DOCTOR FAUST.
[Scherer D.301,E.298.]
Das älteste Volksbuch vom Doctor Faust erschien zuerst zu Frankfurt 1587 bei Johann Spies (herausgegeben von Braune, Halle 1878; in photolithographischer Nachbildung Berlin, 1884). Eine neue Originalausgabe zu Frankfurt 1588. Erweiterte Ausgaben zu Berlin 1590; zu Frankfurt 1592. Eine englische Übersetzung (nach einem Nachdruck der ersten Ausgabe vom Jahre 1588) erschien zu London, 1592, und bald darauf Marlows Tragödie. Das alte Faustbuch wurde in Deutschland seit 1595 durch Widmanns Bearbeitung verdrängt.
Das älteste Volksbuch vom Doctor Faust erschien zuerst zu Frankfurt 1587 bei Johann Spies (herausgegeben von Braune, Halle 1878; in photolithographischer Nachbildung Berlin, 1884). Eine neue Originalausgabe zu Frankfurt 1588. Erweiterte Ausgaben zu Berlin 1590; zu Frankfurt 1592. Eine englische Übersetzung (nach einem Nachdruck der ersten Ausgabe vom Jahre 1588) erschien zu London, 1592, und bald darauf Marlows Tragödie. Das alte Faustbuch wurde in Deutschland seit 1595 durch Widmanns Bearbeitung verdrängt.
1.DOCT.FAUSTUS EINARTZT, VND WIE ER DENTEUFFEL BESCHWOREN HAT.
WIe obgemeldt worden, stunde D. Fausti Datum dahin, das zulieben, das nicht zu lieben war, dem trachtet er Tag vnd Nacht nach, name an sich Adlers Flügel, wolte alle Gründ am Himmel vnd Erden erforschen, dann sein Fürwitz, Freyheit vnd Leichtfertigkeit stache vnnd reitzte jhn also, dass er auff eine zeit etliche zäuberische vocabula,D. Faustus Beschweret den Teuffel zum erstenmal.figuras, characteres vnd coniurationes, damit er den Teufel vor sich möchte fordern, ins Werck zusetzen,{10}vnd zu probiern jm fürname. Kam also zu einem dicken Waldt, wie etliche auch sonst melden, der bey Wittenberg gelegen ist, der Spesser[893]Wald genandt, wie dann D. Faustus selbst hernach bekandt hat. In diesem Wald gegen Abend in einem vierigen Wegschied[894]machte er mit einem Stab etliche Circkel herumb, vnd neben zween, dass die zween, so oben stunden, in grossen Circkel hinein giengen, Beschwure also den Teuffel in der Nacht, zwischen 9. vnnd 10. Vhrn. Da wirdt gewisslich der Teuffel in die Faust gelacht haben, vnd den Faustum den Hindern haben sehen lassen, vnd gedacht: Wolan ich wil dir dein Hertz vnnd Muht erkühlen,{20}dich an das Affenbäncklin setzen, damit mir nicht allein dein Leib, sondern auch dein Seel zu Theil werde, vnd wirst eben der recht seyn, wohin ich nit (wil) ich dich meinen Botten senden, wieauch geschach, vnnd der Teuffel den Faustum wunderbarlich äfft vnnd zum Barren[895]bracht. Denn als D. Faustus den Teuffel beschwur, da liess sich der Teuffel an, als wann er nicht gern an das Ziel vnd an den Reyen käme, wie dann der Teuffel im Wald einen solchen Tumult anhub, als wolte alles zu Grund gehen, dass sich die Bäum biss zur Erden bogen, Darnach liess der Teuffel sich an, als wann der Waldt voller Teuffel were, die mitten vnd neben dess D. Fausti Circkel her bald darnach erschienen, als wann nichts denn lauter Wägen da weren, darnach in vier Ecken im Wald{10}giengen in Circkel zu, als Boltzen vnd Stralen, dann bald ein grosser Bůchsenschuss, darauff ein Helle erschiene, Vnd sind im Wald viel löblicher Instrument, Music vnnd Gesäng gehört worden, Auch etliche Täntze, darauff etliche Thurnier mit Spiessen vnd Schwerdtern, dass also D. Fausto die weil so lang gewest, dass er vermeynt auss dem Circkel zu lauffen. Letztlich fasst er wider ein Gottloss vnd verwegen Fürnemen[896], vnd