IX.Aden.

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Die Eingeborenen sollen auch, wie dies ja von den Bewohnern der heißen Zone bekannt ist, leidenschaftlich und genußsüchtig bis zur Ausschweifung sein. Unsere Fahrt führte uns dann zum Buddhatempel, den wir unter Führung eines Priesters besichtigen durften. Unsere ziemlich hochgespannten Erwartungen wurden indessen wenig befriedigt. Der Tempel bietet trotz seiner oft gerühmten Schönheit nichts Besonderes. Er soll der Hauptsitz des Buddhismus sein; wir hatten uns daher auf ein Bauwerk von hohem kulturhistorischen Interesse gefaßt gemacht, hatten gehofft, einen von Kunstschätzen nur so strotzenden Tempelbauzu Gesicht zu bekommen – und statt dessen, was sahen wir? Ein Bauwerk in neuem und nicht gerade schönem Stil. Die Wände im Innern waren mit grellbunten Farben angestrichen und mit allerhand komischwirkenden Figuren bemalt. Die Beleuchtung war schlecht; übelriechende und viel Rauch entwickelnde Kerzen hellten bloß schwach das Dunkel auf. In der Hauptpagode befindet sich das in Holz geschnitzte Bildnis des Buddha in liegender Stellung, in den Seitenräumen sind allerlei Götzenbilder aufgestellt. Die Gemälde an den Wänden stellen das Leben nach dem Tode vor, die Seelenwanderung, wie die Buddhisten sie nach ihrer Lehre annehmen. Da sahen wir auf der einen Seite die Hölle mit ihren teuflischen Gestalten, auf der andern das Paradies mit den guten, frommen Menschen, die hier nach dem Tode ein herrliches neues Leben führen dürfen. Hinter der Pagode, außerhalb des Gebäudes, befindet sich ein Grabmal – eine Dagoba – worin Buddhas Zähne oder sonstige Andenken an ihn begraben liegen sollen. Es ist recht stimmungsvoll angelegt. Von einem wundervollen Blumenflor ist es umgeben, und große Vasen, denen Weihrauch entströmt, stehen davor; besonders fiel mir ein Tisch ins Auge, auf dem sich kleine, weiße und äußerst wohlriechende Blüten in künstlerischer Anordnung befanden. Mein Führer bedeutete mir, daß dies Blüten eines dem Buddha geweihten Baumes seien, und glaubte seiner Hochachtung vor mir keinen besseren Ausdruck geben zu können, als daß er mir eine dieser Blüten als Geschenküberreichte. Mit Dank nahm ich dies Andenken an und habe es zusammen mit anderen dieser Art meinen Lieben zugesandt.

Rechts am Eingang zum Tempel stehen kleinere Gebäude, in welchen die Bonzen wohnen; in ihrer Tracht gleichen sie ihren Brüdern in Japan, nur tragen sie mit Vorliebe Gelb. Wo man sie sieht, halten sie einen Rosenkranz in der Hand, auch sonst scheinen sie es mit ihrer Aufgabe recht ernst zu nehmen; Beten und Fasten ist augenscheinlich ihre Hauptbeschäftigung. Einen wohlgenährten Bonzen habe ich nicht bemerkt, hingegen viele bleiche, hagere und hohläugige Gestalten.

Fruchtladen in Colombo.Fruchtladen in Colombo.

Fruchtladen in Colombo.

Daß aber dieser Ort nicht durchaus ernsten und weltabgewandten Dingen geweiht ist, beweist das Vorhandensein einer ganz modernen Einrichtung: es liegt nämlich ein Fremdenbuch aus. Selbstverständlich verewigten auch wir uns darin und befolgten damit nur das, was vor uns viele Landsleute getan hatten. Ein flüchtiges Durchblättern zeigte mir manchen Namen aus meinem heimatlichen Freundeskreise. Das Fremdenbuch war denn auch für mich das Interessanteste, alles übrige blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Ich hatte mir den Ort, der für die Lehre des Buddha soviel bedeutet, denn doch etwas imposanter ausgemalt. In den Ländern, die Buddhas Lehre weiter entwickelt und vervollkommnet haben, wie beispielsweise bei uns in Japan, sind zweifelsohne großartigere Anlagen dieser Art, als hier in Colombo. Allerdings muß ich hinzufügen, daß daseigentliche buddistische Heiligtum Ceylons sich in Candy, der alten Hauptstadt, befindet. Die Möglichkeit, dorthin zu gelangen, war uns gegeben worden; unter den Reisenden hatte man nämlich eine Umfrage gehalten, wer Candy besichtigen wolle. Da die Beteiligung groß war, so ließ die Eisenbahnverwaltung einen Sonderzug abgehen; wir Japaner hatten aber unsere Zeit bereits eingeteilt und standen deshalb zu gunsten anderer Besichtigungen davon ab. Nachher hat uns aber diese Nichtbeteiligung gereut. Denn das Heiligtum in Candy soll wirklich von großer Bedeutung sein. Einer meiner Reisegefährten entwarf eine begeisterte Schilderung davon. Auch befände sich dort die Ruine eines alten, zerfallenen Buddhatempels und Palastes. Die Fahrt zu diesen Heiligtümern soll unbeschreiblich schön sein, Mutter Natur soll hier ihr Meisterwerk getan haben. Mein Berichterstatter, der sonst ziemlich nüchtern war, war in Erinnerung an diese landschaftlichen Schönheiten wie umgewandelt und Ausrufe wie »Wunderbar!« »Hochromantisch!« unterbrachen in einem fort seine lebhafte Erzählung.

