Stubaithal.
Das Stubaithal zieht sich, in seiner unteren Hälfte offen, bevölkert und wohlangebaut, im oberen Teil in almenreiche Hochthäler gespalten, hinauf zur Kette der Stubaier und Lisenzer Ferner. Die charakteristischen Bergformen des Kalkes und des Thon- und Glimmerschiefers treffen hier zusammen und schaffen ein reiches und großartiges Landschaftsgesicht, das sich schon am Eingang des Thales zeigt. In diesemliegt zu unterst das lebhafte Dorf Mieders (Abb. 126); von der jenseitigen grünen Höhe schauen freundlich die weißen Häuser von Telfes herab. Weiter thaleinwärts führt das Sträßchen nach dem bevölkertsten Orte des Thals: Vulpmes (Abb. 127), wo ein lebhaftes Eisengewerbe blüht. Mit Sensen, Sicheln, Äxten und anderen groben Eisenwaren versorgt das Stubaier Schmiedehandwerk einen weiten Umkreis. Das letzte Dorf in dem nur wenig ansteigenden Thal ist Neustift (Abb. 128). Hier verzweigt das Thal sich in zwei große Äste. Einer von ihnen, das Oberbergthal, wendet sich mehr westwärts in die großartige Wildnis der Alpeiner Alp empor, wo um die mächtigen firnumkleideten Felsriesen des „Wilden Turmes“, des Schrankogl und der Ruderhofspitze ein Eismeer sich ausdehnt, dessen nordöstliche Abdachung als „Alpeiner Ferner“ in das Thal niedersteigt. Das Hauptthal aber, Unterbergthal genannt, zieht noch fünf Stunden weit bis zu jenem Kranz gigantischer Eisberge, die man schon am Eingange des Stubaithals den Thalschluß mit leuchtendem Glanze überdachen sieht. Hier erheben sich neben dem 3511mhohen „Zuckerhütl“, in dem die Gruppe kulminiert, der wilde Pfaff, die Sonklarspitze, die Schaufelspitze, der Botzer, der wilde Freiger, die Wildspitze, der Daunkogl und andere über 3000merhabene Gipfelhöhen aus einem weit gedehnten Eismeer, das zahlreiche prächtige Gletscherzungen in die obersten Verzweigungen des Thals herabhängen läßt. Zahlreiche vergletscherte Joche, unter denen das Bildstöckeljoch am meisten begangen ist, führen in die benachbarten Thäler, in das Ötzthal, ins Pflersch- und Ridnaunthal, selbst bis in die fernen obersten Gründe von Passeier.
Abb. 146.Waidbruck.
Abb. 146.Waidbruck.
Brenner. Gossensaß.
Kehren wir zur Brennerbahn zurück. Sie erreicht die erste größere Ortschaft des Sillthales, das lang an der Straße hingestreckte Matrei (Abb. 129). Das Thal wird auch Wippthal genannt, der Name kommt von Vipitenum, wie einst Sterzing genannt ward. Unter dem alten Schloß, das Matrei überragt, führt in einem Tunnel die Bahn, dann in ebenem Gelände fort bis zu dem malerischen Steinach (Abb. 130), Geburtsort Martin Knollers, des bedeutendstenTiroler Malers — vor Defregger. Von hier beginnt die eigentliche Steigung der Bahn. Diese hebt sich an der östlichen Thalwand höher und höher empor und biegt, weil sie auf gerader Linie die Steigung nicht bewältigen kann, weit in das Schmirner und Valser Seitenthal (Abb. 131) ein, indem sie in halbkreisförmigem Tunnel einen Berg durchbricht. Tief unter ihr liegt nun die Thalsohle und das letzte Dorf im Wippthale, Gries, über welches der Blick des Reisenden in ein stilles Seitenthal, das Obernbergthal, hinüberschweift. Noch eine letzte Steigung an kahler Felswand überwindet die Lokomotive keuchend und stöhnend; dann schlingt sich der Eisenpfad um einen grünen träumerisch zwischen Bergwäldern schlafenden See und erreicht die Paßhöhe.
Zwischen den östlichsten Ausläufern der Stubaier Gebirgsgruppe und dem Westabfall der Zillerthaler Gruppe ist, 1362müber dem Meere, ein grünes Hochthal eingeschnitten: der Brenner. Als geräumige, alte, sturmfeste Herberge für Wanderer und Fuhrleute steht hier das stattliche Haus der Brenner Post, auf der Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria, an einer der wichtigsten Heer- und Völkerstraßen Europas.
Abb. 147.Kastelruther.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 147.Kastelruther.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Minutenlang rasten hier die mächtigen Lokomotiven, die keuchend ihre Züge heraufgeschleppt haben bis zur kühlen Paßhöhe. Aber es ist nicht viel zu sehen auf der berühmten Thälerscheide: den Ausblick in die höhere Gebirgswelt verdeckend schiebt sich von Westen her dunkles Waldgehäng, während man nach Osten zu auch nur grün bewachsene unscheinbare Bergrücken erblickt, die sich vom Tuxer Kamme herabziehen. Wer vom Süden heraufkam, nimmt hier Abschied von einer sonnigeren Welt; wen aber der Bahnzug oder das leichte Stahlrad — andere Fahrzeuge sieht man hier nicht mehr — von Innsbruck hergeführt hat, der kann wohl oft genug, wenn im Norden graue Nebel die Berge umrauchen, hoffnungsfreudig nach Süden schauen, wo durch ein Eckchen im Thalspalt jener wärmere Himmel blau aufglänzt, der ihn erwartet.
