1753 als Amman nach Bern zurück. Er starb 1777. Als Gelehrter, Kritiker und Dichter gleich angesehen. Seine wichtigsten Gedichte fallen in die Jahre 1725–1736; die erste Sammlung ‘Versuch schweizerischer Gedichte’ erschien 1732. Seine Gedichte wurden herausgegeben von Hirzel (Frauenfeld 1882) und die Tagebücher seiner Reisen von demselben (Leipzig 1883). Im Alter verfasste er politische Romane.
Soll ich von deinem Tode singen?O Mariane! welch ein Lied,Wann Seufzer mit den Worten ringen20Und ein Begriff den andern flieht!Die Lust, die ich an dir empfunden,Vergrössert jetzund meine Noth;Ich öffne meines Herzens WundenUnd fühle nochmals deinen Tod.Doch meine Liebe war zu heftig,Und du verdienst sie allzuwohl,Dein Bild bleibt in mir viel zu kräftig,Als dass ich von dir schweigen soll.Es wird, im Ausdruck meiner Liebe,Mir etwas meines Glückes neu,10Als wann von dir mir etwas bliebe,Ein zärtlich Abbild unsrer Treu!Nicht Reden, die der Witz gebieret,Nicht Dichter-Klagen fang ich an;Nur Seufzer, die ein Herz verlieret,Wann es sein Leid nicht fassen kann.Ja, meine Seele will ich schildern,Von Lieb und Traurigkeit verwirrt,Wie sie, ergötzt an Trauer-Bildern,In Kummer-Labyrinthen irrt!20Ich seh dich noch, wie du erblasstest,Wie ich verzweiflend zu dir trat,Wie du die letzten Kräfte fasstest,Um noch ein Wort, das ich erbat.O Seele, voll der reinsten Triebe,Wie ängstig warst du für mein Leid!Dein letztes Wort war Huld und Liebe,Dein letztes thun Gelassenheit.Wo flieh ich hin? in diesen ThorenHat jeder Ort, was mich erschreckt!30Das Haus hier, wo ich dich verloren;Der Tempel dort, der dich bedeckt;Hier Kinder — ach! mein Blut muss lodernBeim zarten Abdruck deiner Zier,Wann sie dich stammelnd von mir fodern;Wo flieh ich hin? ach! gern zu dir!O soll mein Herz nicht um dich weinen?Hier ist kein Freund dir nah als ich.Wer riss dich aus dem Schooss der deinen?Du liessest sie und wähltest mich.Dein Vaterland, dein Recht zum Glücke,Das dein Verdienst und Blut dir gab,Die sinds, wovon ich dich entrücke;Wohin zu eilen? in dein Grab!Dort in den bittern Abschieds-Stunden,Wie deine Schwester an dir hieng,10Wie, mit dem Land gemach verschwunden,Sie unserm letzten Blick entgieng;Sprachst du zu mir mit holder Güte,Die mit gelassner Wehmuth stritt:‘Ich geh mit ruhigem Gemüthe,Was fehlt mir? Haller kömmt ja mit.’Wie kann ich ohne Thränen denkenAn jenen Tag, der dich mir gab!Noch jetzt mischt Lust sich mit dem kränken,Entzückung löst mit Wehmuth ab.20Wie zärtlich war dein Herz im lieben,Das Schönheit, Stand und Gut vergass,Und mich allein nach meinen TriebenUnd nicht nach meinem Glücke mass.Wie bald verliessest du die JugendUnd flohst die Welt, um mein zu sein;Du miedst den Weg gemeiner TugendUnd warest schön für mich allein.Dein Herz hieng ganz an meinem HerzenUnd sorgte nicht für dein Geschick;30Voll Angst bei meinem kleinsten Schmerzen,Entzückt auf einen frohen Blick.Ein nie am eiteln fester Wille,Der sich nach Gottes Fügung bog;Vergnüglichkeit und sanfte Stille,Die weder Glück noch Leid bewog;Ein Vorbild kluger Zucht an Kindern,Ein ohne Blindheit zartes Herz;Ein Herz, gemacht mein Leid zu mindern,War meine Lust und ist mein Schmerz.Ach! herzlich hab ich