Chapter 11

* * *Leider ging es Floras Mann nicht so gut, wie Ilse, sein Zustand hatte sich von Tag zu Tag verschlimmert, er war schwer an einer Lungenentzündung erkrankt. Andres hatte noch einen zweiten Arzt hinzugezogen und beide blickten mit großer Besorgnis in die nächste Zukunft. Die Freundinnen standen Flora in dieser schweren Zeit treu zur Seite, täglich kam eine, um zu helfen und zu raten; denn Flora war in der Krankenpflege ganz unerfahren und ungeschickt. Sie hatte im Anfang die Krankheit ihres Mannes mit großer Sorglosigkeit angesehen; als aber das hohe Fieber nicht weichen wollte, die Kräfte ersichtlich abnahmen und sie die besorgten Gesichter der beiden Ärzte sah, da fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen, und eines Tages war sie Nellie weinend um den Hals gefallen und hatte ihrem geängstigten Herzen Luft gemacht. Nellie hatte sie auf das liebevollste getröstet und ihr Mut eingesprochen. Als sie dann aber den einst so kräftigen Mann abgemagert und teilnahmlos in den Kissen liegen sah, da vermochte sie[pg 198]selbst die Tränen nicht zurückzuhalten, und auch nachher konnte ihr Gatte sie kaum beruhigen, als sie nach Hause kam und ihm erzählte, wie Gerber verändert und kaum wieder zu erkennen sei.Wieder vergingen Tage, ohne die so heiß ersehnte Besserung zu bringen, und Flora, welche jeden Halt verloren hatte, weinte nur und klagte, selbst im Krankenzimmer konnte sie sich nicht beherrschen. Nellie hatte sich erboten, Käthchen mitzunehmen, da sie es nicht mehr mit anzusehen vermochte, wie das Kind am Bett seines Vaters kauerte, die großen Augen angstvoll auf sein eingefallenes Gesicht gerichtet, und leise seine Hände streichelte.„Laß das Kind mit mich gehen,“ hatte Nellie gebeten, „es ist hier keine Ort für ihr.“ Und auch Andres, der zugegen war, meinte, es wäre besser für die Kleine, wenn sie in andre Umgebung käme, der fortwährende Aufenthalt in der Krankenstube könne ihr nur schaden.Flora nahm Nellies Anerbieten gern an, und die junge Frau war sofort daran gegangen, Käthchens Sachen zusammenzupacken und alles Nötige zu besorgen. Aber so leicht, wie sie dachte, ließ sich das Kind nicht mitnehmen; es sträubte sich und wollte durchaus bei seinem lieben Papa bleiben. Nach unendlicher Mühe und vielen Liebkosungen Nellies gelang es ihr schließlich, Käthchen gegen das Versprechen, daß sie ihren Papa bald wiedersehen würde, und auf die Versicherung hin, daß dieser selbst wünschte, sie möge ein artiges Kind sein, zum Mitgehen zu bewegen. Alles war zum Empfang der Kleinen auf das reizendste vorgerichtet. Nellie hatte hübsche Spielsachen eingekauft, und die beiden jungen Mädchen versuchten, mit ihr zu spielen und zu scherzen. Es glückte ihnen aber nicht, ein Lächeln auf dem ernsten Kindergesicht hervorzurufen. Die Spielsachen blieben unberührt, und Käthchen fragte nur immer, ob ihr lieber Papa bald wieder gesund würde. Die[pg 199]weichherzige Ilse mußte sich abwenden, um ihre Rührung zu verbergen, sie konnte den traurig fragenden Blick in Käthchens Augen nicht ertragen. Als Nellie sie am Abend in das Bettchen brachte, das sie dicht neben das ihrige gestellt hatte, und die Kleine mit gefalteten Händen ihr Abendgebet hersagte, das mit der rührenden Bitte schloß: „Lieber Gott, mache meinen Papa recht bald wieder gesund,“ da ahnte das unschuldige Kindergemüt nicht, daß bereits der Todesengel unheilschwer über dem Haupte des Vaters schwebte.„Nicht wahr, liebe Tante, der liebe Gott hat mich gehört?“ fragte sie Nellie, und als diese unter Tränen lächelnd nickte, legte sie das Köpfchen voll Vertrauen in die Kissen. Nellie blieb so lange am Bettchen sitzen, bis Käthchen fest eingeschlafen war. Die blassen Bäckchen hatten sich zart[pg 200]gerötet, und der kleine Mund lächelte im Schlafe. Fast andächtig blickte die junge Frau auf das schlummernde Kind, – konnte es etwas Süßeres, etwas Lieblicheres geben? Sie streichelte die kleinen Hände und lauschte den ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Wie eine Mutter strich sie mit der Hand über die Kissen, daß auch kein Fältchen den Schlummer des kleinen Geschöpfchens stören sollte. Dann erhob sie sich, drückte einen leisen Kuß auf die reine Kinderstirn und schlich sich aus dem Zimmer.„O, es liegt wie eine Engel, das kleine Mädchen,“ sagte sie zu Orla und Ilse.Spät am Abend kam Doktor Andres, bleich, mit verstörter Miene. Es hatte ihn gedrängt, den Freunden noch mitzuteilen, daß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen müßte. Das Fieber blieb trotz aller angewandten Mittel auf gleicher Höhe und die Kräfte verfielen zusehends. Alle waren über diese Botschaft tötlich erschrocken, und Nellie zeigte sich sofort bereit, zu Flora zu eilen.„O nein, ich darf ihr nicht verlassen!“ rief sie, als man sie zurückhalten wollte. „O, Fred, laß mich! Ich rege mir viel mehr auf, wenn ich hier bleibe, während meine Gedanken doch bei ihr sind.“„Dann gehe ich mit dir,“ entschied Althoff, der es schließlich auch ganz natürlich fand, daß seine Frau Flora in den schweren Stunden, vielleicht den schwersten ihres Lebens, nicht verlassen wollte. Der junge Arzt verabschiedete sich, er mußte wieder zu dem Kranken eilen. Orlas Hand behielt er länger als gewöhnlich in der seinen, und sein tiefer, ernster Blick ruhte mit Innigkeit auf ihrem Antlitz.„Auf Wiedersehen!“ sagte er leise und ging fort.Ilse hatte Nellies Sachen hereingeholt und half der Freundin mit zitternden Händen beim Anziehen. Wie ein Alp lastete es auf allen, und nur das Nötigste wurde gesprochen.[pg 201]Das junge Ehepaar war fortgegangen, und es herrschte jetzt eine fast unheimliche Stille in dem Zimmer, in welchem sonst heiteres Lachen und Plaudern ertönte. Orla saß am Tisch, tief über ein Buch gebeugt. Ilse lehnte in der Sofaecke, die gefalteten Hände lagen in ihrem Schoß. Sie fürchtete sich grenzenlos, aber sie wagte nicht, Orla dies einzugestehen. Die kleine niedrige Lampe mit dem breiten Schirm beleuchtete hell den runden Tisch. Aber die übrigen Gegenstände im Zimmer außerhalb dieses Lichtkreises verschwanden in einem matten Halbdunkel. Nichts störte die nächtliche Ruhe, als das gleichmäßige Ticken der Uhr. Orla saß unbeweglich, scheinbar in ihre Lektüre vertieft, kaum daß sie mit der Wimper zuckte. Aber ihre Gedanken weilten heute nicht bei dem Inhalt des Buches, den sie mechanisch ablas. Sie hafteten an einer hohen, schönen Gestalt, von der sie sich nicht losreißen konnte, deren Bild sie im Wachen nicht verließ und bis in ihre Träume verfolgte. Mit doppeltem Eifer, als wollte sie es gewaltsam zurückdrängen, hatte sie gelesen und studiert. Sie war fast unzugänglich und sehr schweigsam gewesen, hatte immer hinter ihren Büchern gesessen, so daß ihr Lehrer, so sehr er sich über ihre Fortschritte freute, sie doch ernstlich ermahnte, ihre Kräfte zu schonen.Nur wenn Andres kam, dann sprudelte sie über von Geist und Witz. Er erkundigte sich nach ihren Studien, sie fragte nach den Erlebnissen in seiner Praxis. Beide schienen dann nur für einander da zu sein, sie vergaßen völlig ihre Umgebung, und die sonst so kluge, überlegene Orla dachte nicht daran, daß die Freunde merken mußten, was sie als tiefstes Geheimnis in ihrem Herzen verschlossen zu halten glaubte.Kleine harmlose Neckereien ließ sie sich lächelnd gefallen, aber jede ernste Anspielung wies sie entschieden zurück. Sie meinte, wenn zwei Menschen zusammen übereinstimmten und[pg 202]gemeinsame Interessen hatten, müßten sie nach der Ansicht der anderen natürlich gleich ineinander verliebt sein. Sie wäre überhaupt keine Natur zum Lieben geschaffen.Nellie und Ilse als Erfahrenere in dieser Beziehung lächelten sich bei diesen Worten überlegen an und schwiegen.Orla glaubte sich wirklich gefeit gegen die Liebe. Die kleinen Tändeleien und Liebschaften, welche andern so viel Freude und auch wohl kindliche Schmerzen bereiten, waren ihr fremd geblieben. Außer Doktor Althoff, für den in der Pension alle Mädchen schwärmten, hatte sie nie eine sogenannte „Flamme“, wie es die andern nannten, gehabt. „Kalt wie eine Hundeschnauze“, diesen sehr drastischen Vergleich hatte Annemie einmal gebraucht, worüber die ästhetische Flora ganz entsetzt gewesen war.An die Ärmste dachte Orla jetzt voller Mitleid! Die Lust zum Dichten würde ihr wohl jetzt, da ihr das Leben zum ersten Male seine ernsten Seiten zeigte, vergehen. Wie es wohl um diese Zeit bei Gerbers aussah? Orla sah Andres im Geist neben dem Bette des Kranken sitzen, ruhig und sicher seine Anordnungen treffend. Diese Ruhe und Sicherheit, sein rücksichtsvolles Wesen, wo es galt, Rücksicht zu nehmen, – stempelten ihn diese Eigenschaften nicht zum echten, menschlich fühlenden und denkenden Arzte, zu welchem die Kranken mit unbedingtem Vertrauen aufblicken konnten? Vielleicht waren jetzt gerade Floras um Hoffnung flehende Augen auf ihn gerichtet, und, – o Gott, wie schwer mußte das sein, – vielleicht konnte er ihr keine mehr geben, vielleicht war schon alles vorbei!Wenn sie nur wüßte, wie es ging, die Stunden schlichen so langsam dahin, eben schlug es draußen von den Türmen in langsamen Schlägen zwölf Uhr. Die Geisterstunde, wie Ilse schaudernd dachte. Ihre lebhafte Phantasie war von den schaurigen Bildern erfüllt. Bald starrte ihr aus einer Ecke das totenblasse, verzerrte Gesicht des Doktor Gerber[pg 203]entgegen, oder Leo erschien ihr, und seine Augen schauten sie traurig und vorwurfsvoll an. Aus allen Winkeln grinsten sie Fratzen und Gestalten an; die weißen Gardinen erschienen ihr wie wallende Gewänder von Gespenstern, wo sie hinblickte, sah sie etwas Gräßliches. Nein, so hielt sie es nicht länger aus! sie erhob sich aus ihrer dunklen Ecke und trat an den Tisch.Orla blickte auf.„Es ist spät geworden, wollen wir zu Bett gehen, Ilse?“„Ach Orla, ich kann doch nicht schlafen, ich bin zu aufgeregt.“„Ich bleibe gern mit dir auf,“ erwiderte Orla und erhob sich. „Komm, wir wollen nach der Kleinen sehen, ob sie ruhig schläft.“Ilse schmiegte sich dicht an die Freundin, als sie über den Vorplatz gingen, und sah sich fortwährend furchtsam um. Als Orla beim Vorbeigehen den Schirmständer streifte, schreckte Ilse bei dem Geräusch jäh zusammen und umklammerte die Russin mit beiden Händen.„Kind, ich glaube wahrhaftig, du fürchtest dich,“ sagte Orla erstaunt, da ihr Furcht etwas ganz unbekanntes war.„Ach nein, nur heute abend,“ stotterte Ilse verlegen, die sich gerade von Orla nicht gern dabei ertappen ließ, daß sie ein Hasenfuß war.Das Zimmer, in welchem Käthchen schlief, war nur schwach durch eine Nachtlampe erleuchtet, deren matter Schein auf dem weißen Bettchen lag. Die jungen Mädchen beugten sich darüber und betrachteten das sanft schlummernde Kind.„Wie entzückend!“ flüsterte Ilse.„Armes, kleines Ding!“ sagte Orla und küßte es auf das weiche Bäckchen.„Wie es nur bei Gerbers aussehen mag,“ meinte Ilse und ließ sich auf einen Schemel zu Füßen Orlas, die sich[pg 204]neben das Bettchen gesetzt hatte, nieder. Die Freundin konnte nur mit einem Achselzucken antworten; auch sie beschäftigte sich innerlich fortwährend mit dieser Frage.„Ich kann mir gar nicht denken, daß er nicht wieder gesund wird,“ fuhr Ilse fort. „Es wäre doch schrecklich, so jung sterben zu müssen.“„Danach fragt der Tod nicht,“ sprach Orla leise wie in Gedanken versunken vor sich hin. „Meine Eltern waren auch noch jung, als sie starben und mich als Waise zurückließen.“Ilse blickte zu der Freundin empor und sah es feucht in deren Augen schimmern, die heute einen seltsam weichen Ausdruck hatten. Schmeichelnd legte sie ihren Kopf in Orlas Schoß.„Liebe, liebe Orla,“ flüsterte sie leidenschaftlich und hätte sich ihr in der Stimmung, in welcher sie sich befand, am liebsten um den Hals geworfen, um sich dort auszuweinen. Aber sie wußte, daß Orla eine Feindin solcher Szenen war, und deshalb begnügte sie sich damit, ihr die Hände zu streicheln und ihre Wange darauf zu legen. So saß sie ganz still mit geschlossenen Augen und als Orla ihr liebkosend über das braune, lockige Haar fuhr, da war es ihr, als ruhte sie an Leos Brust und dieser ließe ihre Locken durch seine Finger gleiten, was er so gerne tat. Die zärtlichen, rosigen Stunden ihrer Brautzeit drängten sich in ihre Erinnerung, und sie empfand im Geiste wieder das wohlige Gefühl, von den Armen eines geliebten Mannes umschlossen zu sein. Hatte ihr Herz in solchen Momenten nicht höher geschlagen vor Freude und Seligkeit? Und warum war es denn anders geworden, warum sollten diese glücklichen Zeiten vorbei sein? Wie ein Nebel zerfloß vor ihren Augen die kleinliche Ursache ihres Streites, und sie wollte es sich gar nicht mehr eingestehen, daß sie deshalb ihr Glück auf das Spiel gesetzt hatte. Wie viele Stunden und Tage hatte sie[pg 205]sich und ihm verbittert, welch lange Trennung herbeigeführt! Wann wird diese ein Ende nehmen?Auf einmal empfand sie, wie bitter unrecht das alles war, da doch das Leben nur kurze Dauer hat und die schweren Zeiten ohnedies nicht ausbleiben. Konnte sie nicht ein gleiches Schicksal treffen wie Flora, welche auch achtlos in den Tag hinein lebte und nun vielleicht zu spät erkannte, welche Pflichten sie hätte erfüllen müssen? Wenn jetzt deren Mann stürbe, würde dann nicht die Reue sie ewig peinigen und ihr mitleidlos zurufen: du hast deinen Mann vernachlässigt, du hast sein Dasein nicht erhellt. Mit diesem schrecklichen Vorwurf im Herzen leben zu müssen, dachte Ilse, nein, das könnte sie nicht, da würde sie eher vergehen.Aber hatte sie nicht auch Liebe und Glück besessen und beides mit leichtsinniger Hand beiseite geworfen? Würde sie wohl wieder aufrichten können, was sie zerstört hatte, oder war es schon zu spät dazu? Nein, das durfte, das konnte nicht sein! Es packte sie mit wahnsinniger Angst, und der Gedanke, daß Leo jetzt sterben könnte, stand drohend vor ihrer Seele und verfolgte sie wie eine fixe Idee. Um Gottes willen, nur das nicht, nur das nicht, dachte sie bebend, und sie gelobte sich in diesem Augenblick feierlich, anders werden, ihm nie wieder solches Leid zufügen zu wollen.Und nun dachte sie auch daran, wie sie ihre Eltern gekränkt hatte, wie die darunter leiden und mit welcher Sorge sie wohl in ihre Zukunft blicken mochten. Dennoch aber hatte sie nie ein Tadel oder Vorwurf getroffen, ihre Briefe waren stets liebevoll und zärtlich gewesen, aus zarter Rücksicht hatten sie niemals ihr Zerwürfnis mit Leo berührt. Und wie vergalt sie solche Liebe und Güte, war sie dankbar dafür?Beschämt hielt sie Einkehr in ihrem Innern, sie fühlte, wie unrecht sie gehandelt hatte und noch handelte; immer klarer wurde es in ihr, ihre bessere Natur gewann wieder[pg 206]die Oberhand in ihrem Herzen, von welchem sich Trotz und Eigensinn wie rauhe Schalen von einem guten Kern lösten.Vor ihren Augen zogen Bilder aus der Vergangenheit vorüber, die Rückkehr aus der Pension in das Elternhaus, ihre Verlobung. Sie sah die Eltern, das kleine Brüderchen, sie hörte dieses jauchzen, war mit Leo zusammen und fühlte sich glückselig und froh, wie sie es lange nicht gewesen. Die lieblichsten Erinnerungen wiegten sie endlich sanft in Schlummer und begleiteten sie in ihren Träumen, aus denen sie erst erwachte, als sie plötzlich ihren Namen rufen hörte.Schlaftrunken fuhr sie empor und sah Doktor Althoff, der eifrig mit Orla sprach. Sie wurde sich bewußt, daß sie sehr lange geschlafen haben mußte, denn die Morgendämmerung stahl sich schon durch die Fenster herein und überzog alles mit einem grauen, fahlen Schein.„Komm Ilse, steh auf,“ sagte Orla und half ihr sich erheben. Mit einem traurigen Blick auf das schlafende Kind neigte sie sich dicht zu ihrem Ohr und sagte mit leiser Stimme: „Der arme Doktor Gerber ist tot.“„O, mein Gott!“ rief Ilse so laut, daß Orla sie aus dem Zimmer zog, weil das Kind nicht aufwachen sollte.„Ist es denn wahr?“ fragte sie Althoff mit tränenerstickter Stimme; „das ist ja fürchterlich.“ Er nickte und ließ sich in einen Stuhl fallen, indem er den Kopf müde in die Hand stützte.„Die arme, arme Flora, das süße kleine Käthchen,“ jammerte Ilse, während sie aufgeregt hin und her ging.Orla war inzwischen hinausgegangen und hatte dafür gesorgt, daß Althoff Kaffee bekäme. Sie brachte ihm jetzt selbst eine Tasse herein und setzte sie vor ihn hin.„Bitte, trinken Sie, Herr Doktor, ich habe den Kaffee recht stark gemacht, er wird Sie erfrischen.“Er dankte ihr herzlich und trank. Dann zog er seine Uhr heraus.[pg 207]„Schon bald acht Uhr, da ist es Zeit, daß ich gehe.“ Er erhob sich.„Die arme Nellie, sie ist so erregt, es ergreift sie tief,“ sagte er.„Sie muß entschieden jetzt Ruhe haben,“ versetzte Orla, „ich werde zu Flora gehen und sie ablösen.“„Ich gehe mit,“ rief Ilse und hing sich an Orlas Arm.Die beiden gingen mit Althoff zusammen fort. Dieser war froh, daß Nellie nun nach Hause gehen konnte, denn er fürchtete, daß die entbehrte Nachtruhe und die Aufregung ihr schaden könnten.Als die Freundinnen das Trauerhaus betraten, zögerte Ilses Fuß auf der Schwelle; sie mußte die Hand auf das klopfende Herz legen. Schon hier beschlich sie das unheimliche Gefühl, welches der Ort, an dem ein Toter liegt, hervorruft, und sie wäre am liebsten wieder umgekehrt, wenn nicht Orla, welche die Treppe schon hinaufgegangen war, sie leise gerufen hätte. Oben an der Tür kam ihnen Nellie mit verweinten Augen entgegen und die drei jungen Wesen umarmten sich stumm, keine vermochte zu sprechen. Sie traten in Floras Zimmer ein. Heute lagen keine bunt verstreuten Blätter auf dem Schreibtisch herum, wie bei Ilses erstem Besuche, auch glich die schweigsame Nellie am Fenster nicht im geringsten der Nellie von damals, deren übermütiger Spott so belustigend gewesen war. Der düstere Wintermorgen paßte so recht zu der Stimmung in dem stillen Gemach. Fröstelnd, kalt und unbehaglich war es heute, der einförmig graue Himmel sah nicht aus, als ob er auch im klarsten Blau strahlen und heiter lächelnde Sonnenblicke schicken könnte.„Wo liegt er?“ fragte Orla endlich nach langem Schweigen.Nellie bezeichnete ihr das Zimmer.„Ist Flora dort?