Hinter dem Brennerposthause stäubt durch den Bergwald ein zierlicher Wasserfall herab. Es ist der Ursprung des Eisack (Abb. 132). Und dann laufen sie, zunächst vorüber am stillen Wildbad Brenner (Abb.133u.134), durch das stundenlange Wiesenthal friedlich nebeneinander her: die Eisenlinie der Brennerbahn, die alte Heerstraße und der krystallklare Eisack. Aber bei der Station Schelleberg gewinnt die Landschaft rasch ein anderes Gesicht. Das Thal öffnet sich weit; steil zieht die Heerstraße hinab nach Gossensaß; in wilden Sprüngen wirft sich neben ihr der Eisack in die Tiefe, und die Bahnlinie schwenkt nach rechts ab, um mittels eines langen Umweges durch das seitliche Pflerschthal die Tiefe von Gossensaß zu gewinnen. Nur ein bewunderungswürdiger Bau hat ihr dies möglich gemacht. Hoch oben zieht sie sich an der nördlichen Thalwand von Pflersch in das Thal hinein, bohrt sich ein tiefes gekrümmtes Loch in die Bergwand, um Raum zur Umkehr zu finden und zieht dann an demselben Hang absteigend nach Gossensaß hinaus (Abb. 135).
Abb. 148.St. Ulrich(Grödener Thal).(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 148.St. Ulrich(Grödener Thal).(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gossensaß — der Sitz der Goten! War’s ein Wachtposten, den der große Theodorich hier zurückgelassen hatte, alser in die italischen Gefilde mit Heeresmacht hinabgestiegen war, um auf den Trümmern der römischen Weltmacht sein Gotenreich zu begründen? Oder war’s ein Rest versprengter Helden, die nach König Tejas tragischem Schlachtentod hier eine Zuflucht fanden? Heut ist Gossensaß eine der besuchtesten Sommerfrischen Tirols, mit vorzüglichen stattlichen Gasthäusern; nur durch seinen Namen klingt noch ein Ton wie Schwertergeklirr und Heerruf herauf aus den Tagen der Völkerwanderung.
Abb. 149.Fischburg, gegen die Geislerspitzen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 149.Fischburg, gegen die Geislerspitzen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Pflerschthal.
Bei Gossensaß erschließt sich das Pflerschthal, das gegen Westen hinanzieht zu den Stubaier Fernern, die hier am weitesten gegen die Thalfurche des Brenners vortreten. Berühmt wegen seines, trotz seiner hohen Lage und seiner eisigen Umwallung milden Klimas, ist das kurze Thal reich an landschaftlicher Schönheit (Abb. 136). Diese wird ihm verliehen durch die unbeschreiblich finstere und trotzige Berggestalt des Tribulaun, der seine braunen zerhackten Dolomitwände zwischen dem Pflersch- undGschnitzthale aufbaut; sowie durch den schönen Feuersteingletscher, der, schon von der Bahn aus sichtbar, von den eisbedeckten Gipfeln der Feuersteine tief in das Thal herabzieht. Der Bergbau, der einst auf silberhaltige Bleierze im Thal betrieben ward und gegen 300 Knappen beschäftigte, ist eingegangen; nur das Eis der Gletscher schimmert noch in Mondnächten silbern aus den Höhen. Gletschersteige führen hinüber nach Stubai, Gschnitz und Ridnaun und in das ferne Ötzthal.
Sterzing. Ridnaunthal.
Von Gossensaß zieht sich Bahn und Straße durch eine enge Schlucht hinab nach Sterzing. Von der Höhe links schauen die Reste der Ruine Straßberg; zur Rechten sieht man ein Meisterwerk der Ingenieurkunst: einen Felsentunnel, den man für den wildschäumenden Eisack brechen mußte, weil der Schienenstrang durch das vormalige Bett des Stromes geleitet ward. Weit öffnet sich dann der sonnige Thalkessel von Sterzing (Abb.137u.138).
Abb. 150.Seis, mit dem Schlern.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Abb. 150.Seis, mit dem Schlern.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Sterzing, das Vipitenum der Römer, liegt 948mhoch an einem Punkte, wo von Ost und von West große Seitenthäler in das Eisackthal münden. Eine offene Thalebene hat sich hier gebildet, das Sterzinger Moos, von den alten, aber erhaltenen Schlössern Thumburg, Sprechenstein und Reifenstein überragt. Am Nordende dieser Ebene liegt Sterzing, das eigentliche Herz von Tirol. Altertümlich sind seine Gassen; winkelig die Häuser mit den tiefen dämmrigen Thorbogen. Die Quellen des Wohlstands dieser Stadt waren einst der reiche Bergbau der Nachbarschaft und ein überaus lebhafter Fuhrwerksverkehr.
Zwei Seitenthäler münden hier ins Eisackthal. Nach Westen zu erschließt sich das Ridnaunthal (Abb. 139), das sich etwa 20kmlang in die Eisgefilde der Stubaier Gebirgsgruppe hinaufzieht. Wo ihm, von der stolzen Firnpyramide der Sonklarspitze herabsteigend, der Übelthalferner mit seinem breiten Eisgeklüft entgegentritt, gabeln sich die letzten, kaum mehr sichtbaren Steige. Einer derselben führt empor zu einer der höchsten Schutzherbergen der Alpen, dem „Kaiserin Elisabeth-Haus“ auf dem Becher (3173m), von wo aus man auf Gletscherpfaden ins Ötzthal, nach Stubai oder Passeier wandern kann (Abb. 140). Aus Ridnaun steigt man auch hinauf zu dem merkwürdigen Bergwerksgebiete des Schneeberges (2356m). Hier liegt noch die kleineKirche von Sankt Martin. Der einst sehr reiche Bergsegen (silberhaltige Blei- und Kupfererze) ist heute sehr gering.
