Sie hing sich an Orlas Arm und führte sie mit sich fort. Sie selbst war voller Begeisterung über Andres, weil[pg 177]er die Freundin so warm verteidigt hatte, und wunderte sich nur, daß diese so wenig darauf einging, ja nicht einmal damit einverstanden zu sein schien, daß der junge Mann so lebhaft ihre Partei ergriffen hatte. Ilse verglich ihn im stillen mit Leo; ganz so würde auch er gesprochen und gleich offenmütig eine gute Sache verteidigt haben. Sie gönnte Rosi die Abfertigung, denn sie hatte sich über deren schroffes Urteil sehr geärgert.Die Frau Pastorin saß neben ihrem Mann und machte in der Tat ein sehr böses Gesicht. Leise und aufgeregt sprach sie auf ihn ein, und versuchte in ihrer Empörung, daß ihr so etwas gesagt worden war, ihn zum Fortgehen mit ihr zu bereden.„Aber Kind, es war doch nicht so böse gemeint,“ suchte er sie zu beruhigen, „was sollen sie denken, wenn wir jetzt fortgehen!“„Du hättest für mich eintreten müssen,“ sagte sie erregt, „aber natürlich, deine Frau kann beleidigen wer will, dir ist es gleichgültig.“„Aber Rosi,“ verteidigte er sich, „wie kannst du nur so etwas sagen! Ich fand, der Doktor hatte ganz recht.“„Natürlich, nun gibst du ihm auch noch recht, da hört doch alles auf.“Wütend drehte sie ihm den Rücken zu.Eine rechte Stimmung wollte nach diesem Zwischenfall in der Gesellschaft nicht wieder aufkommen. Nun wurde auch noch Floras Mann, dessen Anwesenheit im Dorfe bekannt geworden war, zu einem schwer Kranken geholt. Er zögerte selbstverständlich keinen Augenblick und sah sich suchend nach Flora um, die abermals verschwunden war, diesmal mit dem Referendar. Er bat daher Nellie, sie möchte Flora mitteilen, daß er in kurzer Zeit wieder zurück sein würde. Kaum war er fortgegangen, als sich die Türe öffnete, und aus einem Nebengemach die Klänge eines Strauß’schen[pg 178]Walzers ertönten. Flora erschien auf der Schwelle, während man Lüders vor einem alten Klavier sitzen sah.„O, das ist schön!“ rief Nellie vergnügt über diesen Einfall. „Florchen, du bist eine Engel mit deine Überraschungen heute. O, das herrliche Walzer!“Sie wippte mit dem Fuße den Takt und summte halblaut die Melodie dazu.Mit den Klängen der ‚schönen blauen Donau‘ war wieder Leben in den kleinen Kreis gekommen. Die Herren sprangen auf und holten sich die Damen zum Tanze. Eben wirbelten Althoff und Ilse an Nellie vorbei, ihnen folgten Andres mit Orla, und als sich die beiden Mädchen endlich mit heißen Wangen niederließen, tanzte Nellie mit ihrem Mann und der junge Arzt forderte Rosi zum Tanze auf. Sie nahm bei seiner Bitte eine unnahbare und beleidigte Miene an und lehnte dankend ab, aber er bat so liebenswürdig, daß sie sich schließlich von dem Zauber seiner Persönlichkeit hinreißen ließ und einwilligte, mit ihm zu tanzen. Ganz versöhnt und sogar heiter lächelnd kehrte sie auf ihren Platz zurück. Welche Frau bliebe auch unempfindlich gegen die kleinste, ihr dargebrachte Huldigung eines schönen Mannes!Der Pastor hatte sich schleunigst Ilse zum Tanze geholt,[pg 179]als ihm seine Frau entführt wurde, er tanzte aber so ungeschickt, daß Ilse seinen kühnen Sprüngen kaum folgen konnte und verschiedene Male mit ihm stolperte. Als er sich ganz bestürzt entschuldigte, sagte sie freundlich, er tanze ja sehr gut, denn sie wollte ihm das Vergnügen nicht verderben. Dem flotten Walzer folgte eine Polka, dann ein Galopp und so weiter; man wurde nicht müde, alles plauderte, scherzte und lachte, die lustigste Laune war wieder eingekehrt. Nellie löste jetzt den Referendar ab, der sofort zu Ilse eilte, um sie zum nächsten Tanz aufzufordern. Sie schützte aber Müdigkeit vor, und wieder mußte er mit einem Korbe abziehen. Eine zornige Röte stieg ihm ins Gesicht und er biß sich wütend auf seine schmalen Lippen.„Nun ist’s genug,“ entschied Althoff, als eben ein neuer Tanz beginnen sollte. „Wir müssen an das Abendessen denken. Herr Pastor, wollen wir zusammen den Punsch brauen? Und du, Nellie, hast ja noch allerhand Delikatessen mitgebracht und solltest dich mit der Wirtin verständigen!“„O yes, darling, ich werd schon machen. Die Herren brauen den Punsch, wir Damens decken den Tisch, – o, es wird fein. Kommt Kinder!“Die Wirtin war schon dabei, im Nebenzimmer den Tisch zu decken, als Nellie sie aufsuchte. Die jungen Damen halfen der alten Frau unter Lachen und Scherzen, so daß diese meinte, eine so lustige Gesellschaft sei lange nicht bei ihnen eingekehrt.Nur Rosi bewahrte ihre steife Würde, ihr pedantischer Sinn verstand keine harmlose Heiterkeit.Floras Mann hatte durch einen Boten bestellen lassen, daß man mit dem Abendessen nicht auf ihn warten solle, da er noch längere Zeit fortbleiben müsse.„Habe ich nun nicht recht?“ seufzte Flora. „Wird mir nicht jedes Vergnügen vergällt? Wahrhaftig, wer die[pg 180]Frau eines Arztes wird, übernimmt damit die Rolle einer Entsagenden.“Heute abend jedoch fiel Florchen gänzlich aus dieser Rolle, sie vergaß die Abwesenheit ihres Gatten sehr bald und stimmte in die Ausgelassenheit der andern mit ein. Mitten auf dem Tisch prangte die dampfende Terrine, und Doktor Althoff forderte Flora scherzend auf, in ihrem weißen Gewande heut abend die Hebe zu spielen. Sie ließ sich das nicht zweimal sagen, stellte sich aber bei diesem Amt so ungeschickt an, daß sie jedesmal vorbeigoß und der Punsch am Glase herunterlief, bis schließlich Nellie sagte: „Laß mir nur machen, Flora,“ wobei sie ihr den Löffel aus der Hand nahm.Vergnügt lächelnd saß der Pastor hinter seinem Glase. Rosi hat ihn zu Anfang beiseite gezogen und sich fest von ihm versprechen lassen, daß er nicht, wie damals bei Althoffs, zu viel trinken würde. Sie selbst nippte kaum am Glase, indem sie behauptete, keinen Wein vertragen zu können, da er ihr zu Kopf stiege.Ilse war merkwürdig still geworden. Sie wußte selbst nicht, wie es kam, daß ihre Gedanken diesen Abend immer in die Ferne schweiften und an einem Wesen haften blieben, welches Leos Züge trug. Erinnerten sie die leuchtenden Augen des jungen Arztes, der neben Orla saß und in eifriger Unterhaltung keinen Blick von dieser wandte, an die Augen ihres Leo, die mit so viel Glück und Innigkeit auf ihr zu ruhen pflegten? Oder war es das silberne Mondeslicht, das Erinnerungen in ihr wachrief? Liebten sie doch beide im Mondenschein zu schwärmen. Oft war sie mit ihm Hand in Hand weit hinaus über die Felder und Wiesen gegangen und sie hatte sich ganz dem Zauber eines Mondscheinabends hingegeben. Oder sie lehnten zusammen am Fenster und sahen zu, wie die Strahlen des Mondes durch das Blätterwerk im Garten brachen. Ob er jetzt wohl auch[pg 181]an sie dachte, ob er, wie sie, solche Bilder an seinem Geiste vorüberziehen ließ?Das Lachen und Stimmengewirr rief sie in die Wirklichkeit zurück, und doch hätte sie gern so noch weiter geträumt. Sie blickte durch die offene Tür in den Saal, wo die Kerzen erloschen waren und statt dessen das Mondlicht voll hereinflutete. Wie magnetisch davon angezogen, stand sie auf und ging hinein. Sie hatte den dringendsten Wunsch, jetzt allein zu sein, um sich ungestört in die Vergangenheit senken zu können. In dem efeubewachsenen Erker auf dem alten Stuhl ließ sie sich nieder und schmiegte den Kopf an die hohe Lehne. Hier übergoß der Mond alles mit einem bläulichen Lichte, welches auf den dunklen Blättern glänzte. Nun war es fast wie daheim, wenn sie und Leo auf der von wildem Wein umlaubten Veranda saßen und er ihr unter dem grünen Blättergewirr tausend süße Liebesworte zuflüsterte. Es kam ihr vor, als wäre sie plötzlich alt und diese Zeit läge weit, weit hinter ihr. Würde sie denn noch einmal wiederkehren, oder war Liebe und Glück für immer vorbei? Dann allein durch ihre Schuld, raunte ihr eine innere Stimme zu. Sie mußte sich die Hand auf das unruhig klopfende Herz pressen.Flora hatte dem Verschwinden Ilses mit den hochtrabendsten Worten eine Erklärung gegeben. „Die Sehnsucht nach dem Ferngeliebten,“ sprach sie theatralisch, „zaubert ihr sein Bild hierher. Sie ist nun mit ihm vereint, und wir dürfen das glückliche Paar nicht stören.“Sie erhob die Arme und streckte sie aus, wie wenn sie als Schutzengel über die beiden zu wachen hätte.„Hu, hu, du siehst ja wie ein Geist aus, ich fürchte mir,“ rief Nellie und brachte damit Flora, die wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, in die Wirklichkeit zurück.Der Referendar, welcher sich Ilse beim Abendessen nicht mehr genähert hatte, nachdem er heute wiederholt von ihr[pg 182]abgewiesen worden, war ihr mit seinen stechenden Augen in den Saal gefolgt, und so sah er auch, wie sie in dem Erker verschwand. Sofort nahm er sich vor, ihr dahin nachzugehen, und als nach einer Weile Althoff nach der Uhr sah und zum Aufbruch mahnte, ergriff er schnell die Gelegenheit und erbot sich, das Anspannen besorgen zu lassen. Beim Hinausgehen lehnte er wie zufällig die offene Türe, die zum Saal führte, an. Als er dann zurückkehrte,klinkteer leise die andre Tür auf, die vom Hausflur in den Saal führte, und schlich sich auf den Zehen nach dem Platze, wo Ilse saß.Sie hatte ihn nicht kommen hören und erschrak nun um so mehr, als sie plötzlich seine Stimme vernahm und ihn zwischen den Efeuwänden stehen sah. Sie sprang auf und wollte forteilen, aber er ließ sie nicht vorbei und drückte sie mit sanfter Gewalt auf ihren Platz zurück.„Was wollen Sie hier?“ fragte sie in einem nicht mißzuverstehenden Tone, der deutlich bewies, wie fatal ihr seine Gegenwart war.„Wie Sie, mein teures Fräulein, möchte ich den herrlichen Mondenschein genießen und dabei in Ihre schönen Augen sehen.“„Was fällt Ihnen ein!“ rief sie empört und schnellte wieder empor.„So bleiben Sie doch, ich tue Ihnen ja nichts,“ sagte er mit einschmeichelnder Stimme, indem er ihr den Ausgang versperrte. „Gestatten Sie mir nur eine Frage: Sind Sie glücklich?“Sie gab keine Antwort, weil ihr eine namenlose Angst die Kehle zuschnürte, und sie nur den einen Gedanken hatte, wie sie ihm entfliehen könnte. Er aber deutete ihr Schweigen anders. War es nicht auch eine Antwort auf seine Frage?„Ich wußte es ja,“ hub er wieder an, „ich las es in Ihren Augen, daß Sie nicht glücklich sind. Sie finden in[pg 183]mir eine mitfühlende Seele, welche Sie leider nur zu gut begreift. Auch ich bin an ein Wesen gekettet, das mich zu dem Unglücklichsten der Unglücklichen macht. Meine Braut, – o Himmel, daß ich ihr diesen süßen Namen geben muß –, nun, sie ist reich und sie wissen ja, ‚nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.‘ Auch meine Existenz hängt von dem leidigen Mammon ab, denn ich bin ehrgeizig und strebe nach hohen Zielen, aber ich bin arm und habe mich deshalb mit dem reichen Mädchen verlobt. Das arme Ding, sie ist so in mich verschossen!“Ilse hatte schon einige Male versucht, ihn zu unterbrechen und sich durchzudrängen, – vergebens! Ekel und Abscheu erfaßte sie.„Lassen Sie mich fort,“ sagte sie bebend vor Zorn.„Wenn Sie mich angehört haben und den Kummer meines Herzens kennen, dann sollen Sie den Weg frei haben, aber erst müssen Sie mich hören und vielleicht gönnen mir Ihre Lippen ein Wort des Trostes.“„Ich will Sie nicht hören,“ stieß Ilse in höchster Aufregung hervor; „lassen Sie mich gehen, oder ich rufe laut um Hilfe.“„Sie werden doch keine Szene machen, den andern kein Schauspiel gönnen,“ sagte er höhnisch lachend.„O mein Gott!“ stammelte Ilse und fiel in den Stuhl zurück, indem sie ihre Augen mit beiden Händen bedeckte.„So, nun bleiben Sie ruhig sitzen, bis ich Ihnen zu Ende erzählt habe. Wie gesagt, meine Verlobte ist närrisch in mich verliebt, mir ist sie aber gleichgültig. Ich ertrug diese Fessel mit Geduld und Fassung, bis ich Sie sah, Ihre süße Stimme hörte, in Ihre himmlischen Augen schaute, die mir verrieten, daß auch Sie ein Band umschlingt, das Sie zerreißen möchten. Sah ich es nicht oft und deutlich aus Ihrem Erröten, aus ihrem gesenkten Blick bei der Nennung desjenigen, dem Sie ohne Liebe ihre Hand reichen wollen?[pg 184]Wie fühlte ich mich schon in dem Gedanken gehoben, in Ihnen eine gleichgestimmte Seele gefunden zu haben. Ilse, sagen Sie mir ein Wort des Trostes, der Hoffnung!“Er näherte sich ihr. Sie hatte sich ganz in die Ecke gedrückt, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Ihre Augen hatten einen starren Blick, ihr Atem stockte und ihr Puls flog wie im Fieber. Nun ergriff er ihre Hand, die sie, wie von einer Viper gestochen, zurückschleuderte.„Sie kleine Spröde!“ sagte er mit äußerster Ruhe und beugte sich zu ihr herab, daß sein Atem sie streifte. In qualvoller Angst sprang sie auf und stieß ihn mit kräftiger Hand zurück, daß er taumelte. Dann schob sie die Efeuwand zur Seite. In dem Augenblick aber, als sie an ihm vorüber wollte, versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu legen.„Unverschämter!