Chapter 9

* * *Nun war Orla schon einige Tage bei den Freunden, und da sie sich müde und abgespannt von der Reise fühlte, ging sie nicht aus dem Hause, ahnungslos, wie sehnsüchtig man im Städtchen auf ihr Erscheinen wartete und wie sehr sie die Geduld der Neugierigen auf die Folter spannte. Flora kam fast jeden Tag; sie war natürlich auch auf dem Bahnhof gewesen, als Orla ankam, hatte diese überschwenglich umarmt und ihr den Strauß mit dem bewußten Gedicht in die Hand gedrückt. Orla nahm diese Begrüßung etwas kühl und verwundert auf, war sie doch gerade mit Flora nie vertraut gewesen, deren Natur ihr vollkommen unverständlich und unsympathisch war. Dagegen freute sie sich aufrichtig, Ilse wiederzusehen.„Nellie,“ hatte Ilse vor Orlas Ankunft gesagt, „bitte, erzähle Orla nur gleich alles –, du weißt schon, die Geschichte mit der Flucht. Wenn sie mich nach Leo fragte, das wäre mir schrecklich, denn gerade ihr gegenüber schäme ich mich doppelt, sie kann gewiß nicht begreifen, daß ich eines lumpigen Streites wegen fortlaufen konnte, sie denkt so erhaben über alles Kleinliche.“Nellie hörte mit heimlicher Genugtuung und Freude die Freundin an und sagte zu ihrem Manne: „Du Fred,[pg 146]Ilschen ist auf die Besserung, sie nennt den Streit mit ihre Schatz schon ‚lumpig‘ und meint eine solche ‚Kleinigkeit‘ könne Orla nicht begreifen.“Die drei Freundinnen hatten sich viel zu erzählen, und manche Stunde wurde mit alten Erinnerungen verplaudert. Waren diese im Grunde doch noch so frisch und neu; nur zwei Jahre lagen dazwischen und die hatten keine davon verwischen können. Die kurze Spanne Zeit hatte aber manche Veränderungen hervorgebracht, namentlich wollten Orla die drei würdigen Hausfrauen unter den Pensionsschwestern nicht recht in den Sinn.„Ich komme mir gegen euch ehrbare Frauen – Ilse rechne ich mit – wie ein Wickelkind vor,“ sagte sie scherzend.„Na Orla,“ neckte Ilse, „wie lange wird es dauern, und du bist auch verlobt und verheiratet, du bist so hübsch und klug –“„Um Gottes willen, Ilse,“ fiel ihr Orla in die Rede, „du willst mir doch nicht etwa Schmeicheleien sagen, Kind! Du weißt doch, daß ich sie hasse.“Aber Ilse lag es fern, der Freundin schmeicheln zu wollen. Aus ihren Worten sprach die aufrichtigste Bewunderung und sie war viel zu offen, jemand etwas Angenehmes zu sagen, wenn es nicht ihre wirkliche Meinung war. Die ganzen Tage her hatte sie Orla verstohlen angeblickt, denn sie fand sie jetzt noch viel hübscher, als in der Pension. Sie war größer und voller geworden, dabei schlank und biegsam wie eine Tanne. Besonders gut gefiel Ilse Orlas ‚interessante Blässe‘, und in der Tat bot der matte, aber warme Teint im Verein mit den dunklen geistvollen Augen, dem kurzen, leichtgelockten Haar ein unendlich anziehendes und reizvolles Bild. Ihr Profil war scharf geschnitten, ein keckes Stumpfnäschen verlieh ihrem Gesicht etwas Pikantes, und den kleinen vollen Mund mit den stolz geschwungenen Lippen hatte Flora schon in der Pension[pg 147]als ‚vollendet klassisch‘ besungen. Trotz einer gewissen Schroffheit in Orlas Wesen konnte sie hinreißend liebenswürdig sein und jedermann bezaubern.Am Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Freunden alles erzählt, was sie Trauriges betroffen hatte, und mit ihnen ihre Zukunftspläne beraten. Doktor Althoff machte sie schonungslos auf alle Schwierigkeiten ihres Entschlusses aufmerksam, und Orla war ihm für seine Aufrichtigkeit sehr dankbar, aber – so sagte sie ihm nach einer langen Auseinandersetzung unter vier Augen, so wenig Lichtseiten er ihr auch an ihrem zukünftigen Beruf gezeigt hätte, sie wäre trotzdem fest entschlossen, nicht wankend zu werden.„Ich bin, wenn auch keine Pessimistin, doch weit entfernt davon, eine Optimistin zu sein,“ sprach sie, „ich weiß ganz genau und habe mir das auch reiflich überlegt, daß ich einen langen, beschwerlichen Weg vor mir habe, bis ich mein Ziel erreiche, und dennoch schrecke ich nicht zurück.“Nun, an Energie und Begabung fehlte es ihr nicht, das wußte er, denn schon in der Schule hatte er seine Freude an ihr gehabt und war oft überrascht gewesen, wie sie bei einem schnellen Fassungsvermögen für eine Frau auffallend klar und logisch dachte. Nie betrieb sie das Lernen oberflächlich, sie nahm alles sehr genau und erforschte die Dinge bis auf den Grund. Daß es ihr aber heiliger Ernst mit dem Studium war, daß kein Gedanke der Eitelkeit, noch die Sucht nach Außergewöhnlichem sie dazu bestimmt hatten, das konnte man alsbald merken, denn sie entwarf mit Althoff sofort einen genauen Stundenplan und er hatte sich in der Folge über seine eifrige und fleißige Schülerin nicht zu beklagen. Mit dem Unterricht wurde gleich am übernächsten Tage ihres Eintreffens begonnen.„Willst du dir nicht erst ein wenig ruhen?“ hatte Nellie gefragt, „du bist von die vielen Aufregungen in der letzte Zeit doch gewiß sehr angespannt?“[pg 148]„Nein, nein, Nellie,“ gab sie zur Antwort, „ich darf keine Minute Zeit verlieren, außerdem ist gegen elegische Gedanken, wie sie jetzt manchmal in mir auftauchen wollen, Arbeit das beste Mittel.“Sie hatte sich entschieden gesträubt, bei Althoffs zu wohnen, indem sie behauptete, das ginge nicht, es wäre ihr peinlich. Sie würde sich daher in den nächsten Tagen selbst nach einer passenden Wohnung umsehen; sie schalt Nellie, daß sie es nicht vorher schon getan hätte. Vorläufig bewohnte sie mit Ilse das Fremdenstübchen, und wenn diese abends schon längst im Bette lag, saß Orla noch auf und arbeitete bis tief in die Nacht hinein.„Aber Orla,“ sagte Ilse oft, „du darfst nicht so lange aufbleiben, du wirst sonst krank; komm und lege dich schlafen.“„Laß mich nur Kind,“ antwortete Orla, „schlafe ruhig weiter und habe keine Angst, ich werde nicht krank.“„Kind, sagt sie immer zu mir,“ dachte Ilse, „gerade als wenn sie viel älter wäre als ich, und sie ist doch erst neunzehn Jahre alt.“ Aber daß Orla, trotz des geringen Altersunterschiedes viel reifer und verständiger war als sie, das empfand sie nur zu oft und sie kam sich dann ihr gegenüber noch recht kindisch und albern vor.„Gegen Orla bin ich doch furchtbar dumm,“ sagte sie einmal zu Nellie.„O Ilschen,“ lachte die junge Frau, „du nicht allein, ich auch. Aber wir wollen ja doch keine Studentens werden und für die tägliche Gebrauch sind wir klug genug.“„Weißt du, Nellie, wenn Orla mich mit ihren großen Augen so prüfend und scharf ansieht, dann denke ich immer, daß sie mich in ihrem Innern gewiß recht verspottet und verhöhnt, weil ich davongelaufen bin. Was sagte sie denn eigentlich dazu?“Nellie konnte sie darüber beruhigen, daß Orla sie weder[pg 149]verhöhnte noch verspottete. Sie hätte Ilse stets gerne gehabt, weil sie ‚Temperament‘ besäße, und es täte ihr nur leid, daß sich der kleine Brausekopf selbst bittere Stunden bereitete.„Selbst bittere Stunden bereitete,“ wiederholte Ilse Orlas Wort, „als ob ich daran schuld wäre.“Noch glaubte sie nicht an ihr Unrecht, noch war sie im Gegenteil überzeugt, daß sie in der Sache selbst im vollsten Recht sei. Allerdings hatte, wenn sie sich die Szene an jenem verhängnisvollen Mittag ins Gedächtnis zurückrief, wohl schon manchmal eine Stimme in ihrem Innern geflüstert: du hättest nachgeben müssen, du warst zuwiderspenstig; aber dann hörte sie im Geiste wieder deutlich Leos beschämende Worte, und ihre besseren Regungen hielten davor nicht stand. –Als Orla zum ersten Male mit den Freundinnen ausging, flog ihr mancher bewundernde Blick zu, einige Vorübergehende blieben sogar stehen und sahen der neuen Erscheinung musternd nach. Auch Doktor Andres begegnete ihnen, der durch Flora von der ‚interessanten russischen Freundin‘ schon viel gehört hatte und diese nun mit kritischen Blicken betrachtete. Er hatte sich ein anderes Bild von ihr gemacht, denn von Floras überschwenglichen Beschreibungen glaubte er immer nur die Hälfte, weil er sie längst durchschaut hatte. Er hatte sich unter der künftigen Berufsgenossin eine starkknochige, keineswegs anziehende Erscheinung vorgestellt und war nun angenehm überrascht, eine schöne junge Dame, deren Weiblichkeit schon aus ihrer anmutigen Erscheinung sprach, zu erblicken. Mit unverhohlenem Wohlgefallen sah er Orla an.„Wer war der große stattliche Mann, der uns eben grüßte?“ fragte sie, nachdem er vorüber war.Nellie nannte seinen Namen.„Eine sympathische Erscheinung,“ bemerkte Orla noch.[pg 150]„Übrigens, Nellie, werden alle Leute, die neu hierherkommen, so angestarrt wie ich? Sie staunen mich ja an wie ein Wundertier. Sieh nur da drüben die Dame, wie sie dir zuwinkt und durch Zeichen zu verstehen gibt, daß du stehen bleiben sollst; wahrhaftig, sie scheut den Schmutz nicht und kommt über die Straße zu uns.“Es war die Frau Direktor, die ihre Neugierde nicht bemeistern konnte und unbedingt den fremden Gast von Althoffs kennen lernen wollte.„Liebe Frau Doktor,“ redete sie Nellie an, „ich habe Sie ja so lange nicht gesehen, es geht Ihnen doch gut,[pg 151]kleine Frau? Und Sie, liebes Bräutchen,“ wandte sie sich an Ilse, „ist die Sehnsucht nach dem Schätzchen nicht zu groß, halten Sie es so lange ohne ihn aus? Wie gefällt es ihm denn in Paris? Gontrau ist doch sein Name, nicht wahr? Ja? Dann habe ich mich nicht geirrt, als ich neulich zufällig durch einen Bekannten meines Sohnes, einen Referendar, erfuhr, daß Assessor Gontrau sich einen längeren Urlaub zu einer Reise nach Paris genommen habe. Da wird er Ihnen jetzt gewiß viel Interessantes erzählen.“Nellie hat Ilse bei diesen Worten erbleichen sehen und unterbrach die redsame Dame deshalb schnell.„Frau Direktor,“ sagte sie, „darf ich Ihnen unsere Freundin Fräulein Orla Sassuwitsch vorstellen?“Und nun ergoß sich über diese ein gleicher Redestrom; Orla verstand es jedoch geschickt, mit kühler, aber ausgesuchter Höflichkeit ihren Fragen auszuweichen, so daß die aufgeregte Fragerin wenig mehr erfuhr, als sie schon wußte. Die vornehme Zurückhaltung der jungen Dame imponierte ihr gewaltig, und sie bat sie dringend um ihren baldigen Besuch.„Bitte, kommen Sie aber gleich des Nachmittags mit einer Handarbeit zu einer Tasse Kaffee,“ sagte sie, Orla die Hand schüttelnd, und verabschiedete sich.„Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen,“ meinte Ilse offenherzig, „wie unverschämt sie jeden ausfragt! Ich könnte ihr kein Wort erwidern, so furchtbar ärgere ich mich über sie.“„Aber, beste Ilse,“ lachte sie Orla aus, „wenn man sich über solche Lappalien im Leben schon ‚furchtbar ärgern‘ will, dann könnte man ja nie froh sein. Die gute Dame hat mich erheitert, das Fragen und Ausforschen scheint ihr Lebensbedürfnis zu sein. Du lieber Gott, ‚jedes Tierchen hat sein Pläsierchen‘, also: lassen wir ihr das Vergnügen.“„Nein,“ sagte Ilse erregt, „ich könnte mit dieser Frau nicht verkehren, und warum soll man denn auch jemand[pg 152]besuchen, den man nicht ausstehen kann? Nellie mag sie auch nicht leiden und ist doch so freundlich zu ihr.“„Du bist doch ein recht weltunkundiges kleines Mädchen, Ilse, und hast noch sehr naive Ansichten, nimm mir das nicht übel! Von der ‚konventionellen Lüge‘ hast du wohl noch nie etwas gehört? Weißt nicht, daß man den Personen, die man nicht leiden mag, nicht ins Gesicht sagen kann: geh mir aus dem Wege, denn du bist mir unangenehm. Man könnte leider beinahe sagen: je besser man lügen kann, desto weiter kommt man in der Welt. Man nennt das ‚weltklug‘ sein.“„Siehst du, Ilschen,“ warf Nellie ein, „Orla spricht so, wie ich dich schon sagte. Ich mag ihr auch nicht, das neugierige Direktorsfrau, aber sie darf mich das nicht anmerken.“Ilse erwiderte nichts, nachdenklich ging sie neben den Freundinnen her.Am Abend, als die beiden jungen Mädchen sich zur Ruhe begaben, fragte Ilse plötzlich:„Orla, würdest du mit deinem Manne alle Besuche machen, die er wünscht?“„Närrchen, warum nicht? Natürlich! Man braucht ja deshalb noch nicht mit denen, die einem mißfallen, zu verkehren. Wie kommst du überhaupt zu dieser Frage?“„Ach, ich dachte eben nur so zufällig daran,“ antwortete Ilse ausweichend und schwieg dann.Orla schlief schon längst, als Ilse noch wachend in ihrem Bette lag. Leo in Paris, daran mußte sie immer denken. Was wollte er dort, warum reiste er dahin? Um sich zu amüsieren, natürlich nur deshalb. Sie hatte Nellie gefragt, ob es wahr sei, was die Frau Direktor ihr mitgeteilt hatte, und ob sie auch wüßte, daß Leo in Paris sei. Nellie bestätigte es; sie wußte es ja schon länger, hatte ihr aber diese Nachricht bisher absichtlich verschwiegen. Ilse[pg 153]fragte nichts weiter, sondern hatte das Gespräch schnell abgebrochen und von etwas andrem gesprochen, denn Nellie sollte nicht etwa denken, daß sie sich ärgerte oder grämte. Aber ihre Gedanken beschäftigten sich fortwährend mit dieser Reise und raubten ihr selbst den Schlaf. Sie warf sich unruhig von einer Seite zur andern. War es denn nicht der beste Beweis, daß er sie nicht mehr liebte, daß er keinen Kummer empfand, wenn er Lust hatte, zu seinem Vergnügen nach Paris zu reisen? Paris – er hatte ihr schon so oft davon vorgeschwärmt und dabei gesagt, wenn wir erst verheiratet sind, dann reisen wir nach Paris. Und nun reiste er ohne sie, dachte wahrscheinlich garnicht mehr an sein damaliges Versprechen und unterhielt sich gewiß herrlich. Ihr Interesse für diese Stadt wurde plötzlich wach, sie hätte gar zu gern etwas näheres über Paris gewußt. Ob Orla wohl schon dort gewesen war? Sie hatte mit ihrem Großvater weite Reisen gemacht und schon so viel von der Welt gesehen; gewiß war sie auch in dieser Weltstadt gewesen und konnte ihr davon erzählen. Die Neugierde ließ ihr keine Ruhe, und halb in Gedanken rief sie Orlas Namen.„Ja, was denn, was ist denn, hast du mich gerufen, Ilse?“ fragte diese noch halb im Schlafe.Ilse war es nun doch peinlich, Orla zu fragen, denn was würde diese dazu sagen, wenn sie jetzt mitten in der Nacht eine Beschreibung von Paris haben wollte.„Was willst du denn?“ fragte Orla und richtete sich im Bett auf, da sie keine Antwort erhalten hatte. „Warum hast du mich denn geweckt?“Endlich faßte sich Ilse ein Herz und erkundigte sich zaghaft, ob Orla wohl schon in Paris gewesen sei und wie es dort wäre, sie möchte ihr doch davon erzählen. Sie war froh, daß es Nacht war und Orla sie nicht sehen konnte, denn sie fühlte, wie rot sie bei dieser Frage wurde.[pg 154]„Mein Gott, Ilse, du phantasierst doch nicht, oder hast du etwa geträumt?“ rief Orla erstaunt.„Ach nein, ich habe überhaupt noch nicht geschlafen,“ gab Ilse kleinlaut zur Antwort, „und da dachte ich so zufällig an Paris.“„Ach ja,“ sagte Orla, „nun begreife ich, du beschäftigst dich natürlich deshalb in Gedanken lebhaft mit Paris, weil dein Bräutigam dort ist?“Ilse erschrak; sie hatte geglaubt, Orla habe es nicht gehört, als die Frau Direktor ihr die Neuigkeit von Leos Reise mitteilte, da sie gerade in dem Schaufenster eines Kunstladens, vor welchem sie standen, die Bilder einiger Professoren betrachtete. Sie hatte dabei nicht gedacht, daß die neugierige Dame eine sehr helle und durchdringende Stimme besaß, so daß Orla recht wohl hören konnte, was sie sagte. Übrigens war dieser erst jetzt bei Ilses Frage die Angelegenheit wieder eingefallen, der sie zuerst keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.Ilse wußte nicht, was sie auf Orlas Frage antworten sollte, und schwieg deshalb still. Es wäre ihr jetzt sogar lieb gewesen, wenn Orla das Gespräch abgebrochen hätte, aber diese fuhr nach einer kleinen Pause fort:„Paris ist sehr schön, Ilse, und ich bin überzeugt, daß es deinem Bräutigam dort vorzüglich gefallen wird.“„Ja, das glaube ich auch,“ fiel ihr Ilse mit spöttischem Auflachen ins Wort, „er wird gewiß furchtbar vergnügt und ausgelassen sein, natürlich, warum sollte er denn auch nicht?“„Aber Ilse,“ sagte Orla, die jetzt erst merkte, wie ihre Freundin über diese Reise dachte und empfand, „ich bitte dich, warum soll sich denn dein Verlobter nicht amüsieren?“Die Gefragte schwieg, aber ein mühsam unterdrücktes Schluchzen klang zu Orla herüber.„Du kleines leidenschaftliches Mädchen,“ sprach Orla[pg 155]liebevoll und sanft zu ihr, „vor allen Dingen werde etwas ruhiger. Ich muß jetzt mal in einem weisen Tantenton mit dir reden. Sieh, liebe Ilse, das Leben bringt ohnedies Schweres genug, warum da noch unnütz Grillen fangen und es sich durch Nichtigkeiten verbittern? Nellie hat mir auf deinen Wunsch alles erzählt, und ich sage dir aufrichtig, ich bedaure dich und deinen Bräutigam, daß es soweit zwischen euch gekommen ist. Ich weiß ja nicht, was vorgefallen ist, aber etwas Schlimmes kann es nicht sein, denn in deinen Augen habe ich gelesen, daß du ihn noch liebst, daß du mit allen Fasern deines Herzens noch an ihm hängst, mit allen deinen Gedanken noch bei ihm bist. Nicht wahr, du bist böse auf ihn, weil er fortgereist ist und nicht als echter Ritter Toggenburg hintrauert? Das würdest du lieber sehen, das würde dir besser gefallen, gestehe es, Ilse! Aber sei gerecht, nicht kleinlich, und denke mal ruhig nach. Die Sehnsucht nach dir, der Schmerz, daß du ihn verlassen hast, sie machen, daß er es nicht mehr daheim aushält, eine unbezwingliche Unruhe treibt ihn fort, weit fort; er muß andre Menschen, andre Dinge sehen und je größer der Strudel der Vergnügungen, die ihn sein Leid vergessen machen sollen, desto besser. Kannst du nicht mit ihm empfinden, siehst du nicht darin nur einen Beweis, wie tief und innig er dich liebt? Handelt nicht so ein rechter Mann voll Kraft und Stolz, welcher der Welt nicht zeigen mag, wie es in ihm aussieht? Glaubst du, daß er wirklich genießt, was er sieht und hört, daß ihn nicht überall sein Kummer, der Gedanke an dich begleitet? Ilse, du bist mit Blindheit geschlagen, glaube es mir. Sei nicht böse, daß ich offen spreche, aber ich meine es wahrhaftig nur gut mit dir.