Singhalese mit Bananen.Singhalese mit Bananen.

Singhalese mit Bananen.

Die Besichtigung des Tempels hatte uns recht müde gemacht; wir hielten es aber nicht mit den Bonzen: Fasten war für uns nichts! Wir begaben uns vielmehr in ein Hôtel, das am Strand gelegen und europäisch eingerichtet war. Wir hatten die salzigen Gerichte an Bord herzlich satt bekommen und freuten uns, nun wieder etwas Frisches zu erhalten, sodaß wir uns daher das Vorgesetzte doppeltgut schmecken ließen und tüchtig zulangten. Hummern, Fische und Muscheln wurden mit vielem Appetit verzehrt; am meisten sprachen wir aber den Früchten zu. Was für Früchte waren das aber auch! In so üppiger Fülle und Form dürften sie wohl nur hieran der Quelle gedeihen. Da wir diese Früchte zum ersten Male genossen, so legten wir uns anfangs eine wohl begreifliche Vorsicht auf, doch mundete uns diese Götterspeise so ausgezeichnet, daß wir bald unsere Vorsicht sein ließen – und es ist uns auch alles gut bekommen. Besonders angenehm schmeckte eine Melonenart. Sie war groß wie ein ausgewachsener Menschenkopf und ihr frisches, saftiges, gelbes Fleisch war wirklich etwas für Feinschmecker. Es war daher kein Wunder, daß wie aus einem Munde das Gelöbnis kam: »Wenn wir auf der Rückreise nirgends einkehren sollten, hier, wo so edle Gewächse reifen, tun wir es gewiß!« Auch die Bedienung war gut. Braune eingeborene Kellner verrichteten sie zur vollsten Zufriedenheit; sie sahen in ihrem sauberen weißen Linnen appetitlich aus, waren die Aufmerksamkeit selber und servierten flink und geschickt. Aber es mußte dafür auch ein hohes Trinkgeld gegeben werden, dessen Höhe auf der Speisekarte pro Person genau festgesetzt war. Wir zahlten denn auch willig und begaben uns auf die Veranda, die einen herrlichen Ausblick auf die See gewährte. Auf bequemen Lehnstühlen pflegten wirdort der Ruhe. Was das Auge sah, war von Anfang bis zu Ende eine entzückende Pracht. Bis an die See dehnte sich ein üppiger Blumengarten aus, der hier und da von prächtigen Rasenflächen unterbrochen wurde. Die Strandlandschaft gemahnte uns mit ihren mächtigen Felsen, grünen Wäldern und all dem andern Schönen an die japanische Küste, und so schweifte denn der freudetrunkene Blick des Europafahrers weit hinüber über die Fluten, die soeben durchfurcht worden waren, und sah die Heimat in sonnenhellem Glanze schimmern, sah die Lieben daheim, und sacht schloß sich das Auge in seligem Traum. Doch währte derselbe leider nicht lange, die Zeit mahnte zum Aufbruch.

Landschaft bei Colombo.Landschaft bei Colombo.

Landschaft bei Colombo.

Als wir aus dem Hôtel traten, kam uns ein Inder mit einem großen Korbe voller Schlangen entgegen; er ließ seine Reptile zischen und nach der Musik einer Flöte sich aus ihrem Korbe erheben, indem er sich erbot uns für Geld weitere Kunststücke vorzuführen. Uns war aber der Anblick dieser Tiere widerlich, wir wehrten deshalb entschieden ab, bestiegen unsere Wagen und wandten uns der zweiten Nummer unseres Pensums zu: Besichtigung des Hindutempels. Das Schönste an ihm ist sein Eingang, der reich mit Holzschnitzerei verziert und in allen möglichen Farben angestrichen ist. Leider entspricht das Innere nicht den Erwartungen. Besonders Sehenswürdiges wüßte ich darin nicht anzuführen. Auch soll dieser Bau mehr ein bloßer Versammlungsort als eigentlicher Tempel sein. An den Besuch des Hindutempels schloßsich derjenige der Moschee, in der die dem Mohamedanismus anhängenden Eingeborenen ihre Andacht abhalten. Es ist ein erst in neuerer Zeit aufgeführtes Gebäude; das Äußere war so einfach und schlicht wie nur möglich gehalten, und wir hatten wohl nicht viel verloren, wenn uns, den Bekennern eines anderen Glaubens, die Besichtigung des Innern vorenthalten wurde.

Schlangenbeschwörer.Schlangenbeschwörer.

Schlangenbeschwörer.

