Dort saß er an seinem Schreibtisch, tief über seine Arbeit gebeugt und eifrig schreibend. Sie blieb unbeweglich stehen, wie um sich zu sammeln, und sah unverwandt auf die geliebte Gestalt vor ihr. Wenn er wüßte, wer so dicht hinter ihm stand! Sie meinte, er müßte ihre Nähe fühlen, aber ahnungslos schrieb er weiter. Als er jetzt den Kopf zur Seite wandte, um in einem Buche nachzuschlagen, konnte sie sein Gesicht sehen, und – täuschte sie sich, oder war es[pg 258]wirklich so? – er schien ihr um Jahre gealtert. Seine Wangen waren blaß, die Augen hatten tiefe Schatten, und um seinen Mund lagerte ein müder, schmerzlicher Zug.So sah sie nun ihren Leo wieder, den sie nur kraftvoll und frisch gekannt hatte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie mußte an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen. Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurück, und sie konnte ihr Bild bemerken, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand; ein grüner Tannenzweig schmückte dasselbe. Leise, wie magnetisch angezogen, schlich sie näher. Jetzt nahm er das Bild in die Hand und betrachtete es mit liebevollen Blicken. Den kleinen Zweig, der ihr Gesicht etwas verdeckte, schob er zurück, damit er ungehindert in das geliebte Antlitz schauen konnte. Er dachte ihrer also noch mit tiefer, unwandelbarer Liebe. Ohne daß sie es wollte, tönte sein Name halblaut von ihren Lippen. Das Bild entfiel seiner Hand, mit einem jähen Ruck stieß er den Stuhl zurück und drehte sich um. Als sähe er einen Geist vor sich, so starrten die dunklen Augen in dem blassen Gesicht auf Ilse. Sie trat näher und rief noch einmal: „Leo.“Da löste sich der Bann, der ihn befangen hatte.„Ilse, du – du, bist du es wirklich?“ stieß er hervor, und als sie die Arme nach ihm ausbreitete, zog er sie fest an sich und drückte ihren Kopf mit beiden Händen an sein Herz.„Vergib mir, Leo!“ flüsterte sie unter Tränen.Statt aller Antwort schloß er ihr den Mund mit leidenschaftlichen Küssen, gab ihr die zärtlichsten Schmeichelnamen. Und diesem Manne hatte sie Mißtrauen entgegengebracht, an seiner Liebe hatte sie gezweifelt! In törichtem Trotz hatte sie das beste, edelste Herz verkannt. Der Gedanke, daß er sich hätte von ihr wenden können, erfüllte sie jetzt noch mit Schrecken.[pg 259]Fester schmiegte sie sich an den Geliebten. Sie waren beide nicht fähig, zu sprechen, stumm hielten sie sich umschlungen und besiegelten innerlich von neuem den geschlossenen Bund. Sie hatten das Gefühl, daß sie jetzt für immer zusammengehörten, daß nichts sie je wieder trennen könnte. Es war Ilse, als träumte sie, und sie dürfte sich nicht rühren, um den schönen Traum nicht zu verscheuchen.Und als sie dann endlich Worte fanden und Hand in Hand zusammensaßen, da konnten sie kein Ende finden, bis schließlich Frau Gontrau kam und schüchtern fragte, ob das liebe Brautpaar noch nicht bald erscheinen wolle.* * *Der im hellsten Lichte strahlende Tannenbaum beschien am heiligen Abend im Macketschen Hause lauter frohe, vergnügte Gesichter. Es ging ein Knistern durch die Zweige und die Wachskerzen flackerten so lustig, wie wenn der Baum selbst damit auch seiner Freude Ausdruck geben wollte.Frau Anne hatte den Kleinen auf dem Arm, welcher jauchzend seine beiden Händchen nach dem Lichterbaum ausstreckte. Herr Macket stand daneben und neckte seinen Jungen, denn er war ganz übermütig heute. Das Kind mußte alle seine Kunststückchen zeigen, so daß Gontraus ganz entzückt waren von dem reizenden kleinen Kerl.„Jetzt muß aber mein Schatz zu Bett gehen,“ entschied endlich Frau Anne, welche bemerkte, daß die Lebhaftigkeit des Kindes durch den Beifall der Umstehenden sich immer mehr steigerte. Der mütterliche Befehl schien aber dem kleinen Mann durchaus nicht angenehm zu sein, denn er zog ein Schüppchen und in seinen Mundwinkeln zuckte es verdächtig. Aber die Mama machte kurzen Prozeß mit ihm.[pg 260]„Nun gib dein Händchen und sage gute Nacht,“ gebot sie energisch.Er gehorchte und reichte allen die Hand.„So nun mußt du noch Ilse und Onkel Leo gute Nacht sagen.“ –Die beiden hatten sich in eine der grünen Pflanzen-Nischen zurückgezogen; aus ihren Augen glänzte Glück und Seligkeit. Ilse hatte so viel zu erzählen, wie sie zuerst seiner nur im Groll gedacht, wie sie aber nach und nach einsehen gelernt hatte, daß wahre, echte Liebe sich auch zu fügen weiß. Und wie reizend Frau Nellie sei, ein wie furchtbares Schicksal die arme Flora betroffen habe, wie klug und interessant Orla wäre, der gegenüber sie sich immer klein und erbärmlich vorgekommen sei, – das alles, und noch vieles andre, berichtete sie ihm auf das ausführlichste.„Schatz, es ist, als hätten wir uns erst heute verlobt, als hätten sich erst jetzt unsre Herzen für immer gefunden,“ sagte er.„Für immer!