beruhet oder stunde in seiner vorigen condition, Gott geb, was darauss möchte folgen, hube gleich wie zuvor an, den Teuffel wider zu beschweren, darauff der Teuffel jhm ein solch Geplerr vor die Augen machte,{20}wie folget: Es liess sich sehen, als wann ob dem Circkel ein Greiff oder Drach schwebet, vnd flatterte, wann dann D. Faustus seine Beschwerung brauchte, da kirrete das Thier jämmerlich, bald darauff fiel drey oder vier klaffter hoch ein feuwriger Stern herab, verwandelte sich zu einer feuwrigen Kugel, dess dann D. Faust auch gar hoch erschracke, jedoch liebete[897]jm sein Fůrnemmen, achtet jhms hoch, dass jhm der Teuffel vnterthänig seyn solte, wie denn D. Faustus bey einer Gesellschafft sich selbsten berühmet, Es seye jhm das höchste Haupt auff Erden vnterthänig vnd gehorsam. Darauff die Studenten antworteten, sie wüssten kein höher Häupt,{30}denn den Keyser, Bapst oder König.O dess armen Diensts vnd Gehorsams.Drauff sagt D. Faustus, das Häupt, das mir vnterthänig ist, ist höher, bezeugte solches mit der Epistel Pauli an die Epheser, der Fürst dieser Welt, auff Erden vnd vnter dem Himmel, &c. Beschwur also diesen Stern zum ersten, andern, vnd drittenmal, darauff gieng ein Fewerstrom eines Manns hoch auff, liess sich wider herunder, vnnd wurden sechs Liechtleindarauff gesehen, Einmal sprang ein Liechtlin in die Höhe, denn das ander hernider, biss sich enderte vnd formierte ein Gestalt eines fewrigen Manns, dieser gieng vmb den Circkel herumb ein viertheil Stund lang. Bald darauff endert sich der Teuffel vnd Geist in Gestalt eines grauwen Münchs, kam mit Fausto zu sprach, fragte, was er begerte. Darauff war D. Fausti Beger, dass er morgen vmb 12. Vhrn zu Nacht jhm erscheinen solt in seiner Behausung, dess sich der Teuffel ein weil wegerte[898]. D. Faustus beschwur jhn aber bey seinem Herrn, dass er jm sein Begern solte erfüllen,{10}vnd ins Werck setzen. Welches jm der Geist zu letzt zusagte, vnd bewilligte.
2.D. FAUSTUS LÄST JHM DASBLUT HERAUSS IN EINENTIEGEL, SETZT ES AUFF WARME KOLEN, VND SCHREIBT, WIE HERNACH FOLGEN WIRDT.
ICh Johannes Faustus D. bekenne mit meiner eygen Handt offentlich, zu einer Bestettigung, vnnd in Krafft diss Brieffs, Nach dem ich mir fürgenommen die Elementa zu speculieren, vnd aber auss den Gaaben, so mir von oben herab bescheret, vnd gnedig mitgetheilt worden, solche Geschickligkeit in meinem Kopff nicht{20}befinde, vnnd solches von den Menschen nicht erlehrnen mag, So hab ich gegenwertigem gesandtem Geist, der sich Mephistophiles nennet, ein Diener dess Hellischen Printzen in Orient, mich vntergeben, auch denselbigen, mich solches zuberichten vnd zu lehren, mir erwehlet, der sich auch gegen mir versprochen, in allem vnterthenig vnnd gehorsam zuseyn. Dagegen aber ich mich hinwider gegen jhme verspriche vnd verlobe, dass so 24. Jahr, von Dato diss Brieffs an, herumb vnd fürvber gelauffen, er mit mir nach seiner Art vnd weiss, seines Gefallens, zuschalten, walten, regieren, führen, gut macht haben solle,O HERR Gott behüt.mit allem, es sey Leib, Seel, Fleisch,{30}Blut vnd gut, vnd das in sein Ewigkeit. Hierauff absage ich allen denen, so da leben, allem Himmlischen Heer, vnd allen Menschen, vnd das muss seyn. Zu festem Vrkundt vnnd mehrer Bekräfftigung, hab ich disen Recess eigner Hand geschrieben, vnderschrieben,vnd mit meinem hiefür getrucktem eygen Blut, meines Sinns, Kopffs, Gedancken vnnd Willen, verknüpfft, versiegelt vnd bezeuget, &c.
