Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

Tom dachte sich denn nun also ein Ding nach dem andern aus, aber ein jedes hatte seine schwache Stelle und mußte daher auf die Seite geschoben werden. Zuletzt war er in heller Verzweiflung. Auf einmal standen in den Zeitungen von St. Louis lange Geschichten von dem Luftballon, der nach Europa segeln sollte; Tom dachte wohl daran, auch hinzufahren und sich das Ding anzusehen, konnte aber nicht recht zu einem festen Entschluß kommen. Die Zeitungen schrieben jedoch immerfort darüber; so dachte er denn, wenn er nicht hinginge, würde sich ihm vielleicht nie wieder ’ne Gelegenheit bieten, ’nen Ballon zu sehen. Außerdem erfuhr er, Nat Parsons wolle auch hinfahren, und das brachte ihn natürlich zum Entschluß. Er konnte doch nicht leiden, daß Nat nach seiner Rückkunft überall von dem Luftballon schwadronierte, den er gesehen; da hätte er dabeisitzen müssen und ruhig den Mund halten! Er bat also mich und Jim mitzukommen und wir reisten ab.

Es war ein prächtiger großer Luftballon mit Flügeln und dergleichen, ganz anders als die Ballons, die man abgebildet sieht. Die Auffahrtsstelle befand sich weit draußen am Rande der Stadt, auf einem leeren Bauplatz an der Ecke der zwölften Straße. Eine dichte Menschenmenge stand herum und machte schlechte Witze über das Luftschiff und über den Mann, einen mageren blassen Herrn mit jenem bekannten Mondscheinblick im Auge. Sie sagten fortwährend, das Ding würde nicht gehen. Er wurde ganz wild darüber, drehte sich alle Augenblicke nach den Leuten um und rief mit geballten Fäusten, sie wären blindes Viehzeug, aber eines Tages würden sie merken, daß sie einen von den Männern vor sich gehabt hätten, durch welche Nationen hochgebracht würden und denen allein alle Fortschritte der Zivilisation zu verdanken wären. Ja, dann würden sie merken, daß sie nur zu dumm gewesen wären, um das zu sehen, und hier auf dem Fleck würden ihre Kinder und Enkel ein Denkmal errichten, das ein Jahrtausend überdauern würde; sein Name aber würde das Denkmal überdauern!

Darauf brüllte dann wieder die Menge vor Lachen und allerlei Fragen hagelten auf ihn nieder: wie er vor seiner Heirat geheißen hätte, und was er haben wollte, wenn er’s bleiben ließe, und wie die Großmutter von seiner Schwester Katze hieße usw., wie eben der große Haufe sich benimmt, wenn er ’nen Mann vor sich hat, den er gehörig plagen kann. Na, einiges von dem, was sie sagten, war wirklich lustig, – gewiß, und sogar sehr witzig, das leugne ich nicht, aber trotzdem war’s nicht schön und war keine Heldentat: alle diese Leute mit behendem und scharfem Mundwerk gegen den einen Mann, der seine Zunge absolut nicht zu gebrauchen wußte. Aber freilich, wozu um Gottes willen mußte er überhaupt seinen Mund auftun? Siewarenihm nun doch mal über. Aber ich vermute, ’s lag so in seiner Natur und er konnte nichts dafür. Er war gewiß ein ganz guter Kerl, eine harmlose Seele, aber er war, wie die Zeitungen sagten, ein Genie und das war doch nicht seine Schuld. Wir können nicht alle vernünftig sein und wie wir sind, so müssen wir eben verbraucht werden. Wenn ich die Sache recht verstehe, so meinenGenies, sie wissen alles, und hören darum nicht auf das, was andere Leute sagen, sondern gehen ihre eigenen Wege, und deshalb wenden sich denn alle von ihnen ab und sprechen verächtlich über sie, wie es ja ganz natürlich ist. Wenn sie bescheidener wären und auf andere Leute hörten und was zu lernen sich bemühten, so wären sie besser daran.