“ wiederholte sie mit Betonung, und ihre Augen sahen mit dem Ausdruck der innigsten Liebe zu ihm empor. „Nicht wahr, Leo, du hast nun alles vergessen und liebst mich noch wie früher?“„Mehr als je,“ gab er ihr zärtlich zur Antwort.Sie lehnte an seiner Brust, und beide schauten in den flimmernden, duftenden Tannenbaum. Freundliche Bilder der Zukunft stiegen vor ihnen auf, sie träumten sich in ihr eigen Heim, und wie sie am nächsten Weihnachtsabend sich ihren eigenen Baum anzünden würden!* * *[pg 261]Mit duftenden Rosen war der Weg zur Kirche bestreut, den Ilse jetzt im bräutlichen Gewande am Arm ihres Leo dahinschritt. Wolkenlos wölbte sich der Junihimmel über ihnen, und goldner Sonnenglanz lag über der strahlenden Natur ausgebreitet. Das ganze Dorf war zusammengelaufen, um sein geliebtes Gutskind im Brautschmuck zu sehen; sie standen zu beiden Seiten des Weges, und als das Brautpaar in der Kirchentüre verschwunden war, da strömten sie hinterher, und die kleine Kirche war im Umsehen gefüllt.Ilses Traum war zur Wirklichkeit geworden, nun sollte sie binnen wenigen Minuten am Altar des Herrn dem geliebten Mann für ewig Liebe und Treue schwören.Durch die offenen Fenster lugte neugierig der helle Sonnenschein, das leise Rauschen der Bäume und der fröhliche Vogelgesang drangen herein, gerade so, wie sie es Weihnachten im Schlitten geträumt hatte. Und jetzt erscholl die Orgel, und die Kinderstimmen setzten ein.Ilse schmiegte sich dichter an Leo, und mit gesenkten Augen schritt sie neben ihm dem Altar zu, der mit Pflanzen und Blumen festlich geschmückt war. Da standen die Eltern, die Freunde und Verwandten. Orlas schönes Antlitz lachte ihr entgegen, Andres neigte grüßend das Haupt, und Nellie, die liebe, einzige, blickte wie verklärt zu ihr herüber. Der Papa streckte ihr gerührt seine Hand entgegen, und Frau Anne lächelte ihr unter Tränen zu. So viel Liebe, so viel Freundschaft sah sie in allen Augen leuchten, daß sie in überwallender Seligkeit zu dem Manne aufsah, welchem sie nun angehörte für alle Zeit.Die Orgel und der Gesang verstummten. „Die Liebe höret nimmer auf,“ so begann der alte würdige Pastor seine Rede. Er hatte Ilse getauft und konfirmiert, nun stand sie als junge Frau vor ihm, und er sollte ihr seinen Segen geben. Das lebhafteste Interesse, die herrlichste Freundschaft, gaben ihm warme, tief empfundene Worte ein,[pg 262]seine Rede war poetisch durchflochten mit den anmutigsten Wendungen.Herr Macket mußte sich einige Male verstohlen über die Augen fahren; Frau Anne hatte ihre Hand in die seine gelegt, auch sie war tief bewegt. Die Sturm- und Drangperiode des jungen Paares zog noch einmal an ihrem Geiste vorüber, und erleichtert holte sie Atem, daß sie glücklich überwunden war und die beiden zusammen dort am Altar standen. Eben fiel ein breiter Sonnenstrahl schräg durch das Fenster über die einfach weiß getünchte Wand, gerade auf das frische Myrtengrün in Ilses lockigem Haar und beleuchtete den weißen Schleier, der lang bis auf die kostbare Atlasschleppe herabfiel, daß er wie aus Duft gewoben erschien. Wie liebreizend sah die junge Braut aus! Voll Stolz und Glück blickte Frau Anne auf das schöne Paar, und der Gedanke, daß heute die geliebte Tochter für immer aus dem Elternhaus schied, war der einzige Wermutstropfen in dem Kelch der Freude. –In lustigster Stimmung, scherzend und lachend saßen die Hochzeitsgäste noch an der geschmückten Tafel, als Ilse sich bereits fortgeschlichen hatte, um das Brautgewand mit dem Reisekleid zu vertauschen. Sie stand in ihrem Mädchenstübchen am offenen Fenster, und ihre Blicke schweiften über den blühenden Garten, die grünen Felder und den noch frühlingsfrischen Wald, bis zu den fernen Hügeln, welche die scheidende Sonne vergoldete. Die abendliche Stille in der Natur nach den vielen Aufregungen des Tages tat ihr so wohl! Sie lehnte sich weit hinaus und sog in vollen Zügen die erquickende Luft ein.Das unbeschreibliche Gefühl der Seligkeit, des höchsten Glückes, welches ihr den heutigen Tag zu dem schönsten ihres Lebens machte, mußte jetzt vor dem Gedanken an den Abschied zurückweichen. Sie wußte ja, wie schwer dem Papa die Trennung falle, wie sich Frau Anne nach ihr[pg 263]sehnen würde. Mehrmals mußte sie das Tuch an die Augen führen, um die hervorquellenden Tränen zu trocknen. Aber Leo sollte sie so nicht sehen, sie war ja glücklich und folgte ihm gern. Das ernste, heilige Gefühl, daß sie nun sein Weib sei, und, wie der gute alte Pastor gesagt hatte, „nur der Tod sie schiede“, durchschauerte sie, die edelsten, besten Vorsätze und Empfindungen gab ihr diese stille Stunde ein.Zwei Arme umschlangen sie plötzlich, und sich umwendend sah sie in das Antlitz ihres Mannes. Er hob ihr Kinn in die Höhe, und als er Tränen in ihren Augen schimmern sah, zog er sie fester an sich und strich ihr liebkosend über Haar und Wangen. Er war selbst so bewegt, daß er nicht sprechen konnte, aber die innige Umarmung, in der er sein junges Weib festhielt, sagte ihr mehr als Worte es vermocht hätten.