V.Hongkong.

Indischer Polizist in Shanghai.Indischer Polizist in Shanghai.

Indischer Polizist in Shanghai.

Eine Eigentümlichkeit von Shanghai sind die verschiedenartigen Polizisten, die aus Engländern, Franzosen, Amerikanern, Chinesen und Indern bestehen. Die indischen Polizisten gewähren einen schönen Anblick; sie zeichnen sich durch ihre stattliche Gestalt aus, sind groß, kräftig, ganz braun, tragen einen schwarzen Vollbart, sind europäisch gekleidet und gehen mit einem Knüttel in der Hand gravitätisch die Straße einher. Was den Reiz dieser Erscheinung noch erhöht, ist der ungeheuer große Turban. Selbst der kleinste von ihnen scheint zwei Meter groß zu sein – wahrlich, herkulische Gestalten! Ihr muskulösesAussehen verleitet zu der Annahme, daß sie ganz geeignet seien, einen Löwen zu bändigen, daß sie also spielend mit einem Verbrecher fertig würden. Aber wie ich höre, soll dies in Wirklichkeit nicht der Fall sein, denn so ein Herkules soll feige sein und Reißaus nehmen, wenn ihm etwas Ernstes inden Weg tritt. Was ihre Verstandeskräfte anlangt, so sollen sie auch leider würdige Sprößlinge ihres Stammes sein, denn wenn ihnen irgendwie schwierige Aufgaben gestellt werden, so wissen sie sich keinen Rat. Zwar können sie unterscheiden, was schön und häßlich, was gut und schlecht ist, wenn sie es mit eigenen Augen angeschaut haben, darüber hinaus geht jedoch ihre Urteilskraft nicht. Ihr langzöpfiger Kollege, der chinesische Polizist, scheint in manchen Stücken geschickter zu sein, obwohl er nicht so gut aussieht. Kurz, der indische Polizist ist mehr zum Paradieren da. Einen guten Zug hat er aber außerdem doch, und das ist seine Unparteilichkeit. Die weißen Polizisten sind, wie man sagt, nur zu leicht geneigt, in strittigen Fällen die Partei ihrer engeren Landsleute zu ergreifen; das tut aber der indische Polizist nicht, sondern hält sich in lobender Weise neutral.

Wie im Fluge war die Zeit dahin geschwunden und darüber war es Abend geworden. Unsere Absicht, noch die Altstadt zu besichtigen, wurde leider durch einen starken Regen vereitelt, deshalb traten wir die Rückfahrt nach dem »König Albert« an, den wir erst spät in der Nacht erreichten. Aber wir alle fühlten uns von dem Verlauf des Tages durchaus befriedigt, so daß ihn jeder von uns in seinem Tagebuch als einen genußreichen aufzeichnen konnte.

Die Hitze, die wir bisher in der frischen Seeluft nicht gespürt hatten, machte sich schon recht bemerkbar, als unser stolzer »König Albert« am 16. April vormittags in den Hafen von Hongkong eindampfte. Hongkong, d. h. der »duftende Hafen«, liegt südöstlich von Kanton hart an der Grenze der tropischen Zone und ist eine kleine Insel von kaum 15 km Länge und 7-8 km Breite, welche durch einen schmalen Meeresarm vom Festlande, der Halbinsel Kowloon, getrennt wird. Sie ist seit dem Frieden von Nankin im Jahre 1842 an die Engländer abgetreten worden und bedeutet jetzt eine Perle der britischen Kolonieen. Die Bewohner, ca. 300 000, sind meist Chinesen neben etlichen tausend Indiern; unter den Europäern, deren Anzahl nur ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung ausmacht, sind die Portugiesen am meisten vertreten, ihnen folgen die Engländer mit ein paar tausend Mann Garnison. An der Nordküste der Insel liegt die Stadt Viktoria, die amphitheatralisch angelegt ist und im Schmuck ihrer hell leuchtenden Häuser und grünen Bäume, namentlichvom Meer aus, einen herrlichen Anblick gewährt. Was aber die Augen des Reisenden am meisten anzieht, ist das Treiben im Hafen.

Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).

Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).

Fahrzeuge aller Art und aller Nationen erblickt man dort: mächtige Kriegsschiffe, insbesondere britische, welche dem chinesischen Geschwader angehören, große und kleine Postdampfer, schwerbeladene Handelsschiffe, zahllose Dschunken, Boote u. s. w. Hier läuft ein Schiff ein, dort sticht ein anderes in See, in dicken Säulen steigt der Rauch aus den Schornsteinen empor, überall ein Tuten, Pfeifen, Rasseln, Klirren, daß einem von all dem Geräusch fast die Sinne benommen werden. Und wie es im Hafen von Menschen wimmelt! Schwere Kisten werden auf- und abgeladen, Fässer werden gerollt, Ballen gewälzt, Gepäck geschleppt, Karren mit Pferden fahren hin und her, Lastträger mit Tonnen drängen sich ächzend durch die Menge – kurz, alles ist in regster Bewegung. Daß Hongkong als Handelsplatz und als Seehafen des Weltverkehrs an der ganzen ostasiatischen Küste tatsächlich eine große Rolle spielt, ist schon daraus ersichtlich, daß fast alle Handelsstaaten hier Konsulate haben; Tee, Seide, Opium, Zucker, Öl, Salz, Baumwolle, Elfenbein, Nahrungsmittel der verschiedensten Art sind die wesentlichsten Gegenstände des Handels.

Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Führung eines seiner Beamten betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerstQueen's Road, die schönste und belebteste Straße. An beiden Seiten reihen sich chinesische und europäische Verkaufsläden in buntem Gemisch aneinander; das Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebäude u. s. w. befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich aussehenden Gebäude sind meist in europäischem Stil aufgeführt. Die Straßen sind ziemlich sauber, aber leider ein bißchen eng, was jedoch die Lebendigkeit des Straßenlebens bedeutend erhöht. Zum Fahren dienen zierliche Rollstühle, auch den Chinesen eigentümliche Tragsessel werden viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhältnismäßig wenig, da die bergige Lage und die enge unregelmäßige Straße es nicht erlauben. Das Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung große Ähnlichkeit mit jenem Shanghais.

