Ägyptischer Eseljunge in Port Said.Ägyptischer Eseljunge in Port Said.
Ägyptischer Eseljunge in Port Said.
Bei der Besichtigung von Port Said darf manaber nicht unterlassen, das Denkmal Ferdinand von Lesseps', des Erbauers des Suezkanals, zu erwähnen. Das stattliche Monument ist aus Bronze gegossen und stellt die ganze Figur dieses großen Mannes dar, der in zehn Jahren mit eiserner Energie und unsäglicher Mühe unter angestrengter Tätigkeit die Durchstechung und Kanalisierung des Isthmus von Suez zustande gebracht hat. Auf einem Granitsockel erhebt sich eine hohe Säule und auf dieser steht das Standbild. Den Blick auf den Kanal gerichtet, hält er in der einen Hand, halb aufgerollt, die Karte desselben. Das Denkmal selbst ist auf einem Ende eines aus Quadersteinen hergestellten Dammes errichtet, welcher ziemlich weit ins Meer hineinläuft, so daß es von weitem den Anschein hat, als erhebe sich das Denkmal direkt aus dem Wasser heraus. Ein herrlicher Anblick! Der Gesichtsausdruck dieses Mannes zeigt einen unbeugsamen Mut, verbundenmit Energie und Arbeitsamkeit. Ich schrieb am Fuße dieses Denkmals Ansichtspostkarten und zwar eine an meinen Freund in der Heimat, die folgendermaßen lautete: »Vom Suezkanal und von Lesseps hört man oft, aber wenn man selber den Kanal passiert und vor dem Denkmal dieses großen Mannes steht, kann man nicht umhin, mit Hochachtung an ihn zu denken und seine großartige Willenskraft zu bewundern. Bedenken und Hindernisse verschiedener Art: politischen Widerstand, diplomatische Schwierigkeiten, heftige Beschuldigungen seiner Gegner, argwöhnische Vermutungen der Pforte, Eifersucht der englischen Regierung und Gott weiß was nicht noch alles hat der Mann zu bekämpfen gehabt! Und der Segen erst, den die den Kanal passierenden Reisenden und Schiffe heutzutage genießen! Mit Recht gilt der Mann als ein Held des Friedens!«
Eine zweite Karte sandte ich an meinen Jungen:
»Von Lesseps kannst Du was lernen! In ihm findest Du wieder, was Dir Zeit Deines Lebens nottut und vielen Menschen so sehr mangelt: Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit. Willst Du Sieger bleiben im harten Wettstreit Deines Lebens, sieh Dir dieses Bild an und behalte fest im Kopfe das eine Wort: Willensstärke!«
Noch nach tausenden von Jahren wird dieses Denkmal hier stehen, werden die Taten dieses Mannes der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, man wird ihn ewig preisen und nie vergessen. –
Nachdem wir uns wieder an Bord begebenhatten, kam ein Trupp italienischer Musikanten, ein paar Männer und Frauen, auf das Schiff, welche die Passagiere teils mit Mandolinenspiel, teils mit Gesang belustigten. Auch wir hörten einige Zeit zu und fanden, daß sie ihre Sache gut machten, wie auch, daß die italienischen Mädchen hübsche Gestalten hatten.
Nicht lange danach begrüßte unser »König Albert« das Mittelländische Meer, das uns nunmehr unserem weiteren Ziele zuführen sollte.
Golf von Neapel.Golf von Neapel.
Golf von Neapel.
Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer höchst erfreulichen Nachricht überrascht, die uns alle unangenehmen Eindrücke schnell vergessen ließ. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nämlich, daß unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, daß das japanische Kaiserhaus am 5. Mai durch die Geburt eines Enkels und Sohnes erfreut worden war, daß also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseresKaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit folgenden Worten Ausdruck gab:
»Meine Reisegefährten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glück, welches unserm Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nämlich daß unserm Kaiser ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch während der Fahrt erreicht hat, so daß es uns noch an Bord, wo wir uns alle zusammenbefinden, vergönnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen Hauses zu erheben. Wir können uns alle wohl vorstellen, wie groß die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem Kaiserhause, das seit 2½ Jahrtausenden glücklich und weise das Land regiert, möge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der langen Kette der Regenten hinzugefügt sein, auf daß auch ihm, wenn er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung beschieden sein möge!«
Ich bat meine Reisegefährten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen in den Ruf: »Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!« welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittelländischen Meere an Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben.
Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wirPort Said verlassen und passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spüren. Wir mußten unsere leichten Kleider einpacken und wärmere hervorholen, so daß der Gepäckraum viel in Anspruch genommen ward. Außerdem waren nicht wenige mit Vorbereitungen für die nahe bevorstehende Landung beschäftigt, da sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns, daß wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen.
Am 13. Mai mittags um ¼1 Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war recht kühl, fast kalt zu nennen – wir fühlten uns jedoch sehr wohl dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und Winter durchmachen zu müssen.
Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so daß uns keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten wir gehört, daß es dort viele Sehenswürdigkeiten gäbe, insbesondere das weltberühmte Aquarium – von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und von ihnen musterhaft verwaltet – die Königlichen Paläste, Gallerien, Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u. a. m. Es ist natürlich rein unmöglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein zu nehmen. Außerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so daßwir es vorzogen, auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schöne Stadt zu betrachten.
Straße in Neapel.Straße in Neapel.
Straße in Neapel.
Von den Passagieren unseres »König Albert« waren viele in die Stadt gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff für immer verließen, um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Muße, uns gehörig umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majestätische Bai von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenförmig die Stadt mit ihren weißen, leuchtenden Gebäuden erhebt; dazwischen herrliche Partien mit immergrünen Bäumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine schöne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg, der Vesuv, in seiner prächtigen, malerischen, einfachen Form, seine schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Daß Neapel, das alte Napolis, die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien, sich durch seine reizvolle Lage vor allen andern Seestädten Italiens auszeichnet, konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer große Zollmauer und die fünf- bis sechsstöckigen Häuser mit Balkonen und platten Dächern. Die Häuser am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebäude, älteren Datums und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein gleichmäßiges Häusermeer aus, nur unterbrochen durch die grünen Bäumeoder andere Naturschönheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug, aber ihre Türme ragen nirgends hervor, auch die Paläste verlieren sich in dem unendlichen Häusermeer. Am meisten machtensich die reizenden Villen und Kasinos auf den Hügeln, die Arsenale und Hafenbauten, das königliche Schloß und vor allem die drei großen Kastelle bemerkbar. Wir hatten geglaubt, unser Schiff würde sich hier wenigstens 10-12 Stunden aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit durch den Ausbruch des Vesuv verschüttete und vernichtete, jetzt aber zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, mußten den Plan jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen halben Tag Zeit hatten.
Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u. s. w., konnten wir natürlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzählt wurde uns, daß das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschäftigungen nicht gerne nachgeht, dafür aber umso lieber Belustigungen Auge und Ohr leiht, daß es auch allzuviel Zeit in den unzähligen Kaffeehäusern zubringt – mit einem Wort, daß es seiner Neigung und Laune mit südlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und daß, als traurige Folge davon, die Bevölkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich großer Armut und Unwissenheit befindet.
