Chapter 7

„Wir haben es hier nämlich sehr bequem,“ fuhr Doktor Althoff fort, „wir brauchen nur diese kleine Treppe hinunterzugehen und können uns unten an einem herrlichen Frühschoppen laben.“Der Pastor stand noch immer unschlüssig da.„Ja, aber meine Frau,“ warf er ein, „sie weiß dann nicht, wo ich geblieben bin, und darum möchte ich es lieber nicht tun.“„Ich schicke einen Kellner mit einem Zettel nach dem Laden, wo die Damen sicher noch sind,“ beschwichtigte ihn Althoff, „kommen Sie nur. Es gibt hier ein famoses Spatenbräu.“[pg 98]„So?“ sagte der Pastor und zeigte sich bei dieser verlockenden Aussicht schon geneigter, mitzugehen; „ach ja, gutes Bier habe ich lange nicht getrunken. Wir trinken abends stets Tee.“Dabei fiel ihm seine Frau wieder ein, und er war wieder voll Zweifel, ob er mitgehen sollte.„Wenn es meiner Frau nur recht ist,“ sagte er unentschlossen.„Ihre Frau Gemahlin wird sich freuen, daß ich Sie zu einem Glas Bier überredet habe.“„Nun ja denn, vielleicht freut sie sich,“ sagte er schließlich, obgleich er innerlich vom Gegenteil überzeugt war. Aber der Wunsch, mal wieder eine gemütliche Kneipstunde zu verleben, kam seiner Phantasie zu Hilfe, und er sagte nochmals, um seine Zweifel zu verscheuchen: „Vielleicht freut sie sich.“ Und doch folgte er dem Doktor die schmale Treppe mit dem Gefühl hinunter, als ob er auf verbotenen Wegen wandle. –Rosi hatte nach langem Wählen ihren Einkauf beendet und war sehr vergnügt darüber, denn sie hatte gefunden, was sie suchte, nämlich ein Paar angefangene Morgenschuhe und einen geschnitzten Pfeifenständer, der noch mit einer gestickten Borte verziert werden sollte. Sie fand die Morgenschuhe besonders schön und konnte nicht begreifen, daß Nellie und Ilse ihr rieten, doch ein andres Muster zu wählen. Ihr gefielen diese roten Rosen, welche sie mit schwarzer Wolle ausfüllen wollte, ganz besonders gut. Als sie aus dem Laden auf die Straße traten, sah sich Rosi suchend um.„Wo sind denn die Herren geblieben? Ich sehe sie ja garnicht.“„Vielleicht ist dein Mann auch in eine Laden und kauft schöne Weihnachtsdinge für dir,“ meinte Nellie, „wir wollen die Straße hinuntergehen und in die Ladens schauen.“Sie gingen weiter; aber die beiden Herren waren nirgends zu entdecken.[pg 99]„Ich begreife das nicht,“ sagte Rosi kopfschüttelnd, „Adolf wollte doch bestimmt auf mich warten.“„Dein Mann wird sich ja auch schon finden,“ meinte Ilse, welche sich über Rosi ärgerte, da diese ihre gute Laune durch den kleinen Zwischenfall schon wieder ganz eingebüßt hatte.Rosi überhörte diese Worte, denn ihre Aufmerksamkeit wurde durch etwas andres in Anspruch genommen. Sie sah erwartungsvoll auf Nellie, der soeben von einem Jungen ein Zettel übergeben worden war, welchen sie eifrig las.„O, das ist fein,“ rief sie und reichte Rosi den Zettel. „Unsre Männer sind im Rathauskeller und Alfred schreibt, wir möchten sie dort abholen.“„Was,“ brauste Rosi auf und knitterte den Zettel zusammen, „Adolf sitzt im Wirtshaus, heute am Sonntagmorgen!“Weiter sagte sie nichts, wurde aber blutrot und ging mit schnellen Schritten vorwärts. Nellie und Ilse wechselten einige verständnisvolle Blicke, und aus Nellies Schelmenaugen leuchtete etwas wie heimliche Schadenfreude über die angeführte Rosi.„Hast du noch etwas zu besorgen, Rosi?“ fragte sie die aufgeregte Pastorin, „sonst können wir gleich nach das Rathaus gehen.“„Ich begreife dich nicht, Nellie,“ gab Rosi unwillig zur Antwort. „Wir sind doch keine Studenten, daß wir in die Kneipe gehen können. Willst du deinen Mann abholen, dann tue es; bitte, entschuldige aber, wenn ich nach Hause gehe.“„O, wir lassen dir nicht allein gehen, Rosi, natürlich gehen wir mit,“ entgegnete Nellie.Eine rechte Unterhaltung kam zwischen den dreien nicht wieder zustande. Nellie und Ilse machten einige schwache Versuche, mit Rosi ein Gespräch anzufangen, aber sie antwortete kurz und einsilbig.[pg 100]„Ich kenne unsre ‚artige Rosi‘ ja gar nicht wieder,“ flüsterte Ilse der Freundin zu.„O, ich erstaune mich auch über ihr,“ gab diese ebenso leise zur Antwort, „was hat sie, daß sie ihr Mann nicht in der Kneip läßt? Sie ist eine Tyrann!“Auf dem Nachhauseweg verbarg Rosi ihre Verstimmtheit hinter einer ungemütlichen Schweigsamkeit, aber man sah ihr an, wie es in ihr kochte und wie sie sich nur mühsam bezwang, ruhig zu erscheinen.Desto gemütlicher war die Stimmung in dem Ratskeller, wo die beiden Herren in dichte Rauchwolken gehüllt in einer behaglichen Ecke saßen. Dem Pastor mundete das Bier nach langer Entbehrung herrlich, er war in eine redselige Laune gekommen und plauderte von alten Zeiten, als er noch ein fröhlicher Studiosus war.„Tempi passati!“ sagte er mit einem leisen Seufzer. „Aber hier ist es auch gemütlich,“ fuhr er dann fort, indem er sich noch fester in seine Sofaecke zurücklehnte und in Erinnerungen versunken dem blauen Dampf seiner Zigarre zusah, wie dieser in die Höhe stieg und langsam zerrann.„Nicht wahr, das Bier schmeckt Ihnen?“ fragte Althoff.„O, das ist famos! Seit meiner Studienzeit habe ich es nicht so gut getrunken.“Und er liebäugelte mit dem frisch gefüllten Glase, das vor ihm stand, und aus dem er dann einen tiefen Trunk tat. –Der Doktor hatte öfter nach der Türe gesehen, da er noch immer hoffte, Nellie würde die Pastorin überredet haben, sie abzuholen.„Ich dachte, Ihre Frau würde sich noch haben bewegen lassen, hierherzukommen,“ sagte er zum Pastor und fügte erklärend hinzu, als er dessen erstaunt fragende Augen auf sich gerichtet sah: „Ich hatte meiner Frau nämlich geschrieben, daß wir die Damen hier erwarteten.“[pg 101]„So, so, das hatten Sie geschrieben? Werter Herr Doktor, meine Frau geht in kein Wirtshaus, sie sagte es ja noch heute morgen.“„Das war doch nur Scherz,“ fiel Althoff ein.„Nein, ach nein, in solchen Dingen scherzt meine Frau nicht.“Ein bedauernder Zug glitt bei diesen Worten über die Züge des Pastors, von denen jetzt die ruhige Behaglichkeit verschwunden war. Der Gedanke an seine Frau machte ihn unruhig, er sah nach der Uhr und meinte, es wäre die höchste Zeit, daß sie gingen; energisch trieb er jetzt zum Aufbruch, an den er noch eben zuvor nicht gedacht hatte.„Ich möchte doch meine Frau nicht warten lassen,“ sagte er, indem er sich seinen Überzieher anzog. Unterwegs schwärmte er noch immer von dem schönen Frühschoppen und erklärte scherzend, daß er bald mal wieder kommen würde, allein schon des guten Bieres wegen.Als sie am Althoffschen Hause angelangt waren, überlegte er im stillen, wie er Rosi am besten beschwichtigen könnte und was er zu ihren Vorwürfen sagen wollte. Er stieg zögernd die Treppe hinauf und dachte: „Wie wird sie mich wohl empfangen?“ Aber Rosi empfing ihn besser, als er erwartete. Nellie und Ilse hatten es fertig gebracht, sie zu besänftigen, ihnen verdankte es der Pastor, daß er von seiner Frau zwar förmlich und gemessen, aber wenigstens ohne die erwartete Gardinenpredigt begrüßt wurde. Mit keinem Worte erwähnte sie, wo er gewesen war, und als Nellies Mann lebhaft bedauerte, daß die Damen nicht nachgekommen wären, schwieg sie auch. Der Pastor atmete erleichtert auf und setzte sich in bester Stimmung mit den übrigen zu Tische. Es schien, als erwarteten ihn heute lauter Genüsse. Doktor Althoff hatte einen feinen alten Wein aus dem Keller geholt und forderte lebhaft zum Trinken auf.„Frau Pastor,“ sagte er zu Rosi, „Sie müssen aber[pg 102]besser trinken. Sie sind ja wahrhaftig noch beim ersten Glase. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrem Gatten, dessen Trunkfestigkeit ich heute morgen bewundert habe. Und zu spaßhaft ist es, daß er noch obendrein behauptet, er könne jetzt nichts mehr vertragen, als Student hätte er – nun, ich gebrauche die Worte Ihres Gatten – einen ganz anderen Stiefel vertragen können.“Der Pastor rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und sah seine Frau, die nicht von ihrem Teller aufblickte und kein Wort erwiderte, scheu von der Seite an. Warum schwieg sie heute nur so beharrlich? Es wurde ihm nachgerade unheimlich, da es doch sonst ihre Art nicht war. Wenn nur der Doktor auf ein andres Thema kommen wollte, aber immer wieder fing er an, alle möglichen Studentenfahrten zu erzählen, die der Pastor ihm diesen Morgen in fröhlicher Kneiplaune zum besten gegeben hatte. Die bedeutungsvollen Blicke, die er ihm zuwarf, schien er nicht zu verstehen, ja als er ihn mit dem Fuße anstieß, zog er den seinigen schnell fort, als wäre er aus Versehen dagegen gestoßen. Nellie und Ilse unterhielten sich köstlich und hörten aufmerksam zu, aber seine Frau verzog keine Miene.„Wenn sie nur einmal ein Wort sagte,“ dachte er, ihre Ruhe kam ihm zu unnatürlich vor. Bis jetzt wußte sie noch nichts von allen seinen lustigen Streichen. Er hatte sie ihr wohlweislich verschwiegen, denn ihr pedantischer Sinn würde dieselben doch nicht begriffen haben. Und doch, wie schön war seine lustige Studentenzeit gewesen, wie übermütig hatte er damals sein können. Aber das war schon lange, lange her!Zum zweitenmal heute wurden diese Erinnerungen lebhaft in ihm wachgerufen. Von seinen Jugendlieben hatte er dem Doktor leichtsinnigerweise auch erzählt; wenn er wenigstens davon schwieg, aber in demselben Augenblick schlug auch schon das Wort „Flammen“ an sein Ohr, und mit ahnungsloser Breite erzählte Althoff, wieviel reizenden Mädchen jener[pg 103]nachgelaufen wäre. Der Pastor senkte bei diesen Erzählungen die Augen wie ein junges Mädchen, denn er fühlte, daß jetzt Rosis Blick strafend auf ihm ruhte. Verlegen griff er immer wieder zu seinem Weinglas und stürzte einige Gläser voller Hast hinunter. Er suchte nach einem Ausweg, dem Gespräch eine andre Wendung zu geben. Ängstlich sann er darüber nach, stand dann plötzlich auf und schlug mit dem Messer an sein Glas. Als Rosi ihres Mannes gerötete Wangen und glänzende Augen sah, sprang sie auf und ging zu ihm.„Bitte, lieber Adolf, setze dich wieder,“ sagte sie anscheinend sanft und legte die Hand auf seine Schulter. Da drehte er sich herum und wollte den Arm um sie schlingen, aber unwillig wich sie zurück.„Ich wollte mich nur bei unsern liebenswürdigen Wirten für die freundliche Aufnahme bedanken, Röschen,“ sagte er lächelnd. „Für die wirklich reizende Aufnahme, die wir hier gefunden haben.“ Ohne sich von Rosis strengem Gesicht beirren zu lassen, fuhr er zu dem jungen Ehepaar gewendet fort: „Sie müssen uns auch recht bald besuchen, und dann kommen wir auch wieder zu Ihnen, denn es ist zu schön hier. Der Wein ist köstlich, das Essen schmeckt so gut und Sie, lieber werter Herr Doktor, sind ein so prächtiger Mann,“ hier erhob er seine Stimme, „und die Frau Doktor ist eine kleine famose Frau. Ach, so etwas haben wir nicht auf unsrem einsamen Lande. – Röschen, laß mich doch,“ wehrte er seine Frau ab, die sich ihm wieder genähert hatte und ihn zum Schweigen bringen wollte, „ich muß doch den guten braven Leuten danken! Komm Schatz, gib mir einen Kuß.“Er breitete die Arme aus und wollte sie küssen, aber nun riß Rosis Geduld, sie stieß ihn unsanft zurück und lief zum Zimmer hinaus.Der Pastor bemerkte kaum den Unwillen seiner Frau.[pg 104]„Herr Doktor, die lustige Studienzeit soll leben!“ rief er, indem er Althoff sein Glas entgegenhielt, und in seliger Stimmung begann er das alte Burschenlied zu singen:„Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus.“„O, wie dumm von sie,“ sagte Nellie halblaut, stand auf und ging Rosi nach. Sie fand sie im andern Zimmer, aufgelöst in Tränen.„Was hast du?“ fragte Nellie, „warum weinst du?“„Du fragst auch noch,“ schluchzte die Pastorin, „und weißt recht gut, warum ich weinen muß? Meinst du, es ist mir angenehm, daß sich mein Mann so beträgt?“„O,“ gab ihr Nellie entschieden zur Antwort, „dein Mann hat ein gut Betragen. Was macht es, er hat ein klein Schwips und ist lustig, das schadet doch nix?“„Wenn seine Amtsbrüder das sähen, er müßte sich ja zu Tode schämen!“„Laß doch die dumme Amtsbrüder, sie wissen ja nichts davon. Komm Rosi, geh wieder hinein und tue, als wäre nichts geschehen. Es ist gewiß das klügste, was du tun kannst.“Sie faßte die Weinende unter den Arm und wollte sie fortziehen, aber Rosi entwand sich ihr schnell und sagte beleidigt:„Du denkst über solche Sachen eben anders, als ich, liebe Nellie; ich kann mich aber nicht so leicht darüber hinwegsetzen. Ich gehe nicht mit! Bitte, schicke das Mädchen nach unsrem Wagen, daß er sofort kommt; ich will nach Hause fahren.“„O nein, du mußt noch bleiben,“ rief Nellie.„Nein, auf keinen Fall,“ entschied Rosi kategorisch und achselzuckend schwieg Nellie. Sie ärgerte sich über Rosis Halsstarrigkeit und merkte, daß ihre Bitten nichts ausrichten würden. Im stillen glaubte sie auch, daß nach diesem Auftritt keine rechte Stimmung wieder aufkommen würde, und[pg 105]deshalb gab sie dem Mädchen den Auftrag, den Wagen zu bestellen, ohne Rosi noch weiter zum Bleiben zu nötigen.„Es tut mir leid, daß du fort willst,“ sagte sie zu ihr, die mit dem Taschentuche ihre geröteten Augen trocknete.„Ja, mir auch, Nellie, aber glaube mir, es ist das beste, wenn wir fahren; habe vielen Dank für deinen freundlichen Empfang. Und nun komm, ich will meinem Mann sagen, daß der Wagen gleich da sein wird.“Den Pastor schien das Verschwinden seiner Frau nicht tief berührt zu haben. Er unterhielt sich lebhaft mit Althoff und hatte mit Ilse wiederholt auf das Wohl ihres Bräutigams angestoßen, was ihr jedesmal eine tiefe Röte in die Wangen trieb.Rosi beherrschte sich und zeigte ein anscheinend ruhiges Gesicht, als sie ins Zimmer trat. Sie trug ihren Hut in der Hand und ihren Mantel über dem Arm und legte beides auf einen Stuhl.„Lieber Adolf,“ sagte sie, zu ihrem Manne tretend, „willst du dich zurecht machen, ich habe den Wagen bestellt und er wird sogleich vorfahren.“„Was, Röschen, geliebtes Weibchen, du willst schon fort?“ fragte er.„Ich bitte dich, Adolf, komm, es ist die höchste Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.