Dabei warf er einen neckisch herausfordernden Seitenblick auf seine Frau.„O du verleumderisches Mann,“ rief diese und nahm den Schlüssel aus einem zierlichen Körbchen. Er hob ihr Kinn in die Höhe und sah ihr in die Augen.„Bist du mir böse, Schatz?“ fragte er zärtlich.„Natürlich, du schreckliches Mann,“ antwortete sie und gab ihm scherzend einen Schlag.„Au,“ rief er, „so wird man nun von seiner eigenen Frau behandelt! Erst sagt sie ‚schreckliches Mann‘ und dann haut sie einen sogar. Doktor, heiraten Sie lieber nicht, ich rate es Ihnen!“Er lachte mit dem ganzen Gesicht in ausgelassener Laune, denn es machte ihm großen Spaß, seine Frau zu necken. Mit geheimnisvoller Miene verschwand er jetzt mit Nellie. Ilse folgte ihnen, weil sie sich höchst überflüssig bei dem Brautpaar fühlte.Im Eßzimmer hörte man bald darauf ein geschäftiges Hinundherlaufen. Türen klappten, Gläser klangen, dazwischen tönte fröhliches Lachen und Sprechen. Nach einer Weile wurden die Flügeltüren geöffnet und das Brautpaar feierlich hereingeführt. Trotz der Kürze der Zeit hatten es die Freunde verstanden, alles festlich herzurichten. Die große bronzene Hängelampe strahlte in hellem Glanze. In den Wandleuchtern brannten Kerzen, deren Licht sich in den[pg 230]Gläsern und Krügen spiegelte, die ringsherum auf dem Wandgesims aufgestellt waren. Über den einladend besetzten Tisch war eine altdeutsche Spruchdecke gebreitet, und in der Mitte hatte Nellie ihre Blumen und Blattpflanzen malerisch aufgebaut. Daneben standen alte Meißner Schalen, mit Kuchen und Früchten gefüllt, während aus einem Champagner-Kühler einige Silberhälse hervorschauten. In dem Spitzglas, das auf Orlas Platze stand, duftete ihr ein Sträußchen aus Myrten und Maiblumen entgegen. Die sinnige Nellie hatte es aus den Blüten gebunden, in deren Anblick Orla sich so eifrig versenkt hatte, als Andres eintrat.„Nellie, Ilse, Herr Doktor, wie kann ich euch danken für soviel Liebe und Freundschaft!“ rief Orla bewegt und auch Andres war voller Dankbarkeit für diese Überraschung. In heiterster Stimmung nahm die kleine Gesellschaft Platz. Helle Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Champagnerpfropfen knallten, und als die Gläser gefüllt waren, ergriff Doktor Althoff das seinige und ließ mit herzlichen Worten das neuverlobte Paar leben. Unter Scherzen, Lachen und Necken flogen die Stunden dahin. Nur eine stimmte nicht aus vollem Herzen mit in den Jubel der übrigen ein, das war unsre Ilse. Dem glücklichen verlobten Paare gegenüber kam sie sich wie eine verlassene Braut vor. Eine unerklärliche Bangigkeit rief immer neue Zweifel bei ihr hervor und machte sie beklommen. Fortwährend beängstigten sie quälende Fragen. Liebte er sie noch? Würde er ihr verzeihen? Ihr bangte vor den kommenden Tagen. O, könnte sie doch die Zeit verwischen, die ihm und ihr so viel Trübsal bereitet hatte, den Mißton fortzaubern, der die Eintracht ihrer Seelen störte. Ja, was half nun alle Reue? Die verflossenen Wochen und Monate kamen nicht wieder, sie waren ihnen beiden für immer verloren. Um wieviel frohe, glückliche Stunden hatte sie sich betrogen! –Spät in der Nacht erst trennte man sich. Die Lichter[pg 231]erloschen, und die junge Braut, mit den verwelkten Maiblumen an der Brust, ging mit Ilse in das gemeinsame Schlafzimmer. Sie nahm die kleinen Glöckchen, die traurig die Köpfe hängen ließen, und legte sie zwischen die Blätter eines Buches.„Zur Erinnerung an diesen Tag,“ sagte sie zu Ilse, welche auf ihrem Koffer saß und der Freundin mit schwermütigen Augen zusah.„Wie ich dich beneide, Orla,“ sagte sie leise, „du wirst deinem Rudolf niemals Gram bereiten, du wirst ihn glücklich machen, denn du bist keine kleinliche Natur, wie ich es bin.“„Aber Kind, was fällt dir ein, wie kannst du so mutlos sprechen? Du bist ein kleiner Tollkopf, dessen Trotz in der Pension gebändigt wurde und nun durch die zu große Nachgiebigkeit deiner Eltern, deines Verlobten wieder zum Vorschein kam. Aber jetzt wirst du, wie ich bestimmt glaube, für immer geheilt sein. Nur nicht zaghaft, Ilse! Ich kann mir gar nicht denken, daß es so schwer fällt, dem liebsten Menschen auf der Welt ein gutes Wort zu geben, wenn man ihn gekränkt hat.“„Wirklich, Orla?“ fragte Ilse, der eine solche Ansicht aus diesem Munde maßgebend war, „würdest du deinen Bräutigam in einem ähnlichen Fall um Verzeihung bitten können? Und das würde dir nicht schwer werden?“„Gewiß nicht,“ antwortete die Freundin, „für den Mann, den ich liebe, würde ich alles tun.“Ilse schwieg. Sie hatte geglaubt, die stolze Orla könnte sich nie soweit demütigen. Aber nun diese erklärte, daß sie ohne Scheu ihren Bräutigam um Verzeihung bitten würde, wenn sie ihn gekränkt hätte, schien es ihr, als ob sie durch dieses Geständnis von ihrem Stolz nichts einbüßte und deshalb noch lange keine unterwürfige Natur zeigte. Orla war herangetreten und legte die Hand auf Ilses lockiges Haar.[pg 232]„Geh nur zu ihm, Kind, du vergibst dir dadurch nichts, sondern machst nur die Fehler wieder gut, zu denen dich dein leidenschaftlicher Sinn hingerissen hat.“„Glaubst du das wirklich, Orla? Ach, ich kann dir nicht sagen, wie ich den Tag herbeisehne, der uns unser Glück zurückgibt. Ich war töricht, ich weiß es, ich habe unrecht gehandelt und bereue –“„Halt,“ unterbrach sie Orla, „ich darf deine Beichte nicht anhören, nur deinem Leo darfst und mußt du dies alles sagen. – Aber nun wollen wir schlafen, sonst sind wir morgen früh nicht zur rechten Zeit wach, und du versäumst den Zug.“„Orla, ich habe noch eine Bitte an dich.“„Nun?“„Erzähle deinem Bräutigam, was zwischen Leo und mir vorgefallen ist. Ich habe mich ihm gegenüber einmal recht kindisch benommen und ihm keine Aufklärung gegeben. Ich wollte es immer tun und konnte mich doch nicht entschließen, die Sache nochmals zu berühren. Jetzt aber, da du mit ihm verlobt bist und er mir dadurch viel näher gerückt ist, soll er alles wissen.“Orla drohte lachend mit dem Finger.„Das sind ja nette Geschichten, die ich da zu hören bekomme. Ihr beide habt Geheimnisse miteinander, da bin ich doch begierig, das nähere zu erfahren. Doch nun ernstlich, gute Nacht, ich bin so müde, daß mir die Augen zufallen.“Ilse merkte wohl, daß Orla nur Müdigkeit vorschützte, um nicht mehr sprechen zu müssen, sondern ungestört träumen und denken zu können. Schweigend begaben sie sich zur Ruhe und lagen mit geschlossenen Augen da, aber noch lange wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Beide kämpften mit dem stürmisch bewegten Herzen. Orlas Seele erbebte noch von dem Nachhall des seligen Glücks, das ihr der heutige[pg 233]Tag gebracht hatte, und Ilse ließ die Sehnsucht nach dem Geliebten spät erst Ruhe finden.Der dämmerige Wintermorgen war schon längst angebrochen, als ein kräftiges Klopfen an der Türe die beiden Schläferinnen aus ihren Träumen erweckte. Die Fräulein müßten schnell aufstehen, rief das Mädchen, denn es sei schon sehr spät. –Und nun war der Augenblick des Abschiednehmens gekommen, zur Abfahrt bereit stand Ilse auf dem Bahnhof. Die Freunde hatten sie natürlich begleitet. Während Althoff das Billet besorgte, schritt das Brautpaar selig plaudernd auf dem Perron hin und her. Ilse und Nellie aber standen Hand in Hand zusammen. Die Trennung wurde beiden sehr schwer, das sah man an ihren verweinten Augen; auf Ilses Wangen perlten noch immer die Tränen in hellen Tropfen.„Ach, Nellie, wäre doch erst alles wieder gut, ich kann dir nicht beschreiben, wie es mir ums Herz ist.“„O, du mußt nicht so bänglich sein, liebe Ilse, du hast so gute Eltern, eine so liebe Schatz, sie werden dich mit geöffneten Armen aufnehmen. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, du mußt nur standhaft sein, willst du mir das versprechen?“Ilse nickte, aber ihre dunklen Kinderaugen hatten noch einen sorgenvollen Blick, und der tiefe Seufzer, der sich ihrer Brust entrang, bewies, daß die tröstenden Worte der Freundin sie nicht vollständig zu beruhigen vermochten.Andres und Orla traten jetzt heran, und Ilse verbarg ihr Gesicht in den duftenden Blumen, welche ihr die Freunde zum Abschied geschenkt hatten, damit Orlas forschende Augen nicht entdecken sollten, daß sie abermals von Zweifeln gequält wurde, – vor ihr wollte sie sich stark zeigen.Jetzt kam auch Nellies Mann mit Fahrkarte und Gepäckschein, und nach wenigen Minuten brauste der Schnellzug[pg 234]herein, der Ilse in die Heimat entführen sollte. Noch ein letztes Mal hielten sie Nellies Arme innig umschlossen, unter Schluchzen dankte Ilse der treuen Freundin für alle Liebe und Freundschaft, die sie ihr erwiesen hatte. Dann küßte sie Orla und verabschiedete sich von den Herren. Nun stand sie am offenen Coupéfenster, und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.„Grüße mich deine lieben Eltern recht schön und das süße Baby!“ rief Nellie.„Und schreibe bald,“ mahnte Orla.„O ja,darling, du mußt uns dein glückliches Ankunft sofort auf eine Postkarte mitteilen, vergiß nicht.“„Nein, nein, ich schreibe euch sofort,“ beteuerte Ilse.Bis zum Ende des Perrons hatten die Freunde den Zug begleitet, dann blieben sie stehen und sahen der scheidenden Ilse grüßend und winkend nach, bis der letzte Zipfel von ihrem Schleier verschwunden war.Auch sie schloß das Fenster erst, als nichts mehr von den Zurückbleibenden zu erblicken war. Dann nahm sie ihren Platz ein und schaute wehmütig durch die Scheiben.Bald war auch das letzte Haus der kleinen Stadt, die[pg 235]ihr während ihres Aufenthaltes lieb und vertraut geworden war, ihren Blicken entschwunden. Über weite, öde Schneeflächen schweifte ihr Auge, dann bemerkte sie eine Gruppe von kahlen Bäumen, auf denen sich Scharen von Krähen niedergelassen hatten, die bei dem Geräusch des herannahenden Zuges mit lautem Gekreisch von den dürren Zweigen aufflatterten und davonflogen.Ilse lehnte sich zurück und schloß in Gedanken verloren die Augen. Als sie die Heimat verließ, war es Herbst gewesen, welke Blätter wirbelten durch die Luft, Sturm und Regen waren ihre Reisebegleiter. So stürmisch wie draußen sah es damals in ihrer Seele aus, leidenschaftliche Gefühle wogten in ihrer Brust, und ihre Gedanken wirbelten gleichfalls durcheinander, wie die dürren Blätter. Heute begriff sie nicht und konnte nicht fassen, wie sie zu der abenteuerlichen Reise gekommen war. Sie verwünschte ihr unbändiges Wesen, das ihr schon so viele Stunden getrübt, so manchen heißen Kampf gekostet.Hatte sie denn nicht alle Ursache, froh und zufrieden zu sein, war sie nicht ein verzogenes Kind des Glücks, vor tausenden bevorzugt? War man nicht immer bemüht, sie zu erfreuen, und wie hatte sie bisher alle diese Liebe vergolten? Um viele Erfahrungen reicher und durch Prüfungen gereifter, kehrte sie jetzt heim. Das Leben hatte ihr in buntem Wechsel gezeigt, daß Freud und Leid dicht zusammen wohnen, und daß der ein Tor ist, der die schönen Stunden, welche es bietet, nicht dankbar genießt, sondern in kindischem Übermut zerstört. Vernünftig und fügsam war sie wohl in der Pension geworden, aber auf wie lange? Durch die stete Nachgiebigkeit ihres Vaters und die blinde Liebe Leos war ihr alter Trotz bald wieder hervorgebrochen. Aber jetzt kehrte sie für immer geheilt zurück, hatte sie doch das bestimmte Gefühl, daß sie nicht wieder in ihren alten Fehler zurückfallen würde.[pg 236]Orlas strahlendes Gesicht tauchte in diesem Augenblick vor ihr auf, und sie beneidete die Freundin fast um ihr Glück, welches sie sich gewiß nie durch kleinliche Zweifel trüben würde. Der Mann, dem Orla ihr Herz geschenkt hatte, durfte sicher sein, daß sie ihm kein unverdientes Leid zufügen werde. Aber konnte sie denn nicht dem guten Beispiel Orlas folgen und ebenso werden, wie diese? Lag das nicht einzig und allein in ihrer Hand?Die Stunden vergingen in schnellem Fluge, so lebhaft beschäftigten sie ihre Gedanken, und je näher sie der Heimat kam, desto ruhiger schlug ihr Herz, desto leichter wurde ihr Sinn. Die Freude, ihre Eltern und das Brüderchen nach so langer Trennung wiederzusehen, drängte alle andern Gefühle, welche ihr die Heimkehr erschwerten, zurück. Sie wurde jetzt ungeduldig, zählte die Stationen und hauchte an die Scheiben, welche mit glitzernden Eisblumen bedeckt waren, um einen Blick in die Gegend werfen zu können, die nun immer bekannter und heimatlicher wurde.Lebhaft drängte sich ihr die Erinnerung auf an ihre Ankunft im Vaterhause, als sie aus der Pension zurückkehrte. Wessen Bild trug sie damals im Herzen, rein und klar mit den schüchternen Empfindungen der ersten, erwachenden Liebe? Und heute – welcher Unterschied! – dasselbe Bild stand auch jetzt deutlich vor ihrer Seele, aber nicht mit den schönen strahlenden Augen, welche sich bei jenem ersten Abschied so tief in die ihren gesenkt hatten, sondern mit schmerzlichem und vorwurfsvollem Blick. Noch war es indessen nicht zu spät. Sie bereute aufrichtig und war fest entschlossen, alles wieder gut zu machen, was sie verschuldet hatte. Lucies Bild, welches ihr oft mit drohendem und beängstigendem Ausdruck erschienen war, sah sie jetzt mit einem versöhnenden Blick an, und schien ihr sagen zu wollen: nur Mut und Vertrauen! Du kannst doch noch glücklich werden, auch mir[pg 237]ist ja nach langer Prüfungszeit noch Verzeihung und höchstes Erdenglück zu teil geworden.Die letzte Station war vorüber, Ilses Herz bebte, denn noch wenige Minuten und sie war daheim. Sie suchte ihr Reisegepäck zusammen, legte die Blumen darauf, strich sich das Haar zurecht und stand dann erwartungsvoll am Fenster. Der schrille Pfiff der Lokomotive erschien ihr jetzt wie eine Erlösung aus ihrer Ungeduld und Sehnsucht. Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus, als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Da standen die geliebten Eltern, und jetzt wurde auch sie von ihnen bemerkt. Die Freude, welche bei ihrem Anblick auf deren Gesicht zu lesen war, rührte sie fast zu Tränen, und als sie dann in ihren Armen lag, stieg ein heißes Gefühl der Dankbarkeit für solche Liebe, solches Glück in ihr auf, so daß sie Vater und Mutter immer wieder und wieder küssen mußte.Die Eltern waren mit dem Schlitten gekommen; Herr Macket fuhr selbst, und mit Windeseile trugen sie die geliebten Braunen dem heimatlichen Dorfe zu. Jeder Weg und Steg, jeder Baum und Strauch kam ihr wie ein lieber Bekannter vor. Als sie durch die Dorfstraße fuhren und das Schellengeläute viele Neugierige ans Fenster lockte, lauter bekannte Gesichter, konnte sie sich der beschämenden Erinnerung nicht erwehren, wie sie an jenem unglückseligen Tage dieselbe Straße in wilder Hast hinuntergeeilt und wie eine Sünderin den ihr begegnenden Dorfleuten ausgewichen war. Zum Glück hatten die Eltern so viel zu fragen, daß diese peinlichen Gedanken bald wieder verdrängt wurden.Endlich hielt der Schlitten vor dem Tore. Wie eine Feder schnellte Ilse empor und sprang hinaus. Erst begrüßte sie die Dienstboten freundlich und streichelte die Hunde, welche vor Freude laut bellend an ihr emporsprangen und ihr die Hände leckten. Dann aber lief sie eilend ins Haus, denn es drängte sie unwiderstehlich, das Brüderchen zu um[pg 238]armen, welches am Fenster stand und mit seinen beiden dicken Fäusten an die Scheiben trommelte. Wie groß war es geworden, zu Ilses lebhaftem Erstaunen! Aber augenscheinlich wollte es nichts mehr von ihr wissen, denn es versteckte sich hinter die Wärterin, als sie es aufnehmen und herzen wollte.„Ich bin ihm ganz fremd geworden,“ klagte sie nachher den Eltern; aber die Mama tröstete sie mit der Versicherung, daß der Kleine sich bald wieder an sie gewöhnen würde.„Nun komm, Kind,“ sagte Herr Macket zärtlich zu Ilse und nahm ihr Hut und Pelzjäckchen ab, „nun komm, du sollst vor allem Essen und trinken, denn gewiß bist du ganz ausgehungert.