“ keuchte Ilse mit blitzenden Augen. In ihrer Todesangst wußte Ilse nicht, was sie tun sollte, sah nur sein Gesicht, das ihr wie das eines Teufels erschien, sie fühlte seine Berührung. Schon wollte sie um Hilfe schreien, da fiel ihr Blick auf das Fenster. Sie riß es auf, und ehe er es hindern konnte, war sie auf den Stuhl gesprungen, von da auf das Fensterbrett, und im nächsten Moment war sie draußen. Bis über die Knie versank sie in dem weichen Schnee. Sie raffte sich aber auf und lief, als folge er ihr auf den Fersen, so schnell als möglich weiter. Fort, nur fort aus seiner Nähe! Furcht und Scham trieben sie unaufhaltsam vorwärts. Sie kletterte über die niedrige Gartenhecke und rannte noch eine Strecke auf der Straße weiter, die ins Dorf führte. Endlich blieb sie erschöpft stehen, die Hand auf das pochende Herz gedrückt.„O mein Gott,“ rief sie laut, „es ist zu schrecklich! O Leo,“ schluchzte sie in den stillen Winterabend hinein, „warum bist du so fern? Ach, wärst du doch jetzt hier, könnte ich bei dir sein!“[pg 185]Und sie dachte, wie er doch so gut und edel sei. So hätte er nie gehandelt, wie der Erbärmliche, nie, niemals! Und würde er sie jetzt noch lieben, nachdem sie ihm so tiefes Leid zugefügt hatte, würde er vergessen können, was sie ihm getan? Und wenn er sich von ihr wandte, wenn sie für immer seine Liebe verloren hatte, mit der sie ein frevles Spiel getrieben, wie sie sich jetzt selbst in qualvoller Pein gestand! Sie bedeckte ihr brennendes Antlitz mit den kalten Händen. So trostlos mußte es einer Verstoßenen und Verlassenen zu Mute sein, wie ihr in diesem Augenblick.Plötzlich hörte sie Schritte in ihrer Nähe, und in ihrer Angst, es könnte ihr der Schreckliche gefolgt sein, wagte sie kaum aufzublicken. Gott sei Dank, er war es nicht, es war Doktor Gerber, der von seinem Krankenbesuch zurückkam. Sie schlüpfte hinter den nächsten Baum, denn sie wollte in dieser Verfassung nicht entdeckt werden. Der Stamm des Obstbaumes konnte sie aber nicht ganz verdecken, auch hatte Gerber bemerkt, daß bei seinem Nahen eine Gestalt sich scheu zu verbergen gesucht hatte, er blieb stehen und sah forschend hinüber.Ilse rührte sich nicht.„Wer ist da?“ fragte er.Keine Antwort.Da stapfte er durch den hohen Schnee, als er aber dicht vor ihr stand und sie erkannte, prallte er förmlich zurück.„Fräulein Ilse, wie kommen Sie hierher, was wollen Sie hier?“ fragte er erstaunt.Und als er ihr bleiches, entstelltes Gesicht sah, fragte er nochmals.„Was ist Ihnen denn, ist Ihnen etwas begegnet? Und ohne Mantel, ohne Hut! Sie werden sich erkälten.“Sie blickte ihn flehend an, als wollte sie sagen: o, dringen sie nicht weiter in mich. Er verstand ihre stumme Bitte.[pg 186]„Kommen Sie,“ sagte er und ergriff ihre zitternde Hand.Schweigend gingen sie die mondhelle Dorfstraße hinunter. Kaum konnte Ilse ihre Aufregung bemeistern, so tobte und kämpfte es in ihrem Innern; ihre Gedanken konnten sich von dem schrecklichen Erlebnis nicht losreißen. Einige Male versuchte sie mit ihrem Begleiter ein gleichgültiges Gespräch anzufangen, aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen. Sie beherrschte sich krampfhaft, denn bevor sie das Gasthaus erreichten, wollte sie ganz ruhig sein, damit die andern nichts merken sollen. Sie durften um Gottes willen nicht erfahren, was sie Beschämendes erlebt hatte. Zu welchen Auseinandersetzungen würde es sonst zwischen Doktor Althoff und dem Verhaßten kommen? Nein, nur das nicht, schon der Gedanke allein regte sie auf.Ilses kühner Sprung aus dem Fenster hatte dem Referendar keinen geringen Schrecken eingejagt.„Donnerwetter, das tolle Ding!“ hatte er bestürzt und ärgerlich zwischen den Zähnen gemurmelt. Aber seine Geistesgegenwart verließ ihn darum nicht. Schaden konnte Ilse nicht genommen haben, beruhigte er sich, das Fenster war ja nur wenige Fuß über der Erde, und außerdem lag tiefer Schnee. Er beugte sich hinaus und sah sie in großen Sprüngen über die weiße Fläche hineilen. Leise schloß er hierauf das Fenster wieder.„Temperament hat die Kleine,“ sagte er halblaut vor sich hin mit einem unangenehmen Lächeln. Unbedingt mußte er jetzt in die Gesellschaft zurückkehren, wenn sein Ausbleiben nicht auffallen sollte. Trotz der Ruhe, die er nach diesem amüsanten Abenteuer, wie er es innerlich nannte, empfand, konnte er doch ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken, denn sicher würde Ilse plaudern, – wie fatal! Da galt es vorher überlegen, wie er ihre Anschuldigungen geschickt parieren sollte. Nun, an jesuitischer Spitzfindigkeit[pg 187]fehlte es ihm nicht, er wollte sich schon aus der Angelegenheit ziehen.Ebenso leise, wie er den Saal betreten, schlich er sich jetzt wieder hinaus und erschien dann vergnügt lächelnd in der Türe, durch welche er vorhin die Gesellschaft verlassen hatte. Er setzte sich zu den andern und nahm dankend das dampfende Glas Punsch entgegen, welches ihm Flora mit verführerischem Lächeln reichte. Er berichtete, daß er alles gut besorgt habe, und daß die Kutscher, die er sehr gemütlich bei Bier und Grog angetroffen habe, jetzt dabei wären anzuspannen.„Nun müssen wir auch Ilse in ihrer Einsamkeit stören,“ sagte Nellie und war im Begriff, in den Saal zu gehen, als sich die Türe, die nach dem Flur führte, öffnete und Ilse leichenblaß eintrat, gefolgt von Floras Mann, der sich ebenfalls blaß und erschöpft niederließ.Erschrocken eilte Nellie ihr entgegen.„Was hast du,darling, ist dich nicht wohl?“ fragte sie leise und blickte verwundert in das starre Gesicht des jungen Mädchens.„Mir fehlt gar nichts, Nellie, ich bin ganz wohl,“ erwiderte Ilse ruhig und setzte sich neben Orla.Aus Lüders’ Antlitz war bei Ilses Eintreten doch die Farbe gewichen. Er lächelte krampfhaft und stand wie ein Fuchs auf der Lauer, indem er gespannt auf jedes ihrer Worte horchte. Gott sei Dank, dachte er nach einer Weile erleichtert, sie scheint vernünftig zu sein und schweigt.Nellie fühlte sich durch die Antwort der Freundin nichts weniger als beruhigt, sondern sah dieselbe besorgt an. Jetzt fiel ihr Blick auf Ilses durchnäßte Kleider, und als sie nach ihrer Hand faßte, bemerkte sie, wie kalt diese war.„Ilse, du bist ja ganz feucht und kalt, wo bist du gewesen?“ fragte sie ängstlich.[pg 188]„Gewiß hast du draußen im Mondenschein vom Herzallerliebsten geschwärmt,“ sagte Flora neckend, „gestehe es nur, Ilse.“„Du hast ganz recht, Flora,“ gab sie zur Antwort, „ich sehnte mich nach frischer Luft und bin eine Strecke in das Dorf gegangen, wo ich deinen Mann traf.“Sie wunderte sich selbst über die Ruhe, mit welcher sie diese Worte sprechen und auch die Fragen und Neckereien der andern ertragen konnte. Als aber der Referendar versuchte, mit ihr zu scherzen, traf ihn ein so verächtlicher, drohender Blick aus ihren Augen, daß er verlegen fortsah und schwieg.Abgespannt und teilnahmlos saß Doktor Gerber da; auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er zur Antwort, daß er sich ganz wohl fühle und nur etwas müde wäre. Sogar seiner Frau, welche sich umgezogen hatte und jetzt zurückkam, fiel seine Blässe und Mattigkeit auf; sie fragte ihn besorgt, ob es mit seinem Befinden schlimmer geworden sei. Seine verneinende Antwort beruhigte sie indessen schon wieder, und sie meinte, sein schlechtes Aussehen rühre gewiß nur von dem Aufenthalt in der dumpfen Krankenstube her. Man war allgemein froh, als die Schlitten angespannt vor der Tür standen, denn wie ein Alp lag es auf der vorher so lustigen Gesellschaft, seitdem Ilse und Gerber so bleich und still unter ihnen saßen und sichtbar ungeduldig auf den Aufbruch warteten. Ilse war die erste, welche aufsprang, als gemeldet wurde, daß alles zu der Abfahrt bereit sei.Während die andern sich von Pastors verabschiedeten und die wärmenden Hüllen umlegten, war Ilse zu Nellie getreten und fragte sie leise, ob sie mit ihr zusammen fahren dürfe.„Ich muß dich sprechen,“ flüsterte sie hastig, „dringend muß ich dich sprechen.“[pg 189]„Darling, wie kommst du mich vor diesen Abend, so zerstört, was hast du?“„Nachher erzähle ich dir alles, jetzt frage mich nicht,“ gab Ilse zur Antwort.Mit Entsetzen vernahm Nellie unterwegs, was der Freundin begegnet war. Glücklicherweise war der Kutscher, der die beiden fuhr, etwas schwerhörig und hatte sich obenein den Pelzkragen ganz über die Ohren gezogen, so daß er nicht verstehen konnte, was die Damen sprachen. Er hätte sonst eine spannende Geschichte zu hören bekommen, denn Ilse sprach in ihrer Aufregung so laut, daß Nellie sie öfter ermahnte, vorsichtiger zu sein. Das Blut stockte ihr fast in den Adern bei Ilses Erzählung, und sie unterbrach diese oft mit dem ihr eigenen Ausruf ‚o, o‘!„Du armes, armes Kind,“ sagte sie, als Ilse zu Ende war, „was hast du durchgemacht, schrecklich! Das infame Mann, – was wird Fred sagen, wenn ich ihm das erzähle? Es bleibt ihm weiter nichts übrig, als ihm ein Ohrfeig zu geben auf der Straße, wenn alle Leute es sehen.“„Um Gottes willen,“ fuhr Ilse auf, „so etwas darf dein Mann nicht tun, es würde einen öffentlichen Skandal geben, die Stadt würde davon sprechen, – bitte, bitte nicht Nellie! Aber Flora werde ich sagen, daß ich ihr Haus nicht wieder betrete, wenn ich diesen Menschen noch einmal bei ihr treffe. Oder – nein, es ist besser, auch sie erfährt nichts von dieser Geschichte. Sie setzt sich sonst womöglich hin, dichtet eine Schauer-Ballade und liest sie dem Menschen noch obenein vor. Aber warnen will ich sie, warnen vor diesem Teufel!“Die dunklen Augen in dem bleichen Gesicht funkelten und spiegelten einen leidenschaftlichen Haß wieder, der dem jungen Antlitz etwas Düsteres verlieh. Schweigend blickte sie in die sternenklare Winternacht, ohne zu bemerken, daß[pg 190]Nellie sich noch warmer einhüllte und ihre Füße fester in die Decke wickelte.Die beiden sprachen wenig während der übrigen Fahrt, und auch aus den andern Schlitten tönte kein fröhliches Lachen, wie bei der Hinfahrt. Lüders, der wieder neben Flora saß, meinte, es wäre zu kalt zum Sprechen und zog seinen Rockkragen in die Höhe, so daß sein Gesicht fast ganz verschwand. Flora vergaß seine Schweigsamkeit, denn der Mondesglanz, die Sterne, die klare Winternacht gaben ihr unzählige poetische Gedanken ein, die sie am andern Tage auf das Papier bringen wollte.Althoff bekam von seinem Nachbar, Doktor Gerber, auch nur kurze Antworten, man merkte, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Nur in dem Schlitten, in welchem Andres und Orla saßen, schien die schönste Harmonie zu walten. Orla hielt wieder die Zügel in ihren Händen, denn der Kutscher hatte zu tief in das Glas gesehen und war in eine Art Halbschlummer verfallen, aus welchem ihn Andres von Zeit zu Zeit aufschreckte, damit der müde hin und her Taumelnde nicht unversehens vom Sitze fiele und ihnen verloren ginge.Scherzend hatte er zu dem jungen Mädchen gesagt, daß es eigentlich nicht in der Ordnung wäre, sich von einer Dame nach Hause fahren zu lassen, worauf sie lachend erwiderte, daß sie nach der Meinung ihrer Freundin Rosi gar nicht mehr unter die Frauen gehöre und er sich deshalb getrost ihre Leitung gefallen lassen möge. Den beiden verging unter lebhaftem Geplauder die Zeit so schnell, daß sie ganz erstaunt waren, schon in die heimatlichen Straßen einzufahren und bald darauf vor der Althoffschen Wohnung zu halten. –Als sich die beiden jungen Mädchen zur Ruhe begaben, fielen Ilse die seltsam glänzenden Augen der Freundin auf und ein heimliches Lächeln um ihren Mund, das ihr[pg 191]Antlitz wunderbar verklärte. Sie gab auch einige Male zerstreute Antworten auf Ilses Fragen, ganz gegen ihre sonstige Art.„Gute Nacht, Ilse,“ sagte sie schon im Bette liegend und bemerkte erst jetzt, daß diese noch nicht angefangen hatte sich auszuziehen.„Willst du noch nicht zu Bette gehen?“ fragte sie.„Nein, Orla, ich bleibe noch etwas auf, ich bin noch nicht müde.“Sie wartete noch eine Weile bis Orla fest eingeschlafen war, und holte dann ihre Schreibmappe hervor. Hierauf stellte sie die Lampe auf den Tisch am Fenster, an welchem Orla oft bis tief in die Nacht arbeitete, nahm einen Briefbogen, tauchte die Feder langsam in das Tintenfaß und schrieb nach langem Besinnen die Worte: ‚Lieber Leo!