“Krampfhaft nahm sie sich zusammen, und unheimlich sanft klang ihre Stimme.Aber Adolf hatte noch keine Lust zum Gehen. So heiter und fidel war er seit Jahren nicht gewesen. Lustig sang er:„Nach Hause gehn wir nicht,Nach Hause gehn wir nicht,Nach Hause gehn wir lange nicht – –“„Aber Adolf, Adolf, ich begreife dich nicht,“ unterbrach ihn Rosi, „so komm doch nur, ich will fort!“[pg 106]„Bleiben Sie doch noch, Frau Pastorin,“ bat Althoff jetzt, aber ein verständnisvoller Blick seiner Frau bedeutete ihn, daß er seine Bitte nicht wiederholen solle. Rosi antwortete auch gar nicht darauf; voller Verzweiflung zupfte sie ihren Mann verstohlen am Ärmel und trieb fortwährend zum Aufbruch.Aber alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen, prallten an ihm ab.„Nein, ich bleibe hier, du kannst allein fahren,“ erklärte er mit einer geradezu hartnäckigen Entschiedenheit und blieb sitzen. Rosi war außer sich und kämpfte von neuem mit den Tränen.Der gutherzigen Nellie tat sie nun doch leid, sie schlang ihren Arm um sie und führte sie fort.„Zieh dich deine Sachen an, dein Mann kommt dann schon,“ sagte sie und gab ihr den Mantel.„Das kommt von dem Wirtshausgehen,“ fuhr die empörte Pastorin heraus, mit einer Miene, als hätte sie in dieser Beziehung schon die trübsten Erfahrungen in ihrer jungen Ehe gemacht.Nellie lächelte, aber sagte nichts. Rosi war zu aufgeregt, in ihren Ansichten zu erhaben und halsstarrig, als daß sie ihr eine andre Meinung hätte beibringen können.Ilse meldete jetzt, daß der Wagen vorgefahren sei. Von neuem ging Rosi zu ihrem Manne.„So, ich bin fertig, willst du nun kommen?“Er rührte sich nicht vom Platze.„Aber Adolf,“ drängte sie wieder mit weinerlicher Stimme.Lachend sah er sie an. Als er aber ihre heißen roten Wangen und ihre zornig funkelnden Augen bemerkte, erhob er sich endlich.„Ich bliebe so gern noch bei den guten Leuten, es ist so reizend hier; warum müssen wir denn schon fort, Röschen? Was hast du denn für Eile?“[pg 107]Unter solchen Beteuerungen und Fragen, die er fortwährend wiederholte, machte er sich zum Aufbruch bereit. Rosi verfolgte seine Bewegungen mit angstvollem Gesicht, es kam ihr vor, als ginge er unsicher die Treppe hinunter, als wäre sein Gang schwankend! Es war zu schrecklich, wie konnte er sich so weit vergessen! Sie war froh, daß es schon fast dunkel draußen war, da sah ihn wenigstens niemand.„Röschen,“ sagte der Pastor unten zu ihr, „sage dem Kutscher, daß der Wagen aufgemacht wird, ich möchte beim Fahren in die Sterne sehen.“Sie gab keine Antwort und riß die Wagentüre auf.„Sage dem Kutscher, daß er den Wagen aufmacht, Kind,“ wiederholte er.„Ich glaube, Herr Pastor,“ warf Althoff ein, „zum Fahren im offenen Wagen ist es heute abend zu kühl, Sie könnten sich erkälten.“„Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese Idee kommst, lieber Adolf,“ sagte Rosi unliebenswürdig, „wir sind doch nie im offenen Wagen gefahren. Aber bitte, nun beeile dich und steige ein, damit ich dir die Sachen zureichen kann.“ Sie drängte ihn zur Wagentüre. Er stieg aber nicht ein, sondern erklärte mit Bestimmtheit: „Der Wagen soll offen sein, sonst fahre ich nicht mit!“„Herr Pastor, Ihre Frau hat recht,“ legte sich nun Nellie ins Mittel, die bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht ein Ungewitter aufziehen sah, „es ist keine schöne Luft diese Abend, ein ander Mal können Sie der Sterne besehen.“Sie sprach das erlösende Wort, denn der Pastor bestand nicht länger auf seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und drückte ihr die Hand.„Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schön, zu schön,“ versicherte er voll Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff, als nähme er Abschied, mindestens um nach Amerika zu gehen; dann übermannte ihn die Rührung, er konnte[pg 108]nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang hinter ihm her, machte schnell die Türe zu, als hätte sie Angst, daß er wieder entschlüpfen könnte, und trieb den Kutscher zur Eile an. Sie sah noch flüchtig aus dem Fenster und nickte den draußen Stehenden zu, dann zog sie die verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerfälligen Gäule, durch einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam an, und die große Kutsche rumpelte von dannen.Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich Nellie und Ilse ungestüm ins Sofa und brachen in ein unbändiges Gelächter aus.„Ihr seid doch noch recht alberne Kinder,“ sagte Althoff kopfschüttelnd. Aber Nellie sprang auf, hing sich an seinen Hals und drehte ihn im Kreise herum.„Kein strenge Wort, Fred,“ rief sie lustig, „ich muß mir erst auslachen über den Pastoren-Ehepaar.“„Ich finde, daß es hier nichts zu lachen gibt, Nellie,“ sagte er ernst. „Diese Szene zwischen den beiden war sehr peinlich, und ich habe mich über Rosi geärgert. Ich kenne sie nicht wieder; aus dem fügsamen sanften Mädchen ist eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben schwer zu machen scheint.“„Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verändert hat,“ sagte Ilse. „Sie hat ihren Mann vollständig unter dem Pantoffel.“„O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch’ schlecht ergehen,“ rief Nellie. „Ich möcht nicht in seine Fell sitzen, wie viel artige Redens wird ihn Rosi halten. O, und er war so lustig, er tut mich leid!“„Rosi hat nicht nur töricht, sondern auch unrecht gehandelt; sie hätte mit Scherz über die Sache weggehen sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche Ungemütlichkeit hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es[pg 109]so weit gekommen. Sie hat sich lächerlich gemacht. Es ist durchaus unwürdig von einer Frau, wenn sie stets ihren Willen durchsetzen will.“Ilse war bei diesen Worten ihres früheren Lehrers nachdenklich geworden. Hatte sie bis jetzt auch stets ihren Willen durchsetzen wollen und dachte sie nicht, daß es in der Zukunft auch so sein müßte? Ja, Doktor Althoff hatte recht, es machte einen lächerlichen, unwürdigen Eindruck, wenn die Frau herrschte und der Mann sich fügte. Heute hatte sie sich davon überzeugen können. Ein Pantoffelheld, wie gräßlich, nein, den möchte sie nicht zum Manne haben. Und doch, wenn sich Leo jetzt und künftig immer ihrem Willen fügen sollte, würde er etwas anderes sein? Hätte sie nicht so gedacht, wäre es so weit gekommen? Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte nachgegeben? Vergab sie sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf, wenn sich Nellie den Wünschen ihres Mannes in bereitwilligster Weise fügte und war sie deshalb eine untergeordnete Natur ohne selbständigen Willen? Nein, durchaus nicht, Nellie war nur klug, sie verstand es, fügsam zu sein, und erreichte durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen Widerstand; das hatte Ilse schon oft bemerkt. – Ein Gefühl der Reue wallte plötzlich heiß in ihr auf, und sie gestand sich, daß alles anders wäre, wenn sie nur das eine Mal nachgegeben hätte.„Du bist ja so still geworden,“ sagte Nellie, „an was denkst du?“„Ach, an gar nichts,“ gab sie ausweichend zur Antwort.„Nellie,“ fragte sie dann nach einer Weile plötzlich, „nicht wahr, du magst es doch auch nicht leiden, wenn der Mann unter dem Pantoffel steht?“„O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich verachte ihn,“ rief die junge Frau. –Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft[pg 110]bei Leo, und die ganze Nacht träumte sie von ihm. Sie war mit ihm zusammen, er sah aber ganz anders aus, als sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der Unterwürfigkeit des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: „Ja, ganz wie du wünschest, mein Kind.“ Das fand sie schrecklich und wurde schließlich ärgerlich, bis er ihr sagte: „Du willst ja, daß ich mich dir in allem fügen soll. Nur weil ich es nicht tat, hast du mich doch verlassen.“ Sein blasses, demütiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung, und sie flehte ihn auf den Knien an, daß er doch wieder anders werden möchte, so wie er früher war; sie wollte sich auch ändern und sie könnten dann wieder so glücklich sein wie früher. Als sie hierauf sehnsüchtig die Arme nach ihm ausstreckte, um ihn an ihr Herz zu drücken, griff sie in die leere Luft, – das Traumbild war verschwunden. Da quälte sie die Reue und entlockte ihr heiße Tränen, und als sie endlich aufwachte, fühlte sie, daß sie wirklich geweint hatte, und der Traum zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt käme, ihn wohl mit offenen Armen empfangen würde? Ja, ach wie gern, antwortete ihr Herz. – „Aber er kommt ja nicht,“ dachte sie traurig, „denn er liebt mich nicht mehr. Und doch wollte ich anders werden, käme er mich zu holen, aber mich so weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das kann ich nicht, das darf er nicht von mir verlangen.“ –* * *Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner Braut.Wie Ilse hoffte, daß er ihr schreiben oder zu ihr kommen würde, so begrüßte auch er jeden neuen Tag in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihr zu erhalten und jeden Abend ging er enttäuscht zur Ruhe. Eine rastlose Unruhe ergriff ihn schließlich, er versuchte sich durch eine angestrengte[pg 111]Tätigkeit zu betäuben, aber es fehlte ihm die Lust am Arbeiten. Er suchte Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergnügen daran. Nichts half ihm, sein jetziges Leben erträglicher zu machen, die peinvollen Zweifel zu verscheuchen, die in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben? Diese Frage quälte ihn unzählige Male, und doch, – nein, nein, das war ja nicht möglich, so zuversichtlich kann man nicht auf einen Menschen bauen, um dann getäuscht zu werden. Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich, daß er nach diesem Fall eine Versöhnung zwischen ihnen herbeiführen könnte? Er hatte fest darauf gerechnet, daß sie einsehen würde, wie unrecht sie ihm getan habe, und daß sie umkehren würde auf dem gefährlichen Wege, den sie beschritten hatte. Sie unterwarf seine Liebe einer harten Prüfung. War sie derselben so sicher, oder war sie ihr gleichgültig?Sein verschlossenes, verändertes Wesen fiel seinen Eltern auf, doch ohne Arg, den wahren Grund nicht ahnend, schoben sie es auf sein angestrengtes Arbeiten, das er auf ihre besorgten Fragen vorschützte. Sie wären tief betrübt gewesen, hätten sie gewußt, was zwischen dem Brautpaar vorgefallen war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzählt, daß Ilse einige Zeit bei ihrer Freundin zubrachte und bei seinen seltenen Besuchen im Elternhause wußte er das Gespräch immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages erklärte er seinen Eltern, daß er sich einige Zeit Urlaub genommen habe, da er fühle, wie er der Erholung, der Auffrischung bedürfe. Deshalb habe er vor, für einige Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort seine Studien fortsetzen wolle.Herr und Frau Gontrau waren über den plötzlichen Entschluß wohl etwas verwundert, aber Herr Gontrau billigte ihn vollständig und fand es sehr lobenswert, daß er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise benützte. Frau Annes kluge und diplomatisch abgefaßte Briefe an Gontraus[pg 112]ließen keinen Argwohn in ihnen aufkommen. Sie bestellte ihnen Grüße von Ilse, entschuldigte ihr Schweigen auf die beste, glaubhafteste Art und vertröstete sie immer von neuem auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder durch alle möglichen Ausflüchte erklären mußte; Ilse hatte nämlich auf ihre Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel und oft nach ihr fragten, nicht einmal schreiben wolle, geantwortet, daß ihr dies unmöglich sei. Und Frau Anne dachte, es wäre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe, denn das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhältnissen haben würde, mußte die Eltern Leos, denen sie stets eine kindliche Liebe entgegen gebracht hatte, und die mit so großer Zärtlichkeit an der Schwiegertochter hingen, doch befremden.Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen Schwiegereltern verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war er nur selten bei ihnen gewesen. Zwischen seinem Schwiegervater und ihm war eine Spannung entstanden, denn Herr Macket konnte es ihm nicht verzeihen, daß er seinem Liebling nicht nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau Anne war es zwar gelungen, ihren Mann davon zu überzeugen, daß Leo über Ilsens kühnen Streich nicht mit Leichtigkeit hinweg gehen könnte, aber die Sehnsucht nach seinem Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrücken, wenn er schließlich auch einsah, daß derselbe ungerecht war.Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner Schwiegermutter über Ilse gesprochen, und auch sie erwähnte sie nicht. Frau Anne teilte Nellie mit, daß Leo nach Paris gereist wäre. „Was wird Ilse dazu sagen?“ schrieb sie. „Ich fürchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden sein. Ich aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung für Leo notwendig, denn er ist blaß und ernst geworden, und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der Kummer auf[pg 113]ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Ich hege die besten Hoffnungen für Ilses Bekehrung, aber manchmal zage ich doch, und dann denke ich voll Angst und Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht bricht, was wird dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das weiß ich, denn an einem einmal gefaßten Entschluß hält er mit eiserner Beharrlichkeit fest. Sollen die beiden jungen Menschen eines unglückseligen Mißverständnisses wegen für ihr ganzes Leben unglücklich werden? Es wäre schrecklich, und diese Strafe zu hart für Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau Doktor, baue ich am meisten und ich glaube, daß es Ihnen am besten gelingen wird, unser Kind auf den richtigen Weg zurückzuführen. Sie haben einen großen Einfluß auf Ilse, welche Sie schwärmerisch liebt, und darum hoffe ich innig, daß Sie es vermögen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide sehr unter den jetzigen Verhältnissen und mag das meinem Manne nicht zeigen, dem die Trennung von Ilse ohnedies so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen, kleine Frau, und schütte mein Herz aus und hole mir Trost bei Ihnen! Der Himmel gebe, daß sich noch alles zum Besten wende!Ihre mütterliche FreundinAnne Macket.“Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb Frau Anne umgehend wieder, und in ihrer drolligen gemütvollen Weise schilderte sie ihr die Beobachtungen, welche sie bei Ilse anstellte.„Es geht schon besser mit sie,“ hieß es in dem Briefe, „sie versinkt in eine tiefe Nachdenken und tut Fragen an mir, bei denen ich in ihr Inneres schaue. O, zagen Sie nicht, Ilschen liebt ihren Bräutigam noch, und wenn man sie in Ruhe läßt, wird sie eines Tages eine Einsicht haben und seine Verzeihung erbitten. Von der Reise nach[pg 114]Paris sage ich ihr nix, denn ich glaube auch nicht, daß sie dieser Reise gern sieht!“ – –* * *Bei Flora war große Gesellschaft! Die Gäste waren schon zum Teil versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten. Sie wurden von Flora stürmisch begrüßt, und dann stellte sie Ilse vor, deren neue Erscheinung mit Neugierde gemustert wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem hartblauem Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor der Brust, die ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft hervorhoben, näherte sich Ilse sofort und überhäufte sie mit einer Menge Fragen, so daß das junge Mädchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande war, sie alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine Lust dazu, denn die Neugierde dieser Dame war ihr zu unangenehm, und sie wunderte sich, daß Nellie, welche daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswürdigsten Weise die gewünschte Auskunft gab, und als sie von der Dame für einen der nächsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde, bereitwilligst zusagte.„Da gehe ich aber nicht mit,“ dachte Ilse. Zu Nellie sagte sie später leise: „Wer ist denn eigentlich diese schreckliche Frau, die alles wissen muß? Ich hätte ihr an deiner Stelle keine ihrer neugierigen Fragen beantwortet.“„O, wär ich ein dummes Ding,“ entgegnete Nellie mit schlauem Lächeln, „denn diese Dame ist die Frau vom Direktor, hat viel Einfluß auf ihr Mann, und wenn ich unfreundlich bin gegen ihr, muß arme Fred büßen. Ich mag ihr auch nicht, aber ich bin klug.“„In ihren Kaffee brauchen wir aber doch nicht zu gehen, nicht wahr?“„Natürlich,darling, da müssen mir hin und uns fein brav benehmen,“ neckte Nellie die Freundin.[pg 115]Ein junger Mann trat in diesem Augenblick zu den beiden und reichte Ilse den Arm, um sie zu Tisch zu führen. Es war der Assistent von Floras Mann, Doktor Andres, dessen liebenswürdiges Benehmen und kluges, vornehmes Gesicht Ilse schon vorhin bei der Vorstellung aufgefallen war.Im altdeutschen Eßzimmer stand die lange gedeckte Tafel, die Ilse schnellen Blickes überflog. Zwei Lampen, deren schwaches Licht durch rosa Lampenschirme noch mehr gedämpft wurde, standen zu beiden Enden des Tisches. In der Mitte prangte ein phantastisch aufgeputzter Tafelaufsatz, mit Blumen und Früchten in wirrem Durcheinander gefüllt, der sein Haupt bedenklich nach der einen Seite neigte. Das war Florchens Werk, man sah es auf den ersten Blick. Jeder fand auf seinem Platz einen von Flora verfaßten Vers, in einem Blumensträußchen versteckt. Mit strahlenden Augen erntete sie jedes Lob ein, das ihr über ihre dichterische Begabung gespendet wurde; freilich die spöttischen Mienen dabei bemerkte sie nicht. Ilses Verschen besang in überschwenglicher Weise die junge Braut. Sie las den Zettel und legte ihn dann errötend neben sich hin. Ihr gegenüber saß Flora mit dem jungen Referendar, den sie damals getroffen hatte, als sie ihren ersten Besuch bei Flora machte. Er hatte eben das zusammengefaltete Papier aus seinem Blumenversteck hervorgezogen und las mit lächelnder Miene den für ihn bestimmten Vers. Erwartungsvoll sah ihn Flora an und ließ sich dann mit vielem Behagen seine süßlichen Schmeicheleien gefallen. Das war ein Scherzen und Lachen, Flora schien während der ganzen Zeit bei Tische nur Auge und Ohr für ihren Nachbar zu haben. Wie unvorteilhaft sah die junge Frau heute wieder aus! Überladen mit Spitzen und Blumen war ihr Anzug. Unwillkürlich mußte Ilse an Floras griechische Haarfrisur denken, damals als sie in der Pension die erste Tanzstunde mit Herren[pg 116]hatten. Es war doch zu komisch gewesen, wie sie da alle vor der Tür standen und die mutwillige Grete dem klassisch frisierten Haupt einen Stoß gab, daß es gegen die Türe flog. Ein vergnügtes Lächeln huschte bei dieser Erinnerung über Ilsens Gesicht.„Sie scheinen an etwas sehr Angenehmes zu denken,“ unterbrach die Stimme des jungen Arztes ihre Gedanken, während er die jugendlich frische Mädchengestalt im einfachen weißen Kleide mit Wohlgefallen betrachtete.„Natürlich, Herr Doktor,“ rief Flora über den Tisch herüber, „Fräulein Ilse denkt an etwas sehr Schönes, an ihren Bräutigam nämlich.“ Und der Referendar hob sein Glas in die Höhe und hielt es ihr entgegen.„Der Glückliche soll leben,“ sagte er. Eine heiße Röte stieg in Ilses Wangen, zögernd nahm sie ihr Glas und stieß mit ihm an. Der helle Ton der beiden Gläser tönte wie ein schriller Mißklang in ihrem Ohre, und der Blick, den ihr der junge Mann dabei zugeworfen hatte, war so durchdringend, als suchte er in ihrer Seele zu lesen, was sie in diesem Augenblick bewegte. Verlegen schlug sie die Augen nieder, aber selbst durch die gesenkten Lider fühlte sie seine brennenden Blicke auf sich gerichtet.„Gnädiges Fräulein, darf auch ich mir erlauben, auf das Wohl Ihres Herrn Bräutigams anzustoßen?“Wie liebenswürdig klang diese Bitte ihres Nachbars! Ohne Scheu sah Ilse auf und blickte in ein Paar ruhige ernste Augen, denen sie nicht auszuweichen brauchte.„Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise und griff nach ihrem Glase.Doktor Andres glaubte ihr nichts lieberes erweisen zu können, als wenn er in dem Gesprächsthema fortfuhr; denn wovon konnte man eine Braut besser unterhalten, als von ihrem Bräutigam? Er fragte, wie lange Ilse schon verlobt wäre, wann sie heiraten würde und was ihr Verlobter[pg 117]wäre. Sie hätte ihm vielleicht unbefangener geantwortet, wenn sie die Augen ihres Gegenüber nicht unablässig auf sich ruhen gefühlt, wenn sie nicht empfunden hätte, mit welcher Aufmerksamkeit jedes ihrer Worte drüben belauscht wurde.„Ich habe unter meinen Studiengenossen einen sehr lieben Freund,“ sagte der Arzt zu Ilse, „der auch Jurist war und jetzt schon längere Zeit wohlbestallter Assessor ist. Vor ungefähr zwei Jahren bekam ich seine Verlobungsanzeige, und er kündigte mir dabei mit wenigen Zeilen einen ausführlichen Brief an, der bald eintreffen sollte, aber bis heute noch nicht erschienen ist. Die alten Beziehungen scheinen zu erkalten, wenn man verliebt und verlobt ist, wahrscheinlich nehmen die Liebesbriefe zu viel Zeit in Anspruch. Sie müssen das ja aus Erfahrung wissen, gnädiges Fräulein. Ich bin von Heidelberg, wo wir einige Semester zusammen studierten, nach Berlin gegangen und seit einem halben Jahre bin ich hier am Hospital Assistent des Doktor Gerber. – Mein Freund wird sich wundern, wenn ich nächstens von hier aus einen Angriff auf ihn ausüben werde, denn ich möchte gern mal wieder etwas von ihm hören. Vielleicht ist er schon in den Hafen der Ehe eingelaufen und ein biederer, solider Ehemann geworden. Ich kann ihn mir als solchen nicht vorstellen, er war ein urfideles Haus, ein famoser Korpsbruder, der gute Gontrau.“Es war ein Glück, daß er sich eben jetzt zur Seite wandte, weil ihm seine Nachbarin eine Schüssel reichte, und daß er deshalb nicht bemerken konnte, wie Ilse bei der Nennung dieses Namens zusammenfuhr und blaß wurde. Und wieder begegnete sie den forschenden Blicken des Referendars, der wie auf der Lauer zu sitzen schien und dem, trotz der lebhaften Unterhaltung mit Flora, nichts von dem Gespräch des ihm gegenübersitzenden Paares entging. Ilses Zusammenschrecken bei dem bewußten Namen interes[pg 118]sierte ihn augenscheinlich aufs höchste. Was für eine Bewandtnis mochte es damit haben? Plötzlich überflog ein triumphierendes Lächeln seine Züge, er beugte sich zu Flora hinüber und fragte sie, wie der Bräutigam von Fräulein Macket hieße. Trotzdem er leise gesprochen hatte, hörte Ilse doch seine Frage, und voller Angst, daß ihr Nachbar Floras Antwort vernehmen könnte, richtete sie schnell einige gleichgültige Worte an ihn. Erleichtert atmete sie auf, als gleich darauf die Tafel aufgehoben wurde und der junge Doktor sie in das andre Zimmer führte. Sie hätte so gerne Nellie gesprochen, aber die Freundin hatte ihr mit einem innigen Händedruck freundlichst zugenickt und saß jetzt neben einer alten Dame, mit der sie sich eifrig unterhielt. So mußte sie sich denn bis später gedulden und kam der Aufforderung eines jungen Mädchens, neben ihr Platz zu nehmen, gerne nach. Die Herren hatten sich zum Teil in das Rauchzimmer zurückgezogen, und Flora hüpfte von einem zum andern. Sie wollte durchaus die liebenswürdige Wirtin spielen, was ihr aber schlecht gelang, denn durch ihr fahriges Wesen versetzte sie ihre Gäste mit in Unruhe.„Sie müssen uns etwas vorsingen,“ wandte sie sich jetzt an das junge Mädchen neben Ilse, die jedoch gegen diese Zumutung eifrig Einsprache erhob, da sie ganz heiser wäre und so lange nicht gesungen hätte. Mit diesen üblichen Ausreden suchte sie sich frei zu machen, aber Flora ließ nicht locker.„Sie müssen, Liebste,“ entschied sie schließlich kurzweg und ging in ein kleines Nebengemach, wo ein Klavier stand, das sie öffnete. Nachdem sie noch die Lichter angezündet und aus einem Schrank einen Stoß Noten hervorgeholt hatte, den sie auf das Instrument warf, kam sie zurück und zog die junge Dame, die ihr wie ein Opferlamm folgte, mit sich fort. Eine geraume Zeit stöberten die beiden in den ungeordneten Noten herum, und als sie endlich etwas[pg 119]Passendes gefunden hatten, ertönte ein lauter Akkord, der energisch um Ruhe zu bitten schien. Die Unterhaltung im Damenzimmer verstummte denn auch sofort, und die Herren in Doktor Gerbers Zimmer dämpften ihre Stimmen. Einen Genuß konnte man die nun folgende musikalische Aufführung nicht nennen, denn die gänzlich ungeschulte Stimme war nur dünn und klein, und der ebenso mangelhafte Vortrag konnte dafür nicht entschädigen. Man brauchte ja nur das junge Mädchen mit der schlechten Haltung und der eingefallenen Brust anzusehen, aus der unmöglich ein freier Ton hervorquellen konnte. Die Damen hatten ihre Plätze verlassen und sich in dem Musikzimmer im Halbkreis dicht hinter der Sängerin gruppiert, was dieselbe vollends befangen machte und aus der Fassung brachte. Sie kam denn auch mehrere Male aus dem Takt, und es erklangen infolgedessen solche Disharmonien, daß einige der Zuhörerinnen das Taschentuch vor den Mund nahmen, um ihre Heiterkeit zu verbergen. Ilse fand den Gesang abscheulich, und da sie sich dabei langweilte, schlich sie sich leise von der offenen Türe, in welcher sie gestanden hatte, fort und trat an ein kleines Tischchen, das neben dem Blumentisch stand und mit Büchern und Bildern bedeckt war. Dorthin setzte sie sich und blätterte mechanisch in den Büchern.Es war ihr sehr erwünscht, jetzt nicht sprechen zu müssen, denn der Gedanke, daß der junge Mediziner ein Freund Leos war, beschäftigte sie unaufhörlich. Sie entsann sich jetzt auch, von Leo den Namen Andres öfter gehört zu haben. Gerne hätte sie sich bei Tisch noch von ihm erzählen lassen, ihn nach manchem gefragt, aber der scharfe Beobachter gegenüber lähmte ihre Zunge. Der Gesang hatte jetzt auch teilweise die Herren herangelockt, nur Floras Mann ließ sich in seinem lebhaften Gespräch mit einem Kollegen nicht stören, und er mußte es sich daher gefallen lassen, daß seine Frau ihn zur Ruhe verwies.[pg 120]„Dieses ewige Fachsimpeln von dir ist schrecklich,“ sagte sie halblaut und scheinbar im Scherz. „Du solltest doch auch für höhere Genüsse zugänglich sein, lieber Ernst.“„Du weißt, Kind,“ antwortete er freundlich, „ich bin nun einmal ein Musikbarbar. Weil ich absolut nichts davon verstehe, habe ich auch kein Interesse dafür.“„Ja, leider,“ sagte Flora, ihm verdrießlich den Rücken wendend, und ging wieder in das andre Zimmer.„Es ist traurig,“ sagte sie mit einem vielsagenden Blick zu Herrn Lüders, „wenn alle Poesie, alles Höhere in dem Materiellen und Nüchternen untergeht. Mein Mann hat für nichts weiter Sinn als für seine Kranken.“Der Referendar gab ihr eine zerstreute Antwort, er hatte jetzt Wichtigeres zu sehen und zu hören, als Flora mit ihrem Klagelied. Scheinbar ganz in die Musik vertieft, saß er auf einem Sessel und hatte den Kopf in die Hand gestützt, als wollte er sich von nichts ablenken lassen, was ihm den köstlichen Genuß stören könnte. Durch seine Finger aber sah er unverwandt nach dem kleinen Tisch hinüber, wo Ilse sich eingehend mit Doktor Andres unterhielt, der sich eben zu ihr gesetzt hatte. Ilse war heimlich darüber erfreut gewesen, denn nun bot sich vielleicht die Gelegenheit, ihn nochmals nach Leo zu fragen, und sie sann darüber nach, wie sie das Gespräch auf ihn bringen könnte, ohne daß er es auffällig fände.„Sie lieben wohl die Musik nicht, gnädiges Fräulein?“ richtete der junge Mann das Wort an sie. „Ich vermute dies wenigstens, weil diese Bücher Sie viel mehr zu interessieren scheinen, als der Gesang.“„O doch,“ erwiderte Ilse schnell, „aber offen gestanden, diese Stimme und der Vortrag sind doch zu schlecht, finden Sie nicht auch?“Er nickte lachend.„Übrigens ist mein Urteil gänzlich unzulänglich,“ meinte[pg 121]er dann, „denn ich habe es nur bis zu den Kneipliedern gebracht und selbst diese sang ich falsch; ich habe deswegen auch von meinen Heidelberger Freunden manchen Spott ertragen müssen.“