dich geliebet,Weit mehr als ich dir kund gemacht,Mehr als die Welt mir Glauben giebet,Mehr als ich selbst vorhin gedacht.Wie oft, wann ich dich innigst küsste,Erzitterte mein Herz und sprach:10‘Wie? wann ich sie verlassen müsste!’Und heimlich folgten Thränen nach.Ja, mein Betrübniss soll noch währen,Wann schon die Zeit die Thränen hemmt;Das Herz kennt andre Arten Zähren,Als die die Wangen überschwemmt.Die erste Liebe meiner Jugend,Ein innig Denkmal deiner Huld,Und die Verehrung deiner TugendSind meines Herzens stäte Schuld.20Im dicksten Wald, bei finstern Buchen,Wo niemand meine Klagen hört,Will ich dein holdes Bildniss suchen,Wo niemand mein Gedächtniss stört.Ich will dich sehen, wie du giengest,Wie traurig, wann ich Abschied nahm!Wie zärtlich, wann du mich umfiengest,Wie freudig, wann ich wiederkam!Auch in des Himmels tiefer FerneWill ich im dunkeln nach dir sehn30Und forschen, weiter als die Sterne,Die unter deinen Füssen drehn.Dort wird an dir die Unschuld glänzenVom Licht verklärter Wissenschaft;Dort schwingt sich aus den alten GränzenDer Seele neu entbundne Kraft!Dort lernst du Gottes Licht gewöhnen,Sein Rath wird Seligkeit für dich;Du mischest mit der Engel TönenDein Lied und ein Gebet für mich.Du lernst den Nutzen meines leidens,Gott schlägt des Schicksals Buch dir auf;Dort steht die Absicht unsers scheidensUnd mein bestimmter Lebenslauf.Vollkommenste! die ich auf ErdenSo stark und doch nicht gnug geliebt!10Wie liebens-würdig wirst du werden,Nun dich ein himmlisch Licht umgiebt.Mich überfällt ein brünstigs hoffen,O! sprich zu meinem Wunsch nicht nein!O! halt die Arme für mich offen!Ich eile, ewig dein zu sein!
Soll ich von deinem Tode singen?O Mariane! welch ein Lied,Wann Seufzer mit den Worten ringen20Und ein Begriff den andern flieht!Die Lust, die ich an dir empfunden,Vergrössert jetzund meine Noth;Ich öffne meines Herzens WundenUnd fühle nochmals deinen Tod.Doch meine Liebe war zu heftig,Und du verdienst sie allzuwohl,Dein Bild bleibt in mir viel zu kräftig,Als dass ich von dir schweigen soll.Es wird, im Ausdruck meiner Liebe,Mir etwas meines Glückes neu,10Als wann von dir mir etwas bliebe,Ein zärtlich Abbild unsrer Treu!Nicht Reden, die der Witz gebieret,Nicht Dichter-Klagen fang ich an;Nur Seufzer, die ein Herz verlieret,Wann es sein Leid nicht fassen kann.Ja, meine Seele will ich schildern,Von Lieb und Traurigkeit verwirrt,Wie sie, ergötzt an Trauer-Bildern,In Kummer-Labyrinthen irrt!20Ich seh dich noch, wie du erblasstest,Wie ich verzweiflend zu dir trat,Wie du die letzten Kräfte fasstest,Um noch ein Wort, das ich erbat.O Seele, voll der reinsten Triebe,Wie ängstig warst du für mein Leid!Dein letztes Wort war Huld und Liebe,Dein letztes thun Gelassenheit.Wo flieh ich hin? in diesen ThorenHat jeder Ort, was mich erschreckt!30Das Haus hier, wo ich dich verloren;Der Tempel dort, der dich bedeckt;Hier Kinder — ach! mein Blut muss lodernBeim zarten Abdruck deiner Zier,Wann sie dich stammelnd von mir fodern;Wo flieh ich hin? ach! gern zu dir!O soll mein Herz nicht um dich weinen?Hier ist kein Freund dir nah als ich.Wer riss dich aus dem Schooss der deinen?Du liessest sie und wähltest mich.Dein Vaterland, dein Recht