Chapter 2

Dritter Aufzug.

Ein Zimmer im Serail.

Erster Auftritt.

Adelma allein.

Jetzt oder nie entspring' ich diesen Banden.Fünf Jahre trag' ich schon den glühnden HaßIn meiner Brust verschlossen, heuchle FreundschaftUnd Treue für die Grausame, die mirDen Bruder raubte, die mein ganz GeschlechtVertilgte, mich zu diesem SklavenloosHerunterstieß—In diesen Adern rinnt,Wie in den ihren, königliches Blut;Ich achte mich, wie sie, zum Thron geboren.Und dienen soll ich ihr, mein Knie ihr beugen,Die meines ganzen Hauses Mörderin,Die meines Falles blut'ge Ursach ist.Nicht länger duld' ich den verhaßten Zwang,Erschöpft ist mir die Kraft, ich unterliegeDer lang getragnen Bürde der Verstellung.Der Augenblick ist da, mich zu befrein,Die Liebe soll den Rettungsweg mir bahnen.All' meine Künste biet' ich auf—EntwederEntdeck' ich sein Geheimniß oder schreck' ihnDurch List aus diesen Mauern weg—Verhaßte!Du sollst ihn nicht besitzen! Diesen DienstWill ich aus falschem Herzen dir noch leisten.Mir selber dien' ich, süße Rache üb' ich,Dein Herz zerreiß' ich, da ich deinem StolzVerräthrisch diene—ich durchschaute dich!Du liebst ihn, aber darfst es nicht gestehn.Du mußt ihn von dir stoßen und verwerfen,Wider dich selber mußt du thöricht wüthen,Den lächerlichen Ruhm dir zu bewahren;Doch ewig bleibt der Pfeil in deiner Brust,Ich kenn' ihn; nie vernarben seine Wunden.—Dein Frieden ist vorbei! Du hast empfunden!

(Turandot erscheint im Hintergrund, auf Zelima gelehnt, welche beschäftigt ist, sie zu beruhigen.)

Sie kommt, sie ist's! Verzehrt von Scham und WuthUnd von des Stolzes und der Liebe Streit!Wie lab' ich mich an ihrer Seele Pein!—Sie nähert sich—Laß hören, was sie spricht!

Zweiter Auftritt.

Turandot im Gespräch mit Zelima. Adelma, anfangs ungesehen.

Turandot. Hilf, rath mir, Zelima. Ich kann's nicht tragen,Mich vor dem ganzen Divan überwundenZu geben!—Der Gedanke tödtet mich.

Zelima. Ist's möglich, Königin? Ein so edler PrinzSo liebeathmend und so liebenswerth,Kann nichts als Haß und Abscheu—

Turandot. Abscheu! Haß! (Sie besinnt sich)—Ich hass' ihn, ja. Abscheulich ist er mir!Er hat im Divan meinen Ruhm vernichtet.In allen Landen wird man meine SchandeErfahren, meiner Niederlage spotten.O, rette mich—In aller Frühe, willMein Vater, soll der Divan sich versammeln,Und lös' ich nicht die aufgegebne Frage,So soll in gleichem Augenblick das BandGeflochten sein—"Weß Stamms und Namen ist"Der Prinz, der, um sein Leben zu erhalten,"Gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienen"Und Lasten um geringen Preis zu tragen;"Der endlich auf dem Gipfel seiner Hoffnung"Noch unglücksel'ger ist, als je zuvor?"——Daß dieser Prinz er selbst ist, seh' ich leicht.Wie aber seinen Namen und GeschlechtEntdecken, da ihn Niemand kennt, der KaiserIhm selbst verstattet, unerkannt zu bleiben?Geängstigt, wie ich war, geschreckt, gedrängt,Ging ich die Wette unbedachtsam ein.Ich wollte Frist gewinnen—Aber woDie Möglichkeit, es zu errathen? Sprich!Wo eine Spur, die zu ihm leiten könnte?

Zelima. Es gibt hier kluge Frauen, Königin,Die aus dem Thee- und Kaffeesatz wahrsagen—

Turandot. Du spottest meiner! Dahin kam's mit mir!

Zelima. Wozu auch überall der fremden Künste?—O, seht ihn vor Euch stehn, den schönen Prinzen!Wie rührend seine Klage war! Wie zärtlichEr aus zerrißnem Herzen zu Euch flehte!Wie edelmüthig er, sein selbst vergessen,Zu Eures Vaters Füßen für Euch bat,Für Euch, die kein Erbarmen mit ihm trug,Zum zweitenmal sein kaum gerettet LebenDarbot, um Eure Wünsche zu vergnügen!

Turandot (weggewendet). Still, still davon!

Zelima. Ihr kehrt Euch von mir ab!Ihr seid gerührt! Ja, ja! Verbergt es nicht!Und eine Thräne glänzt in Eurem Auge—O, schämt Euch nicht der zarten Menschlichkeit!Nie sah ich Euer Angesicht so schön.O, macht ein Ende! Kommt—

(Adelma ist im Begriff hervorzutreten.)

Turandot. Nichts mehr von ihm!Er ist ein Mann. Ich hass' ihn, muß ihn hassen.Ich weiß, daß alle Männer treulos sind,Nichts lieben können als sich selbst; hinweg-Geworfen ist an dies verräterische GeschlechtDie schöne Neigung und die schöne Treue.Geschmeid'ge Sklaven, wenn sie um uns werben,Sind sie Tyrannen, gleich, wo sie besitzen.Das blinde Wollen, den gereizten Stolz,Das eigensinnig heftige Begehren,Das nennen sie ihr Lieben und Verehren.Das reißt sie blind zu unerhörter That,Das treibt sie selber auf den Todespfad;Das Weib allein kennt wahre Liebestreue.—Nicht weiter, sag' ich dir. Gewinnt er morgen,Ist mir der Tod nicht schrecklicher, als er.Mich sah' die Welt, die mir gehässig ist,Zu dem gemeinen Loos herabgewürdigtAn eines Mannes und Gebieters Hand!Nein, nein! So tief soll Turandot nicht sinken!—Ich seine Braut! Eh' in das offne GrabMich stürzen, als in eines Mannes Arme!

(Adelma hat sich wieder zurückgezogen.)

Zelima. Wohl mag's Euch kosten, Königin, ich glaub' es,Von Eurer stolzen Höh' herabzusteigen,Auf der die Welt Euch staunend hat gesehn.Was ist der eitle Ruhm, wenn Liebe spricht?Gesteht es, Eure Stunde ist gekommen!Weg mit dem Stolze! Weicht der stärkerenGewalt—Ihr haßt ihn nicht, könnt ihn nicht hassen,Warum dem eignen Herzen widerstreben?Ergebt Euch dem geliebten Mann, und magAlsdann die Welt die Glückliche verhöhnen!

Adelma (ist horchend nach und nach näher gekommen undtritt jetzt hervor).Wer von geringem Stand geboren ist,Dem steht es an, wie Zelima zu denken.Ein königliches Herz fühlt königlich.—Vergib mir! Zelima! Dir ist es nicht gegeben,An einer Fürstin Platz dich zu versetzen,Die sich so hoch wie unsre KöniginGestellt und jetzt, vor aller Menschen Augen,Im Divan so herunter steigen soll,Von einem schlechten Fremdling überwunden.Mit meinen Augen sah ich den Triumph,Den stolzen Hohn in aller Männer Blicken,Als er die Rätsel unsrer Königin,Als wären's Kinderfragen, spielend löste,Der überlegnen Einsicht stolz bewußt.O, in die Erde hätt' ich sinken mögenVor Scham und Wuth—Ich liebe meine schöneGebieterin; ihr Ruhm liegt mir am Herzen.—Sie, die dem ganzen Volk der Männer HohnGesprochen, dieses Mannes Frau!

Turandot. Erbittre michNicht mehr!

Zelima. Das große Unglück, Frau zu werden!

Adelma. Schweig. Zelima! Man will von dir nicht wissen,Wodurch ein edles Herz beleidigt wird.Ich kann nicht schmeicheln. Grausam wär' es, hierZu schonen und die Wahrheit zu verhehlen.Ist es schon hart genug, daß wir den Mann,Den übermüthigen, zum Herrn uns geben,So liegt doch Trost darin, daß wir uns selbstMit freier Wahl und Gunst an ihn verschenken,Und seine Großmuth fesselt seinen Stolz.Doch welches Loos trifft unsre Königin,Wie hat sie selbst sich ihr Geschick verschlimmert!Nicht ihrer freien Gunst und Zärtlichkeit,Sich selbst nur, seinem siegenden VerstandWird sie der Stolze zu verdanken haben;Als seine Beute führt er sie davon—Wird er sie achten, Großmuth an ihr üben,Die keine gegen ihn bewies, auf TodUnd Leben ihn um sie zu kämpfen zwang,Ihm nur als Preis des Sieges heimgefallen?Wird er bescheiden seines Rechtes brauchen,Das er nur seinem Recht verdankt?

Turandot (in der heftigsten Bewegung). Adelma, wisse!Find' ich die Namen nicht, mitten im TempelDurchstoß' ich diese Brust mit einem Dolch.

Adelma. Faßt Muth, Gebieterin. Verzweifelt nicht!Kunst oder List muß uns das Räthsel lösen.

Zelima. Gut. Wenn Adelma mehr versteht, als ich,Und Euch so zugethan ist, wie sie sagt,So helfe sie und schaffe Rath.

Turandot. Adelma!Geliebte Freundin! Hilf mir, schaffe Rath!Ich kenn' ihn nicht, weiß nicht, woher er kommt;Wie kann ich sein Geschlecht und Namen wissen?

Adelma (nachsinnend).Laß sehn—Ich hab' es—hörte man ihn nichtIm Divan sagen, hier in dieser Stadt,In Peckin, lebe Jemand, der ihn kenne?Man muß nachspüren, muß die ganze StadtUmkehren, weder Gold noch Schätze sparen—

Turandot. Nimm Gold und Edelsteine, spare nichts.Kein Schatz ist mir zu groß, nur, daß ich's wisse!

Zelima. An wen uns damit wenden? Wo uns RathsErholen?—Und, gesetzt, wir fänden wirklichAuf diesem Wege seinen Stand und Namen,Wird es verborgen bleiben, daß Bestechung,Nicht ihre Kunst das Räthsel uns verrathen?

Adelma. Wird Zelima wohl der Verräther sein?

Zelima. Das geht zu weit—Spart Euer Gold, Prinzessin!Ich schwieg, ich hoffte Euer Herz zu rühren,Euch zu bewegen, diesen würdigstenVon allen Prinzen, den Ihr selbst nicht hasset,Freiwillig zu belohnen—Doch Ihr wollt es!So siege meine Pflicht und mein Gehorsam!—Wißt also! Meine Mutter SkirinaWar eben bei mir, war entzückt, zu hören,Daß dieser Prinz die Räthsel aufgelöst,Und von dem neuen Wettstreit noch nichts wissend,Verrieth sie mir in ihrer ersten Freude,Daß dieser Prinz in ihrem Haus geherbergt,Daß Hassan ihn, ihr Gatte, sehr wohl kenne,Wie seinen Herrn und lieben Freund ihn ehre.Ich fragte nun nach seinem Stand und Namen;Doch, dies sei noch ein Räthsel für sie selbst.Spricht sie, das Hassan standhaft ihr verberge;Doch hofft sie noch, es endlich zu ergründen.—Verdien' ich es nun noch, so zweifle meineGebieterin an meiner Treu' und Liebe!

(Geht ab mit Empfindlichkeit.)

Turandot (ihr nacheilend).Bleib, Zelima! Bist du beleidigt?—Bleib!Vergib der Freundin!

Adelma (hält sie zurück). Lassen wir sie ziehen!Prinzessin, auf die Spur hat ZelimaGeholfen; unsre Sache ist es nun,Mit Klugheit die Entdeckung zu verfolgen.Denn Thorheit war's, zu hoffen, daß uns HassanGutwillig das Geheimniß beichten werde,Nun er den ganzen Werth desselben kennt.Verschlagne List, ja, wenn die List nicht hilft,Gewalt muß das Geständniß ihm entreißen;Drum schnell—Kein Augenblick ist zu verlieren.Herbei mit diesem Hassan ins Serail,Eh' er gewarnt sich unserm Arm entzieht.Kommt! Wo sind Eure Sklaven?

Turandot (fällt ihr um den Hals). Wie du willst,Adelma! Freundin! Ich genehm'ge Alles.Nur daß der Fremde nicht den Sieg erhalte! (Geht ab.)

Adelma. Jetzt, Liebe, steh mir bei! Dich ruf' ich an,Du Mächtige, die Alles kann bezwingen!Laß mich entzückt der Sklaverei entspringen;Der Stolz der Feindin öffne mir die Bahn!Hilf die Verhaßte listig mir betrügen,Den Freund gewinnen und mein Herz vergnügen! (Geht ab.)

Dritter Auftritt.

Vorhalle des Palastes.

Kalaf und Barak kommen im Gespräch.

Kalaf. Wenn aber Niemand lebt in dieser Stadt,Der Kundschaft von mir hat, als du allein,Du treue Seele—Wenn mein väterliches ReichViel hundert Meilen weit von hier entlegenUnd schon acht Jahre lang verloren ist.—Indessen, weißt du, lebten wir verborgen,Und das Gerücht verbreitet unsern Tod—Ach, Barak! Wer in Unglück fällt, verliertSich leicht aus der Erinnerung der Menschen!

Barak. Nein, es war unbedacht gehandelt, Prinz.Vergebt mir. Der Unglückliche muß auchUnmöglichs fürchten. Gegen ihn erhebenDie stummen Steine selber sich als Zeugen;Die Wand hat Ohren, Mauern sind Verräther.Ich kann, ich kann mich nicht zufrieden geben.Das Glück begünstigt Euch, das schönste WeibGewinnt Ihr wider Hoffen und Erwarten,Gewinnt mit ihr ein großes Königreich,Und Eure weib'sche Zärtlichkeit raubt EuchAuf einmal Alles wieder!

Kalaf. Hättest duIhr Leiden, ihren wilden Schmerz gesehn!

Barak. Auf Eurer Eltern Schmerz, die Ihr zu BerlasTrostlos verlassen, hättet Ihr, und nichtAuf eines Weibes Thränen achten sollen!

Kalaf. Schilt meine Liebe nicht! Ich wollt' ihr gerneGefällig sein.—Vielleicht, daß meine GroßmuthSie rührt, daß Dankbarkeit in ihrem Herzen—

Barak. Im Herzen dieser Schlange Dankbarkeit?Das hoffet nie.

Kalaf. Entgehn kann sie mir nicht.Wie fände sie mein Räthsel aus? Du, Barak,Nicht wahr? Du hast mich nicht verrathen? Nicht?Vielleicht, daß du im Stillen deinem WeibeVertraut hast, wer ich sei?

Barak. Ich? Keine Silbe.Barak weiß Euren Winken zu gehorchen;Doch weiß ich nicht, welch schwarze Ahnung mirDen Sinn umnachtet und das Herz beklemmt!

Vierter Auftritt.

Die Vorigen. Pantalon. Tartaglia und Brigella mit Soldaten.

Pantalon. Sieh, sieh! Da ist er ja! Potz Element,Wo steckt Ihr, Prinz? Was habt Ihr hier zu schaffen?(Den Barak mit den Augen musternd.)Und wer ist dieser Mann, mit dem Ihr schwatzt?

Barak (für sich). Weh' uns! Was wird das?

Tartaglia. Sprecht! Wer ist der Mann?

Kalaf. Ich kenn' ihn nicht. Ich fand ihn hier nur soVon ohngefähr, und weil ich müßig war,Fragt' ich ihn um die Stadt und ihre Bräuche.

Tartaglia. Haltet zu Gnaden, Prinz! Ihr seid zu gradFür diese falsche Welt; das gute HerzRennt mit dem Kopf davon—Heut früh im Divan!Wie Teufel kamt Ihr zu dem Narrenstreich,Den Vogel wieder aus der Hand zu lassen!

Pantalon. Laßt' s gut sein. Was geschehn ist, ist geschehn.Ihr wißt nicht, lieber junger Prinz, wie tief IhrIm Wasser steht, wie Euch von allen SeitenBetrug umlauert und VerrätherstrickeUmgeben—Lassen wir Euch aus den Augen,So richtet man Euch ab, wie einen Staar. (Zu Barak)Herr Nachbar Naseweis, steckt Eure NaseWo anders hin—Beliebt es Eurer HoheitIns Haus herein zu gehn—He da, Soldaten!Nehmt ihn in eure Mitte!—Ihr, Brigella,Wißt Eure Pflicht—Bewachet seine ThürBis morgen frühe zu des Divans Stunde.Kein Mensch darf zu ihm ein! So will's der Kaiser.

(Zu Kalaf.)

Merkt Ihr? Er ist verliebt in Euch und fürchtet,Es möchte noch ein Unheil zwischen kommen.Seid Ihr bis morgen nicht sein Schwiegersohn,So, fürcht' ich, tragen wir den alten HerrnZu Grabe—Nichts für ungut, Prinz! Doch dasVon heute Morgen war—mit Eurer Gunst—Ein Narrenstreich!—Ums Himmelswillen! Gebt EuchNicht bloß, laßt Euch den Namen nicht entlocken!

(Ihm ins Ohr zutraulich.)