Abb. 151.Eggenthal.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 151.Eggenthal.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Pfitscher Thal.
Bei Sterzing, gegenüber dem Ridnaunthal, mündet auch das Pfitscherthal, in nordöstlicher Richtung zur Zillerthaler Berggruppe hinaufziehend. Durch eine schauerliche, zertrümmerte Felsengasse gelangt man in das eigentliche Thal, das sich eben und wohnlich, von hohen Glimmerschieferhörnern umrahmt, in deren Lücken Eiszungen sichtbar sind, erstreckt. Bei den letzten Häusern des Thales trennen sich die Steige; in nördlicher Richtung leitet der meist begangene von ihnen zum Pfitscherjoche und ins Zillerthal; die anderen verlieren sich in den Gletscherwildnissen, die zur Eisburg des Hochfeilers hinanziehen. In keinem anderen Thale Tirols hat die Natur einen größeren Schatz kostbarer Mineralienin den Bergklüften verborgen, als hier in Pfitsch.
Abb. 152.Karersee, gegen Latemar.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 152.Karersee, gegen Latemar.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Franzensfeste.
Brennerbahn und Brennerstraße führen, von Sterzing abwärts, durch sehr einsame Waldgegend über Freienfeld und Mittewald neben dem Eisack dahin. Schon meint man, die enge Waldschlucht nehme kein Ende; da zeigt sich plötzlich die Station Franzensfeste mit ihrem für Minuten erwachenden internationalen Fremdentreiben; und dann, etwas tiefer, die weißgrauen Granitmauern der gleichnamigen Festung, deren Feuerschlünde das Thal absperren. Die Bahn aber zieht auf luftigem Brückenbau mitten durch die Festung. Und dann ändert sich wie mit einem Schlage die Natur. Statt in enger Waldschlucht sich beängstigt zu fühlen, führt der Blick in ein weites, offenes Thal; lauer wehen hier die Lüfte; Rebengärten erscheinen an den sonnigen Thalhängen; dazwischen die dunklen Kronen der Edelkastanie und das hellere Laub der Nußbäume; überall schimmernde Häuser. Da ist der sonnige Süden, und vor uns liegt mit ihren Türmen die Stadt der Fürstbischöfe von Brixen (Abb.141bis143).
Abb. 153.Karerseehôtel, gegen Rote Wand (Rosengarten).(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 153.Karerseehôtel, gegen Rote Wand (Rosengarten).(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Brixen. Klausen.
Brixen, am Zusammenflusse der Rienzund des Eisack gelegen, mit 5500 Einwohnern, erscheint schon in karolingischer Zeit; Kaiser Ludwig das Kind schenkte hier ein Gehöft dem Bischof von Säben. Seitdem ward Brixen ein Hauptsitz geistlichen Wesens, aber auch von manchen Streitigkeiten zwischen geistlichen und weltlichen Mächten berührt. Die Stadt ist reizvoll gelegen, von zahlreichen kirchlichen Bauten und Kunstwerken geschmückt, erfüllt von klösterlicher Ruhe.
Abb. 154.Bozen ums Jahr 1720.(Nach dem gleichzeitigen Stich von Kilian.)
Abb. 154.Bozen ums Jahr 1720.(Nach dem gleichzeitigen Stich von Kilian.)
Durch die gartenähnliche Umgebung von Brixen wälzt sich der, durch die Rienz bedeutend verstärkte Eisack, langsameren Laufes dahin. Nicht lange erfreut man sich des freundlichen Bildes; bald trägt uns die Bahn wieder in eine Stromenge, wo neben dem grollenden Strome Straße und Schienenweg kaum Platz finden.
Hier zieht sich nach Osten hin ein ansehnliches Seitenthal: das Villnösthal, in welches eine Fahrstraße bis nach Sankt Magdalena führt. Für die geologische Bildung des Landes ist es charakteristisch, weil hier jenes merkwürdige Gestein erscheint, der Porphyr, der mit seinen roten Felswänden weite wellige Plateauflächen bildet, aus welchen weiter östlich die schroffen Türme und Zähne des Dolomits aufragen, und der bald auch an der Westseite des Eisackthales sich zeigt. Im Hintergrunde des Villnösthales, aus welchem Jochpfade in die Thäler Enneberg und Gröden führen, ragen schon mächtige Dolomitgipfel: die Geislerspitzen und der Peitlerkofl.