[Unbetiteltes Bild]

Nachdem wir die Straßen durchwandert, die Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen und auch einige Einkäufe, wie z. B. Tropenhüte u. dgl., gemacht hatten, wollten wir zum Viktoria-Park, von dem die Reisenden nicht genug zu erzählen wissen, hinansteigen. Die große Hitze jedoch und die spärlich bemessene Zeit nötigten uns von dem Vorhaben abzustehen und wir benutzten die Drahtseilbahn, dieuns schnell auf den Gipfel führte. In ungefähr einer Viertelstunde waren wir am Ziel. Aber in diesem Augenblick kam leider der Nebel, eine sehr häufige und unangenehme Erscheinung dieser Gegend, heraufgezogen, und ehe wir uns versahen, bedeckte er mit seinem Schleier den ganzen Berg. Nicht zehn Schritte konnte man vor sich schauen, man hätte ihn mit einem Messer durchschneiden können – so dick war er! Von der großartigen Aussicht nach dem Hafen war nun keine Rede mehr und es blieb uns nichts weiter übrig, als geduldig die Zeit abzuwarten, bis der Nebel sich gesenkt hatte. Wir kehrten deshalb im Wirtshaus Peak-Hotel ein, ließen uns die englische Küche gut schmecken und sahen zu, ob nicht durch die flatternden Nebelgespinste sich irgend etwas unsern Blicken darböte. Und sieh! Nach ungefähr einer Stunde teilte sich der Nebel und auf einmal lagen zu unseren Füßen Stadt, Hafen und weiter hinten die Halbinsel Kowloon. Wir standen in stiller Bewunderung da, die Operngläser vor den Augen haltend. Da unser Standpunkt nicht allzu hoch war, so konnte man die Form und Farbe eines jeden Gegenstandes noch deutlich unterscheiden. Ein entzückendes Panorama! An den Abhängen sieht man übereinander aufsteigende Höfe von tropischen grünen Baumgruppen umgeben und prächtige Villen mit herrlichen Gartenanlagen; aus den Straßen der Stadt erheben sich große, stattliche, wie Paläste und Schlösser aussehende Gebäude, darunter mischen sich die schwarzen Kuppeln und die rötlichen Türme der Kirchen und Kapellen.Hinter dem Halbkreis des Hafens dehnt sich der unendliche Ocean aus, auf dessen blauem Spiegel hunderte von Schiffen wie weiße Schwäne umherschwimmen. Auf der anderen Seite des Berges sieht man in einer talförmigen Vertiefung ein großes Wasserbecken, das im hellen Sonnenschein wie ein smaragdner See leuchtet; hier wird das Regenwasser sorgfältig gesammelt und mittelst Röhren in die Stadt geleitet, wo man es zum Trinkwasser verwendet.

Hongkong (Chinesisches Viertel).Hongkong (Chinesisches Viertel).

Hongkong (Chinesisches Viertel).

Aus dem einförmigen Leben auf dem Schiff in die Mitte dieses schönen, erhebenden Anblickes versetzt, fühlten wir uns so erquickt und blickten wie gebannt immer und immer wieder in die weite Natur hinaus, als wollten wir alle diese Schönheiten in unsere Brust einsaugen. Da fällt aber mit einem Male der Vorhang vor unseren Augen: mit dem wiederkehrenden Nebel ändert sich die Szene, und in einem Augenblick ist von all dem Gebotenen nichts mehr zu sehen. Mit der Drahtbahn rollten wir nun wieder mit haarsträubender Schnelligkeit den steilen Abhang hinab bis zu der Station, die am Fuße des Berges liegt, dann folgten wir der freundlichen Einladung der Firma Mitsui, stiegen einen gewundenen Weg hinauf und gelangten bald in eine schöne Villa, die der Firma gehört. Von dem Umherlaufen des langen Tages und von der Hitze im unheimlichen Nebelkreise müde, lehnte ich mich an das Geländer der Veranda und schaute in den Garten hinab, der mit den prächtigen bunten Blumen, wie sie der tropischen Zone eigen sind, geschmückt war; ein wenig unterhalbbefand sich ein geräumiger Tennisplatz. Hier sah ich ein paar kleine japanische Mädchen von sechs bis sieben Jahren, die sich mit Spiel und Blumenpflücken vergnügten – liebliche Erscheinungen sondergleichen, die ich schon jahrelang vermißt zu haben glaubte. Unverwandt ruhten meine Augen auf ihnen... was für eine Gestalt schwebt dir vor und woran denkst Du?...

Bei der Tafel wurden uns einige Herren und Damen von der Firma vorgestellt und nun langten wir tüchtig zu; zu unserer großen Überraschung und Freude bekamen wir hier japanische Kost vorgesetzt. Kein Wunder, daß deshalb bei Tisch die heiterste Laune herrschte; ja, man konnte bei der gemütlichen Unterhaltung fast wähnen, daß man sich daheim im trauten Kreise der Freunde befände. Nach dem Essen spielte Herr Musiklehrer Taki Klavier; er gab manch japanisches Stück zum besten und trug dadurch wesentlich zur Erhöhung der Stimmung bei. Vom Fenster aus sahen wir tausende von Lichtern, die wie gesäete Sternlein auf dem Meere funkelten und feenhaft das Wasser beleuchteten.