“Den Arm um ihre Schulter legend, führte er sie fort; man las in seinen Augen die Seligkeit, daß er seinen Liebling wieder hatte. In dem erleuchteten Eßzimmer, das Ilse jetzt mit den Eltern betrat, brannte ein lustiges Feuer in dem großen Kachelofen, dessen hellen Schein der blanke Fußboden wiederspiegelte.Sie blickte sich um! Es war hier noch alles so, wie sie es verlassen hatte. Dort vor dem Diwan lag das große Bärenfell, das ein Freund ihres Vaters diesem einst geschenkt hatte. Daneben stand der Schaukelstuhl, genau auf derselben Stelle wie sonst, nichts fehlte an dem gemütlichen Plätzchen, und doch kam es ihr anders, verödet und verlassen vor. Sie mußte an die Zeit denken, da sie so oft mit Leo hier gesessen hatte. Der Schaukelstuhl war sein Lieblingssitz. Sie sah im Geiste, wie er sich leise hin und her wiegte, was er mit Vorliebe zu tun pflegte. So deutlich stand eben jetzt dieses Bild vor ihren Augen, daß sie seine Stimme zu hören und die blauen Dampfringel von seiner Zigarette zu sehen glaubte.Gewaltsam mußte sie ihre Gedanken von diesem Platze[pg 239]losreißen, als sie sich jetzt mit den Eltern zu Tische setzte, aber immer wieder kehrten unwillkürlich ihre Blicke verstohlen nach dem leeren Schaukelstuhl und dem Diwan mit dem Bärenfell davor zurück.Weder der Papa, noch Frau Anne erwähnten Leo, und Ilse, so sehr sie sich in ihren Gedanken mit ihm beschäftigte, konnte sich gleichfalls nicht entschließen, von ihm zu sprechen. Aber dennoch war es ihr schrecklich, daß sein Name nicht genannt wurde, und sie hatte schon einigemal einen Ansatz genommen, die Eltern um Verzeihung zu bitten und ihnen ihr Schuldgefühl einzugehen. Das war aber doch schwerer, als sie es sich gedacht hatte; es wollte sich auch keine rechte Gelegenheit finden, davon anzufangen, immer wieder kamen sie auf andere Dinge zu sprechen, immer wieder wurde ihr Entschluß zurückgedrängt. So vergingen die Stunden, und als sie sich am Abend von den Eltern trennte, da war ihr Geständnis noch nicht vom Herzen herunter. Darüber niedergeschlagen und verstimmt, suchte sie ihr Zimmer auf.Auch hier war alles unverändert. Eine behagliche Wärme strömte ihr entgegen, auf dem Schreibtisch stand ihre Lampe mit dem Schirm darüber, der ein Geschenk von Nellie war. Die gepreßten Blumen und Blätter leuchteten hinter dem durchsichtigen Papier in fein gestimmten Farben und reizenden Formen. Einen Augenblick betrachtete Ilse sinnend das kleine Kunstwerk, dann schweifte ein Blick zu einem Bilde hin, das von dem hellen Licht scharf beleuchtet wurde. Fast betroffen fuhr sie zurück, als stände nicht Leos Bild, sondern er selbst dort. Sie nahm es in beide Hände, und die Tränen schossen ihr in die Augen. Keck und übermütig schaute das schöne männliche Gesicht sie an, dessen kräftig vorspringende Nase und das feste Kinn auf einen ernsten, edlen Charakter wiesen.Lange stand Ilse in den Anblick des Bildes versunken; es war ihr, als fühle sie nun erst die Tiefe ihrer Liebe zu[pg 240]Leo, heiße Sehnsucht ergriff sie, ihm zu sagen, wie sie jetzt dachte und fühlte. Die Trennung von ihm, die sie so lange ertragen hatte, wurde ihr mit einem Male unerträglich. Ob er wohl zu ihr eilen würde, wenn er ahnte, daß sie zurückgekehrt sei! Sie nahm sich fest vor, am andern Morgen mit den Eltern zu sprechen und ihm dann zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten. Bebend dachte sie, ob er dann wohl zu ihr kommen würde?Ihre Aufregung ließ sie nicht zur Ruhe kommen, und sie dachte deshalb auch nicht daran zu Bett zu gehen. Gedankenvoll ließ sie ihre Blicke durch das Zimmer schweifen. Wie viel Freude hatte ihr die reizende Einrichtung bereitet, mit der die lieben Eltern sie überraschten, als sie aus der Pension zurückkehrte. Wie glücklich hatte sie das traute Heiligtum gemacht, welches sie stets bestrebt war, immer noch mehr auszuschmücken. Den Blumentisch am Fenster, ein wahres Kunstwerk aus Schmiedeisen, hatte ihr Leo geschenkt. Mit herrlichen Blumen und Pflanzen gefüllt, stand er eines Morgens in ihrem Zimmer.Auch der Bücherschrank war ein Geschenk von ihm. Die goldglänzenden Bücherrücken erinnerten sie lebhaft an vergangene Zeiten. Wie manches Werk ihrer Lieblingsdichter hatten sie zusammen gelesen, im Sommer unter der schattigen Linde, im Winter in Frau Annes molligem Boudoir. Sie hörte im Geiste den Wohlklang seines Organs, sie sah sein lebhaftes Mienenspiel beim Vorlesen. Und wenn sie ihn mit einer Frage unterbrach, wie klar und scharf war seine Antwort.Die schönen Zeiten, sie sind vorbei und tauchen nun in Ilses Erinnerung auf, als gehörten sie einer fernen, fernen Vergangenheit an. Hier auf diesem Platze, an dem zierlichen Schreibtisch, welcher nach Mädchenart mit allen möglichen Nippsachen überfüllt war, die zum Teil noch den kindlichen Geschmack des Backfischalters verrieten, hatte sie manchen[pg 241]Brief an Leo geschrieben, und in der Schublade rechts – den Schlüssel dazu trug sie stets bei sich – lagen seine Briefe.Mechanisch griff sie jetzt nach dem Schlüssel, zögernd steckte sie ihn ins Schloß und zog den Kasten auf. Da lagen die Briefe, wohlgeordnet, wie sie dieselben erhalten hatte. Sie nahm den obersten heraus, eine trockene Rose fiel ihr entgegen, – es war sein letzter Brief gewesen. Sie entfaltete ihn, und der Anblick der geliebten, so lange entbehrten Handschrift stimmte sie unendlich weich. Sie begann zu lesen, Seite für Seite, und als sie damit fertig war, nahm sie einen zweiten Brief heraus, dann wieder einen, immer mehr, immer tiefer versenkte sie sich in die teuren Schriftzüge.Einmal mußte sie laut lachen über eine witzige Schilderung, und dann wieder erglänzte ein seliger Ausdruck in ihren Augen. Die zärtlichen Liebesworte, welche sie jetzt las, war sie derselben auch wert? Hatte sie nicht um einer Nichtigkeit willen an der Liebe eines edlen, treuen Mannes gezweifelt und das Vertrauen zu ihm verloren? O, es war entsetzlich, sich nun mit solchen Vorwürfen quälen zu müssen, die ihr keine Ruhe ließen. Warum hatte sie ihr Unrecht nicht gleich empfunden, warum ihm erst noch solchen Schmerz bereiten müssen? Geschah ihr nicht recht, wenn er sie jetzt nicht mehr liebte, wenn er ihr nicht verzieh?Erregt sprang Ilse auf. Die nächtliche Stille wurde ihr auf einmal unheimlich, so allein, so verlassen zu sein mit dem mahnenden Gewissen, das ihr ihre Schuld immer wieder unbarmherzig vorhielt, war unerträglich. Wenn sie Leo jetzt schriebe? Sie ergriff diese Idee wie eine Rettung und gab sich sofort daran. Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und die Feder zitterte in ihrer Hand. Schließlich zerriß sie den angefangenen Brief.Wenn nur erst die Nacht vorbei wäre! Was sollte sie[pg 242]nur beginnen bis zum Morgen? Jetzt war es erst wenig über zwölf Uhr, sie mußte also noch lange warten, bis der heiß ersehnte Tag erschien. Sie nahm ein Buch und fing an zu lesen, aber die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen, und sie hatte im nächsten Augenblick das Gelesene schon wieder vergessen. Gab es denn kein Mittel, ihren unruhigen Geist zu beschwichtigen, ihren Gedankenlauf zu hemmen? Nochmals nahm sie zur Feder ihre Zuflucht und schrieb an Nellie, der sie alles erzählte, was sie in diesen stillen Stunden dachte und empfand. Das erleichterte ihr stürmisch pochendes Herz, und als sie mit Schreiben aufhörte, war sie ruhig geworden, eine wohltuende Müdigkeit Überkam sie endlich. Sie begab sich zur Ruhe und bald umgaukelten sie rosige Träume.Erquickt wachte sie am andern Morgen auf, und die Ungeduld ließ sie keine Minute länger im Bett. Draußen lag noch graue Dämmerung, als Ilse, nachdem sie sich angekleidet hatte, die Gardinen zurückzog und in den beschneiten Garten hinunterschaute, der sich bis zu dem unmittelbar daran stoßenden Walde hinzog und nur durch eine eiserne Pforte von diesem getrennt war. So still und friedlich lag die Natur in ihrem Winterschlaf da, so verzaubert und schweigsam, nichts erinnerte mehr an die Zeit, als sie üppiges Leben war, die grünen Wipfel geheimnisvoll rauschten, Blumen und Blüten ihre Düfte aushauchten und melodische Vogelstimmen diese Herrlichkeit jubelnd besangen. Da war es schön im Walde gewesen, und ein junges, glückliches Menschenpaar war oft mit Büchern und Hängematte nach dem verborgensten, lauschigsten Fleckchen hinausgewandert, wo sich unter ihren Füßen ein samtweicher Moosteppich ausbreitete und die leise schaukelnden Zweige der alten Buchen ihnen Kühlung zufächelten. Dort befestigte der junge Mann die Hängematte, und wenn seine Begleiterin es sich darin bequem gemacht hatte, dann legte er sich in das schwellende[pg 243]Moos, und den beiden verflogen unter Plaudern und Lesen die Stunden wie Minuten. Niemand störte sie in der Einsamkeit, die breiten Äste über ihnen spendeten herrlichen Schatten, und das Auge erlabte sich an dem köstlichen Grün.Versunken in diese Erinnerung starrte Ilse hinaus, bis der Anblick des hohen Schnees, der jetzt auf den Zweigen lastete, sie in die Wirklichkeit zurückführte. Es kam ihr vor, als wäre es eine andre gewesen, welche dort mit Leo so glücklich war, als hätte sie selbst dies nie erlebt. Ob solche Erinnerungen wohl auch an seinem Geist vorüberzogen, oder ob er die Vergangenheit aus seinem Gedächtnis verbannt hatte? Jeder Platz, jeder Baum hier mahnte sie an die frohen Stunden, die sie mit ihm verlebt hatte. Bei dem Gedanken, daß eine solche Zeit vielleicht niemals wiederkäme, daß sie fortan nur von diesen Erinnerungen zehren müßte, fühlte sie ihr Blut in den Adern erstarren.Sie trat vom Fenster zurück und ging rastlos im Zimmer auf und ab. Diese Angst, diese Zweifel konnte sie nicht länger ertragen und sie beschloß deshalb, heute morgen sofort mit den Eltern zu sprechen. War das nicht ihre Pflicht und würden sie, welche ihr nur Liebe und Güte entgegenbrachten, ihr nicht ratend und helfend zur Seite stehen?Klopfenden Herzens verließ sie ihr Zimmer. Als sie an der Kinderstube vorbeikam, hörte sie das Brüderchen laut jauchzen. Der Kleine lag noch im Bettchen, als sie hereinkam, und strampelte mit den dicken Beinchen in der Luft. Sie küßte und liebkoste das Kind; wie lange hatte sie mit dem lieben Schelm nicht mehr gespielt! Jetzt verstand er es schon, wenn sie mit ihm scherzte, und sein herzliches Lachen versetzte sie in Entzücken. Als Frau Anne hereintrat, war sie nicht wenig erstaunt, Ilse schon vollständig angekleidet zu finden.„Du bist schon auf, Ilse?“ fragte sie verwundert, mit einem herzlichen Kuß. „Eben schlich ich auf den Fußspitzen[pg 244]nach deinem Schlafzimmer, um zu horchen, und da alles mäuschenstill war, dachte ich, du lägst noch im tiefsten Schlummer und wollte dich nicht stören.“Ilse umarmte sie stürmisch.„Wie reizend und drollig ist das Kind geworden,“ rief sie begeistert und einer plötzlichen Eingebung folgend fügte sie hinzu: „Ach, liebste Mama, wie glücklich macht es mich, daß ich wieder bei euch bin!“Frau Anne strich ihr zärtlich über das Haar, und in ihren Augen funkelte es froh und siegesgewiß. Sie zog Ilses Arm durch den ihrigen.„Nun komm! Papa wird sich freuen, daß du schon auf bist, er wartet mit großer Ungeduld auf dich.“Bald saßen die drei am gemütlichen Kaffeetisch. Herr Macket verwandte kein Auge von seinem Liebling, der nun wieder leibhaftig vor ihm saß, den er so sehr entbehrt und oft herbeigesehnt hatte. Ihn erfüllte ganz der eine Gedanke: sie ist wieder da! Deshalb machte er sich auch keine Sorgen, was nun weiter werden und wie das Verhältnis zu Leo sich gestalten würde. In seiner unbefangenen Freude[pg 245]merkte er denn auch nicht, daß sich in Ilses ganzem Wesen eine gewisse Aufgeregtheit zeigte, und daß ihre Augen einen ängstlich fragenden Ausdruck hatten.Frau Anne aber beobachtete desto schärfer, ihr entging von alledem nichts, und sie bemerkte auch, daß ihr Töchterchen jetzt einen harten Kampf in seinem Innern zu bestehen hatte. Sie war deshalb so zuvorkommend und liebevoll wie nur möglich, um ihr den so schweren Anfang zu erleichtern.Ilse aß und trank mit großer Hast zur lebhaften Freude des arglosen Vaters, dem ihr anscheinend so gesunder Appetit sehr gefiel. Eigenhändig belegte er die Brötchen, und lächelnd sah ihm Frau Anne zu, – sie wußte genau, warum das Kind so eifrig dem Essen zusprach.Schon einige Male hatte Ilse die Lippen zum Reden geöffnet, und doch konnte sie sich immer noch nicht dazu entschließen. Krampfhaft drehte sie kleine Brotkügelchen zwischen ihren Fingern, – mein Gott, war es denn so schwer, das auszusprechen, was ihr doch wie Feuer auf der Seele brannte? Herr Macket war inzwischen aufgestanden und hatte sich in aller Gemütlichkeit eine Zigarre angesteckt, nun trat er zu ihr und legte zärtlich den Arm um ihren Nacken.„Kind,“ sagte er so recht aus tiefstem Herzensgrunde froh, „es ist gut, daß du wieder da bist.“ Und als sie aufblickend in die teuren Vateraugen sah, da sprang sie empor und fiel ihm um den Hals.„Liebe, einzige Eltern,“ dabei reichte sie Frau Anne die Hand, „verzeiht mir, seid nicht mehr böse, ich will ja alles wieder gut machen. Ich habe kindisch gehandelt, als ich davonlief, ich weiß es wohl, er hatte ja recht, ich bin im Unrecht, ach wüßte ich doch, ob er mich noch liebt, ob er mir verzeiht!“Sie hatte in fliegender Hast gesprochen, nun hielt sie[pg 246]mit einem riefen Atemzug inne, und es war, als wäre eine Zentnerlast von ihrem Herzen genommen. Herr Macket war bei den Selbstanklagen seines Lieblings ganz ängstlich geworden; er hatte sie einigemale unterbrechen wollen mit dem Ausruf: „Aber Kind, liebes Kind, wir sind dir doch nicht böse, sage doch so etwas nicht.“ Fast erschrocken blickte er sie an. Frau Anne aber zog sie gerührt an ihre Brust und streichelte ihre heißen Wangen. Tränenfeucht glänzten ihre Augen, und mit einem triumphierenden Ausdruck sah sie ihren Mann an, denn dieser hatte es immer bestritten, wenn sie behauptete, daß Ilse eines Tages zum Bewußtsein kommen und zu ihrem Bräutigam zurückkehren würde.„Nein, das wird sie nicht tun, ich kenne das Mädchen,“ hatte er dann geantwortet, „sie ist viel zu stolz dazu.“Frau Anne schwieg dann lächelnd, sie wußte ja viel besser, daß die Liebe über den Stolz siegen würde. Und sie hatte recht gehabt, sie hatte die Seele der jungen, trotzigen Braut besser durchschaut, als der in blinder Liebe befangene Vater. Jetzt, als sie Ilse fest in ihren Armen hielt und das heftig pochende Herz fühlte, war sie sicher, daß sie diesmal für immer geheilt und bekehrt zurückgekommen war, daß der Kampf, den Ilse in den letzten Monaten überstanden, in ihr die ernste Liebe des Weibes gereift hatte.Nun war das Eis gebrochen, mit einem Male wurde es Ilse so leicht, von Leo, von ihrer Flucht zu reden, traf sie doch nicht der geringste Tadel von seiten der Eltern; im Gegenteil, wenn sie sich ausschalt und Vorwürfe machte, dann beruhigte die Mama, tröstete mit den zärtlichsten Worten der Papa. Alles, alles beichtete sie, nur den Streit mit Leo ließ sie unberührt und beteuerte nur immer wieder, daß sie im Unrecht sei, und daß sie ganz wie ein unvernünftiges Kind gehandelt habe.Frau Anne hörte ihr voller Befriedigung zu, und in[pg 247]ihrem Innern dankte sie Nellie inbrünstig, indem sie deren gutem Einfluß den größten Teil dieser Umwandlung zuschrieb. Noch an demselben Tage gab sie diesen Gefühlen in einem langen Dankesbriefe an die junge Frau Ausdruck.Herr Mackets Groll gegen Leo, den er bis jetzt nicht hatte überwinden können, schwand immer mehr, und er mußte nun doch einsehen, daß nur die Widerspenstigkeit seines Töchterchens an diesem Zerwürfnis schuld war.„Und nun will ich gleich an Leo schreiben,“ sagte Ilse, sich erhebend, „und ihn bitten, daß er morgen kommt, daß wir ein vergnügtes Weihnachtsfest zusammen feiern können.“Aber schon nach kurzer Zeit kehrte sie unverrichteter Sache zurück.„Ich kann nicht schreiben, Mama,“ klagte sie, „es ist mir nicht möglich. Was ich ihm zu sagen habe, das muß mündlich geschehen. Was soll ich denn nur tun, ich weiß es ja nicht; ach Gott, so rate mir doch, liebste Mama.“Frau Anne schwieg und tat, als überhörte sie die Frage; das Kind sollte von selbst den richtigen Weg einschlagen.Sinnend und etwas ungeduldig blickte Ilse vor sich hin.„Mama,“ begann sie wieder, „wissen denn Leos Eltern, was zwischen uns vorgefallen ist?“ Sie seufzte bei dieser Frage, denn der Gedanke, daß sie auch ihnen eine Aufklärung geben müßte, war ihr höchst peinlich.„Beruhige dich, Ilse,“ tröstete sie Frau Anne, „Gontraus wissen nichts. Leo hat ihnen keinesfalls etwas verraten, und ich habe – oft allerdings durch recht diplomatische Künste – mich bemüht, alles zu verheimlichen. Da sie ganz ahnungslos sind, so werden sie auch nichts bemerkt haben. Wegen deiner angeblichen Schreibfaulheit mußt du dich aber gründlich bei ihnen entschuldigen, denn sie klagten öfters darüber, daß sie noch gar keinen Brief von dir[pg 248]hätten. Ich habe dein Schweigen, so gut es ging, beschönigt.“„Du liebe, einzig gute Mama!“ unterbrach sie hier Ilse, der bei diesen Worten ein Stein vom Herzen fiel, indem sie Frau Anne mit beiden Armen umschlang, „ich verdiene deine Güte ja gar nicht. Warum muß denn auch gerade ich einen so unglückseligen Charakter besitzen? Wie schwer habe ich schon darunter leiden müssen, wie viele bittere Stunden habe ich andern dadurch bereitet! Siehst du ich bin wütend auf mich, ich weiß genau, was für ein stöckisches Wesen ich bin, und darum wird mich Leo auch nicht mehr lieb haben, ganz gewiß nicht.“Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen.„Ilse,“ sagte Frau Anne sanft aber bestimmt, „ich dachte, du wärest ein vernünftiges Kind geworden, und nun kommt doch wieder das tolle Köpfchen zum Vorschein.“„Ach, Mama, kein Mensch weiß, welche Vorwürfe mich gequält haben, und wie ich bereue, was ich getan. Leo glaubt das gewiß nicht, und wenn ich es ihm auch sage, wird er sich nicht überzeugen lassen.“„Ilse, Ilse,“ erwiderte Frau Anne kopfschüttelnd, „so darfst du nicht sprechen. Ich weiß, wie tief Leo unter den jetzigen Verhältnissen leidet. Wenn er dich nicht wahrhaft liebte, würde er gleichgültiger sein.“„Hat er mit dir über mich gesprochen, hat er dir alles erzählt?“ fragte Ilse dringlich. „Hat er sich über mich beklagt?“„Er hat mir nicht mehr gesagt, als unumgänglich notwendig war, und nicht das kleinste Wort des Tadels oder der Klage ist über seine Lippen gekommen. Ilse, kennst du ihn denn so wenig, daß du so etwas von ihm zu glauben vermagst?“Das junge Mädchen senkte beschämt das Haupt. Nein,[pg 249]sie hatte eine bessere Meinung von ihm und wußte selbst nicht, warum sie so sprach.„Ich habe den guten Gontraus auf ihren letzten Brief noch nicht geantwortet,“ fuhr Frau Macket fort, „sie fragten darin an, ob du zu Weihnachten bestimmt zurückkämst, dann würden wir doch das Fest natürlich zusammen feiern. Ich war etwas in Verlegenheit, was ich darauf erwidern sollte, und habe deshalb bis jetzt geschwiegen, heute muß ich ihnen aber schreiben, Ilse, – was soll ich ihnen für eine Antwort geben?“„Mama,“ sagte Ilse plötzlich, nachdem sie eine Weile gedankenvoll vor sich hingeblickt hatte, „ich habe eine Idee; ja, so geht es – so muß es gehen. Ich schreibe an Leos Eltern, daß ich morgen früh mit euch käme, aber sie sollten ihm davon nichts sagen, weil ich ihn überraschen wollte.“Gott sei Dank, nun war ein Ausweg gefunden! Ihre Augen leuchteten vor Freude über den glücklichen Einfall, und sie war Feuer und Flamme.„Herzensmama, so wird es gemacht, nicht wahr?“ schmeichelte sie, „und dann fahren wir morgen gleich nach Tisch alle hierher zurück, und es wird hier beschert. Ich will sofort schreiben.