„Wir haben es hier nämlich sehr bequem,“ fuhr Doktor Althoff fort, „wir brauchen nur diese kleine Treppe hinunterzugehen und können uns unten an einem herrlichen Frühschoppen laben.“Der Pastor stand noch immer unschlüssig da.„Ja, aber meine Frau,“ warf er ein, „sie weiß dann nicht, wo ich geblieben bin, und darum möchte ich es lieber nicht tun.“„Ich schicke einen Kellner mit einem Zettel nach dem Laden, wo die Damen sicher noch sind,“ beschwichtigte ihn Althoff, „kommen Sie nur. Es gibt hier ein famoses Spatenbräu.“[pg 98]„So?“ sagte der Pastor und zeigte sich bei dieser verlockenden Aussicht schon geneigter, mitzugehen; „ach ja, gutes Bier habe ich lange nicht getrunken. Wir trinken abends stets Tee.“Dabei fiel ihm seine Frau wieder ein, und er war wieder voll Zweifel, ob er mitgehen sollte.„Wenn es meiner Frau nur recht ist,“ sagte er unentschlossen.„Ihre Frau Gemahlin wird sich freuen, daß ich Sie zu einem Glas Bier überredet habe.“„Nun ja denn, vielleicht freut sie sich,“ sagte er schließlich, obgleich er innerlich vom Gegenteil überzeugt war. Aber der Wunsch, mal wieder eine gemütliche Kneipstunde zu verleben, kam seiner Phantasie zu Hilfe, und er sagte nochmals, um seine Zweifel zu verscheuchen: „Vielleicht freut sie sich.“ Und doch folgte er dem Doktor die schmale Treppe mit dem Gefühl hinunter, als ob er auf verbotenen Wegen wandle. –Rosi hatte nach langem Wählen ihren Einkauf beendet und war sehr vergnügt darüber, denn sie hatte gefunden, was sie suchte, nämlich ein Paar angefangene Morgenschuhe und einen geschnitzten Pfeifenständer, der noch mit einer gestickten Borte verziert werden sollte. Sie fand die Morgenschuhe besonders schön und konnte nicht begreifen, daß Nellie und Ilse ihr rieten, doch ein andres Muster zu wählen. Ihr gefielen diese roten Rosen, welche sie mit schwarzer Wolle ausfüllen wollte, ganz besonders gut. Als sie aus dem Laden auf die Straße traten, sah sich Rosi suchend um.„Wo sind denn die Herren geblieben? Ich sehe sie ja garnicht.“„Vielleicht ist dein Mann auch in eine Laden und kauft schöne Weihnachtsdinge für dir,“ meinte Nellie, „wir wollen die Straße hinuntergehen und in die Ladens schauen.“Sie gingen weiter; aber die beiden Herren waren nirgends zu entdecken.[pg 99]„Ich begreife das nicht,“ sagte Rosi kopfschüttelnd, „Adolf wollte doch bestimmt auf mich warten.“„Dein Mann wird sich ja auch schon finden,“ meinte Ilse, welche sich über Rosi ärgerte, da diese ihre gute Laune durch den kleinen Zwischenfall schon wieder ganz eingebüßt hatte.Rosi überhörte diese Worte, denn ihre Aufmerksamkeit wurde durch etwas andres in Anspruch genommen. Sie sah erwartungsvoll auf Nellie, der soeben von einem Jungen ein Zettel übergeben worden war, welchen sie eifrig las.„O, das ist fein,“ rief sie und reichte Rosi den Zettel. „Unsre Männer sind im Rathauskeller und Alfred schreibt, wir möchten sie dort abholen.“„Was,“ brauste Rosi auf und knitterte den Zettel zusammen, „Adolf sitzt im Wirtshaus, heute am Sonntagmorgen!“Weiter sagte sie nichts, wurde aber blutrot und ging mit schnellen Schritten vorwärts. Nellie und Ilse wechselten einige verständnisvolle Blicke, und aus Nellies Schelmenaugen leuchtete etwas wie heimliche Schadenfreude über die angeführte Rosi.„Hast du noch etwas zu besorgen, Rosi?“ fragte sie die aufgeregte Pastorin, „sonst können wir gleich nach das Rathaus gehen.“„Ich begreife dich nicht, Nellie,“ gab Rosi unwillig zur Antwort. „Wir sind doch keine Studenten, daß wir in die Kneipe gehen können. Willst du deinen Mann abholen, dann tue es; bitte, entschuldige aber, wenn ich nach Hause gehe.“„O, wir lassen dir nicht allein gehen, Rosi, natürlich gehen wir mit,“ entgegnete Nellie.Eine rechte Unterhaltung kam zwischen den dreien nicht wieder zustande. Nellie und Ilse machten einige schwache Versuche, mit Rosi ein Gespräch anzufangen, aber sie antwortete kurz und einsilbig.[pg 100]„Ich kenne unsre ‚artige Rosi‘ ja gar nicht wieder,“ flüsterte Ilse der Freundin zu.„O, ich erstaune mich auch über ihr,“ gab diese ebenso leise zur Antwort, „was hat sie, daß sie ihr Mann nicht in der Kneip läßt? Sie ist eine Tyrann!“Auf dem Nachhauseweg verbarg Rosi ihre Verstimmtheit hinter einer ungemütlichen Schweigsamkeit, aber man sah ihr an, wie es in ihr kochte und wie sie sich nur mühsam bezwang, ruhig zu erscheinen.Desto gemütlicher war die Stimmung in dem Ratskeller, wo die beiden Herren in dichte Rauchwolken gehüllt in einer behaglichen Ecke saßen. Dem Pastor mundete das Bier nach langer Entbehrung herrlich, er war in eine redselige Laune gekommen und plauderte von alten Zeiten, als er noch ein fröhlicher Studiosus war.„Tempi passati!“ sagte er mit einem leisen Seufzer. „Aber hier ist es auch gemütlich,“ fuhr er dann fort, indem er sich noch fester in seine Sofaecke zurücklehnte und in Erinnerungen versunken dem blauen Dampf seiner Zigarre zusah, wie dieser in die Höhe stieg und langsam zerrann.„Nicht wahr, das Bier schmeckt Ihnen?“ fragte Althoff.„O, das ist famos! Seit meiner Studienzeit habe ich es nicht so gut getrunken.“Und er liebäugelte mit dem frisch gefüllten Glase, das vor ihm stand, und aus dem er dann einen tiefen Trunk tat. –Der Doktor hatte öfter nach der Türe gesehen, da er noch immer hoffte, Nellie würde die Pastorin überredet haben, sie abzuholen.„Ich dachte, Ihre Frau würde sich noch haben bewegen lassen, hierherzukommen,“ sagte er zum Pastor und fügte erklärend hinzu, als er dessen erstaunt fragende Augen auf sich gerichtet sah: „Ich hatte meiner Frau nämlich geschrieben, daß wir die Damen hier erwarteten.“[pg 101]„So, so, das hatten Sie geschrieben? Werter Herr Doktor, meine Frau geht in kein Wirtshaus, sie sagte es ja noch heute morgen.“„Das war doch nur Scherz,“ fiel Althoff ein.„Nein, ach nein, in solchen Dingen scherzt meine Frau nicht.“Ein bedauernder Zug glitt bei diesen Worten über die Züge des Pastors, von denen jetzt die ruhige Behaglichkeit verschwunden war. Der Gedanke an seine Frau machte ihn unruhig, er sah nach der Uhr und meinte, es wäre die höchste Zeit, daß sie gingen; energisch trieb er jetzt zum Aufbruch, an den er noch eben zuvor nicht gedacht hatte.„Ich möchte doch meine Frau nicht warten lassen,“ sagte er, indem er sich seinen Überzieher anzog. Unterwegs schwärmte er noch immer von dem schönen Frühschoppen und erklärte scherzend, daß er bald mal wieder kommen würde, allein schon des guten Bieres wegen.Als sie am Althoffschen Hause angelangt waren, überlegte er im stillen, wie er Rosi am besten beschwichtigen könnte und was er zu ihren Vorwürfen sagen wollte. Er stieg zögernd die Treppe hinauf und dachte: „Wie wird sie mich wohl empfangen?“ Aber Rosi empfing ihn besser, als er erwartete. Nellie und Ilse hatten es fertig gebracht, sie zu besänftigen, ihnen verdankte es der Pastor, daß er von seiner Frau zwar förmlich und gemessen, aber wenigstens ohne die erwartete Gardinenpredigt begrüßt wurde. Mit keinem Worte erwähnte sie, wo er gewesen war, und als Nellies Mann lebhaft bedauerte, daß die Damen nicht nachgekommen wären, schwieg sie auch. Der Pastor atmete erleichtert auf und setzte sich in bester Stimmung mit den übrigen zu Tische. Es schien, als erwarteten ihn heute lauter Genüsse. Doktor Althoff hatte einen feinen alten Wein aus dem Keller geholt und forderte lebhaft zum Trinken auf.„Frau Pastor,“ sagte er zu Rosi, „Sie müssen aber[pg 102]besser trinken. Sie sind ja wahrhaftig noch beim ersten Glase. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrem Gatten, dessen Trunkfestigkeit ich heute morgen bewundert habe. Und zu spaßhaft ist es, daß er noch obendrein behauptet, er könne jetzt nichts mehr vertragen, als Student hätte er – nun, ich gebrauche die Worte Ihres Gatten – einen ganz anderen Stiefel vertragen können.“Der Pastor rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und sah seine Frau, die nicht von ihrem Teller aufblickte und kein Wort erwiderte, scheu von der Seite an. Warum schwieg sie heute nur so beharrlich? Es wurde ihm nachgerade unheimlich, da es doch sonst ihre Art nicht war. Wenn nur der Doktor auf ein andres Thema kommen wollte, aber immer wieder fing er an, alle möglichen Studentenfahrten zu erzählen, die der Pastor ihm diesen Morgen in fröhlicher Kneiplaune zum besten gegeben hatte. Die bedeutungsvollen Blicke, die er ihm zuwarf, schien er nicht zu verstehen, ja als er ihn mit dem Fuße anstieß, zog er den seinigen schnell fort, als wäre er aus Versehen dagegen gestoßen. Nellie und Ilse unterhielten sich köstlich und hörten aufmerksam zu, aber seine Frau verzog keine Miene.„Wenn sie nur einmal ein Wort sagte,“ dachte er, ihre Ruhe kam ihm zu unnatürlich vor. Bis jetzt wußte sie noch nichts von allen seinen lustigen Streichen. Er hatte sie ihr wohlweislich verschwiegen, denn ihr pedantischer Sinn würde dieselben doch nicht begriffen haben. Und doch, wie schön war seine lustige Studentenzeit gewesen, wie übermütig hatte er damals sein können. Aber das war schon lange, lange her!Zum zweitenmal heute wurden diese Erinnerungen lebhaft in ihm wachgerufen. Von seinen Jugendlieben hatte er dem Doktor leichtsinnigerweise auch erzählt; wenn er wenigstens davon schwieg, aber in demselben Augenblick schlug auch schon das Wort „Flammen“ an sein Ohr, und mit ahnungsloser Breite erzählte Althoff, wieviel reizenden Mädchen jener[pg 103]nachgelaufen wäre. Der Pastor senkte bei diesen Erzählungen die Augen wie ein junges Mädchen, denn er fühlte, daß jetzt Rosis Blick strafend auf ihm ruhte. Verlegen griff er immer wieder zu seinem Weinglas und stürzte einige Gläser voller Hast hinunter. Er suchte nach einem Ausweg, dem Gespräch eine andre Wendung zu geben. Ängstlich sann er darüber nach, stand dann plötzlich auf und schlug mit dem Messer an sein Glas. Als Rosi ihres Mannes gerötete Wangen und glänzende Augen sah, sprang sie auf und ging zu ihm.„Bitte, lieber Adolf, setze dich wieder,“ sagte sie anscheinend sanft und legte die Hand auf seine Schulter. Da drehte er sich herum und wollte den Arm um sie schlingen, aber unwillig wich sie zurück.„Ich wollte mich nur bei unsern liebenswürdigen Wirten für die freundliche Aufnahme bedanken, Röschen,“ sagte er lächelnd. „Für die wirklich reizende Aufnahme, die wir hier gefunden haben.“ Ohne sich von Rosis strengem Gesicht beirren zu lassen, fuhr er zu dem jungen Ehepaar gewendet fort: „Sie müssen uns auch recht bald besuchen, und dann kommen wir auch wieder zu Ihnen, denn es ist zu schön hier. Der Wein ist köstlich, das Essen schmeckt so gut und Sie, lieber werter Herr Doktor, sind ein so prächtiger Mann,“ hier erhob er seine Stimme, „und die Frau Doktor ist eine kleine famose Frau. Ach, so etwas haben wir nicht auf unsrem einsamen Lande. – Röschen, laß mich doch,“ wehrte er seine Frau ab, die sich ihm wieder genähert hatte und ihn zum Schweigen bringen wollte, „ich muß doch den guten braven Leuten danken! Komm Schatz, gib mir einen Kuß.“Er breitete die Arme aus und wollte sie küssen, aber nun riß Rosis Geduld, sie stieß ihn unsanft zurück und lief zum Zimmer hinaus.Der Pastor bemerkte kaum den Unwillen seiner Frau.[pg 104]„Herr Doktor, die lustige Studienzeit soll leben!“ rief er, indem er Althoff sein Glas entgegenhielt, und in seliger Stimmung begann er das alte Burschenlied zu singen:„Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus.“„O, wie dumm von sie,“ sagte Nellie halblaut, stand auf und ging Rosi nach. Sie fand sie im andern Zimmer, aufgelöst in Tränen.„Was hast du?“ fragte Nellie, „warum weinst du?“„Du fragst auch noch,“ schluchzte die Pastorin, „und weißt recht gut, warum ich weinen muß? Meinst du, es ist mir angenehm, daß sich mein Mann so beträgt?“„O,“ gab ihr Nellie entschieden zur Antwort, „dein Mann hat ein gut Betragen. Was macht es, er hat ein klein Schwips und ist lustig, das schadet doch nix?“„Wenn seine Amtsbrüder das sähen, er müßte sich ja zu Tode schämen!“„Laß doch die dumme Amtsbrüder, sie wissen ja nichts davon. Komm Rosi, geh wieder hinein und tue, als wäre nichts geschehen. Es ist gewiß das klügste, was du tun kannst.“Sie faßte die Weinende unter den Arm und wollte sie fortziehen, aber Rosi entwand sich ihr schnell und sagte beleidigt:„Du denkst über solche Sachen eben anders, als ich, liebe Nellie; ich kann mich aber nicht so leicht darüber hinwegsetzen. Ich gehe nicht mit! Bitte, schicke das Mädchen nach unsrem Wagen, daß er sofort kommt; ich will nach Hause fahren.“„O nein, du mußt noch bleiben,“ rief Nellie.„Nein, auf keinen Fall,“ entschied Rosi kategorisch und achselzuckend schwieg Nellie. Sie ärgerte sich über Rosis Halsstarrigkeit und merkte, daß ihre Bitten nichts ausrichten würden. Im stillen glaubte sie auch, daß nach diesem Auftritt keine rechte Stimmung wieder aufkommen würde, und[pg 105]deshalb gab sie dem Mädchen den Auftrag, den Wagen zu bestellen, ohne Rosi noch weiter zum Bleiben zu nötigen.„Es tut mir leid, daß du fort willst,“ sagte sie zu ihr, die mit dem Taschentuche ihre geröteten Augen trocknete.„Ja, mir auch, Nellie, aber glaube mir, es ist das beste, wenn wir fahren; habe vielen Dank für deinen freundlichen Empfang. Und nun komm, ich will meinem Mann sagen, daß der Wagen gleich da sein wird.“Den Pastor schien das Verschwinden seiner Frau nicht tief berührt zu haben. Er unterhielt sich lebhaft mit Althoff und hatte mit Ilse wiederholt auf das Wohl ihres Bräutigams angestoßen, was ihr jedesmal eine tiefe Röte in die Wangen trieb.Rosi beherrschte sich und zeigte ein anscheinend ruhiges Gesicht, als sie ins Zimmer trat. Sie trug ihren Hut in der Hand und ihren Mantel über dem Arm und legte beides auf einen Stuhl.„Lieber Adolf,“ sagte sie, zu ihrem Manne tretend, „willst du dich zurecht machen, ich habe den Wagen bestellt und er wird sogleich vorfahren.“„Was, Röschen, geliebtes Weibchen, du willst schon fort?“ fragte er.„Ich bitte dich, Adolf, komm, es ist die höchste Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.“Krampfhaft nahm sie sich zusammen, und unheimlich sanft klang ihre Stimme.Aber Adolf hatte noch keine Lust zum Gehen. So heiter und fidel war er seit Jahren nicht gewesen. Lustig sang er:„Nach Hause gehn wir nicht,Nach Hause gehn wir nicht,Nach Hause gehn wir lange nicht – –“„Aber Adolf, Adolf, ich begreife dich nicht,“ unterbrach ihn Rosi, „so komm doch nur, ich will fort!“[pg 106]„Bleiben Sie doch noch, Frau Pastorin,“ bat Althoff jetzt, aber ein verständnisvoller Blick seiner Frau bedeutete ihn, daß er seine Bitte nicht wiederholen solle. Rosi antwortete auch gar nicht darauf; voller Verzweiflung zupfte sie ihren Mann verstohlen am Ärmel und trieb fortwährend zum Aufbruch.Aber alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen, prallten an ihm ab.„Nein, ich bleibe hier, du kannst allein fahren,“ erklärte er mit einer geradezu hartnäckigen Entschiedenheit und blieb sitzen. Rosi war außer sich und kämpfte von neuem mit den Tränen.Der gutherzigen Nellie tat sie nun doch leid, sie schlang ihren Arm um sie und führte sie fort.„Zieh dich deine Sachen an, dein Mann kommt dann schon,“ sagte sie und gab ihr den Mantel.„Das kommt von dem Wirtshausgehen,“ fuhr die empörte Pastorin heraus, mit einer Miene, als hätte sie in dieser Beziehung schon die trübsten Erfahrungen in ihrer jungen Ehe gemacht.Nellie lächelte, aber sagte nichts. Rosi war zu aufgeregt, in ihren Ansichten zu erhaben und halsstarrig, als daß sie ihr eine andre Meinung hätte beibringen können.Ilse meldete jetzt, daß der Wagen vorgefahren sei. Von neuem ging Rosi zu ihrem Manne.„So, ich bin fertig, willst du nun kommen?“Er rührte sich nicht vom Platze.„Aber Adolf,“ drängte sie wieder mit weinerlicher Stimme.Lachend sah er sie an. Als er aber ihre heißen roten Wangen und ihre zornig funkelnden Augen bemerkte, erhob er sich endlich.„Ich bliebe so gern noch bei den guten Leuten, es ist so reizend hier; warum müssen wir denn schon fort, Röschen? Was hast du denn für Eile?“[pg 107]Unter solchen Beteuerungen und Fragen, die er fortwährend wiederholte, machte er sich zum Aufbruch bereit. Rosi verfolgte seine Bewegungen mit angstvollem Gesicht, es kam ihr vor, als ginge er unsicher die Treppe hinunter, als wäre sein Gang schwankend! Es war zu schrecklich, wie konnte er sich so weit vergessen! Sie war froh, daß es schon fast dunkel draußen war, da sah ihn wenigstens niemand.„Röschen,“ sagte der Pastor unten zu ihr, „sage dem Kutscher, daß der Wagen aufgemacht wird, ich möchte beim Fahren in die Sterne sehen.“Sie gab keine Antwort und riß die Wagentüre auf.„Sage dem Kutscher, daß er den Wagen aufmacht, Kind,“ wiederholte er.„Ich glaube, Herr Pastor,“ warf Althoff ein, „zum Fahren im offenen Wagen ist es heute abend zu kühl, Sie könnten sich erkälten.“„Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese Idee kommst, lieber Adolf,“ sagte Rosi unliebenswürdig, „wir sind doch nie im offenen Wagen gefahren. Aber bitte, nun beeile dich und steige ein, damit ich dir die Sachen zureichen kann.“ Sie drängte ihn zur Wagentüre. Er stieg aber nicht ein, sondern erklärte mit Bestimmtheit: „Der Wagen soll offen sein, sonst fahre ich nicht mit!“„Herr Pastor, Ihre Frau hat recht,“ legte sich nun Nellie ins Mittel, die bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht ein Ungewitter aufziehen sah, „es ist keine schöne Luft diese Abend, ein ander Mal können Sie der Sterne besehen.“Sie sprach das erlösende Wort, denn der Pastor bestand nicht länger auf seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und drückte ihr die Hand.„Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schön, zu schön,“ versicherte er voll Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff, als nähme er Abschied, mindestens um nach Amerika zu gehen; dann übermannte ihn die Rührung, er konnte[pg 108]nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang hinter ihm her, machte schnell die Türe zu, als hätte sie Angst, daß er wieder entschlüpfen könnte, und trieb den Kutscher zur Eile an. Sie sah noch flüchtig aus dem Fenster und nickte den draußen Stehenden zu, dann zog sie die verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerfälligen Gäule, durch einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam an, und die große Kutsche rumpelte von dannen.Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich Nellie und Ilse ungestüm ins Sofa und brachen in ein unbändiges Gelächter aus.„Ihr seid doch noch recht alberne Kinder,“ sagte Althoff kopfschüttelnd. Aber Nellie sprang auf, hing sich an seinen Hals und drehte ihn im Kreise herum.„Kein strenge Wort, Fred,“ rief sie lustig, „ich muß mir erst auslachen über den Pastoren-Ehepaar.“„Ich finde, daß es hier nichts zu lachen gibt, Nellie,“ sagte er ernst. „Diese Szene zwischen den beiden war sehr peinlich, und ich habe mich über Rosi geärgert. Ich kenne sie nicht wieder; aus dem fügsamen sanften Mädchen ist eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben schwer zu machen scheint.“„Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verändert hat,“ sagte Ilse. „Sie hat ihren Mann vollständig unter dem Pantoffel.“„O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch’ schlecht ergehen,“ rief Nellie. „Ich möcht nicht in seine Fell sitzen, wie viel artige Redens wird ihn Rosi halten. O, und er war so lustig, er tut mich leid!“„Rosi hat nicht nur töricht, sondern auch unrecht gehandelt; sie hätte mit Scherz über die Sache weggehen sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche Ungemütlichkeit hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es[pg 109]so weit gekommen. Sie hat sich lächerlich gemacht. Es ist durchaus unwürdig von einer Frau, wenn sie stets ihren Willen durchsetzen will.“Ilse war bei diesen Worten ihres früheren Lehrers nachdenklich geworden. Hatte sie bis jetzt auch stets ihren Willen durchsetzen wollen und dachte sie nicht, daß es in der Zukunft auch so sein müßte? Ja, Doktor Althoff hatte recht, es machte einen lächerlichen, unwürdigen Eindruck, wenn die Frau herrschte und der Mann sich fügte. Heute hatte sie sich davon überzeugen können. Ein Pantoffelheld, wie gräßlich, nein, den möchte sie nicht zum Manne haben. Und doch, wenn sich Leo jetzt und künftig immer ihrem Willen fügen sollte, würde er etwas anderes sein? Hätte sie nicht so gedacht, wäre es so weit gekommen? Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte nachgegeben? Vergab sie sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf, wenn sich Nellie den Wünschen ihres Mannes in bereitwilligster Weise fügte und war sie deshalb eine untergeordnete Natur ohne selbständigen Willen? Nein, durchaus nicht, Nellie war nur klug, sie verstand es, fügsam zu sein, und erreichte durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen Widerstand; das hatte Ilse schon oft bemerkt. – Ein Gefühl der Reue wallte plötzlich heiß in ihr auf, und sie gestand sich, daß alles anders wäre, wenn sie nur das eine Mal nachgegeben hätte.„Du bist ja so still geworden,“ sagte Nellie, „an was denkst du?