Am 17. mittags wurden die Anker gelichtet. Ich stand auf dem Verdeck, sah vor mir die schöne Insel und konnte nicht umhin, an die geschichtlichen Tatsachen zurückzudenken, wie und warum die Chinesen genötigt wurden, den Engländern dieses Eiland abzutreten. Daß der chinesische Kaiser Süan die Auslieferung alles in den englischen Schiffen und Magazinen befindlichen Opiums, dieses wichtigsten undgewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr, forderte, um dem Opiumhandel mit einem Mal ein Ende zu machen und daß er die ausgelieferten 20 000 Kisten im Wert von 4 Mill. Pfd. Sterling verbrannte, daß Streitigkeiten darauf erfolgten, daß England am Ende den Krieg erklärte u. s. w., ist einem jeden zu bekannt, um hier wiederholt zu werden. Zwar ist die Insel im Vergleich zu dem ungeheuer großen Reich der Mitte ein kleines Stückchen Land, aber ein harter Verlust ist und bleibt es doch für die Chinesen, zumal wenn man bedenkt, daß ihnen seit der Zeit ein Stückchen Land nach dem andern verloren ging. Wehe ihnen, wenn sie am Ende gar noch die Mandschurei einbüßen sollten! Im großen und ganzen ist aber die Abtretung Hongkongs für den Weltverkehr ein wahrer Segen gewesen, denn in den Händen derChinesen wäre die Insel bei weitem nicht zu ihrer jetzigen Blüte gelangt. Die Menge an Kapital, Arbeit und Fleiß, die die Engländer aufgewendet haben, um die Insel zu dem zu machen, was sie heute ist, ist der höchsten Anerkennung wert. Die großartigen Quai- und Dockanlagen sind ihr Werk, ebenso die mühevolle Bepflanzung des Peak, den der Viktoria-Park schmückt.

Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.

Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.

Auch Gewerbe und Industrie verdanken ihren Aufschwung wesentlich den Engländern. Fabriken und Werkstätten der verschiedensten Art, wie z. B. Zuckerfabriken, Sägewerke, Seilereien, Ziegeleien, Zündholzfabriken, Fabriken für Maschinen- und Bootsbau, Glasereien, Färbereien u. a. m., sind meist von den Engländern angelegt oder angeregt worden. Kurz, ihnen gebührt mit Recht das Verdienst, Hongkong den Namen eines ausgezeichneten Stapelplatzes und eines vorzüglichen Freihafens gegeben zu haben.

Nach allem, was ich in Shanghai und Hongkong gesehen habe, kann ich meinen jungen Landsleuten nur den Rat erteilen: macht euch auf und besucht diese Städte! Dort erblickt ihr eine ganze fremde Welt, andere Einrichtungen, Sitten und Gebräuche! Wer die beschwerliche und kostspielige Reise nach Europa sparen will, findet in diesen beiden Städten, die nur zwei Tage Dampferfahrt von Nagasaki entfernt liegen, hinreichend Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu erweitern. Insbesondere seien diese wichtigen Handelsplätze den jungen Japanern empfohlen, die kaufmännisch sich vervollkommnen wollen. Es istentschieden gescheiter, die Sommerferien auf diese Weise zu einer Studienreise auszunützen, als sie im Gebirge oder in den Seebädern zu verbummeln!

Leider war mein Aufenthalt in Hongkong nicht ungetrübt. Denn als ich mich nach einem meiner ehemaligen Schüler und Freunde, Herrn Dr. Okoshi, erkundigte, erfuhr ich zu meinem großen Schmerz, daß jener kurz vor meiner Ankunft am Typhus gestorben war. Mit wehen Gefühlen betrachtete ich das Bild des teuren Toten, der vielen noch als treues und tätiges Mitglied des bekannten Vereins an der Adelsakademie, Hojinkai, in Erinnerung sein dürfte. Fern von den Seinen und der geliebten Heimat ist er in einem Alter dahingeschieden, wo er erst anfangen sollte, seine Kenntnisse und Erfahrungen recht ordentlich anzuwenden. Ich bat mir die Photographie seines Leichenzuges aus und schickte sie nach Japan an unsere Schule; dort soll sie zum bleibenden Andenken an diesen Braven aufbewahrt werden.

Noch ein anderes trauriges Ereignis war der Tod eines Passagiers auf unserm »König Albert«. Ein Engländer war mit Weib und Kind von Yokohama an unser Reisegefährte gewesen. Wie ich hörte, soll er an Lungenschwindsucht gelitten und in der guten Hoffnung, die frische Seeluft möge heilsam auf ihn wirken, seine Reise angetreten haben. Der herzzerreißende Jammer der unglücklichen Hinterbliebenen ist gar nicht zu beschreiben; alle Passagiere trauerten mit ihnen, die Schiffskapelle stellte die Musik ein.Doch war es ein Trost für die Trostlosen, daß die sterblichen Überreste des Dahingeschiedenen in Hongkong beigesetzt wurden, sonst hätte er ein nasses Grab gefunden in dem unendlichen Meer, wo weder Hügel noch Stein die Ruhestätte anzeigen.

Im Dock zu Singapore.Im Dock zu Singapore.

Im Dock zu Singapore.

Unser »König Albert« eilte nun rastlos nach Süden, so daß wir schon nach vier Tagen, den 21. April mittags 1 Uhr, die Insel Singapore erreichten. Die Einfahrt in den Hafen ist, wie bekannt, sehr reizend. Schon von weitem erblickten wir die von Palmen bedeckte Küste der Halbinsel Malaka und je weiter wir kamen, desto reicher entfaltete sich die Natur; hier und da tauchten kleine malerische Inseln auf, die Wasserstraße verengte sich immer mehr und das Schiff dampfte in den bogenförmigen Hafen ein. So schön nun dieser Hafen auch ist, er ist mit jenem von Nagasaki nicht zu vergleichen, denn dort hat die Natur mit gütigeren Händen ihre prächtigenGaben ausgestreut. Der romantische Anblick des Strandes, die verschiedensten Arten und Gestalten der Vegetation, jene wunderbaren Figuren der Felsblöcke des Ufers und dergleichen fehlen hier gänzlich. Was uns hier auffiel, ist nur das überaus üppige Wachstum der Palmen; wohin das Auge auch schweift, sehen wir nur Palmen, nichts als Palmen, diese hochstämmigen Vertreterinnen der echttropischen Natur.

Die Insel Singapore, welche an der Südspitze der Halbinsel Malaka liegt, steht wie Hongkong unter britischer Oberhoheit. Als die Engländer sie vor etwa 80 Jahren ihrem ehemaligen Besitzer, dem malayischen Sultan, abkauften, war sie noch unkultiviert. Dichter Urwald bedeckte sie und die Bewohner waren in der Hauptsache Fischer und Seeräuber. Jetzt aber bildet ihr Hafen den Hauptstapelplatz für Borneo, Sumatra, Malaka und andere Inseln; seit der Eröffnung der japanischen und chinesischen Häfen hat er erneute, von Jahr zu Jahr steigende Bedeutung als Zwischenplatz gewonnen. Die Bevölkerung, deren Zahl sich auf 250 000 belaufen mag, ist in stetem Zuwachs begriffen; sie besteht aus Chinesen, Malayen, Javanern, Eurasiern, Tamulen und anderen Mischlingen. Die Chinesen sind schon jetzt der Kopfzahl nach am stärksten vertreten und werden es auch wohl bleiben, da immerwährend frischer Nachschub vom Mutterlande kommt.

