Die Härte, mit der Luneteden guten Ritter schmähte,ihr rasches Zurückkehren,der jähe Sturz all’ seiner Ehren,dann dass sie also von ihm schiedund weder ihn tröstet’ noch ihm rieth:die grimme Kränkung und Schmach,also sie ihm die Treu absprach,10die verspätete Reueund die grosse Treueseines festen Muthes;der Verlust des Gutes,die Sehnsucht nach dem Weibe,die nahmen seinem Leibebeides, die Freude und den Sinn.Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin,er möchte von aller Welt getrennt,hinausziehn, wo ihn keiner kennt.20Und niemand hörte Märe,wohin er kommen wäre.Da ward er sich selber verhasst,denn seines Vergehens Lastmochte kein Andrer für ihn tragen;sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen.Von allem Äussern abgelenktbrütet er ganz in sich versenkt,und als ihn Niemand ersah,schweigend stahl er sich da,bis fern vom Lager und Gezelter hatt’ erreicht das freie Feld.Da wurden die Schmerzen ihm so gross,dass in das Hirn ihm schossein Rasen und tobende Sucht;10da brach er alle Sitt’ und Zucht,ab zerrt’ er sein Gewand,dass er bloss ward wie eine Hand.So lief er übers Gefildenackt hinaus und suchte die Wilde.Als die Jungfrau sich heimgewandt,viel Kummer der König da empfandüber Herr Iweins Schwere.Er fragte, wo er wäre;denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn,20und befahl nach ihm zu gehn.Und als ihn Niemand sah,viel sehr vergeblich blieb es da,wie man ihn sucht’ und nach ihm rief,während er in den Wald entlief.Er war ein Degen kühn bewährt,in seiner Fassung nie gestört,und wie mannhaft er immer war,und wie unwandelbarin seinem Leben und Sinne,doch bewältigt’ ihn Frau Minne,dass ihm ein schwaches WeibSeele verkehrt’ und Leib.Er, den man sonst recht als Demantaller Rittertugend erfand,lief nun umher gar baldeals ein Verrückter im Walde.Nun wollte Gott der Gute,10der ihn aus seiner Hutenicht völlig entliess, für ihn das thun,dass er ihm zuschickt einen Garzun,der einen guten Bogen trug;den nahm er ihm ab, und Pfeile genug.Als der Hunger ihn nicht liess ruhn,da that er, wie die Tollen thun;kein andres Wissen ist ihnen kundals allein um ihren Mund.Er traf ausbündig scharf und wohl;20auch war die Waldung Wildes voll,und wo ihm das erschien als Ziel,da schoss er aus der Massen viel.Auch musst’ er selbst es fangenund ohne Bracken erlangen:dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz,weder Pfeffer noch Salz;seine Brühe war die Hungersnoth,die alles ihm briet und sott,und süsse Speise bereiten lehrt;also hat er dem Hunger gewehrt.Solches Lebens er lange pflag.Da lief er an einem mitten Tagzu einem neuen Gereute.Da fand er nicht mehr Leuteals einen einzigen Mann;10derselbe sah ihm das wohl an,er sei der Sinne nicht mächtig:drum flüchtet’ er sich bedächtignah bei in seine Klause hinein.Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein,und verriegelte schnell die Thür:da stellt der Tolle sich dafür.Der däucht dem Siedler allzugross:er dachte: thut er einen Stoss,so wird er die Thür ausheben20und vergreift sich an meinem Leben.Ich Armer, wie errett’ ich mich?Zu allerletzt besann er sich:‘ich will ihm meines Brodes geben,so lässt er vielleicht mich am Leben.’Ein Fenster hatt’ er in der Wand,dadurch streckt’ er die Handund legt auf ein Brett ihm ein Brod,das stillt’ ihm des Hungers Noth;während ihm sonst, das mag Gott wissen,nicht hätte genügt so schmaler Bissen.Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?—Er ass das Brod und trank dazueines Wassers, das er fand,in einem Eimer an der Wand,und leert’ ihn aus auf einen Zug.Der Einsiedel grosse Angst da trug,er flehte zu Gott viel sehr,10dass er in Zukunft ihn nicht mehrheimsuche mit solchem Gast;denn er hatte noch nicht gefasst,wie’s mit dem Ritter sei bewandt.Nun zeigt ihm der Tolle zuhand,dass ein Verrückter und ein Kindgar lenksam zu gewöhnen sind.Er war noch just so weise,dass er wegen der Speisewieder hinkam nach zween Tagen,20und bracht’ ein Reh getragen,das warf er hin vor die Thür.Das machte, dass ihm der Seidler hinfürdesto williglicher botsein Wasser und sein Brot;er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr,sorgt’ besser für ihn als vorher,und hielt’s ihm ferner so bereit.Auch vergalt ihm jener die Müh allzeitmit seinem Wilde, das er fieng.Das ward, so gut es eben gieng,gebraten bei dem Feuer:nur war der Pfeffer da theuer,das Salz und auch der Essig.Später war er nicht lässig,10dass er zum Markt die Häute trug,und kauft’ ihnen beiden genug,was ihnen zum Leben war noth,Salz und besseres Brot.So weilte der Unweiseim Wald mit solcher Speise,bis endlich der edle Thorgebräunt ward wie ein Mohran seinem ganzen Leibe.Wenn ihm von theuerm Weibe20viel Liebes sonst geschach,wenn er an hundert Speere brach,und Feuer aus den Helmen schlug,mit Mannheit aus dem Kampfe trugviel oft sich Dank und Preise,wenn er einst höfisch war und weise,edlen Gemüths und reich:dem ist er nun viel wenig gleich.Jetzt lief er ledig beiderder Sinne wie der Kleider,30bis einst zu seiner Stundenschlafend ihn hatten gefundendrei Frauen, wo er lag.Es war um einen mitten Tag,nah in guter Masseim Felde von der Strasseauf der sie geritten waren.Kaum mocht’ ihn da gewahrendie eine Fraue von den Drein,da hielt sie gleich den Zelter ein,stieg ab und sah ihn emsig an.10Nun wusste die Kunde Jedermann,wie er verloren wäre;das war eine gänge Märevon seinen Leiden und Thaten;drum hatte sie gleich auf ihn gerathen.Doch war’s ihr noch nicht völlig klar:da nahm sie endlich an ihm wahreine Narbe breit,die seit langer Zeitan dem Ritter war bekannt,20und nannt’ ihn mit Namen zuhand.Sie sprach alsbald zu den Zwein:‘Frauen, lebt Herr Iwein,so liegt er ohne Zweifel hie,oder ich sah ihn noch nie.’Ihr höfischer Sinn und ihre Gütebetrübten ihr Gemüthe,dass sie vor grossen Schmerzenund aus viel treuem Herzenviel sehr zu weinen begann,30dass einem also werthen Mannsolch Elend sollte geschehn,und er so schmachvoll ward gesehn.Es war die Eine dieser DreiGebieterin über die andern Zwei.Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen:‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen,dass er den Sinn verloren.Von edlerem Blut geborenmag nimmer ein Ritter sein,als mein Herr Iwein,den wir hier sehn so elend leben.10Ihm ward ein Zaubertrank gegeben,oder es ist durch Minne gekommen,dass ihm der Sinn benommen.Und weiss ich so sicher als meinen Tod,dass ihr alle eure Noth,die euch straflos und ungescheutder Graf Aliers so lange dräutund noch zu bringen sich rüstet,alsbalde hättet gefristet,wenn dieser Ritter würde gesund.20Mir ist seine Mannheit völlig kund.Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt,er hätt’ euch gleich den Feind gefällt,und sollt ihr jemals Rettung finden,er kann allein sichs unterwinden.’Die Fraue war des Trostes froh.Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so,dass sie den Sitz im Hirne hat,so weiss ich für ihn viel guten Rath;denn eine Salbe hab’ ich stehn,die von Morganen, der weisen Feen,bereitet ward mit eigner Hand.Um die nun ist es so bewandt,dass wo an Hirnsucht einer litt,wurd’ er bestrichen damit,10so ward er gleich zur Stund’hergestellt und gesund.’So hielten sie Rath zur Stelle,und ritten sofort und schnellenach der Salbe alle Drei:denn ihr Haus lag nahe dabei,kaum weiter als einer Meilen;dann ward ohne Verweilendie Jungfrau wieder zurückgesandt,die ihn schlafend allda noch fand.20Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben,als sie ihr mitgegebendie Büchse mit der Salben,dass sie ihn allenthalbennicht solle bestreichen damit;nur wo er die Entzündung litt,da hiess sie den Balsam streichen,so werde die Sucht entweichen,und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei.Nicht mehr als eben genügend seisolle sie verwenden allhie:und ausdrücklich verlangte sie,dass sie den Rest ihr trage zurück,der sei vielleicht noch Vielen zum Glück.Auch sandte sie mit ihr hindannfrische Kleider, Sayett in Granund feine Leingewande zwei,Schuh und Hosen von wollnem Sey.10Nun ritt sie also balde,dass sie ihn in dem Waldeannoch schlafend da fand,und zog ein Pferd an der Hand,das viel sanft und eben trug(auch war der Zaum ihm reich genug,Sattel und Zeug von reinem Golde),dass er hinreiten sollte,wenn Gott ihr dass gewährteund ihr Gebet erhörte.20Als sie ihn liegen sah wie zuvor,keinen Augenblick sie da verlor;sie heftet’ an einem der Ästeder Rosse Zügel feste,und schlich zu ihm heran so sacht,dass er mit nichten erwacht;Mit der viel edlen Salbenbestrich sie ihn allenthalbenüber das Haupt und die Füsse.Ihr Wille war ihm viel hold und süsse,dass sie also lange rieb,bis nichts mehr in der Büchsen blieb.Da hatt’ es keine Noth,dass man ihr’s so strenge verbot;denn wie sie’s für ihn im Willen trug,däucht’ ihr alles noch nicht genug,10und wär’ es sechsmal mehr gewesen:so gerne sah sie ihn genesen.Als sie die Salbe verstrichen,viel schnelle war sie drauf entwichen,weil sie das wohl erkannte,wie sehr Erröthen und Schandeeinem edlen Manne wehe thut.Drum barg sie sich in höfischem Muth,dass sie ihn sah und er sie nicht.Sie gedachte, ‘wenn das geschicht,20dass er erwacht und kommt zu Sinnen,und wird hiernach des innen,dass ich ihn also nackt gesehn,so ist viel übel mir geschehn;denn das beschämt ihn so sehr,dass er nich nimmermehrmit Willen hernach ansicht.’Also zeigte sie sich nicht,bis ihn die Salbe ganz durchdrungenund seinen irren Sinn bezwungen.Auf richtet’ er sich alsbald,und als er schaut’ seine eigne Gestalt,und sich so schwarz und schrecklich sah,zu sich selber sprach er da:‘Bist du Iwein? oder wer?Hab’ ich geschlafen bisher?10Weh, o weh mir, und ach!Wär’ ich lieber noch nicht wach!Denn im Traum ward mir gegebenein viel reiches Heldenleben.Hei, was ich hoher Ehren pflag,während ich schlafend lag!Mir träumte gewalt’ge Rittertugend,ich hatte edle Geburt und Jugend,ich war schön von Gestalt und reich,und diesem Leibe viel ungleich;20ich war höfisch und weise,und hatte viel manche harte Preisedurch meinen Ritterdienst erjagt,wenn mir der Traum nicht Lügen sagt.Ich erkämpfte, was ich begehrte,mit Speer mir und mit Schwerte;ich allein gewann mit meiner Handeine schöne Frau, ein reiches Land;und leider, wenn mir recht geträumt,hab’ ich gar bald sie dann versäumt,als der König Artus war gekommenund hatte mich von ihr genommen.Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund,wie mir’s in meinem Traume scheint;10sie gab mir Urlaub auf ein Jahr—ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!—Da blieb ich länger ohne Noth,bis sie mir ihren Zorn entbot,und träumte da gar schwer und wilde;aus all dem wirren Wahngebildebin ich jetzt eben erwacht.Mich hatte mein Schlaf gemachtzu einen reichen Herrn!alle Noth ja lag mir fern;20wär’ ich in solchen Ehren begraben!Er wollte mich nur zum Narren haben;wer da glaubt an Träume,dem werden sie eitel Schäume.Traum, wie so wunderlich du bist!Reichthum schaffst du in kurzer Fristeinem der also ärmlich lebt,der nie nach hohen Ehren gestrebt.Wenn er dann erwacht,so hast du ihn gemachtzu einem Thoren wie mich.Und dennoch mein’ ich festiglich,10wie rauh ich sei und bauernhaft,fasst’ ich nur eines Speeres Schaftund wäre gewappnet und beritten,ich könnte nach ritterlichen Sittenebenso wohl gebahren,als Alle, die jemals Ritter waren.’So fremd geworden war er sich,dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich;und was er als Ritter errungen,all’ seine Züg’ und Wanderungen,20dies Alles, sagt’ er sich nunmehr,sei von ihm nur geträumt vorher.Er sprach: ‘Mich hat gelehretmein Traum, ich wäre geehret,könnt’ ich zu Waffen kommen.Er hat mir meinen Stand genommen;denn ob ich ein armer Bauer bin,kämpft und turniert mein ganzer Sinn.Mein Herz ist meinem Leib ungleich,mein Leib ist arm, mein Herze reich.War denn ein Traum mein ganzes Leben?Oder wer hat mir gegebensolche Hässlichkeit und Ungestalt?Ich ahne die volle Kraft und Gewaltritterlichen Muthes;10zwar an Schönheit und Fülle des Gutesfehlt es durchaus mir leider!’Als er die frischen Kleiderzur einen Seite ihm liegen sach,wundert’ ihn das und er sprach:‘Dies sind Kleider, wie ich genugsie oft in meinem Traume trug;ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein?Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein.Ob ich sie wohl auch tragen kann?20Denn vormals stand mir herrlich anin meinem Traume reich Gewand.’Also kleidet er sich zuhand,und als er bedeckt die schwarzen Glieder,da glich er einem Ritter wieder.Nun ersah die Jungfrau das,wie er ehrbar und ohne Tadel sass.Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinnund reitet ihres Weges hin,als sei sie eben vorausgesandt,und führt’ einen Zelter an der Hand.Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn.Als er gradaus sie sah ziehn,10da wär’ er aufgesprungen,dafern ihn nicht bezwungenjene selbige Schwachheit,also dass er so schnell bereitnicht vom Boden sich rafft,als fühlt’ er noch die alte Kraft,und rief ihr nach eine gute Weil.Sie aber that, als habe sie Eil’,und acht’ auf den Wandrer nicht,bis dass er nochmals zu ihr spricht;20da machte sie Halt,und gab ihm Antwort alsobald.Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’Sie sprach: ‘Herre, ich will.’So wendet sie, und hält stillund spricht: ‘Gebietet über mich,was ihr wünschet, das thue ich;’und fraget ihn die Märe,wie er dahin kommen wäre?Da sprach Herr Iwein(wie er des wohl trug den Schein):‘Ich fand erkrankt und matthier im Wald eine Ruhestatt.Noch kann ich euch nicht berichten,durch was für Wundergeschichtenich ward hieher getragen;10doch mag ich das wohl sagen,dass ich ungern hier bin:Fraue, führt mich mit euch hin,so behandelt ihr mich gar liebevoll,und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’‘Ritter, das sei euch zugesagtund meine Fahrt für euch vertagt.Mich hatte meine Frau gesandt,die ist auch Herrin über dies Land;zu der führ’ ich euch mit mir,20Ich verhelf’ euch wohl, dass ihrausruht nach euerm Ungemach.’So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach.Nun führte sie ihn hindannzu ihrer Frau, der nie ein Mannalso willkommen war.Man schuf ihm gute Pfleg’ alldaran Kleidern, Speisen und Baden,bis dass all’ sein Schadenkaum noch an ihm erschien.Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’nund Drangsal überwunden,und gute Wirthin funden.W. GRAF VONBAUDISSIN.
Die Härte, mit der Luneteden guten Ritter schmähte,ihr rasches Zurückkehren,der jähe Sturz all’ seiner Ehren,dann dass sie also von ihm schiedund weder ihn tröstet’ noch ihm rieth:die grimme Kränkung und Schmach,also sie ihm die Treu absprach,10die verspätete Reueund die grosse Treueseines festen Muthes;der Verlust des Gutes,die Sehnsucht nach dem Weibe,die nahmen seinem Leibebeides, die Freude und den Sinn.Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin,er möchte von aller Welt getrennt,hinausziehn, wo ihn keiner kennt.20Und niemand hörte Märe,wohin er kommen wäre.Da ward er sich selber verhasst,denn seines Vergehens Lastmochte kein Andrer für ihn tragen;sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen.Von allem Äussern abgelenktbrütet er ganz in sich versenkt,und als ihn Niemand ersah,schweigend stahl er sich da,bis fern vom Lager und Gezelter hatt’ erreicht das freie Feld.Da wurden die Schmerzen ihm so gross,dass in das Hirn ihm schossein Rasen und tobende Sucht;10da brach er alle Sitt’ und Zucht,ab zerrt’ er sein Gewand,dass er bloss ward wie eine Hand.So lief er übers Gefildenackt hinaus und suchte die Wilde.Als die Jungfrau sich heimgewandt,viel Kummer der König da empfandüber Herr Iweins Schwere.Er fragte, wo er wäre;denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn,20und befahl nach ihm zu gehn.Und als ihn Niemand sah,viel sehr vergeblich blieb es da,wie man ihn sucht’ und nach ihm rief,während er in den Wald entlief.Er war ein Degen kühn bewährt,in seiner Fassung nie gestört,und wie mannhaft er immer war,und wie unwandelbarin seinem Leben und Sinne,doch bewältigt’ ihn Frau Minne,dass ihm ein schwaches WeibSeele verkehrt’ und Leib.Er, den man sonst recht als Demantaller Rittertugend erfand,lief nun umher gar baldeals ein Verrückter im Walde.Nun wollte Gott der Gute,10der ihn aus seiner Hutenicht völlig entliess, für ihn das thun,dass er ihm zuschickt einen Garzun,der einen guten Bogen trug;den nahm er ihm ab, und Pfeile genug.Als der Hunger ihn nicht liess ruhn,da that er, wie die Tollen thun;kein andres Wissen ist ihnen kundals allein um ihren Mund.Er traf ausbündig scharf und wohl;20auch war die Waldung Wildes voll,und wo ihm das erschien als Ziel,da schoss er aus der Massen viel.Auch musst’ er selbst es fangenund ohne Bracken erlangen:dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz,weder Pfeffer noch Salz;seine Brühe war die Hungersnoth,die alles ihm briet und sott,und süsse Speise bereiten lehrt;also hat er dem Hunger gewehrt.Solches Lebens er lange pflag.Da lief er an einem mitten Tagzu einem neuen Gereute.Da fand er nicht mehr Leuteals einen einzigen Mann;10derselbe sah ihm das wohl an,er sei der Sinne nicht mächtig:drum flüchtet’ er sich bedächtignah bei in seine Klause hinein.Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein,und verriegelte schnell die Thür:da stellt der Tolle sich dafür.Der däucht dem Siedler allzugross:er dachte: thut er einen Stoss,so wird er die Thür ausheben20und vergreift sich an meinem Leben.Ich Armer, wie errett’ ich mich?Zu allerletzt besann er sich:‘ich will ihm meines Brodes geben,so lässt er vielleicht mich am Leben.’Ein Fenster hatt’ er in der Wand,dadurch streckt’ er die Handund legt auf ein Brett ihm ein Brod,das stillt’ ihm des Hungers Noth;während ihm sonst, das mag Gott wissen,nicht hätte genügt so schmaler Bissen.Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?—Er ass das Brod und trank dazueines Wassers, das er fand,in einem Eimer an der Wand,und leert’ ihn aus auf einen Zug.Der Einsiedel grosse Angst da trug,er flehte zu Gott viel sehr,10dass er in Zukunft ihn nicht mehrheimsuche mit solchem Gast;denn er hatte noch nicht gefasst,wie’s mit dem Ritter sei bewandt.Nun zeigt ihm der Tolle zuhand,dass ein Verrückter und ein Kindgar lenksam zu gewöhnen sind.Er war noch just so weise,dass er wegen der Speisewieder hinkam nach zween Tagen,20und bracht’ ein Reh getragen,das warf er hin vor die Thür.Das machte, dass ihm der Seidler hinfürdesto williglicher botsein Wasser und sein Brot;er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr,sorgt’ besser für ihn als vorher,und hielt’s ihm ferner so bereit.Auch vergalt ihm jener die Müh allzeitmit seinem Wilde, das er fieng.Das ward, so gut es eben gieng,gebraten bei dem Feuer:nur war der Pfeffer da theuer,das Salz und auch der Essig.Später war er nicht lässig,10dass er zum Markt die Häute trug,und kauft’ ihnen beiden genug,was ihnen zum Leben war noth,Salz und besseres Brot.So weilte der Unweiseim Wald mit solcher Speise,bis endlich der edle Thorgebräunt ward wie ein Mohran seinem ganzen Leibe.Wenn ihm von theuerm Weibe20viel Liebes sonst geschach,wenn er an hundert Speere brach,und Feuer aus den Helmen schlug,mit Mannheit aus dem Kampfe trugviel oft sich Dank und Preise,wenn er einst höfisch war und weise,edlen Gemüths und reich:dem ist er nun viel wenig gleich.Jetzt lief er ledig beiderder Sinne wie der Kleider,30bis einst zu seiner Stundenschlafend ihn hatten gefundendrei Frauen, wo er lag.Es war um einen mitten Tag,nah in guter Masseim Felde von der Strasseauf der sie geritten waren.Kaum mocht’ ihn da gewahrendie eine Fraue von den Drein,da hielt sie gleich den Zelter ein,stieg ab und sah ihn emsig an.10Nun wusste die Kunde Jedermann,wie er verloren wäre;das war eine gänge Märevon seinen Leiden und Thaten;drum hatte sie gleich auf ihn gerathen.Doch war’s ihr noch nicht völlig klar:da nahm sie endlich an ihm wahreine Narbe breit,die seit langer Zeitan dem Ritter war bekannt,20und nannt’ ihn mit Namen zuhand.Sie sprach alsbald zu den Zwein:‘Frauen, lebt Herr Iwein,so liegt er ohne Zweifel hie,oder ich sah ihn noch nie.’Ihr höfischer Sinn und ihre Gütebetrübten ihr Gemüthe,dass sie vor grossen Schmerzenund aus viel treuem Herzenviel sehr zu weinen begann,30dass einem also werthen Mannsolch Elend sollte geschehn,und er so schmachvoll ward gesehn.Es war die Eine dieser DreiGebieterin über die andern Zwei.Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen:‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen,dass er den Sinn verloren.Von edlerem Blut geborenmag nimmer ein Ritter sein,als mein Herr Iwein,den wir hier sehn so elend leben.10Ihm ward ein Zaubertrank gegeben,oder es ist durch Minne gekommen,dass ihm der Sinn benommen.Und weiss ich so sicher als meinen Tod,dass ihr alle eure Noth,die euch straflos und ungescheutder Graf Aliers so lange dräutund noch zu bringen sich rüstet,alsbalde hättet gefristet,wenn dieser Ritter würde gesund.20Mir ist seine Mannheit völlig kund.Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt,er hätt’ euch gleich den Feind gefällt,und sollt ihr jemals Rettung finden,er kann allein sichs unterwinden.’Die Fraue war des Trostes froh.Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so,dass sie den Sitz im Hirne hat,so weiss ich für ihn viel guten Rath;denn eine Salbe hab’ ich stehn,die von Morganen, der weisen Feen,bereitet ward mit eigner Hand.Um die nun ist es so bewandt,dass wo an Hirnsucht einer litt,wurd’ er bestrichen damit,10so ward er gleich zur Stund’hergestellt und gesund.’So hielten sie Rath zur Stelle,und ritten sofort und schnellenach der Salbe alle Drei:denn ihr Haus lag nahe dabei,kaum weiter als einer Meilen;dann ward ohne Verweilendie Jungfrau wieder zurückgesandt,die ihn schlafend allda noch fand.20Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben,als sie ihr mitgegebendie Büchse mit der Salben,dass sie ihn allenthalbennicht solle bestreichen damit;nur wo er die Entzündung litt,da hiess sie den Balsam streichen,so werde die Sucht entweichen,und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei.Nicht mehr als eben genügend seisolle sie verwenden allhie:und ausdrücklich verlangte sie,dass sie den Rest ihr trage zurück,der sei vielleicht noch Vielen zum Glück.Auch sandte sie mit ihr hindannfrische Kleider, Sayett in Granund feine Leingewande zwei,Schuh und Hosen von wollnem Sey.10Nun ritt sie also balde,dass sie ihn in dem Waldeannoch schlafend da fand,und zog ein Pferd an der Hand,das viel sanft und eben trug(auch war der Zaum ihm reich genug,Sattel und Zeug von reinem Golde),dass er hinreiten sollte,wenn Gott ihr dass gewährteund ihr Gebet erhörte.20Als sie ihn liegen sah wie zuvor,keinen Augenblick sie da verlor;sie heftet’ an einem der Ästeder Rosse Zügel feste,und schlich zu ihm heran so sacht,dass er mit nichten erwacht;Mit der viel edlen Salbenbestrich sie ihn allenthalbenüber das Haupt und die Füsse.Ihr Wille war ihm viel hold und süsse,dass sie also lange rieb,bis nichts mehr in der Büchsen blieb.Da hatt’ es keine Noth,dass man ihr’s so strenge verbot;denn wie sie’s für ihn im Willen trug,däucht’ ihr alles noch nicht genug,10und wär’ es sechsmal mehr gewesen:so gerne sah sie ihn genesen.Als sie die Salbe verstrichen,viel schnelle war sie drauf entwichen,weil sie das wohl erkannte,wie sehr Erröthen und Schandeeinem edlen Manne wehe thut.Drum barg sie sich in höfischem Muth,dass sie ihn sah und er sie nicht.Sie gedachte, ‘wenn das geschicht,20dass er erwacht und kommt zu Sinnen,und wird hiernach des innen,dass ich ihn also nackt gesehn,so ist viel übel mir geschehn;denn das beschämt ihn so sehr,dass er nich nimmermehrmit Willen hernach ansicht.’Also zeigte sie sich nicht,bis ihn die Salbe ganz durchdrungenund seinen irren Sinn bezwungen.Auf richtet’ er sich alsbald,und als er schaut’ seine eigne Gestalt,und sich so schwarz und schrecklich sah,zu sich selber sprach er da:‘Bist du Iwein? oder wer?Hab’ ich geschlafen bisher?10Weh, o weh mir, und ach!Wär’ ich lieber noch nicht wach!Denn im Traum ward mir gegebenein viel reiches Heldenleben.Hei, was ich hoher Ehren pflag,während ich schlafend lag!Mir träumte gewalt’ge Rittertugend,ich hatte edle Geburt und Jugend,ich war schön von Gestalt und reich,und diesem Leibe viel ungleich;20ich war höfisch und weise,und hatte viel manche harte Preisedurch meinen Ritterdienst erjagt,wenn mir der Traum nicht Lügen sagt.Ich erkämpfte, was ich begehrte,mit Speer mir und mit Schwerte;ich allein gewann mit meiner Handeine schöne Frau, ein reiches Land;und leider, wenn mir recht geträumt,hab’ ich gar bald sie dann versäumt,als der König Artus war gekommenund hatte mich von ihr genommen.Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund,wie mir’s in meinem Traume scheint;10sie gab mir Urlaub auf ein Jahr—ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!—Da blieb ich länger ohne Noth,bis sie mir ihren Zorn entbot,und träumte da gar schwer und wilde;aus all dem wirren Wahngebildebin ich jetzt eben erwacht.Mich hatte mein Schlaf gemachtzu einen reichen Herrn!alle Noth ja lag mir fern;20wär’ ich in solchen Ehren begraben!Er wollte mich nur zum Narren haben;wer da glaubt an Träume,dem werden sie eitel Schäume.Traum, wie so wunderlich du bist!Reichthum schaffst du in kurzer Fristeinem der also ärmlich lebt,der nie nach hohen Ehren gestrebt.Wenn er dann erwacht,so hast du ihn gemachtzu einem Thoren wie mich.Und dennoch mein’ ich festiglich,10wie rauh ich sei und bauernhaft,fasst’ ich nur eines Speeres Schaftund wäre gewappnet und beritten,ich könnte nach ritterlichen Sittenebenso wohl gebahren,als Alle, die jemals Ritter waren.’So fremd geworden war er sich,dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich;und was er als Ritter errungen,all’ seine Züg’ und Wanderungen,20dies Alles, sagt’ er sich nunmehr,sei von ihm nur geträumt vorher.Er sprach: ‘Mich hat gelehretmein Traum, ich wäre geehret,könnt’ ich zu Waffen kommen.Er hat mir meinen Stand genommen;denn ob ich ein armer Bauer bin,kämpft und turniert mein ganzer Sinn.Mein Herz ist meinem Leib ungleich,mein Leib ist arm, mein Herze reich.War denn ein Traum mein ganzes Leben?Oder wer hat mir gegebensolche Hässlichkeit und Ungestalt?Ich ahne die volle Kraft und Gewaltritterlichen Muthes;10zwar an Schönheit und Fülle des Gutesfehlt es durchaus mir leider!’Als er die frischen Kleiderzur einen Seite ihm liegen sach,wundert’ ihn das und er sprach:‘Dies sind Kleider, wie ich genugsie oft in meinem Traume trug;ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein?Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein.Ob ich sie wohl auch tragen kann?20Denn vormals stand mir herrlich anin meinem Traume reich Gewand.’Also kleidet er sich zuhand,und als er bedeckt die schwarzen Glieder,da glich er einem Ritter wieder.Nun ersah die Jungfrau das,wie er ehrbar und ohne Tadel sass.Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinnund reitet ihres Weges hin,als sei sie eben vorausgesandt,und führt’ einen Zelter an der Hand.Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn.Als er gradaus sie sah ziehn,10da wär’ er aufgesprungen,dafern ihn nicht bezwungenjene selbige Schwachheit,also dass er so schnell bereitnicht vom Boden sich rafft,als fühlt’ er noch die alte Kraft,und rief ihr nach eine gute Weil.Sie aber that, als habe sie Eil’,und acht’ auf den Wandrer nicht,bis dass er nochmals zu ihr spricht;20da machte sie Halt,und gab ihm Antwort alsobald.Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’Sie sprach: ‘Herre, ich will.’So wendet sie, und hält stillund spricht: ‘Gebietet über mich,was ihr wünschet, das thue ich;’und fraget ihn die Märe,wie er dahin kommen wäre?Da sprach Herr Iwein(wie er des wohl trug den Schein):‘Ich fand erkrankt und matthier im Wald eine Ruhestatt.Noch kann ich euch nicht berichten,durch was für Wundergeschichtenich ward hieher getragen;10doch mag ich das wohl sagen,dass ich ungern hier bin:Fraue, führt mich mit euch hin,so behandelt ihr mich gar liebevoll,und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’‘Ritter, das sei euch zugesagtund meine Fahrt für euch vertagt.Mich hatte meine Frau gesandt,die ist auch Herrin über dies Land;zu der führ’ ich euch mit mir,20Ich verhelf’ euch wohl, dass ihrausruht nach euerm Ungemach.’So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach.Nun führte sie ihn hindannzu ihrer Frau, der nie ein Mannalso willkommen war.Man schuf ihm gute Pfleg’ alldaran Kleidern, Speisen und Baden,bis dass all’ sein Schadenkaum noch an ihm erschien.Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’nund Drangsal überwunden,und gute Wirthin funden.