‘ auf das Papier, dann stützte sie wieder den Kopf in die Hand und starrte gedankenvoll auf das weiße Blatt vor ihr. Wie schwer wurde ihr der Anfang, und doch war[pg 192]das Herz ihr zum Zerspringen voll. Es lastete wie ein Verbrechen auf ihr, sie kam sich erniedrigt und nach dem heutigen Erlebnis wie treulos gegen ihren Bräutigam vor, weil sie das schändliche Bekenntnis des ihr fremden Mannes mit angehört hatte. Welche Worte hat er zu ihr gesprochen, – noch tönten sie in ihren Ohren fort –, wie konnte er das wagen, wie durfte er ihr so etwas bieten und sie unglücklich nennen! –Und doch, konnte sie das alles so wunderbar finden, hatte sie den Leuten nicht genügend Veranlassung gegeben, sie für eine unglückliche Braut zu halten? Ihr ‚gesenkter Blick‘, ihr ‚Erröten‘, wie der Abscheuliche gesagt, und dann die Szene mit Andres, die er, – jetzt wußte sie es, – belauscht hatte, alles dieses waren für ihn Beweise gewesen, daß sie nicht glücklich sei. Und hatte er denn unrecht? Hatte sie sich nicht selbst für unglücklich gehalten, für tief unglücklich? Warum empörte sich denn ihr Inneres darüber, daß ein anderer ihre geheimsten Gedanken erraten hatte, war sie denn vielleicht nicht mehr unglücklich?Nein, tausendmal nein, rief es in ihr! Seit sie draußen in der kalten Winternacht die brennendste Sehnsucht nach ihm, nach seinem Schutz empfunden, fühlte sie, daß sie allein an diesem Unglück die Schuld trug, daß es in ihrer Hand lag, ihn und sich wieder glücklich zu machen. Und sie hatte sich vorgenommen, ihn noch heute abend zu bitten: vergiß, was ich dir getan, – und ihm alles erzählen, was sie hatte erleben müssen, dann würde ihr leichter, sie würde dann ruhiger werden. Unterwegs hatte sie sich den Inhalt des Briefes im Geiste überlegt und immer wiederholt, aber jetzt, da sie ihre Gedanken in Worte kleiden und diese niederschreiben sollte, konnte sie nicht damit fertig werden.Endlich nach langem Zaudern überwand sie den schwierigen Anfang und schrieb fließend weiter, ohne nur einmal innezuhalten. Sie hörte nicht auf, bis sie einen heftigen[pg 193]Schüttelfrost bekam und nun erst daran dachte, daß sie die feuchten Kleider und Schuhe noch nicht ausgezogen hatte. Sie verschloß nun die Mappe mit dem Briefe in ihrem Koffer und begab sich zur Ruhe. Aber auch im warmen Bett noch überlief sie ein Frösteln, Hände und Füße waren eiskalt, und nur ihr Kopf brannte wie Feuer; sie legte ihre Hand auf Stirn und Wangen, was ihr wohl tat. Den brennenden Durst, der sie quälte, konnte sie kaum löschen, immer von neuem schenkte sie sich Wasser ein und trank das Glas auf einen Zug leer. Endlich, nachdem sie lange wachend gelegen, nahm sie der erlösende Schlaf in seine Arme, und sie wachte erst auf, als Orla bereits fertig angezogen vor ihrem Bette stand.„Guten Morgen, du Langschläferin!“ rief sie ihr entgegen. „Endlich ausgeschlafen? Aber Kind, was hast du in dieser Nacht für einen Spektakel gemacht, du hast fortwährend geredet, bald fuhrst du in die Höhe, und warfst dich dann wieder hin, nicht fünf Minuten lang hast du ruhig gelegen. Ich war einige Male an deinem Bett und wollte dich wecken, aber du schliefst so fest. Übrigens hattest du entschieden Fieber, dein Puls ging schnell und die Haut war heiß und trocken. Gib mir mal deine Hand, wie sie sich heute morgen anfühlt? – Immer noch fiebrig, dein Puls schlägt nicht normal.“„Die künftige Doktorin,“ neckte Ilse.„Na, um das zu erkennen, braucht man kein Arzt zu sein. Ich an deiner Stelle bliebe im Bett liegen, du siehst so elend und angegriffen aus, – hast du auch Schmerzen?“„Ich habe Kopfweh, Orla. Aber bitte, gehe du nur zum Kaffeetrinken und entschuldige mich, wenn ich heute erst spät erscheine.“Daß sie auch heftige Schmerzen im Hals hatte, verschwieg sie.[pg 194]„Also du willst wirklich aufstehen?“ fragte Orla.„Natürlich, so schlimm ist es ja gar nicht.“Aber sie war doch matter, als sie dachte, das empfand sie erst, als sie das Bett verlassen wollte. Erschöpft sank sie einige Male wieder zurück, sie fühlte Schwindel, der Kopf war ihr schwer und die Schmerzen im Halse quälten sie. Sie zog sich nur ihren Morgenrock über und ging dann in das Eßzimmer. Doktor Althoff war schon fortgegangen, Nellie und Orla saßen noch am Kaffeetisch. Die junge Frau erschrak über Ilses Aussehen.„Odarling, wie schaust du aus, so weiß wie diese Tischtuch und ganz blau unter der Auge, du mußt dir sehr krank fühlen.“Lächelnd versuchte Ilse die Besorgnis der Freundin abzuwehren, aber sie konnte dieselbe nicht täuschen. Nellie wollte durchaus, daß sie sich wieder zu Bette legen solle, wozu sie sich indessen nicht bewegen ließ. Als aber Nellie den bequemen Diwan aus ihres Mannes Zimmer in das ihrige bringen ließ, da bedurfte es keines langen Nötigens, daß sich Ilse darauf legte, da sie sich immer schlechter fühlte. Sie ließ es auch geschehen, daß Nellie eine wollene Decke über ihre Füße breitete, und fügte sich bald ganz ihren Anordnungen, trank kühle Limonade und legte ihren Kopf auf das weiche Kissen, das ihr Orla brachte. Es war ihr jetzt ganz recht, daß sie still liegen konnte, denn sie hatte nur das eine Bedürfnis nach unbedingter Ruhe. Ja, sie sträubte sich sogar nicht dagegen, als Nellie ihr Mädchen nach Doktor Gerber schickte, weil sie selbst fürchtete, ernstlich krank zu werden.Müde schloß sie die Augen, und der gestrige Tag zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Was hatte sie gelitten, welche Qualen ausgestanden, als sie die leidenschaftlichen Augen des Referendars dicht vor den ihrigen sah, seinen heißen Atem fühlte und festgebannt wie[pg 195]eine Gefangene ihm nicht entrinnen konnte. Sie dachte sich in der Braut des Verhaßten ein stilles, sanftes Mädchen, das mit zuversichtlicher Liebe und in vollem Vertrauen zu ihm aufblickte. Wenn sie wüßte, wie sie hintergangen, auf die erbärmlichste, niedrigste Weise getäuscht wurde! Sie hätte nicht gedacht, daß ein Mensch so schlecht sein könnte, denn das Leben hatte ihr bis jetzt nur seine lichten Seiten gezeigt; die dunklen hatte sie noch nicht kennen gelernt, sie wußte noch so viel wie nichts von Schlechtigkeit und gemeiner Gesinnung. Treu sorgende Eltern hatten von ihr alles fernzuhalten gewußt, was ihr kindlich reines Gemüt hätte trüben können.Wie umstrahlt von hellem Licht erschien ihr jetzt Leo, zum ersten Male kamen ihr seine guten und edlen Eigenschaften so recht zum Bewußtsein. Ob er wohl je so von ihr sprechen würde, wie dieser Lüders über seine Braut sprach? Nein, nie, das wußte sie. Kein bitteres Wort über sie würde aus seinem Munde kommen, trotzdem sie im Zorn und Groll von ihm geschieden war. Wann sehe ich ihn wohl wieder? dachte sie, und die bange Sorge um ihn erweckte ihr die Vorstellung, daß er krank sein könnte, ja vielleicht sterben müßte, ohne daß sie ihn jemals wiedergesehen und erfahren hätte, ob er ihr noch gezürnt habe. Ihre krankhafte Phantasie malte dieses Ereignis in den grellsten Farben aus, es entlockte ihr heiße Tränen, Tropfen auf Tropfen stahl sich durch ihre geschlossenen Augenlider und fiel auf ihre Wangen herab. –Im Nebenzimmer wurden jetzt Schritte hörbar und sie hörte Nellie sagen:„Bitte, Herr Doktor, treten Sie hier herein.“Schnell fuhr Ilse in die Höhe und wischte sich mit dem Tuch über ihre Augen. Orla, die am Fenster saß, sah von ihrem Buche auf, als sich jetzt die Tür öffnete. Als aber statt des erwarteten Doktor Gerber sein junger[pg 196]Assistenzarzt erschien, entglitt das Buch ihren Händen und sie bückte sich schnell, um es aufzuheben. Wieder konnte sie eine Verlegenheit nicht verbergen, als er jetzt vor ihr stand und ihr die Hand reichte. Sie war ärgerlich auf sich selbst, und als er sie freundlich fragte, wie ihr die Schlittenpartie bekommen sei, gab sie ihm nur eine kurze Antwort und lenkte dann schnell die Aufmerksamkeit von sich auf Ilse ab.„Hier sehen Sie nur, Herr Doktor, unsre arme Ilse, welche Folgen die Schlittenpartie für sie gehabt hat; da liegt sie nun, ein Bild des Jammers und der Leiden. Übrigens,“ sie hatte jetzt ihre volle Fassung wiedergewonnen, „wie kommt es, daß Sie uns besuchen, da doch nach Doktor Gerber geschickt worden war?“„O ja, Orla, höre nur,“ fiel Nellie ein, „lauter Patienten! Das arme Mann liegt krank im Bette und hat der ganze Nacht phantasiert. Als unsre Botschaft kam, war gerade Herr Doktor Andres bei ihm und kam gleich hierher, arm Ilschen zu kurieren.“„Er ist doch nicht gefährlich erkrankt?“ fragte Orla, als sie bemerkte, daß sein Gesicht bei Nellies Bericht merkwürdig ernst geworden war.„Ich fürchte fast; noch läßt sich keine bestimmte Diagnose stellen, aber alle Anzeichen sind vorhanden, daß eine Lungenentzündung im Anzuge ist.“Er hatte Ilses Handgelenk umfaßt, zog die Uhr heraus und zählte die Pulsschläge. Dann untersuchte er ihren Hals und erklärte, daß eine leichte Halsentzündung vorhanden wäre. Sie sollte sich einige Tage schonen und würde dann bald wieder gesund sein. Er traf noch einige Anordnungen, verschrieb ihr was zum Gurgeln und sagte scherzend zu Orla, daß sie jetzt sein Assistent sein und ihm morgen genauen Bericht über seine Patientin erstatten möge.Jeden Tag erschien Andres pünktlich zu derselben Stunde, und stets fand sich auch Orla ein, wenn erkam.[pg 197]Ilse mußte noch immer auf dem Sofa liegen, obgleich sie behauptete, sich wieder ganz wohl zu fühlen. Aber da es der Doktor so anordnete, wagte sie nicht, sich zu widersetzen, und ließ es sich schließlich ganz gern gefallen, daß sie auf das liebevollste gepflegt und verhätschelt wurde. Einige Male hatte sie Orla dabei ertappt, daß sie zu der Zeit, wenn Andres zu kommen pflegte, erwartungsvoll durchs Fenster blickte. Sie teilte ihre Beobachtungen Nellie mit und auch diese hatte schon bemerkt, daß der junge Mann Orla nicht gleichgültig geblieben war, und daß auch seine Augen strahlten, wenn er mit der Russin sprach. Und als Ilse wieder gesund war und seine ärztlichen Besuche aufhörten, da war er ein Freund des Hauses geworden, ein häufiger, gern gesehener Gast bei Althoffs.
Sie hing sich an Orlas Arm und führte sie mit sich fort. Sie selbst war voller Begeisterung über Andres, weil[pg 177]er die Freundin so warm verteidigt hatte, und wunderte sich nur, daß diese so wenig darauf einging, ja nicht einmal damit einverstanden zu sein schien, daß der junge Mann so lebhaft ihre Partei ergriffen hatte. Ilse verglich ihn im stillen mit Leo; ganz so würde auch er gesprochen und gleich offenmütig eine gute Sache verteidigt haben. Sie gönnte Rosi die Abfertigung, denn sie hatte sich über deren schroffes Urteil sehr geärgert.Die Frau Pastorin saß neben ihrem Mann und machte in der Tat ein sehr böses Gesicht. Leise und aufgeregt sprach sie auf ihn ein, und versuchte in ihrer Empörung, daß ihr so etwas gesagt worden war, ihn zum Fortgehen mit ihr zu bereden.„Aber Kind, es war doch nicht so böse gemeint,“ suchte er sie zu beruhigen, „was sollen sie denken, wenn wir jetzt fortgehen!“„Du hättest für mich eintreten müssen,“ sagte sie erregt, „aber natürlich, deine Frau kann beleidigen wer will, dir ist es gleichgültig.“„Aber Rosi,“ verteidigte er sich, „wie kannst du nur so etwas sagen! Ich fand, der Doktor hatte ganz recht.“„Natürlich, nun gibst du ihm auch noch recht, da hört doch alles auf.“Wütend drehte sie ihm den Rücken zu.Eine rechte Stimmung wollte nach diesem Zwischenfall in der Gesellschaft nicht wieder aufkommen. Nun wurde auch noch Floras Mann, dessen Anwesenheit im Dorfe bekannt geworden war, zu einem schwer Kranken geholt. Er zögerte selbstverständlich keinen Augenblick und sah sich suchend nach Flora um, die abermals verschwunden war, diesmal mit dem Referendar. Er bat daher Nellie, sie möchte Flora mitteilen, daß er in kurzer Zeit wieder zurück sein würde. Kaum war er fortgegangen, als sich die Türe öffnete, und aus einem Nebengemach die Klänge eines Strauß’schen[pg 178]Walzers ertönten. Flora erschien auf der Schwelle, während man Lüders vor einem alten Klavier sitzen sah.„O, das ist schön!“ rief Nellie vergnügt über diesen Einfall. „Florchen, du bist eine Engel mit deine Überraschungen heute. O, das herrliche Walzer!“Sie wippte mit dem Fuße den Takt und summte halblaut die Melodie dazu.Mit den Klängen der ‚schönen blauen Donau‘ war wieder Leben in den kleinen Kreis gekommen. Die Herren sprangen auf und holten sich die Damen zum Tanze. Eben wirbelten Althoff und Ilse an Nellie vorbei, ihnen folgten Andres mit Orla, und als sich die beiden Mädchen endlich mit heißen Wangen niederließen, tanzte Nellie mit ihrem Mann und der junge Arzt forderte Rosi zum Tanze auf. Sie nahm bei seiner Bitte eine unnahbare und beleidigte Miene an und lehnte dankend ab, aber er bat so liebenswürdig, daß sie sich schließlich von dem Zauber seiner Persönlichkeit hinreißen ließ und einwilligte, mit ihm zu tanzen. Ganz versöhnt und sogar heiter lächelnd kehrte sie auf ihren Platz zurück. Welche Frau bliebe auch unempfindlich gegen die kleinste, ihr dargebrachte Huldigung eines schönen Mannes!Der Pastor hatte sich schleunigst Ilse zum Tanze geholt,[pg 179]als ihm seine Frau entführt wurde, er tanzte aber so ungeschickt, daß Ilse seinen kühnen Sprüngen kaum folgen konnte und verschiedene Male mit ihm stolperte. Als er sich ganz bestürzt entschuldigte, sagte sie freundlich, er tanze ja sehr gut, denn sie wollte ihm das Vergnügen nicht verderben. Dem flotten Walzer folgte eine Polka, dann ein Galopp und so weiter; man wurde nicht müde, alles plauderte, scherzte und lachte, die lustigste Laune war wieder eingekehrt. Nellie löste jetzt den Referendar ab, der sofort zu Ilse eilte, um sie zum nächsten Tanz aufzufordern. Sie schützte aber Müdigkeit vor, und wieder mußte er mit einem Korbe abziehen. Eine zornige Röte stieg ihm ins Gesicht und er biß sich wütend auf seine schmalen Lippen.„Nun ist’s genug,“ entschied Althoff, als eben ein neuer Tanz beginnen sollte. „Wir müssen an das Abendessen denken. Herr Pastor, wollen wir zusammen den Punsch brauen? Und du, Nellie, hast ja noch allerhand Delikatessen mitgebracht und solltest dich mit der Wirtin verständigen!“„O yes, darling, ich werd schon machen. Die Herren brauen den Punsch, wir Damens decken den Tisch, – o, es wird fein. Kommt Kinder!“Die Wirtin war schon dabei, im Nebenzimmer den Tisch zu decken, als Nellie sie aufsuchte. Die jungen Damen halfen der alten Frau unter Lachen und Scherzen, so daß diese meinte, eine so lustige Gesellschaft sei lange nicht bei ihnen eingekehrt.Nur Rosi bewahrte ihre steife Würde, ihr pedantischer Sinn verstand keine harmlose Heiterkeit.Floras Mann hatte durch einen Boten bestellen lassen, daß man mit dem Abendessen nicht auf ihn warten solle, da er noch längere Zeit fortbleiben müsse.