FRIEDRICH VON HAGEDORN.

FRIEDRICH VON HAGEDORN.

[Scherer D.374,E.379.]

Geboren 1708 zu Hamburg, studierte die Rechte, gieng 1729 als Privatsecretär des dänischen Gesandten nach London und lebte später in Hamburg als Secretär beim Englischen Court. Starb 1754. Seine erste Gedichtsammlung erschien 1729; sein ‘Versuch in poetischen Fabeln und Erzählungen’ 1738. Seine sämmtlichen Werke, Lehrgedichte, Fabeln und Erzählungen, Oden und Lieder enthaltend, erschienen zuerst Hamburg, 1756. Neue Gesammtausgabe von Eschenburg (Hamburg 1800). Neudruck des ‘Versuchs einiger Gedichte’ durch Sauer (Heilbronn 1883).

Geboren 1708 zu Hamburg, studierte die Rechte, gieng 1729 als Privatsecretär des dänischen Gesandten nach London und lebte später in Hamburg als Secretär beim Englischen Court. Starb 1754. Seine erste Gedichtsammlung erschien 1729; sein ‘Versuch in poetischen Fabeln und Erzählungen’ 1738. Seine sämmtlichen Werke, Lehrgedichte, Fabeln und Erzählungen, Oden und Lieder enthaltend, erschienen zuerst Hamburg, 1756. Neue Gesammtausgabe von Eschenburg (Hamburg 1800). Neudruck des ‘Versuchs einiger Gedichte’ durch Sauer (Heilbronn 1883).

Der Nachtigall reizende LiederErtönen und locken schon wiederDie fröhlichsten Stunden ins Jahr.Nun singet die steigende Lerche:Nun klappern die reisenden Störche,Nun schwatzet der gaukelnde Staar.Wie munter sind Schäfer und Heerde,Wie lieblich beblümt sich die Erde!Wie lebhaft ist itzo die Welt!10Die Tauben verdoppeln die Küsse,Der Entrich besuchet die Flüsse,Der lustige Sperling sein Feld.Wie gleichet doch Zephyr der Floren!Sie haben sich weislich erkohren,Sie wählten den Wechsel zur Pflicht.Er flattert um Sprossen und Garben;Sie liebet unzählige Farben;Und Eifersucht trennet sie nicht.Nun heben sich Binsen und Keime,20Nun kleiden die Blätter die Bäume,Nun schwindet des Winters Gestalt;Nun rauschen lebendige QuellenUnd tränken mit spielenden WellenDie Triften, den Anger, den Wald.Wie buhlerisch, wie so gelindeErwärmen die westlichen WindeDas Ufer, den Hügel, die Gruft!Die jugendlich scherzende LiebeEmpfindet die Reizung der Triebe,Empfindet die schmeichelnde Luft.Nun stellt sich die Dorfschaft in Reihen,Nun rufen euch eure Schallmeyen,Ihr stampfenden Tänzer! hervor.Ihr springet auf grünender Wiese,10Der Bauerknecht hebet die Liese,In hurtiger Wendung, empor.Nicht fröhlicher, weidlicher, kühner,Schwang vormals der braune SabinerMit männlicher Freyheit den Hut.O reizet die Städte zum Neide,Ihr Dörfer voll hüpfender Freude!Was gleichet dem Landvolk an Muth.