Die Härte, mit der Luneteden guten Ritter schmähte,ihr rasches Zurückkehren,der jähe Sturz all’ seiner Ehren,dann dass sie also von ihm schiedund weder ihn tröstet’ noch ihm rieth:die grimme Kränkung und Schmach,also sie ihm die Treu absprach,10die verspätete Reueund die grosse Treueseines festen Muthes;der Verlust des Gutes,die Sehnsucht nach dem Weibe,die nahmen seinem Leibebeides, die Freude und den Sinn.Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin,er möchte von aller Welt getrennt,hinausziehn, wo ihn keiner kennt.20Und niemand hörte Märe,wohin er kommen wäre.Da ward er sich selber verhasst,denn seines Vergehens Lastmochte kein Andrer für ihn tragen;sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen.Von allem Äussern abgelenktbrütet er ganz in sich versenkt,und als ihn Niemand ersah,schweigend stahl er sich da,bis fern vom Lager und Gezelter hatt’ erreicht das freie Feld.Da wurden die Schmerzen ihm so gross,dass in das Hirn ihm schossein Rasen und tobende Sucht;10da brach er alle Sitt’ und Zucht,ab zerrt’ er sein Gewand,dass er bloss ward wie eine Hand.So lief er übers Gefildenackt hinaus und suchte die Wilde.Als die Jungfrau sich heimgewandt,viel Kummer der König da empfandüber Herr Iweins Schwere.Er fragte, wo er wäre;denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn,20und befahl nach ihm zu gehn.Und als ihn Niemand sah,viel sehr vergeblich blieb es da,wie man ihn sucht’ und nach ihm rief,während er in den Wald entlief.Er war ein Degen kühn bewährt,in seiner Fassung nie gestört,und wie mannhaft er immer war,und wie unwandelbarin seinem Leben und Sinne,doch bewältigt’ ihn Frau Minne,dass ihm ein schwaches WeibSeele verkehrt’ und Leib.Er, den man sonst recht als Demantaller Rittertugend erfand,lief nun umher gar baldeals ein Verrückter im Walde.Nun wollte Gott der Gute,10der ihn aus seiner Hutenicht völlig entliess, für ihn das thun,dass er ihm zuschickt einen Garzun,der einen guten Bogen trug;den nahm er ihm ab, und Pfeile genug.Als der Hunger ihn nicht liess ruhn,da that er, wie die Tollen thun;kein andres Wissen ist ihnen kundals allein um ihren Mund.Er traf ausbündig scharf und wohl;20auch war die Waldung Wildes voll,und wo ihm das erschien als Ziel,da schoss er aus der Massen viel.Auch musst’ er selbst es fangenund ohne Bracken erlangen:dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz,weder Pfeffer noch Salz;seine Brühe war die Hungersnoth,die alles ihm briet und sott,und süsse Speise bereiten lehrt;also hat er dem Hunger gewehrt.Solches Lebens er lange pflag.Da lief er an einem mitten Tagzu einem neuen Gereute.Da fand er nicht mehr Leuteals einen einzigen Mann;10derselbe sah ihm das wohl an,er sei der Sinne nicht mächtig:drum flüchtet’ er sich bedächtignah bei in seine Klause hinein.Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein,und verriegelte schnell die Thür:da stellt der Tolle sich dafür.Der däucht dem Siedler allzugross:er dachte: thut er einen Stoss,so wird er die Thür ausheben20und vergreift sich an meinem Leben.Ich Armer, wie errett’ ich mich?Zu allerletzt besann er sich:‘ich will ihm meines Brodes geben,so lässt er vielleicht mich am Leben.’Ein Fenster hatt’ er in der Wand,dadurch streckt’ er die Handund legt auf ein Brett ihm ein Brod,das stillt’ ihm des Hungers Noth;während ihm sonst, das mag Gott wissen,nicht hätte genügt so schmaler Bissen.Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?—Er ass das Brod und trank dazueines Wassers, das er fand,in einem Eimer an der Wand,und leert’ ihn aus auf einen Zug.Der Einsiedel grosse Angst da trug,er flehte zu Gott viel sehr,10dass er in Zukunft ihn nicht mehrheimsuche mit solchem Gast;denn er hatte noch nicht gefasst,wie’s mit dem Ritter sei bewandt.Nun zeigt ihm der Tolle zuhand,dass ein Verrückter und ein Kindgar lenksam zu gewöhnen sind.Er war noch just so weise,dass er wegen der Speisewieder hinkam nach zween Tagen,20und bracht’ ein Reh getragen,das warf er hin vor die Thür.Das machte, dass ihm der Seidler hinfürdesto williglicher botsein Wasser und sein Brot;er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr,sorgt’ besser für ihn als vorher,und hielt’s ihm ferner so bereit.Auch vergalt ihm jener die Müh allzeitmit seinem Wilde, das er fieng.Das ward, so gut es eben gieng,gebraten bei dem Feuer:nur war der Pfeffer da theuer,das Salz und auch der Essig.Später war er nicht lässig,10dass er zum Markt die Häute trug,und kauft’ ihnen beiden genug,was ihnen zum Leben war noth,Salz und besseres Brot.So weilte der Unweiseim Wald mit solcher Speise,bis endlich der edle Thorgebräunt ward wie ein Mohran seinem ganzen Leibe.Wenn ihm von theuerm Weibe20viel Liebes sonst geschach,wenn er an hundert Speere brach,und Feuer aus den Helmen schlug,mit Mannheit aus dem Kampfe trugviel oft sich Dank und Preise,wenn er einst höfisch war und weise,edlen Gemüths und reich:dem ist er nun viel wenig gleich.Jetzt lief er ledig beiderder Sinne wie der Kleider,30bis einst zu seiner Stundenschlafend ihn hatten gefundendrei Frauen, wo er lag.Es war um einen mitten Tag,nah in guter Masseim Felde von der Strasseauf der sie geritten waren.Kaum mocht’ ihn da gewahrendie eine Fraue von den Drein,da hielt sie gleich den Zelter ein,stieg ab und sah ihn emsig an.10Nun wusste die Kunde Jedermann,wie er verloren wäre;das war eine gänge Märevon seinen Leiden und Thaten;drum hatte sie gleich auf ihn gerathen.Doch war’s ihr noch nicht völlig klar:da nahm sie endlich an ihm wahreine Narbe breit,die seit langer Zeitan dem Ritter war bekannt,20und nannt’ ihn mit Namen zuhand.Sie sprach alsbald zu den Zwein:‘Frauen, lebt Herr Iwein,so liegt er ohne Zweifel hie,oder ich sah ihn noch nie.’Ihr höfischer Sinn und ihre Gütebetrübten ihr Gemüthe,dass sie vor grossen Schmerzenund aus viel treuem Herzenviel sehr zu weinen begann,30dass einem also werthen Mannsolch Elend sollte geschehn,und er so schmachvoll ward gesehn.Es war die Eine dieser DreiGebieterin über die andern Zwei.Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen:‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen,dass er den Sinn verloren.Von edlerem Blut geborenmag nimmer ein Ritter sein,als mein Herr Iwein,den wir hier sehn so elend leben.10Ihm ward ein Zaubertrank gegeben,oder es ist durch Minne gekommen,dass ihm der Sinn benommen.Und weiss ich so sicher als meinen Tod,dass ihr alle eure Noth,die euch straflos und ungescheutder Graf Aliers so lange dräutund noch zu bringen sich rüstet,alsbalde hättet gefristet,wenn dieser Ritter würde gesund.20Mir ist seine Mannheit völlig kund.Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt,er hätt’ euch gleich den Feind gefällt,und sollt ihr jemals Rettung finden,er kann allein sichs unterwinden.’Die Fraue war des Trostes froh.Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so,dass sie den Sitz im Hirne hat,so weiss ich für ihn viel guten Rath;denn eine Salbe hab’ ich stehn,die von Morganen, der weisen Feen,bereitet ward mit eigner Hand.Um die nun ist es so bewandt,dass wo an Hirnsucht einer litt,wurd’ er bestrichen damit,10so ward er gleich zur Stund’hergestellt und gesund.’So hielten sie Rath zur Stelle,und ritten sofort und schnellenach der Salbe alle Drei:denn ihr Haus lag nahe dabei,kaum weiter als einer Meilen;dann ward ohne Verweilendie Jungfrau wieder zurückgesandt,die ihn schlafend allda noch fand.20Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben,als sie ihr mitgegebendie Büchse mit der Salben,dass sie ihn allenthalbennicht solle bestreichen damit;nur wo er die Entzündung litt,da hiess sie den Balsam streichen,so werde die Sucht entweichen,und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei.Nicht mehr als eben genügend seisolle sie verwenden allhie:und ausdrücklich verlangte sie,dass sie den Rest ihr trage zurück,der sei vielleicht noch Vielen zum Glück.Auch sandte sie mit ihr hindannfrische Kleider, Sayett in Granund feine Leingewande zwei,Schuh und Hosen von wollnem Sey.10Nun ritt sie also balde,dass sie ihn in dem Waldeannoch schlafend da fand,und zog ein Pferd an der Hand,das viel sanft und eben trug(auch war der Zaum ihm reich genug,Sattel und Zeug von reinem Golde),dass er hinreiten sollte,wenn Gott ihr dass gewährteund ihr Gebet erhörte.20Als sie ihn liegen sah wie zuvor,keinen Augenblick sie da verlor;sie heftet’ an einem der Ästeder Rosse Zügel feste,und schlich zu ihm heran so sacht,dass er mit nichten erwacht;Mit der viel edlen Salbenbestrich sie ihn allenthalbenüber das Haupt und die Füsse.Ihr Wille war ihm viel hold und süsse,dass sie also lange rieb,bis nichts mehr in der Büchsen blieb.Da hatt’ es keine Noth,dass man ihr’s so strenge verbot;denn wie sie’s für ihn im Willen trug,däucht’ ihr alles noch nicht genug,10und wär’ es sechsmal mehr gewesen:so gerne sah sie ihn genesen.Als sie die Salbe verstrichen,viel schnelle war sie drauf entwichen,weil sie das wohl erkannte,wie sehr Erröthen und Schandeeinem edlen Manne wehe thut.Drum barg sie sich in höfischem Muth,dass sie ihn sah und er sie nicht.Sie gedachte, ‘wenn das geschicht,20dass er erwacht und kommt zu Sinnen,und wird hiernach des innen,dass ich ihn also nackt gesehn,so ist viel übel mir geschehn;denn das beschämt ihn so sehr,dass er nich nimmermehrmit Willen hernach ansicht.’Also zeigte sie sich nicht,bis ihn die Salbe ganz durchdrungenund seinen irren Sinn bezwungen.Auf richtet’ er sich alsbald,und als er schaut’ seine eigne Gestalt,und sich so schwarz und schrecklich sah,zu sich selber sprach er da:‘Bist du Iwein? oder wer?Hab’ ich geschlafen bisher?10Weh, o weh mir, und ach!Wär’ ich lieber noch nicht wach!Denn im Traum ward mir gegebenein viel reiches Heldenleben.Hei, was ich hoher Ehren pflag,während ich schlafend lag!Mir träumte gewalt’ge Rittertugend,ich hatte edle Geburt und Jugend,ich war schön von Gestalt und reich,und diesem Leibe viel ungleich;20ich war höfisch und weise,und hatte viel manche harte Preisedurch meinen Ritterdienst erjagt,wenn mir der Traum nicht Lügen sagt.Ich erkämpfte, was ich begehrte,mit Speer mir und mit Schwerte;ich allein gewann mit meiner Handeine schöne Frau, ein reiches Land;und leider, wenn mir recht geträumt,hab’ ich gar bald sie dann versäumt,als der König Artus war gekommenund hatte mich von ihr genommen.Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund,wie mir’s in meinem Traume scheint;10sie gab mir Urlaub auf ein Jahr—ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!—Da blieb ich länger ohne Noth,bis sie mir ihren Zorn entbot,und träumte da gar schwer und wilde;aus all dem wirren Wahngebildebin ich jetzt eben erwacht.Mich hatte mein Schlaf gemachtzu einen reichen Herrn!alle Noth ja lag mir fern;20wär’ ich in solchen Ehren begraben!Er wollte mich nur zum Narren haben;wer da glaubt an Träume,dem werden sie eitel Schäume.Traum, wie so wunderlich du bist!Reichthum schaffst du in kurzer Fristeinem der also ärmlich lebt,der nie nach hohen Ehren gestrebt.Wenn er dann erwacht,so hast du ihn gemachtzu einem Thoren wie mich.Und dennoch mein’ ich festiglich,10wie rauh ich sei und bauernhaft,fasst’ ich nur eines Speeres Schaftund wäre gewappnet und beritten,ich könnte nach ritterlichen Sittenebenso wohl gebahren,als Alle, die jemals Ritter waren.’So fremd geworden war er sich,dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich;und was er als Ritter errungen,all’ seine Züg’ und Wanderungen,20dies Alles, sagt’ er sich nunmehr,sei von ihm nur geträumt vorher.Er sprach: ‘Mich hat gelehretmein Traum, ich wäre geehret,könnt’ ich zu Waffen kommen.Er hat mir meinen Stand genommen;denn ob ich ein armer Bauer bin,kämpft und turniert mein ganzer Sinn.Mein Herz ist meinem Leib ungleich,mein Leib ist arm, mein Herze reich.War denn ein Traum mein ganzes Leben?Oder wer hat mir gegebensolche Hässlichkeit und Ungestalt?Ich ahne die volle Kraft und Gewaltritterlichen Muthes;10zwar an Schönheit und Fülle des Gutesfehlt es durchaus mir leider!’Als er die frischen Kleiderzur einen Seite ihm liegen sach,wundert’ ihn das und er sprach:‘Dies sind Kleider, wie ich genugsie oft in meinem Traume trug;ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein?Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein.Ob ich sie wohl auch tragen kann?20Denn vormals stand mir herrlich anin meinem Traume reich Gewand.’Also kleidet er sich zuhand,und als er bedeckt die schwarzen Glieder,da glich er einem Ritter wieder.Nun ersah die Jungfrau das,wie er ehrbar und ohne Tadel sass.Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinnund reitet ihres Weges hin,als sei sie eben vorausgesandt,und führt’ einen Zelter an der Hand.Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn.Als er gradaus sie sah ziehn,10da wär’ er aufgesprungen,dafern ihn nicht bezwungenjene selbige Schwachheit,also dass er so schnell bereitnicht vom Boden sich rafft,als fühlt’ er noch die alte Kraft,und rief ihr nach eine gute Weil.Sie aber that, als habe sie Eil’,und acht’ auf den Wandrer nicht,bis dass er nochmals zu ihr spricht;20da machte sie Halt,und gab ihm Antwort alsobald.Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’Sie sprach: ‘Herre, ich will.’So wendet sie, und hält stillund spricht: ‘Gebietet über mich,was ihr wünschet, das thue ich;’und fraget ihn die Märe,wie er dahin kommen wäre?Da sprach Herr Iwein(wie er des wohl trug den Schein):‘Ich fand erkrankt und matthier im Wald eine Ruhestatt.Noch kann ich euch nicht berichten,durch was für Wundergeschichtenich ward hieher getragen;10doch mag ich das wohl sagen,dass ich ungern hier bin:Fraue, führt mich mit euch hin,so behandelt ihr mich gar liebevoll,und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’‘Ritter, das sei euch zugesagtund meine Fahrt für euch vertagt.Mich hatte meine Frau gesandt,die ist auch Herrin über dies Land;zu der führ’ ich euch mit mir,20Ich verhelf’ euch wohl, dass ihrausruht nach euerm Ungemach.’So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach.Nun führte sie ihn hindannzu ihrer Frau, der nie ein Mannalso willkommen war.Man schuf ihm gute Pfleg’ alldaran Kleidern, Speisen und Baden,bis dass all’ sein Schadenkaum noch an ihm erschien.Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’nund Drangsal überwunden,und gute Wirthin funden.