Subscriptio,
Johann Faustus, der Erfahrne der Elementen, vnd der Geistlichen Doctor.
3.WIEDOCT.FAUSTUS ZUERFFORD DENHOMERUM GELESEN,VND DIEGRIECHISCHENHELDEN SEINENZUHÖRERN{10}GEWEIST VND VORGESTELT HABE.
ES hat sich auch D. Faustus viel Jahr zu Erfford gehalten, vnd in der hohen Schul daselbst gelesen, vnd viel Ebenthewr in dieser Stadt angerichtet, wie noch etliche Personen beim leben, die jn wol gekandt, solche Ebenthewr von jhm gesehen, auch mit jm gessen vnd getruncken haben. Als er nun seinen Zuhörern einmal den Griechischen fürtrefflichen Poeten Homerum gelesen, welcher vnter andern Historien auch den zehenjärigen Krieg von Troia, der sich der schönen Helenæ wegen vnter den Griechischen Fůrsten erhaben hatte, beschreibet, vnd da vielmals der Tapffern Helden,{20}Menelai, Achillis, Hectoris, Priami, Alexandri, Vlissis, Ajacis, Agamemnonis vnd anderer gedacht wird, hat er derselben Personen, gestalt vnd gesichte den Studenten dermassen beschrieben, das sie ein gros verlangen bekommen, vnd offt gewünscht, wo es jhr Præceptor zu wegen bringen könte, dieselbigen zu sehen, haben jn auch darumb bitlichen angelanget[899]. Faustus hat jn solches verwilligt vnd zugesagt in der nechsten Lection, alle die sie begerten zusehen, vor augen zu stellen, derwegen ein grosser concursch vnd zulauff von Studenten worden. Wie dann die Jugend allzeit mehr auff Affenwerck vnd Gauckelspiel, denn zu dem guten, Lust vnd{30}Zuneigung hat. Als nun die Stunde komen, vnd Doctor Faustus in seiner Lection fortgefahren, auch gesehen, das wegen seiner gethanen zusag, mehr Zuhörer verhanden, dann sonsten, Hat er fastmitten in der Lection angefangen, vnd gesagt: Ir lieben Studenten, weil euch gelüstet die Griechischen berhümbten Kriegsfürsten, welcher der Poet alhier neben vielen andern Scribenten gedenckt, in der Person, wie sie domals gelebt vnd herein gangen seind, anzuschawen, sol euch dieses jtzt begegnen, vnd sind auff solche Wort alsbald obernante Helden in jhrer damals gebreuchlichen gewesenen Rüstung in das Lectorium nacheinander hinein getreten, sich frisch vmbgesehen, vnd gleich als wenn sie ergrimmet weren, die Köpffe geschüttelt, welchen zu letzt nachgefolgt ist, der greuliche{10}Rise Polyphemus, so nur ein Aug im Kopffe mitten in der Stirn gehabt hat, vnd einen langen zottichten fewrrohten Bart, hat ein Kerln, den er gefressen, mit den Schenckeln noch zum Maul heraus zottend[900]gehabt, vnd so gresslich ausgesehen, dass jhnen alle Haar gen Berg gestanden, vnd sie vor schrecken vnnd zittern schier nicht gewust haben, wo sie naus solten. Dessen aber Faustus sehr gelacht, vnd jhnen einen nach dem andern bey namen genandt, vnd wie er sie beruffen, also auch ordentlich heissen wider hinaus gehen, welches sie auch gethan, alleine der eineugige Cyclops oder Poliphemus hat sich gestalt, als wolte er nicht weichen, sondern{20}noch ein oder zween fressen, Darüber sich dann die Studenten noch mehr entsatzt, sonderlich weil er mit seinen grossen dicken Spiesse, der lauter Eisen, vnd eim Weberbaum gleich war, wider den Erdboden sties, das sich das gantze Collegium bewegte vnd erschutterte. Aber Faustus winckete jhm mit eim Finger, da traff er auch die Thůr, vnd beschlos also der Doctor seine Lection, des die Studenten alle wol zu frieden waren, begerten fortan kein solch Gesichte von jhme, weil sie erfahren, was für gefahr hiebey zu fürchten.