Wir fuhren daher weiter und kamen an dem sehr schönen sogenannten »goldenen Garten« vorbei und sahen auf der rechten Seite einen reizenden kleinen See liegen, welcher uns lebhaft an den Shinobazu no Ike in Tokio erinnerte. Unterwegs fielen uns ganz sonderbare Gestalten auf. Eingeborene, die auf das bunteste aufgeputzt waren und auf dem Kopf gewaltige Hörner trugen. Wahre Teufelsfratzen! Sie stellten in der Tat auch etwas Ähnliches dar. Nach Angabe unseres Führers waren es Leute, die sich so für ein Fest, bei dem sie als »Teufelstänzer« mitwirken sollten, zugerichtet hatten.

Am See von Colombo.Am See von Colombo.

Am See von Colombo.

Teufelstänzer in Colombo.Teufelstänzer in Colombo.

Teufelstänzer in Colombo.

Bevor wir uns wieder zum Hafen zurückbegaben, berührten wir noch einmal die Stadt und machten dort Einkäufe. Diese Gelegenheit gab uns einen ungefähren Begriff von der großen wirtschaftlichen Produktivität Ceylons. Was war da nicht alles zu sehen! Von den Edelsteinen werden Rubine, Saphire, Topase etc. hier gewonnen; auch Bergkrystalle, wasserhelle und rosenrote, Granaten, rote und braune, finden sich hier. Dazu gesellen sich verschiedene Metalle wie Eisen, Zinn, Nickel, Arsenik, Gold (zwarin geringer Menge) u. s. w. Ferner ist Colombo ein Hauptstapelplatz für Hölzer, die nicht nur für den Bau von Häusern und Schiffen, sondern auch, namentlich in ihren zarteren Arten, für feinere Tischler- und Schnitzerarbeit sehr gesucht sind. Der Reichtum der Insel an Gewürz, namentlich an Pfeffer und Zimmt, ist von altersher bekannt. Sodann gehören der berühmte Ceylontee, Kaffeebohnen, Kokosöl und aus den Fasern von Palmen gewonnenes Tauwerk zu den wichtigsten Ausfuhrartikeln; auch kunstvolle Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, von denen wir einige Stücke einkauften, findet man. Alle diese Waren sahen wir in Hülle und Fülle in den vielen Läden aufgespeichert. Da sich indessen unter den wertvollen Sachen, insbesondere unter den Edelsteinen, viele Fälschungen befinden, so muß der Käufer sehr auf der Hut sein; auch tut er gut, von vornherein mit einem hohen Aufschlag zu rechnen und die unangenehme Kunst des Handelns tüchtig in Anwendung zu bringen.

Tamule.Tamule.

Tamule.

Das Straßenbild in Colombo ist äußerst bunt; da sieht man die Bonzen in ihrem gelben Gewande, die Araber und Türken mit roter Kopfbedeckung, die Eingeborenen, halbnackt, ein rotes, weißes oder anderes farbiges Tuch um ihre Lenden gewickelt; dazu kommen noch die elegant angekleideten Engländer, die Nachkommen der Holländer, der Portugiesen u. s. w. – Von den verschiedenen Klassen der Bevölkerung sind die Singhalesen hauptsächlich Handwerker und Bediente, die Parsen fast ohne Ausnahme Kaufleute,die Mohren Kleinhändler, die Malayen Soldaten, die Tamulen Feld- und Gartenarbeiter. – Ebenso mannigfaltig wie die Bevölkerung ist auch die Verschiedenartigkeit der Mundarten; doch sind Singhalesisch und Tamulisch die beiden herrschenden Sprachen. Holländisch ist schon ganz ausgestorben, Englisch aber nimmt immer mehr zu und wird als Umgangssprache von den meisten gebraucht und verstanden.

Tamulin.Tamulin.

Tamulin.

So waren wir nun mit der Besichtigung der Stadt fertig. Am Abend ruhten wir im »Indischen Hôtel« dicht am Hafen aus und konnten von hier aus das ganze weite Becken übersehen. Die soeben untergehende goldene Sonne färbte mit ihrem Purpur die eine Hälfte des tiefblauen Himmels und des weitausgestreckten Meeres. Wir erfrischten uns aneinem Glase Exportbier und kehrten erst spät in der Nacht zum »König Albert« zurück.

Was uns in Colombo noch besonders interessierte, waren die von den Engländern gefangenen Buren, welche in armseligen Hütten untergebracht waren. Beim Vorüberfahren bemerkten wir, daß viele von diesen Schwergeprüften in dürftiger Kleidung umhergingen. Ein wahres Bild des Elends! Ein wehes, ach so unendlich wehes Gefühl beschlich uns. Diese Helden, die an Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Entsagung das Menschenmöglichste geleistet hatten, nun hier, fern von der über alles geliebten Heimat, in der Verbannung, in der Fremde, im Elend! In regem Mitgefühl grüßten wir hinüber und unser stiller Wunsch war, daß ihrer Sache doch noch der Sieg beschieden sein möge, ein Wunsch, der, wie die weiteren Ereignisse gelehrt haben, leider ein frommer geblieben ist.

Doch waren die Buren nicht allein. Sie hatten noch einen Schicksalsgefährten: den Egypter Arabi Pascha, den bekannten Führer des von den Engländern unterdrückten Aufstandes von 1881. Wir hörten jedoch, daß man die Absicht habe, ihn in kurzer Zeit freizulassen, da er bei den inzwischen veränderten Verhältnissen der Regierung nicht mehr gefährlich sein würde.

