Neuntes Kapitel.
Ehe wir weiter segelten, hatten wir aber noch ein kleines Geschäftchen zu besorgen, und zu diesem Zweck mußten wir doch mal den Löwen und Tigern ’nen Besuch abstatten. Der größere Teil von des Professors Mundvorrat bestand in Büchsenkonserven von einer gerade damals erfundenen neuen Art; der Rest war frisches Fleisch. Nun, wenn man Missouribeefsteak nach der Großen Sahara mitnimmt, so muß man ein bißchen vorsichtig damit umgehen und sich in den kühleren Luftschichten halten. Wir dachten daher bei uns selber, es wäre am besten, wenn wir die Löwenversammlung besuchten und mal sähen, was da zu machen wäre.
Wir zogen die Strickleiter ein und ließen das Luftschiff sinken, bis wir gerade über den Bestien waren; dann ließen wir ein Tau mit ’ner Schlinge nieder und haspelten einen toten Löwen an Bord, einen kleinen zarten, und außer diesem noch einen jungen Tiger. Wir mußten die Versammlung mit dem Revolver in respektvoller Entfernunghalten, sonst hätten die verehrlichen Tiere sich an dem Spaß beteiligt und uns ein bißchen geholfen.
Wir schnitten uns von den beiden Tieren einen guten Vorrat herunter, zogen ihnen die Felle ab und warfen den Rest über Bord. Dann versahen wir einige von des Professors Angelhaken mit Ködern von dem frischen Fleisch und fingen an zu fischen. Wir schwebten gerade in der richtigen Entfernung über dem Seespiegel und fingen eine Menge von den reizendsten Fischen, die man sich nur denken kann. Nachher hatten wir ein ganz großartiges Abendessen: Löwensteak, Tigerschnitzel, gebackene Fische und warme Maiskuchen. Was Besseres verlange ich meiner Lebtage nicht.
Zum Nachtisch hatten wir Obst. Dieses kriegten wir aus der Krone eines riesengroßen Baumes. Es war ein sehr schlanker Baum, der vom Fuß bis zum Wipfel nicht ’nen einzigen Ast hatte; oben aber brach er auseinander wie ein Flederwisch. Natürlich war’s ein Palmbaum; ’nen Palmbaum kennt jedermann in der ersten Minute, wo er ihn sieht, nach den Abbildungen.Wir suchten in diesem Palmenwipfel nach Kokosnüssen – aber ’s gab keine, sondern da waren bloß große Bündel von ’ner Art von überlebensgroßen Weintrauben, aber es waren auch keine Trauben, sondern Datteln, wie Tom uns erklärte; denn die Beschreibungen in Tausend und einer Nacht und in den anderen Büchern, sagte er, paßten ganz genau auf sie. Natürlich konnten wir nicht wissen, ob’s wirklich welche waren; sie konnten ja auch giftig sein. Darum mußten wir denn ein Weilchen warten und aufpassen, ob die Vögel von diesen Früchten äßen. Sie taten’s, und darum taten wir’s auch und sie schmeckten über alle Maßen gut.
Inzwischen waren riesengroße Vögel herangekommen und hatten sich auf den toten Bestien niedergelassen. Es waren freche Geschöpfe; sie zerrten ganz munter am einen Ende von ’nem toten Löwen, an dessen anderem ein andrer Löwe nagte. Wenn der Löwe den Vogel wegjagte, nützte ihm das auch nicht viel; sobald der Löwe wieder am Knabbern war, war auch der Vogel an seinem Ende schon wieder da.
Es war seltsam und unnatürlich anzusehen,wie Löwen Löwenfleisch fraßen; wir dachten, vielleicht wären sie nicht miteinander verwandt, aber Jim sagte, das machte keinen Unterschied. Eine Sau, sagte er, fräße auch mit Vorliebe ihre eigenen Kinder, und ’ne Spinne machte es gerade so; und er meinte, vielleicht wäre auch ein Löwe annähernd ebenso grundsatzlos, wenn auch nicht ganz so schlimm. Ein Löwe würde wahrscheinlich nicht seinen eigenen Vater fressen – vorausgesetzt, daß er ihn erkannt hätte, – aber seinen Schwager z. B. würde er doch wohl verspeisen, wenn er ganz besonders hungrig wäre, und seine Schwiegermutter würde unter allen Umständen dran glauben müssen. Aber das alles waren Mutmaßungen, mit denen nichts bewiesen wurde. Man kann die Zeit berechnen, wann die Kuh nach Hause kommen muß – aber ob sie wirklich kommt, das ist ’ne andere Frage. Darum gaben wir’s denn auch auf und zerbrachen uns nicht länger den Kopf darüber.
Für gewöhnlich war’s sehr still in diesen Wüstennächten, aber diesmal hatten wir Musik. Eine ganze Schar von anderen Tieren kam zum Mahl; schleichende Kläffer, die, wie Tom unserklärte, Schakale waren, und andere, bucklige: Hyänen. Und diese ganze Gesellschaft unterhielt ein unaufhörliches Gebell. In dem Mondschein boten sie einen ganz eigenartigen Anblick. Wir hatten unser Luftschiff mit einem Seil an einem Baumwipfel festgemacht und brauchten deshalb keine Wache zu halten, sondern legten uns alle zum Schlafen hin. Aber zwei- oder dreimal war ich auf, um mir die Biester anzusehen und ihre Musik anzuhören. Ich saß sozusagen mit ’nem Freibillet auf dem ersten Rang in ’ner Menagerie. Sowas war mir in meinem Leben noch nie passiert, und deshalb wäre es ja ’ne Dummheit gewesen zu schlafen und die Gelegenheit nicht nach Möglichkeit auszunutzen; denn wer konnte wissen, ob sie sich mir jemals wieder bieten würde?
Mit dem Morgengrauen fingen wir wieder Fische; nachher faulenzten wir den ganzen Tag im tiefen Schatten einer Insel; indessen hielten wir abwechselnd Wache, damit nicht irgend ’ne Bestie uns auf den Hals käme und sich ’nen Erronauter zum Mittagessen holte. Wir hatten die Absicht, den nächsten Tag weiter zu fahren,konnten’s dann aber doch nicht übers Herz bringen – es war zu reizend!
Als wir endlich am dritten Tag himmelwärts flogen und nach Osten davonsegelten, konnten wir die Augen nicht von dem lieblichen Ort wenden, bis er nur noch als ein kleines Fleckchen in der Wüste erschien, und ich kann versichern, uns war gerade so zu Mute, wie wenn wir auf Nimmerwiedersehen von einem lieben Freunde Abschied nähmen.
Jim hatte schon ’ne Zeitlang nachdenklich vor sich hingeguckt; zuletzt sagte er:
»Massa Tom, wir sein nu bald an die Ende von die Wüste, denken ich.«
»Warum?«
»Nu, das sagen uns doch bissel Vernunft! Sie weiß, wie lange wir schon über sie gondeln tun. Muß aus lauter Sand gemachen sein. Sand müssen ein Ende nehmen, denn wo sollen die viele Sand herkommen?«
»Unsinn! ’s gibt Sand genug auf der Welt – darum brauchst du keine Sorgen zu haben!«
»O, habben ich keine Sorgen nix, Massa Tom. Aber ich wundere mir. Die liebe Gotthaben viele Sand, daran zweifle ich nix; aber ihm werden doch gewiß seine Sand nixverschwenden! Un ich sagen: dies Wüste is nu viel groß genug, so wie sie sein, un größer können sie nix werden, wenn nix liebe Gott seine Sand verschwenden.«
»O, laß dich begraben! Wir sind auf unserer Reise über die Wüste kaum erst ein hübsches Stück über den Anfang weg. Die Vereinigten Staaten sind ein recht tüchtig großes Land, nicht wahr? Nicht wahr, Huck?«
»Ja,« sag’ ich, »größere Länder gibt’s überhaupt nicht, so viel ich weiß.«
»Na, diese Wüste ist ungefähr so groß wie die Vereinigten Staaten, und wenn du sie oben auf unser Land legtest, so wäre von diesem nichts mehr zu sehen – gerad’ wie wenn du ’n Tuch drübergedeckt hättest. Ein kleines Eckchen würde da oben bei Maine ’rausgucken und auch im Nordwesten eins, und Florida würde herausragen wie’n Schildkrötenschwanz – aber das wäre alles. Vor’n paar Jahren haben wir ja Kalifornien den Mexikanern abgenommen; dieser Teil von der Pazifikküste ist also jetzt auch unser, undwenn ihr die Große Sahara so hinlegtet, daß ihr Rand genau am Stillen Ozean entlang liefe, so würde sie die ganzen Vereinigten Staaten bis New York bedecken und noch ein sechshundert Meilen breites Stück vom Altlantischen Ozean obendrein!«
»O du himmlische Güte!« ruf’ ich. »Hast du das schwarz auf weiß gesehen, Tom Sawyer?«
»Jawohl, ich kann’s dir sogar schwarz auf weiß zeigen. Sieh’ selber in diesem Buch nach. Mit der Wüste könntest du jeden Quadratzoll von den Vereinigten Staaten zudecken und unter den überschießenden Teil könntest du England, Schottland, Irland, Frankreich, Dänemark und Deutschland ’reinstopfen. Jawoll! Die Heimat der Braven und all die anderen Länder könntest du mit der Großen Sahara zudecken und hättest noch ’ne hübsche Menge Quadratmeilen reinen Sand über!«
Wir unterhielten uns noch lange über die Ausdehnung der Wüste, und je mehr wir sie mit diesem und jenem und sonst ’nem Ding verglichen, desto nobler und gewaltiger und großartiger kam sie uns vor. Schließlich fand Tomaus seinen Zahlentabellen ’raus, daß sie genau so groß ist wie das chinesische Reich. Dann zeigte er uns, was für ’nen großen Raum das Kaiserreich China auf der Landkarte einnimmt und was für ein großes Stück von der ganzen Welt chinesisch ist. Man konnte sich’s wirklich kaum vorstellen, und ich rief unwillkürlich:
»Ich hab’ ja von dieser Saharawüste schon oft sprechen hören, aber nie hab’ ich ’ne Ahnung gehabt, wie bedeutend sie ist!«
»Bedeutend?« sagte Tom. »Die Sahara bedeutend! Ja, so reden die Leute! Wenn etwas groß ist, ist es bedeutend! Danach beurteilen sie alles; sie sehen immer bloß den Umfang. Nun, sieh dir mal England an. Das ist das allerbedeutendste Land auf der Welt; und dies Land könntest du in Chinas Westentasche stecken und nicht nur das – du würdest es in dieser Westentasche ’ne verflixt lange Zeit zu suchen haben, wenn du’s das nächste Mal brauchtest. Nun sieh dir auch mal Rußland an. Das dehnt sich nach allen Seiten aus und hat trotzdem auf dieser Welt nicht mehr zu bedeuten als Rhode Island, und du findest in ganz Rußland nichthalb so viel wie in Rhode Island, was des Suchens wert ist.«
In der Ferne erblickten wir jetzt einen kleinen Hügel, der gerade am Ende der Welt stand. Tom unterbrach sich, griff ganz aufgeregt nach dem Fernrohr, sah hindurch und rief:
»Das ist er – das ist ganz bestimmt gerade der, nach dem ich schon lange ausgeschaut habe! Ganz gewiß ist das der Berg, in den der Derwisch den Mann hineinführte, um ihm all die Schätze zu zeigen.«
Wir guckten natürlich uns den Berg ganz genau an, und Tom begann uns die Geschichte davon zu erzählen, wie sie in Tausend und einer Nacht steht.