Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Zeitig am Morgen frühstückten wir etwas; dann guckten wir wieder auf die Wüste ’runter und das Wetter blieb fortwährend so mollig und warm, aber nicht heiß, obwohl wir nicht sehr hoch über der Erde schwebten. Nach Sonnenuntergang muß man nämlich immer tiefer herabsteigen, weil die Luft sich so schnell abkühlt; und so streicht man denn um die Zeit der Morgendämmerung ganz dicht über den Sand weg.

Wir sahen zu, wie der Schatten unseres Ballons über den Boden hinglitt, und ließen dannund wann mal die Blicke über die Wüste streifen, ob sich nicht irgendwo was regte – da sahen wir plötzlich unmittelbar unter uns eine Menge Menschen und Kamele auf dem Sande verstreut herumliegen. Und sie lagen so ruhig, wie wenn sie schliefen.

Wir stellten die Bewegungskraft unseres Luftschiffs ab und hielten still, und da sahen wir, daß sie alle tot waren. Ein kalter Schauer überlief uns, wir wurden ganz kleinlaut und sprachen leise wie Leute bei ’nem Leichenbegängnis. Langsam ließen wir unser Schiff zur Erde nieder und hielten still; Tom und ich stiegen aus und gingen zu den Toten. Es waren Männer, Weiber und Kinder. Sie waren von der Sonne gedörrt und die Haut war zusammengeschrumpft und sah aus wie Leder – genau wie die Abbildungen von Mumien, die man in den Büchern sieht. Und trotzdem sahen sie ganz menschlich aus, wie wenn sie nur schliefen – wenn ich’s nicht selber gesehen hätte, ich würde es nicht glauben.

Einige von den Menschen und Tieren waren zum Teil mit Sand bedeckt, die meisten aber nicht, denn der Sand bildete an jener Stellenur eine dünne Schicht über felsigem Erdreich. Die Kleider waren ihnen fast gänzlich vom Leibe gefault; wenn man ein Stück Zeug anfaßte, blieb es einem zwischen den Fingern wie Spinnewebe. Tom meinte, sie müßten schon jahrelang dagelegen sein.

Den Männern lagen zum Teil rostige Flinten zur Seite; andere waren mit Schwertern umgürtet und hatten lange Binden um den Leib gewickelt, in denen große silberbeschlagene Pistolen staken. Alle Kamele trugen noch ihre Lasten auf dem Rücken, aber die Bündel waren geborsten oder zerfallen und ihr Inhalt hatte sich über den Boden ergossen. Uns dünkte, die Toten könnten mit ihren Säbeln ja doch nichts mehr anfangen; deshalb nahm jeder von uns einen zu sich, dazu auch mehrere Pistolen. Auch nahmen wir ein kleines Kästchen, weil es so hübsch und mit so feiner Arbeit eingelegt war. Gern hätten wir dann die Leute begraben; aber obwohl wir lange darüber nachdachten, wollte uns nicht einfallen, wie wir das bewerkstelligen könnten, denn wir hatten bloß Sand zur Verfügung, und der wäre natürlich sofort wieder auseinandergefegt worden.

Hierauf stiegen wir wieder in die Lüfte empor und segelten weiter, und gar bald war der schwarze Fleck auf dem Land außer Sicht und wir dachten, die armen Menschen da unten würden wir auf dieser Welt wohl niemals wiedersehen. Wir stellten allerlei Mutmaßungen auf, wie sie wohl an jene Stelle in der Wüste gekommen wären und was ihnen alles passiert sein könnte, aber wir wußten nicht, was wir daraus machen sollten. Zuerst dachten wir, vielleicht hätten sie sich verirrt und wären in der Wüste herumgezogen, bis ihr Essen und Trinken ihnen ausgegangen und sie verhungert und verdurstet wären; aber Tom sagte, weder wilde Tiere noch Geier hätten ihre Leichen angerührt, und deshalb könnte diese Vermutung nicht richtig sein. Schließlich gaben wir’s auf, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, und nahmen uns vor, gar nicht mehr daran zu denken, denn es versetzte uns in eine traurige Stimmung.