“Dem Papa brauchte sie ihren Plan gar nicht erst mitzuteilen, er war doch mit allem einverstanden, was sein Liebling tat. Der Brief wurde denn auch sofort geschrieben und unverzüglich nach dem Bahnhof gebracht, damit er noch heute an seine Adresse gelangte.Ilse war wie umgewandelt, die Ungeduld jagte sie rastlos von einem Ort zum andern. Es gab ja auch noch so viel zu tun für den folgenden Tag, und mit einem wahren Feuereifer stürzte sie sich in die Arbeit.Im großen Gartensaale stand die mächtige Tanne, welche sie schmücken sollte. Die breiten Äste waren schon dicht mit Watte belegt, auch Gold- und Silberfäden waren[pg 250]darüber gezogen. Herr Macket, der keinen Augenblick von Ilses Seite wich, war dabei, die Wachslichter zu befestigen. Wie heller Freudenschein lag es über seinem Gesicht, als er sie so froh und geschäftig sah, und verstohlen blickte er sie immer an. Das war wieder seine alte Ilse, sein lieber, ausgelassener Wildfang, welchem Übermut und Frohsinn aus den Augen blitzten.Ilse hatte nicht genug an dem duftenden Grün des Tannenbaumes, den ganzen Saal wollte sie mit Tannenzweigen und Blattpflanzen geschmückt haben; die letzteren mußte ihr der Gärtner aus dem Gewächshaus bringen. Die Ecken sollten Lauben bilden, während an den Wänden Guirlanden aus Tannenzweigen befestigt wurden.Als sie endlich fertig war, betrachtete sie ihr Werk mit prüfenden Augen und ordnete noch hier und da etwas an; es war ihr immer noch nicht schön genug, schmückte sie doch den Raum so festlich für ihn! Das beseligte sie, und ihr Herz klopfte stürmisch bei dem Gedanken, daß sie morgen mit ihm an dieser Stelle stehen würde, und daß dann alle Zweifel und Qualen ein Ende haben sollten. Wie sehnte sie sich nach voller, reiner Harmonie, wie lange, lange hatte sie diese entbehren müssen!Der weihnachtliche Schmuck des Saales war vollendet und das ganze Haus erfüllt von dem feinen, harzigen Geruch der Tannennadeln, hatte doch Herr Macket in seiner Herzensfreude noch mehrere Bäume bringen und in dem Treppenhaus aufstellen lassen. „Es soll recht weihnachtlich sein,“ sagte er, und war dabei so heiterer Laune, wie ihn seine Frau lange nicht gesehen hatte.Ilse schlief diese Nacht wenig, sie war zu aufgeregt dazu. Pünktlich um acht Uhr stand am andern Morgen der Schlitten vor der Türe, und ungeduldig stampften die Braunen den Boden. Frau Anne erklärte, zu Hause bleiben zu wollen, da es, wie sie sagte, noch viel zu tun und an[pg 251]zuordnen gab. Ilse hätte freilich sehr gern gehabt, wenn sie mitgefahren wäre, denn an dem ruhigen, sicheren Wesen der Mama würde ihr erregtes Herz einen festen Rückhalt gehabt haben. Wer sollte ihr Mut machen, wenn sie wieder zaghaft würde! Aber – war denn das nötig, mußte sie zu dem Schritt erst ermutigt werden, den sie doch mit freudigem Herzen tat? Nein, nein!Energisch drängte sie jeden solchen Gedanken zurück, und mit klaren, strahlenden Augen nickte sie Frau Anne zu, welche in der Pforte stehen geblieben war, um dem Schlitten nachzusehen. Wie lieb und gut hatte sie Ilse zum Abschied in die Arme geschlossen! Die zärtlichen Worte: „Nun sei mein verständiges Mädchen und zage nicht,“ welche sie ihr dabei zuflüsterte, klangen ihr noch immer in den Ohren nach. Frisch und rosig saß sie an der Seite ihres Vaters, der alle Augenblicke fragte, ob sie es auch nicht fröre, und immer wieder die Decke, welche er über sie gebreitet hatte, fester und höher hinaufzog.Sie wehrte ihm lachend. „Aber Papachen, mir ist ja so warm, mich friert gar nicht; bald kann ich mich nicht mehr rühren, so fest hast du mich eingewickelt.“Unter Herrn Mackets sicherer Leitung flog das leichte Gefährt mit Windeseile über die glatte Bahn, daß der Schnee links und rechts zur Seite stob. Dazu klang das lustige Schellengeläute so hell und silberrein, daß es sich wie liebliche Musik anhörte.Ilse lehnte sich weit zurück und schloß die Augen. Klingling, klingling, schallte es immerfort in ihren Ohren, und nun schien der helle Glockenklang auf einmal eine dunklere Färbung anzunehmen, langsam und gemessen in gleichmäßigen Schwingungen zu ertönen. Was war denn das? Klang nicht so die Glocke von dem heimatlichen Kirchturm? Sie sah ihn im Geiste vor sich, das winterliche Kleid war abgestreift und statt dessen umwob ihn lichtes[pg 252]Frühlingsgrün. In den Wipfeln der alten Linden, welche vor der Kirche standen, sangen die Vögel, und Blumenduft strömte durch die geöffneten Fenster hinein. Drinnen tönte die Orgel und begleitete die hellen Stimmen der Dorfkinder. Alles war so feierlich, und da sah sie sich selbst im langen weißen Gewande an der Seite ihres Leo zur Türe hereinkommen. Um den festlich geschmückten Altar standen die Eltern, Verwandten und Freunde, und der alte Pfarrer harrte ihrer. –Erschreckt fuhr sie auf. Welche Bilder malte ihre Phantasie da vor ihren Augen aus? Und doch kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem rosigen Zukunftsbilde.„Bist wohl müde, Kind,“ fragte Herr Macket, weil sie so lang stumm und mit geschlossenen Augen neben ihm gesessen hatte. „Ja, die Fahrt ist lang und angreifend, sie wird dir doch nicht zu viel werden, Mädel?“Sorgsam prüfend schaute er ihr ins Gesicht.„O nein, Papachen, nicht im geringsten, ich bin gar nicht müde, sondern überlegte mir nur etwas und schloß deshalb die Augen.“ Sie mochte ihm nicht eingestehen, daß sie wachend geträumt hatte.Nachdem sie in einem Dorfe ausgespannt und eine Weile gerastet hatten, ging die Fahrt weiter.„In einer guten Stunde sind wir da, die Pferde sind flott gelaufen,“ sagte Herr Macket und blickte mit Stolz auf seine beiden Braunen.Ilse klopfte das Herz hörbar, und ihre von der kalten Winterluft geröteten Wangen färbten sich noch tiefer. Und mochte ihr auch vor dem Augenblick des Wiedersehens bangen, so erfaßte sie dennoch eine unsagbare Ungeduld bei dem Gedanken, daß sie nur noch eine kurze Spanne Zeit, nur noch Minuten von ihm trennten.Die weiten Schneeflächen kamen ihr endlos vor, und[pg 253]sie hätte sich Flügel wünschen mögen, um schneller in seine Arme zu eilen. Während sie bis jetzt ihren Träumen nachgehangen hatte, wurde sie auf einmal lebhaft und gesprächig, scherzte und neckte sich mit ihrem Vater, daß oft sein herzliches Lachen durch die winterliche Ruhe schallte, und seine blauen Augen unter den buschigen Brauen vor Freude und Lust strahlten.So verflog ihr die Zeit rascher, und sie konnte die innere Unruhe besser bemeistern. Endlich sah sie ganz in der Ferne, noch undeutlich und kaum zu erkennen, die Kirchturmspitze von L. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr es ihre Glieder.„Papa, sieh nur dort, gleich sind wir da!“ rief sie, indem sie ihn am Arm faßte und mit dem Finger auf den fernen Kirchturm zeigte.Er kniff die Augen zusammen und blickte nach der angegebenen Richtung, dann legte er die Hand über die Augen und beugte den Kopf nach vorn.„Ich sehe noch nichts,“ sagte er schließlich.„Aber Papa, dort, siehst du denn nicht?“ Sie war aufgestanden und starrte entzückt in die Ferne, als hätte sich ein Wunder vor ihren Blicken aufgetan.Er schüttelte den Kopf.„Ich sehe nichts, Ilse, du hast eben wahre Falkenaugen. Krischan,“ wandte er sich an den hinter ihnen sitzenden Kutscher, „siehst du den Turm von L. schon?“„Nee, Herr, ich sehe nischt, das Freilein sieht wohl mit die Ogen der Liebe.“Über diesen Witz grinste er mit dem ganzen breiten Gesicht, während die beiden im Schlitten in ein helles Gelächter ausbrachen.Weiter und weiter sauste der Schlitten, und die eben noch in der Ferne verschwommenen Gegenstände tauchten immer klarer auf. Jetzt war auch der Kirchturm deutlich[pg 254]sichtbar, und die beschneiten Dächer zeichneten sich scharf vom blauen Himmel ab. Bald darauf fuhren sie in das Dorf ein, aber bei einem der ersten Häuser machten sie Halt. Eine dicke goldene Traube, an einem weit vorragenden eisernen Arm befestigt, bezeichnete dasselbe als Gasthaus. Ilse hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen, und Herr Macket mußte den breiten Pelzkragen hinaufschlagen, damit sie von den neugierigen Blicken, welche dem Schlitten folgten, nicht erkannt würden. Hier sollte ausgespannt werden, so war es mit den Schwiegereltern verabredet worden. Ilse hatte ihnen geschrieben, sie möchten Leo im Hause festhalten.Die Aufforderung ihres Vaters, sich erst etwas zu erwärmen und eine Kleinigkeit zu genießen, lehnte Ilse entschieden ab, denn so nahe dem ersehnten Ziel erschien es ihr unmöglich, noch irgendwelche Verzögerung zu ertragen. So machten sich denn die beiden auf den Weg nach dem Gute, welches abseits vom Dorfe lag und dicht an einen Tannenwald grenzte.„Wie ein Paar Diebe kommen wir angeschlichen,“ sagte Herr Macket. „Darf ich denn den verflixten Kragen noch immer nicht herunterschlagen? Mir wird nämlich verteufelt heiß in diesem Futteral.“„Ach bitte, bitte, noch nicht,“ bat Ilse, die unter ihrem Schleier fortwährend ängstliche Blicke nach rechts und links warf, „siehst du, Herzensväterchen, es könnte uns doch jemand begegnen, und wir sind ja gleich da.“Herr Macket als ein gehorsamer Vater fügte sich und stöhnte nur einige Male verstohlen. Sie bogen jetzt in einen kleinen Seitenweg ein, der zwischen zwei Hecken durchführte und nicht gebahnt war, so daß sie bis über die Knöchel in den weichen Schnee einsanken.„Hier können wir nicht weiter, Ilse, das geht nicht. Du bekommst ja ganz nasse Füße und wirst dich auf den[pg 255]Tod erkälten. Komm, wir wollen umkehren.“ Damit blieb er stehen.Aber sein geliebter Wildfang schlug ihm ein Schnippchen und hüpfte leicht und flink wie ein Reh davon. Sie sah ja am Ausgang des Heckenweges ein großes, herrschaftliches Haus, das Gontrau’sche, und sollte nun wieder umkehren? Das war zu viel verlangt. Wohl oder übel mußte Herr Macket ihr folgen, und wenn er auch etwas unwillig in den Bart brummte, so brachte er es doch nicht über sich, auf seinen Liebling zu schelten. Mit seinen großen Stiefeln trat er in Ilses zierliche Fußstapfen; diese war ihm längst vorausgeeilt und wartete schon auf ihn an der eisernen Tür, welche den parkartigen Garten hinter dem Hause abschloß.„Bist mir doch nicht böse, Papachen?“ fragte sie ihn mit schelmischer Zärtlichkeit, und da konnte er natürlich nicht widerstehen.Der fürsorgliche Schwiegervater hatte Bahn fegen lassen, und auf besserem Wege als vorher schritten sie nun den Garten entlang und schlichen zu einer Hintertüre in das Haus hinein. Ilse hatte Herrn Macket untergefaßt und eiligst mit fortgezogen. Dabei hatte sie solch fieberhafte Angst ausgestanden, sie könnte von Leo gesehen werden, daß sie jetzt, nachdem diese Gefahr vorüber war, erst einen Augenblick stehen bleiben mußte, um Atem zu schöpfen.Auf dem Hausflur kam ihnen das Gontrau’sche Ehepaar mit offenen Armen entgegen. Ilse war tief beschämt über all die Liebe und Herzlichkeit, mit welcher die Schwiegereltern sie empfingen; dieselben waren vollständig unbefangen und schienen nicht im geringsten zu ahnen, welcher Zwiespalt zwischen dem Brautpaar herrschte. Sie führten ihren Besuch in ein behaglich erwärmtes Zimmer, und während Herr Gontrau Ilses Vater Pelz und Hut abnahm, half seine Frau dem Schwiegertöchterchen beim Ablegen und[pg 256]blickte mit Stolz in das junge frische Gesicht mit den lebhaften braunen Augen. Zärtlich strich sie ihr die wirren Haare aus der Stirn und streichelte ihr die Wangen. Auch Herr Gontrau betrachtete sich die Braut seines Sohnes mit großem Wohlgefallen.„Ilse, ich glaube, du bist noch gewachsen,“ sagte er, indem er sie an sich zog, „und wie wohl du aussiehst, du blühst ja wie eine Rose. Na, der Leo wird sich freuen, er hat keine Ahnung von der Überraschung, die ihm bevorsteht.“„Ach ja,“ meinte Frau Gontrau, „ich freue mich auch, der arme Junge hat in der letzten Zeit so viel zu tun gehabt, daß er ganz ernst und blaß geworden ist.“Ilse errötete und wandte sich ab.„Wo ist Leo?“ fragte sie leise. „Ich möchte ihn doch gern gleich sehen.“„Er ist oben auf seinem Zimmer, liebes Kind,“ sagte Frau Gontrau. „Nun, du weißt ja Bescheid; ich war eben noch bei ihm, um zu verhüten, daß er sich entfernte.“„Ich gehe zu ihm,“ sagte Ilse und verließ das Zimmer.Als sie die Treppe hinaufgeeilt war und nun vor seiner Türe stand, hielt sie inne und legte die Hand beschwichtigend auf ihr Herz, das ihr zum Zerspringen klopfte. Nun war der Augenblick gekommen, ihm die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ein Gefühl der Demütigung wollte noch einmal in ihr aufwallen, aber sie unterdrückte es, denn sie hatte sich vorgenommen, oft und fest vorgenommen, ihm mit keinem andern Gedanken, als dem der aufrichtigsten Reue entgegenzutreten.Und als sie immer noch zögerte, erschien ihr Lucies Bild vor den Augen und blickte sie flehend an. Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie sanft nieder und befand sich nun in einem kleinen Vorraum, welcher nur durch eine Portiere von Leos Zimmer getrennt war. Auf den[pg 257]Fußspitzen schlich Ilse näher, schob den Vorhang auseinander und konnte nun das ganze Zimmer übersehen.
Dabei warf er einen neckisch herausfordernden Seitenblick auf seine Frau.„O du verleumderisches Mann,“ rief diese und nahm den Schlüssel aus einem zierlichen Körbchen. Er hob ihr Kinn in die Höhe und sah ihr in die Augen.„Bist du mir böse, Schatz?“ fragte er zärtlich.„Natürlich, du schreckliches Mann,“ antwortete sie und gab ihm scherzend einen Schlag.„Au,“ rief er, „so wird man nun von seiner eigenen Frau behandelt! Erst sagt sie ‚schreckliches Mann‘ und dann haut sie einen sogar. Doktor, heiraten Sie lieber nicht, ich rate es Ihnen!“Er lachte mit dem ganzen Gesicht in ausgelassener Laune, denn es machte ihm großen Spaß, seine Frau zu necken. Mit geheimnisvoller Miene verschwand er jetzt mit Nellie. Ilse folgte ihnen, weil sie sich höchst überflüssig bei dem Brautpaar fühlte.Im Eßzimmer hörte man bald darauf ein geschäftiges Hinundherlaufen. Türen klappten, Gläser klangen, dazwischen tönte fröhliches Lachen und Sprechen. Nach einer Weile wurden die Flügeltüren geöffnet und das Brautpaar feierlich hereingeführt. Trotz der Kürze der Zeit hatten es die Freunde verstanden, alles festlich herzurichten. Die große bronzene Hängelampe strahlte in hellem Glanze. In den Wandleuchtern brannten Kerzen, deren Licht sich in den[pg 230]Gläsern und Krügen spiegelte, die ringsherum auf dem Wandgesims aufgestellt waren. Über den einladend besetzten Tisch war eine altdeutsche Spruchdecke gebreitet, und in der Mitte hatte Nellie ihre Blumen und Blattpflanzen malerisch aufgebaut. Daneben standen alte Meißner Schalen, mit Kuchen und Früchten gefüllt, während aus einem Champagner-Kühler einige Silberhälse hervorschauten. In dem Spitzglas, das auf Orlas Platze stand, duftete ihr ein Sträußchen aus Myrten und Maiblumen entgegen. Die sinnige Nellie hatte es aus den Blüten gebunden, in deren Anblick Orla sich so eifrig versenkt hatte, als Andres eintrat.„Nellie, Ilse, Herr Doktor, wie kann ich euch danken für soviel Liebe und Freundschaft!“ rief Orla bewegt und auch Andres war voller Dankbarkeit für diese Überraschung. In heiterster Stimmung nahm die kleine Gesellschaft Platz. Helle Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Champagnerpfropfen knallten, und als die Gläser gefüllt waren, ergriff Doktor Althoff das seinige und ließ mit herzlichen Worten das neuverlobte Paar leben. Unter Scherzen, Lachen und Necken flogen die Stunden dahin. Nur eine stimmte nicht aus vollem Herzen mit in den Jubel der übrigen ein, das war unsre Ilse. Dem glücklichen verlobten Paare gegenüber kam sie sich wie eine verlassene Braut vor. Eine unerklärliche Bangigkeit rief immer neue Zweifel bei ihr hervor und machte sie beklommen. Fortwährend beängstigten sie quälende Fragen. Liebte er sie noch? Würde er ihr verzeihen? Ihr bangte vor den kommenden Tagen. O, könnte sie doch die Zeit verwischen, die ihm und ihr so viel Trübsal bereitet hatte, den Mißton fortzaubern, der die Eintracht ihrer Seelen störte. Ja, was half nun alle Reue? Die verflossenen Wochen und Monate kamen nicht wieder, sie waren ihnen beiden für immer verloren. Um wieviel frohe, glückliche Stunden hatte sie sich betrogen! –Spät in der Nacht erst trennte man sich. Die Lichter[pg 231]erloschen, und die junge Braut, mit den verwelkten Maiblumen an der Brust, ging mit Ilse in das gemeinsame Schlafzimmer. Sie nahm die kleinen Glöckchen, die traurig die Köpfe hängen ließen, und legte sie zwischen die Blätter eines Buches.„Zur Erinnerung an diesen Tag,“ sagte sie zu Ilse, welche auf ihrem Koffer saß und der Freundin mit schwermütigen Augen zusah.„Wie ich dich beneide, Orla,“ sagte sie leise, „du wirst deinem Rudolf niemals Gram bereiten, du wirst ihn glücklich machen, denn du bist keine kleinliche Natur, wie ich es bin.“„Aber Kind, was fällt dir ein, wie kannst du so mutlos sprechen? Du bist ein kleiner Tollkopf, dessen Trotz in der Pension gebändigt wurde und nun durch die zu große Nachgiebigkeit deiner Eltern, deines Verlobten wieder zum Vorschein kam. Aber jetzt wirst du, wie ich bestimmt glaube, für immer geheilt sein. Nur nicht zaghaft, Ilse! Ich kann mir gar nicht denken, daß es so schwer fällt, dem liebsten Menschen auf der Welt ein gutes Wort zu geben, wenn man ihn gekränkt hat.“„Wirklich, Orla?“ fragte Ilse, der eine solche Ansicht aus diesem Munde maßgebend war, „würdest du deinen Bräutigam in einem ähnlichen Fall um Verzeihung bitten können? Und das würde dir nicht schwer werden?“„Gewiß nicht,“ antwortete die Freundin, „für den Mann, den ich liebe, würde ich alles tun.“Ilse schwieg. Sie hatte geglaubt, die stolze Orla könnte sich nie soweit demütigen. Aber nun diese erklärte, daß sie ohne Scheu ihren Bräutigam um Verzeihung bitten würde, wenn sie ihn gekränkt hätte, schien es ihr, als ob sie durch dieses Geständnis von ihrem Stolz nichts einbüßte und deshalb noch lange keine unterwürfige Natur zeigte. Orla war herangetreten und legte die Hand auf Ilses lockiges Haar.[pg 232]„Geh nur zu ihm, Kind, du vergibst dir dadurch nichts, sondern machst nur die Fehler wieder gut, zu denen dich dein leidenschaftlicher Sinn hingerissen hat.“„Glaubst du das wirklich, Orla? Ach, ich kann dir nicht sagen, wie ich den Tag herbeisehne, der uns unser Glück zurückgibt. Ich war töricht, ich weiß es, ich habe unrecht gehandelt und bereue –“„Halt,“ unterbrach sie Orla, „ich darf deine Beichte nicht anhören, nur deinem Leo darfst und mußt du dies alles sagen. – Aber nun wollen wir schlafen, sonst sind wir morgen früh nicht zur rechten Zeit wach, und du versäumst den Zug.“„Orla, ich habe noch eine Bitte an dich.“„Nun?“„Erzähle deinem Bräutigam, was zwischen Leo und mir vorgefallen ist. Ich habe mich ihm gegenüber einmal recht kindisch benommen und ihm keine Aufklärung gegeben. Ich wollte es immer tun und konnte mich doch nicht entschließen, die Sache nochmals zu berühren. Jetzt aber, da du mit ihm verlobt bist und er mir dadurch viel näher gerückt ist, soll er alles wissen.“Orla drohte lachend mit dem Finger.„Das sind ja nette Geschichten, die ich da zu hören bekomme. Ihr beide habt Geheimnisse miteinander, da bin ich doch begierig, das nähere zu erfahren. Doch nun ernstlich, gute Nacht, ich bin so müde, daß mir die Augen zufallen.