Das Ding, worin der Professor war, sah aus wie ’n Boot, groß und geräumig, und auf der Innenseite liefen rings herum wasserdichte Behälter, um alle möglichen Sachen aufzubewahren; man konnte auf ihnen sitzen und sie auch als Bettstellen benutzen, wenn man schlafen wollte. Wir gingen an Bord. Es waren ungefähr zwanzig Leute darin, die überall herumschnüffelten und sich alles ansahen, und der alte Nat Parsons war auch dabei. Der Professor machte sich eifrig mit den Vorbereitungen zum Aufstieg zu schaffen und die Besucher stiegen daher wieder aus, einer nach dem andern, und Nat Parsons war der letzte. Natürlich ging es nicht an, daß er nach uns das Luftschiff verließ, denn wir mußten unbedingt die Letzten sein, um Tomsund seines Publikums willen. Deshalb blieben wir ganz ruhig in der Gondel.

Endlich aber war er draußen; es wurde daher auch für uns Zeit auszusteigen. Ich hörte ein lautes Geschrei und drehte mich um – die Stadt sank unter uns in die Tiefe als wäre sie aus einer Kanone geschossen! Mir wurde vor Angst ganz übel. Jim wurde grau und konnte kein Wort herausbringen und Tom sagte ebenfalls nichts, sah aber ganz aufgeregt aus. Die Stadt sank immer tiefer, tiefer, tiefer; wir selber aber schienen ganz still immer auf demselben Fleck in der Luft stehen zu bleiben. Die Häuser wurden kleiner und immer kleiner, und die Stadt schob sich zusammen, dicht und immer dichter, und Menschen und Fuhrwerke sahen aus wie herumkrabbelnde kleine Ameisen und Käfer und die Straßen wurden zu Fäden und feinen Spalten. Dann schmolz alles ineinander zusammen und es war überhaupt keine Stadt mehr da – nur ein großer Fleck auf der Erde, und es kam mir vor, als könnte man tausend Meilen stromaufwärts und tausend Meilen weit stromabwärts sehen – obwohl es natürlich nicht so viel war.Allmählich wurde die Erde zu einer Kugel von düsterer Färbung, die kreuz und quer von hellen Streifen durchgezogen – das waren Flüsse. Witwe Douglas hatte mir immer schon erzählt, die Erde sei rund wie ’ne Kugel, aber ich mochte auf ihren abergläubischen Kram nicht hören und hatte natürlich auch diesen Unsinn nicht weiter beachtet, denn ich sah ja selber, daß die Welt flach ist wie ’n Teller. Ich war sogar auf den Berg gegangen und hatte mich mit eigenen Augen umgeguckt, um mich zu überzeugen – denn ich bin der Meinung, man kriegt am besten ’nen richtigen Begriff von einer Sache, wenn man sie sich selbst ansieht, und sich nicht auf das verläßt, was andere Leute sagen. Aber nun mußte ich zugeben, daß Witwe Douglas recht gehabt hatte. Das heißt: sie hatte recht mit Bezug auf den übrigen Teil der Welt; aber der Teil, worauf unser Städtchen liegt, der ist und bleibt flach wie ’n Teller, darauf will ich ’nen Eid leisten! Der Professor war die ganze Zeit über ruhig gewesen, beinahe als ob er schliefe; aber auf einmal brach er los und rief in bitterem Zorn:

»Die Idioten! Sie sagten mein Schiff würdenicht fliegen, und wollten’s untersuchen und darauf herumspionieren und das Geheimnis aus mir herauslocken! Aber ich hab’ sie angeführt! Kein Mensch kennt das Geheimnis außer mir. Niemand außer mir weiß, was das Schiff treibt; ’s ist ’ne neue Kraft – ’ne ganz neue, tausendmal so stark als alles andere auf Erden. Dampf ist Kaff dagegen. Sie sagten, ich könnte nicht nach Europa fahren. Nach Europa! Bah, ich habe Kraft für fünf Jahre an Bord und Lebensmittel für drei Monate. Sie sind verrückt! Was verstehen sie davon? Und dann sagten sie, mein Schiff sei zerbrechlich! Zerbrechlich! Fünfzig Jahre lang kann’s aushalten. Ich kann mein ganzes Leben lang in den Lüften herumfahren, wenn ich Lust habe, und kann es steuern, wohin ich will. Und sie lachten mich aus und sagten, ich könnt’s nicht. Könnt’ nicht steuern! Komm her, Junge; das wollen wir gleich mal sehen. Du drückst bloß auf die Knöpfe, die ich dir bezeichne.«