“„Ach, an gar nichts,“ gab sie ausweichend zur Antwort.„Nellie,“ fragte sie dann nach einer Weile plötzlich, „nicht wahr, du magst es doch auch nicht leiden, wenn der Mann unter dem Pantoffel steht?“„O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich verachte ihn,“ rief die junge Frau. –Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft[pg 110]bei Leo, und die ganze Nacht träumte sie von ihm. Sie war mit ihm zusammen, er sah aber ganz anders aus, als sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der Unterwürfigkeit des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: „Ja, ganz wie du wünschest, mein Kind.“ Das fand sie schrecklich und wurde schließlich ärgerlich, bis er ihr sagte: „Du willst ja, daß ich mich dir in allem fügen soll. Nur weil ich es nicht tat, hast du mich doch verlassen.“ Sein blasses, demütiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung, und sie flehte ihn auf den Knien an, daß er doch wieder anders werden möchte, so wie er früher war; sie wollte sich auch ändern und sie könnten dann wieder so glücklich sein wie früher. Als sie hierauf sehnsüchtig die Arme nach ihm ausstreckte, um ihn an ihr Herz zu drücken, griff sie in die leere Luft, – das Traumbild war verschwunden. Da quälte sie die Reue und entlockte ihr heiße Tränen, und als sie endlich aufwachte, fühlte sie, daß sie wirklich geweint hatte, und der Traum zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt käme, ihn wohl mit offenen Armen empfangen würde? Ja, ach wie gern, antwortete ihr Herz. – „Aber er kommt ja nicht,“ dachte sie traurig, „denn er liebt mich nicht mehr. Und doch wollte ich anders werden, käme er mich zu holen, aber mich so weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das kann ich nicht, das darf er nicht von mir verlangen.“ –* * *Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner Braut.Wie Ilse hoffte, daß er ihr schreiben oder zu ihr kommen würde, so begrüßte auch er jeden neuen Tag in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihr zu erhalten und jeden Abend ging er enttäuscht zur Ruhe. Eine rastlose Unruhe ergriff ihn schließlich, er versuchte sich durch eine angestrengte[pg 111]Tätigkeit zu betäuben, aber es fehlte ihm die Lust am Arbeiten. Er suchte Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergnügen daran. Nichts half ihm, sein jetziges Leben erträglicher zu machen, die peinvollen Zweifel zu verscheuchen, die in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben? Diese Frage quälte ihn unzählige Male, und doch, – nein, nein, das war ja nicht möglich, so zuversichtlich kann man nicht auf einen Menschen bauen, um dann getäuscht zu werden. Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich, daß er nach diesem Fall eine Versöhnung zwischen ihnen herbeiführen könnte? Er hatte fest darauf gerechnet, daß sie einsehen würde, wie unrecht sie ihm getan habe, und daß sie umkehren würde auf dem gefährlichen Wege, den sie beschritten hatte. Sie unterwarf seine Liebe einer harten Prüfung. War sie derselben so sicher, oder war sie ihr gleichgültig?Sein verschlossenes, verändertes Wesen fiel seinen Eltern auf, doch ohne Arg, den wahren Grund nicht ahnend, schoben sie es auf sein angestrengtes Arbeiten, das er auf ihre besorgten Fragen vorschützte. Sie wären tief betrübt gewesen, hätten sie gewußt, was zwischen dem Brautpaar vorgefallen war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzählt, daß Ilse einige Zeit bei ihrer Freundin zubrachte und bei seinen seltenen Besuchen im Elternhause wußte er das Gespräch immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages erklärte er seinen Eltern, daß er sich einige Zeit Urlaub genommen habe, da er fühle, wie er der Erholung, der Auffrischung bedürfe. Deshalb habe er vor, für einige Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort seine Studien fortsetzen wolle.Herr und Frau Gontrau waren über den plötzlichen Entschluß wohl etwas verwundert, aber Herr Gontrau billigte ihn vollständig und fand es sehr lobenswert, daß er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise benützte. Frau Annes kluge und diplomatisch abgefaßte Briefe an Gontraus[pg 112]ließen keinen Argwohn in ihnen aufkommen. Sie bestellte ihnen Grüße von Ilse, entschuldigte ihr Schweigen auf die beste, glaubhafteste Art und vertröstete sie immer von neuem auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder durch alle möglichen Ausflüchte erklären mußte; Ilse hatte nämlich auf ihre Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel und oft nach ihr fragten, nicht einmal schreiben wolle, geantwortet, daß ihr dies unmöglich sei. Und Frau Anne dachte, es wäre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe, denn das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhältnissen haben würde, mußte die Eltern Leos, denen sie stets eine kindliche Liebe entgegen gebracht hatte, und die mit so großer Zärtlichkeit an der Schwiegertochter hingen, doch befremden.Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen Schwiegereltern verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war er nur selten bei ihnen gewesen. Zwischen seinem Schwiegervater und ihm war eine Spannung entstanden, denn Herr Macket konnte es ihm nicht verzeihen, daß er seinem Liebling nicht nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau Anne war es zwar gelungen, ihren Mann davon zu überzeugen, daß Leo über Ilsens kühnen Streich nicht mit Leichtigkeit hinweg gehen könnte, aber die Sehnsucht nach seinem Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrücken, wenn er schließlich auch einsah, daß derselbe ungerecht war.Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner Schwiegermutter über Ilse gesprochen, und auch sie erwähnte sie nicht. Frau Anne teilte Nellie mit, daß Leo nach Paris gereist wäre. „Was wird Ilse dazu sagen?“ schrieb sie. „Ich fürchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden sein. Ich aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung für Leo notwendig, denn er ist blaß und ernst geworden, und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der Kummer auf[pg 113]ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Ich hege die besten Hoffnungen für Ilses Bekehrung, aber manchmal zage ich doch, und dann denke ich voll Angst und Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht bricht, was wird dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das weiß ich, denn an einem einmal gefaßten Entschluß hält er mit eiserner Beharrlichkeit fest. Sollen die beiden jungen Menschen eines unglückseligen Mißverständnisses wegen für ihr ganzes Leben unglücklich werden? Es wäre schrecklich, und diese Strafe zu hart für Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau Doktor, baue ich am meisten und ich glaube, daß es Ihnen am besten gelingen wird, unser Kind auf den richtigen Weg zurückzuführen. Sie haben einen großen Einfluß auf Ilse, welche Sie schwärmerisch liebt, und darum hoffe ich innig, daß Sie es vermögen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide sehr unter den jetzigen Verhältnissen und mag das meinem Manne nicht zeigen, dem die Trennung von Ilse ohnedies so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen, kleine Frau, und schütte mein Herz aus und hole mir Trost bei Ihnen! Der Himmel gebe, daß sich noch alles zum Besten wende!Ihre mütterliche FreundinAnne Macket.“Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb Frau Anne umgehend wieder, und in ihrer drolligen gemütvollen Weise schilderte sie ihr die Beobachtungen, welche sie bei Ilse anstellte.„Es geht schon besser mit sie,“ hieß es in dem Briefe, „sie versinkt in eine tiefe Nachdenken und tut Fragen an mir, bei denen ich in ihr Inneres schaue. O, zagen Sie nicht, Ilschen liebt ihren Bräutigam noch, und wenn man sie in Ruhe läßt, wird sie eines Tages eine Einsicht haben und seine Verzeihung erbitten. Von der Reise nach[pg 114]Paris sage ich ihr nix, denn ich glaube auch nicht, daß sie dieser Reise gern sieht!“ – –* * *Bei Flora war große Gesellschaft! Die Gäste waren schon zum Teil versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten. Sie wurden von Flora stürmisch begrüßt, und dann stellte sie Ilse vor, deren neue Erscheinung mit Neugierde gemustert wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem hartblauem Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor der Brust, die ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft hervorhoben, näherte sich Ilse sofort und überhäufte sie mit einer Menge Fragen, so daß das junge Mädchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande war, sie alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine Lust dazu, denn die Neugierde dieser Dame war ihr zu unangenehm, und sie wunderte sich, daß Nellie, welche daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswürdigsten Weise die gewünschte Auskunft gab, und als sie von der Dame für einen der nächsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde, bereitwilligst zusagte.„Da gehe ich aber nicht mit,“ dachte Ilse. Zu Nellie sagte sie später leise: „Wer ist denn eigentlich diese schreckliche Frau, die alles wissen muß? Ich hätte ihr an deiner Stelle keine ihrer neugierigen Fragen beantwortet.“„O, wär ich ein dummes Ding,“ entgegnete Nellie mit schlauem Lächeln, „denn diese Dame ist die Frau vom Direktor, hat viel Einfluß auf ihr Mann, und wenn ich unfreundlich bin gegen ihr, muß arme Fred büßen. Ich mag ihr auch nicht, aber ich bin klug.“„In ihren Kaffee brauchen wir aber doch nicht zu gehen, nicht wahr?“„Natürlich,darling, da müssen mir hin und uns fein brav benehmen,“ neckte Nellie die Freundin.[pg 115]Ein junger Mann trat in diesem Augenblick zu den beiden und reichte Ilse den Arm, um sie zu Tisch zu führen. Es war der Assistent von Floras Mann, Doktor Andres, dessen liebenswürdiges Benehmen und kluges, vornehmes Gesicht Ilse schon vorhin bei der Vorstellung aufgefallen war.Im altdeutschen Eßzimmer stand die lange gedeckte Tafel, die Ilse schnellen Blickes überflog. Zwei Lampen, deren schwaches Licht durch rosa Lampenschirme noch mehr gedämpft wurde, standen zu beiden Enden des Tisches. In der Mitte prangte ein phantastisch aufgeputzter Tafelaufsatz, mit Blumen und Früchten in wirrem Durcheinander gefüllt, der sein Haupt bedenklich nach der einen Seite neigte. Das war Florchens Werk, man sah es auf den ersten Blick. Jeder fand auf seinem Platz einen von Flora verfaßten Vers, in einem Blumensträußchen versteckt. Mit strahlenden Augen erntete sie jedes Lob ein, das ihr über ihre dichterische Begabung gespendet wurde; freilich die spöttischen Mienen dabei bemerkte sie nicht. Ilses Verschen besang in überschwenglicher Weise die junge Braut. Sie las den Zettel und legte ihn dann errötend neben sich hin. Ihr gegenüber saß Flora mit dem jungen Referendar, den sie damals getroffen hatte, als sie ihren ersten Besuch bei Flora machte. Er hatte eben das zusammengefaltete Papier aus seinem Blumenversteck hervorgezogen und las mit lächelnder Miene den für ihn bestimmten Vers. Erwartungsvoll sah ihn Flora an und ließ sich dann mit vielem Behagen seine süßlichen Schmeicheleien gefallen. Das war ein Scherzen und Lachen, Flora schien während der ganzen Zeit bei Tische nur Auge und Ohr für ihren Nachbar zu haben. Wie unvorteilhaft sah die junge Frau heute wieder aus! Überladen mit Spitzen und Blumen war ihr Anzug. Unwillkürlich mußte Ilse an Floras griechische Haarfrisur denken, damals als sie in der Pension die erste Tanzstunde mit Herren[pg 116]hatten. Es war doch zu komisch gewesen, wie sie da alle vor der Tür standen und die mutwillige Grete dem klassisch frisierten Haupt einen Stoß gab, daß es gegen die Türe flog. Ein vergnügtes Lächeln huschte bei dieser Erinnerung über Ilsens Gesicht.„Sie scheinen an etwas sehr Angenehmes zu denken,“ unterbrach die Stimme des jungen Arztes ihre Gedanken, während er die jugendlich frische Mädchengestalt im einfachen weißen Kleide mit Wohlgefallen betrachtete.„Natürlich, Herr Doktor,“ rief Flora über den Tisch herüber, „Fräulein Ilse denkt an etwas sehr Schönes, an ihren Bräutigam nämlich.“ Und der Referendar hob sein Glas in die Höhe und hielt es ihr entgegen.„Der Glückliche soll leben,“ sagte er. Eine heiße Röte stieg in Ilses Wangen, zögernd nahm sie ihr Glas und stieß mit ihm an. Der helle Ton der beiden Gläser tönte wie ein schriller Mißklang in ihrem Ohre, und der Blick, den ihr der junge Mann dabei zugeworfen hatte, war so durchdringend, als suchte er in ihrer Seele zu lesen, was sie in diesem Augenblick bewegte. Verlegen schlug sie die Augen nieder, aber selbst durch die gesenkten Lider fühlte sie seine brennenden Blicke auf sich gerichtet.„Gnädiges Fräulein, darf auch ich mir erlauben, auf das Wohl Ihres Herrn Bräutigams anzustoßen?“Wie liebenswürdig klang diese Bitte ihres Nachbars! Ohne Scheu sah Ilse auf und blickte in ein Paar ruhige ernste Augen, denen sie nicht auszuweichen brauchte.„Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise und griff nach ihrem Glase.Doktor Andres glaubte ihr nichts lieberes erweisen zu können, als wenn er in dem Gesprächsthema fortfuhr; denn wovon konnte man eine Braut besser unterhalten, als von ihrem Bräutigam? Er fragte, wie lange Ilse schon verlobt wäre, wann sie heiraten würde und was ihr Verlobter[pg 117]wäre. Sie hätte ihm vielleicht unbefangener geantwortet, wenn sie die Augen ihres Gegenüber nicht unablässig auf sich ruhen gefühlt, wenn sie nicht empfunden hätte, mit welcher Aufmerksamkeit jedes ihrer Worte drüben belauscht wurde.„Ich habe unter meinen Studiengenossen einen sehr lieben Freund,“ sagte der Arzt zu Ilse, „der auch Jurist war und jetzt schon längere Zeit wohlbestallter Assessor ist. Vor ungefähr zwei Jahren bekam ich seine Verlobungsanzeige, und er kündigte mir dabei mit wenigen Zeilen einen ausführlichen Brief an, der bald eintreffen sollte, aber bis heute noch nicht erschienen ist. Die alten Beziehungen scheinen zu erkalten, wenn man verliebt und verlobt ist, wahrscheinlich nehmen die Liebesbriefe zu viel Zeit in Anspruch. Sie müssen das ja aus Erfahrung wissen, gnädiges Fräulein. Ich bin von Heidelberg, wo wir einige Semester zusammen studierten, nach Berlin gegangen und seit einem halben Jahre bin ich hier am Hospital Assistent des Doktor Gerber. – Mein Freund wird sich wundern, wenn ich nächstens von hier aus einen Angriff auf ihn ausüben werde, denn ich möchte gern mal wieder etwas von ihm hören. Vielleicht ist er schon in den Hafen der Ehe eingelaufen und ein biederer, solider Ehemann geworden. Ich kann ihn mir als solchen nicht vorstellen, er war ein urfideles Haus, ein famoser Korpsbruder, der gute Gontrau.“Es war ein Glück, daß er sich eben jetzt zur Seite wandte, weil ihm seine Nachbarin eine Schüssel reichte, und daß er deshalb nicht bemerken konnte, wie Ilse bei der Nennung dieses Namens zusammenfuhr und blaß wurde. Und wieder begegnete sie den forschenden Blicken des Referendars, der wie auf der Lauer zu sitzen schien und dem, trotz der lebhaften Unterhaltung mit Flora, nichts von dem Gespräch des ihm gegenübersitzenden Paares entging. Ilses Zusammenschrecken bei dem bewußten Namen interes[pg 118]sierte ihn augenscheinlich aufs höchste. Was für eine Bewandtnis mochte es damit haben? Plötzlich überflog ein triumphierendes Lächeln seine Züge, er beugte sich zu Flora hinüber und fragte sie, wie der Bräutigam von Fräulein Macket hieße. Trotzdem er leise gesprochen hatte, hörte Ilse doch seine Frage, und voller Angst, daß ihr Nachbar Floras Antwort vernehmen könnte, richtete sie schnell einige gleichgültige Worte an ihn. Erleichtert atmete sie auf, als gleich darauf die Tafel aufgehoben wurde und der junge Doktor sie in das andre Zimmer führte. Sie hätte so gerne Nellie gesprochen, aber die Freundin hatte ihr mit einem innigen Händedruck freundlichst zugenickt und saß jetzt neben einer alten Dame, mit der sie sich eifrig unterhielt. So mußte sie sich denn bis später gedulden und kam der Aufforderung eines jungen Mädchens, neben ihr Platz zu nehmen, gerne nach. Die Herren hatten sich zum Teil in das Rauchzimmer zurückgezogen, und Flora hüpfte von einem zum andern. Sie wollte durchaus die liebenswürdige Wirtin spielen, was ihr aber schlecht gelang, denn durch ihr fahriges Wesen versetzte sie ihre Gäste mit in Unruhe.„Sie müssen uns etwas vorsingen,“ wandte sie sich jetzt an das junge Mädchen neben Ilse, die jedoch gegen diese Zumutung eifrig Einsprache erhob, da sie ganz heiser wäre und so lange nicht gesungen hätte. Mit diesen üblichen Ausreden suchte sie sich frei zu machen, aber Flora ließ nicht locker.„Sie müssen, Liebste,“ entschied sie schließlich kurzweg und ging in ein kleines Nebengemach, wo ein Klavier stand, das sie öffnete. Nachdem sie noch die Lichter angezündet und aus einem Schrank einen Stoß Noten hervorgeholt hatte, den sie auf das Instrument warf, kam sie zurück und zog die junge Dame, die ihr wie ein Opferlamm folgte, mit sich fort. Eine geraume Zeit stöberten die beiden in den ungeordneten Noten herum, und als sie endlich etwas[pg 119]Passendes gefunden hatten, ertönte ein lauter Akkord, der energisch um Ruhe zu bitten schien. Die Unterhaltung im Damenzimmer verstummte denn auch sofort, und die Herren in Doktor Gerbers Zimmer dämpften ihre Stimmen. Einen Genuß konnte man die nun folgende musikalische Aufführung nicht nennen, denn die gänzlich ungeschulte Stimme war nur dünn und klein, und der ebenso mangelhafte Vortrag konnte dafür nicht entschädigen. Man brauchte ja nur das junge Mädchen mit der schlechten Haltung und der eingefallenen Brust anzusehen, aus der unmöglich ein freier Ton hervorquellen konnte. Die Damen hatten ihre Plätze verlassen und sich in dem Musikzimmer im Halbkreis dicht hinter der Sängerin gruppiert, was dieselbe vollends befangen machte und aus der Fassung brachte. Sie kam denn auch mehrere Male aus dem Takt, und es erklangen infolgedessen solche Disharmonien, daß einige der Zuhörerinnen das Taschentuch vor den Mund nahmen, um ihre Heiterkeit zu verbergen. Ilse fand den Gesang abscheulich, und da sie sich dabei langweilte, schlich sie sich leise von der offenen Türe, in welcher sie gestanden hatte, fort und trat an ein kleines Tischchen, das neben dem Blumentisch stand und mit Büchern und Bildern bedeckt war. Dorthin setzte sie sich und blätterte mechanisch in den Büchern.Es war ihr sehr erwünscht, jetzt nicht sprechen zu müssen, denn der Gedanke, daß der junge Mediziner ein Freund Leos war, beschäftigte sie unaufhörlich. Sie entsann sich jetzt auch, von Leo den Namen Andres öfter gehört zu haben. Gerne hätte sie sich bei Tisch noch von ihm erzählen lassen, ihn nach manchem gefragt, aber der scharfe Beobachter gegenüber lähmte ihre Zunge. Der Gesang hatte jetzt auch teilweise die Herren herangelockt, nur Floras Mann ließ sich in seinem lebhaften Gespräch mit einem Kollegen nicht stören, und er mußte es sich daher gefallen lassen, daß seine Frau ihn zur Ruhe verwies.[pg 120]„Dieses ewige Fachsimpeln von dir ist schrecklich,“ sagte sie halblaut und scheinbar im Scherz. „Du solltest doch auch für höhere Genüsse zugänglich sein, lieber Ernst.“„Du weißt, Kind,“ antwortete er freundlich, „ich bin nun einmal ein Musikbarbar. Weil ich absolut nichts davon verstehe, habe ich auch kein Interesse dafür.“„Ja, leider,“ sagte Flora, ihm verdrießlich den Rücken wendend, und ging wieder in das andre Zimmer.„Es ist traurig,“ sagte sie mit einem vielsagenden Blick zu Herrn Lüders, „wenn alle Poesie, alles Höhere in dem Materiellen und Nüchternen untergeht. Mein Mann hat für nichts weiter Sinn als für seine Kranken.“Der Referendar gab ihr eine zerstreute Antwort, er hatte jetzt Wichtigeres zu sehen und zu hören, als Flora mit ihrem Klagelied. Scheinbar ganz in die Musik vertieft, saß er auf einem Sessel und hatte den Kopf in die Hand gestützt, als wollte er sich von nichts ablenken lassen, was ihm den köstlichen Genuß stören könnte. Durch seine Finger aber sah er unverwandt nach dem kleinen Tisch hinüber, wo Ilse sich eingehend mit Doktor Andres unterhielt, der sich eben zu ihr gesetzt hatte. Ilse war heimlich darüber erfreut gewesen, denn nun bot sich vielleicht die Gelegenheit, ihn nochmals nach Leo zu fragen, und sie sann darüber nach, wie sie das Gespräch auf ihn bringen könnte, ohne daß er es auffällig fände.„Sie lieben wohl die Musik nicht, gnädiges Fräulein?“ richtete der junge Mann das Wort an sie. „Ich vermute dies wenigstens, weil diese Bücher Sie viel mehr zu interessieren scheinen, als der Gesang.“„O doch,“ erwiderte Ilse schnell, „aber offen gestanden, diese Stimme und der Vortrag sind doch zu schlecht, finden Sie nicht auch?“Er nickte lachend.„Übrigens ist mein Urteil gänzlich unzulänglich,“ meinte[pg 121]er dann, „denn ich habe es nur bis zu den Kneipliedern gebracht und selbst diese sang ich falsch; ich habe deswegen auch von meinen Heidelberger Freunden manchen Spott ertragen müssen.“