Auch viele Händler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen Gegenstände anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenköpfe u. a. m. auffielen – alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstände. Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen;dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort reeller bedient wird. Besonders vorsichtig muß man bei Gegenständen aus Lava sein, weil diese meistens verfälscht sind.
So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefüllt, bis wir abends acht Uhr – wir schrieben den 13. Mai – diese herrliche Bucht von Neapel verließen und nach Genua fuhren.
Längs der italienischen Küste.Längs der italienischen Küste.
Längs der italienischen Küste.
In einem deutschen Liede heißt es: »Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen.« So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom »König Albert«, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen während meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmückung.
Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«: »König Albert«.Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«: »König Albert«.
Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«: »König Albert«.
Da wir auf dem Schiffe nichts zu tun hatten und die Langeweile uns plagte, wurde alles hervorgesucht, was irgend einen Zeitvertreib oder eine kleine Zerstreuung bot: Gesellschaftsspiele, wie z. B. Schach, Domino, Dame, Kartenspiel, Würfelspiel etc., möglichst harmlose Sachen, nur um uns die Zeit zu vertreiben.
Bei gutem Wetter zog man selbstverständlich Spiele im Freien vor, von denen ich besonders dasReifenspiel und das Beutelchenwerfen erwähnen möchte. Bei dem ersteren wird nach einem senkrecht aufgestellten Stab mit Reifen aus strammem Seil geworfen und zwar so, daß diese beim Niederfallen den Stab einschließen; bei den letzteren wird eine in mehrere numerierte Felder geteilte Holztafel auf den Boden gelegt, nach der man mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft – derjenige, der am meisten Zahlen trifft, ist Sieger.
Spiele an Bord.Spiele an Bord.
Spiele an Bord.
Ein anderes Spiel ist dasjenige, bei dem manrunde Holzplatten mit einem Holzschieber – das ist ein an einem Stabe in T-form befestigtes Brett – etwa 15 Meter weit nach einem mit Kreide gezeichneten Platz stößt. Bei diesem Spiel werden die Mitspieler in zwei Parteien geteilt und dann wird gewettet. Diejenige Partei hat gewonnen, welche die meisten Platten in den abgegrenzten Raum gebracht hat.
Im Rauchsalon wurden Karten- und Würfelspiele, Schach und anderes gespielt. Was uns jedoch besonders auffiel, das waren die Glücksspiele mit Karten und Würfeln, bei denen sich besonders Engländer hervortaten. Die Spieler setzten sich um den Tisch und dann wurde leidenschaftlich und erregt das Spiel verfolgt. Da wir von Hause aus mit dieser Art von Spielen nicht vertraut waren (bei uns sind dieselben gesetzlich verboten) und uns dieselben recht unangenehm berührten, so lehnten wir stets die Aufforderung zur Beteiligung ab. Wir bemerkten, daß nicht selten diese Spiele einen ernsten Ausgang nahmen; denn manche verloren dabei nicht wenig Geld, und in solchem Falle ging es nicht immer ohne Schimpfen und grobe Bemerkungen ab. – Am Dominospiel dagegen, welches wir von einem an Bord befindlichen Deutschen erlernten, beteiligten wir uns gern und zwar spielten wir dieses der Belebung halber um ein Glas Bier. Bei dieser Gelegenheit fragte ich einige deutsche Passagiere, was sie von dem Spielen um Geld hielten und wie es in Deutschland und in andern Ländern Europas gehandhabt würde, undda hörte ich denn so mancherlei. In Deutschland sowie fast in ganz Europa sind Spiele um Geld gesetzlich erlaubt. Glücksspiele jedoch, wie das Hazard, wobei es dem Zufall überlassen bleibt, ob der Spieler gewinnt oder verliert, sind streng verboten – speziell in den öffentlichen Lokalen – und werden bestraft, besonders scharf die Spieler, bei denen es sich um gewerbsmäßiges Spielen handelt. So vernahm ich von einem großen Spielerprozeß in Deutschland, in den hochadlige junge Leute und Offiziere verwickelt gewesen. Dieselben hatten einen Klub gegründet mit dem Namen »Klub der Harmlosen«, in welchem man fast nur Glücksspielen gefröhnt. Ferner wurde mir erzählt, daß in einem der feinsten Klubs in Wien hoch gespielt worden wäre und daß bei einem Spiel zwischen einem ungarischen Baron und einem polnischen Grafen letzterer ungefähr zwei Millionen Mark verloren habe. Aber auch öffentlich darf an einigen Punkten Europas gespielt werden, und der bedeutendste Zufluchtsort der Spieler soll Monte Carlo in dem kleinen Fürstentum Monaco, unweit der wegen ihrer Schönheit bekannten Stadt Nizza, sein. Hier wird in einem nur für diesen Zweck gebauten Kasino gespielt, das märchenhaft schön eingerichtet sein soll. Das Kasino gehört einer Aktiengesellschaft, durch deren Abgaben sogar das kleine Fürstentum unterhalten wird und der Fürst des Landes große Einnahmen bezieht.
Ferner werden in Europa bei Pferderennen große Wetten abgeschlossen und an eigens hierfür errichteten Wettmaschinen, Totalisator genannt, Einsätze in Geldfür den Sieger oder den Platz gemacht. Von diesen Geldern, die dort angelegt werden, nimmt jeder Staat eine Steuer für sich in Anspruch. – Aber auch selbst harmlose Spiele können zum verwerflichen Glücksspiel werden, wenn die Betreffenden um Einsätze spielen, welche ihrem Vermögen oder Einkommen nicht entsprechen.
Aus lauter Langeweile und vor Durst wird an Bord ziemlich viel getrunken und oft genug hörte man den Ruf: »Spatz!« – so hieß nämlich der kleine Servierkellner im Rauchsalon. Wein, Schnaps, Brunnenwasser, Citronenwasser, mitunter auch Champagner, wurden getrunken, am meisten jedoch Bier. Von letzterem wurde jeden Tag eine Zahl Fässer geleert. Bier trinken am meisten die Deutschen, die Franzosen lieben den Wein und die Engländer ziehen allem andern den Schnaps oder Likör vor. Das deutsche Bier wurde von sämtlichen Passagieren hochgepriesen. Ich habe mir zu Haus erzählen lassen, daß das Bier als Nationalgetränk der Deutschen in ihrem eigenen Lande vorzüglich gebraut werde, und glaubte auch in diesem Bier an Bord eine ausgezeichnete Braukunst zu erkennen. Nun befand sich auf dem Schiff ein deutscher Braumeister, der seit Jahren an einer japanischen Brauerei angestellt war und jetzt auf Urlaub nach Deutschland fuhr. Auf meine Frage, ob er ein eben so gutes Bier in Japan brauen könnte, sah er mich mit großen Augen an und sagte: »Glauben Sie,daß dieses Bier, welches Sie hier jeden Tag trinken, ein echt deutsches Bier ist?« Auf meine bejahende Antwort erklärte er mir aber zu meiner großen Verwunderung, daß das Bier echt japanisch sei, worauf mir der Ausruf entschlüpfte: »Sehr komisch!« So erfuhr ich, daß bei der Fahrt von Deutschland nach Japan selbstverständlich deutsches Bier, aber bei der von Japan nach Deutschland japanisches Bier in deutschen Fässern von den Schiffen mitgeführt wird. Ich glaubte auf einem deutschen Schiffe ein echt deutsches Bier, von dem man so viel Rühmens macht, zu trinken und mußte nun von einem Deutschen erfahren, daß ich Bier getrunken habe, welches in meinem eignen Heimatlande gebraut war. Die Unwissenheit, welche ich hierbei an den Tag gelegt habe, bitte ich mir zu gute zu halten, aber man ersieht daraus wieder, daß das Fremde von den Menschen, die nicht genau Bescheid wissen, blindlings höher geschätzt wird, als das Heimatliche. »Kein Prophet wird in seinem Vaterlande geehrt.« Seit dieser Geschichte bestellte ich nur noch: »Spatz, bringen Sie mir ein Glas »sogenanntes« deutsches Bier!« worauf er mir mit verständnisvollem, verschmitzten Lächeln ein Glas echt japanischen, goldklaren, schäumenden Gerstensaftes reichte.