„Wir müssen fort mein Lieb,“ brach Leo endlich das Schweigen, denn der Wagen war vorgefahren und die Braunen stampften ungeduldig die Erde. Jetzt drang auch Gläserklingen und Stimmengewirr zu ihnen herauf, und die Musik fiel mit einem lauten Tusch ein. Gewiß feierte man nochmals das junge Paar und trank auf sein Wohl.Frau Anne kam leise herein und brachte Ilses Hut und Staubmantel.„Es ist alles fertig,“ sagte sie, „ihr müßt fort Kinder. Ich will es dem Papa sagen, nicht wahr?“Sie sprach anscheinend ruhig, aber ein leises Zittern in ihrer Stimme verriet doch ihre innere Erregung. Sie wollte hinausgehen, doch Ilse, hielt sie zurück und umschlang ihren Hals.„Liebe, einzige Mama, habe für alles, alles Dank, und wenn ich dich oft kränkte, verzeihe mir.“„Aber liebes Kind,“ fiel Frau Anne ein, „alles ist vergessen, wir haben dich ja so lieb, du bist unsre gute Tochter. Nun darfst du dich aber nicht aufregen, du mußt verständig[pg 264]sein, denn der Papa darf dich nicht so sehen, nicht wahr, liebes Herz?“„Komm Schatz, komm,“ drängte Leo, den ein verständnisvoller Blick von Frau Anne dazu trieb, den Abschied möglichst zu verkürzen. Sie ließ die beiden allein und ging in den Saal zurück, wo sie ihrem Mann verstohlen zuflüsterte, daß der Wagen vor der Türe stehe. Das heitere Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er stand sofort auf.Das Köpfchen seiner Ilse mit dem grauen Reisehut nickte ihm schon aus dem Wagenfenster zu, als er aus der Haustüre trat. Er stieg zu ihr ein und hielt sein Kind lange in den Armen. Dabei preßte er ihren Kopf fest an sein Herz, denn sie sollte die Tränen nicht sehen, die ihm über die Wangen rollten. Krischan, der in seiner neuen Livree steif und gerade auf dem Bock saß, sah mit ungeduldigen Blicken bald auf die Uhr, bald von seinem hohen Sitz herab auf den Wagenschlag, und schließlich wandte er sich an Frau Macket mit den Worten:„Nu is es aber die höchste Zeit, sonst verfehlt das Freilein und der junge Herr am Ende den Zug.“Er konnte sich noch nicht entschließen, von der „Frau Assessor“ zu sprechen, für ihn war Ilse noch das „Freilein“.Frau Macket zupfte ihren Mann am Ärmel. „Sie müssen fort, lieber Richard,“ sagte sie leise.Er stieg aus, die Türe flog zu, die Pferde zogen an, und der Wagen rollte auf der Dorfstraße dahin, eine Staubwolke aufwirbelnd. Herr und Frau Macket waren aus der Pforte getreten und sahen ihm nach. Jetzt flatterte Ilses Taschentuch als Abschiedsgruß noch einmal aus dem Fenster, dann bog der Wagen um die Ecke und war den Blicken entschwunden.„Komm, lieber Mann, wir wollen wieder hineingehen,“ sagte Frau Anne.[pg 265]„Nun ist sie fort,“ sprach er halblaut, wie im Traume.„Sie ist glücklich,“ gab Frau Anne zur Antwort.„Ja, sie ist glücklich,“ wiederholte er leise und ein heller Freudenschein überflog sein von der Trennung schmerzlich bewegtes Antlitz. Arm in Arm gingen die beiden in das Haus zu ihren Gästen zurück.Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem Titel „Aus Trotzkopfs Ehe“ in gleichen Verlag erschienen ist.
Dort saß er an seinem Schreibtisch, tief über seine Arbeit gebeugt und eifrig schreibend. Sie blieb unbeweglich stehen, wie um sich zu sammeln, und sah unverwandt auf die geliebte Gestalt vor ihr. Wenn er wüßte, wer so dicht hinter ihm stand! Sie meinte, er müßte ihre Nähe fühlen, aber ahnungslos schrieb er weiter. Als er jetzt den Kopf zur Seite wandte, um in einem Buche nachzuschlagen, konnte sie sein Gesicht sehen, und – täuschte sie sich, oder war es[pg 258]wirklich so? – er schien ihr um Jahre gealtert. Seine Wangen waren blaß, die Augen hatten tiefe Schatten, und um seinen Mund lagerte ein müder, schmerzlicher Zug.So sah sie nun ihren Leo wieder, den sie nur kraftvoll und frisch gekannt hatte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie mußte an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen. Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurück, und sie konnte ihr Bild bemerken, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand; ein grüner Tannenzweig schmückte dasselbe. Leise, wie magnetisch angezogen, schlich sie näher. Jetzt nahm er das Bild in die Hand und betrachtete es mit liebevollen Blicken. Den kleinen Zweig, der ihr Gesicht etwas verdeckte, schob er zurück, damit er ungehindert in das geliebte Antlitz schauen konnte. Er dachte ihrer also noch mit tiefer, unwandelbarer Liebe. Ohne daß sie es wollte, tönte sein Name halblaut von ihren Lippen. Das Bild entfiel seiner Hand, mit einem jähen Ruck stieß er den Stuhl zurück und drehte sich um. Als sähe er einen Geist vor sich, so starrten die dunklen Augen in dem blassen Gesicht auf Ilse. Sie trat näher und rief noch einmal: „Leo.“Da löste sich der Bann, der ihn befangen hatte.„Ilse, du – du, bist du es wirklich?