„Wir haben es hier nämlich sehr bequem,“ fuhr Doktor Althoff fort, „wir brauchen nur diese kleine Treppe hinunterzugehen und können uns unten an einem herrlichen Frühschoppen laben.“

Der Pastor stand noch immer unschlüssig da.

„Ja, aber meine Frau,“ warf er ein, „sie weiß dann nicht, wo ich geblieben bin, und darum möchte ich es lieber nicht tun.“

„Ich schicke einen Kellner mit einem Zettel nach dem Laden, wo die Damen sicher noch sind,“ beschwichtigte ihn Althoff, „kommen Sie nur. Es gibt hier ein famoses Spatenbräu.“

„So?“ sagte der Pastor und zeigte sich bei dieser verlockenden Aussicht schon geneigter, mitzugehen; „ach ja, gutes Bier habe ich lange nicht getrunken. Wir trinken abends stets Tee.“

Dabei fiel ihm seine Frau wieder ein, und er war wieder voll Zweifel, ob er mitgehen sollte.

„Wenn es meiner Frau nur recht ist,“ sagte er unentschlossen.

„Ihre Frau Gemahlin wird sich freuen, daß ich Sie zu einem Glas Bier überredet habe.“

„Nun ja denn, vielleicht freut sie sich,“ sagte er schließlich, obgleich er innerlich vom Gegenteil überzeugt war. Aber der Wunsch, mal wieder eine gemütliche Kneipstunde zu verleben, kam seiner Phantasie zu Hilfe, und er sagte nochmals, um seine Zweifel zu verscheuchen: „Vielleicht freut sie sich.“ Und doch folgte er dem Doktor die schmale Treppe mit dem Gefühl hinunter, als ob er auf verbotenen Wegen wandle. –

Rosi hatte nach langem Wählen ihren Einkauf beendet und war sehr vergnügt darüber, denn sie hatte gefunden, was sie suchte, nämlich ein Paar angefangene Morgenschuhe und einen geschnitzten Pfeifenständer, der noch mit einer gestickten Borte verziert werden sollte. Sie fand die Morgenschuhe besonders schön und konnte nicht begreifen, daß Nellie und Ilse ihr rieten, doch ein andres Muster zu wählen. Ihr gefielen diese roten Rosen, welche sie mit schwarzer Wolle ausfüllen wollte, ganz besonders gut. Als sie aus dem Laden auf die Straße traten, sah sich Rosi suchend um.

„Wo sind denn die Herren geblieben? Ich sehe sie ja garnicht.“

„Vielleicht ist dein Mann auch in eine Laden und kauft schöne Weihnachtsdinge für dir,“ meinte Nellie, „wir wollen die Straße hinuntergehen und in die Ladens schauen.“

Sie gingen weiter; aber die beiden Herren waren nirgends zu entdecken.

„Ich begreife das nicht,“ sagte Rosi kopfschüttelnd, „Adolf wollte doch bestimmt auf mich warten.“

„Dein Mann wird sich ja auch schon finden,“ meinte Ilse, welche sich über Rosi ärgerte, da diese ihre gute Laune durch den kleinen Zwischenfall schon wieder ganz eingebüßt hatte.

Rosi überhörte diese Worte, denn ihre Aufmerksamkeit wurde durch etwas andres in Anspruch genommen. Sie sah erwartungsvoll auf Nellie, der soeben von einem Jungen ein Zettel übergeben worden war, welchen sie eifrig las.

„O, das ist fein,“ rief sie und reichte Rosi den Zettel. „Unsre Männer sind im Rathauskeller und Alfred schreibt, wir möchten sie dort abholen.“

„Was,“ brauste Rosi auf und knitterte den Zettel zusammen, „Adolf sitzt im Wirtshaus, heute am Sonntagmorgen!“

Weiter sagte sie nichts, wurde aber blutrot und ging mit schnellen Schritten vorwärts. Nellie und Ilse wechselten einige verständnisvolle Blicke, und aus Nellies Schelmenaugen leuchtete etwas wie heimliche Schadenfreude über die angeführte Rosi.

„Hast du noch etwas zu besorgen, Rosi?“ fragte sie die aufgeregte Pastorin, „sonst können wir gleich nach das Rathaus gehen.“

„Ich begreife dich nicht, Nellie,“ gab Rosi unwillig zur Antwort. „Wir sind doch keine Studenten, daß wir in die Kneipe gehen können. Willst du deinen Mann abholen, dann tue es; bitte, entschuldige aber, wenn ich nach Hause gehe.“

„O, wir lassen dir nicht allein gehen, Rosi, natürlich gehen wir mit,“ entgegnete Nellie.

Eine rechte Unterhaltung kam zwischen den dreien nicht wieder zustande. Nellie und Ilse machten einige schwache Versuche, mit Rosi ein Gespräch anzufangen, aber sie antwortete kurz und einsilbig.

„Ich kenne unsre ‚artige Rosi‘ ja gar nicht wieder,“ flüsterte Ilse der Freundin zu.

„O, ich erstaune mich auch über ihr,“ gab diese ebenso leise zur Antwort, „was hat sie, daß sie ihr Mann nicht in der Kneip läßt? Sie ist eine Tyrann!“

Auf dem Nachhauseweg verbarg Rosi ihre Verstimmtheit hinter einer ungemütlichen Schweigsamkeit, aber man sah ihr an, wie es in ihr kochte und wie sie sich nur mühsam bezwang, ruhig zu erscheinen.

Desto gemütlicher war die Stimmung in dem Ratskeller, wo die beiden Herren in dichte Rauchwolken gehüllt in einer behaglichen Ecke saßen. Dem Pastor mundete das Bier nach langer Entbehrung herrlich, er war in eine redselige Laune gekommen und plauderte von alten Zeiten, als er noch ein fröhlicher Studiosus war.

„Tempi passati!“ sagte er mit einem leisen Seufzer. „Aber hier ist es auch gemütlich,“ fuhr er dann fort, indem er sich noch fester in seine Sofaecke zurücklehnte und in Erinnerungen versunken dem blauen Dampf seiner Zigarre zusah, wie dieser in die Höhe stieg und langsam zerrann.

„Nicht wahr, das Bier schmeckt Ihnen?“ fragte Althoff.

„O, das ist famos! Seit meiner Studienzeit habe ich es nicht so gut getrunken.“

Und er liebäugelte mit dem frisch gefüllten Glase, das vor ihm stand, und aus dem er dann einen tiefen Trunk tat. –

Der Doktor hatte öfter nach der Türe gesehen, da er noch immer hoffte, Nellie würde die Pastorin überredet haben, sie abzuholen.

„Ich dachte, Ihre Frau würde sich noch haben bewegen lassen, hierherzukommen,“ sagte er zum Pastor und fügte erklärend hinzu, als er dessen erstaunt fragende Augen auf sich gerichtet sah: „Ich hatte meiner Frau nämlich geschrieben, daß wir die Damen hier erwarteten.“

„So, so, das hatten Sie geschrieben? Werter Herr Doktor, meine Frau geht in kein Wirtshaus, sie sagte es ja noch heute morgen.“

„Das war doch nur Scherz,“ fiel Althoff ein.

„Nein, ach nein, in solchen Dingen scherzt meine Frau nicht.“

Ein bedauernder Zug glitt bei diesen Worten über die Züge des Pastors, von denen jetzt die ruhige Behaglichkeit verschwunden war. Der Gedanke an seine Frau machte ihn unruhig, er sah nach der Uhr und meinte, es wäre die höchste Zeit, daß sie gingen; energisch trieb er jetzt zum Aufbruch, an den er noch eben zuvor nicht gedacht hatte.

„Ich möchte doch meine Frau nicht warten lassen,“ sagte er, indem er sich seinen Überzieher anzog. Unterwegs schwärmte er noch immer von dem schönen Frühschoppen und erklärte scherzend, daß er bald mal wieder kommen würde, allein schon des guten Bieres wegen.

Als sie am Althoffschen Hause angelangt waren, überlegte er im stillen, wie er Rosi am besten beschwichtigen könnte und was er zu ihren Vorwürfen sagen wollte. Er stieg zögernd die Treppe hinauf und dachte: „Wie wird sie mich wohl empfangen?“ Aber Rosi empfing ihn besser, als er erwartete. Nellie und Ilse hatten es fertig gebracht, sie zu besänftigen, ihnen verdankte es der Pastor, daß er von seiner Frau zwar förmlich und gemessen, aber wenigstens ohne die erwartete Gardinenpredigt begrüßt wurde. Mit keinem Worte erwähnte sie, wo er gewesen war, und als Nellies Mann lebhaft bedauerte, daß die Damen nicht nachgekommen wären, schwieg sie auch. Der Pastor atmete erleichtert auf und setzte sich in bester Stimmung mit den übrigen zu Tische. Es schien, als erwarteten ihn heute lauter Genüsse. Doktor Althoff hatte einen feinen alten Wein aus dem Keller geholt und forderte lebhaft zum Trinken auf.

„Frau Pastor,“ sagte er zu Rosi, „Sie müssen aber[pg 102]besser trinken. Sie sind ja wahrhaftig noch beim ersten Glase. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrem Gatten, dessen Trunkfestigkeit ich heute morgen bewundert habe. Und zu spaßhaft ist es, daß er noch obendrein behauptet, er könne jetzt nichts mehr vertragen, als Student hätte er – nun, ich gebrauche die Worte Ihres Gatten – einen ganz anderen Stiefel vertragen können.“

Der Pastor rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und sah seine Frau, die nicht von ihrem Teller aufblickte und kein Wort erwiderte, scheu von der Seite an. Warum schwieg sie heute nur so beharrlich? Es wurde ihm nachgerade unheimlich, da es doch sonst ihre Art nicht war. Wenn nur der Doktor auf ein andres Thema kommen wollte, aber immer wieder fing er an, alle möglichen Studentenfahrten zu erzählen, die der Pastor ihm diesen Morgen in fröhlicher Kneiplaune zum besten gegeben hatte. Die bedeutungsvollen Blicke, die er ihm zuwarf, schien er nicht zu verstehen, ja als er ihn mit dem Fuße anstieß, zog er den seinigen schnell fort, als wäre er aus Versehen dagegen gestoßen. Nellie und Ilse unterhielten sich köstlich und hörten aufmerksam zu, aber seine Frau verzog keine Miene.

„Wenn sie nur einmal ein Wort sagte,“ dachte er, ihre Ruhe kam ihm zu unnatürlich vor. Bis jetzt wußte sie noch nichts von allen seinen lustigen Streichen. Er hatte sie ihr wohlweislich verschwiegen, denn ihr pedantischer Sinn würde dieselben doch nicht begriffen haben. Und doch, wie schön war seine lustige Studentenzeit gewesen, wie übermütig hatte er damals sein können. Aber das war schon lange, lange her!

Zum zweitenmal heute wurden diese Erinnerungen lebhaft in ihm wachgerufen. Von seinen Jugendlieben hatte er dem Doktor leichtsinnigerweise auch erzählt; wenn er wenigstens davon schwieg, aber in demselben Augenblick schlug auch schon das Wort „Flammen“ an sein Ohr, und mit ahnungsloser Breite erzählte Althoff, wieviel reizenden Mädchen jener[pg 103]nachgelaufen wäre. Der Pastor senkte bei diesen Erzählungen die Augen wie ein junges Mädchen, denn er fühlte, daß jetzt Rosis Blick strafend auf ihm ruhte. Verlegen griff er immer wieder zu seinem Weinglas und stürzte einige Gläser voller Hast hinunter. Er suchte nach einem Ausweg, dem Gespräch eine andre Wendung zu geben. Ängstlich sann er darüber nach, stand dann plötzlich auf und schlug mit dem Messer an sein Glas. Als Rosi ihres Mannes gerötete Wangen und glänzende Augen sah, sprang sie auf und ging zu ihm.

