[482]Vgl. André-E.Sayous, Sécrétaire général de la Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de Marseille en 1904";Sayous, wie auch v.Reiswitzvertreten in ihren Darstellungen übrigens durchaus den Unternehmerstandpunkt.
[482]Vgl. André-E.Sayous, Sécrétaire général de la Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de Marseille en 1904";Sayous, wie auch v.Reiswitzvertreten in ihren Darstellungen übrigens durchaus den Unternehmerstandpunkt.
[483]Allg. Ztg. 31. Aug. 04; CharlesRist(Krit. Blätter f. d. ges. Sozialwissenschaften, März 1900, p. 156) meint, die beiden großen Arbeiter-Föderationen der Dockarbeiter und der "inscrits" (gegründet 1903), hätten den Streik gewollt, um ihre junge Macht zu erproben.
[483]Allg. Ztg. 31. Aug. 04; CharlesRist(Krit. Blätter f. d. ges. Sozialwissenschaften, März 1900, p. 156) meint, die beiden großen Arbeiter-Föderationen der Dockarbeiter und der "inscrits" (gegründet 1903), hätten den Streik gewollt, um ihre junge Macht zu erproben.
[484]Musée social, Mai 04, "Chronique", p. 194, 195.
[484]Musée social, Mai 04, "Chronique", p. 194, 195.
[485]Das Syndikat der Dockarbeiter hatte die Kameraden aller See-, Fluß- und Kanalhäfen Frankreichs, Korsikas und Algeriens am 1./9. 04 zum allgem. Hafenarbeiterstreik aufgefordert (vgl. Allg. Ztg. 3./9. 04).
[485]Das Syndikat der Dockarbeiter hatte die Kameraden aller See-, Fluß- und Kanalhäfen Frankreichs, Korsikas und Algeriens am 1./9. 04 zum allgem. Hafenarbeiterstreik aufgefordert (vgl. Allg. Ztg. 3./9. 04).
[486]In Cette z. B. traten die Dockarbeiter schon am 1./9. in den Ausstand, an den sich am 6./9. ein Straßenbahnerstreik anschloß. Vom 5.-6. Sept streikten die Dockarbeiter in Brest, am 6. die Docker in La Rochelle und die Seeleute in Dünkirchen. Die Hafenarbeiter von Bordeaux beschlossen den Boykott der Schiffe der Cie. Transatlantique, die in den Augen der Marseiller Arbeiterschaft die Hauptschuldige war (vgl. Allg. Ztg. 2., 6., 7. Sept. 04). Selbst die Hafenarbeiterverbände der benachbarten span. und ital. Häfen versprachen, die Löschung der aus Marseille kommenden Schiffe zu verweigern (vgl. v.Reiswitz, p. 58); die Genueser Kohlenarbeiter beschlossen den Boykott aller Schiffe, die wegen des Ausstands an Stelle von Marseille Genua anlaufen würden. Die Vereinigung der Handwerker und Arbeiter von Barcelona erklärte am 4./9. ihren Anschluß für den Fall, daß der Marseiller Streik auf alle Mittelmeerhäfen übergreifen würde (Allg. Ztg. 6./9.). Die Forderungen der Arbeiter sollen an den südfranzösischen Hafenplätzen überall auf Achtstundentag und 6 Fr. Tagelohn gelautet haben (v.Reiswitz, p. 58; vgl. auch Allg. Ztg. 4., 11., 13. Sept 04).
[486]In Cette z. B. traten die Dockarbeiter schon am 1./9. in den Ausstand, an den sich am 6./9. ein Straßenbahnerstreik anschloß. Vom 5.-6. Sept streikten die Dockarbeiter in Brest, am 6. die Docker in La Rochelle und die Seeleute in Dünkirchen. Die Hafenarbeiter von Bordeaux beschlossen den Boykott der Schiffe der Cie. Transatlantique, die in den Augen der Marseiller Arbeiterschaft die Hauptschuldige war (vgl. Allg. Ztg. 2., 6., 7. Sept. 04). Selbst die Hafenarbeiterverbände der benachbarten span. und ital. Häfen versprachen, die Löschung der aus Marseille kommenden Schiffe zu verweigern (vgl. v.Reiswitz, p. 58); die Genueser Kohlenarbeiter beschlossen den Boykott aller Schiffe, die wegen des Ausstands an Stelle von Marseille Genua anlaufen würden. Die Vereinigung der Handwerker und Arbeiter von Barcelona erklärte am 4./9. ihren Anschluß für den Fall, daß der Marseiller Streik auf alle Mittelmeerhäfen übergreifen würde (Allg. Ztg. 6./9.). Die Forderungen der Arbeiter sollen an den südfranzösischen Hafenplätzen überall auf Achtstundentag und 6 Fr. Tagelohn gelautet haben (v.Reiswitz, p. 58; vgl. auch Allg. Ztg. 4., 11., 13. Sept 04).
[487]So am 3./9. die Mühlenarbeiter, Packer, Arbeiter der Ölfabriken, Fuhrleute, Angestellte der Straßenreinigung (Allg. Ztg. 5./9. 04).
[487]So am 3./9. die Mühlenarbeiter, Packer, Arbeiter der Ölfabriken, Fuhrleute, Angestellte der Straßenreinigung (Allg. Ztg. 5./9. 04).