“Ilse merkte wohl, daß Orla nur Müdigkeit vorschützte, um nicht mehr sprechen zu müssen, sondern ungestört träumen und denken zu können. Schweigend begaben sie sich zur Ruhe und lagen mit geschlossenen Augen da, aber noch lange wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Beide kämpften mit dem stürmisch bewegten Herzen. Orlas Seele erbebte noch von dem Nachhall des seligen Glücks, das ihr der heutige[pg 233]Tag gebracht hatte, und Ilse ließ die Sehnsucht nach dem Geliebten spät erst Ruhe finden.Der dämmerige Wintermorgen war schon längst angebrochen, als ein kräftiges Klopfen an der Türe die beiden Schläferinnen aus ihren Träumen erweckte. Die Fräulein müßten schnell aufstehen, rief das Mädchen, denn es sei schon sehr spät. –Und nun war der Augenblick des Abschiednehmens gekommen, zur Abfahrt bereit stand Ilse auf dem Bahnhof. Die Freunde hatten sie natürlich begleitet. Während Althoff das Billet besorgte, schritt das Brautpaar selig plaudernd auf dem Perron hin und her. Ilse und Nellie aber standen Hand in Hand zusammen. Die Trennung wurde beiden sehr schwer, das sah man an ihren verweinten Augen; auf Ilses Wangen perlten noch immer die Tränen in hellen Tropfen.„Ach, Nellie, wäre doch erst alles wieder gut, ich kann dir nicht beschreiben, wie es mir ums Herz ist.“„O, du mußt nicht so bänglich sein, liebe Ilse, du hast so gute Eltern, eine so liebe Schatz, sie werden dich mit geöffneten Armen aufnehmen. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, du mußt nur standhaft sein, willst du mir das versprechen?“Ilse nickte, aber ihre dunklen Kinderaugen hatten noch einen sorgenvollen Blick, und der tiefe Seufzer, der sich ihrer Brust entrang, bewies, daß die tröstenden Worte der Freundin sie nicht vollständig zu beruhigen vermochten.Andres und Orla traten jetzt heran, und Ilse verbarg ihr Gesicht in den duftenden Blumen, welche ihr die Freunde zum Abschied geschenkt hatten, damit Orlas forschende Augen nicht entdecken sollten, daß sie abermals von Zweifeln gequält wurde, – vor ihr wollte sie sich stark zeigen.Jetzt kam auch Nellies Mann mit Fahrkarte und Gepäckschein, und nach wenigen Minuten brauste der Schnellzug[pg 234]herein, der Ilse in die Heimat entführen sollte. Noch ein letztes Mal hielten sie Nellies Arme innig umschlossen, unter Schluchzen dankte Ilse der treuen Freundin für alle Liebe und Freundschaft, die sie ihr erwiesen hatte. Dann küßte sie Orla und verabschiedete sich von den Herren. Nun stand sie am offenen Coupéfenster, und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.„Grüße mich deine lieben Eltern recht schön und das süße Baby!“ rief Nellie.„Und schreibe bald,“ mahnte Orla.„O ja,darling, du mußt uns dein glückliches Ankunft sofort auf eine Postkarte mitteilen, vergiß nicht.“„Nein, nein, ich schreibe euch sofort,“ beteuerte Ilse.Bis zum Ende des Perrons hatten die Freunde den Zug begleitet, dann blieben sie stehen und sahen der scheidenden Ilse grüßend und winkend nach, bis der letzte Zipfel von ihrem Schleier verschwunden war.Auch sie schloß das Fenster erst, als nichts mehr von den Zurückbleibenden zu erblicken war. Dann nahm sie ihren Platz ein und schaute wehmütig durch die Scheiben.Bald war auch das letzte Haus der kleinen Stadt, die[pg 235]ihr während ihres Aufenthaltes lieb und vertraut geworden war, ihren Blicken entschwunden. Über weite, öde Schneeflächen schweifte ihr Auge, dann bemerkte sie eine Gruppe von kahlen Bäumen, auf denen sich Scharen von Krähen niedergelassen hatten, die bei dem Geräusch des herannahenden Zuges mit lautem Gekreisch von den dürren Zweigen aufflatterten und davonflogen.Ilse lehnte sich zurück und schloß in Gedanken verloren die Augen. Als sie die Heimat verließ, war es Herbst gewesen, welke Blätter wirbelten durch die Luft, Sturm und Regen waren ihre Reisebegleiter. So stürmisch wie draußen sah es damals in ihrer Seele aus, leidenschaftliche Gefühle wogten in ihrer Brust, und ihre Gedanken wirbelten gleichfalls durcheinander, wie die dürren Blätter. Heute begriff sie nicht und konnte nicht fassen, wie sie zu der abenteuerlichen Reise gekommen war. Sie verwünschte ihr unbändiges Wesen, das ihr schon so viele Stunden getrübt, so manchen heißen Kampf gekostet.Hatte sie denn nicht alle Ursache, froh und zufrieden zu sein, war sie nicht ein verzogenes Kind des Glücks, vor tausenden bevorzugt? War man nicht immer bemüht, sie zu erfreuen, und wie hatte sie bisher alle diese Liebe vergolten? Um viele Erfahrungen reicher und durch Prüfungen gereifter, kehrte sie jetzt heim. Das Leben hatte ihr in buntem Wechsel gezeigt, daß Freud und Leid dicht zusammen wohnen, und daß der ein Tor ist, der die schönen Stunden, welche es bietet, nicht dankbar genießt, sondern in kindischem Übermut zerstört. Vernünftig und fügsam war sie wohl in der Pension geworden, aber auf wie lange? Durch die stete Nachgiebigkeit ihres Vaters und die blinde Liebe Leos war ihr alter Trotz bald wieder hervorgebrochen. Aber jetzt kehrte sie für immer geheilt zurück, hatte sie doch das bestimmte Gefühl, daß sie nicht wieder in ihren alten Fehler zurückfallen würde.[pg 236]Orlas strahlendes Gesicht tauchte in diesem Augenblick vor ihr auf, und sie beneidete die Freundin fast um ihr Glück, welches sie sich gewiß nie durch kleinliche Zweifel trüben würde. Der Mann, dem Orla ihr Herz geschenkt hatte, durfte sicher sein, daß sie ihm kein unverdientes Leid zufügen werde. Aber konnte sie denn nicht dem guten Beispiel Orlas folgen und ebenso werden, wie diese? Lag das nicht einzig und allein in ihrer Hand?Die Stunden vergingen in schnellem Fluge, so lebhaft beschäftigten sie ihre Gedanken, und je näher sie der Heimat kam, desto ruhiger schlug ihr Herz, desto leichter wurde ihr Sinn. Die Freude, ihre Eltern und das Brüderchen nach so langer Trennung wiederzusehen, drängte alle andern Gefühle, welche ihr die Heimkehr erschwerten, zurück. Sie wurde jetzt ungeduldig, zählte die Stationen und hauchte an die Scheiben, welche mit glitzernden Eisblumen bedeckt waren, um einen Blick in die Gegend werfen zu können, die nun immer bekannter und heimatlicher wurde.Lebhaft drängte sich ihr die Erinnerung auf an ihre Ankunft im Vaterhause, als sie aus der Pension zurückkehrte. Wessen Bild trug sie damals im Herzen, rein und klar mit den schüchternen Empfindungen der ersten, erwachenden Liebe? Und heute – welcher Unterschied! – dasselbe Bild stand auch jetzt deutlich vor ihrer Seele, aber nicht mit den schönen strahlenden Augen, welche sich bei jenem ersten Abschied so tief in die ihren gesenkt hatten, sondern mit schmerzlichem und vorwurfsvollem Blick. Noch war es indessen nicht zu spät. Sie bereute aufrichtig und war fest entschlossen, alles wieder gut zu machen, was sie verschuldet hatte. Lucies Bild, welches ihr oft mit drohendem und beängstigendem Ausdruck erschienen war, sah sie jetzt mit einem versöhnenden Blick an, und schien ihr sagen zu wollen: nur Mut und Vertrauen! Du kannst doch noch glücklich werden, auch mir[pg 237]ist ja nach langer Prüfungszeit noch Verzeihung und höchstes Erdenglück zu teil geworden.Die letzte Station war vorüber, Ilses Herz bebte, denn noch wenige Minuten und sie war daheim. Sie suchte ihr Reisegepäck zusammen, legte die Blumen darauf, strich sich das Haar zurecht und stand dann erwartungsvoll am Fenster. Der schrille Pfiff der Lokomotive erschien ihr jetzt wie eine Erlösung aus ihrer Ungeduld und Sehnsucht. Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus, als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Da standen die geliebten Eltern, und jetzt wurde auch sie von ihnen bemerkt. Die Freude, welche bei ihrem Anblick auf deren Gesicht zu lesen war, rührte sie fast zu Tränen, und als sie dann in ihren Armen lag, stieg ein heißes Gefühl der Dankbarkeit für solche Liebe, solches Glück in ihr auf, so daß sie Vater und Mutter immer wieder und wieder küssen mußte.Die Eltern waren mit dem Schlitten gekommen; Herr Macket fuhr selbst, und mit Windeseile trugen sie die geliebten Braunen dem heimatlichen Dorfe zu. Jeder Weg und Steg, jeder Baum und Strauch kam ihr wie ein lieber Bekannter vor. Als sie durch die Dorfstraße fuhren und das Schellengeläute viele Neugierige ans Fenster lockte, lauter bekannte Gesichter, konnte sie sich der beschämenden Erinnerung nicht erwehren, wie sie an jenem unglückseligen Tage dieselbe Straße in wilder Hast hinuntergeeilt und wie eine Sünderin den ihr begegnenden Dorfleuten ausgewichen war. Zum Glück hatten die Eltern so viel zu fragen, daß diese peinlichen Gedanken bald wieder verdrängt wurden.Endlich hielt der Schlitten vor dem Tore. Wie eine Feder schnellte Ilse empor und sprang hinaus. Erst begrüßte sie die Dienstboten freundlich und streichelte die Hunde, welche vor Freude laut bellend an ihr emporsprangen und ihr die Hände leckten. Dann aber lief sie eilend ins Haus, denn es drängte sie unwiderstehlich, das Brüderchen zu um[pg 238]armen, welches am Fenster stand und mit seinen beiden dicken Fäusten an die Scheiben trommelte. Wie groß war es geworden, zu Ilses lebhaftem Erstaunen! Aber augenscheinlich wollte es nichts mehr von ihr wissen, denn es versteckte sich hinter die Wärterin, als sie es aufnehmen und herzen wollte.„Ich bin ihm ganz fremd geworden,“ klagte sie nachher den Eltern; aber die Mama tröstete sie mit der Versicherung, daß der Kleine sich bald wieder an sie gewöhnen würde.„Nun komm, Kind,“ sagte Herr Macket zärtlich zu Ilse und nahm ihr Hut und Pelzjäckchen ab, „nun komm, du sollst vor allem Essen und trinken, denn gewiß bist du ganz ausgehungert.“Den Arm um ihre Schulter legend, führte er sie fort; man las in seinen Augen die Seligkeit, daß er seinen Liebling wieder hatte. In dem erleuchteten Eßzimmer, das Ilse jetzt mit den Eltern betrat, brannte ein lustiges Feuer in dem großen Kachelofen, dessen hellen Schein der blanke Fußboden wiederspiegelte.Sie blickte sich um! Es war hier noch alles so, wie sie es verlassen hatte. Dort vor dem Diwan lag das große Bärenfell, das ein Freund ihres Vaters diesem einst geschenkt hatte. Daneben stand der Schaukelstuhl, genau auf derselben Stelle wie sonst, nichts fehlte an dem gemütlichen Plätzchen, und doch kam es ihr anders, verödet und verlassen vor. Sie mußte an die Zeit denken, da sie so oft mit Leo hier gesessen hatte. Der Schaukelstuhl war sein Lieblingssitz. Sie sah im Geiste, wie er sich leise hin und her wiegte, was er mit Vorliebe zu tun pflegte. So deutlich stand eben jetzt dieses Bild vor ihren Augen, daß sie seine Stimme zu hören und die blauen Dampfringel von seiner Zigarette zu sehen glaubte.Gewaltsam mußte sie ihre Gedanken von diesem Platze[pg 239]losreißen, als sie sich jetzt mit den Eltern zu Tische setzte, aber immer wieder kehrten unwillkürlich ihre Blicke verstohlen nach dem leeren Schaukelstuhl und dem Diwan mit dem Bärenfell davor zurück.Weder der Papa, noch Frau Anne erwähnten Leo, und Ilse, so sehr sie sich in ihren Gedanken mit ihm beschäftigte, konnte sich gleichfalls nicht entschließen, von ihm zu sprechen. Aber dennoch war es ihr schrecklich, daß sein Name nicht genannt wurde, und sie hatte schon einigemal einen Ansatz genommen, die Eltern um Verzeihung zu bitten und ihnen ihr Schuldgefühl einzugehen. Das war aber doch schwerer, als sie es sich gedacht hatte; es wollte sich auch keine rechte Gelegenheit finden, davon anzufangen, immer wieder kamen sie auf andere Dinge zu sprechen, immer wieder wurde ihr Entschluß zurückgedrängt. So vergingen die Stunden, und als sie sich am Abend von den Eltern trennte, da war ihr Geständnis noch nicht vom Herzen herunter. Darüber niedergeschlagen und verstimmt, suchte sie ihr Zimmer auf.Auch hier war alles unverändert. Eine behagliche Wärme strömte ihr entgegen, auf dem Schreibtisch stand ihre Lampe mit dem Schirm darüber, der ein Geschenk von Nellie war. Die gepreßten Blumen und Blätter leuchteten hinter dem durchsichtigen Papier in fein gestimmten Farben und reizenden Formen. Einen Augenblick betrachtete Ilse sinnend das kleine Kunstwerk, dann schweifte ein Blick zu einem Bilde hin, das von dem hellen Licht scharf beleuchtet wurde. Fast betroffen fuhr sie zurück, als stände nicht Leos Bild, sondern er selbst dort. Sie nahm es in beide Hände, und die Tränen schossen ihr in die Augen. Keck und übermütig schaute das schöne männliche Gesicht sie an, dessen kräftig vorspringende Nase und das feste Kinn auf einen ernsten, edlen Charakter wiesen.Lange stand Ilse in den Anblick des Bildes versunken; es war ihr, als fühle sie nun erst die Tiefe ihrer Liebe zu[pg 240]Leo, heiße Sehnsucht ergriff sie, ihm zu sagen, wie sie jetzt dachte und fühlte. Die Trennung von ihm, die sie so lange ertragen hatte, wurde ihr mit einem Male unerträglich. Ob er wohl zu ihr eilen würde, wenn er ahnte, daß sie zurückgekehrt sei! Sie nahm sich fest vor, am andern Morgen mit den Eltern zu sprechen und ihm dann zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten. Bebend dachte sie, ob er dann wohl zu ihr kommen würde?Ihre Aufregung ließ sie nicht zur Ruhe kommen, und sie dachte deshalb auch nicht daran zu Bett zu gehen. Gedankenvoll ließ sie ihre Blicke durch das Zimmer schweifen. Wie viel Freude hatte ihr die reizende Einrichtung bereitet, mit der die lieben Eltern sie überraschten, als sie aus der Pension zurückkehrte. Wie glücklich hatte sie das traute Heiligtum gemacht, welches sie stets bestrebt war, immer noch mehr auszuschmücken. Den Blumentisch am Fenster, ein wahres Kunstwerk aus Schmiedeisen, hatte ihr Leo geschenkt. Mit herrlichen Blumen und Pflanzen gefüllt, stand er eines Morgens in ihrem Zimmer.Auch der Bücherschrank war ein Geschenk von ihm. Die goldglänzenden Bücherrücken erinnerten sie lebhaft an vergangene Zeiten. Wie manches Werk ihrer Lieblingsdichter hatten sie zusammen gelesen, im Sommer unter der schattigen Linde, im Winter in Frau Annes molligem Boudoir. Sie hörte im Geiste den Wohlklang seines Organs, sie sah sein lebhaftes Mienenspiel beim Vorlesen. Und wenn sie ihn mit einer Frage unterbrach, wie klar und scharf war seine Antwort.Die schönen Zeiten, sie sind vorbei und tauchen nun in Ilses Erinnerung auf, als gehörten sie einer fernen, fernen Vergangenheit an. Hier auf diesem Platze, an dem zierlichen Schreibtisch, welcher nach Mädchenart mit allen möglichen Nippsachen überfüllt war, die zum Teil noch den kindlichen Geschmack des Backfischalters verrieten, hatte sie manchen[pg 241]Brief an Leo geschrieben, und in der Schublade rechts – den Schlüssel dazu trug sie stets bei sich – lagen seine Briefe.Mechanisch griff sie jetzt nach dem Schlüssel, zögernd steckte sie ihn ins Schloß und zog den Kasten auf. Da lagen die Briefe, wohlgeordnet, wie sie dieselben erhalten hatte. Sie nahm den obersten heraus, eine trockene Rose fiel ihr entgegen, – es war sein letzter Brief gewesen. Sie entfaltete ihn, und der Anblick der geliebten, so lange entbehrten Handschrift stimmte sie unendlich weich. Sie begann zu lesen, Seite für Seite, und als sie damit fertig war, nahm sie einen zweiten Brief heraus, dann wieder einen, immer mehr, immer tiefer versenkte sie sich in die teuren Schriftzüge.Einmal mußte sie laut lachen über eine witzige Schilderung, und dann wieder erglänzte ein seliger Ausdruck in ihren Augen. Die zärtlichen Liebesworte, welche sie jetzt las, war sie derselben auch wert? Hatte sie nicht um einer Nichtigkeit willen an der Liebe eines edlen, treuen Mannes gezweifelt und das Vertrauen zu ihm verloren? O, es war entsetzlich, sich nun mit solchen Vorwürfen quälen zu müssen, die ihr keine Ruhe ließen. Warum hatte sie ihr Unrecht nicht gleich empfunden, warum ihm erst noch solchen Schmerz bereiten müssen? Geschah ihr nicht recht, wenn er sie jetzt nicht mehr liebte, wenn er ihr nicht verzieh?Erregt sprang Ilse auf. Die nächtliche Stille wurde ihr auf einmal unheimlich, so allein, so verlassen zu sein mit dem mahnenden Gewissen, das ihr ihre Schuld immer wieder unbarmherzig vorhielt, war unerträglich. Wenn sie Leo jetzt schriebe? Sie ergriff diese Idee wie eine Rettung und gab sich sofort daran. Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und die Feder zitterte in ihrer Hand. Schließlich zerriß sie den angefangenen Brief.Wenn nur erst die Nacht vorbei wäre! Was sollte sie[pg 242]nur beginnen bis zum Morgen? Jetzt war es erst wenig über zwölf Uhr, sie mußte also noch lange warten, bis der heiß ersehnte Tag erschien. Sie nahm ein Buch und fing an zu lesen, aber die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen, und sie hatte im nächsten Augenblick das Gelesene schon wieder vergessen. Gab es denn kein Mittel, ihren unruhigen Geist zu beschwichtigen, ihren Gedankenlauf zu hemmen? Nochmals nahm sie zur Feder ihre Zuflucht und schrieb an Nellie, der sie alles erzählte, was sie in diesen stillen Stunden dachte und empfand. Das erleichterte ihr stürmisch pochendes Herz, und als sie mit Schreiben aufhörte, war sie ruhig geworden, eine wohltuende Müdigkeit Überkam sie endlich. Sie begab sich zur Ruhe und bald umgaukelten sie rosige Träume.Erquickt wachte sie am andern Morgen auf, und die Ungeduld ließ sie keine Minute länger im Bett. Draußen lag noch graue Dämmerung, als Ilse, nachdem sie sich angekleidet hatte, die Gardinen zurückzog und in den beschneiten Garten hinunterschaute, der sich bis zu dem unmittelbar daran stoßenden Walde hinzog und nur durch eine eiserne Pforte von diesem getrennt war. So still und friedlich lag die Natur in ihrem Winterschlaf da, so verzaubert und schweigsam, nichts erinnerte mehr an die Zeit, als sie üppiges Leben war, die grünen Wipfel geheimnisvoll rauschten, Blumen und Blüten ihre Düfte aushauchten und melodische Vogelstimmen diese Herrlichkeit jubelnd besangen. Da war es schön im Walde gewesen, und ein junges, glückliches Menschenpaar war oft mit Büchern und Hängematte nach dem verborgensten, lauschigsten Fleckchen hinausgewandert, wo sich unter ihren Füßen ein samtweicher Moosteppich ausbreitete und die leise schaukelnden Zweige der alten Buchen ihnen Kühlung zufächelten. Dort befestigte der junge Mann die Hängematte, und wenn seine Begleiterin es sich darin bequem gemacht hatte, dann legte er sich in das schwellende[pg 243]Moos, und den beiden verflogen unter Plaudern und Lesen die Stunden wie Minuten. Niemand störte sie in der Einsamkeit, die breiten Äste über ihnen spendeten herrlichen Schatten, und das Auge erlabte sich an dem köstlichen Grün.Versunken in diese Erinnerung starrte Ilse hinaus, bis der Anblick des hohen Schnees, der jetzt auf den Zweigen lastete, sie in die Wirklichkeit zurückführte. Es kam ihr vor, als wäre es eine andre gewesen, welche dort mit Leo so glücklich war, als hätte sie selbst dies nie erlebt. Ob solche Erinnerungen wohl auch an seinem Geist vorüberzogen, oder ob er die Vergangenheit aus seinem Gedächtnis verbannt hatte? Jeder Platz, jeder Baum hier mahnte sie an die frohen Stunden, die sie mit ihm verlebt hatte. Bei dem Gedanken, daß eine solche Zeit vielleicht niemals wiederkäme, daß sie fortan nur von diesen Erinnerungen zehren müßte, fühlte sie ihr Blut in den Adern erstarren.Sie trat vom Fenster zurück und ging rastlos im Zimmer auf und ab. Diese Angst, diese Zweifel konnte sie nicht länger ertragen und sie beschloß deshalb, heute morgen sofort mit den Eltern zu sprechen. War das nicht ihre Pflicht und würden sie, welche ihr nur Liebe und Güte entgegenbrachten, ihr nicht ratend und helfend zur Seite stehen?Klopfenden Herzens verließ sie ihr Zimmer. Als sie an der Kinderstube vorbeikam, hörte sie das Brüderchen laut jauchzen. Der Kleine lag noch im Bettchen, als sie hereinkam, und strampelte mit den dicken Beinchen in der Luft. Sie küßte und liebkoste das Kind; wie lange hatte sie mit dem lieben Schelm nicht mehr gespielt! Jetzt verstand er es schon, wenn sie mit ihm scherzte, und sein herzliches Lachen versetzte sie in Entzücken. Als Frau Anne hereintrat, war sie nicht wenig erstaunt, Ilse schon vollständig angekleidet zu finden.