Die Badeeinrichtung auf dem Schiffe ist ganz anders, als man sie zu Hause hat. Durch ein Rohr wird das Meerwasser in die Wanne geleitet und je nachdem man heiß oder kalt wünscht, hat man deneinen oder den andern Verschluß aufzudrehen. Für Süßwasser befindet sich ein Behälter, woraus für jeden Badnehmer ein kleines Becken voll geführt wird. Da das salzige Meerwasser sich unangenehm an dem Körper bemerkbar macht, so benutzt man dieses Süßwasser zum Nachspülen und Nachwaschen. Übrigens ist letzteres sehr kostbar auf den Schiffen und wird mit demselben äußerst sparsam umgegangen. Ich kannte die Einrichtung mit dem Auf- und Zudrehen der Hähne nicht recht, und als das Schiff in der Mündung jenes trüben Flusses, des Jangtsekiang, vor Anker lag, ging ich zum ersten Male aus Langeweile in die Badestube und drehte ahnungslos an dem einen Hahn. Da erhielt ich auf einmal von der Decke einen Sprühregen des trüben Wassers über meinen Kopf und die ganze Kleidung. Ich hatte unglücklicherweise den Hahn der Brause gefaßt. Bevor ich noch recht zur Besinnung kam, hörte ich mit Donnerstimme den Ruf: »Was machen Sie da!« und der Badesteward trat herein. Er sah mich mit böser Miene an, sagte, daß das Rohr von dem trüben Wasser des gelben Flusses verstopft werde, wenn man ihn jetzt öffnete, daß überhaupt das Baden nur während der Fahrt auf offenem Meere erlaubt sei, aber nicht, wenn das Schiff stille läge wie jetzt. Durchnäßt wie ein Pudel, von dem trüben gelben Wasser des Jangtsekiang von oben bis unten beschmutzt, von dem Donnerwetter des Badestewards noch ganz niedergeschmettert, schlich ich davon in meine Kajüte, um wieder einen ordentlichen Menschen aus mir zu machen. Diese Begebenheitist unter meinen Landsleuten als mein »unfreiwilliges Bad« bekannt geworden.
Auf dem »König Albert« gab es auch einen Barbier und von diesem wollte ich meine Haare schneiden lassen. Ich begab mich eines Tags zu ihm; er war ein netter kleiner Kerl, und es entspann sich zwischen uns folgendes Gespräch. Ich werde mich mit A. und den Barbier mit B. bezeichnen.
B. »Mein Herr, sind Sie nicht krank gewesen?«
A. »Wieso denn?«
B. »Sie lassen ja Ihren Bart so wild wachsen. Wenn ich Sie so in den Saal treten sah, habe ich immer geglaubt, Sie wollen Ihren Bart wegen Krankheit nicht schneiden lassen.«
A. »Bewahre! Bin im Gegenteil so gesund und munter wie ein Fisch im Wasser und auch immer gewesen. Aber wenn Sie meinen, daß mein Bart mir nicht gut steht, schneiden Sie ihn nach deutscher Mode, so gut Sie können, damit ich recht ordentlich und chik aussehe.«
B. »Gut! Ich werde meine Kunst versuchen, aber es ist nicht so leicht, aus einem wild gewachsenen Bart eine gute Form zu schneiden.«
Nun begann der Barbier mir meinen Bart zu verschneiden, sprach dabei über dieses und jenes, fragte mich, wie es in Japan in einer Barbierstube aussehe, was ein Barbier dort verdiene, wie groß der Lohn eines Gehilfen sei u. s. w. u. s. w. Zuletztzeigte er mir seine Haarschneidemaschine und fragte mich:
B. »Können Sie mir vielleicht angeben, wo diese Maschine gemacht worden ist?«
A. »Keine Ahnung! Wie sollte ich so etwas wissen, ich verstehe ja von Ihrem Fache nichts.«
B. »Das glaube ich gern, aber da diese gerade in Ihrer Heimat gemacht ist, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen. Die Maschine, die ich von Hause mitgebracht hatte, ging entzwei und so mußte ich diese in Yokohama kaufen. Offen gestanden hatte ich anfangs zu ihr kein großes Vertrauen, aber nun sehe ich zu meinem Erstaunen, daß sie vorzüglich ist. Schade, daß ich nicht noch mehr davon gekauft habe! Sie ist weit billiger als die unsrige, aber trotzdem ist sie besser und bequemer zur Handhabung. In der Tat sind die Herren Japaner ein wunderbares Volk! Alles können sie leisten, nichts ist ihnen unmöglich!«
Dabei arbeitete er unentwegt weiter; der Bart ward kürzer und kürzer, er besah ihn mit verständnisvollem Gesicht von der Seite und von vorn, von fern und nah, schnitt weiter, besah ihn wieder und so ging es eine Weile fort, bis ich fast keinen Bart mehr mein eigen nennen konnte. Jetzt rühmte er mir die Schnurrbarttracht: »Es ist erreicht!«
B. »Nun müssen Sie aber Ihren Schnurrbart in die Höhe gewöhnen.«
A. »Da ich mich einmal Ihren Meisterhänden anvertraut habe, so machen Sie nur, wie es Ihnen gefällt! Die Verantwortlichkeit liegt ganz bei Ihnen.«
B. »Sehr gut, mein Herr! Sie brauchen nicht im geringsten besorgt zu sein! Mit diesem Brenneisen werde ich nun Ihren Schnurrbart ausziehen. So...., ach wie schneidig Sie nun aussehen! Sie sehen wie ein echter Deutscher aus! Aber zu einem eleganten Herrn ist ein Parfüm wohl unentbehrlich. Kaufen Sie doch ein Fläschchen, ich habe alle Sorten in meinem Schrank vorrätig – hier, das ist Veilchen... o, wie schön das riecht!... dies hier ist Heliotrop, auch was Feines... Das Kostbarste ist aber dieses Fläschchen, Herr! Das ist Rosenöl... der edelste Tropfen überhaupt, den es gibt!«
A. »Sie verstehen Ihre Sachen gut anzupreisen, Herr Barbier! Sie sind ein tüchtiger Geschäftsmann, vor dem man auf seiner Hut sein muß. Doch werde ich Ihnen zu Liebe ein Fläschchen abkaufen, es sei denn, daß Sie Ihre Sachen nicht so teuer losschlagen.«
B. »I, Gott bewahre! Daß ich der reellste Mensch bin, das wissen ja alle Mannschaften und Passagiere des »König Albert.« Außerdem sind alle meine Sachen zollfrei und Sie werden sie ebenso billig kriegen wie in Deutschland... Ist Ihnen denn sonst nichts gefällig? Hier, diese Schnurrbartbinde? Kämme? Pomade?«
Da aber seine Aufmunterungen zu weiteren Ankäufen bei mir nicht verfangen wollten, so schlug er ein anderes Thema an, indem er sagte:
B. »Hören Sie, mein Herr! Die Haare der Herren Japaner sind doppelt so stark wie die derEuropäer. Meine Werkzeuge werden demnach doppelt so schnell stumpf. Außerdem fliegen die struppigen Haare im Zimmer umher und ich muß meine Augen wohl in Acht nehmen.«
Ich merkte aus seinen Reden heraus, daß er auf ein tüchtiges Trinkgeld reflektierte und sagte ganz verschmitzt:
A. »Ganz recht! Die Arbeit eines Barbiers mag wohl eine recht schwere sein, besonders wenn er einen unserer Landsleute unter seiner Schere hat. Aber ein geschickter Meister wie Sie weiß in allem Bescheid. Ihnen macht wohl ein so eigenartiges Haar wie das unsrige viel Spaß beim Schneiden, nicht wahr?«
In der Tat hatte aber der Barbier recht. Denn durch den Luftzug des Ventilators, der sehr gut funktionierte und die drückend heiße Luft der Barbierstube bedeutend herabsetzte, flogen unsere struppigen Haare in dem Raum umher, daß die Insassen nicht wenig davon belästigt wurden. Im großen und ganzen habe ich gesehen, daß der deutsche Barbier bei weitem ungeschickter ist als der unsrige. Außerdem ist letzterer viel peinlicher und vorsichtiger. – In Schweiß gebadet, mit Haaren bedeckt, kam ich, eine kleine Flasche Parfüm in der Hand und unter dem Kinn den winzigen Schnurrbart, den letzten Rest meines ehemaligen Vollbartes, zurück. Einmal und nicht wieder! – Später erfuhr ich, daß es allen meinen Landsleuten ebenso ergangen war und daß jeder eine Flasche Parfüm erstanden hatte.
Unter den Passagieren befanden sich Engländer, Franzosen und Deutsche in ziemlich gleicher Zahl und so oft diese auf dem Verdeck zusammenkamen, wurden Gespräche über allerhand politische Gegenstände geführt. Wovon man uns besonders oft erzählte, das war der japanisch-chinesische Krieg und die große Tapferkeit der japanischen Soldaten, welche, wie man meinte, in jeder Beziehung die chinesischen bedeutend übertreffen, speziell im Punkte der Mannszucht und Disziplin. Es wurde auch viel von der großen Beute erzählt, welche die verbündeten Soldaten bei den letzten Unruhen in Nordchina gemacht hätten. Einige französische Kaufleute, welche sich auf der Rückreise von China befanden, berichteten uns genaue Einzelheiten und behaupteten, daß bei diesen Wirren ein ungeheurer Reichtum von China nach Europa transportiert worden sei: so zeigte einer von ihnen eine sehr schöne Uhr, eine goldene mit mehreren Kapseln versehene Taschenuhr, verschwenderisch mit Edelsteinen und Brillanten übersäet, und erzählte hierbei, daß dieselbe aus dem kaiserlichen Palast in Peking stammen solle. – Ein anderer, erst in Singapore an Bord gekommener Passagier bemerkte mit ernster Miene, daß er bei seiner Abfahrt ein Gerücht vernommen hätte, daß zwischen Japan und Rußland ein Krieg ausgebrochen sei. Wir glaubten dies zwar nicht, immerhin aber war ein neues Thema angeregt und von allen Seiten wurde über dasselbe lebhaft debattiert. Der Brennpunkt war die Frage:welche der beiden Nationen Sieger bleiben werde? Wir hörten ruhig mit zu und nach längerem Hin- und Herraten stellte sich als Resultat heraus, daß Japan bei einem kürzeren Kriege die meisten Chancen hätte! Jedoch würden, falls der Krieg sich längere Zeit hinziehen würde, die Russen wohl imstande sein, die Oberhand zu gewinnen, da sie bei der Größe ihres Reiches im Verhältnis zu dem kleinen Japan dieses an Menschenzahl übertreffen. Wir enthielten uns jeder Äußerung, da trat ein hochgewachsener Mann mit großem Vollbart ungeduldig in den Kreis und sagte mit ernster, dröhnender Stimme: »Was kann denn Rußland gegen Japan ausrichten? Japan besitzt ja bei strengster Disziplin eine ausgezeichnete Kriegsmacht und eine wohlgerüstete Flotte von 25 000 Tonnen. Die russischen Barbaren, die nur zum Sengen und Brennen, Rauben und Morden geeignet sind, können gegen ein so vorzüglich organisiertes Heer nichts tun. Wenn einige behaupten, daß die Japaner im Körperbau kleiner sind als die Russen, und infolgedessen im Kampfe Mann gegen Mann nicht standhalten könnten, so muß ich dies entschieden bestreiten, denn im Kriege ist der Körperbau der einzelnen Soldaten nicht maßgebend, sondern der in ihnen wohnende Geist, die Opferfreudigkeit, die Ausdauer, der unerschütterliche Mut, der den Tod nicht scheut, das Nationalbewußtsein, welches sie, treu ergeben bis zum letzten Atemzuge, ihr Leben hingeben läßt. Alle diese Tugenden sind den japanischen Soldaten eigen. Daß übrigens der moderneKrieg kein Kampf der einzelnen Menschen gegeneinander, sondern ein Wettstreit der materiellen wie der geistigen Kräfte ist, ist jedem wohl bekannt. Der Umstand, daß Rußland infolge der Größe seines Landes viel mehr Menschen ins Feld stellen könnte, hat auch nicht viel zu sagen; denn bei einem Kriege ist die Beweglichkeit der Truppen ausschlaggebend und nicht ihre Zahl. Daß die Japaner die flinksten Soldaten waren, das haben sie bei den letzten Unruhen in Nordchina vor den Augen der verbündeten Soldaten Europas und Amerikas vortrefflich bewiesen. Bei einer noch so langen Lanze kann nur die Spitze töten und die Ochsen können nicht mit Hasen um die Wette laufen. Die Russen haben auch unser Land vernichtet, unser Volk ermordet; ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie meine Eltern und Geschwister getötet haben. Wir haben Rache geschworen gegen diese Unmenschen. Wir haben noch zwei Millionen kriegstüchtige Männer, die stets bereit sind, die Waffen gegen Rußland zu kehren. Wenn also Japan mit Rußland in Krieg gerät, so würden wir die Russen von hinten anfallen, auch wenn wir dieses Unterfangen mit dem Leben bezahlen müßten. Wir würden alles opfern und Japan zur Seite stehen!«
Wer ist denn der? fragten wir uns verwundert, worauf der Unbekannte unter lautem Seufzer erwiderte, daß er einer der unglücklichen, mißhandelten, heimatlosen Polen sei. Ob seine Reden Beifall fanden oder nicht, wissen wir nicht; aber wir bemerkten, daß, als er die Grausamkeit der Russenerwähnte, seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und in dem Augenblick, als er seine geballte Faust erhob, konnte man wohl ermessen, welch glühender Haß ihn gegen die Russen beseelte. Durch das Feuer seiner Rede hingerissen, dachten wir unwillkürlich an das traurige Ende seines Reiches und fühlten mit ihm. Wir konnten nicht umhin, uns im Stillen zu sagen, daß manches von dem Vorgebrachten wahr sei, wenn wir auch nicht alles glaubten, was uns dieser Pole mit Feuereifer vortrug.