Die Lage in Marseille wurde äußerst unerquicklich:[488]es kam zu Ruhestörungen;[489]die Preise der Lebens- und Genußmittel stiegen wegen mangelnder Zufuhren beträchtlich in die Höhe;[490]der Hafenbetrieb stockte;[491]Handel und Industrie wurden auf's Empfindlichste getroffen;[492]die ganze maritime Stellung Marseilles schien bedroht.[493]Auch das von Marseille aus versorgte Gebiet wurde durch den Streik geschädigt; vor allem litt Korsika unter der Unterbrechung des Seeverkehrs.[494]Natürlich lastete der allgemeine Notstand ganz besonders schwer auf den Arbeitern selbst. Sie versuchten den Druck aber dadurch zu paralysieren, daß sie abwechselnd streikten, um sich durch zeitweilige Arbeitsaufnahme während der sechs Streikwochen bei Kräften zu erhalten.[495]Speziell den Seeleuten soll auch das Verhalten des MarineministersPelletaneine große Unterstützung gewährt haben;[496]der Minister habe nämlich einerseits den Matrosen ihrwillkürliches Von-Bord-gehen nachgesehen, (obgleich dies, einer Verordnung gemäß, wie Desertion zu bestrafen gewesen wäre); andererseits habe er den mit dem Postdienst betrauten Gesellschaften wegen dessen Vernachlässigung mit Konventionalstrafen, Entziehung der Subvention und Entschädigungsansprüchen gedroht.[497]Auch die öffentliche Meinung scheint anfänglich auf Seiten der Arbeiter gestanden zu haben.[498]— Mehrere Einigungsversuche scheiterten,[499]sodaß der Streik erst am 14. Oktober mit der Niederlage der Arbeiter endete.[500]
[488]Allg. Ztg. 6./9. 04.
[488]Allg. Ztg. 6./9. 04.
[489]Am 3. Sept. Zusammenstoß der Ausständigen mit den Gensdarmen, weil erstere den Wagenverkehr hindern wollten (Allg. Ztg. 5./9.); die Garnison mußte verstärkt werden (Sayous); auch in Cette und Dünkirchen ereigneten sich Ruhestörungen (Allg. Ztg. 7./9. 04).
[489]Am 3. Sept. Zusammenstoß der Ausständigen mit den Gensdarmen, weil erstere den Wagenverkehr hindern wollten (Allg. Ztg. 5./9.); die Garnison mußte verstärkt werden (Sayous); auch in Cette und Dünkirchen ereigneten sich Ruhestörungen (Allg. Ztg. 7./9. 04).
[490]Allg. Ztg. 30./8. 04, 6./9. 04. Schon am 5./9. machte sich ein so starker Mehlmangel geltend, daß die Docker den ausständigen Fuhrleuten die Wiederaufnahme des Mehltransports gestatten wollten.
[490]Allg. Ztg. 30./8. 04, 6./9. 04. Schon am 5./9. machte sich ein so starker Mehlmangel geltend, daß die Docker den ausständigen Fuhrleuten die Wiederaufnahme des Mehltransports gestatten wollten.
[491]Auf den Quais türmten sich die Warenmassen. Am 7./9. waren 176 Schiffe verschiedener Nationalitäten, die im Hafen lagen, außer Dienst gestellt, meist mit Warenladungen an Bord (Allg. Ztg. 8./9. 04).
[491]Auf den Quais türmten sich die Warenmassen. Am 7./9. waren 176 Schiffe verschiedener Nationalitäten, die im Hafen lagen, außer Dienst gestellt, meist mit Warenladungen an Bord (Allg. Ztg. 8./9. 04).
[492]Sayous;P. Louis, "Die Streiks in Frankreich", p. 596. — v.Reiswitz(p. 67), berechnet den direkten Schaden von Handel und Industrie durch den G-str. auf 100 Mill. Franken, was wohl eher zu hoch, als zu niedrig angenommen sein dürfte.
[492]Sayous;P. Louis, "Die Streiks in Frankreich", p. 596. — v.Reiswitz(p. 67), berechnet den direkten Schaden von Handel und Industrie durch den G-str. auf 100 Mill. Franken, was wohl eher zu hoch, als zu niedrig angenommen sein dürfte.
[493]Die einheimischen Dampferlinien wurden reduziert, ausländische drohten, bei weiterer Unsicherheit statt Marseille Genua anzulaufen (so die Peninsular & Oriental Steamship-Navigation Cie.); von Mitte Aug. bis Mitte Sept. hatte die Marseiller Schiffahrt "einen Ausfall von 250 000 Tonnen für die Einfuhr und 150 000 Tonnen für die Ausfuhr zu verzeichnen; sie verlor über eine Million an Staatssubventionen. Der Zoll hat um 3 Mill. weniger ergeben, als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs" (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auch 6. und 13./9.); die Bank von Frankreich ließ 1500 unbezahlte Wechsel zurückgehen (Allg. Ztg. 3./9.).
[493]Die einheimischen Dampferlinien wurden reduziert, ausländische drohten, bei weiterer Unsicherheit statt Marseille Genua anzulaufen (so die Peninsular & Oriental Steamship-Navigation Cie.); von Mitte Aug. bis Mitte Sept. hatte die Marseiller Schiffahrt "einen Ausfall von 250 000 Tonnen für die Einfuhr und 150 000 Tonnen für die Ausfuhr zu verzeichnen; sie verlor über eine Million an Staatssubventionen. Der Zoll hat um 3 Mill. weniger ergeben, als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs" (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auch 6. und 13./9.); die Bank von Frankreich ließ 1500 unbezahlte Wechsel zurückgehen (Allg. Ztg. 3./9.).
[494]In Korsika war Mitte Sept. das kg Brot bereits von 30 auf 50 Cts. gestiegen (Allg. Ztg. 13./9. 04).
[494]In Korsika war Mitte Sept. das kg Brot bereits von 30 auf 50 Cts. gestiegen (Allg. Ztg. 13./9. 04).
[495]Am 10./9. beschlossen z. B. die Dock- und Hafenarbeiter die Wiederaufnahme der Arbeit bei denjenigen Firmen, die dem Arbeitgeberbund nicht angehörten, sowie die Unterstützung der ausständigen Kameraden durch ein Drittel des Lohns; am 26./9. arbeiteten, trotz offizieller Verwerfung des Schiedsspruchs, doch 1 000-1 200 Docker, am 27./9. sogar 2 500 Arbeiter im Hafen (vgl. Allg. Ztg. 11., 28., 29./9. 04).