„Habe ich nun nicht recht?“ seufzte Flora. „Wird mir nicht jedes Vergnügen vergällt? Wahrhaftig, wer die[pg 180]Frau eines Arztes wird, übernimmt damit die Rolle einer Entsagenden.“Heute abend jedoch fiel Florchen gänzlich aus dieser Rolle, sie vergaß die Abwesenheit ihres Gatten sehr bald und stimmte in die Ausgelassenheit der andern mit ein. Mitten auf dem Tisch prangte die dampfende Terrine, und Doktor Althoff forderte Flora scherzend auf, in ihrem weißen Gewande heut abend die Hebe zu spielen. Sie ließ sich das nicht zweimal sagen, stellte sich aber bei diesem Amt so ungeschickt an, daß sie jedesmal vorbeigoß und der Punsch am Glase herunterlief, bis schließlich Nellie sagte: „Laß mir nur machen, Flora,“ wobei sie ihr den Löffel aus der Hand nahm.Vergnügt lächelnd saß der Pastor hinter seinem Glase. Rosi hat ihn zu Anfang beiseite gezogen und sich fest von ihm versprechen lassen, daß er nicht, wie damals bei Althoffs, zu viel trinken würde. Sie selbst nippte kaum am Glase, indem sie behauptete, keinen Wein vertragen zu können, da er ihr zu Kopf stiege.Ilse war merkwürdig still geworden. Sie wußte selbst nicht, wie es kam, daß ihre Gedanken diesen Abend immer in die Ferne schweiften und an einem Wesen haften blieben, welches Leos Züge trug. Erinnerten sie die leuchtenden Augen des jungen Arztes, der neben Orla saß und in eifriger Unterhaltung keinen Blick von dieser wandte, an die Augen ihres Leo, die mit so viel Glück und Innigkeit auf ihr zu ruhen pflegten? Oder war es das silberne Mondeslicht, das Erinnerungen in ihr wachrief? Liebten sie doch beide im Mondenschein zu schwärmen. Oft war sie mit ihm Hand in Hand weit hinaus über die Felder und Wiesen gegangen und sie hatte sich ganz dem Zauber eines Mondscheinabends hingegeben. Oder sie lehnten zusammen am Fenster und sahen zu, wie die Strahlen des Mondes durch das Blätterwerk im Garten brachen. Ob er jetzt wohl auch[pg 181]an sie dachte, ob er, wie sie, solche Bilder an seinem Geiste vorüberziehen ließ?Das Lachen und Stimmengewirr rief sie in die Wirklichkeit zurück, und doch hätte sie gern so noch weiter geträumt. Sie blickte durch die offene Tür in den Saal, wo die Kerzen erloschen waren und statt dessen das Mondlicht voll hereinflutete. Wie magnetisch davon angezogen, stand sie auf und ging hinein. Sie hatte den dringendsten Wunsch, jetzt allein zu sein, um sich ungestört in die Vergangenheit senken zu können. In dem efeubewachsenen Erker auf dem alten Stuhl ließ sie sich nieder und schmiegte den Kopf an die hohe Lehne. Hier übergoß der Mond alles mit einem bläulichen Lichte, welches auf den dunklen Blättern glänzte. Nun war es fast wie daheim, wenn sie und Leo auf der von wildem Wein umlaubten Veranda saßen und er ihr unter dem grünen Blättergewirr tausend süße Liebesworte zuflüsterte. Es kam ihr vor, als wäre sie plötzlich alt und diese Zeit läge weit, weit hinter ihr. Würde sie denn noch einmal wiederkehren, oder war Liebe und Glück für immer vorbei? Dann allein durch ihre Schuld, raunte ihr eine innere Stimme zu. Sie mußte sich die Hand auf das unruhig klopfende Herz pressen.Flora hatte dem Verschwinden Ilses mit den hochtrabendsten Worten eine Erklärung gegeben. „Die Sehnsucht nach dem Ferngeliebten,“ sprach sie theatralisch, „zaubert ihr sein Bild hierher. Sie ist nun mit ihm vereint, und wir dürfen das glückliche Paar nicht stören.“Sie erhob die Arme und streckte sie aus, wie wenn sie als Schutzengel über die beiden zu wachen hätte.„Hu, hu, du siehst ja wie ein Geist aus, ich fürchte mir,“ rief Nellie und brachte damit Flora, die wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, in die Wirklichkeit zurück.Der Referendar, welcher sich Ilse beim Abendessen nicht mehr genähert hatte, nachdem er heute wiederholt von ihr[pg 182]abgewiesen worden, war ihr mit seinen stechenden Augen in den Saal gefolgt, und so sah er auch, wie sie in dem Erker verschwand. Sofort nahm er sich vor, ihr dahin nachzugehen, und als nach einer Weile Althoff nach der Uhr sah und zum Aufbruch mahnte, ergriff er schnell die Gelegenheit und erbot sich, das Anspannen besorgen zu lassen. Beim Hinausgehen lehnte er wie zufällig die offene Türe, die zum Saal führte, an. Als er dann zurückkehrte,klinkteer leise die andre Tür auf, die vom Hausflur in den Saal führte, und schlich sich auf den Zehen nach dem Platze, wo Ilse saß.Sie hatte ihn nicht kommen hören und erschrak nun um so mehr, als sie plötzlich seine Stimme vernahm und ihn zwischen den Efeuwänden stehen sah. Sie sprang auf und wollte forteilen, aber er ließ sie nicht vorbei und drückte sie mit sanfter Gewalt auf ihren Platz zurück.„Was wollen Sie hier?“ fragte sie in einem nicht mißzuverstehenden Tone, der deutlich bewies, wie fatal ihr seine Gegenwart war.„Wie Sie, mein teures Fräulein, möchte ich den herrlichen Mondenschein genießen und dabei in Ihre schönen Augen sehen.“„Was fällt Ihnen ein!“ rief sie empört und schnellte wieder empor.„So bleiben Sie doch, ich tue Ihnen ja nichts,“ sagte er mit einschmeichelnder Stimme, indem er ihr den Ausgang versperrte. „Gestatten Sie mir nur eine Frage: Sind Sie glücklich?“Sie gab keine Antwort, weil ihr eine namenlose Angst die Kehle zuschnürte, und sie nur den einen Gedanken hatte, wie sie ihm entfliehen könnte. Er aber deutete ihr Schweigen anders. War es nicht auch eine Antwort auf seine Frage?„Ich wußte es ja,“ hub er wieder an, „ich las es in Ihren Augen, daß Sie nicht glücklich sind. Sie finden in[pg 183]mir eine mitfühlende Seele, welche Sie leider nur zu gut begreift. Auch ich bin an ein Wesen gekettet, das mich zu dem Unglücklichsten der Unglücklichen macht. Meine Braut, – o Himmel, daß ich ihr diesen süßen Namen geben muß –, nun, sie ist reich und sie wissen ja, ‚nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.‘ Auch meine Existenz hängt von dem leidigen Mammon ab, denn ich bin ehrgeizig und strebe nach hohen Zielen, aber ich bin arm und habe mich deshalb mit dem reichen Mädchen verlobt. Das arme Ding, sie ist so in mich verschossen!“Ilse hatte schon einige Male versucht, ihn zu unterbrechen und sich durchzudrängen, – vergebens! Ekel und Abscheu erfaßte sie.„Lassen Sie mich fort,“ sagte sie bebend vor Zorn.„Wenn Sie mich angehört haben und den Kummer meines Herzens kennen, dann sollen Sie den Weg frei haben, aber erst müssen Sie mich hören und vielleicht gönnen mir Ihre Lippen ein Wort des Trostes.“„Ich will Sie nicht hören,“ stieß Ilse in höchster Aufregung hervor; „lassen Sie mich gehen, oder ich rufe laut um Hilfe.“„Sie werden doch keine Szene machen, den andern kein Schauspiel gönnen,“ sagte er höhnisch lachend.„O mein Gott!“ stammelte Ilse und fiel in den Stuhl zurück, indem sie ihre Augen mit beiden Händen bedeckte.„So, nun bleiben Sie ruhig sitzen, bis ich Ihnen zu Ende erzählt habe. Wie gesagt, meine Verlobte ist närrisch in mich verliebt, mir ist sie aber gleichgültig. Ich ertrug diese Fessel mit Geduld und Fassung, bis ich Sie sah, Ihre süße Stimme hörte, in Ihre himmlischen Augen schaute, die mir verrieten, daß auch Sie ein Band umschlingt, das Sie zerreißen möchten. Sah ich es nicht oft und deutlich aus Ihrem Erröten, aus ihrem gesenkten Blick bei der Nennung desjenigen, dem Sie ohne Liebe ihre Hand reichen wollen?[pg 184]Wie fühlte ich mich schon in dem Gedanken gehoben, in Ihnen eine gleichgestimmte Seele gefunden zu haben. Ilse, sagen Sie mir ein Wort des Trostes, der Hoffnung!“Er näherte sich ihr. Sie hatte sich ganz in die Ecke gedrückt, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Ihre Augen hatten einen starren Blick, ihr Atem stockte und ihr Puls flog wie im Fieber. Nun ergriff er ihre Hand, die sie, wie von einer Viper gestochen, zurückschleuderte.„Sie kleine Spröde!“ sagte er mit äußerster Ruhe und beugte sich zu ihr herab, daß sein Atem sie streifte. In qualvoller Angst sprang sie auf und stieß ihn mit kräftiger Hand zurück, daß er taumelte. Dann schob sie die Efeuwand zur Seite. In dem Augenblick aber, als sie an ihm vorüber wollte, versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu legen.„Unverschämter!“ keuchte Ilse mit blitzenden Augen. In ihrer Todesangst wußte Ilse nicht, was sie tun sollte, sah nur sein Gesicht, das ihr wie das eines Teufels erschien, sie fühlte seine Berührung. Schon wollte sie um Hilfe schreien, da fiel ihr Blick auf das Fenster. Sie riß es auf, und ehe er es hindern konnte, war sie auf den Stuhl gesprungen, von da auf das Fensterbrett, und im nächsten Moment war sie draußen. Bis über die Knie versank sie in dem weichen Schnee. Sie raffte sich aber auf und lief, als folge er ihr auf den Fersen, so schnell als möglich weiter. Fort, nur fort aus seiner Nähe! Furcht und Scham trieben sie unaufhaltsam vorwärts. Sie kletterte über die niedrige Gartenhecke und rannte noch eine Strecke auf der Straße weiter, die ins Dorf führte. Endlich blieb sie erschöpft stehen, die Hand auf das pochende Herz gedrückt.„O mein Gott,“ rief sie laut, „es ist zu schrecklich! O Leo,“ schluchzte sie in den stillen Winterabend hinein, „warum bist du so fern? Ach, wärst du doch jetzt hier, könnte ich bei dir sein!“[pg 185]Und sie dachte, wie er doch so gut und edel sei. So hätte er nie gehandelt, wie der Erbärmliche, nie, niemals! Und würde er sie jetzt noch lieben, nachdem sie ihm so tiefes Leid zugefügt hatte, würde er vergessen können, was sie ihm getan? Und wenn er sich von ihr wandte, wenn sie für immer seine Liebe verloren hatte, mit der sie ein frevles Spiel getrieben, wie sie sich jetzt selbst in qualvoller Pein gestand! Sie bedeckte ihr brennendes Antlitz mit den kalten Händen. So trostlos mußte es einer Verstoßenen und Verlassenen zu Mute sein, wie ihr in diesem Augenblick.Plötzlich hörte sie Schritte in ihrer Nähe, und in ihrer Angst, es könnte ihr der Schreckliche gefolgt sein, wagte sie kaum aufzublicken. Gott sei Dank, er war es nicht, es war Doktor Gerber, der von seinem Krankenbesuch zurückkam. Sie schlüpfte hinter den nächsten Baum, denn sie wollte in dieser Verfassung nicht entdeckt werden. Der Stamm des Obstbaumes konnte sie aber nicht ganz verdecken, auch hatte Gerber bemerkt, daß bei seinem Nahen eine Gestalt sich scheu zu verbergen gesucht hatte, er blieb stehen und sah forschend hinüber.Ilse rührte sich nicht.„Wer ist da?“ fragte er.Keine Antwort.Da stapfte er durch den hohen Schnee, als er aber dicht vor ihr stand und sie erkannte, prallte er förmlich zurück.„Fräulein Ilse, wie kommen Sie hierher, was wollen Sie hier?“ fragte er erstaunt.Und als er ihr bleiches, entstelltes Gesicht sah, fragte er nochmals.„Was ist Ihnen denn, ist Ihnen etwas begegnet? Und ohne Mantel, ohne Hut! Sie werden sich erkälten.“Sie blickte ihn flehend an, als wollte sie sagen: o, dringen sie nicht weiter in mich. Er verstand ihre stumme Bitte.[pg 186]„Kommen Sie,“ sagte er und ergriff ihre zitternde Hand.Schweigend gingen sie die mondhelle Dorfstraße hinunter. Kaum konnte Ilse ihre Aufregung bemeistern, so tobte und kämpfte es in ihrem Innern; ihre Gedanken konnten sich von dem schrecklichen Erlebnis nicht losreißen. Einige Male versuchte sie mit ihrem Begleiter ein gleichgültiges Gespräch anzufangen, aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen. Sie beherrschte sich krampfhaft, denn bevor sie das Gasthaus erreichten, wollte sie ganz ruhig sein, damit die andern nichts merken sollen. Sie durften um Gottes willen nicht erfahren, was sie Beschämendes erlebt hatte. Zu welchen Auseinandersetzungen würde es sonst zwischen Doktor Althoff und dem Verhaßten kommen? Nein, nur das nicht, schon der Gedanke allein regte sie auf.Ilses kühner Sprung aus dem Fenster hatte dem Referendar keinen geringen Schrecken eingejagt.„Donnerwetter, das tolle Ding!“ hatte er bestürzt und ärgerlich zwischen den Zähnen gemurmelt. Aber seine Geistesgegenwart verließ ihn darum nicht. Schaden konnte Ilse nicht genommen haben, beruhigte er sich, das Fenster war ja nur wenige Fuß über der Erde, und außerdem lag tiefer Schnee. Er beugte sich hinaus und sah sie in großen Sprüngen über die weiße Fläche hineilen. Leise schloß er hierauf das Fenster wieder.„Temperament hat die Kleine,“ sagte er halblaut vor sich hin mit einem unangenehmen Lächeln. Unbedingt mußte er jetzt in die Gesellschaft zurückkehren, wenn sein Ausbleiben nicht auffallen sollte. Trotz der Ruhe, die er nach diesem amüsanten Abenteuer, wie er es innerlich nannte, empfand, konnte er doch ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken, denn sicher würde Ilse plaudern, – wie fatal! Da galt es vorher überlegen, wie er ihre Anschuldigungen geschickt parieren sollte. Nun, an jesuitischer Spitzfindigkeit[pg 187]fehlte es ihm nicht, er wollte sich schon aus der Angelegenheit ziehen.Ebenso leise, wie er den Saal betreten, schlich er sich jetzt wieder hinaus und erschien dann vergnügt lächelnd in der Türe, durch welche er vorhin die Gesellschaft verlassen hatte. Er setzte sich zu den andern und nahm dankend das dampfende Glas Punsch entgegen, welches ihm Flora mit verführerischem Lächeln reichte. Er berichtete, daß er alles gut besorgt habe, und daß die Kutscher, die er sehr gemütlich bei Bier und Grog angetroffen habe, jetzt dabei wären anzuspannen.