Abb. 155.Bozen, gegen den Rosengarten.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 155.Bozen, gegen den Rosengarten.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bald zeigt sich ein höchst romantisches Bild: das alte, eng zwischen der Thalwand und dem Strome eingekeilte Städtchen Klausen (Abb. 144) und hoch über ihm, auf schwindelnd steiler Felswand, die weithin leuchtenden Fronten und Türme von Kloster Säben, einer der ehrwürdigsten Orte Tirols. Schon vor der römischen Eroberung eine Bergfeste der alten Rhätier, ward es von den Römern Sabiona genannt und vomVIII.bisX.Jahrhundert Sitz der Bischöfe von Säben, bis dieselben ihre Residenz nach Brixen verlegten. Mancherlei römische Denkmale und Funde geben Aufschluß über diese Zeit. Säben kam in ostgotischen und langobardischen Besitz, ward späterhin zu einer trotzigen Ritterburg und seit 1685 zu einem Kloster der Benediktinerinnen. Als 1809 die Franzosen das Kloster einnahmen, warf sich eine der Nonnen, um dem gierigen Feinde zu entrinnen, in den schauerlichen Abgrund; noch zeugt von ihrem Heldensinn ein an einen Turm gemaltes riesiges Kreuz, das ihrem Andenken gewidmet ist. Herrschendes Gestein hier ist Thonschiefer mit Diorit;auf den höheren Wellenplateaus desselben finden sich wohlangebaute Landschaften mit zahlreichen Ansiedelungen, kaum bemerkt von dem Reisenden, der durch die enge Eisackschlucht dahingetragen wird. Auch von den stolzen Ritterburgen, die hoch droben thronen, sieht man nur eine oder die andere; eine der schönsten ist Schloß Feldthurns oder Velthurns mit gediegener Zimmerarchitektur (Abb. 145).
Abb. 156.Laubengasse in Bozen.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 156.Laubengasse in Bozen.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Grödener Thal.
Bei Waidbruck (Abb. 146) öffnet sich gegen Osten das Grödener Thal, 25kmlang, zum größten Teil von fahrbarer Straße durchzogen. Oberhalb Waidbruck leuchtet der Vogelweidhof (Abb. 52) herab, die Heimat Walthers von der Vogelweide. Die Straße ins Grödener Thal führt durch eine finstere Enge von brüchigem Glimmerschiefer und Porphyr; dann aber weitet sich plötzlich das Thal zu einer wohnlichen, herrlich begrünten Sandsteinfläche, auf welcher der Hauptort, Sankt Ulrich (Abb. 148), liegt. Die Einwohner des Grödener Thales sprechen ladinisch, aber auch deutsch und bezeichnen ihr Thal mit dem Namen Gardena. Zierliche, reinliche Häuser liegen auf den prächtigen Matten, über welche in imponierender Größe die Dolomite, die den östlichen Thalschluß bilden, hereinragen. Die fleißigen und erfinderischen Grödener warfen sich, da ihr Thal für den Getreidebau wenig geeignet ist, schon im Anfange desXVIII.Jahrhunderts auf die Holzschnitzerei, die heute neben der Spitzenklöppelei einen Haupterwerbszweig bildet (Abb.34–37). Weiter einwärts im Thale, überragt von den gigantischen Dolomitwänden des Langkofel (Abb. 11), liegt in tiefer Einsamkeit die zerfallene Burg Wolkenstein, einst Sitz des Minnesängers Oswald von Wolkenstein. Zwischen den Felszinnen des Langkofels, dem Grödener Thale, dem Schlern und der Eisackschlucht, liegt diemerkwürdige Seiser Alpe (Abb. 43), berühmt durch ihre unvergleichlichen Alpenwiesen wie durch die Mannigfaltigkeit ihrer geognostischen Erscheinungen. Ihre Höhe wechselt von 1800–2200m; sie gehört größtenteils der Gemeinde Kastelruth (Abb. 147), welcher sie ein sehr bedeutendes Heuerträgnis liefert. Ihre Wasser fließen teils ins Grödener Thal ab, teils zum Eisack. Südwestlich grenzt sie an den mächtigen Dolomitwall des Schlern (2561m,Abb. 8), der auf seiner Höhe über furchtbar steil abfallenden Wänden ein blütenreiches Grasplateau trägt. Das oberste Ende des Grödener Thales ist einsam und wild (Abb. 149); Jochsteige führen von ihm aus durch rätselhafte Felsengassen, an den wechselndsten Landschaftsbildern vorüber, in das Abteithal und in den obersten Teil des Fassathales.
Abb. 157.Denkmal Walthers von der Vogelweide.
Abb. 157.Denkmal Walthers von der Vogelweide.
Schlern. Eggenthal. Bozen.
Zu einer finsteren Schlucht treten nunmehr die Porphyrwände des Eisackthales zusammen; Leben und Ansiedelung haben sich nach der Höhe hinaufgezogen. In einem kleinen Nebenthale liegt hoch oben Seis (Abb. 150) und das kleine Bad Ratzes. Rasch eilen wir an den Stationen Atzwang und Kastelruth und an dem, in luftiger Höhe von der alten Ritterburg Prösels überragten Blumau vorbei. Dann wird die hohle Gasse etwas lichter. Auf schroffem Fels zeigt sich zur Linken droben die Burg Karneid, um deren Fuß die Straße ins Eggenthal (Abb. 151) und nach dem jetzt viel besuchten Karersee (Abb.152u.153) sich windet. Von Blumau zieht sich das Tierser Thal hinauf bis in die Felswände der Rosengartengruppe, wo in einsamer Höhe die wohnliche Grasleitenhütte (Abb. 158) den Wanderer aufnimmt. Karneid aber schaut schon hinaus in den herrlichen weiten Thalboden von Bozen; die Bergwände zur Rechten treten ganz zurück; nach Süden und nach Westen hin wird der Ausblick frei; die Landschaft gewinnt mit ihrer reichen Fülle von Sonnenschein, mit ihrer üppigen Pflanzenwelt ein paradiesisches Gepräge; und vor uns liegen in einem weiten, blühenden Garten die Häusermassen und Türme von Bozen (Abb.154bis157).