“ stieß er hervor, und als sie die Arme nach ihm ausbreitete, zog er sie fest an sich und drückte ihren Kopf mit beiden Händen an sein Herz.„Vergib mir, Leo!“ flüsterte sie unter Tränen.Statt aller Antwort schloß er ihr den Mund mit leidenschaftlichen Küssen, gab ihr die zärtlichsten Schmeichelnamen. Und diesem Manne hatte sie Mißtrauen entgegengebracht, an seiner Liebe hatte sie gezweifelt! In törichtem Trotz hatte sie das beste, edelste Herz verkannt. Der Gedanke, daß er sich hätte von ihr wenden können, erfüllte sie jetzt noch mit Schrecken.[pg 259]Fester schmiegte sie sich an den Geliebten. Sie waren beide nicht fähig, zu sprechen, stumm hielten sie sich umschlungen und besiegelten innerlich von neuem den geschlossenen Bund. Sie hatten das Gefühl, daß sie jetzt für immer zusammengehörten, daß nichts sie je wieder trennen könnte. Es war Ilse, als träumte sie, und sie dürfte sich nicht rühren, um den schönen Traum nicht zu verscheuchen.Und als sie dann endlich Worte fanden und Hand in Hand zusammensaßen, da konnten sie kein Ende finden, bis schließlich Frau Gontrau kam und schüchtern fragte, ob das liebe Brautpaar noch nicht bald erscheinen wolle.* * *Der im hellsten Lichte strahlende Tannenbaum beschien am heiligen Abend im Macketschen Hause lauter frohe, vergnügte Gesichter. Es ging ein Knistern durch die Zweige und die Wachskerzen flackerten so lustig, wie wenn der Baum selbst damit auch seiner Freude Ausdruck geben wollte.Frau Anne hatte den Kleinen auf dem Arm, welcher jauchzend seine beiden Händchen nach dem Lichterbaum ausstreckte. Herr Macket stand daneben und neckte seinen Jungen, denn er war ganz übermütig heute. Das Kind mußte alle seine Kunststückchen zeigen, so daß Gontraus ganz entzückt waren von dem reizenden kleinen Kerl.„Jetzt muß aber mein Schatz zu Bett gehen,“ entschied endlich Frau Anne, welche bemerkte, daß die Lebhaftigkeit des Kindes durch den Beifall der Umstehenden sich immer mehr steigerte. Der mütterliche Befehl schien aber dem kleinen Mann durchaus nicht angenehm zu sein, denn er zog ein Schüppchen und in seinen Mundwinkeln zuckte es verdächtig. Aber die Mama machte kurzen Prozeß mit ihm.[pg 260]„Nun gib dein Händchen und sage gute Nacht,“ gebot sie energisch.Er gehorchte und reichte allen die Hand.„So nun mußt du noch Ilse und Onkel Leo gute Nacht sagen.“ –Die beiden hatten sich in eine der grünen Pflanzen-Nischen zurückgezogen; aus ihren Augen glänzte Glück und Seligkeit. Ilse hatte so viel zu erzählen, wie sie zuerst seiner nur im Groll gedacht, wie sie aber nach und nach einsehen gelernt hatte, daß wahre, echte Liebe sich auch zu fügen weiß. Und wie reizend Frau Nellie sei, ein wie furchtbares Schicksal die arme Flora betroffen habe, wie klug und interessant Orla wäre, der gegenüber sie sich immer klein und erbärmlich vorgekommen sei, – das alles, und noch vieles andre, berichtete sie ihm auf das ausführlichste.„Schatz, es ist, als hätten wir uns erst heute verlobt, als hätten sich erst jetzt unsre Herzen für immer gefunden,“ sagte er.„Für immer!“ wiederholte sie mit Betonung, und ihre Augen sahen mit dem Ausdruck der innigsten Liebe zu ihm empor. „Nicht wahr, Leo, du hast nun alles vergessen und liebst mich noch wie früher?“„Mehr als je,“ gab er ihr zärtlich zur Antwort.Sie lehnte an seiner Brust, und beide schauten in den flimmernden, duftenden Tannenbaum. Freundliche Bilder der Zukunft stiegen vor ihnen auf, sie träumten sich in ihr eigen Heim, und wie sie am nächsten Weihnachtsabend sich ihren eigenen Baum anzünden würden!* * *[pg 261]Mit duftenden Rosen war der Weg zur Kirche bestreut, den Ilse jetzt im bräutlichen Gewande am Arm ihres Leo dahinschritt. Wolkenlos wölbte sich der Junihimmel über ihnen, und goldner Sonnenglanz lag über der strahlenden Natur ausgebreitet. Das ganze Dorf war zusammengelaufen, um sein geliebtes Gutskind im Brautschmuck zu sehen; sie standen zu beiden Seiten des Weges, und als das Brautpaar in der Kirchentüre verschwunden war, da strömten sie hinterher, und die kleine Kirche war im Umsehen gefüllt.Ilses Traum war zur Wirklichkeit geworden, nun sollte sie binnen wenigen Minuten am Altar des Herrn dem geliebten Mann für ewig Liebe und Treue schwören.Durch die offenen Fenster lugte neugierig der helle Sonnenschein, das leise Rauschen der Bäume und der fröhliche Vogelgesang drangen herein, gerade so, wie sie es Weihnachten im Schlitten geträumt hatte. Und jetzt erscholl die Orgel, und die Kinderstimmen setzten ein.Ilse schmiegte sich dichter an Leo, und mit gesenkten Augen schritt sie neben ihm dem Altar zu, der mit Pflanzen und Blumen festlich geschmückt war. Da standen die Eltern, die Freunde und Verwandten. Orlas schönes Antlitz lachte ihr entgegen, Andres neigte grüßend das Haupt, und Nellie, die liebe, einzige, blickte wie verklärt zu ihr herüber. Der Papa streckte ihr gerührt seine Hand entgegen, und Frau Anne