Hans Küchenmeister, dem wir unsern leiblichen Teil anvertraut hatten, verstand seine Sache vortrefflich, sodaß wir unter seiner Obhut gut aufgehoben waren. Zudem war er sehr freigebig. Denn jeden Mittag und Abend bestand die Speisenfolge aus vielen Gängen, sodaß man trotz des gutes Appetites, den die frische Seeluft bei sämtlichen Passagieren erregte, nicht alles verzehren konnte. Morgens früh um 6 Uhr gab es das erste Frühstück mit Kaffee oder Tee, Brödchen, Früchten u. s. w., um 8 Uhr das zweite, dazu eine warme Fleischspeise, um 11 Uhr Kaffee mit einem kleinen Imbiß, mittags gegen 1 Uhr das große Mittagessen mit vielen Gängen, dann nachmittags um 4 Uhr wieder Kaffee und um 7 Uhr das Abendessen, dem um 9 Uhr noch einmal Kaffee, Tee, Zitronenwasser oder sonstige erfrischende Getränke folgten. Ich muß wirklich gestehen, daß die Verpflegung auf dem Schiffe gut, sehr gut war, und dochhatte ich eins zu tadeln und das waren die salzigen Speisen. Als ich am ersten Tage meines Aufenthaltes an Bord den ersten Löffel Suppe zu Munde führte, glaubte ich reines Salzwasser getrunken zu haben, sodaß ich den Löffel sofort fortlegte, und so wie mir erging es meinen sämtlichen Landsleuten. Einige Tage konnten wir nichts essen, bis uns der Hunger quälte und wir uns nach und nach an die salzige Kost gewöhnen lernten. Daß der Hunger der beste Koch sei, gilt also erst recht auf dem Schiffe! Zwar hatte ich schon in der Heimat gehört, daß die Gerichte der Deutschen viel schärfer als die unsrigen wären, aber wir hatten nicht geahnt, daß die Speisen bei ihnen so salzig genossen würden. Daß wir nach dem Essen immer ungeheuren Durst empfanden, ist selbstverständlich und wir konnten uns nun erklären, weshalb täglich soviel Bier verzapft wurde und weshalb die Deutschen so große Mengen dieses Gebräues vertilgen.
Ein Schiff in Sicht.Ein Schiff in Sicht.
Ein Schiff in Sicht.
Unter den vielen Nationalitäten, die sich an Bord befanden, traten die verschiedensten Gebräuche und Gewohnheiten hervor. So fiel es mir auf, daß die Engländer – Damen wie Herren – besonderes Gewicht auf die Toilette legten. Beim Abendessen z. B. erschienen die Engländer stets in schwarzer Kleidung, während die andern Passagiere sich so zeigten, wie sie gerade angezogen waren, und sich nicht erst besonders umkleideten. Ebenso erschienen die englischenDamen dekolletiert in Gesellschaftstoilette. Am Sonntag zum Gottesdienst waren fast immer nur Engländer zugegen, die der Predigt ihres landsmännischen Predigers, der lange als Missionar in China tätig gewesen sein sollte, andächtig zuhörten. Andere Nationen erschienen zu dieser Feier höchst selten. Auch waren es ausnahmsweise Engländer, die sich mit großer Beweglichkeit an den Spielen beteiligten und sich dabei selbst alte Leute mit den Kindern vergnügten. Daß die Engländer auch im Kartenspiel groß sind, habe ich bereits oben erwähnt. – In Colombo war eine englische Schauspielertruppe an Bord gekommen. Das Benehmen derselben aber war nicht gerade lobenswert zu nennen.Sie waren zwar lebhaft, hatten aber wenig feine Manieren, wie sie bei andern ihrer Landsleute oft zu finden sind; besonders war das Singen, Schreien, Trinken u. s. w. der Damen recht unschön, sodaß wir ordentlich aufatmeten, als diese Gesellschaft das Schiff verließ.
Die Deutschen sind stillerer Natur; sie sitzen gewöhnlich bei einem Glase Bier, rauchen Zigarren oder lesen irgend etwas, was sie auf dem Schiff bekommen, wie Novellen, Reisebeschreibungen u. s. w., die Bibliothek des Schiffes steht zwar jedem jederzeit zur Verfügung, wird aber am meisten von Deutschen in Anspruch genommen. Die interessantesten Bücher gehen stets von einem Deutschen zum andern, sodaß wir diese kaum zum Lesen erhielten. Einige von ihnen sitzen im Winkel des Rauchsalons und sind so in ihre Lektüre vertieft, daß sie kaum merken, was um sie vorgeht. Um ihr Äußeres bekümmern sich die Deutschen bedeutend weniger als die Engländer, sie geben sich ganz ungezwungen. Von ihnen kann man sagen: wahrlich ein leselustiges Volk.
Die Franzosen sind immer aufgeweckt, fröhlich und gesprächig, sie gehen meistens in laut geführter Unterhaltung auf dem Promenadendeck spazieren, mischen sich in jedes Gespräch, spielen Karten, trinken, rauchen Cigaretten und sind immer vergnügt und guter Dinge. Ich sprach mit einem Franzosen und sagte, daß seine Landsleute zwar sehr leutselig, gewandt im Verkehr und witzig seien, aber daß sie in mancher Beziehung zu leichtlebig und ihrer Regierungallzuoft Sorgen bereiten, sodaß diese stets darauf bedacht sein müsse, neue Ablenkungen für das Volk zu finden, wenn es sich nicht allzuviel mit den politischen Angelegenheiten beschäftigen sollte. Da sagte mir der Franzose, daß diese Ansichten fast von allen Menschen geteilt, aber in Wirklichkeit nicht zutreffend seien. Er meinte, man könne wohl die Pariser so beurteilen, aber wenn man von dem ganzen französischen Volke spräche, so sei dies etwas übertrieben. Paris ist eine Weltstadt, in der alle Nationen in großer Anzahl vertreten sind; will man daher echte Franzosen kennen lernen, so darf man diese nicht in Paris suchen. Wenn man einmal ins Innere des Landes kommt, wird man ein Volk mit stillerem, ruhigerem Charakter antreffen, das von den sogenannten Parisern sehr absticht. Schlicht, einfach und gehorsam, sanft wie ein Lämmchen, kümmern sich diese Leute wenig oder garnicht um Politik. Als ein Beispiel dafür könnte man jene merkwürdige Begebenheit mit Dreyfus anführen, über den in Paris so viel geschrieben und gesprochen wurde. Man nahm an, daß dies die Stimme ganz Frankreichs wäre, in Wirklichkeit aber wußte man außerhalb von Paris nur wenig von ihm. Während die ganze Stadt in großer Aufregung war, als der Verurteilte nach seinem Verbannungsorte geschickt werden sollte, stand man dieser Sache im Lande ziemlich kühl gegenüber. Um den echten Franzosen kennen zu lernen, sollte man also ins Innere gehen, nur dort kann man Land und Leute richtig beurteilen. Ichgab seinen Ausführungen Recht und versicherte ihm, daß dieselben viel Überzeugendes hätten.