Der Nachtigall reizende LiederErtönen und locken schon wiederDie fröhlichsten Stunden ins Jahr.Nun singet die steigende Lerche:Nun klappern die reisenden Störche,Nun schwatzet der gaukelnde Staar.Wie munter sind Schäfer und Heerde,Wie lieblich beblümt sich die Erde!Wie lebhaft ist itzo die Welt!10Die Tauben verdoppeln die Küsse,Der Entrich besuchet die Flüsse,Der lustige Sperling sein Feld.Wie gleichet doch Zephyr der Floren!Sie haben sich weislich erkohren,Sie wählten den Wechsel zur Pflicht.Er flattert um Sprossen und Garben;Sie liebet unzählige Farben;Und Eifersucht trennet sie nicht.Nun heben sich Binsen und Keime,20Nun kleiden die Blätter die Bäume,Nun schwindet des Winters Gestalt;Nun rauschen lebendige QuellenUnd tränken mit spielenden WellenDie Triften, den Anger, den Wald.Wie buhlerisch, wie so gelindeErwärmen die westlichen WindeDas Ufer, den Hügel, die Gruft!Die jugendlich scherzende LiebeEmpfindet die Reizung der Triebe,Empfindet die schmeichelnde Luft.Nun stellt sich die Dorfschaft in Reihen,Nun rufen euch eure Schallmeyen,Ihr stampfenden Tänzer! hervor.Ihr springet auf grünender Wiese,10Der Bauerknecht hebet die Liese,In hurtiger Wendung, empor.Nicht fröhlicher, weidlicher, kühner,Schwang vormals der braune SabinerMit männlicher Freyheit den Hut.O reizet die Städte zum Neide,Ihr Dörfer voll hüpfender Freude!Was gleichet dem Landvolk an Muth.

Der Nachtigall reizende LiederErtönen und locken schon wiederDie fröhlichsten Stunden ins Jahr.Nun singet die steigende Lerche:Nun klappern die reisenden Störche,Nun schwatzet der gaukelnde Staar.Wie munter sind Schäfer und Heerde,Wie lieblich beblümt sich die Erde!Wie lebhaft ist itzo die Welt!10Die Tauben verdoppeln die Küsse,Der Entrich besuchet die Flüsse,Der lustige Sperling sein Feld.Wie gleichet doch Zephyr der Floren!Sie haben sich weislich erkohren,Sie wählten den Wechsel zur Pflicht.Er flattert um Sprossen und Garben;Sie liebet unzählige Farben;Und Eifersucht trennet sie nicht.Nun heben sich Binsen und Keime,20Nun kleiden die Blätter die Bäume,Nun schwindet des Winters Gestalt;Nun rauschen lebendige QuellenUnd tränken mit spielenden WellenDie Triften, den Anger, den Wald.Wie buhlerisch, wie so gelindeErwärmen die westlichen WindeDas Ufer, den Hügel, die Gruft!Die jugendlich scherzende LiebeEmpfindet die Reizung der Triebe,Empfindet die schmeichelnde Luft.Nun stellt sich die Dorfschaft in Reihen,Nun rufen euch eure Schallmeyen,Ihr stampfenden Tänzer! hervor.Ihr springet auf grünender Wiese,10Der Bauerknecht hebet die Liese,In hurtiger Wendung, empor.Nicht fröhlicher, weidlicher, kühner,Schwang vormals der braune SabinerMit männlicher Freyheit den Hut.O reizet die Städte zum Neide,Ihr Dörfer voll hüpfender Freude!Was gleichet dem Landvolk an Muth.

Der Nachtigall reizende Lieder

Ertönen und locken schon wieder

Die fröhlichsten Stunden ins Jahr.

Nun singet die steigende Lerche:

Nun klappern die reisenden Störche,

Nun schwatzet der gaukelnde Staar.

Wie munter sind Schäfer und Heerde,

Wie lieblich beblümt sich die Erde!

Wie lebhaft ist itzo die Welt!10

Die Tauben verdoppeln die Küsse,

Der Entrich besuchet die Flüsse,

Der lustige Sperling sein Feld.

Wie gleichet doch Zephyr der Floren!

Sie haben sich weislich erkohren,

Sie wählten den Wechsel zur Pflicht.

Er flattert um Sprossen und Garben;

Sie liebet unzählige Farben;

Und Eifersucht trennet sie nicht.

Nun heben sich Binsen und Keime,20

Nun kleiden die Blätter die Bäume,

Nun schwindet des Winters Gestalt;

Nun rauschen lebendige Quellen

Und tränken mit spielenden Wellen

Die Triften, den Anger, den Wald.

Wie buhlerisch, wie so gelinde

Erwärmen die westlichen Winde

Das Ufer, den Hügel, die Gruft!

Die jugendlich scherzende Liebe

Empfindet die Reizung der Triebe,

Empfindet die schmeichelnde Luft.

Nun stellt sich die Dorfschaft in Reihen,

Nun rufen euch eure Schallmeyen,

Ihr stampfenden Tänzer! hervor.

