Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

»Mittag!« sagte Tom. Und so mußte es wohl sein, denn sein Schatten bildete nur einen kleinen Fleck um seinen Fuß herum.

Wir hatten in unserer Gondel zwei Uhren, die nebeneinander befestigt waren und ganz verschiedene Zeiten anzeigten. Tom sagte, es wärenChronometer, und der eine zeigte die Zeit von St. Louis, der andere die von Grinnitsch. Wir sahen nun auf diesen nach und es war beinahe aufs Haar zwölf Uhr. So sagte denn Tom, Grinnitsch – oder London, denn das wäre ein und dasselbe – wäre entweder direkt nördlich oder direkt südlich von uns; aus der Hitze aber und dem Sand und den Kamelen schlösse er, daß London wohl eher nördlich läge und zwar ’ne ganz gehörige Anzahl Meilen – etwa soweit wie von New York nach der Stadt Mexiko.

Jim meinte, ein Luftballon wäre doch wohl das schnellste Ding auf der Welt; wenn nicht etwa irgend ein Vogel noch schneller wäre – vielleicht ’ne wilde Taube oder ’ne Eisenbahn.

Aber Tom sagte, er hätte gelesen, daß in England mit der Eisenbahn auf kurze Strecken bereits eine Geschwindigkeit von hundert Meilen in der Stunde erzielt worden wäre, und es gäbe auf Erden keinen Vogel, der eine solche Leistung fertig brächte – mit Ausnahme eines einzigen, und das wäre ein Floh.

»Ein Floh? Hm, Massa Tom, erst mal is ein Floh sozusagen kein Vogel nix …«

»Ist kein Vogel, häh! Na, was ist er denn?«

»Ich weiß nix so genau, Massa Tom, aber ich denk beinah, es is woll bloß so ’n Art Tier. Oder nein – das is woll auch nix richtig – denn for’n Tier is er nix groß genug. Er muß ’n Käfer sein – jawoll, das muß er – ’n Käfer muß er sein.«

»Ich will wetten, er ist keiner – aber einerlei! Was hast du für’n ›Zweitens‹ vorzubringen?«

»Nu, zweitens: Vögel machen ’ne weite Entfernung, aber ’n Floh nix.«

»Nicht? Wirklich nicht? Na, denn sag mir mal, was ist denn wohl ’ne weite Entfernung?«

»Nu, Meilen! … ne Masse Meilen! Das weiß doch eine jede Kind!«

»Kann ein Mensch meilenweit laufen?«

»Jawoll, kann er!«

»So viel Meilen wie ’ne Eisenbahn?«

»Jawoll, wenn er Zeit haben tut.«

»Kann ein Floh das auch?«

»Nu, hm, o jawoll … warum nix? Wenn ervielZeit haben tut.«

»Aha! Nun fängst du wohl an zu begreifen, daß es nicht auf die Entfernung an sich ankommt, sondern auf die Zeit, die man braucht, um eine Entfernung zurückzulegen, nicht wahr?«

»Hm, nu ja, es sieht so aus – aber ich hätt’s nix geglaubt, Massa Tom!«

»Es kommt aufsVerhältnisan, mein Lieber; und wenn ihr über die Schnelligkeit eines Geschöpfes urteilen wollt, so müßt ihr dessen verhältnismäßige Größe in Betracht ziehen. Und wo bleibt da euer Vogel und euer Mensch und eure Eisenbahn, wenn ihr damit einen Floh vergleicht? Der schnellste Mensch kann laufend nicht mehr als ungefähr zehn Meilen in der Stunde zurücklegen – nicht viel mehr als das Zehntausendfache seiner eigenen Länge. Aber in jedem Buch könnt ihr lesen, daß ein ganz gewöhnlicher Floh dritter Güte hundertfünfzigmal so weit springt wie er selber groß ist; und in einer Sekunde kann er fünf Sprünge machen – das ist das Siebenhundertfünfzigfache seiner eigenen Länge, in einer einzigen kleinen Sekunde, denn er verliert keine Zeit damit, daß er anhält und einen neuen Anlauf nimmt; das macht er sofortineinemab. Ihr könnt das selber sehen, wenn ihr versucht, einen Floh unter euren Finger zu kriegen. Nun, das leistet ein ganz gewöhnlicher Floh dritter Güte; nehmt aber mal erst einen erstklassigen italienischen, der sein Leben lang der Liebling der hohen Aristokratie gewesen ist und gar nicht weiß, was Not und Hunger ist: der macht Sprünge, die das Dreihundertfache seiner Länge betragen, und der hält eine Leistung von fünfzehnhundert Flohlängen in der Sekunde einen ganzen Tag aus! Nun nehmen wir mal an, ein Mann könnte in einer Sekunde fünfzehnhundert Mannslängen zurücklegen – das macht ungefähr anderthalb Meilen. In einer Minute neunzig Meilen und in einer einzigen Stunde beträchtlich mehr als fünftausend Meilen. Na, wo bleibt jetzt euer Mensch? und euer Vogel und eure Eisenbahn und euer Luftballon? Auf ihre Geschwindigkeiten hustet ja unser Floh! Ein Floh ist an Geschwindigkeit geradezu ein Komet im kleinen!«