[495]Am 10./9. beschlossen z. B. die Dock- und Hafenarbeiter die Wiederaufnahme der Arbeit bei denjenigen Firmen, die dem Arbeitgeberbund nicht angehörten, sowie die Unterstützung der ausständigen Kameraden durch ein Drittel des Lohns; am 26./9. arbeiteten, trotz offizieller Verwerfung des Schiedsspruchs, doch 1 000-1 200 Docker, am 27./9. sogar 2 500 Arbeiter im Hafen (vgl. Allg. Ztg. 11., 28., 29./9. 04).
[496]Vgl.Sayous; Allg. Ztg. 30./8., 13./9. 04.
[496]Vgl.Sayous; Allg. Ztg. 30./8., 13./9. 04.
[497]Allg. Ztg. 31./8. 04.
[497]Allg. Ztg. 31./8. 04.
[498]Allg. Ztg. 30./8., 22./9. 04.
[498]Allg. Ztg. 30./8., 22./9. 04.
[499]Glaubte man den Konflikt endlich beigelegt, so wurden die Verhandlungen doch immer wieder abgebrochen. Am 19./9. beschloß der Ministerrat, neue Vermittlungsverhandlungen einzuleiten; am 22. unterwarfen sich die Docker sogar einem Schiedsgericht, dessen Urteil sie aber hernach doch nicht anerkannten, weil es den Unternehmern auch die Einstellung Unorganisierter gestattete usw. (vgl. Allg. Ztg. 14. und 28./9. 04).
[499]Glaubte man den Konflikt endlich beigelegt, so wurden die Verhandlungen doch immer wieder abgebrochen. Am 19./9. beschloß der Ministerrat, neue Vermittlungsverhandlungen einzuleiten; am 22. unterwarfen sich die Docker sogar einem Schiedsgericht, dessen Urteil sie aber hernach doch nicht anerkannten, weil es den Unternehmern auch die Einstellung Unorganisierter gestattete usw. (vgl. Allg. Ztg. 14. und 28./9. 04).
[500]Vgl.v. Reiswitz, p. 58.
[500]Vgl.v. Reiswitz, p. 58.
In der Schweiz wird derGeneralstreikfast ausschließlich von den Anarchisten propagiert,[501]hat aber in den Gewerkschaften keinen Boden.[502]Ebensowenig Anklang fanden die vereinzelten Empfehlungen despolitischen Massenstreiks.[503]Der einzige schweizerische Ausstand, der mit einigem Recht als Klassenstreik bezeichnet werden dürfte, war ein Sympathiestreik nach französischem Muster; er fand bezeichnenderweise inGenfstatt.[504]
[501]Vgl. den "Weckruf" z. B. vom 28. Mai 04.
[501]Vgl. den "Weckruf" z. B. vom 28. Mai 04.
[502]So lehnte z. B. der schweiz. Gewerkschaftskongreß in Basel 1906 die "direkte Aktion" ab (vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 522).
[502]So lehnte z. B. der schweiz. Gewerkschaftskongreß in Basel 1906 die "direkte Aktion" ab (vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 522).
[503]ArbeitersekretärGrimmverwies in seinem Vortrag "Der politische Massenstreik" auf die ev. Notwendigkeit eines pol. M-streiks, z. B. zur Erweiterung des polit. Wahlrechts auf Frauen und Fremde. Das Sekretariat desSchweizer. Gewerbevereins("Begleiterscheinungen bei Streiks") teilt mit, daß auch der "Grütlianer" den politischen Massenstreik empfohlen habe; dies dürfte aber wohl auf Irrtum beruhen, da der "Grütlianer" im allgemeinen sehr energisch gegen Anarchismus und direkte Aktion zu Felde zieht (vgl. z. B. den Artikel "Im Prinzip", 15. Juni 07, Nr. 136, 57. Jahrg.).
[503]ArbeitersekretärGrimmverwies in seinem Vortrag "Der politische Massenstreik" auf die ev. Notwendigkeit eines pol. M-streiks, z. B. zur Erweiterung des polit. Wahlrechts auf Frauen und Fremde. Das Sekretariat desSchweizer. Gewerbevereins("Begleiterscheinungen bei Streiks") teilt mit, daß auch der "Grütlianer" den politischen Massenstreik empfohlen habe; dies dürfte aber wohl auf Irrtum beruhen, da der "Grütlianer" im allgemeinen sehr energisch gegen Anarchismus und direkte Aktion zu Felde zieht (vgl. z. B. den Artikel "Im Prinzip", 15. Juni 07, Nr. 136, 57. Jahrg.).
[504]Vgl. über den G.-str. in Genf 1902 den XVI. Jahresbericht des leitenden Ausschusses des schweizerischen Arbeiterbundes ... für das Jahr 1902, p. 4-8. Danach erklärten am 8. Okt. 234 Abgeordnete der Genfer Gewerkschaften den G-str. zur Unterstützung der (ökonomischen) Forderungen der Trambahner. Es erfolgte ein Truppenaufgebot; am 10. wurde das Streikkomitee verhaftet; das neue Streikkomitee proklamierte am 12. Okt. den Schluß des G-streiks, weil dieser "kein wirklich allgemeiner wurde, und seine Fortsetzung den Tramangestellten nichts mehr nützen konnte".
[504]Vgl. über den G.-str. in Genf 1902 den XVI. Jahresbericht des leitenden Ausschusses des schweizerischen Arbeiterbundes ... für das Jahr 1902, p. 4-8. Danach erklärten am 8. Okt. 234 Abgeordnete der Genfer Gewerkschaften den G-str. zur Unterstützung der (ökonomischen) Forderungen der Trambahner. Es erfolgte ein Truppenaufgebot; am 10. wurde das Streikkomitee verhaftet; das neue Streikkomitee proklamierte am 12. Okt. den Schluß des G-streiks, weil dieser "kein wirklich allgemeiner wurde, und seine Fortsetzung den Tramangestellten nichts mehr nützen konnte".