Ihr springet auf grünender Wiese,10

Der Bauerknecht hebet die Liese,

In hurtiger Wendung, empor.

Nicht fröhlicher, weidlicher, kühner,

Schwang vormals der braune Sabiner

Mit männlicher Freyheit den Hut.

O reizet die Städte zum Neide,

Ihr Dörfer voll hüpfender Freude!

Was gleichet dem Landvolk an Muth.

Ein verhungert Hühnchen fand20Einen feinen Diamant,Und verscharrt’ ihn in den Sand.‘Mögte doch, mich zu erfreun,Sprach es, dieser schöne SteinNur ein Weizenkörnchen seyn!’Unglückselger Überfluss,Wo der nöthigste GenussUnsern Schätzen fehlen muss!

Ein verhungert Hühnchen fand20Einen feinen Diamant,Und verscharrt’ ihn in den Sand.‘Mögte doch, mich zu erfreun,Sprach es, dieser schöne SteinNur ein Weizenkörnchen seyn!’Unglückselger Überfluss,Wo der nöthigste GenussUnsern Schätzen fehlen muss!

Ein verhungert Hühnchen fand20Einen feinen Diamant,Und verscharrt’ ihn in den Sand.‘Mögte doch, mich zu erfreun,Sprach es, dieser schöne SteinNur ein Weizenkörnchen seyn!’Unglückselger Überfluss,Wo der nöthigste GenussUnsern Schätzen fehlen muss!

Ein verhungert Hühnchen fand20

Einen feinen Diamant,

Und verscharrt’ ihn in den Sand.

‘Mögte doch, mich zu erfreun,

Sprach es, dieser schöne Stein

Nur ein Weizenkörnchen seyn!’

Unglückselger Überfluss,

Wo der nöthigste Genuss

Unsern Schätzen fehlen muss!

Johann, der muntre Seifensieder,30Erlernte viele schöne LiederUnd sang, mit unbesorgtem Sinn,Vom Morgen bis zum Abend hin.Sein Tagwerk konnt’ ihm Nahrung bringen:Und wann er ass, so musst’ er singen;Und wann er sang, so war’s mit Lust,Aus vollem Hals’ und freier Brust.Beim Morgenbrot, beim AbendessenBlieb Ton und Triller unvergessen;Der schallte recht, und seine KraftDurchdrang die halbe Nachbarschaft.Man horcht, man fragt: ‘Wer singt schon wieder?Wer ist’s?’ ‘Der muntre Seifensieder!’10Im Lesen war er anfangs schwach;Er las nichts als den Almanach,Doch lernt’ er auch nach Jahren beten,Die Ordnung nicht zu übertreten,Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein,Oft singend, öfter lesend, ein.Er schien fast glücklicher zu preisen,Als die berufnen sieben Weisen,Als manches Haupt gelehrter Welt,Das sich schon für den achten hält.—20Es wohnte diesem in der NäheEin Sprössling eigennütz’ger Ehe,Der, stolz und steif und bürgerlich,Im Schmausen keinem Fürsten wich:Ein Garkoch richtender Verwandten,Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,Der stets zu halben Nächten frassUnd seiner Wechsel oft vergass.Kaum hatte mit den MorgenstundenSein erster Schlaf sich eingefunden,30So liess ihm den Genuss der Ruh’Der nahe Sänger nimmer zu.‘Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,Vermaledeiter Seifensieder?Ach, wäre doch, zu meinem Heil,Der Schlaf hier, wie die Austern, feil!’Den Sänger, den er früh vernommen,Lässt er an einem Morgen kommenUnd spricht: ‘Mein lustiger Johann,Wie geht es Euch? Wie fangt Ihr’s an?Es rühmt ein jeder Eure Waare,Sagt, wie viel bringt sie Euch imJahre?’‘ImJahre, Herr? mir fällt nicht bei,Wie grosz imJahrmein Vortheil sei.So rechn’ ich nicht? Ein Tag bescheret,Was der, so auf ihn kommt, verzehrt.10Dies folgt im Jahr (ich weiss die Zahl)Dreihundertfünfundsechzigmal.’‘Ganz recht! doch könnt Ihr mir’s nicht sagen,Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?’‘Mein Herr, Ihr forschet allzu sehr:Der eine wenig, mancher mehr;So wie’s dann fällt. Mich zwingt zur KlageNichts als die vielen Feiertage,Und wer sie alle roth gefärbt,Der hatte wohl, wie Ihr, geerbt;20Dem war die Arbeit sehr zuwider;Der war gewiss kein Seifensieder.’Dies schien den Reichen zu erfreu’n.‘Hans’, spricht er, ‘du sollst glücklich sein.Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler,Da hast du baare funfzig Thaler,Nur unterlasse den Gesang!Das Geld hat einen bessern Klang.’Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke,Mit mehr als dieb’scher Furcht zurücke.30Er herzt den Beutel, den er hält,Und zählt, und wägt, und schwenkt das Geld,Das Geld, den Ursprung seiner FreudeUnd seiner Augen neue Weide.Es wird mit stummer Lust beschautUnd einem Kasten anvertraut,Den Band und starke Schlösser hüten,Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,Den auch der karge Thor bei NachtAus banger Vorsicht selbst bewacht.Sobald sich nur der Haushund reget,Sobald der Kater sich beweget,Durchsucht er alles, bis er glaubt,Dass ihn kein frecher Dieb beraubt,Bis, oft gestossen, oft geschmissen,Sich endlich beide packen müssen:10Sein Mops, der keine Kunst vergass,Und wedelnd bei dem Kessel sass;Sein Hinz, der Liebling junger Katzen,So glatt von Fell, so weich von Tatzen.Er lernt zuletzt, je mehr er spart,Wie oft sich Sorg’ und Reichthum paart,Und manches Zärtlings dunkle FreudenIhn ewig von der Freiheit scheiden,Die nur in reine Seelen strahlt,Und deren Glück kein Gold bezahlt.20Dem Nachbar, den er stets gewecket,Bis der das Geld ihm zugestecket,Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh’,Den vollen Beutel wieder zu,Und spricht: ‘Herr, lehrt mich bess’re Sachen,Als, statt des Singens, Geld bewachen.Nehmt immer Euren Bettel hin,Und lasst mir meinen frohen Sinn.Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,Ich tausche nicht mit Euren Freuden.30Der Himmel hat mich recht geliebt,Der mir die Stimme wiedergibt.Was ich gewesen, werd’ ich wieder:Johann, der muntre Seifensieder!’