Er ließ nun Tom das Schiff nach allen Richtungen hin steuern und Tom lernte es im Handumdrehen; er sagte uns, es ginge ganz leicht.Der Professor ließ ihn das Schiff beinahe ganz auf den Erdboden herunterbringen, und es strich so dicht über die Felder von Illinois hin, daß man mit den Landleuten hätte sprechen können, denn wir hörten ganz deutlich jedes Wort, das sie sagten. Und der Professor warf ihnen bedruckte Zettel zu, darin stand allerlei über den Ballon, und daß wir nach Europa segelten. Dann brachte der Professor Tom bei, wie er den Ballon zu landen hätte. Auch das lernte er famos, er setzte uns ganz sanft und leise auf die Wiese nieder. Aber sowie wir Miene machten auszusteigen, rief der Professor: »Nä, das nicht!« und ließ den Ballon wieder in die Lüfte emporschießen. Jim und ich begannen zu flehen, aber das machte den Mann bloß ärgerlich, er fing an zu toben und vor Wut die Augen zu verdrehen, und ich kriegte ’ne Höllenangst vor ihm. Dann fing er wieder von den bösen Menschen an und brummte und knurrte darüber, wie man ihn behandelt hätte; und besonders darüber, daß die Leute gesagt hatten, sein Schiff sei zerbrechlich, konnte er, wie’s scheint, nicht hinwegkommen. Und dann hatte man gesagt, das Luftschiff sei nicht einfach genug undwerde fortwährend in Unordnung geraten. In Unordnung! Das regte ihn fürchterlich auf; er rief, der Ballon würde so wenig in Unordnung geraten wie ’ne Sonnenzisterne.[3]

[3]Eine kleine Verwechselung mit dem Sonnensystem.

[3]Eine kleine Verwechselung mit dem Sonnensystem.

[3]Eine kleine Verwechselung mit dem Sonnensystem.

Es wurde immer schlimmer mit ihm und ich habe niemals einen Menschen in solcher Wut gesehen. Beim bloßen Anblick überlief mich ’ne Gänsehaut und Jim ging’s nicht besser. Allmählich wurde sein Sprechen zu lautem Geschrei und Gekreisch; er schwor, die Welt sollte sein Geheimnis überhaupt nicht kennen lernen; man hätte ihn zu niederträchtig behandelt. Er wollte mit seinem Ballon um den ganzen Erdball herumfahren, um ihnen zu zeigen, was er damit leisten könnte, und dann wollte er den Ballon und sich selber und uns dazu ins Meer versenken. Es war ’ne verflucht ungemütliche Lage für uns, und dabei brach auch noch die Nacht herein.

Er gab uns was zu essen und befahl uns dann, nach dem hinteren Ende der Gondel zu gehen. Er selbst streckte sich auf einer von den Bänken aus, von wo aus er den ganzen Mechanismus hantieren konnte, legte seine alte Revolver-Pfefferbüchseunter seinen Kopf und sagte, wenn einer von uns so verrückt wäre, das Luftschiff landen zu wollen, den würde er totschießen.

Wir saßen aneinander geschmiegt und machten uns recht viele Gedanken, sprachen aber wenig – wir hatten zu große Angst. Allmählich senkte sich die Nacht hernieder. Wir segelten ziemlich niedrig, und im Mondschein sah alles so hübsch und lieblich aus; wir hörten die Geräusche, die von den Gehöften kamen, und wünschten, wir wären dort unten. Aber wie ein Geisterhauch schwebten wir über sie hin, ohne eine Spur zu hinterlassen. Spät in der Nacht – man hörte den Geräuschen von drunten an, daß es spät war, und man merkte es an der Luft, ja man roch es ihr sozusagen an – dem Gefühl und Geruch der Luft nach dachte ich, es müsse etwa zwei Uhr sein – spät in der Nacht also sagte Tom, der Professor wäre jetzt so still, er müßte wohl eingeschlafen sein, und darum sollten wir …

»Sollten wir … was?« fragte ich flüsternd. Und mir war ganz schlimm dabei zu Mute, denn ich wußte, woran Tom dachte.

»Wir sollten uns zu ihm heranschleichen und ihn binden und mit dem Luftschiff landen!« antwortete er.