Malayisches Dorf auf Singapore.Malayisches Dorf auf Singapore.

Malayisches Dorf auf Singapore.

Doch genug von diesen trockenen statistischen Angaben. Nachdem unser Dampfer am Quai festgelegt, ging ich mit meinen Freunden an Land undzwar voll der größten Erwartung, denn wir hatten erfahren, daß der Kronprinz von England auf seiner Rundreise durch die englischen Kolonieen in Singapore eingetroffen sei; ihm zu Ehren sollte eine große Illumination stattfinden, ein großer pomphafter Aufzug sollte Tags darauf folgen und Gott weiß was nicht noch alles. Jetzt wurde es mir klar, warum unser »König Albert« beim Einlaufen in den Hafen eine englische Fahne gehißt hatte, warum auf allen Masten der vor Anker liegenden Schiffe Großbritanniens Wimpel flatterten. Man kann sich denken, wie erwünscht mir dieser Zwischenfall war, gab er mir doch Gelegenheit, dies bunte Volk in seiner Begeisterung und Freude zu beobachten. Also vom Dampfer herunter und in die Stadt hinein. In die Stadt? O nein! Von der eigentlichen Stadt war noch nichts zu erblicken, die lag noch eine ziemliche Strecke landeinwärts, nur ein malayisches Dorf mit ärmlichen, im Wasser erbauten Hütten war zu sehen. Wir mußten also einen Wagen nehmen. Und nun begann die Qual für uns. Sogleich umringten uns halbnackte malayische und indische Kutscher und kreischten uns in ihrer Muttersprache an, die uns nur wie eine Sammlung von Keif- und Zischlauten klang. In ihren Bemühungen, uns ihr Gefährt aufzunötigen, wurden sie sogar aufdringlich und frech. Was sollten wir machen? Unser Bestreben war, so schnell als möglich fortzukommen. Nach langer Unterhandlung mieteten wir endlich eine Droschke, bestiegen sie und kamen bei Einbruch der Abenddämmerung in die Stadt. Wirstiegen ab, gaben dem Kutscher den verabredeten Lohn und wollten schon weiter, als dieser unverschämte Bursche lautschreiend das Vierfache des Ausbedungenen verlangte. Wieso denn? fragten wir entrüstet, und der alte Gauner, der mit einem Mal ganz gut Englisch sprechen konnte, erklärte verschmitzt, daß sich der ausgemachte Preis für eine Person, nicht aber für vier verstände. Wir wollten uns durchaus nicht schröpfen lassen und machten energisch Anstalt, uns fortzubegeben, doch da hub er ein so wüstes Geschrei an, daß im Umsehen unsere kleine Gesellschaft von drohendem Gesindel umgeben war. Da eine Hilfe nirgends zu erblicken war, so blieb uns nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zu zahlen.

Nachdem das Volk sich verlaufen hatte, verließen wir den Platz und gingen eine ins Zentrum der Stadt führende Straße hinab. Eben bogen wir um die Ecke – und wie geblendet standen wir da! Soweit das Auge reichte – ein Lichtmeer die ganze Stadt. Von Balkonen und Fenstern, von eigens für dieses Fest hergerichteten Schaugerüsten, von Mauern und Masten, von den Dächern sogar, kurz von überall her, wo sich nur irgendwie Lampen, Laternen und Ballons hatten anbringen lassen, glühte es uns in allen Farben entgegen. Auch die Bäume hatte man mit ganzen Sträußen farbiger Laternen geschmückt, welche wie funkelnde Sternchen im Grünen auf uns herableuchteten. Alles schwamm in Licht und es war uns zu Mute, als ob wir durch einen Zauber plötzlichin ein lichtes Feenreich, wie wir es aus den Märchen kennen, versetzt worden wären. Wirklich eine wahrhaft himmlische Illumination!

Straße in Singapore.Straße in Singapore.

Straße in Singapore.

Verkaufsstand in Singapore.Verkaufsstand in Singapore.

Verkaufsstand in Singapore.

Und nun die Straße selbst, welch ein Blick nach oben und überallhin! Über sie hinweg hatte man in ihrer ganzen Länge und Breite aus roten und weißen Tüchern eine sie überwölbende Decke ausgespannt, sodaß gleichsam eine ungeheure lange farbige Festhalle gebildet war, die im Widerschein von tausenden bunter Lichter erglänzte und prangte. Zu beiden Seiten zog sich eine Menge von Schaugerüsten hin, deren Wände und Geländer man mit prächtigen Teppichen ausgelegt hatte. Lustige Stücke wurden auf den einen aufgeführt, auf anderen sahen feiertäglich geputzte Leute dem vorbeiflutenden Menschenstrome zu und dort waren allerlei Gegenstände zur Schau und zum Verkauf gestellt. Die Menschenmenge, die hier zusammenfloß, war in der Tat bunt genug. Alle Völker Asiens schienen sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben: Chinesen, Javaner, Eurasier u. a. m. Besonders fielen mir die Tamulen und Malayen wegen ihrer farbigen Tracht in die Augen. Grelle Tücher hatten sie um ihren Leib geschlungen, trugen aber sonst kein Kleidungsstück, sodaß sie halbnackt in dem Menschengewirr dahinschritten.