Leider war unsere Zeit für die weitere Besichtigung von Ceylon zu kurz bemessen, doch hatten wir von diesem einen Tag genug, denn die erstickend heiße Luft wirkte so erschlaffend auf uns, daß wirfroh waren, diesen Tag endlich glücklich überstanden zu haben. Auch die elend aussehenden Eingeborenen, die Art und Weise ihres Lebens u. s. w. wollten uns nicht besonders imponieren. Zwar hatten wir hier manche Naturschönheiten gesehen, aber die Ansicht derjenigen, welche uns gesagt hatten, daß diese Insel als Paradies der Welt zu betrachten sei, konnte ich leider nicht teilen, zur Bewahrheitung eines solchen Ausspruches gehört doch noch etwas mehr!

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Nachdem wir noch eine Nacht vor Colombo gelegen hatten, verließ unser »König Albert« den Hafen und setzte die Reise fort. Jetzt kam die längste Tour. Unsere Freude war daher groß, als am sechsten Tage der Ruf erscholl: »Land in Sicht!« Schon beim Verlassen des Hafens am 29. April vormittags 9 Uhr war das Meer unruhig und zeigte einen ziemlich hohen Wellengang; bei wolkenlosem Himmel blies der Wind so stark, daß das Schiff bald auf die rechte, bald auf die linke Seite geschleudert wurde. Am folgenden Tage war es noch schlimmer; der Dampfer ging abwechselnd vorn und hinten hoch wie ein Schaukelbrett, ab und zu schlug eine Welle über das Vorderdeck hinweg. Der Gischt sprang weit über unsere Köpfe und das unheimliche dumpfe Dröhnen und Klirren der Schiffsschrauben mischte sich in das Tosen der Elemente. Mit bedenklichen Gesichtern standen die Offiziere auf dem Deck. Eine Zeit schwerer Arbeiten begann für die Mannschaften. Wir nahmen Zuflucht in unsere Kajüte. Manche Reisegefährten zeigten recht blasse Gesichter, unddie Unterhaltung wollte nicht recht in Fluß geraten. Die Mittagstafel im Speisesaal wies bedenkliche Lücken auf; von unserer Kolonie waren nur zwei vertreten. Wie uns der Offizier mitteilte, war das Unwetter auf einen heftigen Sturm zurückzuführen, der einige Tage vorher hier gewütet hatte. Doch unser seetüchtiger »König Albert« arbeitete rastlos weiter, durchschnitt stampfend mit unwiderstehlicher Kraft die drohenden Wogen, bis wir endlich am 3. Mai die Insel Sokotra erreichten, an der wir nördlich vorüberfuhren. Noch immer stürzten die Wogen mit hohen Kämmen über die Wasserfläche dahin, aber die eigentliche Kraft des Sturmes war gebrochen. Die Hitze hatte bedeutend nachgelassen, ja, es herrschte eine ganz angenehme Temperatur. Fliegende Fische schnellten aus dem Wasser empor und durchschnitten in schönem Bogen die Luft; einige von ihnen fielen auf das Verdeck nieder, und der dicke Hans Küchenmeister fing sie als willkommene Beute schmunzelnd auf.

Im Laufe des Tages beruhigte sich die See vollständig und nur kleine Wellen kräuselten ihre Oberfläche. Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich zum Untergang und warf ihre Strahlen glühend ins Meer. Weit und breit herrschte die tiefste Stille; nur das leise Geräusch der Wogen, die vom Winde spielend hin und her bewegt wurden, war hörbar. Da – welch ein großartiges Schauspiel! – steigt aus den feuchten Dünsten, gerade der Sonne gegenüber, leise der liebliche Vollmond herauf. Anfangserblickt man nur den oberen Rand der Mondscheibe, dann wächst sie langsam, fortwährend ihre Gestalt verändernd und immer neue Schönheiten entfaltend, zu einem ungeheuer groß erscheinenden Halbkreis an. Jetzt wird sie in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Glanze sichtbar und sendet ihre Strahlen auf die krystallenen Wellen, sodaß diese von einer Seite wie mit Silber überschüttet schienen, während sie auf der andern Seite von den purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne wie fließendes Gold glitzerten. Die ungeheure Wasserfläche, in deren Mitte wir uns befanden, erscheint, so weit das Auge reicht, in einer Breite von tausend und abertausend Meilen mit Millionen und Millionen funkelnder Brillanten und Perlen übersäet. Und auf beiden Seiten des so wunderbar beleuchteten, unendlich breiten Meeres die beiden herrlichen, teils auf-, teils niedersteigenden Kugeln – was hätte uns ergreifender sein können als diese Offenbarung der wunderwirkenden Kraft der Natur! Bald senkt sich die Sonne auf das Meer herab, um schließlich ganz unterzutauchen. Nur einzelne ihrer Strahlen und die herrliche Beleuchtung des Himmels zeigen an, wo sie sich befindet. Eine Zeitlang liegt der Wasserspiegel noch in stillem Dämmerlicht, bis auch dieses verschwindet und die Nacht ihre dunklen Schatten ausbreitet.