Ich sagte: »Um Gottes willen nicht! Rühr’ dich nicht vom Fleck, Tom Sawyer!«

Und Jim – ja, dem blieb vor Angst einfach die Luft weg. Er sagte:

»O, Massa Tom, tu Sie ja nich! Wenn Sie ihn anrühren, es sein alle mit uns, warraftig alle mit uns! Ich tät’ ihm nich zu nah kommen, nich für nix auf die Welt! Er sein verrückt wie ’ne …«

»Eben drum!« flüsterte Tom. »Eben drummüssenwir das tun. Wäre er nicht verrückt, so gäbe ich, ich weiß nicht was, darum, um bloß hier auf dem Luftschiff zu sein; keine zehn Pferde sollten mich von hier wegkriegen, jetzt wo ich mit dem Ding umzugehen weiß und die erste Angst, als wir plötzlich den festen Grund unter den Füßen verloren, überwunden ist. Wenn er nur seinen rechten Verstand hätte! Aber mit so ’nem Menschen ’rumzugondeln, der ’ne Schraube verloren hat und sagt, er wolle um die Welt segeln und nachher uns alle ersäufen – nee, dasgeht nicht. Wirmüssenwas tun, sage ich euch, und zwar bevor er aufwacht, sonst haben wir vielleicht niemals wieder ’ne Gelegenheit dazu. Kommt!«

Aber uns überlief ’ne eiskalte Gänsehaut bei dem bloßen Gedanken daran, und wir rührten uns nicht von der Stelle. Tom sagte darauf, er wollte allein an den Professor herankriechen und versuchen, ob er nicht an den Steuerapparat herankommen und den Ballon landen könnte. Wir baten und flehten, er möchte es nicht tun, aber es half uns nichts. Er kroch auf Händen und Füßen Zoll um Zoll vorwärts, und uns stockte der Atem, als wir das mit ansahen. Als er in der Mitte der Gondel angekommen war, fing er an noch langsamer zu kriechen, und mir kam es vor, als vergingen Jahre darüber. Zuletzt aber sahen wir, wie er bei des Professors Kopf war; da richtete er sich halb auf und sah ihm ins Gesicht und lauschte. Dann kroch er wieder Zoll um Zoll zu des Professors Füßen herunter, wo die Steuerknöpfe waren. Er kam auch richtig an und griff langsam und bedächtig nach den Knöpfen; aber dabei stieß er an irgend etwasan. Es gab ein Geräusch, und plumps! lag er flach auf dem Boden der Gondel.

Der Professor fuhr empor und rief: »Was ist das?«

Aber wir hielten uns alle mäuschenstill; er brummte und gähnte und streckte sich wie jemand, der aus dem Schlaf aufwacht, und ich dachte, ich sollte vor Angst und Zagen umkommen.

Auf einmal schob sich eine Wolke vor den Mond, und ich hätte vor Freude beinahe laut aufgeschrieen. Der Mond verschwand immer tiefer in den Wolken und es wurde so dunkel, daß wir Tom nicht mehr sehen konnten. Dann begannen Regentropfen zu fallen und wir hörten, wie der Professor an seinen Stricken und Knöpfen herumbastelte und auf das Wetter fluchte. Wir fürchteten jede Minute, er könnte Tom entdecken – und dann wären wir alle rettungslos verloren gewesen. Aber Tom war schon auf dem Rückweg und auf einmal fühlten wir seine Hände auf unseren Knieen. Da ging mir vor Angst plötzlich die Luft aus und das Herz fiel mir in die Hosen; denn in der finsteren Nacht konnteich nicht wissen, ob es nicht der Professor wäre; und ich dachte wirklich, er wär’s.

O je, die Freude, als wir ihn nun wirklich zurück hatten! So vergnügt kann bloß einer sein, der mit einem Verrückten in der Luft ’rumfährt! Im Dunkeln kann man mit einem Luftballon nicht landen; ich hoffte daher, der Regen möchte andauern, denn ich wünschte durchaus nicht, daß Tom noch ’mal sein Glück versuchte und uns wieder in die unbehagliche Angst versetzte. Na, mein Wunsch ging in Erfüllung. Den ganzen übrigen Teil der Nacht regnete es immer sachte weg; das war nun freilich keine sehr lange Zeit, uns aber kam sie endlos vor.

Mit Tagesanbruch heiterte der Himmel sich auf und die Welt sah über alle Maßen lieblich und hübsch aus in ihrem grauen Dunst, und was für’n schöner Anblick war’s, Felder und Wälder wieder zu sehen! Und Pferde und Ochsen standen so klar und deutlich da und sahen so nachdenklich aus. Dann kam in heiterer Pracht die Sonne herauf, und wir fühlten auf einmal wie müde und kaput wir waren, und ehe wir’s uns versahen, waren wir alle drei fest eingeschlafen.


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