Auch in Italien fand die anarchistische Generalstreikidee früh Eingang. Diesozialistische Parteischeint sie ursprünglichfreilich abgelehnt zu haben. Der reformistische Flügel (Turati,Bissolatiu. A.), wie auch die sozialistische Parlamentsfraktion beklagten lebhaft die "Torheiten" der sog. revolutionären Syndikalisten (Labriolausw.), die seit dem Parteitag von Bologna "das Wunder der entschlossenen Tat und die Wahnidee von dem befreienden Handstreich"[505]predigten und ihre praktische Tätigkeit auf die Steigerung der "revolutionären Temperatur des Proletariats", "auf die psychologische und materielle Vorbereitung des Generalstreiks" reduzierten.[506]Derartige Theorien nahmen in den angeblich durch "Cliquen von Intellektuellen" beherrschten italienischen Gewerkschaften einen breiten Raum ein;[507]vor allem dominierten sie in der Mailänder Arbeitskammer.[508]Die sozialistische Partei lehnt heute den Klassenstreik übrigens auch nicht mehr unbedingt ab,[509]"die Hauptforderungen des Proletariats" sollen "event. auch durch den Generalstreik" erkämpft werden.[510]Aber auf dem Kongreß in Rom 1906 verwarf sie ausdrücklich "den häufigen oder übertriebenen Gebrauch des Generalstreiks", sowie "die Verherrlichung der direkten Aktion, zur Diskreditierung, nicht zur Ergänzung der parlamentarischen Aktion".
[505]Vgl.Turati, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien".
[505]Vgl.Turati, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien".
[506]Bissolati, "Die Entscheidung in Rom".
[506]Bissolati, "Die Entscheidung in Rom".
[507]Bissolati, "Die Krise in der italienischen Sozialdemokratie".
[507]Bissolati, "Die Krise in der italienischen Sozialdemokratie".
[508]Auf Anregung der Mailänder Arbeitskammer erklärte sich auch der vom 6. bis 9. Jan. 05 in Genua abgehaltene Gewerkschaftskongreß bedingungsweise für den G.-str. (vgl. Rdsch. Soz. Mh. März 05, p. 282.).
[508]Auf Anregung der Mailänder Arbeitskammer erklärte sich auch der vom 6. bis 9. Jan. 05 in Genua abgehaltene Gewerkschaftskongreß bedingungsweise für den G.-str. (vgl. Rdsch. Soz. Mh. März 05, p. 282.).
[509]Die ital. soz.-demokratische Partei hat sich ausdrücklich zum G.-str. des Jahres 1904 bekannt (vgl.Olberg, "Die italienischen Wahlen", p. 278).
[509]Die ital. soz.-demokratische Partei hat sich ausdrücklich zum G.-str. des Jahres 1904 bekannt (vgl.Olberg, "Die italienischen Wahlen", p. 278).
[510]Olberg, "Der Parteitag in Rom".
[510]Olberg, "Der Parteitag in Rom".
Trotz aller solcher Kongreßbeschlüsse lassen sich die italienischen Arbeiter aber nur allzu leicht hinreißen, eine partielle Arbeitsstreitigkeit durch Sympathieausstände zum Klassenstreik zu erweitern. Die umfangreichste derartige Unternehmung, ja, einer der größten Streiks der modernen Arbeiterbewegung überhaupt,[511]war derGeneralstreik vom September1904.[512]Die Veranlassung desselben bildete das mehrmalige Einschreiten der Regierung bei Ausständen.[513]Am 11. Sept. 1904 erklärte ein MailänderMeeting, das italienische Proletariat solle innerhalb acht Tagen mit einem Generalstreik gegen derartiges Blutvergießen protestieren, und die Mailänder Camera del Lavoro solle diesen Beschluß den übrigen Organisationen übermitteln. Die Nachricht von einem neuen blutigen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Carabinieri[514]soll am 15. September "wie ein Donnerschlag" gewirkt haben.[515]Inmitten der allgemeinen Erregung übernahm das Exekutivkomitee der Mailänder Arbeitskammer die ihr am 11. September angebotene Führung und proklamierte noch am Abend des 15. September den sofortigen Ausstand sämtlicher Arbeiterkategorien Mailands, sowie einen dreitägigen Generalstreik in ganz Italien.[516]Ein gemeinsamer Aufruf des sozialistischen Parteivorstandes, der Parlamentsfraktion und des "Avanti" empfahl den Arbeitern die Beteiligung "als gesetzmäßigen und würdigen Ausdruck der Verurteilung jener Regierungsmethoden, die immer wieder den Brudermord erzeugen, und als feierlichen Akt der Klassenverteidigung des Proletariats und seines Rechtes auf das Dasein."[517]Sicherlich erwarteten die Syndikalisten vom Generalstreik einerseits die Bestätigung ihrer Theorie, andererseits die Wiederherstellung der Parteieinheit[518]oder den Sturz des Ministeriums. Es ist daher vielleicht nicht ganz unwahrscheinlich, daß der "Protest gegen das vergossene Proletarierblut" ihnen nur als "causa occasionale",[519]als Vorwand zum Streikbeginn diente. Hingegen in den breiten Volksmassen dürfte doch wohl das ursprüngliche Gefühl der Empörung und Solidarität den Ausschlag gegeben haben.
[511]Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 19;Bourdeau, p. 432.
[511]Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 19;Bourdeau, p. 432.
[512]Vgl. Allg. Ztg. 16. Sept. 04 ff.; ferner, den konservativen Standpunkt vertretend,Marazio, "Il partito socialista italiano e il governo", p. 137-164, und, den sozialistischen Standpunkt vertretend, insbes.Olberg, a. a. O. p. 18-24.
[512]Vgl. Allg. Ztg. 16. Sept. 04 ff.; ferner, den konservativen Standpunkt vertretend,Marazio, "Il partito socialista italiano e il governo", p. 137-164, und, den sozialistischen Standpunkt vertretend, insbes.Olberg, a. a. O. p. 18-24.
[513]Seit 1901 hatte sich die Regierung bei Streiks gewöhnlich neutral verhalten. Um so größer war daher jedesmal die Erbitterung, wenn die bewaffnete Macht bei Ausständen eingriff und Arbeiterblut vergossen wurde (Allg. Ztg. 20./9. 04), wie es z. B. in Torre Annunziata, Berra, Candela, Giarratana geschah; am 5./9. 04 wurden bei einem solchen Zusammenstoß zwei Arbeiter getötet (in Buggerru auf Sardinien).
[513]Seit 1901 hatte sich die Regierung bei Streiks gewöhnlich neutral verhalten. Um so größer war daher jedesmal die Erbitterung, wenn die bewaffnete Macht bei Ausständen eingriff und Arbeiterblut vergossen wurde (Allg. Ztg. 20./9. 04), wie es z. B. in Torre Annunziata, Berra, Candela, Giarratana geschah; am 5./9. 04 wurden bei einem solchen Zusammenstoß zwei Arbeiter getötet (in Buggerru auf Sardinien).
[514]Am 13./9. in Castelluzzo auf Sizilien.
[514]Am 13./9. in Castelluzzo auf Sizilien.
[515]Olberga. a. O.; vgl. auchLeimpeters, "Zum Generalstreik".
[515]Olberga. a. O.; vgl. auchLeimpeters, "Zum Generalstreik".
[516]So von den 2 000 Teilnehmern der von der Arbeitskammer, im Einverständnis mit dem Segretariato della resistenza, einberufenen Generalversammlung, nach Anhörung vonLabriolaundMocchi, einstimmig beschlossen (vgl. auchBourdeau, p. 433).
[516]So von den 2 000 Teilnehmern der von der Arbeitskammer, im Einverständnis mit dem Segretariato della resistenza, einberufenen Generalversammlung, nach Anhörung vonLabriolaundMocchi, einstimmig beschlossen (vgl. auchBourdeau, p. 433).
[517]Vgl.Olberg, a. a. O.
[517]Vgl.Olberg, a. a. O.
[518]"La grève générale en Italie" ("Chronique" des Musée social, Nov. 04).
[518]"La grève générale en Italie" ("Chronique" des Musée social, Nov. 04).
[519]So faßt esMarazioauf (p. 135).
[519]So faßt esMarazioauf (p. 135).
Die Arbeiter folgten dem Streikgebot rasch und in großer Zahl.[520]Es beteiligten sich Parteiangehörige und Mitgliederder Arbeitskammern, besonders zahlreich auch die Unorganisierten,[521]im ganzen eine Million Menschen,[522]deren Ausstand den "Eindruck eines Elementarereignisses" gemacht haben soll.[523]Nur die Eisenbahner fehlten fast vollständig,[524]"sebbene i socialisti li pregassero e li scongiurassero a fare causa comune con essi".[525]Der Grund für diese Zurückhaltung wird teils in der außerordentlichen Tragweite eines Eisenbahnerausstandes erblickt (die Beteiligung der Eisenbahner sei deshalb unterblieben, weil sich die Bedeutung der ganzen Bewegung nicht gleich von Anfang an habe übersehen lassen),[526]teils in der Schwierigkeit rascher Inszenierung (da die Eisenbahner zwei verschiedenen Organisationen angehörten), teils in der Drohung mit "Militarisation" seitens der Regierung,[527]teils in der Rücksichtnahme auf eine bereits begonnene Lohnbewegung, deren in Aussicht stehende Früchte durch die Beteiligung der Eisenbahner am Generalstreik aufs Spiel gesetzt worden wären.[528]
[520]Noch am gleichen Abend brach der allgem. Streik in Monza aus (ca. 7 000 Teilnehmer); in Mailand streikten vom 16.-21./9. 80-100 000 Arbeiter (dort hatten nämlich zwei Monstreversammlungen am 16./9. die Fortsetzung des Streiks beschlossen); vom 17.-19. streikten in Genua Hafen-, Gas-, Elektrizitäts-, Nahrungsmittelarbeiter; in Rom alle Arbeiter, exkl. Gasarbeiter (vgl.Olberg, a. a. O.; nach der Allg. Ztg. streikten hauptsächlich Trambahner und Kutscher); G-str. in Turin; am 17. wurde der G-str. in Forte, Terni, Ancona, Bologna, Forli erklärt; Forli, Florenz, Neapel (ca. 12 000 Teilnehmer) proklamierten nur eine eintägige Demonstration; in Como streikten ca. 10 000, in Bari ca. 4 000, in Ligurien ca. 120 000 Arbeiter, in der Prov. Mantua ca. 120 000 Feldarbeiter (vgl.Olberga. a. O.).
[520]Noch am gleichen Abend brach der allgem. Streik in Monza aus (ca. 7 000 Teilnehmer); in Mailand streikten vom 16.-21./9. 80-100 000 Arbeiter (dort hatten nämlich zwei Monstreversammlungen am 16./9. die Fortsetzung des Streiks beschlossen); vom 17.-19. streikten in Genua Hafen-, Gas-, Elektrizitäts-, Nahrungsmittelarbeiter; in Rom alle Arbeiter, exkl. Gasarbeiter (vgl.Olberg, a. a. O.; nach der Allg. Ztg. streikten hauptsächlich Trambahner und Kutscher); G-str. in Turin; am 17. wurde der G-str. in Forte, Terni, Ancona, Bologna, Forli erklärt; Forli, Florenz, Neapel (ca. 12 000 Teilnehmer) proklamierten nur eine eintägige Demonstration; in Como streikten ca. 10 000, in Bari ca. 4 000, in Ligurien ca. 120 000 Arbeiter, in der Prov. Mantua ca. 120 000 Feldarbeiter (vgl.Olberga. a. O.).
[521]Vgl.Bebel(Prot. Parteitg. Jena, 05, p. 306).
[521]Vgl.Bebel(Prot. Parteitg. Jena, 05, p. 306).
[522]Vgl.Bourdeau, p. 433.