„Du bist schon auf, Ilse?“ fragte sie verwundert, mit einem herzlichen Kuß. „Eben schlich ich auf den Fußspitzen[pg 244]nach deinem Schlafzimmer, um zu horchen, und da alles mäuschenstill war, dachte ich, du lägst noch im tiefsten Schlummer und wollte dich nicht stören.“Ilse umarmte sie stürmisch.„Wie reizend und drollig ist das Kind geworden,“ rief sie begeistert und einer plötzlichen Eingebung folgend fügte sie hinzu: „Ach, liebste Mama, wie glücklich macht es mich, daß ich wieder bei euch bin!“Frau Anne strich ihr zärtlich über das Haar, und in ihren Augen funkelte es froh und siegesgewiß. Sie zog Ilses Arm durch den ihrigen.„Nun komm! Papa wird sich freuen, daß du schon auf bist, er wartet mit großer Ungeduld auf dich.“Bald saßen die drei am gemütlichen Kaffeetisch. Herr Macket verwandte kein Auge von seinem Liebling, der nun wieder leibhaftig vor ihm saß, den er so sehr entbehrt und oft herbeigesehnt hatte. Ihn erfüllte ganz der eine Gedanke: sie ist wieder da! Deshalb machte er sich auch keine Sorgen, was nun weiter werden und wie das Verhältnis zu Leo sich gestalten würde. In seiner unbefangenen Freude[pg 245]merkte er denn auch nicht, daß sich in Ilses ganzem Wesen eine gewisse Aufgeregtheit zeigte, und daß ihre Augen einen ängstlich fragenden Ausdruck hatten.Frau Anne aber beobachtete desto schärfer, ihr entging von alledem nichts, und sie bemerkte auch, daß ihr Töchterchen jetzt einen harten Kampf in seinem Innern zu bestehen hatte. Sie war deshalb so zuvorkommend und liebevoll wie nur möglich, um ihr den so schweren Anfang zu erleichtern.Ilse aß und trank mit großer Hast zur lebhaften Freude des arglosen Vaters, dem ihr anscheinend so gesunder Appetit sehr gefiel. Eigenhändig belegte er die Brötchen, und lächelnd sah ihm Frau Anne zu, – sie wußte genau, warum das Kind so eifrig dem Essen zusprach.Schon einige Male hatte Ilse die Lippen zum Reden geöffnet, und doch konnte sie sich immer noch nicht dazu entschließen. Krampfhaft drehte sie kleine Brotkügelchen zwischen ihren Fingern, – mein Gott, war es denn so schwer, das auszusprechen, was ihr doch wie Feuer auf der Seele brannte? Herr Macket war inzwischen aufgestanden und hatte sich in aller Gemütlichkeit eine Zigarre angesteckt, nun trat er zu ihr und legte zärtlich den Arm um ihren Nacken.„Kind,“ sagte er so recht aus tiefstem Herzensgrunde froh, „es ist gut, daß du wieder da bist.“ Und als sie aufblickend in die teuren Vateraugen sah, da sprang sie empor und fiel ihm um den Hals.„Liebe, einzige Eltern,“ dabei reichte sie Frau Anne die Hand, „verzeiht mir, seid nicht mehr böse, ich will ja alles wieder gut machen. Ich habe kindisch gehandelt, als ich davonlief, ich weiß es wohl, er hatte ja recht, ich bin im Unrecht, ach wüßte ich doch, ob er mich noch liebt, ob er mir verzeiht!“Sie hatte in fliegender Hast gesprochen, nun hielt sie[pg 246]mit einem riefen Atemzug inne, und es war, als wäre eine Zentnerlast von ihrem Herzen genommen. Herr Macket war bei den Selbstanklagen seines Lieblings ganz ängstlich geworden; er hatte sie einigemale unterbrechen wollen mit dem Ausruf: „Aber Kind, liebes Kind, wir sind dir doch nicht böse, sage doch so etwas nicht.“ Fast erschrocken blickte er sie an. Frau Anne aber zog sie gerührt an ihre Brust und streichelte ihre heißen Wangen. Tränenfeucht glänzten ihre Augen, und mit einem triumphierenden Ausdruck sah sie ihren Mann an, denn dieser hatte es immer bestritten, wenn sie behauptete, daß Ilse eines Tages zum Bewußtsein kommen und zu ihrem Bräutigam zurückkehren würde.„Nein, das wird sie nicht tun, ich kenne das Mädchen,“ hatte er dann geantwortet, „sie ist viel zu stolz dazu.“Frau Anne schwieg dann lächelnd, sie wußte ja viel besser, daß die Liebe über den Stolz siegen würde. Und sie hatte recht gehabt, sie hatte die Seele der jungen, trotzigen Braut besser durchschaut, als der in blinder Liebe befangene Vater. Jetzt, als sie Ilse fest in ihren Armen hielt und das heftig pochende Herz fühlte, war sie sicher, daß sie diesmal für immer geheilt und bekehrt zurückgekommen war, daß der Kampf, den Ilse in den letzten Monaten überstanden, in ihr die ernste Liebe des Weibes gereift hatte.Nun war das Eis gebrochen, mit einem Male wurde es Ilse so leicht, von Leo, von ihrer Flucht zu reden, traf sie doch nicht der geringste Tadel von seiten der Eltern; im Gegenteil, wenn sie sich ausschalt und Vorwürfe machte, dann beruhigte die Mama, tröstete mit den zärtlichsten Worten der Papa. Alles, alles beichtete sie, nur den Streit mit Leo ließ sie unberührt und beteuerte nur immer wieder, daß sie im Unrecht sei, und daß sie ganz wie ein unvernünftiges Kind gehandelt habe.Frau Anne hörte ihr voller Befriedigung zu, und in[pg 247]ihrem Innern dankte sie Nellie inbrünstig, indem sie deren gutem Einfluß den größten Teil dieser Umwandlung zuschrieb. Noch an demselben Tage gab sie diesen Gefühlen in einem langen Dankesbriefe an die junge Frau Ausdruck.Herr Mackets Groll gegen Leo, den er bis jetzt nicht hatte überwinden können, schwand immer mehr, und er mußte nun doch einsehen, daß nur die Widerspenstigkeit seines Töchterchens an diesem Zerwürfnis schuld war.„Und nun will ich gleich an Leo schreiben,“ sagte Ilse, sich erhebend, „und ihn bitten, daß er morgen kommt, daß wir ein vergnügtes Weihnachtsfest zusammen feiern können.“Aber schon nach kurzer Zeit kehrte sie unverrichteter Sache zurück.„Ich kann nicht schreiben, Mama,“ klagte sie, „es ist mir nicht möglich. Was ich ihm zu sagen habe, das muß mündlich geschehen. Was soll ich denn nur tun, ich weiß es ja nicht; ach Gott, so rate mir doch, liebste Mama.“Frau Anne schwieg und tat, als überhörte sie die Frage; das Kind sollte von selbst den richtigen Weg einschlagen.Sinnend und etwas ungeduldig blickte Ilse vor sich hin.„Mama,“ begann sie wieder, „wissen denn Leos Eltern, was zwischen uns vorgefallen ist?“ Sie seufzte bei dieser Frage, denn der Gedanke, daß sie auch ihnen eine Aufklärung geben müßte, war ihr höchst peinlich.„Beruhige dich, Ilse,“ tröstete sie Frau Anne, „Gontraus wissen nichts. Leo hat ihnen keinesfalls etwas verraten, und ich habe – oft allerdings durch recht diplomatische Künste – mich bemüht, alles zu verheimlichen. Da sie ganz ahnungslos sind, so werden sie auch nichts bemerkt haben. Wegen deiner angeblichen Schreibfaulheit mußt du dich aber gründlich bei ihnen entschuldigen, denn sie klagten öfters darüber, daß sie noch gar keinen Brief von dir[pg 248]hätten. Ich habe dein Schweigen, so gut es ging, beschönigt.“„Du liebe, einzig gute Mama!“ unterbrach sie hier Ilse, der bei diesen Worten ein Stein vom Herzen fiel, indem sie Frau Anne mit beiden Armen umschlang, „ich verdiene deine Güte ja gar nicht. Warum muß denn auch gerade ich einen so unglückseligen Charakter besitzen? Wie schwer habe ich schon darunter leiden müssen, wie viele bittere Stunden habe ich andern dadurch bereitet! Siehst du ich bin wütend auf mich, ich weiß genau, was für ein stöckisches Wesen ich bin, und darum wird mich Leo auch nicht mehr lieb haben, ganz gewiß nicht.“Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen.„Ilse,“ sagte Frau Anne sanft aber bestimmt, „ich dachte, du wärest ein vernünftiges Kind geworden, und nun kommt doch wieder das tolle Köpfchen zum Vorschein.“„Ach, Mama, kein Mensch weiß, welche Vorwürfe mich gequält haben, und wie ich bereue, was ich getan. Leo glaubt das gewiß nicht, und wenn ich es ihm auch sage, wird er sich nicht überzeugen lassen.“„Ilse, Ilse,“ erwiderte Frau Anne kopfschüttelnd, „so darfst du nicht sprechen. Ich weiß, wie tief Leo unter den jetzigen Verhältnissen leidet. Wenn er dich nicht wahrhaft liebte, würde er gleichgültiger sein.“„Hat er mit dir über mich gesprochen, hat er dir alles erzählt?“ fragte Ilse dringlich. „Hat er sich über mich beklagt?“„Er hat mir nicht mehr gesagt, als unumgänglich notwendig war, und nicht das kleinste Wort des Tadels oder der Klage ist über seine Lippen gekommen. Ilse, kennst du ihn denn so wenig, daß du so etwas von ihm zu glauben vermagst?“Das junge Mädchen senkte beschämt das Haupt. Nein,[pg 249]sie hatte eine bessere Meinung von ihm und wußte selbst nicht, warum sie so sprach.„Ich habe den guten Gontraus auf ihren letzten Brief noch nicht geantwortet,“ fuhr Frau Macket fort, „sie fragten darin an, ob du zu Weihnachten bestimmt zurückkämst, dann würden wir doch das Fest natürlich zusammen feiern. Ich war etwas in Verlegenheit, was ich darauf erwidern sollte, und habe deshalb bis jetzt geschwiegen, heute muß ich ihnen aber schreiben, Ilse, – was soll ich ihnen für eine Antwort geben?“„Mama,“ sagte Ilse plötzlich, nachdem sie eine Weile gedankenvoll vor sich hingeblickt hatte, „ich habe eine Idee; ja, so geht es – so muß es gehen. Ich schreibe an Leos Eltern, daß ich morgen früh mit euch käme, aber sie sollten ihm davon nichts sagen, weil ich ihn überraschen wollte.“Gott sei Dank, nun war ein Ausweg gefunden! Ihre Augen leuchteten vor Freude über den glücklichen Einfall, und sie war Feuer und Flamme.„Herzensmama, so wird es gemacht, nicht wahr?“ schmeichelte sie, „und dann fahren wir morgen gleich nach Tisch alle hierher zurück, und es wird hier beschert. Ich will sofort schreiben.“Dem Papa brauchte sie ihren Plan gar nicht erst mitzuteilen, er war doch mit allem einverstanden, was sein Liebling tat. Der Brief wurde denn auch sofort geschrieben und unverzüglich nach dem Bahnhof gebracht, damit er noch heute an seine Adresse gelangte.Ilse war wie umgewandelt, die Ungeduld jagte sie rastlos von einem Ort zum andern. Es gab ja auch noch so viel zu tun für den folgenden Tag, und mit einem wahren Feuereifer stürzte sie sich in die Arbeit.Im großen Gartensaale stand die mächtige Tanne, welche sie schmücken sollte. Die breiten Äste waren schon dicht mit Watte belegt, auch Gold- und Silberfäden waren[pg 250]darüber gezogen. Herr Macket, der keinen Augenblick von Ilses Seite wich, war dabei, die Wachslichter zu befestigen. Wie heller Freudenschein lag es über seinem Gesicht, als er sie so froh und geschäftig sah, und verstohlen blickte er sie immer an. Das war wieder seine alte Ilse, sein lieber, ausgelassener Wildfang, welchem Übermut und Frohsinn aus den Augen blitzten.Ilse hatte nicht genug an dem duftenden Grün des Tannenbaumes, den ganzen Saal wollte sie mit Tannenzweigen und Blattpflanzen geschmückt haben; die letzteren mußte ihr der Gärtner aus dem Gewächshaus bringen. Die Ecken sollten Lauben bilden, während an den Wänden Guirlanden aus Tannenzweigen befestigt wurden.Als sie endlich fertig war, betrachtete sie ihr Werk mit prüfenden Augen und ordnete noch hier und da etwas an; es war ihr immer noch nicht schön genug, schmückte sie doch den Raum so festlich für ihn! Das beseligte sie, und ihr Herz klopfte stürmisch bei dem Gedanken, daß sie morgen mit ihm an dieser Stelle stehen würde, und daß dann alle Zweifel und Qualen ein Ende haben sollten. Wie sehnte sie sich nach voller, reiner Harmonie, wie lange, lange hatte sie diese entbehren müssen!Der weihnachtliche Schmuck des Saales war vollendet und das ganze Haus erfüllt von dem feinen, harzigen Geruch der Tannennadeln, hatte doch Herr Macket in seiner Herzensfreude noch mehrere Bäume bringen und in dem Treppenhaus aufstellen lassen. „Es soll recht weihnachtlich sein,“ sagte er, und war dabei so heiterer Laune, wie ihn seine Frau lange nicht gesehen hatte.Ilse schlief diese Nacht wenig, sie war zu aufgeregt dazu. Pünktlich um acht Uhr stand am andern Morgen der Schlitten vor der Türe, und ungeduldig stampften die Braunen den Boden. Frau Anne erklärte, zu Hause bleiben zu wollen, da es, wie sie sagte, noch viel zu tun und an[pg 251]zuordnen gab. Ilse hätte freilich sehr gern gehabt, wenn sie mitgefahren wäre, denn an dem ruhigen, sicheren Wesen der Mama würde ihr erregtes Herz einen festen Rückhalt gehabt haben. Wer sollte ihr Mut machen, wenn sie wieder zaghaft würde! Aber – war denn das nötig, mußte sie zu dem Schritt erst ermutigt werden, den sie doch mit freudigem Herzen tat? Nein, nein!Energisch drängte sie jeden solchen Gedanken zurück, und mit klaren, strahlenden Augen nickte sie Frau Anne zu, welche in der Pforte stehen geblieben war, um dem Schlitten nachzusehen. Wie lieb und gut hatte sie Ilse zum Abschied in die Arme geschlossen! Die zärtlichen Worte: „Nun sei mein verständiges Mädchen und zage nicht,“ welche sie ihr dabei zuflüsterte, klangen ihr noch immer in den Ohren nach. Frisch und rosig saß sie an der Seite ihres Vaters, der alle Augenblicke fragte, ob sie es auch nicht fröre, und immer wieder die Decke, welche er über sie gebreitet hatte, fester und höher hinaufzog.Sie wehrte ihm lachend. „Aber Papachen, mir ist ja so warm, mich friert gar nicht; bald kann ich mich nicht mehr rühren, so fest hast du mich eingewickelt.“Unter Herrn Mackets sicherer Leitung flog das leichte Gefährt mit Windeseile über die glatte Bahn, daß der Schnee links und rechts zur Seite stob. Dazu klang das lustige Schellengeläute so hell und silberrein, daß es sich wie liebliche Musik anhörte.Ilse lehnte sich weit zurück und schloß die Augen. Klingling, klingling, schallte es immerfort in ihren Ohren, und nun schien der helle Glockenklang auf einmal eine dunklere Färbung anzunehmen, langsam und gemessen in gleichmäßigen Schwingungen zu ertönen. Was war denn das? Klang nicht so die Glocke von dem heimatlichen Kirchturm? Sie sah ihn im Geiste vor sich, das winterliche Kleid war abgestreift und statt dessen umwob ihn lichtes[pg 252]Frühlingsgrün. In den Wipfeln der alten Linden, welche vor der Kirche standen, sangen die Vögel, und Blumenduft strömte durch die geöffneten Fenster hinein. Drinnen tönte die Orgel und begleitete die hellen Stimmen der Dorfkinder. Alles war so feierlich, und da sah sie sich selbst im langen weißen Gewande an der Seite ihres Leo zur Türe hereinkommen. Um den festlich geschmückten Altar standen die Eltern, Verwandten und Freunde, und der alte Pfarrer harrte ihrer. –Erschreckt fuhr sie auf. Welche Bilder malte ihre Phantasie da vor ihren Augen aus? Und doch kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem rosigen Zukunftsbilde.„Bist wohl müde, Kind,“ fragte Herr Macket, weil sie so lang stumm und mit geschlossenen Augen neben ihm gesessen hatte. „Ja, die Fahrt ist lang und angreifend, sie wird dir doch nicht zu viel werden, Mädel?“Sorgsam prüfend schaute er ihr ins Gesicht.„O nein, Papachen, nicht im geringsten, ich bin gar nicht müde, sondern überlegte mir nur etwas und schloß deshalb die Augen.“ Sie mochte ihm nicht eingestehen, daß sie wachend geträumt hatte.Nachdem sie in einem Dorfe ausgespannt und eine Weile gerastet hatten, ging die Fahrt weiter.„In einer guten Stunde sind wir da, die Pferde sind flott gelaufen,“ sagte Herr Macket und blickte mit Stolz auf seine beiden Braunen.Ilse klopfte das Herz hörbar, und ihre von der kalten Winterluft geröteten Wangen färbten sich noch tiefer. Und mochte ihr auch vor dem Augenblick des Wiedersehens bangen, so erfaßte sie dennoch eine unsagbare Ungeduld bei dem Gedanken, daß sie nur noch eine kurze Spanne Zeit, nur noch Minuten von ihm trennten.Die weiten Schneeflächen kamen ihr endlos vor, und[pg 253]sie hätte sich Flügel wünschen mögen, um schneller in seine Arme zu eilen. Während sie bis jetzt ihren Träumen nachgehangen hatte, wurde sie auf einmal lebhaft und gesprächig, scherzte und neckte sich mit ihrem Vater, daß oft sein herzliches Lachen durch die winterliche Ruhe schallte, und seine blauen Augen unter den buschigen Brauen vor Freude und Lust strahlten.So verflog ihr die Zeit rascher, und sie konnte die innere Unruhe besser bemeistern. Endlich sah sie ganz in der Ferne, noch undeutlich und kaum zu erkennen, die Kirchturmspitze von L. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr es ihre Glieder.„Papa, sieh nur dort, gleich sind wir da!“ rief sie, indem sie ihn am Arm faßte und mit dem Finger auf den fernen Kirchturm zeigte.Er kniff die Augen zusammen und blickte nach der angegebenen Richtung, dann legte er die Hand über die Augen und beugte den Kopf nach vorn.„Ich sehe noch nichts,“ sagte er schließlich.„Aber Papa, dort, siehst du denn nicht?“ Sie war aufgestanden und starrte entzückt in die Ferne, als hätte sich ein Wunder vor ihren Blicken aufgetan.Er schüttelte den Kopf.„Ich sehe nichts, Ilse, du hast eben wahre Falkenaugen. Krischan,“ wandte er sich an den hinter ihnen sitzenden Kutscher, „siehst du den Turm von L. schon?