Die Härte, mit der Luneteden guten Ritter schmähte,ihr rasches Zurückkehren,der jähe Sturz all’ seiner Ehren,dann dass sie also von ihm schiedund weder ihn tröstet’ noch ihm rieth:die grimme Kränkung und Schmach,also sie ihm die Treu absprach,10die verspätete Reueund die grosse Treueseines festen Muthes;der Verlust des Gutes,die Sehnsucht nach dem Weibe,die nahmen seinem Leibebeides, die Freude und den Sinn.Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin,er möchte von aller Welt getrennt,hinausziehn, wo ihn keiner kennt.20Und niemand hörte Märe,wohin er kommen wäre.Da ward er sich selber verhasst,denn seines Vergehens Lastmochte kein Andrer für ihn tragen;sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen.Von allem Äussern abgelenktbrütet er ganz in sich versenkt,und als ihn Niemand ersah,schweigend stahl er sich da,bis fern vom Lager und Gezelter hatt’ erreicht das freie Feld.Da wurden die Schmerzen ihm so gross,dass in das Hirn ihm schossein Rasen und tobende Sucht;10da brach er alle Sitt’ und Zucht,ab zerrt’ er sein Gewand,dass er bloss ward wie eine Hand.So lief er übers Gefildenackt hinaus und suchte die Wilde.Als die Jungfrau sich heimgewandt,viel Kummer der König da empfandüber Herr Iweins Schwere.Er fragte, wo er wäre;denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn,20und befahl nach ihm zu gehn.Und als ihn Niemand sah,viel sehr vergeblich blieb es da,wie man ihn sucht’ und nach ihm rief,während er in den Wald entlief.Er war ein Degen kühn bewährt,in seiner Fassung nie gestört,und wie mannhaft er immer war,und wie unwandelbarin seinem Leben und Sinne,doch bewältigt’ ihn Frau Minne,dass ihm ein schwaches WeibSeele verkehrt’ und Leib.Er, den man sonst recht als Demantaller Rittertugend erfand,lief nun umher gar baldeals ein Verrückter im Walde.Nun wollte Gott der Gute,10der ihn aus seiner Hutenicht völlig entliess, für ihn das thun,dass er ihm zuschickt einen Garzun,der einen guten Bogen trug;den nahm er ihm ab, und Pfeile genug.Als der Hunger ihn nicht liess ruhn,da that er, wie die Tollen thun;kein andres Wissen ist ihnen kundals allein um ihren Mund.Er traf ausbündig scharf und wohl;20auch war die Waldung Wildes voll,und wo ihm das erschien als Ziel,da schoss er aus der Massen viel.Auch musst’ er selbst es fangenund ohne Bracken erlangen:dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz,weder Pfeffer noch Salz;seine Brühe war die Hungersnoth,die alles ihm briet und sott,und süsse Speise bereiten lehrt;also hat er dem Hunger gewehrt.Solches Lebens er lange pflag.Da lief er an einem mitten Tagzu einem neuen Gereute.Da fand er nicht mehr Leuteals einen einzigen Mann;10derselbe sah ihm das wohl an,er sei der Sinne nicht mächtig:drum flüchtet’ er sich bedächtignah bei in seine Klause hinein.Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein,und verriegelte schnell die Thür:da stellt der Tolle sich dafür.Der däucht dem Siedler allzugross:er dachte: thut er einen Stoss,so wird er die Thür ausheben20und vergreift sich an meinem Leben.Ich Armer, wie errett’ ich mich?Zu allerletzt besann er sich:‘ich will ihm meines Brodes geben,so lässt er vielleicht mich am Leben.’Ein Fenster hatt’ er in der Wand,dadurch streckt’ er die Handund legt auf ein Brett ihm ein Brod,das stillt’ ihm des Hungers Noth;während ihm sonst, das mag Gott wissen,nicht hätte genügt so schmaler Bissen.Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?—Er ass das Brod und trank dazueines Wassers, das er fand,in einem Eimer an der Wand,und leert’ ihn aus auf einen Zug.Der Einsiedel grosse Angst da trug,er flehte zu Gott viel sehr,10dass er in Zukunft ihn nicht mehrheimsuche mit solchem Gast;denn er hatte noch nicht gefasst,wie’s mit dem Ritter sei bewandt.Nun zeigt ihm der Tolle zuhand,dass ein Verrückter und ein Kindgar lenksam zu gewöhnen sind.Er war noch just so weise,dass er wegen der Speisewieder hinkam nach zween Tagen,20und bracht’ ein Reh getragen,das warf er hin vor die Thür.Das machte, dass ihm der Seidler hinfürdesto williglicher botsein Wasser und sein Brot;er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr,sorgt’ besser für ihn als vorher,und hielt’s ihm ferner so bereit.Auch vergalt ihm jener die Müh allzeitmit seinem Wilde, das er fieng.Das ward, so gut es eben gieng,gebraten bei dem Feuer:nur war der Pfeffer da theuer,das Salz und auch der Essig.Später war er nicht lässig,10dass er zum Markt die Häute trug,und kauft’ ihnen beiden genug,was ihnen zum Leben war noth,Salz und besseres Brot.So weilte der Unweiseim Wald mit solcher Speise,bis endlich der edle Thorgebräunt ward wie ein Mohran seinem ganzen Leibe.Wenn ihm von theuerm Weibe20viel Liebes sonst geschach,wenn er an hundert Speere brach,und Feuer aus den Helmen schlug,mit Mannheit aus dem Kampfe trugviel oft sich Dank und Preise,wenn er einst höfisch war und weise,edlen Gemüths und reich:dem ist er nun viel wenig gleich.Jetzt lief er ledig beiderder Sinne wie der Kleider,30bis einst zu seiner Stundenschlafend ihn hatten gefundendrei Frauen, wo er lag.Es war um einen mitten Tag,nah in guter Masseim Felde von der Strasseauf der sie geritten waren.Kaum mocht’ ihn da gewahrendie eine Fraue von den Drein,da hielt sie gleich den Zelter ein,stieg ab und sah ihn emsig an.10Nun wusste die Kunde Jedermann,wie er verloren wäre;das war eine gänge Märevon seinen Leiden und Thaten;drum hatte sie gleich auf ihn gerathen.Doch war’s ihr noch nicht völlig klar:da nahm sie endlich an ihm wahreine Narbe breit,die seit langer Zeitan dem Ritter war bekannt,20und nannt’ ihn mit Namen zuhand.Sie sprach alsbald zu den Zwein:‘Frauen, lebt Herr Iwein,so liegt er ohne Zweifel hie,oder ich sah ihn noch nie.’Ihr höfischer Sinn und ihre Gütebetrübten ihr Gemüthe,dass sie vor grossen Schmerzenund aus viel treuem Herzenviel sehr zu weinen begann,30dass einem also werthen Mannsolch Elend sollte geschehn,und er so schmachvoll ward gesehn.Es war die Eine dieser DreiGebieterin über die andern Zwei.Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen:‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen,dass er den Sinn verloren.Von edlerem Blut geborenmag nimmer ein Ritter sein,als mein Herr Iwein,den wir hier sehn so elend leben.10Ihm ward ein Zaubertrank gegeben,oder es ist durch Minne gekommen,dass ihm der Sinn benommen.Und weiss ich so sicher als meinen Tod,dass ihr alle eure Noth,die euch straflos und ungescheutder Graf Aliers so lange dräutund noch zu bringen sich rüstet,alsbalde hättet gefristet,wenn dieser Ritter würde gesund.20Mir ist seine Mannheit völlig kund.Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt,er hätt’ euch gleich den Feind gefällt,und sollt ihr jemals Rettung finden,er kann allein sichs unterwinden.’Die Fraue war des Trostes froh.Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so,dass sie den Sitz im Hirne hat,so weiss ich für ihn viel guten Rath;denn eine Salbe hab’ ich stehn,die von Morganen, der weisen Feen,bereitet ward mit eigner Hand.Um die nun ist es so bewandt,dass wo an Hirnsucht einer litt,wurd’ er bestrichen damit,10so ward er gleich zur Stund’hergestellt und gesund.’So hielten sie Rath zur Stelle,und ritten sofort und schnellenach der Salbe alle Drei:denn ihr Haus lag nahe dabei,kaum weiter als einer Meilen;dann ward ohne Verweilendie Jungfrau wieder zurückgesandt,die ihn schlafend allda noch fand.20Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben,als sie ihr mitgegebendie Büchse mit der Salben,dass sie ihn allenthalbennicht solle bestreichen damit;nur wo er die Entzündung litt,da hiess sie den Balsam streichen,so werde die Sucht entweichen,und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei.Nicht mehr als eben genügend seisolle sie verwenden allhie:und ausdrücklich verlangte sie,dass sie den Rest ihr trage zurück,der sei vielleicht noch Vielen zum Glück.Auch sandte sie mit ihr hindannfrische Kleider, Sayett in Granund feine Leingewande zwei,Schuh und Hosen von wollnem Sey.10Nun ritt sie also balde,dass sie ihn in dem Waldeannoch schlafend da fand,und zog ein Pferd an der Hand,das viel sanft und eben trug(auch war der Zaum ihm reich genug,Sattel und Zeug von reinem Golde),dass er hinreiten sollte,wenn Gott ihr dass gewährteund ihr Gebet erhörte.20Als sie ihn liegen sah wie zuvor,keinen Augenblick sie da verlor;sie heftet’ an einem der Ästeder Rosse Zügel feste,und schlich zu ihm heran so sacht,dass er mit nichten erwacht;Mit der viel edlen Salbenbestrich sie ihn allenthalbenüber das Haupt und die Füsse.Ihr Wille war ihm viel hold und süsse,dass sie also lange rieb,bis nichts mehr in der Büchsen blieb.Da hatt’ es keine Noth,dass man ihr’s so strenge verbot;denn wie sie’s für ihn im Willen trug,däucht’ ihr alles noch nicht genug,10und wär’ es sechsmal mehr gewesen:so gerne sah sie ihn genesen.Als sie die Salbe verstrichen,viel schnelle war sie drauf entwichen,weil sie das wohl erkannte,wie sehr Erröthen und Schandeeinem edlen Manne wehe thut.Drum barg sie sich in höfischem Muth,dass sie ihn sah und er sie nicht.Sie gedachte, ‘wenn das geschicht,20dass er erwacht und kommt zu Sinnen,und wird hiernach des innen,dass ich ihn also nackt gesehn,so ist viel übel mir geschehn;denn das beschämt ihn so sehr,dass er nich nimmermehrmit Willen hernach ansicht.’Also zeigte sie sich nicht,bis ihn die Salbe ganz durchdrungenund seinen irren Sinn bezwungen.Auf richtet’ er sich alsbald,und als er schaut’ seine eigne Gestalt,und sich so schwarz und schrecklich sah,zu sich selber sprach er da:‘Bist du Iwein? oder wer?Hab’ ich geschlafen bisher?10Weh, o weh mir, und ach!Wär’ ich lieber noch nicht wach!Denn im Traum ward mir gegebenein viel reiches Heldenleben.Hei, was ich hoher Ehren pflag,während ich schlafend lag!Mir träumte gewalt’ge Rittertugend,ich hatte edle Geburt und Jugend,ich war schön von Gestalt und reich,und diesem Leibe viel ungleich;20ich war höfisch und weise,und hatte viel manche harte Preisedurch meinen Ritterdienst erjagt,wenn mir der Traum nicht Lügen sagt.Ich erkämpfte, was ich begehrte,mit Speer mir und mit Schwerte;ich allein gewann mit meiner Handeine schöne Frau, ein reiches Land;und leider, wenn mir recht geträumt,hab’ ich gar bald sie dann versäumt,als der König Artus war gekommenund hatte mich von ihr genommen.Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund,wie mir’s in meinem Traume scheint;10sie gab mir Urlaub auf ein Jahr—ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!—Da blieb ich länger ohne Noth,bis sie mir ihren Zorn entbot,und träumte da gar schwer und wilde;aus all dem wirren Wahngebildebin ich jetzt eben erwacht.Mich hatte mein Schlaf gemachtzu einen reichen Herrn!alle Noth ja lag mir fern;20wär’ ich in solchen Ehren begraben!Er wollte mich nur zum Narren haben;wer da glaubt an Träume,dem werden sie eitel Schäume.Traum, wie so wunderlich du bist!Reichthum schaffst du in kurzer Fristeinem der also ärmlich lebt,der nie nach hohen Ehren gestrebt.Wenn er dann erwacht,so hast du ihn gemachtzu einem Thoren wie mich.Und dennoch mein’ ich festiglich,10wie rauh ich sei und bauernhaft,fasst’ ich nur eines Speeres Schaftund wäre gewappnet und beritten,ich könnte nach ritterlichen Sittenebenso wohl gebahren,als Alle, die jemals Ritter waren.’So fremd geworden war er sich,dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich;und was er als Ritter errungen,all’ seine Züg’ und Wanderungen,20dies Alles, sagt’ er sich nunmehr,sei von ihm nur geträumt vorher.Er sprach: ‘Mich hat gelehretmein Traum, ich wäre geehret,könnt’ ich zu Waffen kommen.Er hat mir meinen Stand genommen;denn ob ich ein armer Bauer bin,kämpft und turniert mein ganzer Sinn.Mein Herz ist meinem Leib ungleich,mein Leib ist arm, mein Herze reich.War denn ein Traum mein ganzes Leben?Oder wer hat mir gegebensolche Hässlichkeit und Ungestalt?Ich ahne die volle Kraft und Gewaltritterlichen Muthes;10zwar an Schönheit und Fülle des Gutesfehlt es durchaus mir leider!’Als er die frischen Kleiderzur einen Seite ihm liegen sach,wundert’ ihn das und er sprach:‘Dies sind Kleider, wie ich genugsie oft in meinem Traume trug;ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein?Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein.Ob ich sie wohl auch tragen kann?20Denn vormals stand mir herrlich anin meinem Traume reich Gewand.’Also kleidet er sich zuhand,und als er bedeckt die schwarzen Glieder,da glich er einem Ritter wieder.Nun ersah die Jungfrau das,wie er ehrbar und ohne Tadel sass.Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinnund reitet ihres Weges hin,als sei sie eben vorausgesandt,und führt’ einen Zelter an der Hand.Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn.Als er gradaus sie sah ziehn,10da wär’ er aufgesprungen,dafern ihn nicht bezwungenjene selbige Schwachheit,also dass er so schnell bereitnicht vom Boden sich rafft,als fühlt’ er noch die alte Kraft,und rief ihr nach eine gute Weil.Sie aber that, als habe sie Eil’,und acht’ auf den Wandrer nicht,bis dass er nochmals zu ihr spricht;20da machte sie Halt,und gab ihm Antwort alsobald.Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’Sie sprach: ‘Herre, ich will.’So wendet sie, und hält stillund spricht: ‘Gebietet über mich,was ihr wünschet, das thue ich;’und fraget ihn die Märe,wie er dahin kommen wäre?Da sprach Herr Iwein(wie er des wohl trug den Schein):‘Ich fand erkrankt und matthier im Wald eine Ruhestatt.Noch kann ich euch nicht berichten,durch was für Wundergeschichtenich ward hieher getragen;10doch mag ich das wohl sagen,dass ich ungern hier bin:Fraue, führt mich mit euch hin,so behandelt ihr mich gar liebevoll,und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’‘Ritter, das sei euch zugesagtund meine Fahrt für euch vertagt.Mich hatte meine Frau gesandt,die ist auch Herrin über dies Land;zu der führ’ ich euch mit mir,20Ich verhelf’ euch wohl, dass ihrausruht nach euerm Ungemach.’So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach.Nun führte sie ihn hindannzu ihrer Frau, der nie ein Mannalso willkommen war.Man schuf ihm gute Pfleg’ alldaran Kleidern, Speisen und Baden,bis dass all’ sein Schadenkaum noch an ihm erschien.Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’nund Drangsal überwunden,und gute Wirthin funden.
Die Härte, mit der Lunete
den guten Ritter schmähte,
ihr rasches Zurückkehren,
der jähe Sturz all’ seiner Ehren,
dann dass sie also von ihm schied
und weder ihn tröstet’ noch ihm rieth:
die grimme Kränkung und Schmach,
also sie ihm die Treu absprach,10
die verspätete Reue
und die grosse Treue
seines festen Muthes;
der Verlust des Gutes,
die Sehnsucht nach dem Weibe,
die nahmen seinem Leibe
beides, die Freude und den Sinn.
Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin,
er möchte von aller Welt getrennt,
hinausziehn, wo ihn keiner kennt.20
Und niemand hörte Märe,
wohin er kommen wäre.
Da ward er sich selber verhasst,
denn seines Vergehens Last
mochte kein Andrer für ihn tragen;
sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen.
Von allem Äussern abgelenkt
brütet er ganz in sich versenkt,
und als ihn Niemand ersah,
schweigend stahl er sich da,
bis fern vom Lager und Gezelt
er hatt’ erreicht das freie Feld.
Da wurden die Schmerzen ihm so gross,
dass in das Hirn ihm schoss
ein Rasen und tobende Sucht;10
da brach er alle Sitt’ und Zucht,
ab zerrt’ er sein Gewand,
dass er bloss ward wie eine Hand.
So lief er übers Gefilde
nackt hinaus und suchte die Wilde.
Als die Jungfrau sich heimgewandt,
viel Kummer der König da empfand
über Herr Iweins Schwere.
Er fragte, wo er wäre;
denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn,20
und befahl nach ihm zu gehn.
Und als ihn Niemand sah,
viel sehr vergeblich blieb es da,
wie man ihn sucht’ und nach ihm rief,
während er in den Wald entlief.
Er war ein Degen kühn bewährt,
in seiner Fassung nie gestört,
und wie mannhaft er immer war,
und wie unwandelbar
in seinem Leben und Sinne,
doch bewältigt’ ihn Frau Minne,
dass ihm ein schwaches Weib
Seele verkehrt’ und Leib.
Er, den man sonst recht als Demant
aller Rittertugend erfand,
lief nun umher gar balde
als ein Verrückter im Walde.
Nun wollte Gott der Gute,10
der ihn aus seiner Hute
nicht völlig entliess, für ihn das thun,
dass er ihm zuschickt einen Garzun,
der einen guten Bogen trug;
den nahm er ihm ab, und Pfeile genug.
Als der Hunger ihn nicht liess ruhn,
da that er, wie die Tollen thun;
kein andres Wissen ist ihnen kund
als allein um ihren Mund.
Er traf ausbündig scharf und wohl;20
auch war die Waldung Wildes voll,
und wo ihm das erschien als Ziel,
da schoss er aus der Massen viel.
Auch musst’ er selbst es fangen
und ohne Bracken erlangen:
dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz,
weder Pfeffer noch Salz;
seine Brühe war die Hungersnoth,
die alles ihm briet und sott,
und süsse Speise bereiten lehrt;
also hat er dem Hunger gewehrt.
Solches Lebens er lange pflag.
Da lief er an einem mitten Tag
zu einem neuen Gereute.
Da fand er nicht mehr Leute
als einen einzigen Mann;10
derselbe sah ihm das wohl an,
er sei der Sinne nicht mächtig:
drum flüchtet’ er sich bedächtig
nah bei in seine Klause hinein.
Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein,
und verriegelte schnell die Thür:
da stellt der Tolle sich dafür.
Der däucht dem Siedler allzugross:
er dachte: thut er einen Stoss,
so wird er die Thür ausheben20
und vergreift sich an meinem Leben.
Ich Armer, wie errett’ ich mich?
Zu allerletzt besann er sich:
‘ich will ihm meines Brodes geben,
so lässt er vielleicht mich am Leben.’
Ein Fenster hatt’ er in der Wand,
dadurch streckt’ er die Hand
und legt auf ein Brett ihm ein Brod,
das stillt’ ihm des Hungers Noth;
während ihm sonst, das mag Gott wissen,
nicht hätte genügt so schmaler Bissen.
Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?—
Er ass das Brod und trank dazu
eines Wassers, das er fand,
in einem Eimer an der Wand,
und leert’ ihn aus auf einen Zug.
Der Einsiedel grosse Angst da trug,
er flehte zu Gott viel sehr,10
dass er in Zukunft ihn nicht mehr
heimsuche mit solchem Gast;
denn er hatte noch nicht gefasst,
wie’s mit dem Ritter sei bewandt.
Nun zeigt ihm der Tolle zuhand,
dass ein Verrückter und ein Kind
gar lenksam zu gewöhnen sind.
Er war noch just so weise,
dass er wegen der Speise
wieder hinkam nach zween Tagen,20
und bracht’ ein Reh getragen,
das warf er hin vor die Thür.
Das machte, dass ihm der Seidler hinfür
desto williglicher bot
sein Wasser und sein Brot;
er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr,
sorgt’ besser für ihn als vorher,
und hielt’s ihm ferner so bereit.
Auch vergalt ihm jener die Müh allzeit
mit seinem Wilde, das er fieng.
Das ward, so gut es eben gieng,
gebraten bei dem Feuer:
nur war der Pfeffer da theuer,
das Salz und auch der Essig.
Später war er nicht lässig,10
dass er zum Markt die Häute trug,
und kauft’ ihnen beiden genug,
was ihnen zum Leben war noth,
Salz und besseres Brot.
So weilte der Unweise
im Wald mit solcher Speise,
bis endlich der edle Thor
gebräunt ward wie ein Mohr
an seinem ganzen Leibe.
Wenn ihm von theuerm Weibe20
viel Liebes sonst geschach,
wenn er an hundert Speere brach,
und Feuer aus den Helmen schlug,
mit Mannheit aus dem Kampfe trug
viel oft sich Dank und Preise,
wenn er einst höfisch war und weise,
edlen Gemüths und reich:
dem ist er nun viel wenig gleich.
Jetzt lief er ledig beider
der Sinne wie der Kleider,30
bis einst zu seiner Stunden
schlafend ihn hatten gefunden
drei Frauen, wo er lag.
Es war um einen mitten Tag,
nah in guter Masse
im Felde von der Strasse
auf der sie geritten waren.
Kaum mocht’ ihn da gewahren
die eine Fraue von den Drein,
da hielt sie gleich den Zelter ein,
stieg ab und sah ihn emsig an.10
Nun wusste die Kunde Jedermann,
wie er verloren wäre;
das war eine gänge Märe
von seinen Leiden und Thaten;
drum hatte sie gleich auf ihn gerathen.
Doch war’s ihr noch nicht völlig klar:
da nahm sie endlich an ihm wahr
eine Narbe breit,
die seit langer Zeit
an dem Ritter war bekannt,20
und nannt’ ihn mit Namen zuhand.
Sie sprach alsbald zu den Zwein:
‘Frauen, lebt Herr Iwein,
so liegt er ohne Zweifel hie,
oder ich sah ihn noch nie.’