„Bitte, lieber Adolf, setze dich wieder,“ sagte sie anscheinend sanft und legte die Hand auf seine Schulter. Da drehte er sich herum und wollte den Arm um sie schlingen, aber unwillig wich sie zurück.

„Ich wollte mich nur bei unsern liebenswürdigen Wirten für die freundliche Aufnahme bedanken, Röschen,“ sagte er lächelnd. „Für die wirklich reizende Aufnahme, die wir hier gefunden haben.“ Ohne sich von Rosis strengem Gesicht beirren zu lassen, fuhr er zu dem jungen Ehepaar gewendet fort: „Sie müssen uns auch recht bald besuchen, und dann kommen wir auch wieder zu Ihnen, denn es ist zu schön hier. Der Wein ist köstlich, das Essen schmeckt so gut und Sie, lieber werter Herr Doktor, sind ein so prächtiger Mann,“ hier erhob er seine Stimme, „und die Frau Doktor ist eine kleine famose Frau. Ach, so etwas haben wir nicht auf unsrem einsamen Lande. – Röschen, laß mich doch,“ wehrte er seine Frau ab, die sich ihm wieder genähert hatte und ihn zum Schweigen bringen wollte, „ich muß doch den guten braven Leuten danken! Komm Schatz, gib mir einen Kuß.“

Er breitete die Arme aus und wollte sie küssen, aber nun riß Rosis Geduld, sie stieß ihn unsanft zurück und lief zum Zimmer hinaus.

Der Pastor bemerkte kaum den Unwillen seiner Frau.

„Herr Doktor, die lustige Studienzeit soll leben!“ rief er, indem er Althoff sein Glas entgegenhielt, und in seliger Stimmung begann er das alte Burschenlied zu singen:

„Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus.“

„O, wie dumm von sie,“ sagte Nellie halblaut, stand auf und ging Rosi nach. Sie fand sie im andern Zimmer, aufgelöst in Tränen.

„Was hast du?“ fragte Nellie, „warum weinst du?“

„Du fragst auch noch,“ schluchzte die Pastorin, „und weißt recht gut, warum ich weinen muß? Meinst du, es ist mir angenehm, daß sich mein Mann so beträgt?“

„O,“ gab ihr Nellie entschieden zur Antwort, „dein Mann hat ein gut Betragen. Was macht es, er hat ein klein Schwips und ist lustig, das schadet doch nix?“

„Wenn seine Amtsbrüder das sähen, er müßte sich ja zu Tode schämen!“

„Laß doch die dumme Amtsbrüder, sie wissen ja nichts davon. Komm Rosi, geh wieder hinein und tue, als wäre nichts geschehen. Es ist gewiß das klügste, was du tun kannst.“

Sie faßte die Weinende unter den Arm und wollte sie fortziehen, aber Rosi entwand sich ihr schnell und sagte beleidigt:

„Du denkst über solche Sachen eben anders, als ich, liebe Nellie; ich kann mich aber nicht so leicht darüber hinwegsetzen. Ich gehe nicht mit! Bitte, schicke das Mädchen nach unsrem Wagen, daß er sofort kommt; ich will nach Hause fahren.“

„O nein, du mußt noch bleiben,“ rief Nellie.

„Nein, auf keinen Fall,“ entschied Rosi kategorisch und achselzuckend schwieg Nellie. Sie ärgerte sich über Rosis Halsstarrigkeit und merkte, daß ihre Bitten nichts ausrichten würden. Im stillen glaubte sie auch, daß nach diesem Auftritt keine rechte Stimmung wieder aufkommen würde, und[pg 105]deshalb gab sie dem Mädchen den Auftrag, den Wagen zu bestellen, ohne Rosi noch weiter zum Bleiben zu nötigen.

„Es tut mir leid, daß du fort willst,“ sagte sie zu ihr, die mit dem Taschentuche ihre geröteten Augen trocknete.

„Ja, mir auch, Nellie, aber glaube mir, es ist das beste, wenn wir fahren; habe vielen Dank für deinen freundlichen Empfang. Und nun komm, ich will meinem Mann sagen, daß der Wagen gleich da sein wird.“

Den Pastor schien das Verschwinden seiner Frau nicht tief berührt zu haben. Er unterhielt sich lebhaft mit Althoff und hatte mit Ilse wiederholt auf das Wohl ihres Bräutigams angestoßen, was ihr jedesmal eine tiefe Röte in die Wangen trieb.

Rosi beherrschte sich und zeigte ein anscheinend ruhiges Gesicht, als sie ins Zimmer trat. Sie trug ihren Hut in der Hand und ihren Mantel über dem Arm und legte beides auf einen Stuhl.

„Lieber Adolf,“ sagte sie, zu ihrem Manne tretend, „willst du dich zurecht machen, ich habe den Wagen bestellt und er wird sogleich vorfahren.“

„Was, Röschen, geliebtes Weibchen, du willst schon fort?“ fragte er.

„Ich bitte dich, Adolf, komm, es ist die höchste Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.“

Krampfhaft nahm sie sich zusammen, und unheimlich sanft klang ihre Stimme.

Aber Adolf hatte noch keine Lust zum Gehen. So heiter und fidel war er seit Jahren nicht gewesen. Lustig sang er:

„Nach Hause gehn wir nicht,Nach Hause gehn wir nicht,Nach Hause gehn wir lange nicht – –“

„Nach Hause gehn wir nicht,

Nach Hause gehn wir nicht,

Nach Hause gehn wir lange nicht – –“

„Aber Adolf, Adolf, ich begreife dich nicht,“ unterbrach ihn Rosi, „so komm doch nur, ich will fort!“

„Bleiben Sie doch noch, Frau Pastorin,“ bat Althoff jetzt, aber ein verständnisvoller Blick seiner Frau bedeutete ihn, daß er seine Bitte nicht wiederholen solle. Rosi antwortete auch gar nicht darauf; voller Verzweiflung zupfte sie ihren Mann verstohlen am Ärmel und trieb fortwährend zum Aufbruch.

Aber alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen, prallten an ihm ab.

„Nein, ich bleibe hier, du kannst allein fahren,“ erklärte er mit einer geradezu hartnäckigen Entschiedenheit und blieb sitzen. Rosi war außer sich und kämpfte von neuem mit den Tränen.

Der gutherzigen Nellie tat sie nun doch leid, sie schlang ihren Arm um sie und führte sie fort.

„Zieh dich deine Sachen an, dein Mann kommt dann schon,“ sagte sie und gab ihr den Mantel.

„Das kommt von dem Wirtshausgehen,“ fuhr die empörte Pastorin heraus, mit einer Miene, als hätte sie in dieser Beziehung schon die trübsten Erfahrungen in ihrer jungen Ehe gemacht.

Nellie lächelte, aber sagte nichts. Rosi war zu aufgeregt, in ihren Ansichten zu erhaben und halsstarrig, als daß sie ihr eine andre Meinung hätte beibringen können.

Ilse meldete jetzt, daß der Wagen vorgefahren sei. Von neuem ging Rosi zu ihrem Manne.

„So, ich bin fertig, willst du nun kommen?“

Er rührte sich nicht vom Platze.

„Aber Adolf,“ drängte sie wieder mit weinerlicher Stimme.

Lachend sah er sie an. Als er aber ihre heißen roten Wangen und ihre zornig funkelnden Augen bemerkte, erhob er sich endlich.

„Ich bliebe so gern noch bei den guten Leuten, es ist so reizend hier; warum müssen wir denn schon fort, Röschen? Was hast du denn für Eile?“

Unter solchen Beteuerungen und Fragen, die er fortwährend wiederholte, machte er sich zum Aufbruch bereit. Rosi verfolgte seine Bewegungen mit angstvollem Gesicht, es kam ihr vor, als ginge er unsicher die Treppe hinunter, als wäre sein Gang schwankend! Es war zu schrecklich, wie konnte er sich so weit vergessen! Sie war froh, daß es schon fast dunkel draußen war, da sah ihn wenigstens niemand.

„Röschen,“ sagte der Pastor unten zu ihr, „sage dem Kutscher, daß der Wagen aufgemacht wird, ich möchte beim Fahren in die Sterne sehen.“

Sie gab keine Antwort und riß die Wagentüre auf.

„Sage dem Kutscher, daß er den Wagen aufmacht, Kind,“ wiederholte er.

„Ich glaube, Herr Pastor,“ warf Althoff ein, „zum Fahren im offenen Wagen ist es heute abend zu kühl, Sie könnten sich erkälten.“

„Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese Idee kommst, lieber Adolf,“ sagte Rosi unliebenswürdig, „wir sind doch nie im offenen Wagen gefahren. Aber bitte, nun beeile dich und steige ein, damit ich dir die Sachen zureichen kann.“ Sie drängte ihn zur Wagentüre. Er stieg aber nicht ein, sondern erklärte mit Bestimmtheit: „Der Wagen soll offen sein, sonst fahre ich nicht mit!“

„Herr Pastor, Ihre Frau hat recht,“ legte sich nun Nellie ins Mittel, die bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht ein Ungewitter aufziehen sah, „es ist keine schöne Luft diese Abend, ein ander Mal können Sie der Sterne besehen.“

Sie sprach das erlösende Wort, denn der Pastor bestand nicht länger auf seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und drückte ihr die Hand.

„Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schön, zu schön,“ versicherte er voll Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff, als nähme er Abschied, mindestens um nach Amerika zu gehen; dann übermannte ihn die Rührung, er konnte[pg 108]nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang hinter ihm her, machte schnell die Türe zu, als hätte sie Angst, daß er wieder entschlüpfen könnte, und trieb den Kutscher zur Eile an. Sie sah noch flüchtig aus dem Fenster und nickte den draußen Stehenden zu, dann zog sie die verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerfälligen Gäule, durch einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam an, und die große Kutsche rumpelte von dannen.

Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich Nellie und Ilse ungestüm ins Sofa und brachen in ein unbändiges Gelächter aus.

„Ihr seid doch noch recht alberne Kinder,“ sagte Althoff kopfschüttelnd. Aber Nellie sprang auf, hing sich an seinen Hals und drehte ihn im Kreise herum.

„Kein strenge Wort, Fred,“ rief sie lustig, „ich muß mir erst auslachen über den Pastoren-Ehepaar.“

„Ich finde, daß es hier nichts zu lachen gibt, Nellie,“ sagte er ernst. „Diese Szene zwischen den beiden war sehr peinlich, und ich habe mich über Rosi geärgert. Ich kenne sie nicht wieder; aus dem fügsamen sanften Mädchen ist eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben schwer zu machen scheint.“

„Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verändert hat,“ sagte Ilse. „Sie hat ihren Mann vollständig unter dem Pantoffel.“

„O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch’ schlecht ergehen,“ rief Nellie. „Ich möcht nicht in seine Fell sitzen, wie viel artige Redens wird ihn Rosi halten. O, und er war so lustig, er tut mich leid!“

„Rosi hat nicht nur töricht, sondern auch unrecht gehandelt; sie hätte mit Scherz über die Sache weggehen sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche Ungemütlichkeit hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es[pg 109]so weit gekommen. Sie hat sich lächerlich gemacht. Es ist durchaus unwürdig von einer Frau, wenn sie stets ihren Willen durchsetzen will.“

Ilse war bei diesen Worten ihres früheren Lehrers nachdenklich geworden. Hatte sie bis jetzt auch stets ihren Willen durchsetzen wollen und dachte sie nicht, daß es in der Zukunft auch so sein müßte? Ja, Doktor Althoff hatte recht, es machte einen lächerlichen, unwürdigen Eindruck, wenn die Frau herrschte und der Mann sich fügte. Heute hatte sie sich davon überzeugen können. Ein Pantoffelheld, wie gräßlich, nein, den möchte sie nicht zum Manne haben. Und doch, wenn sich Leo jetzt und künftig immer ihrem Willen fügen sollte, würde er etwas anderes sein? Hätte sie nicht so gedacht, wäre es so weit gekommen? Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte nachgegeben? Vergab sie sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf, wenn sich Nellie den Wünschen ihres Mannes in bereitwilligster Weise fügte und war sie deshalb eine untergeordnete Natur ohne selbständigen Willen? Nein, durchaus nicht, Nellie war nur klug, sie verstand es, fügsam zu sein, und erreichte durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen Widerstand; das hatte Ilse schon oft bemerkt. – Ein Gefühl der Reue wallte plötzlich heiß in ihr auf, und sie gestand sich, daß alles anders wäre, wenn sie nur das eine Mal nachgegeben hätte.

„Du bist ja so still geworden,“ sagte Nellie, „an was denkst du?“

„Ach, an gar nichts,“ gab sie ausweichend zur Antwort.

„Nellie,“ fragte sie dann nach einer Weile plötzlich, „nicht wahr, du magst es doch auch nicht leiden, wenn der Mann unter dem Pantoffel steht?“

„O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich verachte ihn,“ rief die junge Frau. –

Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft[pg 110]bei Leo, und die ganze Nacht träumte sie von ihm. Sie war mit ihm zusammen, er sah aber ganz anders aus, als sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der Unterwürfigkeit des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: „Ja, ganz wie du wünschest, mein Kind.“ Das fand sie schrecklich und wurde schließlich ärgerlich, bis er ihr sagte: „Du willst ja, daß ich mich dir in allem fügen soll. Nur weil ich es nicht tat, hast du mich doch verlassen.“ Sein blasses, demütiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung, und sie flehte ihn auf den Knien an, daß er doch wieder anders werden möchte, so wie er früher war; sie wollte sich auch ändern und sie könnten dann wieder so glücklich sein wie früher. Als sie hierauf sehnsüchtig die Arme nach ihm ausstreckte, um ihn an ihr Herz zu drücken, griff sie in die leere Luft, – das Traumbild war verschwunden. Da quälte sie die Reue und entlockte ihr heiße Tränen, und als sie endlich aufwachte, fühlte sie, daß sie wirklich geweint hatte, und der Traum zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt käme, ihn wohl mit offenen Armen empfangen würde? Ja, ach wie gern, antwortete ihr Herz. – „Aber er kommt ja nicht,“ dachte sie traurig, „denn er liebt mich nicht mehr. Und doch wollte ich anders werden, käme er mich zu holen, aber mich so weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das kann ich nicht, das darf er nicht von mir verlangen.“ –

* * *

Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner Braut.

Wie Ilse hoffte, daß er ihr schreiben oder zu ihr kommen würde, so begrüßte auch er jeden neuen Tag in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihr zu erhalten und jeden Abend ging er enttäuscht zur Ruhe. Eine rastlose Unruhe ergriff ihn schließlich, er versuchte sich durch eine angestrengte[pg 111]Tätigkeit zu betäuben, aber es fehlte ihm die Lust am Arbeiten. Er suchte Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergnügen daran. Nichts half ihm, sein jetziges Leben erträglicher zu machen, die peinvollen Zweifel zu verscheuchen, die in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben? Diese Frage quälte ihn unzählige Male, und doch, – nein, nein, das war ja nicht möglich, so zuversichtlich kann man nicht auf einen Menschen bauen, um dann getäuscht zu werden. Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich, daß er nach diesem Fall eine Versöhnung zwischen ihnen herbeiführen könnte? Er hatte fest darauf gerechnet, daß sie einsehen würde, wie unrecht sie ihm getan habe, und daß sie umkehren würde auf dem gefährlichen Wege, den sie beschritten hatte. Sie unterwarf seine Liebe einer harten Prüfung. War sie derselben so sicher, oder war sie ihr gleichgültig?

Sein verschlossenes, verändertes Wesen fiel seinen Eltern auf, doch ohne Arg, den wahren Grund nicht ahnend, schoben sie es auf sein angestrengtes Arbeiten, das er auf ihre besorgten Fragen vorschützte. Sie wären tief betrübt gewesen, hätten sie gewußt, was zwischen dem Brautpaar vorgefallen war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzählt, daß Ilse einige Zeit bei ihrer Freundin zubrachte und bei seinen seltenen Besuchen im Elternhause wußte er das Gespräch immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages erklärte er seinen Eltern, daß er sich einige Zeit Urlaub genommen habe, da er fühle, wie er der Erholung, der Auffrischung bedürfe. Deshalb habe er vor, für einige Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort seine Studien fortsetzen wolle.

Herr und Frau Gontrau waren über den plötzlichen Entschluß wohl etwas verwundert, aber Herr Gontrau billigte ihn vollständig und fand es sehr lobenswert, daß er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise benützte. Frau Annes kluge und diplomatisch abgefaßte Briefe an Gontraus[pg 112]ließen keinen Argwohn in ihnen aufkommen. Sie bestellte ihnen Grüße von Ilse, entschuldigte ihr Schweigen auf die beste, glaubhafteste Art und vertröstete sie immer von neuem auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder durch alle möglichen Ausflüchte erklären mußte; Ilse hatte nämlich auf ihre Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel und oft nach ihr fragten, nicht einmal schreiben wolle, geantwortet, daß ihr dies unmöglich sei. Und Frau Anne dachte, es wäre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe, denn das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhältnissen haben würde, mußte die Eltern Leos, denen sie stets eine kindliche Liebe entgegen gebracht hatte, und die mit so großer Zärtlichkeit an der Schwiegertochter hingen, doch befremden.

Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen Schwiegereltern verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war er nur selten bei ihnen gewesen. Zwischen seinem Schwiegervater und ihm war eine Spannung entstanden, denn Herr Macket konnte es ihm nicht verzeihen, daß er seinem Liebling nicht nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau Anne war es zwar gelungen, ihren Mann davon zu überzeugen, daß Leo über Ilsens kühnen Streich nicht mit Leichtigkeit hinweg gehen könnte, aber die Sehnsucht nach seinem Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrücken, wenn er schließlich auch einsah, daß derselbe ungerecht war.

Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner Schwiegermutter über Ilse gesprochen, und auch sie erwähnte sie nicht. Frau Anne teilte Nellie mit, daß Leo nach Paris gereist wäre. „Was wird Ilse dazu sagen?“ schrieb sie. „Ich fürchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden sein. Ich aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung für Leo notwendig, denn er ist blaß und ernst geworden, und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der Kummer auf[pg 113]ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Ich hege die besten Hoffnungen für Ilses Bekehrung, aber manchmal zage ich doch, und dann denke ich voll Angst und Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht bricht, was wird dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das weiß ich, denn an einem einmal gefaßten Entschluß hält er mit eiserner Beharrlichkeit fest. Sollen die beiden jungen Menschen eines unglückseligen Mißverständnisses wegen für ihr ganzes Leben unglücklich werden? Es wäre schrecklich, und diese Strafe zu hart für Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau Doktor, baue ich am meisten und ich glaube, daß es Ihnen am besten gelingen wird, unser Kind auf den richtigen Weg zurückzuführen. Sie haben einen großen Einfluß auf Ilse, welche Sie schwärmerisch liebt, und darum hoffe ich innig, daß Sie es vermögen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide sehr unter den jetzigen Verhältnissen und mag das meinem Manne nicht zeigen, dem die Trennung von Ilse ohnedies so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen, kleine Frau, und schütte mein Herz aus und hole mir Trost bei Ihnen! Der Himmel gebe, daß sich noch alles zum Besten wende!

Ihre mütterliche FreundinAnne Macket.“

Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb Frau Anne umgehend wieder, und in ihrer drolligen gemütvollen Weise schilderte sie ihr die Beobachtungen, welche sie bei Ilse anstellte.

„Es geht schon besser mit sie,“ hieß es in dem Briefe, „sie versinkt in eine tiefe Nachdenken und tut Fragen an mir, bei denen ich in ihr Inneres schaue. O, zagen Sie nicht, Ilschen liebt ihren Bräutigam noch, und wenn man sie in Ruhe läßt, wird sie eines Tages eine Einsicht haben und seine Verzeihung erbitten. Von der Reise nach[pg 114]Paris sage ich ihr nix, denn ich glaube auch nicht, daß sie dieser Reise gern sieht!“ – –

* * *

Bei Flora war große Gesellschaft! Die Gäste waren schon zum Teil versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten. Sie wurden von Flora stürmisch begrüßt, und dann stellte sie Ilse vor, deren neue Erscheinung mit Neugierde gemustert wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem hartblauem Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor der Brust, die ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft hervorhoben, näherte sich Ilse sofort und überhäufte sie mit einer Menge Fragen, so daß das junge Mädchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande war, sie alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine Lust dazu, denn die Neugierde dieser Dame war ihr zu unangenehm, und sie wunderte sich, daß Nellie, welche daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswürdigsten Weise die gewünschte Auskunft gab, und als sie von der Dame für einen der nächsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde, bereitwilligst zusagte.

„Da gehe ich aber nicht mit,“ dachte Ilse. Zu Nellie sagte sie später leise: „Wer ist denn eigentlich diese schreckliche Frau, die alles wissen muß? Ich hätte ihr an deiner Stelle keine ihrer neugierigen Fragen beantwortet.“

„O, wär ich ein dummes Ding,“ entgegnete Nellie mit schlauem Lächeln, „denn diese Dame ist die Frau vom Direktor, hat viel Einfluß auf ihr Mann, und wenn ich unfreundlich bin gegen ihr, muß arme Fred büßen. Ich mag ihr auch nicht, aber ich bin klug.“

„In ihren Kaffee brauchen wir aber doch nicht zu gehen, nicht wahr?“

„Natürlich,darling, da müssen mir hin und uns fein brav benehmen,“ neckte Nellie die Freundin.

Ein junger Mann trat in diesem Augenblick zu den beiden und reichte Ilse den Arm, um sie zu Tisch zu führen. Es war der Assistent von Floras Mann, Doktor Andres, dessen liebenswürdiges Benehmen und kluges, vornehmes Gesicht Ilse schon vorhin bei der Vorstellung aufgefallen war.

Im altdeutschen Eßzimmer stand die lange gedeckte Tafel, die Ilse schnellen Blickes überflog. Zwei Lampen, deren schwaches Licht durch rosa Lampenschirme noch mehr gedämpft wurde, standen zu beiden Enden des Tisches. In der Mitte prangte ein phantastisch aufgeputzter Tafelaufsatz, mit Blumen und Früchten in wirrem Durcheinander gefüllt, der sein Haupt bedenklich nach der einen Seite neigte. Das war Florchens Werk, man sah es auf den ersten Blick. Jeder fand auf seinem Platz einen von Flora verfaßten Vers, in einem Blumensträußchen versteckt. Mit strahlenden Augen erntete sie jedes Lob ein, das ihr über ihre dichterische Begabung gespendet wurde; freilich die spöttischen Mienen dabei bemerkte sie nicht. Ilses Verschen besang in überschwenglicher Weise die junge Braut. Sie las den Zettel und legte ihn dann errötend neben sich hin. Ihr gegenüber saß Flora mit dem jungen Referendar, den sie damals getroffen hatte, als sie ihren ersten Besuch bei Flora machte. Er hatte eben das zusammengefaltete Papier aus seinem Blumenversteck hervorgezogen und las mit lächelnder Miene den für ihn bestimmten Vers. Erwartungsvoll sah ihn Flora an und ließ sich dann mit vielem Behagen seine süßlichen Schmeicheleien gefallen. Das war ein Scherzen und Lachen, Flora schien während der ganzen Zeit bei Tische nur Auge und Ohr für ihren Nachbar zu haben. Wie unvorteilhaft sah die junge Frau heute wieder aus! Überladen mit Spitzen und Blumen war ihr Anzug. Unwillkürlich mußte Ilse an Floras griechische Haarfrisur denken, damals als sie in der Pension die erste Tanzstunde mit Herren[pg 116]hatten. Es war doch zu komisch gewesen, wie sie da alle vor der Tür standen und die mutwillige Grete dem klassisch frisierten Haupt einen Stoß gab, daß es gegen die Türe flog. Ein vergnügtes Lächeln huschte bei dieser Erinnerung über Ilsens Gesicht.

„Sie scheinen an etwas sehr Angenehmes zu denken,“ unterbrach die Stimme des jungen Arztes ihre Gedanken, während er die jugendlich frische Mädchengestalt im einfachen weißen Kleide mit Wohlgefallen betrachtete.

„Natürlich, Herr Doktor,“ rief Flora über den Tisch herüber, „Fräulein Ilse denkt an etwas sehr Schönes, an ihren Bräutigam nämlich.“ Und der Referendar hob sein Glas in die Höhe und hielt es ihr entgegen.

„Der Glückliche soll leben,“ sagte er. Eine heiße Röte stieg in Ilses Wangen, zögernd nahm sie ihr Glas und stieß mit ihm an. Der helle Ton der beiden Gläser tönte wie ein schriller Mißklang in ihrem Ohre, und der Blick, den ihr der junge Mann dabei zugeworfen hatte, war so durchdringend, als suchte er in ihrer Seele zu lesen, was sie in diesem Augenblick bewegte. Verlegen schlug sie die Augen nieder, aber selbst durch die gesenkten Lider fühlte sie seine brennenden Blicke auf sich gerichtet.

„Gnädiges Fräulein, darf auch ich mir erlauben, auf das Wohl Ihres Herrn Bräutigams anzustoßen?“

Wie liebenswürdig klang diese Bitte ihres Nachbars! Ohne Scheu sah Ilse auf und blickte in ein Paar ruhige ernste Augen, denen sie nicht auszuweichen brauchte.

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise und griff nach ihrem Glase.

Doktor Andres glaubte ihr nichts lieberes erweisen zu können, als wenn er in dem Gesprächsthema fortfuhr; denn wovon konnte man eine Braut besser unterhalten, als von ihrem Bräutigam? Er fragte, wie lange Ilse schon verlobt wäre, wann sie heiraten würde und was ihr Verlobter[pg 117]wäre. Sie hätte ihm vielleicht unbefangener geantwortet, wenn sie die Augen ihres Gegenüber nicht unablässig auf sich ruhen gefühlt, wenn sie nicht empfunden hätte, mit welcher Aufmerksamkeit jedes ihrer Worte drüben belauscht wurde.

„Ich habe unter meinen Studiengenossen einen sehr lieben Freund,“ sagte der Arzt zu Ilse, „der auch Jurist war und jetzt schon längere Zeit wohlbestallter Assessor ist. Vor ungefähr zwei Jahren bekam ich seine Verlobungsanzeige, und er kündigte mir dabei mit wenigen Zeilen einen ausführlichen Brief an, der bald eintreffen sollte, aber bis heute noch nicht erschienen ist. Die alten Beziehungen scheinen zu erkalten, wenn man verliebt und verlobt ist, wahrscheinlich nehmen die Liebesbriefe zu viel Zeit in Anspruch. Sie müssen das ja aus Erfahrung wissen, gnädiges Fräulein. Ich bin von Heidelberg, wo wir einige Semester zusammen studierten, nach Berlin gegangen und seit einem halben Jahre bin ich hier am Hospital Assistent des Doktor Gerber. – Mein Freund wird sich wundern, wenn ich nächstens von hier aus einen Angriff auf ihn ausüben werde, denn ich möchte gern mal wieder etwas von ihm hören. Vielleicht ist er schon in den Hafen der Ehe eingelaufen und ein biederer, solider Ehemann geworden. Ich kann ihn mir als solchen nicht vorstellen, er war ein urfideles Haus, ein famoser Korpsbruder, der gute Gontrau.“

Es war ein Glück, daß er sich eben jetzt zur Seite wandte, weil ihm seine Nachbarin eine Schüssel reichte, und daß er deshalb nicht bemerken konnte, wie Ilse bei der Nennung dieses Namens zusammenfuhr und blaß wurde. Und wieder begegnete sie den forschenden Blicken des Referendars, der wie auf der Lauer zu sitzen schien und dem, trotz der lebhaften Unterhaltung mit Flora, nichts von dem Gespräch des ihm gegenübersitzenden Paares entging. Ilses Zusammenschrecken bei dem bewußten Namen interes[pg 118]sierte ihn augenscheinlich aufs höchste. Was für eine Bewandtnis mochte es damit haben? Plötzlich überflog ein triumphierendes Lächeln seine Züge, er beugte sich zu Flora hinüber und fragte sie, wie der Bräutigam von Fräulein Macket hieße. Trotzdem er leise gesprochen hatte, hörte Ilse doch seine Frage, und voller Angst, daß ihr Nachbar Floras Antwort vernehmen könnte, richtete sie schnell einige gleichgültige Worte an ihn. Erleichtert atmete sie auf, als gleich darauf die Tafel aufgehoben wurde und der junge Doktor sie in das andre Zimmer führte. Sie hätte so gerne Nellie gesprochen, aber die Freundin hatte ihr mit einem innigen Händedruck freundlichst zugenickt und saß jetzt neben einer alten Dame, mit der sie sich eifrig unterhielt. So mußte sie sich denn bis später gedulden und kam der Aufforderung eines jungen Mädchens, neben ihr Platz zu nehmen, gerne nach. Die Herren hatten sich zum Teil in das Rauchzimmer zurückgezogen, und Flora hüpfte von einem zum andern. Sie wollte durchaus die liebenswürdige Wirtin spielen, was ihr aber schlecht gelang, denn durch ihr fahriges Wesen versetzte sie ihre Gäste mit in Unruhe.

„Sie müssen uns etwas vorsingen,“ wandte sie sich jetzt an das junge Mädchen neben Ilse, die jedoch gegen diese Zumutung eifrig Einsprache erhob, da sie ganz heiser wäre und so lange nicht gesungen hätte. Mit diesen üblichen Ausreden suchte sie sich frei zu machen, aber Flora ließ nicht locker.

„Sie müssen, Liebste,“ entschied sie schließlich kurzweg und ging in ein kleines Nebengemach, wo ein Klavier stand, das sie öffnete. Nachdem sie noch die Lichter angezündet und aus einem Schrank einen Stoß Noten hervorgeholt hatte, den sie auf das Instrument warf, kam sie zurück und zog die junge Dame, die ihr wie ein Opferlamm folgte, mit sich fort. Eine geraume Zeit stöberten die beiden in den ungeordneten Noten herum, und als sie endlich etwas[pg 119]Passendes gefunden hatten, ertönte ein lauter Akkord, der energisch um Ruhe zu bitten schien. Die Unterhaltung im Damenzimmer verstummte denn auch sofort, und die Herren in Doktor Gerbers Zimmer dämpften ihre Stimmen. Einen Genuß konnte man die nun folgende musikalische Aufführung nicht nennen, denn die gänzlich ungeschulte Stimme war nur dünn und klein, und der ebenso mangelhafte Vortrag konnte dafür nicht entschädigen. Man brauchte ja nur das junge Mädchen mit der schlechten Haltung und der eingefallenen Brust anzusehen, aus der unmöglich ein freier Ton hervorquellen konnte. Die Damen hatten ihre Plätze verlassen und sich in dem Musikzimmer im Halbkreis dicht hinter der Sängerin gruppiert, was dieselbe vollends befangen machte und aus der Fassung brachte. Sie kam denn auch mehrere Male aus dem Takt, und es erklangen infolgedessen solche Disharmonien, daß einige der Zuhörerinnen das Taschentuch vor den Mund nahmen, um ihre Heiterkeit zu verbergen. Ilse fand den Gesang abscheulich, und da sie sich dabei langweilte, schlich sie sich leise von der offenen Türe, in welcher sie gestanden hatte, fort und trat an ein kleines Tischchen, das neben dem Blumentisch stand und mit Büchern und Bildern bedeckt war. Dorthin setzte sie sich und blätterte mechanisch in den Büchern.

Es war ihr sehr erwünscht, jetzt nicht sprechen zu müssen, denn der Gedanke, daß der junge Mediziner ein Freund Leos war, beschäftigte sie unaufhörlich. Sie entsann sich jetzt auch, von Leo den Namen Andres öfter gehört zu haben. Gerne hätte sie sich bei Tisch noch von ihm erzählen lassen, ihn nach manchem gefragt, aber der scharfe Beobachter gegenüber lähmte ihre Zunge. Der Gesang hatte jetzt auch teilweise die Herren herangelockt, nur Floras Mann ließ sich in seinem lebhaften Gespräch mit einem Kollegen nicht stören, und er mußte es sich daher gefallen lassen, daß seine Frau ihn zur Ruhe verwies.

„Dieses ewige Fachsimpeln von dir ist schrecklich,“ sagte sie halblaut und scheinbar im Scherz. „Du solltest doch auch für höhere Genüsse zugänglich sein, lieber Ernst.“

„Du weißt, Kind,“ antwortete er freundlich, „ich bin nun einmal ein Musikbarbar. Weil ich absolut nichts davon verstehe, habe ich auch kein Interesse dafür.“

„Ja, leider,“ sagte Flora, ihm verdrießlich den Rücken wendend, und ging wieder in das andre Zimmer.

„Es ist traurig,“ sagte sie mit einem vielsagenden Blick zu Herrn Lüders, „wenn alle Poesie, alles Höhere in dem Materiellen und Nüchternen untergeht. Mein Mann hat für nichts weiter Sinn als für seine Kranken.“

Der Referendar gab ihr eine zerstreute Antwort, er hatte jetzt Wichtigeres zu sehen und zu hören, als Flora mit ihrem Klagelied. Scheinbar ganz in die Musik vertieft, saß er auf einem Sessel und hatte den Kopf in die Hand gestützt, als wollte er sich von nichts ablenken lassen, was ihm den köstlichen Genuß stören könnte. Durch seine Finger aber sah er unverwandt nach dem kleinen Tisch hinüber, wo Ilse sich eingehend mit Doktor Andres unterhielt, der sich eben zu ihr gesetzt hatte. Ilse war heimlich darüber erfreut gewesen, denn nun bot sich vielleicht die Gelegenheit, ihn nochmals nach Leo zu fragen, und sie sann darüber nach, wie sie das Gespräch auf ihn bringen könnte, ohne daß er es auffällig fände.

„Sie lieben wohl die Musik nicht, gnädiges Fräulein?“ richtete der junge Mann das Wort an sie. „Ich vermute dies wenigstens, weil diese Bücher Sie viel mehr zu interessieren scheinen, als der Gesang.“

„O doch,“ erwiderte Ilse schnell, „aber offen gestanden, diese Stimme und der Vortrag sind doch zu schlecht, finden Sie nicht auch?“

Er nickte lachend.

„Übrigens ist mein Urteil gänzlich unzulänglich,“ meinte[pg 121]er dann, „denn ich habe es nur bis zu den Kneipliedern gebracht und selbst diese sang ich falsch; ich habe deswegen auch von meinen Heidelberger Freunden manchen Spott ertragen müssen.“


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