“„Nee, Herr, ich sehe nischt, das Freilein sieht wohl mit die Ogen der Liebe.“Über diesen Witz grinste er mit dem ganzen breiten Gesicht, während die beiden im Schlitten in ein helles Gelächter ausbrachen.Weiter und weiter sauste der Schlitten, und die eben noch in der Ferne verschwommenen Gegenstände tauchten immer klarer auf. Jetzt war auch der Kirchturm deutlich[pg 254]sichtbar, und die beschneiten Dächer zeichneten sich scharf vom blauen Himmel ab. Bald darauf fuhren sie in das Dorf ein, aber bei einem der ersten Häuser machten sie Halt. Eine dicke goldene Traube, an einem weit vorragenden eisernen Arm befestigt, bezeichnete dasselbe als Gasthaus. Ilse hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen, und Herr Macket mußte den breiten Pelzkragen hinaufschlagen, damit sie von den neugierigen Blicken, welche dem Schlitten folgten, nicht erkannt würden. Hier sollte ausgespannt werden, so war es mit den Schwiegereltern verabredet worden. Ilse hatte ihnen geschrieben, sie möchten Leo im Hause festhalten.Die Aufforderung ihres Vaters, sich erst etwas zu erwärmen und eine Kleinigkeit zu genießen, lehnte Ilse entschieden ab, denn so nahe dem ersehnten Ziel erschien es ihr unmöglich, noch irgendwelche Verzögerung zu ertragen. So machten sich denn die beiden auf den Weg nach dem Gute, welches abseits vom Dorfe lag und dicht an einen Tannenwald grenzte.„Wie ein Paar Diebe kommen wir angeschlichen,“ sagte Herr Macket. „Darf ich denn den verflixten Kragen noch immer nicht herunterschlagen? Mir wird nämlich verteufelt heiß in diesem Futteral.“„Ach bitte, bitte, noch nicht,“ bat Ilse, die unter ihrem Schleier fortwährend ängstliche Blicke nach rechts und links warf, „siehst du, Herzensväterchen, es könnte uns doch jemand begegnen, und wir sind ja gleich da.“Herr Macket als ein gehorsamer Vater fügte sich und stöhnte nur einige Male verstohlen. Sie bogen jetzt in einen kleinen Seitenweg ein, der zwischen zwei Hecken durchführte und nicht gebahnt war, so daß sie bis über die Knöchel in den weichen Schnee einsanken.„Hier können wir nicht weiter, Ilse, das geht nicht. Du bekommst ja ganz nasse Füße und wirst dich auf den[pg 255]Tod erkälten. Komm, wir wollen umkehren.“ Damit blieb er stehen.Aber sein geliebter Wildfang schlug ihm ein Schnippchen und hüpfte leicht und flink wie ein Reh davon. Sie sah ja am Ausgang des Heckenweges ein großes, herrschaftliches Haus, das Gontrau’sche, und sollte nun wieder umkehren? Das war zu viel verlangt. Wohl oder übel mußte Herr Macket ihr folgen, und wenn er auch etwas unwillig in den Bart brummte, so brachte er es doch nicht über sich, auf seinen Liebling zu schelten. Mit seinen großen Stiefeln trat er in Ilses zierliche Fußstapfen; diese war ihm längst vorausgeeilt und wartete schon auf ihn an der eisernen Tür, welche den parkartigen Garten hinter dem Hause abschloß.„Bist mir doch nicht böse, Papachen?“ fragte sie ihn mit schelmischer Zärtlichkeit, und da konnte er natürlich nicht widerstehen.Der fürsorgliche Schwiegervater hatte Bahn fegen lassen, und auf besserem Wege als vorher schritten sie nun den Garten entlang und schlichen zu einer Hintertüre in das Haus hinein. Ilse hatte Herrn Macket untergefaßt und eiligst mit fortgezogen. Dabei hatte sie solch fieberhafte Angst ausgestanden, sie könnte von Leo gesehen werden, daß sie jetzt, nachdem diese Gefahr vorüber war, erst einen Augenblick stehen bleiben mußte, um Atem zu schöpfen.Auf dem Hausflur kam ihnen das Gontrau’sche Ehepaar mit offenen Armen entgegen. Ilse war tief beschämt über all die Liebe und Herzlichkeit, mit welcher die Schwiegereltern sie empfingen; dieselben waren vollständig unbefangen und schienen nicht im geringsten zu ahnen, welcher Zwiespalt zwischen dem Brautpaar herrschte. Sie führten ihren Besuch in ein behaglich erwärmtes Zimmer, und während Herr Gontrau Ilses Vater Pelz und Hut abnahm, half seine Frau dem Schwiegertöchterchen beim Ablegen und[pg 256]blickte mit Stolz in das junge frische Gesicht mit den lebhaften braunen Augen. Zärtlich strich sie ihr die wirren Haare aus der Stirn und streichelte ihr die Wangen. Auch Herr Gontrau betrachtete sich die Braut seines Sohnes mit großem Wohlgefallen.„Ilse, ich glaube, du bist noch gewachsen,“ sagte er, indem er sie an sich zog, „und wie wohl du aussiehst, du blühst ja wie eine Rose. Na, der Leo wird sich freuen, er hat keine Ahnung von der Überraschung, die ihm bevorsteht.“„Ach ja,“ meinte Frau Gontrau, „ich freue mich auch, der arme Junge hat in der letzten Zeit so viel zu tun gehabt, daß er ganz ernst und blaß geworden ist.“Ilse errötete und wandte sich ab.„Wo ist Leo?“ fragte sie leise. „Ich möchte ihn doch gern gleich sehen.“„Er ist oben auf seinem Zimmer, liebes Kind,“ sagte Frau Gontrau. „Nun, du weißt ja Bescheid; ich war eben noch bei ihm, um zu verhüten, daß er sich entfernte.“„Ich gehe zu ihm,“ sagte Ilse und verließ das Zimmer.Als sie die Treppe hinaufgeeilt war und nun vor seiner Türe stand, hielt sie inne und legte die Hand beschwichtigend auf ihr Herz, das ihr zum Zerspringen klopfte. Nun war der Augenblick gekommen, ihm die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ein Gefühl der Demütigung wollte noch einmal in ihr aufwallen, aber sie unterdrückte es, denn sie hatte sich vorgenommen, oft und fest vorgenommen, ihm mit keinem andern Gedanken, als dem der aufrichtigsten Reue entgegenzutreten.Und als sie immer noch zögerte, erschien ihr Lucies Bild vor den Augen und blickte sie flehend an. Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie sanft nieder und befand sich nun in einem kleinen Vorraum, welcher nur durch eine Portiere von Leos Zimmer getrennt war. Auf den[pg 257]Fußspitzen schlich Ilse näher, schob den Vorhang auseinander und konnte nun das ganze Zimmer übersehen.
Dabei warf er einen neckisch herausfordernden Seitenblick auf seine Frau.
„O du verleumderisches Mann,“ rief diese und nahm den Schlüssel aus einem zierlichen Körbchen. Er hob ihr Kinn in die Höhe und sah ihr in die Augen.
„Bist du mir böse, Schatz?“ fragte er zärtlich.
„Natürlich, du schreckliches Mann,“ antwortete sie und gab ihm scherzend einen Schlag.
„Au,“ rief er, „so wird man nun von seiner eigenen Frau behandelt! Erst sagt sie ‚schreckliches Mann‘ und dann haut sie einen sogar. Doktor, heiraten Sie lieber nicht, ich rate es Ihnen!“
Er lachte mit dem ganzen Gesicht in ausgelassener Laune, denn es machte ihm großen Spaß, seine Frau zu necken. Mit geheimnisvoller Miene verschwand er jetzt mit Nellie. Ilse folgte ihnen, weil sie sich höchst überflüssig bei dem Brautpaar fühlte.
Im Eßzimmer hörte man bald darauf ein geschäftiges Hinundherlaufen. Türen klappten, Gläser klangen, dazwischen tönte fröhliches Lachen und Sprechen. Nach einer Weile wurden die Flügeltüren geöffnet und das Brautpaar feierlich hereingeführt. Trotz der Kürze der Zeit hatten es die Freunde verstanden, alles festlich herzurichten. Die große bronzene Hängelampe strahlte in hellem Glanze. In den Wandleuchtern brannten Kerzen, deren Licht sich in den[pg 230]Gläsern und Krügen spiegelte, die ringsherum auf dem Wandgesims aufgestellt waren. Über den einladend besetzten Tisch war eine altdeutsche Spruchdecke gebreitet, und in der Mitte hatte Nellie ihre Blumen und Blattpflanzen malerisch aufgebaut. Daneben standen alte Meißner Schalen, mit Kuchen und Früchten gefüllt, während aus einem Champagner-Kühler einige Silberhälse hervorschauten. In dem Spitzglas, das auf Orlas Platze stand, duftete ihr ein Sträußchen aus Myrten und Maiblumen entgegen. Die sinnige Nellie hatte es aus den Blüten gebunden, in deren Anblick Orla sich so eifrig versenkt hatte, als Andres eintrat.
„Nellie, Ilse, Herr Doktor, wie kann ich euch danken für soviel Liebe und Freundschaft!“ rief Orla bewegt und auch Andres war voller Dankbarkeit für diese Überraschung. In heiterster Stimmung nahm die kleine Gesellschaft Platz. Helle Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Champagnerpfropfen knallten, und als die Gläser gefüllt waren, ergriff Doktor Althoff das seinige und ließ mit herzlichen Worten das neuverlobte Paar leben. Unter Scherzen, Lachen und Necken flogen die Stunden dahin. Nur eine stimmte nicht aus vollem Herzen mit in den Jubel der übrigen ein, das war unsre Ilse. Dem glücklichen verlobten Paare gegenüber kam sie sich wie eine verlassene Braut vor. Eine unerklärliche Bangigkeit rief immer neue Zweifel bei ihr hervor und machte sie beklommen. Fortwährend beängstigten sie quälende Fragen. Liebte er sie noch? Würde er ihr verzeihen? Ihr bangte vor den kommenden Tagen. O, könnte sie doch die Zeit verwischen, die ihm und ihr so viel Trübsal bereitet hatte, den Mißton fortzaubern, der die Eintracht ihrer Seelen störte. Ja, was half nun alle Reue? Die verflossenen Wochen und Monate kamen nicht wieder, sie waren ihnen beiden für immer verloren. Um wieviel frohe, glückliche Stunden hatte sie sich betrogen! –
Spät in der Nacht erst trennte man sich. Die Lichter[pg 231]erloschen, und die junge Braut, mit den verwelkten Maiblumen an der Brust, ging mit Ilse in das gemeinsame Schlafzimmer. Sie nahm die kleinen Glöckchen, die traurig die Köpfe hängen ließen, und legte sie zwischen die Blätter eines Buches.
„Zur Erinnerung an diesen Tag,“ sagte sie zu Ilse, welche auf ihrem Koffer saß und der Freundin mit schwermütigen Augen zusah.
„Wie ich dich beneide, Orla,“ sagte sie leise, „du wirst deinem Rudolf niemals Gram bereiten, du wirst ihn glücklich machen, denn du bist keine kleinliche Natur, wie ich es bin.“
„Aber Kind, was fällt dir ein, wie kannst du so mutlos sprechen? Du bist ein kleiner Tollkopf, dessen Trotz in der Pension gebändigt wurde und nun durch die zu große Nachgiebigkeit deiner Eltern, deines Verlobten wieder zum Vorschein kam. Aber jetzt wirst du, wie ich bestimmt glaube, für immer geheilt sein. Nur nicht zaghaft, Ilse! Ich kann mir gar nicht denken, daß es so schwer fällt, dem liebsten Menschen auf der Welt ein gutes Wort zu geben, wenn man ihn gekränkt hat.“
„Wirklich, Orla?“ fragte Ilse, der eine solche Ansicht aus diesem Munde maßgebend war, „würdest du deinen Bräutigam in einem ähnlichen Fall um Verzeihung bitten können? Und das würde dir nicht schwer werden?“
„Gewiß nicht,“ antwortete die Freundin, „für den Mann, den ich liebe, würde ich alles tun.“
Ilse schwieg. Sie hatte geglaubt, die stolze Orla könnte sich nie soweit demütigen. Aber nun diese erklärte, daß sie ohne Scheu ihren Bräutigam um Verzeihung bitten würde, wenn sie ihn gekränkt hätte, schien es ihr, als ob sie durch dieses Geständnis von ihrem Stolz nichts einbüßte und deshalb noch lange keine unterwürfige Natur zeigte. Orla war herangetreten und legte die Hand auf Ilses lockiges Haar.
„Geh nur zu ihm, Kind, du vergibst dir dadurch nichts, sondern machst nur die Fehler wieder gut, zu denen dich dein leidenschaftlicher Sinn hingerissen hat.“
„Glaubst du das wirklich, Orla? Ach, ich kann dir nicht sagen, wie ich den Tag herbeisehne, der uns unser Glück zurückgibt. Ich war töricht, ich weiß es, ich habe unrecht gehandelt und bereue –“
„Halt,“ unterbrach sie Orla, „ich darf deine Beichte nicht anhören, nur deinem Leo darfst und mußt du dies alles sagen. – Aber nun wollen wir schlafen, sonst sind wir morgen früh nicht zur rechten Zeit wach, und du versäumst den Zug.“
„Orla, ich habe noch eine Bitte an dich.“
„Nun?“
„Erzähle deinem Bräutigam, was zwischen Leo und mir vorgefallen ist. Ich habe mich ihm gegenüber einmal recht kindisch benommen und ihm keine Aufklärung gegeben. Ich wollte es immer tun und konnte mich doch nicht entschließen, die Sache nochmals zu berühren. Jetzt aber, da du mit ihm verlobt bist und er mir dadurch viel näher gerückt ist, soll er alles wissen.“
Orla drohte lachend mit dem Finger.
„Das sind ja nette Geschichten, die ich da zu hören bekomme. Ihr beide habt Geheimnisse miteinander, da bin ich doch begierig, das nähere zu erfahren. Doch nun ernstlich, gute Nacht, ich bin so müde, daß mir die Augen zufallen.“
Ilse merkte wohl, daß Orla nur Müdigkeit vorschützte, um nicht mehr sprechen zu müssen, sondern ungestört träumen und denken zu können. Schweigend begaben sie sich zur Ruhe und lagen mit geschlossenen Augen da, aber noch lange wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Beide kämpften mit dem stürmisch bewegten Herzen. Orlas Seele erbebte noch von dem Nachhall des seligen Glücks, das ihr der heutige[pg 233]Tag gebracht hatte, und Ilse ließ die Sehnsucht nach dem Geliebten spät erst Ruhe finden.
Der dämmerige Wintermorgen war schon längst angebrochen, als ein kräftiges Klopfen an der Türe die beiden Schläferinnen aus ihren Träumen erweckte. Die Fräulein müßten schnell aufstehen, rief das Mädchen, denn es sei schon sehr spät. –
Und nun war der Augenblick des Abschiednehmens gekommen, zur Abfahrt bereit stand Ilse auf dem Bahnhof. Die Freunde hatten sie natürlich begleitet. Während Althoff das Billet besorgte, schritt das Brautpaar selig plaudernd auf dem Perron hin und her. Ilse und Nellie aber standen Hand in Hand zusammen. Die Trennung wurde beiden sehr schwer, das sah man an ihren verweinten Augen; auf Ilses Wangen perlten noch immer die Tränen in hellen Tropfen.
„Ach, Nellie, wäre doch erst alles wieder gut, ich kann dir nicht beschreiben, wie es mir ums Herz ist.“
„O, du mußt nicht so bänglich sein, liebe Ilse, du hast so gute Eltern, eine so liebe Schatz, sie werden dich mit geöffneten Armen aufnehmen. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, du mußt nur standhaft sein, willst du mir das versprechen?“
Ilse nickte, aber ihre dunklen Kinderaugen hatten noch einen sorgenvollen Blick, und der tiefe Seufzer, der sich ihrer Brust entrang, bewies, daß die tröstenden Worte der Freundin sie nicht vollständig zu beruhigen vermochten.
Andres und Orla traten jetzt heran, und Ilse verbarg ihr Gesicht in den duftenden Blumen, welche ihr die Freunde zum Abschied geschenkt hatten, damit Orlas forschende Augen nicht entdecken sollten, daß sie abermals von Zweifeln gequält wurde, – vor ihr wollte sie sich stark zeigen.
Jetzt kam auch Nellies Mann mit Fahrkarte und Gepäckschein, und nach wenigen Minuten brauste der Schnellzug[pg 234]herein, der Ilse in die Heimat entführen sollte. Noch ein letztes Mal hielten sie Nellies Arme innig umschlossen, unter Schluchzen dankte Ilse der treuen Freundin für alle Liebe und Freundschaft, die sie ihr erwiesen hatte. Dann küßte sie Orla und verabschiedete sich von den Herren. Nun stand sie am offenen Coupéfenster, und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.
„Grüße mich deine lieben Eltern recht schön und das süße Baby!“ rief Nellie.
„Und schreibe bald,“ mahnte Orla.
„O ja,darling, du mußt uns dein glückliches Ankunft sofort auf eine Postkarte mitteilen, vergiß nicht.“
„Nein, nein, ich schreibe euch sofort,“ beteuerte Ilse.
Bis zum Ende des Perrons hatten die Freunde den Zug begleitet, dann blieben sie stehen und sahen der scheidenden Ilse grüßend und winkend nach, bis der letzte Zipfel von ihrem Schleier verschwunden war.
Auch sie schloß das Fenster erst, als nichts mehr von den Zurückbleibenden zu erblicken war. Dann nahm sie ihren Platz ein und schaute wehmütig durch die Scheiben.
Bald war auch das letzte Haus der kleinen Stadt, die[pg 235]ihr während ihres Aufenthaltes lieb und vertraut geworden war, ihren Blicken entschwunden. Über weite, öde Schneeflächen schweifte ihr Auge, dann bemerkte sie eine Gruppe von kahlen Bäumen, auf denen sich Scharen von Krähen niedergelassen hatten, die bei dem Geräusch des herannahenden Zuges mit lautem Gekreisch von den dürren Zweigen aufflatterten und davonflogen.
Ilse lehnte sich zurück und schloß in Gedanken verloren die Augen. Als sie die Heimat verließ, war es Herbst gewesen, welke Blätter wirbelten durch die Luft, Sturm und Regen waren ihre Reisebegleiter. So stürmisch wie draußen sah es damals in ihrer Seele aus, leidenschaftliche Gefühle wogten in ihrer Brust, und ihre Gedanken wirbelten gleichfalls durcheinander, wie die dürren Blätter. Heute begriff sie nicht und konnte nicht fassen, wie sie zu der abenteuerlichen Reise gekommen war. Sie verwünschte ihr unbändiges Wesen, das ihr schon so viele Stunden getrübt, so manchen heißen Kampf gekostet.
Hatte sie denn nicht alle Ursache, froh und zufrieden zu sein, war sie nicht ein verzogenes Kind des Glücks, vor tausenden bevorzugt? War man nicht immer bemüht, sie zu erfreuen, und wie hatte sie bisher alle diese Liebe vergolten? Um viele Erfahrungen reicher und durch Prüfungen gereifter, kehrte sie jetzt heim. Das Leben hatte ihr in buntem Wechsel gezeigt, daß Freud und Leid dicht zusammen wohnen, und daß der ein Tor ist, der die schönen Stunden, welche es bietet, nicht dankbar genießt, sondern in kindischem Übermut zerstört. Vernünftig und fügsam war sie wohl in der Pension geworden, aber auf wie lange? Durch die stete Nachgiebigkeit ihres Vaters und die blinde Liebe Leos war ihr alter Trotz bald wieder hervorgebrochen. Aber jetzt kehrte sie für immer geheilt zurück, hatte sie doch das bestimmte Gefühl, daß sie nicht wieder in ihren alten Fehler zurückfallen würde.
Orlas strahlendes Gesicht tauchte in diesem Augenblick vor ihr auf, und sie beneidete die Freundin fast um ihr Glück, welches sie sich gewiß nie durch kleinliche Zweifel trüben würde. Der Mann, dem Orla ihr Herz geschenkt hatte, durfte sicher sein, daß sie ihm kein unverdientes Leid zufügen werde. Aber konnte sie denn nicht dem guten Beispiel Orlas folgen und ebenso werden, wie diese? Lag das nicht einzig und allein in ihrer Hand?
Die Stunden vergingen in schnellem Fluge, so lebhaft beschäftigten sie ihre Gedanken, und je näher sie der Heimat kam, desto ruhiger schlug ihr Herz, desto leichter wurde ihr Sinn. Die Freude, ihre Eltern und das Brüderchen nach so langer Trennung wiederzusehen, drängte alle andern Gefühle, welche ihr die Heimkehr erschwerten, zurück. Sie wurde jetzt ungeduldig, zählte die Stationen und hauchte an die Scheiben, welche mit glitzernden Eisblumen bedeckt waren, um einen Blick in die Gegend werfen zu können, die nun immer bekannter und heimatlicher wurde.