Es ist unmöglich, dieses erhabene Schauspiel der Natur in Worten erschöpfend auszudrücken und ich hätte in diesem Augenblick gewünscht, Dichter und Maler zugleich zu sein. In seliger Wonne ließich meine Blicke bald auf das unendliche Meer, bald auf das weite Firmament schweifen und konnte mich nicht satt sehen an diesem Bilde herrlicher Gottesnatur – lange, lange stand ich träumend noch an Bord. – Damals hatte ich auch das Glück, das Südliche Kreuz bewundern zu können, welches an dem nächtlichen Himmel der Tropen allgemein als eins der schönsten Sternenbilder bekannt ist. Wegen der hohen Durchsichtigkeit der Tropenluft erscheint es viel größer und heller mit ruhigem planetarischem Licht.

Am Hafen von Aden.Am Hafen von Aden.

Am Hafen von Aden.

Unser Schiff arbeitete sich weiter und weiter und brachte uns am 5. Mai nach Aden. Wir sahen schon von weitem den gigantischen Leuchtturm, der, mitten im Meere stehend, den brandenden Fluten und den Angriffen von Wind und Wetter Trotz bietet – ein Triumph der Baukunst! Nichts ist erquickender, als der Anblick eines solchen Turmes, wenn man nach mehrtägiger Fahrt über eine salzige Meereswüste, wo man nichts weiter sieht als Wasser, endlich den Hafen erblickt und des freundlichen weit hinaus strahlenden Lichtes gewahr wird. Der Hafen liegt am Südostende der Halbinsel und ist geräumig genug, um ganze Flotten zu bergen. Unser »König Albert« lief geradenwegs in ihn ein, und so konnten wir nun von Bord aus die englische Seestadt und Festung in Augenschein nehmen. Sie liegt auf einem ziemlich hohen, kahlen und wild zerklüfteten Felsblock, dessen obere Kante wie ein Zickzack ausgeschnitten erscheint. In seiner rötlich braunen Farbebietet er aber dem Auge nichts Erquickendes dar; kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, welcher diesem öden Felsen Schatten geben könnte. Nur in einzelnen Felsspalten ein spärlicher, halbdürrer Graswuchs – sonst keine Spur einer Pflanzen-, noch weniger einer Tierwelt. Um so reicher ist das Meer damit ausgestattet. Die ganze Küste ist dicht bewachsen mit langen Schlingalgen, die von der Oberfläche des Wassers bis in eine enorme Tiefe hinabreichen. Diese Pflanze, die für die herannahenden Fahrzeuge natürlich eine große Gefahr bildet, ist für das arme Land eine Wohltat infolge der zahllosen Tiere, besonders Fischarten, die zwischen den Blättern dieser Schlinggewächse leben. Auf diese Weise hat die Natur in reichlichem Maße das ersetzt, was dem Lande gänzlich abgeht. Sonst wäre es kaum begreiflich, wie dieses Fleckchen Erde seit altersher in sich hat menschliches Leben bergen können.

Cisternen von Aden.Cisternen von Aden.

Cisternen von Aden.

Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hörten wir später, daß wirklich nichts Sehenswürdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gäbe dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das ihr Interesse erregt hätte, seien die Wasserbehälter. Man hat nämlich, da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen – es soll allerdings ca. fünfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels eingehauen sind – mehrere große Wasserreservoirs angelegt, um das vom Gebirge herabströmendeRegenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch Röhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befördert und somit ist dem großen Übelstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan. Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedochwenn er kommt, fällt er in ungeheuren Mengen und großen Tropfen nieder.

Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgemäß von Handel überhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch wegen ihrer günstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen. Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Engländer sie durch Gewalt in ihre Hände gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch stärker befestigt und die Stadt zum Freihafen erklärt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als auch in politischer Hinsicht von großer Bedeutung geworden. Sie bildet jetzt für England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der Eröffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der ungeheure Bedarf an Steinkohlen für die hier passierenden Schiffe wird allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in das Mittelländische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom Atlantischen Ozean in das Mittelländische Meer beherrscht. Mit Recht nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients.

Vor Aden.Vor Aden.

Vor Aden.

Unter den Bewohnern – überwiegend mohamedanische Hindus – herrschen sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen u. dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hörte, Krankheitskeimeverbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in Aden ansässigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und Geschwüren behaftet, so daß wir den größten Ekel vor ihnen empfanden und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren verzichteten. Drollig war es, die dunkelhäutigen Knaben zu beobachten, die in winzigen Kähnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermünzen im Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genußreichen Ort hielt sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fünf bis sechs Stunden auf; die Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5. Mai mittags.