[522]Vgl.Bourdeau, p. 433.
[523]Olberg, a. a. O.
[523]Olberg, a. a. O.
[524]Die Eisenbahner streikten nur in Neapel und in Siena (vgl.Olberga. a. O., und Musée sociale, "Chronique", IX, Nr. 11, p. 465).
[524]Die Eisenbahner streikten nur in Neapel und in Siena (vgl.Olberga. a. O., und Musée sociale, "Chronique", IX, Nr. 11, p. 465).
[525]Vgl.Marazio, p. 176.
[525]Vgl.Marazio, p. 176.
[526]Olberg, a. a. O., und "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380.
[526]Olberg, a. a. O., und "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380.
[527]Musée sociale, a. a. O.
[527]Musée sociale, a. a. O.
[528]Vgl.Marazio, p. 176, 113-136;Olberg, a. a. O.
[528]Vgl.Marazio, p. 176, 113-136;Olberg, a. a. O.
Dieunmittelbare Wirkungdes Streiks war eine "schwere Erschütterung des öffentlichen Lebens".[529]Der Lokalverkehr in den Städten war unterbunden,[530]die Zeitungen fehlten,[531]die Lebensmittelversorgung versagte,[532]die Beleuchtung litt.[533]Eskam auch wiederholt zu Ruhestörungen, die vor allem in Mailand und Genua recht ernste Formen annahmen.[534]Bei der Verübung von allerlei Unfug[535]sollen übrigens weniger die Arbeiter, als allerhand zweifelhafte Existenzen beteiligt gewesen sein.[536]Auch scheint sich die Bewegung, berücksichtigt man ihre außerordentliche Ausdehnung, im allgemeinen in den Grenzen des Zulässigen gehalten zu haben.[537]Dieser relativ friedliche Verlauf mag teils der Reserve zu danken sein, die sich die Regierung auferlegte,[538]teils den Bemühungen der Arbeiterführer um die Aufrechterhaltung der Ordnung.[539]Dies alles vermochte aber nicht die steigende Mißstimmung über die aus dem Streik erwachsenden Unannehmlichkeiten zu dämpfen. DieBürgerschaft begann, den Verhaftungen Beifall zu spenden.[540]Vor allem fühlte man sich, und zwar auch in sozialistischen Kreisen,[541]durch das Benehmen der Syndikalisten verletzt, die in Mailand eine Art "Diktatur des Proletariats" inszenierten: die dortige Arbeitskammer soll sich der öffentlichen Gewalt bemächtigt haben;[542]sie habe "die groteske Parodie einer provisorischen Regierung, die Ukase ausgab", errichtet, und sie habe der streikenden Masse eingeredet, daß sie "die absolute Herrin der Nation" geworden sei,[543]sodaß "ganz Mailand fünf Tage lang nach der Pfeife der Arbeiter tanzte und tanzen mußte".[544]
[529]Allg. Ztg. 26./9. 04. An 900 Orten stockte das Wirtschaftsleben (vgl.Bourdeau, p. 433, bes. auchMarazio, p. 142-150).
[529]Allg. Ztg. 26./9. 04. An 900 Orten stockte das Wirtschaftsleben (vgl.Bourdeau, p. 433, bes. auchMarazio, p. 142-150).
[530]Weder Tram noch Wagen zirkulierten (in Mailand vom 16.-21./9.; in Rom usw.); selbst Leichenzüge und Krankenwagen sollen behindert gewesen sein (Bourdeau, p. 433).
[530]Weder Tram noch Wagen zirkulierten (in Mailand vom 16.-21./9.; in Rom usw.); selbst Leichenzüge und Krankenwagen sollen behindert gewesen sein (Bourdeau, p. 433).
[531]In Mailand erschien fünf Tage lang nur das Bolletino dello sciopero, so daß der "Corriere della Sera" bei seinem Wiedererscheinen "den unter nichtigen Vorwänden erlassenen Ausstandsbefehl ein unwürdiges Attentat auf die Preßfreiheit" nannte (vgl. Allg. Ztg. 23./9.).
[531]In Mailand erschien fünf Tage lang nur das Bolletino dello sciopero, so daß der "Corriere della Sera" bei seinem Wiedererscheinen "den unter nichtigen Vorwänden erlassenen Ausstandsbefehl ein unwürdiges Attentat auf die Preßfreiheit" nannte (vgl. Allg. Ztg. 23./9.).
[532]In Rom, Genua usw. trat Fleisch- und Brotknappheit ein, die sich in raschem Hinaufschnellen der Preise zeigte; in Sampierdarena stieg das Kilogramm Brot auf 0,80, in Genua sogar auf 1,60 Lire, so daß Schiffszwieback als Surrogat gegessen wurde. Übrigens durften z. B. in Ravenna, laut Dekret der dortigen Arbeitskammer, die Lebensmittelverkäufer bis 10 Uhr vormittag ihre Läden offen halten, sofern kein Ladenpersonal Verwendung fand; die Arbeitskammer von Sampierdarena empfahl den Milchhändlern die Weiterlieferung an Kinder und Kranke; der Mailänder Streikbeschluß nahm die Genossenschaftsbäckereien für die Versorgung der Arbeiter von der allg. Arbeitsruhe aus (vgl.Olberg, "Der ital. G-str." p. 19, 20; 24; Allg. Ztg. 17./9. 04;Leimpeters, "Zum Generalstreik", p. 883.).
[532]In Rom, Genua usw. trat Fleisch- und Brotknappheit ein, die sich in raschem Hinaufschnellen der Preise zeigte; in Sampierdarena stieg das Kilogramm Brot auf 0,80, in Genua sogar auf 1,60 Lire, so daß Schiffszwieback als Surrogat gegessen wurde. Übrigens durften z. B. in Ravenna, laut Dekret der dortigen Arbeitskammer, die Lebensmittelverkäufer bis 10 Uhr vormittag ihre Läden offen halten, sofern kein Ladenpersonal Verwendung fand; die Arbeitskammer von Sampierdarena empfahl den Milchhändlern die Weiterlieferung an Kinder und Kranke; der Mailänder Streikbeschluß nahm die Genossenschaftsbäckereien für die Versorgung der Arbeiter von der allg. Arbeitsruhe aus (vgl.Olberg, "Der ital. G-str." p. 19, 20; 24; Allg. Ztg. 17./9. 04;Leimpeters, "Zum Generalstreik", p. 883.).