lächelte ihr unter Tränen zu. So viel Liebe, so viel Freundschaft sah sie in allen Augen leuchten, daß sie in überwallender Seligkeit zu dem Manne aufsah, welchem sie nun angehörte für alle Zeit.Die Orgel und der Gesang verstummten. „Die Liebe höret nimmer auf,“ so begann der alte würdige Pastor seine Rede. Er hatte Ilse getauft und konfirmiert, nun stand sie als junge Frau vor ihm, und er sollte ihr seinen Segen geben. Das lebhafteste Interesse, die herrlichste Freundschaft, gaben ihm warme, tief empfundene Worte ein,[pg 262]seine Rede war poetisch durchflochten mit den anmutigsten Wendungen.Herr Macket mußte sich einige Male verstohlen über die Augen fahren; Frau Anne hatte ihre Hand in die seine gelegt, auch sie war tief bewegt. Die Sturm- und Drangperiode des jungen Paares zog noch einmal an ihrem Geiste vorüber, und erleichtert holte sie Atem, daß sie glücklich überwunden war und die beiden zusammen dort am Altar standen. Eben fiel ein breiter Sonnenstrahl schräg durch das Fenster über die einfach weiß getünchte Wand, gerade auf das frische Myrtengrün in Ilses lockigem Haar und beleuchtete den weißen Schleier, der lang bis auf die kostbare Atlasschleppe herabfiel, daß er wie aus Duft gewoben erschien. Wie liebreizend sah die junge Braut aus! Voll Stolz und Glück blickte Frau Anne auf das schöne Paar, und der Gedanke, daß heute die geliebte Tochter für immer aus dem Elternhaus schied, war der einzige Wermutstropfen in dem Kelch der Freude. –In lustigster Stimmung, scherzend und lachend saßen die Hochzeitsgäste noch an der geschmückten Tafel, als Ilse sich bereits fortgeschlichen hatte, um das Brautgewand mit dem Reisekleid zu vertauschen. Sie stand in ihrem Mädchenstübchen am offenen Fenster, und ihre Blicke schweiften über den blühenden Garten, die grünen Felder und den noch frühlingsfrischen Wald, bis zu den fernen Hügeln, welche die scheidende Sonne vergoldete. Die abendliche Stille in der Natur nach den vielen Aufregungen des Tages tat ihr so wohl! Sie lehnte sich weit hinaus und sog in vollen Zügen die erquickende Luft ein.Das unbeschreibliche Gefühl der Seligkeit, des höchsten Glückes, welches ihr den heutigen Tag zu dem schönsten ihres Lebens machte, mußte jetzt vor dem Gedanken an den Abschied zurückweichen. Sie wußte ja, wie schwer dem Papa die Trennung falle, wie sich Frau Anne nach ihr[pg 263]sehnen würde. Mehrmals mußte sie das Tuch an die Augen führen, um die hervorquellenden Tränen zu trocknen. Aber Leo sollte sie so nicht sehen, sie war ja glücklich und folgte ihm gern. Das ernste, heilige Gefühl, daß sie nun sein Weib sei, und, wie der gute alte Pastor gesagt hatte, „nur der Tod sie schiede“, durchschauerte sie, die edelsten, besten Vorsätze und Empfindungen gab ihr diese stille Stunde ein.Zwei Arme umschlangen sie plötzlich, und sich umwendend sah sie in das Antlitz ihres Mannes. Er hob ihr Kinn in die Höhe, und als er Tränen in ihren Augen schimmern sah, zog er sie fester an sich und strich ihr liebkosend über Haar und Wangen. Er war selbst so bewegt, daß er nicht sprechen konnte, aber die innige Umarmung, in der er sein junges Weib festhielt, sagte ihr mehr als Worte es vermocht hätten.„Wir müssen fort mein Lieb,“ brach Leo endlich das Schweigen, denn der Wagen war vorgefahren und die Braunen stampften ungeduldig die Erde. Jetzt drang auch Gläserklingen und Stimmengewirr zu ihnen herauf, und die Musik fiel mit einem lauten Tusch ein. Gewiß feierte man nochmals das junge Paar und trank auf sein Wohl.Frau Anne kam leise herein und brachte Ilses Hut und Staubmantel.„Es ist alles fertig,“ sagte sie, „ihr müßt fort Kinder. Ich will es dem Papa sagen, nicht wahr?“Sie sprach anscheinend ruhig, aber ein leises Zittern in ihrer Stimme verriet doch ihre innere Erregung. Sie wollte hinausgehen, doch Ilse, hielt sie zurück und umschlang ihren Hals.„Liebe, einzige Mama, habe für alles, alles Dank, und wenn ich dich oft kränkte, verzeihe mir.“„Aber liebes Kind,“ fiel Frau Anne ein, „alles ist vergessen, wir haben dich ja so lieb, du bist unsre gute Tochter. Nun darfst du dich aber nicht aufregen, du mußt verständig[pg 264]sein, denn der Papa darf dich nicht so sehen, nicht wahr, liebes Herz?“„Komm Schatz, komm,“ drängte Leo, den ein verständnisvoller Blick von Frau Anne dazu trieb, den Abschied möglichst zu verkürzen. Sie ließ die beiden allein und ging in den Saal zurück, wo sie ihrem Mann verstohlen zuflüsterte, daß der Wagen vor der Türe stehe. Das heitere Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er stand sofort auf.Das Köpfchen seiner Ilse mit dem grauen Reisehut nickte ihm schon aus dem Wagenfenster zu, als er aus der Haustüre trat. Er stieg zu ihr ein und hielt sein Kind lange in den Armen. Dabei preßte er ihren Kopf fest an sein Herz, denn sie sollte die Tränen nicht sehen, die ihm über die Wangen rollten. Krischan, der in seiner neuen Livree steif und gerade auf dem Bock saß, sah mit ungeduldigen Blicken bald auf die Uhr, bald von seinem hohen Sitz herab auf den Wagenschlag, und schließlich wandte er sich an Frau Macket mit den Worten:„Nu is es aber die höchste Zeit, sonst verfehlt das Freilein und der junge Herr am Ende den Zug.