zum Glücke,Das dein Verdienst und Blut dir gab,Die sinds, wovon ich dich entrücke;Wohin zu eilen? in dein Grab!Dort in den bittern Abschieds-Stunden,Wie deine Schwester an dir hieng,10Wie, mit dem Land gemach verschwunden,Sie unserm letzten Blick entgieng;Sprachst du zu mir mit holder Güte,Die mit gelassner Wehmuth stritt:‘Ich geh mit ruhigem Gemüthe,Was fehlt mir? Haller kömmt ja mit.’Wie kann ich ohne Thränen denkenAn jenen Tag, der dich mir gab!Noch jetzt mischt Lust sich mit dem kränken,Entzückung löst mit Wehmuth ab.20Wie zärtlich war dein Herz im lieben,Das Schönheit, Stand und Gut vergass,Und mich allein nach meinen TriebenUnd nicht nach meinem Glücke mass.Wie bald verliessest du die JugendUnd flohst die Welt, um mein zu sein;Du miedst den Weg gemeiner TugendUnd warest schön für mich allein.Dein Herz hieng ganz an meinem HerzenUnd sorgte nicht für dein Geschick;30Voll Angst bei meinem kleinsten Schmerzen,Entzückt auf einen frohen Blick.Ein nie am eiteln fester Wille,Der sich nach Gottes Fügung bog;Vergnüglichkeit und sanfte Stille,Die weder Glück noch Leid bewog;Ein Vorbild kluger Zucht an Kindern,Ein ohne Blindheit zartes Herz;Ein Herz, gemacht mein Leid zu mindern,War meine Lust und ist mein Schmerz.Ach! herzlich hab ich dich geliebet,Weit mehr als ich dir kund gemacht,Mehr als die Welt mir Glauben giebet,Mehr als ich selbst vorhin gedacht.Wie oft, wann ich dich innigst küsste,Erzitterte mein Herz und sprach:10‘Wie? wann ich sie verlassen müsste!’Und heimlich folgten Thränen nach.Ja, mein Betrübniss soll noch währen,Wann schon die Zeit die Thränen hemmt;Das Herz kennt andre Arten Zähren,Als die die Wangen überschwemmt.Die erste Liebe meiner Jugend,Ein innig Denkmal deiner Huld,Und die Verehrung deiner TugendSind meines Herzens stäte Schuld.20Im dicksten Wald, bei finstern Buchen,Wo niemand meine Klagen hört,Will ich dein holdes Bildniss suchen,Wo niemand mein Gedächtniss stört.Ich will dich sehen, wie du giengest,Wie traurig, wann ich Abschied nahm!Wie zärtlich, wann du mich umfiengest,Wie freudig, wann ich wiederkam!Auch in des Himmels tiefer FerneWill ich im dunkeln nach dir sehn30Und forschen, weiter als die Sterne,Die unter deinen Füssen drehn.Dort wird an dir die Unschuld glänzenVom Licht verklärter Wissenschaft;Dort schwingt sich aus den alten GränzenDer Seele neu entbundne Kraft!Dort lernst du Gottes Licht gewöhnen,Sein Rath wird Seligkeit für dich;Du mischest mit der Engel TönenDein Lied und ein Gebet für mich.Du lernst den Nutzen meines leidens,Gott schlägt des Schicksals Buch dir auf;Dort steht die Absicht unsers scheidensUnd mein bestimmter Lebenslauf.Vollkommenste! die ich auf ErdenSo stark und doch nicht gnug geliebt!10Wie liebens-würdig wirst du werden,Nun dich ein himmlisch Licht umgiebt.Mich überfällt ein brünstigs hoffen,O! sprich zu meinem Wunsch nicht nein!O! halt die Arme für mich offen!Ich eile, ewig dein zu sein!
Soll ich von deinem Tode singen?O Mariane! welch ein Lied,Wann Seufzer mit den Worten ringen20Und ein Begriff den andern flieht!Die Lust, die ich an dir empfunden,Vergrössert jetzund meine Noth;Ich öffne meines Herzens WundenUnd fühle nochmals deinen Tod.
Soll ich von deinem Tode singen?