Doch wollt Ihr ihn dem alten PantalonGanz sachtchen, sachtchen in die Ohren wispern,So wird er sich gar schön dafür bedanken.Bekommt er diese Recompens?

Kalaf. Wie, Alter?Gehorcht Ihr so dem Kaiser, Euerm Herrn?

Pantalon. Bravo! Scharmant!—Nun marsch! Voran, Brigella!Habt Ihr's gehört? Was steht Ihr hier und gaffet?

Brigella. Beliebet nur das Plaudern einzustellen,So werd' ich thun, was meines Amtes ist.

Tartaglia. Paßt ja wohl auf! Der Kopf steht drauf, Brigella.

Brigella. Ich habe meinen Kopf so lieb, als IhrDen Euren, Herr! 's braucht der Ermahnung nicht.

Tartaglia. Es juckt und brennt mich nach dem Namen—Uh!Geruhtet Ihr, ihn mir zu sagen, Hoheit,Recht wie ein Kleinod wollt' ich ihn bei mirVergraben und bewahren—Ja, das wollt' ich!

Kalaf. Umsonst versucht Ihr mich. Am nächsten MorgenErfahrt Ihr ihn. erfährt ihn alle Welt.

Tartaglia. Bravo! Bravissimo! Hol' mich der Teufel!

Pantalon. Nun, Gott befohlen, Prinz! (Zu Barak)Und Ihr, Herr Schlingel!Ihr thätet besser, Eurer Arbeit nachZu gehn, als im Palast hier aufzupassen,Versteht Ihr mich? (Geht ab.)

Tartaglia (sieht ihn scheel an). Ja wohl! Ja wohl! Ihr habt mirSo ein gewisses Ansehn—eine Miene,Die mir nicht außerordentlich gefällt.Ich rath' Euch Gutes, geht! (Folgt dem Pantalon.)

Brigella (zu Kalaf). Erlaubt mir, Prinz,Daß ich Dem, der befehlen kann, gehorche.Laßt's Euch gefallen, in dies Haus zu gehn.

Kalaf. Das will ich gerne. (Zu Barak leise.)Freund, auf Wiedersehn!Zu besserer Gelegenheit! Leb wohl!

Barak. Herr, ich bin Euer Sklav!

Brigella. Nur fort! Nur fort!Und macht den Ceremonien ein Ende!

(Kalaf folgt den Soldaten, die ihn in ihre Mitte nehmen, Timur tritt von der entgegengesetzten Seite auf, bemerkt ihn und macht Geberden des Schreckens und Erstaunens.)

Barak (ihm nachsehend).Der Himmel steh' dir bei, treuherz'ge Unschuld!Was mich betrifft, ich hüte meine Zunge.

Fünfter Auftritt.

Timur, ein Greis in dürftiger Kleidung. Barak.

Timur (entsetzt, für sich).Weh mir! Mein Sohn! Soldaten führen ihnGefangen fort! Sie führen ihn zum Tode!Gewiß, gewiß, daß der Tyrann von Tefflis,Der Räuber meines Reichs, ihn bis nach PeckinVerfolgen ließ und seine Rache sättigt!Doch mit ihm will ich sterben! (Eilt ihm nach und ruft laut.)Kalaf! Kalaf!

Barak (tritt ihm in den Weg und hält ihm das Schwert auf die Brust).Halt ein, Unglücklicher! Du bist des Todes!

(Pause. Beide sehen einander erstaunt an. Unterdessen hat sichKalaf mit den Soldaten entfernt.)

Wer bist du, Alter? Woher kommst du? Sprich!Daß du den Namen dieses Jünglings weißt?

Timur. Was seh' ich? Gott! Du, Barak? Du in Peckin?Du sein Verräther? Ein Rebell? Und zückstDas Schwert auf deinen König?

Barak (läßt erstaunt das Schwert sinken). Große Götter!Ist's möglich?—Timur?

Timur. Ja, Verräther!Ich bin es, dein unglücklicher Monarch,Von aller Welt, nun auch von dir verrathen!Was zögerst du? Nimm dieses Leben hin!Verhaßt ist mir's, da ich die treusten DienerUm schnöden Vortheils willen undankbarUnd meinen Sohn dem Tod geopfert sehe!

Barak. Herr!—Herr! O Gott! Das ist mein Fürst, mein König!Er ist's! Nur allzuwohl erkenn' ich ihn. (Fällt ihm zu Füßen.)In diesem Staub! In dieser Niedrigkeit!Ihr Götter, muß mein Auge dies erleben!—Verzeiht, Gebieter, meiner blinden Wuth!Die Liebe ist's zu Eurem Sohn, die Angst,Die treue Sorge, die mich hingerissen.So lieb Euch Eures Sohnes Heil, so kommeDer Name Kalaf nie aus Eurem Munde!—Ich nenne mich hier Hassan. nicht mehr Barak——Ach, weh mir! Wenn uns Jemand hier behorchte!—Sagt, ob Elmaze, meine Königin,Sich auch mit Euch in dieser Stadt befindet?

Timur. Still, Barak—still! O, sprich mir nicht von ihr!In unserm traur'gen Aufenthalt zu BerlasVerzehrte sie der Gram um unsern Sohn,—Sie starb in diesen lebensmüden Armen.

Barak. O die Bejammernswürdige!

Timur. Ich floh!Ich konnt' es, einsam, dort nicht mehr ertragen.Des Sohnes Spuren folgend, frag' ich michVon Land zu Land, von einer Stadt zur andern.Und jetzt, da mich nach langem Irren endlichDer Götter Hand hieher geleitet, istMein erster Anblick der gefangne Sohn,Den man zum Tode führt.

Barak. Kommt, kommt, mein König!Befürchtet nichts für Euren Sohn! VielleichtDaß ihn, eh noch der nächste Tag verlaufen,Das höchste Glück belohnt und Euch mit ihm!Nur, daß sein Name nicht, noch auch der EureVon Euern Lippen komme—Merkt Euch das!Ich nenne mich hier Hassan, nicht mehr Barak.

Timur. Was für Geheimnisse—Erklär' mir doch!

Barak. Kommt! Hier ist nicht der Ort, davon zu reden!Folgt mir nach meiner Wohnung—Doch, was seh' ich?

(Skirina tritt aus dem Palast.)

Mein Weib aus dem Serail! O wehe mir!Wir sind entdeckt! (Zu Skirina heftig.) Was hast du hier zu suchen?Unglückliche! Wo kommst du her?

Sechster Auftritt.

Skirina zu den Vorigen.

Skirina. Nun! Nun!Aus dem Serail komm' ich, von meiner Tochter.Die Freude trieb mich hin, daß unser Gast,Der fremde Prinz, den Sieg davon getragen.Die Neugier auch—Nun ja—Ich wollte sehn,Wie dieser männerscheuen UnholdinDer Brautstand läßt—und freute mich darüberMit meiner Tochter Zelima.

Barak. Dacht' ich's doch!Weib! Weib! Du weißt nicht Alles, und geschwätzigWie eine Elster läufst du ins Serail;Ich suchte dich, es dir zu untersagen.Umsonst! Zu spät! Des Weibes UnverstandRennt immer vor des Mannes weisem RathVoraus—Was ist nicht alles dort getratscht,Geplaudert worden! Nur heraus! Mir ist,Ich höre dich in deiner albernenEntzückung sagen: Dieser UnbekannteIst unser Gast; er wohnt bei uns; mein MannKennt ihn und hält ihn hoch in Ehren—Sprich,Hast du's gesagt?

Skirina. Und wenn ich nun? Was wär's?

Barak. Nein, nein, gesteh es nur! Hast du's gesagt?

Skirina. Ich hab's gesagt. Warum sollt' ich's verbergen?Sie wollten auch den Namen von mir wissen,Und—daß ich's nur gestehe, ich versprach's.

Barak. Weh mir! Wir sind verloren!—Rasende!—

(Zu Timur sich wendend.)

Wir müssen fort! Wir müssen fliehn!

Timur. So sag' mir doch, was für Geheimnisse—

Barak. Fort! Fort aus Peckin! Keine Zeit verloren!

(Truffaldin zeigt sich im Hintergrund mit seinen Schwarzen.)

—Weh uns! Es ist zu spät. Sie kommen schon!Sie suchen mich, die Schwarzen, die VerschnittnenDer fürchterlichen Turandot—Sinnlose!In welchen Jammer stürzt uns deine Zunge!

(Truffaldin hat ihn bemerkt und bedeutet den Verschnittenen durch Geberden, daß sie sich seiner bemächtigen sollen.)

Ich kann nicht mehr entfliehen—Fliehe du,Verbirg dich, rette dich und diesen Alten!

Timur. So sag' mir doch!

Barak. Fort! Keine Widerrede!Ich bin entdeckt!—Verschlossen wie das GrabSei Euer Mund! Nie komme Euer Name,Nie, nie der seine über Eure Lippen!—Und du, Unglückliche, wenn du das Übel,Das deine Zunge über uns gebracht,Gut machen willst, verbirg dich, nicht in deiner,In einer fremden Wohnung! Halte diesenVerborgen, bis der nächste Tag zur HälfteVerstrichen ist—

Skirina. Willst du mir denn nicht sagen?

Timur. Willst du nicht mit uns fliehn?

Barak. Thut, was ich sage!Werde mit mir, was will, wenn Ihr Euch rettet.

Skirina. Sprich, Hassan! Worin hab' ich denn gefehlt?

Timur. Erklär' mir diese Räthsel.

Barak (heftig). Welche Marter!Um aller Götter willen, fort, und fragtNicht weiter! Sie umringen uns; es istZu spät, und alle Flucht ist jetzt vergebens.—Die Namen, alter Mann, die Namen nurVerschweigt, und Alles kann noch glücklich enden!

Siebenter Auftritt.

Vorige. Truffaldin mit den Verschnittenen.

Truffaldin (ist nach und nach näher gekommen, hat die Ausgängebesetzt und tritt nun hervor, mit übertriebenen Geberden demBarak den Degen auf die Brust haltend).Halt an und steht! Nicht von der Stelle! NichtGemuckst! Der ist des Todes, der sich rührt.

Skirina. O wehe mir!

Barak. Ich weiß, Ihr sucht den Hassan.Hier bin ich, führt mich fort.

Truffaldin. Bst! Keinen Lärmen! 's ist gut gemeint. Es soll Euch eine ganz Absonderliche Gnad' und Ehr' geschehn.

Barak. Ja, ins Serail wollt Ihr mich führen, kommt!

Truffaldin. Gemach! Gemach! Ei, seht doch, welche GunstEuch widerfährt! Ins Harem! ins SerailDer Königin—Ihr glückliche Person!'s kommt keine Fliege ins Serail, sie wirdErst wohl besichtigt und beschaut, ob sieEin Männchen oder Weib, und ist's ein Männchen,Wird's ohne Gnad' gekreuzigt und gepfählt.—Wer ist der Alte da?

Barak. Ein armer Bettler,Den ich nicht kenne—Kommt und laßt uns gehn.

Truffaldin (betrachtet den Timur mit lächerlicher Genauigkeit).Gemach! Gemach! Ein armer Bettler! Ei!—Wir haben uns großmüthig vorgesetzt,Auch dieses armen Bettlers Glück zu machen.(Bemerkt und betrachtet die Skirina.)—Wer ist die Weibsperson?

Barak. Was zögerst du?Ich weiß, daß deine Königin mich erwartet.Laß diesen Greis! Das Weibsbild kenn' ich nicht,Hab's nie gesehn und weiß nicht, wer sie ist.

Truffaldin (zornig). Du kennst sie nicht? Du hast sie nie gesehn?Verdammte Lüge! Was! Kenn' ich sie nichtAls deine Frau und als die Mutter nichtDer Sklavin Zelima? Hab' ich sie nichtZu hundert Malen im Serail gesehn,Wenn sie der Tochter weiße Wäsche brachte?

(Mit komischer Gravität zu den Verschnittenen.)

Merkt, Sklaven, den Befehl. den ich euch gebe!Die drei Personen hier nehmt in Verwahrung,Bewacht sie wohl, hört ihr, laßt sie mit keinerLebend'gen Seele reden, und bei Nacht,Sobald es still ist, führt sie ins Serail!

Timur. O Gott! Was wird aus mir!

Skirina. Ich fass' es nicht.

Barak (zu Timur). Was aus dir werden soll, und was aus mir?Ich werde Alles leiden. Leid' auch du!Vergiß nicht, was ich dir empfahl—und, wasDir auch begegne, hüte deine Zunge!—Jetzt hast du, thöricht Weib, was du gewollt.

Skirina. Gott steh uns bei!

Truffaldin (zu den Schwarzen). Ergreift sie! Fort mit ihnen!

(Gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Vorhof mit Säulen. In der Mitte eine Tafel mit einem mächtig großen Becken, voll von Goldstücken.

Erster Auftritt.

Turandot. Zelima. Skirina. Timur. Barak.

(Barak und Timur stehen, jeder an einer Säule, einander gegenüber, die Verschnittenen um sie herum, alle mit entblößten Säbeln und Dolchen. Zelima und Skirina stehen weinend auf der einen, Turandot drohend und streng auf der andern Seite.)

Turandot. Noch ist es Zeit. Noch lass' ich mich herab,Zu bitten—Dieser aufgehäufte BergVon Gold ist euer, wenn ihr mir in GutemDes Unbekannten Stand und Namen nennt.Besteht ihr aber drauf, ihn zu verschweigen,So sollen diese Dolche, die ihr hierAuf euch gezückt seht, euer Herz durchbohren!He da, ihr Sklaven! Machet euch bereit.

(Die Verschnittenen halten ihnen ihre Dolche auf die Brust.)

Barak (zu Skirina). Nun, heillos Weib, nun siehst du, Skirina,Wohin uns deine Plauderhaftigkeit geführt.—Prinzessin, sättigt Eure Wuth! Ich bieteDen Martern Trotz, die Ihr ersinnen könnt,Ich bin bereit, den herbsten Tod zu leiden.—Herbei, ihr Schwarzen! Auf, ihr Marterknechte.Tyrannische Werkzeuge der Tyrannin,Zerfleischt mich, tödtet mich, ich will es dulden.—Sie hat ganz Recht, ich kenne diesen PrinzenUnd seinen Vater, Beider Namen weiß ich;Doch keine Marter preßt sie von mir aus,Kein Gold verführt mich; weniger als Staub,Als schlechte Erde acht' ich diese Schätze!Du, meine Gattin, jammre nicht um mich!Für Diesen Alten spare deine Thränen,Für ihn erweiche dieses Felsenherz,Daß der Unschuldige gerettet werde!Sein ganz Verbrechen ist, mein Freund zu sein.

Skirina (flehend zu Turandot).O Königin, Erbarmen!

Timur. Niemand kümmre sichUm einen schwachen Alten, den die GötterIm Zorn verfolgen, dem der Tod Erlösung,Das Leben eine Marter ist. Ich willDich retten, Freund, und sterben. Wisse denn,Du Grausame—

Barak (unterbricht ihn). Um aller Götter willen, schweigt!Der Name komme nicht aus Eurem Munde!

Turandot (neugierig).Du weißt ihn also, Greis?

Timur. Ob ich ihn weiß?Unmenschliche!—Freund, sag' mir das Geheimniß,Warum darf ich die Namen nicht entdecken?

Barak. Ihr tödtet ihn und uns, wenn Ihr sie nennt.

Turandot. Er will dich schrecken, Alter, fürchte nichts!Herbei, ihr Sklaven, züchtigt den Verwegnen!

(Die Verschnittenen umgeben den Barak.)

Skirina. Ihr Götter, helft! Mein Mann! Mein Mann!

Timur (tritt dazwischen). Halt! Haltet!Was soll ich thun! Ihr Götter, welche Marter!—Prinzessin, schwört mir's zu bei Eurem Haupt,Bei Euren Göttern schwört mir, daß sein LebenUnd dieses Fremdlings Leben ungefährdetSein soll—Mein eignes acht' ich nichts und willEs freudig Eurer Wuth zum Opfer geben—Schwört mir das zu, und Ihr sollt Alles wissen.

Turandot. Bei meinem Haupt, zum furchtbarn Fohi schwör' ich,Daß weder seinem Leben, noch des Prinzen,Noch irgend eines hier Gefährde droht—

Barak (unterbricht sie).Halt, Lügnerin—Nicht weiter—Glaubt ihr nicht!Verrätherei lauscht hinter diesem Schwur.—Schwört, Turandot, schwört, daß der UnbekannteEuer Gatte werden soll, im Augenblick,Da wir die Namen Euch entdeckt, wie rechtUnd billig ist; Ihr wißt es, Undankbare!Schwört, wenn Ihr könnt und dürft, daß er, verschmähtVon Euch, nicht in Verzweiflung sterben wirdDurch seine eigne Hand—Und schwört uns zu,Daß, wenn wir Euch die Namen nun entdeckt,Für unser Leben nichts zu fürchten sei,Noch, daß ein ew'ger Kerker uns lebendigBegraben und der Welt verbergen soll—Dies schwört uns, und der Erste bin ich selbst,Der Euch die beiden Namen nennt!

Timur. Was für Geheimnisse sind dies! Ihr Götter,Nehmt diese Qual und Herzensangst von mir!

Turandot. Ich bin der Worte müd—Ergreift sie, Sklaven!Durchbohret sie!

Skirina. O Königin! Erbarmen!

(Die Verschnittenen sind im Begriff, zu gehorchen, aber Skirina und Zelima werfen sich dazwischen.)

Barak. Nun siehst du, Greis, das Herz der Tigerin!

Timur (niedergeworfen).Mein Sohn! Dir weih' ich freudig dieses Leben.Die Mutter ging voran, ihr folg' ich nach.

Turandot (betroffen, wehrt den Sklaven).Sein Sohn! Was hör' ich! Haltet!—Du ein Prinz?Ein König? Du des Unbekannten Vater?

Timur. Ja, Grausame! Ich bin ein König—binEin Vater, den der Jammer niederdrückt!

Barak. O König! Was habt Ihr gethan!

Skirina. Ein König!In solchem Elend!

Zelima. Allgerechte Götter!

Turandot (in tiefes Sinnen verloren, nicht ohne Rührung).Ein König und in solcher Schmach!—Sein Vater!Des unglücksel'gen Jünglings, den ich michZu hassen zwinge und nicht hassen kann!—O der Bejammernswürdige—Wie wird mir!Das Herz im tiefsten Busen wendet sich!Sein Vater!—Und er selbst—Sagt' er nicht so?Genöthiget, als niedrer Knecht zu dienenUnd Lasten um geringen Sold zu tragen!O Menschlichkeit! O Schicksal!

Barak. Turandot,Dies ist ein König! Scheuet Euch und schaudertZurück, die heil'gen Glieder zu verletzen!Wenn solches Jammers Größe Euch nicht rührt,Euch nicht das Mitleid, nicht die MenschlichkeitEntwaffnen kann, laßt Euch die Scham besiegen.Ehrt Eures eignen greisen Vaters HauptIn diesem Greis—O, schändet Euch nicht selbstDurch eine That, die Euer Blut entehrte!Genug daß Ihr die Jünglinge gemordet,Schonet das Alter, das ohnmächtige,Das auch die Götter zum Erbarmen zwingt!

Zelima (wirft sich zu ihren Füßen).Ihr seid bewegt, Ihr könnt nicht widerstehn.O, gebt dem Mitleid und der Gnade Raum,Laßt Euch die Größe dieses Jammers rühren!

Zweiter Auftritt.

Adelma zu den Vorigen.

Turandot (ihr entgegen).Kommst du, Adelma? Hilf mir! O, schaff' Rath!Ich bin entwaffnet—Ich bin außer mir!Dies ist sein Vater, ein Monarch und König!

Adelma. Ich hörte Alles. Fort mit diesen Beiden,Schafft dieses Gold hinweg, der Kaiser naht!

Turandot. Mein Vater? Wie?

Adelma. Ist auf dem Weg hieher. (Zu den Schwarzen)Fort, eh wir überfallen werden! Sklaven,Führt diese Beiden in die unterstenGewölbe des Serails, dort haltet sieVerborgen bis auf weitere Befehle! (Zu Turandot)Es ist umsonst. Wir müssen der GewaltEntsagen. Nichts kann retten, als die List.—Ich habe einen Anschlag—Skirina,Ihr bleibt zurück. Auch Zelima soll bleiben.

Barak (zu Timur). Weh uns, mein Fürst! Die Götter mögen wissen,Welch neues Schreckniß ansgebrütet wird!—Weib! Tochter! Seid getreu, o, haltet fest,Laßt euch von diesen Schlangen nicht verführen!

Turandot (zu den Schwarzen).Ihr wisset den Befehl. Fort, fort mit ihnenIn des Serails verborgenste Gewölbe!

Timur. Fall' Eure ganze Rache auf mein Haupt!Nur ihm, nur meinem Sohn erzeiget Mitleid!

Barak. Mitleid in dieser Furie! VerrathenIst Euer Sohn, und uns, ich seh' es klar,Wird ew'ge Nacht dem Aug der Welt verbergen.Man führt uns aus dem Angesicht der Menschen,Wohin kein Lichtstrahl und kein Auge dringt,Und unser Schmerz kein fühlend Ohr erreicht! (Zur Prinzessin.)Die Welt kannst du, der Menschen Auge blenden,Doch zittre vor der Götter Rachgericht!Magst du im Schlund der Erde sie verstecken,Laß tausend Todtengrüfte sie bedecken,Sie bringen deine Übelthat ans Licht.

(Er folgt mit Timur den Verschnittenen, welche zugleich dieTafel und das Becken mit den Goldstücken hinwegtragen.)

Dritter Auftritt.

Turandot. Adelma. Zelima und Skirina.

Turandot (zu Adelma). Auf dich verlass' ich mich, du einz'ge Freundin!O, sage, sprich, wie du mich retten willst.

Adelma. Die Wachen, die auf Altoums BefehlDes Prinzen Zimmer hüten, sind gewonnen.Man kann zu ihm hineingehn, mit ihm sprechen—Und was ist dann nicht möglich, wenn wir klugDie Furcht, die Überredung spielen lassen.Denn arglos ist sein Herz und gibt sich leichtDer Schmeichelstimme des Verräthers hin.Wenn Skirina, wenn Zelima mir nurBehilflich sind und ihre Rolle spielen,So zweifelt nicht, mein Anschlag soll gelingen.

Turandot (zu Skirina). So lieb dir Hassans Leben, Skirina!Er ist in meiner Macht, ich kann ihn tödten.

Skirina. Was Ihr befehlt, ich bin bereit zu Allem,Wenn ich nur meines Hassans Leben rette.

Turandot (zu Zelima). So werth dir meine Gunst ist, Zelima.—

Zelima. Auf meinen Eifer zählt und meine Treue!

Adelma. So kommt. Kein Augenblick ist zu verlieren (Sie gehen ab.)

Turandot. Geht, geht! Thut, was sie sagt.

Vierter Auftritt.

Turandot allein.

Was sinnt Adelma?Wird sie mich retten? Götter, steht ihr bei!Kann ich mich noch mit diesem Siege krönen,Weß Name wird dann größer sein, als meiner?Wer wird es wagen, sich in GeisteskraftMit Turandot zu messen?—Welche Lust,Im Divan, vor der wartenden Versammlung,Die Namen ihm ins Angesicht zu werfenUnd ihn beschämt von meinem Thron zu weisen!—Und doch ist mir's, als würd' es mich betrüben!Mir ist, als säh' ich ihn, verzweiflungsvoll,Zu meinen Füßen seinen Geist verhauchen,Und dieser Anblick dringt mir in das Herz.—Wie, Turandot? Wo ist der edle StolzDer großen Seele? Hat's ihn auch gekränkt,Im Divan über dich zu triumphieren?Was wird dein Antheil sein, wenn er auch hierDen Sieg dir abgewinnt?—Recht hat Adelma!Zu weit ist es gekommen! Umkehr istNicht möglich!—Du mußt siegen oder fallen!Besiegt von einem, ist besiegt von allen!

Fünfter Auftritt.

Turandot. Altoum. Pantalon und Tartaglia folgen ihm in einigerEntfernung nach.

Altoum (in einem Briefe lesend und in tiefen Gedanken, für sich).So mußte dieser blutige TyrannVon Tefflis enden! Kalaf, Timurs Sohn,Aus seiner Väter Reich vertrieben, flüchtigVon Land zu Lande schweifend, muß hieherNach Peckin kommen und durch seltsameVerkettung der Geschicke glücklich werden!So führt das Schicksal an verborgnem BandDen Menschen auf geheimnißvollen Pfaden!Doch über ihm wacht eine Götterhand,Und wunderbar entwirret sich der Faden.

Pantalon (leise zu Tartaglia).Rappelt's der Majestät? Was kömmt sie an,Daß sie in Versen mit sich selber spricht?

Tartaglia (leise zu Pantalon).Still, still! Es ist ein Bote angelangtAus fernen Landen—Was er brachte, magDer Teufel wissen!

Altoum (steckt den Brief in den Busen und wendet sich zuseiner Tochter).Turandot! Die StundenEntfliehen, die Entscheidung rückt heran,Und schlaflos irrst du im Serail umher,Zerquälst dich, das Unmögliche zu wissen.—Vergebens quälst du dich. Es ist umsonst,Ich aber hab' es ohne Müh' erfahren.—Sieh diesen Brief. Hier stehen beide NamenUnd Alles, was sie kenntlich macht. So ebenBringt ihn ein Bote mir aus fernen Landen.Ich halt' ihn wohl verschlossen und bewacht,Bis dieser nächste Tag vorüber ist.Der unbekannte Prinz ist wirklich KönigUnd eines Königs Sohn—Es ist unmöglich,Daß du errathest, wer sie beide seien.Ihr Reich liegt allzufern von hier, der NameIst kaum zu Peckin ausgesprochen worden.—Doch sieh, weil ich's als Vater mit dir meine,Komm' ich in später Nacht noch her—Kann esDir Freude machen, dich zum zweitenmalIm Divan dem Gelächter bloßzustellen,Dem Hohn des Pöbels, der mit UngeduldDrauf wartet, deinen Stolz gebeugt zu sehn?Denn abgesinnt, du weißt's, ist dir das Volk,Kaum werd' ich seiner Wuth gebieten können,Wenn du im Divan nun verstummen mußt.—Sieh liebes Kind, dies führte mich hieher.

(Zu Pantalon und Tartaglia.)

Laßt uns allein! (Jene entfernen sich ungern und zaudernd.)

Sechster Auftritt.

Turandot und Altoum.

Altoum (nachdem jene weg sind, nähert sich ihr und faßt sievertraulich bei der Hand).Ich komme, deine EhreZu retten.

Turandot. Meine Ehre, Sire? Spart EuchDie Müh! Nicht Rettung brauch' ich meiner Ehre—Ich werde mir im Divan morgen selbstZu helfen wissen.

Altoum. Ach, du schmeichelst dirMit eitler Hoffnung. Glaube mir's, mein Kind,Unmöglich ist's, zu wissen, was du hoffst.Ich les' in deinen Angen, deinen wildVerwirrten Zügen deine Qual und Angst.Ich bin dein Vater; sieh, ich hab' dich lieb.—Wir sind allein—Sei offen gegen mich!Bekenn' es frei—weißt du die beiden Namen?

Turandot. Ob ich sie weiß, wird man im Divan hören.

Altoum. Nein, Kind, du weißt sie nicht, kannst sie nicht wissen.Wenn du sie weißt, so sag' mir's im Vertrauen.Ich lasse dann den Unglücksel'gen wissen,Daß er verrathen ist, und lass' ihn stillAus meinen Staaten ziehn. So meidest duDen Haß des Volks—und mit dem Sieg zugleichTrägst du den Ruhm der Großmuth noch davon,Daß du dem Überwundenen die SchmachDer öffentlichen Niederlage spartest.—Um dieses Einz'ge bitt' ich dich, mein Kind!Wirst du's dem Vater, der dich liebt, versagen?

Turandot. Ich weiß die Namen oder weiß sie nicht,Genug! Hat er im Divan meiner nichtGeschont, brauch' ich auch seiner nicht zu schonen.Gerechtigkeit geschehe! Öffentlich,Wenn ich sie weiß, soll man die Namen hören.

Altoum (will ungeduldig werden, zwingt sich aber und fährt mitMäßigung und Milde fort).Durft' er dich schonen? Galt es nicht sein Leben?Galt es nicht, was ihm mehr war, deine Hand?Dich zu gewinnen und sich selbst zu retten,Mußt' er den Sieg im Divan dir entreißen.—Nur einen Augenblick leg' deinen ZornBei Seite, Kind—Gib Raum der Überlegung!Sieh, dieses Haupt setz' ich zum Pfand, du weißtDie Namen nicht—Ich aber weiß sie—hier (auf den Brief zeigend)Stehn sie geschrieben, und ich sag' sie dir.—Der Divan soll sich in der Früh' versammeln,Der Unbekannte öffentlich erscheinen;Mit seinem Namen redest du ihn an;Er soll beschämt, vom Blitz getroffen, stehen,Verzweifelnd jammern und vor Schmerz vergehen;Vollkommen sei sein Fall und dein Triumph.Doch nun, wenn du so tief ihn hast gebeugtErheb' ihn wieder! Frei, aus eigner WahlReich' ihm die Hand und endige sein Leiden.—Komm, meine Tochter, schwöre mir, daß duDas thun willst, und sogleich—wir sind allein—Sollst du die Namen wissen. Das Geheimniß,Ich schwöre dir, soll mit uns beiden sterben.So löst der Knote sich erfreulich auf;Du krönest dich mit neuem Siegesruhm,Versöhnest dir durch schöne EdelthatDie Herzen meines Volks, gewinnst dir selbstDen Würdigsten der Erde zum Gemahl,Erfreuest, tröstest nach so langem GramIn seinem hohen Alter deinen Vater.

Turandot (ist während dieser Rede in eine immer zunehmendeBewegung gerathen).Ach, wie viel arge List gebraucht mein Vater!—Was soll ich thun? Mich auf Adelmas WortVerlassen und dem ungewissen GlückVertraun? Soll ich vom Vater mir die NamenEntdecken lassen und den Nacken beugenIn das verhaßte Joch?—Furchtbare Wahl!

(Sie steht unentschlossen in heftigem Kampf mit sich selbst.)

Herunter, stolzes Herz! Bequeme dich!Dem Vater nachzugeben ist nicht Schande!

(Indem sie einige Schritte gegen Altoum macht, steht sie plötzlich wieder still.)

Doch wenn Adelma—sie versprach so kühn,So zuversichtlich—wenn sie's nun erforschte,Und übereilt hätt' ich den Schwur gethan?

Altoum. Was sinnest du und schwankest, meine Tochter,In zweifelnden Gedanken hin und her?Soll etwa diese Angst mich überreden,Daß du des Sieges dich versichert haltest?O Kind, gib deines Vaters Bitte nach—

Turandot. Es sei! Ich wag es drauf. Ich will AdelmaErwarten—So gar dringend ist mein Vater?Ein sichres Zeichen, daß es möglich ist,Ich könne, was er fürchtet, durch mich selbstErfahren—Er versteht sich mit dem Prinzen!Nicht anders! Von ihm selbst hat er die Namen;Es ist ein abgeredet Spiel; ich binVerrathen, und man spottet meiner!

Altoum. Nun?Was zauderst du? Hör auf, dich selbst zu quälen,Entschließe dich!

Turandot. Ich bin entschlossen—MorgenIn aller Früh' versammle sich der Divan.

Altoum. Du bist entschlossen, es aufs Äußerste,Auf öffentliche Schande hin zu wagen?

Turandot. Entschlossen, Sire, die Probe zu bestehen.

Altoum (in heftigem Zorn).Unsinnige! Verstockte! Blindes Herz!Noch blinder als die Albernste des Pöbels!Ich bin gewiß, wie meines eignen Haupts,Daß du dich öffentlich beschimpfst, daß dir'sUnmöglich ist, das Räthsel aufzulösen.Wohlan! Der Divan soll versammelt werden,Und in der Nähe gleich sei der Altar!Der Priester halte sich bereit, im Augenblick,Da du verstummst, beim lauten HohngelächterDes Volks die Trauung zu vollziehn. Du hastDen Vater nicht gehört, da er dich flehte.Leb' oder stirb! Er wird dich auch nicht hören! (Er geht ab.)

Turandot. Adelma! Freundin! Retterin! Wo bist du?Verlassen bin ich von der ganzen Welt.Mein Vater hat im Zorn mich aufgegeben,Von dir allein erwart' ich Heil und Leben. (Entfernt sich von derandere Seite.)

Siebenter Auftritt.

Die Scene verwandelt sich in ein prächtiges Gemach mit mehrerenAusgängen. Im Hintergrund steht ein orientalisches Ruhebett fürKalaf. Es ist finstere Nacht.

Kalaf. Brigella mit einer Fackel.

(Kalaf geht in tiefen Gedanken auf und ab, Brigella betrachtet ihn mit Kopfschütteln.)

Brigella. 's hat eben Drei geschlagen, Prinz, und IhrSeid nun genau dreihundert sechzigmalIn diesem Zimmer auf und ab spaziert.Verzeiht! Mir liegt der Schlaf in allen Gliedern,Und wenn Ihr selbst ein wenig ruhen wolltet,Es könnt' nicht schaden.

Kalaf. Du hast Recht, Brigella.Mein sorgenvoller Geist treibt mich umher;Doch du magst gehen und dich schlafen legen.

Brigella (geht, kommt aber gleich wieder zurück).Ein Wort zur Nachricht, Hoheit—Wenn Euch hierVon ohngefähr so was erscheinen sollte—Macht Eure Sache gut—Ihr seid gewarnt!

Kalaf. Erscheinungen? Wie so? An diesem Ort?(Mustert mit unruhigen Blicke das Zimmer.)

Brigella. Du lieber Himmel! Uns ist zwar verbotenBei Lebensstrafe, Niemand einzulassen.Doch—arme Diener! Herr, Ihr wißt ja wohl!Der Kaiser ist der Kaiser, die PrinzeßIst, so zu sagen, Kaiserin—und wasDie in den Kopf sich setzt, das muß geschehn!'s wird Einem sauer, Hoheit, zwischen zweiDachtraufen trocknen Kleides durchzukommen.—Versteht mich wohl. Man möchte seine PflichtGern ehrlich thun—Doch man erübrigteAuch gern etwas für seine alten Tage.Herr, unsereins ist halter übel dran!

Kalaf. Wie? Sollte man mir gar ans Leben wollen?Brigella, rede!

Brigella. Gott soll mich bewahren!Allein bedenkt die Neugier, die man hat,Zu wissen, wer Ihr seid. Es könnte sichZum Beispiel fügen, daß—durchs Schlüsselloch—Ein Geist—ein Unhold—eine Hexe käme,Euch zu versuchen—Gnug! Ihr seid gewarnt!Versteht mich—Arme Diener, arme Schelme!

Kalaf (lächelnd). Sei außer Sorgen. Ich verstehe dichUnd werde mich in Acht zu nehmen wissen.

Brigella. Thut das, und somit Gott befohlen, Herr.Ums Himmels willen, bringt mich nicht ins Unglück!

(Gegen die Zuschauer.)

Es kann geschehen, daß man einen BeutelMit Golde ausschlägt—möglich ist's! Was mich betrifft,Ich that mein Bestes, und ich konnt' es nicht. (Er geht ab.)

Kalaf. Er hat mir Argwohn in mein Herz gepflanzt.Wer könnte mich hier überfallen wollen?Und laß die Teufel aus der Hölle selbstAnkommen, dieses Herz wird standhaft bleiben. (Er tritt ans Fenster.)Der Tag ist nicht mehr weit, ich werde nunNicht lange mehr auf dieser Folter liegen.Indeß versuch' ich es, ob ich vielleichtDen Schlaf auf diese Augen locken kann.

(Indem er sich auf das Ruhebette niederlassen will, öffnet sich eine von den Thüren.)

Achter Auftritt.

Kalaf. Skirina in männlicher Kleidung und mit einer Maske vor dem Gesicht.

Skirina (furchtsam sich nähernd).Mein lieber Herr—Herr—O, wie zittert mirDas Herz!

Kalaf (auffahrend). Wer bist du, und was suchst du hier?

Skirina (nimmt die Maske vom Gesicht).Kennt Ihr mich nicht? Ich bin ja Skirina,Des armen Hassans Weib und Eure Wirthin.Verkleidet hab' ich durch die Wachen michHerein gestohlen—Ach! was hab' ich EuchNicht alles zu erzählen—Doch die AngstErstickt mich, und die Kniee zittern mir;Ich kann vor Thränen nicht zu Worte kommen.

Kalaf. Sprecht, gute Frau. Was habt Ihr mir zu sagen?

Skirina (sich immer schüchtern umsehend).Mein armer Mann hält sich versteckt. Es wardDer Turandot gesagt, daß er Euch kenne.Nun wird ihm nachgespürt an allen Orten,Ihn ins Serail zu schleppen und ihm dortGewaltsam Euren Namen abzupressen.Wird er entdeckt, so ist's um ihn geschehn;Denn eher will er unter Martern sterben,Als Euch verrathen.

Kalaf. Treuer, wackrer Diener!—Ach, die Unmenschliche!

Skirina. Ihr habt noch mehrVon mir zu hören—Euer Vater istIn meinem Haus.

Kalaf. Was sagst du? Große Götter!

Skirina. Von Eurer Mutter zum trostlosen WittwerGemacht—

Kalaf. O meine Mutter!

Skirina. Hört mich weiter!Er weiß, daß man Euch hier bewacht; er zittertFür Euer Leben; er ist außer sich;Er will verzweifelnd vor den Kaiser dringen,Sich ihm entdecken, kost' es, was es wolle;Mit meinem Sohne, ruft er, will ich sterben!Vergebens such' ich ihn zurück zu halten,Sein Ohr ist taub, er hört nur seinen Schmerz;Nur das Versprechen, das ich ihm gethan,Ein tröstend Schreiben ihm von Eurer HandMit Eures Namens Unterschrift zu bringen,Das ihm Versichrung gibt von Eurem Leben,Hielt ihn vom Äußersten zurück! So hab' ich michHieher gewagt und in Gefahr gesetzt,Dem kummervollen Greise Trost zu bringen.

Kalaf. Mein Vater hier in Peckin! Meine MutterIm Grab!—Du hintergehst mich, Skirina!

Skirina. Mich strafe Fohi, wenn ich Euch das lüge!

Kalaf. Bejammernswerther Vater! Arme Mutter!

Skirina (dringend). Kein Augenblick ist zu verlieren! Kommt!Bedenkt Euch nicht; schreibt diese wen'gen Worte.Fehlt Euch das Nöthige, ich bracht' es mit.

(Sie zieht eine Schreibtafel hervor.)

Genug, wenn dieser kummervolle GreisZwei Zeilen nur von Eurer Hand erhält,Daß Ihr noch lebt und daß Ihr Gutes hofft.Sonst treibt ihn die Verzweiflung an den Hof,Er nennt sich dort, und Alles ist verloren.

Kalaf. Ja, gib mir diese Tafel!

(Er ist im Begriff zu schreiben, hält aber plötzlich inne undsieht sie forschend an.)Skirina!Hast du nicht eine Tochter im Serail?—Ja, ja, ganz recht. Sie dient Sklavin dortDer Turandot; dein Mann hat mir's gesagt.

Skirina. Nun ja! Wie kommt Ihr darauf?

Kalaf. Skirina!Geh nur zurück und sage meinem VaterVon meinetwegen, daß er ohne FurchtGeheimen Zutritt bei dem Kaiser fordreUnd ihm entdecke, was sein Herz ihn heißt.Ich bin's zufrieden.

Skirina (betroffen). Ihr verweigert mirDen Brief? Ein Wort von Eurer Hand genügt.

Kalaf. Nein, Skirina, ich schreibe nicht. Erst morgenErfährt man, wer ich bin—Ich wundre mich,Daß Hassans Weib mich zu verrathen sucht.

Skirina. Ich Euch verrathen! Guter Gott! (Für sich.)Adelma mag denn selbst ihr Spiel vollenden. (Zu Kalaf.)Wohl, Prinz! Wie's Euch beliebt! Ich geh' nach Hause,Ich richte Eure Botschaft aus; doch glaubt' ich nicht,Nach so viel übernommener GefahrUnd Mühe Euren Argwohn zu verdienen. (Im Abgehen.)Adelma wacht, und Dieser schlummert nicht. (Entfernt sich.)

Kalaf. Erscheinungen!—Du sagtest recht, Brigella!Doch, daß mein Vater hier in Peckin seiUnd meine Mutter todt, hat dieses WeibMit einem heil'gen Eide mir bekräftigt!Kommt doch das Unglück nie allein! Ach, nurZu glaubhaft ist der Mund, der Böses meldet!

(Die entgegengesetzte Thüre öffnet sich.)

Noch ein Gespenst! Laß sehen, was es will!

Neunter Auftritt.

Kalaf. Zelima.

Zelima. Prinz, ich bin eine Sklavin der PrinzessinUnd bringe gute Botschaft.

Kalaf. Gäb's der Himmel!Wohl wär' es Zeit, daß auch das Gute käme!Ich hoffe nichts, ich schmeichle mir mit nichts;Zu fühllos ist das Herz der Turandot.

Zelima. Wohl wahr, ich leugn' es nicht—und dennoch, Prinz,Gelang es Euch, dies stolze Herz zu rühren.Euch ganz allein; Ihr seid der Erste—ZwarSie selbst besteht darauf, daß sie Euch hasse;Doch ich bin ganz gewiß, daß sie Euch liebt.Die Erde thu' sich auf und reiße michIn ihren Schlund hinab, wenn ich das lüge!

Kalaf. Gut, gut, ich glaube dir. Die Botschaft istNicht schlimm. Hast du noch Mehreres zu sagen?

Zelima (nähertretend). Ich muß Euch im Vertrauen sagen, Prinz,Der Stolz, der Ehrgeiz treibt sie zur Verzweiflung.Sie sieht nun ein, daß sie UnmöglichesSich aufgebürdet, und vergeht vor Scham,Daß sie im Divan nach so vielen SiegenVor aller Welt zu Schanden werden soll.Der Abgrund öffne sich und schlinge michHinab, wenn ich mit Lügen Euch berichte!

Kalaf. Ruf nicht so großes Unglück auf dich her!Ich glaube dir. Geh, sage der Prinzessin,Leicht sei es ihr, in diesem Streit zu siegen;Mehr als durch ihren glänzenden VerstandWird sich ihr Ruhm erheben, wenn ihr HerzEmpfinden lernt, wenn sie der Welt beweist,Sie könne Mitleid fühlen, könne sichEntschließen, einen Liebenden zu tröstenUnd einen greisen Vater zu erfreun.Ist dies etwa die gute Botschaft, sprich,Die ich zu hören habe?

Zelima. Nein, mein Prinz!Wir geben uns so leichten Kaufes nicht;Man muß Geduld mit unsrer Schwachheit haben.—Hört an!

Kalaf. Ich höre.

Zelima. Die Prinzessin schickt mich.—Sie bittet Euch um einen Dienst—Laßt sieDie Namen wissen, und im ÜbrigenVertraut Euch kühnlich ihrer Großmuth an.Sie will nur ihre Eigenliebe retten,Nur ihre Ehre vor dem Divan lösen.Voll Güte steigt sie dann von ihrem ThronUnd reicht freiwillig Euch die schöne Rechte.—Entschließt Euch, Prinz. Ihr waget nichts dabei.Gewinnt mit Güte dieses stolze Herz,So wird nicht Zwang, so wird die Liebe sie,Die zärtlichste, in Eure Arme führen.

Kalaf (sieht ihr scharf ins Gesicht, mit einem bittern Lächeln).Hier, Sklavin, hast du den gewohnten SchlußDer Rede weggelassen.

Zelima. Welchen Schluß?

Kalaf. Die Erde öffne sich und schlinge michHinab, wenn ich Unwahres Euch berichte.

Zelima. So glaubt Ihr, Prinz, daß ich Euch Lügen sage?

Kalaf. Ich glaub' es fast—und glaub' es so gewiß,Daß ich in dein Begehren nimmermehrKann willigen. Kehr' um zu der Prinzessin!Sag' ihr, mein einz'ger Ehrgeiz sei ihr Herz,Und meiner glühnden Liebe möge sieVerzeihn, daß ich die Bitte muß versagen.

Zelima. Bedachtet Ihr, was dieser EigensinnEuch kosten kann?

Kalaf. Mag er mein Leben kosten!

Zelima. Es bleibt dabei, er wird's Euch kosten, Prinz!—Beharrt Ihr drauf, mir nichts zu offenbaren?

Kalaf. Nichts!

Zelima. Lebet wohl! (Im Abgehen.) Die Mühe konnt' ich sparen!

Kalaf (allein). Geht, wesenlose Larven! Meinen SinnMacht Ihr nicht wankend. Andre Sorgen sind's,Die mir das Herz beklemmen—SkirinasBericht ist's, was mich ängstiget—Mein VaterIn Peckin! Meine Mutter todt! Muth, Muth, mein Herz!In wenig Stunden ist das Loos geworfen.Könnt' ich den kurzen Zwischenraum im ArmDes Schlafs verträumen! Der gequälte GeistSucht Ruhe, und mich däucht, ich fühle schonDen Gott die sanften Flügel um mich breiten.

(Er legt sich auf das Ruhebette und schläft ein.)

Zehnter Auftritt.

Adelma tritt auf, das Gesicht verschleiert, eine Wachskerze in der Hand. Kalaf schlafend.

Adelma. Nicht Alles soll mißlingen—Hab' ich gleichVergebens alle Künste des BetrugsVerschwendet, ihm die Namen zu entlocken,So werd' ich doch nicht eben so umsonstVersuchen, ihn aus Peckin wegzuführenUnd mit dem schönen Raube zu entfliehn.—O heißerflehter Augenblick! Jetzt, Liebe!Die mir bis jetzt den kühnen Muth verliehn,So manche Schranke mir schon überstiegen,Dein Feuer laß auf meinen Lippen glühn!Hilf mir in diesem schwersten Kampfe siegen!

(Sie betrachtet den Schlafenden.)

Der Liebste schläft. Sei ruhig, pochend Herz,Erzittre nicht! Nicht gern, ihr holden Augen,Scheuch' ich den goldnen Schlummer von euch weg;Doch schon ergraut der Tag, ich darf nicht säumen.

(Sie nähert sich ihm und berührt ihn sanft.)

Prinz, wachet auf!

Kalaf (erwachend). Wer störet meinen Schlummer?Ein neues Trugbild? Nachtgespenst, verschwinde!Wird mir kein Augenblick der Ruh vergönnt?

Adelma. Warum so heftig, Prinz? Was fürchtet Ihr?Nicht eine Feindin ist's, die vor Euch steht;Nicht Euern Namen will ich Euch entlocken.

Kalaf. Ist dies dein Zweck, so spare deine Müh.Ich sag' es dir voraus, du wirst mich nicht betrügen.

Adelma. Betrügen? Ich? Verdien' ich den Verdacht?Sagt an! War hier nicht Skirina bei Euch,Mit einem Brief Euch listig zu versuchen?

Kalaf. Wohl war sie hier.

Adelma. Doch hat sie nichts erlangt?

Kalaf. Daß ich ein solcher Thor gewesen wäre!

Adelma. Gott sei's gedankt!—War eine Sklavin hier,Mit trüglicher Vorspieglung Euch zu blenden?

Kalaf. Solch eine Sklavin war in Wahrheit hier,Doch zog sie leer ab—wie auch du wirst gehn.

Adelma. Der Argwohn schmerzt, doch leicht verzeih' ich ihn.Lernt mich erst kennen! Setzt Euch! Hört mich an,Und dann verdammt mich als Betrügerin! (Sie setzt sich, er folgt.)

Kalaf. So redet denn und sagt, was ich Euch soll.

Adelma. Erst seht mich näher an—Beschaut mich wohl!Wer denkt Ihr, daß ich sei?

Kalaf. Dies hohe Wesen,Der edle Anstand zwingt mir Ehrfurcht ab.Das Kleid bezeichnet eine niedre Sklavin,Die ich, wo ich nicht irre, schon im DivanGesehen und ihr Los beklagt.

Adelma. Auch ichHab' Euch—die Götter wissen es, wie innig—Bejammert, Prinz! Es sind fünf Jahre nun,Da ich, noch selber eine GünstlinginDes Glücks, in niederm Sklavenstand Euch sah.Schon damals sagte mir's mein Herz, daß EuchGeburt zu einem bessern Loos berufen.Ich weiß, daß ich gethan, was ich gekonnt,Euch ein unwürdig Schicksal zu erleichtern.Weiß, daß mein Aug sich Euch verständlich machte,Soweit es einer Königstochter ziemte. (Sie entschleiert sich.)Seht her, mein Prinz, und sagt mir! Dies Gesicht,Habt Ihr es nie gesehn in Eurem Leben?

Kalaf. Adelma! Ew'ge Götter! Seh' ich recht?

Adelma. Ihr sehet in unwürd'gen SklavenbandenDie Tochter Keicobads, des KönigesDer Karazanen, einst zum Thron bestimmt,Jetzt zu der Knechtschaft Schmach herabgestoßen.

Kalaf. Die Welt hat Euch für todt beweint. In welcherGestalt, weh mir, muß ich Euch wieder finden!Euch hier als eine Sklavin des Serails,Die Königin, die edle Fürstentochter!

Adelma. Und als die Sklavin dieser Turandot,Der grausamen Ursache meines Falles!Vernehmt mein ganzes Unglück, Prinz! Mir lebteEin Bruder, ein geliebter, theurer Jüngling,Den diese stolze Turandot, wie Euch,Bezauberte—Er wagte sich im Divan.

(Sie hält inne, von Schluchzen und Thränen unterbrochen.)

Unter den Häuptern, die man auf dem ThoreZu Peckin sieht—entsetzensvoller Anblick!—Erblicktet Ihr auch das geliebte HauptDes theuren Bruders, den ich noch beweine.

Kalaf. Unglückliche! So log die Sage nicht!So ist sie wahr, die klägliche Geschichte,Die ich für eine Fabel nur gehalten!

Adelma. Mein Vater Keicobad, ein kühner Mann,Nur seinem Schmerz gehorchend, überzogDie Staaten Altoums mit Heeresmacht,Des Sohnes Mord zu rächen—Ach, das GlückWar ihm nicht günstig! Männlich fechtend fiel erMit allen seinen Söhnen in der Schlacht.Ich selbst, mit meiner Mutter, meinen Schwestern,Ward auf Befehl des wüthenden Veziers,Der unsern Stamm verfolgte, in den StromGeworfen. Jene kamen um; nur michErrettete die Menschlichkeit des Kaisers,Der in dem Augenblick ans Ufer kam.Er schalt die Gräuelthat und ließ im StromNach meinem jammervollen Leben fischen.Schon halb entseelt werd' ich zum Strand gezogen;Man ruft ins Leben mich zurück; ich werdeDer Turandot als Sklavin übergeben,Zu glücklich noch, das Leben als GeschenkVon eines Feindes Großmuth zu empfangen.O, lebt in Eurem Busen menschliches Gefühl,So laßt mein Schicksal Euch zu Herzen gehn!Denkt, was ich leide! Denkt, wie es ins HerzMir schneidet, sie, die meinen ganzen StammVertilgt, als eine Sklavin zu bedienen.


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