“Er konnte sich noch nicht entschließen, von der „Frau Assessor“ zu sprechen, für ihn war Ilse noch das „Freilein“.Frau Macket zupfte ihren Mann am Ärmel. „Sie müssen fort, lieber Richard,“ sagte sie leise.Er stieg aus, die Türe flog zu, die Pferde zogen an, und der Wagen rollte auf der Dorfstraße dahin, eine Staubwolke aufwirbelnd. Herr und Frau Macket waren aus der Pforte getreten und sahen ihm nach. Jetzt flatterte Ilses Taschentuch als Abschiedsgruß noch einmal aus dem Fenster, dann bog der Wagen um die Ecke und war den Blicken entschwunden.„Komm, lieber Mann, wir wollen wieder hineingehen,“ sagte Frau Anne.[pg 265]„Nun ist sie fort,“ sprach er halblaut, wie im Traume.„Sie ist glücklich,“ gab Frau Anne zur Antwort.„Ja, sie ist glücklich,“ wiederholte er leise und ein heller Freudenschein überflog sein von der Trennung schmerzlich bewegtes Antlitz. Arm in Arm gingen die beiden in das Haus zu ihren Gästen zurück.Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem Titel „Aus Trotzkopfs Ehe“ in gleichen Verlag erschienen ist.
Dort saß er an seinem Schreibtisch, tief über seine Arbeit gebeugt und eifrig schreibend. Sie blieb unbeweglich stehen, wie um sich zu sammeln, und sah unverwandt auf die geliebte Gestalt vor ihr. Wenn er wüßte, wer so dicht hinter ihm stand! Sie meinte, er müßte ihre Nähe fühlen, aber ahnungslos schrieb er weiter. Als er jetzt den Kopf zur Seite wandte, um in einem Buche nachzuschlagen, konnte sie sein Gesicht sehen, und – täuschte sie sich, oder war es[pg 258]wirklich so? – er schien ihr um Jahre gealtert. Seine Wangen waren blaß, die Augen hatten tiefe Schatten, und um seinen Mund lagerte ein müder, schmerzlicher Zug.
So sah sie nun ihren Leo wieder, den sie nur kraftvoll und frisch gekannt hatte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie mußte an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen. Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurück, und sie konnte ihr Bild bemerken, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand; ein grüner Tannenzweig schmückte dasselbe. Leise, wie magnetisch angezogen, schlich sie näher. Jetzt nahm er das Bild in die Hand und betrachtete es mit liebevollen Blicken. Den kleinen Zweig, der ihr Gesicht etwas verdeckte, schob er zurück, damit er ungehindert in das geliebte Antlitz schauen konnte. Er dachte ihrer also noch mit tiefer, unwandelbarer Liebe. Ohne daß sie es wollte, tönte sein Name halblaut von ihren Lippen. Das Bild entfiel seiner Hand, mit einem jähen Ruck stieß er den Stuhl zurück und drehte sich um. Als sähe er einen Geist vor sich, so starrten die dunklen Augen in dem blassen Gesicht auf Ilse. Sie trat näher und rief noch einmal: „Leo.“
Da löste sich der Bann, der ihn befangen hatte.
„Ilse, du – du, bist du es wirklich?“ stieß er hervor, und als sie die Arme nach ihm ausbreitete, zog er sie fest an sich und drückte ihren Kopf mit beiden Händen an sein Herz.
„Vergib mir, Leo!“ flüsterte sie unter Tränen.
Statt aller Antwort schloß er ihr den Mund mit leidenschaftlichen Küssen, gab ihr die zärtlichsten Schmeichelnamen. Und diesem Manne hatte sie Mißtrauen entgegengebracht, an seiner Liebe hatte sie gezweifelt! In törichtem Trotz hatte sie das beste, edelste Herz verkannt. Der Gedanke, daß er sich hätte von ihr wenden können, erfüllte sie jetzt noch mit Schrecken.
Fester schmiegte sie sich an den Geliebten. Sie waren beide nicht fähig, zu sprechen, stumm hielten sie sich umschlungen und besiegelten innerlich von neuem den geschlossenen Bund. Sie hatten das Gefühl, daß sie jetzt für immer zusammengehörten, daß nichts sie je wieder trennen könnte. Es war Ilse, als träumte sie, und sie dürfte sich nicht rühren, um den schönen Traum nicht zu verscheuchen.
Und als sie dann endlich Worte fanden und Hand in Hand zusammensaßen, da konnten sie kein Ende finden, bis schließlich Frau Gontrau kam und schüchtern fragte, ob das liebe Brautpaar noch nicht bald erscheinen wolle.
* * *
Der im hellsten Lichte strahlende Tannenbaum beschien am heiligen Abend im Macketschen Hause lauter frohe, vergnügte Gesichter. Es ging ein Knistern durch die Zweige und die Wachskerzen flackerten so lustig, wie wenn der Baum selbst damit auch seiner Freude Ausdruck geben wollte.
Frau Anne hatte den Kleinen auf dem Arm, welcher jauchzend seine beiden Händchen nach dem Lichterbaum ausstreckte. Herr Macket stand daneben und neckte seinen Jungen, denn er war ganz übermütig heute. Das Kind mußte alle seine Kunststückchen zeigen, so daß Gontraus ganz entzückt waren von dem reizenden kleinen Kerl.