Lebhaft drängte sich ihr die Erinnerung auf an ihre Ankunft im Vaterhause, als sie aus der Pension zurückkehrte. Wessen Bild trug sie damals im Herzen, rein und klar mit den schüchternen Empfindungen der ersten, erwachenden Liebe? Und heute – welcher Unterschied! – dasselbe Bild stand auch jetzt deutlich vor ihrer Seele, aber nicht mit den schönen strahlenden Augen, welche sich bei jenem ersten Abschied so tief in die ihren gesenkt hatten, sondern mit schmerzlichem und vorwurfsvollem Blick. Noch war es indessen nicht zu spät. Sie bereute aufrichtig und war fest entschlossen, alles wieder gut zu machen, was sie verschuldet hatte. Lucies Bild, welches ihr oft mit drohendem und beängstigendem Ausdruck erschienen war, sah sie jetzt mit einem versöhnenden Blick an, und schien ihr sagen zu wollen: nur Mut und Vertrauen! Du kannst doch noch glücklich werden, auch mir[pg 237]ist ja nach langer Prüfungszeit noch Verzeihung und höchstes Erdenglück zu teil geworden.
Die letzte Station war vorüber, Ilses Herz bebte, denn noch wenige Minuten und sie war daheim. Sie suchte ihr Reisegepäck zusammen, legte die Blumen darauf, strich sich das Haar zurecht und stand dann erwartungsvoll am Fenster. Der schrille Pfiff der Lokomotive erschien ihr jetzt wie eine Erlösung aus ihrer Ungeduld und Sehnsucht. Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus, als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Da standen die geliebten Eltern, und jetzt wurde auch sie von ihnen bemerkt. Die Freude, welche bei ihrem Anblick auf deren Gesicht zu lesen war, rührte sie fast zu Tränen, und als sie dann in ihren Armen lag, stieg ein heißes Gefühl der Dankbarkeit für solche Liebe, solches Glück in ihr auf, so daß sie Vater und Mutter immer wieder und wieder küssen mußte.
Die Eltern waren mit dem Schlitten gekommen; Herr Macket fuhr selbst, und mit Windeseile trugen sie die geliebten Braunen dem heimatlichen Dorfe zu. Jeder Weg und Steg, jeder Baum und Strauch kam ihr wie ein lieber Bekannter vor. Als sie durch die Dorfstraße fuhren und das Schellengeläute viele Neugierige ans Fenster lockte, lauter bekannte Gesichter, konnte sie sich der beschämenden Erinnerung nicht erwehren, wie sie an jenem unglückseligen Tage dieselbe Straße in wilder Hast hinuntergeeilt und wie eine Sünderin den ihr begegnenden Dorfleuten ausgewichen war. Zum Glück hatten die Eltern so viel zu fragen, daß diese peinlichen Gedanken bald wieder verdrängt wurden.
Endlich hielt der Schlitten vor dem Tore. Wie eine Feder schnellte Ilse empor und sprang hinaus. Erst begrüßte sie die Dienstboten freundlich und streichelte die Hunde, welche vor Freude laut bellend an ihr emporsprangen und ihr die Hände leckten. Dann aber lief sie eilend ins Haus, denn es drängte sie unwiderstehlich, das Brüderchen zu um[pg 238]armen, welches am Fenster stand und mit seinen beiden dicken Fäusten an die Scheiben trommelte. Wie groß war es geworden, zu Ilses lebhaftem Erstaunen! Aber augenscheinlich wollte es nichts mehr von ihr wissen, denn es versteckte sich hinter die Wärterin, als sie es aufnehmen und herzen wollte.
„Ich bin ihm ganz fremd geworden,“ klagte sie nachher den Eltern; aber die Mama tröstete sie mit der Versicherung, daß der Kleine sich bald wieder an sie gewöhnen würde.
„Nun komm, Kind,“ sagte Herr Macket zärtlich zu Ilse und nahm ihr Hut und Pelzjäckchen ab, „nun komm, du sollst vor allem Essen und trinken, denn gewiß bist du ganz ausgehungert.“
Den Arm um ihre Schulter legend, führte er sie fort; man las in seinen Augen die Seligkeit, daß er seinen Liebling wieder hatte. In dem erleuchteten Eßzimmer, das Ilse jetzt mit den Eltern betrat, brannte ein lustiges Feuer in dem großen Kachelofen, dessen hellen Schein der blanke Fußboden wiederspiegelte.
Sie blickte sich um! Es war hier noch alles so, wie sie es verlassen hatte. Dort vor dem Diwan lag das große Bärenfell, das ein Freund ihres Vaters diesem einst geschenkt hatte. Daneben stand der Schaukelstuhl, genau auf derselben Stelle wie sonst, nichts fehlte an dem gemütlichen Plätzchen, und doch kam es ihr anders, verödet und verlassen vor. Sie mußte an die Zeit denken, da sie so oft mit Leo hier gesessen hatte. Der Schaukelstuhl war sein Lieblingssitz. Sie sah im Geiste, wie er sich leise hin und her wiegte, was er mit Vorliebe zu tun pflegte. So deutlich stand eben jetzt dieses Bild vor ihren Augen, daß sie seine Stimme zu hören und die blauen Dampfringel von seiner Zigarette zu sehen glaubte.
Gewaltsam mußte sie ihre Gedanken von diesem Platze[pg 239]losreißen, als sie sich jetzt mit den Eltern zu Tische setzte, aber immer wieder kehrten unwillkürlich ihre Blicke verstohlen nach dem leeren Schaukelstuhl und dem Diwan mit dem Bärenfell davor zurück.
Weder der Papa, noch Frau Anne erwähnten Leo, und Ilse, so sehr sie sich in ihren Gedanken mit ihm beschäftigte, konnte sich gleichfalls nicht entschließen, von ihm zu sprechen. Aber dennoch war es ihr schrecklich, daß sein Name nicht genannt wurde, und sie hatte schon einigemal einen Ansatz genommen, die Eltern um Verzeihung zu bitten und ihnen ihr Schuldgefühl einzugehen. Das war aber doch schwerer, als sie es sich gedacht hatte; es wollte sich auch keine rechte Gelegenheit finden, davon anzufangen, immer wieder kamen sie auf andere Dinge zu sprechen, immer wieder wurde ihr Entschluß zurückgedrängt. So vergingen die Stunden, und als sie sich am Abend von den Eltern trennte, da war ihr Geständnis noch nicht vom Herzen herunter. Darüber niedergeschlagen und verstimmt, suchte sie ihr Zimmer auf.
Auch hier war alles unverändert. Eine behagliche Wärme strömte ihr entgegen, auf dem Schreibtisch stand ihre Lampe mit dem Schirm darüber, der ein Geschenk von Nellie war. Die gepreßten Blumen und Blätter leuchteten hinter dem durchsichtigen Papier in fein gestimmten Farben und reizenden Formen. Einen Augenblick betrachtete Ilse sinnend das kleine Kunstwerk, dann schweifte ein Blick zu einem Bilde hin, das von dem hellen Licht scharf beleuchtet wurde. Fast betroffen fuhr sie zurück, als stände nicht Leos Bild, sondern er selbst dort. Sie nahm es in beide Hände, und die Tränen schossen ihr in die Augen. Keck und übermütig schaute das schöne männliche Gesicht sie an, dessen kräftig vorspringende Nase und das feste Kinn auf einen ernsten, edlen Charakter wiesen.
Lange stand Ilse in den Anblick des Bildes versunken; es war ihr, als fühle sie nun erst die Tiefe ihrer Liebe zu[pg 240]Leo, heiße Sehnsucht ergriff sie, ihm zu sagen, wie sie jetzt dachte und fühlte. Die Trennung von ihm, die sie so lange ertragen hatte, wurde ihr mit einem Male unerträglich. Ob er wohl zu ihr eilen würde, wenn er ahnte, daß sie zurückgekehrt sei! Sie nahm sich fest vor, am andern Morgen mit den Eltern zu sprechen und ihm dann zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten. Bebend dachte sie, ob er dann wohl zu ihr kommen würde?
Ihre Aufregung ließ sie nicht zur Ruhe kommen, und sie dachte deshalb auch nicht daran zu Bett zu gehen. Gedankenvoll ließ sie ihre Blicke durch das Zimmer schweifen. Wie viel Freude hatte ihr die reizende Einrichtung bereitet, mit der die lieben Eltern sie überraschten, als sie aus der Pension zurückkehrte. Wie glücklich hatte sie das traute Heiligtum gemacht, welches sie stets bestrebt war, immer noch mehr auszuschmücken. Den Blumentisch am Fenster, ein wahres Kunstwerk aus Schmiedeisen, hatte ihr Leo geschenkt. Mit herrlichen Blumen und Pflanzen gefüllt, stand er eines Morgens in ihrem Zimmer.
Auch der Bücherschrank war ein Geschenk von ihm. Die goldglänzenden Bücherrücken erinnerten sie lebhaft an vergangene Zeiten. Wie manches Werk ihrer Lieblingsdichter hatten sie zusammen gelesen, im Sommer unter der schattigen Linde, im Winter in Frau Annes molligem Boudoir. Sie hörte im Geiste den Wohlklang seines Organs, sie sah sein lebhaftes Mienenspiel beim Vorlesen. Und wenn sie ihn mit einer Frage unterbrach, wie klar und scharf war seine Antwort.
Die schönen Zeiten, sie sind vorbei und tauchen nun in Ilses Erinnerung auf, als gehörten sie einer fernen, fernen Vergangenheit an. Hier auf diesem Platze, an dem zierlichen Schreibtisch, welcher nach Mädchenart mit allen möglichen Nippsachen überfüllt war, die zum Teil noch den kindlichen Geschmack des Backfischalters verrieten, hatte sie manchen[pg 241]Brief an Leo geschrieben, und in der Schublade rechts – den Schlüssel dazu trug sie stets bei sich – lagen seine Briefe.
Mechanisch griff sie jetzt nach dem Schlüssel, zögernd steckte sie ihn ins Schloß und zog den Kasten auf. Da lagen die Briefe, wohlgeordnet, wie sie dieselben erhalten hatte. Sie nahm den obersten heraus, eine trockene Rose fiel ihr entgegen, – es war sein letzter Brief gewesen. Sie entfaltete ihn, und der Anblick der geliebten, so lange entbehrten Handschrift stimmte sie unendlich weich. Sie begann zu lesen, Seite für Seite, und als sie damit fertig war, nahm sie einen zweiten Brief heraus, dann wieder einen, immer mehr, immer tiefer versenkte sie sich in die teuren Schriftzüge.
Einmal mußte sie laut lachen über eine witzige Schilderung, und dann wieder erglänzte ein seliger Ausdruck in ihren Augen. Die zärtlichen Liebesworte, welche sie jetzt las, war sie derselben auch wert? Hatte sie nicht um einer Nichtigkeit willen an der Liebe eines edlen, treuen Mannes gezweifelt und das Vertrauen zu ihm verloren? O, es war entsetzlich, sich nun mit solchen Vorwürfen quälen zu müssen, die ihr keine Ruhe ließen. Warum hatte sie ihr Unrecht nicht gleich empfunden, warum ihm erst noch solchen Schmerz bereiten müssen? Geschah ihr nicht recht, wenn er sie jetzt nicht mehr liebte, wenn er ihr nicht verzieh?
Erregt sprang Ilse auf. Die nächtliche Stille wurde ihr auf einmal unheimlich, so allein, so verlassen zu sein mit dem mahnenden Gewissen, das ihr ihre Schuld immer wieder unbarmherzig vorhielt, war unerträglich. Wenn sie Leo jetzt schriebe? Sie ergriff diese Idee wie eine Rettung und gab sich sofort daran. Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und die Feder zitterte in ihrer Hand. Schließlich zerriß sie den angefangenen Brief.
Wenn nur erst die Nacht vorbei wäre! Was sollte sie[pg 242]nur beginnen bis zum Morgen? Jetzt war es erst wenig über zwölf Uhr, sie mußte also noch lange warten, bis der heiß ersehnte Tag erschien. Sie nahm ein Buch und fing an zu lesen, aber die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen, und sie hatte im nächsten Augenblick das Gelesene schon wieder vergessen. Gab es denn kein Mittel, ihren unruhigen Geist zu beschwichtigen, ihren Gedankenlauf zu hemmen? Nochmals nahm sie zur Feder ihre Zuflucht und schrieb an Nellie, der sie alles erzählte, was sie in diesen stillen Stunden dachte und empfand. Das erleichterte ihr stürmisch pochendes Herz, und als sie mit Schreiben aufhörte, war sie ruhig geworden, eine wohltuende Müdigkeit Überkam sie endlich. Sie begab sich zur Ruhe und bald umgaukelten sie rosige Träume.
Erquickt wachte sie am andern Morgen auf, und die Ungeduld ließ sie keine Minute länger im Bett. Draußen lag noch graue Dämmerung, als Ilse, nachdem sie sich angekleidet hatte, die Gardinen zurückzog und in den beschneiten Garten hinunterschaute, der sich bis zu dem unmittelbar daran stoßenden Walde hinzog und nur durch eine eiserne Pforte von diesem getrennt war. So still und friedlich lag die Natur in ihrem Winterschlaf da, so verzaubert und schweigsam, nichts erinnerte mehr an die Zeit, als sie üppiges Leben war, die grünen Wipfel geheimnisvoll rauschten, Blumen und Blüten ihre Düfte aushauchten und melodische Vogelstimmen diese Herrlichkeit jubelnd besangen. Da war es schön im Walde gewesen, und ein junges, glückliches Menschenpaar war oft mit Büchern und Hängematte nach dem verborgensten, lauschigsten Fleckchen hinausgewandert, wo sich unter ihren Füßen ein samtweicher Moosteppich ausbreitete und die leise schaukelnden Zweige der alten Buchen ihnen Kühlung zufächelten. Dort befestigte der junge Mann die Hängematte, und wenn seine Begleiterin es sich darin bequem gemacht hatte, dann legte er sich in das schwellende[pg 243]Moos, und den beiden verflogen unter Plaudern und Lesen die Stunden wie Minuten. Niemand störte sie in der Einsamkeit, die breiten Äste über ihnen spendeten herrlichen Schatten, und das Auge erlabte sich an dem köstlichen Grün.
Versunken in diese Erinnerung starrte Ilse hinaus, bis der Anblick des hohen Schnees, der jetzt auf den Zweigen lastete, sie in die Wirklichkeit zurückführte. Es kam ihr vor, als wäre es eine andre gewesen, welche dort mit Leo so glücklich war, als hätte sie selbst dies nie erlebt. Ob solche Erinnerungen wohl auch an seinem Geist vorüberzogen, oder ob er die Vergangenheit aus seinem Gedächtnis verbannt hatte? Jeder Platz, jeder Baum hier mahnte sie an die frohen Stunden, die sie mit ihm verlebt hatte. Bei dem Gedanken, daß eine solche Zeit vielleicht niemals wiederkäme, daß sie fortan nur von diesen Erinnerungen zehren müßte, fühlte sie ihr Blut in den Adern erstarren.
Sie trat vom Fenster zurück und ging rastlos im Zimmer auf und ab. Diese Angst, diese Zweifel konnte sie nicht länger ertragen und sie beschloß deshalb, heute morgen sofort mit den Eltern zu sprechen. War das nicht ihre Pflicht und würden sie, welche ihr nur Liebe und Güte entgegenbrachten, ihr nicht ratend und helfend zur Seite stehen?
Klopfenden Herzens verließ sie ihr Zimmer. Als sie an der Kinderstube vorbeikam, hörte sie das Brüderchen laut jauchzen. Der Kleine lag noch im Bettchen, als sie hereinkam, und strampelte mit den dicken Beinchen in der Luft. Sie küßte und liebkoste das Kind; wie lange hatte sie mit dem lieben Schelm nicht mehr gespielt! Jetzt verstand er es schon, wenn sie mit ihm scherzte, und sein herzliches Lachen versetzte sie in Entzücken. Als Frau Anne hereintrat, war sie nicht wenig erstaunt, Ilse schon vollständig angekleidet zu finden.
„Du bist schon auf, Ilse?“ fragte sie verwundert, mit einem herzlichen Kuß. „Eben schlich ich auf den Fußspitzen[pg 244]nach deinem Schlafzimmer, um zu horchen, und da alles mäuschenstill war, dachte ich, du lägst noch im tiefsten Schlummer und wollte dich nicht stören.“
Ilse umarmte sie stürmisch.
„Wie reizend und drollig ist das Kind geworden,“ rief sie begeistert und einer plötzlichen Eingebung folgend fügte sie hinzu: „Ach, liebste Mama, wie glücklich macht es mich, daß ich wieder bei euch bin!“
Frau Anne strich ihr zärtlich über das Haar, und in ihren Augen funkelte es froh und siegesgewiß. Sie zog Ilses Arm durch den ihrigen.
„Nun komm! Papa wird sich freuen, daß du schon auf bist, er wartet mit großer Ungeduld auf dich.“
Bald saßen die drei am gemütlichen Kaffeetisch. Herr Macket verwandte kein Auge von seinem Liebling, der nun wieder leibhaftig vor ihm saß, den er so sehr entbehrt und oft herbeigesehnt hatte. Ihn erfüllte ganz der eine Gedanke: sie ist wieder da! Deshalb machte er sich auch keine Sorgen, was nun weiter werden und wie das Verhältnis zu Leo sich gestalten würde. In seiner unbefangenen Freude[pg 245]merkte er denn auch nicht, daß sich in Ilses ganzem Wesen eine gewisse Aufgeregtheit zeigte, und daß ihre Augen einen ängstlich fragenden Ausdruck hatten.
Frau Anne aber beobachtete desto schärfer, ihr entging von alledem nichts, und sie bemerkte auch, daß ihr Töchterchen jetzt einen harten Kampf in seinem Innern zu bestehen hatte. Sie war deshalb so zuvorkommend und liebevoll wie nur möglich, um ihr den so schweren Anfang zu erleichtern.
Ilse aß und trank mit großer Hast zur lebhaften Freude des arglosen Vaters, dem ihr anscheinend so gesunder Appetit sehr gefiel. Eigenhändig belegte er die Brötchen, und lächelnd sah ihm Frau Anne zu, – sie wußte genau, warum das Kind so eifrig dem Essen zusprach.
Schon einige Male hatte Ilse die Lippen zum Reden geöffnet, und doch konnte sie sich immer noch nicht dazu entschließen. Krampfhaft drehte sie kleine Brotkügelchen zwischen ihren Fingern, – mein Gott, war es denn so schwer, das auszusprechen, was ihr doch wie Feuer auf der Seele brannte? Herr Macket war inzwischen aufgestanden und hatte sich in aller Gemütlichkeit eine Zigarre angesteckt, nun trat er zu ihr und legte zärtlich den Arm um ihren Nacken.
„Kind,“ sagte er so recht aus tiefstem Herzensgrunde froh, „es ist gut, daß du wieder da bist.“ Und als sie aufblickend in die teuren Vateraugen sah, da sprang sie empor und fiel ihm um den Hals.
„Liebe, einzige Eltern,“ dabei reichte sie Frau Anne die Hand, „verzeiht mir, seid nicht mehr böse, ich will ja alles wieder gut machen. Ich habe kindisch gehandelt, als ich davonlief, ich weiß es wohl, er hatte ja recht, ich bin im Unrecht, ach wüßte ich doch, ob er mich noch liebt, ob er mir verzeiht!“
Sie hatte in fliegender Hast gesprochen, nun hielt sie[pg 246]mit einem riefen Atemzug inne, und es war, als wäre eine Zentnerlast von ihrem Herzen genommen. Herr Macket war bei den Selbstanklagen seines Lieblings ganz ängstlich geworden; er hatte sie einigemale unterbrechen wollen mit dem Ausruf: „Aber Kind, liebes Kind, wir sind dir doch nicht böse, sage doch so etwas nicht.“ Fast erschrocken blickte er sie an. Frau Anne aber zog sie gerührt an ihre Brust und streichelte ihre heißen Wangen. Tränenfeucht glänzten ihre Augen, und mit einem triumphierenden Ausdruck sah sie ihren Mann an, denn dieser hatte es immer bestritten, wenn sie behauptete, daß Ilse eines Tages zum Bewußtsein kommen und zu ihrem Bräutigam zurückkehren würde.
„Nein, das wird sie nicht tun, ich kenne das Mädchen,“ hatte er dann geantwortet, „sie ist viel zu stolz dazu.“
Frau Anne schwieg dann lächelnd, sie wußte ja viel besser, daß die Liebe über den Stolz siegen würde. Und sie hatte recht gehabt, sie hatte die Seele der jungen, trotzigen Braut besser durchschaut, als der in blinder Liebe befangene Vater. Jetzt, als sie Ilse fest in ihren Armen hielt und das heftig pochende Herz fühlte, war sie sicher, daß sie diesmal für immer geheilt und bekehrt zurückgekommen war, daß der Kampf, den Ilse in den letzten Monaten überstanden, in ihr die ernste Liebe des Weibes gereift hatte.