Johann, der muntre Seifensieder,30Erlernte viele schöne LiederUnd sang, mit unbesorgtem Sinn,Vom Morgen bis zum Abend hin.Sein Tagwerk konnt’ ihm Nahrung bringen:Und wann er ass, so musst’ er singen;Und wann er sang, so war’s mit Lust,Aus vollem Hals’ und freier Brust.Beim Morgenbrot, beim AbendessenBlieb Ton und Triller unvergessen;Der schallte recht, und seine KraftDurchdrang die halbe Nachbarschaft.Man horcht, man fragt: ‘Wer singt schon wieder?Wer ist’s?’ ‘Der muntre Seifensieder!’10Im Lesen war er anfangs schwach;Er las nichts als den Almanach,Doch lernt’ er auch nach Jahren beten,Die Ordnung nicht zu übertreten,Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein,Oft singend, öfter lesend, ein.Er schien fast glücklicher zu preisen,Als die berufnen sieben Weisen,Als manches Haupt gelehrter Welt,Das sich schon für den achten hält.—20Es wohnte diesem in der NäheEin Sprössling eigennütz’ger Ehe,Der, stolz und steif und bürgerlich,Im Schmausen keinem Fürsten wich:Ein Garkoch richtender Verwandten,Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,Der stets zu halben Nächten frassUnd seiner Wechsel oft vergass.Kaum hatte mit den MorgenstundenSein erster Schlaf sich eingefunden,30So liess ihm den Genuss der Ruh’Der nahe Sänger nimmer zu.‘Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,Vermaledeiter Seifensieder?Ach, wäre doch, zu meinem Heil,Der Schlaf hier, wie die Austern, feil!’Den Sänger, den er früh vernommen,Lässt er an einem Morgen kommenUnd spricht: ‘Mein lustiger Johann,Wie geht es Euch? Wie fangt Ihr’s an?Es rühmt ein jeder Eure Waare,Sagt, wie viel bringt sie Euch imJahre?’‘ImJahre, Herr? mir fällt nicht bei,Wie grosz imJahrmein Vortheil sei.So rechn’ ich nicht? Ein Tag bescheret,Was der, so auf ihn kommt, verzehrt.10Dies folgt im Jahr (ich weiss die Zahl)Dreihundertfünfundsechzigmal.’‘Ganz recht! doch könnt Ihr mir’s nicht sagen,Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?’‘Mein Herr, Ihr forschet allzu sehr:Der eine wenig, mancher mehr;So wie’s dann fällt. Mich zwingt zur KlageNichts als die vielen Feiertage,Und wer sie alle roth gefärbt,Der hatte wohl, wie Ihr, geerbt;20Dem war die Arbeit sehr zuwider;Der war gewiss kein Seifensieder.’Dies schien den Reichen zu erfreu’n.‘Hans’, spricht er, ‘du sollst glücklich sein.Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler,Da hast du baare funfzig Thaler,Nur unterlasse den Gesang!Das Geld hat einen bessern Klang.’Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke,Mit mehr als dieb’scher Furcht zurücke.30Er herzt den Beutel, den er hält,Und zählt, und wägt, und schwenkt das Geld,Das Geld, den Ursprung seiner FreudeUnd seiner Augen neue Weide.Es wird mit stummer Lust beschautUnd einem Kasten anvertraut,Den Band und starke Schlösser hüten,Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,Den auch der karge Thor bei NachtAus banger Vorsicht selbst bewacht.Sobald sich nur der Haushund reget,Sobald der Kater sich beweget,Durchsucht er alles, bis er glaubt,Dass ihn kein frecher Dieb beraubt,Bis, oft gestossen, oft geschmissen,Sich endlich beide packen müssen:10Sein Mops, der keine Kunst vergass,Und wedelnd bei dem Kessel sass;Sein Hinz, der Liebling junger Katzen,So glatt von Fell, so weich von Tatzen.Er lernt zuletzt, je mehr er spart,Wie oft sich Sorg’ und Reichthum paart,Und manches Zärtlings dunkle FreudenIhn ewig von der Freiheit scheiden,Die nur in reine Seelen strahlt,Und deren Glück kein Gold bezahlt.20Dem Nachbar, den er stets gewecket,Bis der das Geld ihm zugestecket,Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh’,Den vollen Beutel wieder zu,Und spricht: ‘Herr, lehrt mich bess’re Sachen,Als, statt des Singens, Geld bewachen.Nehmt immer Euren Bettel hin,Und lasst mir meinen frohen Sinn.Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,Ich tausche nicht mit Euren Freuden.30Der Himmel hat mich recht geliebt,Der mir die Stimme wiedergibt.Was ich gewesen, werd’ ich wieder:Johann, der muntre Seifensieder!’