[533]Die Beleuchtung fehlte in Genua drei Tage lang (Olberg, a. a. O.); in Mailand ging am 18. der Gasvorrat zu Ende, sodaß ein Teil der Stadt abends im Dunkel lag. Ähnlich stand es in Venedig (vgl. den Brief des Sindaco di Venezia an den Ministerpräsidenten, worin die Zustände während des Streiks geschildert werden, cit. beiMarazio, p. 143).
[533]Die Beleuchtung fehlte in Genua drei Tage lang (Olberg, a. a. O.); in Mailand ging am 18. der Gasvorrat zu Ende, sodaß ein Teil der Stadt abends im Dunkel lag. Ähnlich stand es in Venedig (vgl. den Brief des Sindaco di Venezia an den Ministerpräsidenten, worin die Zustände während des Streiks geschildert werden, cit. beiMarazio, p. 143).
[534]Olberg, "Die ital. Wahlen", p. 278. In Mailand schlossen sich am 17. an eine Demonstration vor der Kathedrale Tumulte an; am 19., wo sich die Stadt "vollständig in den Händen des Mob" befunden haben soll, schritt die Polizei ein (Allg. Ztg. 21./9.); in Sestri Ponente war es schon am 15./9., vor Ausbruch des Streiks, anläßlich einer Protestversammlung wegen der Ereignisse in Buggerru, zu blutigen Zusammenstößen zwischen Manifestanten und Polizei gekommen; in der Nacht vom 16.-17./9. ereigneten sich ähnliche Zwischenfälle in Genua, die sich in der folgenden und, etwas schwächer, auch noch in der übernächsten Nacht wiederholten.
[534]Olberg, "Die ital. Wahlen", p. 278. In Mailand schlossen sich am 17. an eine Demonstration vor der Kathedrale Tumulte an; am 19., wo sich die Stadt "vollständig in den Händen des Mob" befunden haben soll, schritt die Polizei ein (Allg. Ztg. 21./9.); in Sestri Ponente war es schon am 15./9., vor Ausbruch des Streiks, anläßlich einer Protestversammlung wegen der Ereignisse in Buggerru, zu blutigen Zusammenstößen zwischen Manifestanten und Polizei gekommen; in der Nacht vom 16.-17./9. ereigneten sich ähnliche Zwischenfälle in Genua, die sich in der folgenden und, etwas schwächer, auch noch in der übernächsten Nacht wiederholten.
[535]Zertrümmern von Fensterscheiben, Löschen und Umstürzen der Straßenlaternen, Versuche, den Eisenbahn- und Telephonbetrieb zu stören, Erzwingung der Schließung von Läden, sogar von Apotheken, Zusammenstöße mit den Geschäftsleuten, Belästigung Arbeitswilliger, Hinderung des Tramverkehrs.
[535]Zertrümmern von Fensterscheiben, Löschen und Umstürzen der Straßenlaternen, Versuche, den Eisenbahn- und Telephonbetrieb zu stören, Erzwingung der Schließung von Läden, sogar von Apotheken, Zusammenstöße mit den Geschäftsleuten, Belästigung Arbeitswilliger, Hinderung des Tramverkehrs.
[536]Besonders dort, wo der Streik erst nachträglich proklamiert wurde, sollen ihn Anarchisten und Verbrecher zur Förderung ihrer Sonderinteressen benutzt haben; es begingen in Neapel am 19./9. "der Pöbel und Strafentlassene Personen" Ausschreitungen und richteten einige unerhebliche Schäden an", worauf die Polizei eingriff (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auchMarazio, p. 162).
[536]Besonders dort, wo der Streik erst nachträglich proklamiert wurde, sollen ihn Anarchisten und Verbrecher zur Förderung ihrer Sonderinteressen benutzt haben; es begingen in Neapel am 19./9. "der Pöbel und Strafentlassene Personen" Ausschreitungen und richteten einige unerhebliche Schäden an", worauf die Polizei eingriff (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auchMarazio, p. 162).
[537]Freilich soll nach dem Journal des Débats vom 12. Oktober 04 (cit. beiBourdeau, p. 433) in Venedig die für Kinder und Kranke bestimmte Milch in den Kanal gegossen worden sein; dies dürfte aber ein Ausnahmefall sein; im allgemeinen wurde friedlich demonstriert, bei guter Disziplin, was nicht nur von sozialistischer Seite bezeugt wird (vgl.Olberg, "Der ital. G-str.";Turati, "Lehren u. Folgen des G.-streiks in Italien";Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22 ff.), sondern mir, bezgl. Florenz, auch von einem uninteressierten Augenzeugen bestätigt wurde; ähnl. auch Allg. Ztg. 21./9. 04.
[537]Freilich soll nach dem Journal des Débats vom 12. Oktober 04 (cit. beiBourdeau, p. 433) in Venedig die für Kinder und Kranke bestimmte Milch in den Kanal gegossen worden sein; dies dürfte aber ein Ausnahmefall sein; im allgemeinen wurde friedlich demonstriert, bei guter Disziplin, was nicht nur von sozialistischer Seite bezeugt wird (vgl.Olberg, "Der ital. G-str.";Turati, "Lehren u. Folgen des G.-streiks in Italien";Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22 ff.), sondern mir, bezgl. Florenz, auch von einem uninteressierten Augenzeugen bestätigt wurde; ähnl. auch Allg. Ztg. 21./9. 04.
[538]Dies zeigte sich z. B. in der vorsichtigen Haltung des Mailänder Präfekten. Polizei und Militär handhabten die Waffen "mit großer Mäßigung", wie von sozialistischer Seite ausdrücklich anerkannt wurde (Olberg, p. 24;Bernstein, a. a. O.; vgl. ferner Allg. Ztg. 20./9. 04).
[538]Dies zeigte sich z. B. in der vorsichtigen Haltung des Mailänder Präfekten. Polizei und Militär handhabten die Waffen "mit großer Mäßigung", wie von sozialistischer Seite ausdrücklich anerkannt wurde (Olberg, p. 24;Bernstein, a. a. O.; vgl. ferner Allg. Ztg. 20./9. 04).
[539]In Volksversammlungen wurde zur Ruhe gemahnt (z. B. am 16. in Mailand durchRigola,Taroni,Turati), ebenso in den Aufrufen (z. B. forderte die Arbeitskammer von Genua auf, "mit den Urhebern von Gewalttaten nicht gemeinsame Sache zu machen"); auch organisierte die Mailänder Arbeitskammer am 17. einen Sicherheitsdienst durch Veloziped-Patrouillen zur Aufrechterhaltung der Ordnung während der Nacht (vgl. Allg. Ztg. 20./9. 1904).
[539]In Volksversammlungen wurde zur Ruhe gemahnt (z. B. am 16. in Mailand durchRigola,Taroni,Turati), ebenso in den Aufrufen (z. B. forderte die Arbeitskammer von Genua auf, "mit den Urhebern von Gewalttaten nicht gemeinsame Sache zu machen"); auch organisierte die Mailänder Arbeitskammer am 17. einen Sicherheitsdienst durch Veloziped-Patrouillen zur Aufrechterhaltung der Ordnung während der Nacht (vgl. Allg. Ztg. 20./9. 1904).
[540]Vgl.Turati, cit. beiBourdeau, p. 434; Musée sociale, "Chronique", IX. année, Nr. 11, p. 485.
[540]Vgl.Turati, cit. beiBourdeau, p. 434; Musée sociale, "Chronique", IX. année, Nr. 11, p. 485.
[541]Bissolati, "Die Entscheidung in Rom";Turati, "Lehren und Folgen des G-streiks in Italien".
[541]Bissolati, "Die Entscheidung in Rom";Turati, "Lehren und Folgen des G-streiks in Italien".
[542]Bourdeau, p. 433; Musée sociale, a. a. O. p. 484, 485;Bissolati, a. a. O.
[542]Bourdeau, p. 433; Musée sociale, a. a. O. p. 484, 485;Bissolati, a. a. O.
[543]Sobald die Verhältnisse übrigens die Beendigung des Streiks erforderten, wurde "die absolute Herrin der Nation" mit der Bemerkung heimgeschickt, es habe sich nur um einen ersten proletarischen Mobilisierungsversuch gehandelt (vgl.Turati, a. a. O.).
[543]Sobald die Verhältnisse übrigens die Beendigung des Streiks erforderten, wurde "die absolute Herrin der Nation" mit der Bemerkung heimgeschickt, es habe sich nur um einen ersten proletarischen Mobilisierungsversuch gehandelt (vgl.Turati, a. a. O.).
[544]"Corriere della Sera" (cit. in der Allg. Ztg. 23./9. 04).
[544]"Corriere della Sera" (cit. in der Allg. Ztg. 23./9. 04).
Die Massen waren aus allgemeiner Empörung in einen Proteststreik getreten. Der Ausstand hatte von Anfang an kein weiteres Ziel, als eben diesen Protest zum Ausdruck zu bringen, und dies war auch gelungen. Aber es fehlte ein äußerer Zielpunkt, eine klar formulierte, greifbare Forderung. Allerdings war hier und da der Versuch aufgetaucht, der Bewegung ein solches Ziel zu geben: etwa die Demission des Ministeriums, oder ein Gesetz gegen die Verwendung von Militär bei Streiks. Aber all dies faßte nicht recht Wurzel, und es trat immer mehr zu Tage, "daß ein Ziel sowohl in der Sache selbst, als auch im Bewußtsein der Menge fehlte".[545]Immerhin war das Bedürfnis nach einer Art Quittung über die aufgewandte Anstrengung vorhanden, weil man doch nicht mit ganz leeren Taschen vom Kampfplatz abziehen wollte. Deshalb wandten sich die Bürgermeister von Mailand (Barinetti) und Turin (Frola) an den MinisterpräsidentenGiolittiund erhielten von ihm die Zusicherung, daß die Regierung die Streikfreiheit nach wie vor anerkenne und sich bei friedlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit Neutralität zur Pflicht mache; in diesem Sinne werde sie weiter regieren; auch bedaure sie die schmerzlichen Vorfälle im Süden.[546]Es gehört wirklich eine ziemliche Dosis von Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik dazu, um von dieser "nichtssagendenErklärung",[547]diesem "ausgepusteten Ei",[548]diesem "Ministerversprechen ohne Garantie, daß es auch eingelöst wird", das sich allerdings in die zuvorkommendste Form kleidete, zu behaupten, "un atto simile di sottomissione (d. h. seitens der Regierung) alla piazza non s'era mai veduto".[549]AlsBarinettidas Resultat seiner Bemühungen nach Mailand telegraphierte und zugleich die Beendigung des Streiks empfahl, widersetzte sich die Volksversammlung vom 17. September denn auch energisch diesem Rate und forderteGiolittisDemission.[550]Nachdem aber 25 Deputierte der äußersten Linken bei einer Zusammenkunft am 19. September in Mailand beschlossen hatten, auf den 21. September die ganze äußerste Linke nach Rom zu entbieten, um die sofortige Einberufung des Parlaments, die Demission des Ministerpräsidenten und die Verwirklichung eines radikalen Reformprogramms zu fordern, da gab sich die Mailänder Arbeitskammer zufrieden,[551]so gern auch die revolutionäre Gruppe die Bewegung durch möglichste Verlängerung zum Selbstzweck habe machen wollen.[552]