Bozen, mit12000 Einwohnern, ist in den Winkel, den der Eisack und der Talferbach zusammenfließend bilden, gebaut. Durch die Eisackschlucht sieht man im Osten die Dolomitgestalt des Rosengarten aufragen; den Westhorizont verschließt der lang gestreckte Rücken der Mendel; nach Süden geht der Ausblick ungehindert durch das Etschthal hinaus; im Norden liegt die wellenförmige Landschaft des Sarnthales. Die ganze Lage der Stadt ist wunderbar geschützt gegen die Rauheiten des Alpenklimas.
Abb. 158.Grasleitenhütte, gegen den Kesselkogel.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 158.Grasleitenhütte, gegen den Kesselkogel.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 159.Erdpyramiden am Ritten.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 159.Erdpyramiden am Ritten.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Ritten. Gries. Sarnthal.
Bozen war schon römische Niederlassung; nach kurzer Herrschaft der Ostgoten und Langobarden war es bayerische Grenzfeste; dann lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Trientiner Bischöfen und den TirolerRittergeschlechtern, bis es den Grafen von Tirol gelang, sie dauernd an sich zu reißen. Früh zur wohlhabenden Handelsstadt aufgeblüht, hat Bozen diese Stellung sich zu erhalten und zu befestigen gewußt. Die Häuser und Straßen der Stadt zeugen von Wohlstand, Geschmack und Sinn für Behaglichkeit; die Hauptstraße ist von belebten Bogengängen (Lauben) gesäumt, in denen die Kaufläden sich befinden; durch die älteren Straßen laufen Gräben mit fließendem Wasser. Sehenswert sind die alte gotische Pfarrkirche, einige prächtige Privatgärten; in der Umgebung der aussichtreiche Kalvarienberg. Überaus reich und mannigfaltig ist die Landschaft um Bozen. Nordöstlich erstreckt sich eine mit vielen Gehöften und Sommerfrischorten besetzte wellige Berglandschaft, der Ritten genannt (Abb. 159), wo die schönen Ortschaften Oberbozen und Klobenstein den Bozenern während der heißesten Jahreszeit zum Aufenthalte dienen. Jenseits der Talfer, unmittelbar an Bozen anstoßend, bietet der berühmte Kurort Gries den Kranken einen milden, sonnigen Aufenthalt. Auch im Nordwesten lagert einefreundliche Hügellandschaft, wo die Ortschaft Jenesien einen ähnlichen Charakter hat wie Oberbozen. Zwischen dem Ritten und den Hügeln von Jenesien strömt der Talferbach aus dem gerade nordwärts sich hinaufziehenden Sarnthal hervor. In diesem, elf Stunden (35km) langen Thale verliert sich, namentlich in seinem unteren Teile, den Charakter der Hochgebirgslandschaft völlig. Es bildet eine abgeschlossene Welt, die eigentliche Mitte von Tirol, mit charakteristischer, durchaus deutscher Bevölkerung. Zahlreiche Burgen schmücken das Thal; der ganze Zauber mittelalterlicher Romantik durchweht heute noch die Mauern von Runkelstein (Abb. 160). Hauptort des Thales ist Sarnthein. Aus den obersten Thalgründen führen nur mehr Jochsteige westwärts in das Passeier, ostwärts nach Sterzing. Herrschende Gesteinsarten sind im Süden der Sarnthaler Berge der rote Porphyr; nördlicher folgen Glimmerschiefer und Gneis.
Abb. 160.Schloß Runkelstein.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 160.Schloß Runkelstein.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Wir wenden uns wieder ins Herz von Tirol zurück, nach Brixen. Es gilt, jenengroßen Felsspalt kennen zu lernen, der ganz Osttirol in eine nördliche und eine südliche Hälfte scheidet: das Pusterthal.
Pusterthal.
Das Pusterthal besteht aus einem breiten, gerade in westöstlicher Richtung verlaufenden Einschnitt, dessen Sohle ihre höchste Erhebung im Toblacher Felde erreicht, von dem die Drau nach Osten, die Rienz nach Westen abläuft. Die Gebirgsarten des Thales sind an seiner Nordseite Granit und Schiefer; an der Südseite Thonschiefer, hinter dem die Dolomitberge aufragen, die an ein paar Stellen, beim Toblacher Feld und bei der Lienzer Klause, bis an das Thal heraustreten.
Abb. 161.Taufers-Sand.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 161.Taufers-Sand.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Eine römische Heerstraße führte auch durch Pusterthal und verband Aquileja mit den norischen Ortschaften Loncium (Lienz) und Aguntum (Innichen). Heute ist die Bevölkerung des Thales deutsch; nur in dem großen südlichen Seitenthale Enneberg wird ladinisch gesprochen und im Flußgebiet der Drau erinnern vereinzelte Berg- und Wassernamen an die verdrängte slavische Bevölkerung. Das Klima ist bei der hohen Lage des Pusterthales ein fast rauhes; trotzdem haben Fleiß und Mäßigkeit den Pusterthalern zu ausreichendem Wohlstand verholfen; und in der Geschichte der Tiroler Heldenkämpfe stehen sie mit in erster Reihe.