Johann, der muntre Seifensieder,30Erlernte viele schöne LiederUnd sang, mit unbesorgtem Sinn,Vom Morgen bis zum Abend hin.Sein Tagwerk konnt’ ihm Nahrung bringen:Und wann er ass, so musst’ er singen;Und wann er sang, so war’s mit Lust,Aus vollem Hals’ und freier Brust.Beim Morgenbrot, beim AbendessenBlieb Ton und Triller unvergessen;Der schallte recht, und seine KraftDurchdrang die halbe Nachbarschaft.Man horcht, man fragt: ‘Wer singt schon wieder?Wer ist’s?’ ‘Der muntre Seifensieder!’10

Johann, der muntre Seifensieder,30

Erlernte viele schöne Lieder

Und sang, mit unbesorgtem Sinn,

Vom Morgen bis zum Abend hin.

Sein Tagwerk konnt’ ihm Nahrung bringen:

Und wann er ass, so musst’ er singen;

Und wann er sang, so war’s mit Lust,

Aus vollem Hals’ und freier Brust.

Beim Morgenbrot, beim Abendessen

Blieb Ton und Triller unvergessen;

Der schallte recht, und seine Kraft

Durchdrang die halbe Nachbarschaft.

Man horcht, man fragt: ‘Wer singt schon wieder?