Ich muß hier bemerken, daß ich in Aden einen Brief von meinem lieben Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte öfters über seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir für meine Reiseausrüstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff der Reise und der während der Fahrt zu besichtigenden Städte und Sehenswürdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr nützlich geworden ist, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17. April datiert und der erste, den ich während meiner Fahrt erhielt. Wie groß meine Freude über denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajüte brachte, streckte ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang förmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war:

»Deinen letzten Brief vom 10. März habe ich richtig erhalten. Ich ersehe daraus, daß Du am 6. April von Japan abgefahren bist und freue mich ungemein, daß uns endlich ein fröhliches Wiedersehen in nicht allzulanger Zeit vergönnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den deutschen Postdampfer »Sachsen« nach Aden, adressiert an Dich an Bord des »König Albert«. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige gewesen undDir nichts passiert. Wir hatten eine schwere Überfahrt, denn schon in der Nähe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, sodaß der Tisch beim Essen einen Holzrahmen erhalten mußte, um durch diesen das Herunterfallen der Teller zu verhüten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen. Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da werden die Wogen höher gehen und das Schiff stark hin und her werfen, doch was können sie einem Schiffe wie »König Albert« anhaben? Im Roten Meere wirst Du Schwärme von Delphinen und Springfischen bewundern können. Jene wälzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser, während diese wie weiße Pfeile darüber hinschnellen. Am 8. Mai etwa wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weißt, der Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei Ärzte an Bord, darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse betrachtet wurde. Sämtliche Passagiere ohne Ausnahme mußten sich einer Untersuchung unterziehen.

»Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben in einer Großstadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach Eberswalde übergesiedelt,einem von schönen Wäldern umrahmten Ort, der von Berlin per Bahn in 45 Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich viermal nach Berlin, um Colleg zu hören. Im Februar dieses Jahres jedoch erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitäten und ersah daraus, daß die Universität Leipzig Berlin an Lehrkräften – besonders was meine Fächer anbetrifft – überflügelt, und so habe ich mich nach vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst Du vorläufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen. Ich möchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, daß diese Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist. Du mußt nämlich bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an den preußischen Minister des Äußern gesandt und von diesem zum Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument erteilt, welches wieder denselben Weg rückwärts macht, um in Deine Hände zu gelangen. Dieses umständliche Verfahren nimmt mehrere Wochen in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, daß ich den vorgeschriebenen Weg durch die Gesandtschaft innehalten müsse. Wenn Du alsodie Schulen in Preußen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in Bayern und Österreich ohne weitere Umstände gestattet.

»Was die Universitäten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die hiesige auch für Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fächer sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine Handelsakademie und spielt überhaupt als Industriestadt und als Zentrale des Buchhandels eine große Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet Deinen Erfahrungskreis vergrößern. Komm also doch zu mir herüber nach Leipzig!

»Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule, habe ich gebeten, daß er sich für Dich, sobald Du in Berlin angekommen bist, um Wohnung u. s. w. bemühen und Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen möchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du kannst Dich getrost seiner Führung überlassen.

»Nun zum Schluß habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen, nämlich, daß unser verehrungswürdiger Freund, Herr Professor Tachibana, am 23. März von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen Krankheit. Er hat sich nämlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkältung zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus, daß er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute, beide Ärzte, nach Japan zurückkehrten, so schloß er sich diesen an und schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein. Diesem Dampfer »Hitachimaru« wirst Du wohl in Colombo oder in der Nähe davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England, Frankreich, Deutschland und Österreich besichtigt hat, habe ich in seinem Auftrage für Dich notiert und werde es Dir später mitteilen.

»Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine starke Erkältung zugezogen; wir wollen wünschen, daß es nur etwas Vorübergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut.

»In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nächsten Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.«

Die Freude über diesen Brief war groß, nur barg er einen Wermutstropfen in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischenuns ausgemacht worden, daß er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaßen abgelöst zu werden. Diese Nachricht war daher eine große Enttäuschung und ein harter Schlag für mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, daß wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Hätte ich doch in Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich hätte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen können! Ich hegte damals den innigen Wunsch, daß Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben möchte, auf daß er, von der Fahrt gekräftigt, seine Lieben in der Heimat umarmen könnte, ein Wunsch, der, wie ich später erfuhr, leider nicht in Erfüllung gehen sollte.

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Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflößt, und mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt entgegengegangen. Man hatte uns nämlich gesagt, daß die Hitze hier außerordentlich groß sei, daß das Wasser dieses Meeres in den Wintermonaten über 26° C. habe und daß in der heißesten Periode die Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwärme übersteige, sodaß die Postdampfer zur Umkehr genötigt seien u. s. w. u. s. w., alles Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte anfangs geglaubt, daß die Hitze hier nicht größer als in Penang und Singapore sein könnte, zumal das Meer viel weiter vom Äquator entfernt ist.Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und der afrikanischen Wüste liegt, so scheint die Entfernung vom Äquator keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf mit nassen wie mit sengenden Elementen gefaßt und fuhren beklommenen Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der Tränen – »O, sie führt ihren Namen mit Recht,« dachten wir bei unserer jetzigen Stimmung – in das Rote Meer hinein.