Jim war ganz verblüfft – und ich nicht weniger. Schließlich sagte Jim:

»Sein auch diese Zahlen ganz genau, un is es kein Spaß nix un keine Lüge nix, Massa Tom?«

»Ja, die Zahlen stimmen ganz genau!«

»Nu, denn alle Achtung vor eine Floh! Ich hab’ nix grad viel Achtung gehabt vor die Floh … aber die Floh verdient sie … das is gewiß!«

»Na, das will ich meinen! Er ist nicht bloß schneller, sondern auch klüger und verständiger als irgend ein Geschöpf auf der Welt – immer im Verhältnis zu ihrer Größe. Man kann Flöhe fast zu allem abrichten: und sie lernen es schneller als jedes andere Wesen. Sie können in vollem Geschirr kleine Wagen ziehen, und gehen damit hierhin oder dorthin – je nachdem der Befehl lautet. Und marschieren und exerzieren tun sie wie richtige Soldaten und so stramm aufs Kommando, wie nur der beste Soldat. Sie haben alle möglichen schwierigen und anstrengenden Uebungen gelernt. Angenommen, man könnte einen Floh züchten, der die Größe eines Mannes erreichte und seine angeborene Klugheit und geistige Regsamkeit nähme dabei im selben Verhältnis zu, wie das Wachstum seiner Glieder – was meint ihr wohl, wo bliebe da das Menschengeschlecht?DerFloh würde Präsident derVereinigten Staaten werden – dagegen wäre ebensowenig was zu machen, wie wir verhindern können, daß es blitzt!«

»O du liebe große Gott, Massa Tom! Davon hatt’ ich ja nie nix ’ne Ahnung, daß die Floh so eine gewaltige Tier sei! Warraftig, das kam mir nie nix in Sinn, un das sagich!«

»Im Verhältnis zu seiner Größe übertrifft er, und zwar bei weitem, jedes andere Geschöpf, Mensch wie Tier. Er ist das interessanteste von allen. Man redet so viel von der Stärke einer Ameise, eines Elefanten, einer Lokomotive. Quatsch! An ’nen Floh können die nicht tippen! Der kann das Zwei- oder Dreihundertfache seines eigenen Gewichts heben. Das kann sonst niemand auch nur annähernd. Außerdem macht so’n Floh sich seine eigenen Gedanken; er ist ein origineller Kopf und läßt sich kein X für ein U machen; sein Instinkt oder seine Ueberlegung – oder was es sonst ist – ist vollkommen gesund und klar und irrt sich niemals. Die Leute meinen, ’nem Floh sei ein Mensch so lieb wie der andere. Aber das stimmt nicht. Gewissen Menschen kommt er niemals zu nahe, mag er noch so hungrigsein, und zu diesen Menschen gehöre ich. Ich habe in meinem ganzen Leben niemals ’nen einzigen Floh auf mir gehabt.«

»Massa Tom!!«

»Ja, so ist’s. Ich spaße nicht.«

»Nanu! Da mussen ich sagen: sowas hab’ ich in mein Leben nix gehören!«

Jim konnte es nicht glauben, und ich auch nicht. So mußten wir denn den Ballon ’runterlassen, uns auf den Sand setzen und ’ne Anzahl Flöhe auf uns ’rauf hüpfen lassen; denn so eine wunderbare Geschichte wollten wir mit eigenen Augen sehen. Tom hatte recht. An mich und Jim gingen sie zu Tausenden ’ran, aber kein einziger ließ sich auf Tom nieder. Eine Erklärung gab’s dafür nicht, aber die Tatsache war da – darum ließ sich nicht ’rumkommen. Er sagte, es sei schon immer so gewesen und er wolle sich ganz ruhig unter ’ner Million von Flöhen niederlassen; sie würden ihn weder anrühren noch sonstwie belästigen.