Nun war das Eis gebrochen, mit einem Male wurde es Ilse so leicht, von Leo, von ihrer Flucht zu reden, traf sie doch nicht der geringste Tadel von seiten der Eltern; im Gegenteil, wenn sie sich ausschalt und Vorwürfe machte, dann beruhigte die Mama, tröstete mit den zärtlichsten Worten der Papa. Alles, alles beichtete sie, nur den Streit mit Leo ließ sie unberührt und beteuerte nur immer wieder, daß sie im Unrecht sei, und daß sie ganz wie ein unvernünftiges Kind gehandelt habe.
Frau Anne hörte ihr voller Befriedigung zu, und in[pg 247]ihrem Innern dankte sie Nellie inbrünstig, indem sie deren gutem Einfluß den größten Teil dieser Umwandlung zuschrieb. Noch an demselben Tage gab sie diesen Gefühlen in einem langen Dankesbriefe an die junge Frau Ausdruck.
Herr Mackets Groll gegen Leo, den er bis jetzt nicht hatte überwinden können, schwand immer mehr, und er mußte nun doch einsehen, daß nur die Widerspenstigkeit seines Töchterchens an diesem Zerwürfnis schuld war.
„Und nun will ich gleich an Leo schreiben,“ sagte Ilse, sich erhebend, „und ihn bitten, daß er morgen kommt, daß wir ein vergnügtes Weihnachtsfest zusammen feiern können.“
Aber schon nach kurzer Zeit kehrte sie unverrichteter Sache zurück.
„Ich kann nicht schreiben, Mama,“ klagte sie, „es ist mir nicht möglich. Was ich ihm zu sagen habe, das muß mündlich geschehen. Was soll ich denn nur tun, ich weiß es ja nicht; ach Gott, so rate mir doch, liebste Mama.“
Frau Anne schwieg und tat, als überhörte sie die Frage; das Kind sollte von selbst den richtigen Weg einschlagen.
Sinnend und etwas ungeduldig blickte Ilse vor sich hin.
„Mama,“ begann sie wieder, „wissen denn Leos Eltern, was zwischen uns vorgefallen ist?“ Sie seufzte bei dieser Frage, denn der Gedanke, daß sie auch ihnen eine Aufklärung geben müßte, war ihr höchst peinlich.
„Beruhige dich, Ilse,“ tröstete sie Frau Anne, „Gontraus wissen nichts. Leo hat ihnen keinesfalls etwas verraten, und ich habe – oft allerdings durch recht diplomatische Künste – mich bemüht, alles zu verheimlichen. Da sie ganz ahnungslos sind, so werden sie auch nichts bemerkt haben. Wegen deiner angeblichen Schreibfaulheit mußt du dich aber gründlich bei ihnen entschuldigen, denn sie klagten öfters darüber, daß sie noch gar keinen Brief von dir[pg 248]hätten. Ich habe dein Schweigen, so gut es ging, beschönigt.“
„Du liebe, einzig gute Mama!“ unterbrach sie hier Ilse, der bei diesen Worten ein Stein vom Herzen fiel, indem sie Frau Anne mit beiden Armen umschlang, „ich verdiene deine Güte ja gar nicht. Warum muß denn auch gerade ich einen so unglückseligen Charakter besitzen? Wie schwer habe ich schon darunter leiden müssen, wie viele bittere Stunden habe ich andern dadurch bereitet! Siehst du ich bin wütend auf mich, ich weiß genau, was für ein stöckisches Wesen ich bin, und darum wird mich Leo auch nicht mehr lieb haben, ganz gewiß nicht.“
Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen.
„Ilse,“ sagte Frau Anne sanft aber bestimmt, „ich dachte, du wärest ein vernünftiges Kind geworden, und nun kommt doch wieder das tolle Köpfchen zum Vorschein.“
„Ach, Mama, kein Mensch weiß, welche Vorwürfe mich gequält haben, und wie ich bereue, was ich getan. Leo glaubt das gewiß nicht, und wenn ich es ihm auch sage, wird er sich nicht überzeugen lassen.“
„Ilse, Ilse,“ erwiderte Frau Anne kopfschüttelnd, „so darfst du nicht sprechen. Ich weiß, wie tief Leo unter den jetzigen Verhältnissen leidet. Wenn er dich nicht wahrhaft liebte, würde er gleichgültiger sein.“
„Hat er mit dir über mich gesprochen, hat er dir alles erzählt?“ fragte Ilse dringlich. „Hat er sich über mich beklagt?“
„Er hat mir nicht mehr gesagt, als unumgänglich notwendig war, und nicht das kleinste Wort des Tadels oder der Klage ist über seine Lippen gekommen. Ilse, kennst du ihn denn so wenig, daß du so etwas von ihm zu glauben vermagst?“
Das junge Mädchen senkte beschämt das Haupt. Nein,[pg 249]sie hatte eine bessere Meinung von ihm und wußte selbst nicht, warum sie so sprach.
„Ich habe den guten Gontraus auf ihren letzten Brief noch nicht geantwortet,“ fuhr Frau Macket fort, „sie fragten darin an, ob du zu Weihnachten bestimmt zurückkämst, dann würden wir doch das Fest natürlich zusammen feiern. Ich war etwas in Verlegenheit, was ich darauf erwidern sollte, und habe deshalb bis jetzt geschwiegen, heute muß ich ihnen aber schreiben, Ilse, – was soll ich ihnen für eine Antwort geben?“
„Mama,“ sagte Ilse plötzlich, nachdem sie eine Weile gedankenvoll vor sich hingeblickt hatte, „ich habe eine Idee; ja, so geht es – so muß es gehen. Ich schreibe an Leos Eltern, daß ich morgen früh mit euch käme, aber sie sollten ihm davon nichts sagen, weil ich ihn überraschen wollte.“
Gott sei Dank, nun war ein Ausweg gefunden! Ihre Augen leuchteten vor Freude über den glücklichen Einfall, und sie war Feuer und Flamme.
„Herzensmama, so wird es gemacht, nicht wahr?“ schmeichelte sie, „und dann fahren wir morgen gleich nach Tisch alle hierher zurück, und es wird hier beschert. Ich will sofort schreiben.“
Dem Papa brauchte sie ihren Plan gar nicht erst mitzuteilen, er war doch mit allem einverstanden, was sein Liebling tat. Der Brief wurde denn auch sofort geschrieben und unverzüglich nach dem Bahnhof gebracht, damit er noch heute an seine Adresse gelangte.
Ilse war wie umgewandelt, die Ungeduld jagte sie rastlos von einem Ort zum andern. Es gab ja auch noch so viel zu tun für den folgenden Tag, und mit einem wahren Feuereifer stürzte sie sich in die Arbeit.
Im großen Gartensaale stand die mächtige Tanne, welche sie schmücken sollte. Die breiten Äste waren schon dicht mit Watte belegt, auch Gold- und Silberfäden waren[pg 250]darüber gezogen. Herr Macket, der keinen Augenblick von Ilses Seite wich, war dabei, die Wachslichter zu befestigen. Wie heller Freudenschein lag es über seinem Gesicht, als er sie so froh und geschäftig sah, und verstohlen blickte er sie immer an. Das war wieder seine alte Ilse, sein lieber, ausgelassener Wildfang, welchem Übermut und Frohsinn aus den Augen blitzten.
Ilse hatte nicht genug an dem duftenden Grün des Tannenbaumes, den ganzen Saal wollte sie mit Tannenzweigen und Blattpflanzen geschmückt haben; die letzteren mußte ihr der Gärtner aus dem Gewächshaus bringen. Die Ecken sollten Lauben bilden, während an den Wänden Guirlanden aus Tannenzweigen befestigt wurden.
Als sie endlich fertig war, betrachtete sie ihr Werk mit prüfenden Augen und ordnete noch hier und da etwas an; es war ihr immer noch nicht schön genug, schmückte sie doch den Raum so festlich für ihn! Das beseligte sie, und ihr Herz klopfte stürmisch bei dem Gedanken, daß sie morgen mit ihm an dieser Stelle stehen würde, und daß dann alle Zweifel und Qualen ein Ende haben sollten. Wie sehnte sie sich nach voller, reiner Harmonie, wie lange, lange hatte sie diese entbehren müssen!
Der weihnachtliche Schmuck des Saales war vollendet und das ganze Haus erfüllt von dem feinen, harzigen Geruch der Tannennadeln, hatte doch Herr Macket in seiner Herzensfreude noch mehrere Bäume bringen und in dem Treppenhaus aufstellen lassen. „Es soll recht weihnachtlich sein,“ sagte er, und war dabei so heiterer Laune, wie ihn seine Frau lange nicht gesehen hatte.
Ilse schlief diese Nacht wenig, sie war zu aufgeregt dazu. Pünktlich um acht Uhr stand am andern Morgen der Schlitten vor der Türe, und ungeduldig stampften die Braunen den Boden. Frau Anne erklärte, zu Hause bleiben zu wollen, da es, wie sie sagte, noch viel zu tun und an[pg 251]zuordnen gab. Ilse hätte freilich sehr gern gehabt, wenn sie mitgefahren wäre, denn an dem ruhigen, sicheren Wesen der Mama würde ihr erregtes Herz einen festen Rückhalt gehabt haben. Wer sollte ihr Mut machen, wenn sie wieder zaghaft würde! Aber – war denn das nötig, mußte sie zu dem Schritt erst ermutigt werden, den sie doch mit freudigem Herzen tat? Nein, nein!
Energisch drängte sie jeden solchen Gedanken zurück, und mit klaren, strahlenden Augen nickte sie Frau Anne zu, welche in der Pforte stehen geblieben war, um dem Schlitten nachzusehen. Wie lieb und gut hatte sie Ilse zum Abschied in die Arme geschlossen! Die zärtlichen Worte: „Nun sei mein verständiges Mädchen und zage nicht,“ welche sie ihr dabei zuflüsterte, klangen ihr noch immer in den Ohren nach. Frisch und rosig saß sie an der Seite ihres Vaters, der alle Augenblicke fragte, ob sie es auch nicht fröre, und immer wieder die Decke, welche er über sie gebreitet hatte, fester und höher hinaufzog.
Sie wehrte ihm lachend. „Aber Papachen, mir ist ja so warm, mich friert gar nicht; bald kann ich mich nicht mehr rühren, so fest hast du mich eingewickelt.“
Unter Herrn Mackets sicherer Leitung flog das leichte Gefährt mit Windeseile über die glatte Bahn, daß der Schnee links und rechts zur Seite stob. Dazu klang das lustige Schellengeläute so hell und silberrein, daß es sich wie liebliche Musik anhörte.
Ilse lehnte sich weit zurück und schloß die Augen. Klingling, klingling, schallte es immerfort in ihren Ohren, und nun schien der helle Glockenklang auf einmal eine dunklere Färbung anzunehmen, langsam und gemessen in gleichmäßigen Schwingungen zu ertönen. Was war denn das? Klang nicht so die Glocke von dem heimatlichen Kirchturm? Sie sah ihn im Geiste vor sich, das winterliche Kleid war abgestreift und statt dessen umwob ihn lichtes[pg 252]Frühlingsgrün. In den Wipfeln der alten Linden, welche vor der Kirche standen, sangen die Vögel, und Blumenduft strömte durch die geöffneten Fenster hinein. Drinnen tönte die Orgel und begleitete die hellen Stimmen der Dorfkinder. Alles war so feierlich, und da sah sie sich selbst im langen weißen Gewande an der Seite ihres Leo zur Türe hereinkommen. Um den festlich geschmückten Altar standen die Eltern, Verwandten und Freunde, und der alte Pfarrer harrte ihrer. –
Erschreckt fuhr sie auf. Welche Bilder malte ihre Phantasie da vor ihren Augen aus? Und doch kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem rosigen Zukunftsbilde.
„Bist wohl müde, Kind,“ fragte Herr Macket, weil sie so lang stumm und mit geschlossenen Augen neben ihm gesessen hatte. „Ja, die Fahrt ist lang und angreifend, sie wird dir doch nicht zu viel werden, Mädel?“
Sorgsam prüfend schaute er ihr ins Gesicht.
„O nein, Papachen, nicht im geringsten, ich bin gar nicht müde, sondern überlegte mir nur etwas und schloß deshalb die Augen.“ Sie mochte ihm nicht eingestehen, daß sie wachend geträumt hatte.
Nachdem sie in einem Dorfe ausgespannt und eine Weile gerastet hatten, ging die Fahrt weiter.
„In einer guten Stunde sind wir da, die Pferde sind flott gelaufen,“ sagte Herr Macket und blickte mit Stolz auf seine beiden Braunen.
Ilse klopfte das Herz hörbar, und ihre von der kalten Winterluft geröteten Wangen färbten sich noch tiefer. Und mochte ihr auch vor dem Augenblick des Wiedersehens bangen, so erfaßte sie dennoch eine unsagbare Ungeduld bei dem Gedanken, daß sie nur noch eine kurze Spanne Zeit, nur noch Minuten von ihm trennten.
Die weiten Schneeflächen kamen ihr endlos vor, und[pg 253]sie hätte sich Flügel wünschen mögen, um schneller in seine Arme zu eilen. Während sie bis jetzt ihren Träumen nachgehangen hatte, wurde sie auf einmal lebhaft und gesprächig, scherzte und neckte sich mit ihrem Vater, daß oft sein herzliches Lachen durch die winterliche Ruhe schallte, und seine blauen Augen unter den buschigen Brauen vor Freude und Lust strahlten.
So verflog ihr die Zeit rascher, und sie konnte die innere Unruhe besser bemeistern. Endlich sah sie ganz in der Ferne, noch undeutlich und kaum zu erkennen, die Kirchturmspitze von L. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr es ihre Glieder.
„Papa, sieh nur dort, gleich sind wir da!“ rief sie, indem sie ihn am Arm faßte und mit dem Finger auf den fernen Kirchturm zeigte.
Er kniff die Augen zusammen und blickte nach der angegebenen Richtung, dann legte er die Hand über die Augen und beugte den Kopf nach vorn.
„Ich sehe noch nichts,“ sagte er schließlich.
„Aber Papa, dort, siehst du denn nicht?“ Sie war aufgestanden und starrte entzückt in die Ferne, als hätte sich ein Wunder vor ihren Blicken aufgetan.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich sehe nichts, Ilse, du hast eben wahre Falkenaugen. Krischan,“ wandte er sich an den hinter ihnen sitzenden Kutscher, „siehst du den Turm von L. schon?“
„Nee, Herr, ich sehe nischt, das Freilein sieht wohl mit die Ogen der Liebe.“
Über diesen Witz grinste er mit dem ganzen breiten Gesicht, während die beiden im Schlitten in ein helles Gelächter ausbrachen.
Weiter und weiter sauste der Schlitten, und die eben noch in der Ferne verschwommenen Gegenstände tauchten immer klarer auf. Jetzt war auch der Kirchturm deutlich[pg 254]sichtbar, und die beschneiten Dächer zeichneten sich scharf vom blauen Himmel ab. Bald darauf fuhren sie in das Dorf ein, aber bei einem der ersten Häuser machten sie Halt. Eine dicke goldene Traube, an einem weit vorragenden eisernen Arm befestigt, bezeichnete dasselbe als Gasthaus. Ilse hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen, und Herr Macket mußte den breiten Pelzkragen hinaufschlagen, damit sie von den neugierigen Blicken, welche dem Schlitten folgten, nicht erkannt würden. Hier sollte ausgespannt werden, so war es mit den Schwiegereltern verabredet worden. Ilse hatte ihnen geschrieben, sie möchten Leo im Hause festhalten.
Die Aufforderung ihres Vaters, sich erst etwas zu erwärmen und eine Kleinigkeit zu genießen, lehnte Ilse entschieden ab, denn so nahe dem ersehnten Ziel erschien es ihr unmöglich, noch irgendwelche Verzögerung zu ertragen. So machten sich denn die beiden auf den Weg nach dem Gute, welches abseits vom Dorfe lag und dicht an einen Tannenwald grenzte.
„Wie ein Paar Diebe kommen wir angeschlichen,“ sagte Herr Macket. „Darf ich denn den verflixten Kragen noch immer nicht herunterschlagen? Mir wird nämlich verteufelt heiß in diesem Futteral.“
„Ach bitte, bitte, noch nicht,“ bat Ilse, die unter ihrem Schleier fortwährend ängstliche Blicke nach rechts und links warf, „siehst du, Herzensväterchen, es könnte uns doch jemand begegnen, und wir sind ja gleich da.“
Herr Macket als ein gehorsamer Vater fügte sich und stöhnte nur einige Male verstohlen. Sie bogen jetzt in einen kleinen Seitenweg ein, der zwischen zwei Hecken durchführte und nicht gebahnt war, so daß sie bis über die Knöchel in den weichen Schnee einsanken.
„Hier können wir nicht weiter, Ilse, das geht nicht. Du bekommst ja ganz nasse Füße und wirst dich auf den[pg 255]Tod erkälten. Komm, wir wollen umkehren.“ Damit blieb er stehen.
Aber sein geliebter Wildfang schlug ihm ein Schnippchen und hüpfte leicht und flink wie ein Reh davon. Sie sah ja am Ausgang des Heckenweges ein großes, herrschaftliches Haus, das Gontrau’sche, und sollte nun wieder umkehren? Das war zu viel verlangt. Wohl oder übel mußte Herr Macket ihr folgen, und wenn er auch etwas unwillig in den Bart brummte, so brachte er es doch nicht über sich, auf seinen Liebling zu schelten. Mit seinen großen Stiefeln trat er in Ilses zierliche Fußstapfen; diese war ihm längst vorausgeeilt und wartete schon auf ihn an der eisernen Tür, welche den parkartigen Garten hinter dem Hause abschloß.
„Bist mir doch nicht böse, Papachen?“ fragte sie ihn mit schelmischer Zärtlichkeit, und da konnte er natürlich nicht widerstehen.
Der fürsorgliche Schwiegervater hatte Bahn fegen lassen, und auf besserem Wege als vorher schritten sie nun den Garten entlang und schlichen zu einer Hintertüre in das Haus hinein. Ilse hatte Herrn Macket untergefaßt und eiligst mit fortgezogen. Dabei hatte sie solch fieberhafte Angst ausgestanden, sie könnte von Leo gesehen werden, daß sie jetzt, nachdem diese Gefahr vorüber war, erst einen Augenblick stehen bleiben mußte, um Atem zu schöpfen.
Auf dem Hausflur kam ihnen das Gontrau’sche Ehepaar mit offenen Armen entgegen. Ilse war tief beschämt über all die Liebe und Herzlichkeit, mit welcher die Schwiegereltern sie empfingen; dieselben waren vollständig unbefangen und schienen nicht im geringsten zu ahnen, welcher Zwiespalt zwischen dem Brautpaar herrschte. Sie führten ihren Besuch in ein behaglich erwärmtes Zimmer, und während Herr Gontrau Ilses Vater Pelz und Hut abnahm, half seine Frau dem Schwiegertöchterchen beim Ablegen und[pg 256]blickte mit Stolz in das junge frische Gesicht mit den lebhaften braunen Augen. Zärtlich strich sie ihr die wirren Haare aus der Stirn und streichelte ihr die Wangen. Auch Herr Gontrau betrachtete sich die Braut seines Sohnes mit großem Wohlgefallen.
„Ilse, ich glaube, du bist noch gewachsen,“ sagte er, indem er sie an sich zog, „und wie wohl du aussiehst, du blühst ja wie eine Rose. Na, der Leo wird sich freuen, er hat keine Ahnung von der Überraschung, die ihm bevorsteht.“
„Ach ja,“ meinte Frau Gontrau, „ich freue mich auch, der arme Junge hat in der letzten Zeit so viel zu tun gehabt, daß er ganz ernst und blaß geworden ist.“
Ilse errötete und wandte sich ab.
„Wo ist Leo?“ fragte sie leise. „Ich möchte ihn doch gern gleich sehen.“
„Er ist oben auf seinem Zimmer, liebes Kind,“ sagte Frau Gontrau. „Nun, du weißt ja Bescheid; ich war eben noch bei ihm, um zu verhüten, daß er sich entfernte.“
„Ich gehe zu ihm,“ sagte Ilse und verließ das Zimmer.
Als sie die Treppe hinaufgeeilt war und nun vor seiner Türe stand, hielt sie inne und legte die Hand beschwichtigend auf ihr Herz, das ihr zum Zerspringen klopfte. Nun war der Augenblick gekommen, ihm die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ein Gefühl der Demütigung wollte noch einmal in ihr aufwallen, aber sie unterdrückte es, denn sie hatte sich vorgenommen, oft und fest vorgenommen, ihm mit keinem andern Gedanken, als dem der aufrichtigsten Reue entgegenzutreten.
Und als sie immer noch zögerte, erschien ihr Lucies Bild vor den Augen und blickte sie flehend an. Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie sanft nieder und befand sich nun in einem kleinen Vorraum, welcher nur durch eine Portiere von Leos Zimmer getrennt war. Auf den[pg 257]Fußspitzen schlich Ilse näher, schob den Vorhang auseinander und konnte nun das ganze Zimmer übersehen.