“Ilse hatte bebend zugehört. Orlas Worte machten einen tiefen Eindruck auf sie. War es nicht richtig, was sie sagte, verstand sie Leo nicht besser, als seine eigene Braut es tat? Ja, Orla hatte recht! Und nun kam sie sich auf einmal so[pg 156]kleinlich, so ungerecht vor, es ging ihr plötzlich wie ein Licht auf. Ja, Leo war nur fortgereist, um seinen Schmerz durch neue Eindrücke zu betäuben. Kannte sie ihn so wenig, vermochte sie so wenig in seiner Seele zu lesen? Keine Silbe von dem, was ihr Orla gesagt hatte, hätte sie bestreiten mögen. So eindringlich und schonungslos hatte Nellie noch nie mit ihr gesprochen; die viel zu gutmütige junge Frau konnte nicht sehen, wenn Ilse so traurig war, und hatte dann gleich tausend zärtliche Trostesworte für sie, aber um keinen Preis hätte sie ihr das Herz durch Vorwürfe noch schwerer gemacht. Orla sagte ihr erbarmungslos die Wahrheit, so war es recht! Es tat ihr wohl zu wissen, wie das kluge Mädchen über sie urteilte, und sie war ihr dankbar, daß sie so offen mit ihr gesprochen hatte.„Gute Nacht, liebe Orla!“ rief Ilse innig.Keine Antwort.Schlief sie schon wieder, oder stellte sie sich schlafend?Ilse erhob sich leise und ging an Orlas Bett. Die gleichmäßigen Züge verrieten, daß sie fest schlief. Ilse betrachtete mit Entzücken das schöne Gesicht der Freundin, welches von den hereindringenden Mondesstrahlen matt beleuchtet wurde. Die dunklen Augenwimpern warfen ihren Schatten auf die blassen, im Mondeslicht fast marmorweißen Wangen. Ilse drückte einen leisen Kuß auf die Stirn der Schläferin und schlich sich dann auf den Zehen zurück nach ihrem Lager.* * *[pg 157]Nach den herbstlich rauhen Tagen stellte sich jetzt der Winter ein, der mit Schnee und Eis sein Recht behauptete. Seit einigen Tagen schneite es unaufhörlich, leise und sacht fielen die weißen Flocken zur Erde nieder. Baum und Strauch mußten sich unter der Schneelast beugen. Flora, deren Poesie mit den Jahreszeiten Schritt hielt, besang jetzt den „gestrengen Winter“, und das tanzende, wirbelnde Schneegestöber wurde für sie ein unerschöpfliches Thema mit den verschiedensten Abwechslungen. Sie ward nicht müde, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und in das flimmernde Flockengewirr zu sehen. Eines Tages aber lachte ihr der klare blaue Himmel entgegen und die freundliche Wintersonne schien ins Fenster herein.Gegen Mittag kam der Referendar, um zu fragen, ob man nicht das herrliche Winterwetter benutzen und mit mehreren Bekannten eine Schlittenpartie unternehmen wolle, es wäre die schönste Bahn. Voller Begeisterung begrüßte Flora diesen Gedanken, sie fand ihn himmlisch und war sofort bereit, nach Althoffs zu gehen, um sie zu diesem Partie aufzufordern.„Ihrer reizenden kleinen Freundin, Fräulein Ilse wird[pg 158]gewiß eine Schlittenfahrt auch Spaß machen. Ich werde mir erlauben, das Fräulein selbst zu fahren.“Ärger und Enttäuschung kamen bei diesen Worten in Floras Gesicht zum Ausdruck.„Finden Sie Ilse wirklich reizend? Ich begreife das nicht? Sie hat ein frisches, glattes Gesicht, aber Sie müssen doch gestehen, daß demselben jede Vergeistigung fehlt, die ein Antlitz doch erst anziehend und interessant macht. Ohne diesen Ausdruck kann ich kein Gesicht schön finden und deshalb läßt mich auch das von Ilse kalt, es ist mir langweilig.“Wie hart und schroff sie urteilte, wenn sie sich in ihrer Eitelkeit verletzt fühlte! In Gedanken hatte sie an sich gedacht, als sie Lüders auseinandersetzte, wodurch ein Gesicht erst seine wahre Schönheit bekäme, und sie erwartete, daß auch er so denken und ihr das jetzt sagen werde. Aber er blieb stumm und ein ironisches Lächeln zuckte um seinen Mund.Erregt stand Flora auf.„Gehen Sie mit?“ fragte sie. „Ich will zu Althoffs. Übrigens – Sie wissen doch, Ilse ist Braut! Kühlt das Ihre Begeisterung nicht etwas ab?“Auch er hatte sich erhoben und gab auf Floras spöttische Frage keine Antwort; er dachte nur daran, um jeden Preis mit dem jungen Mädchen zusammenzukommen. Er verabschiedete sich von Flora, indem er ihr sagte, daß er gegen Abend wiederkommen würde, um das nähere über die Partie zu erfahren.„Adieu,“ sagte Flora schnippisch und drehte ihm den Rücken, ohne seine ausgestreckte Rechte zu berühren.„Nun, bekomme ich keine Patschhand?“ fragte er.„Nein, Sie sind zu unartig gewesen,“ sagte sie und sah ihn über die Schulter mit kokett schmollender Miene an.„Aber wenn ich verspreche, jetzt wieder artig zu sein, Frau Flora, auch dann nicht?“[pg 159]„Eigentlich haben Sie keine verdient, aber ich will gnädig sein. Hier!“Sie reichte ihm ihre Hand. Er führte sie mit einem scheinbar demütig um Verzeihung flehenden Gesicht an seine Lippen und ging dann fort.Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihren Mund; voller Selbstbewußtsein sah sie ihm nach. Sie hielt alles bei ihm für bare Münze, die arme, blinde Flora, und keine noch so leise Ahnung sagte ihr, daß er in seinem Innern ganz anders über sie dachte, als er äußerlich zeigte. –Pünktlich um zwei Uhr sollten sich die Teilnehmer an der verabredeten Schlittenpartie vor dem Althoff’schen Hause am andern Tage versammeln. Außer Flora mit ihrem Manne, Referendar Lüders und Althoffs mit den beiden jungen Mädchen, hatte man noch den Assistenzarzt von Doktor Gerber zu der Partie aufgefordert. Es wurde beschlossen, nach dem Dorfe zu fahren, in welchem Rosis Mann Pastor war, weil dorthin die beste Bahn sei und man erwarten konnte, daselbst, was Essen und Trinken betraf, gut aufgehoben zu sein. Der Pastor und seine Frau waren natürlich benachrichtigt und gebeten worden, zur angegebenen Zeit pünktlich in dem Gasthaus zu sein und dort für ein warmes Zimmer und guten Kaffee zu sorgen.„Orla, du wirst dir staunen, unsre artige Rosi wiederzusehen, nicht wahr, Ilschen?“ sagte Nellie lustig, während sie zur Schlittenpartie gerüstet vor dem Spiegel stand und noch einen langen weißen Schleier um ihre Pelzmütze legte, den sie unter dem Kinn zu einer großen Schleife zusammenband, welche ihrem rosigen Gesicht reizend stand.Ilse lachte.„Ja wahrhaftig, Orla, du wirst dich wundern, wie die ihren Mann unter dem Pantoffel hat. Ich sage es ja immer, die Sanften haben es faustdick hinter den Ohren. Sieht Rosi nicht aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben?[pg 160]Sie hat ein Gesicht wie eine Madonna mit dem Heiligenschein und dabei ist sie mindestens ebenso widerspenstig, wie meine Wenigkeit.“„Selbstbekenntnis einer edlen Seele,“ deklamierte Orla feierlich, worauf alle drei in ein Gelächter ausbrachen.„Still, Kinder,“ mahnte Nellie und lief ans Fenster, „die Schlittens kommen, ich höre ihnen klingeln.“Durch die Türe rief sie:„Fred, bist du fertig?“„Ja, Kind,“ antwortete er und kam herein.„Hier bin ich.“Vergnügt eilten die jungen Menschen die Treppe hinunter. Vor der Türe hielten vier mäßig elegante, aber mit guten Pferden bespannte Schlitten. In dem ersten saßen Gerbers, in dem zweiten der Referendar und Andres. Flora, die mit verdrossener Miene neben ihrem Manne saß, hatte verweinte Augen und begrüßte in kläglichem Tone die Freundinnen. Erst als Nellie sie fragte, ob ihr etwas fehle, erwiderte sie mit weinerlicher Stimme:„Denkt nur, beinahe wäre mir das ganze Vergnügen verdorben worden. Mein Mann wollte nicht mit, er behauptete, sich nicht wohl zu fühlen, er hätte Kopfschmerzen, Fieber und wer weiß was alles noch. Aber man muß nur die Männer kennen. Wenn ihnen der kleine Finger weh tut, stellen sie sich gleich furchtbar an. Nein, die Schlittenpartie, auf die ich mich so riesig gefreut habe, wollte ich mir deshalb nicht vereiteln lassen. Wahrhaftig, Männchen, ich wäre ohne dich mitgefahren.“Sie sah ihren Mann mit trotziger Herausforderung an und zog die Oberlippe in die Höhe, wie ein ungezogenes Kind.„Ich machte dir ja selbst diesen Vorschlag, Flora,“ entgegnete ihr Mann ruhig, „aber du sagtest, dann müßte eine Person allein fahren, weil nur zweisitzige Schlitten bestellt wären. Das sah ich ein, und um dir das Vergnügen[pg 161]nicht zu verderben, fahre ich mit. Nun ist die Sache wohl abgetan, ich bitte darum.“Es war ihm offenbar unangenehm, daß Flora erzählte, was zwischen ihnen vorgefallen war, aber er bezwang seinen Unmut und nur die tiefe Falte zwischen seinen starken Brauen und der bestimmte Ton, mit welchem er sprach, verrieten, daß er sich ärgerte.Flora bemerkte und empfand es nicht, sie hatte nur den einen Gedanken und der war – die Schlittenpartie! Sie stürzte auf Orla zu und umarmte sie auf offener Straße, denn sie wollte immer zeigen, wie ‚intim‘ sie mit ihr war. „Die geistige Verwandtschaft zwischen meiner Freundin und mir,“ hatte sie zu Lüders gesagt, „schlingt ein festes unauflösliches Band um uns.“Orla, welche überhaupt keine Zärtlichkeiten liebte, wehrte unwillig ab und sagte mit Entschiedenheit: „Ich bitte dich, Flora, laß doch diese Liebesbeweise auf offener Straße, du bereitest vielen Zuschauern nur ein Schauspiel. Sieh doch die Köpfe an den Fenstern.“In diesem Augenblick trat Althoff mit dem jungen Arzt heran.„Fräulein Orla, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Doktor Andres vorzustellen. Und hier, Doktor: Fräulein Orla Sassuwitsch, eine liebenswürdige Kolleginin spe.“ Über Orlas Gesicht flog bei diesen Worten eine leichte Röte, und ihre Augen senkten sich zu Boden. Sie ahnte nicht, wie schön sie gerade in diesem Augenblick war, und daß die Blicke des jungen Mannes bewundernd auf ihr ruhten. Eigenartig und vornehm sah die Russin aus. Sie trug ein dunkelgrünes, eng anliegendes Tuchkleid, dessen Saum mit Otterpelz besetzt war. Von gleichem Pelz waren auch der kostbare Schulterkragen, der Muff und das Mützchen, das tief in die Stirn gedrückt war.„Um Gottes willen. Orla, willst du denn in diesem[pg 162]luftigen Aufzuge fahren?“ fragte Flora, „du hast ja nicht einmal eine Jacke an, du erfrierst ja. Hu!“Zusammenschauernd wandte sie sich ab.„O nein, Flora, ängstige dich nicht, ich bin abgehärtet und zog mich in Rußland bei viel strengerer Kälte niemals wärmer an.“„Na,“ erwiderte Flora, „da bin ich doch zarter besaitet, als du, ich muß mich ordentlich einhüllen, sonst friert mich.“Ordentlich eingehüllt, ganz vermummt vielmehr sah die junge Frau allerdings aus in ihren Mänteln, Tüchern und Schleiern.„Ich meine, wir fahren nun los.Messieurs, engagez les dames,“ rief Althoff scherzend.Ilse, welche sah, daß der Referendar auf sie zukam, trat schnell auf Nellies Mann zu.„Bitte, bitte, Herr Doktor,“ flüsterte sie hastig, „darf ich mit Ihnen fahren?“„Das wird mir nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein großes Vergnügen sein,“ antwortete er mit einer drollig feierlichen Verbeugung.Lüders wurde von Ilse ziemlich ungnädig und von oben herab abgewiesen und zog mit langem Gesicht ab. Was blieb ihm nun anders übrig, als mit Flora zu fahren, denn Nellie saß mit Gerber im Schlitten und Orla mit Doktor Andres. Floras Augen waren ihm gefolgt, als er zu Ilse trat. Sie war voller Freude darüber, daß ihm diese einen Korb gab, und mit siegesgewisser Miene sah sie ihn jetzt auf sich zukommen. Seine Verdrossenheit über Ilses Abweisung malte sich deutlich in seinen Zügen, aber Flora schien das nicht zu bemerken. Mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln nickte sie ihm zu und kletterte dann ungeschickt und steif in den Schlitten, wo sie fast ganz in ihren Umhüllungen verschwand, so daß nur die von der Kälte bläulich angehauchte Nase hervorschimmerte.[pg 163]„All right?“ rief Althoff jetzt.„Ja, ja,yes,oui,“ antworteten die lachenden Stimmen durcheinander, die Pferde zogen an, und mit lustigem Schellengeläut flogen die Schlitten über die glatte Bahn dahin. Bald hatte man die letzten Häuser der Stadt im Rücken, und große Schneeflächen, von der Sonne beschienen und wie mit Diamanten übersät, breiteten sich zu beiden Seiten des Weges aus.„Ein weißes, großes Leichentuch ist über die tote Natur ausgebreitet,“ trug Flora mit tragischem Augenaufschlag vor. Aber sie machte heute keinen Eindruck auf ihren Nachbar, der einsilbig neben ihr saß und ihr nur zerstreute Antworten gab.„Lüders, Sie sind heute langweilig,“ sagte sie schließlich, „nun, ich brauche glücklicherweise die Unterhaltung andrer nicht, um mich zu amüsieren. Meine Gedanken sind mir die liebsten Gesellschafter,“ fügte sie spitz hinzu und wandte sich von ihm ab zur Seite. In demselben Augenblick traf ein Schneeball empfindlich ihre Nase und Nellies helles Lachen über den gut gelungenen Wurf verriet die Anstifterin. Flora verstand keinen Scherz, sie drehte sich deshalb entrüstet um und schoß Nellie einen bitterbösen Blick zu, indem sie ärgerlich den Schnee von ihrem Mantel abschüttelte.„Ich glaube, Ihre Frau zürnt mich über die kleine Spaß,“ sagte Nellie zu Doktor Gerber.Er schüttelte mit mattem Lächeln den Kopf, denn er wollte der jungen Frau nicht recht geben, trotzdem er überzeugt war, daß Flora den harmlosen Scherz ernstlich übel genommen hatte. Seine müden Bewegungen fielen Nellie auf, er hatte sonst etwas Energisches und Kraftvolles in seinem Wesen.„Fühlen Sie sich sehr unwohl?“ fragte sie ihn teilnahmsvoll.„Ja,“ erwiderte er, „es geht mir heute nicht gut, ich weiß, daß ich Fieber habe, und fühle heftige Stiche in der[pg 164]Brust beim Atemholen. Aber wir wollen nicht mehr davon sprechen, es wird schon wieder besser werden. Ein Arzt darf ja überhaupt nicht krank sein, er überläßt das lieber seinen Patienten, selbst hat er keine Zeit dazu.“Er sprach scherzend, aber die feinfühlende Nellie empfand, daß er sich heute zu einem heiteren Ton zwingen und sich sehr elend fühlen mußte.„O wenn Ihnen nur der kalte Zugluft nicht schadet,“ sagte sie besorgt, „hier, bitte nehmen Sie dieser Tuch um Ihren Hals, bitte erlauben Sie mich.“Er wollte ihr abwehren, aber sie hatte schon ein seidenes Tuch aus ihrer Tasche hervorgeholt und band es ihm eigenhändig um.Fast gerührt blickte er sie an.„Sie sind eine fürsorgliche kleine Frau, tausend Dank!“Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Nellie wurde rot und entzog ihm schnell ihre Hand.„O,“ sagte sie, „Sie müssen mir nicht für eine Kleinigkeit ein so großer Dank geben. Ich bin es von mein Mann so gewohnt, ich muß für ihn an alles denken und sorgen. O, er ist so leichtsinnig, er sieht nie nach die Thermometer, ob es kalt oder warm draußen ist.“Doktor Gerber dachte unwillkürlich an den Unterschied zwischen seiner Frau und Nellie. Er schätzte letztere hoch, ihr echt weiblicher Sinn, ihre häuslichen Gaben hatten ihn oft entzückt. Im stillen hatte er gehofft, Flora würde von ihr lernen, aber bald mußte er einsehen, daß auch das beste Beispiel sie nicht ändern konnte. Sein Beruf ließ ihm zum Glück nicht viel Zeit zum Grübeln übrig, aber in den wenigen Erholungsstunden litt er schwer unter dem Druck der Ungemütlichkeit in seinem Heim, und nur wenn er in die unschuldigen Augen seines Kindes sah, fiel es wie ein Lichtstrahl in die öde Leere seiner Brust. Nellie betrachtete voller Mitleid ihren stummen Nachbar, dessen Gedanken sich[pg 165]deutlich in seinen Zügen verrieten. Sie hatte schon oft traurig empfunden, daß dieser Ehe die Weihe des wahren, echten Glückes fehle, und fragte sich dann: liebt ihn Flora nicht und ist sie blind dagegen, daß er leidet? Nein, die wahre Liebe kannte sie nicht, – würde sie sonst stets nur an sich denken und über ihre elende Stümperei Mann und Kind vergessen? Wußte sie nicht, wie schön es ist, den Beruf des liebenden Weibes mit heiliger Pflichttreue zu erfüllen? Nellie war sich desselben tief bewußt, für sie gab es keinen andern Wunsch, als ihren Mann zu beglücken, seine Liebe war ihr das Höchste, Herrlichste auf dieser Welt! Der einzige Fred! In dem liebe- und glückerfüllten Gedanken an ihn wandte sie sich nach ihm um, sie mußte ihn in diesem Augenblick sehen, einen Blick von ihm erhaschen.„Fred!“ rief sie und nickte ihm innig zu. Er war im lebhaften Gespräch mit Ilse, die ihrer heiteren Laune die Zügel schießen ließ, weil sie froh war, dem Schicksal entronnen zu sein, mit dem ihr so verhaßten Referendar fahren zu müssen. Sie erzählte sich mit ihrem früheren Lehrer lauter Witze und Scherze, und immer von neuem ertönte ihr fröhliches Lachen.Plötzlich jagte der letzte Schlitten, in welchem Orla mit ihrem Begleiter saß, in sturmesähnlicher Geschwindigkeit an ihnen und den andern vorüber. Orla hatte die Zügel in der Hand, sie saß kerzengerade aufgerichtet. Die scharfe Luft hatte ihre Wangen gerötet, Feuer und Lebenslust blitzten aus ihren Augen. Als ihr Schlitten an Flora vorbeisauste, fuhr diese mit einem Aufschrei zusammen und schloß wie ohnmächtig die Augen. Lüders aber schien die Schwäche seiner Nachbarin nicht zu bemerken, er war nicht im mindesten besorgt um sie, im Gegenteil, mit einem kalten höhnischen Lächeln blickte er sie von der Seite an. Als Flora die Augen wieder aufschlug, sah sie, wie sich Orla umdrehte und ihr mit dem heitersten Gesicht zurief, ob sie sich von[pg 166]ihrem Schrecken erholt habe. Sie hatte die Zügel straff angezogen und ließ die Pferde in langsamem Tempo gehen.„Hoffentlich habe ich nicht auch Sie erschreckt,“ wandte sie sich an ihren Nachbar, „ich vermute es fast, weil Sie mir die Zügel entreißen wollten. Sie dachten gewiß, die Pferde gingen durch?“„Natürlich glaubte ich es, und ist mir das zu verdenken, da ich doch keine Ahnung haben konnte, welche kühne Rosselenkerin Sie sind? Wie harmlos sagten Sie zu mir: bitte lassen Sie mich doch einmal die Zügel nehmen, ich möchte auch mal versuchen zu fahren. Offen gesagt, das war recht hinterlistig von Ihnen.“„Nein,“ lachte sie, „es war nicht hinterlistig von mir, denn ich wußte in der Tat nicht, ob ich das Fahren nicht verlernt hatte; ich habe so lange keinen Zügel in der Hand gehabt. In dem Augenblick aber, als Sie mir dieselben gaben, da kam das Bewußtsein der Sicherheit wieder über mich, die alte Leidenschaft erwachte in mir, ich war wieder daheim in Petersburg, ich saß in unserm Schlitten, es waren unsre Ponys, die ihn zogen, kurz und gut, es war meine lebhafte Einbildungskraft, die mich fortriß und Ihnen diesen Streich spielte. Verzeihen Sie?“„O, von Verzeihen kann hier keine Rede sein, Sie haben mir ja einen riesigen Spaß bereitet, gnädiges Fräulein. Ich bleibe jetzt bequem in meiner Ecke sitzen und lasse mich von schönen Händen spazieren fahren, denn Sie verstehen es ja weit besser als ich. Sie reiten wohl auch?“„Und wie gern,“ versetzte sie mit blitzenden Augen.„An Unerschrockenheit fehlt es Ihnen nicht, dafür habe ich Beweise. Für ihren künftigen Beruf ist das übrigens viel wert, denn es gibt da vieles zu überwinden, selbst für einen Mann.“„Ja, ja, ich weiß,“ gab sie kurz und halb verlegen zur Antwort.[pg 167]Wie merkwürdig, es war ihr peinlich, wenn er davon anfing. Es kam ihr vor, als läge ein gewisser Spott in seinen Worten, als umspiele ein mitleidiges Lächeln seine Lippen, wie wenn er dächte, du eine schwache Frau willst dich an eine solche Aufgabe wagen? Schon verschiedene Male hatte er sie heute über ihre Zukunftspläne befragt, die natürlich ihn interessierten, da er selbst Arzt war, sie hatte ihm aber immer ausweichend geantwortet. Mit Althoff und Gerber besprach sie doch eingehend denselben Gegenstand und holte ausführlich ihren Rat ein; warum hatte sie eigentümliche Scheu, mit Andres darüber zu sprechen? Sie wußte sich das selbst nicht zu erklären.Das für mitleidig gehaltene Lächeln um seinen Mund deutete sie aber falsch. Er lächelte, weil er sich über das junge schöne Menschenkind freute, sowie über ihre klugen durchdachten Antworten, die sie ihm gab, und die so ganz anders lauteten, wie bei den hiesigen Damen seiner Bekanntschaft. Er war überzeugt, daß sie keine oberflächliche Jüngerin der Wissenschaft werden, daß sie leicht und gründlich erfassen und lernen würde. Und dennoch, – er bedauerte sie, denn der jungfräuliche Hauch, der sie trotz ihres männlichen Geistes umgab, würde abgestreift werden. Voll Bewunderung folgte er ihren kraftvollen anmutigen Bewegungen und verglich sie auch hierin wieder im stillen mit den zimperlichen Kleinstädterinnen, welche vor der Zeit schlaff und alt wurden, weil sie ohne Mark und Kraft waren, was ihre schlechte Haltung und der schleppende, aller Spannkraft entbehrende Gang auf den ersten Schritt bewiesen. In Orla vereinten sich jugendliche Kraft mit Anmut, und wie sie so dasaß, wurde er nicht müde sie anzuschauen.Sie fuhren jetzt dicht am Walde hin, manchmal streiften sie mit dem Kopf einen unter der Schneelast tief gebeugten Zweig, und der kalte, prickelnde Schnee stäubte ihnen ins Gesicht. Die Dämmerung brach schon frühzeitig herein,[pg 168]während der Himmel noch von der untergehenden Sonne in ein zartrosa Violet getaucht war, und matt glänzend stand der Mond am Himmel. Der zauberhafte Anblick der entzückenden Winterlandschaft, das tiefe Schweigen ringsum, nur unterbrochen durch das Schellengeklingel, das aus der Ferne von den andern weit zurückgebliebenen Schlitten wie ein Echo herübertönte, hielt die beiden jungen Menschen wie in einem magischen Bann umfangen. Sie saßen schweigend nebeneinander, als fürchteten sie den Zauber durch Worte zu zerstören. Erst als sie von weitem rote Ziegeldächer schimmern sahen und fernes Hundegebell schon die Ankömmlinge begrüßte, erwachten beide wie aus einem Traum, und Orla wandte sich zu ihrem Nachbar mit den Worten:„Ich glaube, wir sind am Ziel. Wissen Sie Bescheid, wo sich das bewußte Gasthaus befindet, das uns aufnehmen soll?“Er bejahte, und schon nach wenigen Minuten hatten sie dasselbe erreicht. Mit einem festen Ruck zog Orla die Zügel an, schnaubend und dampfend standen die Pferde still. Der Wirt eilte dienstfertig herbei, und auch seine wohlbeleibte Ehehälfte begrüßte die jungen Leute unter vielen unterwürfigen Knixen.„Herr und Frau Pastor würden Herrn und Frau Doktor im Zimmer empfangen,“ sagte sie zu den beiden, die eben ins Haus treten wollten.„Nein, das ist zu komisch,“ rief Orla laut lachend, war aber rot geworden und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.„Wir sind nicht Herr und Frau Doktor, liebe Frau,“ erklärte Andres ebenfalls lachend der Wirtin. „Sie verwechseln uns mit den Herrschaften, die auch gleich kommen werden.“Die Frau entschuldigte sich vielmals und sagte dann mit einem vielsagenden Blick auf das junge Mädchen:[pg 169]„Na, was nicht ist, kann noch werden,“ denn sie war nun einmal der Meinung, daß das schöne Paar zusammengehören müßte. Orla wurden die Reden der geschwätzigen Alten ungemütlich, sie wollte deshalb ins Haus gehen, um ihre Freundin zu begrüßen.Andres ging mit ihr hinein.Rosi und ihr Mann kamen ihnen schon auf dem Flur entgegen. Rosi umarmte Orla mit steifer Würde und gab ihr einen Kuß auf die Wange.„Ich war ganz überrascht, wie ich von Nellie erfuhr, daß du hier bist,“ sagte sie, als sie im Zimmer waren, „aber ich freue mich sehr, dich wiederzusehen. Kamst du nur nach Deutschland, um Althoffs zu besuchen, liebe Orla oder führt dich noch ein andrer Zweck hierher?“„Du erlaubst wohl,“ unterbrach sie Orla, „daß ich dir Herrn Doktor Andres vorstelle und dich bitte, mich mit deinem Manne bekannt zu machen.“Rosi war innerlich empört über die Zurechtweisung, wie sie Orlas Bitte nannte. Mit einer kaum merklichen Neigung ihres Kopfes erwiderte sie die Verbeugung des jungen Arztes und stellte dann ihren Mann vor, dessen Augen unablässig auf Orlas Gestalt geruht hatten. Rosi hat mir ja niemals erzählt, wie schön diese Freundin von ihr ist, dachte er, und es wäre doch wahrhaftig der Mühe wert gewesen.Lautes Sprechen und Lachen draußen kündigte jetzt die Ankunft der Zurückgebliebenen an. Orla lief ans Fenster und die andern folgten ihr dahin nach. Sie klopfte an die Scheiben und nickte den Freunden grüßend zu. Leicht, wie ein Vogel vom Zweig, war Ilse aus dem Schlitten gehüpft, und Flora, welche das mit neidischen Blicken beobachtet hatte, nahm jetzt einen Anlauf, ebenso graziös, wie Ilse, herunterzuspringen. Aber, verwickelte sie sich in ihre vielen Hüllen und Tücher, oder war ihre[pg 170]Ungelenkigkeit daran schuld, kurz und gut, sie stolperte und fiel, so lang sie war, in den Schnee. Man lachte über diesen kleinen Unfall und kam ihr unter Scherzen diensteifrig zu Hilfe. Flora machte denn auch gute Miene zum bösen Spiel.„Ich begreife nicht, wie man über solches Mißgeschick auch noch lachen kann,“ sagte Rosi kopfschüttelnd und ging Althoffs und Gerbers entgegen, welche soeben eintraten. Ilse eilte auf Orla zu.„Himmlisch, kannst du aber fahren,“ rief sie voller Begeisterung, „so gut wie du kann ich es allerdings nicht.“„Auch ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein Orla,“ sagte Althoff hinzutretend.„Jetzt laßt eure schönen Komplimente bis nachher,“ unterbrach ihn Nellie, „und kommt zum Kaffeetrinken.“„Du bist wohl eifersüchtig, Nellie, daß dein Mann zu tief in Orlas schöne Augen sieht?“ neckte sie Flora.„O nein,“ lachte Nellie, leicht errötend, aber sie fühlte sich doch etwas getroffen, denn sie besaß wirklich eine kleine Anlage zur Eifersucht.Lebhaft plaudernd setzte man sich an den Kaffeetisch, und Nellie übernahm die Rolle der Wirtin. Die mächtige weiße Kaffeekanne, welche mitten auf dem Tische prangte, erregte allgemeine Heiterkeit. Althoff meinte, sie sähe nicht vertrauenerweckend aus, und als ihr der erste Strahl so durchsichtig und hell entströmte, sank er mit einem komisch geseufzten „Ach, du lieber Gott“ in seinen Stuhl zurück.„O, du leckres Mann,“ verwies ihn Nellie, die sich innerlich selbst über diesen Trank entsetzte, „du darfst nicht unbescheiden sein, der Kaffee ist ganz schön.“„Ich glaube auch, daß der Kaffee gut ist,“ ergriff der Pastor ernsthaft das Wort, „wir trinken ihn nie stärker. Meine Frau meint, starker Kaffee wäre ungesund, nicht wahr Rosi?“[pg 171]Sie schien seine Frage zu überhören.„Ich hätte euch so gern gebeten, in unserem bescheidenen Hause fürlieb zu nehmen,“ wandte sie sich an Nellie, „aber die Räume sind so eng, wir wohnen so beschränkt, da dachte ich, das würde nicht gemütlich für euch sein.“Den wahren Grund, weshalb sie keine Gäste haben wollte, verriet sie natürlich nicht. Als die Nachricht von Nellie eintraf, daß sie kommen würden, hatte Adolf ihr gesagt, daß sie Althoffs und die andern doch eigentlich einladen müßten, da sie von ihnen schon so oft und so freundlich aufgenommen worden waren. Er dachte dabei an den vergnügten Sonntag bei Althoffs, den er nicht vergessen konnte, denn er war wie ein Lichtstrahl in sein einförmiges Leben gefallen. Mit diesem Vorschlag war er aber bei Rosi schlecht angekommen. Sie hatte soeben eine gründliche Hausreinigung glücklich vollendet, tagelang gescheuert; und nun sollten ihr die Fußböden wieder schmutzig getreten, alles wieder in Unordnung gebracht werden! Nein, auf keinen Fall! Der Pastor wurde durch ihre Entschiedenheit so eingeschüchtert, daß er keine weiteren Einwendungen wagte, trotzdem er die Freunde sehr gern bei sich gesehen hätte. Um ihr möglichstes zu tun, hatte sie einen großen Kuchen gebacken. Derselbe prangte jetzt, in dicke Streifen geschnitten, die quer übereinandergelegt und hoch aufgeschichtet waren, auf dem Kaffeetisch.„O, dieses furchtbare Bauernkuchen,“ flüsterte Nellie Ilse heimlich ins Ohr und nahm aus einem Körbchen feines Gebäck heraus, das sie mitgebracht hatte.„Er sieht so trocken aus,“ erwiderteIlse,„wir müssen aber davon essen, sonst wird Röschen böse.“Nach der langen Fahrt in der Kälte schmeckte es allen herrlich, selbst Rosis Kuchenberg verschwand, und die große Kaffeekanne wanderte schon zum zweiten Male hinaus, um frisch gefüllt zu werden. Sogar Althoff ließ sich zu einer[pg 172]zweiten Tasse herab, begleitete aber jeden Schluck mit einer drolligen Grimasse.Als die Wirtin die Tassen forttrug und den Tisch abräumte, verschwand Flora mit geheimnisvoller Miene. Die Herren blieben sitzen und zündeten sich eine Zigarre an, die Freundinnen aber gingen plaudernd Arm in Arm im Zimmer auf und ab. Das Gasthaus war schon einige Jahrhunderte alt, das Gebäude gehörte früher zu einem Kloster, und erst die Großeltern der alten Wirtsleute hatten eine Wirtschaft darin errichtet. Baulich war wenig verändert, und gerade das Altertümliche gab dem Ganzen etwas ungemein Gemütliches. Der Saal, in welchem die Gesellschaft sich befand, mochte einst das Refektorium gewesen sein; es war ein großer Raum, ringsum mit Eichenholz getäfelt, das die Zeit fast schwarzbraun gefärbt hatte. Ebenso dunkel waren auch die massigen, dicken Balken in der Decke; ein alter Kronleuchter in Gestalt eines Reifes, welchen heute brennende Kerzen schmückten, hing am mittelsten Balken. Die dicken Mauern bildeten an den Fenstern tiefe Nischen, mit molligen Plätzchen, zu welchen man eine Stufe hinaufsteigen mußte. Die niedrigen Fenster gingen nach dem Garten hinaus und lagen nicht hoch über der Erde, so daß man draußen bequem mit der Hand hineinreichen konnte. In einem der Erker war zu beiden Seiten Efeu in niedrige, lange Kasten gepflanzt. Die grünen Ranken hatten sich fest an die alten Mauern angeklammert und waren so üppig gewachsen, daß sie die ganzen Wände bedeckten und eine reizende Laube bildeten. Hohe korbgeflochtene Wände zu beiden Seiten, ebenfalls mit Efeu bewachsen, ließen nur einen schmalen Eingang frei. Dahinter saß man auf dem alten geschnitzten Eichenholzstuhl mit verblichenem Lederbezug vollständig verborgen. Man konnte sich kein lauschigeres Versteck denken.Die jungen Damen blieben bewundernd davor stehen[pg 173]und waren entzückt über diese grünende Laube mitten im Winter. Sie malten sich aus, wie schön es sein müßte, hier so abgeschlossen und ungestört über einem Buche zu sitzen.Da wurden sie plötzlich durch erstaunte ‚Ah’s‘ und ‚Oh’s‘ der Herren aufgeschreckt. Sie sahen sich um und erblickten Flora im weißen Kleide, das überall mit gläsernen Eiszapfen behängt war; einen weißen Schleier, mit kleinen Watteflöckchen besetzt, hatte sie um den Kopf geschlungen, und das alles war mit glitzerndem Silberstaub bestreut. Man konnte keinen Augenblick im Zweifel sein, daß sie ein Sinnbild des Winters vorstellen wollte.In der Mitte des Saales blieb sie stehen und deklamierte mit vielem Pathos ein langes Gedicht, das natürlich ihrer Feder entstammte. Es war darin viel vom kalten Winter, von Schnee und Eis die Rede. Als sie geendet hatte, blickte sie siegesgewiß umher und sah in lauter vergnügt lachende Gesichter. Sie glaubte natürlich, die Freude über ihr schönes Gedicht wäre es, welche die Zuhörer so heiter gestimmt hätte, und als man sogar in die Hände klatschte und ihr ‚bravo‘ zurief, strahlte sie, und ein triumphierender Blick flog zu ihrem früheren Lehrer hinüber; er sollte ihn daran erinnern, wie er damals in der Pension ihre Dichtung zu der Vorsteherin Geburtstag so schnöde abgewiesen hatte. Jetzt mußte er doch einsehen, wie er ihr großes Talent verkannt und wie tiefes Unrecht er ihr zugefügt hatte.Auf eine Person aber hatte ihr Gedicht einen wirklichen Eindruck ausgeübt, und das war die alte Wirtin. Sie hatte Tränen der aufrichtigsten Rührung in den Augen, über die sie öfter verstohlen mit dem Schürzenzipfel fuhr. Flora weinte beinahe mit, als sie die Frau sah, und versprach, ihr das Gedicht zu schicken.„Es wohnt doch oft in einfachen Leuten der wahre[pg 174]Sinn für Poesie; der Geist, noch ungekünstelt und natürlich, begreift leichter das Edle, Schöne.“„Unbescheiden bist du gar nicht, Flora,“ lachteOrla,„das muß ich gestehen.“„Orla,“ versetzte Flora ernst, fast feierlich, „du, der die enge Welt des Weibes zu klein wurde, wie mir, du welche die Schranken durchbrachst, wie ich es tat, du, welche eine Jüngerin auf dem Gebiete der Wissenschaft werden willst, du solltest nicht spotten, wo es sich um so wichtige Dinge handelt.“„Was meint denn Flora mit der Jüngerin der Wissenschaft?“ fragte Rosi neugierig.„Nun, ganz einfach,“ versetzte Orla kurz, „ich will Medizin studieren.“„Du willst“ – Rosi prallte förmlich zurück. „Du willst unter die Studenten gehen?“„Wie, Sie wollen studieren?“ fragte jetzt auch der Pastor. „Das ist ja famos!“Ein verweisender Blick seiner Frau traf ihn als Strafe für seinen begeisterten Ausruf; er bemerkte ihn aber nicht, da er Orla anstaunte. Wahrscheinlich beneidete er im stillen die Studenten, die nächstens neben so viel Schönheit und Geist sitzen durften. So etwas war ihm während seiner Studienzeit leider niemals vorgekommen. Rosi konnte sich von ihrem Entsetzen über Orlas Entschluß noch nicht erholen, sie fragte Nellie, ob Orla nicht Spaß gemacht hätte, und wollte es nicht glauben, als diese ihr fest versicherte, daß Orla wirklich im Ernst gesprochen habe.„Unbegreiflich,“ murmelte Rosi vor sich hin, und laut sagte sie zu Orla:„Nun, Orla, dann wünsche ich dir viel Glück bei den Studenten. Da mußt du natürlich auch das Kneipen und Raufen lernen, was doch wohl die Hauptsache im Studentenleben ist. Ich an deiner Stelle würde am liebsten gleich[pg 175]Männerkleidung anlegen, denn als Frau unter den Studenten wirst du dir gewiß manches gefallen lassen, manches aushalten müssen.“Man hätte der sanftblickenden Rosi eine so spöttische Bemerkung kaum zugetraut. Orla hatte ihre beleidigenden Worte ruhig mit angehört und wollte ihr eben darauf antworten, als ihr Andres zuvorkam.„Frau Pastorin,“ sagte er sehr bestimmt, „Sie trauen Ihrer Freundin“ – er betonte das Wort – „ja ungeheuer wenig Taktgefühl zu und scheinen das Studieren so aufzufassen, als ob es nur aus Kneipen und Raufen bestände. Gewiß, der Student führt ein lustiges Leben, wenn er nicht ein geborener Philister ist, er kneipt und rauft mitunter. Ihr Herr Gemahl, der gewiß auch eine fröhliche Studienzeit verlebt hat, wird Ihnen davon am besten erzählen können.“Hier räusperte sich der Pastor vernehmlich. Mein Gott, woher wußte denn dieser Mensch etwas von seiner Studentenzeit? Sollte Althoff geplaudert haben? Er würde sich wohl hüten, seiner Rosi etwas davon zu erzählen.„Ich versichere Sie, Frau Pastorin,“ fuhr der junge Mann fort, „es sind nicht die schlechtesten Menschen, welche Sie als Raufbolde verachten, und ebensowenig sind diejenigen die besten, welche tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die Jugend muß austoben und kann auch mal über den Strang schlagen. Wer inneren Gehalt und Charakter besitzt, dem wird die ernste Pflicht zu arbeiten schon zur rechten Zeit einfallen, der wird trotzdem ein brauchbares Mitglied der Menschheit werden. Doch, was ich vor allen Dingen sagen wollte, Frau Pastorin: der Student mag raufen, oder auf den Bänken der Hörsäle sitzen, niemals wird er die Ritterlichkeit gegen eine Dame vergessen. Und deshalb braucht Ihre Freundin keine Männerkleidung anzulegen, sie braucht die Weiblichkeit nicht abzustreifen,[pg 176]wenn sie auch das hergebrachte Gebiet der Frau verläßt. In dieser Beziehung wird Fräulein Sassuwitsch nichts zu befürchten haben, denn keiner ihrer künftigen Studiengenossen wird ihr jemals zu nahe treten. Wehe dem, der das wagte!“Bei den letzten Worten hatten seine Augen fast drohend gefunkelt und alle waren erstaunt über diese warme Verteidigung. Flora aber eilte stürmisch auf ihn zu und drückte ihm unter überschwenglichen Dankesworten die Hand, weil er so lebhaft für das Weib eingetreten sei, welches sich aus den alltäglichen Verhältnissen befreit habe, um einem höheren Triebe zu folgen.Sie geriet förmlich in Verzückung und klagte ihm immer wieder vor, wie bitter und schwer sie oft darunter zu leiden hätte, daß sie sich noch mit andern Dingen beschäftige, als mit Kochen und Strümpfestopfen. Es hätte ihr so wohl getan, ein solches Urteil aus seinem Munde zu hören. Sie sprach und geberdete sich dabei so lebhaft, daß die Eiszapfen an ihrem Kleid beständig aneinander klirrten. Er hörte aber nur halb auf die schwatzende unruhige Gestalt vor ihm und nickte nur mechanisch einige Male mit dem Kopfe, indem er sich willenlos von ihr die Hand drücken ließ. Seine Augen suchten Orla, welche an den Efeu-Erker getreten war und die Blätter und Ranken spielend durch die Finger gleiten ließ. Warum ertappte sie sich gerade diesem Mann gegenüber auf einer Befangenheit, die ihr sonst fremd war, warum scheute sie sich aufzusehen und seinem Blicke zu begegnen? Es war ihr unbehaglich, dieses Gefühl, und doch, wie ein Echo tönten seine Worte in ihrem Herzen fort.„Orla, du bist ja so in Gedanken versunken,“ sagte da Ilse neben ihr. „Komm, ich glaube Rosi ist ärgerlich auf den Doktor, sieh nur, was sie für ein böses Gesicht macht!“

* * *Nun war Orla schon einige Tage bei den Freunden, und da sie sich müde und abgespannt von der Reise fühlte, ging sie nicht aus dem Hause, ahnungslos, wie sehnsüchtig man im Städtchen auf ihr Erscheinen wartete und wie sehr sie die Geduld der Neugierigen auf die Folter spannte. Flora kam fast jeden Tag; sie war natürlich auch auf dem Bahnhof gewesen, als Orla ankam, hatte diese überschwenglich umarmt und ihr den Strauß mit dem bewußten Gedicht in die Hand gedrückt. Orla nahm diese Begrüßung etwas kühl und verwundert auf, war sie doch gerade mit Flora nie vertraut gewesen, deren Natur ihr vollkommen unverständlich und unsympathisch war. Dagegen freute sie sich aufrichtig, Ilse wiederzusehen.„Nellie,“ hatte Ilse vor Orlas Ankunft gesagt, „bitte, erzähle Orla nur gleich alles –, du weißt schon, die Geschichte mit der Flucht. Wenn sie mich nach Leo fragte, das wäre mir schrecklich, denn gerade ihr gegenüber schäme ich mich doppelt, sie kann gewiß nicht begreifen, daß ich eines lumpigen Streites wegen fortlaufen konnte, sie denkt so erhaben über alles Kleinliche.“Nellie hörte mit heimlicher Genugtuung und Freude die Freundin an und sagte zu ihrem Manne: „Du Fred,[pg 146]Ilschen ist auf die Besserung, sie nennt den Streit mit ihre Schatz schon ‚lumpig‘ und meint eine solche ‚Kleinigkeit‘ könne Orla nicht begreifen.“Die drei Freundinnen hatten sich viel zu erzählen, und manche Stunde wurde mit alten Erinnerungen verplaudert. Waren diese im Grunde doch noch so frisch und neu; nur zwei Jahre lagen dazwischen und die hatten keine davon verwischen können. Die kurze Spanne Zeit hatte aber manche Veränderungen hervorgebracht, namentlich wollten Orla die drei würdigen Hausfrauen unter den Pensionsschwestern nicht recht in den Sinn.„Ich komme mir gegen euch ehrbare Frauen – Ilse rechne ich mit – wie ein Wickelkind vor,“ sagte sie scherzend.„Na Orla,“ neckte Ilse, „wie lange wird es dauern, und du bist auch verlobt und verheiratet, du bist so hübsch und klug –“„Um Gottes willen, Ilse,“ fiel ihr Orla in die Rede, „du willst mir doch nicht etwa Schmeicheleien sagen, Kind! Du weißt doch, daß ich sie hasse.“Aber Ilse lag es fern, der Freundin schmeicheln zu wollen. Aus ihren Worten sprach die aufrichtigste Bewunderung und sie war viel zu offen, jemand etwas Angenehmes zu sagen, wenn es nicht ihre wirkliche Meinung war. Die ganzen Tage her hatte sie Orla verstohlen angeblickt, denn sie fand sie jetzt noch viel hübscher, als in der Pension. Sie war größer und voller geworden, dabei schlank und biegsam wie eine Tanne. Besonders gut gefiel Ilse Orlas ‚interessante Blässe‘, und in der Tat bot der matte, aber warme Teint im Verein mit den dunklen geistvollen Augen, dem kurzen, leichtgelockten Haar ein unendlich anziehendes und reizvolles Bild. Ihr Profil war scharf geschnitten, ein keckes Stumpfnäschen verlieh ihrem Gesicht etwas Pikantes, und den kleinen vollen Mund mit den stolz geschwungenen Lippen hatte Flora schon in der Pension[pg 147]als ‚vollendet klassisch‘ besungen. Trotz einer gewissen Schroffheit in Orlas Wesen konnte sie hinreißend liebenswürdig sein und jedermann bezaubern.Am Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Freunden alles erzählt, was sie Trauriges betroffen hatte, und mit ihnen ihre Zukunftspläne beraten. Doktor Althoff machte sie schonungslos auf alle Schwierigkeiten ihres Entschlusses aufmerksam, und Orla war ihm für seine Aufrichtigkeit sehr dankbar, aber – so sagte sie ihm nach einer langen Auseinandersetzung unter vier Augen, so wenig Lichtseiten er ihr auch an ihrem zukünftigen Beruf gezeigt hätte, sie wäre trotzdem fest entschlossen, nicht wankend zu werden.„Ich bin, wenn auch keine Pessimistin, doch weit entfernt davon, eine Optimistin zu sein,“ sprach sie, „ich weiß ganz genau und habe mir das auch reiflich überlegt, daß ich einen langen, beschwerlichen Weg vor mir habe, bis ich mein Ziel erreiche, und dennoch schrecke ich nicht zurück.“Nun, an Energie und Begabung fehlte es ihr nicht, das wußte er, denn schon in der Schule hatte er seine Freude an ihr gehabt und war oft überrascht gewesen, wie sie bei einem schnellen Fassungsvermögen für eine Frau auffallend klar und logisch dachte. Nie betrieb sie das Lernen oberflächlich, sie nahm alles sehr genau und erforschte die Dinge bis auf den Grund. Daß es ihr aber heiliger Ernst mit dem Studium war, daß kein Gedanke der Eitelkeit, noch die Sucht nach Außergewöhnlichem sie dazu bestimmt hatten, das konnte man alsbald merken, denn sie entwarf mit Althoff sofort einen genauen Stundenplan und er hatte sich in der Folge über seine eifrige und fleißige Schülerin nicht zu beklagen. Mit dem Unterricht wurde gleich am übernächsten Tage ihres Eintreffens begonnen.„Willst du dir nicht erst ein wenig ruhen?“ hatte Nellie gefragt, „du bist von die vielen Aufregungen in der letzte Zeit doch gewiß sehr angespannt?“[pg 148]„Nein, nein, Nellie,“ gab sie zur Antwort, „ich darf keine Minute Zeit verlieren, außerdem ist gegen elegische Gedanken, wie sie jetzt manchmal in mir auftauchen wollen, Arbeit das beste Mittel.“Sie hatte sich entschieden gesträubt, bei Althoffs zu wohnen, indem sie behauptete, das ginge nicht, es wäre ihr peinlich. Sie würde sich daher in den nächsten Tagen selbst nach einer passenden Wohnung umsehen; sie schalt Nellie, daß sie es nicht vorher schon getan hätte. Vorläufig bewohnte sie mit Ilse das Fremdenstübchen, und wenn diese abends schon längst im Bette lag, saß Orla noch auf und arbeitete bis tief in die Nacht hinein.„Aber Orla,“ sagte Ilse oft, „du darfst nicht so lange aufbleiben, du wirst sonst krank; komm und lege dich schlafen.“„Laß mich nur Kind,“ antwortete Orla, „schlafe ruhig weiter und habe keine Angst, ich werde nicht krank.“„Kind, sagt sie immer zu mir,“ dachte Ilse, „gerade als wenn sie viel älter wäre als ich, und sie ist doch erst neunzehn Jahre alt.“ Aber daß Orla, trotz des geringen Altersunterschiedes viel reifer und verständiger war als sie, das empfand sie nur zu oft und sie kam sich dann ihr gegenüber noch recht kindisch und albern vor.„Gegen Orla bin ich doch furchtbar dumm,“ sagte sie einmal zu Nellie.„O Ilschen,“ lachte die junge Frau, „du nicht allein, ich auch. Aber wir wollen ja doch keine Studentens werden und für die tägliche Gebrauch sind wir klug genug.“„Weißt du, Nellie, wenn Orla mich mit ihren großen Augen so prüfend und scharf ansieht, dann denke ich immer, daß sie mich in ihrem Innern gewiß recht verspottet und verhöhnt, weil ich davongelaufen bin. Was sagte sie denn eigentlich dazu?“Nellie konnte sie darüber beruhigen, daß Orla sie weder[pg 149]verhöhnte noch verspottete. Sie hätte Ilse stets gerne gehabt, weil sie ‚Temperament‘ besäße, und es täte ihr nur leid, daß sich der kleine Brausekopf selbst bittere Stunden bereitete.„Selbst bittere Stunden bereitete,“ wiederholte Ilse Orlas Wort, „als ob ich daran schuld wäre.“Noch glaubte sie nicht an ihr Unrecht, noch war sie im Gegenteil überzeugt, daß sie in der Sache selbst im vollsten Recht sei. Allerdings hatte, wenn sie sich die Szene an jenem verhängnisvollen Mittag ins Gedächtnis zurückrief, wohl schon manchmal eine Stimme in ihrem Innern geflüstert: du hättest nachgeben müssen, du warst zuwiderspenstig; aber dann hörte sie im Geiste wieder deutlich Leos beschämende Worte, und ihre besseren Regungen hielten davor nicht stand. –Als Orla zum ersten Male mit den Freundinnen ausging, flog ihr mancher bewundernde Blick zu, einige Vorübergehende blieben sogar stehen und sahen der neuen Erscheinung musternd nach. Auch Doktor Andres begegnete ihnen, der durch Flora von der ‚interessanten russischen Freundin‘ schon viel gehört hatte und diese nun mit kritischen Blicken betrachtete. Er hatte sich ein anderes Bild von ihr gemacht, denn von Floras überschwenglichen Beschreibungen glaubte er immer nur die Hälfte, weil er sie längst durchschaut hatte. Er hatte sich unter der künftigen Berufsgenossin eine starkknochige, keineswegs anziehende Erscheinung vorgestellt und war nun angenehm überrascht, eine schöne junge Dame, deren Weiblichkeit schon aus ihrer anmutigen Erscheinung sprach, zu erblicken. Mit unverhohlenem Wohlgefallen sah er Orla an.„Wer war der große stattliche Mann, der uns eben grüßte?“ fragte sie, nachdem er vorüber war.Nellie nannte seinen Namen.„Eine sympathische Erscheinung,“ bemerkte Orla noch.[pg 150]„Übrigens, Nellie, werden alle Leute, die neu hierherkommen, so angestarrt wie ich? Sie staunen mich ja an wie ein Wundertier. Sieh nur da drüben die Dame, wie sie dir zuwinkt und durch Zeichen zu verstehen gibt, daß du stehen bleiben sollst; wahrhaftig, sie scheut den Schmutz nicht und kommt über die Straße zu uns.“Es war die Frau Direktor, die ihre Neugierde nicht bemeistern konnte und unbedingt den fremden Gast von Althoffs kennen lernen wollte.„Liebe Frau Doktor,“ redete sie Nellie an, „ich habe Sie ja so lange nicht gesehen, es geht Ihnen doch gut,[pg 151]kleine Frau? Und Sie, liebes Bräutchen,“ wandte sie sich an Ilse, „ist die Sehnsucht nach dem Schätzchen nicht zu groß, halten Sie es so lange ohne ihn aus? Wie gefällt es ihm denn in Paris? Gontrau ist doch sein Name, nicht wahr? Ja? Dann habe ich mich nicht geirrt, als ich neulich zufällig durch einen Bekannten meines Sohnes, einen Referendar, erfuhr, daß Assessor Gontrau sich einen längeren Urlaub zu einer Reise nach Paris genommen habe. Da wird er Ihnen jetzt gewiß viel Interessantes erzählen.“Nellie hat Ilse bei diesen Worten erbleichen sehen und unterbrach die redsame Dame deshalb schnell.„Frau Direktor,“ sagte sie, „darf ich Ihnen unsere Freundin Fräulein Orla Sassuwitsch vorstellen?“Und nun ergoß sich über diese ein gleicher Redestrom; Orla verstand es jedoch geschickt, mit kühler, aber ausgesuchter Höflichkeit ihren Fragen auszuweichen, so daß die aufgeregte Fragerin wenig mehr erfuhr, als sie schon wußte. Die vornehme Zurückhaltung der jungen Dame imponierte ihr gewaltig, und sie bat sie dringend um ihren baldigen Besuch.„Bitte, kommen Sie aber gleich des Nachmittags mit einer Handarbeit zu einer Tasse Kaffee,“ sagte sie, Orla die Hand schüttelnd, und verabschiedete sich.„Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen,“ meinte Ilse offenherzig, „wie unverschämt sie jeden ausfragt! Ich könnte ihr kein Wort erwidern, so furchtbar ärgere ich mich über sie.“„Aber, beste Ilse,“ lachte sie Orla aus, „wenn man sich über solche Lappalien im Leben schon ‚furchtbar ärgern‘ will, dann könnte man ja nie froh sein. Die gute Dame hat mich erheitert, das Fragen und Ausforschen scheint ihr Lebensbedürfnis zu sein. Du lieber Gott, ‚jedes Tierchen hat sein Pläsierchen‘, also: lassen wir ihr das Vergnügen.“„Nein,“ sagte Ilse erregt, „ich könnte mit dieser Frau nicht verkehren, und warum soll man denn auch jemand[pg 152]besuchen, den man nicht ausstehen kann? Nellie mag sie auch nicht leiden und ist doch so freundlich zu ihr.“„Du bist doch ein recht weltunkundiges kleines Mädchen, Ilse, und hast noch sehr naive Ansichten, nimm mir das nicht übel! Von der ‚konventionellen Lüge‘ hast du wohl noch nie etwas gehört? Weißt nicht, daß man den Personen, die man nicht leiden mag, nicht ins Gesicht sagen kann: geh mir aus dem Wege, denn du bist mir unangenehm. Man könnte leider beinahe sagen: je besser man lügen kann, desto weiter kommt man in der Welt. Man nennt das ‚weltklug‘ sein.“„Siehst du, Ilschen,“ warf Nellie ein, „Orla spricht so, wie ich dich schon sagte. Ich mag ihr auch nicht, das neugierige Direktorsfrau, aber sie darf mich das nicht anmerken.“Ilse erwiderte nichts, nachdenklich ging sie neben den Freundinnen her.Am Abend, als die beiden jungen Mädchen sich zur Ruhe begaben, fragte Ilse plötzlich:„Orla, würdest du mit deinem Manne alle Besuche machen, die er wünscht?“„Närrchen, warum nicht? Natürlich! Man braucht ja deshalb noch nicht mit denen, die einem mißfallen, zu verkehren. Wie kommst du überhaupt zu dieser Frage?“„Ach, ich dachte eben nur so zufällig daran,“ antwortete Ilse ausweichend und schwieg dann.Orla schlief schon längst, als Ilse noch wachend in ihrem Bette lag. Leo in Paris, daran mußte sie immer denken. Was wollte er dort, warum reiste er dahin? Um sich zu amüsieren, natürlich nur deshalb. Sie hatte Nellie gefragt, ob es wahr sei, was die Frau Direktor ihr mitgeteilt hatte, und ob sie auch wüßte, daß Leo in Paris sei. Nellie bestätigte es; sie wußte es ja schon länger, hatte ihr aber diese Nachricht bisher absichtlich verschwiegen. Ilse[pg 153]fragte nichts weiter, sondern hatte das Gespräch schnell abgebrochen und von etwas andrem gesprochen, denn Nellie sollte nicht etwa denken, daß sie sich ärgerte oder grämte. Aber ihre Gedanken beschäftigten sich fortwährend mit dieser Reise und raubten ihr selbst den Schlaf. Sie warf sich unruhig von einer Seite zur andern. War es denn nicht der beste Beweis, daß er sie nicht mehr liebte, daß er keinen Kummer empfand, wenn er Lust hatte, zu seinem Vergnügen nach Paris zu reisen? Paris – er hatte ihr schon so oft davon vorgeschwärmt und dabei gesagt, wenn wir erst verheiratet sind, dann reisen wir nach Paris. Und nun reiste er ohne sie, dachte wahrscheinlich garnicht mehr an sein damaliges Versprechen und unterhielt sich gewiß herrlich. Ihr Interesse für diese Stadt wurde plötzlich wach, sie hätte gar zu gern etwas näheres über Paris gewußt. Ob Orla wohl schon dort gewesen war? Sie hatte mit ihrem Großvater weite Reisen gemacht und schon so viel von der Welt gesehen; gewiß war sie auch in dieser Weltstadt gewesen und konnte ihr davon erzählen. Die Neugierde ließ ihr keine Ruhe, und halb in Gedanken rief sie Orlas Namen.„Ja, was denn, was ist denn, hast du mich gerufen, Ilse?“ fragte diese noch halb im Schlafe.Ilse war es nun doch peinlich, Orla zu fragen, denn was würde diese dazu sagen, wenn sie jetzt mitten in der Nacht eine Beschreibung von Paris haben wollte.„Was willst du denn?“ fragte Orla und richtete sich im Bett auf, da sie keine Antwort erhalten hatte. „Warum hast du mich denn geweckt?“Endlich faßte sich Ilse ein Herz und erkundigte sich zaghaft, ob Orla wohl schon in Paris gewesen sei und wie es dort wäre, sie möchte ihr doch davon erzählen. Sie war froh, daß es Nacht war und Orla sie nicht sehen konnte, denn sie fühlte, wie rot sie bei dieser Frage wurde.[pg 154]„Mein Gott, Ilse, du phantasierst doch nicht, oder hast du etwa geträumt?“ rief Orla erstaunt.„Ach nein, ich habe überhaupt noch nicht geschlafen,“ gab Ilse kleinlaut zur Antwort, „und da dachte ich so zufällig an Paris.“„Ach ja,“ sagte Orla, „nun begreife ich, du beschäftigst dich natürlich deshalb in Gedanken lebhaft mit Paris, weil dein Bräutigam dort ist?“Ilse erschrak; sie hatte geglaubt, Orla habe es nicht gehört, als die Frau Direktor ihr die Neuigkeit von Leos Reise mitteilte, da sie gerade in dem Schaufenster eines Kunstladens, vor welchem sie standen, die Bilder einiger Professoren betrachtete. Sie hatte dabei nicht gedacht, daß die neugierige Dame eine sehr helle und durchdringende Stimme besaß, so daß Orla recht wohl hören konnte, was sie sagte. Übrigens war dieser erst jetzt bei Ilses Frage die Angelegenheit wieder eingefallen, der sie zuerst keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.Ilse wußte nicht, was sie auf Orlas Frage antworten sollte, und schwieg deshalb still. Es wäre ihr jetzt sogar lieb gewesen, wenn Orla das Gespräch abgebrochen hätte, aber diese fuhr nach einer kleinen Pause fort:„Paris ist sehr schön, Ilse, und ich bin überzeugt, daß es deinem Bräutigam dort vorzüglich gefallen wird.“„Ja, das glaube ich auch,“ fiel ihr Ilse mit spöttischem Auflachen ins Wort, „er wird gewiß furchtbar vergnügt und ausgelassen sein, natürlich, warum sollte er denn auch nicht?“„Aber Ilse,“ sagte Orla, die jetzt erst merkte, wie ihre Freundin über diese Reise dachte und empfand, „ich bitte dich, warum soll sich denn dein Verlobter nicht amüsieren?“Die Gefragte schwieg, aber ein mühsam unterdrücktes Schluchzen klang zu Orla herüber.„Du kleines leidenschaftliches Mädchen,“ sprach Orla[pg 155]liebevoll und sanft zu ihr, „vor allen Dingen werde etwas ruhiger. Ich muß jetzt mal in einem weisen Tantenton mit dir reden. Sieh, liebe Ilse, das Leben bringt ohnedies Schweres genug, warum da noch unnütz Grillen fangen und es sich durch Nichtigkeiten verbittern? Nellie hat mir auf deinen Wunsch alles erzählt, und ich sage dir aufrichtig, ich bedaure dich und deinen Bräutigam, daß es soweit zwischen euch gekommen ist. Ich weiß ja nicht, was vorgefallen ist, aber etwas Schlimmes kann es nicht sein, denn in deinen Augen habe ich gelesen, daß du ihn noch liebst, daß du mit allen Fasern deines Herzens noch an ihm hängst, mit allen deinen Gedanken noch bei ihm bist. Nicht wahr, du bist böse auf ihn, weil er fortgereist ist und nicht als echter Ritter Toggenburg hintrauert? Das würdest du lieber sehen, das würde dir besser gefallen, gestehe es, Ilse! Aber sei gerecht, nicht kleinlich, und denke mal ruhig nach. Die Sehnsucht nach dir, der Schmerz, daß du ihn verlassen hast, sie machen, daß er es nicht mehr daheim aushält, eine unbezwingliche Unruhe treibt ihn fort, weit fort; er muß andre Menschen, andre Dinge sehen und je größer der Strudel der Vergnügungen, die ihn sein Leid vergessen machen sollen, desto besser. Kannst du nicht mit ihm empfinden, siehst du nicht darin nur einen Beweis, wie tief und innig er dich liebt? Handelt nicht so ein rechter Mann voll Kraft und Stolz, welcher der Welt nicht zeigen mag, wie es in ihm aussieht? Glaubst du, daß er wirklich genießt, was er sieht und hört, daß ihn nicht überall sein Kummer, der Gedanke an dich begleitet? Ilse, du bist mit Blindheit geschlagen, glaube es mir. Sei nicht böse, daß ich offen spreche, aber ich meine es wahrhaftig nur gut mit dir.“Ilse hatte bebend zugehört. Orlas Worte machten einen tiefen Eindruck auf sie. War es nicht richtig, was sie sagte, verstand sie Leo nicht besser, als seine eigene Braut es tat? Ja, Orla hatte recht! Und nun kam sie sich auf einmal so[pg 156]kleinlich, so ungerecht vor, es ging ihr plötzlich wie ein Licht auf. Ja, Leo war nur fortgereist, um seinen Schmerz durch neue Eindrücke zu betäuben. Kannte sie ihn so wenig, vermochte sie so wenig in seiner Seele zu lesen? Keine Silbe von dem, was ihr Orla gesagt hatte, hätte sie bestreiten mögen. So eindringlich und schonungslos hatte Nellie noch nie mit ihr gesprochen; die viel zu gutmütige junge Frau konnte nicht sehen, wenn Ilse so traurig war, und hatte dann gleich tausend zärtliche Trostesworte für sie, aber um keinen Preis hätte sie ihr das Herz durch Vorwürfe noch schwerer gemacht. Orla sagte ihr erbarmungslos die Wahrheit, so war es recht! Es tat ihr wohl zu wissen, wie das kluge Mädchen über sie urteilte, und sie war ihr dankbar, daß sie so offen mit ihr gesprochen hatte.„Gute Nacht, liebe Orla!“ rief Ilse innig.Keine Antwort.Schlief sie schon wieder, oder stellte sie sich schlafend?Ilse erhob sich leise und ging an Orlas Bett. Die gleichmäßigen Züge verrieten, daß sie fest schlief. Ilse betrachtete mit Entzücken das schöne Gesicht der Freundin, welches von den hereindringenden Mondesstrahlen matt beleuchtet wurde. Die dunklen Augenwimpern warfen ihren Schatten auf die blassen, im Mondeslicht fast marmorweißen Wangen. Ilse drückte einen leisen Kuß auf die Stirn der Schläferin und schlich sich dann auf den Zehen zurück nach ihrem Lager.* * *[pg 157]Nach den herbstlich rauhen Tagen stellte sich jetzt der Winter ein, der mit Schnee und Eis sein Recht behauptete. Seit einigen Tagen schneite es unaufhörlich, leise und sacht fielen die weißen Flocken zur Erde nieder. Baum und Strauch mußten sich unter der Schneelast beugen. Flora, deren Poesie mit den Jahreszeiten Schritt hielt, besang jetzt den „gestrengen Winter“, und das tanzende, wirbelnde Schneegestöber wurde für sie ein unerschöpfliches Thema mit den verschiedensten Abwechslungen. Sie ward nicht müde, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und in das flimmernde Flockengewirr zu sehen. Eines Tages aber lachte ihr der klare blaue Himmel entgegen und die freundliche Wintersonne schien ins Fenster herein.Gegen Mittag kam der Referendar, um zu fragen, ob man nicht das herrliche Winterwetter benutzen und mit mehreren Bekannten eine Schlittenpartie unternehmen wolle, es wäre die schönste Bahn. Voller Begeisterung begrüßte Flora diesen Gedanken, sie fand ihn himmlisch und war sofort bereit, nach Althoffs zu gehen, um sie zu diesem Partie aufzufordern.„Ihrer reizenden kleinen Freundin, Fräulein Ilse wird[pg 158]gewiß eine Schlittenfahrt auch Spaß machen. Ich werde mir erlauben, das Fräulein selbst zu fahren.“Ärger und Enttäuschung kamen bei diesen Worten in Floras Gesicht zum Ausdruck.„Finden Sie Ilse wirklich reizend? Ich begreife das nicht? Sie hat ein frisches, glattes Gesicht, aber Sie müssen doch gestehen, daß demselben jede Vergeistigung fehlt, die ein Antlitz doch erst anziehend und interessant macht. Ohne diesen Ausdruck kann ich kein Gesicht schön finden und deshalb läßt mich auch das von Ilse kalt, es ist mir langweilig.“Wie hart und schroff sie urteilte, wenn sie sich in ihrer Eitelkeit verletzt fühlte! In Gedanken hatte sie an sich gedacht, als sie Lüders auseinandersetzte, wodurch ein Gesicht erst seine wahre Schönheit bekäme, und sie erwartete, daß auch er so denken und ihr das jetzt sagen werde. Aber er blieb stumm und ein ironisches Lächeln zuckte um seinen Mund.Erregt stand Flora auf.„Gehen Sie mit?“ fragte sie. „Ich will zu Althoffs. Übrigens – Sie wissen doch, Ilse ist Braut! Kühlt das Ihre Begeisterung nicht etwas ab?“Auch er hatte sich erhoben und gab auf Floras spöttische Frage keine Antwort; er dachte nur daran, um jeden Preis mit dem jungen Mädchen zusammenzukommen. Er verabschiedete sich von Flora, indem er ihr sagte, daß er gegen Abend wiederkommen würde, um das nähere über die Partie zu erfahren.„Adieu,“ sagte Flora schnippisch und drehte ihm den Rücken, ohne seine ausgestreckte Rechte zu berühren.„Nun, bekomme ich keine Patschhand?“ fragte er.„Nein, Sie sind zu unartig gewesen,“ sagte sie und sah ihn über die Schulter mit kokett schmollender Miene an.„Aber wenn ich verspreche, jetzt wieder artig zu sein, Frau Flora, auch dann nicht?“[pg 159]„Eigentlich haben Sie keine verdient, aber ich will gnädig sein. Hier!“Sie reichte ihm ihre Hand. Er führte sie mit einem scheinbar demütig um Verzeihung flehenden Gesicht an seine Lippen und ging dann fort.Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihren Mund; voller Selbstbewußtsein sah sie ihm nach. Sie hielt alles bei ihm für bare Münze, die arme, blinde Flora, und keine noch so leise Ahnung sagte ihr, daß er in seinem Innern ganz anders über sie dachte, als er äußerlich zeigte. –Pünktlich um zwei Uhr sollten sich die Teilnehmer an der verabredeten Schlittenpartie vor dem Althoff’schen Hause am andern Tage versammeln. Außer Flora mit ihrem Manne, Referendar Lüders und Althoffs mit den beiden jungen Mädchen, hatte man noch den Assistenzarzt von Doktor Gerber zu der Partie aufgefordert. Es wurde beschlossen, nach dem Dorfe zu fahren, in welchem Rosis Mann Pastor war, weil dorthin die beste Bahn sei und man erwarten konnte, daselbst, was Essen und Trinken betraf, gut aufgehoben zu sein. Der Pastor und seine Frau waren natürlich benachrichtigt und gebeten worden, zur angegebenen Zeit pünktlich in dem Gasthaus zu sein und dort für ein warmes Zimmer und guten Kaffee zu sorgen.„Orla, du wirst dir staunen, unsre artige Rosi wiederzusehen, nicht wahr, Ilschen?“ sagte Nellie lustig, während sie zur Schlittenpartie gerüstet vor dem Spiegel stand und noch einen langen weißen Schleier um ihre Pelzmütze legte, den sie unter dem Kinn zu einer großen Schleife zusammenband, welche ihrem rosigen Gesicht reizend stand.Ilse lachte.„Ja wahrhaftig, Orla, du wirst dich wundern, wie die ihren Mann unter dem Pantoffel hat. Ich sage es ja immer, die Sanften haben es faustdick hinter den Ohren. Sieht Rosi nicht aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben?[pg 160]Sie hat ein Gesicht wie eine Madonna mit dem Heiligenschein und dabei ist sie mindestens ebenso widerspenstig, wie meine Wenigkeit.“„Selbstbekenntnis einer edlen Seele,“ deklamierte Orla feierlich, worauf alle drei in ein Gelächter ausbrachen.„Still, Kinder,“ mahnte Nellie und lief ans Fenster, „die Schlittens kommen, ich höre ihnen klingeln.“Durch die Türe rief sie:„Fred, bist du fertig?“„Ja, Kind,“ antwortete er und kam herein.„Hier bin ich.“Vergnügt eilten die jungen Menschen die Treppe hinunter. Vor der Türe hielten vier mäßig elegante, aber mit guten Pferden bespannte Schlitten. In dem ersten saßen Gerbers, in dem zweiten der Referendar und Andres. Flora, die mit verdrossener Miene neben ihrem Manne saß, hatte verweinte Augen und begrüßte in kläglichem Tone die Freundinnen. Erst als Nellie sie fragte, ob ihr etwas fehle, erwiderte sie mit weinerlicher Stimme:„Denkt nur, beinahe wäre mir das ganze Vergnügen verdorben worden. Mein Mann wollte nicht mit, er behauptete, sich nicht wohl zu fühlen, er hätte Kopfschmerzen, Fieber und wer weiß was alles noch. Aber man muß nur die Männer kennen. Wenn ihnen der kleine Finger weh tut, stellen sie sich gleich furchtbar an. Nein, die Schlittenpartie, auf die ich mich so riesig gefreut habe, wollte ich mir deshalb nicht vereiteln lassen. Wahrhaftig, Männchen, ich wäre ohne dich mitgefahren.“Sie sah ihren Mann mit trotziger Herausforderung an und zog die Oberlippe in die Höhe, wie ein ungezogenes Kind.„Ich machte dir ja selbst diesen Vorschlag, Flora,“ entgegnete ihr Mann ruhig, „aber du sagtest, dann müßte eine Person allein fahren, weil nur zweisitzige Schlitten bestellt wären. Das sah ich ein, und um dir das Vergnügen[pg 161]nicht zu verderben, fahre ich mit. Nun ist die Sache wohl abgetan, ich bitte darum.“Es war ihm offenbar unangenehm, daß Flora erzählte, was zwischen ihnen vorgefallen war, aber er bezwang seinen Unmut und nur die tiefe Falte zwischen seinen starken Brauen und der bestimmte Ton, mit welchem er sprach, verrieten, daß er sich ärgerte.Flora bemerkte und empfand es nicht, sie hatte nur den einen Gedanken und der war – die Schlittenpartie! Sie stürzte auf Orla zu und umarmte sie auf offener Straße, denn sie wollte immer zeigen, wie ‚intim‘ sie mit ihr war. „Die geistige Verwandtschaft zwischen meiner Freundin und mir,“ hatte sie zu Lüders gesagt, „schlingt ein festes unauflösliches Band um uns.“Orla, welche überhaupt keine Zärtlichkeiten liebte, wehrte unwillig ab und sagte mit Entschiedenheit: „Ich bitte dich, Flora, laß doch diese Liebesbeweise auf offener Straße, du bereitest vielen Zuschauern nur ein Schauspiel. Sieh doch die Köpfe an den Fenstern.“In diesem Augenblick trat Althoff mit dem jungen Arzt heran.„Fräulein Orla, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Doktor Andres vorzustellen. Und hier, Doktor: Fräulein Orla Sassuwitsch, eine liebenswürdige Kolleginin spe.“ Über Orlas Gesicht flog bei diesen Worten eine leichte Röte, und ihre Augen senkten sich zu Boden. Sie ahnte nicht, wie schön sie gerade in diesem Augenblick war, und daß die Blicke des jungen Mannes bewundernd auf ihr ruhten. Eigenartig und vornehm sah die Russin aus. Sie trug ein dunkelgrünes, eng anliegendes Tuchkleid, dessen Saum mit Otterpelz besetzt war. Von gleichem Pelz waren auch der kostbare Schulterkragen, der Muff und das Mützchen, das tief in die Stirn gedrückt war.„Um Gottes willen. Orla, willst du denn in diesem[pg 162]luftigen Aufzuge fahren?“ fragte Flora, „du hast ja nicht einmal eine Jacke an, du erfrierst ja. Hu!“Zusammenschauernd wandte sie sich ab.„O nein, Flora, ängstige dich nicht, ich bin abgehärtet und zog mich in Rußland bei viel strengerer Kälte niemals wärmer an.“„Na,“ erwiderte Flora, „da bin ich doch zarter besaitet, als du, ich muß mich ordentlich einhüllen, sonst friert mich.“Ordentlich eingehüllt, ganz vermummt vielmehr sah die junge Frau allerdings aus in ihren Mänteln, Tüchern und Schleiern.„Ich meine, wir fahren nun los.Messieurs, engagez les dames,“ rief Althoff scherzend.Ilse, welche sah, daß der Referendar auf sie zukam, trat schnell auf Nellies Mann zu.„Bitte, bitte, Herr Doktor,“ flüsterte sie hastig, „darf ich mit Ihnen fahren?“„Das wird mir nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein großes Vergnügen sein,“ antwortete er mit einer drollig feierlichen Verbeugung.Lüders wurde von Ilse ziemlich ungnädig und von oben herab abgewiesen und zog mit langem Gesicht ab. Was blieb ihm nun anders übrig, als mit Flora zu fahren, denn Nellie saß mit Gerber im Schlitten und Orla mit Doktor Andres. Floras Augen waren ihm gefolgt, als er zu Ilse trat. Sie war voller Freude darüber, daß ihm diese einen Korb gab, und mit siegesgewisser Miene sah sie ihn jetzt auf sich zukommen. Seine Verdrossenheit über Ilses Abweisung malte sich deutlich in seinen Zügen, aber Flora schien das nicht zu bemerken. Mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln nickte sie ihm zu und kletterte dann ungeschickt und steif in den Schlitten, wo sie fast ganz in ihren Umhüllungen verschwand, so daß nur die von der Kälte bläulich angehauchte Nase hervorschimmerte.[pg 163]„All right?“ rief Althoff jetzt.„Ja, ja,yes,oui,“ antworteten die lachenden Stimmen durcheinander, die Pferde zogen an, und mit lustigem Schellengeläut flogen die Schlitten über die glatte Bahn dahin. Bald hatte man die letzten Häuser der Stadt im Rücken, und große Schneeflächen, von der Sonne beschienen und wie mit Diamanten übersät, breiteten sich zu beiden Seiten des Weges aus.„Ein weißes, großes Leichentuch ist über die tote Natur ausgebreitet,“ trug Flora mit tragischem Augenaufschlag vor. Aber sie machte heute keinen Eindruck auf ihren Nachbar, der einsilbig neben ihr saß und ihr nur zerstreute Antworten gab.„Lüders, Sie sind heute langweilig,“ sagte sie schließlich, „nun, ich brauche glücklicherweise die Unterhaltung andrer nicht, um mich zu amüsieren. Meine Gedanken sind mir die liebsten Gesellschafter,“ fügte sie spitz hinzu und wandte sich von ihm ab zur Seite. In demselben Augenblick traf ein Schneeball empfindlich ihre Nase und Nellies helles Lachen über den gut gelungenen Wurf verriet die Anstifterin. Flora verstand keinen Scherz, sie drehte sich deshalb entrüstet um und schoß Nellie einen bitterbösen Blick zu, indem sie ärgerlich den Schnee von ihrem Mantel abschüttelte.„Ich glaube, Ihre Frau zürnt mich über die kleine Spaß,“ sagte Nellie zu Doktor Gerber.Er schüttelte mit mattem Lächeln den Kopf, denn er wollte der jungen Frau nicht recht geben, trotzdem er überzeugt war, daß Flora den harmlosen Scherz ernstlich übel genommen hatte. Seine müden Bewegungen fielen Nellie auf, er hatte sonst etwas Energisches und Kraftvolles in seinem Wesen.„Fühlen Sie sich sehr unwohl?“ fragte sie ihn teilnahmsvoll.„Ja,“ erwiderte er, „es geht mir heute nicht gut, ich weiß, daß ich Fieber habe, und fühle heftige Stiche in der[pg 164]Brust beim Atemholen. Aber wir wollen nicht mehr davon sprechen, es wird schon wieder besser werden. Ein Arzt darf ja überhaupt nicht krank sein, er überläßt das lieber seinen Patienten, selbst hat er keine Zeit dazu.“Er sprach scherzend, aber die feinfühlende Nellie empfand, daß er sich heute zu einem heiteren Ton zwingen und sich sehr elend fühlen mußte.„O wenn Ihnen nur der kalte Zugluft nicht schadet,“ sagte sie besorgt, „hier, bitte nehmen Sie dieser Tuch um Ihren Hals, bitte erlauben Sie mich.“Er wollte ihr abwehren, aber sie hatte schon ein seidenes Tuch aus ihrer Tasche hervorgeholt und band es ihm eigenhändig um.Fast gerührt blickte er sie an.„Sie sind eine fürsorgliche kleine Frau, tausend Dank!“Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Nellie wurde rot und entzog ihm schnell ihre Hand.„O,“ sagte sie, „Sie müssen mir nicht für eine Kleinigkeit ein so großer Dank geben. Ich bin es von mein Mann so gewohnt, ich muß für ihn an alles denken und sorgen. O, er ist so leichtsinnig, er sieht nie nach die Thermometer, ob es kalt oder warm draußen ist.“Doktor Gerber dachte unwillkürlich an den Unterschied zwischen seiner Frau und Nellie. Er schätzte letztere hoch, ihr echt weiblicher Sinn, ihre häuslichen Gaben hatten ihn oft entzückt. Im stillen hatte er gehofft, Flora würde von ihr lernen, aber bald mußte er einsehen, daß auch das beste Beispiel sie nicht ändern konnte. Sein Beruf ließ ihm zum Glück nicht viel Zeit zum Grübeln übrig, aber in den wenigen Erholungsstunden litt er schwer unter dem Druck der Ungemütlichkeit in seinem Heim, und nur wenn er in die unschuldigen Augen seines Kindes sah, fiel es wie ein Lichtstrahl in die öde Leere seiner Brust. Nellie betrachtete voller Mitleid ihren stummen Nachbar, dessen Gedanken sich[pg 165]deutlich in seinen Zügen verrieten. Sie hatte schon oft traurig empfunden, daß dieser Ehe die Weihe des wahren, echten Glückes fehle, und fragte sich dann: liebt ihn Flora nicht und ist sie blind dagegen, daß er leidet? Nein, die wahre Liebe kannte sie nicht, – würde sie sonst stets nur an sich denken und über ihre elende Stümperei Mann und Kind vergessen? Wußte sie nicht, wie schön es ist, den Beruf des liebenden Weibes mit heiliger Pflichttreue zu erfüllen? Nellie war sich desselben tief bewußt, für sie gab es keinen andern Wunsch, als ihren Mann zu beglücken, seine Liebe war ihr das Höchste, Herrlichste auf dieser Welt! Der einzige Fred! In dem liebe- und glückerfüllten Gedanken an ihn wandte sie sich nach ihm um, sie mußte ihn in diesem Augenblick sehen, einen Blick von ihm erhaschen.„Fred!“ rief sie und nickte ihm innig zu. Er war im lebhaften Gespräch mit Ilse, die ihrer heiteren Laune die Zügel schießen ließ, weil sie froh war, dem Schicksal entronnen zu sein, mit dem ihr so verhaßten Referendar fahren zu müssen. Sie erzählte sich mit ihrem früheren Lehrer lauter Witze und Scherze, und immer von neuem ertönte ihr fröhliches Lachen.Plötzlich jagte der letzte Schlitten, in welchem Orla mit ihrem Begleiter saß, in sturmesähnlicher Geschwindigkeit an ihnen und den andern vorüber. Orla hatte die Zügel in der Hand, sie saß kerzengerade aufgerichtet. Die scharfe Luft hatte ihre Wangen gerötet, Feuer und Lebenslust blitzten aus ihren Augen. Als ihr Schlitten an Flora vorbeisauste, fuhr diese mit einem Aufschrei zusammen und schloß wie ohnmächtig die Augen. Lüders aber schien die Schwäche seiner Nachbarin nicht zu bemerken, er war nicht im mindesten besorgt um sie, im Gegenteil, mit einem kalten höhnischen Lächeln blickte er sie von der Seite an. Als Flora die Augen wieder aufschlug, sah sie, wie sich Orla umdrehte und ihr mit dem heitersten Gesicht zurief, ob sie sich von[pg 166]ihrem Schrecken erholt habe. Sie hatte die Zügel straff angezogen und ließ die Pferde in langsamem Tempo gehen.„Hoffentlich habe ich nicht auch Sie erschreckt,“ wandte sie sich an ihren Nachbar, „ich vermute es fast, weil Sie mir die Zügel entreißen wollten. Sie dachten gewiß, die Pferde gingen durch?“„Natürlich glaubte ich es, und ist mir das zu verdenken, da ich doch keine Ahnung haben konnte, welche kühne Rosselenkerin Sie sind? Wie harmlos sagten Sie zu mir: bitte lassen Sie mich doch einmal die Zügel nehmen, ich möchte auch mal versuchen zu fahren. Offen gesagt, das war recht hinterlistig von Ihnen.“„Nein,“ lachte sie, „es war nicht hinterlistig von mir, denn ich wußte in der Tat nicht, ob ich das Fahren nicht verlernt hatte; ich habe so lange keinen Zügel in der Hand gehabt. In dem Augenblick aber, als Sie mir dieselben gaben, da kam das Bewußtsein der Sicherheit wieder über mich, die alte Leidenschaft erwachte in mir, ich war wieder daheim in Petersburg, ich saß in unserm Schlitten, es waren unsre Ponys, die ihn zogen, kurz und gut, es war meine lebhafte Einbildungskraft, die mich fortriß und Ihnen diesen Streich spielte. Verzeihen Sie?“„O, von Verzeihen kann hier keine Rede sein, Sie haben mir ja einen riesigen Spaß bereitet, gnädiges Fräulein. Ich bleibe jetzt bequem in meiner Ecke sitzen und lasse mich von schönen Händen spazieren fahren, denn Sie verstehen es ja weit besser als ich. Sie reiten wohl auch?“„Und wie gern,“ versetzte sie mit blitzenden Augen.„An Unerschrockenheit fehlt es Ihnen nicht, dafür habe ich Beweise. Für ihren künftigen Beruf ist das übrigens viel wert, denn es gibt da vieles zu überwinden, selbst für einen Mann.“„Ja, ja, ich weiß,“ gab sie kurz und halb verlegen zur Antwort.[pg 167]Wie merkwürdig, es war ihr peinlich, wenn er davon anfing. Es kam ihr vor, als läge ein gewisser Spott in seinen Worten, als umspiele ein mitleidiges Lächeln seine Lippen, wie wenn er dächte, du eine schwache Frau willst dich an eine solche Aufgabe wagen? Schon verschiedene Male hatte er sie heute über ihre Zukunftspläne befragt, die natürlich ihn interessierten, da er selbst Arzt war, sie hatte ihm aber immer ausweichend geantwortet. Mit Althoff und Gerber besprach sie doch eingehend denselben Gegenstand und holte ausführlich ihren Rat ein; warum hatte sie eigentümliche Scheu, mit Andres darüber zu sprechen? Sie wußte sich das selbst nicht zu erklären.Das für mitleidig gehaltene Lächeln um seinen Mund deutete sie aber falsch. Er lächelte, weil er sich über das junge schöne Menschenkind freute, sowie über ihre klugen durchdachten Antworten, die sie ihm gab, und die so ganz anders lauteten, wie bei den hiesigen Damen seiner Bekanntschaft. Er war überzeugt, daß sie keine oberflächliche Jüngerin der Wissenschaft werden, daß sie leicht und gründlich erfassen und lernen würde. Und dennoch, – er bedauerte sie, denn der jungfräuliche Hauch, der sie trotz ihres männlichen Geistes umgab, würde abgestreift werden. Voll Bewunderung folgte er ihren kraftvollen anmutigen Bewegungen und verglich sie auch hierin wieder im stillen mit den zimperlichen Kleinstädterinnen, welche vor der Zeit schlaff und alt wurden, weil sie ohne Mark und Kraft waren, was ihre schlechte Haltung und der schleppende, aller Spannkraft entbehrende Gang auf den ersten Schritt bewiesen. In Orla vereinten sich jugendliche Kraft mit Anmut, und wie sie so dasaß, wurde er nicht müde sie anzuschauen.Sie fuhren jetzt dicht am Walde hin, manchmal streiften sie mit dem Kopf einen unter der Schneelast tief gebeugten Zweig, und der kalte, prickelnde Schnee stäubte ihnen ins Gesicht. Die Dämmerung brach schon frühzeitig herein,[pg 168]während der Himmel noch von der untergehenden Sonne in ein zartrosa Violet getaucht war, und matt glänzend stand der Mond am Himmel. Der zauberhafte Anblick der entzückenden Winterlandschaft, das tiefe Schweigen ringsum, nur unterbrochen durch das Schellengeklingel, das aus der Ferne von den andern weit zurückgebliebenen Schlitten wie ein Echo herübertönte, hielt die beiden jungen Menschen wie in einem magischen Bann umfangen. Sie saßen schweigend nebeneinander, als fürchteten sie den Zauber durch Worte zu zerstören. Erst als sie von weitem rote Ziegeldächer schimmern sahen und fernes Hundegebell schon die Ankömmlinge begrüßte, erwachten beide wie aus einem Traum, und Orla wandte sich zu ihrem Nachbar mit den Worten:„Ich glaube, wir sind am Ziel. Wissen Sie Bescheid, wo sich das bewußte Gasthaus befindet, das uns aufnehmen soll?“Er bejahte, und schon nach wenigen Minuten hatten sie dasselbe erreicht. Mit einem festen Ruck zog Orla die Zügel an, schnaubend und dampfend standen die Pferde still. Der Wirt eilte dienstfertig herbei, und auch seine wohlbeleibte Ehehälfte begrüßte die jungen Leute unter vielen unterwürfigen Knixen.„Herr und Frau Pastor würden Herrn und Frau Doktor im Zimmer empfangen,“ sagte sie zu den beiden, die eben ins Haus treten wollten.„Nein, das ist zu komisch,“ rief Orla laut lachend, war aber rot geworden und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.„Wir sind nicht Herr und Frau Doktor, liebe Frau,“ erklärte Andres ebenfalls lachend der Wirtin. „Sie verwechseln uns mit den Herrschaften, die auch gleich kommen werden.“Die Frau entschuldigte sich vielmals und sagte dann mit einem vielsagenden Blick auf das junge Mädchen:[pg 169]„Na, was nicht ist, kann noch werden,“ denn sie war nun einmal der Meinung, daß das schöne Paar zusammengehören müßte. Orla wurden die Reden der geschwätzigen Alten ungemütlich, sie wollte deshalb ins Haus gehen, um ihre Freundin zu begrüßen.Andres ging mit ihr hinein.Rosi und ihr Mann kamen ihnen schon auf dem Flur entgegen. Rosi umarmte Orla mit steifer Würde und gab ihr einen Kuß auf die Wange.„Ich war ganz überrascht, wie ich von Nellie erfuhr, daß du hier bist,“ sagte sie, als sie im Zimmer waren, „aber ich freue mich sehr, dich wiederzusehen. Kamst du nur nach Deutschland, um Althoffs zu besuchen, liebe Orla oder führt dich noch ein andrer Zweck hierher?“„Du erlaubst wohl,“ unterbrach sie Orla, „daß ich dir Herrn Doktor Andres vorstelle und dich bitte, mich mit deinem Manne bekannt zu machen.“Rosi war innerlich empört über die Zurechtweisung, wie sie Orlas Bitte nannte. Mit einer kaum merklichen Neigung ihres Kopfes erwiderte sie die Verbeugung des jungen Arztes und stellte dann ihren Mann vor, dessen Augen unablässig auf Orlas Gestalt geruht hatten. Rosi hat mir ja niemals erzählt, wie schön diese Freundin von ihr ist, dachte er, und es wäre doch wahrhaftig der Mühe wert gewesen.Lautes Sprechen und Lachen draußen kündigte jetzt die Ankunft der Zurückgebliebenen an. Orla lief ans Fenster und die andern folgten ihr dahin nach. Sie klopfte an die Scheiben und nickte den Freunden grüßend zu. Leicht, wie ein Vogel vom Zweig, war Ilse aus dem Schlitten gehüpft, und Flora, welche das mit neidischen Blicken beobachtet hatte, nahm jetzt einen Anlauf, ebenso graziös, wie Ilse, herunterzuspringen. Aber, verwickelte sie sich in ihre vielen Hüllen und Tücher, oder war ihre[pg 170]Ungelenkigkeit daran schuld, kurz und gut, sie stolperte und fiel, so lang sie war, in den Schnee. Man lachte über diesen kleinen Unfall und kam ihr unter Scherzen diensteifrig zu Hilfe. Flora machte denn auch gute Miene zum bösen Spiel.„Ich begreife nicht, wie man über solches Mißgeschick auch noch lachen kann,“ sagte Rosi kopfschüttelnd und ging Althoffs und Gerbers entgegen, welche soeben eintraten. Ilse eilte auf Orla zu.„Himmlisch, kannst du aber fahren,“ rief sie voller Begeisterung, „so gut wie du kann ich es allerdings nicht.“„Auch ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein Orla,“ sagte Althoff hinzutretend.„Jetzt laßt eure schönen Komplimente bis nachher,“ unterbrach ihn Nellie, „und kommt zum Kaffeetrinken.“„Du bist wohl eifersüchtig, Nellie, daß dein Mann zu tief in Orlas schöne Augen sieht?“ neckte sie Flora.„O nein,“ lachte Nellie, leicht errötend, aber sie fühlte sich doch etwas getroffen, denn sie besaß wirklich eine kleine Anlage zur Eifersucht.Lebhaft plaudernd setzte man sich an den Kaffeetisch, und Nellie übernahm die Rolle der Wirtin. Die mächtige weiße Kaffeekanne, welche mitten auf dem Tische prangte, erregte allgemeine Heiterkeit. Althoff meinte, sie sähe nicht vertrauenerweckend aus, und als ihr der erste Strahl so durchsichtig und hell entströmte, sank er mit einem komisch geseufzten „Ach, du lieber Gott“ in seinen Stuhl zurück.„O, du leckres Mann,“ verwies ihn Nellie, die sich innerlich selbst über diesen Trank entsetzte, „du darfst nicht unbescheiden sein, der Kaffee ist ganz schön.“„Ich glaube auch, daß der Kaffee gut ist,“ ergriff der Pastor ernsthaft das Wort, „wir trinken ihn nie stärker. Meine Frau meint, starker Kaffee wäre ungesund, nicht wahr Rosi?“[pg 171]Sie schien seine Frage zu überhören.„Ich hätte euch so gern gebeten, in unserem bescheidenen Hause fürlieb zu nehmen,“ wandte sie sich an Nellie, „aber die Räume sind so eng, wir wohnen so beschränkt, da dachte ich, das würde nicht gemütlich für euch sein.“Den wahren Grund, weshalb sie keine Gäste haben wollte, verriet sie natürlich nicht. Als die Nachricht von Nellie eintraf, daß sie kommen würden, hatte Adolf ihr gesagt, daß sie Althoffs und die andern doch eigentlich einladen müßten, da sie von ihnen schon so oft und so freundlich aufgenommen worden waren. Er dachte dabei an den vergnügten Sonntag bei Althoffs, den er nicht vergessen konnte, denn er war wie ein Lichtstrahl in sein einförmiges Leben gefallen. Mit diesem Vorschlag war er aber bei Rosi schlecht angekommen. Sie hatte soeben eine gründliche Hausreinigung glücklich vollendet, tagelang gescheuert; und nun sollten ihr die Fußböden wieder schmutzig getreten, alles wieder in Unordnung gebracht werden! Nein, auf keinen Fall! Der Pastor wurde durch ihre Entschiedenheit so eingeschüchtert, daß er keine weiteren Einwendungen wagte, trotzdem er die Freunde sehr gern bei sich gesehen hätte. Um ihr möglichstes zu tun, hatte sie einen großen Kuchen gebacken. Derselbe prangte jetzt, in dicke Streifen geschnitten, die quer übereinandergelegt und hoch aufgeschichtet waren, auf dem Kaffeetisch.„O, dieses furchtbare Bauernkuchen,“ flüsterte Nellie Ilse heimlich ins Ohr und nahm aus einem Körbchen feines Gebäck heraus, das sie mitgebracht hatte.„Er sieht so trocken aus,“ erwiderteIlse,„wir müssen aber davon essen, sonst wird Röschen böse.“Nach der langen Fahrt in der Kälte schmeckte es allen herrlich, selbst Rosis Kuchenberg verschwand, und die große Kaffeekanne wanderte schon zum zweiten Male hinaus, um frisch gefüllt zu werden. Sogar Althoff ließ sich zu einer[pg 172]zweiten Tasse herab, begleitete aber jeden Schluck mit einer drolligen Grimasse.Als die Wirtin die Tassen forttrug und den Tisch abräumte, verschwand Flora mit geheimnisvoller Miene. Die Herren blieben sitzen und zündeten sich eine Zigarre an, die Freundinnen aber gingen plaudernd Arm in Arm im Zimmer auf und ab. Das Gasthaus war schon einige Jahrhunderte alt, das Gebäude gehörte früher zu einem Kloster, und erst die Großeltern der alten Wirtsleute hatten eine Wirtschaft darin errichtet. Baulich war wenig verändert, und gerade das Altertümliche gab dem Ganzen etwas ungemein Gemütliches. Der Saal, in welchem die Gesellschaft sich befand, mochte einst das Refektorium gewesen sein; es war ein großer Raum, ringsum mit Eichenholz getäfelt, das die Zeit fast schwarzbraun gefärbt hatte. Ebenso dunkel waren auch die massigen, dicken Balken in der Decke; ein alter Kronleuchter in Gestalt eines Reifes, welchen heute brennende Kerzen schmückten, hing am mittelsten Balken. Die dicken Mauern bildeten an den Fenstern tiefe Nischen, mit molligen Plätzchen, zu welchen man eine Stufe hinaufsteigen mußte. Die niedrigen Fenster gingen nach dem Garten hinaus und lagen nicht hoch über der Erde, so daß man draußen bequem mit der Hand hineinreichen konnte. In einem der Erker war zu beiden Seiten Efeu in niedrige, lange Kasten gepflanzt. Die grünen Ranken hatten sich fest an die alten Mauern angeklammert und waren so üppig gewachsen, daß sie die ganzen Wände bedeckten und eine reizende Laube bildeten. Hohe korbgeflochtene Wände zu beiden Seiten, ebenfalls mit Efeu bewachsen, ließen nur einen schmalen Eingang frei. Dahinter saß man auf dem alten geschnitzten Eichenholzstuhl mit verblichenem Lederbezug vollständig verborgen. Man konnte sich kein lauschigeres Versteck denken.Die jungen Damen blieben bewundernd davor stehen[pg 173]und waren entzückt über diese grünende Laube mitten im Winter. Sie malten sich aus, wie schön es sein müßte, hier so abgeschlossen und ungestört über einem Buche zu sitzen.Da wurden sie plötzlich durch erstaunte ‚Ah’s‘ und ‚Oh’s‘ der Herren aufgeschreckt. Sie sahen sich um und erblickten Flora im weißen Kleide, das überall mit gläsernen Eiszapfen behängt war; einen weißen Schleier, mit kleinen Watteflöckchen besetzt, hatte sie um den Kopf geschlungen, und das alles war mit glitzerndem Silberstaub bestreut. Man konnte keinen Augenblick im Zweifel sein, daß sie ein Sinnbild des Winters vorstellen wollte.In der Mitte des Saales blieb sie stehen und deklamierte mit vielem Pathos ein langes Gedicht, das natürlich ihrer Feder entstammte. Es war darin viel vom kalten Winter, von Schnee und Eis die Rede. Als sie geendet hatte, blickte sie siegesgewiß umher und sah in lauter vergnügt lachende Gesichter. Sie glaubte natürlich, die Freude über ihr schönes Gedicht wäre es, welche die Zuhörer so heiter gestimmt hätte, und als man sogar in die Hände klatschte und ihr ‚bravo‘ zurief, strahlte sie, und ein triumphierender Blick flog zu ihrem früheren Lehrer hinüber; er sollte ihn daran erinnern, wie er damals in der Pension ihre Dichtung zu der Vorsteherin Geburtstag so schnöde abgewiesen hatte. Jetzt mußte er doch einsehen, wie er ihr großes Talent verkannt und wie tiefes Unrecht er ihr zugefügt hatte.Auf eine Person aber hatte ihr Gedicht einen wirklichen Eindruck ausgeübt, und das war die alte Wirtin. Sie hatte Tränen der aufrichtigsten Rührung in den Augen, über die sie öfter verstohlen mit dem Schürzenzipfel fuhr. Flora weinte beinahe mit, als sie die Frau sah, und versprach, ihr das Gedicht zu schicken.„Es wohnt doch oft in einfachen Leuten der wahre[pg 174]Sinn für Poesie; der Geist, noch ungekünstelt und natürlich, begreift leichter das Edle, Schöne.“„Unbescheiden bist du gar nicht, Flora,“ lachteOrla,„das muß ich gestehen.“„Orla,“ versetzte Flora ernst, fast feierlich, „du, der die enge Welt des Weibes zu klein wurde, wie mir, du welche die Schranken durchbrachst, wie ich es tat, du, welche eine Jüngerin auf dem Gebiete der Wissenschaft werden willst, du solltest nicht spotten, wo es sich um so wichtige Dinge handelt.“„Was meint denn Flora mit der Jüngerin der Wissenschaft?“ fragte Rosi neugierig.„Nun, ganz einfach,“ versetzte Orla kurz, „ich will Medizin studieren.“„Du willst“ – Rosi prallte förmlich zurück. „Du willst unter die Studenten gehen?“„Wie, Sie wollen studieren?“ fragte jetzt auch der Pastor. „Das ist ja famos!“Ein verweisender Blick seiner Frau traf ihn als Strafe für seinen begeisterten Ausruf; er bemerkte ihn aber nicht, da er Orla anstaunte. Wahrscheinlich beneidete er im stillen die Studenten, die nächstens neben so viel Schönheit und Geist sitzen durften. So etwas war ihm während seiner Studienzeit leider niemals vorgekommen. Rosi konnte sich von ihrem Entsetzen über Orlas Entschluß noch nicht erholen, sie fragte Nellie, ob Orla nicht Spaß gemacht hätte, und wollte es nicht glauben, als diese ihr fest versicherte, daß Orla wirklich im Ernst gesprochen habe.„Unbegreiflich,“ murmelte Rosi vor sich hin, und laut sagte sie zu Orla:„Nun, Orla, dann wünsche ich dir viel Glück bei den Studenten. Da mußt du natürlich auch das Kneipen und Raufen lernen, was doch wohl die Hauptsache im Studentenleben ist. Ich an deiner Stelle würde am liebsten gleich[pg 175]Männerkleidung anlegen, denn als Frau unter den Studenten wirst du dir gewiß manches gefallen lassen, manches aushalten müssen.“Man hätte der sanftblickenden Rosi eine so spöttische Bemerkung kaum zugetraut. Orla hatte ihre beleidigenden Worte ruhig mit angehört und wollte ihr eben darauf antworten, als ihr Andres zuvorkam.„Frau Pastorin,“ sagte er sehr bestimmt, „Sie trauen Ihrer Freundin“ – er betonte das Wort – „ja ungeheuer wenig Taktgefühl zu und scheinen das Studieren so aufzufassen, als ob es nur aus Kneipen und Raufen bestände. Gewiß, der Student führt ein lustiges Leben, wenn er nicht ein geborener Philister ist, er kneipt und rauft mitunter. Ihr Herr Gemahl, der gewiß auch eine fröhliche Studienzeit verlebt hat, wird Ihnen davon am besten erzählen können.“Hier räusperte sich der Pastor vernehmlich. Mein Gott, woher wußte denn dieser Mensch etwas von seiner Studentenzeit? Sollte Althoff geplaudert haben? Er würde sich wohl hüten, seiner Rosi etwas davon zu erzählen.„Ich versichere Sie, Frau Pastorin,“ fuhr der junge Mann fort, „es sind nicht die schlechtesten Menschen, welche Sie als Raufbolde verachten, und ebensowenig sind diejenigen die besten, welche tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die Jugend muß austoben und kann auch mal über den Strang schlagen. Wer inneren Gehalt und Charakter besitzt, dem wird die ernste Pflicht zu arbeiten schon zur rechten Zeit einfallen, der wird trotzdem ein brauchbares Mitglied der Menschheit werden. Doch, was ich vor allen Dingen sagen wollte, Frau Pastorin: der Student mag raufen, oder auf den Bänken der Hörsäle sitzen, niemals wird er die Ritterlichkeit gegen eine Dame vergessen. Und deshalb braucht Ihre Freundin keine Männerkleidung anzulegen, sie braucht die Weiblichkeit nicht abzustreifen,[pg 176]wenn sie auch das hergebrachte Gebiet der Frau verläßt. In dieser Beziehung wird Fräulein Sassuwitsch nichts zu befürchten haben, denn keiner ihrer künftigen Studiengenossen wird ihr jemals zu nahe treten. Wehe dem, der das wagte!“Bei den letzten Worten hatten seine Augen fast drohend gefunkelt und alle waren erstaunt über diese warme Verteidigung. Flora aber eilte stürmisch auf ihn zu und drückte ihm unter überschwenglichen Dankesworten die Hand, weil er so lebhaft für das Weib eingetreten sei, welches sich aus den alltäglichen Verhältnissen befreit habe, um einem höheren Triebe zu folgen.Sie geriet förmlich in Verzückung und klagte ihm immer wieder vor, wie bitter und schwer sie oft darunter zu leiden hätte, daß sie sich noch mit andern Dingen beschäftige, als mit Kochen und Strümpfestopfen. Es hätte ihr so wohl getan, ein solches Urteil aus seinem Munde zu hören. Sie sprach und geberdete sich dabei so lebhaft, daß die Eiszapfen an ihrem Kleid beständig aneinander klirrten. Er hörte aber nur halb auf die schwatzende unruhige Gestalt vor ihm und nickte nur mechanisch einige Male mit dem Kopfe, indem er sich willenlos von ihr die Hand drücken ließ. Seine Augen suchten Orla, welche an den Efeu-Erker getreten war und die Blätter und Ranken spielend durch die Finger gleiten ließ. Warum ertappte sie sich gerade diesem Mann gegenüber auf einer Befangenheit, die ihr sonst fremd war, warum scheute sie sich aufzusehen und seinem Blicke zu begegnen? Es war ihr unbehaglich, dieses Gefühl, und doch, wie ein Echo tönten seine Worte in ihrem Herzen fort.„Orla, du bist ja so in Gedanken versunken,“ sagte da Ilse neben ihr. „Komm, ich glaube Rosi ist ärgerlich auf den Doktor, sieh nur, was sie für ein böses Gesicht macht!“

* * *

Nun war Orla schon einige Tage bei den Freunden, und da sie sich müde und abgespannt von der Reise fühlte, ging sie nicht aus dem Hause, ahnungslos, wie sehnsüchtig man im Städtchen auf ihr Erscheinen wartete und wie sehr sie die Geduld der Neugierigen auf die Folter spannte. Flora kam fast jeden Tag; sie war natürlich auch auf dem Bahnhof gewesen, als Orla ankam, hatte diese überschwenglich umarmt und ihr den Strauß mit dem bewußten Gedicht in die Hand gedrückt. Orla nahm diese Begrüßung etwas kühl und verwundert auf, war sie doch gerade mit Flora nie vertraut gewesen, deren Natur ihr vollkommen unverständlich und unsympathisch war. Dagegen freute sie sich aufrichtig, Ilse wiederzusehen.

„Nellie,“ hatte Ilse vor Orlas Ankunft gesagt, „bitte, erzähle Orla nur gleich alles –, du weißt schon, die Geschichte mit der Flucht. Wenn sie mich nach Leo fragte, das wäre mir schrecklich, denn gerade ihr gegenüber schäme ich mich doppelt, sie kann gewiß nicht begreifen, daß ich eines lumpigen Streites wegen fortlaufen konnte, sie denkt so erhaben über alles Kleinliche.“

Nellie hörte mit heimlicher Genugtuung und Freude die Freundin an und sagte zu ihrem Manne: „Du Fred,[pg 146]Ilschen ist auf die Besserung, sie nennt den Streit mit ihre Schatz schon ‚lumpig‘ und meint eine solche ‚Kleinigkeit‘ könne Orla nicht begreifen.“

Die drei Freundinnen hatten sich viel zu erzählen, und manche Stunde wurde mit alten Erinnerungen verplaudert. Waren diese im Grunde doch noch so frisch und neu; nur zwei Jahre lagen dazwischen und die hatten keine davon verwischen können. Die kurze Spanne Zeit hatte aber manche Veränderungen hervorgebracht, namentlich wollten Orla die drei würdigen Hausfrauen unter den Pensionsschwestern nicht recht in den Sinn.

„Ich komme mir gegen euch ehrbare Frauen – Ilse rechne ich mit – wie ein Wickelkind vor,“ sagte sie scherzend.

„Na Orla,“ neckte Ilse, „wie lange wird es dauern, und du bist auch verlobt und verheiratet, du bist so hübsch und klug –“

„Um Gottes willen, Ilse,“ fiel ihr Orla in die Rede, „du willst mir doch nicht etwa Schmeicheleien sagen, Kind! Du weißt doch, daß ich sie hasse.“

Aber Ilse lag es fern, der Freundin schmeicheln zu wollen. Aus ihren Worten sprach die aufrichtigste Bewunderung und sie war viel zu offen, jemand etwas Angenehmes zu sagen, wenn es nicht ihre wirkliche Meinung war. Die ganzen Tage her hatte sie Orla verstohlen angeblickt, denn sie fand sie jetzt noch viel hübscher, als in der Pension. Sie war größer und voller geworden, dabei schlank und biegsam wie eine Tanne. Besonders gut gefiel Ilse Orlas ‚interessante Blässe‘, und in der Tat bot der matte, aber warme Teint im Verein mit den dunklen geistvollen Augen, dem kurzen, leichtgelockten Haar ein unendlich anziehendes und reizvolles Bild. Ihr Profil war scharf geschnitten, ein keckes Stumpfnäschen verlieh ihrem Gesicht etwas Pikantes, und den kleinen vollen Mund mit den stolz geschwungenen Lippen hatte Flora schon in der Pension[pg 147]als ‚vollendet klassisch‘ besungen. Trotz einer gewissen Schroffheit in Orlas Wesen konnte sie hinreißend liebenswürdig sein und jedermann bezaubern.

Am Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Freunden alles erzählt, was sie Trauriges betroffen hatte, und mit ihnen ihre Zukunftspläne beraten. Doktor Althoff machte sie schonungslos auf alle Schwierigkeiten ihres Entschlusses aufmerksam, und Orla war ihm für seine Aufrichtigkeit sehr dankbar, aber – so sagte sie ihm nach einer langen Auseinandersetzung unter vier Augen, so wenig Lichtseiten er ihr auch an ihrem zukünftigen Beruf gezeigt hätte, sie wäre trotzdem fest entschlossen, nicht wankend zu werden.

„Ich bin, wenn auch keine Pessimistin, doch weit entfernt davon, eine Optimistin zu sein,“ sprach sie, „ich weiß ganz genau und habe mir das auch reiflich überlegt, daß ich einen langen, beschwerlichen Weg vor mir habe, bis ich mein Ziel erreiche, und dennoch schrecke ich nicht zurück.“

Nun, an Energie und Begabung fehlte es ihr nicht, das wußte er, denn schon in der Schule hatte er seine Freude an ihr gehabt und war oft überrascht gewesen, wie sie bei einem schnellen Fassungsvermögen für eine Frau auffallend klar und logisch dachte. Nie betrieb sie das Lernen oberflächlich, sie nahm alles sehr genau und erforschte die Dinge bis auf den Grund. Daß es ihr aber heiliger Ernst mit dem Studium war, daß kein Gedanke der Eitelkeit, noch die Sucht nach Außergewöhnlichem sie dazu bestimmt hatten, das konnte man alsbald merken, denn sie entwarf mit Althoff sofort einen genauen Stundenplan und er hatte sich in der Folge über seine eifrige und fleißige Schülerin nicht zu beklagen. Mit dem Unterricht wurde gleich am übernächsten Tage ihres Eintreffens begonnen.

„Willst du dir nicht erst ein wenig ruhen?“ hatte Nellie gefragt, „du bist von die vielen Aufregungen in der letzte Zeit doch gewiß sehr angespannt?“

„Nein, nein, Nellie,“ gab sie zur Antwort, „ich darf keine Minute Zeit verlieren, außerdem ist gegen elegische Gedanken, wie sie jetzt manchmal in mir auftauchen wollen, Arbeit das beste Mittel.“

Sie hatte sich entschieden gesträubt, bei Althoffs zu wohnen, indem sie behauptete, das ginge nicht, es wäre ihr peinlich. Sie würde sich daher in den nächsten Tagen selbst nach einer passenden Wohnung umsehen; sie schalt Nellie, daß sie es nicht vorher schon getan hätte. Vorläufig bewohnte sie mit Ilse das Fremdenstübchen, und wenn diese abends schon längst im Bette lag, saß Orla noch auf und arbeitete bis tief in die Nacht hinein.

„Aber Orla,“ sagte Ilse oft, „du darfst nicht so lange aufbleiben, du wirst sonst krank; komm und lege dich schlafen.“

„Laß mich nur Kind,“ antwortete Orla, „schlafe ruhig weiter und habe keine Angst, ich werde nicht krank.“

„Kind, sagt sie immer zu mir,“ dachte Ilse, „gerade als wenn sie viel älter wäre als ich, und sie ist doch erst neunzehn Jahre alt.“ Aber daß Orla, trotz des geringen Altersunterschiedes viel reifer und verständiger war als sie, das empfand sie nur zu oft und sie kam sich dann ihr gegenüber noch recht kindisch und albern vor.

„Gegen Orla bin ich doch furchtbar dumm,“ sagte sie einmal zu Nellie.

„O Ilschen,“ lachte die junge Frau, „du nicht allein, ich auch. Aber wir wollen ja doch keine Studentens werden und für die tägliche Gebrauch sind wir klug genug.“

„Weißt du, Nellie, wenn Orla mich mit ihren großen Augen so prüfend und scharf ansieht, dann denke ich immer, daß sie mich in ihrem Innern gewiß recht verspottet und verhöhnt, weil ich davongelaufen bin. Was sagte sie denn eigentlich dazu?“

Nellie konnte sie darüber beruhigen, daß Orla sie weder[pg 149]verhöhnte noch verspottete. Sie hätte Ilse stets gerne gehabt, weil sie ‚Temperament‘ besäße, und es täte ihr nur leid, daß sich der kleine Brausekopf selbst bittere Stunden bereitete.

„Selbst bittere Stunden bereitete,“ wiederholte Ilse Orlas Wort, „als ob ich daran schuld wäre.“

Noch glaubte sie nicht an ihr Unrecht, noch war sie im Gegenteil überzeugt, daß sie in der Sache selbst im vollsten Recht sei. Allerdings hatte, wenn sie sich die Szene an jenem verhängnisvollen Mittag ins Gedächtnis zurückrief, wohl schon manchmal eine Stimme in ihrem Innern geflüstert: du hättest nachgeben müssen, du warst zuwiderspenstig; aber dann hörte sie im Geiste wieder deutlich Leos beschämende Worte, und ihre besseren Regungen hielten davor nicht stand. –

Als Orla zum ersten Male mit den Freundinnen ausging, flog ihr mancher bewundernde Blick zu, einige Vorübergehende blieben sogar stehen und sahen der neuen Erscheinung musternd nach. Auch Doktor Andres begegnete ihnen, der durch Flora von der ‚interessanten russischen Freundin‘ schon viel gehört hatte und diese nun mit kritischen Blicken betrachtete. Er hatte sich ein anderes Bild von ihr gemacht, denn von Floras überschwenglichen Beschreibungen glaubte er immer nur die Hälfte, weil er sie längst durchschaut hatte. Er hatte sich unter der künftigen Berufsgenossin eine starkknochige, keineswegs anziehende Erscheinung vorgestellt und war nun angenehm überrascht, eine schöne junge Dame, deren Weiblichkeit schon aus ihrer anmutigen Erscheinung sprach, zu erblicken. Mit unverhohlenem Wohlgefallen sah er Orla an.

„Wer war der große stattliche Mann, der uns eben grüßte?“ fragte sie, nachdem er vorüber war.

Nellie nannte seinen Namen.

„Eine sympathische Erscheinung,“ bemerkte Orla noch.[pg 150]„Übrigens, Nellie, werden alle Leute, die neu hierherkommen, so angestarrt wie ich? Sie staunen mich ja an wie ein Wundertier. Sieh nur da drüben die Dame, wie sie dir zuwinkt und durch Zeichen zu verstehen gibt, daß du stehen bleiben sollst; wahrhaftig, sie scheut den Schmutz nicht und kommt über die Straße zu uns.“

Es war die Frau Direktor, die ihre Neugierde nicht bemeistern konnte und unbedingt den fremden Gast von Althoffs kennen lernen wollte.

„Liebe Frau Doktor,“ redete sie Nellie an, „ich habe Sie ja so lange nicht gesehen, es geht Ihnen doch gut,[pg 151]kleine Frau? Und Sie, liebes Bräutchen,“ wandte sie sich an Ilse, „ist die Sehnsucht nach dem Schätzchen nicht zu groß, halten Sie es so lange ohne ihn aus? Wie gefällt es ihm denn in Paris? Gontrau ist doch sein Name, nicht wahr? Ja? Dann habe ich mich nicht geirrt, als ich neulich zufällig durch einen Bekannten meines Sohnes, einen Referendar, erfuhr, daß Assessor Gontrau sich einen längeren Urlaub zu einer Reise nach Paris genommen habe. Da wird er Ihnen jetzt gewiß viel Interessantes erzählen.“

Nellie hat Ilse bei diesen Worten erbleichen sehen und unterbrach die redsame Dame deshalb schnell.

„Frau Direktor,“ sagte sie, „darf ich Ihnen unsere Freundin Fräulein Orla Sassuwitsch vorstellen?“

Und nun ergoß sich über diese ein gleicher Redestrom; Orla verstand es jedoch geschickt, mit kühler, aber ausgesuchter Höflichkeit ihren Fragen auszuweichen, so daß die aufgeregte Fragerin wenig mehr erfuhr, als sie schon wußte. Die vornehme Zurückhaltung der jungen Dame imponierte ihr gewaltig, und sie bat sie dringend um ihren baldigen Besuch.

„Bitte, kommen Sie aber gleich des Nachmittags mit einer Handarbeit zu einer Tasse Kaffee,“ sagte sie, Orla die Hand schüttelnd, und verabschiedete sich.

„Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen,“ meinte Ilse offenherzig, „wie unverschämt sie jeden ausfragt! Ich könnte ihr kein Wort erwidern, so furchtbar ärgere ich mich über sie.“

„Aber, beste Ilse,“ lachte sie Orla aus, „wenn man sich über solche Lappalien im Leben schon ‚furchtbar ärgern‘ will, dann könnte man ja nie froh sein. Die gute Dame hat mich erheitert, das Fragen und Ausforschen scheint ihr Lebensbedürfnis zu sein. Du lieber Gott, ‚jedes Tierchen hat sein Pläsierchen‘, also: lassen wir ihr das Vergnügen.“

„Nein,“ sagte Ilse erregt, „ich könnte mit dieser Frau nicht verkehren, und warum soll man denn auch jemand[pg 152]besuchen, den man nicht ausstehen kann? Nellie mag sie auch nicht leiden und ist doch so freundlich zu ihr.“

„Du bist doch ein recht weltunkundiges kleines Mädchen, Ilse, und hast noch sehr naive Ansichten, nimm mir das nicht übel! Von der ‚konventionellen Lüge‘ hast du wohl noch nie etwas gehört? Weißt nicht, daß man den Personen, die man nicht leiden mag, nicht ins Gesicht sagen kann: geh mir aus dem Wege, denn du bist mir unangenehm. Man könnte leider beinahe sagen: je besser man lügen kann, desto weiter kommt man in der Welt. Man nennt das ‚weltklug‘ sein.“

„Siehst du, Ilschen,“ warf Nellie ein, „Orla spricht so, wie ich dich schon sagte. Ich mag ihr auch nicht, das neugierige Direktorsfrau, aber sie darf mich das nicht anmerken.“

Ilse erwiderte nichts, nachdenklich ging sie neben den Freundinnen her.

Am Abend, als die beiden jungen Mädchen sich zur Ruhe begaben, fragte Ilse plötzlich:

„Orla, würdest du mit deinem Manne alle Besuche machen, die er wünscht?“

„Närrchen, warum nicht? Natürlich! Man braucht ja deshalb noch nicht mit denen, die einem mißfallen, zu verkehren. Wie kommst du überhaupt zu dieser Frage?“

„Ach, ich dachte eben nur so zufällig daran,“ antwortete Ilse ausweichend und schwieg dann.

Orla schlief schon längst, als Ilse noch wachend in ihrem Bette lag. Leo in Paris, daran mußte sie immer denken. Was wollte er dort, warum reiste er dahin? Um sich zu amüsieren, natürlich nur deshalb. Sie hatte Nellie gefragt, ob es wahr sei, was die Frau Direktor ihr mitgeteilt hatte, und ob sie auch wüßte, daß Leo in Paris sei. Nellie bestätigte es; sie wußte es ja schon länger, hatte ihr aber diese Nachricht bisher absichtlich verschwiegen. Ilse[pg 153]fragte nichts weiter, sondern hatte das Gespräch schnell abgebrochen und von etwas andrem gesprochen, denn Nellie sollte nicht etwa denken, daß sie sich ärgerte oder grämte. Aber ihre Gedanken beschäftigten sich fortwährend mit dieser Reise und raubten ihr selbst den Schlaf. Sie warf sich unruhig von einer Seite zur andern. War es denn nicht der beste Beweis, daß er sie nicht mehr liebte, daß er keinen Kummer empfand, wenn er Lust hatte, zu seinem Vergnügen nach Paris zu reisen? Paris – er hatte ihr schon so oft davon vorgeschwärmt und dabei gesagt, wenn wir erst verheiratet sind, dann reisen wir nach Paris. Und nun reiste er ohne sie, dachte wahrscheinlich garnicht mehr an sein damaliges Versprechen und unterhielt sich gewiß herrlich. Ihr Interesse für diese Stadt wurde plötzlich wach, sie hätte gar zu gern etwas näheres über Paris gewußt. Ob Orla wohl schon dort gewesen war? Sie hatte mit ihrem Großvater weite Reisen gemacht und schon so viel von der Welt gesehen; gewiß war sie auch in dieser Weltstadt gewesen und konnte ihr davon erzählen. Die Neugierde ließ ihr keine Ruhe, und halb in Gedanken rief sie Orlas Namen.

„Ja, was denn, was ist denn, hast du mich gerufen, Ilse?“ fragte diese noch halb im Schlafe.

Ilse war es nun doch peinlich, Orla zu fragen, denn was würde diese dazu sagen, wenn sie jetzt mitten in der Nacht eine Beschreibung von Paris haben wollte.

„Was willst du denn?“ fragte Orla und richtete sich im Bett auf, da sie keine Antwort erhalten hatte. „Warum hast du mich denn geweckt?“

Endlich faßte sich Ilse ein Herz und erkundigte sich zaghaft, ob Orla wohl schon in Paris gewesen sei und wie es dort wäre, sie möchte ihr doch davon erzählen. Sie war froh, daß es Nacht war und Orla sie nicht sehen konnte, denn sie fühlte, wie rot sie bei dieser Frage wurde.

„Mein Gott, Ilse, du phantasierst doch nicht, oder hast du etwa geträumt?“ rief Orla erstaunt.

„Ach nein, ich habe überhaupt noch nicht geschlafen,“ gab Ilse kleinlaut zur Antwort, „und da dachte ich so zufällig an Paris.“

„Ach ja,“ sagte Orla, „nun begreife ich, du beschäftigst dich natürlich deshalb in Gedanken lebhaft mit Paris, weil dein Bräutigam dort ist?“

Ilse erschrak; sie hatte geglaubt, Orla habe es nicht gehört, als die Frau Direktor ihr die Neuigkeit von Leos Reise mitteilte, da sie gerade in dem Schaufenster eines Kunstladens, vor welchem sie standen, die Bilder einiger Professoren betrachtete. Sie hatte dabei nicht gedacht, daß die neugierige Dame eine sehr helle und durchdringende Stimme besaß, so daß Orla recht wohl hören konnte, was sie sagte. Übrigens war dieser erst jetzt bei Ilses Frage die Angelegenheit wieder eingefallen, der sie zuerst keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Ilse wußte nicht, was sie auf Orlas Frage antworten sollte, und schwieg deshalb still. Es wäre ihr jetzt sogar lieb gewesen, wenn Orla das Gespräch abgebrochen hätte, aber diese fuhr nach einer kleinen Pause fort:

„Paris ist sehr schön, Ilse, und ich bin überzeugt, daß es deinem Bräutigam dort vorzüglich gefallen wird.“

„Ja, das glaube ich auch,“ fiel ihr Ilse mit spöttischem Auflachen ins Wort, „er wird gewiß furchtbar vergnügt und ausgelassen sein, natürlich, warum sollte er denn auch nicht?“

„Aber Ilse,“ sagte Orla, die jetzt erst merkte, wie ihre Freundin über diese Reise dachte und empfand, „ich bitte dich, warum soll sich denn dein Verlobter nicht amüsieren?“

Die Gefragte schwieg, aber ein mühsam unterdrücktes Schluchzen klang zu Orla herüber.

„Du kleines leidenschaftliches Mädchen,“ sprach Orla[pg 155]liebevoll und sanft zu ihr, „vor allen Dingen werde etwas ruhiger. Ich muß jetzt mal in einem weisen Tantenton mit dir reden. Sieh, liebe Ilse, das Leben bringt ohnedies Schweres genug, warum da noch unnütz Grillen fangen und es sich durch Nichtigkeiten verbittern? Nellie hat mir auf deinen Wunsch alles erzählt, und ich sage dir aufrichtig, ich bedaure dich und deinen Bräutigam, daß es soweit zwischen euch gekommen ist. Ich weiß ja nicht, was vorgefallen ist, aber etwas Schlimmes kann es nicht sein, denn in deinen Augen habe ich gelesen, daß du ihn noch liebst, daß du mit allen Fasern deines Herzens noch an ihm hängst, mit allen deinen Gedanken noch bei ihm bist. Nicht wahr, du bist böse auf ihn, weil er fortgereist ist und nicht als echter Ritter Toggenburg hintrauert? Das würdest du lieber sehen, das würde dir besser gefallen, gestehe es, Ilse! Aber sei gerecht, nicht kleinlich, und denke mal ruhig nach. Die Sehnsucht nach dir, der Schmerz, daß du ihn verlassen hast, sie machen, daß er es nicht mehr daheim aushält, eine unbezwingliche Unruhe treibt ihn fort, weit fort; er muß andre Menschen, andre Dinge sehen und je größer der Strudel der Vergnügungen, die ihn sein Leid vergessen machen sollen, desto besser. Kannst du nicht mit ihm empfinden, siehst du nicht darin nur einen Beweis, wie tief und innig er dich liebt? Handelt nicht so ein rechter Mann voll Kraft und Stolz, welcher der Welt nicht zeigen mag, wie es in ihm aussieht? Glaubst du, daß er wirklich genießt, was er sieht und hört, daß ihn nicht überall sein Kummer, der Gedanke an dich begleitet? Ilse, du bist mit Blindheit geschlagen, glaube es mir. Sei nicht böse, daß ich offen spreche, aber ich meine es wahrhaftig nur gut mit dir.“

Ilse hatte bebend zugehört. Orlas Worte machten einen tiefen Eindruck auf sie. War es nicht richtig, was sie sagte, verstand sie Leo nicht besser, als seine eigene Braut es tat? Ja, Orla hatte recht! Und nun kam sie sich auf einmal so[pg 156]kleinlich, so ungerecht vor, es ging ihr plötzlich wie ein Licht auf. Ja, Leo war nur fortgereist, um seinen Schmerz durch neue Eindrücke zu betäuben. Kannte sie ihn so wenig, vermochte sie so wenig in seiner Seele zu lesen? Keine Silbe von dem, was ihr Orla gesagt hatte, hätte sie bestreiten mögen. So eindringlich und schonungslos hatte Nellie noch nie mit ihr gesprochen; die viel zu gutmütige junge Frau konnte nicht sehen, wenn Ilse so traurig war, und hatte dann gleich tausend zärtliche Trostesworte für sie, aber um keinen Preis hätte sie ihr das Herz durch Vorwürfe noch schwerer gemacht. Orla sagte ihr erbarmungslos die Wahrheit, so war es recht! Es tat ihr wohl zu wissen, wie das kluge Mädchen über sie urteilte, und sie war ihr dankbar, daß sie so offen mit ihr gesprochen hatte.

„Gute Nacht, liebe Orla!“ rief Ilse innig.

Keine Antwort.

Schlief sie schon wieder, oder stellte sie sich schlafend?

Ilse erhob sich leise und ging an Orlas Bett. Die gleichmäßigen Züge verrieten, daß sie fest schlief. Ilse betrachtete mit Entzücken das schöne Gesicht der Freundin, welches von den hereindringenden Mondesstrahlen matt beleuchtet wurde. Die dunklen Augenwimpern warfen ihren Schatten auf die blassen, im Mondeslicht fast marmorweißen Wangen. Ilse drückte einen leisen Kuß auf die Stirn der Schläferin und schlich sich dann auf den Zehen zurück nach ihrem Lager.

* * *

Nach den herbstlich rauhen Tagen stellte sich jetzt der Winter ein, der mit Schnee und Eis sein Recht behauptete. Seit einigen Tagen schneite es unaufhörlich, leise und sacht fielen die weißen Flocken zur Erde nieder. Baum und Strauch mußten sich unter der Schneelast beugen. Flora, deren Poesie mit den Jahreszeiten Schritt hielt, besang jetzt den „gestrengen Winter“, und das tanzende, wirbelnde Schneegestöber wurde für sie ein unerschöpfliches Thema mit den verschiedensten Abwechslungen. Sie ward nicht müde, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und in das flimmernde Flockengewirr zu sehen. Eines Tages aber lachte ihr der klare blaue Himmel entgegen und die freundliche Wintersonne schien ins Fenster herein.

Gegen Mittag kam der Referendar, um zu fragen, ob man nicht das herrliche Winterwetter benutzen und mit mehreren Bekannten eine Schlittenpartie unternehmen wolle, es wäre die schönste Bahn. Voller Begeisterung begrüßte Flora diesen Gedanken, sie fand ihn himmlisch und war sofort bereit, nach Althoffs zu gehen, um sie zu diesem Partie aufzufordern.

„Ihrer reizenden kleinen Freundin, Fräulein Ilse wird[pg 158]gewiß eine Schlittenfahrt auch Spaß machen. Ich werde mir erlauben, das Fräulein selbst zu fahren.“

Ärger und Enttäuschung kamen bei diesen Worten in Floras Gesicht zum Ausdruck.

„Finden Sie Ilse wirklich reizend? Ich begreife das nicht? Sie hat ein frisches, glattes Gesicht, aber Sie müssen doch gestehen, daß demselben jede Vergeistigung fehlt, die ein Antlitz doch erst anziehend und interessant macht. Ohne diesen Ausdruck kann ich kein Gesicht schön finden und deshalb läßt mich auch das von Ilse kalt, es ist mir langweilig.“

Wie hart und schroff sie urteilte, wenn sie sich in ihrer Eitelkeit verletzt fühlte! In Gedanken hatte sie an sich gedacht, als sie Lüders auseinandersetzte, wodurch ein Gesicht erst seine wahre Schönheit bekäme, und sie erwartete, daß auch er so denken und ihr das jetzt sagen werde. Aber er blieb stumm und ein ironisches Lächeln zuckte um seinen Mund.

Erregt stand Flora auf.

„Gehen Sie mit?“ fragte sie. „Ich will zu Althoffs. Übrigens – Sie wissen doch, Ilse ist Braut! Kühlt das Ihre Begeisterung nicht etwas ab?“

Auch er hatte sich erhoben und gab auf Floras spöttische Frage keine Antwort; er dachte nur daran, um jeden Preis mit dem jungen Mädchen zusammenzukommen. Er verabschiedete sich von Flora, indem er ihr sagte, daß er gegen Abend wiederkommen würde, um das nähere über die Partie zu erfahren.

„Adieu,“ sagte Flora schnippisch und drehte ihm den Rücken, ohne seine ausgestreckte Rechte zu berühren.

„Nun, bekomme ich keine Patschhand?“ fragte er.

„Nein, Sie sind zu unartig gewesen,“ sagte sie und sah ihn über die Schulter mit kokett schmollender Miene an.

„Aber wenn ich verspreche, jetzt wieder artig zu sein, Frau Flora, auch dann nicht?“

„Eigentlich haben Sie keine verdient, aber ich will gnädig sein. Hier!“

Sie reichte ihm ihre Hand. Er führte sie mit einem scheinbar demütig um Verzeihung flehenden Gesicht an seine Lippen und ging dann fort.

Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihren Mund; voller Selbstbewußtsein sah sie ihm nach. Sie hielt alles bei ihm für bare Münze, die arme, blinde Flora, und keine noch so leise Ahnung sagte ihr, daß er in seinem Innern ganz anders über sie dachte, als er äußerlich zeigte. –

Pünktlich um zwei Uhr sollten sich die Teilnehmer an der verabredeten Schlittenpartie vor dem Althoff’schen Hause am andern Tage versammeln. Außer Flora mit ihrem Manne, Referendar Lüders und Althoffs mit den beiden jungen Mädchen, hatte man noch den Assistenzarzt von Doktor Gerber zu der Partie aufgefordert. Es wurde beschlossen, nach dem Dorfe zu fahren, in welchem Rosis Mann Pastor war, weil dorthin die beste Bahn sei und man erwarten konnte, daselbst, was Essen und Trinken betraf, gut aufgehoben zu sein. Der Pastor und seine Frau waren natürlich benachrichtigt und gebeten worden, zur angegebenen Zeit pünktlich in dem Gasthaus zu sein und dort für ein warmes Zimmer und guten Kaffee zu sorgen.

„Orla, du wirst dir staunen, unsre artige Rosi wiederzusehen, nicht wahr, Ilschen?“ sagte Nellie lustig, während sie zur Schlittenpartie gerüstet vor dem Spiegel stand und noch einen langen weißen Schleier um ihre Pelzmütze legte, den sie unter dem Kinn zu einer großen Schleife zusammenband, welche ihrem rosigen Gesicht reizend stand.

Ilse lachte.

„Ja wahrhaftig, Orla, du wirst dich wundern, wie die ihren Mann unter dem Pantoffel hat. Ich sage es ja immer, die Sanften haben es faustdick hinter den Ohren. Sieht Rosi nicht aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben?[pg 160]Sie hat ein Gesicht wie eine Madonna mit dem Heiligenschein und dabei ist sie mindestens ebenso widerspenstig, wie meine Wenigkeit.“

„Selbstbekenntnis einer edlen Seele,“ deklamierte Orla feierlich, worauf alle drei in ein Gelächter ausbrachen.

„Still, Kinder,“ mahnte Nellie und lief ans Fenster, „die Schlittens kommen, ich höre ihnen klingeln.“

Durch die Türe rief sie:

„Fred, bist du fertig?“

„Ja, Kind,“ antwortete er und kam herein.

„Hier bin ich.“

Vergnügt eilten die jungen Menschen die Treppe hinunter. Vor der Türe hielten vier mäßig elegante, aber mit guten Pferden bespannte Schlitten. In dem ersten saßen Gerbers, in dem zweiten der Referendar und Andres. Flora, die mit verdrossener Miene neben ihrem Manne saß, hatte verweinte Augen und begrüßte in kläglichem Tone die Freundinnen. Erst als Nellie sie fragte, ob ihr etwas fehle, erwiderte sie mit weinerlicher Stimme:

„Denkt nur, beinahe wäre mir das ganze Vergnügen verdorben worden. Mein Mann wollte nicht mit, er behauptete, sich nicht wohl zu fühlen, er hätte Kopfschmerzen, Fieber und wer weiß was alles noch. Aber man muß nur die Männer kennen. Wenn ihnen der kleine Finger weh tut, stellen sie sich gleich furchtbar an. Nein, die Schlittenpartie, auf die ich mich so riesig gefreut habe, wollte ich mir deshalb nicht vereiteln lassen. Wahrhaftig, Männchen, ich wäre ohne dich mitgefahren.“

Sie sah ihren Mann mit trotziger Herausforderung an und zog die Oberlippe in die Höhe, wie ein ungezogenes Kind.

„Ich machte dir ja selbst diesen Vorschlag, Flora,“ entgegnete ihr Mann ruhig, „aber du sagtest, dann müßte eine Person allein fahren, weil nur zweisitzige Schlitten bestellt wären. Das sah ich ein, und um dir das Vergnügen[pg 161]nicht zu verderben, fahre ich mit. Nun ist die Sache wohl abgetan, ich bitte darum.“

Es war ihm offenbar unangenehm, daß Flora erzählte, was zwischen ihnen vorgefallen war, aber er bezwang seinen Unmut und nur die tiefe Falte zwischen seinen starken Brauen und der bestimmte Ton, mit welchem er sprach, verrieten, daß er sich ärgerte.

Flora bemerkte und empfand es nicht, sie hatte nur den einen Gedanken und der war – die Schlittenpartie! Sie stürzte auf Orla zu und umarmte sie auf offener Straße, denn sie wollte immer zeigen, wie ‚intim‘ sie mit ihr war. „Die geistige Verwandtschaft zwischen meiner Freundin und mir,“ hatte sie zu Lüders gesagt, „schlingt ein festes unauflösliches Band um uns.“

Orla, welche überhaupt keine Zärtlichkeiten liebte, wehrte unwillig ab und sagte mit Entschiedenheit: „Ich bitte dich, Flora, laß doch diese Liebesbeweise auf offener Straße, du bereitest vielen Zuschauern nur ein Schauspiel. Sieh doch die Köpfe an den Fenstern.“

In diesem Augenblick trat Althoff mit dem jungen Arzt heran.

„Fräulein Orla, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Doktor Andres vorzustellen. Und hier, Doktor: Fräulein Orla Sassuwitsch, eine liebenswürdige Kolleginin spe.“ Über Orlas Gesicht flog bei diesen Worten eine leichte Röte, und ihre Augen senkten sich zu Boden. Sie ahnte nicht, wie schön sie gerade in diesem Augenblick war, und daß die Blicke des jungen Mannes bewundernd auf ihr ruhten. Eigenartig und vornehm sah die Russin aus. Sie trug ein dunkelgrünes, eng anliegendes Tuchkleid, dessen Saum mit Otterpelz besetzt war. Von gleichem Pelz waren auch der kostbare Schulterkragen, der Muff und das Mützchen, das tief in die Stirn gedrückt war.

„Um Gottes willen. Orla, willst du denn in diesem[pg 162]luftigen Aufzuge fahren?“ fragte Flora, „du hast ja nicht einmal eine Jacke an, du erfrierst ja. Hu!“

Zusammenschauernd wandte sie sich ab.

„O nein, Flora, ängstige dich nicht, ich bin abgehärtet und zog mich in Rußland bei viel strengerer Kälte niemals wärmer an.“

„Na,“ erwiderte Flora, „da bin ich doch zarter besaitet, als du, ich muß mich ordentlich einhüllen, sonst friert mich.“

Ordentlich eingehüllt, ganz vermummt vielmehr sah die junge Frau allerdings aus in ihren Mänteln, Tüchern und Schleiern.

„Ich meine, wir fahren nun los.Messieurs, engagez les dames,“ rief Althoff scherzend.

Ilse, welche sah, daß der Referendar auf sie zukam, trat schnell auf Nellies Mann zu.

„Bitte, bitte, Herr Doktor,“ flüsterte sie hastig, „darf ich mit Ihnen fahren?“

„Das wird mir nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein großes Vergnügen sein,“ antwortete er mit einer drollig feierlichen Verbeugung.

Lüders wurde von Ilse ziemlich ungnädig und von oben herab abgewiesen und zog mit langem Gesicht ab. Was blieb ihm nun anders übrig, als mit Flora zu fahren, denn Nellie saß mit Gerber im Schlitten und Orla mit Doktor Andres. Floras Augen waren ihm gefolgt, als er zu Ilse trat. Sie war voller Freude darüber, daß ihm diese einen Korb gab, und mit siegesgewisser Miene sah sie ihn jetzt auf sich zukommen. Seine Verdrossenheit über Ilses Abweisung malte sich deutlich in seinen Zügen, aber Flora schien das nicht zu bemerken. Mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln nickte sie ihm zu und kletterte dann ungeschickt und steif in den Schlitten, wo sie fast ganz in ihren Umhüllungen verschwand, so daß nur die von der Kälte bläulich angehauchte Nase hervorschimmerte.

„All right?“ rief Althoff jetzt.

„Ja, ja,yes,oui,“ antworteten die lachenden Stimmen durcheinander, die Pferde zogen an, und mit lustigem Schellengeläut flogen die Schlitten über die glatte Bahn dahin. Bald hatte man die letzten Häuser der Stadt im Rücken, und große Schneeflächen, von der Sonne beschienen und wie mit Diamanten übersät, breiteten sich zu beiden Seiten des Weges aus.

„Ein weißes, großes Leichentuch ist über die tote Natur ausgebreitet,“ trug Flora mit tragischem Augenaufschlag vor. Aber sie machte heute keinen Eindruck auf ihren Nachbar, der einsilbig neben ihr saß und ihr nur zerstreute Antworten gab.

„Lüders, Sie sind heute langweilig,“ sagte sie schließlich, „nun, ich brauche glücklicherweise die Unterhaltung andrer nicht, um mich zu amüsieren. Meine Gedanken sind mir die liebsten Gesellschafter,“ fügte sie spitz hinzu und wandte sich von ihm ab zur Seite. In demselben Augenblick traf ein Schneeball empfindlich ihre Nase und Nellies helles Lachen über den gut gelungenen Wurf verriet die Anstifterin. Flora verstand keinen Scherz, sie drehte sich deshalb entrüstet um und schoß Nellie einen bitterbösen Blick zu, indem sie ärgerlich den Schnee von ihrem Mantel abschüttelte.

„Ich glaube, Ihre Frau zürnt mich über die kleine Spaß,“ sagte Nellie zu Doktor Gerber.

Er schüttelte mit mattem Lächeln den Kopf, denn er wollte der jungen Frau nicht recht geben, trotzdem er überzeugt war, daß Flora den harmlosen Scherz ernstlich übel genommen hatte. Seine müden Bewegungen fielen Nellie auf, er hatte sonst etwas Energisches und Kraftvolles in seinem Wesen.

„Fühlen Sie sich sehr unwohl?“ fragte sie ihn teilnahmsvoll.

„Ja,“ erwiderte er, „es geht mir heute nicht gut, ich weiß, daß ich Fieber habe, und fühle heftige Stiche in der[pg 164]Brust beim Atemholen. Aber wir wollen nicht mehr davon sprechen, es wird schon wieder besser werden. Ein Arzt darf ja überhaupt nicht krank sein, er überläßt das lieber seinen Patienten, selbst hat er keine Zeit dazu.“

Er sprach scherzend, aber die feinfühlende Nellie empfand, daß er sich heute zu einem heiteren Ton zwingen und sich sehr elend fühlen mußte.

„O wenn Ihnen nur der kalte Zugluft nicht schadet,“ sagte sie besorgt, „hier, bitte nehmen Sie dieser Tuch um Ihren Hals, bitte erlauben Sie mich.“

Er wollte ihr abwehren, aber sie hatte schon ein seidenes Tuch aus ihrer Tasche hervorgeholt und band es ihm eigenhändig um.

Fast gerührt blickte er sie an.

„Sie sind eine fürsorgliche kleine Frau, tausend Dank!“

Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Nellie wurde rot und entzog ihm schnell ihre Hand.

„O,“ sagte sie, „Sie müssen mir nicht für eine Kleinigkeit ein so großer Dank geben. Ich bin es von mein Mann so gewohnt, ich muß für ihn an alles denken und sorgen. O, er ist so leichtsinnig, er sieht nie nach die Thermometer, ob es kalt oder warm draußen ist.“

Doktor Gerber dachte unwillkürlich an den Unterschied zwischen seiner Frau und Nellie. Er schätzte letztere hoch, ihr echt weiblicher Sinn, ihre häuslichen Gaben hatten ihn oft entzückt. Im stillen hatte er gehofft, Flora würde von ihr lernen, aber bald mußte er einsehen, daß auch das beste Beispiel sie nicht ändern konnte. Sein Beruf ließ ihm zum Glück nicht viel Zeit zum Grübeln übrig, aber in den wenigen Erholungsstunden litt er schwer unter dem Druck der Ungemütlichkeit in seinem Heim, und nur wenn er in die unschuldigen Augen seines Kindes sah, fiel es wie ein Lichtstrahl in die öde Leere seiner Brust. Nellie betrachtete voller Mitleid ihren stummen Nachbar, dessen Gedanken sich[pg 165]deutlich in seinen Zügen verrieten. Sie hatte schon oft traurig empfunden, daß dieser Ehe die Weihe des wahren, echten Glückes fehle, und fragte sich dann: liebt ihn Flora nicht und ist sie blind dagegen, daß er leidet? Nein, die wahre Liebe kannte sie nicht, – würde sie sonst stets nur an sich denken und über ihre elende Stümperei Mann und Kind vergessen? Wußte sie nicht, wie schön es ist, den Beruf des liebenden Weibes mit heiliger Pflichttreue zu erfüllen? Nellie war sich desselben tief bewußt, für sie gab es keinen andern Wunsch, als ihren Mann zu beglücken, seine Liebe war ihr das Höchste, Herrlichste auf dieser Welt! Der einzige Fred! In dem liebe- und glückerfüllten Gedanken an ihn wandte sie sich nach ihm um, sie mußte ihn in diesem Augenblick sehen, einen Blick von ihm erhaschen.

„Fred!“ rief sie und nickte ihm innig zu. Er war im lebhaften Gespräch mit Ilse, die ihrer heiteren Laune die Zügel schießen ließ, weil sie froh war, dem Schicksal entronnen zu sein, mit dem ihr so verhaßten Referendar fahren zu müssen. Sie erzählte sich mit ihrem früheren Lehrer lauter Witze und Scherze, und immer von neuem ertönte ihr fröhliches Lachen.

Plötzlich jagte der letzte Schlitten, in welchem Orla mit ihrem Begleiter saß, in sturmesähnlicher Geschwindigkeit an ihnen und den andern vorüber. Orla hatte die Zügel in der Hand, sie saß kerzengerade aufgerichtet. Die scharfe Luft hatte ihre Wangen gerötet, Feuer und Lebenslust blitzten aus ihren Augen. Als ihr Schlitten an Flora vorbeisauste, fuhr diese mit einem Aufschrei zusammen und schloß wie ohnmächtig die Augen. Lüders aber schien die Schwäche seiner Nachbarin nicht zu bemerken, er war nicht im mindesten besorgt um sie, im Gegenteil, mit einem kalten höhnischen Lächeln blickte er sie von der Seite an. Als Flora die Augen wieder aufschlug, sah sie, wie sich Orla umdrehte und ihr mit dem heitersten Gesicht zurief, ob sie sich von[pg 166]ihrem Schrecken erholt habe. Sie hatte die Zügel straff angezogen und ließ die Pferde in langsamem Tempo gehen.

„Hoffentlich habe ich nicht auch Sie erschreckt,“ wandte sie sich an ihren Nachbar, „ich vermute es fast, weil Sie mir die Zügel entreißen wollten. Sie dachten gewiß, die Pferde gingen durch?“

„Natürlich glaubte ich es, und ist mir das zu verdenken, da ich doch keine Ahnung haben konnte, welche kühne Rosselenkerin Sie sind? Wie harmlos sagten Sie zu mir: bitte lassen Sie mich doch einmal die Zügel nehmen, ich möchte auch mal versuchen zu fahren. Offen gesagt, das war recht hinterlistig von Ihnen.“

„Nein,“ lachte sie, „es war nicht hinterlistig von mir, denn ich wußte in der Tat nicht, ob ich das Fahren nicht verlernt hatte; ich habe so lange keinen Zügel in der Hand gehabt. In dem Augenblick aber, als Sie mir dieselben gaben, da kam das Bewußtsein der Sicherheit wieder über mich, die alte Leidenschaft erwachte in mir, ich war wieder daheim in Petersburg, ich saß in unserm Schlitten, es waren unsre Ponys, die ihn zogen, kurz und gut, es war meine lebhafte Einbildungskraft, die mich fortriß und Ihnen diesen Streich spielte. Verzeihen Sie?“

„O, von Verzeihen kann hier keine Rede sein, Sie haben mir ja einen riesigen Spaß bereitet, gnädiges Fräulein. Ich bleibe jetzt bequem in meiner Ecke sitzen und lasse mich von schönen Händen spazieren fahren, denn Sie verstehen es ja weit besser als ich. Sie reiten wohl auch?“

„Und wie gern,“ versetzte sie mit blitzenden Augen.

„An Unerschrockenheit fehlt es Ihnen nicht, dafür habe ich Beweise. Für ihren künftigen Beruf ist das übrigens viel wert, denn es gibt da vieles zu überwinden, selbst für einen Mann.“

„Ja, ja, ich weiß,“ gab sie kurz und halb verlegen zur Antwort.

Wie merkwürdig, es war ihr peinlich, wenn er davon anfing. Es kam ihr vor, als läge ein gewisser Spott in seinen Worten, als umspiele ein mitleidiges Lächeln seine Lippen, wie wenn er dächte, du eine schwache Frau willst dich an eine solche Aufgabe wagen? Schon verschiedene Male hatte er sie heute über ihre Zukunftspläne befragt, die natürlich ihn interessierten, da er selbst Arzt war, sie hatte ihm aber immer ausweichend geantwortet. Mit Althoff und Gerber besprach sie doch eingehend denselben Gegenstand und holte ausführlich ihren Rat ein; warum hatte sie eigentümliche Scheu, mit Andres darüber zu sprechen? Sie wußte sich das selbst nicht zu erklären.

Das für mitleidig gehaltene Lächeln um seinen Mund deutete sie aber falsch. Er lächelte, weil er sich über das junge schöne Menschenkind freute, sowie über ihre klugen durchdachten Antworten, die sie ihm gab, und die so ganz anders lauteten, wie bei den hiesigen Damen seiner Bekanntschaft. Er war überzeugt, daß sie keine oberflächliche Jüngerin der Wissenschaft werden, daß sie leicht und gründlich erfassen und lernen würde. Und dennoch, – er bedauerte sie, denn der jungfräuliche Hauch, der sie trotz ihres männlichen Geistes umgab, würde abgestreift werden. Voll Bewunderung folgte er ihren kraftvollen anmutigen Bewegungen und verglich sie auch hierin wieder im stillen mit den zimperlichen Kleinstädterinnen, welche vor der Zeit schlaff und alt wurden, weil sie ohne Mark und Kraft waren, was ihre schlechte Haltung und der schleppende, aller Spannkraft entbehrende Gang auf den ersten Schritt bewiesen. In Orla vereinten sich jugendliche Kraft mit Anmut, und wie sie so dasaß, wurde er nicht müde sie anzuschauen.

Sie fuhren jetzt dicht am Walde hin, manchmal streiften sie mit dem Kopf einen unter der Schneelast tief gebeugten Zweig, und der kalte, prickelnde Schnee stäubte ihnen ins Gesicht. Die Dämmerung brach schon frühzeitig herein,[pg 168]während der Himmel noch von der untergehenden Sonne in ein zartrosa Violet getaucht war, und matt glänzend stand der Mond am Himmel. Der zauberhafte Anblick der entzückenden Winterlandschaft, das tiefe Schweigen ringsum, nur unterbrochen durch das Schellengeklingel, das aus der Ferne von den andern weit zurückgebliebenen Schlitten wie ein Echo herübertönte, hielt die beiden jungen Menschen wie in einem magischen Bann umfangen. Sie saßen schweigend nebeneinander, als fürchteten sie den Zauber durch Worte zu zerstören. Erst als sie von weitem rote Ziegeldächer schimmern sahen und fernes Hundegebell schon die Ankömmlinge begrüßte, erwachten beide wie aus einem Traum, und Orla wandte sich zu ihrem Nachbar mit den Worten:

„Ich glaube, wir sind am Ziel. Wissen Sie Bescheid, wo sich das bewußte Gasthaus befindet, das uns aufnehmen soll?“

Er bejahte, und schon nach wenigen Minuten hatten sie dasselbe erreicht. Mit einem festen Ruck zog Orla die Zügel an, schnaubend und dampfend standen die Pferde still. Der Wirt eilte dienstfertig herbei, und auch seine wohlbeleibte Ehehälfte begrüßte die jungen Leute unter vielen unterwürfigen Knixen.

„Herr und Frau Pastor würden Herrn und Frau Doktor im Zimmer empfangen,“ sagte sie zu den beiden, die eben ins Haus treten wollten.

„Nein, das ist zu komisch,“ rief Orla laut lachend, war aber rot geworden und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.

„Wir sind nicht Herr und Frau Doktor, liebe Frau,“ erklärte Andres ebenfalls lachend der Wirtin. „Sie verwechseln uns mit den Herrschaften, die auch gleich kommen werden.“

Die Frau entschuldigte sich vielmals und sagte dann mit einem vielsagenden Blick auf das junge Mädchen:

„Na, was nicht ist, kann noch werden,“ denn sie war nun einmal der Meinung, daß das schöne Paar zusammengehören müßte. Orla wurden die Reden der geschwätzigen Alten ungemütlich, sie wollte deshalb ins Haus gehen, um ihre Freundin zu begrüßen.

Andres ging mit ihr hinein.

Rosi und ihr Mann kamen ihnen schon auf dem Flur entgegen. Rosi umarmte Orla mit steifer Würde und gab ihr einen Kuß auf die Wange.

„Ich war ganz überrascht, wie ich von Nellie erfuhr, daß du hier bist,“ sagte sie, als sie im Zimmer waren, „aber ich freue mich sehr, dich wiederzusehen. Kamst du nur nach Deutschland, um Althoffs zu besuchen, liebe Orla oder führt dich noch ein andrer Zweck hierher?“

„Du erlaubst wohl,“ unterbrach sie Orla, „daß ich dir Herrn Doktor Andres vorstelle und dich bitte, mich mit deinem Manne bekannt zu machen.“

Rosi war innerlich empört über die Zurechtweisung, wie sie Orlas Bitte nannte. Mit einer kaum merklichen Neigung ihres Kopfes erwiderte sie die Verbeugung des jungen Arztes und stellte dann ihren Mann vor, dessen Augen unablässig auf Orlas Gestalt geruht hatten. Rosi hat mir ja niemals erzählt, wie schön diese Freundin von ihr ist, dachte er, und es wäre doch wahrhaftig der Mühe wert gewesen.

Lautes Sprechen und Lachen draußen kündigte jetzt die Ankunft der Zurückgebliebenen an. Orla lief ans Fenster und die andern folgten ihr dahin nach. Sie klopfte an die Scheiben und nickte den Freunden grüßend zu. Leicht, wie ein Vogel vom Zweig, war Ilse aus dem Schlitten gehüpft, und Flora, welche das mit neidischen Blicken beobachtet hatte, nahm jetzt einen Anlauf, ebenso graziös, wie Ilse, herunterzuspringen. Aber, verwickelte sie sich in ihre vielen Hüllen und Tücher, oder war ihre[pg 170]Ungelenkigkeit daran schuld, kurz und gut, sie stolperte und fiel, so lang sie war, in den Schnee. Man lachte über diesen kleinen Unfall und kam ihr unter Scherzen diensteifrig zu Hilfe. Flora machte denn auch gute Miene zum bösen Spiel.

„Ich begreife nicht, wie man über solches Mißgeschick auch noch lachen kann,“ sagte Rosi kopfschüttelnd und ging Althoffs und Gerbers entgegen, welche soeben eintraten. Ilse eilte auf Orla zu.

„Himmlisch, kannst du aber fahren,“ rief sie voller Begeisterung, „so gut wie du kann ich es allerdings nicht.“

„Auch ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein Orla,“ sagte Althoff hinzutretend.

„Jetzt laßt eure schönen Komplimente bis nachher,“ unterbrach ihn Nellie, „und kommt zum Kaffeetrinken.“

„Du bist wohl eifersüchtig, Nellie, daß dein Mann zu tief in Orlas schöne Augen sieht?“ neckte sie Flora.

„O nein,“ lachte Nellie, leicht errötend, aber sie fühlte sich doch etwas getroffen, denn sie besaß wirklich eine kleine Anlage zur Eifersucht.

Lebhaft plaudernd setzte man sich an den Kaffeetisch, und Nellie übernahm die Rolle der Wirtin. Die mächtige weiße Kaffeekanne, welche mitten auf dem Tische prangte, erregte allgemeine Heiterkeit. Althoff meinte, sie sähe nicht vertrauenerweckend aus, und als ihr der erste Strahl so durchsichtig und hell entströmte, sank er mit einem komisch geseufzten „Ach, du lieber Gott“ in seinen Stuhl zurück.

„O, du leckres Mann,“ verwies ihn Nellie, die sich innerlich selbst über diesen Trank entsetzte, „du darfst nicht unbescheiden sein, der Kaffee ist ganz schön.“

„Ich glaube auch, daß der Kaffee gut ist,“ ergriff der Pastor ernsthaft das Wort, „wir trinken ihn nie stärker. Meine Frau meint, starker Kaffee wäre ungesund, nicht wahr Rosi?“

Sie schien seine Frage zu überhören.

„Ich hätte euch so gern gebeten, in unserem bescheidenen Hause fürlieb zu nehmen,“ wandte sie sich an Nellie, „aber die Räume sind so eng, wir wohnen so beschränkt, da dachte ich, das würde nicht gemütlich für euch sein.“

Den wahren Grund, weshalb sie keine Gäste haben wollte, verriet sie natürlich nicht. Als die Nachricht von Nellie eintraf, daß sie kommen würden, hatte Adolf ihr gesagt, daß sie Althoffs und die andern doch eigentlich einladen müßten, da sie von ihnen schon so oft und so freundlich aufgenommen worden waren. Er dachte dabei an den vergnügten Sonntag bei Althoffs, den er nicht vergessen konnte, denn er war wie ein Lichtstrahl in sein einförmiges Leben gefallen. Mit diesem Vorschlag war er aber bei Rosi schlecht angekommen. Sie hatte soeben eine gründliche Hausreinigung glücklich vollendet, tagelang gescheuert; und nun sollten ihr die Fußböden wieder schmutzig getreten, alles wieder in Unordnung gebracht werden! Nein, auf keinen Fall! Der Pastor wurde durch ihre Entschiedenheit so eingeschüchtert, daß er keine weiteren Einwendungen wagte, trotzdem er die Freunde sehr gern bei sich gesehen hätte. Um ihr möglichstes zu tun, hatte sie einen großen Kuchen gebacken. Derselbe prangte jetzt, in dicke Streifen geschnitten, die quer übereinandergelegt und hoch aufgeschichtet waren, auf dem Kaffeetisch.

„O, dieses furchtbare Bauernkuchen,“ flüsterte Nellie Ilse heimlich ins Ohr und nahm aus einem Körbchen feines Gebäck heraus, das sie mitgebracht hatte.

„Er sieht so trocken aus,“ erwiderteIlse,„wir müssen aber davon essen, sonst wird Röschen böse.“

Nach der langen Fahrt in der Kälte schmeckte es allen herrlich, selbst Rosis Kuchenberg verschwand, und die große Kaffeekanne wanderte schon zum zweiten Male hinaus, um frisch gefüllt zu werden. Sogar Althoff ließ sich zu einer[pg 172]zweiten Tasse herab, begleitete aber jeden Schluck mit einer drolligen Grimasse.

Als die Wirtin die Tassen forttrug und den Tisch abräumte, verschwand Flora mit geheimnisvoller Miene. Die Herren blieben sitzen und zündeten sich eine Zigarre an, die Freundinnen aber gingen plaudernd Arm in Arm im Zimmer auf und ab. Das Gasthaus war schon einige Jahrhunderte alt, das Gebäude gehörte früher zu einem Kloster, und erst die Großeltern der alten Wirtsleute hatten eine Wirtschaft darin errichtet. Baulich war wenig verändert, und gerade das Altertümliche gab dem Ganzen etwas ungemein Gemütliches. Der Saal, in welchem die Gesellschaft sich befand, mochte einst das Refektorium gewesen sein; es war ein großer Raum, ringsum mit Eichenholz getäfelt, das die Zeit fast schwarzbraun gefärbt hatte. Ebenso dunkel waren auch die massigen, dicken Balken in der Decke; ein alter Kronleuchter in Gestalt eines Reifes, welchen heute brennende Kerzen schmückten, hing am mittelsten Balken. Die dicken Mauern bildeten an den Fenstern tiefe Nischen, mit molligen Plätzchen, zu welchen man eine Stufe hinaufsteigen mußte. Die niedrigen Fenster gingen nach dem Garten hinaus und lagen nicht hoch über der Erde, so daß man draußen bequem mit der Hand hineinreichen konnte. In einem der Erker war zu beiden Seiten Efeu in niedrige, lange Kasten gepflanzt. Die grünen Ranken hatten sich fest an die alten Mauern angeklammert und waren so üppig gewachsen, daß sie die ganzen Wände bedeckten und eine reizende Laube bildeten. Hohe korbgeflochtene Wände zu beiden Seiten, ebenfalls mit Efeu bewachsen, ließen nur einen schmalen Eingang frei. Dahinter saß man auf dem alten geschnitzten Eichenholzstuhl mit verblichenem Lederbezug vollständig verborgen. Man konnte sich kein lauschigeres Versteck denken.

Die jungen Damen blieben bewundernd davor stehen[pg 173]und waren entzückt über diese grünende Laube mitten im Winter. Sie malten sich aus, wie schön es sein müßte, hier so abgeschlossen und ungestört über einem Buche zu sitzen.

Da wurden sie plötzlich durch erstaunte ‚Ah’s‘ und ‚Oh’s‘ der Herren aufgeschreckt. Sie sahen sich um und erblickten Flora im weißen Kleide, das überall mit gläsernen Eiszapfen behängt war; einen weißen Schleier, mit kleinen Watteflöckchen besetzt, hatte sie um den Kopf geschlungen, und das alles war mit glitzerndem Silberstaub bestreut. Man konnte keinen Augenblick im Zweifel sein, daß sie ein Sinnbild des Winters vorstellen wollte.

In der Mitte des Saales blieb sie stehen und deklamierte mit vielem Pathos ein langes Gedicht, das natürlich ihrer Feder entstammte. Es war darin viel vom kalten Winter, von Schnee und Eis die Rede. Als sie geendet hatte, blickte sie siegesgewiß umher und sah in lauter vergnügt lachende Gesichter. Sie glaubte natürlich, die Freude über ihr schönes Gedicht wäre es, welche die Zuhörer so heiter gestimmt hätte, und als man sogar in die Hände klatschte und ihr ‚bravo‘ zurief, strahlte sie, und ein triumphierender Blick flog zu ihrem früheren Lehrer hinüber; er sollte ihn daran erinnern, wie er damals in der Pension ihre Dichtung zu der Vorsteherin Geburtstag so schnöde abgewiesen hatte. Jetzt mußte er doch einsehen, wie er ihr großes Talent verkannt und wie tiefes Unrecht er ihr zugefügt hatte.

Auf eine Person aber hatte ihr Gedicht einen wirklichen Eindruck ausgeübt, und das war die alte Wirtin. Sie hatte Tränen der aufrichtigsten Rührung in den Augen, über die sie öfter verstohlen mit dem Schürzenzipfel fuhr. Flora weinte beinahe mit, als sie die Frau sah, und versprach, ihr das Gedicht zu schicken.

„Es wohnt doch oft in einfachen Leuten der wahre[pg 174]Sinn für Poesie; der Geist, noch ungekünstelt und natürlich, begreift leichter das Edle, Schöne.“

„Unbescheiden bist du gar nicht, Flora,“ lachteOrla,„das muß ich gestehen.“

„Orla,“ versetzte Flora ernst, fast feierlich, „du, der die enge Welt des Weibes zu klein wurde, wie mir, du welche die Schranken durchbrachst, wie ich es tat, du, welche eine Jüngerin auf dem Gebiete der Wissenschaft werden willst, du solltest nicht spotten, wo es sich um so wichtige Dinge handelt.“

„Was meint denn Flora mit der Jüngerin der Wissenschaft?“ fragte Rosi neugierig.

„Nun, ganz einfach,“ versetzte Orla kurz, „ich will Medizin studieren.“

„Du willst“ – Rosi prallte förmlich zurück. „Du willst unter die Studenten gehen?“

„Wie, Sie wollen studieren?“ fragte jetzt auch der Pastor. „Das ist ja famos!“

Ein verweisender Blick seiner Frau traf ihn als Strafe für seinen begeisterten Ausruf; er bemerkte ihn aber nicht, da er Orla anstaunte. Wahrscheinlich beneidete er im stillen die Studenten, die nächstens neben so viel Schönheit und Geist sitzen durften. So etwas war ihm während seiner Studienzeit leider niemals vorgekommen. Rosi konnte sich von ihrem Entsetzen über Orlas Entschluß noch nicht erholen, sie fragte Nellie, ob Orla nicht Spaß gemacht hätte, und wollte es nicht glauben, als diese ihr fest versicherte, daß Orla wirklich im Ernst gesprochen habe.

„Unbegreiflich,“ murmelte Rosi vor sich hin, und laut sagte sie zu Orla:

„Nun, Orla, dann wünsche ich dir viel Glück bei den Studenten. Da mußt du natürlich auch das Kneipen und Raufen lernen, was doch wohl die Hauptsache im Studentenleben ist. Ich an deiner Stelle würde am liebsten gleich[pg 175]Männerkleidung anlegen, denn als Frau unter den Studenten wirst du dir gewiß manches gefallen lassen, manches aushalten müssen.“

Man hätte der sanftblickenden Rosi eine so spöttische Bemerkung kaum zugetraut. Orla hatte ihre beleidigenden Worte ruhig mit angehört und wollte ihr eben darauf antworten, als ihr Andres zuvorkam.

„Frau Pastorin,“ sagte er sehr bestimmt, „Sie trauen Ihrer Freundin“ – er betonte das Wort – „ja ungeheuer wenig Taktgefühl zu und scheinen das Studieren so aufzufassen, als ob es nur aus Kneipen und Raufen bestände. Gewiß, der Student führt ein lustiges Leben, wenn er nicht ein geborener Philister ist, er kneipt und rauft mitunter. Ihr Herr Gemahl, der gewiß auch eine fröhliche Studienzeit verlebt hat, wird Ihnen davon am besten erzählen können.“

Hier räusperte sich der Pastor vernehmlich. Mein Gott, woher wußte denn dieser Mensch etwas von seiner Studentenzeit? Sollte Althoff geplaudert haben? Er würde sich wohl hüten, seiner Rosi etwas davon zu erzählen.

„Ich versichere Sie, Frau Pastorin,“ fuhr der junge Mann fort, „es sind nicht die schlechtesten Menschen, welche Sie als Raufbolde verachten, und ebensowenig sind diejenigen die besten, welche tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die Jugend muß austoben und kann auch mal über den Strang schlagen. Wer inneren Gehalt und Charakter besitzt, dem wird die ernste Pflicht zu arbeiten schon zur rechten Zeit einfallen, der wird trotzdem ein brauchbares Mitglied der Menschheit werden. Doch, was ich vor allen Dingen sagen wollte, Frau Pastorin: der Student mag raufen, oder auf den Bänken der Hörsäle sitzen, niemals wird er die Ritterlichkeit gegen eine Dame vergessen. Und deshalb braucht Ihre Freundin keine Männerkleidung anzulegen, sie braucht die Weiblichkeit nicht abzustreifen,[pg 176]wenn sie auch das hergebrachte Gebiet der Frau verläßt. In dieser Beziehung wird Fräulein Sassuwitsch nichts zu befürchten haben, denn keiner ihrer künftigen Studiengenossen wird ihr jemals zu nahe treten. Wehe dem, der das wagte!“

Bei den letzten Worten hatten seine Augen fast drohend gefunkelt und alle waren erstaunt über diese warme Verteidigung. Flora aber eilte stürmisch auf ihn zu und drückte ihm unter überschwenglichen Dankesworten die Hand, weil er so lebhaft für das Weib eingetreten sei, welches sich aus den alltäglichen Verhältnissen befreit habe, um einem höheren Triebe zu folgen.

Sie geriet förmlich in Verzückung und klagte ihm immer wieder vor, wie bitter und schwer sie oft darunter zu leiden hätte, daß sie sich noch mit andern Dingen beschäftige, als mit Kochen und Strümpfestopfen. Es hätte ihr so wohl getan, ein solches Urteil aus seinem Munde zu hören. Sie sprach und geberdete sich dabei so lebhaft, daß die Eiszapfen an ihrem Kleid beständig aneinander klirrten. Er hörte aber nur halb auf die schwatzende unruhige Gestalt vor ihm und nickte nur mechanisch einige Male mit dem Kopfe, indem er sich willenlos von ihr die Hand drücken ließ. Seine Augen suchten Orla, welche an den Efeu-Erker getreten war und die Blätter und Ranken spielend durch die Finger gleiten ließ. Warum ertappte sie sich gerade diesem Mann gegenüber auf einer Befangenheit, die ihr sonst fremd war, warum scheute sie sich aufzusehen und seinem Blicke zu begegnen? Es war ihr unbehaglich, dieses Gefühl, und doch, wie ein Echo tönten seine Worte in ihrem Herzen fort.

„Orla, du bist ja so in Gedanken versunken,“ sagte da Ilse neben ihr. „Komm, ich glaube Rosi ist ärgerlich auf den Doktor, sieh nur, was sie für ein böses Gesicht macht!“


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