[242]Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.
[242]Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.
[243]Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel, 30./3. 02; vgl.DestréeundVandervelde, a. a. O. p. 250 ff.;Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4. 02).
[243]Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel, 30./3. 02; vgl.DestréeundVandervelde, a. a. O. p. 250 ff.;Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4. 02).
[244]Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.
[244]Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.
[245]Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz. Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".
[245]Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz. Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".
[246]Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen senden.
[246]Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen senden.
[247]Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen Garden" die Agitation betrieben.
[247]Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen Garden" die Agitation betrieben.
[248]Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02);Vanderveldea. a. O. p. 45.
[248]Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02);Vanderveldea. a. O. p. 45.
[249]Bourdeau, p. 429.
[249]Bourdeau, p. 429.
[250]Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).
[250]Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).
Der Ausstand verbreitete sich "blitzschnell über das ganze Land"[251]und erreichte am 18. April mit 300-350 000 Teilnehmern[252]Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253]wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter streikte,[254]und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255]sich zurückhielten.[256]Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257]traten nun mehr und mehr für Respektierung der Legalität ein;[258]hatte doch die Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259]gegenüber vollste Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale Arbeitsruhe erschüttern.[260]Die vereinigte Opposition[261]vermochte nicht einmal die Auflösungder Kammer durchzusetzen,[262]und da auch die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263]so mußte die Linke in den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit 82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte sich.[264]In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265]doch der Weisung des Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu normalen Verhältnissen zurück.[266]
[251]N. Z. Z.; vgl. auchLuxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über 150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle nennenswerten Betriebe; man spricht von 200 000 Ausständigen, von einer "nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.
[251]N. Z. Z.; vgl. auchLuxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über 150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle nennenswerten Betriebe; man spricht von 200 000 Ausständigen, von einer "nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.
[252]Vgl.Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; Enquête, p. 163;Luxemburg, a. a. O.;Vanderveldea. a. O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.;Bourdeau.
[252]Vgl.Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; Enquête, p. 163;Luxemburg, a. a. O.;Vanderveldea. a. O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.;Bourdeau.
[253]Vandervelde, a. a. O. — Der Streik erfaßte in erster Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre), ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie, teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw. haben nahezu volle Arbeitsruhe.
[253]Vandervelde, a. a. O. — Der Streik erfaßte in erster Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre), ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie, teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw. haben nahezu volle Arbeitsruhe.
[254]Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen sich aus.
[254]Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen sich aus.
[255]Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotzDestréesdiesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl.Vanderveldea. a. O.).
[255]Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotzDestréesdiesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl.Vanderveldea. a. O.).
[256]Allerdings streikten z. B. bereits am 15./4. 1902 15Â 000 Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.
[256]Allerdings streikten z. B. bereits am 15./4. 1902 15Â 000 Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.
[257]Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.
[257]Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.
[258]Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.
[258]Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.
[259]Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902 seitensVandervelde's.
[259]Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902 seitensVandervelde's.
[260]Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4. 1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z. Z. 19./4. 02).
[260]Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4. 1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z. Z. 19./4. 02).
[261]Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht (N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck (N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.;Anseele).
[261]Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht (N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck (N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.;Anseele).
[262]Allg. Ztg. 14./4. 02.
[262]Allg. Ztg. 14./4. 02.
[263]Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.
[263]Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.
[264]Anseele, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.
[264]Anseele, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.
[265]Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig. — Der ganze Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein.Vandervelde(cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von "vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").
[265]Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig. — Der ganze Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein.Vandervelde(cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von "vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").
[266]Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des 18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl. Allg. Ztg. 18./4. 02;Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.;DestréeundVandervelde, p. 261).
[266]Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des 18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl. Allg. Ztg. 18./4. 02;Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.;DestréeundVandervelde, p. 261).
So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte: die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267]die Einigung der Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268]die Neubelebung des antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269]das waren teils höchst zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem Einfluß[270]nicht entferntausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271]an welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272]vielmehr mußte der Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht; insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt.
[267]Vgl.Anseele, a, a. O.;Luxemburg, a. a. O.;Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.
[267]Vgl.Anseele, a, a. O.;Luxemburg, a. a. O.;Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.
[268]Anseele, a. a. O. p. 412.
[268]Anseele, a. a. O. p. 412.
[269]Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p. 47.
[269]Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p. 47.
[270]Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der Niederlage (vgl.Vliegen, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196;Bourdeau, p. 430); — bei den Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl.Vandervelde, a. a. O.;Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl.Anseele, "Die belgischen Wahlen"). — Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien";Vandervelde, a. a. O.).
[270]Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der Niederlage (vgl.Vliegen, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196;Bourdeau, p. 430); — bei den Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl.Vandervelde, a. a. O.;Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl.Anseele, "Die belgischen Wahlen"). — Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien";Vandervelde, a. a. O.).
[271]SoAnseele, a. a. O.; ähnl.Vandervelde(gemäß N. Z. Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5. 02, cit. beiBourdeau, p. 430.
[271]SoAnseele, a. a. O.; ähnl.Vandervelde(gemäß N. Z. Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5. 02, cit. beiBourdeau, p. 430.
[272]Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf: mangelnde Organisation (so z. B.Zetkin[vgl. Vorwärts, 23./8. 05], welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung (vgl.Bernstein, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl.Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster Gewaltlosigkeit (vgl.Zetkina. a. O.;Luxemburg, "Das belgische Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl.Mehring, "Ein dunkler Maitag";Kautsky, "Die Soziale Revolution" I;Luxemburga. a. O.;Zetkina. a. O.) — In der internationalen Sozialdemokratie entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg. Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit; bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl. der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4. 02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5 000 Mk. schickte (Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). — Die belgische Arbeiterschaft scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus zuversichtlich gezeigt zu haben, wie esVandervelde("Die belgischen Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z. B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus überflüssig gewesen (vgl.Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02;Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik";Vandervelde, "Nochmals das belgische Experiment";Luxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment";David, "Die Eroberung der politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen Bureau, cit. beiKatz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3; Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)
[272]Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf: mangelnde Organisation (so z. B.Zetkin[vgl. Vorwärts, 23./8. 05], welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung (vgl.Bernstein, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl.Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster Gewaltlosigkeit (vgl.Zetkina. a. O.;Luxemburg, "Das belgische Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl.Mehring, "Ein dunkler Maitag";Kautsky, "Die Soziale Revolution" I;Luxemburga. a. O.;Zetkina. a. O.) — In der internationalen Sozialdemokratie entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg. Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit; bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl. der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4. 02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5 000 Mk. schickte (Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). — Die belgische Arbeiterschaft scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus zuversichtlich gezeigt zu haben, wie esVandervelde("Die belgischen Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z. B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus überflüssig gewesen (vgl.Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02;Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik";Vandervelde, "Nochmals das belgische Experiment";Luxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment";David, "Die Eroberung der politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen Bureau, cit. beiKatz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3; Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)
Das Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U. ein.[273]Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er "zündete nicht, er blieb Parteisache".[274]Je kühler die Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz überlegner Machtmittel,[275]die Kenntnis der Unzulänglichkeit der proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893 getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen.
[273]Nur ausnahmsweise, z. B. in Charleroi am 13./4., demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z. 14./4).
[273]Nur ausnahmsweise, z. B. in Charleroi am 13./4., demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z. 14./4).
[274]Bernstein, "Pol. M.-str. und pol. Lage", p. 21, und "Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.
[274]Bernstein, "Pol. M.-str. und pol. Lage", p. 21, und "Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.
[275]Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten vor.
[275]Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten vor.