“[pg 208]„Sie ruht sich ein wenig,“ gab Nellie zur Antwort.Orla ging hinaus. Sachte klinkte sie die Türe zum Sterbegemach auf und trat ein. Durch die weit geöffneten Fensterflügel strömte ihr die kalte Luft erfrischend entgegen, und sie atmete tief auf, denn die dumpfe Luft in Floras Zimmer war beängstigend gewesen und hatte sie beklommen gemacht.Noch erinnerte in dem Raum nichts daran, daß hier ein Toter lag, noch hatte keine ordnende Hand den Eindruck des Krankenzimmers verwischt. Auf dem Tischchen vor dem Bett stand noch das halbgeleerte Glas, aus welchem er zuletzt getrunken, daneben lag das Thermometer, das mit grausamer Genauigkeit die hohe Temperatur des Kranken gezeigt hatte. Alles war noch unberührt geblieben, und man konnte glauben, daß der stille Mann dort im Bett ein Schlafender wäre.Orla war näher getreten und sah mit wehmütigen Blicken auf ihn nieder. Ruhig und friedlich war der Ausdruck seines Gesichtes, das wachsbleiche Profil hob sich scharf von dem dunklen Grund der Wand ab, die Hände lagen über der Brust zusammengefaltet. Sie ließ sich auf einem Stuhle nieder, der dicht am Bett stand, und betrachtete lange das Antlitz des Verblichenen. So im besten Mannesalter zu sterben, das mußte schrecklich sein, – und doch, konnte man ihn beklagen, der das Leben verließ, dem Unglück und Leid nun nichts mehr anzuhaben vermochten? Nein, zu beklagen waren die, die ihn beweinten, die trauernde Witwe, das verwaiste Kind. Ihnen hatte der erbarmungslose Tod den Gatten, den Vater geraubt.Ein leiser Schritt hinter Orla ließ sie aufblicken; es war Andres, der ihr ernst die Hand entgegenstreckte und dessen Blässe verriet, daß er am Totenbette seines Freundes und Vorgesetzten viel gelitten hatte. Schweigend sah er auf den Toten, indem er Orlas Hand in der seinen behielt. Dann[pg 209]wandte er sich ihr zu, und seine Augen versenkten sich in die ihrigen.„Ihr künftiger Beruf wird Sie an manches Totenbett führen und oft werden Sie bitter empfinden, wie schwach die Hilfe des Arztes ist, wenn er verzweifelt nach Mitteln sucht, und wie armselig ihm seine Wissenschaft vorkommt, wenn er in brechende Augen sieht, ohne Rettung bringen zu können. Werden Sie das ertragen, Orla, wird das nicht zu viel sein für ein zartes Weib?“Es war zum ersten Male, daß er sie beim Vornamen nannte. Flüsternd und schnell hatte er gesprochen und fast flehend hatte seine letzte Frage geklungen. Sie antwortete ihm nicht darauf, – hatte er nicht recht und war es nicht gewagt für ein Weib, von Natur die Schwächere, von ihrem Körper abhängig, daß sie glaubte, sich an die Seite ernster Männer zu stellen, wie sie ringen und kämpfen zu können, um der leidenden Menschheit zu helfen? Zum[pg 210]ersten Male am Bett dieses Toten war ihr der Gedanke gekommen, daß es schwer sein müßte und daß das Gemüt einer Frau sich wohl nie daran gewöhnen würde, dem unerbittlichen Tod so oft ins starre Antlitz zu blicken. Es waren also ihre eigenen Gedanken gewesen, welchen der junge Arzt Worte verliehen hatte. Wie deutlich verstand er in ihrer Seele zu lesen!Die Türe wurde jetzt geräuschlos geöffnet, und ein Luftzug drang durch das Fenster, der die Gardinen bewegt, und das junge Paar streifte. Flora mit Ilse und Nellie traten ein, letztere im Hut und Mantel, da sie im Begriff war fortzugehen. Die junge Witwe schien um Jahre gealtert, ihre Augen waren tief eingesunken und ihr Gesicht aschgrau. Unheimlich starren Blickes sah sie auf ihren Mann, wie gebrochen sank sie auf dem Stuhl am Bette nieder und legte den Kopf auf ihre Arme, welche krampfhaft die Stuhllehne umklammerten. Ilse unterdrückte mit Mühe ein lautes Schluchzen, sie hatte noch nie eine Leiche gesehen und mußte ihre zitternde Gestalt fest auf Nellies Arm stützen, als sie nun ängstlich in das regungslose Antlitz schaute, das vor ihr in den weißen Kissen lag. In heiliger Scheu und Andacht umstanden sie alle das Lager des Geschiedenen, nichts unterbrach die feierliche Stille des Sterbezimmers. Plötzlich ertönte draußen eine weinende Kinderstimme, man hörte trippelnde Füßchen über den Vorplatz eilen; im nächsten Moment schnellte die Türklinke auf, und die kleine Käthe kam ins Zimmer gelaufen. Einen Augenblick staunte sie die tiefernsten Gesichter an und sah verwundert von einem zum andern, dann erblickte sie ihren Papa in seinem Bett, und durch die hellen Tränen schimmerte in ihren Augen ein glückseliges Lächeln.„Lieber, lieber Papa, nun bin ich wieder bei dir und gehe nicht mehr fort,“ sagte sie zärtlich.Orla trat zu der Kleinen und wollte sie fortführen,[pg 211]sie klammerte sich aber an das Bett und fing jämmerlich an zu weinen.„Nein, ich will hier bleiben,“ rief sie und fragte dann:„Schläfst du denn noch, lieber Papa? Bitte, bitte, wache doch auf, ich will dir ja guten Morgen sagen. Aber Papa, so höre mich doch!“ drängte sie endlich ungeduldig, und als sie keine Antwort erhielt, stellte sie sich auf die Fußspitzen und sah ihm ins Gesicht. Und wieder rief sie ihn schmeichelnd, und ihre kleinen Finger strichen liebkosend über seine erstarrten Hände. Aber schaudernd fuhr sie zurück, und wie eine unbewußte Ahnung überflog es ihre kindlichen Züge.„Papa, Papa!“ schrie sie laut, „warum bist du denn so kalt, lieber Papa, warum wachst du nicht auf?“ Furchtsam wich sie von ihm zurück, ihre großen angstvollen Augen fortwährend auf das bleiche Antlitz gerichtet.Nun trat Andres zu dem Kind und wollte es fortbringen; in demselben Augenblick sah Flora wie aus einem Traum erwachend um sich, und als sie das kleine, hilflose Geschöpf jammernd und klagend am Bette seines Vaters erblickte, da sprang sie auf und fiel mit einem lauten Schrei vor ihm nieder, drückte es heftig an sich, und ein heißer Tränenstrom erleichterte die Qualen ihres Herzens. Mit einem Male schien die Liebe für die kleine Waise in ihr erwacht zu sein und sie bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen. Aber für Käthchen waren Zärtlichkeiten ihrer Mutter etwas ganz Fremdes und sie entwand sich deshalb schnell ihrer Umarmung.„Laß mich, ich will zu meinem Papa!“ rief sie und blickte Flora feindselig an. „Ich mag dich nicht, ich habe nur meinen Papa lieb,“ setzte sie noch hinzu, ohne das geringste Mitleid für die schluchzende Gestalt, die auf dem Boden kniete und die Hände rang. Erbarmungslos sprach der Kindermund sein Urteil aus.[pg 212]Die traurige Szene erschütterte alle aufs tiefste, und um derselben ein Ende zu machen, nahm Andres jetzt das Kind auf den Arm und trug es aus dem Zimmer. Vertrauensvoll umschlang Käthchen seinen Hals und legte das Köpfchen an seine Schulter, denn diesen Onkel hatte sie gern, er gab ihr stets so freundlich die Hand, wenn er ihr auf der Straße begegnete, und hatte ihr oft Spielsachen mitgebracht, wenn er zum Papa gekommen war.Nellie war zu Flora getreten, die laut weinte.„Komm, liebe Flora, wir wollen in das andre Zimmer gehen.“Willenlos ließ sie sich fortführen, Orla und Ilse, deren weiches Gemüt unter diesen Vorgängen entsetzlich litt, folgten ihnen.Nellie hatte Hut und Mantel wieder abgelegt, trotz Orlas inständiger Bitte, nach Hause zu gehen. Sie konnte sich nicht entschließen, Flora in ihrem Schmerz zu verlassen, besonders da diese sie flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. Mitleidsvoll umstanden die Freundinnen die Ärmste, die sich nicht fassen konnte und verzweifelt schluchzte. Sie hätten ihr so gern ein Wort des Trostes gesagt, aber keine vermochte es über die Lippen zu bringen. Gab es denn auch Trost für sie?„Liebe Flora, du darfst dir nicht aufregen,“ brachte Nellie endlich hervor, „denke an deine süße Baby, das nur dich noch hat auf die große Welt.“„Nellie,“ schrie die Unglückliche auf, „ach es ist nicht zum ertragen! Das Kind wendet sich jäh von mir, und hat es nicht recht? Bin ich ihm eine treue Mutter gewesen, dem Vater eine pflichttreue Frau? Jetzt erst fühle ich, daß ich ihn geliebt habe, daß ich mich nur im Trotz von ihm wandte, weil ich glaubte, er wolle mich nicht verstehen. Ich bin schuld an seinem Tode, hätte ich ihn nie zu dieser unglückseligen Schlittenpartie gezwungen! Dort, dort hat er sich den Tod geholt. Liebe, einzige Nellie, nie kann ich wieder[pg 213]froh werden, mit dieser Qual, dieser Reue im Herzen, immer sehe ich sein brechendes Auge vorwurfsvoll auf mich gerichtet! Wenn er noch lebte, wollte ich anders werden, aber nun ist alles vorbei, er ist von mir gegangen, ohne mir verziehen zu haben!“„O nein, so darfst du nicht sprechen, so nicht,“ sagte Nellie mit tränenerstickter Stimme und versuchte die Weinende mit liebevollem Worten zu beruhigen.Ilse hatte bei Floras Selbstanklage ihr Herz in hämmernden Schlägen gefühlt, ihr Inneres bebte bei jedem ihrer Worte. Wie furchtbar war es doch, wenn die Reue zu spät kam und Tag und Nacht keine Ruhe ließ! Mußte es nicht zum Verzweifeln sein? Mit einem Schlage war Flora zum Bewußtsein gekommen, jetzt jammerte und klagte sie, da es nichts mehr half, da der Mund ihres Mannes für immer geschlossen war und ihr kein verzeihendes Wort mehr sagen konnte. Ein Angstgefühl schnürte Ilses Brust zusammen, daß ihr der Atem stockte. Dort in dem Zimmer, am Bette des Toten war es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, mit einem Male konnte sie klar sehen, und nun kam sie sich erbärmlich und klein vor und zitterte bei dem Gedanken, daß das Schicksal auch sie mit unbarmherziger Hand berühren könnte, wie es hier getan. War es denn so schwer, vergab sie sich etwas, wenn sie dem Manne, den sie liebte, den sie durch ihren Widerstand doch erst zum Äußersten gebracht hatte, zuerst die Hand zur Versöhnung reichte? Ja, war es nicht ihre Pflicht und Schuldigkeit, ihn um Verzeihung zu bitten, nach dem, was geschehen war? Mußte er nicht an ihrer Liebe zweifeln, als sie ihm durch ihre Flucht solche Kränkung zufügte? Orla hatte recht, sie war mit Blindheit geschlagen gewesen, von der sie nun endlich sich befreit fühlte.Die Erfahrungen, welche sie durch den Einblick in das eheliche Leben ihrer Freundinnen gesammelt, hatte sie auf[pg 214]geklärt, sie war eine andre geworden. Erschien ihr nicht Nellie als das Muster einer Gattin, war sie etwa widerspenstig, quälte sie ihren Mann mit kleinlichen Launen? Nein, sie war fügsam und nachgiebig. Gerade diese Eigenschaften waren es aber, die ihr den Reiz der echten Weiblichkeit verliehen.Wie erschien ihr dagegen das Benehmen Rosis? Stieß nicht ihre Herrschsucht auf das unangenehmste ab? Sah Rosi denn nicht ein, daß sie ihren Gatten in den Augen andrer lächerlich machte, wenn sie den ihr gegenüber viel zu gutmütigen Mann dazu zwang, sich ihrem Willen zu fügen? Ilse verabscheute solches Wesen bei einer Frau, aber – so mußte sie sich eingestehen – war sie nicht auf dem besten Wege gewesen, wie jene zu werden?Und wie unwürdig erst war ihr Floras Ehe vorgekommen! Sie hatte stets Mitleid für den armen Mann und das kleine Mädchen empfunden und war über Flora empört gewesen, die über ihre verschrobenen Ideen das Wichtigste vergaß. Ja, Ilse vermochte gut zu unterscheiden, ob eine Frau ihren Mann glücklich machte, sie hätte auch Rosi und Flora sagen können: so und so dürft ihr nicht handeln, wenn ihr eure Männer zufrieden sehen wollt. Warum gab sie diese guten Lehren nicht sich selbst, warum hatte sie sich nicht längst eingestanden, daß auch sie ihren Bräutigam durch ihren Eigensinn und Trotz betrüben mußte? Und verdiente er nicht volles ungestörtes Glück, da er ihr doch die beste, reinste Liebe gab? Und mußte er nicht in ihrer Achtung dadurch steigen, daß er sich einer kindlichen Laune von ihr nicht beugen wollte?Diese Gedanken, welche auf Ilse nach dem traurigen Ereignis einstürmten, verfolgten sie wie böse Geister mit den bittersten Vorwürfen, den selbstquälerischsten Anklagen, sie fand keine Ruhe mehr und ging wie im Traume umher.* * *[pg 215]Doktor Gerber war in die Erde gesenkt worden, und der jungen Witwe wurde die lebhafteste Teilnahme entgegengebracht. Der Tod des allgemein geachteten und beliebten Mannes hatte überall großen Anteil erweckt, man beklagte Flora, bedauerte das vaterlose Kind. So jung und schon Witwe, das war ein harter Schlag für die arme Frau! Flora machte auch in den schwarzen Trauerkleidern, die das farblose Gesicht noch blasser erscheinen ließen, einen bedauernswerten Eindruck; müde und matt war ihre Haltung, die umränderten Augen blickten trübe und glanzlos. Sofort nach Empfang der Unglücksbotschaft waren ihre Eltern eingetroffen, und nun sollte sie mit dem Kinde wieder ins Elternhaus zurückkehren. Sie ließ alles über sich ergehen, fügte sich allem, was bestimmt wurde, und war vollständig haltlos geworden. Käthchen verlangte immer noch weinend nach ihrem Papa und fragte, ob er nicht bald wiederkäme, ob sie nicht zu ihm dürfe. Als man ihr sagte, daß der Papa im Himmel bei den lieben Engeln sei und sie ihn nicht sehen könne, beruhigte sich das gläubige Kindergemüt dabei. Aber die traurigen Gesichter um sie her machten sie niedergeschlagen, ihre großen Augen blickten sehnsüchtig und trübe, und um den kleinen Mund lagerte ein fast strenger Ernst. Flora wich sie noch immer ängstlich aus, nur der Großmutter war es gelungen, sie zutraulicher zu machen.Unter heißen Tränen hatte die junge Frau von den Freundinnen Abschied genommen, ihr Schmerz brach dabei in seiner ganzen Heftigkeit wieder hervor. Die Unglückliche war nicht wiederzuerkennen; es schien, als hätte sie der furchtbare Schlag ganz umgewandelt. Ilse konnte das schmerzvolle Antlitz der Freundin nicht aus ihrem Gedächtnis verscheuchen, es stand ihr wie eine drohende Mahnung vor Augen und schien ihr zuzurufen: „Kehre um, ehe es zu spät ist!“Den Freunden fiel ihr seltsam nachdenkliches Wesen[pg 216]wohl auf, und Nellie erriet, was in ihr vorging, aber sie fragte nicht, sie wollte, daß Ilse von selbst sagen sollte, was ihr Herz bewegte. –Es war nur noch kurze Zeit bis zum Weihnachtsfest, als Ilse eines Abends in ihrem Stübchen saß und in ihrer Schreibmappe blätterte. Sie suchte den Brief, den sie in jener Nacht nach der Schlittenpartie an Leo geschrieben hatte. Er war nicht abgeschickt worden. Sie hatte ihn oft in den Händen gehabt und ihn immer wieder beiseite gelegt, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Heute las sie ihn nochmals durch und zerriß ihn dann in kleine Stückchen, die sie im Ofen verbrannte. Nein, was sie dem Geliebten sagen wollte, sagen mußte, das konnte sie dem Papier nicht anvertrauen. Steif und gezwungen kamen ihr die Worte vor, die sie damals geschrieben hatte, ganz anders standen sie heute in ihrem Herzen geschrieben, das ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ vor heißer Sehnsucht nach Leo.Er hatte sich – das wußte sie – bis Weihnachten Urlaub genommen, und Nellie erwähnte heute wie zufällig, daß er bereits zurückgekehrt sei. Da hatten ihre Augen aufgeleuchtet, und sie hatte geheimnisvoll gelächelt, als würde sie von etwas Freudigem bewegt. Und so war es auch! Als sie hörte, er sei wieder daheim, stand es in ihr fest, daß sie Weihnachten nicht ohne ihn verleben wollte. Sie konnte es kaum erwarten, bis sie sich zurückziehen durfte, denn heute abend wollte sie ihren Entschluß den Eltern mitteilen. Ein frohes Lächeln überflog ihre Züge bei dem Gedanken, daß sie die Lieben nun bald wiedersehen sollte, und sie schrieb einen langen, ausführlichen Brief an die Eltern.„In wenigen Tagen bin ich wieder bei euch,“ hieß es zum Schluß, „aber verratet niemand meine Rückkehr, am wenigsten Leo.“ Die letzten Worte unterstrich sie zweimal.[pg 217]Am andern Morgen teilte sie Nellie mit, daß sie den Eltern geschrieben und ihre Heimkunft zum Weihnachtsfest angemeldet habe. Es kam zögernd und zaghaft heraus, denn sie konnte ihre große Verlegenheit nicht bemeistern. Aber Nellies Gesicht strahlte förmlich bei dieser Botschaft und innig schloß sie die Freundin in ihre Arme.„Odarling,“ sagte sie gerührt, „ich wußte es ja, du würdest wieder zu dich kommen; o, nun ist alles wieder gut!“„Nellie,“ fragte Ilse darauf leise, indem sie das erglühende Antlitz an der Freundin Schulter barg, „glaubst du daß er mir verzeihen wird?“„O wie kannst du nur fragen? Er hat sein kleines Braut so lieb, wie glücklich wird er sein, wenn er dich wieder hat!“Die beiden Freundinnen saßen noch lange Hand in Hand beisammen. Ilse hatte so viele Fragen auf dem Herzen, und die junge Frau mußte noch manchen Zweifel verscheuchen, noch manchen innern Streit schlichten, bis ihr schließlich helles, ungetrübtes Glück aus Ilses Augen entgegenlachte und diese ihre Freude auf das Wiedersehen mit Leo ganzunverhohlenzeigte.Die Eltern schrieben umgehend wieder, und Ilse standen die hellen Tränen in den Augen, als sie las, wie groß die Freude zu Hause über ihre baldige Heimkehr war.Es erfaßte sie nun eine Unruhe, eine Ungeduld, daß sie, so schwer ihr auch der Abschied von den Freunden wurde, doch kaum den Tag ihrer Abreise erwarten konnte.So war der letzte Nachmittag, den sie bei den Freunden verbrachte, herangekommen. Sie war mit Nellie und Orla in die Stadt gegangen, um noch einige Einkäufe zu besorgen und Abschiedsbesuche zu machen. Als die ersteren erledigt waren, trennte sich Orla von ihnen, da sie nach Hause gehen wollte, um für den folgenden Tag noch zu arbeiten.[pg 218]Sie wählte aber diesmal nicht den Weg durch die Stadt, sondern zog es vor, über den alten Festungswall zurückzukehren, der um diese Zeit meist menschenleer war. Die hohen, alten Linden, welche sich im Sommer zu einem grünen, schattigen Dach wölbten, trugen jetzt schwere Schneemassen, und in ihren Wipfeln saßen Scharen von Krähen. Durch den tiefen Schnee, der sich dicht an die mächtigen Stämme schmiegte, war nun ein schmaler Pfad gebahnt, auf dem Orla einherschritt. Links sah man in verschneite, zu Villen gehörige Gärten, rechts konnte das Auge weiter schweifen über die weißen Dächer der Stadt, über Felder und Wiesen bis zu den Umrissen einer fernen Hügelkette. Heute war nicht viel davon zu sehen, da die Ferne in einem grauen Nebel verschwand; auch das wirbelnde Schneegestöber ließ schwer etwas erkennen. Orla stand einen Augenblick still und sah in den lustigen Flockentanz vor ihren Augen. Sie bemerkte deshalb nicht, daß eine Gestalt ihr entgegenkam. Erst als diese neben ihr stehen blieb, erkannte sie Andres in derselben.„Das ist ein glücklicher Zufall, daß ich Sie hier treffe,“ sagte er, indem er sie begrüßte. „Eben war ich bei Althoffs, fand aber das Nest leer.“„Ja,“ erwiderte Orla, „meine Freundinnen und ich gingen in die Stadt, und ich habe mich von ihnen getrennt, da sie vorhaben, Abschiedsbesuche zu machen, während ich nach Hause gehen will, um noch zu arbeiten.