Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Ich war so angegriffen, daß ich an gar nichts weiter dachte, als mich schnell hinzulegen. Ich streckte mich daher auf meiner Bank aus, aber in solcher Backofenhitze war nicht daran zu denken, wieder zu Kräften zu kommen; Tom befahl daher, das Luftschiff höher steigen zu lassen, und Jim führte seine Weisungen sofort aus.

Wir mußten eine volle Meile aufsteigen, bis wir in eine angenehme Luftschicht kamen, wo eine erfrischende Brise wehte und es weder zu kalt noch zu warm war. Bald war ich wieder völlig bei Kräften. Tom hatte die ganze Zeit über still und nachdenklich dagesessen, aber auf einmal sprang er auf und sagte:

»Ich will tausend gegen eins wetten: ich weiß, wo wir sind! Wir sind in der Großen Sahara – das ist bombensicher!«

Er war so aufgeregt, daß er weder Arme noch Beine still halten konnte; mich regte seine Mitteilung weniger auf; ich fragte bloß:

»So? Na, wo ist denn die Große Sahara? In England oder in Schottland?«

»Weder da noch dort – sie ist in Afrika.«

Da riß aber Jim die Augen auf! Mit riesiger Neugierde sah er sich das Land an; und das war auch kein Wunder, denn da waren ja seine Vorfahren hergekommen. Aber ich selber konnte es nur so halb und halb glauben; mir schien denn doch, eine so kolossale Reise könnten wir unmöglich gemacht haben.

Tom indessen war voll von seiner ›Entdeckung‹, wie er es nannte. Die Löwen und der Sand, sagte er, das bedeutete ganz bestimmt die große Wüste.

Jim sah immer noch durch das Fernrohr auf den Sand herunter. Auf einmal schüttelte er den Kopf und sagte:

»Massa Tom, da muß woll was nix richtig sein! Ich hab noch gar keine Nigger nix gesehen!«

»Das will nichts sagen! Sie leben nicht in der Wüste. Aber was ist denn das? Da hinten ganz in der Ferne? Gebt mir ’mal ’n Fernrohr!«

Er sah lange durch das Glas und sagte, es sähe aus wie ein langer schwarzer Strich, der sichüber den Sand hinzöge, aber er könnte nicht begreifen, was es wohl sein möchte.

»Na,« sagte ich, »vielleicht hast du jetzt ’ne Möglichkeit, genau festzustellen, wo der Luftballon ist. Denn höchstwahrscheinlich ist das doch eine von den Linien, die auf der Karte verzeichnet sind, und die du Meridianlängen nanntest; wir brauchen bloß ’runterzugehen und uns die Nummer anzusehen und …«

»O, Huck Finn! Was für ein Blödsinn! So einen Quatschkopf wie du bist habe ich noch nie gesehen! Meinst du im Ernst, die Längenmeridiane sindauf der Erde?«

»Tom Sawyer, sie sind auf der Karte abgebildet, das weißt du recht gut, und hier ist ja eine, das kannst du doch mit deinen eigenen Augen sehen!«

»Natürlich stehen sie auf der Karte; aber das beweist noch nichts! Auf demErdbodengibt es selbstverständlich keinen.«

»Tom, weißt du das gewiß?«

»Natürlich!«

»Nun, dann hat die Landkarte wieder mal gelogen. So eine Lügerei wie auf der Karte ist mir noch gar nicht vorgekommen!«

Das brachte nun wieder Tom in hellen Eifer; aber ich wußte ihm mit Worten zu dienen und Jim, der ganz meiner Meinung war, kam auch in Hitze, und es ist gar nicht unmöglich, daß unsere Beweisführungen ein bißchen handgreiflich geworden wären – aber auf einmal warf Tom das Fernrohr hin und klatschte in die Hände, wie wenn er den Verstand verloren hätte, und schrie aus vollem Halse:

»Kamele! Kamele!«

Ich nahm schnell ein Fernrohr und Jim guckte auch darnach; aber ich war enttäuscht und sagte: »Deine Großmutter hat wohl Kamele! Das sind ja Spinnen!«

»Spinnen in ’ner Wüste, du Schafskopf? Spinnen, die in einer langen Reihe marschieren? Streng’ mal ’n bißchen deinen verehrlichen Schädel an, Huck Finn, – aber es kommt mir allerdings fast so vor, als hättest du nichts drin! Du denkst wohl gar nicht dran, daß wir ’ne volle Meile hoch oben in der Luft sind und daß der Streifen von Krabbeltieren zwei oder drei Meilen entfernt ist. Spinnen – heiliger Bimbam! Spinnen so groß wie ’ne Kuh? Willst du nichtvielleicht runtergehen und eine von ihnen melken? Aber verlaß dich nur darauf, was ich sage: es sind und bleiben Kamele. ’s ist ’ne Karawane, ganz einfach ’ne Karawane, und sie ist ’ne Meile lang!«

»Na, denn wollen wir doch runtergehen und sie uns ansehen! Ich glaube es nun ’mal nicht und werde nicht eher dran glauben, als bis ich’s genau und deutlich selber sehe!«

»Meinetwegen!« rief Tom und kommandierte: »Tiefer mit dem Ballon!«

Als wir in die heiße Luftschicht kamen, da konnten wir denn sehen, daß es wirklich Kamele waren – eine endlose Reihe von bedächtig schreitenden Tieren, die große Ballen auf ihren Rücken trugen. Auch mehrere hundert Männer waren dabei, die hatten lange weiße Gewänder an und um ihre Köpfe trugen sie lange Binden gewickelt, von denen Troddeln und Fransen herniederhingen. Einige von ihnen hatten lange Flinten und andere hatten keine; einige ritten und andere gingen zu Fuß. Und die Hitze – na, wir kamen uns vor, wie wenn wir auf ’nem Bratrost lägen. Und wie langsam krochen siedurch die Wüste hin! Wir ließen uns nun plötzlich hernieder und stoppten, als wir ungefähr hundert Meter über ihnen waren.

Die Männer schrieen alle miteinander plötzlich laut auf, und einige warfen sich platt auf den Bauch, andere fingen an, mit ihren Flinten nach uns zu schießen, und der Rest stob nach allen Windrichtungen auseinander – Menschen, Pferde und Kamele.

Wir sahen, daß wir Wirrwarr anrichteten, und stiegen deshalb wieder auf, bis wir ungefähr in der alten Höhe von einer Meile uns befanden, wo die kühle Luftschicht war; von dort aus sahen wir uns alles an. Sie brauchten beinahe eine Stunde, bis sie wieder alle zusammen und in der richtigen Marschordnung waren; dann brachen sie wieder auf, aber wir konnten durch unsere Fernrohre beobachten, daß sie bloß für unseren Luftballon Augen hatten. Wir fuhren in ihrer Richtung weiter, indem wir sie durch unsere Gläser genau betrachteten; das war ein sehr interessanter Anblick. Auf einmal sahen wir einen großen Sandhügel und jenseits desselben eine Menge Gestalten, die wir für Menschenhielten; und oben auf dem Hügel lag etwas – dem Anschein nach ein Mann; der hob alle Augenblicke mal den Kopf in die Höhe und sah sich um – ob nach uns oder nach der Karawane, das konnten wir nicht unterscheiden. Als die Karawane näher gekommen war, rutschte er auf der anderen Seite des Hügels herunter und lief schnell zu den anderen Menschen – wir sahen jetzt, daß es solche waren – die neben ihren Pferden hinter dem Sandberg auf der Lauer gelegen hatten. Im Nu waren sie im Sattel und wie ein Donnerwetter kamen sie hervorgesprengt, einige mit Lanzen bewaffnet und andere mit langen Flinten, und alle miteinander schrieen und heulten sie aus vollem Halse.

Eins, zwei, drei waren sie bei der Karawane und in der nächsten Minute prallten die beiden Parteien aufeinander. Dann folgte ein wildes Durcheinander und ein Flintengeknatter, wie wir’s nie gehört hatten, und die Luft war so voll von Pulverdampf, daß wir nur ab und zu einen schnellen Blick auf das Handgemenge werfen konnten.

Es müssen wohl mindestens sechshundertMann an der Schlacht beteiligt gewesen sein, und der Anblick war fürchterlich. Allmählich lösten sie sich in einzelne kleine Abteilungen und Gruppen auf, die in verzweifelter Wut miteinander kämpften und nicht abließen, wie wenn sie sich ineinander verbissen hätten. Wenn der Pulverqualm sich auf kurze Augenblicke ein wenig verzog, konnten wir tote und verwundete Menschen und Kamele überall auf dem Boden verstreut liegen sehen, und die Tiere liefen wie toll nach allen Richtungen davon.

Schließlich sahen die Räuber ein, daß sie nichts ausrichten konnten; ihr Hauptmann blies ein Signal und was von ihnen noch am Leben war, sprengte über die Wüste davon. Der Letzte von den Räubern riß noch ein Kind an sich und warf es vor seinem Sattel über das Pferd, und ein Weib rannte schreiend und flehend hinter ihm her, bis sie eine weite Strecke von ihren Leuten entfernt war. Sie konnte ihn nicht einholen und schließlich gingen ihr die Kräfte aus und wir sahen, wie sie auf dem Sande zusammenbrach und das Gesicht mit den Händen bedeckte.

Da sprang Tom ans Steuer; wie der Sturmwind sausten wir auf den Schurken los und unsere Gondel traf ihn, daß das Pferd niederfiel und Räuber und Kind aus dem Sattel flogen. Er hatte eine ganz gehörige Schramme gekriegt, aber das Kind war heil und ganz und lag mit Armen und Beinen strampelnd da, wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist und nicht wieder hoch kommen kann. Der Mann humpelte davon, um wieder sein Pferd zu besteigen; er machte ein ganz verblüfftes Gesicht, weil er nicht wußte, was ihn umgeschmissen hatte, denn wir waren inzwischen schon wieder drei- bis vierhundert Meter hoch oben in der Luft.

Wir dachten, das Weib wäre nun hingegangen und hätte sich ihr Kind geholt; aber das tat sie nicht. Wir sahen durch unsere Ferngläser, wie sie noch immer auf derselben Stelle saß, den Kopf auf die Kniee gesenkt. Sie hatte deshalb natürlich von dem ganzen Vorgange nichts bemerkt und glaubte, ihr Kind wäre ihr von dem Mann für ewig geraubt. Sie mochte eine halbe Meile von der Karawane entfernt sein und das Kind lag etwa eine Viertelmeile von ihrauf dem Sand. Wir beschlossen daher, es aufzuheben, denn vor den Leuten der Karawane brauchten wir keine Angst zu haben; sie konnten nicht so schnell zu uns herankommen; außerdem hatten sie noch für eine gute Weile alle Hände voll zu tun, um für ihre Verwundeten zu sorgen. Deshalb beschlossen wir, das Wagnis zu unternehmen.

Wir gingen bis auf den Grund herab; Jim kletterte die Leiter herunter und hob das kleine Kindchen auf; es war ein hübscher dicker Bengel und er jauchzte und kreischte vor Vergnügen, was in Anbetracht der Umstände eine anerkennenswerte Leistung war – denn er hatte doch gerade eben eine große Schlacht mitgemacht und war von einem Pferde abgeworfen worden.

Darauf segelten wir an die Mutter heran; wir hielten dicht hinter ihrem Rücken und Jim kletterte wieder heraus und ging leise mit dem Kind auf dem Arm zu ihr heran, und das Kleinchen lallte und quiekte und sie hörte es und fuhr mit einem Freudenschrei herum. Dann nahm sie ihr Kind und herzte und küßte es und setzte es wieder hin und herzte und küßte Jimund hing ihm eine goldene Kette um, und fiel ihm wieder um den Hals. Und dann riß sie wieder ihr Kind an sich und drückte es gegen ihren Busen und schluchzte und jauchzte immer durcheinander. Jim sprang schnell nach der Strickleiter und war im Nu oben bei uns in der Gondel. Eine Minute darauf waren wir wieder hoch oben unterm Himmel, und da stand das Weib und sah uns nach, den Kopf ganz tief in den Nacken zurückgeworfen, und das Kind hatte die Aermchen um ihren Hals geschlungen.

Und so stand sie und sah uns nach, bis wir vor ihren Blicken tief im Himmel verschwunden waren.


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