Wie sich nun unsere Landsleute auf dem Schiffe bewegten, was sie trieben und wie sie lebten, brauche ich hier nicht zu erörtern, denn der japanische Charakter ist ja uns allen bekannt. Sollte jedoch irgend jemand sein, der es wissen möchte, nun gut, der mag selbst die Reise antreten.
Ja, die Seekrankheit ist eine wunderbare Krankheit! Gottlob, daß sie auf unserer Fahrt nicht so schlimm auftrat, trotzdem wir von Colombo bis Aden fast fünf Tage lang ziemlich hohen Wellengang hatten. Es ist ein unheimliches Gefühl, wenn das Schiff so stark schaukelt, sich jetzt auf diese, nun auf jene Seite legt; bald glaubt man in einen Abgrund zu versinken, bald zu den Wolken emporgetragen zu werden. Und dann, wenn sich das Hinterschiff aus dem Wasser erhebt, das dumpfe Getöse der Schrauben, das man noch lange nach beendigter Fahrt zu vernehmen glaubt. An einem besonders stürmischen Tage konnten die meisten den Speisesaal nicht betreten. Eine Dame war vom Anfang der Fahrt bis zum Ende seekrank, sodaß sie fortwährend auf dem Verdeck liegen mußte und weder essen noch schlafen konnte; sie sah wirklich mitleiderregend aus. Ein junger Deutscher pflegte sie sehr aufopfernd, sodaß man glauben konnte, die beiden ständen sich auch im sonstigen Leben näher. Beide verließen das Schiffin Neapel, um ihre Reise von dort aus zu Land fortzusetzen. Unsere besten Wünsche begleiteten sie, und wir hofften, daß sie glücklich und gesund ihre Heimat erreicht haben.
Gegen die Seekrankheit gibt es meiner Erfahrung nach zwei Verhaltungsweisen, entweder man liegt ganz still oder man bewegt sich fortwährend so viel wie nur irgend möglich. Ich habe bemerkt, daß korpulente Personen mehr von dieser Krankheit geplagt wurden, als andere Menschen. Unter meinen Landsleuten befand sich auch einer, der sehr leicht seekrank wurde, er blieb die meiste Zeit in der Kajüte und ließ sich selten sehen. Beim Essen erschien er – da der Hunger ihn plagte – aß sehr schnell, fast ohne zu kauen und – verschwand. Gingen wir jedoch an Land, so war unsere Kolonie stets vollzählig, sodaß wir es hinnehmen mußten, als ein Deutscher zu uns sagte: »Eigentümlich, wenn Sie an Land gehen, sind Sie vollzählig, sonst nicht.«
Ich habe stets mit meiner Seetüchtigkeit geprahlt und sie auch auf der ganzen Fahrt bewahrt, ausgenommen an einem Tage. An diesem Tage, glücklicherweise dem einzigen während der ganzen Seereise, bin auch ich ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden. Das wollte ich eigentlich geheim halten, aber da ich versprochen habe, meine Erlebnisse treu mitzuteilen, so fühle ich mich verpflichtet, der Wahrheit zu Ehren auch dieses zu berichten. Die Seekrankheit verursacht ein geradezu unbeschreibliches Gefühl, zumal wenn man, wie ich,beim Bade von ihr überrascht wird. Eine große Welle stürmte heran, der ganze Schiffbau hob und senkte sich in schaukelnder Bewegung; es hob und senkte sich auch mir im Innern, sodaß ich das Gleichgewicht verlor und vergebens nach einem Halt suchte... Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn... es schwindelte mir vor den Augen... der Magen krampfte sich zusammen... ein Pressen im ganzen Körper... »und es wallet und brauset und siedet« und – ich war seekrank, ich, der ich sonst mit mitleidigem Lächeln auf die seeschwachen Passagiere herabschaute! Gottlob, daß diese Krankheit sonst keine nachteiligen Folgen hat! Glücklich derjenige, dem es vergönnt ist, von einer solchen Reiseerinnerung verschont zu bleiben!
Auf dem Vorderdeck des »König Albert«.Auf dem Vorderdeck des »König Albert«.
Auf dem Vorderdeck des »König Albert«.
Eine der gefährlichsten Erscheinungen während der Fahrt ist der Nebel, und zwar am gefährlichsten, wenn das Schiff sich in der Nähe eines Strandes oder gar einer Klippe oder Sandbank befindet. Ein Sturm ist zwar für Schiffe ebenfalls gefährlich, jedoch kann man bei der festen, soliden Bauart der heutigen großen Dampfer und der theoretisch wie praktisch hochstehenden Ausbildung der Führer einem Sturm mit Ruhe entgegensehen, zumal wenn sich das Schiff auf hoher See befindet. Etwas anderes ist es aber mit dem Nebel, da nützt sowohl die Festigkeit des Schiffes als auch die kunstgerechte Führung fast garnichts, denn bei dichtem Nebel kann man jakaum zwei Schritte weit sehen. Zwar werden allerlei Mittel angewendet, um die Gefahr zu verringern; man hat auch die verschiedensten Apparate erfunden, um die augenblickliche Lage des Schiffes möglichst genau zu bestimmen, aber trotz alledem ist bei einem Nebel die Gefahr für Schiff und Besatzung bei weitem größer als bei einem Sturm. Als wir von Hongkong nach Singapore fuhren und uns nicht weit von der Insel Formosa befanden, wurden wir eines Morgens von einem dichten Nebel überrascht. Dieser Teil des Meeres ist wegen der zahlreichen Klippen, welche jene Insel umgeben, den Schiffern als einer der gefährlichsten bekannt. Es verursacht ein unheimlichesund angstvolles Gefühl, wenn auf dem Schiffe allerlei Anstalten getroffen werden, die auf eine ernste Gefahr hindeuten. Die Fahrgeschwindigkeit wird auf ein Minimum herabgesetzt, nur langsam bewegt sich das Schiff vorwärts; von Zeit zu Zeit liegt es ganz still. Die Glocken werden in einem fort geläutet; die Dampfpfeife und das Nebelhorn ertönen, um bei etwaiger Annäherung eines anderen Schiffes einen Zusammenstoß zu vermeiden, dazwischen hört man das Kommando der Offiziere. Zwar sind die stärksten elektrischen Lichter angezündet; da man sich jedoch gegenseitig auf ein paar Schritte kaum erkennen kann, so ist