O Mariane! welch ein Lied,
Wann Seufzer mit den Worten ringen20
Und ein Begriff den andern flieht!
Die Lust, die ich an dir empfunden,
Vergrössert jetzund meine Noth;
Ich öffne meines Herzens Wunden
Und fühle nochmals deinen Tod.
Doch meine Liebe war zu heftig,Und du verdienst sie allzuwohl,Dein Bild bleibt in mir viel zu kräftig,Als dass ich von dir schweigen soll.Es wird, im Ausdruck meiner Liebe,Mir etwas meines Glückes neu,10Als wann von dir mir etwas bliebe,Ein zärtlich Abbild unsrer Treu!
Doch meine Liebe war zu heftig,
Und du verdienst sie allzuwohl,
Dein Bild bleibt in mir viel zu kräftig,
Als dass ich von dir schweigen soll.
Es wird, im Ausdruck meiner Liebe,
Mir etwas meines Glückes neu,10
Als wann von dir mir etwas bliebe,
Ein zärtlich Abbild unsrer Treu!
Nicht Reden, die der Witz gebieret,Nicht Dichter-Klagen fang ich an;Nur Seufzer, die ein Herz verlieret,Wann es sein Leid nicht fassen kann.Ja, meine Seele will ich schildern,Von Lieb und Traurigkeit verwirrt,Wie sie, ergötzt an Trauer-Bildern,In Kummer-Labyrinthen irrt!20
Nicht Reden, die der Witz gebieret,
Nicht Dichter-Klagen fang ich an;
Nur Seufzer, die ein Herz verlieret,
Wann es sein Leid nicht fassen kann.
Ja, meine Seele will ich schildern,
Von Lieb und Traurigkeit verwirrt,
Wie sie, ergötzt an Trauer-Bildern,
In Kummer-Labyrinthen irrt!20
Ich seh dich noch, wie du erblasstest,Wie ich verzweiflend zu dir trat,Wie du die letzten Kräfte fasstest,Um noch ein Wort, das ich erbat.O Seele, voll der reinsten Triebe,Wie ängstig warst du für mein Leid!Dein letztes Wort war Huld und Liebe,Dein letztes thun Gelassenheit.
Ich seh dich noch, wie du erblasstest,
Wie ich verzweiflend zu dir trat,
Wie du die letzten Kräfte fasstest,
Um noch ein Wort, das ich erbat.
O Seele, voll der reinsten Triebe,
Wie ängstig warst du für mein Leid!
Dein letztes Wort war Huld und Liebe,
Dein letztes thun Gelassenheit.
Wo flieh ich hin? in diesen ThorenHat jeder Ort, was mich erschreckt!30Das Haus hier, wo ich dich verloren;Der Tempel dort, der dich bedeckt;Hier Kinder — ach! mein Blut muss lodernBeim zarten Abdruck deiner Zier,Wann sie dich stammelnd von mir fodern;Wo flieh ich hin? ach! gern zu dir!
Wo flieh ich hin? in diesen Thoren
Hat jeder Ort, was mich erschreckt!30
Das Haus hier, wo ich dich verloren;
Der Tempel dort, der dich bedeckt;
Hier Kinder — ach! mein Blut muss lodern
Beim zarten Abdruck deiner Zier,
Wann sie dich stammelnd von mir fodern;
Wo flieh ich hin? ach! gern zu dir!
O soll mein Herz nicht um dich weinen?Hier ist kein Freund dir nah als ich.Wer riss dich aus dem Schooss der deinen?Du liessest sie und wähltest mich.Dein Vaterland, dein Recht zum Glücke,Das dein Verdienst und Blut dir gab,Die sinds, wovon ich dich entrücke;Wohin zu eilen? in dein Grab!
O soll mein Herz nicht um dich weinen?
Hier ist kein Freund dir nah als ich.
Wer riss dich aus dem Schooss der deinen?
Du liessest sie und wähltest mich.
Dein Vaterland, dein Recht zum Glücke,
Das dein Verdienst und Blut dir gab,
Die sinds, wovon ich dich entrücke;
Wohin zu eilen? in dein Grab!