Bald waren wir mitten im Gewühl, aus allen Nebenstraßen und Gäßchen strömte neuer Zufluß in die Hauptader, sodaß binnen kurzer Zeit das Gedränge geradezu lebensgefährlich wurde. Ein Zurück gab es nicht mehr; wohl oder übel mußten wir unsdem Strome überlassen. Wir kamen aber doch dabei auf unsere Kosten, da wir reichliche Gelegenheit fanden, das Volk in seinem Vergnügen und in seiner Festtagsstimmung zu beobachten. Arg genug ging es allerdings dabei her. Hüben und drüben ein ohrenzerreißender Lärm! Hier staute sich die Menge vor einer Bude, in der komische Tänze aufgeführt wurden, dort umgab sie in dichtem Knäuel ein Brettergerüst, auf dem eine bunt ausgeputzte Musikbande ihre betäubenden Klänge ertönen ließ, und an anderen Stellen geberdete sie sich derart toll, daß es uns schließlich nicht übelzunehmen war, wenn wir so schnell als möglich aus diesem Treiben herauszukommen suchten. Das gelang uns denn auch, wenn auch erst nach vieler Mühe. Aber wohin gerieten wir?! Fast möchte ich sagen: vom Regen in die Traufe. Wir bogen in eine Gasse ein und wurden nur zu bald inne, daß wir uns in anrüchiger Gegend befanden. Sperrangelweit standen Tür und Fenster der Häuser offen, und in allen Sprachen der Welt riefen aufgedonnerte und geschminkte Mädchen die Vorbeigehenden an und suchten sie zum Nähertreten zu bewegen. Leider, leider sah ich auch unter diesen elenden Geschöpfen Kinder unseres Volkes, und so angenehm uns sonst der Anblick einer Landsmännin ist, hier ward er zur wehen Qual. Ich erkundigte mich nach vielen Einzelheiten dieser häßlichen Einrichtung und stellte vor allem die Frage, woher es käme, daß Zugehörige unseres Reiches in diesen von der Heimat so fernen Stätten des Lasters zu finden seien, underhielt darauf die bittere Antwort, daß diese Geschöpfe zum großen Teil auf dem Wege des abscheulichen Mädchenhandels in diesen Sumpf gelangten. Oft zögen sie aus dem Vaterland in gutem Glauben fort, in der Fremde bessere und zwar durchaus anständige Stellen zu erhalten. Werden sie dann eines Tages gewahr, wo sie sich befinden, so ist es gewöhnlich schon zu spät, um dem sicheren Verderben zu entgehen. Was die Nationalität anlangt, sollen hier leider unsere Landeskinder am meisten vertreten sein, wieweit das zutrifft, weiß ich nicht; ich habe aber bei oberflächlicher Betrachtung gesehen, daß so ziemlich alle mir bekannten Völker Prostitutionsmaterial stellen. Auch waren alle Altersstufen vertreten – von 13jährigen Mädchen bis hinauf zu 50jährigen Alten.

So hatte denn leider unsere so heitere Festesstimmung einen häßlichen Nachgeschmack bekommen; wir hatten zu nichts mehr rechte Lust und strebten dem Hafen zu.

Auf dem Rückweg entdeckten wir ein japanisches Restaurant, wie man uns sagte, das einzige in Singapore. Es gehört einem Japaner, der es in Gemeinschaft mit seiner, gleichfalls aus Japan gebürtigen Frau leitet, und gut leitet, wie uns die kurze Einkehr, die wir dort hielten, aufs beste bewies. Wir tranken ein paar Flaschen Bier, unterhielten uns mit den erfreuten Wirtsleuten in unserer Muttersprache und brachen dann zu unserm Schiffe auf. An Bord angelangt, bemerkte einer von uns, daß ihm sein Portemonnaie abhanden gekommen war, unwillkürlichfaßten wir alle in unsere Taschen – und siehe da, auch ein zweiter unserer Kameraden hatte einen Verlust zu beklagen, er vermißte seine wertvolle Zigarrentasche. Offenbar waren beide Freunde im Gedränge das Opfer geschickter Taschendiebe geworden.

Jinrikisha in Singapore.Jinrikisha in Singapore.

Jinrikisha in Singapore.

Am nächsten Morgen gingen wir wieder an Land, um den berühmten »Botanischen Garten« von Singapore zu besichtigen. Er liegt jenseits der Stadt und zwar in ziemlicher Entfernung von ihr. Auf dem Wege dorthin sprachen wir in der Niederlage des reichen japanischen Kaufmannes Mitsui vor, den ich bereits in meinen Reiseschilderungen über Hongkong erwähnte. Sein Vertreter, Herr N., der uns von früher her befreundet war, bot sich uns als Führer an und stellte uns seine Geschäftskutsche zur Verfügung; leider aber war sie nicht groß genug, um uns alle aufzunehmen. Wir sahen uns daher nach Mietsdroschken um, wohin wir aber auch blickten, nirgends war eine aufzutreiben, sie waren längst bei dem gesteigerten Verkehr dieser Festtage mit Beschlag belegt. Wir mußten also etwas anderes ausfindig machen und mieteten mit Mühe und Not endlich ein paar Rollstühle, setzten uns hinein, und heidi, ging es dem Botanischen Garten zu. Schon waren wir eine Strecke gefahren, da stellte sich ein neues Hindernis uns entgegen, diesmal in Gestalt von Schutzleuten, die uns verboten, weiterzufahren, denn in kürzester Zeit sollte Seine Hoheit vorbeikommen. Wir mußten uns also in das Unvermeidliche fügen, stiegen aus, und nun verlangten die Kulis, obwohlwir nur einen kleinen Teil der Strecke zurückgelegt hatten, den Betrag für die ganze Fahrt. Aus Furcht vor einer Szene, wie wir sie bereits früher erlebt, wollten wir schon zahlen, als unser mit den dortigen Verhältnissen genau vertrauter Herr N. uns zu Hilfe kam. Seinen Geldbeutel ziehend und eine Hand voll Münzen unter die Kulis werfend, war eins. Gierig stürzten die Leute darüber her, wir aber wollten uns dabei aus dem Staube machen, was uns jedoch nicht gelang, denn die Kerle kamen uns nach und erhoben von neuem ihr Geschrei. Da aber machte Herr N. kurzen Prozeß, nahm seinen Stock und teilte einige so tüchtige Hiebe aus, daß das Gesindel endlichzurückblieb. Eine Weile gingen wir nun zu Fuß und sahen uns das Treiben näher an. Auf beiden Seiten der Straße bildete das Volk dicht gedrängt Spalier, lange Schutzmannsketten standen davor, und den Damm hinunter fuhr in stetem Hin und Her die offizielle Welt: Equipagen mit Beamten in großer Uniform, Offiziere mit Orden und Bändern, festlich gekleidete Damen u. s. w. Die drückende Hitze machte das Gehen bald unerträglich, wir nahmen daher von neuem ein paar Rollstühle, erlebten aber damit nur eine zweite Auflage unseres Reinfalls. Denn bald riefen die Schutzleute wieder: >Halt! Aussteigen!< – und das Feilschen um das Fahrgeld mit den Kulis begann wieder. So erging es uns noch ein paar Mal, bis wir uns trotz der großen Hitze entschlossen, den Botanischen Garten zu Fuß zu erreichen. Und das Ziel war noch stundenlang entfernt! Die Sonne brannte senkrecht auf unsere Scheitel, der alle Glut förmlich aufsaugende Boden blendete den Blick, der bei jedem Schritt hochaufwirbelnde aschenartige Staub vollendete die Höllenqual. Zwar standen auf beiden Seiten der Straße Palmen und andere tropische Gewächse, sie halfen aber gegen diese Backofenhitze so gut wie garnichts. In Schweiß gebadet, die Kleidung von demselben durchtränkt bei 45 Grad Celsius, kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung wir uns befanden. Uns wollten fast die Sinne schwinden, so standen wir eine Weile still. Da mit einem Male hieß es: >Der Prinz von Wales kommt!< Und wirklich, erkam in prächtigem Aufzuge angefahren, in schöner Kutsche und umgeben von glänzendem Gefolge. Und dies Gefolge trug zumeist große Uniform. In dieser Hitze schwere, goldgestickte Uniformen! Was mögen die Armen gelitten haben, wo uns, die wir doch leicht gekleidet waren, der Schweiß wie Wasser vom Körper rann!