Der moderne Weltverkehr strömt ins Pusterthal von der Station Franzensfeste an der Brennerbahn. Hier zweigt die Pusterthalbahn ab, indem sie, den Eisack auf luftiger Brücke überschreitend, nach Osten hin abbiegt, den Höhenzug, der vom untersten Laufe der Rienz den Eisack trennt, durchschneidet und den ersten Pusterthaler Ort Mühlbach erreicht. Der dem Pusterthal entfließende Bergstrom, die Rienz, mündet südlicher, bei Brixen, in den Eisack; sein unterster Lauf ist aber unwegsam. Die erste Ortschaft thaleinwärts ist Mühlbach, an der Mündung des granitischen Seitenthales Vals. Bis hierher reicht noch der Weinbau. Auf der gegenüber liegenden Seite des Rienzthales baut sich der Rodenecker Berg mit seinen Getreidefluren, die ihm den Namen des „Goldenen Berges“ verschafft haben, auf; an seinem äußerstenVorsprunge gegen die Rienzschlucht trägt er die stattliche Burg Rodeneck. Hat man, von Mühlbach thaleinwärts, die Engen der Mühlbacher Klause überwunden, so zeigt sich in einer Thalerweiterung Station und Dorf Vintl. Hier kommt das Pfundersthal von Norden herab, aus dessen einsamen Schluchten selten begangene Jochsteige nach dem Pfitscher- und Ahrnthale führen. Angesichts der Burgruine Baumgarten, des Schlosses Ehrenberg und der Trümmer von Sonnenburg zieht die Bahnlinie nach dem Marktflecken Lorenzen, wo einst das römische Litanum lag.
Abb. 162.Bruneck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 162.Bruneck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gaderthal.
Südlich von Lorenzen öffnet sich eine schmale Bergpforte, aus welcher ein Bach, die Gader, strömt. Ein weit verzweigtes System von Thälern liegt hinter diesem unscheinbaren Eingang. Wir müssen dieses Thalsystem kennen lernen; denn seine Verzweigungen führen uns tief ins Innere jener merkwürdigen Bergwelt, die man als die südtiroler Dolomite bezeichnet.
Abb. 163.Bergführer Joh. Niederwieser(Stabeler-Hansl)in Taufers.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Abb. 163.Bergführer Joh. Niederwieser(Stabeler-Hansl)in Taufers.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Das Gaderthal erstreckt sich, etwa 30kmlang, gerade nach Süden, anfangs in einer Enge zwischen Glimmerschieferbergen. Dann spaltet sich das Thal in zwei Äste. Von diesen heißt der nach Südosten führende Enneberg, mit dem Hauptort Sankt Vigil, in reizvoller Lage. Hier wird schon überall die grüne Mattenlandschaft von mächtigen steil aufgerichteten Dolomitzacken überragt. Der Boden um Sankt Vigil ist ein gefährlicher; verheerende Bergstürze haben hier mehrmals gehaust. Noch höher oben führt dieser Thalast den Namen Rauhthal; die Ortschaften hören auf; vereinsamte Fußsteige nur führen durch ausgedehnte Weidegebiete nach den Paßhöhen, über welche man ins Pragser und Ampezzothal gelangt.
Viel bedeutender und belebter ist der gerade nach Süden sich erstreckende Hauptast des Gaderthales. Wandern wir in ihm aufwärts, so gelangen wir allmählich aus der Region des Glimmerschiefers in die des Dolomits, der uns in der imponierenden Gestalt des Peitlerkofels begrüßt. Das Thal führt in seinem weiteren Verlaufe den Namen Abteithal. An den Ortschaften Picolein und Sankt Martin mit der Burg Thurn, an die sich blutige Erinnerungen aus der Zeit des Faustrechtes knüpfen, führt die Straße vorbei. Kurze Seitenthäler öffnen sich zur Rechten und zur Linken der Straße; am spärlichen Häuserhaufen von Pederoa vorüber zieht sich diese bis zum Hauptorte des Thales, Sankt Leonhard, auch Abtei oder, mit italienischem Namen, Badia genannt. Mit lotrechten Wänden hängt der Kreuzkofel über die grüne Thalfläche herein. Überaus reich ist die Kalk- und Sandsteinkruste der Erde hier an Versteinerungen. Noch zwei Stunden über dem Dorfe, unter den Schroffen des Kreuzkofels, liegt die Wallfahrtskirche Heiligkreuz (2038m). In dieser Wildnisbüßte ein Graf Otwin von Pusterthal einst seine Sünden als Eremit. Bald hinter Sankt Leonhard spaltet sich das Thal abermals. Nach Südosten zweigt sich der versteinerungsreiche Thalast von Sankt Cassian ab, von wo höchst interessante und eigenartige Jochübergänge nach der Ampezzaner Straße und nach Buchenstein führen. Im Hauptthale dagegen läuft das Sträßchen stets ansteigend nach den obersten Ortschaften Corvara und Colfuschg (1643m). Hier ist man in einem der innersten Heiligtümer der Dolomitgebirge. Trotz der hohen Lage wird noch Getreide gebaut; lohnender ist die Viehzucht auf den prächtigen Alpenmatten. Den großartigen Thalschluß des obersten Gaderthales bildet der ausgedehnte Felsenbau der Sellagruppe (vgl.Abb. 10), die in der Boëspitze (3152m) gipfelt. Durch die märchenhaften und einsamen Trümmergassen dieser unbegreiflichen, farbenreichen und formenschönen, versteinerten Welt führen, auf- und niedersteigend, halb verlorene Wege nach Buchenstein, Fassa und Gröden. Wer einen dieser Wege geht, der erstaunt über die Mannigfaltigkeit der Bilder, die sich da erschließen; über diese, wie aus der grünen Thalwelt hervorgezauberten, in allen Farben leuchtenden Felspaläste, deren jeder für sich der Sitz eines Reiches von Berggeistern zu sein scheint.