Wer ist’s?’ ‘Der muntre Seifensieder!’10

Im Lesen war er anfangs schwach;Er las nichts als den Almanach,Doch lernt’ er auch nach Jahren beten,Die Ordnung nicht zu übertreten,Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein,Oft singend, öfter lesend, ein.Er schien fast glücklicher zu preisen,Als die berufnen sieben Weisen,Als manches Haupt gelehrter Welt,Das sich schon für den achten hält.—20

Im Lesen war er anfangs schwach;

Er las nichts als den Almanach,

Doch lernt’ er auch nach Jahren beten,

Die Ordnung nicht zu übertreten,

Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein,

Oft singend, öfter lesend, ein.

Er schien fast glücklicher zu preisen,

Als die berufnen sieben Weisen,

Als manches Haupt gelehrter Welt,

Das sich schon für den achten hält.—20

Es wohnte diesem in der NäheEin Sprössling eigennütz’ger Ehe,Der, stolz und steif und bürgerlich,Im Schmausen keinem Fürsten wich:Ein Garkoch richtender Verwandten,Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,Der stets zu halben Nächten frassUnd seiner Wechsel oft vergass.

Es wohnte diesem in der Nähe

Ein Sprössling eigennütz’ger Ehe,

Der, stolz und steif und bürgerlich,

Im Schmausen keinem Fürsten wich:

Ein Garkoch richtender Verwandten,

Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,

Der stets zu halben Nächten frass

Und seiner Wechsel oft vergass.

Kaum hatte mit den MorgenstundenSein erster Schlaf sich eingefunden,30So liess ihm den Genuss der Ruh’Der nahe Sänger nimmer zu.‘Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,Vermaledeiter Seifensieder?Ach, wäre doch, zu meinem Heil,Der Schlaf hier, wie die Austern, feil!’

Kaum hatte mit den Morgenstunden

Sein erster Schlaf sich eingefunden,30

So liess ihm den Genuss der Ruh’

Der nahe Sänger nimmer zu.

‘Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,

Vermaledeiter Seifensieder?

Ach, wäre doch, zu meinem Heil,

Der Schlaf hier, wie die Austern, feil!’

Den Sänger, den er früh vernommen,Lässt er an einem Morgen kommenUnd spricht: ‘Mein lustiger Johann,Wie geht es Euch? Wie fangt Ihr’s an?Es rühmt ein jeder Eure Waare,Sagt, wie viel bringt sie Euch imJahre?’

Den Sänger, den er früh vernommen,

Lässt er an einem Morgen kommen

Und spricht: ‘Mein lustiger Johann,

Wie geht es Euch? Wie fangt Ihr’s an?

Es rühmt ein jeder Eure Waare,

Sagt, wie viel bringt sie Euch imJahre?’

‘ImJahre, Herr? mir fällt nicht bei,Wie grosz imJahrmein Vortheil sei.So rechn’ ich nicht? Ein Tag bescheret,Was der, so auf ihn kommt, verzehrt.10Dies folgt im Jahr (ich weiss die Zahl)Dreihundertfünfundsechzigmal.’

‘ImJahre, Herr? mir fällt nicht bei,

Wie grosz imJahrmein Vortheil sei.

So rechn’ ich nicht? Ein Tag bescheret,

Was der, so auf ihn kommt, verzehrt.10

Dies folgt im Jahr (ich weiss die Zahl)

Dreihundertfünfundsechzigmal.’

‘Ganz recht! doch könnt Ihr mir’s nicht sagen,Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?’‘Mein Herr, Ihr forschet allzu sehr:Der eine wenig, mancher mehr;So wie’s dann fällt. Mich zwingt zur KlageNichts als die vielen Feiertage,Und wer sie alle roth gefärbt,Der hatte wohl, wie Ihr, geerbt;20Dem war die Arbeit sehr zuwider;Der war gewiss kein Seifensieder.’

‘Ganz recht! doch könnt Ihr mir’s nicht sagen,

Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?’

‘Mein Herr, Ihr forschet allzu sehr:

Der eine wenig, mancher mehr;

So wie’s dann fällt. Mich zwingt zur Klage

Nichts als die vielen Feiertage,

Und wer sie alle roth gefärbt,

Der hatte wohl, wie Ihr, geerbt;20

Dem war die Arbeit sehr zuwider;

Der war gewiss kein Seifensieder.’