Mußte ein Erfolg aber auch ausbleiben, so darf man deswegen doch noch nicht von einem "schmählichen" Scheitern[276]reden; denn der Streik verlief ruhig, planmäßig. Die Arbeiter hatten sich "wie ein Mann" erhoben, und so zogen sie sich auch wieder zurück.[277]Maßgebende auswärtige Sozialisten schätzen sogar den korrekten Rückzug aus dem Kampf, die "Geschlossenheit und Einheitlichkeit" der belgischen Wahlrechtsstreiter[278]nicht nur als eine ihnen außerordentlich wertvolle Erfahrung, die weite Perspektiven auf neue Anwendungsmöglichkeiten des Klassenstreiks gestatte, sondern, ähnlich wie die Schweiz ihre nationale Waffen- und Trophäenhalle mit dem Bilde des Rückzugs von Marignano schmückt, so schreiben sie den Rückzug der belgischen Arbeiter aus dem Wahlrechtsstreik von 1902 geradezu auf die Ruhmestafel des kämpfenden Proletariats.
[276]Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 193.
[276]Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 193.
[277]Vgl.Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".
[277]Vgl.Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".
[278]Vgl.Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 415;Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. a. a. O.
[278]Vgl.Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 415;Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. a. a. O.
Auch jetzt noch erachtet die belgische Sozialdemokratie die "grève générale" als "das vornehmste Mittel zur Erreichung des allgemeinen Wahlrechts", wendet aber ihr Hauptaugenmerk vorläufig doch lieber dem Ausbau des Gewerkschaftswesens zu.[279]
[279]Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.
[279]Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.
Unmittelbar nach dem zweiten belgischen Wahlrechtsstreik, vielleicht psychologisch durch ihn beeinflußt[280]und, wie er,den Höhepunkt in einer Wahlrechtsbewegung markierend, im Mai 1902, fand auch in Schweden ein Klassenstreik statt. Außer den Arbeitern hatten weite Volkskreise auch dort eine Reform des veralteten Zensus-Wahlrechts[281]gefordert, sodaß die Regierung im März 1902 dem Reichstag einen diesbezüglichen Entwurf vorlegte.[282]Da dieser aber das allgemeine Stimmrecht durch "Garantien"[283]einschränkte, so rief er einen "Sturm der Entrüstung" hervor,[284]der natürlich am lautesten in der Arbeiterschaft tobte, resp. in der sozialdemokratischen Partei, die die Führung des Proletariats in dieser Angelegenheit übernommen hatte.[285]Sie entwarf alsbald einen sorgfältig durchdachten Demonstrationsplan.[286]Es sollte "bis zur Einführung einer zufriedenstellenden Erweiterung des Stimmrechts"[287]eine permanente Klassenstreik-Agitation veranstaltet werden; insbesondere sollte das Volk durch sonntägliche, später allabendliche Massendemonstrationen im ganzen Lande so aufgerüttelt werden, "daß die Niederlegung der Arbeit aus der immer gespannter werdenden Situation organisch herauswachsen", und daß der Volksprotest "durch möglichst allgemeine Arbeitsruhe während der Parlamentsberatung der Wahlrechtsfrage noch mehr verstärkt werden" könne.[288]Nach diesem Plan wurde auch verfahren,[289]und da am 15. Mai die auf 2-3 Tage berechnete Reichstagsdebatte beginnen sollte, so proklamierte die sozialdemokratische Partei für den gleichen Tag und die gleiche Dauer einen allgemeinen Ausstand im ganzen Lande,[290]einen "Demonstrationsstreik",[291]der zeigen sollte,"daß die Arbeiterschaft nicht gesonnen sei, sich politisch als quantité négligeable behandeln zu lassen";[292]er sollte seine Spitze "nicht im geringsten gegen die Unternehmer richten", sondern, "ausschließlich gegen die Regierung und das Zensus-Parlament",[293]um letzterem die Abweisung der Wahlrechtsvorlage nahe zu legen.
[280]Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquète, p. 377.
[280]Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquète, p. 377.
[281]Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z. B. in Norwegen 19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z. 24./5.).
[281]Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z. B. in Norwegen 19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z. 24./5.).
[282]Vgl.Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.
[282]Vgl.Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.
[283]Z. B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.
[283]Z. B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.
[284]Vgl.Branting, a. a. O.
[284]Vgl.Branting, a. a. O.
[285]Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische Angelegenheit gezogen werden, vgl.Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 624.