Abb. 164.Kletterei am hinteren Umbalthörl.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Abb. 164.Kletterei am hinteren Umbalthörl.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Bruneck. Ahrnthal.
Lassen wir uns von diesen Geistern wieder nach dem Norden zurückversetzen ins kühle, grüne Pusterthal. Die Bahn führt uns eine Station weiter nach Bruneck (Abb. 162), mit seinem ragenden Schlosse, das, einst durch die Macht der Brixener Bischöfe erbaut, jetzt als Gefängnis dient. Die Landschaft hier ist weit, offen, gut angebaut; Edelsitze liegen um die Stadt, in deren Umgebung der Tiroler Aufstand des Jahres 1809 ausbrach und erlosch.
Abb. 165.Pragser Wildsee.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 165.Pragser Wildsee.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 166.Bad Prags.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 166.Bad Prags.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Taufers.
Durch einen breiten Thalspalt fliegt von Bruneck aus der Blick nach Norden, zu den eisbedeckten Gipfeln der Centralalpen. Es ist eines der größten Seitenthäler des Pusterthales, das sich hier erschließt: das etwa 45kmlange Ahrnthal. Aus ihm ziehen zwei sehr ansehnliche Nebenthäler nach entgegengesetzten Richtungen; und eine Anzahl von kleinen Seitenschluchten steigen, reich an den großartigsten Naturbildern, in die Eiswelt der Zillerthaler-, Venediger- und Rieserfernergruppe hinauf. Der Eingang des Ahrnthales ist ungewöhnlich breit; zwischen Getreidefeldern und Obstbaumhainen liegen hier, am Rande der Bergwälder, anmutige Dörfer und Edelsitze; dazwischen zeigen sich die Spuren alter Überschwemmungen und Schlammbrüche. Randgestein des unteren Thales ist Granit, der später in Glimmerschiefer übergeht. Am nördlichen Ende des untersten Thalbodens liegt dessen Hauptort, Sand,mit schönen Marmorbrüchen; unweit davon, am Anfang einer Thalenge, die überaus malerische Burg Taufers (Abb. 161). Einem Dornröschenschlosse gleich ragt das alte Gemäuer grau und gespenstig aus der Waldnacht; über ihm steht, im Hintergrunde desThales, die blinkende Eispyramide des Schwarzenstein, zur Zillerthaler Gruppe gehörig. Die Ritter von Taufers erscheinen schon im Harnischglanz desXII.Jahrhunderts, starben aber 1340 aus. Wie das Ortlergebiet und das Ampezzothal ist Taufers eine wichtige Stätte für Heranbildung erprobter Bergführer (Abb. 163).
Abb. 167.Niederdorf.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 167.Niederdorf.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Mühlwaldthal. Reinthal.
Unweit von Taufers münden die zwei größten Seitenthäler des Ahrnthales: das Mühlwaldthal und das Reinthal. Das Mühlwaldthal zieht in einem Bogen erst westlich, dann nördlich. Sein schmaler und steiler Zugang schließt es vom Verkehr ab; der schlechte Fahrweg, der hineinführt, endet schon in dem ansehnlichen Dorfe Mühlbach. Höher droben liegt noch die Berggemeinde Lappach; über ihr ein ausgedehntes Alpengebiet, wo die Thalbäche aus den Abflüssen des mächtigen Neveserferners und von den Eishängen des Hochfeilers her zusammenfließen. Nur geübte Gletscherwanderer mögen sich hier noch die Pfade über vereiste Grathöhen nach dem Pfitscherthale und nach dem Zillerthale suchen.
Abb. 168.Toblach.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 168.Toblach.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Reinthal steigt von Taufers nach Osten zu in die Rieserfernergruppe hinan. Die Zugänge zum Thale sind wild und beschwerlich; stundenlang führt der Pfad steil neben den stürzenden und tobenden Wasserfällen des Thalbaches aufwärts zwischen brüchigen Wänden. Es ist ein düsterer, unheimlicher Steig. Hoch droben an der nördlichen Thalwand liegt ein Gehöft, beim Kofler genannt, zu dem man aus der Schlucht nur über Felsentreppen und Leitern gelangt. Drei Stunden einwärts von Taufers spaltet sich das Thal; hier liegt die einzige Ortschaft: Rein oder Sankt Wolfgang, aus wenigen zerstreut liegenden braunen Hütten bestehend, 1596mhoch. Im Osten umstarrt das Thal ein leuchtendes Amphitheater von Eisbergen; hier erheben sich der Schnebige Nock oder Ruthner-Horn (3360m), der Hochgall (3440m) und der Wildgall (3272m). Die letztgenanntenbeiden Berge gehören zu den schroffsten Eisgipfeln Tirols; als die ersten Versuche zu ihrer Ersteigung gemacht wurden, behaupteten die Leute von Rein, man könne auf den Wildgall nur, wenn man sich Steigeisen an die Kniee und an die Ellenbogen bände. Zwischen dem Reinthal und dem Ahrnthal streicht eine Kette von finsteren zertrümmerten Felsbergen entlang, an deren Fuß man durch das unbeschreiblich öde Knuttenthal in die obersten Gebiete des Defereggenthales gelangt. Die Namen dieser Berge lauten zumeist auf Nock aus: Mostnock, Hirbanock, Zintnock, Klausnock.