klar, daß auch dies wenig hilft. In solch einer ernsten Stunde hört alles lebhafte Treiben an Bord auf; es wird totenstill und jeder hat mit sich selbst zu tun. Er denkt an das, was ihm im Leben am nächsten steht, läßt so manches an sich im Geiste vorüberziehen, sein fernes Heim, seine lieben Angehörigen, die von dem furchtbaren Ernst der Stunde keine Ahnung haben. Dieser angstvolle Zustand währte etwa drei Stunden, und als dann der dichte Nebelschleier zerriß, sahen wir auf der einen Seite, nicht allzuweit von uns, einen Postdampfer vorüberfahren. Bei diesem Anblick befiel uns unwillkürlich ein Grausen. Was hätte uns zustoßen können, wenn sich der Nebel nicht aufgeklärt hätte! Durch Gottes Hilfe war diesmal ein Unglück vermieden, sonst hätten wir vielleicht hier ein nasses Grab in dem unendlichen Meere gefunden. Das schöne Lied von Goethe möchte ich hier anführen, worin er»die glückliche Fahrt« – freilich weniger nach gefährlichem Nebel als nach lang anhaltender Windstille – besingt:
»Die Nebel zerreißen,Der Himmel ist helleUnd Äolus lösetDas ängstliche Band.Es säuseln die Winde,Es rührt sich der Schiffer.Geschwinde! Geschwinde!Es teilt sich die Welle,Es naht sich die Ferne;Schon seh' ich das Land!«
»Die Nebel zerreißen,Der Himmel ist helleUnd Äolus lösetDas ängstliche Band.Es säuseln die Winde,Es rührt sich der Schiffer.Geschwinde! Geschwinde!Es teilt sich die Welle,Es naht sich die Ferne;Schon seh' ich das Land!«
»Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh' ich das Land!«
Wirklich interessante Erscheinungen sind die verschiedenen Tierarten, welche dem Schiffe unterwegs begegnen oder dasselbe ein Stück begleiten. Zunächst sind es die Möven, jene schöne Art von Seevögeln, welche in großer Anzahl das Schiff umkreisen. Wenn sich letzteres dem Strande oder dem Hafen nähert, sieht man viele hunderte von diesen Vögeln, die auf den Augenblick warten, wo alle Überbleibsel der Speisen, wie Brot, Fleisch u. dergl., über Bord geworfen werden. Es ist ein sehr anziehendes Schauspiel, wenn diese Seevögel, nachdem sie eine Zeitlang durch die Luft geschwebt sind, mit einem Male zum Wasser hinabschießen, um kleine Fische zu fangen. Einige tauchen unter, andere bleiben so recht vergnügt auf der Oberfläche der Wellen. Wenn man von Bord aus dieses lustige,harmlose Treiben zwischen dem blauen Himmel und dem grünen Meere betrachtet, so könnte man diese zierlichen Tiere beinahe beneiden und meinen, man möchte wohl auch solch ein Vogel sein, um so recht vergnügt und froher Dinge in der freien Luft zu schweben und sich ohne Sorgen in Gesellschaft der Kameraden zu tummeln. Aber auch diese Vögel haben ein Leben voller Gefahren. So sahen wir eines Abends einige Möven, welche unserem Schiffe folgten und vor Mattigkeit kaum noch zu fliegen vermochten. Diese hatten sich wahrscheinlich von ihrem heimatlichen Strande zu weit entfernt und konnten ihn nicht mehr erreichen. Sie waren so matt, daß sie sich, ohne vor uns zurückzuschrecken, am Schiffsgeländer niederließen und sich mit bloßen Händen fangen ließen. Am nächsten Morgen gaben wir unsere kleinen Gefangenen, nachdem wir sie tüchtig gefüttert hatten, wieder frei, in der Hoffnung, daß sie den Weg zum heimatlichen Strande zurückfinden würden.
Die eintönige Fahrt wird ferner durch die fliegenden Fische unterbrochen. Diese sind jedoch nicht überall anzutreffen; sie scheinen bestimmte Strecken im Meere zu verschiedenen Zeiten aufzusuchen. So sahen wir sie tagelang garnicht, an anderen Tagen dagegen konnten wir sie in bedeutender Zahl beobachten. Sie schnellen mittels ihrer großen langen Flossen über die Oberfläche des Wassers wie ein abgeschossener Pfeil dahin. Von weitem hat ihre Fortbewegung viel Ähnlichkeit mit dem Fluge einer Schwalbe.
Das Interessanteste von allem aber war unsere Begegnung mit einem Walfisch. Ca. 400-500 m vom Schiffe entfernt, entdeckten wir eines Tages ein schwarzes Etwas. Wir glaubten ein Wrack oder eine Klippe vor uns zu haben, aber als wir einige Zeit aufmerksam hingesehen hatten, bemerkten wir, daß diese schwarze Masse sich immer mehr hob und dann plötzlich verschwand. Dieses wiederholte sich mehrmals. Da auf einmal ragte ein Riesenkörper empor, und nun erkannten wir einen mächtigen Walfisch. Weil er sich von dem Meere fast senkrecht abhob, konnten wir die ganze Gestalt sehr gut erkennen. Wenn wir auch bei der Entfernung die Länge des Tieres nicht genau nach Metern zu bemessen vermochten, so war uns doch das eine klar, daß wir einen mächtigen Riesen des Meeres vor uns hatten. Es war ein imposanter Anblick, dieses Auf- und Untertauchen des gewaltigen Tieres, und wir verfolgten dasselbe mit unseren Augen, so lange es irgend möglich war. Ich hätte gewünscht, die Fahrt des Schiffes auf einige Augenblicke hemmen zu können, damit auch alle andern Passagiere an diesem Schauspiel sich hätten weiden können, aber leider war es unmöglich, und so mußten die, die es nicht gesehen, mit unserer Erzählung fürlieb nehmen.
Nicht so imposant wie diese Riesen sind die Delphine, aber auch sie tragen zur Unterhaltung viel bei und bringen einige Abwechslung in das Leben an Bord. Wir haben viele Delphine in einzelnen Gruppen beobachten können, einmal sogar zumehreren Hunderten. Sie scheinen ein bis zwei Meter groß zu sein, tauchen mit ihrem plumpen Körper kopfüber unter oder schnellen aus dem Wasser heraus, um über dem Meeresspiegel ihre Kunststücke zu üben. – So hat auch das Meer durch seine Bewohner seinen Tribut zur Unterhaltung der Passagiere dargebracht.