[285]Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische Angelegenheit gezogen werden, vgl.Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 624.
[286]Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom 10.-13. April.
[286]Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom 10.-13. April.
[287]Vgl. N. Z. Z. 14./4.
[287]Vgl. N. Z. Z. 14./4.
[288]Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.
[288]Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.
[289]Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000 Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am 12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw. gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).
[289]Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000 Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am 12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw. gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).
[290]Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.
[290]Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.
[291]Vgl.Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht gekommen" sei.
[291]Vgl.Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht gekommen" sei.
[292]Allg. Ztg. 15./5. 02.
[292]Allg. Ztg. 15./5. 02.
[293]Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 ff.).
[293]Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 ff.).
Die Massen, gut diszipliniert und vorbereitet, folgten in fast allen bedeutenderen Städten,[294]"in fast allen Teilen des Landes"[295]dem Streikgebot,[296]sodaß der Ausstand am 17. Mai mit 116 bis 120 000 Teilnehmern,[297]einen Umfang erreichte, "der die kühnsten Erwartungen weit übertraf".
[294]Leimpeters, "Zum Generalstreik", p. 431.
[294]Leimpeters, "Zum Generalstreik", p. 431.
[295]Branting, a. a. O. p. 420.
[295]Branting, a. a. O. p. 420.
[296]Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-, Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig (vgl.Branting, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig" (Branting, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg (Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am 15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester", Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg z. B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter, Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.); diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).
[296]Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-, Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig (vgl.Branting, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig" (Branting, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg (Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am 15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester", Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg z. B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter, Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.); diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).
[297]Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen";Bourdeau, p. 431.
[297]Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen";Bourdeau, p. 431.
Die Wirkungen des Streiks machten sich sofort sehr unangenehm bemerklich,[298]am meisten in Stockholm, das infolge der Verkehrsstockung den Eindruck einer kleinen Provinzstadt erweckt haben soll.[299]Die Zeitungen fehlten, wie auch anderwärts,[300]dieBeleuchtung litt.[301]Hingegen konnte die Wasser-, und anscheinend auch die Nahrungsmittel-Versorgung aufrecht erhalten werden,[302]wie ja seitens der Ausständigen von Anfang an "die für das Leben und die Gesundheit der Bewohner unbedingt erforderliche Arbeit" als zulässig erklärt worden war.[303]Der in solchen Maßnahmen zum Ausdruck gelangenden Friedfertigkeit entsprach auch die von Freund und Feind anerkannte "imponierende Ruhe" und "musterhafte Ordnung"[304]während des Streiks, die denn auch den Arbeitern viele Bundesgenossen aus den Reihen der Intelligenz zugeführt haben soll.[305]Mit "ruhiger Präzision" wurde die Arbeit nach Schluß der Reichstagsdebatte am 17. Mai auch wieder aufgenommen.[306]
[298]Bourdeau, a. a. O.;Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422.
[298]Bourdeau, a. a. O.;Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422.
[299]N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken, Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und N. Z. Z. 16./5.).
[299]N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken, Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und N. Z. Z. 16./5.).
[300]Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg. 15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg. Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).
[300]Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg. 15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg. Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).
[301]Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg. 17./5.).
[301]Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg. 17./5.).
[302]Allerdings wollten z. B. in Upsala die Bäckereien, in Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl. Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).
[302]Allerdings wollten z. B. in Upsala die Bäckereien, in Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl. Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).
[303]Allg. Ztg. 15./5.
[303]Allg. Ztg. 15./5.
[304]Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420;Bourdeau, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen Zeiten"(?), rühmtBranting("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden (Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.;Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein (vgl.Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). — Bei der Kürze der Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die friedlichen Straßendemonstrationen (Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).
[304]Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420;Bourdeau, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen Zeiten"(?), rühmtBranting("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden (Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.;Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein (vgl.Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). — Bei der Kürze der Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die friedlichen Straßendemonstrationen (Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).
[305]Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen".
[305]Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen".
[306]Branting, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.;Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).
[306]Branting, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.;Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).
Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht verlangt.[307]Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte: ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe gerückt.[308]Immerhinkann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309]