„Jetzt muß aber mein Schatz zu Bett gehen,“ entschied endlich Frau Anne, welche bemerkte, daß die Lebhaftigkeit des Kindes durch den Beifall der Umstehenden sich immer mehr steigerte. Der mütterliche Befehl schien aber dem kleinen Mann durchaus nicht angenehm zu sein, denn er zog ein Schüppchen und in seinen Mundwinkeln zuckte es verdächtig. Aber die Mama machte kurzen Prozeß mit ihm.
„Nun gib dein Händchen und sage gute Nacht,“ gebot sie energisch.
Er gehorchte und reichte allen die Hand.
„So nun mußt du noch Ilse und Onkel Leo gute Nacht sagen.“ –
Die beiden hatten sich in eine der grünen Pflanzen-Nischen zurückgezogen; aus ihren Augen glänzte Glück und Seligkeit. Ilse hatte so viel zu erzählen, wie sie zuerst seiner nur im Groll gedacht, wie sie aber nach und nach einsehen gelernt hatte, daß wahre, echte Liebe sich auch zu fügen weiß. Und wie reizend Frau Nellie sei, ein wie furchtbares Schicksal die arme Flora betroffen habe, wie klug und interessant Orla wäre, der gegenüber sie sich immer klein und erbärmlich vorgekommen sei, – das alles, und noch vieles andre, berichtete sie ihm auf das ausführlichste.
„Schatz, es ist, als hätten wir uns erst heute verlobt, als hätten sich erst jetzt unsre Herzen für immer gefunden,“ sagte er.
„Für immer!“ wiederholte sie mit Betonung, und ihre Augen sahen mit dem Ausdruck der innigsten Liebe zu ihm empor. „Nicht wahr, Leo, du hast nun alles vergessen und liebst mich noch wie früher?“
„Mehr als je,“ gab er ihr zärtlich zur Antwort.
Sie lehnte an seiner Brust, und beide schauten in den flimmernden, duftenden Tannenbaum. Freundliche Bilder der Zukunft stiegen vor ihnen auf, sie träumten sich in ihr eigen Heim, und wie sie am nächsten Weihnachtsabend sich ihren eigenen Baum anzünden würden!
* * *
Mit duftenden Rosen war der Weg zur Kirche bestreut, den Ilse jetzt im bräutlichen Gewande am Arm ihres Leo dahinschritt. Wolkenlos wölbte sich der Junihimmel über ihnen, und goldner Sonnenglanz lag über der strahlenden Natur ausgebreitet. Das ganze Dorf war zusammengelaufen, um sein geliebtes Gutskind im Brautschmuck zu sehen; sie standen zu beiden Seiten des Weges, und als das Brautpaar in der Kirchentüre verschwunden war, da strömten sie hinterher, und die kleine Kirche war im Umsehen gefüllt.
Ilses Traum war zur Wirklichkeit geworden, nun sollte sie binnen wenigen Minuten am Altar des Herrn dem geliebten Mann für ewig Liebe und Treue schwören.
Durch die offenen Fenster lugte neugierig der helle Sonnenschein, das leise Rauschen der Bäume und der fröhliche Vogelgesang drangen herein, gerade so, wie sie es Weihnachten im Schlitten geträumt hatte. Und jetzt erscholl die Orgel, und die Kinderstimmen setzten ein.
Ilse schmiegte sich dichter an Leo, und mit gesenkten Augen schritt sie neben ihm dem Altar zu, der mit Pflanzen und Blumen festlich geschmückt war. Da standen die Eltern, die Freunde und Verwandten. Orlas schönes Antlitz lachte ihr entgegen, Andres neigte grüßend das Haupt, und Nellie, die liebe, einzige, blickte wie verklärt zu ihr herüber. Der Papa streckte ihr gerührt seine Hand entgegen, und Frau Anne lächelte ihr unter Tränen zu. So viel Liebe, so viel Freundschaft sah sie in allen Augen leuchten, daß sie in überwallender Seligkeit zu dem Manne aufsah, welchem sie nun angehörte für alle Zeit.
Die Orgel und der Gesang verstummten. „Die Liebe höret nimmer auf,“ so begann der alte würdige Pastor seine Rede. Er hatte Ilse getauft und konfirmiert, nun stand sie als junge Frau vor ihm, und er sollte ihr seinen Segen geben. Das lebhafteste Interesse, die herrlichste Freundschaft, gaben ihm warme, tief empfundene Worte ein,[pg 262]seine Rede war poetisch durchflochten mit den anmutigsten Wendungen.
Herr Macket mußte sich einige Male verstohlen über die Augen fahren; Frau Anne hatte ihre Hand in die seine gelegt, auch sie war tief bewegt. Die Sturm- und Drangperiode des jungen Paares zog noch einmal an ihrem Geiste vorüber, und erleichtert holte sie Atem, daß sie glücklich überwunden war und die beiden zusammen dort am Altar standen. Eben fiel ein breiter Sonnenstrahl schräg durch das Fenster über die einfach weiß getünchte Wand, gerade auf das frische Myrtengrün in Ilses lockigem Haar und beleuchtete den weißen Schleier, der lang bis auf die kostbare Atlasschleppe herabfiel, daß er wie aus Duft gewoben erschien. Wie liebreizend sah die junge Braut aus! Voll Stolz und Glück blickte Frau Anne auf das schöne Paar, und der Gedanke, daß heute die geliebte Tochter für immer aus dem Elternhaus schied, war der einzige Wermutstropfen in dem Kelch der Freude. –
In lustigster Stimmung, scherzend und lachend saßen die Hochzeitsgäste noch an der geschmückten Tafel, als Ilse sich bereits fortgeschlichen hatte, um das Brautgewand mit dem Reisekleid zu vertauschen. Sie stand in ihrem Mädchenstübchen am offenen Fenster, und ihre Blicke schweiften über den blühenden Garten, die grünen Felder und den noch frühlingsfrischen Wald, bis zu den fernen Hügeln, welche die scheidende Sonne vergoldete. Die abendliche Stille in der Natur nach den vielen Aufregungen des Tages tat ihr so wohl! Sie lehnte sich weit hinaus und sog in vollen Zügen die erquickende Luft ein.