Abb. 169.Cortina, gegen Tofana.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 169.Cortina, gegen Tofana.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 170.Fischeleinthal.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Abb. 170.Fischeleinthal.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Ahrnthal.
Das Ahrnthal wird für eine halbe Stunde zur engen Waldschlucht, nach Nordwesten gewandt, erweitert sich aber bei Luttach, um sich nunmehr nach Nordosten zu wenden. Seine südliche Wand bilden die vorhin genannten Trümmerberge; die nördliche besteht aus dem Zillerthaler Hauptkamm, zu welchem zwölf kurze, steile Seitenthäler hinansteigen. An den untersten Hängen dieser nördlichen Thalwandung liegen, da sie die Sonnenseite hat, die Gehöfte stundenweit zerstreut über der Thalsohle; man hat sich hier sorgsam bemüht, das Wasser der Wildbäche zum Teil in kleine Bewässerungskanäle abzuleiten und dadurch nutzbar zu machen. Über dieser Zone anmutiger Ansiedelungen, die fast alle weit ins Thal hinabschauen, beginnen steile Bergwälder; dann Felswände und furchtbare Trümmerfelder, endlich die meist steil abfallenden Gletscher und Firnfelder.
Bei Luttach steigt gegen Westen das Weißenbachthal mit seinen Seitenschluchten zu den ausgedehntesten Gletschergebieten der Zillerthalerferner empor. Im Ahrnthale, das von hier auf eine Ausdehnung von drei Stunden seinen ebenen und bevölkerten Charakter beibehält, gelangt man auf guter Straße weiter nach Sankt Martin und Steinhaus. Letzteres ist oberhalb Taufers der wichtigste Ort des Thales, mit weithin leuchtender Kirche. Jedes der nördlichenSeitenthäler gewährt einen Einblick in die Eiswelt.
Abb. 171.Innichen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 171.Innichen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Ahrnthal. Pusterthal.
Bei Sankt Peter gewinnt das Thal einen anderen Charakter; es verengert sich zu einem düsteren brüchigen Schlunde, durch den die Straße zum letzten Thalboden ansteigt, der die Prettau genannt wird. Hier liegen noch in einer Hochgebirgslandschaft, in die von Osten schon die eisigen Ausläufer der Venedigergruppe herüberglänzen, die Ortschaften Sankt Valentin und Kasern. Bei Sankt Valentin endet der Fahrweg; hier zeigt sich auf einmal, völlig fremd anmutend, industrielles Leben: das Kupferwerk der Ahrner Gewerkschaft. In den Chloritschiefern, welche die Kupfererze dieser Gruben führen, finden sich auch sehr schöne Quarzkrystalle und Magneteisen. Kasern, der letzte Ort des Ahrnthales, liegt schon 1624mhoch; ein altes sturmfestes Tauernhaus bietet hier eine bescheidene, aber mit echter Tiroler Liebenswürdigkeit gereichte Unterkunft. Und das ist wohl notwendig; denn die Wege, die von hier noch weiterführen, sind lang und anstrengend, in der schlechteren Jahreszeit von todbringenden Gefahren umdroht. Es sind die Jochsteige über das Merbjoch nach Defereggen; über das Heiligengeistjöchl in den Zillergrund; über den Krimmler Tauern oder über die Birnlücke nach Krimml im Pinzgau und über das vergletscherte Umbalthörl (Abb. 164) in die schweigsamen Einöden des Umbalthales. Auf dem zuletzt genannten Wege ging einst ein ganzer Wallfahrerzug im Eise verloren. So erzählt uns ein greiser Führer droben auf der eisigen Paßhöhe.
Setzen wir aber die Fahrt durchs Pusterthal fort. Von Bruneck aufwärts überwindet die Bahn durch kunstvolle Bauten die Hindernisse, die das verengerte felsige Stromthal ihr bot. Mehrmals die Rienz überschreitend, gelangt sie nach Olang. Hier sind wir am Eingange des Antholzerthales, das nach Norden zu in die Rieserfernergruppe hinansteigt, und in dessen Innerem in träumerischer Bergeinsamkeit einer der schönsten Seen Tirols, der Antholzersee, sich eingebettet hat. Über sein klar blaugrünes Wasser hängt schweigsam eine bleiche Gletscherzunge herein.
Abb. 172.Windisch-Matrei.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 172.Windisch-Matrei.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Pusterthal.
Weiterhin im Pusterthale zeigen sichüber der Station Welsberg das Schloß Welsberg und die Burgtrümmer von Thurn; dann die Mündung des Pragserthales. Dieses besteht aus zwei Ästen. In dem westlicheren derselben schuf der von den Wänden des Seekofel überragte dunkelgrüne Pragser Wildsee (1496m,Abb. 165) eine der prächtigsten Dolomitlandschaften; im östlichen Thalaste liegt das lebhaft besuchte Bad Alt-Prags (Abb. 166) in einem Rahmen mächtiger Dolomitberge. Ein aussichtsreicher und bequemer Jochpfad führt von Prags über die Plätzwiesen nach der Ampezzaner Straße.