„Nun müssen wir auch Ilse in ihrer Einsamkeit stören,“ sagte Nellie und war im Begriff, in den Saal zu gehen, als sich die Türe, die nach dem Flur führte, öffnete und Ilse leichenblaß eintrat, gefolgt von Floras Mann, der sich ebenfalls blaß und erschöpft niederließ.Erschrocken eilte Nellie ihr entgegen.„Was hast du,darling, ist dich nicht wohl?“ fragte sie leise und blickte verwundert in das starre Gesicht des jungen Mädchens.„Mir fehlt gar nichts, Nellie, ich bin ganz wohl,“ erwiderte Ilse ruhig und setzte sich neben Orla.Aus Lüders’ Antlitz war bei Ilses Eintreten doch die Farbe gewichen. Er lächelte krampfhaft und stand wie ein Fuchs auf der Lauer, indem er gespannt auf jedes ihrer Worte horchte. Gott sei Dank, dachte er nach einer Weile erleichtert, sie scheint vernünftig zu sein und schweigt.Nellie fühlte sich durch die Antwort der Freundin nichts weniger als beruhigt, sondern sah dieselbe besorgt an. Jetzt fiel ihr Blick auf Ilses durchnäßte Kleider, und als sie nach ihrer Hand faßte, bemerkte sie, wie kalt diese war.„Ilse, du bist ja ganz feucht und kalt, wo bist du gewesen?“ fragte sie ängstlich.[pg 188]„Gewiß hast du draußen im Mondenschein vom Herzallerliebsten geschwärmt,“ sagte Flora neckend, „gestehe es nur, Ilse.“„Du hast ganz recht, Flora,“ gab sie zur Antwort, „ich sehnte mich nach frischer Luft und bin eine Strecke in das Dorf gegangen, wo ich deinen Mann traf.“Sie wunderte sich selbst über die Ruhe, mit welcher sie diese Worte sprechen und auch die Fragen und Neckereien der andern ertragen konnte. Als aber der Referendar versuchte, mit ihr zu scherzen, traf ihn ein so verächtlicher, drohender Blick aus ihren Augen, daß er verlegen fortsah und schwieg.Abgespannt und teilnahmlos saß Doktor Gerber da; auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er zur Antwort, daß er sich ganz wohl fühle und nur etwas müde wäre. Sogar seiner Frau, welche sich umgezogen hatte und jetzt zurückkam, fiel seine Blässe und Mattigkeit auf; sie fragte ihn besorgt, ob es mit seinem Befinden schlimmer geworden sei. Seine verneinende Antwort beruhigte sie indessen schon wieder, und sie meinte, sein schlechtes Aussehen rühre gewiß nur von dem Aufenthalt in der dumpfen Krankenstube her. Man war allgemein froh, als die Schlitten angespannt vor der Tür standen, denn wie ein Alp lag es auf der vorher so lustigen Gesellschaft, seitdem Ilse und Gerber so bleich und still unter ihnen saßen und sichtbar ungeduldig auf den Aufbruch warteten. Ilse war die erste, welche aufsprang, als gemeldet wurde, daß alles zu der Abfahrt bereit sei.Während die andern sich von Pastors verabschiedeten und die wärmenden Hüllen umlegten, war Ilse zu Nellie getreten und fragte sie leise, ob sie mit ihr zusammen fahren dürfe.„Ich muß dich sprechen,“ flüsterte sie hastig, „dringend muß ich dich sprechen.“[pg 189]„Darling, wie kommst du mich vor diesen Abend, so zerstört, was hast du?“„Nachher erzähle ich dir alles, jetzt frage mich nicht,“ gab Ilse zur Antwort.Mit Entsetzen vernahm Nellie unterwegs, was der Freundin begegnet war. Glücklicherweise war der Kutscher, der die beiden fuhr, etwas schwerhörig und hatte sich obenein den Pelzkragen ganz über die Ohren gezogen, so daß er nicht verstehen konnte, was die Damen sprachen. Er hätte sonst eine spannende Geschichte zu hören bekommen, denn Ilse sprach in ihrer Aufregung so laut, daß Nellie sie öfter ermahnte, vorsichtiger zu sein. Das Blut stockte ihr fast in den Adern bei Ilses Erzählung, und sie unterbrach diese oft mit dem ihr eigenen Ausruf ‚o, o‘!„Du armes, armes Kind,“ sagte sie, als Ilse zu Ende war, „was hast du durchgemacht, schrecklich! Das infame Mann, – was wird Fred sagen, wenn ich ihm das erzähle? Es bleibt ihm weiter nichts übrig, als ihm ein Ohrfeig zu geben auf der Straße, wenn alle Leute es sehen.“„Um Gottes willen,“ fuhr Ilse auf, „so etwas darf dein Mann nicht tun, es würde einen öffentlichen Skandal geben, die Stadt würde davon sprechen, – bitte, bitte nicht Nellie! Aber Flora werde ich sagen, daß ich ihr Haus nicht wieder betrete, wenn ich diesen Menschen noch einmal bei ihr treffe. Oder – nein, es ist besser, auch sie erfährt nichts von dieser Geschichte. Sie setzt sich sonst womöglich hin, dichtet eine Schauer-Ballade und liest sie dem Menschen noch obenein vor. Aber warnen will ich sie, warnen vor diesem Teufel!“Die dunklen Augen in dem bleichen Gesicht funkelten und spiegelten einen leidenschaftlichen Haß wieder, der dem jungen Antlitz etwas Düsteres verlieh. Schweigend blickte sie in die sternenklare Winternacht, ohne zu bemerken, daß[pg 190]Nellie sich noch warmer einhüllte und ihre Füße fester in die Decke wickelte.Die beiden sprachen wenig während der übrigen Fahrt, und auch aus den andern Schlitten tönte kein fröhliches Lachen, wie bei der Hinfahrt. Lüders, der wieder neben Flora saß, meinte, es wäre zu kalt zum Sprechen und zog seinen Rockkragen in die Höhe, so daß sein Gesicht fast ganz verschwand. Flora vergaß seine Schweigsamkeit, denn der Mondesglanz, die Sterne, die klare Winternacht gaben ihr unzählige poetische Gedanken ein, die sie am andern Tage auf das Papier bringen wollte.Althoff bekam von seinem Nachbar, Doktor Gerber, auch nur kurze Antworten, man merkte, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Nur in dem Schlitten, in welchem Andres und Orla saßen, schien die schönste Harmonie zu walten. Orla hielt wieder die Zügel in ihren Händen, denn der Kutscher hatte zu tief in das Glas gesehen und war in eine Art Halbschlummer verfallen, aus welchem ihn Andres von Zeit zu Zeit aufschreckte, damit der müde hin und her Taumelnde nicht unversehens vom Sitze fiele und ihnen verloren ginge.Scherzend hatte er zu dem jungen Mädchen gesagt, daß es eigentlich nicht in der Ordnung wäre, sich von einer Dame nach Hause fahren zu lassen, worauf sie lachend erwiderte, daß sie nach der Meinung ihrer Freundin Rosi gar nicht mehr unter die Frauen gehöre und er sich deshalb getrost ihre Leitung gefallen lassen möge. Den beiden verging unter lebhaftem Geplauder die Zeit so schnell, daß sie ganz erstaunt waren, schon in die heimatlichen Straßen einzufahren und bald darauf vor der Althoffschen Wohnung zu halten. –Als sich die beiden jungen Mädchen zur Ruhe begaben, fielen Ilse die seltsam glänzenden Augen der Freundin auf und ein heimliches Lächeln um ihren Mund, das ihr[pg 191]Antlitz wunderbar verklärte. Sie gab auch einige Male zerstreute Antworten auf Ilses Fragen, ganz gegen ihre sonstige Art.„Gute Nacht, Ilse,“ sagte sie schon im Bette liegend und bemerkte erst jetzt, daß diese noch nicht angefangen hatte sich auszuziehen.„Willst du noch nicht zu Bette gehen?“ fragte sie.„Nein, Orla, ich bleibe noch etwas auf, ich bin noch nicht müde.“Sie wartete noch eine Weile bis Orla fest eingeschlafen war, und holte dann ihre Schreibmappe hervor. Hierauf stellte sie die Lampe auf den Tisch am Fenster, an welchem Orla oft bis tief in die Nacht arbeitete, nahm einen Briefbogen, tauchte die Feder langsam in das Tintenfaß und schrieb nach langem Besinnen die Worte: ‚Lieber Leo!‘ auf das Papier, dann stützte sie wieder den Kopf in die Hand und starrte gedankenvoll auf das weiße Blatt vor ihr. Wie schwer wurde ihr der Anfang, und doch war[pg 192]das Herz ihr zum Zerspringen voll. Es lastete wie ein Verbrechen auf ihr, sie kam sich erniedrigt und nach dem heutigen Erlebnis wie treulos gegen ihren Bräutigam vor, weil sie das schändliche Bekenntnis des ihr fremden Mannes mit angehört hatte. Welche Worte hat er zu ihr gesprochen, – noch tönten sie in ihren Ohren fort –, wie konnte er das wagen, wie durfte er ihr so etwas bieten und sie unglücklich nennen! –Und doch, konnte sie das alles so wunderbar finden, hatte sie den Leuten nicht genügend Veranlassung gegeben, sie für eine unglückliche Braut zu halten? Ihr ‚gesenkter Blick‘, ihr ‚Erröten‘, wie der Abscheuliche gesagt, und dann die Szene mit Andres, die er, – jetzt wußte sie es, – belauscht hatte, alles dieses waren für ihn Beweise gewesen, daß sie nicht glücklich sei. Und hatte er denn unrecht? Hatte sie sich nicht selbst für unglücklich gehalten, für tief unglücklich? Warum empörte sich denn ihr Inneres darüber, daß ein anderer ihre geheimsten Gedanken erraten hatte, war sie denn vielleicht nicht mehr unglücklich?Nein, tausendmal nein, rief es in ihr! Seit sie draußen in der kalten Winternacht die brennendste Sehnsucht nach ihm, nach seinem Schutz empfunden, fühlte sie, daß sie allein an diesem Unglück die Schuld trug, daß es in ihrer Hand lag, ihn und sich wieder glücklich zu machen. Und sie hatte sich vorgenommen, ihn noch heute abend zu bitten: vergiß, was ich dir getan, – und ihm alles erzählen, was sie hatte erleben müssen, dann würde ihr leichter, sie würde dann ruhiger werden. Unterwegs hatte sie sich den Inhalt des Briefes im Geiste überlegt und immer wiederholt, aber jetzt, da sie ihre Gedanken in Worte kleiden und diese niederschreiben sollte, konnte sie nicht damit fertig werden.Endlich nach langem Zaudern überwand sie den schwierigen Anfang und schrieb fließend weiter, ohne nur einmal innezuhalten. Sie hörte nicht auf, bis sie einen heftigen[pg 193]Schüttelfrost bekam und nun erst daran dachte, daß sie die feuchten Kleider und Schuhe noch nicht ausgezogen hatte. Sie verschloß nun die Mappe mit dem Briefe in ihrem Koffer und begab sich zur Ruhe. Aber auch im warmen Bett noch überlief sie ein Frösteln, Hände und Füße waren eiskalt, und nur ihr Kopf brannte wie Feuer; sie legte ihre Hand auf Stirn und Wangen, was ihr wohl tat. Den brennenden Durst, der sie quälte, konnte sie kaum löschen, immer von neuem schenkte sie sich Wasser ein und trank das Glas auf einen Zug leer. Endlich, nachdem sie lange wachend gelegen, nahm sie der erlösende Schlaf in seine Arme, und sie wachte erst auf, als Orla bereits fertig angezogen vor ihrem Bette stand.„Guten Morgen, du Langschläferin!“ rief sie ihr entgegen. „Endlich ausgeschlafen? Aber Kind, was hast du in dieser Nacht für einen Spektakel gemacht, du hast fortwährend geredet, bald fuhrst du in die Höhe, und warfst dich dann wieder hin, nicht fünf Minuten lang hast du ruhig gelegen. Ich war einige Male an deinem Bett und wollte dich wecken, aber du schliefst so fest. Übrigens hattest du entschieden Fieber, dein Puls ging schnell und die Haut war heiß und trocken. Gib mir mal deine Hand, wie sie sich heute morgen anfühlt? – Immer noch fiebrig, dein Puls schlägt nicht normal.“„Die künftige Doktorin,“ neckte Ilse.„Na, um das zu erkennen, braucht man kein Arzt zu sein. Ich an deiner Stelle bliebe im Bett liegen, du siehst so elend und angegriffen aus, – hast du auch Schmerzen?“„Ich habe Kopfweh, Orla. Aber bitte, gehe du nur zum Kaffeetrinken und entschuldige mich, wenn ich heute erst spät erscheine.“Daß sie auch heftige Schmerzen im Hals hatte, verschwieg sie.[pg 194]„Also du willst wirklich aufstehen?“ fragte Orla.„Natürlich, so schlimm ist es ja gar nicht.“Aber sie war doch matter, als sie dachte, das empfand sie erst, als sie das Bett verlassen wollte. Erschöpft sank sie einige Male wieder zurück, sie fühlte Schwindel, der Kopf war ihr schwer und die Schmerzen im Halse quälten sie. Sie zog sich nur ihren Morgenrock über und ging dann in das Eßzimmer. Doktor Althoff war schon fortgegangen, Nellie und Orla saßen noch am Kaffeetisch. Die junge Frau erschrak über Ilses Aussehen.„Odarling, wie schaust du aus, so weiß wie diese Tischtuch und ganz blau unter der Auge, du mußt dir sehr krank fühlen.“Lächelnd versuchte Ilse die Besorgnis der Freundin abzuwehren, aber sie konnte dieselbe nicht täuschen. Nellie wollte durchaus, daß sie sich wieder zu Bette legen solle, wozu sie sich indessen nicht bewegen ließ. Als aber Nellie den bequemen Diwan aus ihres Mannes Zimmer in das ihrige bringen ließ, da bedurfte es keines langen Nötigens, daß sich Ilse darauf legte, da sie sich immer schlechter fühlte. Sie ließ es auch geschehen, daß Nellie eine wollene Decke über ihre Füße breitete, und fügte sich bald ganz ihren Anordnungen, trank kühle Limonade und legte ihren Kopf auf das weiche Kissen, das ihr Orla brachte. Es war ihr jetzt ganz recht, daß sie still liegen konnte, denn sie hatte nur das eine Bedürfnis nach unbedingter Ruhe. Ja, sie sträubte sich sogar nicht dagegen, als Nellie ihr Mädchen nach Doktor Gerber schickte, weil sie selbst fürchtete, ernstlich krank zu werden.Müde schloß sie die Augen, und der gestrige Tag zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Was hatte sie gelitten, welche Qualen ausgestanden, als sie die leidenschaftlichen Augen des Referendars dicht vor den ihrigen sah, seinen heißen Atem fühlte und festgebannt wie[pg 195]eine Gefangene ihm nicht entrinnen konnte. Sie dachte sich in der Braut des Verhaßten ein stilles, sanftes Mädchen, das mit zuversichtlicher Liebe und in vollem Vertrauen zu ihm aufblickte. Wenn sie wüßte, wie sie hintergangen, auf die erbärmlichste, niedrigste Weise getäuscht wurde! Sie hätte nicht gedacht, daß ein Mensch so schlecht sein könnte, denn das Leben hatte ihr bis jetzt nur seine lichten Seiten gezeigt; die dunklen hatte sie noch nicht kennen gelernt, sie wußte noch so viel wie nichts von Schlechtigkeit und gemeiner Gesinnung. Treu sorgende Eltern hatten von ihr alles fernzuhalten gewußt, was ihr kindlich reines Gemüt hätte trüben können.Wie umstrahlt von hellem Licht erschien ihr jetzt Leo, zum ersten Male kamen ihr seine guten und edlen Eigenschaften so recht zum Bewußtsein. Ob er wohl je so von ihr sprechen würde, wie dieser Lüders über seine Braut sprach? Nein, nie, das wußte sie. Kein bitteres Wort über sie würde aus seinem Munde kommen, trotzdem sie im Zorn und Groll von ihm geschieden war. Wann sehe ich ihn wohl wieder? dachte sie, und die bange Sorge um ihn erweckte ihr die Vorstellung, daß er krank sein könnte, ja vielleicht sterben müßte, ohne daß sie ihn jemals wiedergesehen und erfahren hätte, ob er ihr noch gezürnt habe. Ihre krankhafte Phantasie malte dieses Ereignis in den grellsten Farben aus, es entlockte ihr heiße Tränen, Tropfen auf Tropfen stahl sich durch ihre geschlossenen Augenlider und fiel auf ihre Wangen herab. –Im Nebenzimmer wurden jetzt Schritte hörbar und sie hörte Nellie sagen:„Bitte, Herr Doktor, treten Sie hier herein.