Wir konnten daher von Glück sagen, daß wir während der ganzen Fahrt, die volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schönes Wetter hatten, daß das Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der Fall sein soll. Die so sehr gefürchtete Hitze war auch erträglicher als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst passierten wir einige Felseninseln, welche einen schönen Anblick darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintönigen Wasserfahrt bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwähnenswertes; es war immer die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken, Mittagsschläfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, gähnen u. s. w. Eine von den Unterhaltungen möchte ich hier anführen, die sich von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied, nämlich die Frage, woher der Name des »roten« Meeres stamme. Einige meintenin dem Worte »rot« die Bedeutung des Unheimlichen, drückend Heißen zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklären, indem sie sagten, die mit Blut getränkten Krieger der Pharaonen hätten sich hier gebadet, sodaß das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere meinten, daß das Wasser des Meeres von dem rötlichen heißen Sande der Ufer eine rötliche Färbung erhalte und daß der Name daher stamme. Wie uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen Küstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene. Überdies sollen hier auch die aus rötlichen Fäden bestehenden Algen so massenhaft auftreten, daß sie oft die oberen Schichten des Wassers bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der wahrscheinlichsten bei – vielleicht könnte in der Tat das Meer davon seinen Namen erhalten haben.

Um die Langeweile zu vertreiben, wurde während der Fahrt ein großes Tanzvergnügen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit Fahnen aller Nationen ausgeschmückt und mit bunten elektrischen Lampen schön erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den Klängen der Schiffskapelle wurde bis spät in die Nacht hinein getanzt.

Am 7. Mai, also kurz nach diesem Fest, fandein anderes statt und zwar ein Wohltätigkeitsfest, dessen Reinertrag für verunglückte Seeleute des >Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren, Damen und Herren, Vorträge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden prächtig unterhielten, sodaß beim Einsammeln die freiwilligen Gaben reichlich flossen. Auch dieses Fest währte bis spät in die Nacht hinein und es war schon früherMorgen, als sich die Teilnehmer ermüdet in ihre Kajüten zurückzogen.

Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste überstanden und wir kamen am 9. Mai vormittags um 3 Uhr wohlbehalten in Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages Ärzte an Bord stiegen, um die Passagiere zu untersuchen; es sollten nämlich während unserer Fahrt in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf folgende Weise: wir Passagiere mußten uns alle zunächst im Eßsalon versammeln; dann mußten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen worden waren, an den Ärzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten, vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trägt oder nicht. Nur ein Passagier, der ein bißchen blaß aussah und seit einigen Tagen an Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und mußten uns damit begnügen, von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11 Uhr hier liegen und setzten um ¼12 Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort.

Eingeborenen-Barke vor Suez.Eingeborenen-Barke vor Suez.

Eingeborenen-Barke vor Suez.

Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berühmten Kanals, den der große FranzoseLesseps mit unendlichen Mühen zustande gebracht hat. Der Blick auf diesen Kanal gehört mit zu dem Interessantesten, was wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160 km lang und durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet, und bringt so die beiden Meere, das Mittelländische und das Rote, in Verbindung. Er ist nach zehnjähriger mühevoller Arbeit im Jahre 1869 eröffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist er so schmal, daß unser »König Albert« fast die ganze Breite einnahm; an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den Ausweichestellen für die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rühmenswert, denn an beiden Seiten sieht man nichts als öde Sandwüsten, nur hie und da unterbrochen von Oasen mit ihrem frischen Grün. Einige der Seen, welche durch den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als Ausweichestellen dienen, gewähren jedoch einen imposanten Anblick, so z. B. der Bittersee, der größte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trägt viel zu seiner Verschönerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts weiter als halbverdorrtes Gras und unförmliche Sandhügel zu Gesicht bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heiße Sandwüste zu nützlichen Zwecken zu verwerten gewußt: man hat hier – wie mir erzähltwurde – natürliche Salzsiedereien angelegt. Man gießt nämlich das hier bedeutend salzhaltige Küstenwasser auf den glühend heißen Sand, läßt es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht!

Beduinen am Suez-Kanal.Beduinen am Suez-Kanal.

Beduinen am Suez-Kanal.

Die beiden Ufer des Kanals sind aus künstlich aufgeworfenen Sanddämmen hergestellt, und man konnte beim Passieren unseres Schiffes deutlich das Auf- und Absteigen des Wassers erkennen und auch wie der Sand von den Dämmen dabei abgespült ward. Es versteht sich daher von selbst, daß Dampfbagger ständig in Tätigkeit bleiben müssen, damit der Kanal nicht versandet.

Signalstation am Suez-Kanal.Signalstation am Suez-Kanal.

Signalstation am Suez-Kanal.