“„Darf ich sie begleiten?“ fragte er, da sie langsam weiter ging.„Gerne, Herr Doktor,“ versetzte sie freundlich, und sie schritten auf dem engen Wege nebeneinander weiter.„Es tat mir leid,“ fing er wieder an, „daß ich gerade heute niemand bei Althoffs traf; ich wollte erzählen, welches Glück mich betroffen hat.“„So?“ fragte sie und sah ihn neugierig dabei an,[pg 219]„bitte, erzählen Sie mir doch, was Ihnen so Schönes begegnet ist?“„Denken Sie nur, mir ist heute die Stelle des verstorbenen Doktor Gerber angeboten worden. Was sagen Sie dazu, bin ich nicht ein Glückspilz? Vom einfachen Assistenzarzt rücke ich so schnell vor und bin nun, sozusagen, ein gemachter Mann.“Die helle Freude über das frohe Ereignis lachte aus seinen Augen, die erwartungsvoll auf Orla ruhten.Sie reichte ihm aufrichtig die Hand.„Ich gratuliere Ihnen von Herzen, das ist wirklich eine gute Botschaft, die Sie uns bringen wollten, Herr Doktor.“Er hatte ihre Hand festgehalten, die sie ihm jetzt entzog.„Wie werden sich Althoffs freuen,“ fuhr sie fort, „wenn ich ihnen die interessante Neuigkeit überbringe.“„Sie sind die erste, welche sie erfahren hat, gnädiges Fräulein; ich kann nicht beschreiben, wie froh ich darüber bin, wie dieses Glück erst jetzt den rechten Wert für mich bekommt, da Sie es wissen und ich in Ihren Augen lese, daß Sie sich mit mir darüber freuen. Fräulein Orla, soll ich Ihnen sagen, warum mich dieses Anerbieten jetzt noch viel mehr beglückt, als es das zu andern Zeiten getan hätte? Darf ich sprechen, wie mir um das Herz ist?“Er hatte eindringlich mit steigender Wärme geredet. Orla beschleunigte bei seinen Worten ihre Schritte, sie wagte nicht ihn anzublicken. Ihre angeborene Ruhe, ihre Sicherheit in allen Lebenslagen verließen sie, und sie sann vergebens nach, welche Antwort sie ihm geben solle. Er hatte in einer andern Sprache zu ihr gesprochen, die sie noch nicht kannte, seine Stimme ging ihr in einer Weise zu Herzen, wie es ihr bis jetzt noch niemals vorgekommen war.[pg 220]Andres bemerkte ihre Erregung und drang nicht weiter in sie. Aber seine Augen blickten feurig und leidenschaftlich in ihr blasses Antlitz. Ihre feinen Nasenflügel bebten, zwischen den kühngeschwungenen, tiefschwarzen Augenbrauen lag eine Falte, und die schnellen Atemzüge verrieten ihre innere Unruhe. Schweigend gingen sie vorwärts, in beiden wogten die Gedanken und keines vermochte zu sprechen.„Habe ich Sie beleidigt?“ fragte er endlich, da Orla den Blick noch immer geradeaus richtete und ihm der Ausdruck ihrer Züge jetzt fast streng erschien.„Nein, nein,“ gab sie schnell zur Antwort, „womit sollten Sie mich beleidigt haben? Ich war nur so schweigsam eben, – weil ich an etwas Wichtiges dachte –.“ Sie wollte eine Entschuldigung vorbringen, wurde aber bei dieser Ausrede verlegen und beendete den Satz deshalb nicht.„Wissen Sie schon,“ fuhr sie fort, indem sie schnell das Thema abbrach, „daß Ilse morgen abreist? Sie wollte erst nächste Woche fort, aber ihr Vater wünscht dringend, daß sie jetzt kommt. Sie wird uns sehr fehlen.“Er fühlte sich von dieser Wendung des Gesprächs nicht angenehm berührt. Sie schien zu ahnen, was er ihr hatte sagen wollen, und suchte nun leicht darüber hinwegzugehen; begriff sie denn nicht, daß dies die schmerzlichsten Zweifel in ihm wachrufen mußte? Und doch mußte er sich wieder sagen, daß die Scheu vor seiner Frage echt mädchenhaft und nur zu begreiflich war, und daß sie vielleicht deshalb so handelte, um Zeit zu gewinnen und sich zu sammeln. Er wußte ja genau, daß sie keine Kokette war, die nur mit ihm spielen wollte, und daß ihr auch in diesem Augenblick nichts ferner lag, als ihm die Aussprache dessen, was er ihr sagen wollte, zu erschweren. Scheinbar ruhig und unbefangen ging er auf ihr Gespräch ein.„Werden Sie denn Weihnachten zu Hause verleben?“ fragte Orla wieder.[pg 221]„Ja, ich reise zu meiner Mutter und werde bei ihr die Ferien zubringen.“„Wollen Sie die ganze Ferienzeit fort bleiben?“ entgegnete sie wider Willen betroffen.„Die ganze Ferienzeit!“ wiederholte er mit einem freudigen Aufblitzen in seinen Augen.„Wie schade,“ gestand sie offen, „dann sehe ich Sie also erst im neuen Jahre wieder. Das Fest wird gewiß für uns ein recht stilles sein, da Ilse fort ist und Sie auch fehlen. Ich werde die Ferienzeit benutzen, um fleißig mit Doktor Althoff zu arbeiten.“Sie seufzte leise, wohl unbewußt.„Werden Sie zaghaft, wenn Sie an ihren künftigen Beruf denken, Fräulein Orla?“„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich habe mir meinen Beruf ja selbst gewählt, wie könnte ich da zaghaft sein? Halten Sie mich für so wankelmütig, Herr Doktor?“Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß, Sie sind anders wie die meisten ihres Geschlechts, und ich komme nur zu dieser Frage, weil Sie seufzten und ich annahm, dieser Seufzer gelte Ihrer Zukunft.“„Ja, meiner Zukunft galt er allerdings, da haben Sie recht. Wenn ich auch nicht zittere und zage, so bin ich mir doch klar bewußt, daß ich keiner leichten Zeit entgegengehe. Was muß noch alles in meinen armen Kopf hinein! Und dann die Examina, – wenn ich daran denke, wird mir doch etwas bänglich zu Mute. Nicht wahr, die sind sehr schwer? Wenn meine Examinatoren nur nicht zu streng sind und etwas gnädig mit mir verfahren.“„Ich wüßte einen Ort,“ warf er fast schüchtern ein, „wo Sie ein leichtes Examen bestehen könnten. Ich kenne den einen Examinator, wie mich selbst, und weiß, daß er Ihnen keine Frage stellen würde, die Sie nicht beantworten könnten.“[pg 222]„Wie heißt dieser Ort?“ fragte sie ahnungslos und sah ihn voller Erwartung an.Das geheimnisvolle, schelmische Lächeln in seinem Gesicht, als er jetzt weiter sprach, ohne ihre Frage zu beantworten, bemerkte sie nicht.„Ja, ich weiß sogar, daß der bewußte Examinator, wenn Sie ihm seine erste – allerdings schwerwiegende – Frage richtig und zur vollsten Zufriedenheit beantwortet haben, überhaupt keine weiteren Fragen an Sie richten wird.“Sie sah ihn mit ihren großen Augen erstaunt an.„Sie sprechen in Rätseln, Herr Doktor, oder wollen Sie sich über mich lustig machen? Nicht wahr, Sie finden es so unerhört, wenn eine Frau sich auf männliches Gebiet wagt, daß Sie mich verhöhnen wollen? Aber warten Sie nur, wenn ich erst Doktorin bin, und Ihnen mein Diplom schicke, dann müssen Sie klein beigeben. Übrigens – Ihre Zweifel sind ganz heilsam für mich, sie feuern mich an, Ihnen zu beweisen, daß auch das weibliche Geschlecht etwas zu leisten vermag.“Sie hatte ohne die geringste Empfindlichkeit gesprochen, aber mit großem Eifer, so daß ihre Wangen zart gerötet waren, und sie unbeschreiblich liebreizend in diesem Augenblick aussah.„Ich kann Ihnen auch behilflich sein, Doktorin zu werden,“ sagte er wieder mit derselben geheimnisvollen Miene, „oder vielmehr der Examinator, von welchem ich eben sprach, kann Sie zur Doktorin machen, wenn Sie nur wollen.“Seine Stimme klang erregt, er atmete tief und schnell, und sein seltsames Wesen fiel Orla jetzt auf. Sie erwiderte nichts und hielt die Augen auf ihren kleinen Muff gesenkt, von welchem sie mechanisch die immer wiederkehrenden Schneeflocken fortstrich.[pg 223]„Orla,“ sagte er bittend, indem er stillstand und ihre Hand ergriff, „verstehen Sie mich nicht, oder wollen Sie mich nicht verstehen? Meine Worte sind ernst gemeint, ich scherze nicht. Der Examinator, von welchem wir sprachen, – darf ich es sein? Wollen Sie mir die einzige Frage beantworten? Nur mit einem kleinen Wort, das genügen würde, mich zum glücklichsten Menschen zu machen.“Ihr Herz klopfte in raschen Schlägen, und sie holte tief Atem. Aber sie konnte nicht sprechen, sie fühlte wie seine Hand zitterte, wie qualvoll diese Ungewißheit für ihn sein mußte, und doch vermochte sie es nicht, ihm eine Antwort zu geben.„Orla!“Er beugte sich ganz nahe zu ihr hin, und sagte in zärtlichem Ton: „Wollen Sie meine Doktorin werden?“Jetzt blickte sie zu ihm auf, und in ihren Augen las er ein stummes Ja.Im überschwänglichen Glücksgefühl umfaßte er ihre schlanke Gestalt und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.„Geliebte,“ flüsterte er innig, „bist du ebenso glücklich wie ich? Sage es mir.“„Ich kann nicht glücklicher sein,“ gab sie leise zur Antwort, und ihr schönes Antlitz strahlte in bräutlicher Seligkeit.Er hatte ihren Arm in den seinigen gelegt und hielt ihre Hand fest umschlossen. So gingen sie weiter auf dem schmalen Wege zwischen den beiden Schneewänden. Wer könnte die ersten Stunden beschreiben, die auf das beseligende Geständnis der Liebe folgen? die scheue Zurückhaltung der Braut schildern, die noch so schüchterne Leidenschaft des Bräutigams, die ernsten und doch so heiteren Gedanken, welche die Brust der Glücklichen wie Frühlingswehen durchziehen und sie still und schweigsam machen? Ein inniger Händedruck, ein Blick in die geliebten Augen, sie sind beredter als tausend Worte. –[pg 224]Und so schritt auch unser Paar in stummer Glückseligkeit dahin. Über ihnen heulte der Wind in den Bäumen, die alten ehrwürdigen Wipfel mußten es sich gefallen lassen, daß er mit ihnen sein Spiel trieb, laut ächzend beugten sie sich seiner Macht und schüttelten unwillig den Schnee von ihren Häuptern, den beiden gerade ins Gesicht. Aber sie achteten der winterlichen Schauer nicht, in ihren Herzen war es licht und sonnig, und das Blut wallte ungestüm durch die Adern, so daß Orla oft tief aufatmen mußte und schließlich ihr Jäckchen öffnete, weil es so erdrückend heiß wäre, wie sie sagte. –Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie in die erleuchteten Straßen einbogen. Orla drängte es nach Hause zu kommen. Sie ging durch eine kleine Seitengasse, welche den Weg bedeutend abkürzte. Andres hätte gern noch den weitesten Umweg durch die Stadt gemacht, aber sie meinte, Nellie und Ilse, die gewiß längst zu Hause wären, würden sich sehr wundern, daß sie noch nicht daheim sei. Er brachte sie bis vor Althoffs Haus. An der Gartenpforte blieb Orla stehen und streckte ihm die Hand entgegen.„Soll ich nicht mit hinaufgehen?“ fragte er erstaunt, „wollen wir den Freunden nicht unser Glück mitteilen?“„Jetzt nicht, noch nicht, Liebster, ich muß erst mit mir allein sein, und mich zu fassen suchen. Morgen, dann wollen wir es den Freunden sagen.“Wie ein Schatten flog es über seine Züge. Er sollte sich jetzt von ihr trennen, sie heute nicht mehr wiedersehen? Wie konnte er bis morgen Ruhe finden, Ungeduld und Sehnsucht würden ihn verzehren. Das war zu viel verlangt!„Du bist grausam,“ sagte er leise.Sie lächelte und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ja, es kam ihr jetzt selbst grausam vor, daß sie sich bis morgen nicht wiedersehen sollten.[pg 225]„Willst du heute abend nach dem Essen kommen? Du findest uns dann alle zusammen, und wir überraschen die Freunde mit der Nachricht, daß wir Brautleute sind. Ist es dir recht so?“ Statt jeder Antwort preßte er seine Lippen auf ihre Hand und schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie entwand sich ihm aber schnell.„Wenn man uns sähe,“ sagte sie und blickte sich ängstlich um. „Ich will lieber gehen. Leb wohl, auf Wiedersehen bis nachher, komm nicht zu spät.“Sie eilte ins Haus. Wie ein Träumender stand er vor der beschneiten Pforte und blickte ihr noch nach, obwohl sie schon längst verschwunden war. Endlich ging er fort, aber er schlug nicht den Weg nach seiner Wohnung ein. Er würde es jetzt nicht in den engen vier Wänden aushalten, eine innere Unruhe trieb ihn immer weiter. Das Stürmen und Wogen in seiner Brust beflügelte seine Schritte, so daß er die Straßen in Sturmeseile durchlief und die Leute ihn verwundert ansahen. Seine Bekannten, die ihm begegneten und die er zerstreut grüßte, blieben stehen und schauten kopfschüttelnd hinter ihm her.Orla war unbemerkt in ihr Zimmer gelangt. Sie konnte jetzt niemand sehen und sprechen, den Freundinnen hätte ja ihre Erregung auffallen müssen, auch wollte sie erst allein die Ruhe zu gewinnen suchen, mit welcher sie dieselben jetzt noch täuschen mußte.Sie hatte Hut und Jacke abgelegt und wusch ihr heißes Gesicht mit frischem Wasser. Was die Freunde wohl sagten, ob sie geahnt hatten, daß es so kommen würde? Sie lächelte vor sich hin und malte sich im Geiste die Überraschung auf den verschiedenen Gesichtern aus. Erregt schritt sie auf und ab und öffnete schließlich das Fenster, weil ihr die Luft in dem kleinen Stübchen schwül und drückend erschien. Vorwitzig kamen die Schneeflocken hereingeflogen, sie wirbelten ihr ins Antlitz und setzten sich in[pg 226]ihren dunklen Haaren fest. In Gedanken verloren blickte sie hinaus in das Gestöber draußen. Sie kam sich so anders, so fremd vor; dieses heftig klopfende Herz war es das ihre, diese unbeschreiblich schönen Empfindungen, welche es durchströmten, – war das alles Wirklichkeit, was sie empfand und dachte, oder träumte sie nur?Sie zuckte zusammen, als sich jetzt die Türe öffnete und Ilse hereintrat.„Herrgott, Orla, bei diesem Wetter am offenen Fenster?“ rief sie erstaunt.„Es war hier so heiß, Kind,“ gab Orla ausweichend zur Antwort und schloß das Fenster.„Heiß?“ wiederholte Ilse, „aber das Feuer im Ofen ist ja schon lange aus.“Orla überhörte diese Einrede.„Bist du schon mit Packen fertig?“ fragte sie und zeigte auf die Koffer. „Also morgen willst du wirklich reisen? Du wolltest mich wohl zum Abendessen holen?“Ilse sah sie verwundert an. Warum fragte Orla so zerstreut und vermied so auffällig sie anzusehen, während sie sonst jedem, mit dem sie sprach, scharf in die Augen sah?„Wir dachten, du wärst schon lange zu Hause, Orla, da du gesagt hattest, du wollest arbeiten.“„Ja, ja, das wollte ich auch, aber – es war so himmlisch draußen, und da bin ich auf eigene Faust noch etwas spazieren gegangen. Komm Kind.“Sie ging zur Türe und Ilse folgte ihr.„Himmlisch draußen!“ wiederholte sie lachend. „Aber Orla, es ist ja ein schreckliches Wetter, der eisige Wind und dazu das Schneegestöber, – hast du denn das nicht bemerkt?“„O ja,“ antwortete die Russin, „aber ich liebe das gerade und nenne solches Wetter schön.“Sie hatte jetzt ihre Fassung wieder gewonnen und[pg 227]konnte mit unbefangenem Gesicht bei dem jungen Ehepaar eintreten. Bei Tische sprach sie lebhaft und viel; sie war lange nicht so redselig gewesen wie heute, und ihre Augen leuchteten in einem wunderbaren Glanze. Ilse saß ihr gegenüber und betrachtete sie mit heimlicher Bewunderung; sie glaubte, die Freundin nie so schön gesehen zu haben. Die leicht geröteten Wangen standen ihr zum Entzücken. Sie erzählte lebendig und spannend von ihrer Heimat und wußte dadurch die Gedanken von der bevorstehenden Trennung, welche namentlich Nellie und Ilse naheging, abzulenken. Dann und wann flogen ihre Blicke verstohlen nach der Uhr, und so oft jemand ins Zimmer hereinkam, wandte sie schnell den Kopf nach der Türe. Als Nellie erwähnte, daß Andres während ihrer Abwesenheit dagewesen sei, lächelte sie geheimnisvoll, so daß Ilse sie fragte, was denn ihre Heiterkeit erregt habe.Nach dem Abendessen begab sich die kleine Gesellschaft wie gewöhnlich in Nellies gemütliches Zimmer, wo es heute besonders behaglich aussah. Ein helles Feuer knisterte in dem kaminartigen Ofen, und die Lampe mit dem Schirm von rosa Seide beleuchtete alles mit einem magischen Schimmer. Ein zarter Maiblumenduft, den die junge Frau besonders liebte, durchwehte den traulichen Raum.Orla stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Jetzt konnte er jeden Augenblick kommen, denn es war die Zeit, welche sie verabredet hatten. Sie spähte die Straße entlang, das Gestöber hatte aufgehört, blendend weiß leuchtete ihr aus der Dunkelheit der Schnee entgegen. Mit fieberhafter Ungeduld sehnte sie den Augenblick herbei, der ihr den Geliebten bringen sollte, und es dünkte ihr eine Ewigkeit, die er sie warten ließ. Endlich sah sie eine hohe Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen, die es sehr eilig zu haben schien, denn mit großen Schritten näherte sie sich dem Hause. Das war er! Die Gartenpforte klirrte,gleich[pg 228]darauf fiel die Haustüre ins Schloß und nun wurde kräftig an der Klingel gezogen. Das Mädchen kam herein und meldete Doktor Andres, der ihr auch gleich auf dem Fuße folgte. Orla beugte sich tief über die Maiblumen im Fenster, um ihr Antlitz zu verbergen.„Sie strahlen ja förmlich, Doktor, was ist denn mit Ihnen geschehen, haben sie etwa das große Los gewonnen?“ rief ihm Althoff scherzend entgegen.„Ja,“ gab er lachend zur Antwort, und dabei überflog es seine Züge wie ein verklärender Schimmer. Er schritt auf Orla zu und legte ihre kleine kalte Hand in die seinige. So trat er mit ihr zu den andern in den Lichtkreis der Lampe, deren Schein ihr jetzt bleiches Gesicht rosig überhauchte.„Ja,“ wiederholte er noch einmal, und seine Stimme zitterte leise. „Sie haben recht, Herr Doktor, ich habe das große Los gewonnen, – hier, hier ist meine Braut.“Stürmisch zog er Orla an seine Brust.Die Freunde hatten einen Augenblick wie sprachlos gestanden, dann aber brach ein wahrer Jubel los.Die junge Braut wurde von Nellie und Ilse mit Fragen überschüttet, während sich die beiden Männer herzlich die Hände schüttelten. Orla lächelte selig, und in ihren Augen schimmerte es feucht. Dies versetzte die weichherzige Nellie in eine solche Rührung, daß ihr nun auch die Tränen über die Wangen rollten und sie Orla in langer Umarmung festhielt. Ilse, welche ihr unter vielen zärtlichen Küssen die innigsten Wünsche zugeflüstert hatte, bemerkte kaum die Tränen in den Augen der beiden festumschlungenen Freundinnen, als auch sie sich der Rührung nicht erwehren konnte und ihren Zähren freien Lauf ließ.Jetzt wurde es aber den beiden Männern zu viel. „Das ist mir eine schöne Geschichte,“ rief Althoff, „da weint ihr alle drei statt zu jauchzen und fröhlich zu sein! Lieber[pg 229]Freund,“ wandte er sich zu Andres, „an Ihrer Stelle ließe ich es mir nicht gefallen, daß eine solche Freudenbotschaft mit Tränen begossen wird. Laßt uns dieselbe mit etwas andrem begießen, und auf das Wohl des jungen Paares anstoßen. Halt! Ich habe eine Idee! Nellie, Weib, wo sind die Weinkellerschlüssel? Daran werden Sie sich auch noch gewöhnen müssen, lieber Doktor, daß die Frauen alles unter Verschluß halten, sogar den Weinkellerschlüssel, am sichersten aber den – Hausschlüssel!“