Dann öffneten wir das Kästchen: Edelsteine und Schmucksachen waren darin – ein ganzer Haufen! Dazu auch mehrere kleine Schleier von derselben Art, wie wir sie an den toten Frauen bemerkt hatten; die Säume dieser Schleierwaren mit sonderbaren Goldmünzen besetzt, wie wir sie nie in unserem Leben gesehen hatten. Wir überlegten voller Erstaunen, ob wir nicht lieber wieder umkehren und die Kostbarkeiten zurückgeben sollten; Tom bedachte sich aber die Sache noch einmal und sagte: nein! Die ganze Gegend wäre voll von Räubern und die würden die Sachen stehlen; und dann würde die Sünde auf uns fallen, weil wir sie in Versuchung gebracht hätten. So segelten wir denn weiter; ich dachte aber bei mir selber, am besten wär’s gewesen, wir hätten den Totenallesabgenommen, was sie bei sich hatten; denn dann wäre es überhaupt nicht mehr möglich gewesen, daß andere Leute in Versuchung kamen.

Wir waren da unten zwei Stunden lang in der sengenden Hitze gewesen und hatten einen fürchterlichen Durst, als wir wieder an Bord gingen. Wir stürzten uns auf unser Wasserfaß, aber das Wasser war schlecht geworden und bitter und außerdem recht hübsch heiß, so daß es uns beinahe den Mund verbrannte. Wir konnten es nicht trinken. Es war Mississippiwasser – ›das beste der Welt‹ – und wir rührten den Bodensatzauf, um mal zu sehen, ob das nicht vielleicht hülfe – aber nein, der Schlamm machte das Wasser auch nicht besser!

Na, soübermäßigdurstig waren wir vorher, solange uns das Schicksal jener verirrten Menschen interessierte, eigentlich nicht gewesen – aber nun waren wir’s, und sobald wir sahen, daß wir nichts zu trinken haben konnten, da waren wir fünfunddreißigmal so durstig als ’ne Viertelminute zuvor. Wahrhaftig, es dauerte nicht lange, so sperrten wir vor Durst den Mund auf und keuchten wie Hunde.

Tom sagte, wir müßten nur nach allen Himmelsrichtungen recht scharfen Ausguck halten, denn jedenfalls würden wir ’ne Oase finden oder es würde uns sonst irgendwas Merkwürdiges passieren. Das taten wir denn auch. Die ganze Zeit bestrichen wir mit den Ferngläsern den Horizont, bis unsere Arme so lahm waren, daß wir die Dinger nicht mehr halten konnten. So vergingen zwei Stunden – drei Stunden – wir guckten und guckten: aber da war nichts als Sand, Sand,Sand, und der flimmernde heiße Dunst zitterte über dem Erdboden. O je, o je!was es heißt, sich so recht hundeelend zu fühlen, das weiß man erst, wenn man fortwährend einen fürchterlichen Durst hat und dabei denkt, man wird überhaupt niemals mehr Wasser zu sehen kriegen. Zuletzt konnte ich’s nicht mehr aushalten, immerzu auf diese backofenheiße Ebene zu gucken; ich gab es auf und streckte mich auf der Bank aus.

Auf einmal aber stößt Tom ’nen Jauchzer aus – und richtig, da war das Wasser! Ein großer glänzender See, von schläfrig wiegenden Palmen umsäumt, die sich ganz wunderbar zart und fein im Wasser spiegelten. Es war eine tüchtige Entfernung bis zu dem See; aber was machte das uns aus? Wir zogen einfach den Knopf der Hundertmeilengeschwindigkeit, sodaß wir nach unserer Berechnung in sieben Minuten dort sein mußten. Der See blieb aber immerzu in derselben Entfernung; wir vermochten ihm nicht um Haaresbreite näherzukommen; auf mein Wort: er blieb immer glänzend und fern vor uns liegen wie ein Traumbild. Aber näher kamen wir nicht; und auf einmal – war der See verschwunden!

Tom riß die Augen ganz weit auf und rief:

»Jungens, es war ’ne Fata Morgana!«

Er sagte das, als ob’s ihn riesig freute; ich sah aber durchaus nichts, worüber er sich hätte freuen können und sagte:

»Kann sein. Wie der See heißt, ist mir ganz schnuppe. Aber eins möchte ich wohl wissen: wo ist er hingekommen?«

Jim schlotterte an allen Gliedern und hatte solchen Schreck gekriegt, daß er kein Wort sprechen konnte; aber ich sah ihm an, daß er genau dasselbe fragen wollte wie ich.

»Wo er hingekommen ist?« rief Tom. »Na, ihr seht doch selber, daß er verschwunden ist!«

»Na, das weiß ich. Aberwohinist er verschwunden?«

Tom sieht mich von oben bis unten an und sagt:

»Na, Huck Finn, wo sollte er denn wohl hingekommen sein? Weißt du denn nicht, was ’ne Fata Morgana ist?«

»Nee. Was ist es denn für’n Ding?«

»Nichts als Einbildung. ’s ist überhaupt nichts Reelles dran.«

Es fuchste mich ein bißchen, daß er so ’nen Unsinn redete, und ich sagte:

»Wie kannst du bloß so quatschen, Tom Sawyer? Hab’ ich denn nicht den See gesehen?«

»Ja – du glaubtest, du sähest ihn.«

»Geglaubt hab’ ich ganz und gar nichts. Ichhab’ihn gesehen!«

»Ich sage dir, du hast ganz und gar nichts gesehen – denn es war überhaupt nichts da.«

Jim war ganz verblüfft, Tom so reden zu hören; er konnte nicht länger den Mund halten und sagte traurig und in flehendem Ton:

»Massa Tom, bitte, bitte – sagen nix so ’ne Sach’ in so ’ne schröcklicher Zeit wie nu! Sie riskier nix bloß ihr eigenes Haut, sonnern auch unsern sein – grad wie Anna Nias un Siffira. Die Seewarenda – ich sahen ihm ganz genau so wie ich in diese Minuten Ihnen un Huck sehn tu!«

»Was willst du denn, Jim?« ruf ich. »Tom sah ihn ja selber! Er war ja der Allererste, der ihn zu allererst sah! Na, also!«

»Ja, Massa Tom, das is so – Sie könn’ es nix leugnen. Wir sahen ihm alle, un dasbeweisen, ihm war da!«

»Beweist? Wiesobeweistes das?«

»So wie vor die Gerichte un überall, Massa Tom! Eine Mensch könnten betrunken sein oder was träumen oder in Dussel, un könnten sich irren – un auch zwei könnten. Aber ich will Sie was sagen, Massa Tom: wenn drei ein Ding sehen, un sie sind nüchtern oder betrunken, denn is es so. Da kann Sie nix gegen sagen, Massa Tom, un das weiß Sie wohl!«

»Ich weiß von nichts. Früher haben vierzigtausend Millionen Menschen existiert, die alle sahen, daß Tag für Tag die Sonne von der einen Seite des Himmels nach der anderen ’rüberwanderte. Bewies das, daß die Sonne sich wirklich bewegte?«

»Natürlich bewiesen es! Un was brauchte das erst bewiesen zu sein? Wenn eine Mensch eine kleine bißchen Grips hat, wie kann sie zweifeln? Gucke Sie, Massa Tom – da segeln sie über das Himmel, wie sie jeden lieben Tag tun!«

Da dreht Tom sich nach mir um und sagt:

»Und was sagstdudazu – steht die Sonne still?«

»Tom Sawyer, was hat’s für’n Zweck, so ’ne quatschige Frage zu tun? Jeder, der nicht blind ist, kann sehen, daß die Sonne nicht still steht!«

»Na ja!« ruft Tom. »Da segle ich nun hoch im Himmel herum mit zwei dummen Biestern, die von diesen Geschichten nicht mehr wissen als vor drei- oder vierhundert Jahren ein Universitätsrektor.«

Das war nicht schön von Tom, daß er so was sagte, und ich gab ihm das auch zu verstehen. Ich sagte:

»Mit Schimpfereien beweist du nichts, Tom Sawyer.«

»O meine himmlische Güte! O meine gütige Barmherzigkeit! Das is das See wieder!« kreischt Jim gerade in diesem Augenblick. »Nu, Massa Tom, was will Sie nu sagen?«

Jawohl, das war der See wieder! ganz fern hinten am Rand der Wüste, vollkommen deutlich mit Palmen und allem anderen, genau wie vorher. Ich sage:

»Ich denke, nun bist du überzeugt, Tom Sawyer!«

Aber er antwortete vollständig ruhig:

»Ja, überzeugt, daß kein See da ist.«

Da ruft Jim:

»O, sprech Sie nix so, Massa Tom – ich kriegen die Zitter, wenn Sie so reden. Es is so heiß un Sie haben so große Durst, daß Sie nix ganz wohl sein, Massa Tom. O, wie sieht doch das See schön aus! Ich können es gar nix mehr abwarten, daß wir da sein. Ich haben so fürchterliche Durst!«

»Nu, du wirst eben warten müssen; und du wirst an dem See nicht viel Freude haben, denn ich sage dir: es ist gar kein See da!«

»Jim!« sage ich; »laß den See nur nicht aus dem Auge; ich werde ebenfalls scharf hingucken, damit wir ihn nicht wieder verlieren.«

»O, wie werden ich weggucken! Un wenn ich auch wollen, ich konnten es ja gar nix!«

Wir flogen mit aller Geschwindigkeit auf den See zu, Meile auf Meile, wie wenn’s gar nichts gewesen wäre. Aber nicht um einen Zoll kamen wir ihm näher, und auf einmal – da war erwieder weg! Jim schwankte auf den Füßen und wäre beinahe umgefallen. Als er endlich wieder zu Atem kam, schnappte er wie ein Fisch nach Luft und sagte:

»Massa Tom – es is einGespenst! Das is diese See, un ich hoffen zu die liebe Gott, wir sehen ihm nu nix mehr! Eine Seewarenda un mit die See is was passieren un sie is tot geblieben un wir sahen seine Geist von diese See; wir sahen ihm zweimal un das is eineBeweis. Der Wüste is behext, ganz gewiß sein ihm behext! O, Massa Tom, laß uns fort. Lieber wollen ich sterben, als daß die Nacht uns überfallen in diese Wüste, un der Gespenst und das See kommen un packen uns wenn wir in Schlaf liegen un gar nix wissen, daß wir in eine Gefahr sein!«

»Ein Gespenst, du Gänserich! Es ist weiter nichts als Luft und Hitze und die Einbildungskraft von ’nem Menschen, der großen Durst leidet. Wenn ich – gib mir mal das Fernrohr!«

Er nahm das Glas und fing aufmerksam an, nach rechts vor uns den Horizont zu beobachten. Schließlich sagte er:

»Es ist ein Vogelschwarm; er fliegt nach Sonnenuntergang zu und wird unsern Kurs in gerader Linie kreuzen. Sie haben es eilig und fliegen nicht zu ihrem Vergnügen – vielleicht suchen sie Nahrung oder Wasser oder beides zugleich. Steuerbord, Huck! Einen Schlag herum! So! Halt’ ein bißchen ’ran! Nun ist’s recht, – vorwärts, geradeaus!«

Wir mäßigten die Fahrgeschwindigkeit ein bißchen, um nicht bei den Vögeln vorbeizusegeln, und fuhren immer ein paar hundert Meter hinter ihnen her. Als wir anderthalb Stunden so gesegelt waren, wurden wir immer mutloser und unser Durst war rein unerträglich geworden. Da sagt Tom auf einmal:

»Nehme mal einer von euch das Fernrohr und sehe, was da gerade vor den Vögeln ist!«

Jim sah zuerst durch und plumpste halb ohnmächtig auf die Bank nieder. Ganz weinerlich schrie er:

»Das is sie wieder, Massa Tom! Da is diese See, un nu wissen ich, ich müssen sterben, denn wenn eine Mensch einen Gespenst das dritte Mal sehen tun, dann sein es alles aus! O!Wenn ich doch nie un nie in diese Ballone gekommen wäre! O, nie un nie!«

Er wollte gar nicht mehr durchs Fernrohr gucken, und seine Worte machten mir ebenfalls Angst, denn ich wußte, er hatte ganz recht; genau so geht es mit Gespenstern immer zu. Und darum wollte ich auch nicht durchgucken. Wir baten beide Tom, er möchte doch abstoppen und in ’ner anderen Richtung segeln, aber das wollte er nicht; er sagte sogar, wir seien alle beide unwissende, abergläubische Windbeutel. Jawohl! dachte ich bei mir selber, das wird ihm recht bald schlecht bekommen; daß er Geister auf solche Weise beleidigt. ’ne Zeitlang sehen sie’s vielleicht geduldig mit an, aber immer lassen sie sich es nicht gefallen; denn wer auch bloß ein bißchen mit Geistern Bescheid weiß, der weiß, wie empfindlich und leicht beleidigt und wie rachsüchtig sie sind.

So waren wir denn alle drei ruhig und still: Jim und ich, hatten Angst, und Tom machte sich mit dem Steuerapparat zu schaffen. Nach ’ner kleinen Weile ließ er das Luftschiff ganz stillstehen und sagte:

»Na, nun mal den Kopf hoch und euch umgeschaut, ihr Wasserköpfe!«

Wir taten’s, und richtig – da war Wasser gerade unter uns! Klar und blau und kalt und tief, und von einer leichten Brise gekräuselt – der reizendste Anblick, den man sich nur denken kann. Die Ufer waren ringsherum mit Gras und Blumen bewachsen, mit schattigen Wäldchen von großen Bäumen bestanden, zwischen denen sich Weinreben rankten. Und alles sah so friedlich und so gemütlich aus – so wunderschön, daß man hätte geradezu laut herausweinen mögen.

Jim weinte wirklich und tanzte dazu und heulte dann wieder, so dankbar war er und vor Freuden ganz außer sich. Ich hatte die Wache und mußte daher an Bord bleiben; aber Tom und Jim kletterten runter und tranken jeder ein Faßvoll und ließen mir auch was zukommen, und ich habe in meinem Leben Manches genossen, was gut schmeckte, aber nichts, was sich mit diesem Wasser auch nur annähernd vergleichen ließe!

Dann gingen Tom und Jim ins Wasser und schwammen ein Stückchen; hierauf kam Tom an Bord und löste mich ab, und ich schwamm mitJim in den See hinaus. Dann löste Jim wieder Tom ab, und ich und Tom veranstalteten einen Wettlauf und ein kleines Boxen. Und ich glaube, so wohlig hab’ ich mich in meinem ganzen Leben nicht gefühlt. Die Hitze war gar nicht so übermäßig, weil es schon auf den Abend zuging; außerdem hatten wir nicht ein einziges Stück Zeug an. Kleider sind ja ganz schön und gut in der Schule und in Städten und meinetwegen auch auf Bällen, aber es wäre ja gar kein Sinn und Verstand drin, Kleider zu tragen, wenn keine Zivilisation mit all ihrem Getue und Genörgele in der Nähe ist.

Auf einmal schreit Jim:

»Löwen! Löwen kommen! Schnell, Massa Tom! Lauf was du kannst, Huck!«

O, wie rannten wir! Wir hielten uns nicht mal damit auf, unsere Kleider aufzunehmen, sondern walzten, hast du nicht gesehen!, auf die Strickleiter los. Jim verlor völlig den Kopf – das geht ihm nämlich immer so, wenn er in Aufregung und Angst gerät. Anstatt den Ballon ein kleines bißchen höher steigen zu lassen, so daß die Bestien die Leiter nicht mehr erreichen konnten, ließ erdie ganze Kraft los, und hoch in den Himmel sausten wir hinauf, an unserer Strickleiter baumelnd! Zum Glück merkte er sofort, was für einen Unsinn er gemacht hatte. Er stoppte also ab; nun hatte er aber völlig vergessen, was er zunächst zu tun hatte – und da hingen wir denn oben in der Luft, so hoch, daß die Löwen wie Schoßhündchen aussahen, und trieben vor dem Winde.

Aber Tom kletterte an Bord, stellte den Steuerapparat wieder richtig und ließ den Ballon langsam zur Erde hinunter und zwar wieder nach dem See zurück, wo ’ne Menge Bestien versammelt waren, wie wenn sie da Biwak halten wollten. Ich dachte, er hätte gerade wie Jim seinen Kopf verloren, denn er wußte doch, daß ich vor Angst nicht die Strickleiter ’raufklettern konnte. Er wollte mich doch nicht etwa mitten zwischen den Löwen und Tigern auf den Erdboden setzen?

Aber nein – in seinem Kopf war alles richtig, er wußte ganz genau, was er wollte. Er ließ den Ballon nieder, bis er ungefähr dreißig oder vierzig Fuß über dem Wasserspiegelschwebte und genau über der Mitte hielt er still und rief:

»Laß los und hops’ hinein!«

Das tat ich; mit den Füßen voran schoß ich ins Wasser, und es kam mir vor, als tauchte ich ’ne Meile, bis ich auf den Grund kam; und als ich wieder nach oben kam, sagte Tom:

»Nun leg’ dich auf den Rücken und laß dich treiben, bis du dich ausgeruht und wieder deine ganze Schneid beisammen hast; dann will ich die Leiter bis ins Wasser ’runterlassen, und du kannst an Bord klettern.«

So machte ich es denn. Na, und diese Strategik war riesig schlau von Tom; denn wenn er nach irgend ’ner anderen Stelle gesegelt wäre und mich da auf den Sand gesetzt hätte, so wäre die ganze Menagerie ebenfalls dahin gelaufen, und so hätten sie uns vielleicht nach einer sicheren Stelle herumsuchen lassen, bis ich schließlich schwindlig geworden und von der Leiter gefallen wäre.

Und während dieser ganzen Zeit stritten die Löwen und Tiger sich um unsere Kleider, und versuchten sich so darin zu teilen, daß jeder vonihnen etwas kriegte; aber es gab fortwährend Meinungsverschiedenheiten unter ihnen, indem alle Augenblicke irgend eine Bestie sich mehr anzueignen versuchte, als auf ihren Anteil kam. Es dauerte nicht lange, so gab es wieder Aufruhr, und so etwas wie diesen Anblick hat die Welt noch nicht erlebt! Es müssen ihrer ein Stücker fünfzig gewesen sein, alle in einem wilden Kuddelmuddel, fauchend, brüllend, schnappend, beißend, kratzend – Beine und Schwänze hoch in die Luft, und man konnte die einzelnen Biester nicht mehr unterscheiden, und rings um sie herum stoben Haare und Sand. Und als sie fertig waren, da lagen mehrere tot da, andere humpelten verwundet davon und die übrigen saßen auf dem Schlachtfeld ’rum. Die einen beleckten ihre Wunden, die anderen guckten zu uns empor, als ob sie uns einladen wollten, wir möchten doch ’runterkommen und den Spaß ein bißchen mitmachen. Aber wir dankten für den Spaß – wir brauchten keinen.

Von Kleidern war nichts, aber auch rein gar nichts mehr vorhanden. Die Bestien hatten sie bis auf den letzten Fetzen verschlungen; und ich glaube, sie dürften ihnen nicht sonderlich gutbekommen sein, denn es waren eine beträchtliche Menge Messingknöpfe dran, und in den Taschen befanden sich Messer, Rauchtabak, Nägel, Kreide, Marmeln, Angelhaken und andere solche Sachen. Aber mir war’s einerlei. Nur das machte mich ein bißchen nachdenklich, daß wir jetzt bloß des Professors Kleider hatten. Die Auswahl war ja allerdings reich genug, aber die einzelnen Stücke waren nicht gerade danach gemacht, um mit ihnen in Gesellschaft zu gehen – für den Fall, daß wir einer begegnet wären. Denn die Hosen waren so lang wie Eisenbahntunnel und die Röcke usw. dementsprechend. Schließlich brauchten wir aber doch bloß ’nen Schneider, um das alles in Ordnung zu bringen, und Jim hatte so ’nen kleinen Begriff von der Schneiderkunst, und er sagte, er könnte uns wohl ein paar Anzüge zurecht machen, die uns einstweilen genügen würden.


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