“Schnell fuhr Ilse in die Höhe und wischte sich mit dem Tuch über ihre Augen. Orla, die am Fenster saß, sah von ihrem Buche auf, als sich jetzt die Tür öffnete. Als aber statt des erwarteten Doktor Gerber sein junger[pg 196]Assistenzarzt erschien, entglitt das Buch ihren Händen und sie bückte sich schnell, um es aufzuheben. Wieder konnte sie eine Verlegenheit nicht verbergen, als er jetzt vor ihr stand und ihr die Hand reichte. Sie war ärgerlich auf sich selbst, und als er sie freundlich fragte, wie ihr die Schlittenpartie bekommen sei, gab sie ihm nur eine kurze Antwort und lenkte dann schnell die Aufmerksamkeit von sich auf Ilse ab.„Hier sehen Sie nur, Herr Doktor, unsre arme Ilse, welche Folgen die Schlittenpartie für sie gehabt hat; da liegt sie nun, ein Bild des Jammers und der Leiden. Übrigens,“ sie hatte jetzt ihre volle Fassung wiedergewonnen, „wie kommt es, daß Sie uns besuchen, da doch nach Doktor Gerber geschickt worden war?“„O ja, Orla, höre nur,“ fiel Nellie ein, „lauter Patienten! Das arme Mann liegt krank im Bette und hat der ganze Nacht phantasiert. Als unsre Botschaft kam, war gerade Herr Doktor Andres bei ihm und kam gleich hierher, arm Ilschen zu kurieren.“„Er ist doch nicht gefährlich erkrankt?“ fragte Orla, als sie bemerkte, daß sein Gesicht bei Nellies Bericht merkwürdig ernst geworden war.„Ich fürchte fast; noch läßt sich keine bestimmte Diagnose stellen, aber alle Anzeichen sind vorhanden, daß eine Lungenentzündung im Anzuge ist.“Er hatte Ilses Handgelenk umfaßt, zog die Uhr heraus und zählte die Pulsschläge. Dann untersuchte er ihren Hals und erklärte, daß eine leichte Halsentzündung vorhanden wäre. Sie sollte sich einige Tage schonen und würde dann bald wieder gesund sein. Er traf noch einige Anordnungen, verschrieb ihr was zum Gurgeln und sagte scherzend zu Orla, daß sie jetzt sein Assistent sein und ihm morgen genauen Bericht über seine Patientin erstatten möge.Jeden Tag erschien Andres pünktlich zu derselben Stunde, und stets fand sich auch Orla ein, wenn erkam.[pg 197]Ilse mußte noch immer auf dem Sofa liegen, obgleich sie behauptete, sich wieder ganz wohl zu fühlen. Aber da es der Doktor so anordnete, wagte sie nicht, sich zu widersetzen, und ließ es sich schließlich ganz gern gefallen, daß sie auf das liebevollste gepflegt und verhätschelt wurde. Einige Male hatte sie Orla dabei ertappt, daß sie zu der Zeit, wenn Andres zu kommen pflegte, erwartungsvoll durchs Fenster blickte. Sie teilte ihre Beobachtungen Nellie mit und auch diese hatte schon bemerkt, daß der junge Mann Orla nicht gleichgültig geblieben war, und daß auch seine Augen strahlten, wenn er mit der Russin sprach. Und als Ilse wieder gesund war und seine ärztlichen Besuche aufhörten, da war er ein Freund des Hauses geworden, ein häufiger, gern gesehener Gast bei Althoffs.
Sie hing sich an Orlas Arm und führte sie mit sich fort. Sie selbst war voller Begeisterung über Andres, weil[pg 177]er die Freundin so warm verteidigt hatte, und wunderte sich nur, daß diese so wenig darauf einging, ja nicht einmal damit einverstanden zu sein schien, daß der junge Mann so lebhaft ihre Partei ergriffen hatte. Ilse verglich ihn im stillen mit Leo; ganz so würde auch er gesprochen und gleich offenmütig eine gute Sache verteidigt haben. Sie gönnte Rosi die Abfertigung, denn sie hatte sich über deren schroffes Urteil sehr geärgert.
Die Frau Pastorin saß neben ihrem Mann und machte in der Tat ein sehr böses Gesicht. Leise und aufgeregt sprach sie auf ihn ein, und versuchte in ihrer Empörung, daß ihr so etwas gesagt worden war, ihn zum Fortgehen mit ihr zu bereden.
„Aber Kind, es war doch nicht so böse gemeint,“ suchte er sie zu beruhigen, „was sollen sie denken, wenn wir jetzt fortgehen!“
„Du hättest für mich eintreten müssen,“ sagte sie erregt, „aber natürlich, deine Frau kann beleidigen wer will, dir ist es gleichgültig.“
„Aber Rosi,“ verteidigte er sich, „wie kannst du nur so etwas sagen! Ich fand, der Doktor hatte ganz recht.“
„Natürlich, nun gibst du ihm auch noch recht, da hört doch alles auf.“
Wütend drehte sie ihm den Rücken zu.
Eine rechte Stimmung wollte nach diesem Zwischenfall in der Gesellschaft nicht wieder aufkommen. Nun wurde auch noch Floras Mann, dessen Anwesenheit im Dorfe bekannt geworden war, zu einem schwer Kranken geholt. Er zögerte selbstverständlich keinen Augenblick und sah sich suchend nach Flora um, die abermals verschwunden war, diesmal mit dem Referendar. Er bat daher Nellie, sie möchte Flora mitteilen, daß er in kurzer Zeit wieder zurück sein würde. Kaum war er fortgegangen, als sich die Türe öffnete, und aus einem Nebengemach die Klänge eines Strauß’schen[pg 178]Walzers ertönten. Flora erschien auf der Schwelle, während man Lüders vor einem alten Klavier sitzen sah.
„O, das ist schön!“ rief Nellie vergnügt über diesen Einfall. „Florchen, du bist eine Engel mit deine Überraschungen heute. O, das herrliche Walzer!“
Sie wippte mit dem Fuße den Takt und summte halblaut die Melodie dazu.
Mit den Klängen der ‚schönen blauen Donau‘ war wieder Leben in den kleinen Kreis gekommen. Die Herren sprangen auf und holten sich die Damen zum Tanze. Eben wirbelten Althoff und Ilse an Nellie vorbei, ihnen folgten Andres mit Orla, und als sich die beiden Mädchen endlich mit heißen Wangen niederließen, tanzte Nellie mit ihrem Mann und der junge Arzt forderte Rosi zum Tanze auf. Sie nahm bei seiner Bitte eine unnahbare und beleidigte Miene an und lehnte dankend ab, aber er bat so liebenswürdig, daß sie sich schließlich von dem Zauber seiner Persönlichkeit hinreißen ließ und einwilligte, mit ihm zu tanzen. Ganz versöhnt und sogar heiter lächelnd kehrte sie auf ihren Platz zurück. Welche Frau bliebe auch unempfindlich gegen die kleinste, ihr dargebrachte Huldigung eines schönen Mannes!
Der Pastor hatte sich schleunigst Ilse zum Tanze geholt,[pg 179]als ihm seine Frau entführt wurde, er tanzte aber so ungeschickt, daß Ilse seinen kühnen Sprüngen kaum folgen konnte und verschiedene Male mit ihm stolperte. Als er sich ganz bestürzt entschuldigte, sagte sie freundlich, er tanze ja sehr gut, denn sie wollte ihm das Vergnügen nicht verderben. Dem flotten Walzer folgte eine Polka, dann ein Galopp und so weiter; man wurde nicht müde, alles plauderte, scherzte und lachte, die lustigste Laune war wieder eingekehrt. Nellie löste jetzt den Referendar ab, der sofort zu Ilse eilte, um sie zum nächsten Tanz aufzufordern. Sie schützte aber Müdigkeit vor, und wieder mußte er mit einem Korbe abziehen. Eine zornige Röte stieg ihm ins Gesicht und er biß sich wütend auf seine schmalen Lippen.
„Nun ist’s genug,“ entschied Althoff, als eben ein neuer Tanz beginnen sollte. „Wir müssen an das Abendessen denken. Herr Pastor, wollen wir zusammen den Punsch brauen? Und du, Nellie, hast ja noch allerhand Delikatessen mitgebracht und solltest dich mit der Wirtin verständigen!“
„O yes, darling, ich werd schon machen. Die Herren brauen den Punsch, wir Damens decken den Tisch, – o, es wird fein. Kommt Kinder!“
Die Wirtin war schon dabei, im Nebenzimmer den Tisch zu decken, als Nellie sie aufsuchte. Die jungen Damen halfen der alten Frau unter Lachen und Scherzen, so daß diese meinte, eine so lustige Gesellschaft sei lange nicht bei ihnen eingekehrt.
Nur Rosi bewahrte ihre steife Würde, ihr pedantischer Sinn verstand keine harmlose Heiterkeit.
Floras Mann hatte durch einen Boten bestellen lassen, daß man mit dem Abendessen nicht auf ihn warten solle, da er noch längere Zeit fortbleiben müsse.
„Habe ich nun nicht recht?“ seufzte Flora. „Wird mir nicht jedes Vergnügen vergällt? Wahrhaftig, wer die[pg 180]Frau eines Arztes wird, übernimmt damit die Rolle einer Entsagenden.“
Heute abend jedoch fiel Florchen gänzlich aus dieser Rolle, sie vergaß die Abwesenheit ihres Gatten sehr bald und stimmte in die Ausgelassenheit der andern mit ein. Mitten auf dem Tisch prangte die dampfende Terrine, und Doktor Althoff forderte Flora scherzend auf, in ihrem weißen Gewande heut abend die Hebe zu spielen. Sie ließ sich das nicht zweimal sagen, stellte sich aber bei diesem Amt so ungeschickt an, daß sie jedesmal vorbeigoß und der Punsch am Glase herunterlief, bis schließlich Nellie sagte: „Laß mir nur machen, Flora,“ wobei sie ihr den Löffel aus der Hand nahm.
Vergnügt lächelnd saß der Pastor hinter seinem Glase. Rosi hat ihn zu Anfang beiseite gezogen und sich fest von ihm versprechen lassen, daß er nicht, wie damals bei Althoffs, zu viel trinken würde. Sie selbst nippte kaum am Glase, indem sie behauptete, keinen Wein vertragen zu können, da er ihr zu Kopf stiege.
Ilse war merkwürdig still geworden. Sie wußte selbst nicht, wie es kam, daß ihre Gedanken diesen Abend immer in die Ferne schweiften und an einem Wesen haften blieben, welches Leos Züge trug. Erinnerten sie die leuchtenden Augen des jungen Arztes, der neben Orla saß und in eifriger Unterhaltung keinen Blick von dieser wandte, an die Augen ihres Leo, die mit so viel Glück und Innigkeit auf ihr zu ruhen pflegten? Oder war es das silberne Mondeslicht, das Erinnerungen in ihr wachrief? Liebten sie doch beide im Mondenschein zu schwärmen. Oft war sie mit ihm Hand in Hand weit hinaus über die Felder und Wiesen gegangen und sie hatte sich ganz dem Zauber eines Mondscheinabends hingegeben. Oder sie lehnten zusammen am Fenster und sahen zu, wie die Strahlen des Mondes durch das Blätterwerk im Garten brachen. Ob er jetzt wohl auch[pg 181]an sie dachte, ob er, wie sie, solche Bilder an seinem Geiste vorüberziehen ließ?
Das Lachen und Stimmengewirr rief sie in die Wirklichkeit zurück, und doch hätte sie gern so noch weiter geträumt. Sie blickte durch die offene Tür in den Saal, wo die Kerzen erloschen waren und statt dessen das Mondlicht voll hereinflutete. Wie magnetisch davon angezogen, stand sie auf und ging hinein. Sie hatte den dringendsten Wunsch, jetzt allein zu sein, um sich ungestört in die Vergangenheit senken zu können. In dem efeubewachsenen Erker auf dem alten Stuhl ließ sie sich nieder und schmiegte den Kopf an die hohe Lehne. Hier übergoß der Mond alles mit einem bläulichen Lichte, welches auf den dunklen Blättern glänzte. Nun war es fast wie daheim, wenn sie und Leo auf der von wildem Wein umlaubten Veranda saßen und er ihr unter dem grünen Blättergewirr tausend süße Liebesworte zuflüsterte. Es kam ihr vor, als wäre sie plötzlich alt und diese Zeit läge weit, weit hinter ihr. Würde sie denn noch einmal wiederkehren, oder war Liebe und Glück für immer vorbei? Dann allein durch ihre Schuld, raunte ihr eine innere Stimme zu. Sie mußte sich die Hand auf das unruhig klopfende Herz pressen.
Flora hatte dem Verschwinden Ilses mit den hochtrabendsten Worten eine Erklärung gegeben. „Die Sehnsucht nach dem Ferngeliebten,“ sprach sie theatralisch, „zaubert ihr sein Bild hierher. Sie ist nun mit ihm vereint, und wir dürfen das glückliche Paar nicht stören.“
Sie erhob die Arme und streckte sie aus, wie wenn sie als Schutzengel über die beiden zu wachen hätte.
„Hu, hu, du siehst ja wie ein Geist aus, ich fürchte mir,“ rief Nellie und brachte damit Flora, die wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, in die Wirklichkeit zurück.
Der Referendar, welcher sich Ilse beim Abendessen nicht mehr genähert hatte, nachdem er heute wiederholt von ihr[pg 182]abgewiesen worden, war ihr mit seinen stechenden Augen in den Saal gefolgt, und so sah er auch, wie sie in dem Erker verschwand. Sofort nahm er sich vor, ihr dahin nachzugehen, und als nach einer Weile Althoff nach der Uhr sah und zum Aufbruch mahnte, ergriff er schnell die Gelegenheit und erbot sich, das Anspannen besorgen zu lassen. Beim Hinausgehen lehnte er wie zufällig die offene Türe, die zum Saal führte, an. Als er dann zurückkehrte,klinkteer leise die andre Tür auf, die vom Hausflur in den Saal führte, und schlich sich auf den Zehen nach dem Platze, wo Ilse saß.
