Zehntes Kapitel.
Tom sagte, die Sache hätte sich folgendermaßen zugetragen:
»Ein Derwisch wanderte durch die Wüste; es war ein sengend heißer Tag und er ging zu Fuß und hatte schon seine tausend Meilenhinter sich und war sehr arm und hungrig und abgerissen und müde, und hier in der Gegend, wo wir jetzt sind, begegnete er einem Kameltreiber mit hundert Kamelen und bat ihn um ein Almosen. Der Kameltreiber sagte aber, er möchte ihn entschuldigen, leider könnte er ihm nichts geben.
»›Gehören dir denn nicht diese Kamele?‹ fragte der Derwisch.
»›Ja, sie gehören mir.‹
»›Hast du Schulden?‹
»›Wer – ich? Nein!‹
»›Nun, ein Mann, der hundert Kamele besitzt und keine Schulden hat, der ist reich – und nicht nur reich, sondern sogar sehr reich. Nicht wahr?‹
»Der Kameltreiber räumte ein, dies sei richtig. Da sagte der Derwisch:
»›Gott hat dich reich gemacht und Er hat mich arm gemacht. Er hat Seine Gründe und sie sind weise – gesegnet sei Sein Name! Aber Er hat befohlen, daß Seine Reichen Seinen Armen helfen und du hast dich von mir, deinem Bruder, in seiner Not abgewandt; Er wird dir das gedenkenund es wird zu deinem Schaden sein.‹
»Dem Kameltreiber wurde unbehaglich zumute, als er diese Worte hörte; er war aber von Natur gewaltig aufs Geld erpicht und mochte nicht einen Cent missen. So begann er denn zu winseln und allerlei Entschuldigungen vorzubringen: es seien harte Zeiten, er habe zwar eine volle Ladung nach Balsora zu befördern, und bekomme dafür ein schönes Stück Geld, aber er könne in Balsora keine Rückfracht erhalten und darum werde seine Reise ihm nichts Rechtes einbringen. So machte denn der Derwisch sich wieder auf seinen Weg und sagte zum Abschied bloß:
»›Na, meinetwegen – wenn du’s riskieren willst. Aber ich glaube, diesmal hast du ’nen Irrtum gemacht und ’ne gute Gelegenheit verpaßt.‹
»Natürlich wollte nun der Kameltreiber wissen, was für ’ne Gelegenheit er verpaßt hätte, denn es hätte ja Geld dabei zu verdienen sein können. Er lief daher dem Derwisch nach und bat ihn so lange und so inständig, er möchte doch Mitleid mit ihm haben, daß der Derwisch zuletzt nachgab und sagte:
»›Siehst du den Berg dort hinten? In jenem Berge sind alle Schätze der Erde, und ich suchte gerade einen Mann mit einem recht guten milden Herzen und einem edlen hochsinnigen Charakter; denn wenn ich so einen Mann finden könnte, so hab’ ich hier ’ne Salbe bei mir, die ich auf seine Augen streichen würde; er könnte dann alle Schätze sehen und sie aus dem Berge hervorholen.‹
»Da kam der Kameltreiber in riesige Aufregung; er weinte und bat und ließ nicht nach, warf sich auf seine Kniee nieder und rief, er sei gerade so ein Mann, wie ihn der Derwisch suche, und er könne tausend Zeugen beibringen, die alle bestätigen würden, daß die Beschreibung ganz über alle Maßen genau auf ihn zutreffe.
»›Nun, dann meinetwegen!‹ sagte der Derwisch. ›Wenn wir deine hundert Kamele beladen, kann ich dann die Hälfte von ihnen abbekommen?‹
»Der Kameltreiber war so vergnügt, daß er kaum an sich halten konnte; und er rief:
»›Das soll ein Wort sein!‹
»Sie schüttelten sich also zur Bekräftigungdes Handels die Hände, und der Derwisch holte seine Büchse heraus und rieb dem Kameltreiber mit der Salbe das rechte Auge ein: Da tat sich der Berg auf und er ging hinein, und richtig – da lagen Haufen neben Haufen, Goldstücke und Juwelen, die funkelten, wie wenn alle Sterne vom Himmel heruntergefallen wären.
»Der Derwisch und der Kameltreiber machten sich nun fix an die Arbeit und beluden jedes Kamel mit einer Last, so schwer es sie nur zu tragen vermochte; dann nahmen sie Abschied von einander und jeder von ihnen zog mit seinen fünfzig von dannen. Aber es dauerte nur einen ganz kleinen Augenblick, da kam der Kameltreiber dem Derwisch nachgelaufen, holte ihn ein und sagte:
»›Du lebst ja doch eigentlich nicht unter den Menschen und darum brauchst du wirklich nicht all die Schätze, die du gekriegt hast. Willst du nicht so gut sein, mir zehn von deinen Kamelen abzulassen?‹
»›Na,‹ sagt der Derwisch, ›was du da sagst, ist ja ganz vernünftig; dagegen kann ich nichts einwenden.‹
»Er tat es also; sie nahmen wiederum Abschied, und der Derwisch zog mit seinen vierzig weiter. Aber gleich darauf läuft der Kameltreiber wieder mit Halloh hinter ihm her und fängt an zu winseln und zu betteln, er möchte ihm doch noch zehn Kamele geben, denn mit dreißig Kamelladungen Gold und Juwelen könnte ein Derwisch sich ganz gut durchs Leben schlagen. Bekanntlich leben ja die Derwische sehr einfach und haben keine eigene Wohnung, sondern ziehen in der Welt ’rum und quartieren sich bald hier bald dort ein.
»Aber damit war’s noch nicht zu Ende. Der gemeine Hund kam immer und immer wieder, bis er sich alle Kamele zusammengebettelt hatte und die sämtlichen hundert besaß. Dann war er zufrieden und sogar riesig dankbar und sagte, er wollte es dem Derwisch sein Lebenlang nicht vergessen, und niemand sei je zuvor so gut gegen ihn gewesen und so freigebig; so schüttelten sie sich denn die Hände, sagten sich Lebewohl und gingen auseinander, der eine hierhin und der andere dorthin.
»Aber wißt ihr – es waren noch keine zehn Minuten verstrichen, da war der Kameltreiberschon wieder unzufrieden – er war das allergemeinste Reptil in sieben Grafschaften – und kam wieder hinter dem Derwisch hergerannt. Und diesmal wünschte er, der Derwisch solle ihm auch auf sein anderes Auge ein bißchen von der Salbe streichen.
»›Warum?‹ fragte der Derwisch.
»›O! Du weißt schon!‹ antwortete der Kameltreiber.
»›Was denn?‹
»›Na, mir kannst du nichts weismachen!‹ sagt der andere. ›Du möchtest mir irgendwas verheimlichen, das weißt du selber recht gut. Ich denke mir aber, wenn ich die Salbe auch auf dem anderen Auge hätte, so könnte ich ’ne ganze Menge noch viel wertvollere Sachen sehn. Also bitte – streich’ sie mir auf!‹
»Sagt der Derwisch:
»›Ich habe dir nicht das allergeringste verhehlt. Aber ich will dir sagen, was dir geschehen würde, wenn ich dir die Salbe auf das linke Auge striche: du würdest niemals wieder sehen können – du wärest stockblind bis ans Ende deiner Tage.‹
»Aber, versteht ihr, das Biest wollte ihm nicht glauben. Nein, er bettelte und bettelte und winselte und flennte, bis zuguterletzt der Derwisch seine Büchse aufmachte und ihm sagte, er möchte sich die Salbe selbst aufstreichen, wenn er’s durchaus wollte. Der Mann tat es und richtig – in Zeit von ’ner Minute war er so blind wie ’n Maulwurf.
»Da lachte der Derwisch ihn aus und verhöhnte ihn und sagte:
»›Leb wohl! Ein Blinder braucht kein Gold und keine Juwelen.‹
»Dann machte er sich mit seinen hundert Kamelen davon und der Blinde mußte arm und elend und hilflos bis an sein Lebensende in der Wüste umherirren.«
Jim sagte, er wollte wetten, das wäre ’ne gute Lehre für ihn gewesen.
»Ja,« sagte Tom, »und ’ne Lehre, wie’s die allermeisten sind, die man kriegt. Sie nützen einem nichts, weil derselbe Vorfall einem niemals wieder passieren wird, ja gar nicht passieren kann. Als damals Hen Scovil den Schornstein ’runterfiel und sich das Rückgrat brach, daß er fürimmer krumm blieb, da sagte ein jeder, es würde ’ne Lehre für ihn sein. Was für ’ne Lehre denn? Was konnte er mit der Lehre anfangen? Er konnte nicht mehr in Schornsteine ’raufkriechen und hatte kein Rückgrat mehr zu brechen.«
»Aber einerlei, Massa Tom, es sein doch was Wahres dran, daß eine von die Erfahrung klug werden. In die Gute Buch stehen: die gebrannte Kind tun den Feuer scheuen.«
»Nu ja, ich leugne ja nicht, daß etwas ’ne gute Lehre sein kann, wenn’s was ist, was zweimal passieren kann. Es gibt ’ne Masse solche Sachen, und dadurch gerade wird ’n Mensch erzogen, wie Onkel Abner immer zu sagen pflegte; aber es gibt vierzig Millionen Sachen von der andern Sorte – Sachen, die nie sich zweimal auf dieselbe Weise zutragen – und die haben absolut keinen reellen Wert, die lehren einen Menschen genau so wenig, wie wenn er die Pocken kriegt. Wenn man sie mal erst hat, so nützt es einem nichts, daß es einem klar wird, man hätte sich sollen impfen lassen; und sich nachträglich impfen zu lassen, hat auch keinen Zweck, weil man die Pocken bloß einmal kriegt. Andererseits, sagte Onkel Abner,lernt einer, der mal ’nen Bullen an den Schwanz gefaßt hat, sechzig- oder siebzigmal so viel wie einer, der das nicht getan hat, und einer, der mal ’ne Katze am Schwanz nach Hause gezerrt hätte, sagte Onkel Abner, der lernte dadurch allerlei, was ihm mal von Nutzen sein würde und was sich nie in seiner Erinnerung verwischen würde. Aber ich kann dir sagen, Jim: aufdieLeute, die aus allem immer ’ne Lehre ziehen wollen, auf die war Onkel Abner nicht gut zu sprechen; denn es wäre doch nicht einerlei, ob …«
Aber Jim war eingeschlafen. Tom guckte ein bißchen verlegen drein, denn es ist ja immer ein unangenehmes Gefühl, wenn man etwas ganz besonders Schönes sagt und wenn man denkt, der andere hört ganz andächtig und bewundernd zu, und wenn dann der andere ganz mir nichts dir nichts einschläft. Natürlich hätte er nicht einschlafen sollen – denn das ist schäbig; aber je schöner jemand redet, desto sicherer schläfert er den anderen damit ein, und wenn man sich die Sache richtig überlegt, so hat eigentlich keiner von ihnen schuld – oder sie haben alle beide schuld.
Auf einmal fing Jim an zu schnarchen – zuerst sanft und süß, dann ein langes Sägen, hierauf ein noch stärkeres und dann ein halbes Dutzend ganz fürchterliche Schnarcher, wie wenn in ’ner Badewanne der letzte Rest Wasser in das Abflußloch hineingesaugt wird – hierauf dieses letzte halbe Dutzend noch einmal, aber noch stärker und mit etlichen Schnörkeln verziert, wie wenn ’ne Kuh in den letzten Zügen liegt – und wenn ein Menschsoschnarcht, so hat er den Höhepunkt der Leistung erreicht und kann einen aufwecken, der in der nächsten Straße mit ’nem Eimer voll Opium im Leibe schläft, aber er selber wacht nicht auf, obwohl der ganze gräßliche Spektakel keine drei Zoll von seinen Ohren entfernt ist. Und das ist, wie mich dünkt, das Allersonderbarste dabei. Aber reibe ein Streichholz an, um das Licht anzuzünden, und dieses leise Geräusch wird ihm in die Glieder fahren! Ich möchte wohl wissen, was der Grund hiervon ist, aber der läßt sich, wie’s scheint, nicht feststellen.
Unser Jim schnarchte also, daß er die ganze Wüste in Aufruhr brachte; auf Meilen in der Runde stürzten die wilden Tiere aus ihrenSchlupfwinkeln hervor, um zu sehen, was denn da oben in der Luft los sei; kein Mensch und kein Tier und kein Ding war dem Lärm so nahe wie Jim selber, und doch war er in der ganzen Gegend das einzige Geschöpf, das sich nicht dadurch stören ließ. Wir schrieen und brüllten ihn an – nützte alles nichts; aber sowie ein leises ungewohntes Geräusch gemacht wurde, da wachte er auf. Wahrhaftig, ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen und Tom auch, aber wir haben’s nicht herausbringen können, warum ein Schnarcher sich nicht schnarchen hört.
Jim sagte, er habe nicht geschlafen; er habe bloß die Augen zugemacht, um besser zuhören zu können.
Tom sagte, ihm hätte ja niemand einen Vorwurf gemacht.
Da machte Jim ein Gesicht, wie wenn er wünschte, er hätte lieber gar nichts gesagt. Und ich glaube, er wollte die Unterhaltung auf was anderes bringen, denn auf einmal fing er an, über den Kameltreiber herzuziehen. Er ließ kein gutes Haar an ihm, und ich mußte ihm recht geben; und den Derwisch erhob er bis in densiebenten Himmel, und auch darin mußte ich ihm beistimmen. Tom aber sagte:
»Das weiß ich denn doch nicht so gewiß. Ihr nennt den Derwisch so fürchterlich freigebig und gut und selbstlos – aber ich bin davon nicht so ganz überzeugt. Er suchte in der Wüste nicht nach ’nem andern armen Derwisch, nicht wahr? Oder? Nee, fiel ihm gar nicht ein. Wenn er so selbstlos war – warum ging er nicht einfach selber in den Berg, nahm ’ne Tasche voll Juwelen ’raus und ging damit zufrieden weiter? Aber nein – was er suchte, das war ein Mann mit hundert Kamelen. Er wollte so viele Schätze fortschleppen, wie er nur irgend konnte.«
»Abers, Massa Tom, ihm wollten doch teilen – ehrliche halb und halb! ihm wollten bloß fufzig Kamele haben!«
»Weil er wußte, daß er sie schließlich doch alle hundert kriegen würde.«
»Massa Tom, er sagten abers zu die Mann, das Salbe täte ihm blind machen tun!«
»Ja, weil er den Charakter des Mannes kannte. Es war gerade die Sorte von ’nemMann, wonach er gesucht hatte – ein Mann, der nie an eines andern Wort oder Ehrlichkeit glaubt, weil er selber gar nicht weiß, was ein wahres ehrliches Wort ist. Ich glaube, es gibt viele Leute, die’s genau so machen, wie dieser Derwisch. Sie gaunern nach rechts und nach links, aber richten es immer so ein, daß es so aussieht, als ob gerade der andere der Gauner sei. Sie bleiben stets innerhalb des Buchstabens der Gesetze, und darum kann man sie nie erwischen.Sielegen nicht die Salbe auf – o nein! Das wäre ja Sünde! Aber sie wissen den anderen so an der Nase zu führen, daß er sich selber damit beschmiert – und dann hat er sich eben selber blind gemacht. Ich glaube, der Derwisch und der Kameltreiber waren ein edles Brüderpaar: ein schlauer, gerissener, verschmitzter Schurke und ein plumper, roher, unwissender – aber Schurken alle beide, der eine wie der andere!«
»Massa Tom, glauben Sie, daß es auf diese Welt noch so ein Salben geben tun?«
»Ja, Onkel Abner sagt, es gibt welche. In New York, sagt er, haben sie sie und sie schmieren sie dem Landvolk auf die Augen und zeigen ihnenalle Eisenbahnen von der Welt und sie fallen drauf ’rein und schaffen sie ’ran; und dann reiben sie sich auch das andere Auge mit der Salbe ein und der kluge Mann sagt ihnen Adieu und geht mit ihren Eisenbahnen ab. Na, hier sind wir beim Schatzberg! Tiefer mit dem Ballon!«
Wir landeten, aber es war nicht so interessant, wie ich erwartet hatte, weil wir nämlich die Stelle nicht finden konnten, wo sie ’reingegangen waren, um die Schätze zu holen. Immerhin war es noch sehr interessant, auch nur den Berg zu sehen, wo eine so wunderbare Geschichte sich zugetragen hatte. Jim sagte, er hätte nicht für drei Dollars bei dem Berg vorbeifahren mögen, ohne sich ihn näher anzusehen, und ich war ganz derselben Meinung.
Aber das Allerwundervollste war für mich und Jim, wie Tom in so’n großes fremdes Land kam wie dies und einfach geradeswegs auf so ’nen kleinen Steinhaufen lossegeln und ihn in ’ner Minute aus ’ner Million von anderen geradeso aussehenden Bergen ’rauskennen konnte, und ohne irgend welche fremde Hilfe, bloß durch sein eigenes Wissen und seine eigene Schläue.Wir besprachen das lange Zeit, konnten aber nicht ’rausbringen, wie er’s anfing. Er hatte den besten Kopf, den ich je gesehen, und ihm fehlte weiter nichts als das richtige Alter, um sich ’nen Namen zu machen wie Kapitän Kidd, der große Seeräuber, oder George Washington. Ich will wetten, die wären alle beide in ’ner häßlichen Verlegenheit gewesen – trotz all ihrer Klugheit – wenn sie den Berg hätten ausfindig machen sollen. Aber für Tom Sawyer war das ganz und gar nichts; der ging quer über die Sahara drauf los und tippte ihn mit dem Finger an – so leicht, wie man ’nen Nigger aus ’nem Haufen Engelein ’rauskennen würde.
Ganz in der Nähe fanden wir einen Salzwasserteich, von dessen Rändern wir einen Vorrat Salz einsammelten; damit rieben wir die Löwen- und die Tigerhaut ein, so daß sie sich halten konnten, bis Jim Zeit kriegte, sie richtig zu gerben.