Ihr höfischer Sinn und ihre Güte
betrübten ihr Gemüthe,
dass sie vor grossen Schmerzen
und aus viel treuem Herzen
viel sehr zu weinen begann,30
dass einem also werthen Mann
solch Elend sollte geschehn,
und er so schmachvoll ward gesehn.
Es war die Eine dieser Drei
Gebieterin über die andern Zwei.
Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen:
‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen,
dass er den Sinn verloren.
Von edlerem Blut geboren
mag nimmer ein Ritter sein,
als mein Herr Iwein,
den wir hier sehn so elend leben.10
Ihm ward ein Zaubertrank gegeben,
oder es ist durch Minne gekommen,
dass ihm der Sinn benommen.
Und weiss ich so sicher als meinen Tod,
dass ihr alle eure Noth,
die euch straflos und ungescheut
der Graf Aliers so lange dräut
und noch zu bringen sich rüstet,
alsbalde hättet gefristet,
wenn dieser Ritter würde gesund.20
Mir ist seine Mannheit völlig kund.
Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt,
er hätt’ euch gleich den Feind gefällt,
und sollt ihr jemals Rettung finden,
er kann allein sichs unterwinden.’
Die Fraue war des Trostes froh.
Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so,
dass sie den Sitz im Hirne hat,
so weiss ich für ihn viel guten Rath;
denn eine Salbe hab’ ich stehn,
die von Morganen, der weisen Feen,
bereitet ward mit eigner Hand.
Um die nun ist es so bewandt,
dass wo an Hirnsucht einer litt,
wurd’ er bestrichen damit,10
so ward er gleich zur Stund’
hergestellt und gesund.’
So hielten sie Rath zur Stelle,
und ritten sofort und schnelle
nach der Salbe alle Drei:
denn ihr Haus lag nahe dabei,
kaum weiter als einer Meilen;
dann ward ohne Verweilen
die Jungfrau wieder zurückgesandt,
die ihn schlafend allda noch fand.20
Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben,
als sie ihr mitgegeben
die Büchse mit der Salben,
dass sie ihn allenthalben
nicht solle bestreichen damit;
nur wo er die Entzündung litt,
da hiess sie den Balsam streichen,
so werde die Sucht entweichen,
und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei.
Nicht mehr als eben genügend sei
solle sie verwenden allhie:
und ausdrücklich verlangte sie,
dass sie den Rest ihr trage zurück,
der sei vielleicht noch Vielen zum Glück.
Auch sandte sie mit ihr hindann
frische Kleider, Sayett in Gran
und feine Leingewande zwei,
Schuh und Hosen von wollnem Sey.10
Nun ritt sie also balde,
dass sie ihn in dem Walde
annoch schlafend da fand,
und zog ein Pferd an der Hand,
das viel sanft und eben trug
(auch war der Zaum ihm reich genug,
Sattel und Zeug von reinem Golde),
dass er hinreiten sollte,
wenn Gott ihr dass gewährte
und ihr Gebet erhörte.20
Als sie ihn liegen sah wie zuvor,
keinen Augenblick sie da verlor;
sie heftet’ an einem der Äste
der Rosse Zügel feste,
und schlich zu ihm heran so sacht,
dass er mit nichten erwacht;
Mit der viel edlen Salben
bestrich sie ihn allenthalben
über das Haupt und die Füsse.
Ihr Wille war ihm viel hold und süsse,
dass sie also lange rieb,
bis nichts mehr in der Büchsen blieb.
Da hatt’ es keine Noth,
dass man ihr’s so strenge verbot;
denn wie sie’s für ihn im Willen trug,
däucht’ ihr alles noch nicht genug,10
und wär’ es sechsmal mehr gewesen:
so gerne sah sie ihn genesen.
Als sie die Salbe verstrichen,
viel schnelle war sie drauf entwichen,
weil sie das wohl erkannte,
wie sehr Erröthen und Schande
einem edlen Manne wehe thut.
Drum barg sie sich in höfischem Muth,
dass sie ihn sah und er sie nicht.
Sie gedachte, ‘wenn das geschicht,20
dass er erwacht und kommt zu Sinnen,
und wird hiernach des innen,
dass ich ihn also nackt gesehn,
so ist viel übel mir geschehn;
denn das beschämt ihn so sehr,
dass er nich nimmermehr
mit Willen hernach ansicht.’
Also zeigte sie sich nicht,
bis ihn die Salbe ganz durchdrungen
und seinen irren Sinn bezwungen.
Auf richtet’ er sich alsbald,
und als er schaut’ seine eigne Gestalt,
und sich so schwarz und schrecklich sah,
zu sich selber sprach er da:
‘Bist du Iwein? oder wer?
Hab’ ich geschlafen bisher?10
Weh, o weh mir, und ach!
Wär’ ich lieber noch nicht wach!
Denn im Traum ward mir gegeben
ein viel reiches Heldenleben.
Hei, was ich hoher Ehren pflag,
während ich schlafend lag!
Mir träumte gewalt’ge Rittertugend,
ich hatte edle Geburt und Jugend,
ich war schön von Gestalt und reich,
und diesem Leibe viel ungleich;20
ich war höfisch und weise,
und hatte viel manche harte Preise
durch meinen Ritterdienst erjagt,
wenn mir der Traum nicht Lügen sagt.
Ich erkämpfte, was ich begehrte,
mit Speer mir und mit Schwerte;
ich allein gewann mit meiner Hand
eine schöne Frau, ein reiches Land;
und leider, wenn mir recht geträumt,
hab’ ich gar bald sie dann versäumt,
als der König Artus war gekommen
und hatte mich von ihr genommen.
Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund,
wie mir’s in meinem Traume scheint;10
sie gab mir Urlaub auf ein Jahr—
ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!—
Da blieb ich länger ohne Noth,
bis sie mir ihren Zorn entbot,
und träumte da gar schwer und wilde;
aus all dem wirren Wahngebilde
bin ich jetzt eben erwacht.
Mich hatte mein Schlaf gemacht
zu einen reichen Herrn!
alle Noth ja lag mir fern;20
wär’ ich in solchen Ehren begraben!
Er wollte mich nur zum Narren haben;
wer da glaubt an Träume,
dem werden sie eitel Schäume.
Traum, wie so wunderlich du bist!
Reichthum schaffst du in kurzer Frist
einem der also ärmlich lebt,
der nie nach hohen Ehren gestrebt.
Wenn er dann erwacht,
so hast du ihn gemacht
zu einem Thoren wie mich.
Und dennoch mein’ ich festiglich,10
wie rauh ich sei und bauernhaft,
fasst’ ich nur eines Speeres Schaft
und wäre gewappnet und beritten,
ich könnte nach ritterlichen Sitten
ebenso wohl gebahren,
als Alle, die jemals Ritter waren.’
So fremd geworden war er sich,
dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich;
und was er als Ritter errungen,
all’ seine Züg’ und Wanderungen,20
dies Alles, sagt’ er sich nunmehr,
sei von ihm nur geträumt vorher.
Er sprach: ‘Mich hat gelehret
mein Traum, ich wäre geehret,
könnt’ ich zu Waffen kommen.
Er hat mir meinen Stand genommen;
denn ob ich ein armer Bauer bin,
kämpft und turniert mein ganzer Sinn.
Mein Herz ist meinem Leib ungleich,
mein Leib ist arm, mein Herze reich.
War denn ein Traum mein ganzes Leben?
Oder wer hat mir gegeben
solche Hässlichkeit und Ungestalt?
Ich ahne die volle Kraft und Gewalt
ritterlichen Muthes;10
zwar an Schönheit und Fülle des Gutes
fehlt es durchaus mir leider!’
Als er die frischen Kleider
zur einen Seite ihm liegen sach,
wundert’ ihn das und er sprach:
‘Dies sind Kleider, wie ich genug
sie oft in meinem Traume trug;
ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein?
Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein.
Ob ich sie wohl auch tragen kann?20
Denn vormals stand mir herrlich an
in meinem Traume reich Gewand.’
Also kleidet er sich zuhand,
und als er bedeckt die schwarzen Glieder,
da glich er einem Ritter wieder.
Nun ersah die Jungfrau das,
wie er ehrbar und ohne Tadel sass.
Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinn
und reitet ihres Weges hin,
als sei sie eben vorausgesandt,
und führt’ einen Zelter an der Hand.
Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn.
Als er gradaus sie sah ziehn,10
da wär’ er aufgesprungen,
dafern ihn nicht bezwungen
jene selbige Schwachheit,
also dass er so schnell bereit
nicht vom Boden sich rafft,
als fühlt’ er noch die alte Kraft,
und rief ihr nach eine gute Weil.
Sie aber that, als habe sie Eil’,
und acht’ auf den Wandrer nicht,
bis dass er nochmals zu ihr spricht;20
da machte sie Halt,
und gab ihm Antwort alsobald.
Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’
Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’
Sie sprach: ‘Herre, ich will.’
So wendet sie, und hält still
und spricht: ‘Gebietet über mich,
was ihr wünschet, das thue ich;’
und fraget ihn die Märe,
wie er dahin kommen wäre?
Da sprach Herr Iwein
(wie er des wohl trug den Schein):
‘Ich fand erkrankt und matt
hier im Wald eine Ruhestatt.
Noch kann ich euch nicht berichten,
durch was für Wundergeschichten
ich ward hieher getragen;10
doch mag ich das wohl sagen,
dass ich ungern hier bin:
Fraue, führt mich mit euch hin,
so behandelt ihr mich gar liebevoll,
und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’
‘Ritter, das sei euch zugesagt
und meine Fahrt für euch vertagt.
Mich hatte meine Frau gesandt,
die ist auch Herrin über dies Land;
zu der führ’ ich euch mit mir,20
Ich verhelf’ euch wohl, dass ihr
ausruht nach euerm Ungemach.’
So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach.
Nun führte sie ihn hindann
zu ihrer Frau, der nie ein Mann
also willkommen war.
Man schuf ihm gute Pfleg’ alldar
an Kleidern, Speisen und Baden,
bis dass all’ sein Schaden
kaum noch an ihm erschien.
Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’n
und Drangsal überwunden,
und gute Wirthin funden.
W. GRAF VONBAUDISSIN.