Demjenigen, der zum ersten Male zu Schiff reist und nun mehrere Wochen an Bord zubringen muß, wird eigentümlich zu Mute, wenn er sich sein neues Heim näher ansieht. So will ich denn hier versuchen, meinen Lesern und besonders meinen jungen Freunden in der Heimat einen flüchtigen Einblick in dieses neue Leben zu verschaffen, damit sie bei einer späteren Reise besser Bescheid wissen. Zunächst die Kajüte. Man denke sich einen Raum von 2½ bis 3 m im Quadrat, auf der einen Seite zwei Bettstellen übereinander und neben diesen einen Kleiderschrank von etwa ½ m Breite und ½ m Tiefe, auf der andern ein Sofa. Zwischen Sofa und Betten befinden sich zwei große Spiegel mit Waschtoilette schräg gegenüberliegend, sodaß zwischen diesen noch ein freier, allerdings nicht großer Raum übrig bleibt. Hier stehen die kleineren Koffer, das sogenannte Handgepäck, während die großen Koffer in dem Magazin für Passagiergepäck aufbewahrt werden, das täglich zu einer bestimmten Zeit den Reisenden zugänglich ist. Eine Leiter für den Inhaber des oberen Bettesist selbstverständlich auch vorhanden, damit sich derselbe in seine in der ersten Etage liegenden Gemächer zurückziehen kann. Die Waschtoilette besteht aus Waschschüssel, Wasserkaraffe, Gläsern, Nachtgeschirr, Seife und Handtüchern und ist äußerst praktisch eingerichtet; man braucht sie nur herunterzuklappen, dann hat man eine hübsche große Fläche mit dem Nötigen vor sich. Nach Benutzung klappt man alles wieder hoch und spart auf diese Weise viel Raum. Auf dem Schiffe muß man sich überhaupt daran gewöhnen, mit wenig Raum auszukommen, da dieser das Kostbarste in der schwimmenden Wohnung ist. Zum Zudecken des Körpers während des Schlafes benutzt man wollene Decken, welche vom Schiffe geliefert werden. Das ist die ganze »komfortable« Einrichtung einer Kajüte. Anfangs schien es mir, als ob ich mich in dieser engen Behausung nicht frei bewegen könnte, ohne irgendwo anzustoßen, vermochte ich doch mit ausgestreckten Armen die Decke zu berühren! Obwohl wir Japaner so zierlich gebaut sind, kam mir meine neue Welt doch so winzig vor, daß ich glaubte, ich hätte selbst für meine kleine Person keinen Platz darin. Aber wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnten auch wir uns bald an unsere Kajüte und meinten später ein großes Reich zu besitzen. Man bedenke, ein Handausstrecken genügt, und alles was man haben will, kann man erreichen und fassen: kann es etwas bequemeres geben? So fühlten wir uns in diesem engen Raum am Ende ganz wohl, vor allenDingen fanden wir ihn sehr praktisch. Wenn man an die vielen Zimmer denkt, die man sonst zu Hause zu bewohnen pflegt, dann muß man sich unwillkürlich sagen: Welch' eine Verschwendung, welch ein großer Luxus ist eine so große Wohnung! Kann man doch mit bedeutend weniger auskommen! So dachten wir oft verständnisvoll an den Griechen Diogenes, der in einer Tonne gelebt haben soll, an Sokrates, der gesagt hat, daß Nichts bedürfen göttlich sei, daß demnach derjenige, welcher am wenigsten bedürfe, der Gottheit am nächsten sei.
Die Einrichtung der Kajüten der ersten und zweiten Klasse ist so ziemlich gleich, nur sind sie in der ersten Klasse etwas geräumiger und haben eine bessere Ausstattung. Meine Kajüte hatte einen Vorzug, das waren zwei Luken, durch die sie frische Luft und Licht erhielt; bei schönem Wetter blickte auch wohl die Sonne herein und verlieh dem Raum ein freundliches Aussehen. Die Kajüten aber, die in der Mitte des Schiffes liegen, sind dunkel und ohne Luken, sodaß man stets elektrisches Licht anzünden muß, um einigermaßen sehen zu können; außerdem sind sie mit einem Ventilator versehen, welcher elektrisch betrieben wird und für frische Luft sorgt. Aber leider ist seine Tätigkeit nur in einer bestimmten Höhe fühlbar, denn ober- und unterhalb derselben entsteht kein Luftzug, sodaß im ganzen in einer solchen Kabine keine angenehme Luft herrscht. Noch einen andern Übelstand bringt der Ventilator mitsich, das ist sein Geräusch, welches recht unangenehm auf die Nerven wirkt.
Nachdem man des Nachts in der Kajüte der Ruhe gepflegt hat, fängt mit Anbruch des Tages das Leben auf dem Verdeck an. Sobald die Glocke läutet, steht man auf, geht eine Zeitlang auf dem Verdeck spazieren und nimmt dann, wenn die Glocke zum zweiten Male ertönt, das erste Frühstück ein. Einige jedoch standen schon vor dem ersten Glockenschlag auf und wanderten auf dem Verdeck umher, denn es ist unstreitig von allem Schönen das Schönste, wenn man sich früh morgens erhebt und die weite unendliche See mit dem wunderbaren Aufgang der Sonne betrachtet. Die erhabene Unendlichkeit des Meeres, von dem in mattem Rot gefärbten Dunstschleier am Horizont begrenzt – welche Herrlichkeit! Ich mußte dabei öfters an ein Gespräch unseres verstorbenen Kultusministers Vicomte Mori mit dem chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang denken, als jener noch als Gesandter von Japan am Pekinger Hofe weilte. Li fragte ihn nämlich einmal, was er in der Welt für das Schönste und Erhabenste halte, worauf jener zur Antwort gab, daß es für ihn nichts Schöneres und Erhabeneres gäbe, als wenn er sich mitten auf dem endlosen Meere befinde und das Auge über die weite, weite Fläche schweifen ließe. Nur in diesem Augenblick fühle man, entrückt von allem irdischen Staube, das wahrhaft Schönste und Erhabenste! Li-Hung-Tschang, der auf seine scheinbar einfache Frage vielleicht eine politische Antwortzu erhalten geglaubt hatte, war ob dieser unerwarteten gefühlvollen Entgegnung nicht wenig erstaunt und konnte nicht umhin, sein Gegenüber als einen ebenso empfindungsreichen wie geschickten Diplomaten anzuerkennen.
Auf das erste Frühstück folgt, wie schon oben erwähnt, in langem Abstand das zweite. Nach diesem wird durch Lesen oder Unterhaltung die Zeit auf dem Promenadendeck vertrieben, bis die Glocke zum Mittagessen ruft und auch diese Beschäftigung unterbricht. Nach dem Essen folgt die Siesta bis zur Vesperzeit. Da sieht man fast alle Passagiere langgestreckt auf den Rohrstühlen liegen und schlafen. Erst am Abend, wenn es kühler wird, beginnt ein regeres Leben. Da wird der Rauchsalon stark besetzt, auf dem Promenadendeck spaziert man paarweise plaudernd umher oder bildet hier und da Gruppen, von denen Witzworte hin- und herfliegen. So geht es bis spät in die Nacht hinein, um endlich ermüdet seine enge Behausung wieder aufzusuchen und, des glücklich überstandenen Tages froh, durch erquickenden Schlaf sich zum nächsten Tage zu stärken. Ein Tag gleicht dem andern, nur das Ziel rückt immer näher und neugierigen Auges betrachtet man den Ort, wo sich das Schiff befindet, auf der an Bord befindlichen Landkarte. Jeden Tag einmal wird nämlich auf dieser Karte angezeigt, wieviel Meilen das Schiff in den letzten 24 Stunden zurückgelegt hat und welche Stelle es augenblicklich einnimmt.
Im allgemeinen kann man sagen, daß nächst dem Essen und Trinken das Schlafen die Hauptbeschäftigung der Passagiere ausmacht und daß Morpheus vor allen andern Göttern hier sein Szepter schwingt: