Ilse bebte vor innerer Erregung; jetzt konnte sie ihn wohl nach Leo fragen, ohne daß er Argwohn schöpfen würde.„In Heidelberg ist es wohl sehr schön?“ fragte sie unbefangen.„O,“ rief er entzückt, „wenn es ein paradiesisches Stück Erde gibt, so ist es Heidelberg. Sie müssen es sehen und kennen lernen und werden mir recht geben. Wenn ich mich mal verheiraten sollte, dann würde ich meine Hochzeitsreise entschieden nach Heidelberg machen.“„Diesen guten Rat können Sie ja ihrem Freunde geben,“ unterbrach ihn jetzt Ilse, „von welchem Sie mir[pg 122]vorhin erzählt haben, der verlobt ist und dem Sie nächstens schreiben wollen. Wie hieß er doch, Gontring? Verzeihen Sie, ich habe den Namen wieder vergessen.“„Gontrau,“ verbesserte er.„Richtig, Gontrau,“ wiederholte sie leise und schlug die Augen nieder, damit diese ihm nicht verrieten, welche Heuchlerin sie in diesem Augenblick war.„Gontrau und ich,“ fuhr der Doktor fort, dem man die Freude an diesem Gespräch auf dem Gesichte las, „haben eine herrliche Studienzeit in Heidelberg verlebt. Er war ein ausgelassener lustiger Mensch; wie viel tolle Streiche haben wir zusammen ausgeführt! Gontrau ist ein hübscher Kerl, und die Heidelberger Schönen waren nicht blind dagegen, sondern machten ihm förmlich den Hof.“„Ach?“ fragte Ilse etwas zögernd. Diese Eröffnungen waren ihr ja höchst interessant! Bisher war sie nie auf den Gedanken gekommen, daß auch andre Mädchen sich in Leo verliebt haben könnten und umgekehrt.„Hat Ihr Freund den jungen Damen auch die Kur geschnitten?“ forschte sie weiter.„Nun natürlich,“ antwortete er mit Lachen, „ein flotter schneidiger Student wird doch für die Huldigungen der Damenwelt nicht unempfindlich bleiben, noch dazu in Heidelberg, wo es so reizende Mädchen gab, als wir dort studierten. Gontrau stellte uns immer in den Schatten, bei Bällen, Partien, Schlittenfahrten, überall war er die Hauptperson. Den einen Winter hatte er sich sterblich in eine junge Amerikanerin verliebt, welche die Freundin einer Professorentochter und bei dieser zum Besuch war.“Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hörte Ilse zu, und als er schwieg, fragte sie schnell:„Sagen Sie mir, bitte, wirklich richtig verliebt war Ihr Freund in das junge Mädchen?“So eindringlich war diese Frage, und in ihrer Stimme[pg 123]klang ein leises Beben, daß der junge Mann sie verwundert anblickte.Sie merkte es und bezwang sich, wieder ruhig zu erscheinen.„Bitte, sagen Sie,“ wiederholte sie möglichst unbefangen, aber mit schwer unterdrückter Neugierde, denn es brannte ihr auf der Seele, das weitere zu wissen.„Ja, wirklich richtig verliebt war er.“ Doktor Andres gebrauchte Ilses eigene Worte und sprach sie mit Betonung aus, innerlich belustigt über ihre kindliche Frage. „Er hat ihr die schönsten Blumen geschickt, und wir hatten ihn sogar in Verdacht, daß er ihr Gedichte gemacht hat.“Gewiß sind das dieselben, die er mir nachher geschickt hat, dachte Ilse, und ein Gefühl eifersüchtiger Abneigung gegen diese Nebenbuhlerin stieg in ihr auf. – Leo hatte dieselbe nie erwähnt, – warum nicht? Ob sie wohl hübsch war?„Wie sah denn das junge Mädchen aus?“ fragte sie laut. „War sie schön, blond oder dunkel, groß oder klein? Bitte, bitte, beschreiben Sie mir dieselbe!“Wieder mußte der junge Arzt lächeln, denn Ilses Neugierde kam ihm so echt weiblich vor; er konnte ja nicht wissen, daß hinter dieser ‚weiblichen Neugierde‘ ein berechtigtes tiefes Interesse versteckt war.„Sie fragen aber gründlich,“ sagte er lachend. „Man merkt, daß Sie eine Juristenbraut sind. Hier haben Sie die Personalbeschreibung der jungen Dame, also: sie war mittelgroß, zierlich und graziös. Sie hatte dunkle Haare und wundervolle schwarze, wahrhaft phänomenale Augen –“„Also wirklich schön,“ unterbrach ihn Ilse.„Ja, auffallend liebreizend, dabei klug, aber etwas kokett. Sie war sich zu genau bewußt, wie verführerisch sie war.“„Ihr Freund lag ihr natürlich zu Füßen?“[pg 124]„Wenn Sie das wörtlich meinen, gnädiges Fräulein, so habe ich Gontrau in dieser Situation allerdings niemals gesehen; aber es ist wohl möglich, denn er war ein feuriger Anbeter.“Hätte der junge Mann nur eine Ahnung gehabt, welchen Sturm seine Worte in dem Herzen seiner Nachbarin hervorriefen, er hätte gewiß geschwiegen. Aber es plauderte sich zu angenehm über alte Erinnerungen, besonders da Ilse eine so eifrige Zuhörerin war. –„Liebte denn das junge Mädchen Ihren Freund auch?“ fragte sie weiter.„O, natürlich! Der begeisterte Verehrer gefiel ihr sehr gut, das haben ihm ihre schwarzen Augen oft genug verraten. Es würde mich nicht gewundert haben, wenn sie sich verlobt hätten, aber die Amerikanerin reiste dann wieder fort, und ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘. Er hat sie jetzt gewiß längst vergessen, diese seine Studentenliebe. Daß seine Zuneigung keine ernstliche war, beweist ja schon seine Verlobung mit einer andern.“Ilse war aufgestanden, denn sie konnte ihre immer wachsende Aufregung nicht mehr verbergen.„Mir ist es auch unbegreiflich, daß sich Ihr Freund nicht mit jener Dame verlobt hat,“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Wie konnte er es wagen, sich mit einer andern zu verloben? Das ist doch merkwürdig, das ist unrecht! Er hätte seiner ersten Liebe treu bleiben müssen; warum hat er es auch nicht getan? Gewiß ist er doch jetzt recht, recht unglücklich geworden?“Ihre Stimme erstickte unter hervorbrechenden Tränen, und sie stützte zitternd die Hand auf den Tisch.Doktor Andres sprang nun ebenfalls in höchster Bestürzung auf.„Aber, mein Fräulein,“ rief er ganz ratlos und erschrocken, „was ist denn geschehen? Ich verstehe Sie nicht,[pg 125]erklären Sie mir doch Ihre Aufregung! Habe ich Sie beleidigt? Ich bitte Sie, so sprechen Sie doch,“ drängte er, als Ilse ihm keine Antwort gab und noch immer mit den Tränen kämpfte. Sie antwortete nicht.„Habe ich Sie denn beleidigt?“ fragte er nochmals mit verzweifelter Miene, ohne jede Ahnung, was er angestiftet hatte.Sie schüttelte schweigend den Kopf.„Kennen Sie denn das junge Mädchen, oder vielleicht meinen Freund Gontrau?“ fragte er endlich, denn er hatte sich überlegt, daß zwischen ihr und einer dieser Personen doch irgend eine Beziehung sein müßte.Von seinem Platze aus hatte der Referendar das Gespräch der beiden belauscht, nichts war ihm davon entgangen, und er benutzte diesen Augenblick, um näher zu treten.„Dachte ich es mir doch, als ich Sie mit dem gnädigen Fräulein so eifrig im Gespräche sah, daß von Assessor Gontrau, dem glücklichen Bräutigam des Fräuleins, die Rede sein würde,“ sagte er scheinbar harmlos und unbefangen, aber ein häßliches Lächeln umspielte seinen Mund.Ilse war bei seinen Worten jäh erblaßt, und eine namenlose Verlegenheit bemächtigte sich ihrer. Mit unverhohlener Verachtung sah sie Lüders an; als sie aber seinen triumphierenden Blicken begegnete, wandte sie sich erschrocken ab. Was wollte er von ihr? Sie kannte ihn ja kaum und er sie auch nicht. Warum sah er sie so sonderbar an? O Gott, wenn er ihre Unterhaltung mit dem Doktor gehört hatte! Und was sollte sie jetzt zu diesem sagen, wie sich entschuldigen? In ihrer peinlichen Verlegenheit wagte sie nicht aufzublicken, denn sie fühlte, daß ihr die Schamröte heiß in die Wangen gestiegen war. Sie betrachtete es als ein Glück, daß Flora jetzt dazu kam und sie aus ihrer Pein erlöste.[pg 126]Die junge Frau suchte den Referendar. Die Sängerin schien jetzt kein Ende finden zu können, nachdem sie nach so langem Sträuben einmal den Anfang gemacht hatte. Für jedes Lied erntete sie viel Beifall und dieser begeisterte sie zu immer neuen Vorträgen. Nun wollte sie gern die Trompeterlieder von Riedel singen, welche sie sich aber nicht selbst begleiten konnte. Herr Lüders sollte deshalb die Begleitung übernehmen. Er war damit durchaus nicht einverstanden, denn es war ihm viel interessanter zu erfahren, wie Ilse sich aus der Affäre ziehen, was sie zur Aufklärung sagen würde. Daß zwischen ihr und ihrem Bräutigam etwas vorgefallen war, unterlag für ihn keinem Zweifel mehr, und zu gern hätte er des Rätsels Lösung, die ihm jetzt sehr nahe zu sein schien, vernommen.Mit Ausreden und Ausflüchten suchte er daher Floras Aufforderung zu entkommen. Er könne nicht begleiten, gab er vor, er spiele zu stümperhaft und sei besonders heute nicht zum Spielen aufgelegt. Aber Flora ließ sich nicht zurückweisen.„Sie Heuchler!“ rief sie und schlug ihm kokett auf die Schulter, „nur Schmeicheleien wollen Sie hören, warten Sie nur! Zur Strafe müssen Sie uns nachher noch etwas deklamieren, wissen Sie, das kleine Gedicht von mir, das so unverdiente Gnade vor Ihren Augen gefunden hat. Kommen Sie, Bösewicht!“Sie legte ihren Arm in den seinigen, und widerstrebend ging er mit, im Innern wütend auf Floras Dazwischenkommen.Die beiden jungen Leute hatten wenig auf Floras Geschwätz geachtet. Ilse stand noch immer stumm und wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Sie überlegte fortwährend, was sie Andres sagen solle; mußte er sich denn nicht mit vollem Recht über ihr Schweigen wundern? Sollte sie ihm die Wahrheit gestehen? Nein, das ging nicht, sie[pg 127]müßte sich unsagbar vor ihm schämen. Sie wußte keinen Rat und hatte nur den einen Wunsch, aus dieser so peinvollen Lage befreit zu werden. Wenn nur Nellie käme! Saß sie denn noch immer nebenan im Musikzimmer?Suchend schweiften ihre Blicke umher.„Suchen Sie jemand, gnädiges Fräulein?“ fragte Andres, „soll ich Ihre Freundin rufen?“Sie schüttelte den Kopf.„Nein, bitte bleiben Sie,“ bat sie fast flehend.Ihm war die Lage, in der er sich befand, gleichfalls höchst unangenehm, und er hätte derselben gern ein Ende gemacht. Aber durfte er fortgehen, da sie ihn so flehentlich bat, zu bleiben? Daß sein Freund Gontrau wirklich der Bräutigam der jungen Dame war, daran konnte er nach Ilses Erschrecken nicht zweifeln. Hätte sie auch sonst dem Referendar nicht widersprochen, oder, wenn ein Irrtum vorlag, denselben aufgeklärt? Warum hatte sie ihm verschwiegen, daß sie die Braut Gontraus war, was sollte das bedeuten? Die ihm eigene wahre Herzensbildung sagte ihm aber, daß er sie nicht fragen dürfe, ohne sie peinlich, ja vielleicht schmerzlich zu berühren.So standen denn die beiden wieder eine Weile schweigend nebeneinander. Ilse spielte mit dem Blatt einer Fächerpalme und Andres betrachtete eine Photographie, welche auf dem Tische stand.Im Nebenzimmer sang das junge Mädchen in den schmelzendsten Tönen und mit einer fast ans Weinen grenzenden Rührung die Klage Margarethas: „O Lieb’, wie bist du bitter, o Lieb’, wie bist du süß!“So wenig Ilse sonst zu sentimentalen Anwandlungen geneigt war, heute fanden diese Worte ein Echo in ihrem Herzen. Ja, süß war auch ihr die Liebe erschienen, aber mußte sie nicht jetzt die Bitterkeit kosten? Wenn sie die Menschen für eine glückliche Braut hielten, war es nicht[pg 128]eine Lüge, daß sie es mit lächelndem Gesichte zu bestätigen schien? Mußte sie nicht sagen: „Ihr täuscht euch, ich bin nicht glücklich, ich bin unglücklich, tief unglücklich?“ War denn wirklich der Grund ihres Zerwürfnisses mit Leo wichtig genug, um solche Folgen zu haben, daß sie nun Komödie spielen mußte, was sie in die ärgsten Verlegenheiten brachte, ihr die größte Pein bereitete? „Ach, wäre es doch nicht so weit gekommen, hätte ich mich nicht zu der unglückseligen Flucht hinreißen lassen!“ So dachte sie jetzt in ihrem Innern und seufzte schmerzlich auf.Die schweigsame Nachbarin wurde dem Doktor auf die Dauer ungemütlich, und als er ihren Seufzer vernahm, ergriff er die Gelegenheit und fragte, ob er sie vielleicht zu den andern Damen führen solle.Sie nickte zustimmend und legte ihre Hand in seinen Arm, doch nach dem ersten Schritt blieb sie schon wieder stehen. Was sollte er von ihr denken, wenn sie ihm nach ihrem vorausgegangenen Betragen kein erklärendes Wort sagte? Er würde sie mindestens für recht albern halten. Sie fühlte, daß seine Blicke fragend auf ihr ruhten. Ja, sie mußte ihr rätselhaftes Benehmen entschuldigen.Sie sah zu ihm empor und blickte in seine Augen, die ernst und teilnahmvoll auf sie gerichtet waren und eine edle Seele, ein feines Zartgefühl verrieten. Sie hätte sehr bedauert, von dem ihr so sympathischen jungen Manne falsch beurteilt zu werden, was sie nach diesem Zwischenfall ja gar nicht anders erwarten konnte. Und darum wollte sie sprechen, so schwer es ihr auch fiel. „Bitte, Herr Doktor,“ sagte sie leise, „wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, ich muß Ihnen etwas sagen.“Er erfüllte ihre Bitte und sah sie voller Erwartung an. Eine kleine Pause entstand, denn Ilse konnte sich nicht entschließen, Leos Namen über die Lippen zu bringen, den sie in der letzten Zeit gar nicht mehr ausgesprochen hatte,[pg 129]den sie wie ein Geheimnis tief verborgen im Herzen trug. „Sie halten mich gewiß für recht kindisch,“ begann sie endlich, „und wissen nicht, was Sie von mir denken sollen. Ja, es ist wahr, Assessor Gontrau ist mein Bräutigam. Es war nur ein Scherz von mir, wenn ich Ihnen das nicht gleich sagte. Ich wollte gern Ihre Überraschung sehen, wenn Sie es dann von mir erfuhren, und da – da ärgerte ich mich so, daß Herr Lüders mir den Spaß verdarb.“Der Augenblick hatte Ilse diese Ausrede eingegeben, und sie wunderte sich jetzt selbst, wo sie den Mut hergenommen hatte, dieselbe auszusprechen. Hinterher schämte sie sich ihrer Lüge und blickte verlegen vor sich nieder. Sie hatte gegen ihre Natur gehandelt, denn Offenheit war eine große Tugend von ihr. Daher kam sie sich verächtlich vor und schwankte, ob sie dem Doktor nicht die Wahrheit eingestehen solle, denn er hatte sie doch sicher ohnedies schon durchschaut. Aber als sie in sein Gesicht blickte, in dem sie keinerlei Zweifel über ihre Worte entdeckte, als sie in seine unbefangenen Augen sah, die jetzt mit einem freudigen Ausdruck auf sie gerichtet waren, da schwieg sie doch. Herzlich streckte er ihr die Hand entgegen und rief vergnügt:„Wie freue ich mich, die Braut meines lieben Gontrau kennen gelernt zu haben! Von Herzen wünsche ich Ihnen zu solchem Manne alles Glück. Aber bitte, Fräulein, nun erzählen Sie mir von ihm. Wie geht es ihm, was tut und treibt er? Sobald ich Zeit habe, werde ich ihm schreiben.“Andres glaubte wirklich an Ilses Erzählung, und daß ihre Aufregung nur aus dem Ärger über den verdorbenen Scherz entstanden war. Deshalb plauderte er mit aller Unbefangenheit weiter und merkte nicht wie peinlich die junge Braut die Fragen nach ihrem Verlobten berührten. Sie saß wie auf Kohlen und antwortete, so geschickt sie konnte. Aber auf die Dauer wurde es ihr äußerst schwer, die Diplomatin[pg 130]zu spielen, zu der sie nicht geboren war. Sie wurde immer verwirrter, gab zerstreute Antworten, und als der Doktor sie fragte, ob sie und Leo sich täglich schrieben, und bat, sie möchte ihn in ihrem nächsten Briefe von ihm grüßen, da brachte sie es nicht mehr über das Herz, sich noch weiter zu verstellen.„Ich – ich,“ stammelte sie, „schreibe meinem Bräutigam nicht und kann ihn deshalb auch nicht von Ihnen grüßen.“Er glaubte, sie scherze und fragte lachend, ob sie ihm denn überhaupt niemals schriebe.Nun war es mit ihrer Fassung ganz zu Ende.„Nein,“ wiederholte sie erregt, „überhaupt nicht! Ach, ich bitte, schweigen Sie, ich kann Ihnen jetzt nicht erklären, jetzt nicht sagen –“Sie brach ab, denn zum ersten Male schämte sie sich ihres Zerwürfnisses mit Leo aus tiefstem Herzensgrunde; es kam ihr unwürdig vor, und in dieser Stimmung wußte sie nichts andres zu tun, als ihr Taschentuch herauszunehmen und wie ein Kind zu weinen.Erschrocken und erstaunt über dieses neue Rätsel, das ihm seine Nachbarin aufgab, war Andres aufgesprungen, und er empfand es wie eine Erleichterung, als in diesem Augenblick Nellie hereintrat, welche die Freundin holen wollte, da ein allgemeiner Aufbruch stattfand. Sie war nicht wenig überrascht, Ilse in dieser Verfassung vorzufinden. Fragend blickte sie auf den jungen Arzt, der ihr mit einem Achselzucken antwortete, als wollte er sagen: „ich weiß auch nicht, was dieses bedeuten soll.“ Er entfernte sich hierauf rasch und die beiden Freundinnen waren allein.„Um Gottes willen, Ilschen,“ flüsterte Nellie, „fasse dich, die Leute dürfen dir so nicht sehen. Was hast du, was ist geschehen?“„Ach Nellie, ich habe mich furchtbar blamiert,“ schluchzte[pg 131]Ilse, „laß mich jetzt, ich erzähle dir alles, wenn wir zu Hause sind.“„Tu der dumme Tuch ins Tasch; die andern kommen, was sollen sie von dich denken? Sieh nur, wie der Referendar dir prüft.“„Der unverschämte Mensch,“ fuhr Ilse auf, „was fällt ihm ein? Er fixiert mich fortwährend, schon bei Tische hat er kein Auge von mir verwandt, der freche Bursche!“„Still, Ilschen, nicht so laut,“ mahnte Nellie die Aufgeregte, „er hört ja, was du sagst.“„Und wenn er es hört,“ sagte Ilse absichtlich laut, mit einem drohenden Blick auf Lüders, „er soll es hören, ich würde es ihm auch ins Gesicht sagen.“Nellie hielt ihr den Mund zu. Sie war über Ilses Heftigkeit nicht sehr verwundert, kannte sie dieselbe doch hinlänglich und wußte, daß sie ebenso entschieden in ihren Abneigungen, wie in ihren Zuneigungen war.Die übrige Gesellschaft umstand im Kreis die Wirte und nahm mit vielen Komplimenten Abschied.„Nimm dir zusammen, wir müssen gehen,“ sagte Nellie leise zu Ilse.„Na, was habt ihr beide denn wieder zu tuscheln?“ fragte Althoff, der jetzt zu ihnen trat. „Kommt, Kinder, alle machen einen schönen Knix, jetzt ist die Reihe an uns. Ilse, Sie sehen ja so elegisch aus, was ist Ihnen denn? Hat Florchen Ihnen etwa ihre Gedichte zu lesen gegeben und sind Sie davon so gerührt geworden?“Ilse lachte gezwungen zu diesem Scherz, denn ihr war nichts weniger als lächerlich zu Mute, fühlte sie sich doch beschämt und unzufrieden, daß sie sich soweit hatte hinreißen lassen, kurz und gut, sie wurde von den selbstquälerischsten Gedanken heimgesucht und dadurch in höchst unbehagliche Laune versetzt.Auf dem Heimweg, den man gemeinschaftlich antrat,[pg 132]hätte sie zu gern den jungen Arzt noch gesprochen, denn ihr Benehmen ihm gegenüber lag ihr bleischwer auf der Seele.Einer nach dem andern trennte sich von der Gesellschaft. Zuletzt hatten Althoffs nur noch Andres und den Ilse so verhaßten Referendar, welche beide in ihrer Nähe wohnten, zu Begleitern.„Wenn dieser Mensch doch nicht mitginge,“ dachte Ilse; er machte es ihr unmöglich, mit Andres noch ein Wort zu sprechen, denn er wich nicht von dessen Seite.Als sie vorm Hause angelangt waren, kam ihr noch eine günstige Gelegenheit zu Hilfe, ihr Herz zu erleichtern.Althoff richtete eine eingehende juristische Frage an Lüders, und Nellie, am Arm ihres Mannes, hörte dem Gespräche zu. Diesen Augenblick benutzte Ilse, sich dem jungen Arzt zu nähern und ihm hastig zuzuflüstern: „Verzeihen Sie mir mein dummes Betragen von heute abend. Nicht wahr, Sie halten mich für recht kindisch?“„Aber mein Fräulein!“ rief er etwas verlegen über dieses offene Bekenntnis. „Warum sollte ich Ihnen böse sein? Ich –“„Still!“ unterbrach sie ihn, und ihre Augen blickten scheu zur Seite, denn die Unterhaltung zwischen den beiden Herren war beendet.„Gute Nacht!“ sagte Ilse und reichte Andres freundlich die Hand, während sie Lüders eine förmliche Verbeugung machte, ohne seine ihr entgegengestreckte Hand zu beachten; sie hätte sich nicht entschließen können, sie zu berühren, einen solchen Widerwillen flößte ihr dieser Mensch ein.Noch lange saß sie in ihrem Stübchen und dachte nicht daran, sich auszuziehen. Die Vorgänge des Abends erregten sie noch zu sehr, als daß sie hätte schlafen können, wenn sie sich auch zur Ruhe gelegt haben würde. Von Nellie hatte sie sich schnell getrennt, ohne ihr eine weitere Aufklärung[pg 133]zu geben. Heute konnte und wollte sie nicht mehr von der Geschichte sprechen. Desto mehr beschäftigte dieselbe ihre Gedanken. Sie konnte sich nicht beruhigen, daß sie sich so dumm benommen hatte.Wenn der Doktor nur nicht von den Liebesgeschichten angefangen hätte, die ihr doch unmöglich gleichgültig sein konnten. Sie hatte niemals darüber nachgedacht, ob Leo wohl schon eine andere Neigung gehabt haben mochte, bevor er sich in sie verliebte. Und nun erfuhr sie zufällig, daß er ein flotter Kurmacher gewesen war und daß ihn die jungen Mädchen sehr umschwärmt hatten. Zum zweiten Male ertappte sie sich heute abend auf einem eifersüchtigen Gefühle, das ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen; auf der andern Seite aber berührte sie es doch nicht unangenehm, daß Leo so begehrenswert erschien. Nur die schöne Amerikanerin wollte ihr nicht aus dem Sinn. Wieder stieg die Frage in ihr auf: warum hat er dir nie etwas davon erzählt? Warum hat er diese Bekanntschaft verschwiegen? Gewiß ist ihm die Erinnerung an das schöne Mädchen schmerzlich, die wohl so viel schöner und klüger war, als du.Unwillkürlich trat Ilse vor den Spiegel und betrachtete sich eingehend. Es war ihr nie eingefallen, daran zu denken, ob sie wohl für Leo hübsch genug wäre; nie hatte sie Wert darauf gelegt, sich für ihn besonders zu schmücken, wie das andre Bräute für den Bräutigam tun. Aber heute prüfte sie ihr Gesicht Zug für Zug, und verglich sich im geheimen mit der reizenden Amerikanerin, deren Bild ihre Phantasie ihr so lebhaft vorführte, als hätte sie dieselbe schon in Wirklichkeit gesehen. Sie fand sich grundhäßlich gegen ihre Phantasiegebilde, welches sie mit einem überlegenen Lächeln anzublicken schien. Sicher hatte Leo eine Photographie seiner Angebeteten, die er immer bei sich trug, womöglich auf dem Herzen. Die Augen, so hatte Doktor Andres gesagt, wären geradezu ‚phänomenal‘ gewesen. Wieder verglich sie im Spiegel[pg 134]die ihrigen damit, und wieder fiel der Vergleich zur größten Unzufriedenheit aus.Ein leises Klopfen an der Tür hatte Ilse in der eifrigen Betrachtung ihres Spiegelbildes ganz überhört. Nellies Stimme ließ sie zusammenfahren.„Warum siehst du dich denn so in den Spiegel,darling, mit so böse Augen, daß ich mir fürchten muß?“Ilse war betroffen zurückgetreten in größter Verlegenheit, die aber von Nellie nicht bemerkt wurde, weil sie an ganz etwas anderes dachte.[pg 135]„Es ist gut, daß du nicht schon schläfst und ich dein süßes Schlummer stören muß,“ sagte sie, „denn Ilschen, ich habe eine große Neuigkeit, die ich nicht bis morgen früh bei mich behalten konnte, ohne daß du ihr weißt. Lies hier dieses Brief!“Ilse zitterte. „Eine große Neuigkeit,“ so sagte Nellie und brachte einen Brief. Von wem war er, was für eine Neuigkeit mochte er enthalten? Dann schalt sie sich töricht, daß sie bei der geringsten Gelegenheit an Leo dachte, als ob jede Neuigkeit von ihm handeln, jeder Brief von ihm kommen müßte. Er dachte gewiß nicht daran, ihr zu schreiben, ja vielleicht hatte er sie schon vergessen. Bei diesem tragischen Gedanken fühlte sich Ilse so weich werden, daß sie sich abwandte, damit Nellie ihr Gesicht nicht sähe.Diese hatte inzwischen den Brief aus dem Kuvert genommen und entfaltet.„Du ratst nicht, von wem er kommt,darling. Denke dich nur, er ist von unsre Orla!“„Von Orla?“ fragte Ilse erstaunt.„Ja, von ihr. Aber hier lies.“Sie reichte ihr mit diesen Worten die eng beschriebenen Blätter mit den energischen, fast männlichen Schriftzügen.„Lies laut vor,“ bat Nellie, „ich habe ihn so in der Flucht gelesen, weil neugieriges Fred ihn haben wollte.“Ilse las wie folgt:Liebste Nellie!Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel, denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glückwünsche dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend, um zu wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick[pg 136]an deiner Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch machen möchte. Doch davon später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen Menschen und gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das Schicksal möchte euch immer so gnädig gesinnt bleiben.Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche Stimmung geraten bin? Du sollst eine Erklärung haben. Warum fiel ich auch nicht sofort mit der Türe ins Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich das unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit wenigen Worten will ich dir erzählen, wie übel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja, liebe Nellie, mein Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das nur zu früh elternlos geworden, nichts versagen zu dürfen, er hat mich in jeder Beziehung verwöhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine skeptische Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden. Aber, daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mädchen werden kann, muß ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser ganzes Vermögen verloren haben. Mein armer Großvater ist vollständig fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes Glück zerstört zu haben und quält sich mit den größten Vorwürfen, trotzdem ich ihm immer wiederhole, daß ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage, mit dem Leben aufzunehmen.[pg 137]Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur die Zukunft meines alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und führt ein großes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster Weise ihr Haus geöffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklärt, daß ich mich auf meine eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung gestellt. Mit meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es nun natürlich vorbei; ich ritt und fuhr mit großer Leidenschaft, war überhaupt dem Sport sehr ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann habe ich schon einen Käufer gefunden. Die schönen Tiere kommen zum Glück in gute Hände, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir nichts ferner als das!Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder Gesellschafterin zu werden; dagegen sträubte ich mich mit aller Energie! Wenn ich mich auch vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten verzogener Kinder abhängig machen. Und dann, du weißt ja, bin ich zu offen und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht. Diese Tugend[pg 138]oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los! Meine guten Ratgeber haben sich auch schließlich überzeugen lassen, daß ich für solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan, den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn dir mitteile.Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar für die medizinische Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß, daß eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein können, aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten sind mit meinem Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zürich mein erstes Semester anzutreten.Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig war. Die große Verehrung, die ich für deinen Mann, meinen früheren Lehrer, empfinde, hat den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen, daß ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen suche.Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht untätig gewesen: aus Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig Stunden in allen möglichen Fächern der Wissenschaft und hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große Mühe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu überlegen, ob er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was mich sehr glücklich machen würde, denn ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen und pädagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden[pg 139]Tag von hier abreisen zu können, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich nach einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du bist ja so praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse. Meine Verwandten grüßen dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr,notabene, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stetsSt. Petersburg 17/29. 10. 18 ..deine treueOrlaSassuwitsch.„Arme Orla,“ sagte Nellie bedauernd, als Ilse zu Ende gelesen hatte, „ich hatte ihr stets so gern.“„O, ich auch!“ rief Ilse. „Aber weißt du, Nellie, ich hatte immer ein bißchen Angst vor ihr; sie ist so klug und sieht einen so durchdringend und scharf an, als könnte sie die geheimsten Gedanken erraten. Zur Studentin paßt sie famos! Ob sie wohl noch raucht? Was sagt denn dein Mann dazu, daß sie studieren will, ist er damit einverstanden?“„O, Fred will ihr gern das Unterricht geben, er meint nur, es wäre ein großer Schritt von einer Frau, zu studieren, und will ihr das auch vorstellen. Doch ich sage ihm, Orla hat eine feste Kopf; was sie will, das tut sie, du kannst ihr nicht abbringen. Morgen schreibe ich ihr gleich, sie soll kommen; wir nehmen ihr herzlich gern auf. Und nun, gute Nacht,darling, ich bin müde von die langweilige Flora-Gesellschaft und auch du hast schlafrige Augen.“Die Freundin war schon längst fort, und Ilse hatte sich gleichfalls zur Ruhe begeben, lag aber noch wachend im Bette; die Erinnerung an den ereignisreichen Abend raubte[pg 140]ihr den Schlaf. Orlas Schicksal beschäftigte sie lebhaft. Orla, eine Studentin, das war doch zu interessant! Was wird Flora dazu sagen und die artige Rosi, welche die freidenkende und energische Russin niemals verstanden hatte, sie wird über diese Emanzipation gewiß außer sich sein.Als Gott Morpheus unsre kleine Ilse endlich in seine Arme schloß, träumte sie lauter wunderliches Zeug. Orla stand in Männerkleidern vor ihr und hatte das Cereviskäppchen flott auf das eine Ohr gesetzt. Mit einem kurzen Spazierstöckchen schlug sie an ihre hohen Stulpenstiefeln und blies aus einer Zigarette zierliche blaue Ringeln in die Luft. Dann wieder erschien Leo in Ilses Träumen. Er lag zu den Füßen der schönen Amerikanerin, die ihn mit ihren schwarzen Augen verführerisch anblickte. Ilse wurde bei diesem Anblick von einer wilden Eifersucht ergriffen, sie wollte dazwischen fahren, war aber wie festgebannt und konnte sich nicht vom Flecke rühren. –Den Brief an Orla hatte Nellie am andern Tage in aller Frühe geschrieben; die Antwort war sofort in einem kurzen Telegramm erfolgt, das die Worte enthielt: „Ich werde Montag abend 8½ Uhr dort eintreffen.Orla.“Nach einer Wohnung für dieselbe hatte sich Nellie nicht umgesehen, denn selbstverständlich würde sie die Freundin nicht ausquartieren; sie sollte vielmehr das Fremdenstübchen mit Ilse teilen. Die bevorstehende Ankunft Orlas war jetzt ein lebhafter Gesprächsgegenstand. Flora fand die Idee, daß Orla studieren wollte, ‚einfach genial‘ und war so begeistert darüber, daß sie behauptete: wenn sie nicht ‚Hymens Fesseln‘ bänden, wie sie sich, stets poetisch, ausdrückte, würde sie ebenfalls studieren, wenn sie auch nicht gerade die medizinische Wissenschaft zu ihrem Studium wählen möchte, die nach ihrer Meinung nun einmal alles Ideale in der menschlichen Brust ersticke.[pg 141]„Orla und ich verstanden uns von jeher gut, wir sind sozusagen ‚geistig verwandt‘,“ sagte sie zu Nellie und Ilse, „ich freue mich deshalb schrecklich, sie wiederzusehen.“Im stillen dichtete sie an einem Sonett, welches sie in einem Blumenstrauß versteckt zum Empfange überreichen wollte und in dem sie in überschwenglichster Weise eine Heldin der Zukunft besang.„Wißt ihr noch, Kinder,“ fragte sie die Freundinnen, „wie Orla die wirklich großartige Rede unter dem Lindenbaum hielt, und wie ich ihr damals schon prophezeite, daß einst etwas Großes aus ihr würde? Ich habe mich nicht getäuscht, ich ahnte, daß sie sich über das Niveau des alltäglichen Lebens erheben würde. Ihre groß angelegte Natur strebt nach Höherem, mit kräftiger Hand zerreißt sie die engen Fesseln der Weiblichkeit und stellt sich den Männern an die Seite. Ich begreife sie, ich verstehe sie voll und ganz, denn wer so wie ich den Drang nach etwas andrem, besserem in sich fühlt, der leidet beständig unter dem Druck der grauen Alltäglichkeit, welche eine nüchterne, kalte Oede im innersten Gemüt hinterläßt.“Ihre wasserblauen Augen waren bei dieser schönen Rede schwärmerisch gen Himmel gerichtet, und sie bemerkte deshalb nicht, daß Nellie unwillig den Kopf schüttelte.„O Flora,“ sagte diese ernst, „du versündigst dir. Wie darfst du von einer kalte, graue Oede in dein Inneres sprechen und hast ein so guten Mann, ein herziges Baby –, o, wie süß ist das Kind! Wär es mein, wie wollte ich ihr hegen und pflegen. Warum hast du es so wenig um dir? Du mußt mit die Kleine spielen, ihr schöne Geschichtens erzählen, wie wir es mit unsere kleine Lilli taten.“„Verschone mich mit deinen weisen Reden,“ unterbrach sie Flora beleidigt, aber doch etwas verlegen. „Eine so alberne Mutter, wie du sie eben schilderst, bin ich Gott sei Dank nicht. Das Kind ist gut versorgt. Habe keine Angst,[pg 142]liebe Nellie, ich bin mir der heiligen Mutterpflichten wohl bewußt.“Das war wieder echt, wie Flora gesprochen, theatralisch und überspannt. Es war ihr offenbar unangenehm, daß Nellie hiervon angefangen hatte, und sie gab deshalb dem Gespräch möglichst schnell eine andre Wendung. In ihrem Innern dachte Nellie, daß sie es mit den ‚heiligen Mutterpflichten‘ doch wohl nicht so genau nähme; das kleine verschüchterte, nachlässig gekleidete Stiefkind war der sprechendste Beweis dafür. Es war nicht fröhlich und vergnügt wie andere Kinder, ein wehmütiger Ernst lag in seinen großen Augen, und der kleine Mund war trotzig fest geschlossen. Nur wenn Käthchen bei ihrem Vater war, dann strahlte sie und ein glückliches Lächeln machte das Kindergesicht unendlich liebreizend. Um die Mittagszeit stand sie schon lange, bevor er kam, am Fenster und wartete auf ihn. Sah sie ihn kommen, so lief sie ihm entgegen und hing an seinem Halse. Über sein ernstes Gesicht flog es dann wie Sonnenschein, er küßte und liebkoste die Kleine.„Du verwöhnst Käthe einfach grenzenlos,“ warf ihm Flora einmal vor, „sie ist bereits furchtbar verzogen, ein schrecklich unartiges Kind, man hat seine liebe Not damit.“„Flora, du vergißt, wie lange das Kind mutterlos gewesen ist,“ sagte er, und man sah ihm an, wie weh ihm ihr hartes Urteil über seinen Liebling tat, „ich konnte mich neben meiner Praxis wenig um dasselbe bekümmern, es war fremden Händen überlassen. Ist es da wunderbar, daß seine Erziehung vernachlässigt ist? Habe doch Geduld mit ihm.“Er wollte noch hinzusetzen: und bekümmere dich mehr darum, aber er sagte nichts, denn er kannte Floras Empfindlichkeit. Im Anfang ihrer Ehe, als er seine Frau immer am Schreibtische sitzend vorfand, wenn er nach Hause kam, hatte er sie sanft aber inständig gebeten, sich mehr um[pg 143]den Haushalt zu bekümmern, denn nie war das Essen zur rechten Zeit fertig, und wenn es auf den Tisch kam, war es nur zu oft ungenießbar. Da kam er aber schön an, sie warf ihm vor, er sei doch gar zu materiell und das Essen spiele bei ihm die Hauptrolle.Er war mit Scherz über diese unangenehme Bemerkung hinweggegangen und hatte freundlich zu ihr gesagt: „In den Mußestunden, liebes Kind, kannst du so viel schreiben als du willst, aber nie darfst du darüber die Pflichten der Hausfrau und Mutter versäumen.“Das nahm Flora sehr übel und tagelang sprach sie kein Wort mit ihm. Aber ihre Lebensweise änderte sie in keiner Beziehung, ja seine Vorwürfe regte sie nur zu neuen Taten an, in langen Gedichten klagte sie ihr Leid, daß sie eine mißverstandene Frau sei. Sie dachte nur an sich; was lag auch daran, daß ihr Mann, wenn er hungrig und müde nach Hause kam, keine Behaglichkeit vorfand, und sich dann in sein Zimmer zurückzog? Wie konnte man überhaupt so prosaisch sein und sich durch solche Dinge die Laune verderben lassen! Sein liebevolles Zureden, seine eindringlichen Vorwürfe, nichts half, um Flora zu ändern. Da riß dem sonst so gutmütigen Manne die Geduld, er bat nicht mehr, er verlangte, und es kam zu heftigen Szenen zwischen den beiden Eheleuten. Flora spielte dann die schwer Beleidigte.Doktor Gerber hatte nicht geahnt, als er noch verlobt war und Flora ihn mit überschwenglichen Gedichten überschüttete, die er nur flüchtig las, daß er einst unter dieser poetischen Ader zu leiden haben würde. Er sah es für eine Spielerei an, die ein Ende nehmen würde, wenn erst ernste Pflichten an die junge Frau heranträten. Wie bitter wurde er enttäuscht! Aus der sanften, hingebenden Braut, die ihn schwärmerisch anzubeten schien, in der er eine treue Lebensgefährtin, eine sorgende Mutter für sein Kind zu[pg 144]finden hoffte, wurde eine unfügsame, selbstsüchtige Frau, welche Mann und Kind vernachlässigte und sich obenein noch gekränkt fühlte, daß er ihrer dichterischen Beanlagung so wenig Interesse schenkte und so geringes Verständnis entgegenbrachte. „Sie mit ihrer idealen Natur passe nun einmal nicht in diese profane Welt,“ so tröstete sie sich schließlich. Ihr Mann ertrug jetzt alles mit ruhiger Ergebung, nachdem seine Liebe und Güte, dann seine Strenge, ja selbst sein Zorn nichts gefruchtet hatten. Er ging seinem anstrengenden Berufe nach und sagte nichts mehr; Flora war froh, daß sie keine Vorwürfe mehr hören mußte und Ruhe hatte. Einen Verehrer ihrer Muse hatte sie in dem Referendar gefunden, dem sie unter vielen Seufzern ihr Schicksal klagte und wie hart es sei, von dem eigenen Manne verkannt zu werden.„Ich habe mir meine besondere Welt geschaffen, in der ich lebe,“ sagte sie zu Lüders, „denn wer versteht mich? Außer Ihnen niemand,“ fügte sie mit einem gefühlvollen Augenaufschlag hinzu. Auf Nellie blickte sie mit einer gewissen Geringschätzung herab, sie ging ja, nach ihrer Meinung wenigstens, vollständig in ihrem Mann und den Haushaltungssorgen auf.Als sie ihr das einmal sagte, hatte Nellie erwidert: „Tut nix, von schöne Gedichte und Romans kann mein Mann nicht satt werden, ich bin nun mal ein prosaisches Frau, liebe Dichterin.“„Orla wird mit ihren geistigen Interessen wenig Anklang bei Nellie finden,“ dachte Flora im stillen und meinte, es wäre eigentlich besser, Orla wohne bei ihr. Sie beneidete Althoffs grenzenlos um ihren interessanten Besuch und nahm sich vor, mit Orla sehr viel zu verkehren. Ihrem Freunde, dem Referendar Lüders und ihren Bekannten erzählte sie mit großer Wichtigkeit und Ausführlichkeit von der bevorstehenden Ankunft der jungen Russin, die eine[pg 145]intime Freundin von ihr sei, da sie beide sozusagen ‚geistesverwandt‘ wären, daß sie zusammen in der Pension gewesen seien, und wie sich Orla schon damals durch ihre hervorragende Begabung ausgezeichnet hätte. Sie umgab deren Persönlichkeit mit einem Nimbus, der darauf berechnet war, seinen glänzenden Schein vorteilhaft auf sie selbst zurückzuwerfen. Da war es denn bald stadtkundig geworden, welchen Besuch Althoffs erwarteten, und man sah demselben mit Spannung und Neugierde entgegen, ja sogar die Männer waren begierig, die junge Dame kennen zu lernen!
Ilse bebte vor innerer Erregung; jetzt konnte sie ihn wohl nach Leo fragen, ohne daß er Argwohn schöpfen würde.„In Heidelberg ist es wohl sehr schön?“ fragte sie unbefangen.„O,“ rief er entzückt, „wenn es ein paradiesisches Stück Erde gibt, so ist es Heidelberg. Sie müssen es sehen und kennen lernen und werden mir recht geben. Wenn ich mich mal verheiraten sollte, dann würde ich meine Hochzeitsreise entschieden nach Heidelberg machen.“„Diesen guten Rat können Sie ja ihrem Freunde geben,“ unterbrach ihn jetzt Ilse, „von welchem Sie mir[pg 122]vorhin erzählt haben, der verlobt ist und dem Sie nächstens schreiben wollen. Wie hieß er doch, Gontring? Verzeihen Sie, ich habe den Namen wieder vergessen.“„Gontrau,“ verbesserte er.„Richtig, Gontrau,“ wiederholte sie leise und schlug die Augen nieder, damit diese ihm nicht verrieten, welche Heuchlerin sie in diesem Augenblick war.„Gontrau und ich,“ fuhr der Doktor fort, dem man die Freude an diesem Gespräch auf dem Gesichte las, „haben eine herrliche Studienzeit in Heidelberg verlebt. Er war ein ausgelassener lustiger Mensch; wie viel tolle Streiche haben wir zusammen ausgeführt! Gontrau ist ein hübscher Kerl, und die Heidelberger Schönen waren nicht blind dagegen, sondern machten ihm förmlich den Hof.“„Ach?“ fragte Ilse etwas zögernd. Diese Eröffnungen waren ihr ja höchst interessant! Bisher war sie nie auf den Gedanken gekommen, daß auch andre Mädchen sich in Leo verliebt haben könnten und umgekehrt.„Hat Ihr Freund den jungen Damen auch die Kur geschnitten?“ forschte sie weiter.„Nun natürlich,“ antwortete er mit Lachen, „ein flotter schneidiger Student wird doch für die Huldigungen der Damenwelt nicht unempfindlich bleiben, noch dazu in Heidelberg, wo es so reizende Mädchen gab, als wir dort studierten. Gontrau stellte uns immer in den Schatten, bei Bällen, Partien, Schlittenfahrten, überall war er die Hauptperson. Den einen Winter hatte er sich sterblich in eine junge Amerikanerin verliebt, welche die Freundin einer Professorentochter und bei dieser zum Besuch war.“Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hörte Ilse zu, und als er schwieg, fragte sie schnell:„Sagen Sie mir, bitte, wirklich richtig verliebt war Ihr Freund in das junge Mädchen?“So eindringlich war diese Frage, und in ihrer Stimme[pg 123]klang ein leises Beben, daß der junge Mann sie verwundert anblickte.Sie merkte es und bezwang sich, wieder ruhig zu erscheinen.„Bitte, sagen Sie,“ wiederholte sie möglichst unbefangen, aber mit schwer unterdrückter Neugierde, denn es brannte ihr auf der Seele, das weitere zu wissen.„Ja, wirklich richtig verliebt war er.“ Doktor Andres gebrauchte Ilses eigene Worte und sprach sie mit Betonung aus, innerlich belustigt über ihre kindliche Frage. „Er hat ihr die schönsten Blumen geschickt, und wir hatten ihn sogar in Verdacht, daß er ihr Gedichte gemacht hat.“Gewiß sind das dieselben, die er mir nachher geschickt hat, dachte Ilse, und ein Gefühl eifersüchtiger Abneigung gegen diese Nebenbuhlerin stieg in ihr auf. – Leo hatte dieselbe nie erwähnt, – warum nicht? Ob sie wohl hübsch war?„Wie sah denn das junge Mädchen aus?“ fragte sie laut. „War sie schön, blond oder dunkel, groß oder klein? Bitte, bitte, beschreiben Sie mir dieselbe!“Wieder mußte der junge Arzt lächeln, denn Ilses Neugierde kam ihm so echt weiblich vor; er konnte ja nicht wissen, daß hinter dieser ‚weiblichen Neugierde‘ ein berechtigtes tiefes Interesse versteckt war.„Sie fragen aber gründlich,“ sagte er lachend. „Man merkt, daß Sie eine Juristenbraut sind. Hier haben Sie die Personalbeschreibung der jungen Dame, also: sie war mittelgroß, zierlich und graziös. Sie hatte dunkle Haare und wundervolle schwarze, wahrhaft phänomenale Augen –“„Also wirklich schön,“ unterbrach ihn Ilse.„Ja, auffallend liebreizend, dabei klug, aber etwas kokett. Sie war sich zu genau bewußt, wie verführerisch sie war.“„Ihr Freund lag ihr natürlich zu Füßen?“[pg 124]„Wenn Sie das wörtlich meinen, gnädiges Fräulein, so habe ich Gontrau in dieser Situation allerdings niemals gesehen; aber es ist wohl möglich, denn er war ein feuriger Anbeter.“Hätte der junge Mann nur eine Ahnung gehabt, welchen Sturm seine Worte in dem Herzen seiner Nachbarin hervorriefen, er hätte gewiß geschwiegen. Aber es plauderte sich zu angenehm über alte Erinnerungen, besonders da Ilse eine so eifrige Zuhörerin war. –„Liebte denn das junge Mädchen Ihren Freund auch?“ fragte sie weiter.„O, natürlich! Der begeisterte Verehrer gefiel ihr sehr gut, das haben ihm ihre schwarzen Augen oft genug verraten. Es würde mich nicht gewundert haben, wenn sie sich verlobt hätten, aber die Amerikanerin reiste dann wieder fort, und ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘. Er hat sie jetzt gewiß längst vergessen, diese seine Studentenliebe. Daß seine Zuneigung keine ernstliche war, beweist ja schon seine Verlobung mit einer andern.“Ilse war aufgestanden, denn sie konnte ihre immer wachsende Aufregung nicht mehr verbergen.„Mir ist es auch unbegreiflich, daß sich Ihr Freund nicht mit jener Dame verlobt hat,“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Wie konnte er es wagen, sich mit einer andern zu verloben? Das ist doch merkwürdig, das ist unrecht! Er hätte seiner ersten Liebe treu bleiben müssen; warum hat er es auch nicht getan? Gewiß ist er doch jetzt recht, recht unglücklich geworden?“Ihre Stimme erstickte unter hervorbrechenden Tränen, und sie stützte zitternd die Hand auf den Tisch.Doktor Andres sprang nun ebenfalls in höchster Bestürzung auf.„Aber, mein Fräulein,“ rief er ganz ratlos und erschrocken, „was ist denn geschehen? Ich verstehe Sie nicht,[pg 125]erklären Sie mir doch Ihre Aufregung! Habe ich Sie beleidigt? Ich bitte Sie, so sprechen Sie doch,“ drängte er, als Ilse ihm keine Antwort gab und noch immer mit den Tränen kämpfte. Sie antwortete nicht.„Habe ich Sie denn beleidigt?“ fragte er nochmals mit verzweifelter Miene, ohne jede Ahnung, was er angestiftet hatte.Sie schüttelte schweigend den Kopf.„Kennen Sie denn das junge Mädchen, oder vielleicht meinen Freund Gontrau?“ fragte er endlich, denn er hatte sich überlegt, daß zwischen ihr und einer dieser Personen doch irgend eine Beziehung sein müßte.Von seinem Platze aus hatte der Referendar das Gespräch der beiden belauscht, nichts war ihm davon entgangen, und er benutzte diesen Augenblick, um näher zu treten.„Dachte ich es mir doch, als ich Sie mit dem gnädigen Fräulein so eifrig im Gespräche sah, daß von Assessor Gontrau, dem glücklichen Bräutigam des Fräuleins, die Rede sein würde,“ sagte er scheinbar harmlos und unbefangen, aber ein häßliches Lächeln umspielte seinen Mund.Ilse war bei seinen Worten jäh erblaßt, und eine namenlose Verlegenheit bemächtigte sich ihrer. Mit unverhohlener Verachtung sah sie Lüders an; als sie aber seinen triumphierenden Blicken begegnete, wandte sie sich erschrocken ab. Was wollte er von ihr? Sie kannte ihn ja kaum und er sie auch nicht. Warum sah er sie so sonderbar an? O Gott, wenn er ihre Unterhaltung mit dem Doktor gehört hatte! Und was sollte sie jetzt zu diesem sagen, wie sich entschuldigen? In ihrer peinlichen Verlegenheit wagte sie nicht aufzublicken, denn sie fühlte, daß ihr die Schamröte heiß in die Wangen gestiegen war. Sie betrachtete es als ein Glück, daß Flora jetzt dazu kam und sie aus ihrer Pein erlöste.[pg 126]Die junge Frau suchte den Referendar. Die Sängerin schien jetzt kein Ende finden zu können, nachdem sie nach so langem Sträuben einmal den Anfang gemacht hatte. Für jedes Lied erntete sie viel Beifall und dieser begeisterte sie zu immer neuen Vorträgen. Nun wollte sie gern die Trompeterlieder von Riedel singen, welche sie sich aber nicht selbst begleiten konnte. Herr Lüders sollte deshalb die Begleitung übernehmen. Er war damit durchaus nicht einverstanden, denn es war ihm viel interessanter zu erfahren, wie Ilse sich aus der Affäre ziehen, was sie zur Aufklärung sagen würde. Daß zwischen ihr und ihrem Bräutigam etwas vorgefallen war, unterlag für ihn keinem Zweifel mehr, und zu gern hätte er des Rätsels Lösung, die ihm jetzt sehr nahe zu sein schien, vernommen.Mit Ausreden und Ausflüchten suchte er daher Floras Aufforderung zu entkommen. Er könne nicht begleiten, gab er vor, er spiele zu stümperhaft und sei besonders heute nicht zum Spielen aufgelegt. Aber Flora ließ sich nicht zurückweisen.„Sie Heuchler!“ rief sie und schlug ihm kokett auf die Schulter, „nur Schmeicheleien wollen Sie hören, warten Sie nur! Zur Strafe müssen Sie uns nachher noch etwas deklamieren, wissen Sie, das kleine Gedicht von mir, das so unverdiente Gnade vor Ihren Augen gefunden hat. Kommen Sie, Bösewicht!“Sie legte ihren Arm in den seinigen, und widerstrebend ging er mit, im Innern wütend auf Floras Dazwischenkommen.Die beiden jungen Leute hatten wenig auf Floras Geschwätz geachtet. Ilse stand noch immer stumm und wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Sie überlegte fortwährend, was sie Andres sagen solle; mußte er sich denn nicht mit vollem Recht über ihr Schweigen wundern? Sollte sie ihm die Wahrheit gestehen? Nein, das ging nicht, sie[pg 127]müßte sich unsagbar vor ihm schämen. Sie wußte keinen Rat und hatte nur den einen Wunsch, aus dieser so peinvollen Lage befreit zu werden. Wenn nur Nellie käme! Saß sie denn noch immer nebenan im Musikzimmer?Suchend schweiften ihre Blicke umher.„Suchen Sie jemand, gnädiges Fräulein?“ fragte Andres, „soll ich Ihre Freundin rufen?“Sie schüttelte den Kopf.„Nein, bitte bleiben Sie,“ bat sie fast flehend.Ihm war die Lage, in der er sich befand, gleichfalls höchst unangenehm, und er hätte derselben gern ein Ende gemacht. Aber durfte er fortgehen, da sie ihn so flehentlich bat, zu bleiben? Daß sein Freund Gontrau wirklich der Bräutigam der jungen Dame war, daran konnte er nach Ilses Erschrecken nicht zweifeln. Hätte sie auch sonst dem Referendar nicht widersprochen, oder, wenn ein Irrtum vorlag, denselben aufgeklärt? Warum hatte sie ihm verschwiegen, daß sie die Braut Gontraus war, was sollte das bedeuten? Die ihm eigene wahre Herzensbildung sagte ihm aber, daß er sie nicht fragen dürfe, ohne sie peinlich, ja vielleicht schmerzlich zu berühren.So standen denn die beiden wieder eine Weile schweigend nebeneinander. Ilse spielte mit dem Blatt einer Fächerpalme und Andres betrachtete eine Photographie, welche auf dem Tische stand.Im Nebenzimmer sang das junge Mädchen in den schmelzendsten Tönen und mit einer fast ans Weinen grenzenden Rührung die Klage Margarethas: „O Lieb’, wie bist du bitter, o Lieb’, wie bist du süß!“So wenig Ilse sonst zu sentimentalen Anwandlungen geneigt war, heute fanden diese Worte ein Echo in ihrem Herzen. Ja, süß war auch ihr die Liebe erschienen, aber mußte sie nicht jetzt die Bitterkeit kosten? Wenn sie die Menschen für eine glückliche Braut hielten, war es nicht[pg 128]eine Lüge, daß sie es mit lächelndem Gesichte zu bestätigen schien? Mußte sie nicht sagen: „Ihr täuscht euch, ich bin nicht glücklich, ich bin unglücklich, tief unglücklich?“ War denn wirklich der Grund ihres Zerwürfnisses mit Leo wichtig genug, um solche Folgen zu haben, daß sie nun Komödie spielen mußte, was sie in die ärgsten Verlegenheiten brachte, ihr die größte Pein bereitete? „Ach, wäre es doch nicht so weit gekommen, hätte ich mich nicht zu der unglückseligen Flucht hinreißen lassen!“ So dachte sie jetzt in ihrem Innern und seufzte schmerzlich auf.Die schweigsame Nachbarin wurde dem Doktor auf die Dauer ungemütlich, und als er ihren Seufzer vernahm, ergriff er die Gelegenheit und fragte, ob er sie vielleicht zu den andern Damen führen solle.Sie nickte zustimmend und legte ihre Hand in seinen Arm, doch nach dem ersten Schritt blieb sie schon wieder stehen. Was sollte er von ihr denken, wenn sie ihm nach ihrem vorausgegangenen Betragen kein erklärendes Wort sagte? Er würde sie mindestens für recht albern halten. Sie fühlte, daß seine Blicke fragend auf ihr ruhten. Ja, sie mußte ihr rätselhaftes Benehmen entschuldigen.Sie sah zu ihm empor und blickte in seine Augen, die ernst und teilnahmvoll auf sie gerichtet waren und eine edle Seele, ein feines Zartgefühl verrieten. Sie hätte sehr bedauert, von dem ihr so sympathischen jungen Manne falsch beurteilt zu werden, was sie nach diesem Zwischenfall ja gar nicht anders erwarten konnte. Und darum wollte sie sprechen, so schwer es ihr auch fiel. „Bitte, Herr Doktor,“ sagte sie leise, „wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, ich muß Ihnen etwas sagen.“Er erfüllte ihre Bitte und sah sie voller Erwartung an. Eine kleine Pause entstand, denn Ilse konnte sich nicht entschließen, Leos Namen über die Lippen zu bringen, den sie in der letzten Zeit gar nicht mehr ausgesprochen hatte,[pg 129]den sie wie ein Geheimnis tief verborgen im Herzen trug. „Sie halten mich gewiß für recht kindisch,“ begann sie endlich, „und wissen nicht, was Sie von mir denken sollen. Ja, es ist wahr, Assessor Gontrau ist mein Bräutigam. Es war nur ein Scherz von mir, wenn ich Ihnen das nicht gleich sagte. Ich wollte gern Ihre Überraschung sehen, wenn Sie es dann von mir erfuhren, und da – da ärgerte ich mich so, daß Herr Lüders mir den Spaß verdarb.“Der Augenblick hatte Ilse diese Ausrede eingegeben, und sie wunderte sich jetzt selbst, wo sie den Mut hergenommen hatte, dieselbe auszusprechen. Hinterher schämte sie sich ihrer Lüge und blickte verlegen vor sich nieder. Sie hatte gegen ihre Natur gehandelt, denn Offenheit war eine große Tugend von ihr. Daher kam sie sich verächtlich vor und schwankte, ob sie dem Doktor nicht die Wahrheit eingestehen solle, denn er hatte sie doch sicher ohnedies schon durchschaut. Aber als sie in sein Gesicht blickte, in dem sie keinerlei Zweifel über ihre Worte entdeckte, als sie in seine unbefangenen Augen sah, die jetzt mit einem freudigen Ausdruck auf sie gerichtet waren, da schwieg sie doch. Herzlich streckte er ihr die Hand entgegen und rief vergnügt:„Wie freue ich mich, die Braut meines lieben Gontrau kennen gelernt zu haben! Von Herzen wünsche ich Ihnen zu solchem Manne alles Glück. Aber bitte, Fräulein, nun erzählen Sie mir von ihm. Wie geht es ihm, was tut und treibt er? Sobald ich Zeit habe, werde ich ihm schreiben.“Andres glaubte wirklich an Ilses Erzählung, und daß ihre Aufregung nur aus dem Ärger über den verdorbenen Scherz entstanden war. Deshalb plauderte er mit aller Unbefangenheit weiter und merkte nicht wie peinlich die junge Braut die Fragen nach ihrem Verlobten berührten. Sie saß wie auf Kohlen und antwortete, so geschickt sie konnte. Aber auf die Dauer wurde es ihr äußerst schwer, die Diplomatin[pg 130]zu spielen, zu der sie nicht geboren war. Sie wurde immer verwirrter, gab zerstreute Antworten, und als der Doktor sie fragte, ob sie und Leo sich täglich schrieben, und bat, sie möchte ihn in ihrem nächsten Briefe von ihm grüßen, da brachte sie es nicht mehr über das Herz, sich noch weiter zu verstellen.„Ich – ich,“ stammelte sie, „schreibe meinem Bräutigam nicht und kann ihn deshalb auch nicht von Ihnen grüßen.“Er glaubte, sie scherze und fragte lachend, ob sie ihm denn überhaupt niemals schriebe.Nun war es mit ihrer Fassung ganz zu Ende.„Nein,“ wiederholte sie erregt, „überhaupt nicht! Ach, ich bitte, schweigen Sie, ich kann Ihnen jetzt nicht erklären, jetzt nicht sagen –“Sie brach ab, denn zum ersten Male schämte sie sich ihres Zerwürfnisses mit Leo aus tiefstem Herzensgrunde; es kam ihr unwürdig vor, und in dieser Stimmung wußte sie nichts andres zu tun, als ihr Taschentuch herauszunehmen und wie ein Kind zu weinen.Erschrocken und erstaunt über dieses neue Rätsel, das ihm seine Nachbarin aufgab, war Andres aufgesprungen, und er empfand es wie eine Erleichterung, als in diesem Augenblick Nellie hereintrat, welche die Freundin holen wollte, da ein allgemeiner Aufbruch stattfand. Sie war nicht wenig überrascht, Ilse in dieser Verfassung vorzufinden. Fragend blickte sie auf den jungen Arzt, der ihr mit einem Achselzucken antwortete, als wollte er sagen: „ich weiß auch nicht, was dieses bedeuten soll.“ Er entfernte sich hierauf rasch und die beiden Freundinnen waren allein.„Um Gottes willen, Ilschen,“ flüsterte Nellie, „fasse dich, die Leute dürfen dir so nicht sehen. Was hast du, was ist geschehen?“„Ach Nellie, ich habe mich furchtbar blamiert,“ schluchzte[pg 131]Ilse, „laß mich jetzt, ich erzähle dir alles, wenn wir zu Hause sind.“„Tu der dumme Tuch ins Tasch; die andern kommen, was sollen sie von dich denken? Sieh nur, wie der Referendar dir prüft.“„Der unverschämte Mensch,“ fuhr Ilse auf, „was fällt ihm ein? Er fixiert mich fortwährend, schon bei Tische hat er kein Auge von mir verwandt, der freche Bursche!“„Still, Ilschen, nicht so laut,“ mahnte Nellie die Aufgeregte, „er hört ja, was du sagst.“„Und wenn er es hört,“ sagte Ilse absichtlich laut, mit einem drohenden Blick auf Lüders, „er soll es hören, ich würde es ihm auch ins Gesicht sagen.“Nellie hielt ihr den Mund zu. Sie war über Ilses Heftigkeit nicht sehr verwundert, kannte sie dieselbe doch hinlänglich und wußte, daß sie ebenso entschieden in ihren Abneigungen, wie in ihren Zuneigungen war.Die übrige Gesellschaft umstand im Kreis die Wirte und nahm mit vielen Komplimenten Abschied.„Nimm dir zusammen, wir müssen gehen,“ sagte Nellie leise zu Ilse.„Na, was habt ihr beide denn wieder zu tuscheln?“ fragte Althoff, der jetzt zu ihnen trat. „Kommt, Kinder, alle machen einen schönen Knix, jetzt ist die Reihe an uns. Ilse, Sie sehen ja so elegisch aus, was ist Ihnen denn? Hat Florchen Ihnen etwa ihre Gedichte zu lesen gegeben und sind Sie davon so gerührt geworden?“Ilse lachte gezwungen zu diesem Scherz, denn ihr war nichts weniger als lächerlich zu Mute, fühlte sie sich doch beschämt und unzufrieden, daß sie sich soweit hatte hinreißen lassen, kurz und gut, sie wurde von den selbstquälerischsten Gedanken heimgesucht und dadurch in höchst unbehagliche Laune versetzt.Auf dem Heimweg, den man gemeinschaftlich antrat,[pg 132]hätte sie zu gern den jungen Arzt noch gesprochen, denn ihr Benehmen ihm gegenüber lag ihr bleischwer auf der Seele.Einer nach dem andern trennte sich von der Gesellschaft. Zuletzt hatten Althoffs nur noch Andres und den Ilse so verhaßten Referendar, welche beide in ihrer Nähe wohnten, zu Begleitern.„Wenn dieser Mensch doch nicht mitginge,“ dachte Ilse; er machte es ihr unmöglich, mit Andres noch ein Wort zu sprechen, denn er wich nicht von dessen Seite.Als sie vorm Hause angelangt waren, kam ihr noch eine günstige Gelegenheit zu Hilfe, ihr Herz zu erleichtern.Althoff richtete eine eingehende juristische Frage an Lüders, und Nellie, am Arm ihres Mannes, hörte dem Gespräche zu. Diesen Augenblick benutzte Ilse, sich dem jungen Arzt zu nähern und ihm hastig zuzuflüstern: „Verzeihen Sie mir mein dummes Betragen von heute abend. Nicht wahr, Sie halten mich für recht kindisch?“„Aber mein Fräulein!“ rief er etwas verlegen über dieses offene Bekenntnis. „Warum sollte ich Ihnen böse sein? Ich –“„Still!“ unterbrach sie ihn, und ihre Augen blickten scheu zur Seite, denn die Unterhaltung zwischen den beiden Herren war beendet.„Gute Nacht!“ sagte Ilse und reichte Andres freundlich die Hand, während sie Lüders eine förmliche Verbeugung machte, ohne seine ihr entgegengestreckte Hand zu beachten; sie hätte sich nicht entschließen können, sie zu berühren, einen solchen Widerwillen flößte ihr dieser Mensch ein.Noch lange saß sie in ihrem Stübchen und dachte nicht daran, sich auszuziehen. Die Vorgänge des Abends erregten sie noch zu sehr, als daß sie hätte schlafen können, wenn sie sich auch zur Ruhe gelegt haben würde. Von Nellie hatte sie sich schnell getrennt, ohne ihr eine weitere Aufklärung[pg 133]zu geben. Heute konnte und wollte sie nicht mehr von der Geschichte sprechen. Desto mehr beschäftigte dieselbe ihre Gedanken. Sie konnte sich nicht beruhigen, daß sie sich so dumm benommen hatte.Wenn der Doktor nur nicht von den Liebesgeschichten angefangen hätte, die ihr doch unmöglich gleichgültig sein konnten. Sie hatte niemals darüber nachgedacht, ob Leo wohl schon eine andere Neigung gehabt haben mochte, bevor er sich in sie verliebte. Und nun erfuhr sie zufällig, daß er ein flotter Kurmacher gewesen war und daß ihn die jungen Mädchen sehr umschwärmt hatten. Zum zweiten Male ertappte sie sich heute abend auf einem eifersüchtigen Gefühle, das ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen; auf der andern Seite aber berührte sie es doch nicht unangenehm, daß Leo so begehrenswert erschien. Nur die schöne Amerikanerin wollte ihr nicht aus dem Sinn. Wieder stieg die Frage in ihr auf: warum hat er dir nie etwas davon erzählt? Warum hat er diese Bekanntschaft verschwiegen? Gewiß ist ihm die Erinnerung an das schöne Mädchen schmerzlich, die wohl so viel schöner und klüger war, als du.Unwillkürlich trat Ilse vor den Spiegel und betrachtete sich eingehend. Es war ihr nie eingefallen, daran zu denken, ob sie wohl für Leo hübsch genug wäre; nie hatte sie Wert darauf gelegt, sich für ihn besonders zu schmücken, wie das andre Bräute für den Bräutigam tun. Aber heute prüfte sie ihr Gesicht Zug für Zug, und verglich sich im geheimen mit der reizenden Amerikanerin, deren Bild ihre Phantasie ihr so lebhaft vorführte, als hätte sie dieselbe schon in Wirklichkeit gesehen. Sie fand sich grundhäßlich gegen ihre Phantasiegebilde, welches sie mit einem überlegenen Lächeln anzublicken schien. Sicher hatte Leo eine Photographie seiner Angebeteten, die er immer bei sich trug, womöglich auf dem Herzen. Die Augen, so hatte Doktor Andres gesagt, wären geradezu ‚phänomenal‘ gewesen. Wieder verglich sie im Spiegel[pg 134]die ihrigen damit, und wieder fiel der Vergleich zur größten Unzufriedenheit aus.Ein leises Klopfen an der Tür hatte Ilse in der eifrigen Betrachtung ihres Spiegelbildes ganz überhört. Nellies Stimme ließ sie zusammenfahren.„Warum siehst du dich denn so in den Spiegel,darling, mit so böse Augen, daß ich mir fürchten muß?“Ilse war betroffen zurückgetreten in größter Verlegenheit, die aber von Nellie nicht bemerkt wurde, weil sie an ganz etwas anderes dachte.[pg 135]„Es ist gut, daß du nicht schon schläfst und ich dein süßes Schlummer stören muß,“ sagte sie, „denn Ilschen, ich habe eine große Neuigkeit, die ich nicht bis morgen früh bei mich behalten konnte, ohne daß du ihr weißt. Lies hier dieses Brief!“Ilse zitterte. „Eine große Neuigkeit,“ so sagte Nellie und brachte einen Brief. Von wem war er, was für eine Neuigkeit mochte er enthalten? Dann schalt sie sich töricht, daß sie bei der geringsten Gelegenheit an Leo dachte, als ob jede Neuigkeit von ihm handeln, jeder Brief von ihm kommen müßte. Er dachte gewiß nicht daran, ihr zu schreiben, ja vielleicht hatte er sie schon vergessen. Bei diesem tragischen Gedanken fühlte sich Ilse so weich werden, daß sie sich abwandte, damit Nellie ihr Gesicht nicht sähe.Diese hatte inzwischen den Brief aus dem Kuvert genommen und entfaltet.„Du ratst nicht, von wem er kommt,darling. Denke dich nur, er ist von unsre Orla!“„Von Orla?“ fragte Ilse erstaunt.„Ja, von ihr. Aber hier lies.“Sie reichte ihr mit diesen Worten die eng beschriebenen Blätter mit den energischen, fast männlichen Schriftzügen.„Lies laut vor,“ bat Nellie, „ich habe ihn so in der Flucht gelesen, weil neugieriges Fred ihn haben wollte.“Ilse las wie folgt:Liebste Nellie!Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel, denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glückwünsche dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend, um zu wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick[pg 136]an deiner Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch machen möchte. Doch davon später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen Menschen und gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das Schicksal möchte euch immer so gnädig gesinnt bleiben.Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche Stimmung geraten bin? Du sollst eine Erklärung haben. Warum fiel ich auch nicht sofort mit der Türe ins Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich das unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit wenigen Worten will ich dir erzählen, wie übel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja, liebe Nellie, mein Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das nur zu früh elternlos geworden, nichts versagen zu dürfen, er hat mich in jeder Beziehung verwöhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine skeptische Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden. Aber, daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mädchen werden kann, muß ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser ganzes Vermögen verloren haben. Mein armer Großvater ist vollständig fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes Glück zerstört zu haben und quält sich mit den größten Vorwürfen, trotzdem ich ihm immer wiederhole, daß ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage, mit dem Leben aufzunehmen.[pg 137]Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur die Zukunft meines alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und führt ein großes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster Weise ihr Haus geöffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklärt, daß ich mich auf meine eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung gestellt. Mit meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es nun natürlich vorbei; ich ritt und fuhr mit großer Leidenschaft, war überhaupt dem Sport sehr ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann habe ich schon einen Käufer gefunden. Die schönen Tiere kommen zum Glück in gute Hände, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir nichts ferner als das!Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder Gesellschafterin zu werden; dagegen sträubte ich mich mit aller Energie! Wenn ich mich auch vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten verzogener Kinder abhängig machen. Und dann, du weißt ja, bin ich zu offen und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht. Diese Tugend[pg 138]oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los! Meine guten Ratgeber haben sich auch schließlich überzeugen lassen, daß ich für solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan, den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn dir mitteile.Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar für die medizinische Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß, daß eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein können, aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten sind mit meinem Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zürich mein erstes Semester anzutreten.Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig war. Die große Verehrung, die ich für deinen Mann, meinen früheren Lehrer, empfinde, hat den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen, daß ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen suche.Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht untätig gewesen: aus Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig Stunden in allen möglichen Fächern der Wissenschaft und hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große Mühe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu überlegen, ob er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was mich sehr glücklich machen würde, denn ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen und pädagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden[pg 139]Tag von hier abreisen zu können, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich nach einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du bist ja so praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse. Meine Verwandten grüßen dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr,notabene, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stetsSt. Petersburg 17/29. 10. 18 ..deine treueOrlaSassuwitsch.„Arme Orla,“ sagte Nellie bedauernd, als Ilse zu Ende gelesen hatte, „ich hatte ihr stets so gern.“„O, ich auch!“ rief Ilse. „Aber weißt du, Nellie, ich hatte immer ein bißchen Angst vor ihr; sie ist so klug und sieht einen so durchdringend und scharf an, als könnte sie die geheimsten Gedanken erraten. Zur Studentin paßt sie famos! Ob sie wohl noch raucht? Was sagt denn dein Mann dazu, daß sie studieren will, ist er damit einverstanden?“„O, Fred will ihr gern das Unterricht geben, er meint nur, es wäre ein großer Schritt von einer Frau, zu studieren, und will ihr das auch vorstellen. Doch ich sage ihm, Orla hat eine feste Kopf; was sie will, das tut sie, du kannst ihr nicht abbringen. Morgen schreibe ich ihr gleich, sie soll kommen; wir nehmen ihr herzlich gern auf. Und nun, gute Nacht,darling, ich bin müde von die langweilige Flora-Gesellschaft und auch du hast schlafrige Augen.“Die Freundin war schon längst fort, und Ilse hatte sich gleichfalls zur Ruhe begeben, lag aber noch wachend im Bette; die Erinnerung an den ereignisreichen Abend raubte[pg 140]ihr den Schlaf. Orlas Schicksal beschäftigte sie lebhaft. Orla, eine Studentin, das war doch zu interessant! Was wird Flora dazu sagen und die artige Rosi, welche die freidenkende und energische Russin niemals verstanden hatte, sie wird über diese Emanzipation gewiß außer sich sein.Als Gott Morpheus unsre kleine Ilse endlich in seine Arme schloß, träumte sie lauter wunderliches Zeug. Orla stand in Männerkleidern vor ihr und hatte das Cereviskäppchen flott auf das eine Ohr gesetzt. Mit einem kurzen Spazierstöckchen schlug sie an ihre hohen Stulpenstiefeln und blies aus einer Zigarette zierliche blaue Ringeln in die Luft. Dann wieder erschien Leo in Ilses Träumen. Er lag zu den Füßen der schönen Amerikanerin, die ihn mit ihren schwarzen Augen verführerisch anblickte. Ilse wurde bei diesem Anblick von einer wilden Eifersucht ergriffen, sie wollte dazwischen fahren, war aber wie festgebannt und konnte sich nicht vom Flecke rühren. –Den Brief an Orla hatte Nellie am andern Tage in aller Frühe geschrieben; die Antwort war sofort in einem kurzen Telegramm erfolgt, das die Worte enthielt: „Ich werde Montag abend 8½ Uhr dort eintreffen.Orla.“Nach einer Wohnung für dieselbe hatte sich Nellie nicht umgesehen, denn selbstverständlich würde sie die Freundin nicht ausquartieren; sie sollte vielmehr das Fremdenstübchen mit Ilse teilen. Die bevorstehende Ankunft Orlas war jetzt ein lebhafter Gesprächsgegenstand. Flora fand die Idee, daß Orla studieren wollte, ‚einfach genial‘ und war so begeistert darüber, daß sie behauptete: wenn sie nicht ‚Hymens Fesseln‘ bänden, wie sie sich, stets poetisch, ausdrückte, würde sie ebenfalls studieren, wenn sie auch nicht gerade die medizinische Wissenschaft zu ihrem Studium wählen möchte, die nach ihrer Meinung nun einmal alles Ideale in der menschlichen Brust ersticke.[pg 141]„Orla und ich verstanden uns von jeher gut, wir sind sozusagen ‚geistig verwandt‘,“ sagte sie zu Nellie und Ilse, „ich freue mich deshalb schrecklich, sie wiederzusehen.“Im stillen dichtete sie an einem Sonett, welches sie in einem Blumenstrauß versteckt zum Empfange überreichen wollte und in dem sie in überschwenglichster Weise eine Heldin der Zukunft besang.„Wißt ihr noch, Kinder,“ fragte sie die Freundinnen, „wie Orla die wirklich großartige Rede unter dem Lindenbaum hielt, und wie ich ihr damals schon prophezeite, daß einst etwas Großes aus ihr würde? Ich habe mich nicht getäuscht, ich ahnte, daß sie sich über das Niveau des alltäglichen Lebens erheben würde. Ihre groß angelegte Natur strebt nach Höherem, mit kräftiger Hand zerreißt sie die engen Fesseln der Weiblichkeit und stellt sich den Männern an die Seite. Ich begreife sie, ich verstehe sie voll und ganz, denn wer so wie ich den Drang nach etwas andrem, besserem in sich fühlt, der leidet beständig unter dem Druck der grauen Alltäglichkeit, welche eine nüchterne, kalte Oede im innersten Gemüt hinterläßt.“Ihre wasserblauen Augen waren bei dieser schönen Rede schwärmerisch gen Himmel gerichtet, und sie bemerkte deshalb nicht, daß Nellie unwillig den Kopf schüttelte.„O Flora,“ sagte diese ernst, „du versündigst dir. Wie darfst du von einer kalte, graue Oede in dein Inneres sprechen und hast ein so guten Mann, ein herziges Baby –, o, wie süß ist das Kind! Wär es mein, wie wollte ich ihr hegen und pflegen. Warum hast du es so wenig um dir? Du mußt mit die Kleine spielen, ihr schöne Geschichtens erzählen, wie wir es mit unsere kleine Lilli taten.“„Verschone mich mit deinen weisen Reden,“ unterbrach sie Flora beleidigt, aber doch etwas verlegen. „Eine so alberne Mutter, wie du sie eben schilderst, bin ich Gott sei Dank nicht. Das Kind ist gut versorgt. Habe keine Angst,[pg 142]liebe Nellie, ich bin mir der heiligen Mutterpflichten wohl bewußt.“Das war wieder echt, wie Flora gesprochen, theatralisch und überspannt. Es war ihr offenbar unangenehm, daß Nellie hiervon angefangen hatte, und sie gab deshalb dem Gespräch möglichst schnell eine andre Wendung. In ihrem Innern dachte Nellie, daß sie es mit den ‚heiligen Mutterpflichten‘ doch wohl nicht so genau nähme; das kleine verschüchterte, nachlässig gekleidete Stiefkind war der sprechendste Beweis dafür. Es war nicht fröhlich und vergnügt wie andere Kinder, ein wehmütiger Ernst lag in seinen großen Augen, und der kleine Mund war trotzig fest geschlossen. Nur wenn Käthchen bei ihrem Vater war, dann strahlte sie und ein glückliches Lächeln machte das Kindergesicht unendlich liebreizend. Um die Mittagszeit stand sie schon lange, bevor er kam, am Fenster und wartete auf ihn. Sah sie ihn kommen, so lief sie ihm entgegen und hing an seinem Halse. Über sein ernstes Gesicht flog es dann wie Sonnenschein, er küßte und liebkoste die Kleine.„Du verwöhnst Käthe einfach grenzenlos,“ warf ihm Flora einmal vor, „sie ist bereits furchtbar verzogen, ein schrecklich unartiges Kind, man hat seine liebe Not damit.“„Flora, du vergißt, wie lange das Kind mutterlos gewesen ist,“ sagte er, und man sah ihm an, wie weh ihm ihr hartes Urteil über seinen Liebling tat, „ich konnte mich neben meiner Praxis wenig um dasselbe bekümmern, es war fremden Händen überlassen. Ist es da wunderbar, daß seine Erziehung vernachlässigt ist? Habe doch Geduld mit ihm.“Er wollte noch hinzusetzen: und bekümmere dich mehr darum, aber er sagte nichts, denn er kannte Floras Empfindlichkeit. Im Anfang ihrer Ehe, als er seine Frau immer am Schreibtische sitzend vorfand, wenn er nach Hause kam, hatte er sie sanft aber inständig gebeten, sich mehr um[pg 143]den Haushalt zu bekümmern, denn nie war das Essen zur rechten Zeit fertig, und wenn es auf den Tisch kam, war es nur zu oft ungenießbar. Da kam er aber schön an, sie warf ihm vor, er sei doch gar zu materiell und das Essen spiele bei ihm die Hauptrolle.Er war mit Scherz über diese unangenehme Bemerkung hinweggegangen und hatte freundlich zu ihr gesagt: „In den Mußestunden, liebes Kind, kannst du so viel schreiben als du willst, aber nie darfst du darüber die Pflichten der Hausfrau und Mutter versäumen.“Das nahm Flora sehr übel und tagelang sprach sie kein Wort mit ihm. Aber ihre Lebensweise änderte sie in keiner Beziehung, ja seine Vorwürfe regte sie nur zu neuen Taten an, in langen Gedichten klagte sie ihr Leid, daß sie eine mißverstandene Frau sei. Sie dachte nur an sich; was lag auch daran, daß ihr Mann, wenn er hungrig und müde nach Hause kam, keine Behaglichkeit vorfand, und sich dann in sein Zimmer zurückzog? Wie konnte man überhaupt so prosaisch sein und sich durch solche Dinge die Laune verderben lassen! Sein liebevolles Zureden, seine eindringlichen Vorwürfe, nichts half, um Flora zu ändern. Da riß dem sonst so gutmütigen Manne die Geduld, er bat nicht mehr, er verlangte, und es kam zu heftigen Szenen zwischen den beiden Eheleuten. Flora spielte dann die schwer Beleidigte.Doktor Gerber hatte nicht geahnt, als er noch verlobt war und Flora ihn mit überschwenglichen Gedichten überschüttete, die er nur flüchtig las, daß er einst unter dieser poetischen Ader zu leiden haben würde. Er sah es für eine Spielerei an, die ein Ende nehmen würde, wenn erst ernste Pflichten an die junge Frau heranträten. Wie bitter wurde er enttäuscht! Aus der sanften, hingebenden Braut, die ihn schwärmerisch anzubeten schien, in der er eine treue Lebensgefährtin, eine sorgende Mutter für sein Kind zu[pg 144]finden hoffte, wurde eine unfügsame, selbstsüchtige Frau, welche Mann und Kind vernachlässigte und sich obenein noch gekränkt fühlte, daß er ihrer dichterischen Beanlagung so wenig Interesse schenkte und so geringes Verständnis entgegenbrachte. „Sie mit ihrer idealen Natur passe nun einmal nicht in diese profane Welt,“ so tröstete sie sich schließlich. Ihr Mann ertrug jetzt alles mit ruhiger Ergebung, nachdem seine Liebe und Güte, dann seine Strenge, ja selbst sein Zorn nichts gefruchtet hatten. Er ging seinem anstrengenden Berufe nach und sagte nichts mehr; Flora war froh, daß sie keine Vorwürfe mehr hören mußte und Ruhe hatte. Einen Verehrer ihrer Muse hatte sie in dem Referendar gefunden, dem sie unter vielen Seufzern ihr Schicksal klagte und wie hart es sei, von dem eigenen Manne verkannt zu werden.„Ich habe mir meine besondere Welt geschaffen, in der ich lebe,“ sagte sie zu Lüders, „denn wer versteht mich? Außer Ihnen niemand,“ fügte sie mit einem gefühlvollen Augenaufschlag hinzu. Auf Nellie blickte sie mit einer gewissen Geringschätzung herab, sie ging ja, nach ihrer Meinung wenigstens, vollständig in ihrem Mann und den Haushaltungssorgen auf.Als sie ihr das einmal sagte, hatte Nellie erwidert: „Tut nix, von schöne Gedichte und Romans kann mein Mann nicht satt werden, ich bin nun mal ein prosaisches Frau, liebe Dichterin.“„Orla wird mit ihren geistigen Interessen wenig Anklang bei Nellie finden,“ dachte Flora im stillen und meinte, es wäre eigentlich besser, Orla wohne bei ihr. Sie beneidete Althoffs grenzenlos um ihren interessanten Besuch und nahm sich vor, mit Orla sehr viel zu verkehren. Ihrem Freunde, dem Referendar Lüders und ihren Bekannten erzählte sie mit großer Wichtigkeit und Ausführlichkeit von der bevorstehenden Ankunft der jungen Russin, die eine[pg 145]intime Freundin von ihr sei, da sie beide sozusagen ‚geistesverwandt‘ wären, daß sie zusammen in der Pension gewesen seien, und wie sich Orla schon damals durch ihre hervorragende Begabung ausgezeichnet hätte. Sie umgab deren Persönlichkeit mit einem Nimbus, der darauf berechnet war, seinen glänzenden Schein vorteilhaft auf sie selbst zurückzuwerfen. Da war es denn bald stadtkundig geworden, welchen Besuch Althoffs erwarteten, und man sah demselben mit Spannung und Neugierde entgegen, ja sogar die Männer waren begierig, die junge Dame kennen zu lernen!
Ilse bebte vor innerer Erregung; jetzt konnte sie ihn wohl nach Leo fragen, ohne daß er Argwohn schöpfen würde.
„In Heidelberg ist es wohl sehr schön?“ fragte sie unbefangen.
„O,“ rief er entzückt, „wenn es ein paradiesisches Stück Erde gibt, so ist es Heidelberg. Sie müssen es sehen und kennen lernen und werden mir recht geben. Wenn ich mich mal verheiraten sollte, dann würde ich meine Hochzeitsreise entschieden nach Heidelberg machen.“
„Diesen guten Rat können Sie ja ihrem Freunde geben,“ unterbrach ihn jetzt Ilse, „von welchem Sie mir[pg 122]vorhin erzählt haben, der verlobt ist und dem Sie nächstens schreiben wollen. Wie hieß er doch, Gontring? Verzeihen Sie, ich habe den Namen wieder vergessen.“
„Gontrau,“ verbesserte er.
„Richtig, Gontrau,“ wiederholte sie leise und schlug die Augen nieder, damit diese ihm nicht verrieten, welche Heuchlerin sie in diesem Augenblick war.
„Gontrau und ich,“ fuhr der Doktor fort, dem man die Freude an diesem Gespräch auf dem Gesichte las, „haben eine herrliche Studienzeit in Heidelberg verlebt. Er war ein ausgelassener lustiger Mensch; wie viel tolle Streiche haben wir zusammen ausgeführt! Gontrau ist ein hübscher Kerl, und die Heidelberger Schönen waren nicht blind dagegen, sondern machten ihm förmlich den Hof.“
„Ach?“ fragte Ilse etwas zögernd. Diese Eröffnungen waren ihr ja höchst interessant! Bisher war sie nie auf den Gedanken gekommen, daß auch andre Mädchen sich in Leo verliebt haben könnten und umgekehrt.
„Hat Ihr Freund den jungen Damen auch die Kur geschnitten?“ forschte sie weiter.
„Nun natürlich,“ antwortete er mit Lachen, „ein flotter schneidiger Student wird doch für die Huldigungen der Damenwelt nicht unempfindlich bleiben, noch dazu in Heidelberg, wo es so reizende Mädchen gab, als wir dort studierten. Gontrau stellte uns immer in den Schatten, bei Bällen, Partien, Schlittenfahrten, überall war er die Hauptperson. Den einen Winter hatte er sich sterblich in eine junge Amerikanerin verliebt, welche die Freundin einer Professorentochter und bei dieser zum Besuch war.“
Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hörte Ilse zu, und als er schwieg, fragte sie schnell:
„Sagen Sie mir, bitte, wirklich richtig verliebt war Ihr Freund in das junge Mädchen?“
So eindringlich war diese Frage, und in ihrer Stimme[pg 123]klang ein leises Beben, daß der junge Mann sie verwundert anblickte.
Sie merkte es und bezwang sich, wieder ruhig zu erscheinen.
„Bitte, sagen Sie,“ wiederholte sie möglichst unbefangen, aber mit schwer unterdrückter Neugierde, denn es brannte ihr auf der Seele, das weitere zu wissen.
„Ja, wirklich richtig verliebt war er.“ Doktor Andres gebrauchte Ilses eigene Worte und sprach sie mit Betonung aus, innerlich belustigt über ihre kindliche Frage. „Er hat ihr die schönsten Blumen geschickt, und wir hatten ihn sogar in Verdacht, daß er ihr Gedichte gemacht hat.“
Gewiß sind das dieselben, die er mir nachher geschickt hat, dachte Ilse, und ein Gefühl eifersüchtiger Abneigung gegen diese Nebenbuhlerin stieg in ihr auf. – Leo hatte dieselbe nie erwähnt, – warum nicht? Ob sie wohl hübsch war?
„Wie sah denn das junge Mädchen aus?“ fragte sie laut. „War sie schön, blond oder dunkel, groß oder klein? Bitte, bitte, beschreiben Sie mir dieselbe!“
Wieder mußte der junge Arzt lächeln, denn Ilses Neugierde kam ihm so echt weiblich vor; er konnte ja nicht wissen, daß hinter dieser ‚weiblichen Neugierde‘ ein berechtigtes tiefes Interesse versteckt war.
„Sie fragen aber gründlich,“ sagte er lachend. „Man merkt, daß Sie eine Juristenbraut sind. Hier haben Sie die Personalbeschreibung der jungen Dame, also: sie war mittelgroß, zierlich und graziös. Sie hatte dunkle Haare und wundervolle schwarze, wahrhaft phänomenale Augen –“
„Also wirklich schön,“ unterbrach ihn Ilse.
„Ja, auffallend liebreizend, dabei klug, aber etwas kokett. Sie war sich zu genau bewußt, wie verführerisch sie war.“
„Ihr Freund lag ihr natürlich zu Füßen?“
„Wenn Sie das wörtlich meinen, gnädiges Fräulein, so habe ich Gontrau in dieser Situation allerdings niemals gesehen; aber es ist wohl möglich, denn er war ein feuriger Anbeter.“
Hätte der junge Mann nur eine Ahnung gehabt, welchen Sturm seine Worte in dem Herzen seiner Nachbarin hervorriefen, er hätte gewiß geschwiegen. Aber es plauderte sich zu angenehm über alte Erinnerungen, besonders da Ilse eine so eifrige Zuhörerin war. –
„Liebte denn das junge Mädchen Ihren Freund auch?“ fragte sie weiter.
„O, natürlich! Der begeisterte Verehrer gefiel ihr sehr gut, das haben ihm ihre schwarzen Augen oft genug verraten. Es würde mich nicht gewundert haben, wenn sie sich verlobt hätten, aber die Amerikanerin reiste dann wieder fort, und ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘. Er hat sie jetzt gewiß längst vergessen, diese seine Studentenliebe. Daß seine Zuneigung keine ernstliche war, beweist ja schon seine Verlobung mit einer andern.“
Ilse war aufgestanden, denn sie konnte ihre immer wachsende Aufregung nicht mehr verbergen.
„Mir ist es auch unbegreiflich, daß sich Ihr Freund nicht mit jener Dame verlobt hat,“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Wie konnte er es wagen, sich mit einer andern zu verloben? Das ist doch merkwürdig, das ist unrecht! Er hätte seiner ersten Liebe treu bleiben müssen; warum hat er es auch nicht getan? Gewiß ist er doch jetzt recht, recht unglücklich geworden?“
Ihre Stimme erstickte unter hervorbrechenden Tränen, und sie stützte zitternd die Hand auf den Tisch.
Doktor Andres sprang nun ebenfalls in höchster Bestürzung auf.
„Aber, mein Fräulein,“ rief er ganz ratlos und erschrocken, „was ist denn geschehen? Ich verstehe Sie nicht,[pg 125]erklären Sie mir doch Ihre Aufregung! Habe ich Sie beleidigt? Ich bitte Sie, so sprechen Sie doch,“ drängte er, als Ilse ihm keine Antwort gab und noch immer mit den Tränen kämpfte. Sie antwortete nicht.
„Habe ich Sie denn beleidigt?“ fragte er nochmals mit verzweifelter Miene, ohne jede Ahnung, was er angestiftet hatte.
Sie schüttelte schweigend den Kopf.
„Kennen Sie denn das junge Mädchen, oder vielleicht meinen Freund Gontrau?“ fragte er endlich, denn er hatte sich überlegt, daß zwischen ihr und einer dieser Personen doch irgend eine Beziehung sein müßte.
Von seinem Platze aus hatte der Referendar das Gespräch der beiden belauscht, nichts war ihm davon entgangen, und er benutzte diesen Augenblick, um näher zu treten.
„Dachte ich es mir doch, als ich Sie mit dem gnädigen Fräulein so eifrig im Gespräche sah, daß von Assessor Gontrau, dem glücklichen Bräutigam des Fräuleins, die Rede sein würde,“ sagte er scheinbar harmlos und unbefangen, aber ein häßliches Lächeln umspielte seinen Mund.
Ilse war bei seinen Worten jäh erblaßt, und eine namenlose Verlegenheit bemächtigte sich ihrer. Mit unverhohlener Verachtung sah sie Lüders an; als sie aber seinen triumphierenden Blicken begegnete, wandte sie sich erschrocken ab. Was wollte er von ihr? Sie kannte ihn ja kaum und er sie auch nicht. Warum sah er sie so sonderbar an? O Gott, wenn er ihre Unterhaltung mit dem Doktor gehört hatte! Und was sollte sie jetzt zu diesem sagen, wie sich entschuldigen? In ihrer peinlichen Verlegenheit wagte sie nicht aufzublicken, denn sie fühlte, daß ihr die Schamröte heiß in die Wangen gestiegen war. Sie betrachtete es als ein Glück, daß Flora jetzt dazu kam und sie aus ihrer Pein erlöste.
Die junge Frau suchte den Referendar. Die Sängerin schien jetzt kein Ende finden zu können, nachdem sie nach so langem Sträuben einmal den Anfang gemacht hatte. Für jedes Lied erntete sie viel Beifall und dieser begeisterte sie zu immer neuen Vorträgen. Nun wollte sie gern die Trompeterlieder von Riedel singen, welche sie sich aber nicht selbst begleiten konnte. Herr Lüders sollte deshalb die Begleitung übernehmen. Er war damit durchaus nicht einverstanden, denn es war ihm viel interessanter zu erfahren, wie Ilse sich aus der Affäre ziehen, was sie zur Aufklärung sagen würde. Daß zwischen ihr und ihrem Bräutigam etwas vorgefallen war, unterlag für ihn keinem Zweifel mehr, und zu gern hätte er des Rätsels Lösung, die ihm jetzt sehr nahe zu sein schien, vernommen.
Mit Ausreden und Ausflüchten suchte er daher Floras Aufforderung zu entkommen. Er könne nicht begleiten, gab er vor, er spiele zu stümperhaft und sei besonders heute nicht zum Spielen aufgelegt. Aber Flora ließ sich nicht zurückweisen.
„Sie Heuchler!“ rief sie und schlug ihm kokett auf die Schulter, „nur Schmeicheleien wollen Sie hören, warten Sie nur! Zur Strafe müssen Sie uns nachher noch etwas deklamieren, wissen Sie, das kleine Gedicht von mir, das so unverdiente Gnade vor Ihren Augen gefunden hat. Kommen Sie, Bösewicht!“
Sie legte ihren Arm in den seinigen, und widerstrebend ging er mit, im Innern wütend auf Floras Dazwischenkommen.
Die beiden jungen Leute hatten wenig auf Floras Geschwätz geachtet. Ilse stand noch immer stumm und wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Sie überlegte fortwährend, was sie Andres sagen solle; mußte er sich denn nicht mit vollem Recht über ihr Schweigen wundern? Sollte sie ihm die Wahrheit gestehen? Nein, das ging nicht, sie[pg 127]müßte sich unsagbar vor ihm schämen. Sie wußte keinen Rat und hatte nur den einen Wunsch, aus dieser so peinvollen Lage befreit zu werden. Wenn nur Nellie käme! Saß sie denn noch immer nebenan im Musikzimmer?
Suchend schweiften ihre Blicke umher.
„Suchen Sie jemand, gnädiges Fräulein?“ fragte Andres, „soll ich Ihre Freundin rufen?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, bitte bleiben Sie,“ bat sie fast flehend.
Ihm war die Lage, in der er sich befand, gleichfalls höchst unangenehm, und er hätte derselben gern ein Ende gemacht. Aber durfte er fortgehen, da sie ihn so flehentlich bat, zu bleiben? Daß sein Freund Gontrau wirklich der Bräutigam der jungen Dame war, daran konnte er nach Ilses Erschrecken nicht zweifeln. Hätte sie auch sonst dem Referendar nicht widersprochen, oder, wenn ein Irrtum vorlag, denselben aufgeklärt? Warum hatte sie ihm verschwiegen, daß sie die Braut Gontraus war, was sollte das bedeuten? Die ihm eigene wahre Herzensbildung sagte ihm aber, daß er sie nicht fragen dürfe, ohne sie peinlich, ja vielleicht schmerzlich zu berühren.
So standen denn die beiden wieder eine Weile schweigend nebeneinander. Ilse spielte mit dem Blatt einer Fächerpalme und Andres betrachtete eine Photographie, welche auf dem Tische stand.
Im Nebenzimmer sang das junge Mädchen in den schmelzendsten Tönen und mit einer fast ans Weinen grenzenden Rührung die Klage Margarethas: „O Lieb’, wie bist du bitter, o Lieb’, wie bist du süß!“
So wenig Ilse sonst zu sentimentalen Anwandlungen geneigt war, heute fanden diese Worte ein Echo in ihrem Herzen. Ja, süß war auch ihr die Liebe erschienen, aber mußte sie nicht jetzt die Bitterkeit kosten? Wenn sie die Menschen für eine glückliche Braut hielten, war es nicht[pg 128]eine Lüge, daß sie es mit lächelndem Gesichte zu bestätigen schien? Mußte sie nicht sagen: „Ihr täuscht euch, ich bin nicht glücklich, ich bin unglücklich, tief unglücklich?“ War denn wirklich der Grund ihres Zerwürfnisses mit Leo wichtig genug, um solche Folgen zu haben, daß sie nun Komödie spielen mußte, was sie in die ärgsten Verlegenheiten brachte, ihr die größte Pein bereitete? „Ach, wäre es doch nicht so weit gekommen, hätte ich mich nicht zu der unglückseligen Flucht hinreißen lassen!“ So dachte sie jetzt in ihrem Innern und seufzte schmerzlich auf.
Die schweigsame Nachbarin wurde dem Doktor auf die Dauer ungemütlich, und als er ihren Seufzer vernahm, ergriff er die Gelegenheit und fragte, ob er sie vielleicht zu den andern Damen führen solle.
Sie nickte zustimmend und legte ihre Hand in seinen Arm, doch nach dem ersten Schritt blieb sie schon wieder stehen. Was sollte er von ihr denken, wenn sie ihm nach ihrem vorausgegangenen Betragen kein erklärendes Wort sagte? Er würde sie mindestens für recht albern halten. Sie fühlte, daß seine Blicke fragend auf ihr ruhten. Ja, sie mußte ihr rätselhaftes Benehmen entschuldigen.
Sie sah zu ihm empor und blickte in seine Augen, die ernst und teilnahmvoll auf sie gerichtet waren und eine edle Seele, ein feines Zartgefühl verrieten. Sie hätte sehr bedauert, von dem ihr so sympathischen jungen Manne falsch beurteilt zu werden, was sie nach diesem Zwischenfall ja gar nicht anders erwarten konnte. Und darum wollte sie sprechen, so schwer es ihr auch fiel. „Bitte, Herr Doktor,“ sagte sie leise, „wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, ich muß Ihnen etwas sagen.“
Er erfüllte ihre Bitte und sah sie voller Erwartung an. Eine kleine Pause entstand, denn Ilse konnte sich nicht entschließen, Leos Namen über die Lippen zu bringen, den sie in der letzten Zeit gar nicht mehr ausgesprochen hatte,[pg 129]den sie wie ein Geheimnis tief verborgen im Herzen trug. „Sie halten mich gewiß für recht kindisch,“ begann sie endlich, „und wissen nicht, was Sie von mir denken sollen. Ja, es ist wahr, Assessor Gontrau ist mein Bräutigam. Es war nur ein Scherz von mir, wenn ich Ihnen das nicht gleich sagte. Ich wollte gern Ihre Überraschung sehen, wenn Sie es dann von mir erfuhren, und da – da ärgerte ich mich so, daß Herr Lüders mir den Spaß verdarb.“
Der Augenblick hatte Ilse diese Ausrede eingegeben, und sie wunderte sich jetzt selbst, wo sie den Mut hergenommen hatte, dieselbe auszusprechen. Hinterher schämte sie sich ihrer Lüge und blickte verlegen vor sich nieder. Sie hatte gegen ihre Natur gehandelt, denn Offenheit war eine große Tugend von ihr. Daher kam sie sich verächtlich vor und schwankte, ob sie dem Doktor nicht die Wahrheit eingestehen solle, denn er hatte sie doch sicher ohnedies schon durchschaut. Aber als sie in sein Gesicht blickte, in dem sie keinerlei Zweifel über ihre Worte entdeckte, als sie in seine unbefangenen Augen sah, die jetzt mit einem freudigen Ausdruck auf sie gerichtet waren, da schwieg sie doch. Herzlich streckte er ihr die Hand entgegen und rief vergnügt:
„Wie freue ich mich, die Braut meines lieben Gontrau kennen gelernt zu haben! Von Herzen wünsche ich Ihnen zu solchem Manne alles Glück. Aber bitte, Fräulein, nun erzählen Sie mir von ihm. Wie geht es ihm, was tut und treibt er? Sobald ich Zeit habe, werde ich ihm schreiben.“
Andres glaubte wirklich an Ilses Erzählung, und daß ihre Aufregung nur aus dem Ärger über den verdorbenen Scherz entstanden war. Deshalb plauderte er mit aller Unbefangenheit weiter und merkte nicht wie peinlich die junge Braut die Fragen nach ihrem Verlobten berührten. Sie saß wie auf Kohlen und antwortete, so geschickt sie konnte. Aber auf die Dauer wurde es ihr äußerst schwer, die Diplomatin[pg 130]zu spielen, zu der sie nicht geboren war. Sie wurde immer verwirrter, gab zerstreute Antworten, und als der Doktor sie fragte, ob sie und Leo sich täglich schrieben, und bat, sie möchte ihn in ihrem nächsten Briefe von ihm grüßen, da brachte sie es nicht mehr über das Herz, sich noch weiter zu verstellen.
„Ich – ich,“ stammelte sie, „schreibe meinem Bräutigam nicht und kann ihn deshalb auch nicht von Ihnen grüßen.“
Er glaubte, sie scherze und fragte lachend, ob sie ihm denn überhaupt niemals schriebe.
Nun war es mit ihrer Fassung ganz zu Ende.
„Nein,“ wiederholte sie erregt, „überhaupt nicht! Ach, ich bitte, schweigen Sie, ich kann Ihnen jetzt nicht erklären, jetzt nicht sagen –“
Sie brach ab, denn zum ersten Male schämte sie sich ihres Zerwürfnisses mit Leo aus tiefstem Herzensgrunde; es kam ihr unwürdig vor, und in dieser Stimmung wußte sie nichts andres zu tun, als ihr Taschentuch herauszunehmen und wie ein Kind zu weinen.
Erschrocken und erstaunt über dieses neue Rätsel, das ihm seine Nachbarin aufgab, war Andres aufgesprungen, und er empfand es wie eine Erleichterung, als in diesem Augenblick Nellie hereintrat, welche die Freundin holen wollte, da ein allgemeiner Aufbruch stattfand. Sie war nicht wenig überrascht, Ilse in dieser Verfassung vorzufinden. Fragend blickte sie auf den jungen Arzt, der ihr mit einem Achselzucken antwortete, als wollte er sagen: „ich weiß auch nicht, was dieses bedeuten soll.“ Er entfernte sich hierauf rasch und die beiden Freundinnen waren allein.
„Um Gottes willen, Ilschen,“ flüsterte Nellie, „fasse dich, die Leute dürfen dir so nicht sehen. Was hast du, was ist geschehen?“
„Ach Nellie, ich habe mich furchtbar blamiert,“ schluchzte[pg 131]Ilse, „laß mich jetzt, ich erzähle dir alles, wenn wir zu Hause sind.“
„Tu der dumme Tuch ins Tasch; die andern kommen, was sollen sie von dich denken? Sieh nur, wie der Referendar dir prüft.“
„Der unverschämte Mensch,“ fuhr Ilse auf, „was fällt ihm ein? Er fixiert mich fortwährend, schon bei Tische hat er kein Auge von mir verwandt, der freche Bursche!“
„Still, Ilschen, nicht so laut,“ mahnte Nellie die Aufgeregte, „er hört ja, was du sagst.“
„Und wenn er es hört,“ sagte Ilse absichtlich laut, mit einem drohenden Blick auf Lüders, „er soll es hören, ich würde es ihm auch ins Gesicht sagen.“
Nellie hielt ihr den Mund zu. Sie war über Ilses Heftigkeit nicht sehr verwundert, kannte sie dieselbe doch hinlänglich und wußte, daß sie ebenso entschieden in ihren Abneigungen, wie in ihren Zuneigungen war.
Die übrige Gesellschaft umstand im Kreis die Wirte und nahm mit vielen Komplimenten Abschied.
„Nimm dir zusammen, wir müssen gehen,“ sagte Nellie leise zu Ilse.
„Na, was habt ihr beide denn wieder zu tuscheln?“ fragte Althoff, der jetzt zu ihnen trat. „Kommt, Kinder, alle machen einen schönen Knix, jetzt ist die Reihe an uns. Ilse, Sie sehen ja so elegisch aus, was ist Ihnen denn? Hat Florchen Ihnen etwa ihre Gedichte zu lesen gegeben und sind Sie davon so gerührt geworden?“
Ilse lachte gezwungen zu diesem Scherz, denn ihr war nichts weniger als lächerlich zu Mute, fühlte sie sich doch beschämt und unzufrieden, daß sie sich soweit hatte hinreißen lassen, kurz und gut, sie wurde von den selbstquälerischsten Gedanken heimgesucht und dadurch in höchst unbehagliche Laune versetzt.
Auf dem Heimweg, den man gemeinschaftlich antrat,[pg 132]hätte sie zu gern den jungen Arzt noch gesprochen, denn ihr Benehmen ihm gegenüber lag ihr bleischwer auf der Seele.
Einer nach dem andern trennte sich von der Gesellschaft. Zuletzt hatten Althoffs nur noch Andres und den Ilse so verhaßten Referendar, welche beide in ihrer Nähe wohnten, zu Begleitern.
„Wenn dieser Mensch doch nicht mitginge,“ dachte Ilse; er machte es ihr unmöglich, mit Andres noch ein Wort zu sprechen, denn er wich nicht von dessen Seite.
Als sie vorm Hause angelangt waren, kam ihr noch eine günstige Gelegenheit zu Hilfe, ihr Herz zu erleichtern.
Althoff richtete eine eingehende juristische Frage an Lüders, und Nellie, am Arm ihres Mannes, hörte dem Gespräche zu. Diesen Augenblick benutzte Ilse, sich dem jungen Arzt zu nähern und ihm hastig zuzuflüstern: „Verzeihen Sie mir mein dummes Betragen von heute abend. Nicht wahr, Sie halten mich für recht kindisch?“
„Aber mein Fräulein!“ rief er etwas verlegen über dieses offene Bekenntnis. „Warum sollte ich Ihnen böse sein? Ich –“
„Still!“ unterbrach sie ihn, und ihre Augen blickten scheu zur Seite, denn die Unterhaltung zwischen den beiden Herren war beendet.
„Gute Nacht!“ sagte Ilse und reichte Andres freundlich die Hand, während sie Lüders eine förmliche Verbeugung machte, ohne seine ihr entgegengestreckte Hand zu beachten; sie hätte sich nicht entschließen können, sie zu berühren, einen solchen Widerwillen flößte ihr dieser Mensch ein.
Noch lange saß sie in ihrem Stübchen und dachte nicht daran, sich auszuziehen. Die Vorgänge des Abends erregten sie noch zu sehr, als daß sie hätte schlafen können, wenn sie sich auch zur Ruhe gelegt haben würde. Von Nellie hatte sie sich schnell getrennt, ohne ihr eine weitere Aufklärung[pg 133]zu geben. Heute konnte und wollte sie nicht mehr von der Geschichte sprechen. Desto mehr beschäftigte dieselbe ihre Gedanken. Sie konnte sich nicht beruhigen, daß sie sich so dumm benommen hatte.
Wenn der Doktor nur nicht von den Liebesgeschichten angefangen hätte, die ihr doch unmöglich gleichgültig sein konnten. Sie hatte niemals darüber nachgedacht, ob Leo wohl schon eine andere Neigung gehabt haben mochte, bevor er sich in sie verliebte. Und nun erfuhr sie zufällig, daß er ein flotter Kurmacher gewesen war und daß ihn die jungen Mädchen sehr umschwärmt hatten. Zum zweiten Male ertappte sie sich heute abend auf einem eifersüchtigen Gefühle, das ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen; auf der andern Seite aber berührte sie es doch nicht unangenehm, daß Leo so begehrenswert erschien. Nur die schöne Amerikanerin wollte ihr nicht aus dem Sinn. Wieder stieg die Frage in ihr auf: warum hat er dir nie etwas davon erzählt? Warum hat er diese Bekanntschaft verschwiegen? Gewiß ist ihm die Erinnerung an das schöne Mädchen schmerzlich, die wohl so viel schöner und klüger war, als du.
Unwillkürlich trat Ilse vor den Spiegel und betrachtete sich eingehend. Es war ihr nie eingefallen, daran zu denken, ob sie wohl für Leo hübsch genug wäre; nie hatte sie Wert darauf gelegt, sich für ihn besonders zu schmücken, wie das andre Bräute für den Bräutigam tun. Aber heute prüfte sie ihr Gesicht Zug für Zug, und verglich sich im geheimen mit der reizenden Amerikanerin, deren Bild ihre Phantasie ihr so lebhaft vorführte, als hätte sie dieselbe schon in Wirklichkeit gesehen. Sie fand sich grundhäßlich gegen ihre Phantasiegebilde, welches sie mit einem überlegenen Lächeln anzublicken schien. Sicher hatte Leo eine Photographie seiner Angebeteten, die er immer bei sich trug, womöglich auf dem Herzen. Die Augen, so hatte Doktor Andres gesagt, wären geradezu ‚phänomenal‘ gewesen. Wieder verglich sie im Spiegel[pg 134]die ihrigen damit, und wieder fiel der Vergleich zur größten Unzufriedenheit aus.
Ein leises Klopfen an der Tür hatte Ilse in der eifrigen Betrachtung ihres Spiegelbildes ganz überhört. Nellies Stimme ließ sie zusammenfahren.
„Warum siehst du dich denn so in den Spiegel,darling, mit so böse Augen, daß ich mir fürchten muß?“
Ilse war betroffen zurückgetreten in größter Verlegenheit, die aber von Nellie nicht bemerkt wurde, weil sie an ganz etwas anderes dachte.
„Es ist gut, daß du nicht schon schläfst und ich dein süßes Schlummer stören muß,“ sagte sie, „denn Ilschen, ich habe eine große Neuigkeit, die ich nicht bis morgen früh bei mich behalten konnte, ohne daß du ihr weißt. Lies hier dieses Brief!“
Ilse zitterte. „Eine große Neuigkeit,“ so sagte Nellie und brachte einen Brief. Von wem war er, was für eine Neuigkeit mochte er enthalten? Dann schalt sie sich töricht, daß sie bei der geringsten Gelegenheit an Leo dachte, als ob jede Neuigkeit von ihm handeln, jeder Brief von ihm kommen müßte. Er dachte gewiß nicht daran, ihr zu schreiben, ja vielleicht hatte er sie schon vergessen. Bei diesem tragischen Gedanken fühlte sich Ilse so weich werden, daß sie sich abwandte, damit Nellie ihr Gesicht nicht sähe.
Diese hatte inzwischen den Brief aus dem Kuvert genommen und entfaltet.
„Du ratst nicht, von wem er kommt,darling. Denke dich nur, er ist von unsre Orla!“
„Von Orla?“ fragte Ilse erstaunt.
„Ja, von ihr. Aber hier lies.“
Sie reichte ihr mit diesen Worten die eng beschriebenen Blätter mit den energischen, fast männlichen Schriftzügen.
„Lies laut vor,“ bat Nellie, „ich habe ihn so in der Flucht gelesen, weil neugieriges Fred ihn haben wollte.“
Ilse las wie folgt:
Liebste Nellie!Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel, denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glückwünsche dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend, um zu wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick[pg 136]an deiner Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch machen möchte. Doch davon später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen Menschen und gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das Schicksal möchte euch immer so gnädig gesinnt bleiben.Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche Stimmung geraten bin? Du sollst eine Erklärung haben. Warum fiel ich auch nicht sofort mit der Türe ins Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich das unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit wenigen Worten will ich dir erzählen, wie übel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja, liebe Nellie, mein Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das nur zu früh elternlos geworden, nichts versagen zu dürfen, er hat mich in jeder Beziehung verwöhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine skeptische Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden. Aber, daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mädchen werden kann, muß ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser ganzes Vermögen verloren haben. Mein armer Großvater ist vollständig fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes Glück zerstört zu haben und quält sich mit den größten Vorwürfen, trotzdem ich ihm immer wiederhole, daß ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage, mit dem Leben aufzunehmen.[pg 137]Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur die Zukunft meines alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und führt ein großes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster Weise ihr Haus geöffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklärt, daß ich mich auf meine eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung gestellt. Mit meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es nun natürlich vorbei; ich ritt und fuhr mit großer Leidenschaft, war überhaupt dem Sport sehr ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann habe ich schon einen Käufer gefunden. Die schönen Tiere kommen zum Glück in gute Hände, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir nichts ferner als das!Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder Gesellschafterin zu werden; dagegen sträubte ich mich mit aller Energie! Wenn ich mich auch vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten verzogener Kinder abhängig machen. Und dann, du weißt ja, bin ich zu offen und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht. Diese Tugend[pg 138]oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los! Meine guten Ratgeber haben sich auch schließlich überzeugen lassen, daß ich für solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan, den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn dir mitteile.Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar für die medizinische Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß, daß eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein können, aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten sind mit meinem Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zürich mein erstes Semester anzutreten.Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig war. Die große Verehrung, die ich für deinen Mann, meinen früheren Lehrer, empfinde, hat den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen, daß ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen suche.Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht untätig gewesen: aus Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig Stunden in allen möglichen Fächern der Wissenschaft und hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große Mühe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu überlegen, ob er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was mich sehr glücklich machen würde, denn ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen und pädagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden[pg 139]Tag von hier abreisen zu können, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich nach einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du bist ja so praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse. Meine Verwandten grüßen dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr,notabene, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stetsSt. Petersburg 17/29. 10. 18 ..deine treueOrlaSassuwitsch.
Liebste Nellie!Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel, denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glückwünsche dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend, um zu wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick[pg 136]an deiner Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch machen möchte. Doch davon später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen Menschen und gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das Schicksal möchte euch immer so gnädig gesinnt bleiben.Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche Stimmung geraten bin? Du sollst eine Erklärung haben. Warum fiel ich auch nicht sofort mit der Türe ins Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich das unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit wenigen Worten will ich dir erzählen, wie übel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja, liebe Nellie, mein Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das nur zu früh elternlos geworden, nichts versagen zu dürfen, er hat mich in jeder Beziehung verwöhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine skeptische Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden. Aber, daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mädchen werden kann, muß ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser ganzes Vermögen verloren haben. Mein armer Großvater ist vollständig fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes Glück zerstört zu haben und quält sich mit den größten Vorwürfen, trotzdem ich ihm immer wiederhole, daß ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage, mit dem Leben aufzunehmen.[pg 137]Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur die Zukunft meines alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und führt ein großes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster Weise ihr Haus geöffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklärt, daß ich mich auf meine eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung gestellt. Mit meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es nun natürlich vorbei; ich ritt und fuhr mit großer Leidenschaft, war überhaupt dem Sport sehr ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann habe ich schon einen Käufer gefunden. Die schönen Tiere kommen zum Glück in gute Hände, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir nichts ferner als das!Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder Gesellschafterin zu werden; dagegen sträubte ich mich mit aller Energie! Wenn ich mich auch vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten verzogener Kinder abhängig machen. Und dann, du weißt ja, bin ich zu offen und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht. Diese Tugend[pg 138]oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los! Meine guten Ratgeber haben sich auch schließlich überzeugen lassen, daß ich für solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan, den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn dir mitteile.Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar für die medizinische Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß, daß eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein können, aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten sind mit meinem Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zürich mein erstes Semester anzutreten.Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig war. Die große Verehrung, die ich für deinen Mann, meinen früheren Lehrer, empfinde, hat den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen, daß ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen suche.Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht untätig gewesen: aus Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig Stunden in allen möglichen Fächern der Wissenschaft und hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große Mühe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu überlegen, ob er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was mich sehr glücklich machen würde, denn ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen und pädagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden[pg 139]Tag von hier abreisen zu können, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich nach einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du bist ja so praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse. Meine Verwandten grüßen dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr,notabene, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stetsSt. Petersburg 17/29. 10. 18 ..deine treueOrlaSassuwitsch.
Liebste Nellie!
Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel, denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glückwünsche dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend, um zu wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick[pg 136]an deiner Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch machen möchte. Doch davon später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen Menschen und gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das Schicksal möchte euch immer so gnädig gesinnt bleiben.
Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche Stimmung geraten bin? Du sollst eine Erklärung haben. Warum fiel ich auch nicht sofort mit der Türe ins Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich das unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit wenigen Worten will ich dir erzählen, wie übel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja, liebe Nellie, mein Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das nur zu früh elternlos geworden, nichts versagen zu dürfen, er hat mich in jeder Beziehung verwöhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine skeptische Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden. Aber, daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mädchen werden kann, muß ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.
Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser ganzes Vermögen verloren haben. Mein armer Großvater ist vollständig fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes Glück zerstört zu haben und quält sich mit den größten Vorwürfen, trotzdem ich ihm immer wiederhole, daß ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage, mit dem Leben aufzunehmen.
Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur die Zukunft meines alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.
Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und führt ein großes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.
Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster Weise ihr Haus geöffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklärt, daß ich mich auf meine eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung gestellt. Mit meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es nun natürlich vorbei; ich ritt und fuhr mit großer Leidenschaft, war überhaupt dem Sport sehr ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann habe ich schon einen Käufer gefunden. Die schönen Tiere kommen zum Glück in gute Hände, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir nichts ferner als das!
Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder Gesellschafterin zu werden; dagegen sträubte ich mich mit aller Energie! Wenn ich mich auch vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten verzogener Kinder abhängig machen. Und dann, du weißt ja, bin ich zu offen und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht. Diese Tugend[pg 138]oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los! Meine guten Ratgeber haben sich auch schließlich überzeugen lassen, daß ich für solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan, den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn dir mitteile.
Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar für die medizinische Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß, daß eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein können, aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten sind mit meinem Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zürich mein erstes Semester anzutreten.
Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig war. Die große Verehrung, die ich für deinen Mann, meinen früheren Lehrer, empfinde, hat den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen, daß ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen suche.
Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht untätig gewesen: aus Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig Stunden in allen möglichen Fächern der Wissenschaft und hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große Mühe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu überlegen, ob er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was mich sehr glücklich machen würde, denn ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen und pädagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden[pg 139]Tag von hier abreisen zu können, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich nach einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du bist ja so praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse. Meine Verwandten grüßen dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr,notabene, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stets
St. Petersburg 17/29. 10. 18 ..
deine treueOrlaSassuwitsch.
„Arme Orla,“ sagte Nellie bedauernd, als Ilse zu Ende gelesen hatte, „ich hatte ihr stets so gern.“
„O, ich auch!“ rief Ilse. „Aber weißt du, Nellie, ich hatte immer ein bißchen Angst vor ihr; sie ist so klug und sieht einen so durchdringend und scharf an, als könnte sie die geheimsten Gedanken erraten. Zur Studentin paßt sie famos! Ob sie wohl noch raucht? Was sagt denn dein Mann dazu, daß sie studieren will, ist er damit einverstanden?“
„O, Fred will ihr gern das Unterricht geben, er meint nur, es wäre ein großer Schritt von einer Frau, zu studieren, und will ihr das auch vorstellen. Doch ich sage ihm, Orla hat eine feste Kopf; was sie will, das tut sie, du kannst ihr nicht abbringen. Morgen schreibe ich ihr gleich, sie soll kommen; wir nehmen ihr herzlich gern auf. Und nun, gute Nacht,darling, ich bin müde von die langweilige Flora-Gesellschaft und auch du hast schlafrige Augen.“
Die Freundin war schon längst fort, und Ilse hatte sich gleichfalls zur Ruhe begeben, lag aber noch wachend im Bette; die Erinnerung an den ereignisreichen Abend raubte[pg 140]ihr den Schlaf. Orlas Schicksal beschäftigte sie lebhaft. Orla, eine Studentin, das war doch zu interessant! Was wird Flora dazu sagen und die artige Rosi, welche die freidenkende und energische Russin niemals verstanden hatte, sie wird über diese Emanzipation gewiß außer sich sein.
Als Gott Morpheus unsre kleine Ilse endlich in seine Arme schloß, träumte sie lauter wunderliches Zeug. Orla stand in Männerkleidern vor ihr und hatte das Cereviskäppchen flott auf das eine Ohr gesetzt. Mit einem kurzen Spazierstöckchen schlug sie an ihre hohen Stulpenstiefeln und blies aus einer Zigarette zierliche blaue Ringeln in die Luft. Dann wieder erschien Leo in Ilses Träumen. Er lag zu den Füßen der schönen Amerikanerin, die ihn mit ihren schwarzen Augen verführerisch anblickte. Ilse wurde bei diesem Anblick von einer wilden Eifersucht ergriffen, sie wollte dazwischen fahren, war aber wie festgebannt und konnte sich nicht vom Flecke rühren. –
Den Brief an Orla hatte Nellie am andern Tage in aller Frühe geschrieben; die Antwort war sofort in einem kurzen Telegramm erfolgt, das die Worte enthielt: „Ich werde Montag abend 8½ Uhr dort eintreffen.
Orla.“
Nach einer Wohnung für dieselbe hatte sich Nellie nicht umgesehen, denn selbstverständlich würde sie die Freundin nicht ausquartieren; sie sollte vielmehr das Fremdenstübchen mit Ilse teilen. Die bevorstehende Ankunft Orlas war jetzt ein lebhafter Gesprächsgegenstand. Flora fand die Idee, daß Orla studieren wollte, ‚einfach genial‘ und war so begeistert darüber, daß sie behauptete: wenn sie nicht ‚Hymens Fesseln‘ bänden, wie sie sich, stets poetisch, ausdrückte, würde sie ebenfalls studieren, wenn sie auch nicht gerade die medizinische Wissenschaft zu ihrem Studium wählen möchte, die nach ihrer Meinung nun einmal alles Ideale in der menschlichen Brust ersticke.
„Orla und ich verstanden uns von jeher gut, wir sind sozusagen ‚geistig verwandt‘,“ sagte sie zu Nellie und Ilse, „ich freue mich deshalb schrecklich, sie wiederzusehen.“
Im stillen dichtete sie an einem Sonett, welches sie in einem Blumenstrauß versteckt zum Empfange überreichen wollte und in dem sie in überschwenglichster Weise eine Heldin der Zukunft besang.
„Wißt ihr noch, Kinder,“ fragte sie die Freundinnen, „wie Orla die wirklich großartige Rede unter dem Lindenbaum hielt, und wie ich ihr damals schon prophezeite, daß einst etwas Großes aus ihr würde? Ich habe mich nicht getäuscht, ich ahnte, daß sie sich über das Niveau des alltäglichen Lebens erheben würde. Ihre groß angelegte Natur strebt nach Höherem, mit kräftiger Hand zerreißt sie die engen Fesseln der Weiblichkeit und stellt sich den Männern an die Seite. Ich begreife sie, ich verstehe sie voll und ganz, denn wer so wie ich den Drang nach etwas andrem, besserem in sich fühlt, der leidet beständig unter dem Druck der grauen Alltäglichkeit, welche eine nüchterne, kalte Oede im innersten Gemüt hinterläßt.“
Ihre wasserblauen Augen waren bei dieser schönen Rede schwärmerisch gen Himmel gerichtet, und sie bemerkte deshalb nicht, daß Nellie unwillig den Kopf schüttelte.
„O Flora,“ sagte diese ernst, „du versündigst dir. Wie darfst du von einer kalte, graue Oede in dein Inneres sprechen und hast ein so guten Mann, ein herziges Baby –, o, wie süß ist das Kind! Wär es mein, wie wollte ich ihr hegen und pflegen. Warum hast du es so wenig um dir? Du mußt mit die Kleine spielen, ihr schöne Geschichtens erzählen, wie wir es mit unsere kleine Lilli taten.“
„Verschone mich mit deinen weisen Reden,“ unterbrach sie Flora beleidigt, aber doch etwas verlegen. „Eine so alberne Mutter, wie du sie eben schilderst, bin ich Gott sei Dank nicht. Das Kind ist gut versorgt. Habe keine Angst,[pg 142]liebe Nellie, ich bin mir der heiligen Mutterpflichten wohl bewußt.“
Das war wieder echt, wie Flora gesprochen, theatralisch und überspannt. Es war ihr offenbar unangenehm, daß Nellie hiervon angefangen hatte, und sie gab deshalb dem Gespräch möglichst schnell eine andre Wendung. In ihrem Innern dachte Nellie, daß sie es mit den ‚heiligen Mutterpflichten‘ doch wohl nicht so genau nähme; das kleine verschüchterte, nachlässig gekleidete Stiefkind war der sprechendste Beweis dafür. Es war nicht fröhlich und vergnügt wie andere Kinder, ein wehmütiger Ernst lag in seinen großen Augen, und der kleine Mund war trotzig fest geschlossen. Nur wenn Käthchen bei ihrem Vater war, dann strahlte sie und ein glückliches Lächeln machte das Kindergesicht unendlich liebreizend. Um die Mittagszeit stand sie schon lange, bevor er kam, am Fenster und wartete auf ihn. Sah sie ihn kommen, so lief sie ihm entgegen und hing an seinem Halse. Über sein ernstes Gesicht flog es dann wie Sonnenschein, er küßte und liebkoste die Kleine.
„Du verwöhnst Käthe einfach grenzenlos,“ warf ihm Flora einmal vor, „sie ist bereits furchtbar verzogen, ein schrecklich unartiges Kind, man hat seine liebe Not damit.“
„Flora, du vergißt, wie lange das Kind mutterlos gewesen ist,“ sagte er, und man sah ihm an, wie weh ihm ihr hartes Urteil über seinen Liebling tat, „ich konnte mich neben meiner Praxis wenig um dasselbe bekümmern, es war fremden Händen überlassen. Ist es da wunderbar, daß seine Erziehung vernachlässigt ist? Habe doch Geduld mit ihm.“
Er wollte noch hinzusetzen: und bekümmere dich mehr darum, aber er sagte nichts, denn er kannte Floras Empfindlichkeit. Im Anfang ihrer Ehe, als er seine Frau immer am Schreibtische sitzend vorfand, wenn er nach Hause kam, hatte er sie sanft aber inständig gebeten, sich mehr um[pg 143]den Haushalt zu bekümmern, denn nie war das Essen zur rechten Zeit fertig, und wenn es auf den Tisch kam, war es nur zu oft ungenießbar. Da kam er aber schön an, sie warf ihm vor, er sei doch gar zu materiell und das Essen spiele bei ihm die Hauptrolle.
Er war mit Scherz über diese unangenehme Bemerkung hinweggegangen und hatte freundlich zu ihr gesagt: „In den Mußestunden, liebes Kind, kannst du so viel schreiben als du willst, aber nie darfst du darüber die Pflichten der Hausfrau und Mutter versäumen.“
Das nahm Flora sehr übel und tagelang sprach sie kein Wort mit ihm. Aber ihre Lebensweise änderte sie in keiner Beziehung, ja seine Vorwürfe regte sie nur zu neuen Taten an, in langen Gedichten klagte sie ihr Leid, daß sie eine mißverstandene Frau sei. Sie dachte nur an sich; was lag auch daran, daß ihr Mann, wenn er hungrig und müde nach Hause kam, keine Behaglichkeit vorfand, und sich dann in sein Zimmer zurückzog? Wie konnte man überhaupt so prosaisch sein und sich durch solche Dinge die Laune verderben lassen! Sein liebevolles Zureden, seine eindringlichen Vorwürfe, nichts half, um Flora zu ändern. Da riß dem sonst so gutmütigen Manne die Geduld, er bat nicht mehr, er verlangte, und es kam zu heftigen Szenen zwischen den beiden Eheleuten. Flora spielte dann die schwer Beleidigte.
Doktor Gerber hatte nicht geahnt, als er noch verlobt war und Flora ihn mit überschwenglichen Gedichten überschüttete, die er nur flüchtig las, daß er einst unter dieser poetischen Ader zu leiden haben würde. Er sah es für eine Spielerei an, die ein Ende nehmen würde, wenn erst ernste Pflichten an die junge Frau heranträten. Wie bitter wurde er enttäuscht! Aus der sanften, hingebenden Braut, die ihn schwärmerisch anzubeten schien, in der er eine treue Lebensgefährtin, eine sorgende Mutter für sein Kind zu[pg 144]finden hoffte, wurde eine unfügsame, selbstsüchtige Frau, welche Mann und Kind vernachlässigte und sich obenein noch gekränkt fühlte, daß er ihrer dichterischen Beanlagung so wenig Interesse schenkte und so geringes Verständnis entgegenbrachte. „Sie mit ihrer idealen Natur passe nun einmal nicht in diese profane Welt,“ so tröstete sie sich schließlich. Ihr Mann ertrug jetzt alles mit ruhiger Ergebung, nachdem seine Liebe und Güte, dann seine Strenge, ja selbst sein Zorn nichts gefruchtet hatten. Er ging seinem anstrengenden Berufe nach und sagte nichts mehr; Flora war froh, daß sie keine Vorwürfe mehr hören mußte und Ruhe hatte. Einen Verehrer ihrer Muse hatte sie in dem Referendar gefunden, dem sie unter vielen Seufzern ihr Schicksal klagte und wie hart es sei, von dem eigenen Manne verkannt zu werden.
„Ich habe mir meine besondere Welt geschaffen, in der ich lebe,“ sagte sie zu Lüders, „denn wer versteht mich? Außer Ihnen niemand,“ fügte sie mit einem gefühlvollen Augenaufschlag hinzu. Auf Nellie blickte sie mit einer gewissen Geringschätzung herab, sie ging ja, nach ihrer Meinung wenigstens, vollständig in ihrem Mann und den Haushaltungssorgen auf.
Als sie ihr das einmal sagte, hatte Nellie erwidert: „Tut nix, von schöne Gedichte und Romans kann mein Mann nicht satt werden, ich bin nun mal ein prosaisches Frau, liebe Dichterin.“
„Orla wird mit ihren geistigen Interessen wenig Anklang bei Nellie finden,“ dachte Flora im stillen und meinte, es wäre eigentlich besser, Orla wohne bei ihr. Sie beneidete Althoffs grenzenlos um ihren interessanten Besuch und nahm sich vor, mit Orla sehr viel zu verkehren. Ihrem Freunde, dem Referendar Lüders und ihren Bekannten erzählte sie mit großer Wichtigkeit und Ausführlichkeit von der bevorstehenden Ankunft der jungen Russin, die eine[pg 145]intime Freundin von ihr sei, da sie beide sozusagen ‚geistesverwandt‘ wären, daß sie zusammen in der Pension gewesen seien, und wie sich Orla schon damals durch ihre hervorragende Begabung ausgezeichnet hätte. Sie umgab deren Persönlichkeit mit einem Nimbus, der darauf berechnet war, seinen glänzenden Schein vorteilhaft auf sie selbst zurückzuwerfen. Da war es denn bald stadtkundig geworden, welchen Besuch Althoffs erwarteten, und man sah demselben mit Spannung und Neugierde entgegen, ja sogar die Männer waren begierig, die junge Dame kennen zu lernen!