Unser Dampfer bewegte sich nur ganz langsam vorwärts, als wir plötzlich verspürten, wie derselbe mit einem Krach auf Sand geriet. Das Wasser wurde trübe, und das Schiff schien sich ein klein wenig auf die eine Seite zu legen. Mit einem Male geriet alles an Bord in Bewegung; es war jedoch nichts zu befürchten, denn ein Blick auf die beiden Ufer, auf die man im Notfalle ganz bequem hinüberspringen konnte, gab jedem sofort das Gefühl der Sicherheit zurück. Endlich erlangte das Schiff seine richtige Lage wieder und wir vermochten mit ein paar Stunden Zeitverlust unsere Reise langsam fortzusetzen. Wie wir spätervon unserem Schiffskapitän hörten, hat »König Albert« solchen Tiefgang, daß der Boden des Schiffes kaum einen Fuß von der Kanalsohle entfernt bleibt, und der Lotse, der für die Fahrt durch den Kanal an Bord gekommen war, hatte aus Versehen ein wenig zur Seite gelenkt und so etwas Boden mitgenommen. Eigentlich ist der Suezkanal für Schiffe von so großem Tiefgang, wie das unsrige, viel zu klein angelegt. Wie langsam sich der Dampfer in diesem Kanal bewegte, kann man schon daraus ersehen, daß kleine Knaben, welche, bald »Money, Money« rufend, bald die ihnen zugeworfenenMünzen aufhebend, halb nackt und barfuß auf dem Sande des Ufers mitliefen, lange Strecken mit dem Schiffe gleichen Schritt halten konnten, ferner erblickten wir einige Beduinen auf schönverzierten Kamelen. Am Ufer sahen wir auch hier und da bescheidene Häuser, in welchen die Kanalwächter wohnen und von denen aus Signale gegeben werden, da streng darauf geachtet werden muß, daß jedes Schiff seine Zeit innehält, die zu jeder Durchfahrt genau berechnet und angegeben werden muß. Nach den Signalen ziehen an den breiten Ausweichestellen die entgegenkommenden Schiffe vorüber; aber da wir, wie vorher berichtet, etwa zwei bis drei Stunden Verspätung hatten, sammelten sich vor und hinter uns vier bis fünf Postdampfer an, sodaß wir an einer dieser Ausweichestellen einige Zeit lang bleiben mußten, umdieselben vorbeipassieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden wir unseres japanischen Postdampfers mit der bekannten lieben Flagge gewahr. Die Hitze, die so wie so schon groß genug war, wirkte durch dieses mehrstündige Halten und die langsame Fahrt geradezu furchtbar, und einige meiner Landsleute behaupteten, hier die größte Hitze während der ganzen Fahrt verspürt zu haben. Spät, sehr spät, erst gegen Mitternacht, konnte die Abfahrt vor sich gehen, aber recht langsam, sodaß eine Schnecke unser Vorreiter hätte sein können. – Die Nacht war glücklicherweise sehr kühl, was um so angenehmer empfunden wurde, je größer die Hitze des vorangegangenen Tages gewesen. An dem Leuchtturm, welcher mit wechselndem Licht versehen war, fuhren wir vorbei und setzten unsern Weg fort.

Vor Port Said.Vor Port Said.

Vor Port Said.

Straße in Port Said.Straße in Port Said.

Straße in Port Said.

Araber.Araber.

Araber.

Am 10. Mai vormittags um 9 Uhr kamen wir in Port Said an. In dieser Hafenstadt, die ca. 50 000 Einwohner hat, ging es sehr lebhaft zu. Handel und Verkehr schienen hier ziemlich bedeutend zu sein. Als unser Schiff in den Hafen einlief, drängte sich sogleich eine Menge Handelsleute an Bord, um mit den Fahrgästen Geschäfte zu machen, auch viele Führer kamen herauf, um uns ihre Begleitung durch die Stadt anzubieten. Diese umringten uns von allen Seiten und lugten mit ihren hinterlistigen, habgierigen Augen umher, Geiern ähnlich, die auf ihr Opfer losstürzen wollen. Sie machten, wie die meisten Einwohner dieses Ortes, einen recht unangenehmen Eindruck auf uns. Da die Stadt nur klein ist, verzichteten wir gern auf so wenig vertrauenerweckende Begleiter und hatten es auch nicht zu bereuen, denn in zwei Stunden waren wir mit der ganzen Besichtigung zu Ende. Sehenswertes war gar nicht vorhanden. Die Straßen sind ziemlich unsauber, ebenso die Häuser. Den Stadtteil, in dem die Araber wohnen, konnten wir leider nicht inAugenschein nehmen, denn bevor wir an Land gingen, war von unserm Kapitän bekannt gemacht worden, daß in Port Said und zwar im Araberviertel die schwarzen Pocken wüten sollten und daß man sich vor diesen sehr in acht nehmen müsse. In einer der Hauptstraßen sahen wir außer einigen japanischen Läden, in denen von unseren Landsleuten echte japanische Waren feilgehalten wurden, eine Menge Tabaksläden. Der Tabak bildet hier das Hauptprodukt, ist sehr billig und gut. Wegen des italienischen hohen Zolles – denn wir mußten ja später über Italien reisen – durften wir jedoch allzugroße Einkäufe nicht machen. Besonders empfehlenswert sind hier einige Cafés, in deren einem wir auch einen Mocca tranken und uns etwas ausruhten. Nur muß man sich hier in acht nehmen, daß man nicht überteuert wird, wie es einem unserer Passagiere erging, der für ein Glas Bier, das er in einer Bierhalle nahm, den unerhörten Preis von einem Schilling bezahlen mußte. – Die Straßenjungen, die auf Schritt und Tritt hinterher gelaufen kamen und »gib Money, gib Money« schrien oder uns ihre Esel zum Reiten anpriesen, waren so dreist und unverschämt, daß wir mitunter unsern Stock zu Hilfe nehmen mußten. Wir waren froh, als wir mit heiler Haut aus diesem Sumpfnest wieder an Bord unseres guten Schiffes gelangten.


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