Sie hatte ihn nicht kommen hören und erschrak nun um so mehr, als sie plötzlich seine Stimme vernahm und ihn zwischen den Efeuwänden stehen sah. Sie sprang auf und wollte forteilen, aber er ließ sie nicht vorbei und drückte sie mit sanfter Gewalt auf ihren Platz zurück.
„Was wollen Sie hier?“ fragte sie in einem nicht mißzuverstehenden Tone, der deutlich bewies, wie fatal ihr seine Gegenwart war.
„Wie Sie, mein teures Fräulein, möchte ich den herrlichen Mondenschein genießen und dabei in Ihre schönen Augen sehen.“
„Was fällt Ihnen ein!“ rief sie empört und schnellte wieder empor.
„So bleiben Sie doch, ich tue Ihnen ja nichts,“ sagte er mit einschmeichelnder Stimme, indem er ihr den Ausgang versperrte. „Gestatten Sie mir nur eine Frage: Sind Sie glücklich?“
Sie gab keine Antwort, weil ihr eine namenlose Angst die Kehle zuschnürte, und sie nur den einen Gedanken hatte, wie sie ihm entfliehen könnte. Er aber deutete ihr Schweigen anders. War es nicht auch eine Antwort auf seine Frage?
„Ich wußte es ja,“ hub er wieder an, „ich las es in Ihren Augen, daß Sie nicht glücklich sind. Sie finden in[pg 183]mir eine mitfühlende Seele, welche Sie leider nur zu gut begreift. Auch ich bin an ein Wesen gekettet, das mich zu dem Unglücklichsten der Unglücklichen macht. Meine Braut, – o Himmel, daß ich ihr diesen süßen Namen geben muß –, nun, sie ist reich und sie wissen ja, ‚nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.‘ Auch meine Existenz hängt von dem leidigen Mammon ab, denn ich bin ehrgeizig und strebe nach hohen Zielen, aber ich bin arm und habe mich deshalb mit dem reichen Mädchen verlobt. Das arme Ding, sie ist so in mich verschossen!“
Ilse hatte schon einige Male versucht, ihn zu unterbrechen und sich durchzudrängen, – vergebens! Ekel und Abscheu erfaßte sie.
„Lassen Sie mich fort,“ sagte sie bebend vor Zorn.
„Wenn Sie mich angehört haben und den Kummer meines Herzens kennen, dann sollen Sie den Weg frei haben, aber erst müssen Sie mich hören und vielleicht gönnen mir Ihre Lippen ein Wort des Trostes.“
„Ich will Sie nicht hören,“ stieß Ilse in höchster Aufregung hervor; „lassen Sie mich gehen, oder ich rufe laut um Hilfe.“
„Sie werden doch keine Szene machen, den andern kein Schauspiel gönnen,“ sagte er höhnisch lachend.
„O mein Gott!“ stammelte Ilse und fiel in den Stuhl zurück, indem sie ihre Augen mit beiden Händen bedeckte.
„So, nun bleiben Sie ruhig sitzen, bis ich Ihnen zu Ende erzählt habe. Wie gesagt, meine Verlobte ist närrisch in mich verliebt, mir ist sie aber gleichgültig. Ich ertrug diese Fessel mit Geduld und Fassung, bis ich Sie sah, Ihre süße Stimme hörte, in Ihre himmlischen Augen schaute, die mir verrieten, daß auch Sie ein Band umschlingt, das Sie zerreißen möchten. Sah ich es nicht oft und deutlich aus Ihrem Erröten, aus ihrem gesenkten Blick bei der Nennung desjenigen, dem Sie ohne Liebe ihre Hand reichen wollen?[pg 184]Wie fühlte ich mich schon in dem Gedanken gehoben, in Ihnen eine gleichgestimmte Seele gefunden zu haben. Ilse, sagen Sie mir ein Wort des Trostes, der Hoffnung!“
Er näherte sich ihr. Sie hatte sich ganz in die Ecke gedrückt, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Ihre Augen hatten einen starren Blick, ihr Atem stockte und ihr Puls flog wie im Fieber. Nun ergriff er ihre Hand, die sie, wie von einer Viper gestochen, zurückschleuderte.
„Sie kleine Spröde!“ sagte er mit äußerster Ruhe und beugte sich zu ihr herab, daß sein Atem sie streifte. In qualvoller Angst sprang sie auf und stieß ihn mit kräftiger Hand zurück, daß er taumelte. Dann schob sie die Efeuwand zur Seite. In dem Augenblick aber, als sie an ihm vorüber wollte, versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu legen.
„Unverschämter!“ keuchte Ilse mit blitzenden Augen. In ihrer Todesangst wußte Ilse nicht, was sie tun sollte, sah nur sein Gesicht, das ihr wie das eines Teufels erschien, sie fühlte seine Berührung. Schon wollte sie um Hilfe schreien, da fiel ihr Blick auf das Fenster. Sie riß es auf, und ehe er es hindern konnte, war sie auf den Stuhl gesprungen, von da auf das Fensterbrett, und im nächsten Moment war sie draußen. Bis über die Knie versank sie in dem weichen Schnee. Sie raffte sich aber auf und lief, als folge er ihr auf den Fersen, so schnell als möglich weiter. Fort, nur fort aus seiner Nähe! Furcht und Scham trieben sie unaufhaltsam vorwärts. Sie kletterte über die niedrige Gartenhecke und rannte noch eine Strecke auf der Straße weiter, die ins Dorf führte. Endlich blieb sie erschöpft stehen, die Hand auf das pochende Herz gedrückt.
„O mein Gott,“ rief sie laut, „es ist zu schrecklich! O Leo,“ schluchzte sie in den stillen Winterabend hinein, „warum bist du so fern? Ach, wärst du doch jetzt hier, könnte ich bei dir sein!“
Und sie dachte, wie er doch so gut und edel sei. So hätte er nie gehandelt, wie der Erbärmliche, nie, niemals! Und würde er sie jetzt noch lieben, nachdem sie ihm so tiefes Leid zugefügt hatte, würde er vergessen können, was sie ihm getan? Und wenn er sich von ihr wandte, wenn sie für immer seine Liebe verloren hatte, mit der sie ein frevles Spiel getrieben, wie sie sich jetzt selbst in qualvoller Pein gestand! Sie bedeckte ihr brennendes Antlitz mit den kalten Händen. So trostlos mußte es einer Verstoßenen und Verlassenen zu Mute sein, wie ihr in diesem Augenblick.
Plötzlich hörte sie Schritte in ihrer Nähe, und in ihrer Angst, es könnte ihr der Schreckliche gefolgt sein, wagte sie kaum aufzublicken. Gott sei Dank, er war es nicht, es war Doktor Gerber, der von seinem Krankenbesuch zurückkam. Sie schlüpfte hinter den nächsten Baum, denn sie wollte in dieser Verfassung nicht entdeckt werden. Der Stamm des Obstbaumes konnte sie aber nicht ganz verdecken, auch hatte Gerber bemerkt, daß bei seinem Nahen eine Gestalt sich scheu zu verbergen gesucht hatte, er blieb stehen und sah forschend hinüber.
Ilse rührte sich nicht.
„Wer ist da?“ fragte er.
Keine Antwort.
Da stapfte er durch den hohen Schnee, als er aber dicht vor ihr stand und sie erkannte, prallte er förmlich zurück.
„Fräulein Ilse, wie kommen Sie hierher, was wollen Sie hier?“ fragte er erstaunt.
Und als er ihr bleiches, entstelltes Gesicht sah, fragte er nochmals.
„Was ist Ihnen denn, ist Ihnen etwas begegnet? Und ohne Mantel, ohne Hut! Sie werden sich erkälten.“
Sie blickte ihn flehend an, als wollte sie sagen: o, dringen sie nicht weiter in mich. Er verstand ihre stumme Bitte.
„Kommen Sie,“ sagte er und ergriff ihre zitternde Hand.
Schweigend gingen sie die mondhelle Dorfstraße hinunter. Kaum konnte Ilse ihre Aufregung bemeistern, so tobte und kämpfte es in ihrem Innern; ihre Gedanken konnten sich von dem schrecklichen Erlebnis nicht losreißen. Einige Male versuchte sie mit ihrem Begleiter ein gleichgültiges Gespräch anzufangen, aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen. Sie beherrschte sich krampfhaft, denn bevor sie das Gasthaus erreichten, wollte sie ganz ruhig sein, damit die andern nichts merken sollen. Sie durften um Gottes willen nicht erfahren, was sie Beschämendes erlebt hatte. Zu welchen Auseinandersetzungen würde es sonst zwischen Doktor Althoff und dem Verhaßten kommen? Nein, nur das nicht, schon der Gedanke allein regte sie auf.
Ilses kühner Sprung aus dem Fenster hatte dem Referendar keinen geringen Schrecken eingejagt.
„Donnerwetter, das tolle Ding!“ hatte er bestürzt und ärgerlich zwischen den Zähnen gemurmelt. Aber seine Geistesgegenwart verließ ihn darum nicht. Schaden konnte Ilse nicht genommen haben, beruhigte er sich, das Fenster war ja nur wenige Fuß über der Erde, und außerdem lag tiefer Schnee. Er beugte sich hinaus und sah sie in großen Sprüngen über die weiße Fläche hineilen. Leise schloß er hierauf das Fenster wieder.
„Temperament hat die Kleine,“ sagte er halblaut vor sich hin mit einem unangenehmen Lächeln. Unbedingt mußte er jetzt in die Gesellschaft zurückkehren, wenn sein Ausbleiben nicht auffallen sollte. Trotz der Ruhe, die er nach diesem amüsanten Abenteuer, wie er es innerlich nannte, empfand, konnte er doch ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken, denn sicher würde Ilse plaudern, – wie fatal! Da galt es vorher überlegen, wie er ihre Anschuldigungen geschickt parieren sollte. Nun, an jesuitischer Spitzfindigkeit[pg 187]fehlte es ihm nicht, er wollte sich schon aus der Angelegenheit ziehen.
Ebenso leise, wie er den Saal betreten, schlich er sich jetzt wieder hinaus und erschien dann vergnügt lächelnd in der Türe, durch welche er vorhin die Gesellschaft verlassen hatte. Er setzte sich zu den andern und nahm dankend das dampfende Glas Punsch entgegen, welches ihm Flora mit verführerischem Lächeln reichte. Er berichtete, daß er alles gut besorgt habe, und daß die Kutscher, die er sehr gemütlich bei Bier und Grog angetroffen habe, jetzt dabei wären anzuspannen.
„Nun müssen wir auch Ilse in ihrer Einsamkeit stören,“ sagte Nellie und war im Begriff, in den Saal zu gehen, als sich die Türe, die nach dem Flur führte, öffnete und Ilse leichenblaß eintrat, gefolgt von Floras Mann, der sich ebenfalls blaß und erschöpft niederließ.
Erschrocken eilte Nellie ihr entgegen.
„Was hast du,darling, ist dich nicht wohl?“ fragte sie leise und blickte verwundert in das starre Gesicht des jungen Mädchens.
„Mir fehlt gar nichts, Nellie, ich bin ganz wohl,“ erwiderte Ilse ruhig und setzte sich neben Orla.
Aus Lüders’ Antlitz war bei Ilses Eintreten doch die Farbe gewichen. Er lächelte krampfhaft und stand wie ein Fuchs auf der Lauer, indem er gespannt auf jedes ihrer Worte horchte. Gott sei Dank, dachte er nach einer Weile erleichtert, sie scheint vernünftig zu sein und schweigt.
Nellie fühlte sich durch die Antwort der Freundin nichts weniger als beruhigt, sondern sah dieselbe besorgt an. Jetzt fiel ihr Blick auf Ilses durchnäßte Kleider, und als sie nach ihrer Hand faßte, bemerkte sie, wie kalt diese war.
„Ilse, du bist ja ganz feucht und kalt, wo bist du gewesen?“ fragte sie ängstlich.
„Gewiß hast du draußen im Mondenschein vom Herzallerliebsten geschwärmt,“ sagte Flora neckend, „gestehe es nur, Ilse.“
„Du hast ganz recht, Flora,“ gab sie zur Antwort, „ich sehnte mich nach frischer Luft und bin eine Strecke in das Dorf gegangen, wo ich deinen Mann traf.“
Sie wunderte sich selbst über die Ruhe, mit welcher sie diese Worte sprechen und auch die Fragen und Neckereien der andern ertragen konnte. Als aber der Referendar versuchte, mit ihr zu scherzen, traf ihn ein so verächtlicher, drohender Blick aus ihren Augen, daß er verlegen fortsah und schwieg.
Abgespannt und teilnahmlos saß Doktor Gerber da; auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er zur Antwort, daß er sich ganz wohl fühle und nur etwas müde wäre. Sogar seiner Frau, welche sich umgezogen hatte und jetzt zurückkam, fiel seine Blässe und Mattigkeit auf; sie fragte ihn besorgt, ob es mit seinem Befinden schlimmer geworden sei. Seine verneinende Antwort beruhigte sie indessen schon wieder, und sie meinte, sein schlechtes Aussehen rühre gewiß nur von dem Aufenthalt in der dumpfen Krankenstube her. Man war allgemein froh, als die Schlitten angespannt vor der Tür standen, denn wie ein Alp lag es auf der vorher so lustigen Gesellschaft, seitdem Ilse und Gerber so bleich und still unter ihnen saßen und sichtbar ungeduldig auf den Aufbruch warteten. Ilse war die erste, welche aufsprang, als gemeldet wurde, daß alles zu der Abfahrt bereit sei.
Während die andern sich von Pastors verabschiedeten und die wärmenden Hüllen umlegten, war Ilse zu Nellie getreten und fragte sie leise, ob sie mit ihr zusammen fahren dürfe.
„Ich muß dich sprechen,“ flüsterte sie hastig, „dringend muß ich dich sprechen.“
„Darling, wie kommst du mich vor diesen Abend, so zerstört, was hast du?“
„Nachher erzähle ich dir alles, jetzt frage mich nicht,“ gab Ilse zur Antwort.
Mit Entsetzen vernahm Nellie unterwegs, was der Freundin begegnet war. Glücklicherweise war der Kutscher, der die beiden fuhr, etwas schwerhörig und hatte sich obenein den Pelzkragen ganz über die Ohren gezogen, so daß er nicht verstehen konnte, was die Damen sprachen. Er hätte sonst eine spannende Geschichte zu hören bekommen, denn Ilse sprach in ihrer Aufregung so laut, daß Nellie sie öfter ermahnte, vorsichtiger zu sein. Das Blut stockte ihr fast in den Adern bei Ilses Erzählung, und sie unterbrach diese oft mit dem ihr eigenen Ausruf ‚o, o‘!
„Du armes, armes Kind,“ sagte sie, als Ilse zu Ende war, „was hast du durchgemacht, schrecklich! Das infame Mann, – was wird Fred sagen, wenn ich ihm das erzähle? Es bleibt ihm weiter nichts übrig, als ihm ein Ohrfeig zu geben auf der Straße, wenn alle Leute es sehen.“
„Um Gottes willen,“ fuhr Ilse auf, „so etwas darf dein Mann nicht tun, es würde einen öffentlichen Skandal geben, die Stadt würde davon sprechen, – bitte, bitte nicht Nellie! Aber Flora werde ich sagen, daß ich ihr Haus nicht wieder betrete, wenn ich diesen Menschen noch einmal bei ihr treffe. Oder – nein, es ist besser, auch sie erfährt nichts von dieser Geschichte. Sie setzt sich sonst womöglich hin, dichtet eine Schauer-Ballade und liest sie dem Menschen noch obenein vor. Aber warnen will ich sie, warnen vor diesem Teufel!“
Die dunklen Augen in dem bleichen Gesicht funkelten und spiegelten einen leidenschaftlichen Haß wieder, der dem jungen Antlitz etwas Düsteres verlieh. Schweigend blickte sie in die sternenklare Winternacht, ohne zu bemerken, daß[pg 190]Nellie sich noch warmer einhüllte und ihre Füße fester in die Decke wickelte.
Die beiden sprachen wenig während der übrigen Fahrt, und auch aus den andern Schlitten tönte kein fröhliches Lachen, wie bei der Hinfahrt. Lüders, der wieder neben Flora saß, meinte, es wäre zu kalt zum Sprechen und zog seinen Rockkragen in die Höhe, so daß sein Gesicht fast ganz verschwand. Flora vergaß seine Schweigsamkeit, denn der Mondesglanz, die Sterne, die klare Winternacht gaben ihr unzählige poetische Gedanken ein, die sie am andern Tage auf das Papier bringen wollte.
Althoff bekam von seinem Nachbar, Doktor Gerber, auch nur kurze Antworten, man merkte, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Nur in dem Schlitten, in welchem Andres und Orla saßen, schien die schönste Harmonie zu walten. Orla hielt wieder die Zügel in ihren Händen, denn der Kutscher hatte zu tief in das Glas gesehen und war in eine Art Halbschlummer verfallen, aus welchem ihn Andres von Zeit zu Zeit aufschreckte, damit der müde hin und her Taumelnde nicht unversehens vom Sitze fiele und ihnen verloren ginge.
Scherzend hatte er zu dem jungen Mädchen gesagt, daß es eigentlich nicht in der Ordnung wäre, sich von einer Dame nach Hause fahren zu lassen, worauf sie lachend erwiderte, daß sie nach der Meinung ihrer Freundin Rosi gar nicht mehr unter die Frauen gehöre und er sich deshalb getrost ihre Leitung gefallen lassen möge. Den beiden verging unter lebhaftem Geplauder die Zeit so schnell, daß sie ganz erstaunt waren, schon in die heimatlichen Straßen einzufahren und bald darauf vor der Althoffschen Wohnung zu halten. –
Als sich die beiden jungen Mädchen zur Ruhe begaben, fielen Ilse die seltsam glänzenden Augen der Freundin auf und ein heimliches Lächeln um ihren Mund, das ihr[pg 191]Antlitz wunderbar verklärte. Sie gab auch einige Male zerstreute Antworten auf Ilses Fragen, ganz gegen ihre sonstige Art.
„Gute Nacht, Ilse,“ sagte sie schon im Bette liegend und bemerkte erst jetzt, daß diese noch nicht angefangen hatte sich auszuziehen.
„Willst du noch nicht zu Bette gehen?“ fragte sie.
„Nein, Orla, ich bleibe noch etwas auf, ich bin noch nicht müde.“
Sie wartete noch eine Weile bis Orla fest eingeschlafen war, und holte dann ihre Schreibmappe hervor. Hierauf stellte sie die Lampe auf den Tisch am Fenster, an welchem Orla oft bis tief in die Nacht arbeitete, nahm einen Briefbogen, tauchte die Feder langsam in das Tintenfaß und schrieb nach langem Besinnen die Worte: ‚Lieber Leo!‘ auf das Papier, dann stützte sie wieder den Kopf in die Hand und starrte gedankenvoll auf das weiße Blatt vor ihr. Wie schwer wurde ihr der Anfang, und doch war[pg 192]das Herz ihr zum Zerspringen voll. Es lastete wie ein Verbrechen auf ihr, sie kam sich erniedrigt und nach dem heutigen Erlebnis wie treulos gegen ihren Bräutigam vor, weil sie das schändliche Bekenntnis des ihr fremden Mannes mit angehört hatte. Welche Worte hat er zu ihr gesprochen, – noch tönten sie in ihren Ohren fort –, wie konnte er das wagen, wie durfte er ihr so etwas bieten und sie unglücklich nennen! –
Und doch, konnte sie das alles so wunderbar finden, hatte sie den Leuten nicht genügend Veranlassung gegeben, sie für eine unglückliche Braut zu halten? Ihr ‚gesenkter Blick‘, ihr ‚Erröten‘, wie der Abscheuliche gesagt, und dann die Szene mit Andres, die er, – jetzt wußte sie es, – belauscht hatte, alles dieses waren für ihn Beweise gewesen, daß sie nicht glücklich sei. Und hatte er denn unrecht? Hatte sie sich nicht selbst für unglücklich gehalten, für tief unglücklich? Warum empörte sich denn ihr Inneres darüber, daß ein anderer ihre geheimsten Gedanken erraten hatte, war sie denn vielleicht nicht mehr unglücklich?
Nein, tausendmal nein, rief es in ihr! Seit sie draußen in der kalten Winternacht die brennendste Sehnsucht nach ihm, nach seinem Schutz empfunden, fühlte sie, daß sie allein an diesem Unglück die Schuld trug, daß es in ihrer Hand lag, ihn und sich wieder glücklich zu machen. Und sie hatte sich vorgenommen, ihn noch heute abend zu bitten: vergiß, was ich dir getan, – und ihm alles erzählen, was sie hatte erleben müssen, dann würde ihr leichter, sie würde dann ruhiger werden. Unterwegs hatte sie sich den Inhalt des Briefes im Geiste überlegt und immer wiederholt, aber jetzt, da sie ihre Gedanken in Worte kleiden und diese niederschreiben sollte, konnte sie nicht damit fertig werden.
Endlich nach langem Zaudern überwand sie den schwierigen Anfang und schrieb fließend weiter, ohne nur einmal innezuhalten. Sie hörte nicht auf, bis sie einen heftigen[pg 193]Schüttelfrost bekam und nun erst daran dachte, daß sie die feuchten Kleider und Schuhe noch nicht ausgezogen hatte. Sie verschloß nun die Mappe mit dem Briefe in ihrem Koffer und begab sich zur Ruhe. Aber auch im warmen Bett noch überlief sie ein Frösteln, Hände und Füße waren eiskalt, und nur ihr Kopf brannte wie Feuer; sie legte ihre Hand auf Stirn und Wangen, was ihr wohl tat. Den brennenden Durst, der sie quälte, konnte sie kaum löschen, immer von neuem schenkte sie sich Wasser ein und trank das Glas auf einen Zug leer. Endlich, nachdem sie lange wachend gelegen, nahm sie der erlösende Schlaf in seine Arme, und sie wachte erst auf, als Orla bereits fertig angezogen vor ihrem Bette stand.
„Guten Morgen, du Langschläferin!“ rief sie ihr entgegen. „Endlich ausgeschlafen? Aber Kind, was hast du in dieser Nacht für einen Spektakel gemacht, du hast fortwährend geredet, bald fuhrst du in die Höhe, und warfst dich dann wieder hin, nicht fünf Minuten lang hast du ruhig gelegen. Ich war einige Male an deinem Bett und wollte dich wecken, aber du schliefst so fest. Übrigens hattest du entschieden Fieber, dein Puls ging schnell und die Haut war heiß und trocken. Gib mir mal deine Hand, wie sie sich heute morgen anfühlt? – Immer noch fiebrig, dein Puls schlägt nicht normal.“
„Die künftige Doktorin,“ neckte Ilse.
„Na, um das zu erkennen, braucht man kein Arzt zu sein. Ich an deiner Stelle bliebe im Bett liegen, du siehst so elend und angegriffen aus, – hast du auch Schmerzen?“
„Ich habe Kopfweh, Orla. Aber bitte, gehe du nur zum Kaffeetrinken und entschuldige mich, wenn ich heute erst spät erscheine.“
Daß sie auch heftige Schmerzen im Hals hatte, verschwieg sie.
„Also du willst wirklich aufstehen?“ fragte Orla.
„Natürlich, so schlimm ist es ja gar nicht.“
Aber sie war doch matter, als sie dachte, das empfand sie erst, als sie das Bett verlassen wollte. Erschöpft sank sie einige Male wieder zurück, sie fühlte Schwindel, der Kopf war ihr schwer und die Schmerzen im Halse quälten sie. Sie zog sich nur ihren Morgenrock über und ging dann in das Eßzimmer. Doktor Althoff war schon fortgegangen, Nellie und Orla saßen noch am Kaffeetisch. Die junge Frau erschrak über Ilses Aussehen.
„Odarling, wie schaust du aus, so weiß wie diese Tischtuch und ganz blau unter der Auge, du mußt dir sehr krank fühlen.“
Lächelnd versuchte Ilse die Besorgnis der Freundin abzuwehren, aber sie konnte dieselbe nicht täuschen. Nellie wollte durchaus, daß sie sich wieder zu Bette legen solle, wozu sie sich indessen nicht bewegen ließ. Als aber Nellie den bequemen Diwan aus ihres Mannes Zimmer in das ihrige bringen ließ, da bedurfte es keines langen Nötigens, daß sich Ilse darauf legte, da sie sich immer schlechter fühlte. Sie ließ es auch geschehen, daß Nellie eine wollene Decke über ihre Füße breitete, und fügte sich bald ganz ihren Anordnungen, trank kühle Limonade und legte ihren Kopf auf das weiche Kissen, das ihr Orla brachte. Es war ihr jetzt ganz recht, daß sie still liegen konnte, denn sie hatte nur das eine Bedürfnis nach unbedingter Ruhe. Ja, sie sträubte sich sogar nicht dagegen, als Nellie ihr Mädchen nach Doktor Gerber schickte, weil sie selbst fürchtete, ernstlich krank zu werden.
Müde schloß sie die Augen, und der gestrige Tag zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Was hatte sie gelitten, welche Qualen ausgestanden, als sie die leidenschaftlichen Augen des Referendars dicht vor den ihrigen sah, seinen heißen Atem fühlte und festgebannt wie[pg 195]eine Gefangene ihm nicht entrinnen konnte. Sie dachte sich in der Braut des Verhaßten ein stilles, sanftes Mädchen, das mit zuversichtlicher Liebe und in vollem Vertrauen zu ihm aufblickte. Wenn sie wüßte, wie sie hintergangen, auf die erbärmlichste, niedrigste Weise getäuscht wurde! Sie hätte nicht gedacht, daß ein Mensch so schlecht sein könnte, denn das Leben hatte ihr bis jetzt nur seine lichten Seiten gezeigt; die dunklen hatte sie noch nicht kennen gelernt, sie wußte noch so viel wie nichts von Schlechtigkeit und gemeiner Gesinnung. Treu sorgende Eltern hatten von ihr alles fernzuhalten gewußt, was ihr kindlich reines Gemüt hätte trüben können.
Wie umstrahlt von hellem Licht erschien ihr jetzt Leo, zum ersten Male kamen ihr seine guten und edlen Eigenschaften so recht zum Bewußtsein. Ob er wohl je so von ihr sprechen würde, wie dieser Lüders über seine Braut sprach? Nein, nie, das wußte sie. Kein bitteres Wort über sie würde aus seinem Munde kommen, trotzdem sie im Zorn und Groll von ihm geschieden war. Wann sehe ich ihn wohl wieder? dachte sie, und die bange Sorge um ihn erweckte ihr die Vorstellung, daß er krank sein könnte, ja vielleicht sterben müßte, ohne daß sie ihn jemals wiedergesehen und erfahren hätte, ob er ihr noch gezürnt habe. Ihre krankhafte Phantasie malte dieses Ereignis in den grellsten Farben aus, es entlockte ihr heiße Tränen, Tropfen auf Tropfen stahl sich durch ihre geschlossenen Augenlider und fiel auf ihre Wangen herab. –
Im Nebenzimmer wurden jetzt Schritte hörbar und sie hörte Nellie sagen:
„Bitte, Herr Doktor, treten Sie hier herein.“
Schnell fuhr Ilse in die Höhe und wischte sich mit dem Tuch über ihre Augen. Orla, die am Fenster saß, sah von ihrem Buche auf, als sich jetzt die Tür öffnete. Als aber statt des erwarteten Doktor Gerber sein junger[pg 196]Assistenzarzt erschien, entglitt das Buch ihren Händen und sie bückte sich schnell, um es aufzuheben. Wieder konnte sie eine Verlegenheit nicht verbergen, als er jetzt vor ihr stand und ihr die Hand reichte. Sie war ärgerlich auf sich selbst, und als er sie freundlich fragte, wie ihr die Schlittenpartie bekommen sei, gab sie ihm nur eine kurze Antwort und lenkte dann schnell die Aufmerksamkeit von sich auf Ilse ab.
„Hier sehen Sie nur, Herr Doktor, unsre arme Ilse, welche Folgen die Schlittenpartie für sie gehabt hat; da liegt sie nun, ein Bild des Jammers und der Leiden. Übrigens,“ sie hatte jetzt ihre volle Fassung wiedergewonnen, „wie kommt es, daß Sie uns besuchen, da doch nach Doktor Gerber geschickt worden war?“
„O ja, Orla, höre nur,“ fiel Nellie ein, „lauter Patienten! Das arme Mann liegt krank im Bette und hat der ganze Nacht phantasiert. Als unsre Botschaft kam, war gerade Herr Doktor Andres bei ihm und kam gleich hierher, arm Ilschen zu kurieren.“
„Er ist doch nicht gefährlich erkrankt?“ fragte Orla, als sie bemerkte, daß sein Gesicht bei Nellies Bericht merkwürdig ernst geworden war.
„Ich fürchte fast; noch läßt sich keine bestimmte Diagnose stellen, aber alle Anzeichen sind vorhanden, daß eine Lungenentzündung im Anzuge ist.“
Er hatte Ilses Handgelenk umfaßt, zog die Uhr heraus und zählte die Pulsschläge. Dann untersuchte er ihren Hals und erklärte, daß eine leichte Halsentzündung vorhanden wäre. Sie sollte sich einige Tage schonen und würde dann bald wieder gesund sein. Er traf noch einige Anordnungen, verschrieb ihr was zum Gurgeln und sagte scherzend zu Orla, daß sie jetzt sein Assistent sein und ihm morgen genauen Bericht über seine Patientin erstatten möge.
Jeden Tag erschien Andres pünktlich zu derselben Stunde, und stets fand sich auch Orla ein, wenn erkam.[pg 197]Ilse mußte noch immer auf dem Sofa liegen, obgleich sie behauptete, sich wieder ganz wohl zu fühlen. Aber da es der Doktor so anordnete, wagte sie nicht, sich zu widersetzen, und ließ es sich schließlich ganz gern gefallen, daß sie auf das liebevollste gepflegt und verhätschelt wurde. Einige Male hatte sie Orla dabei ertappt, daß sie zu der Zeit, wenn Andres zu kommen pflegte, erwartungsvoll durchs Fenster blickte. Sie teilte ihre Beobachtungen Nellie mit und auch diese hatte schon bemerkt, daß der junge Mann Orla nicht gleichgültig geblieben war, und daß auch seine Augen strahlten, wenn er mit der Russin sprach. Und als Ilse wieder gesund war und seine ärztlichen Besuche aufhörten, da war er ein Freund des Hauses geworden, ein häufiger, gern gesehener Gast bei Althoffs.