Das unbeschreibliche Gefühl der Seligkeit, des höchsten Glückes, welches ihr den heutigen Tag zu dem schönsten ihres Lebens machte, mußte jetzt vor dem Gedanken an den Abschied zurückweichen. Sie wußte ja, wie schwer dem Papa die Trennung falle, wie sich Frau Anne nach ihr[pg 263]sehnen würde. Mehrmals mußte sie das Tuch an die Augen führen, um die hervorquellenden Tränen zu trocknen. Aber Leo sollte sie so nicht sehen, sie war ja glücklich und folgte ihm gern. Das ernste, heilige Gefühl, daß sie nun sein Weib sei, und, wie der gute alte Pastor gesagt hatte, „nur der Tod sie schiede“, durchschauerte sie, die edelsten, besten Vorsätze und Empfindungen gab ihr diese stille Stunde ein.
Zwei Arme umschlangen sie plötzlich, und sich umwendend sah sie in das Antlitz ihres Mannes. Er hob ihr Kinn in die Höhe, und als er Tränen in ihren Augen schimmern sah, zog er sie fester an sich und strich ihr liebkosend über Haar und Wangen. Er war selbst so bewegt, daß er nicht sprechen konnte, aber die innige Umarmung, in der er sein junges Weib festhielt, sagte ihr mehr als Worte es vermocht hätten.
„Wir müssen fort mein Lieb,“ brach Leo endlich das Schweigen, denn der Wagen war vorgefahren und die Braunen stampften ungeduldig die Erde. Jetzt drang auch Gläserklingen und Stimmengewirr zu ihnen herauf, und die Musik fiel mit einem lauten Tusch ein. Gewiß feierte man nochmals das junge Paar und trank auf sein Wohl.
Frau Anne kam leise herein und brachte Ilses Hut und Staubmantel.
„Es ist alles fertig,“ sagte sie, „ihr müßt fort Kinder. Ich will es dem Papa sagen, nicht wahr?“
Sie sprach anscheinend ruhig, aber ein leises Zittern in ihrer Stimme verriet doch ihre innere Erregung. Sie wollte hinausgehen, doch Ilse, hielt sie zurück und umschlang ihren Hals.
„Liebe, einzige Mama, habe für alles, alles Dank, und wenn ich dich oft kränkte, verzeihe mir.“
„Aber liebes Kind,“ fiel Frau Anne ein, „alles ist vergessen, wir haben dich ja so lieb, du bist unsre gute Tochter. Nun darfst du dich aber nicht aufregen, du mußt verständig[pg 264]sein, denn der Papa darf dich nicht so sehen, nicht wahr, liebes Herz?“
„Komm Schatz, komm,“ drängte Leo, den ein verständnisvoller Blick von Frau Anne dazu trieb, den Abschied möglichst zu verkürzen. Sie ließ die beiden allein und ging in den Saal zurück, wo sie ihrem Mann verstohlen zuflüsterte, daß der Wagen vor der Türe stehe. Das heitere Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er stand sofort auf.
Das Köpfchen seiner Ilse mit dem grauen Reisehut nickte ihm schon aus dem Wagenfenster zu, als er aus der Haustüre trat. Er stieg zu ihr ein und hielt sein Kind lange in den Armen. Dabei preßte er ihren Kopf fest an sein Herz, denn sie sollte die Tränen nicht sehen, die ihm über die Wangen rollten. Krischan, der in seiner neuen Livree steif und gerade auf dem Bock saß, sah mit ungeduldigen Blicken bald auf die Uhr, bald von seinem hohen Sitz herab auf den Wagenschlag, und schließlich wandte er sich an Frau Macket mit den Worten:
„Nu is es aber die höchste Zeit, sonst verfehlt das Freilein und der junge Herr am Ende den Zug.“
Er konnte sich noch nicht entschließen, von der „Frau Assessor“ zu sprechen, für ihn war Ilse noch das „Freilein“.
Frau Macket zupfte ihren Mann am Ärmel. „Sie müssen fort, lieber Richard,“ sagte sie leise.
Er stieg aus, die Türe flog zu, die Pferde zogen an, und der Wagen rollte auf der Dorfstraße dahin, eine Staubwolke aufwirbelnd. Herr und Frau Macket waren aus der Pforte getreten und sahen ihm nach. Jetzt flatterte Ilses Taschentuch als Abschiedsgruß noch einmal aus dem Fenster, dann bog der Wagen um die Ecke und war den Blicken entschwunden.
„Komm, lieber Mann, wir wollen wieder hineingehen,“ sagte Frau Anne.
„Nun ist sie fort,“ sprach er halblaut, wie im Traume.
„Sie ist glücklich,“ gab Frau Anne zur Antwort.
„Ja, sie ist glücklich,“ wiederholte er leise und ein heller Freudenschein überflog sein von der Trennung schmerzlich bewegtes Antlitz. Arm in Arm gingen die beiden in das Haus zu ihren Gästen zurück.
Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem Titel „Aus Trotzkopfs Ehe“ in gleichen Verlag erschienen ist.