Wir stiegen in die kalte Luftschicht empor, um die Flöhe durch den Frost zu vertreiben; da blieben wir ’ne kleine Weile und begaben unsdann wieder in die behagliche Temperatur. Wir bummelten ganz gemütlich mit ’ner Geschwindigkeit von zwanzig oder fünfundzwanzig Meilen in der Stunde durch die Luft. So hatten wir’s die letzten paar Stunden schon gemacht; denn je länger wir in dieser feierlichen friedvollen Wüste waren, desto mehr schwand alle Hast und Unruhe aus unseren Herzen, und desto glücklicher und zufriedener ward uns zu Mute; die Wüste gefiel uns immer besser und schließlich liebten wir sie geradezu. So hatten wir denn, wie gesagt, die Geschwindigkeit beträchtlich gemindert und faulenzten so recht mit Behagen, indem wir bald mal durch die Fernrohre guckten, bald uns auf den Bänken ausstreckten und lasen, bald ein bißchen druselten.

Das klingt eigentlich komisch – denn wie eilig hatten wir’s noch ganz kurz vorher gehabt, an Land zu kommen und auszusteigen! Aber daran dachten wir gar nicht mehr. Wir waren mit dem Luftschiff jetzt völlig vertraut und hatten keine Angst mehr und wünschten uns gar nichts Besseres, als nur so weiter zu fahren. Wir fühlten uns wahrhaftig ganz wie zu Hause; mir kam’sbeinahe vor, als sei ich in dem Luftballon geboren und aufgewachsen; und Jim und Tom sagten, ihnen sei’s auch so. Und ich hatte ja immer eklige Menschen um mich ’rum gehabt, die mich ausschalten und pufften, und fortwährend dies und das zu tadeln hatten und bald dies bald jenes anders gemacht haben wollten und überhaupt fortwährend was für mich zu tun hatten und gerade immer etwas, wozu ich keine Lust hatte. Und wenn ich mich dann natürlich drückte und irgendwas anderes machte, gab’s Keile, daß mir gar manchmal das ganze Leben zur Last war. Aber hier oben in den himmlischen Lüften, da war’s so still und sonnenwarm und lieblich; dabei zu essen, so viel man mochte, und schlafen können, so oft man Lust hatte, und merkwürdige Dinge zu sehen, und kein Nörgeln und Schimpfen, keine braven Leute und immerzu Sonntag! Herrgott – ich hatt’s wahrhaftig nicht eilig, unser Luftschiff zu verlassen und mich wieder mit der Zivilisation ’rumzuschlagen. Zu den ekligsten Eigenschaften der Zivilisation gehört es, daß jeder, der ’nen unangenehmen Brief gekriegt hat, damit zu einem kommt und einem die ganze Geschichte haarkleinerzählt, daß einem hundeelend zu Mute wird; und die Zeitung teilt alles Widerwärtige mit, was auf der ganzen Welt passiert, so daß man fast immer trübsinnige und katzenjämmerliche Gefühle hat – und das ist für ’nen einzelnen Menschen wirklich ’ne schwere Last. Ich hasse diese Zeitungen! ich hasse Briefe! und wenn’s nach mir ginge, dürfte niemand einen, den er gar nicht kennt, am andern Ende der Welt mit seinen Schauergeschichten anöden. Na, hoch oben in ’nem Luftballon gibt’s so was nicht und deshalb ist so’n Luftballon das reizendste Ding auf der ganzen Welt.

Wir aßen zu Abend und dann kam die Nacht; und diese Nacht war eine von den schönsten, die ich je erlebt habe. Der Mond schien so hell, daß wir denken konnten es sei Tag; nur war das Licht viel viel sanfter. Einmal sahen wir ’nen Löwen, der ganz einsam dastand, wie wenn er auf der weiten Welt mutterseelenallein wäre, und auf dem Sand lag sein Schatten wie ein schwarzer Tintenklex. Das ist gerade die richtige Sorte Mondschein!

Die meiste Zeit über lagen wir auf demRücken und plauderten; zum Schlafen hatten wir gar keine Lust. Tom sagte, wir seien jetzt mitten drin in Tausendundeiner Nacht. Gerade hier müsse die Gegend sein, wo mal eine von den verschmitztesten Geschichten sich zugetragen habe. Wir guckten über den Rand unseres Luftballons und sahen uns die Gegend an, während er erzählte; denn nichts ist so interessant anzusehen, als ’ne Gegend, die in ’nem Buch vorkommt. Die Geschichte handelte von ’nem Kameltreiber, der sein Kamel verloren hatte; er läuft in der Wüste ’rum und trifft ’nen Mann und sagt:

»›Bist du nicht heute einem verlaufenen Kamel begegnet?‹

»Und der Mann sagt:

»›War es auf dem linken Auge blind?‹

»›Ja.‹

»›Hatte es einen von den oberen Vorderzähnen verloren?‹

»›Ja.‹

»›War es auf dem rechten Hinterfuß lahm?‹

»›Ja.‹

»›War es auf der einen Seite mit Hirse, und auf der anderen mit Honig beladen?‹

»›Ja! Aber du brauchst keine Einzelheiten mehr anzuführen. Es ist mein Kamel, und ich hab’s eilig. Wo hast du es gesehen?‹

»›Gesehen hab ich’s überhaupt nicht‹, sagt der Mann.