Dies schien den Reichen zu erfreu’n.‘Hans’, spricht er, ‘du sollst glücklich sein.Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler,Da hast du baare funfzig Thaler,Nur unterlasse den Gesang!Das Geld hat einen bessern Klang.’

Dies schien den Reichen zu erfreu’n.

‘Hans’, spricht er, ‘du sollst glücklich sein.

Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler,

Da hast du baare funfzig Thaler,

Nur unterlasse den Gesang!

Das Geld hat einen bessern Klang.’

Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke,Mit mehr als dieb’scher Furcht zurücke.30Er herzt den Beutel, den er hält,Und zählt, und wägt, und schwenkt das Geld,Das Geld, den Ursprung seiner FreudeUnd seiner Augen neue Weide.

Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke,

Mit mehr als dieb’scher Furcht zurücke.30

Er herzt den Beutel, den er hält,

Und zählt, und wägt, und schwenkt das Geld,

Das Geld, den Ursprung seiner Freude

Und seiner Augen neue Weide.

Es wird mit stummer Lust beschautUnd einem Kasten anvertraut,Den Band und starke Schlösser hüten,Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,Den auch der karge Thor bei NachtAus banger Vorsicht selbst bewacht.Sobald sich nur der Haushund reget,Sobald der Kater sich beweget,Durchsucht er alles, bis er glaubt,Dass ihn kein frecher Dieb beraubt,Bis, oft gestossen, oft geschmissen,Sich endlich beide packen müssen:10Sein Mops, der keine Kunst vergass,Und wedelnd bei dem Kessel sass;Sein Hinz, der Liebling junger Katzen,So glatt von Fell, so weich von Tatzen.

Es wird mit stummer Lust beschaut

Und einem Kasten anvertraut,

Den Band und starke Schlösser hüten,

Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,

Den auch der karge Thor bei Nacht

Aus banger Vorsicht selbst bewacht.

Sobald sich nur der Haushund reget,

Sobald der Kater sich beweget,

Durchsucht er alles, bis er glaubt,

Dass ihn kein frecher Dieb beraubt,

Bis, oft gestossen, oft geschmissen,

Sich endlich beide packen müssen:10

Sein Mops, der keine Kunst vergass,

Und wedelnd bei dem Kessel sass;

Sein Hinz, der Liebling junger Katzen,

So glatt von Fell, so weich von Tatzen.

Er lernt zuletzt, je mehr er spart,Wie oft sich Sorg’ und Reichthum paart,Und manches Zärtlings dunkle FreudenIhn ewig von der Freiheit scheiden,Die nur in reine Seelen strahlt,Und deren Glück kein Gold bezahlt.20

Er lernt zuletzt, je mehr er spart,

Wie oft sich Sorg’ und Reichthum paart,

Und manches Zärtlings dunkle Freuden

Ihn ewig von der Freiheit scheiden,

Die nur in reine Seelen strahlt,

Und deren Glück kein Gold bezahlt.20

Dem Nachbar, den er stets gewecket,Bis der das Geld ihm zugestecket,Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh’,Den vollen Beutel wieder zu,Und spricht: ‘Herr, lehrt mich bess’re Sachen,Als, statt des Singens, Geld bewachen.Nehmt immer Euren Bettel hin,Und lasst mir meinen frohen Sinn.Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,Ich tausche nicht mit Euren Freuden.30Der Himmel hat mich recht geliebt,Der mir die Stimme wiedergibt.Was ich gewesen, werd’ ich wieder:Johann, der muntre Seifensieder!’

Dem Nachbar, den er stets gewecket,

Bis der das Geld ihm zugestecket,

Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh’,

Den vollen Beutel wieder zu,

Und spricht: ‘Herr, lehrt mich bess’re Sachen,

Als, statt des Singens, Geld bewachen.

Nehmt immer Euren Bettel hin,

Und lasst mir meinen frohen Sinn.

Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,

Ich tausche nicht mit Euren Freuden.30

Der Himmel hat mich recht geliebt,

Der mir die Stimme wiedergibt.

Was ich gewesen, werd’ ich wieder:

Johann, der muntre Seifensieder!’


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