Wir ließen den Zug vorüber und machten uns wieder auf den Weg. Wir waren ungefähr eine Stunde fortgeschritten und vor Mattigkeit und Abspannung mehr tot als lebendig, als uns eine leere Droschke entgegenkam. Das belebte unsere Sinne. Wir stürzten uns auf den Rosselenker und wurden auch nach vieler Mühe mit ihm handelseinig. Endlich stiegen wir ein und fuhren nun noch anderthalb Stunden in der brennenden Sonne dahin, bis wir ans Ziel gelangten und mit unseren Freunden, die Dank der Umsicht des Herrn N. alle Beschwerlichkeiten der Straßenabsperrung geschickt umgangen hatten, wieder zusammentrafen.

Kokospalme.Kokospalme.

Kokospalme.

Von dem seinen großen Ruf durchaus rechtfertigenden Botanischen Garten, der viele tropische Pflanzen enthält, kann ich nichts Besonderes mitteilen. Ich bin ja kein Fachmann, und das geringe, was ich zu sagen hätte, dürfte zur Genüge bekannt sein. Man weiß hinlänglich, daß sich die Flora in den tropischen Ländern durch Schönheit, üppige Fülle und Artenreichtum auszeichnet. Das eine nur möchte ich erwähnen, daß hier neben den Pflanzen des indischen Kontinents auch die des indischen Archipelszahlreich vertreten sind; namentlich fielen mir die vielen Arten von Palmen und tropischen Fruchtbäumen auf. Einer von den Aufsehern, ein sehr liebenswürdiger Mann, führte uns herum; für ein Trinkgeld nicht unempfänglich, ließ er es bei der bloßen Führung nicht bewenden, sondern gab unsauch dankenswerte Erläuterungen an der Hand von Experimenten. So pflückte er eine Mangofrucht ab, hackte sie mit seinem Knüttel in Stücke und erklärte uns die Frucht näher. Sie war noch nicht reif, sah noch ganz grün aus und enthielt einen starken ätzenden Saft, dessen bloße Berührung gefährlich war. Der Aufseher überreichte mir auch einen kleinen Zweig von schönen tropischen Blumen, die ich mit aufs Schiff nahm und später in gepreßtem Zustande nach Hause an meine Kinder schickte. – Im Garten sahen wir auch Zwinger, worin sich wilde Tiere, z. B. Tiger, Riesenschlangen, Orang Utang u. a. m., befanden.

Der Stolz des Botanischen Gartens ist aber die einzig in ihrer Art dastehende Sammlung von Orchideen. Hunderte von seltenen Exemplaren sind in ihr vereinigt, und der Gesamteindruck, den diese wunderbare Farbenpracht auf das Auge macht, ist überwältigend schön. Unser Reisegefährte, Herr Professor Takahashi, der sich hier als Botaniker von Fach ganz in seinem Element befand, klärte uns über den hohen Wert dieser Sammlung auf; in Japan, meinte er, wäre derartiges nicht heranzuziehen und zu erhalten, weil unser Klima diesen Pflanzen unzuträglich ist. Damit stand denn auch das in Einklang, was Herr N. erzählte. »Aus Japan,« so berichtete er, »kommen oft Bestellungen auf Orchideen. Namentlich hat es sich der bekannte Politiker und Parteiführer Graf Okuma, der auch als Gartenfreund und Pflanzenzüchter einen großen Namen hat, angelegen sein lassen, diese Pflanzen in unserer Heimat einzubürgern,bisher aber leider mit nur geringem Erfolg. In den weitaus meisten Fällen überdauern sie trotz sorgfältigster Pflege nicht einmal den Transport und kommen welk am Bestimmungsort an.«

Etwa zwei Stunden brachten wir im Botanischen Garten zu, ruhten unter dem schattigen Dach der Palmen, der Mangos, der Bananen und Ananas eine Weile aus und fuhren gegen Abend wieder in die Stadt zurück, wo wir samt und sonders im größten Hôtel »Raffles« einkehrten. Die Nacht war schon längst hereingebrochen, als wir unsern »König Albert« wieder erreichten. Am nächsten Morgen fuhren wir dann ab.

Einer von unserer japanischen Kolonie, Herr Professor Tanaka, blieb in Singapore zurück. Als Berufsbotaniker wollte er auf kurze Zeit nach Batavia fahren, um den dortigen Botanischen Garten, der jenen Singapores noch übertreffen soll, zu besichtigen.