»›Was? Ueberhaupt nicht gesehen? Wie kannst du’s denn so genau beschreiben?‹

»›Das ist ganz einfach! Wenn einer seine Augen zu benutzen weiß, so hat alles was er sieht, Sinn und Bedeutung; aber die meisten Leute wissen mit ihren Augen gar nichts anzufangen. Daß ein Kamel vorbeigelaufen war, wußte ich, weil ich seine Spur sah. Ich wußte, daß es auf dem rechten Hinterfuß lahmte, weil es diesen Fuß geschont hatte und leicht damit aufgetreten war. Das sah ich an der Spur. Auf dem linken Auge mußte es blind sein, weil es nur rechts vom Wege das Gras abgerupft hatte. Einen von den oberen Vorderzähnen mußte es verloren haben, weil in der Zahnspur im Grase eine Lücke war. Die Hirse war an der einen Seite herausgerieselt – das erzählten mir die Ameisen; an der anderen Seite war Honig herniedergeträufelt – das erzählten mir die Fliegen. Also wußte ich vondeinem Kamel ganz genau Bescheid; aber gesehen hab’ ich’s nicht.‹«

»Weiter, Massa Tom!« ruft Jim. »Das is ein riesig guter Geschicht, un mächtig intressant!«

»Das ist alles,« sagt Tom.

»Alles?« schreit Jim verblüfft. »Was werd denn aus die Kamel?«

»Weiß ich nicht.«

»Massa Tom, stehen nix von in das Geschicht?«

»Nein.«

Jim denkt kopfschüttelnd ’ne Minute nach; dann sagt er:

»Warraftig! Das is der verflixteste Geschicht, wo ich kennen! Grad an die Platz, wo die Neugier werden gluhig heiß – schwapp ab! Warraftig, Massa Tom, in ein Geschicht, der sich so benehmen tun, is kein Sinn nix un keine Verstand. Habbe Sie keine Idee nix, ob die Mann seinen Kamel wieder kriegen tun oder nix?«

»Habe keine Ahnung.«

Ich sah selber ein, in der Geschichte war kein Sinn und Verstand, denn was soll das heißen, daß es plötzlich alle ist, ehe es zum Schluß kommt?Aber ich wollte lieber nichts sagen, denn Tom machte schon ein ganz saures Gesicht, weil Jim richtig wieder den wunden Punkt von der Geschichte angetippt hatte, und ich find’s nicht schön, wenn sich alle auf einen stürzen, der schon unterliegt. Aber Tom dreht sich nach mir um und fragt:

»Was meinst du denn zu der Geschichte?«

Na, da mußte ich denn natürlich aus dem Loch heraus und Farbe bekennen; und so sagte ich, mir käm’ es auch so vor wie Jim: daß die Geschichte gerade in der Mitte abbräche und gar nicht zu Rande käme; und darum wär’s überhaupt nicht der Mühe wert, sie zu erzählen.

Tom ließ sein Kinn auf die Brust sinken; aber er wurde nicht wild, wie ich gedacht hatte, als er mich seine Geschichte tadeln hörte, sondern er wurde bloß traurig und sagte:

»Es gibt Leute, die sehen können, und es gibt welche, die’s nicht können – gerade wie der Mann in der Geschichte sagte. Da könnte ’ne Windhose vorbeikommen geschweige denn ein Kamel –ihrDämelsäcke würdet keine Spur davon sehen!«

Was er damit sagen wollte, weiß ich nicht und erklären tat er seine Worte nicht; es warwohl eine von seinen ›Irrulevanzen‹, wie er die Dinger selber nannte – manchmal war er ganz voll von denen, nämlich besonders, wenn er in die Enge getrieben war und nicht wußte, wie er wieder ’rauskommen sollte. Aber ich machte mir weiter nichts draus. Wir hatten ihm einen aufgemutzt und der hatte gesessen – davon konnte er nichts abstreiten. Und ich glaube, das wurmte ihn, obwohl er sich Mühe gab, sich nichts merken zu lassen.


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