Dort in den bittern Abschieds-Stunden,Wie deine Schwester an dir hieng,10Wie, mit dem Land gemach verschwunden,Sie unserm letzten Blick entgieng;Sprachst du zu mir mit holder Güte,Die mit gelassner Wehmuth stritt:‘Ich geh mit ruhigem Gemüthe,Was fehlt mir? Haller kömmt ja mit.’
Dort in den bittern Abschieds-Stunden,
Wie deine Schwester an dir hieng,10
Wie, mit dem Land gemach verschwunden,
Sie unserm letzten Blick entgieng;
Sprachst du zu mir mit holder Güte,
Die mit gelassner Wehmuth stritt:
‘Ich geh mit ruhigem Gemüthe,
Was fehlt mir? Haller kömmt ja mit.’
Wie kann ich ohne Thränen denkenAn jenen Tag, der dich mir gab!Noch jetzt mischt Lust sich mit dem kränken,Entzückung löst mit Wehmuth ab.20Wie zärtlich war dein Herz im lieben,Das Schönheit, Stand und Gut vergass,Und mich allein nach meinen TriebenUnd nicht nach meinem Glücke mass.
Wie kann ich ohne Thränen denken
An jenen Tag, der dich mir gab!
Noch jetzt mischt Lust sich mit dem kränken,
Entzückung löst mit Wehmuth ab.20
Wie zärtlich war dein Herz im lieben,
Das Schönheit, Stand und Gut vergass,
Und mich allein nach meinen Trieben
Und nicht nach meinem Glücke mass.
Wie bald verliessest du die JugendUnd flohst die Welt, um mein zu sein;Du miedst den Weg gemeiner TugendUnd warest schön für mich allein.Dein Herz hieng ganz an meinem HerzenUnd sorgte nicht für dein Geschick;30Voll Angst bei meinem kleinsten Schmerzen,Entzückt auf einen frohen Blick.
Wie bald verliessest du die Jugend
Und flohst die Welt, um mein zu sein;
Du miedst den Weg gemeiner Tugend
Und warest schön für mich allein.
Dein Herz hieng ganz an meinem Herzen
Und sorgte nicht für dein Geschick;30
Voll Angst bei meinem kleinsten Schmerzen,
Entzückt auf einen frohen Blick.
Ein nie am eiteln fester Wille,Der sich nach Gottes Fügung bog;Vergnüglichkeit und sanfte Stille,Die weder Glück noch Leid bewog;Ein Vorbild kluger Zucht an Kindern,Ein ohne Blindheit zartes Herz;Ein Herz, gemacht mein Leid zu mindern,War meine Lust und ist mein Schmerz.
Ein nie am eiteln fester Wille,
Der sich nach Gottes Fügung bog;
Vergnüglichkeit und sanfte Stille,
Die weder Glück noch Leid bewog;
Ein Vorbild kluger Zucht an Kindern,
Ein ohne Blindheit zartes Herz;
Ein Herz, gemacht mein Leid zu mindern,
War meine Lust und ist mein Schmerz.
Ach! herzlich hab ich dich geliebet,Weit mehr als ich dir kund gemacht,Mehr als die Welt mir Glauben giebet,Mehr als ich selbst vorhin gedacht.Wie oft, wann ich dich innigst küsste,Erzitterte mein Herz und sprach:10‘Wie? wann ich sie verlassen müsste!’Und heimlich folgten Thränen nach.
Ach! herzlich hab ich dich geliebet,
Weit mehr als ich dir kund gemacht,
Mehr als die Welt mir Glauben giebet,
Mehr als ich selbst vorhin gedacht.
Wie oft, wann ich dich innigst küsste,
Erzitterte mein Herz und sprach:10
‘Wie? wann ich sie verlassen müsste!’
Und heimlich folgten Thränen nach.
Ja, mein Betrübniss soll noch währen,Wann schon die Zeit die Thränen hemmt;Das Herz kennt andre Arten Zähren,Als die die Wangen überschwemmt.Die erste Liebe meiner Jugend,Ein innig Denkmal deiner Huld,Und die Verehrung deiner TugendSind meines Herzens stäte Schuld.20
Ja, mein Betrübniss soll noch währen,
Wann schon die Zeit die Thränen hemmt;
Das Herz kennt andre Arten Zähren,
Als die die Wangen überschwemmt.
Die erste Liebe meiner Jugend,
Ein innig Denkmal deiner Huld,
Und die Verehrung deiner Tugend
Sind meines Herzens stäte Schuld.20
Im dicksten Wald, bei finstern Buchen,Wo niemand meine Klagen hört,Will ich dein holdes Bildniss suchen,Wo niemand mein Gedächtniss stört.Ich will dich sehen, wie du giengest,Wie traurig, wann ich Abschied nahm!Wie zärtlich, wann du mich umfiengest,Wie freudig, wann ich wiederkam!
Im dicksten Wald, bei finstern Buchen,
Wo niemand meine Klagen hört,
Will ich dein holdes Bildniss suchen,
Wo niemand mein Gedächtniss stört.
Ich will dich sehen, wie du giengest,
Wie traurig, wann ich Abschied nahm!
Wie zärtlich, wann du mich umfiengest,
Wie freudig, wann ich wiederkam!
Auch in des Himmels tiefer FerneWill ich im dunkeln nach dir sehn30Und forschen, weiter als die Sterne,Die unter deinen Füssen drehn.Dort wird an dir die Unschuld glänzenVom Licht verklärter Wissenschaft;Dort schwingt sich aus den alten GränzenDer Seele neu entbundne Kraft!
Auch in des Himmels tiefer Ferne
Will ich im dunkeln nach dir sehn30
Und forschen, weiter als die Sterne,
Die unter deinen Füssen drehn.
Dort wird an dir die Unschuld glänzen
Vom Licht verklärter Wissenschaft;
Dort schwingt sich aus den alten Gränzen
Der Seele neu entbundne Kraft!
Dort lernst du Gottes Licht gewöhnen,Sein Rath wird Seligkeit für dich;Du mischest mit der Engel TönenDein Lied und ein Gebet für mich.Du lernst den Nutzen meines leidens,Gott schlägt des Schicksals Buch dir auf;Dort steht die Absicht unsers scheidensUnd mein bestimmter Lebenslauf.
Dort lernst du Gottes Licht gewöhnen,
Sein Rath wird Seligkeit für dich;
Du mischest mit der Engel Tönen
Dein Lied und ein Gebet für mich.
Du lernst den Nutzen meines leidens,
Gott schlägt des Schicksals Buch dir auf;
Dort steht die Absicht unsers scheidens
Und mein bestimmter Lebenslauf.
Vollkommenste! die ich auf ErdenSo stark und doch nicht gnug geliebt!10Wie liebens-würdig wirst du werden,Nun dich ein himmlisch Licht umgiebt.Mich überfällt ein brünstigs hoffen,O! sprich zu meinem Wunsch nicht nein!O! halt die Arme für mich offen!Ich eile, ewig dein zu sein!
Vollkommenste! die ich auf Erden
So stark und doch nicht gnug geliebt!10
Wie liebens-würdig wirst du werden,
Nun dich ein himmlisch Licht umgiebt.
Mich überfällt ein brünstigs hoffen,
O! sprich zu meinem Wunsch nicht nein!
O! halt die Arme für mich offen!
Ich eile, ewig dein zu sein!
Wenn Titans erster Strahl der Gipfel Schnee vergüldetUnd sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt,So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet,20Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt;Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen WolkeEröffnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt,Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem VolkeZeigt alles auf einmal, was sein Bezirk enthält;Ein sanfter Schwindel schliesst die allzuschwachen Augen,Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.Ein angenehm Gemisch von Bergen, Fels und SeenFällt nach und nach erbleicht, doch deutlich, ins Gesicht,Die blaue Ferne schliesst ein Kranz beglänzter Höhen,30Worauf ein schwarzer Wald die letzten Strahlen bricht;Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft erhobnen Hügel,Wovon ein laut Geblöck im Thale widerhallt;Bald scheint ein breiter See ein Meilen langer Spiegel,Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt;Bald aber öffnet sich ein Strich von grünen Thälern,Die, hin und her gekrümmt, sich im entfernen schmälern.Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder,Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich gethürmt,Sein frostiger Krystall schickt alle Strahlen wieder,Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt.Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide,10Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her;Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide,Und seine Hügel sind von hundert Heerden schwer.Den nahen Gegenstand von unterschiednen ZonenTrennt nur ein enges Thal, wo kühle Schatten wohnen.Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen,Ein Wald-Strom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall.Der dick beschäumte Fluss dringt durch der Felsen RitzenUnd schiesst mit gäher Kraft weit über ihren Wall.Das dünne Wasser theilt des tiefen Falles Eile,20In der verdickten Luft schwebt ein bewegtes Grau,Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten TheileUnd das entfernte Thal trinkt ein beständigs Thau.Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fliessen,Die aus den Wolken fliehn und sich in Wolken giessen.Doch wer den edlern Sinn, den Kunst und Weisheit schärfen,Durchs weite Reich der Welt empor zur Wahrheit schwingt,Der wird an keinen Ort gelehrte Blicke werfen,Wo nicht ein Wunder ihn zum stehn und forschen zwingt.Macht durch der Weisheit Licht die Gruft der Erde heiter,30Die Silber-Blumen trägt und Gold den Bächen schenkt;Durchsucht den holden Bau der buntgeschmückten Kräuter,Die ein verliebter West mit frühen Perlen tränkt:Ihr werdet alles schön und doch verschieden findenUnd den zu reichen Schatz stäts graben, nie ergründen!
Wenn Titans erster Strahl der Gipfel Schnee vergüldetUnd sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt,So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet,20Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt;Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen WolkeEröffnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt,Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem VolkeZeigt alles auf einmal, was sein Bezirk enthält;Ein sanfter Schwindel schliesst die allzuschwachen Augen,Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.Ein angenehm Gemisch von Bergen, Fels und SeenFällt nach und nach erbleicht, doch deutlich, ins Gesicht,Die blaue Ferne schliesst ein Kranz beglänzter Höhen,30Worauf ein schwarzer Wald die letzten Strahlen bricht;Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft erhobnen Hügel,Wovon ein laut Geblöck im Thale widerhallt;Bald scheint ein breiter See ein Meilen langer Spiegel,Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt;Bald aber öffnet sich ein Strich von grünen Thälern,Die, hin und her gekrümmt, sich im entfernen schmälern.Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder,Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich gethürmt,Sein frostiger Krystall schickt alle Strahlen wieder,Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt.Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide,10Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her;Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide,Und seine Hügel sind von hundert Heerden schwer.Den nahen Gegenstand von unterschiednen ZonenTrennt nur ein enges Thal, wo kühle Schatten wohnen.Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen,Ein Wald-Strom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall.Der dick beschäumte Fluss dringt durch der Felsen RitzenUnd schiesst mit gäher Kraft weit über ihren Wall.Das dünne Wasser theilt des tiefen Falles Eile,20In der verdickten Luft schwebt ein bewegtes Grau,Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten TheileUnd das entfernte Thal trinkt ein beständigs Thau.Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fliessen,Die aus den Wolken fliehn und sich in Wolken giessen.Doch wer den edlern Sinn, den Kunst und Weisheit schärfen,Durchs weite Reich der Welt empor zur Wahrheit schwingt,Der wird an keinen Ort gelehrte Blicke werfen,Wo nicht ein Wunder ihn zum stehn und forschen zwingt.Macht durch der Weisheit Licht die Gruft der Erde heiter,30Die Silber-Blumen trägt und Gold den Bächen schenkt;Durchsucht den holden Bau der buntgeschmückten Kräuter,Die ein verliebter West mit frühen Perlen tränkt:Ihr werdet alles schön und doch verschieden findenUnd den zu reichen Schatz stäts graben, nie ergründen!
Wenn Titans erster Strahl der Gipfel Schnee vergüldetUnd sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt,So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet,20Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt;Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen WolkeEröffnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt,Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem VolkeZeigt alles auf einmal, was sein Bezirk enthält;Ein sanfter Schwindel schliesst die allzuschwachen Augen,Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.
Wenn Titans erster Strahl der Gipfel Schnee vergüldet
Und sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt,
So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet,20
Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt;
Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen Wolke
Eröffnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt,
Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem Volke
Zeigt alles auf einmal, was sein Bezirk enthält;
Ein sanfter Schwindel schliesst die allzuschwachen Augen,
Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.
Ein angenehm Gemisch von Bergen, Fels und SeenFällt nach und nach erbleicht, doch deutlich, ins Gesicht,Die blaue Ferne schliesst ein Kranz beglänzter Höhen,30Worauf ein schwarzer Wald die letzten Strahlen bricht;Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft erhobnen Hügel,Wovon ein laut Geblöck im Thale widerhallt;Bald scheint ein breiter See ein Meilen langer Spiegel,Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt;Bald aber öffnet sich ein Strich von grünen Thälern,Die, hin und her gekrümmt, sich im entfernen schmälern.
Ein angenehm Gemisch von Bergen, Fels und Seen
Fällt nach und nach erbleicht, doch deutlich, ins Gesicht,
Die blaue Ferne schliesst ein Kranz beglänzter Höhen,30
Worauf ein schwarzer Wald die letzten Strahlen bricht;
Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft erhobnen Hügel,
Wovon ein laut Geblöck im Thale widerhallt;
Bald scheint ein breiter See ein Meilen langer Spiegel,
Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt;
Bald aber öffnet sich ein Strich von grünen Thälern,
Die, hin und her gekrümmt, sich im entfernen schmälern.
Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder,Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich gethürmt,Sein frostiger Krystall schickt alle Strahlen wieder,Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt.Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide,10Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her;Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide,Und seine Hügel sind von hundert Heerden schwer.Den nahen Gegenstand von unterschiednen ZonenTrennt nur ein enges Thal, wo kühle Schatten wohnen.
Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder,
Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich gethürmt,
Sein frostiger Krystall schickt alle Strahlen wieder,
Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt.
Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide,10
Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her;
Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide,
Und seine Hügel sind von hundert Heerden schwer.
Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen
Trennt nur ein enges Thal, wo kühle Schatten wohnen.
Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen,Ein Wald-Strom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall.Der dick beschäumte Fluss dringt durch der Felsen RitzenUnd schiesst mit gäher Kraft weit über ihren Wall.Das dünne Wasser theilt des tiefen Falles Eile,20In der verdickten Luft schwebt ein bewegtes Grau,Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten TheileUnd das entfernte Thal trinkt ein beständigs Thau.Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fliessen,Die aus den Wolken fliehn und sich in Wolken giessen.
Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen,
Ein Wald-Strom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall.
Der dick beschäumte Fluss dringt durch der Felsen Ritzen
Und schiesst mit gäher Kraft weit über ihren Wall.
Das dünne Wasser theilt des tiefen Falles Eile,20
In der verdickten Luft schwebt ein bewegtes Grau,
Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten Theile
Und das entfernte Thal trinkt ein beständigs Thau.
Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fliessen,
Die aus den Wolken fliehn und sich in Wolken giessen.
Doch wer den edlern Sinn, den Kunst und Weisheit schärfen,Durchs weite Reich der Welt empor zur Wahrheit schwingt,Der wird an keinen Ort gelehrte Blicke werfen,Wo nicht ein Wunder ihn zum stehn und forschen zwingt.Macht durch der Weisheit Licht die Gruft der Erde heiter,30Die Silber-Blumen trägt und Gold den Bächen schenkt;Durchsucht den holden Bau der buntgeschmückten Kräuter,Die ein verliebter West mit frühen Perlen tränkt:Ihr werdet alles schön und doch verschieden findenUnd den zu reichen Schatz stäts graben, nie ergründen!
Doch wer den edlern Sinn, den Kunst und Weisheit schärfen,
Durchs weite Reich der Welt empor zur Wahrheit schwingt,
Der wird an keinen Ort gelehrte Blicke werfen,
Wo nicht ein Wunder ihn zum stehn und forschen zwingt.
Macht durch der Weisheit Licht die Gruft der Erde heiter,30
Die Silber-Blumen trägt und Gold den Bächen schenkt;
Durchsucht den holden Bau der buntgeschmückten Kräuter,
Die ein verliebter West mit frühen Perlen tränkt:
Ihr werdet alles schön und doch verschieden finden
Und den zu reichen Schatz stäts graben, nie ergründen!