* * *Leider ging es Floras Mann nicht so gut, wie Ilse, sein Zustand hatte sich von Tag zu Tag verschlimmert, er war schwer an einer Lungenentzündung erkrankt. Andres hatte noch einen zweiten Arzt hinzugezogen und beide blickten mit großer Besorgnis in die nächste Zukunft. Die Freundinnen standen Flora in dieser schweren Zeit treu zur Seite, täglich kam eine, um zu helfen und zu raten; denn Flora war in der Krankenpflege ganz unerfahren und ungeschickt. Sie hatte im Anfang die Krankheit ihres Mannes mit großer Sorglosigkeit angesehen; als aber das hohe Fieber nicht weichen wollte, die Kräfte ersichtlich abnahmen und sie die besorgten Gesichter der beiden Ärzte sah, da fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen, und eines Tages war sie Nellie weinend um den Hals gefallen und hatte ihrem geängstigten Herzen Luft gemacht. Nellie hatte sie auf das liebevollste getröstet und ihr Mut eingesprochen. Als sie dann aber den einst so kräftigen Mann abgemagert und teilnahmlos in den Kissen liegen sah, da vermochte sie[pg 198]selbst die Tränen nicht zurückzuhalten, und auch nachher konnte ihr Gatte sie kaum beruhigen, als sie nach Hause kam und ihm erzählte, wie Gerber verändert und kaum wieder zu erkennen sei.Wieder vergingen Tage, ohne die so heiß ersehnte Besserung zu bringen, und Flora, welche jeden Halt verloren hatte, weinte nur und klagte, selbst im Krankenzimmer konnte sie sich nicht beherrschen. Nellie hatte sich erboten, Käthchen mitzunehmen, da sie es nicht mehr mit anzusehen vermochte, wie das Kind am Bett seines Vaters kauerte, die großen Augen angstvoll auf sein eingefallenes Gesicht gerichtet, und leise seine Hände streichelte.„Laß das Kind mit mich gehen,“ hatte Nellie gebeten, „es ist hier keine Ort für ihr.“ Und auch Andres, der zugegen war, meinte, es wäre besser für die Kleine, wenn sie in andre Umgebung käme, der fortwährende Aufenthalt in der Krankenstube könne ihr nur schaden.Flora nahm Nellies Anerbieten gern an, und die junge Frau war sofort daran gegangen, Käthchens Sachen zusammenzupacken und alles Nötige zu besorgen. Aber so leicht, wie sie dachte, ließ sich das Kind nicht mitnehmen; es sträubte sich und wollte durchaus bei seinem lieben Papa bleiben. Nach unendlicher Mühe und vielen Liebkosungen Nellies gelang es ihr schließlich, Käthchen gegen das Versprechen, daß sie ihren Papa bald wiedersehen würde, und auf die Versicherung hin, daß dieser selbst wünschte, sie möge ein artiges Kind sein, zum Mitgehen zu bewegen. Alles war zum Empfang der Kleinen auf das reizendste vorgerichtet. Nellie hatte hübsche Spielsachen eingekauft, und die beiden jungen Mädchen versuchten, mit ihr zu spielen und zu scherzen. Es glückte ihnen aber nicht, ein Lächeln auf dem ernsten Kindergesicht hervorzurufen. Die Spielsachen blieben unberührt, und Käthchen fragte nur immer, ob ihr lieber Papa bald wieder gesund würde. Die[pg 199]weichherzige Ilse mußte sich abwenden, um ihre Rührung zu verbergen, sie konnte den traurig fragenden Blick in Käthchens Augen nicht ertragen. Als Nellie sie am Abend in das Bettchen brachte, das sie dicht neben das ihrige gestellt hatte, und die Kleine mit gefalteten Händen ihr Abendgebet hersagte, das mit der rührenden Bitte schloß: „Lieber Gott, mache meinen Papa recht bald wieder gesund,“ da ahnte das unschuldige Kindergemüt nicht, daß bereits der Todesengel unheilschwer über dem Haupte des Vaters schwebte.„Nicht wahr, liebe Tante, der liebe Gott hat mich gehört?“ fragte sie Nellie, und als diese unter Tränen lächelnd nickte, legte sie das Köpfchen voll Vertrauen in die Kissen. Nellie blieb so lange am Bettchen sitzen, bis Käthchen fest eingeschlafen war. Die blassen Bäckchen hatten sich zart[pg 200]gerötet, und der kleine Mund lächelte im Schlafe. Fast andächtig blickte die junge Frau auf das schlummernde Kind, – konnte es etwas Süßeres, etwas Lieblicheres geben? Sie streichelte die kleinen Hände und lauschte den ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Wie eine Mutter strich sie mit der Hand über die Kissen, daß auch kein Fältchen den Schlummer des kleinen Geschöpfchens stören sollte. Dann erhob sie sich, drückte einen leisen Kuß auf die reine Kinderstirn und schlich sich aus dem Zimmer.„O, es liegt wie eine Engel, das kleine Mädchen,“ sagte sie zu Orla und Ilse.Spät am Abend kam Doktor Andres, bleich, mit verstörter Miene. Es hatte ihn gedrängt, den Freunden noch mitzuteilen, daß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen müßte. Das Fieber blieb trotz aller angewandten Mittel auf gleicher Höhe und die Kräfte verfielen zusehends. Alle waren über diese Botschaft tötlich erschrocken, und Nellie zeigte sich sofort bereit, zu Flora zu eilen.„O nein, ich darf ihr nicht verlassen!“ rief sie, als man sie zurückhalten wollte. „O, Fred, laß mich! Ich rege mir viel mehr auf, wenn ich hier bleibe, während meine Gedanken doch bei ihr sind.“„Dann gehe ich mit dir,“ entschied Althoff, der es schließlich auch ganz natürlich fand, daß seine Frau Flora in den schweren Stunden, vielleicht den schwersten ihres Lebens, nicht verlassen wollte. Der junge Arzt verabschiedete sich, er mußte wieder zu dem Kranken eilen. Orlas Hand behielt er länger als gewöhnlich in der seinen, und sein tiefer, ernster Blick ruhte mit Innigkeit auf ihrem Antlitz.„Auf Wiedersehen!“ sagte er leise und ging fort.Ilse hatte Nellies Sachen hereingeholt und half der Freundin mit zitternden Händen beim Anziehen. Wie ein Alp lastete es auf allen, und nur das Nötigste wurde gesprochen.[pg 201]Das junge Ehepaar war fortgegangen, und es herrschte jetzt eine fast unheimliche Stille in dem Zimmer, in welchem sonst heiteres Lachen und Plaudern ertönte. Orla saß am Tisch, tief über ein Buch gebeugt. Ilse lehnte in der Sofaecke, die gefalteten Hände lagen in ihrem Schoß. Sie fürchtete sich grenzenlos, aber sie wagte nicht, Orla dies einzugestehen. Die kleine niedrige Lampe mit dem breiten Schirm beleuchtete hell den runden Tisch. Aber die übrigen Gegenstände im Zimmer außerhalb dieses Lichtkreises verschwanden in einem matten Halbdunkel. Nichts störte die nächtliche Ruhe, als das gleichmäßige Ticken der Uhr. Orla saß unbeweglich, scheinbar in ihre Lektüre vertieft, kaum daß sie mit der Wimper zuckte. Aber ihre Gedanken weilten heute nicht bei dem Inhalt des Buches, den sie mechanisch ablas. Sie hafteten an einer hohen, schönen Gestalt, von der sie sich nicht losreißen konnte, deren Bild sie im Wachen nicht verließ und bis in ihre Träume verfolgte. Mit doppeltem Eifer, als wollte sie es gewaltsam zurückdrängen, hatte sie gelesen und studiert. Sie war fast unzugänglich und sehr schweigsam gewesen, hatte immer hinter ihren Büchern gesessen, so daß ihr Lehrer, so sehr er sich über ihre Fortschritte freute, sie doch ernstlich ermahnte, ihre Kräfte zu schonen.Nur wenn Andres kam, dann sprudelte sie über von Geist und Witz. Er erkundigte sich nach ihren Studien, sie fragte nach den Erlebnissen in seiner Praxis. Beide schienen dann nur für einander da zu sein, sie vergaßen völlig ihre Umgebung, und die sonst so kluge, überlegene Orla dachte nicht daran, daß die Freunde merken mußten, was sie als tiefstes Geheimnis in ihrem Herzen verschlossen zu halten glaubte.Kleine harmlose Neckereien ließ sie sich lächelnd gefallen, aber jede ernste Anspielung wies sie entschieden zurück. Sie meinte, wenn zwei Menschen zusammen übereinstimmten und[pg 202]gemeinsame Interessen hatten, müßten sie nach der Ansicht der anderen natürlich gleich ineinander verliebt sein. Sie wäre überhaupt keine Natur zum Lieben geschaffen.Nellie und Ilse als Erfahrenere in dieser Beziehung lächelten sich bei diesen Worten überlegen an und schwiegen.Orla glaubte sich wirklich gefeit gegen die Liebe. Die kleinen Tändeleien und Liebschaften, welche andern so viel Freude und auch wohl kindliche Schmerzen bereiten, waren ihr fremd geblieben. Außer Doktor Althoff, für den in der Pension alle Mädchen schwärmten, hatte sie nie eine sogenannte „Flamme“, wie es die andern nannten, gehabt. „Kalt wie eine Hundeschnauze“, diesen sehr drastischen Vergleich hatte Annemie einmal gebraucht, worüber die ästhetische Flora ganz entsetzt gewesen war.An die Ärmste dachte Orla jetzt voller Mitleid! Die Lust zum Dichten würde ihr wohl jetzt, da ihr das Leben zum ersten Male seine ernsten Seiten zeigte, vergehen. Wie es wohl um diese Zeit bei Gerbers aussah? Orla sah Andres im Geist neben dem Bette des Kranken sitzen, ruhig und sicher seine Anordnungen treffend. Diese Ruhe und Sicherheit, sein rücksichtsvolles Wesen, wo es galt, Rücksicht zu nehmen, – stempelten ihn diese Eigenschaften nicht zum echten, menschlich fühlenden und denkenden Arzte, zu welchem die Kranken mit unbedingtem Vertrauen aufblicken konnten? Vielleicht waren jetzt gerade Floras um Hoffnung flehende Augen auf ihn gerichtet, und, – o Gott, wie schwer mußte das sein, – vielleicht konnte er ihr keine mehr geben, vielleicht war schon alles vorbei!Wenn sie nur wüßte, wie es ging, die Stunden schlichen so langsam dahin, eben schlug es draußen von den Türmen in langsamen Schlägen zwölf Uhr. Die Geisterstunde, wie Ilse schaudernd dachte. Ihre lebhafte Phantasie war von den schaurigen Bildern erfüllt. Bald starrte ihr aus einer Ecke das totenblasse, verzerrte Gesicht des Doktor Gerber[pg 203]entgegen, oder Leo erschien ihr, und seine Augen schauten sie traurig und vorwurfsvoll an. Aus allen Winkeln grinsten sie Fratzen und Gestalten an; die weißen Gardinen erschienen ihr wie wallende Gewänder von Gespenstern, wo sie hinblickte, sah sie etwas Gräßliches. Nein, so hielt sie es nicht länger aus! sie erhob sich aus ihrer dunklen Ecke und trat an den Tisch.Orla blickte auf.„Es ist spät geworden, wollen wir zu Bett gehen, Ilse?“„Ach Orla, ich kann doch nicht schlafen, ich bin zu aufgeregt.“„Ich bleibe gern mit dir auf,“ erwiderte Orla und erhob sich. „Komm, wir wollen nach der Kleinen sehen, ob sie ruhig schläft.“Ilse schmiegte sich dicht an die Freundin, als sie über den Vorplatz gingen, und sah sich fortwährend furchtsam um. Als Orla beim Vorbeigehen den Schirmständer streifte, schreckte Ilse bei dem Geräusch jäh zusammen und umklammerte die Russin mit beiden Händen.„Kind, ich glaube wahrhaftig, du fürchtest dich,“ sagte Orla erstaunt, da ihr Furcht etwas ganz unbekanntes war.„Ach nein, nur heute abend,“ stotterte Ilse verlegen, die sich gerade von Orla nicht gern dabei ertappen ließ, daß sie ein Hasenfuß war.Das Zimmer, in welchem Käthchen schlief, war nur schwach durch eine Nachtlampe erleuchtet, deren matter Schein auf dem weißen Bettchen lag. Die jungen Mädchen beugten sich darüber und betrachteten das sanft schlummernde Kind.„Wie entzückend!“ flüsterte Ilse.„Armes, kleines Ding!“ sagte Orla und küßte es auf das weiche Bäckchen.„Wie es nur bei Gerbers aussehen mag,“ meinte Ilse und ließ sich auf einen Schemel zu Füßen Orlas, die sich[pg 204]neben das Bettchen gesetzt hatte, nieder. Die Freundin konnte nur mit einem Achselzucken antworten; auch sie beschäftigte sich innerlich fortwährend mit dieser Frage.„Ich kann mir gar nicht denken, daß er nicht wieder gesund wird,“ fuhr Ilse fort. „Es wäre doch schrecklich, so jung sterben zu müssen.“„Danach fragt der Tod nicht,“ sprach Orla leise wie in Gedanken versunken vor sich hin. „Meine Eltern waren auch noch jung, als sie starben und mich als Waise zurückließen.“Ilse blickte zu der Freundin empor und sah es feucht in deren Augen schimmern, die heute einen seltsam weichen Ausdruck hatten. Schmeichelnd legte sie ihren Kopf in Orlas Schoß.„Liebe, liebe Orla,“ flüsterte sie leidenschaftlich und hätte sich ihr in der Stimmung, in welcher sie sich befand, am liebsten um den Hals geworfen, um sich dort auszuweinen. Aber sie wußte, daß Orla eine Feindin solcher Szenen war, und deshalb begnügte sie sich damit, ihr die Hände zu streicheln und ihre Wange darauf zu legen. So saß sie ganz still mit geschlossenen Augen und als Orla ihr liebkosend über das braune, lockige Haar fuhr, da war es ihr, als ruhte sie an Leos Brust und dieser ließe ihre Locken durch seine Finger gleiten, was er so gerne tat. Die zärtlichen, rosigen Stunden ihrer Brautzeit drängten sich in ihre Erinnerung, und sie empfand im Geiste wieder das wohlige Gefühl, von den Armen eines geliebten Mannes umschlossen zu sein. Hatte ihr Herz in solchen Momenten nicht höher geschlagen vor Freude und Seligkeit? Und warum war es denn anders geworden, warum sollten diese glücklichen Zeiten vorbei sein? Wie ein Nebel zerfloß vor ihren Augen die kleinliche Ursache ihres Streites, und sie wollte es sich gar nicht mehr eingestehen, daß sie deshalb ihr Glück auf das Spiel gesetzt hatte. Wie viele Stunden und Tage hatte sie[pg 205]sich und ihm verbittert, welch lange Trennung herbeigeführt! Wann wird diese ein Ende nehmen?Auf einmal empfand sie, wie bitter unrecht das alles war, da doch das Leben nur kurze Dauer hat und die schweren Zeiten ohnedies nicht ausbleiben. Konnte sie nicht ein gleiches Schicksal treffen wie Flora, welche auch achtlos in den Tag hinein lebte und nun vielleicht zu spät erkannte, welche Pflichten sie hätte erfüllen müssen? Wenn jetzt deren Mann stürbe, würde dann nicht die Reue sie ewig peinigen und ihr mitleidlos zurufen: du hast deinen Mann vernachlässigt, du hast sein Dasein nicht erhellt. Mit diesem schrecklichen Vorwurf im Herzen leben zu müssen, dachte Ilse, nein, das könnte sie nicht, da würde sie eher vergehen.Aber hatte sie nicht auch Liebe und Glück besessen und beides mit leichtsinniger Hand beiseite geworfen? Würde sie wohl wieder aufrichten können, was sie zerstört hatte, oder war es schon zu spät dazu? Nein, das durfte, das konnte nicht sein! Es packte sie mit wahnsinniger Angst, und der Gedanke, daß Leo jetzt sterben könnte, stand drohend vor ihrer Seele und verfolgte sie wie eine fixe Idee. Um Gottes willen, nur das nicht, nur das nicht, dachte sie bebend, und sie gelobte sich in diesem Augenblick feierlich, anders werden, ihm nie wieder solches Leid zufügen zu wollen.Und nun dachte sie auch daran, wie sie ihre Eltern gekränkt hatte, wie die darunter leiden und mit welcher Sorge sie wohl in ihre Zukunft blicken mochten. Dennoch aber hatte sie nie ein Tadel oder Vorwurf getroffen, ihre Briefe waren stets liebevoll und zärtlich gewesen, aus zarter Rücksicht hatten sie niemals ihr Zerwürfnis mit Leo berührt. Und wie vergalt sie solche Liebe und Güte, war sie dankbar dafür?Beschämt hielt sie Einkehr in ihrem Innern, sie fühlte, wie unrecht sie gehandelt hatte und noch handelte; immer klarer wurde es in ihr, ihre bessere Natur gewann wieder[pg 206]die Oberhand in ihrem Herzen, von welchem sich Trotz und Eigensinn wie rauhe Schalen von einem guten Kern lösten.Vor ihren Augen zogen Bilder aus der Vergangenheit vorüber, die Rückkehr aus der Pension in das Elternhaus, ihre Verlobung. Sie sah die Eltern, das kleine Brüderchen, sie hörte dieses jauchzen, war mit Leo zusammen und fühlte sich glückselig und froh, wie sie es lange nicht gewesen. Die lieblichsten Erinnerungen wiegten sie endlich sanft in Schlummer und begleiteten sie in ihren Träumen, aus denen sie erst erwachte, als sie plötzlich ihren Namen rufen hörte.Schlaftrunken fuhr sie empor und sah Doktor Althoff, der eifrig mit Orla sprach. Sie wurde sich bewußt, daß sie sehr lange geschlafen haben mußte, denn die Morgendämmerung stahl sich schon durch die Fenster herein und überzog alles mit einem grauen, fahlen Schein.„Komm Ilse, steh auf,“ sagte Orla und half ihr sich erheben. Mit einem traurigen Blick auf das schlafende Kind neigte sie sich dicht zu ihrem Ohr und sagte mit leiser Stimme: „Der arme Doktor Gerber ist tot.“„O, mein Gott!“ rief Ilse so laut, daß Orla sie aus dem Zimmer zog, weil das Kind nicht aufwachen sollte.„Ist es denn wahr?“ fragte sie Althoff mit tränenerstickter Stimme; „das ist ja fürchterlich.“ Er nickte und ließ sich in einen Stuhl fallen, indem er den Kopf müde in die Hand stützte.„Die arme, arme Flora, das süße kleine Käthchen,“ jammerte Ilse, während sie aufgeregt hin und her ging.Orla war inzwischen hinausgegangen und hatte dafür gesorgt, daß Althoff Kaffee bekäme. Sie brachte ihm jetzt selbst eine Tasse herein und setzte sie vor ihn hin.„Bitte, trinken Sie, Herr Doktor, ich habe den Kaffee recht stark gemacht, er wird Sie erfrischen.“Er dankte ihr herzlich und trank. Dann zog er seine Uhr heraus.[pg 207]„Schon bald acht Uhr, da ist es Zeit, daß ich gehe.“ Er erhob sich.„Die arme Nellie, sie ist so erregt, es ergreift sie tief,“ sagte er.„Sie muß entschieden jetzt Ruhe haben,“ versetzte Orla, „ich werde zu Flora gehen und sie ablösen.“„Ich gehe mit,“ rief Ilse und hing sich an Orlas Arm.Die beiden gingen mit Althoff zusammen fort. Dieser war froh, daß Nellie nun nach Hause gehen konnte, denn er fürchtete, daß die entbehrte Nachtruhe und die Aufregung ihr schaden könnten.Als die Freundinnen das Trauerhaus betraten, zögerte Ilses Fuß auf der Schwelle; sie mußte die Hand auf das klopfende Herz legen. Schon hier beschlich sie das unheimliche Gefühl, welches der Ort, an dem ein Toter liegt, hervorruft, und sie wäre am liebsten wieder umgekehrt, wenn nicht Orla, welche die Treppe schon hinaufgegangen war, sie leise gerufen hätte. Oben an der Tür kam ihnen Nellie mit verweinten Augen entgegen und die drei jungen Wesen umarmten sich stumm, keine vermochte zu sprechen. Sie traten in Floras Zimmer ein. Heute lagen keine bunt verstreuten Blätter auf dem Schreibtisch herum, wie bei Ilses erstem Besuche, auch glich die schweigsame Nellie am Fenster nicht im geringsten der Nellie von damals, deren übermütiger Spott so belustigend gewesen war. Der düstere Wintermorgen paßte so recht zu der Stimmung in dem stillen Gemach. Fröstelnd, kalt und unbehaglich war es heute, der einförmig graue Himmel sah nicht aus, als ob er auch im klarsten Blau strahlen und heiter lächelnde Sonnenblicke schicken könnte.„Wo liegt er?“ fragte Orla endlich nach langem Schweigen.Nellie bezeichnete ihr das Zimmer.„Ist Flora dort?“[pg 208]„Sie ruht sich ein wenig,“ gab Nellie zur Antwort.Orla ging hinaus. Sachte klinkte sie die Türe zum Sterbegemach auf und trat ein. Durch die weit geöffneten Fensterflügel strömte ihr die kalte Luft erfrischend entgegen, und sie atmete tief auf, denn die dumpfe Luft in Floras Zimmer war beängstigend gewesen und hatte sie beklommen gemacht.Noch erinnerte in dem Raum nichts daran, daß hier ein Toter lag, noch hatte keine ordnende Hand den Eindruck des Krankenzimmers verwischt. Auf dem Tischchen vor dem Bett stand noch das halbgeleerte Glas, aus welchem er zuletzt getrunken, daneben lag das Thermometer, das mit grausamer Genauigkeit die hohe Temperatur des Kranken gezeigt hatte. Alles war noch unberührt geblieben, und man konnte glauben, daß der stille Mann dort im Bett ein Schlafender wäre.Orla war näher getreten und sah mit wehmütigen Blicken auf ihn nieder. Ruhig und friedlich war der Ausdruck seines Gesichtes, das wachsbleiche Profil hob sich scharf von dem dunklen Grund der Wand ab, die Hände lagen über der Brust zusammengefaltet. Sie ließ sich auf einem Stuhle nieder, der dicht am Bett stand, und betrachtete lange das Antlitz des Verblichenen. So im besten Mannesalter zu sterben, das mußte schrecklich sein, – und doch, konnte man ihn beklagen, der das Leben verließ, dem Unglück und Leid nun nichts mehr anzuhaben vermochten? Nein, zu beklagen waren die, die ihn beweinten, die trauernde Witwe, das verwaiste Kind. Ihnen hatte der erbarmungslose Tod den Gatten, den Vater geraubt.Ein leiser Schritt hinter Orla ließ sie aufblicken; es war Andres, der ihr ernst die Hand entgegenstreckte und dessen Blässe verriet, daß er am Totenbette seines Freundes und Vorgesetzten viel gelitten hatte. Schweigend sah er auf den Toten, indem er Orlas Hand in der seinen behielt. Dann[pg 209]wandte er sich ihr zu, und seine Augen versenkten sich in die ihrigen.„Ihr künftiger Beruf wird Sie an manches Totenbett führen und oft werden Sie bitter empfinden, wie schwach die Hilfe des Arztes ist, wenn er verzweifelt nach Mitteln sucht, und wie armselig ihm seine Wissenschaft vorkommt, wenn er in brechende Augen sieht, ohne Rettung bringen zu können. Werden Sie das ertragen, Orla, wird das nicht zu viel sein für ein zartes Weib?“Es war zum ersten Male, daß er sie beim Vornamen nannte. Flüsternd und schnell hatte er gesprochen und fast flehend hatte seine letzte Frage geklungen. Sie antwortete ihm nicht darauf, – hatte er nicht recht und war es nicht gewagt für ein Weib, von Natur die Schwächere, von ihrem Körper abhängig, daß sie glaubte, sich an die Seite ernster Männer zu stellen, wie sie ringen und kämpfen zu können, um der leidenden Menschheit zu helfen? Zum[pg 210]ersten Male am Bett dieses Toten war ihr der Gedanke gekommen, daß es schwer sein müßte und daß das Gemüt einer Frau sich wohl nie daran gewöhnen würde, dem unerbittlichen Tod so oft ins starre Antlitz zu blicken. Es waren also ihre eigenen Gedanken gewesen, welchen der junge Arzt Worte verliehen hatte. Wie deutlich verstand er in ihrer Seele zu lesen!Die Türe wurde jetzt geräuschlos geöffnet, und ein Luftzug drang durch das Fenster, der die Gardinen bewegt, und das junge Paar streifte. Flora mit Ilse und Nellie traten ein, letztere im Hut und Mantel, da sie im Begriff war fortzugehen. Die junge Witwe schien um Jahre gealtert, ihre Augen waren tief eingesunken und ihr Gesicht aschgrau. Unheimlich starren Blickes sah sie auf ihren Mann, wie gebrochen sank sie auf dem Stuhl am Bette nieder und legte den Kopf auf ihre Arme, welche krampfhaft die Stuhllehne umklammerten. Ilse unterdrückte mit Mühe ein lautes Schluchzen, sie hatte noch nie eine Leiche gesehen und mußte ihre zitternde Gestalt fest auf Nellies Arm stützen, als sie nun ängstlich in das regungslose Antlitz schaute, das vor ihr in den weißen Kissen lag. In heiliger Scheu und Andacht umstanden sie alle das Lager des Geschiedenen, nichts unterbrach die feierliche Stille des Sterbezimmers. Plötzlich ertönte draußen eine weinende Kinderstimme, man hörte trippelnde Füßchen über den Vorplatz eilen; im nächsten Moment schnellte die Türklinke auf, und die kleine Käthe kam ins Zimmer gelaufen. Einen Augenblick staunte sie die tiefernsten Gesichter an und sah verwundert von einem zum andern, dann erblickte sie ihren Papa in seinem Bett, und durch die hellen Tränen schimmerte in ihren Augen ein glückseliges Lächeln.„Lieber, lieber Papa, nun bin ich wieder bei dir und gehe nicht mehr fort,“ sagte sie zärtlich.Orla trat zu der Kleinen und wollte sie fortführen,[pg 211]sie klammerte sich aber an das Bett und fing jämmerlich an zu weinen.„Nein, ich will hier bleiben,“ rief sie und fragte dann:„Schläfst du denn noch, lieber Papa? Bitte, bitte, wache doch auf, ich will dir ja guten Morgen sagen. Aber Papa, so höre mich doch!“ drängte sie endlich ungeduldig, und als sie keine Antwort erhielt, stellte sie sich auf die Fußspitzen und sah ihm ins Gesicht. Und wieder rief sie ihn schmeichelnd, und ihre kleinen Finger strichen liebkosend über seine erstarrten Hände. Aber schaudernd fuhr sie zurück, und wie eine unbewußte Ahnung überflog es ihre kindlichen Züge.„Papa, Papa!“ schrie sie laut, „warum bist du denn so kalt, lieber Papa, warum wachst du nicht auf?“ Furchtsam wich sie von ihm zurück, ihre großen angstvollen Augen fortwährend auf das bleiche Antlitz gerichtet.Nun trat Andres zu dem Kind und wollte es fortbringen; in demselben Augenblick sah Flora wie aus einem Traum erwachend um sich, und als sie das kleine, hilflose Geschöpf jammernd und klagend am Bette seines Vaters erblickte, da sprang sie auf und fiel mit einem lauten Schrei vor ihm nieder, drückte es heftig an sich, und ein heißer Tränenstrom erleichterte die Qualen ihres Herzens. Mit einem Male schien die Liebe für die kleine Waise in ihr erwacht zu sein und sie bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen. Aber für Käthchen waren Zärtlichkeiten ihrer Mutter etwas ganz Fremdes und sie entwand sich deshalb schnell ihrer Umarmung.„Laß mich, ich will zu meinem Papa!“ rief sie und blickte Flora feindselig an. „Ich mag dich nicht, ich habe nur meinen Papa lieb,“ setzte sie noch hinzu, ohne das geringste Mitleid für die schluchzende Gestalt, die auf dem Boden kniete und die Hände rang. Erbarmungslos sprach der Kindermund sein Urteil aus.[pg 212]Die traurige Szene erschütterte alle aufs tiefste, und um derselben ein Ende zu machen, nahm Andres jetzt das Kind auf den Arm und trug es aus dem Zimmer. Vertrauensvoll umschlang Käthchen seinen Hals und legte das Köpfchen an seine Schulter, denn diesen Onkel hatte sie gern, er gab ihr stets so freundlich die Hand, wenn er ihr auf der Straße begegnete, und hatte ihr oft Spielsachen mitgebracht, wenn er zum Papa gekommen war.Nellie war zu Flora getreten, die laut weinte.„Komm, liebe Flora, wir wollen in das andre Zimmer gehen.“Willenlos ließ sie sich fortführen, Orla und Ilse, deren weiches Gemüt unter diesen Vorgängen entsetzlich litt, folgten ihnen.Nellie hatte Hut und Mantel wieder abgelegt, trotz Orlas inständiger Bitte, nach Hause zu gehen. Sie konnte sich nicht entschließen, Flora in ihrem Schmerz zu verlassen, besonders da diese sie flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. Mitleidsvoll umstanden die Freundinnen die Ärmste, die sich nicht fassen konnte und verzweifelt schluchzte. Sie hätten ihr so gern ein Wort des Trostes gesagt, aber keine vermochte es über die Lippen zu bringen. Gab es denn auch Trost für sie?„Liebe Flora, du darfst dir nicht aufregen,“ brachte Nellie endlich hervor, „denke an deine süße Baby, das nur dich noch hat auf die große Welt.“„Nellie,“ schrie die Unglückliche auf, „ach es ist nicht zum ertragen! Das Kind wendet sich jäh von mir, und hat es nicht recht? Bin ich ihm eine treue Mutter gewesen, dem Vater eine pflichttreue Frau? Jetzt erst fühle ich, daß ich ihn geliebt habe, daß ich mich nur im Trotz von ihm wandte, weil ich glaubte, er wolle mich nicht verstehen. Ich bin schuld an seinem Tode, hätte ich ihn nie zu dieser unglückseligen Schlittenpartie gezwungen! Dort, dort hat er sich den Tod geholt. Liebe, einzige Nellie, nie kann ich wieder[pg 213]froh werden, mit dieser Qual, dieser Reue im Herzen, immer sehe ich sein brechendes Auge vorwurfsvoll auf mich gerichtet! Wenn er noch lebte, wollte ich anders werden, aber nun ist alles vorbei, er ist von mir gegangen, ohne mir verziehen zu haben!“„O nein, so darfst du nicht sprechen, so nicht,“ sagte Nellie mit tränenerstickter Stimme und versuchte die Weinende mit liebevollem Worten zu beruhigen.Ilse hatte bei Floras Selbstanklage ihr Herz in hämmernden Schlägen gefühlt, ihr Inneres bebte bei jedem ihrer Worte. Wie furchtbar war es doch, wenn die Reue zu spät kam und Tag und Nacht keine Ruhe ließ! Mußte es nicht zum Verzweifeln sein? Mit einem Schlage war Flora zum Bewußtsein gekommen, jetzt jammerte und klagte sie, da es nichts mehr half, da der Mund ihres Mannes für immer geschlossen war und ihr kein verzeihendes Wort mehr sagen konnte. Ein Angstgefühl schnürte Ilses Brust zusammen, daß ihr der Atem stockte. Dort in dem Zimmer, am Bette des Toten war es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, mit einem Male konnte sie klar sehen, und nun kam sie sich erbärmlich und klein vor und zitterte bei dem Gedanken, daß das Schicksal auch sie mit unbarmherziger Hand berühren könnte, wie es hier getan. War es denn so schwer, vergab sie sich etwas, wenn sie dem Manne, den sie liebte, den sie durch ihren Widerstand doch erst zum Äußersten gebracht hatte, zuerst die Hand zur Versöhnung reichte? Ja, war es nicht ihre Pflicht und Schuldigkeit, ihn um Verzeihung zu bitten, nach dem, was geschehen war? Mußte er nicht an ihrer Liebe zweifeln, als sie ihm durch ihre Flucht solche Kränkung zufügte? Orla hatte recht, sie war mit Blindheit geschlagen gewesen, von der sie nun endlich sich befreit fühlte.Die Erfahrungen, welche sie durch den Einblick in das eheliche Leben ihrer Freundinnen gesammelt, hatte sie auf[pg 214]geklärt, sie war eine andre geworden. Erschien ihr nicht Nellie als das Muster einer Gattin, war sie etwa widerspenstig, quälte sie ihren Mann mit kleinlichen Launen? Nein, sie war fügsam und nachgiebig. Gerade diese Eigenschaften waren es aber, die ihr den Reiz der echten Weiblichkeit verliehen.Wie erschien ihr dagegen das Benehmen Rosis? Stieß nicht ihre Herrschsucht auf das unangenehmste ab? Sah Rosi denn nicht ein, daß sie ihren Gatten in den Augen andrer lächerlich machte, wenn sie den ihr gegenüber viel zu gutmütigen Mann dazu zwang, sich ihrem Willen zu fügen? Ilse verabscheute solches Wesen bei einer Frau, aber – so mußte sie sich eingestehen – war sie nicht auf dem besten Wege gewesen, wie jene zu werden?Und wie unwürdig erst war ihr Floras Ehe vorgekommen! Sie hatte stets Mitleid für den armen Mann und das kleine Mädchen empfunden und war über Flora empört gewesen, die über ihre verschrobenen Ideen das Wichtigste vergaß. Ja, Ilse vermochte gut zu unterscheiden, ob eine Frau ihren Mann glücklich machte, sie hätte auch Rosi und Flora sagen können: so und so dürft ihr nicht handeln, wenn ihr eure Männer zufrieden sehen wollt. Warum gab sie diese guten Lehren nicht sich selbst, warum hatte sie sich nicht längst eingestanden, daß auch sie ihren Bräutigam durch ihren Eigensinn und Trotz betrüben mußte? Und verdiente er nicht volles ungestörtes Glück, da er ihr doch die beste, reinste Liebe gab? Und mußte er nicht in ihrer Achtung dadurch steigen, daß er sich einer kindlichen Laune von ihr nicht beugen wollte?Diese Gedanken, welche auf Ilse nach dem traurigen Ereignis einstürmten, verfolgten sie wie böse Geister mit den bittersten Vorwürfen, den selbstquälerischsten Anklagen, sie fand keine Ruhe mehr und ging wie im Traume umher.* * *[pg 215]Doktor Gerber war in die Erde gesenkt worden, und der jungen Witwe wurde die lebhafteste Teilnahme entgegengebracht. Der Tod des allgemein geachteten und beliebten Mannes hatte überall großen Anteil erweckt, man beklagte Flora, bedauerte das vaterlose Kind. So jung und schon Witwe, das war ein harter Schlag für die arme Frau! Flora machte auch in den schwarzen Trauerkleidern, die das farblose Gesicht noch blasser erscheinen ließen, einen bedauernswerten Eindruck; müde und matt war ihre Haltung, die umränderten Augen blickten trübe und glanzlos. Sofort nach Empfang der Unglücksbotschaft waren ihre Eltern eingetroffen, und nun sollte sie mit dem Kinde wieder ins Elternhaus zurückkehren. Sie ließ alles über sich ergehen, fügte sich allem, was bestimmt wurde, und war vollständig haltlos geworden. Käthchen verlangte immer noch weinend nach ihrem Papa und fragte, ob er nicht bald wiederkäme, ob sie nicht zu ihm dürfe. Als man ihr sagte, daß der Papa im Himmel bei den lieben Engeln sei und sie ihn nicht sehen könne, beruhigte sich das gläubige Kindergemüt dabei. Aber die traurigen Gesichter um sie her machten sie niedergeschlagen, ihre großen Augen blickten sehnsüchtig und trübe, und um den kleinen Mund lagerte ein fast strenger Ernst. Flora wich sie noch immer ängstlich aus, nur der Großmutter war es gelungen, sie zutraulicher zu machen.Unter heißen Tränen hatte die junge Frau von den Freundinnen Abschied genommen, ihr Schmerz brach dabei in seiner ganzen Heftigkeit wieder hervor. Die Unglückliche war nicht wiederzuerkennen; es schien, als hätte sie der furchtbare Schlag ganz umgewandelt. Ilse konnte das schmerzvolle Antlitz der Freundin nicht aus ihrem Gedächtnis verscheuchen, es stand ihr wie eine drohende Mahnung vor Augen und schien ihr zuzurufen: „Kehre um, ehe es zu spät ist!“Den Freunden fiel ihr seltsam nachdenkliches Wesen[pg 216]wohl auf, und Nellie erriet, was in ihr vorging, aber sie fragte nicht, sie wollte, daß Ilse von selbst sagen sollte, was ihr Herz bewegte. –Es war nur noch kurze Zeit bis zum Weihnachtsfest, als Ilse eines Abends in ihrem Stübchen saß und in ihrer Schreibmappe blätterte. Sie suchte den Brief, den sie in jener Nacht nach der Schlittenpartie an Leo geschrieben hatte. Er war nicht abgeschickt worden. Sie hatte ihn oft in den Händen gehabt und ihn immer wieder beiseite gelegt, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Heute las sie ihn nochmals durch und zerriß ihn dann in kleine Stückchen, die sie im Ofen verbrannte. Nein, was sie dem Geliebten sagen wollte, sagen mußte, das konnte sie dem Papier nicht anvertrauen. Steif und gezwungen kamen ihr die Worte vor, die sie damals geschrieben hatte, ganz anders standen sie heute in ihrem Herzen geschrieben, das ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ vor heißer Sehnsucht nach Leo.Er hatte sich – das wußte sie – bis Weihnachten Urlaub genommen, und Nellie erwähnte heute wie zufällig, daß er bereits zurückgekehrt sei. Da hatten ihre Augen aufgeleuchtet, und sie hatte geheimnisvoll gelächelt, als würde sie von etwas Freudigem bewegt. Und so war es auch! Als sie hörte, er sei wieder daheim, stand es in ihr fest, daß sie Weihnachten nicht ohne ihn verleben wollte. Sie konnte es kaum erwarten, bis sie sich zurückziehen durfte, denn heute abend wollte sie ihren Entschluß den Eltern mitteilen. Ein frohes Lächeln überflog ihre Züge bei dem Gedanken, daß sie die Lieben nun bald wiedersehen sollte, und sie schrieb einen langen, ausführlichen Brief an die Eltern.„In wenigen Tagen bin ich wieder bei euch,“ hieß es zum Schluß, „aber verratet niemand meine Rückkehr, am wenigsten Leo.“ Die letzten Worte unterstrich sie zweimal.[pg 217]Am andern Morgen teilte sie Nellie mit, daß sie den Eltern geschrieben und ihre Heimkunft zum Weihnachtsfest angemeldet habe. Es kam zögernd und zaghaft heraus, denn sie konnte ihre große Verlegenheit nicht bemeistern. Aber Nellies Gesicht strahlte förmlich bei dieser Botschaft und innig schloß sie die Freundin in ihre Arme.„Odarling,“ sagte sie gerührt, „ich wußte es ja, du würdest wieder zu dich kommen; o, nun ist alles wieder gut!“„Nellie,“ fragte Ilse darauf leise, indem sie das erglühende Antlitz an der Freundin Schulter barg, „glaubst du daß er mir verzeihen wird?“„O wie kannst du nur fragen? Er hat sein kleines Braut so lieb, wie glücklich wird er sein, wenn er dich wieder hat!“Die beiden Freundinnen saßen noch lange Hand in Hand beisammen. Ilse hatte so viele Fragen auf dem Herzen, und die junge Frau mußte noch manchen Zweifel verscheuchen, noch manchen innern Streit schlichten, bis ihr schließlich helles, ungetrübtes Glück aus Ilses Augen entgegenlachte und diese ihre Freude auf das Wiedersehen mit Leo ganzunverhohlenzeigte.Die Eltern schrieben umgehend wieder, und Ilse standen die hellen Tränen in den Augen, als sie las, wie groß die Freude zu Hause über ihre baldige Heimkehr war.Es erfaßte sie nun eine Unruhe, eine Ungeduld, daß sie, so schwer ihr auch der Abschied von den Freunden wurde, doch kaum den Tag ihrer Abreise erwarten konnte.So war der letzte Nachmittag, den sie bei den Freunden verbrachte, herangekommen. Sie war mit Nellie und Orla in die Stadt gegangen, um noch einige Einkäufe zu besorgen und Abschiedsbesuche zu machen. Als die ersteren erledigt waren, trennte sich Orla von ihnen, da sie nach Hause gehen wollte, um für den folgenden Tag noch zu arbeiten.[pg 218]Sie wählte aber diesmal nicht den Weg durch die Stadt, sondern zog es vor, über den alten Festungswall zurückzukehren, der um diese Zeit meist menschenleer war. Die hohen, alten Linden, welche sich im Sommer zu einem grünen, schattigen Dach wölbten, trugen jetzt schwere Schneemassen, und in ihren Wipfeln saßen Scharen von Krähen. Durch den tiefen Schnee, der sich dicht an die mächtigen Stämme schmiegte, war nun ein schmaler Pfad gebahnt, auf dem Orla einherschritt. Links sah man in verschneite, zu Villen gehörige Gärten, rechts konnte das Auge weiter schweifen über die weißen Dächer der Stadt, über Felder und Wiesen bis zu den Umrissen einer fernen Hügelkette. Heute war nicht viel davon zu sehen, da die Ferne in einem grauen Nebel verschwand; auch das wirbelnde Schneegestöber ließ schwer etwas erkennen. Orla stand einen Augenblick still und sah in den lustigen Flockentanz vor ihren Augen. Sie bemerkte deshalb nicht, daß eine Gestalt ihr entgegenkam. Erst als diese neben ihr stehen blieb, erkannte sie Andres in derselben.„Das ist ein glücklicher Zufall, daß ich Sie hier treffe,“ sagte er, indem er sie begrüßte. „Eben war ich bei Althoffs, fand aber das Nest leer.“„Ja,“ erwiderte Orla, „meine Freundinnen und ich gingen in die Stadt, und ich habe mich von ihnen getrennt, da sie vorhaben, Abschiedsbesuche zu machen, während ich nach Hause gehen will, um noch zu arbeiten.“„Darf ich sie begleiten?“ fragte er, da sie langsam weiter ging.„Gerne, Herr Doktor,“ versetzte sie freundlich, und sie schritten auf dem engen Wege nebeneinander weiter.„Es tat mir leid,“ fing er wieder an, „daß ich gerade heute niemand bei Althoffs traf; ich wollte erzählen, welches Glück mich betroffen hat.“„So?“ fragte sie und sah ihn neugierig dabei an,[pg 219]„bitte, erzählen Sie mir doch, was Ihnen so Schönes begegnet ist?“„Denken Sie nur, mir ist heute die Stelle des verstorbenen Doktor Gerber angeboten worden. Was sagen Sie dazu, bin ich nicht ein Glückspilz? Vom einfachen Assistenzarzt rücke ich so schnell vor und bin nun, sozusagen, ein gemachter Mann.“Die helle Freude über das frohe Ereignis lachte aus seinen Augen, die erwartungsvoll auf Orla ruhten.Sie reichte ihm aufrichtig die Hand.„Ich gratuliere Ihnen von Herzen, das ist wirklich eine gute Botschaft, die Sie uns bringen wollten, Herr Doktor.“Er hatte ihre Hand festgehalten, die sie ihm jetzt entzog.„Wie werden sich Althoffs freuen,“ fuhr sie fort, „wenn ich ihnen die interessante Neuigkeit überbringe.“„Sie sind die erste, welche sie erfahren hat, gnädiges Fräulein; ich kann nicht beschreiben, wie froh ich darüber bin, wie dieses Glück erst jetzt den rechten Wert für mich bekommt, da Sie es wissen und ich in Ihren Augen lese, daß Sie sich mit mir darüber freuen. Fräulein Orla, soll ich Ihnen sagen, warum mich dieses Anerbieten jetzt noch viel mehr beglückt, als es das zu andern Zeiten getan hätte? Darf ich sprechen, wie mir um das Herz ist?“Er hatte eindringlich mit steigender Wärme geredet. Orla beschleunigte bei seinen Worten ihre Schritte, sie wagte nicht ihn anzublicken. Ihre angeborene Ruhe, ihre Sicherheit in allen Lebenslagen verließen sie, und sie sann vergebens nach, welche Antwort sie ihm geben solle. Er hatte in einer andern Sprache zu ihr gesprochen, die sie noch nicht kannte, seine Stimme ging ihr in einer Weise zu Herzen, wie es ihr bis jetzt noch niemals vorgekommen war.[pg 220]Andres bemerkte ihre Erregung und drang nicht weiter in sie. Aber seine Augen blickten feurig und leidenschaftlich in ihr blasses Antlitz. Ihre feinen Nasenflügel bebten, zwischen den kühngeschwungenen, tiefschwarzen Augenbrauen lag eine Falte, und die schnellen Atemzüge verrieten ihre innere Unruhe. Schweigend gingen sie vorwärts, in beiden wogten die Gedanken und keines vermochte zu sprechen.„Habe ich Sie beleidigt?“ fragte er endlich, da Orla den Blick noch immer geradeaus richtete und ihm der Ausdruck ihrer Züge jetzt fast streng erschien.„Nein, nein,“ gab sie schnell zur Antwort, „womit sollten Sie mich beleidigt haben? Ich war nur so schweigsam eben, – weil ich an etwas Wichtiges dachte –.“ Sie wollte eine Entschuldigung vorbringen, wurde aber bei dieser Ausrede verlegen und beendete den Satz deshalb nicht.„Wissen Sie schon,“ fuhr sie fort, indem sie schnell das Thema abbrach, „daß Ilse morgen abreist? Sie wollte erst nächste Woche fort, aber ihr Vater wünscht dringend, daß sie jetzt kommt. Sie wird uns sehr fehlen.“Er fühlte sich von dieser Wendung des Gesprächs nicht angenehm berührt. Sie schien zu ahnen, was er ihr hatte sagen wollen, und suchte nun leicht darüber hinwegzugehen; begriff sie denn nicht, daß dies die schmerzlichsten Zweifel in ihm wachrufen mußte? Und doch mußte er sich wieder sagen, daß die Scheu vor seiner Frage echt mädchenhaft und nur zu begreiflich war, und daß sie vielleicht deshalb so handelte, um Zeit zu gewinnen und sich zu sammeln. Er wußte ja genau, daß sie keine Kokette war, die nur mit ihm spielen wollte, und daß ihr auch in diesem Augenblick nichts ferner lag, als ihm die Aussprache dessen, was er ihr sagen wollte, zu erschweren. Scheinbar ruhig und unbefangen ging er auf ihr Gespräch ein.„Werden Sie denn Weihnachten zu Hause verleben?“ fragte Orla wieder.[pg 221]„Ja, ich reise zu meiner Mutter und werde bei ihr die Ferien zubringen.“„Wollen Sie die ganze Ferienzeit fort bleiben?“ entgegnete sie wider Willen betroffen.„Die ganze Ferienzeit!“ wiederholte er mit einem freudigen Aufblitzen in seinen Augen.„Wie schade,“ gestand sie offen, „dann sehe ich Sie also erst im neuen Jahre wieder. Das Fest wird gewiß für uns ein recht stilles sein, da Ilse fort ist und Sie auch fehlen. Ich werde die Ferienzeit benutzen, um fleißig mit Doktor Althoff zu arbeiten.“Sie seufzte leise, wohl unbewußt.„Werden Sie zaghaft, wenn Sie an ihren künftigen Beruf denken, Fräulein Orla?“„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich habe mir meinen Beruf ja selbst gewählt, wie könnte ich da zaghaft sein? Halten Sie mich für so wankelmütig, Herr Doktor?“Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß, Sie sind anders wie die meisten ihres Geschlechts, und ich komme nur zu dieser Frage, weil Sie seufzten und ich annahm, dieser Seufzer gelte Ihrer Zukunft.“„Ja, meiner Zukunft galt er allerdings, da haben Sie recht. Wenn ich auch nicht zittere und zage, so bin ich mir doch klar bewußt, daß ich keiner leichten Zeit entgegengehe. Was muß noch alles in meinen armen Kopf hinein! Und dann die Examina, – wenn ich daran denke, wird mir doch etwas bänglich zu Mute. Nicht wahr, die sind sehr schwer? Wenn meine Examinatoren nur nicht zu streng sind und etwas gnädig mit mir verfahren.“„Ich wüßte einen Ort,“ warf er fast schüchtern ein, „wo Sie ein leichtes Examen bestehen könnten. Ich kenne den einen Examinator, wie mich selbst, und weiß, daß er Ihnen keine Frage stellen würde, die Sie nicht beantworten könnten.“[pg 222]„Wie heißt dieser Ort?“ fragte sie ahnungslos und sah ihn voller Erwartung an.Das geheimnisvolle, schelmische Lächeln in seinem Gesicht, als er jetzt weiter sprach, ohne ihre Frage zu beantworten, bemerkte sie nicht.„Ja, ich weiß sogar, daß der bewußte Examinator, wenn Sie ihm seine erste – allerdings schwerwiegende – Frage richtig und zur vollsten Zufriedenheit beantwortet haben, überhaupt keine weiteren Fragen an Sie richten wird.“Sie sah ihn mit ihren großen Augen erstaunt an.„Sie sprechen in Rätseln, Herr Doktor, oder wollen Sie sich über mich lustig machen? Nicht wahr, Sie finden es so unerhört, wenn eine Frau sich auf männliches Gebiet wagt, daß Sie mich verhöhnen wollen? Aber warten Sie nur, wenn ich erst Doktorin bin, und Ihnen mein Diplom schicke, dann müssen Sie klein beigeben. Übrigens – Ihre Zweifel sind ganz heilsam für mich, sie feuern mich an, Ihnen zu beweisen, daß auch das weibliche Geschlecht etwas zu leisten vermag.“Sie hatte ohne die geringste Empfindlichkeit gesprochen, aber mit großem Eifer, so daß ihre Wangen zart gerötet waren, und sie unbeschreiblich liebreizend in diesem Augenblick aussah.„Ich kann Ihnen auch behilflich sein, Doktorin zu werden,“ sagte er wieder mit derselben geheimnisvollen Miene, „oder vielmehr der Examinator, von welchem ich eben sprach, kann Sie zur Doktorin machen, wenn Sie nur wollen.“Seine Stimme klang erregt, er atmete tief und schnell, und sein seltsames Wesen fiel Orla jetzt auf. Sie erwiderte nichts und hielt die Augen auf ihren kleinen Muff gesenkt, von welchem sie mechanisch die immer wiederkehrenden Schneeflocken fortstrich.[pg 223]„Orla,“ sagte er bittend, indem er stillstand und ihre Hand ergriff, „verstehen Sie mich nicht, oder wollen Sie mich nicht verstehen? Meine Worte sind ernst gemeint, ich scherze nicht. Der Examinator, von welchem wir sprachen, – darf ich es sein? Wollen Sie mir die einzige Frage beantworten? Nur mit einem kleinen Wort, das genügen würde, mich zum glücklichsten Menschen zu machen.“Ihr Herz klopfte in raschen Schlägen, und sie holte tief Atem. Aber sie konnte nicht sprechen, sie fühlte wie seine Hand zitterte, wie qualvoll diese Ungewißheit für ihn sein mußte, und doch vermochte sie es nicht, ihm eine Antwort zu geben.„Orla!“Er beugte sich ganz nahe zu ihr hin, und sagte in zärtlichem Ton: „Wollen Sie meine Doktorin werden?“Jetzt blickte sie zu ihm auf, und in ihren Augen las er ein stummes Ja.Im überschwänglichen Glücksgefühl umfaßte er ihre schlanke Gestalt und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.„Geliebte,“ flüsterte er innig, „bist du ebenso glücklich wie ich? Sage es mir.“„Ich kann nicht glücklicher sein,“ gab sie leise zur Antwort, und ihr schönes Antlitz strahlte in bräutlicher Seligkeit.Er hatte ihren Arm in den seinigen gelegt und hielt ihre Hand fest umschlossen. So gingen sie weiter auf dem schmalen Wege zwischen den beiden Schneewänden. Wer könnte die ersten Stunden beschreiben, die auf das beseligende Geständnis der Liebe folgen? die scheue Zurückhaltung der Braut schildern, die noch so schüchterne Leidenschaft des Bräutigams, die ernsten und doch so heiteren Gedanken, welche die Brust der Glücklichen wie Frühlingswehen durchziehen und sie still und schweigsam machen? Ein inniger Händedruck, ein Blick in die geliebten Augen, sie sind beredter als tausend Worte. –[pg 224]Und so schritt auch unser Paar in stummer Glückseligkeit dahin. Über ihnen heulte der Wind in den Bäumen, die alten ehrwürdigen Wipfel mußten es sich gefallen lassen, daß er mit ihnen sein Spiel trieb, laut ächzend beugten sie sich seiner Macht und schüttelten unwillig den Schnee von ihren Häuptern, den beiden gerade ins Gesicht. Aber sie achteten der winterlichen Schauer nicht, in ihren Herzen war es licht und sonnig, und das Blut wallte ungestüm durch die Adern, so daß Orla oft tief aufatmen mußte und schließlich ihr Jäckchen öffnete, weil es so erdrückend heiß wäre, wie sie sagte. –Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie in die erleuchteten Straßen einbogen. Orla drängte es nach Hause zu kommen. Sie ging durch eine kleine Seitengasse, welche den Weg bedeutend abkürzte. Andres hätte gern noch den weitesten Umweg durch die Stadt gemacht, aber sie meinte, Nellie und Ilse, die gewiß längst zu Hause wären, würden sich sehr wundern, daß sie noch nicht daheim sei. Er brachte sie bis vor Althoffs Haus. An der Gartenpforte blieb Orla stehen und streckte ihm die Hand entgegen.„Soll ich nicht mit hinaufgehen?“ fragte er erstaunt, „wollen wir den Freunden nicht unser Glück mitteilen?“„Jetzt nicht, noch nicht, Liebster, ich muß erst mit mir allein sein, und mich zu fassen suchen. Morgen, dann wollen wir es den Freunden sagen.“Wie ein Schatten flog es über seine Züge. Er sollte sich jetzt von ihr trennen, sie heute nicht mehr wiedersehen? Wie konnte er bis morgen Ruhe finden, Ungeduld und Sehnsucht würden ihn verzehren. Das war zu viel verlangt!„Du bist grausam,“ sagte er leise.Sie lächelte und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ja, es kam ihr jetzt selbst grausam vor, daß sie sich bis morgen nicht wiedersehen sollten.[pg 225]„Willst du heute abend nach dem Essen kommen? Du findest uns dann alle zusammen, und wir überraschen die Freunde mit der Nachricht, daß wir Brautleute sind. Ist es dir recht so?“ Statt jeder Antwort preßte er seine Lippen auf ihre Hand und schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie entwand sich ihm aber schnell.„Wenn man uns sähe,“ sagte sie und blickte sich ängstlich um. „Ich will lieber gehen. Leb wohl, auf Wiedersehen bis nachher, komm nicht zu spät.“Sie eilte ins Haus. Wie ein Träumender stand er vor der beschneiten Pforte und blickte ihr noch nach, obwohl sie schon längst verschwunden war. Endlich ging er fort, aber er schlug nicht den Weg nach seiner Wohnung ein. Er würde es jetzt nicht in den engen vier Wänden aushalten, eine innere Unruhe trieb ihn immer weiter. Das Stürmen und Wogen in seiner Brust beflügelte seine Schritte, so daß er die Straßen in Sturmeseile durchlief und die Leute ihn verwundert ansahen. Seine Bekannten, die ihm begegneten und die er zerstreut grüßte, blieben stehen und schauten kopfschüttelnd hinter ihm her.Orla war unbemerkt in ihr Zimmer gelangt. Sie konnte jetzt niemand sehen und sprechen, den Freundinnen hätte ja ihre Erregung auffallen müssen, auch wollte sie erst allein die Ruhe zu gewinnen suchen, mit welcher sie dieselben jetzt noch täuschen mußte.Sie hatte Hut und Jacke abgelegt und wusch ihr heißes Gesicht mit frischem Wasser. Was die Freunde wohl sagten, ob sie geahnt hatten, daß es so kommen würde? Sie lächelte vor sich hin und malte sich im Geiste die Überraschung auf den verschiedenen Gesichtern aus. Erregt schritt sie auf und ab und öffnete schließlich das Fenster, weil ihr die Luft in dem kleinen Stübchen schwül und drückend erschien. Vorwitzig kamen die Schneeflocken hereingeflogen, sie wirbelten ihr ins Antlitz und setzten sich in[pg 226]ihren dunklen Haaren fest. In Gedanken verloren blickte sie hinaus in das Gestöber draußen. Sie kam sich so anders, so fremd vor; dieses heftig klopfende Herz war es das ihre, diese unbeschreiblich schönen Empfindungen, welche es durchströmten, – war das alles Wirklichkeit, was sie empfand und dachte, oder träumte sie nur?Sie zuckte zusammen, als sich jetzt die Türe öffnete und Ilse hereintrat.„Herrgott, Orla, bei diesem Wetter am offenen Fenster?“ rief sie erstaunt.„Es war hier so heiß, Kind,“ gab Orla ausweichend zur Antwort und schloß das Fenster.„Heiß?“ wiederholte Ilse, „aber das Feuer im Ofen ist ja schon lange aus.“Orla überhörte diese Einrede.„Bist du schon mit Packen fertig?“ fragte sie und zeigte auf die Koffer. „Also morgen willst du wirklich reisen? Du wolltest mich wohl zum Abendessen holen?“Ilse sah sie verwundert an. Warum fragte Orla so zerstreut und vermied so auffällig sie anzusehen, während sie sonst jedem, mit dem sie sprach, scharf in die Augen sah?„Wir dachten, du wärst schon lange zu Hause, Orla, da du gesagt hattest, du wollest arbeiten.“„Ja, ja, das wollte ich auch, aber – es war so himmlisch draußen, und da bin ich auf eigene Faust noch etwas spazieren gegangen. Komm Kind.“Sie ging zur Türe und Ilse folgte ihr.„Himmlisch draußen!“ wiederholte sie lachend. „Aber Orla, es ist ja ein schreckliches Wetter, der eisige Wind und dazu das Schneegestöber, – hast du denn das nicht bemerkt?“„O ja,“ antwortete die Russin, „aber ich liebe das gerade und nenne solches Wetter schön.“Sie hatte jetzt ihre Fassung wieder gewonnen und[pg 227]konnte mit unbefangenem Gesicht bei dem jungen Ehepaar eintreten. Bei Tische sprach sie lebhaft und viel; sie war lange nicht so redselig gewesen wie heute, und ihre Augen leuchteten in einem wunderbaren Glanze. Ilse saß ihr gegenüber und betrachtete sie mit heimlicher Bewunderung; sie glaubte, die Freundin nie so schön gesehen zu haben. Die leicht geröteten Wangen standen ihr zum Entzücken. Sie erzählte lebendig und spannend von ihrer Heimat und wußte dadurch die Gedanken von der bevorstehenden Trennung, welche namentlich Nellie und Ilse naheging, abzulenken. Dann und wann flogen ihre Blicke verstohlen nach der Uhr, und so oft jemand ins Zimmer hereinkam, wandte sie schnell den Kopf nach der Türe. Als Nellie erwähnte, daß Andres während ihrer Abwesenheit dagewesen sei, lächelte sie geheimnisvoll, so daß Ilse sie fragte, was denn ihre Heiterkeit erregt habe.Nach dem Abendessen begab sich die kleine Gesellschaft wie gewöhnlich in Nellies gemütliches Zimmer, wo es heute besonders behaglich aussah. Ein helles Feuer knisterte in dem kaminartigen Ofen, und die Lampe mit dem Schirm von rosa Seide beleuchtete alles mit einem magischen Schimmer. Ein zarter Maiblumenduft, den die junge Frau besonders liebte, durchwehte den traulichen Raum.Orla stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Jetzt konnte er jeden Augenblick kommen, denn es war die Zeit, welche sie verabredet hatten. Sie spähte die Straße entlang, das Gestöber hatte aufgehört, blendend weiß leuchtete ihr aus der Dunkelheit der Schnee entgegen. Mit fieberhafter Ungeduld sehnte sie den Augenblick herbei, der ihr den Geliebten bringen sollte, und es dünkte ihr eine Ewigkeit, die er sie warten ließ. Endlich sah sie eine hohe Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen, die es sehr eilig zu haben schien, denn mit großen Schritten näherte sie sich dem Hause. Das war er! Die Gartenpforte klirrte,gleich[pg 228]darauf fiel die Haustüre ins Schloß und nun wurde kräftig an der Klingel gezogen. Das Mädchen kam herein und meldete Doktor Andres, der ihr auch gleich auf dem Fuße folgte. Orla beugte sich tief über die Maiblumen im Fenster, um ihr Antlitz zu verbergen.„Sie strahlen ja förmlich, Doktor, was ist denn mit Ihnen geschehen, haben sie etwa das große Los gewonnen?“ rief ihm Althoff scherzend entgegen.„Ja,“ gab er lachend zur Antwort, und dabei überflog es seine Züge wie ein verklärender Schimmer. Er schritt auf Orla zu und legte ihre kleine kalte Hand in die seinige. So trat er mit ihr zu den andern in den Lichtkreis der Lampe, deren Schein ihr jetzt bleiches Gesicht rosig überhauchte.„Ja,“ wiederholte er noch einmal, und seine Stimme zitterte leise. „Sie haben recht, Herr Doktor, ich habe das große Los gewonnen, – hier, hier ist meine Braut.“Stürmisch zog er Orla an seine Brust.Die Freunde hatten einen Augenblick wie sprachlos gestanden, dann aber brach ein wahrer Jubel los.Die junge Braut wurde von Nellie und Ilse mit Fragen überschüttet, während sich die beiden Männer herzlich die Hände schüttelten. Orla lächelte selig, und in ihren Augen schimmerte es feucht. Dies versetzte die weichherzige Nellie in eine solche Rührung, daß ihr nun auch die Tränen über die Wangen rollten und sie Orla in langer Umarmung festhielt. Ilse, welche ihr unter vielen zärtlichen Küssen die innigsten Wünsche zugeflüstert hatte, bemerkte kaum die Tränen in den Augen der beiden festumschlungenen Freundinnen, als auch sie sich der Rührung nicht erwehren konnte und ihren Zähren freien Lauf ließ.Jetzt wurde es aber den beiden Männern zu viel. „Das ist mir eine schöne Geschichte,“ rief Althoff, „da weint ihr alle drei statt zu jauchzen und fröhlich zu sein! Lieber[pg 229]Freund,“ wandte er sich zu Andres, „an Ihrer Stelle ließe ich es mir nicht gefallen, daß eine solche Freudenbotschaft mit Tränen begossen wird. Laßt uns dieselbe mit etwas andrem begießen, und auf das Wohl des jungen Paares anstoßen. Halt! Ich habe eine Idee! Nellie, Weib, wo sind die Weinkellerschlüssel? Daran werden Sie sich auch noch gewöhnen müssen, lieber Doktor, daß die Frauen alles unter Verschluß halten, sogar den Weinkellerschlüssel, am sichersten aber den – Hausschlüssel!“

* * *

Leider ging es Floras Mann nicht so gut, wie Ilse, sein Zustand hatte sich von Tag zu Tag verschlimmert, er war schwer an einer Lungenentzündung erkrankt. Andres hatte noch einen zweiten Arzt hinzugezogen und beide blickten mit großer Besorgnis in die nächste Zukunft. Die Freundinnen standen Flora in dieser schweren Zeit treu zur Seite, täglich kam eine, um zu helfen und zu raten; denn Flora war in der Krankenpflege ganz unerfahren und ungeschickt. Sie hatte im Anfang die Krankheit ihres Mannes mit großer Sorglosigkeit angesehen; als aber das hohe Fieber nicht weichen wollte, die Kräfte ersichtlich abnahmen und sie die besorgten Gesichter der beiden Ärzte sah, da fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen, und eines Tages war sie Nellie weinend um den Hals gefallen und hatte ihrem geängstigten Herzen Luft gemacht. Nellie hatte sie auf das liebevollste getröstet und ihr Mut eingesprochen. Als sie dann aber den einst so kräftigen Mann abgemagert und teilnahmlos in den Kissen liegen sah, da vermochte sie[pg 198]selbst die Tränen nicht zurückzuhalten, und auch nachher konnte ihr Gatte sie kaum beruhigen, als sie nach Hause kam und ihm erzählte, wie Gerber verändert und kaum wieder zu erkennen sei.

Wieder vergingen Tage, ohne die so heiß ersehnte Besserung zu bringen, und Flora, welche jeden Halt verloren hatte, weinte nur und klagte, selbst im Krankenzimmer konnte sie sich nicht beherrschen. Nellie hatte sich erboten, Käthchen mitzunehmen, da sie es nicht mehr mit anzusehen vermochte, wie das Kind am Bett seines Vaters kauerte, die großen Augen angstvoll auf sein eingefallenes Gesicht gerichtet, und leise seine Hände streichelte.

„Laß das Kind mit mich gehen,“ hatte Nellie gebeten, „es ist hier keine Ort für ihr.“ Und auch Andres, der zugegen war, meinte, es wäre besser für die Kleine, wenn sie in andre Umgebung käme, der fortwährende Aufenthalt in der Krankenstube könne ihr nur schaden.

Flora nahm Nellies Anerbieten gern an, und die junge Frau war sofort daran gegangen, Käthchens Sachen zusammenzupacken und alles Nötige zu besorgen. Aber so leicht, wie sie dachte, ließ sich das Kind nicht mitnehmen; es sträubte sich und wollte durchaus bei seinem lieben Papa bleiben. Nach unendlicher Mühe und vielen Liebkosungen Nellies gelang es ihr schließlich, Käthchen gegen das Versprechen, daß sie ihren Papa bald wiedersehen würde, und auf die Versicherung hin, daß dieser selbst wünschte, sie möge ein artiges Kind sein, zum Mitgehen zu bewegen. Alles war zum Empfang der Kleinen auf das reizendste vorgerichtet. Nellie hatte hübsche Spielsachen eingekauft, und die beiden jungen Mädchen versuchten, mit ihr zu spielen und zu scherzen. Es glückte ihnen aber nicht, ein Lächeln auf dem ernsten Kindergesicht hervorzurufen. Die Spielsachen blieben unberührt, und Käthchen fragte nur immer, ob ihr lieber Papa bald wieder gesund würde. Die[pg 199]weichherzige Ilse mußte sich abwenden, um ihre Rührung zu verbergen, sie konnte den traurig fragenden Blick in Käthchens Augen nicht ertragen. Als Nellie sie am Abend in das Bettchen brachte, das sie dicht neben das ihrige gestellt hatte, und die Kleine mit gefalteten Händen ihr Abendgebet hersagte, das mit der rührenden Bitte schloß: „Lieber Gott, mache meinen Papa recht bald wieder gesund,“ da ahnte das unschuldige Kindergemüt nicht, daß bereits der Todesengel unheilschwer über dem Haupte des Vaters schwebte.

„Nicht wahr, liebe Tante, der liebe Gott hat mich gehört?“ fragte sie Nellie, und als diese unter Tränen lächelnd nickte, legte sie das Köpfchen voll Vertrauen in die Kissen. Nellie blieb so lange am Bettchen sitzen, bis Käthchen fest eingeschlafen war. Die blassen Bäckchen hatten sich zart[pg 200]gerötet, und der kleine Mund lächelte im Schlafe. Fast andächtig blickte die junge Frau auf das schlummernde Kind, – konnte es etwas Süßeres, etwas Lieblicheres geben? Sie streichelte die kleinen Hände und lauschte den ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Wie eine Mutter strich sie mit der Hand über die Kissen, daß auch kein Fältchen den Schlummer des kleinen Geschöpfchens stören sollte. Dann erhob sie sich, drückte einen leisen Kuß auf die reine Kinderstirn und schlich sich aus dem Zimmer.

„O, es liegt wie eine Engel, das kleine Mädchen,“ sagte sie zu Orla und Ilse.

Spät am Abend kam Doktor Andres, bleich, mit verstörter Miene. Es hatte ihn gedrängt, den Freunden noch mitzuteilen, daß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen müßte. Das Fieber blieb trotz aller angewandten Mittel auf gleicher Höhe und die Kräfte verfielen zusehends. Alle waren über diese Botschaft tötlich erschrocken, und Nellie zeigte sich sofort bereit, zu Flora zu eilen.

„O nein, ich darf ihr nicht verlassen!“ rief sie, als man sie zurückhalten wollte. „O, Fred, laß mich! Ich rege mir viel mehr auf, wenn ich hier bleibe, während meine Gedanken doch bei ihr sind.“

„Dann gehe ich mit dir,“ entschied Althoff, der es schließlich auch ganz natürlich fand, daß seine Frau Flora in den schweren Stunden, vielleicht den schwersten ihres Lebens, nicht verlassen wollte. Der junge Arzt verabschiedete sich, er mußte wieder zu dem Kranken eilen. Orlas Hand behielt er länger als gewöhnlich in der seinen, und sein tiefer, ernster Blick ruhte mit Innigkeit auf ihrem Antlitz.

„Auf Wiedersehen!“ sagte er leise und ging fort.

Ilse hatte Nellies Sachen hereingeholt und half der Freundin mit zitternden Händen beim Anziehen. Wie ein Alp lastete es auf allen, und nur das Nötigste wurde gesprochen.

Das junge Ehepaar war fortgegangen, und es herrschte jetzt eine fast unheimliche Stille in dem Zimmer, in welchem sonst heiteres Lachen und Plaudern ertönte. Orla saß am Tisch, tief über ein Buch gebeugt. Ilse lehnte in der Sofaecke, die gefalteten Hände lagen in ihrem Schoß. Sie fürchtete sich grenzenlos, aber sie wagte nicht, Orla dies einzugestehen. Die kleine niedrige Lampe mit dem breiten Schirm beleuchtete hell den runden Tisch. Aber die übrigen Gegenstände im Zimmer außerhalb dieses Lichtkreises verschwanden in einem matten Halbdunkel. Nichts störte die nächtliche Ruhe, als das gleichmäßige Ticken der Uhr. Orla saß unbeweglich, scheinbar in ihre Lektüre vertieft, kaum daß sie mit der Wimper zuckte. Aber ihre Gedanken weilten heute nicht bei dem Inhalt des Buches, den sie mechanisch ablas. Sie hafteten an einer hohen, schönen Gestalt, von der sie sich nicht losreißen konnte, deren Bild sie im Wachen nicht verließ und bis in ihre Träume verfolgte. Mit doppeltem Eifer, als wollte sie es gewaltsam zurückdrängen, hatte sie gelesen und studiert. Sie war fast unzugänglich und sehr schweigsam gewesen, hatte immer hinter ihren Büchern gesessen, so daß ihr Lehrer, so sehr er sich über ihre Fortschritte freute, sie doch ernstlich ermahnte, ihre Kräfte zu schonen.

Nur wenn Andres kam, dann sprudelte sie über von Geist und Witz. Er erkundigte sich nach ihren Studien, sie fragte nach den Erlebnissen in seiner Praxis. Beide schienen dann nur für einander da zu sein, sie vergaßen völlig ihre Umgebung, und die sonst so kluge, überlegene Orla dachte nicht daran, daß die Freunde merken mußten, was sie als tiefstes Geheimnis in ihrem Herzen verschlossen zu halten glaubte.

Kleine harmlose Neckereien ließ sie sich lächelnd gefallen, aber jede ernste Anspielung wies sie entschieden zurück. Sie meinte, wenn zwei Menschen zusammen übereinstimmten und[pg 202]gemeinsame Interessen hatten, müßten sie nach der Ansicht der anderen natürlich gleich ineinander verliebt sein. Sie wäre überhaupt keine Natur zum Lieben geschaffen.

Nellie und Ilse als Erfahrenere in dieser Beziehung lächelten sich bei diesen Worten überlegen an und schwiegen.

Orla glaubte sich wirklich gefeit gegen die Liebe. Die kleinen Tändeleien und Liebschaften, welche andern so viel Freude und auch wohl kindliche Schmerzen bereiten, waren ihr fremd geblieben. Außer Doktor Althoff, für den in der Pension alle Mädchen schwärmten, hatte sie nie eine sogenannte „Flamme“, wie es die andern nannten, gehabt. „Kalt wie eine Hundeschnauze“, diesen sehr drastischen Vergleich hatte Annemie einmal gebraucht, worüber die ästhetische Flora ganz entsetzt gewesen war.

An die Ärmste dachte Orla jetzt voller Mitleid! Die Lust zum Dichten würde ihr wohl jetzt, da ihr das Leben zum ersten Male seine ernsten Seiten zeigte, vergehen. Wie es wohl um diese Zeit bei Gerbers aussah? Orla sah Andres im Geist neben dem Bette des Kranken sitzen, ruhig und sicher seine Anordnungen treffend. Diese Ruhe und Sicherheit, sein rücksichtsvolles Wesen, wo es galt, Rücksicht zu nehmen, – stempelten ihn diese Eigenschaften nicht zum echten, menschlich fühlenden und denkenden Arzte, zu welchem die Kranken mit unbedingtem Vertrauen aufblicken konnten? Vielleicht waren jetzt gerade Floras um Hoffnung flehende Augen auf ihn gerichtet, und, – o Gott, wie schwer mußte das sein, – vielleicht konnte er ihr keine mehr geben, vielleicht war schon alles vorbei!

Wenn sie nur wüßte, wie es ging, die Stunden schlichen so langsam dahin, eben schlug es draußen von den Türmen in langsamen Schlägen zwölf Uhr. Die Geisterstunde, wie Ilse schaudernd dachte. Ihre lebhafte Phantasie war von den schaurigen Bildern erfüllt. Bald starrte ihr aus einer Ecke das totenblasse, verzerrte Gesicht des Doktor Gerber[pg 203]entgegen, oder Leo erschien ihr, und seine Augen schauten sie traurig und vorwurfsvoll an. Aus allen Winkeln grinsten sie Fratzen und Gestalten an; die weißen Gardinen erschienen ihr wie wallende Gewänder von Gespenstern, wo sie hinblickte, sah sie etwas Gräßliches. Nein, so hielt sie es nicht länger aus! sie erhob sich aus ihrer dunklen Ecke und trat an den Tisch.

Orla blickte auf.

„Es ist spät geworden, wollen wir zu Bett gehen, Ilse?“

„Ach Orla, ich kann doch nicht schlafen, ich bin zu aufgeregt.“

„Ich bleibe gern mit dir auf,“ erwiderte Orla und erhob sich. „Komm, wir wollen nach der Kleinen sehen, ob sie ruhig schläft.“

Ilse schmiegte sich dicht an die Freundin, als sie über den Vorplatz gingen, und sah sich fortwährend furchtsam um. Als Orla beim Vorbeigehen den Schirmständer streifte, schreckte Ilse bei dem Geräusch jäh zusammen und umklammerte die Russin mit beiden Händen.

„Kind, ich glaube wahrhaftig, du fürchtest dich,“ sagte Orla erstaunt, da ihr Furcht etwas ganz unbekanntes war.

„Ach nein, nur heute abend,“ stotterte Ilse verlegen, die sich gerade von Orla nicht gern dabei ertappen ließ, daß sie ein Hasenfuß war.

Das Zimmer, in welchem Käthchen schlief, war nur schwach durch eine Nachtlampe erleuchtet, deren matter Schein auf dem weißen Bettchen lag. Die jungen Mädchen beugten sich darüber und betrachteten das sanft schlummernde Kind.

„Wie entzückend!“ flüsterte Ilse.

„Armes, kleines Ding!“ sagte Orla und küßte es auf das weiche Bäckchen.

„Wie es nur bei Gerbers aussehen mag,“ meinte Ilse und ließ sich auf einen Schemel zu Füßen Orlas, die sich[pg 204]neben das Bettchen gesetzt hatte, nieder. Die Freundin konnte nur mit einem Achselzucken antworten; auch sie beschäftigte sich innerlich fortwährend mit dieser Frage.

„Ich kann mir gar nicht denken, daß er nicht wieder gesund wird,“ fuhr Ilse fort. „Es wäre doch schrecklich, so jung sterben zu müssen.“

„Danach fragt der Tod nicht,“ sprach Orla leise wie in Gedanken versunken vor sich hin. „Meine Eltern waren auch noch jung, als sie starben und mich als Waise zurückließen.“

Ilse blickte zu der Freundin empor und sah es feucht in deren Augen schimmern, die heute einen seltsam weichen Ausdruck hatten. Schmeichelnd legte sie ihren Kopf in Orlas Schoß.

„Liebe, liebe Orla,“ flüsterte sie leidenschaftlich und hätte sich ihr in der Stimmung, in welcher sie sich befand, am liebsten um den Hals geworfen, um sich dort auszuweinen. Aber sie wußte, daß Orla eine Feindin solcher Szenen war, und deshalb begnügte sie sich damit, ihr die Hände zu streicheln und ihre Wange darauf zu legen. So saß sie ganz still mit geschlossenen Augen und als Orla ihr liebkosend über das braune, lockige Haar fuhr, da war es ihr, als ruhte sie an Leos Brust und dieser ließe ihre Locken durch seine Finger gleiten, was er so gerne tat. Die zärtlichen, rosigen Stunden ihrer Brautzeit drängten sich in ihre Erinnerung, und sie empfand im Geiste wieder das wohlige Gefühl, von den Armen eines geliebten Mannes umschlossen zu sein. Hatte ihr Herz in solchen Momenten nicht höher geschlagen vor Freude und Seligkeit? Und warum war es denn anders geworden, warum sollten diese glücklichen Zeiten vorbei sein? Wie ein Nebel zerfloß vor ihren Augen die kleinliche Ursache ihres Streites, und sie wollte es sich gar nicht mehr eingestehen, daß sie deshalb ihr Glück auf das Spiel gesetzt hatte. Wie viele Stunden und Tage hatte sie[pg 205]sich und ihm verbittert, welch lange Trennung herbeigeführt! Wann wird diese ein Ende nehmen?

Auf einmal empfand sie, wie bitter unrecht das alles war, da doch das Leben nur kurze Dauer hat und die schweren Zeiten ohnedies nicht ausbleiben. Konnte sie nicht ein gleiches Schicksal treffen wie Flora, welche auch achtlos in den Tag hinein lebte und nun vielleicht zu spät erkannte, welche Pflichten sie hätte erfüllen müssen? Wenn jetzt deren Mann stürbe, würde dann nicht die Reue sie ewig peinigen und ihr mitleidlos zurufen: du hast deinen Mann vernachlässigt, du hast sein Dasein nicht erhellt. Mit diesem schrecklichen Vorwurf im Herzen leben zu müssen, dachte Ilse, nein, das könnte sie nicht, da würde sie eher vergehen.

Aber hatte sie nicht auch Liebe und Glück besessen und beides mit leichtsinniger Hand beiseite geworfen? Würde sie wohl wieder aufrichten können, was sie zerstört hatte, oder war es schon zu spät dazu? Nein, das durfte, das konnte nicht sein! Es packte sie mit wahnsinniger Angst, und der Gedanke, daß Leo jetzt sterben könnte, stand drohend vor ihrer Seele und verfolgte sie wie eine fixe Idee. Um Gottes willen, nur das nicht, nur das nicht, dachte sie bebend, und sie gelobte sich in diesem Augenblick feierlich, anders werden, ihm nie wieder solches Leid zufügen zu wollen.

Und nun dachte sie auch daran, wie sie ihre Eltern gekränkt hatte, wie die darunter leiden und mit welcher Sorge sie wohl in ihre Zukunft blicken mochten. Dennoch aber hatte sie nie ein Tadel oder Vorwurf getroffen, ihre Briefe waren stets liebevoll und zärtlich gewesen, aus zarter Rücksicht hatten sie niemals ihr Zerwürfnis mit Leo berührt. Und wie vergalt sie solche Liebe und Güte, war sie dankbar dafür?

Beschämt hielt sie Einkehr in ihrem Innern, sie fühlte, wie unrecht sie gehandelt hatte und noch handelte; immer klarer wurde es in ihr, ihre bessere Natur gewann wieder[pg 206]die Oberhand in ihrem Herzen, von welchem sich Trotz und Eigensinn wie rauhe Schalen von einem guten Kern lösten.

Vor ihren Augen zogen Bilder aus der Vergangenheit vorüber, die Rückkehr aus der Pension in das Elternhaus, ihre Verlobung. Sie sah die Eltern, das kleine Brüderchen, sie hörte dieses jauchzen, war mit Leo zusammen und fühlte sich glückselig und froh, wie sie es lange nicht gewesen. Die lieblichsten Erinnerungen wiegten sie endlich sanft in Schlummer und begleiteten sie in ihren Träumen, aus denen sie erst erwachte, als sie plötzlich ihren Namen rufen hörte.

Schlaftrunken fuhr sie empor und sah Doktor Althoff, der eifrig mit Orla sprach. Sie wurde sich bewußt, daß sie sehr lange geschlafen haben mußte, denn die Morgendämmerung stahl sich schon durch die Fenster herein und überzog alles mit einem grauen, fahlen Schein.

„Komm Ilse, steh auf,“ sagte Orla und half ihr sich erheben. Mit einem traurigen Blick auf das schlafende Kind neigte sie sich dicht zu ihrem Ohr und sagte mit leiser Stimme: „Der arme Doktor Gerber ist tot.“

„O, mein Gott!“ rief Ilse so laut, daß Orla sie aus dem Zimmer zog, weil das Kind nicht aufwachen sollte.

„Ist es denn wahr?“ fragte sie Althoff mit tränenerstickter Stimme; „das ist ja fürchterlich.“ Er nickte und ließ sich in einen Stuhl fallen, indem er den Kopf müde in die Hand stützte.

„Die arme, arme Flora, das süße kleine Käthchen,“ jammerte Ilse, während sie aufgeregt hin und her ging.

Orla war inzwischen hinausgegangen und hatte dafür gesorgt, daß Althoff Kaffee bekäme. Sie brachte ihm jetzt selbst eine Tasse herein und setzte sie vor ihn hin.

„Bitte, trinken Sie, Herr Doktor, ich habe den Kaffee recht stark gemacht, er wird Sie erfrischen.“

Er dankte ihr herzlich und trank. Dann zog er seine Uhr heraus.

„Schon bald acht Uhr, da ist es Zeit, daß ich gehe.“ Er erhob sich.

„Die arme Nellie, sie ist so erregt, es ergreift sie tief,“ sagte er.

„Sie muß entschieden jetzt Ruhe haben,“ versetzte Orla, „ich werde zu Flora gehen und sie ablösen.“

„Ich gehe mit,“ rief Ilse und hing sich an Orlas Arm.

Die beiden gingen mit Althoff zusammen fort. Dieser war froh, daß Nellie nun nach Hause gehen konnte, denn er fürchtete, daß die entbehrte Nachtruhe und die Aufregung ihr schaden könnten.

Als die Freundinnen das Trauerhaus betraten, zögerte Ilses Fuß auf der Schwelle; sie mußte die Hand auf das klopfende Herz legen. Schon hier beschlich sie das unheimliche Gefühl, welches der Ort, an dem ein Toter liegt, hervorruft, und sie wäre am liebsten wieder umgekehrt, wenn nicht Orla, welche die Treppe schon hinaufgegangen war, sie leise gerufen hätte. Oben an der Tür kam ihnen Nellie mit verweinten Augen entgegen und die drei jungen Wesen umarmten sich stumm, keine vermochte zu sprechen. Sie traten in Floras Zimmer ein. Heute lagen keine bunt verstreuten Blätter auf dem Schreibtisch herum, wie bei Ilses erstem Besuche, auch glich die schweigsame Nellie am Fenster nicht im geringsten der Nellie von damals, deren übermütiger Spott so belustigend gewesen war. Der düstere Wintermorgen paßte so recht zu der Stimmung in dem stillen Gemach. Fröstelnd, kalt und unbehaglich war es heute, der einförmig graue Himmel sah nicht aus, als ob er auch im klarsten Blau strahlen und heiter lächelnde Sonnenblicke schicken könnte.

„Wo liegt er?“ fragte Orla endlich nach langem Schweigen.

Nellie bezeichnete ihr das Zimmer.

„Ist Flora dort?“

„Sie ruht sich ein wenig,“ gab Nellie zur Antwort.

Orla ging hinaus. Sachte klinkte sie die Türe zum Sterbegemach auf und trat ein. Durch die weit geöffneten Fensterflügel strömte ihr die kalte Luft erfrischend entgegen, und sie atmete tief auf, denn die dumpfe Luft in Floras Zimmer war beängstigend gewesen und hatte sie beklommen gemacht.

Noch erinnerte in dem Raum nichts daran, daß hier ein Toter lag, noch hatte keine ordnende Hand den Eindruck des Krankenzimmers verwischt. Auf dem Tischchen vor dem Bett stand noch das halbgeleerte Glas, aus welchem er zuletzt getrunken, daneben lag das Thermometer, das mit grausamer Genauigkeit die hohe Temperatur des Kranken gezeigt hatte. Alles war noch unberührt geblieben, und man konnte glauben, daß der stille Mann dort im Bett ein Schlafender wäre.

Orla war näher getreten und sah mit wehmütigen Blicken auf ihn nieder. Ruhig und friedlich war der Ausdruck seines Gesichtes, das wachsbleiche Profil hob sich scharf von dem dunklen Grund der Wand ab, die Hände lagen über der Brust zusammengefaltet. Sie ließ sich auf einem Stuhle nieder, der dicht am Bett stand, und betrachtete lange das Antlitz des Verblichenen. So im besten Mannesalter zu sterben, das mußte schrecklich sein, – und doch, konnte man ihn beklagen, der das Leben verließ, dem Unglück und Leid nun nichts mehr anzuhaben vermochten? Nein, zu beklagen waren die, die ihn beweinten, die trauernde Witwe, das verwaiste Kind. Ihnen hatte der erbarmungslose Tod den Gatten, den Vater geraubt.

Ein leiser Schritt hinter Orla ließ sie aufblicken; es war Andres, der ihr ernst die Hand entgegenstreckte und dessen Blässe verriet, daß er am Totenbette seines Freundes und Vorgesetzten viel gelitten hatte. Schweigend sah er auf den Toten, indem er Orlas Hand in der seinen behielt. Dann[pg 209]wandte er sich ihr zu, und seine Augen versenkten sich in die ihrigen.

„Ihr künftiger Beruf wird Sie an manches Totenbett führen und oft werden Sie bitter empfinden, wie schwach die Hilfe des Arztes ist, wenn er verzweifelt nach Mitteln sucht, und wie armselig ihm seine Wissenschaft vorkommt, wenn er in brechende Augen sieht, ohne Rettung bringen zu können. Werden Sie das ertragen, Orla, wird das nicht zu viel sein für ein zartes Weib?“

Es war zum ersten Male, daß er sie beim Vornamen nannte. Flüsternd und schnell hatte er gesprochen und fast flehend hatte seine letzte Frage geklungen. Sie antwortete ihm nicht darauf, – hatte er nicht recht und war es nicht gewagt für ein Weib, von Natur die Schwächere, von ihrem Körper abhängig, daß sie glaubte, sich an die Seite ernster Männer zu stellen, wie sie ringen und kämpfen zu können, um der leidenden Menschheit zu helfen? Zum[pg 210]ersten Male am Bett dieses Toten war ihr der Gedanke gekommen, daß es schwer sein müßte und daß das Gemüt einer Frau sich wohl nie daran gewöhnen würde, dem unerbittlichen Tod so oft ins starre Antlitz zu blicken. Es waren also ihre eigenen Gedanken gewesen, welchen der junge Arzt Worte verliehen hatte. Wie deutlich verstand er in ihrer Seele zu lesen!

Die Türe wurde jetzt geräuschlos geöffnet, und ein Luftzug drang durch das Fenster, der die Gardinen bewegt, und das junge Paar streifte. Flora mit Ilse und Nellie traten ein, letztere im Hut und Mantel, da sie im Begriff war fortzugehen. Die junge Witwe schien um Jahre gealtert, ihre Augen waren tief eingesunken und ihr Gesicht aschgrau. Unheimlich starren Blickes sah sie auf ihren Mann, wie gebrochen sank sie auf dem Stuhl am Bette nieder und legte den Kopf auf ihre Arme, welche krampfhaft die Stuhllehne umklammerten. Ilse unterdrückte mit Mühe ein lautes Schluchzen, sie hatte noch nie eine Leiche gesehen und mußte ihre zitternde Gestalt fest auf Nellies Arm stützen, als sie nun ängstlich in das regungslose Antlitz schaute, das vor ihr in den weißen Kissen lag. In heiliger Scheu und Andacht umstanden sie alle das Lager des Geschiedenen, nichts unterbrach die feierliche Stille des Sterbezimmers. Plötzlich ertönte draußen eine weinende Kinderstimme, man hörte trippelnde Füßchen über den Vorplatz eilen; im nächsten Moment schnellte die Türklinke auf, und die kleine Käthe kam ins Zimmer gelaufen. Einen Augenblick staunte sie die tiefernsten Gesichter an und sah verwundert von einem zum andern, dann erblickte sie ihren Papa in seinem Bett, und durch die hellen Tränen schimmerte in ihren Augen ein glückseliges Lächeln.

„Lieber, lieber Papa, nun bin ich wieder bei dir und gehe nicht mehr fort,“ sagte sie zärtlich.

Orla trat zu der Kleinen und wollte sie fortführen,[pg 211]sie klammerte sich aber an das Bett und fing jämmerlich an zu weinen.

„Nein, ich will hier bleiben,“ rief sie und fragte dann:

„Schläfst du denn noch, lieber Papa? Bitte, bitte, wache doch auf, ich will dir ja guten Morgen sagen. Aber Papa, so höre mich doch!“ drängte sie endlich ungeduldig, und als sie keine Antwort erhielt, stellte sie sich auf die Fußspitzen und sah ihm ins Gesicht. Und wieder rief sie ihn schmeichelnd, und ihre kleinen Finger strichen liebkosend über seine erstarrten Hände. Aber schaudernd fuhr sie zurück, und wie eine unbewußte Ahnung überflog es ihre kindlichen Züge.

„Papa, Papa!“ schrie sie laut, „warum bist du denn so kalt, lieber Papa, warum wachst du nicht auf?“ Furchtsam wich sie von ihm zurück, ihre großen angstvollen Augen fortwährend auf das bleiche Antlitz gerichtet.

Nun trat Andres zu dem Kind und wollte es fortbringen; in demselben Augenblick sah Flora wie aus einem Traum erwachend um sich, und als sie das kleine, hilflose Geschöpf jammernd und klagend am Bette seines Vaters erblickte, da sprang sie auf und fiel mit einem lauten Schrei vor ihm nieder, drückte es heftig an sich, und ein heißer Tränenstrom erleichterte die Qualen ihres Herzens. Mit einem Male schien die Liebe für die kleine Waise in ihr erwacht zu sein und sie bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen. Aber für Käthchen waren Zärtlichkeiten ihrer Mutter etwas ganz Fremdes und sie entwand sich deshalb schnell ihrer Umarmung.

„Laß mich, ich will zu meinem Papa!“ rief sie und blickte Flora feindselig an. „Ich mag dich nicht, ich habe nur meinen Papa lieb,“ setzte sie noch hinzu, ohne das geringste Mitleid für die schluchzende Gestalt, die auf dem Boden kniete und die Hände rang. Erbarmungslos sprach der Kindermund sein Urteil aus.

Die traurige Szene erschütterte alle aufs tiefste, und um derselben ein Ende zu machen, nahm Andres jetzt das Kind auf den Arm und trug es aus dem Zimmer. Vertrauensvoll umschlang Käthchen seinen Hals und legte das Köpfchen an seine Schulter, denn diesen Onkel hatte sie gern, er gab ihr stets so freundlich die Hand, wenn er ihr auf der Straße begegnete, und hatte ihr oft Spielsachen mitgebracht, wenn er zum Papa gekommen war.

Nellie war zu Flora getreten, die laut weinte.

„Komm, liebe Flora, wir wollen in das andre Zimmer gehen.“

Willenlos ließ sie sich fortführen, Orla und Ilse, deren weiches Gemüt unter diesen Vorgängen entsetzlich litt, folgten ihnen.

Nellie hatte Hut und Mantel wieder abgelegt, trotz Orlas inständiger Bitte, nach Hause zu gehen. Sie konnte sich nicht entschließen, Flora in ihrem Schmerz zu verlassen, besonders da diese sie flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. Mitleidsvoll umstanden die Freundinnen die Ärmste, die sich nicht fassen konnte und verzweifelt schluchzte. Sie hätten ihr so gern ein Wort des Trostes gesagt, aber keine vermochte es über die Lippen zu bringen. Gab es denn auch Trost für sie?

„Liebe Flora, du darfst dir nicht aufregen,“ brachte Nellie endlich hervor, „denke an deine süße Baby, das nur dich noch hat auf die große Welt.“

„Nellie,“ schrie die Unglückliche auf, „ach es ist nicht zum ertragen! Das Kind wendet sich jäh von mir, und hat es nicht recht? Bin ich ihm eine treue Mutter gewesen, dem Vater eine pflichttreue Frau? Jetzt erst fühle ich, daß ich ihn geliebt habe, daß ich mich nur im Trotz von ihm wandte, weil ich glaubte, er wolle mich nicht verstehen. Ich bin schuld an seinem Tode, hätte ich ihn nie zu dieser unglückseligen Schlittenpartie gezwungen! Dort, dort hat er sich den Tod geholt. Liebe, einzige Nellie, nie kann ich wieder[pg 213]froh werden, mit dieser Qual, dieser Reue im Herzen, immer sehe ich sein brechendes Auge vorwurfsvoll auf mich gerichtet! Wenn er noch lebte, wollte ich anders werden, aber nun ist alles vorbei, er ist von mir gegangen, ohne mir verziehen zu haben!“

„O nein, so darfst du nicht sprechen, so nicht,“ sagte Nellie mit tränenerstickter Stimme und versuchte die Weinende mit liebevollem Worten zu beruhigen.

Ilse hatte bei Floras Selbstanklage ihr Herz in hämmernden Schlägen gefühlt, ihr Inneres bebte bei jedem ihrer Worte. Wie furchtbar war es doch, wenn die Reue zu spät kam und Tag und Nacht keine Ruhe ließ! Mußte es nicht zum Verzweifeln sein? Mit einem Schlage war Flora zum Bewußtsein gekommen, jetzt jammerte und klagte sie, da es nichts mehr half, da der Mund ihres Mannes für immer geschlossen war und ihr kein verzeihendes Wort mehr sagen konnte. Ein Angstgefühl schnürte Ilses Brust zusammen, daß ihr der Atem stockte. Dort in dem Zimmer, am Bette des Toten war es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, mit einem Male konnte sie klar sehen, und nun kam sie sich erbärmlich und klein vor und zitterte bei dem Gedanken, daß das Schicksal auch sie mit unbarmherziger Hand berühren könnte, wie es hier getan. War es denn so schwer, vergab sie sich etwas, wenn sie dem Manne, den sie liebte, den sie durch ihren Widerstand doch erst zum Äußersten gebracht hatte, zuerst die Hand zur Versöhnung reichte? Ja, war es nicht ihre Pflicht und Schuldigkeit, ihn um Verzeihung zu bitten, nach dem, was geschehen war? Mußte er nicht an ihrer Liebe zweifeln, als sie ihm durch ihre Flucht solche Kränkung zufügte? Orla hatte recht, sie war mit Blindheit geschlagen gewesen, von der sie nun endlich sich befreit fühlte.

Die Erfahrungen, welche sie durch den Einblick in das eheliche Leben ihrer Freundinnen gesammelt, hatte sie auf[pg 214]geklärt, sie war eine andre geworden. Erschien ihr nicht Nellie als das Muster einer Gattin, war sie etwa widerspenstig, quälte sie ihren Mann mit kleinlichen Launen? Nein, sie war fügsam und nachgiebig. Gerade diese Eigenschaften waren es aber, die ihr den Reiz der echten Weiblichkeit verliehen.

Wie erschien ihr dagegen das Benehmen Rosis? Stieß nicht ihre Herrschsucht auf das unangenehmste ab? Sah Rosi denn nicht ein, daß sie ihren Gatten in den Augen andrer lächerlich machte, wenn sie den ihr gegenüber viel zu gutmütigen Mann dazu zwang, sich ihrem Willen zu fügen? Ilse verabscheute solches Wesen bei einer Frau, aber – so mußte sie sich eingestehen – war sie nicht auf dem besten Wege gewesen, wie jene zu werden?

Und wie unwürdig erst war ihr Floras Ehe vorgekommen! Sie hatte stets Mitleid für den armen Mann und das kleine Mädchen empfunden und war über Flora empört gewesen, die über ihre verschrobenen Ideen das Wichtigste vergaß. Ja, Ilse vermochte gut zu unterscheiden, ob eine Frau ihren Mann glücklich machte, sie hätte auch Rosi und Flora sagen können: so und so dürft ihr nicht handeln, wenn ihr eure Männer zufrieden sehen wollt. Warum gab sie diese guten Lehren nicht sich selbst, warum hatte sie sich nicht längst eingestanden, daß auch sie ihren Bräutigam durch ihren Eigensinn und Trotz betrüben mußte? Und verdiente er nicht volles ungestörtes Glück, da er ihr doch die beste, reinste Liebe gab? Und mußte er nicht in ihrer Achtung dadurch steigen, daß er sich einer kindlichen Laune von ihr nicht beugen wollte?

Diese Gedanken, welche auf Ilse nach dem traurigen Ereignis einstürmten, verfolgten sie wie böse Geister mit den bittersten Vorwürfen, den selbstquälerischsten Anklagen, sie fand keine Ruhe mehr und ging wie im Traume umher.

* * *

Doktor Gerber war in die Erde gesenkt worden, und der jungen Witwe wurde die lebhafteste Teilnahme entgegengebracht. Der Tod des allgemein geachteten und beliebten Mannes hatte überall großen Anteil erweckt, man beklagte Flora, bedauerte das vaterlose Kind. So jung und schon Witwe, das war ein harter Schlag für die arme Frau! Flora machte auch in den schwarzen Trauerkleidern, die das farblose Gesicht noch blasser erscheinen ließen, einen bedauernswerten Eindruck; müde und matt war ihre Haltung, die umränderten Augen blickten trübe und glanzlos. Sofort nach Empfang der Unglücksbotschaft waren ihre Eltern eingetroffen, und nun sollte sie mit dem Kinde wieder ins Elternhaus zurückkehren. Sie ließ alles über sich ergehen, fügte sich allem, was bestimmt wurde, und war vollständig haltlos geworden. Käthchen verlangte immer noch weinend nach ihrem Papa und fragte, ob er nicht bald wiederkäme, ob sie nicht zu ihm dürfe. Als man ihr sagte, daß der Papa im Himmel bei den lieben Engeln sei und sie ihn nicht sehen könne, beruhigte sich das gläubige Kindergemüt dabei. Aber die traurigen Gesichter um sie her machten sie niedergeschlagen, ihre großen Augen blickten sehnsüchtig und trübe, und um den kleinen Mund lagerte ein fast strenger Ernst. Flora wich sie noch immer ängstlich aus, nur der Großmutter war es gelungen, sie zutraulicher zu machen.

Unter heißen Tränen hatte die junge Frau von den Freundinnen Abschied genommen, ihr Schmerz brach dabei in seiner ganzen Heftigkeit wieder hervor. Die Unglückliche war nicht wiederzuerkennen; es schien, als hätte sie der furchtbare Schlag ganz umgewandelt. Ilse konnte das schmerzvolle Antlitz der Freundin nicht aus ihrem Gedächtnis verscheuchen, es stand ihr wie eine drohende Mahnung vor Augen und schien ihr zuzurufen: „Kehre um, ehe es zu spät ist!“

Den Freunden fiel ihr seltsam nachdenkliches Wesen[pg 216]wohl auf, und Nellie erriet, was in ihr vorging, aber sie fragte nicht, sie wollte, daß Ilse von selbst sagen sollte, was ihr Herz bewegte. –

Es war nur noch kurze Zeit bis zum Weihnachtsfest, als Ilse eines Abends in ihrem Stübchen saß und in ihrer Schreibmappe blätterte. Sie suchte den Brief, den sie in jener Nacht nach der Schlittenpartie an Leo geschrieben hatte. Er war nicht abgeschickt worden. Sie hatte ihn oft in den Händen gehabt und ihn immer wieder beiseite gelegt, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Heute las sie ihn nochmals durch und zerriß ihn dann in kleine Stückchen, die sie im Ofen verbrannte. Nein, was sie dem Geliebten sagen wollte, sagen mußte, das konnte sie dem Papier nicht anvertrauen. Steif und gezwungen kamen ihr die Worte vor, die sie damals geschrieben hatte, ganz anders standen sie heute in ihrem Herzen geschrieben, das ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ vor heißer Sehnsucht nach Leo.

Er hatte sich – das wußte sie – bis Weihnachten Urlaub genommen, und Nellie erwähnte heute wie zufällig, daß er bereits zurückgekehrt sei. Da hatten ihre Augen aufgeleuchtet, und sie hatte geheimnisvoll gelächelt, als würde sie von etwas Freudigem bewegt. Und so war es auch! Als sie hörte, er sei wieder daheim, stand es in ihr fest, daß sie Weihnachten nicht ohne ihn verleben wollte. Sie konnte es kaum erwarten, bis sie sich zurückziehen durfte, denn heute abend wollte sie ihren Entschluß den Eltern mitteilen. Ein frohes Lächeln überflog ihre Züge bei dem Gedanken, daß sie die Lieben nun bald wiedersehen sollte, und sie schrieb einen langen, ausführlichen Brief an die Eltern.

„In wenigen Tagen bin ich wieder bei euch,“ hieß es zum Schluß, „aber verratet niemand meine Rückkehr, am wenigsten Leo.“ Die letzten Worte unterstrich sie zweimal.

Am andern Morgen teilte sie Nellie mit, daß sie den Eltern geschrieben und ihre Heimkunft zum Weihnachtsfest angemeldet habe. Es kam zögernd und zaghaft heraus, denn sie konnte ihre große Verlegenheit nicht bemeistern. Aber Nellies Gesicht strahlte förmlich bei dieser Botschaft und innig schloß sie die Freundin in ihre Arme.

„Odarling,“ sagte sie gerührt, „ich wußte es ja, du würdest wieder zu dich kommen; o, nun ist alles wieder gut!“

„Nellie,“ fragte Ilse darauf leise, indem sie das erglühende Antlitz an der Freundin Schulter barg, „glaubst du daß er mir verzeihen wird?“

„O wie kannst du nur fragen? Er hat sein kleines Braut so lieb, wie glücklich wird er sein, wenn er dich wieder hat!“

Die beiden Freundinnen saßen noch lange Hand in Hand beisammen. Ilse hatte so viele Fragen auf dem Herzen, und die junge Frau mußte noch manchen Zweifel verscheuchen, noch manchen innern Streit schlichten, bis ihr schließlich helles, ungetrübtes Glück aus Ilses Augen entgegenlachte und diese ihre Freude auf das Wiedersehen mit Leo ganzunverhohlenzeigte.

Die Eltern schrieben umgehend wieder, und Ilse standen die hellen Tränen in den Augen, als sie las, wie groß die Freude zu Hause über ihre baldige Heimkehr war.

Es erfaßte sie nun eine Unruhe, eine Ungeduld, daß sie, so schwer ihr auch der Abschied von den Freunden wurde, doch kaum den Tag ihrer Abreise erwarten konnte.

So war der letzte Nachmittag, den sie bei den Freunden verbrachte, herangekommen. Sie war mit Nellie und Orla in die Stadt gegangen, um noch einige Einkäufe zu besorgen und Abschiedsbesuche zu machen. Als die ersteren erledigt waren, trennte sich Orla von ihnen, da sie nach Hause gehen wollte, um für den folgenden Tag noch zu arbeiten.

Sie wählte aber diesmal nicht den Weg durch die Stadt, sondern zog es vor, über den alten Festungswall zurückzukehren, der um diese Zeit meist menschenleer war. Die hohen, alten Linden, welche sich im Sommer zu einem grünen, schattigen Dach wölbten, trugen jetzt schwere Schneemassen, und in ihren Wipfeln saßen Scharen von Krähen. Durch den tiefen Schnee, der sich dicht an die mächtigen Stämme schmiegte, war nun ein schmaler Pfad gebahnt, auf dem Orla einherschritt. Links sah man in verschneite, zu Villen gehörige Gärten, rechts konnte das Auge weiter schweifen über die weißen Dächer der Stadt, über Felder und Wiesen bis zu den Umrissen einer fernen Hügelkette. Heute war nicht viel davon zu sehen, da die Ferne in einem grauen Nebel verschwand; auch das wirbelnde Schneegestöber ließ schwer etwas erkennen. Orla stand einen Augenblick still und sah in den lustigen Flockentanz vor ihren Augen. Sie bemerkte deshalb nicht, daß eine Gestalt ihr entgegenkam. Erst als diese neben ihr stehen blieb, erkannte sie Andres in derselben.

„Das ist ein glücklicher Zufall, daß ich Sie hier treffe,“ sagte er, indem er sie begrüßte. „Eben war ich bei Althoffs, fand aber das Nest leer.“

„Ja,“ erwiderte Orla, „meine Freundinnen und ich gingen in die Stadt, und ich habe mich von ihnen getrennt, da sie vorhaben, Abschiedsbesuche zu machen, während ich nach Hause gehen will, um noch zu arbeiten.“

„Darf ich sie begleiten?“ fragte er, da sie langsam weiter ging.

„Gerne, Herr Doktor,“ versetzte sie freundlich, und sie schritten auf dem engen Wege nebeneinander weiter.

„Es tat mir leid,“ fing er wieder an, „daß ich gerade heute niemand bei Althoffs traf; ich wollte erzählen, welches Glück mich betroffen hat.“

„So?“ fragte sie und sah ihn neugierig dabei an,[pg 219]„bitte, erzählen Sie mir doch, was Ihnen so Schönes begegnet ist?“

„Denken Sie nur, mir ist heute die Stelle des verstorbenen Doktor Gerber angeboten worden. Was sagen Sie dazu, bin ich nicht ein Glückspilz? Vom einfachen Assistenzarzt rücke ich so schnell vor und bin nun, sozusagen, ein gemachter Mann.“

Die helle Freude über das frohe Ereignis lachte aus seinen Augen, die erwartungsvoll auf Orla ruhten.

Sie reichte ihm aufrichtig die Hand.

„Ich gratuliere Ihnen von Herzen, das ist wirklich eine gute Botschaft, die Sie uns bringen wollten, Herr Doktor.“

Er hatte ihre Hand festgehalten, die sie ihm jetzt entzog.

„Wie werden sich Althoffs freuen,“ fuhr sie fort, „wenn ich ihnen die interessante Neuigkeit überbringe.“

„Sie sind die erste, welche sie erfahren hat, gnädiges Fräulein; ich kann nicht beschreiben, wie froh ich darüber bin, wie dieses Glück erst jetzt den rechten Wert für mich bekommt, da Sie es wissen und ich in Ihren Augen lese, daß Sie sich mit mir darüber freuen. Fräulein Orla, soll ich Ihnen sagen, warum mich dieses Anerbieten jetzt noch viel mehr beglückt, als es das zu andern Zeiten getan hätte? Darf ich sprechen, wie mir um das Herz ist?“

Er hatte eindringlich mit steigender Wärme geredet. Orla beschleunigte bei seinen Worten ihre Schritte, sie wagte nicht ihn anzublicken. Ihre angeborene Ruhe, ihre Sicherheit in allen Lebenslagen verließen sie, und sie sann vergebens nach, welche Antwort sie ihm geben solle. Er hatte in einer andern Sprache zu ihr gesprochen, die sie noch nicht kannte, seine Stimme ging ihr in einer Weise zu Herzen, wie es ihr bis jetzt noch niemals vorgekommen war.

Andres bemerkte ihre Erregung und drang nicht weiter in sie. Aber seine Augen blickten feurig und leidenschaftlich in ihr blasses Antlitz. Ihre feinen Nasenflügel bebten, zwischen den kühngeschwungenen, tiefschwarzen Augenbrauen lag eine Falte, und die schnellen Atemzüge verrieten ihre innere Unruhe. Schweigend gingen sie vorwärts, in beiden wogten die Gedanken und keines vermochte zu sprechen.

„Habe ich Sie beleidigt?“ fragte er endlich, da Orla den Blick noch immer geradeaus richtete und ihm der Ausdruck ihrer Züge jetzt fast streng erschien.

„Nein, nein,“ gab sie schnell zur Antwort, „womit sollten Sie mich beleidigt haben? Ich war nur so schweigsam eben, – weil ich an etwas Wichtiges dachte –.“ Sie wollte eine Entschuldigung vorbringen, wurde aber bei dieser Ausrede verlegen und beendete den Satz deshalb nicht.

„Wissen Sie schon,“ fuhr sie fort, indem sie schnell das Thema abbrach, „daß Ilse morgen abreist? Sie wollte erst nächste Woche fort, aber ihr Vater wünscht dringend, daß sie jetzt kommt. Sie wird uns sehr fehlen.“

Er fühlte sich von dieser Wendung des Gesprächs nicht angenehm berührt. Sie schien zu ahnen, was er ihr hatte sagen wollen, und suchte nun leicht darüber hinwegzugehen; begriff sie denn nicht, daß dies die schmerzlichsten Zweifel in ihm wachrufen mußte? Und doch mußte er sich wieder sagen, daß die Scheu vor seiner Frage echt mädchenhaft und nur zu begreiflich war, und daß sie vielleicht deshalb so handelte, um Zeit zu gewinnen und sich zu sammeln. Er wußte ja genau, daß sie keine Kokette war, die nur mit ihm spielen wollte, und daß ihr auch in diesem Augenblick nichts ferner lag, als ihm die Aussprache dessen, was er ihr sagen wollte, zu erschweren. Scheinbar ruhig und unbefangen ging er auf ihr Gespräch ein.

„Werden Sie denn Weihnachten zu Hause verleben?“ fragte Orla wieder.

„Ja, ich reise zu meiner Mutter und werde bei ihr die Ferien zubringen.“

„Wollen Sie die ganze Ferienzeit fort bleiben?“ entgegnete sie wider Willen betroffen.

„Die ganze Ferienzeit!“ wiederholte er mit einem freudigen Aufblitzen in seinen Augen.

„Wie schade,“ gestand sie offen, „dann sehe ich Sie also erst im neuen Jahre wieder. Das Fest wird gewiß für uns ein recht stilles sein, da Ilse fort ist und Sie auch fehlen. Ich werde die Ferienzeit benutzen, um fleißig mit Doktor Althoff zu arbeiten.“

Sie seufzte leise, wohl unbewußt.

„Werden Sie zaghaft, wenn Sie an ihren künftigen Beruf denken, Fräulein Orla?“

„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich habe mir meinen Beruf ja selbst gewählt, wie könnte ich da zaghaft sein? Halten Sie mich für so wankelmütig, Herr Doktor?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß, Sie sind anders wie die meisten ihres Geschlechts, und ich komme nur zu dieser Frage, weil Sie seufzten und ich annahm, dieser Seufzer gelte Ihrer Zukunft.“

„Ja, meiner Zukunft galt er allerdings, da haben Sie recht. Wenn ich auch nicht zittere und zage, so bin ich mir doch klar bewußt, daß ich keiner leichten Zeit entgegengehe. Was muß noch alles in meinen armen Kopf hinein! Und dann die Examina, – wenn ich daran denke, wird mir doch etwas bänglich zu Mute. Nicht wahr, die sind sehr schwer? Wenn meine Examinatoren nur nicht zu streng sind und etwas gnädig mit mir verfahren.“

„Ich wüßte einen Ort,“ warf er fast schüchtern ein, „wo Sie ein leichtes Examen bestehen könnten. Ich kenne den einen Examinator, wie mich selbst, und weiß, daß er Ihnen keine Frage stellen würde, die Sie nicht beantworten könnten.“

„Wie heißt dieser Ort?“ fragte sie ahnungslos und sah ihn voller Erwartung an.

Das geheimnisvolle, schelmische Lächeln in seinem Gesicht, als er jetzt weiter sprach, ohne ihre Frage zu beantworten, bemerkte sie nicht.

„Ja, ich weiß sogar, daß der bewußte Examinator, wenn Sie ihm seine erste – allerdings schwerwiegende – Frage richtig und zur vollsten Zufriedenheit beantwortet haben, überhaupt keine weiteren Fragen an Sie richten wird.“

Sie sah ihn mit ihren großen Augen erstaunt an.

„Sie sprechen in Rätseln, Herr Doktor, oder wollen Sie sich über mich lustig machen? Nicht wahr, Sie finden es so unerhört, wenn eine Frau sich auf männliches Gebiet wagt, daß Sie mich verhöhnen wollen? Aber warten Sie nur, wenn ich erst Doktorin bin, und Ihnen mein Diplom schicke, dann müssen Sie klein beigeben. Übrigens – Ihre Zweifel sind ganz heilsam für mich, sie feuern mich an, Ihnen zu beweisen, daß auch das weibliche Geschlecht etwas zu leisten vermag.“

Sie hatte ohne die geringste Empfindlichkeit gesprochen, aber mit großem Eifer, so daß ihre Wangen zart gerötet waren, und sie unbeschreiblich liebreizend in diesem Augenblick aussah.

„Ich kann Ihnen auch behilflich sein, Doktorin zu werden,“ sagte er wieder mit derselben geheimnisvollen Miene, „oder vielmehr der Examinator, von welchem ich eben sprach, kann Sie zur Doktorin machen, wenn Sie nur wollen.“

Seine Stimme klang erregt, er atmete tief und schnell, und sein seltsames Wesen fiel Orla jetzt auf. Sie erwiderte nichts und hielt die Augen auf ihren kleinen Muff gesenkt, von welchem sie mechanisch die immer wiederkehrenden Schneeflocken fortstrich.

„Orla,“ sagte er bittend, indem er stillstand und ihre Hand ergriff, „verstehen Sie mich nicht, oder wollen Sie mich nicht verstehen? Meine Worte sind ernst gemeint, ich scherze nicht. Der Examinator, von welchem wir sprachen, – darf ich es sein? Wollen Sie mir die einzige Frage beantworten? Nur mit einem kleinen Wort, das genügen würde, mich zum glücklichsten Menschen zu machen.“

Ihr Herz klopfte in raschen Schlägen, und sie holte tief Atem. Aber sie konnte nicht sprechen, sie fühlte wie seine Hand zitterte, wie qualvoll diese Ungewißheit für ihn sein mußte, und doch vermochte sie es nicht, ihm eine Antwort zu geben.

„Orla!“

Er beugte sich ganz nahe zu ihr hin, und sagte in zärtlichem Ton: „Wollen Sie meine Doktorin werden?“

Jetzt blickte sie zu ihm auf, und in ihren Augen las er ein stummes Ja.

Im überschwänglichen Glücksgefühl umfaßte er ihre schlanke Gestalt und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.

„Geliebte,“ flüsterte er innig, „bist du ebenso glücklich wie ich? Sage es mir.“

„Ich kann nicht glücklicher sein,“ gab sie leise zur Antwort, und ihr schönes Antlitz strahlte in bräutlicher Seligkeit.

Er hatte ihren Arm in den seinigen gelegt und hielt ihre Hand fest umschlossen. So gingen sie weiter auf dem schmalen Wege zwischen den beiden Schneewänden. Wer könnte die ersten Stunden beschreiben, die auf das beseligende Geständnis der Liebe folgen? die scheue Zurückhaltung der Braut schildern, die noch so schüchterne Leidenschaft des Bräutigams, die ernsten und doch so heiteren Gedanken, welche die Brust der Glücklichen wie Frühlingswehen durchziehen und sie still und schweigsam machen? Ein inniger Händedruck, ein Blick in die geliebten Augen, sie sind beredter als tausend Worte. –

Und so schritt auch unser Paar in stummer Glückseligkeit dahin. Über ihnen heulte der Wind in den Bäumen, die alten ehrwürdigen Wipfel mußten es sich gefallen lassen, daß er mit ihnen sein Spiel trieb, laut ächzend beugten sie sich seiner Macht und schüttelten unwillig den Schnee von ihren Häuptern, den beiden gerade ins Gesicht. Aber sie achteten der winterlichen Schauer nicht, in ihren Herzen war es licht und sonnig, und das Blut wallte ungestüm durch die Adern, so daß Orla oft tief aufatmen mußte und schließlich ihr Jäckchen öffnete, weil es so erdrückend heiß wäre, wie sie sagte. –

Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie in die erleuchteten Straßen einbogen. Orla drängte es nach Hause zu kommen. Sie ging durch eine kleine Seitengasse, welche den Weg bedeutend abkürzte. Andres hätte gern noch den weitesten Umweg durch die Stadt gemacht, aber sie meinte, Nellie und Ilse, die gewiß längst zu Hause wären, würden sich sehr wundern, daß sie noch nicht daheim sei. Er brachte sie bis vor Althoffs Haus. An der Gartenpforte blieb Orla stehen und streckte ihm die Hand entgegen.

„Soll ich nicht mit hinaufgehen?“ fragte er erstaunt, „wollen wir den Freunden nicht unser Glück mitteilen?“

„Jetzt nicht, noch nicht, Liebster, ich muß erst mit mir allein sein, und mich zu fassen suchen. Morgen, dann wollen wir es den Freunden sagen.“

Wie ein Schatten flog es über seine Züge. Er sollte sich jetzt von ihr trennen, sie heute nicht mehr wiedersehen? Wie konnte er bis morgen Ruhe finden, Ungeduld und Sehnsucht würden ihn verzehren. Das war zu viel verlangt!

„Du bist grausam,“ sagte er leise.

Sie lächelte und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ja, es kam ihr jetzt selbst grausam vor, daß sie sich bis morgen nicht wiedersehen sollten.

„Willst du heute abend nach dem Essen kommen? Du findest uns dann alle zusammen, und wir überraschen die Freunde mit der Nachricht, daß wir Brautleute sind. Ist es dir recht so?“ Statt jeder Antwort preßte er seine Lippen auf ihre Hand und schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie entwand sich ihm aber schnell.

„Wenn man uns sähe,“ sagte sie und blickte sich ängstlich um. „Ich will lieber gehen. Leb wohl, auf Wiedersehen bis nachher, komm nicht zu spät.“

Sie eilte ins Haus. Wie ein Träumender stand er vor der beschneiten Pforte und blickte ihr noch nach, obwohl sie schon längst verschwunden war. Endlich ging er fort, aber er schlug nicht den Weg nach seiner Wohnung ein. Er würde es jetzt nicht in den engen vier Wänden aushalten, eine innere Unruhe trieb ihn immer weiter. Das Stürmen und Wogen in seiner Brust beflügelte seine Schritte, so daß er die Straßen in Sturmeseile durchlief und die Leute ihn verwundert ansahen. Seine Bekannten, die ihm begegneten und die er zerstreut grüßte, blieben stehen und schauten kopfschüttelnd hinter ihm her.

Orla war unbemerkt in ihr Zimmer gelangt. Sie konnte jetzt niemand sehen und sprechen, den Freundinnen hätte ja ihre Erregung auffallen müssen, auch wollte sie erst allein die Ruhe zu gewinnen suchen, mit welcher sie dieselben jetzt noch täuschen mußte.

Sie hatte Hut und Jacke abgelegt und wusch ihr heißes Gesicht mit frischem Wasser. Was die Freunde wohl sagten, ob sie geahnt hatten, daß es so kommen würde? Sie lächelte vor sich hin und malte sich im Geiste die Überraschung auf den verschiedenen Gesichtern aus. Erregt schritt sie auf und ab und öffnete schließlich das Fenster, weil ihr die Luft in dem kleinen Stübchen schwül und drückend erschien. Vorwitzig kamen die Schneeflocken hereingeflogen, sie wirbelten ihr ins Antlitz und setzten sich in[pg 226]ihren dunklen Haaren fest. In Gedanken verloren blickte sie hinaus in das Gestöber draußen. Sie kam sich so anders, so fremd vor; dieses heftig klopfende Herz war es das ihre, diese unbeschreiblich schönen Empfindungen, welche es durchströmten, – war das alles Wirklichkeit, was sie empfand und dachte, oder träumte sie nur?

Sie zuckte zusammen, als sich jetzt die Türe öffnete und Ilse hereintrat.

„Herrgott, Orla, bei diesem Wetter am offenen Fenster?“ rief sie erstaunt.

„Es war hier so heiß, Kind,“ gab Orla ausweichend zur Antwort und schloß das Fenster.

„Heiß?“ wiederholte Ilse, „aber das Feuer im Ofen ist ja schon lange aus.“

Orla überhörte diese Einrede.

„Bist du schon mit Packen fertig?“ fragte sie und zeigte auf die Koffer. „Also morgen willst du wirklich reisen? Du wolltest mich wohl zum Abendessen holen?“

Ilse sah sie verwundert an. Warum fragte Orla so zerstreut und vermied so auffällig sie anzusehen, während sie sonst jedem, mit dem sie sprach, scharf in die Augen sah?

„Wir dachten, du wärst schon lange zu Hause, Orla, da du gesagt hattest, du wollest arbeiten.“

„Ja, ja, das wollte ich auch, aber – es war so himmlisch draußen, und da bin ich auf eigene Faust noch etwas spazieren gegangen. Komm Kind.“

Sie ging zur Türe und Ilse folgte ihr.

„Himmlisch draußen!“ wiederholte sie lachend. „Aber Orla, es ist ja ein schreckliches Wetter, der eisige Wind und dazu das Schneegestöber, – hast du denn das nicht bemerkt?“

„O ja,“ antwortete die Russin, „aber ich liebe das gerade und nenne solches Wetter schön.“

Sie hatte jetzt ihre Fassung wieder gewonnen und[pg 227]konnte mit unbefangenem Gesicht bei dem jungen Ehepaar eintreten. Bei Tische sprach sie lebhaft und viel; sie war lange nicht so redselig gewesen wie heute, und ihre Augen leuchteten in einem wunderbaren Glanze. Ilse saß ihr gegenüber und betrachtete sie mit heimlicher Bewunderung; sie glaubte, die Freundin nie so schön gesehen zu haben. Die leicht geröteten Wangen standen ihr zum Entzücken. Sie erzählte lebendig und spannend von ihrer Heimat und wußte dadurch die Gedanken von der bevorstehenden Trennung, welche namentlich Nellie und Ilse naheging, abzulenken. Dann und wann flogen ihre Blicke verstohlen nach der Uhr, und so oft jemand ins Zimmer hereinkam, wandte sie schnell den Kopf nach der Türe. Als Nellie erwähnte, daß Andres während ihrer Abwesenheit dagewesen sei, lächelte sie geheimnisvoll, so daß Ilse sie fragte, was denn ihre Heiterkeit erregt habe.

Nach dem Abendessen begab sich die kleine Gesellschaft wie gewöhnlich in Nellies gemütliches Zimmer, wo es heute besonders behaglich aussah. Ein helles Feuer knisterte in dem kaminartigen Ofen, und die Lampe mit dem Schirm von rosa Seide beleuchtete alles mit einem magischen Schimmer. Ein zarter Maiblumenduft, den die junge Frau besonders liebte, durchwehte den traulichen Raum.

Orla stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Jetzt konnte er jeden Augenblick kommen, denn es war die Zeit, welche sie verabredet hatten. Sie spähte die Straße entlang, das Gestöber hatte aufgehört, blendend weiß leuchtete ihr aus der Dunkelheit der Schnee entgegen. Mit fieberhafter Ungeduld sehnte sie den Augenblick herbei, der ihr den Geliebten bringen sollte, und es dünkte ihr eine Ewigkeit, die er sie warten ließ. Endlich sah sie eine hohe Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen, die es sehr eilig zu haben schien, denn mit großen Schritten näherte sie sich dem Hause. Das war er! Die Gartenpforte klirrte,gleich[pg 228]darauf fiel die Haustüre ins Schloß und nun wurde kräftig an der Klingel gezogen. Das Mädchen kam herein und meldete Doktor Andres, der ihr auch gleich auf dem Fuße folgte. Orla beugte sich tief über die Maiblumen im Fenster, um ihr Antlitz zu verbergen.

„Sie strahlen ja förmlich, Doktor, was ist denn mit Ihnen geschehen, haben sie etwa das große Los gewonnen?“ rief ihm Althoff scherzend entgegen.

„Ja,“ gab er lachend zur Antwort, und dabei überflog es seine Züge wie ein verklärender Schimmer. Er schritt auf Orla zu und legte ihre kleine kalte Hand in die seinige. So trat er mit ihr zu den andern in den Lichtkreis der Lampe, deren Schein ihr jetzt bleiches Gesicht rosig überhauchte.

„Ja,“ wiederholte er noch einmal, und seine Stimme zitterte leise. „Sie haben recht, Herr Doktor, ich habe das große Los gewonnen, – hier, hier ist meine Braut.“

Stürmisch zog er Orla an seine Brust.

Die Freunde hatten einen Augenblick wie sprachlos gestanden, dann aber brach ein wahrer Jubel los.

Die junge Braut wurde von Nellie und Ilse mit Fragen überschüttet, während sich die beiden Männer herzlich die Hände schüttelten. Orla lächelte selig, und in ihren Augen schimmerte es feucht. Dies versetzte die weichherzige Nellie in eine solche Rührung, daß ihr nun auch die Tränen über die Wangen rollten und sie Orla in langer Umarmung festhielt. Ilse, welche ihr unter vielen zärtlichen Küssen die innigsten Wünsche zugeflüstert hatte, bemerkte kaum die Tränen in den Augen der beiden festumschlungenen Freundinnen, als auch sie sich der Rührung nicht erwehren konnte und ihren Zähren freien Lauf ließ.

Jetzt wurde es aber den beiden Männern zu viel. „Das ist mir eine schöne Geschichte,“ rief Althoff, „da weint ihr alle drei statt zu jauchzen und fröhlich zu sein! Lieber[pg 229]Freund,“ wandte er sich zu Andres, „an Ihrer Stelle ließe ich es mir nicht gefallen, daß eine solche Freudenbotschaft mit Tränen begossen wird. Laßt uns dieselbe mit etwas andrem begießen, und auf das Wohl des jungen Paares anstoßen. Halt! Ich habe eine Idee! Nellie, Weib, wo sind die Weinkellerschlüssel? Daran werden Sie sich auch noch gewöhnen müssen, lieber Doktor, daß die Frauen alles unter Verschluß halten, sogar den Weinkellerschlüssel, am sichersten aber den – Hausschlüssel!“


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