Über die Fahrt von Singapore nach Penang, die anderthalb Tage dauerte, wüßte ich nichts Besonderes zu erwähnen, es sei denn, daß ich die Qualen, die uns die furchtbare Hitze bereitete, näher ausmalte. Doch will ich dies lieber unterlassen: soviel sei nur gesagt, daß der Aufenthalt in der Kajüte eine Folter war. Viele entschlossen sich daher, die Nacht auf Deck zuzubringen. Wir folgten indessen diesem Beispiel nicht, weil der Temperaturunterschied während der Nacht so groß war, daß die, die sich der kühlen Seeluft ausgesetzt hatten, empfindlich an ihrer Gesundheit gestraft wurden.

Anfänglich sollte der Aufenthalt in Penang nur sechs Stunden dauern; da indessen unvorhergesehene große Ladung zu nehmen war, dehnte er sich länger aus. Sobald wir in den Hafen einliefen, nahten sich schon von allen Seiten die verschiedensten Frachtschiffe, um so schnell als möglich ihre Ladung an Bord zu bringen. Hauptsächlich bestand diese aus Tabakblättern. Wohl Hunderttausende von zusammengeschnürtenBündeln wurden verladen. Mitten in der Ladung mußte aber eine Pause eintreten, denn ein heftiges Gewitter entlud sich über uns. Unaufhörlich zuckte der Blitz, rollte der Donner, und in Strömen goß der Regen nieder. Nachdem sich das Gewitter verzogen hatte, wurde die Arbeit wieder aufgenommen und fast die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Unglücklicherweise befanden sich unsere Kajüten in unmittelbarer Nähe des Ladekrahns. Man kann sich kaum eine Vorstellung von diesem Lärm machen. In einem fort rollten die Fässer dahin, die Ketten rasselten mit lautem Getöse auf und nieder, dazwischen das Hin- und Hergelaufe der Arbeiter, das Fluchen und Kommandieren der Aufseher – kurzum, ein ohrenbetäubender Lärm, der an ein Schlafen, wenn auch nur auf ein Stündchen, nicht denken ließ.

Am nächsten Tag, dem 24., war die Ladung beendigt und zur Mittagsstunde konnten die Anker wieder gelichtet werden. Aller Gesichter heiterten sich auf – doch leider, leider nur auf kurze Zeit. Denn bald begann für uns eine neue Qual. Es machte sich nämlich in allen Schiffsräumen ein ganz eigentümlicher Geruch bemerkbar, der vermutlich von den zum Teil durchnäßt verstauten Tabaksballen herrührte. Überall schlug einem süßliche, widerliche Stockluft entgegen. Am Ärgsten war es im Eßsalon; die Speisen wurden denn auch in vielen Fällen in Stich gelassen. Alles flüchtete sich an Deck, aber auch nach dort verfolgte uns der Geruch. Einigermaßen erträglich war der Aufenthalt nur auf demPromenadendeck. So verbrachten wir denn dort, auf Rohrstühlen lagernd, diesen und die folgenden Tage.

Der verlängerte Aufenthalt in Penang bot die Möglichkeit, an Land zu gehen und die Stadt in Augenschein zu nehmen. Viele nahmen auch diese Gelegenheit wahr. Wir Japaner aber zogen es nach der großen Abspannung, die uns die schlaflos verbrachte Nacht bereitet hatte, vor, an Bord zu bleiben. Und wir taten recht daran. Denn als unsere Mitreisenden von ihrem Abstecher heimkehrten, bedauerten sie lebhaft, daß sie nicht unserem Beispiel gefolgt wären. So hatten sie beispielsweise den großen Wasserfall, der eine Sehenswürdigkeit Penangs bildet, nicht in Tätigkeit sehen können, weil ihn die anhaltende Dürre der letzten Zeit fast ganz ausgetrocknet hatte; was über die Katarakte hinunter rieselte, war nicht der Rede wert gewesen.

Soweit wäre der Aufenthalt in Penang nichts als eine Kette von Unerquicklichkeiten gewesen – doch halt! Nein, es war nicht ganz so schlimm. Es gab auch lichte Seiten. Und dazu rechne ich das Fest, das der Kapitän des »König Albert« zu Ehren des Königs gab, dessen Namen unser Schiff trug. König Albert von Sachsen hatte am 23. seinen Geburtstag, der festlich begangen werden sollte. Schon am frühen Morgen wurde die sächsische Fahne gehißt. Am Abend sollte dann ein großes Festmahl sein, darauf Illumination und Tanz auf dem Promenadendeck. Das heraufziehende Gewitter machte indessen einen Strich durch dies Programm; die Illuminationsowie der Tanz mußten ganz ausfallen. Das Festmahl fand aber statt und verlief in würdiger Weise. Küche und Keller gaben ihr Bestes her, und in fröhlicher Stimmung sprachen alle den Kunststücken unseres Hans Küchenmeisters zu.

Der Hafen von Colombo.Der Hafen von Colombo.

Der Hafen von Colombo.

Die Fahrt von Penang bis Colombo war die bisher zweitlängste. Vom 24. mittags bis zum 28., also dreieinhalb Tage, waren wir auf offener See. Die Hitze hatte eher zu- als abgenommen, wozu dann noch die sich von Tag zu Tag steigernde Unruhe des Meeres kam. Auch konnten wir nicht sofort in den Hafen einlaufen, sei es, daß der Lotse nicht zeitig genug für uns frei wurde, sei es, daß irgend ein anderer Grund vorlag – genug, wir mußten vor der Einfahrt vor Anker gehen und dort zwei Stunden liegen bleiben. Wir ließen uns diese Verzögerung nicht verdrießen, sondern betrachteten aufmerksamenAuges unsere Umgebung. Von allen Häfen des chinesischen und indischen Meeres, die ich bisher gesehen habe, ist der von Colombo unstreitig der schönste. Von Natur ist er nicht allzu gut gelegen, deshalb hat Menschenhand nachhelfen müssen; und so sind denn großartige Schutzanlagen geschaffen worden. Gewaltige Molen – große steinerne Dämme bekanntlich – laufen eine weite Strecke ins Meer hinein, und es ist ein herrlicher Anblick, wenn man sieht, wie Welle auf Welle gegen den Damm hochaufspritzend anprallt oder mitunter auch wohl über die blitzblanken Steine gischend dahinfegt.

Der Blick auf Hafen und Stadt bietet ein wunderbares Panorama. Wie mit Schiffen vollgepfropft breitet der Hafen sich aus. Kriegsschiffe, Passagierdampfer, Kauffahrteischiffe aller Art und aller Nationen ankern in buntem Durcheinander. Dazwischen schießen, den Hafenverkehr vermittelnd, die einheimischen Dschunken. Und dahinter liegt dann die Stadt! So malerisch gelegen ist wohl keine im indischen Archipel. Terrassenartig steigt sie auf und wird von prächtigen Wäldern eingesäumt. Es war wohl nicht zuviel gesagt, wenn man von Ceylon als dem Paradies der Welt gesprochen hatte.

Rathaus in Colombo mit Holländischem Turm.Rathaus in Colombo mit Holländischem Turm.

Rathaus in Colombo mit Holländischem Turm.

Dagoba in Colombo.Dagoba in Colombo.

Dagoba in Colombo.

Als nun unser Schiff endlich in den Hafen einlief, wiederholte sich das nämliche Schauspiel wie bisher: von allen Seiten stießen unaufhörlich kleinere Küstenschiffe auf uns zu, die eine schreiende Schar von Händlern an Bord brachten. Jeder wollte den andern im Geschäftemachen überbieten, und man brauchtnicht erst auszumalen, welch' Konzert daraus entstand. Auch an uns Japaner machten sich die Leute heran; wir ließen uns aber nicht viel auf ihre Unterhandlungen ein. »Wir hätten keine Zeit« sagten wir, »wir haben heute noch viel vor und wollen an Land!« »An Land?« rief es da aus der Menge – und siehe, ein Inder trat hervor und bot sich uns als Führer an. Er radebrechte besser englisch als die andern und betonte, daß er für uns wie geschaffen sei, da er selber längere Zeit in Japan gewesen und schon des öfteren die Ehre gehabt hätte, japanische Herren führen zu dürfen. »So?« fragten wir. »Gewiß!« erwiderte er, »bitte, meine Herren, sehen Sie sich meine Papiere an,« und damit überreichte er uns einen Stoß von losen Blättern. Neugierig blickten wir hinein, fanden auch manch von japanischer Hand geschriebenes Wort der Anerkennung darin, doch fehlten auch Warnungen vor ihm nicht. Da uns aber der Mann keinen unüblen Eindruck machte, so verpflichteten wir ihn nach einer Weile Feilschens für den ganzen Tag und zwar für einen ziemlich hohen Preis.

In der Altstadt von Colombo.In der Altstadt von Colombo.

In der Altstadt von Colombo.

Wir fuhren also mit unserem Führer dem Lande zu, das wir in ungefähr zehn Minuten erreichten. Sofort mieteten wir uns zwei elegante Wagen und begaben uns zuerst in die innerhalb der Festungswerke gelegene »Europäische Stadt«, die, wie der Name sagt, von Europäern und zwar besonders von holländischen Abkömmlingen bewohnt wird. Die Häuser sind in europäischem Stil erbaut, jedoch mit den Abänderungen, die das Klima bedingt. Hierbefinden sich die Regierungsgebäude, eine protestantische und eine katholische Kirche, ein Militärhospital u. s. w. Dieser europäische neue Stadtteil sowie die Festungswerke sollen von den Holländern errichtet worden sein, welche sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts hier niederließen, nachdem sie die Portugiesen vertrieben hatten. Nach ca. anderthalbhundert Jahren mußten aber die Holländer den Engländern weichen. Jetzt wird die Insel Ceylon von einem englischen Gouverneur verwaltet.

»Japan!« »Japan«!»Japan!« »Japan«!

»Japan!« »Japan«!

Wir fuhren aus den Festungswerken heraus und kamen damit in die Altstadt, wo sich die portugiesischen und holländischen Mischlinge – die sogenannten Eurasier – Singhalesen, Tamilen, Mohren,Malayen, Neger u. a., niedergelassen haben. Die Straße, die wir hinabfuhren, war zu beiden Seiten mit den hier wild wachsenden Brot-, Mango- und Zimmetbäumen besetzt, auch an zu imposanter Höhe aufsteigenden Palmen fehlte es nicht. Ebenso verschieden wie die Flora war aber auch das, was der Mensch hier hingebaut hatte: die Häuser. Da gab es eine ganze Reihe von Gebäuden, auf die der Name >Haus< wohl kaum paßte, Hütten waren's und zwar oft der ärmlichsten Art. Daneben erhoben sich aber ansehnliche, ja bisweilen prächtige Gebäude in europäischer Stilart. Die Besitzer können sich den Luxus recht gut leisten. In der Mehrzahl sind es reiche Engländer, die sich vom Geschäft zurückgezogen haben und nun ganz ihrer Ruhe und Bequemlichkeit leben. Und sie haben entschieden einen guten Geschmack. Ringsum nichts als Wiese, wogende Felder und Wald. Weiter und weiter fuhren wir ins Land hinein, überall neue Pracht und neueWunder. Wie betäubt von all dem Herrlichen waren wir und wir glaubten, daß dieses köstliche Fleckchen Erde frei von menschlicher Armut, von menschlichem Elend sein müßte. Doch dem war nicht so. Die Eingeborenen, die in dem schlechten Ruf stehen, Müßiggänger zu sein, schienen uns davon einen Beweis geben zu wollen. Allenthalben kamen halbnackte Kinder uns in den Weg gelaufen, hielten die Hand auf und schrieen ununterbrochen: »Japan! Japan!« Einige von ihnen hielten auch Blumen feil, aber selbst diesen kleinen Schelmen gegenüber war Vorsicht nötig. Kaum hatten sie nämlich das Geld in Empfang genommen, als sie sich auch aus dem Staube machten und zwar ohne uns die Blumen zurückzulassen.


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